Autor Thema: Schatten der Vergangenheit  (Gelesen 8648 mal)

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Hunter

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Schatten der Vergangenheit
« am: 09. Dezember 2007, 20:18:42 »
Dies hier ist die Geschichte von vier Abenteurern wider Willen, die eine Reise begannen,die sie alle verändern sollte.

Die Briefe des Dekans
Kondenswasser tropfte von den Dächern und die Luft war zum schneiden dick. Selbst der Wind, der den Geruch von Salzwasser mit sich trug, brachte keine Abkühlung. Dennoch herrschte in Pylas Tlaer dasselbe hektische Treiben wie jeden anderen Tag auch. Was daran liegen konnte, dass das Wetter in der Stadt nur selten anders aussah, als an diesem Frühlingsmorgen. Händler aller Völker und aus aller Herren Länder priesen auf dem riesigen Marktplatz ihre Waren an und versuchten dabei die Konkurrenz an Lautstärke zu übertreffen und an Preisen zu unterbieten. Todlose Wachen, mit Speeren und den charakteristischen elfischen Langschilden bewaffnet, patrouillierten mit einer Ruhe durch die engen Gassen zwischen den  Ständen, wie es wohl nur Tote konnten.
Thalaën betrachtete all das von einem Balkon hoch über der Stadt. Gemächlich wetzte er mit einem Stein die Klingen seines Doppelkrummsäbels, während sein Blick über das Chaos unter ihm wanderte. Diese Stadt war ein Flickwerk der Kulturen. Ein Schandfleck im elfischen Reich von Aerenal. Nur gut, dass er nicht dauerhaft hier wohnen musste.
„Du solltest ich wirklich mehr mit dem Stadtleben anfreunden, Thalaën. Es bietet Vorteile, die du dir gar nicht vorstellen kannst“, riss ihn sein Bruder aus den Gedanken.
„Ich denke, darauf kann ich verzichten. Sobald unser Clan die Vorräte ergänzt hat, ziehen wir wieder gen Westen. Und ich werde mich sicher nicht auch nur einmal nach dieser Stadt hier umdrehen, Dyrel“
Sein Bruder seufzte übertrieben theatralisch und erhob sich aus dem bequemen Korbstuhl, in dem er bis jetzt gesessen hatte. Das Glas mit elfischem Schwarzwein hatte er jedoch immer noch an der Hand, als er sich an das Geländer des Balkons lehnte um seinen Blick über die Farbenpracht des Marktes schweifen zu lassen.
„Hast du Mutter besucht? Oder wenigstens unsere Schwestern? Du weißt, sie würden sich über einen Besuch freuen.“
„Würden sie nicht“, knurrte Thalaën.
„Sie würden es nicht offen zugeben. Dennoch vermissen sie dich. Du warst lange weg. In den Steppen des Westens, in diesem fernen Land Valenar.“
„Und?“
„Du hast dich  sehr verändert, Bruder.“
Dyrels Blick kehrte zu seinem Bruder zurück, der immer noch seine Klinge in Händen hielt.
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Kleidung bequem ist.“
„Nicht unbequemer, als die unsere traditionellen Gewänder“, erwiderte Thalaën.
Dennoch war der Unterschied zwischen der Gewandung der Brüder sehr unterschiedlich. Thalaën trug ein braunes Hemd, schwarze Kniebundhosen, sowie recht bequem aussehende Reitstiefel aus Pferdeleder. Sein weißer Umhang verschwand irgendwo unter ihm im Korbstuhl; das weiße Kopftuch mit dem Mundschutz, welches normalerweise seine Ausstattung komplettierte, lagen im Inneren des Hauses; Staubschutz war hier, am Rande des Dschungels von Aerenals kein Thema.
Sein Bruder Dyrel hingegen hatte seine Dienstkleidung an: eng anliegende schwarze und Blutrote Kleidung, dazu schwarze Handschuhe und ein weiß geschminktes Gesicht. Thalaën wusste aus Erfahrung, dass selbst er, als an Hitze gewöhnter Elf, darunter schwitzen würde, wie ein Frostwurm in Xen’drik, während er es in seiner Reiterkluft als angenehm warm empfand.
„Wie du meinst. Dennoch solltest du darauf achten deine Herkunft und deine Wurzeln nicht zu verleugnen“, warf sein Bruder abermals ein.
„Tue ich doch gar nicht“, verteidigte sich Thalaën. Ich habe nur eine etwas andere Auslegung unserer Traditionen, das ist alles. Nichts desto trotz verehre ich unsere Todlosen Ahnen ebenso, wie du es tust. Ich huldige ihnen nur anders.“
Bevor Dyrel dieses ewige Streitthema zwischen ihnen weiter aufnehmen konnte klopfte es irgendwo im Haus. Schritte der Bediensteten waren zu hören, jemand sprach an der Tür und ging kurz darauf wieder, dafür erschien einer der Bediensteten von Dyrel auf dem Balkon:
„Eine Nachricht aus Khorvaire für Herrn Thalaën Tedaé, mein Herr.“
Er verneigte sich vor Dyrel und übergab dann Thalaën einen versiegelten Brief mit dem Wappen des Hauses Orien. Thalaën beäugte ihn misstrauisch und wendete ihn zwischen den Fingern.
„Willst du ihn nicht aufmachen? Sind doch sicherlich Grüße deiner Freunde aus Valenar.“
„Dieser Brief stammt nicht aus Valenar. Und kein Elf, auch kein Valenar, würde Haus Orien damit beauftragen einen einfachen Brief zu überbringen. Dieser Brief stammt aus Sharn, der Absender ist ein gewisser Bonal Geldem.“
Dyrel hob erstaunt eine Augenbraue.
„Du kennst Leute in Sharn? Ich bin erstaunt. So viel Weltoffenheit hätte ich dir gar nicht zugetraut, Bruder.“
„Er ist ein alter Bekannter …Freund“, murmelte Thalaën und brach vorsichtig das Siegel. Wie fast alle Elfen beherrschte er die Handelssprache der Menschen von Khorvaire. Jedoch war es ein Unterschied eine Sprache zu sprechen und sie zu lesen; und lesen war ohnedies nie Thalaëns Stärke gewesen.
„Was schreibt er?“, fragte Dyrel daher nach einer geraumen Weile ungeduldig.
„Er bittet mich, zu ihm nach Sharn zu kommen. Er stellt eine Expedition zusammen um irgendein altes Artefakt zu finden.“
„Na, dann wird sich der Arme wohl um jemanden anderen umsehen müssen, oder?“
Thalaën schüttelte den Kopf.
„Da irrst du dich Bruder. Ich werde nach Sharn gehen. Immerhin bin ich es ihm schuldig.“

***

Vorsichtig bog Esra den Ast zur Seite um einen besseren Blick auf die Lichtung vor ihr zu haben. Ihr Herz begann zu hüpfen: Da stand er. Ein wunderbarer, riesiger Elch graste friedlich im Licht der aufgehenden Sonne.
Die Windrichtung stimmte perfekt. Die Nebelfetzen zwischen den Bäumen bewegten sich kaum.
Ewas weiter entfernt schrie ein Käuzchen. Matuc war also ebenfalls auf Position.
Esra erwiderte den Ruf mit dem Krächzen eines Raben. Der Elch hob den Kopf und starrte in ihre Richtung. Esra erstarrte. Doch schon bald wandte sich das Tier wieder seinem Fressen zu und sie seufzte innerlich auf.
Langsam griff sie hinter sich und zog so leise wie möglich einen Pfeil aus ihrem Köcher. Ihren Langbogen trug sie bereits in Händen. Nun ja nichts mehr falsch machen. Sorgfältig legte sie den Pfeil ein, strich über die Federn und spannte den Bogen. Er knarrte, der Elch zuckte zusammen, sah sie an und wandte sich zur Flucht.
Balinor sei uns hold, rief sie als Inneres Stoßgebet und feuerte den Pfeil.
Fast im selben Moment feuerte auch Matuc seinen Bogen ab und der Elch erzitterte unter den Treffern. Aber er stand noch und ergriff die Flucht.
Esra zögerte nicht eine Sekunde und sprang aus ihrem Versteck hervor, ihm hinterher. Während sie ihren Sprint begann, griff sie nach einem weiteren Pfeil und lies zugleich das Tier in ihr zu. Ihre Schritte wurden schneller und schneller, ihr Blick schärfer und als sie den Bogen anlegte, um dem im Wald verschwindenden Elch den Gnadenschuss zu geben, wusste sie, dass sie treffen würde…

„Ein meisterlicher Schuss Esra. Aber sehr gewagt. Der Elch hätte uns auch durch die Finger gleiten können“, stöhnte Matuc, während er sich in die Seile stemmte.
„Ist er aber nicht“, grinste Esra und deutete auf das Fell und die riesige Portion Fleisch, die sie gerade gemeinsam durch den Wald schleppten. Soviel sie tragen konnten, hatten sie aufgeladen. Der Rest lag, hoffentlich gut genug versteckt, im Wald vergraben um dort bis zu ihrer Rückkehr frisch zu bleiben.
„Damit werden wir auf dem Markt in Niern gutes Geld machen. Und aus dem Fell könntest du dir eine neue Lederrüstung machen. Das wäre mal wieder an der Zeit.“
Esra blickte an sich herab. Ihre Rüstung hatte wahrlich schon bessere Zeiten gesehen. Aber sie erfüllte immer noch ihren Zweck.
„Ich denke, ich werde das Fell meinen Eltern gehen. Der Winter war streng, sie werden es für den nächsten sicher gut gebrauchen können.“
„Wie du meinst Esra“, erwiderte Matuc und stöhnte erleichtert auf, als sie endlich den Rand von Grünherz erreichten. Zwischen den weit auseinander stehenden einfachen Gebäuden des Dorfes herrschte größtenteils noch die morgendliche Ruhe. Einige Leute standen fröstelnd in der morgendlichen Kühle in den Häusereingängen und begutachteten die Wolken am Himmel. Je nachdem wie sie über die Wolken entscheiden würden – Regen oder doch nur Schatten – würde ihr heutiges Tagewerk aussehen.
Jenes von Matuc und Esra stand, wetterunabhängig, schon fest. Sie mussten sich rasch um das Fleisch und um das Fell kümmern, damit beides nicht verkam. Und wenn möglich, sollten sie noch heute in den Wald zurück um den Rest des Elches zu holen.
Nein, wahrscheinlich mussten sie noch mehrmals gehen, dachte Esra. Sie und Matuc waren zwar nicht die schwächsten, aber dieses Tier war riesig gewesen. Vielleicht sollen sie sich von einem der Bauern ein Pony ausborgen, für den Transport.
„Entschuldigung, seid Ihr Esra Emorien?“, riss sie eine Stimme aus ihren Gedanken.
Ein junger Mann in blauer Uniform, das Wappen des Hauses Orien auf der Brust und eine lederne Tasche umgehängt, stand vor ihr.
„Ja, das bin ich“, erwiderte sie etwa überrascht. Sie hatte so gut wie nie etwas mit den Drachenmalhäusern zu tun. Wenn sie genau darüber nachdachte, war es gerade eben erst das zweite Mal. Das erste Mal hatte sie vor vielen Jahren ihren Personaldokumente von Haus Sivis erhalten.
„Ich habe einen Brief für Euch“, meinte der Bote nur lapidar, griff in seine Tasche, zog einen zerknitterten Umschlag daraus hervor, den er ihr überreichte, verneigte sch knapp und zog wieder von dannen.
„Seit wann erhältst du Briefe?“, fragte Matuc.
„Seit heute. Der Brief ist aus Sharn. Oh… Und er stammt von einem gemeinsamen bekannten: Bonal Geldem.“
Matucs Gesicht hellte sich auf.
„Lies vor! Wie geh es dem alten Tandsammler denn?“
Und Esra las vor:

Ich Grüße Euch, Fräulein Emorien!
Ich weiß nicht, ob Ihr Euch noch an mich, den Gelehrten Bonal Geldem erinnern könnt. Ich habe Euch vor einigen Jahren zusammen mit Eurem Freund Matuc angeheuert, mich zu einem der verborgenen Druidenportale mitten im Titanenwald zu führen. Ihr seid mir damals bereits als begnadete Spurensucherin und Jägerin aufgefallen, teure Freundin – darf ich Euch so nennen? Wir hatten damals ja eine Menge erlebt, und so etwas macht einen doch zu Freunden, oder nicht?
Ich bereite wieder eine Expedition vor, diesmal eine etwas größere. Und als ich daran dachte, welche Waldläufer ich kenne, kamt Ihr mir in den Sinn. Habt Ihr Lust auf ein Abenteuer unbekannter Größe? Ich lade Euch gerne nach Sharn ein! Keine Angst, wir werden wohl kaum lange in dieser Stadt bleiben. In Niern wartet ein Schiff auf Euch, welches Euch nach Kreuzweg bringen kann. Von dort aus ist es mit der Blitzbahn nur mehr ein Katzensprung nach Sharn! Die Tickets sind bereits bezahlt, ich hoffe also, Ihr lasst mich nicht hängen.
Findet Euch bitte am Abend des 7. Therendor 998 NBK im Glitzerstaub Klub ein; Ihr steht auf der Gästeliste. Ich hoffe, Ihr erscheint! Ich freue mich bereits sehr auf ein Wiedersehen!
Ich freue mich bereits auf Euer kommen
Dekan Bonal Geldem


„Er scheint sich sehr sicher zu sein, dass ich zusage“, meinte Esra und überflog den Brief noch einmal.
„Nun ja, wenn ich mich recht erinnere, hast du ihm damals davon erzählt, dass du das Eldeenreich noch nie verlassen hast und gerne mal mehr von der Welt sehen würdest.“
Esra zuckte die Achseln.
„Schon. Irgendwann einmal. Aber jetzt fängt doch die Jagdsaison an und…“
„Esra“, unterbrach sie Matuc. „Eine bessere Gelegenheit als diese wirst du so rasch wohl nicht mehr bekommen. Außerdem, du wolltest doch immer wissen, was aus deinem Bruder geworden ist, oder nicht? Das wäre doch die optimale Möglichkeit die Augen nach ihm aufzusperren.“
„Ja klar“, machte Esra. „Wir wissen nur, dass er losgezogen ist, um Magie zu lernen. Aber er könnte überall sein. Er könnte auch bereits tot sein.“
„Dennoch lässt es dich nicht los. Zumindest kann ich das nicht glauben, so oft, wie du von ihm sprichst.“
Matuc packte Esra fest an den Schultern und sah ihr in die Augen.
„Erkenne, wenn dir das Leben solche Möglichkeiten gibt. Sieh dir die Welt an. Ich werde diese eine Saison auch ohne dich schaffen. Und für den nächsten Frühling plane ich dich wieder fix mit ein.“

***

Auf den Feldern arbeiteten die Bauern seit die Sonne aufgegangen war. Doch dafür hatte Astamalia ebenso wenig einen Blick, wie für die Weiten des Galifar-Sees, der sich hinter den Feldern erstreckte. Sie rührte gedankenverloren in ihrer heißen Milch und starrte in den Himmel.
Jedoch nicht in den leeren Himmel.
Vier Türme schwebten auf felsigen Inseln über der bäuerlichen Landschaft und warfen groteske Schatten auf die unter ihnen liegenden Felder und Gehöfte.
„Nimm es nicht so schwer Astamalia. Du wirst den Abschluss eines Tages schon noch schaffen“, versuchte sie Fluin aufzubauen. „Eines Tages, wenn du ein weniger großer Kindskopf und etwas mehr erwachsen geworden bist“, fügte er grinsend hinzu und knuffe sie leicht and.
Die Halb-Elfe lächelte halbherzig und seufzte zum wiederholten Male an diesem Tage.
„Es ist weniger die Exmatrikulation aus der Akademie, die mich stört, vielmehr das, was ich damit verloren habe.“
„Und das wäre?“, fragte Fluin, jetzt aufrichtig interessiert. „Deine Freunde kannst du ja auch so immer wieder sehen. Vor allem dann, wenn du die Arbeit deiner Mutter übernimmst und Luftschiffkapitän wirst.“
„Nein, es ist etwas anderes. Es ist… Nein, darüber darf ich leider nicht reden.“
„Verstehe“, meinte Fluin, während er in Wahrheit aber gar nichts verstand. Aber deswegen ist sie auch eine begnadete Magierin, während ich nur ein einfacher Bauer mit einem Liefervertrag für die Akademie von Arkanix bin, dachte er bei sich.
„Wie haben es deine Eltern eigentlich aufgenommen?“, fragte er, um sie irgendwie vom Trübsalblasen abzuhalten.
„Resignierend, trifft es wohl am besten. Aber was will man erwarten? Es war immerhin die zweite Universität.“
„Es gibt noch andere.“
Astamalia warf ihm einen Seitenblick zu, der Feuerbälle abgehalten hätte:
„Nein danke. Kein Bedarf an weiteren Schulen. Zumindest nicht in absehbarer Zeit.“
„Wie du meinst.“
Es klopfte an der Tür und Fluin stand auf um zu öffnen. Währenddessen kehrten Astamalias Gedanken zu einem Jungen im Turm von Bernsteinmauer, so dass sie auch von den Gesprächen an der Tür nichts mitbekam.
Erst als sich Fluin wieder zu ihr an den Tisch setzte und ihr einen Brief mit dem Siegel des Hauses Orien zuschob, kehrte sie wieder in die einfache Bauernstube zurück.
„Ein Brief?“, fragte sie misstrauisch. „Der ist doch sicherlich von meinen Eltern, dass ich zurück nach Sturmheim kommen soll.“
„Was ja nichts Schlechtes wäre, oder? Was natürlich nicht heißen soll, dass ich dich loswerden will. Aber du willst doch sicherlich nicht den Rest deiner Tage als Magier auf den Feldern hier verbringen. Und kostenlose Unterkunft ist nicht drin.“
„Weiß ich doch Fluin…“
„Abgesehen davon ist der Brief nicht aus Sturmheim, sondern aus Sharn und auch nicht von deinen Eltern, sondern von einem Professor Bonal Geldem. Hast du dich doch an einer neuen Universität beworben, oder schreiben sie dich gleich an, dass du dich nicht zu bewerben brauchst?“
„Sehr witzig“, giftete Astamalia und griff nach dem Brief. Das war wirklich eine Überraschung von dem Gelehrten zu hören. Gespannt begann sie zu lesen:

Ich grüße Euch Astamalia!
Könnt ihr Euch noch an mich erinnern? Ich hoffe doch! Ich war damals jener nervige Bibliothekar, den ihr für mehrere Wochen in der Akademie der Zwölf in Korth betreuen musstet. Wir haben uns damals doch ganz gut verstanden!
Wir Ihr sicher noch wisst, beschäftige ich mich mit Prägalifarscher Geschichte und dabei bin ich auf etwas gestoßen… Etwas sensationelles, etwas, dass unsere ganze Welt verändern könnte. Es zu finden, wird aber nicht einfach werden. Darum bräuchte ich dazu die Hilfe einiger meiner alten Freunde – ich darf Euch doch als Freund bezeichnen? Und als ich daran dachte, welchen begnadeten Magier ich kenne, fiel mir sofort Euer Name ein. Trotz Eurer vielen Schandtaten, die ihr in Euren Ausbildungsjahren verübt habt, seid Ihr eine begnadete Meisterin der Hohen Kunst und werdet es noch weit darin bringen.
Doch genug der langen Rede. Ich weiß aus verlässlichen Quellen, dass ihr die Schule vorzeitig, Nun ja, abgebrochen habt – keine Angst, Euer Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben – und daher biete ich Euch die Möglichkeit auf ein Abenteuer, dass Euch nicht nur reich, sondern auch wahrhaft berühmt werden lässt. Kommt zu mir nach Sharn an die Morgrave Universität, dort kann ich euch den anderen Expeditionsteilnehmern vorstellen und Euch genaueres mitteilen. Die Reisekosten gehen auf das Konto der Universität. Sowohl Haus Lyrandar als auch Haus Orien wurden bereits informiert.
Nehmt ein Schiff von Arkanix nach Kreuzweg und von dort aus weiter die Blitzbahn. Findet Euch am Abend des 7. Therendor 998 NBK im Glitzerstaub Klub ein; Ihr steht auf der Gästeliste.
Ich freue mich bereits auf Euer kommen,
Dekan Bonal Geldem


„Na das nenne ich einmal eine Wendung der Dinge“, murmelte sie.
„Warum denn?“
„Es sieht so aus, als würden sich mir neue Wege für die Zukunft auftun. Was auch bedeutet, dass du von deiner Rolle als Gastgeber erlöst sein wirst. Ich werde nach Sharn aufbrechen. Und so wie die Dinge stehen, heute noch.“
Fluin war, gelinde gesagt, etwas überrascht.
„Das ging aber jetzt wirklich schnell. Nach Sharn? Das ist ziemlich weit weg. Außerdem wirst du dort als aundairscher Staatsbürger nicht auf sehr viel Gegenliebe stoßen. Wie willst du denn die Reise bezahlen? Und was willst du überhaupt in Sharn?“
„Ach Fluin, du solltest wissen, dass Geld in meinem Milieu nicht gerade das größte Problem darstellt. Hilf mir lieber packen, dann bist du mich schneller los. Und währenddessen kann ich dir die Geschichte von einem sehr verrückten Dekan erzählen, dem ich vor einiger Zeit als Assistentin aushelfen musste.“

***

Esra hatte immer gedacht, dass Niern eine große Stadt war. Geschäftig und voller Leben. Doch nun, als sie auf den Kais von Kreuzweg stand und sich das Hafenviertel entlang des Ufers erstreckte, soweit sie sehen konnte, wusste sie, dass sie ihr Bild revidieren musste.
Niern war ihr schon immer zu gestresst, zu voll, zu eng vorgekommen. Doch Kreuzweg war die Hölle! So viele Menschen, Elfen, Zwerge, Halblinge. Und alle schienen es eilig zu haben, durch die Straßen zu hetzen, auf den Weg weiß Balinor wo hin. Esra wusste nur, dass sie den Bahnhof der Blitzbahn finden musste. Und das möglichst rasch. Der Kapitän des Schiffs, mit dem sie den Galifar-See überquert hatte, hatte ihr bei der Landung gesagt, dass der Zug in kürze abfahren würde.
„Entschuldigt…“, versuchte sie einen vorbeieilenden Boten des Hauses Orien aufzuhalten, doch der drängte sich an ihr vorbei weiter in das Getümmel. Auch bei anderen hatte sie nur wenig Erfolg. Die meisten Bewohner der Stadt schienen ihr sogar aus dem Weg zu gehen.
„Kann ich Euch helfen?“, fragte da eine dunkle Stimme.
Esra wandte sich um. Auch wenn sie noch nie eine Stadtwache gesehen hatte, so wusste sie doch sofort, dass es sich bei dem leicht gerüsteten Menschen mit der Pike um eine solche handeln musste.
„Äh, ja. Ich suche den Bahnhof. Ich soll dort den Zug erwischen.“
Die Wache deute in eine Richtung des Getümmels.
„Außerhalb des Osttors. Aber Ihr braucht ein Ticket, ich hoffe, dass wisst Ihr.“
„Natürlich weiß ich das.“
Esra schüttelte den Kopf und trabte los. Hielten sie die Menschen für dumm, nur weil sie ein Wandler war und aus dem Wald kam? Auf jeden Fall schien man sie aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Aussehens zu meiden. Lag vielleicht daran, erinnerte sie sich, dass sich das Eldeenreich von Aundair abgespalten hatte. Sie hatte Leute in Grünherz sprechen gehört, dass die Beziehungen zwischen den Ländern anscheinend nicht die besten waren.
Als sie endlich den Bahnhof erreichte, war der Bahnsteig schon fast leer. Nur eine nobel gekleidete Halb-Elfe redete auf einen Zugführer ein und bestieg schließlich den vordersten Waggon. Esra beschloss es der Halb-Elfe gleich zu tun.
„Entschuldigt bitte, ich habe ein Ticket in dieser Bahn reserviert bekommen, und…“
„Euer Name?“, fragte der Wärter und zog einige Unterlagen aus seiner Tasche.
„Esra Emorien.“
„Gut. Ihr sitzt Erster Klasse. Erstes Abteil im ersten Waggon. Eine angenehme Reise.“
„Danke!“
„Bitte einsteigen! Zug fährt ab!“, klang es noch hinter Esra, als sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Zug bestieg.

***

Astamalia schulterte ihren Rucksack und verließ das Schiff ohne einen Blick zurück. Diese Matrosen hatten doch wahrhaft keine Ahnung von Anstand. Der Kapitän hatte, als sie in Arkanix an Bord gegangen war, doch tatsächlich vorgeschlagen, dass sie während der Fahrt arbeiten sollte!
Da lobte sie sich Luftschiffe. Die Mannschaften dort waren nicht nur gut ausgebildet, sie wussten auch, wie man sich Gästen gegenüber verhielt. Aber egal, das lag nun hinter und eine bequeme Zugfahrt vor ihr. Die Erfahrung sagte Astamalia, dass sich der Bahnhof außerhalb der Stadt finden würde. Das lag daran, dass die meisten Städte, welche über einen Bahnhof verfügten bereits recht alt waren, wohingegen die Bahnhöfe selbst recht neue Entwicklungen darstellten. Da sie noch genügend Zeit hatte, genoss sie es durch die weit angelegten Straßen von Kreuzweg zu schlendern. Man merkte, dass hier unterschwellig ein Drachenmalhaus die Fäden zog. Sicherlich die Hälfte der Stadt befand sich fest in Händen von Haus Orien, welches im Gegenzug dafür sorgte, dass die Straßen sauber und sicher waren. Natürlich war ganz Kreuzweg bei weitem nicht so eindrucksvoll wir Sturmheim – der Sitz ihres Hauses –  aber es war ein guter Anfang.
Als sie die Stadt durch das Osttor verließ, sah sie sofort, dass sie mit ihrer Vermutung richtig gelegen hatte. Der Bahnhof befand sich unweit des Tores und eine Blitzbahn stand auf dem Gleis, fertig für die Abfahrt. Kurz sah sie sich um und sofort sprang ihr eine blaue Uniform ins Auge.
„Ihr da! Ihr könnt mir sicherlich helfen. Ein Freund hat einen Platz in dieser Bahn für mich reserviert.“
„Natürlich Madam. Darf ich den Namen erfahren?“
„Astamalia d’Lyrandar.“
„Natürlich. Dekan Bonal Geldem hat ein Abteil in der ersten Klasse reserviert. Es ist das erste im ersten Waggon, nicht zu verfehlen.“
„Danke“, erwiderte Astamalia noch knapp und bestieg den Waggon. So ließ es sich wahrlich reisen. Das Abteil war geräumig eingerichtet und bot problemlos Platz für sechs Personen. Hier würde sie ungestört weiteren magischen Studien nachgehen können. Sie verstaute ihren Rucksack im Gepäckfach und griff nach ihrem Kristallsplitter, der ihr als Ersatz für ein staubiges, schweres Zauberbuch diente.
Gerade als sie sich in die warme, samtene Polsterung kuscheln und den Splitter aktivieren wollte, wurde die Tür abermals geöffnet.
Astamalia warf einen wütenden Blick auf den Eindringling und erstarrte. Das durfte nicht wahr sein. Gab es keine Kontrollen, wer die Waggons der 1. Klasse betreten durfte?
In der Tür stand eine Wandlerin in abgewetzter Lederkleidung. Ihr Gesicht erinnerte irgendwie an das einer Katze, dazu passte auch der Flaum, der die Unterarme und die Backen ihres Gesichts bedeckte. Die Haare waren lang und dunkel, wenn man auch nicht sagen konnte ob von Natur aus, oder weil sie schon so lange kein Wasser mehr gesehen hatten.
„Ja?“, fragte Astamalia, bewusst von oben herab.

Esra fand es im Waggon ungemütlich eng. Aber zumindest schien das Abteil, dass man ihr zugewiesen hatte, etwas größer zu sein. Dafür saß hier bereits die junge Halb-Elfe, die sie zuvor am Bahnsteig gesehen hatte.
Sie war – nahm Esra an – für eine Halb-Elfe recht hübsch. Nur das kurze strubbelige rotbraune Haar passte nicht so ganz. Ihre Haut war von der Sonne gebräunt, was Esra etwas wunderte. Ihrer Kleidung nach hatte sie es nicht nötig auf dem Feld zu arbeiten. Sie trug eine Robe mit sich ständig wechselnden Farben. Darunter ein grünes Hemd und braune Hose aus Baumwolle und Lederstiefel. Um den Hals ein rotes Halstuch, an welchem eine Brosche in Form eines Drachenfalken steckte. Alles in allem eine sehr bunte Gestalt.
„Ja?“, fragte sie von oben herab.
„Ich habe einen Sitzplatz in diesem Abteil.“
„Das denke ich kaum“, erwiderte die Halb-Elfe.
„Doch, Bonal Geldem hat es für mich reserviert“, verteidigte sich Esra tapfer. Auch wenn sie sich nicht wirklich sicher war, ob sie im Recht war. War es möglich, dass sie im falschen Abteil stand?
„Ihr kennt Bonal Geldem?“, fragte Astamalia ungläubig.
„Ja. Ihr etwa auch?“
„Kann man sagen, ja. Scheint so, als wären wir tatsächlich Reisegefährten“, presste Astamalia hervor. Diese Fahrt stand nicht unter dem Schutz des Reisenden, soviel war klar.

***

Adamant beendete seine morgendliche Andacht und erhob sich, so elegant es in seiner Panzerung möglich war. Er war der einzige Gläubige in der kleinen Kapelle, die zu dem riesigen Tempel der Silbernen Flamme gehörte, der hier in Sharn stand. Durch die Buntglasfenster drangen die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne. Bald würden weitere Gläubige eintreffen und dann wollte Adamant die Kapelle bereits verlassen haben. Denn auch wenn er ein offizielles Mitglied der Kirche war, so war es ihm immer noch unangenehm, dass er als lebendes Konstrukt die Kirche der Flamme vertreten sollte. Zudem waren immer noch viele Menschen schlecht auf die Kriegsgeschmiedeten zu sprechen. Auch wenn er selbst nie im Krieg gekämpft hatte.
Zumindest nicht, soweit er sich erinnern konnte.
Er hörte Schritte hinter sich auf dem Steinboden und wandte sich vom Altar ab.
„Störe ich dich?“, fragte die ältere Frau, die eine reich verzierte klerikale Robe für den Gottesdienst trug.
„Nicht im geringsten, Nerina. Ich war gerade fertig. Habt Ihr Neuigkeiten für mich bezüglich Thalas Feuerkamm?“
Nerina schüttelte den Kopf und trat vollends in die Kapelle.
„Leider nein. Ich bin aus anderen Gründen hier. Wenn Ihr etwas Zeit für mich erübrigen könntet?“
„Für Euch? Immer doch.“
Nerina legt ihm eine Hand auf seine adamantene Schulter und führte ihn sanft gen Ausgang. „Ich habe heute Morgen einen Brief eines alten Freundes erhalten, der sich ebenfalls hier in Sharn aufhält. Er erbittet meine Hilfe.“
„So werdet Ihr die Kirche verlassen?“, war Adamant erstaunt.
„Nein, nein“, lachte Nerina. „Du weißt genauso gut wie ich, dass das im Augenblick nicht möglich ist. Es ist viel zu viel zu erledigen. Aber ich dachte, du könntet meiner statt gehen.“
„Wollt Ihr mich los werden, Nerina?“, brumme der riesige Kriegsgeschmiedete.
„Nein, Adamant. Wie kommst du auf solche Ideen? Aber du kannst nicht dein ganzes Leben damit verbringen, Nacht für Nacht zur Flamme zu beten. Für einen Diener der Kirche der Flamme gehört mehr dazu. Ich habe bereits das Böse in der Welt bekämpft. Doch nun bin ich älter und überlasse dies der jungen Generation. Da du keine Messen halten willst – wofür du meines Erachtens auch überqualifiziert wärst – wäre das Leben eines Abenteurers wohl die bessere Wahl für dich.“
„Worum geht es denn genau?“, fragte Adamant neugierig.
„Genaues weiß ich auch nicht, aber du kannst den Brief lesen“, schlug Nerina vor und überreichte ihm eine Pergamentrolle.

Ich grüße dich, meine alte Freundin Nerina!
Lange habe ich nichts mehr von Euch gehört, obwohl sich der Tempel nicht weit von der Universität entfernt befindet. Leider dient dieser Brief keiner Einladung für den Austausch alter Geschichten. Es ist vielmehr ein Bittgesuch.
Nun da der Krieg vorbei ist, bereite ich eine Expedition vor, von der ich leider noch nicht verraten kann, wohin überall sie mich führen wird.
Ich habe Briefe bereits an andere alte Freunde, überall auf dem Kontinent geschickt, auf der Suche nach einer hervorragenden Truppe. Nun fehlt mir in meiner Runde noch ein tatkräftiger Heiler und leider sind meine Verbindungen zu Haus Jorasco und deren Heilergilde nicht die besten. Darum würde ich Euch gerne um Eure göttliche Magie bitten.
Ihr wart mir damals in Xen’drik schon eine große Hilfe. Ihr erinnert Euch sicher an diese Geschichte mit dem Vampir. Nun, vielleicht auch besser nicht – schließlich wäre sie beinahe schief gegangen…
Wie dem auch sei.
Vielleicht – wenn es Euer Terminplan nicht zulässt, schließlich kann ich noch nicht sagen, wie lange die Expedition dauern wird – habt ihr auch einen jungen Adepten, den ihr für fähig genug haltet, dieses gefährliche Abenteuer zu bestreiten.
Findet Euch bitte am Abend des 7. Therendor 998 NBK im Glitzerstaub Klub ein; Ihr steht auf der Gästeliste. Solltet Ihr einen würdigen Ersatz schicken, so soll dieser sich am Eingang unter Eurem Namen melden.
Ich freue mich bereits auf Euer kommen,
Dekan Bonal Geldem


„Die Geschichte mit dem Vampir?“, erkundigte sich Adamant.
Nerina verzog das Gesicht, als hätte sie in einen sauren Apfel gebissen.
„Daran möchte ich lieber nicht erinnert werden. Das war wahrlich nicht unser angenehmstes Abenteuer. Wenn wir einmal mehr Zeit haben, werde ich sie dir vielleicht erzählen. Doch solltest du dir dieses Angebot bald überlegen. Dieses Treffen ist heute Abend.“
„Und Ihr denkt, das wäre das Beste?“
Adamant war unsicher. Auf der einen Seite freute er sich darauf etwas von der Welt zu sehen, von der er bisher nur aus Büchern etwas gelesen hatte. Dem Guten dienen, das Böse bekämpfen! Auf der anderen Seite war dort draußen alles unbekannt, und er wartete immer noch auf Hinweise zu seinem verlorenen Freund Thalas Feuerkamm.
Nerina schien zu erkennen, was in ihm vorging.
„Fast überall wo du hingehst, kann ich dich erreichen. Sollte ich auch nur das Geringste über Thalas herausfinden, werde ich keine Kosten und Mühen scheuen um dich davon in Kenntnis zu setzen. Das sollte wirklich nicht dein Hindernis sein.“
Adamant nickte. Vielleicht war es der Weg den die Flamme ihm zeigen wollte. Und den Abend in diesem Klub zu verbringen würde auch nicht allzu viel zerstören.
„Ich werde mir das Angebot Eures Freundes anhören, Nerina.“
„Sehr gut, das ist die richtige Einstellung“, lobte sie.
Stopper der Grausamen Flut, Töter des Erben des Feuers, Vernichter der Kadaverkrone und Erlöser des Fluchs des Purpurthrons.

Hunter

  • Mitglied
    • Savage Tide
Schatten der Vergangenheit
« Antwort #1 am: 16. Dezember 2007, 11:31:13 »
So, nachdem zuminest einige Leser hin und wieder vorbeischauen, werde ich mal das zweite Kapitel meiner Abenteuerrunde posten.
Über Rückmeldungen würde ich mich im übrigen freuen...

PS: Werte der Charaktere sind bewusst NICHT erwähnt. Ich denke, mit nur etwas Fantasie kann man selbst darauf kommen, wer was spielt.

Der Glitzerstaubklub
Thalaën erreichte das Heft gen Mittag. Es war höchste Zeit, dass er von diesem Schiff kam. Kapitän Turin und seine Mannschaft waren zwar ganz nett, aber auf Dauer war dieser Haufen von Halb-Elfen doch etwas anstrengend. Vor allem Kapitän Turin, der anscheinend unbedingt eine Freundschaft aufbauen wollte.
Dummerweise gab es keine anderen Passagiere als Thalaën an Bord, so dass sich Turin nicht einmal ein anderes Opfer suchen konnte.
„Na, was sagt Ihr zu unserer Stadt der Türme?“, erkundigte sich Turin grinsend und breitete die Arme aus, um Thalaën das ganze Panorama vor Augen zu führen.
„Beachtlich“, erwiderte der Elf wortkarg.
Und beachtlich war es auf jeden Fall. In Fahrtrichtung lagen die Klippen von Sharn, die sich hier gut hundert Meter hoch in die Höhe erstreckten. Auf dem schmalen Streifen Land am Flussufer drängten sich die Kais und Lagerhäuser des Hafens. Gebäude hingen wie Vogelnester in der Steilwand und gigantische Lastenaufzüge glitten in Schwindelerregender Höhe die Klippen herab und wieder hinauf.
Doch das Beeindruckenste war die eigentliche Stadt, die erst viel weiter oben begann. Hunderte, wenn nicht Tausende von Türmen erhoben sich von dem kleinen Plateau aus in den Himmel. Fast tausend Meter hoch ragten sie über dem kleinen Schiff empor. Zwischen den Türmen rankten sich Stege und elegant geschwungene Brücken. Fliegende Boote, Pegasi und Greifen jagten dazwischen in einem unüberschaubaren Strom dahin. Und über all dem schwebte eine weitere kleine Stadt, die selbst aus dieser Entfernung prunkvoller aussah als selbst die ältesten Städte der Elfen auf Aerenal.
„Ich hätte nicht gedacht, dass die Menschen zu solcher Pracht fähig sind. Die Städte der Menschen, die ich in Valenar kennen lernte, sahen sehr viel anders aus“, musste Thalaën zugeben.
„Ja, die Stadt der Türme ist etwas ganz besonderes. Ein Juwel des Kontinents. Noch dazu, wo der Krieg an der Stadt beinahe ohne Spuren vorbeigegangen ist.“
„Ihr kennt Euch in der Stadt aus?“, erkundigte sich Thalaën weiter, während er versuchte sich das Stadtbild einzuprägen. Allerdings erkannte er bereits, dass auf diese Art und Weise wohl kaum eine Orientierung zwischen den fast gleich aussehenden Türmen möglich sein würde.
„Natürlich! Jedes mal, wenn wir mit dem Schiff hier vor Anker liegen, machen wir die Stadt unsicher. Vor allem natürlich die Bars“, lachte er grölend.
„Dann kennt Ihr sicher auch den Glitzerstaubklub?“
Turin pfiff durch die Zähne.
„Wer kennt diesen Angesehensten aller Klubs in ganz Sharn nicht? Ich muss allerdings zugeben, dass ich noch niemals dort war und wenn Ihr meine Meinung hören wollt: Ich denke nicht, dass der Klub das Richtige für Euch ist. Lasst mich Euch doch ein paar wirklich gemütliche Stellen in Sharn zeigen…“
„Ich muss aber dorthin“, stellte Thalaën klar.
„Sicher. Das müssen viele. Aber nur die wenigsten kommen rein. Lasst es gut sein. Ihr werdet nicht an den Türwachen vorbeikommen, wenn Ihr nicht eine Einladung habt. Die Taverne zum Rosa Seeungeheuer hier im Hafen jedoch…“, versuchte Turin ihn weiter davon abzubringen. Doch Thalaën schüttelte entschlossen den Kopf.
„Ich muss dorthin. Zudem habe ich auch eine Einladung.“
Turins Augen wurden groß:
„Ihr seid das erste Mal in Sharn und habt eine Einladung für den Glitzerstaubklub? Ich bin erstaunt! Sagt, könnten wir ein Geschäft abschließen?“
Thalaën seufzte. Er war kein Händler; er verstand nicht viel von Geschäften. Vor allem aber wollte er mit Turin so kurz vor der Landung keines mehr eingehen.
„Ihr kennt Euch doch in Sharn nicht wirklich aus, nicht wahr?“, setzte Turin das Gespräch jedoch weiter fort, ohne auf eine Antwort zu warten. „Was haltet Ihr davon, wenn ich Euch etwas herumführe und am Abend zum Klub bringe. Als Gegenleistung nehmt Ihr mich als Besucher mit hinein. Was haltet Ihr davon?“
Thalaën überlegte kurz. Das war tatsächlich keine schlechte Abmachung.
„Wenn das möglich ist?“
„Ja natürlich!“
„Dann bin ich einverstanden.“

***

Die Fahrt mit der Blitzbahn war weniger angenehm als erhofft, aber auch weniger schlimm als erwartet geworden. Esra war eine sehr stille Person, wodurch sie sich die meiste Zeit ihren Studien widmen konnte. Der Luxus, der an Bord geboten wurde, war kaum noch zu übertreffen und so verflogen die drei Tage wie im Flug. Die Zwischenaufenthalte in den anderen Städten auf der Route waren eine gute Gelegenheit sich etwas die Beine zu vertreten. Das waren auch die Momente, in denen sie mit Esra ins Gespräch kam.
Dabei kristallisierte sich rasch heraus, was Astamalia schon von Anfang an klar gewesen war: Sie waren sehr unterschiedliche Personen. Esra liebte die Ruhe, die Natur und vor allem aber den Wald. Astamalia hasste Wälder; um nicht zu sagen, dass sie sich vor dunklen und dichten Wäldern sogar immer sehr gefürchtet hatte. Sie war ein Wesen der Luft und des Meeres. Es war natürlich klar, das Esra dem Meer nicht viel abgewinnen konnte, wie hätte es auch anders sein können.
Auch ihre Lebensweise war eine sehr unterschiedliche. Während Astamalia in den Universitäten und in der Metropole von Sturmheim aufgewachsen war; die Städte der anderen Ländern aus Ausflügen mit dem Luftschiff kannte, war dies Esras erste Reise. Bis dahin hatte sie nur das Dorf Grünherz und einige Märkte in der Umgebung gekannt. Nicht gerade sehr weltoffen.
Dann war da aber noch etwas was Astamalia in ihrem Inneren bewunderte: Obwohl Esra die Welt außerhalb ihre Wälder nicht kannte, ja sogar vielleicht etwas fürchtete, war sie doch losgezogen um einem Freund zu helfen, vor allem aber, um die Spur ihres seit Jahren verschollenen Bruders aufzunehmen. Obwohl es ganz offensichtlich ein hoffnungsloses Unterfangen war – und gelinde gesagt auch etwas dumm –, so war der Versuch alleine doch etwas bewundernswert. Ohne irgendwelche Ansätze jemanden zu Suchen, der in den Wirren des Letzten Krieges untergegangen war.

Die Blitzbahn verließ die letzte Station vor Sharn, den kleinen Weiler Erstturm, und raste nun durch einen engen Hohlweg dahin. Die Handelsstraße führte direkt neben der Strecke dahin und man konnte die Händler und Reisenden mit ihren Wagen, auf Pferden oder anderen Reittieren und auch zu Fuß durch das Fenster vorbeihuschen sehen.
„Bald sind wir in Sharn“, erklärte Astamalia und begann vorsorglich damit ihre Sachen zu packen.
Esra machte es ihr gleich.
„Warst du bereits einmal hier?“, erkundigte sie sich.
„Leider nein. Es ergab sich einfach nie. Aber die Stadt wird auch nicht viel unübersichtlicher und größer als Sturmheim sein. Und sich dort zurechtzufinden, erfordert doch einiges an Übung.“
„Dann bin ich ja in guten Händen.“
„Ja“, gab Astamalia knapp zurück.
Der Zug wurde langsamer und plötzlich wurde es recht dunkel. Der Zug kam zum Stillstand.
„Los, sehen wir uns diese Stadt mal an!“, rief Astamalia und stürmte aus dem Abteil.
Esra holte sie erst auf dem Bahnteig wieder ein. Hier stand Astamalia und starrte.
Sie hatte nicht erwartet so etwas zu sehen.
Der Zug war im Inneren eines der Türme zum halten gekommen. Der Turm durchmaß wahrscheinlich einhundert Meter und schien riesig zu sein. Etwa zweihundert Meter über ihren Köpfen war eine Zwischendecke eingezogen worden, in der sich etliche Löcher befanden. Zum Teil führten dadurch die Stränge der magischen Aufzugskabel, zum Teil wurden die Löcher von den fliegenden Booten und all den geflügelte Tieren, die hier herumflogen benutzt.
Der riesige Raum, der sich durch diese Abmessungen ergab, war aber keineswegs leer. Das hier war der größte Bahnhof, den Astamalia ja gesehen hatte. Gleich mehrere Gleise mit abfahrtbereiten Zügen waren zu sehen. Daneben schien es ein eignes Areal für Güterzüge zu geben. Neben dem Bahnhof befanden sich noch weitere Gebäude in dem Turm, zum Teil wiederum ganze Türme, die mit der Zwischendecke des Hauptturmes verschmolzen.
„So sieht es auch in Sturmheim aus?“, fragt Esra ehrfürchtig.
„Nein, nicht ganz“, erwiderte Astamalia etwas unsicher.
„Das heißt, dort regnet es auch nicht so merkwürdig?“, fragte Esra weiter.
Der Regen war Astamalia noch gar nicht aufgefallen. Sie war von der Architektur des ganzen zu beeindruckt gewesen. Doch jetzt fiel ihr auf, dass ihre Kleidung am Körper klebte und dass es beständig von der Decke tropfte: Kondenswasser. Das erklärte wahrscheinlich auch den unangenehmen Geruch und die unausstehliche Schwüle.
„Wir sollten sehen, dass wir rasch von hier wegkommen“, stellte Astamalia klar.
„Dagegen habe ich nichts. Aber wohin müssen wir?“
Astamalia sah sich um und hob probeweise einmal die Hand um einem der fliegenden Boote zu winken. Sofort stürzte eines auf sie herab und kam direkt neben ihnen zum halten. Ein älterer Gnom saß am Steuer und sah sie freundlich an.
„Wo darf ich die Damen denn hinbringen?“
„Glitzerstaubklub“, orderte Astamalia und stieg ein. Esra folgte nach kurzem zögern und das Boot hob ab.
„Zum ersten Mal mit einer Luftkutsche unterwegs?“, fragte der Gnom, als er bei einem Blick zurück die verkrampften Gesichter der beiden sah. Die Kutsche wie er es genannt hatte, wackelte aber auch so stark, als würde es sich um ein Gefährt auf hoher See handeln.
Beide nickten.
„Na dann. Soll ja ein unvergessliches Erlebnis werden“, lachte der Gnom.
Die Kutsche legte sich bedenklich zur Seite und begann damit rasend schnell in Korkenzieherdrehungen nach oben zu steigen. Sie preschten mit einem unglaublichen Tempo durch ein Loch in de Außenwand des Turms, kollidierten dabei fast mit einem Riesenadler und befanden sich dann im Freien.
„Willkommen in der Stadt der Türme! So einen Ausblick auf die Stadt hat man von sonst nirgends!“, rief der Gnom und ließ dabei die Kutsche höher und höher steigen, zwischen den Türmen und den Brücken der Stadt hindurch.

***

Als der Abend näherte betete Adamant nur ein kurzes Gebet, anstatt einer ganzen Andacht. Mehr ging sich nicht aus, wollte er das Treffen im Klub nicht versäumen. Die Flamme würde ihm diese Nachlässigkeit wohl verzeihen.
Zumal er mit seinen Gedanken ohnedies nicht bei der Sache war. Er war viel zu aufgeregt und überlegte andauernd, was er mitnehmen sollte. Ob die Expedition noch diesen Abend beginnen würde? Möglich wäre es. Am besten war es wohl, wenn er seine Ausrüstung gleich mit in den Klub nahm. So hängte er sich sein Schwert um, den Schild auf den Rücken und darüber noch seinen Wappenrock mit dem Symbol der Flamme darauf.
Mehr brauchte er wohl kaum.
Noch einmal sah er sich in seinem kärglichen Quartier um, das nicht einmal ein Bett enthielt und keinen einzigen persönlichen Gegenstand. Er hatte alles, was er besaß am Leibe. Viel war das nicht. Aber dann konnte er auch nichts vergessen.
Mit dieser Erkenntnis trat er in den regnerischen Abend hinaus und machte sich auf den Weg in die Oberstadt, zum Klub.
Er hatte bereits Gläubige darüber reden hören, doch selbst war er nie auf den Gedanken gekommen ihn sich anzusehen. Was sollte er dort auch? Essen, trinken? Musste er nicht. Von Feiern selbst hatte er nur wenig Ahnung. Und er kannte auch nicht wirklich jemanden, mit dem er an einem Abend „einen Drauf machen“ hätte können.
Wie auch immer er sich den Klub vorgestellt hatte, vom äußeren Eindruck wurde er auf jeden Fall enttäuscht.
Eine breite, hell erleuchtete Brücke führte zu einer massiv aussehenden Tür, neben der zwei Hobgoblins im Anzug standen und die Leute kontrollierten. Eine Hand voll Menschen und anderen Geschöpfen wartete darauf Eintritt zu erlangen.
Brav stellte sich Adamant in der Reihe an. Nur langsam kam er vorwärts. Doch im Gegensatz zu den anderen Wartenden machte ihm der Regen, der an seinen Panzerplatten herab rann nichts aus. Dennoch war er froh, als er endlich an der Reihe war.
„Habt Ihr eine Einladung?“, fragte einer der Hobgoblins freundlich aber doch irgendwie barsch.
„Ja, habe ich.“
„Euer Name?“, fragt er weiter und sah auf eine Liste in seinen Händen.
„Adamant.“
Der Hobgolin überflog die Liste und schüttelte dann den Kopf.
„Ihr steht nicht auf der Liste. Tut mir leid. Macht bitte Platz für den nächsten.“
„Ich komme aber im Namen von Nerina Lichtringer“, verteidigte sich Adamant.
Der Hobgoblin sah in abschätzend an.
„Das hättet Ihr ja auch gleich sagen können. Willkommen im Glitzertaub Klub.“
Mit sanftem Druck wurde Adamant durch die Tür ins Innere geschoben.
Hier bot sich ein Bild, wie er es erwartet hatte. Er stand auf einer ausladenden Galerie, die den Raum auf drei Seiten umgab. Unter ihm tobte das Chaos. Unzählige kleine und große Tische waren im Raum verteilt und fast alle waren gut besucht. Inmitten des Raumes spielte ein elfisches Quartett auf und heizte die Stimmung anscheinend ordentlich an. Oder aber es waren die vier halbnackten Frauen – zwei menschliche, zwei elfische – die auf zwei Tischen tanzten.
Für den fantastischen Ausblick, den der Klub bot, hatte anscheinend niemand einen Blick. Die Wand gegenüber dem Eingang bestand vollkommen aus Glas und ermöglichte einen atemberaubenden Blick über die verregnete, nächtliche Stadt.
„Der Herr ist ein Gast des Dekans Geldem?“, fragte eine Stimme.
Es handelte sich um einen Kellner, der diskret neben Adamant gewartet hatte, bis dieser sich statt gesehen hatte.
„Ja, in der Tat.“
„Es wurde ein abgeschiedener Raum bereitgestellt, wenn Ihr mir bitte folgen würdet.“

***

Ohne Turins Hilfe wäre Thalaën wahrscheinlich nie bis zum Klub gelangt. Diese Stadt war ein Labyrinth! Entworfen von einem wahnsinnigen Magier der Luftebene! Anders war es gar nicht möglich.
Doch mit Turin stand er pünktlich vor dem Klub und wurde auch prompt von zwei grobschlächtig aussehenden Türstehern aufgehalten.
„Habt Ihr eine Einladung?“
„Selbstverständlich. Mein Name ist Thalaën Tedaé.“
Der Hobgoblin nickte.
„Dann mal rein in die gute Stube.“
Thalaën nickte knapp und trat durch die Tür, als er hinter sich Stimmen hörte.
„Halt! Wo wollt Ihr denn hin?“, rief eine dunkle Stimme und dann hörte man einen unterdrückten Schmerzensschrei.
Überrascht sah sich Thalaën um und erblickte, wie Turin – nicht gerade sanft – von den Türstehern am weitergehen gehindert wurde.
„Er gehört zu mir“, stellte der Elf klar.
„Das mag ja sein“, erklärte einer der Hobgoblins. „Aber er hat keine Einladung. Und ohne kommt er hier nicht herein. Nicht einmal, wenn es König Borenal persönlich wäre.“
„Turin?“, verlangte Thalaën eine Erklärung.
„Entschuldigt“, presste der Kapitän hervor. Offensichtlich wurde ihm durch den Haltegriff des Hobgoblins die Luft abgeschnitten. „Aber man kann es ja mal probieren.“
„Ja kann man. Lebt wohl!“, stellte Thalaën klar und betrat den Klub.

***

Etwas wackelig auf den Beinen trat Esra aus der Kutsche. So schnell brauchte sie keinen Flug mehr! Während sie wieder zu sich fand, bezahlte Astamalia bereits.
„Los, lass uns nach drinnen gehen, bevor wir bis auf die Knochen durchnässt sind!“, schlug die Halb-Elfe vor.
Esra hatte zwar prinzipiell nichts dagegen, bis auf die Knochen nass zu sein. Aber einem warmen Fleckchen nach dem doch sehr zugigen Flug, war sie doch nicht abgeneigt. So folgte sie Astamalia.
Diese überholte kokett die Schlange an wartenden Personen und stelle sich direkt vor einen der beiden imposanten Türwächter. Esra hatte von diesen riesigen Wesen, diesen Hobgoblins, bereits gehört. Jedoch sahen sie in diesen Anzügen nicht wie die unerschrockenen Krieger aus, als die sie bekannt waren. Vielmehr, nun ja, etwas lächerlich.
„Na, wer drängt sich denn hier vor?“, fragte der Wächter, indem er Astamalia von Kopf bis Fuß musterte.
„Ein Gast, der gerne ins trockene möchte.“
„Normalweise stellt man sich hier dennoch an. Habt Ihr denn eine Einladung?“
„Ja. Wir stehen auf der Liste. Mein Name ist Astamalia d’Lyrandar und das da“, erklärte sie, indem sie Esra am Ärmel neben sich zog, „ist Esra Emorien. Wir sind Gäste des Dekans Geldem.“
„Ihr steht auf der Liste. Für das vordrängen schuldet Ihr mir aber noch einen Krug Bier, meine Dame“, lächelte der Hobgoblin und öffnete dabei charmant die Tür.
„Wenn Ihr bezahlt, kein Problem“, erwiderte Astamalia und zog Esra mit sich ins Innere.
Esra war erstaunt über die Dreistigkeit dieser Person. Nie hätte sie es gewagt so aufzutreten. Aber für Astamalia schien das vollkommen normal zu sein.
Auch das Innere des Klubs schien auf Astamalia kaum Eindruck zu machen. Esra selbst hätte hier auf der Galerie Stunden zubringen können, ohne alles genau gesehen zu haben. Astamalia aber sprach sofort einen der Kellner an, der sie dann auch prompt in ein abgelegenes Zimmer führte.
Dort warteten bereits zwei weitere Personen auf sie. Ein Elf in merkwürdiger Tracht, sowie ein monströser Kriegsgeschmiedeter. Beide waren ebenso durchnässt wie sie und konnten daher wohl noch nicht so lange gewartet haben. Beide musterten sie als Neuankömmlinge ebenso genau, wie es Esra mit ihnen tat.
Der Kriegsgeschmiedete trug die Pfeilspitze mit der darin eingelassenen silbernen Flamme als Wappen auf seinem Rock. Anscheinend das einzige Kleidungsstück an ihm. Esra war er etwas unheimlich. Sie hatte gelernt aus Gesten und Mimik von sowohl Menschen als auch Tieren zu lesen, aber das konnte sie bei diesem… Ding nicht. Der Elf hatte ebenfalls wenig Mimik. Zudem waren seine Augen erschreckend kalt.
„Hallo! Ich bin Astamalia d’Lyrandar“, stellte sich die Magierin vor und nahm auf einem der noch freien Stühle vor. „Ich nehme an, ihr kennt ebenfalls alle Bonal Geldem? In dem Fall sollten wir und doch bekannt machen, nicht wahr?“
„Mein Name ist Adamant“, brummte der Kriegsgeschmiedete mit dumpfer Stimme, die klang wie ein Donnern aus der Ferne.
„Thalaën Tedaé“, hielt sich der Elf kurz.
„Ich bin Esra Emorien“, stellte sich nun auch Esra vor und glitt auf den nächsten Stuhl.
„Gibt es hier auch was zu bestellen?“, fragte Astamalia und winkte dem in der Ecke wartenden Kellner.
„Bringt mir Wachteln mit Beilagen und ein Glas Regenbogenwein.“
„Sehr wohl.“
Der Elf schien kurz irritiert, bestellte dann aber auch Wachteln und ein Glas Wein.
Esra war überfordert.
„Ah, ich weiß nicht…“, stotterte sie.
„Wir haben frisches Krokodil aus den Schattenmarschen“, schlug der Kellner vor.
„Ähm ja, das klingt gut. Und Bier, bitte.“
„Sehr wohl“, lächelte der Kellner und zog sich diskret zurück.
„Uns scheint ein gemeinsamer Freund zu verbinden“, nahm Astamalia das Gespräch wieder auf.
„Ich kenne Bonal Geldem nicht“, gab Adamant zurück. „Aber er war, ist, ein guter Freund meiner Mentorin Nerina Lichtbringer. Sie ist Klerikerin im Tempel der Silbernen Flamme hier in Sharn.“
Er machte eine Pause.
„Es dringt sich mir da eine Frage auf: Seid Ihr Anhänger der Flamme?“
Drei Köpfe schüttelten den Kopf.
„Ich bin Anhänger des Todlosen Hofstaates“, stellte Thalaën klar, während er gebannt auf das Essen blickt, das gerade serviert wurde.
„Ihr verehrt die Untoten?“, schrie Adamant auf und sprang erschrocken von seinem Stuhl hoch, so dass dieser klappernd nach hinten fiel.
Thalaën sah ihn ruhig an.
„Setz dich. Ich sagte Todlos. Nicht Untot. Wir verachten Nekromanten und die Untotenverehrung von Vol ebenso wie es die Kirche der Flamme tut. Aber wir verehren die Todlosen. Unsere unsterblichen Ahnen, die uns mit Rat und Tat zur Seite stehen.“
Esra war verwirrt.
„Und wo ist der Unterschied, zu den Untoten?“
Thalaën seufzte und warf seinem Essen einen sehnsüchtigen Blick zu. Währenddessen hatte sich Adamant anscheinend wieder einigermaßen gesammelt und setzte sich wieder zu den anderen an den Tisch.
„Untote stellen eine Verspottung des Lebens und eine Versündigung am natürlichen Kreislauf von Leben und Tod dar“, begann Thalaën aus den Lehren seines Volkes zu rezitieren.
Adamant nickte zustimmend und der Elf fuhr fort:
„Im Gegensatz dazu schieben die Todlosen die Unaufhaltbarkeit des Todes nur weiter hinaus, um einem gerechten Zweck zu dienen. Untote beziehen ihre Kräfte von der Ebene Marbar, dem Ort ewiger Nacht; die Todlosen bekommen sie von Irian, dem Ort des ewigen Tages und dem Ursprungsort aller Seelen.“
„Meiner Meinung nach kein großer Unterschied. Ich glaube, ich kann mich mit beidem nicht anfreunden“, erkörte Esra kauend. „Das Krokodil ist übrigens hervorragend.“
„Ich war bis jetzt mit dem Glauben der Elfen nicht sehr vertraut. Ich werde mich hierüber wohl etwas mehr informieren müssen“, entschuldigte sich Adamant, auch wenn es nicht wie eine Entschuldigung, sondern eher wie eine Vertagung der Diskussion aussah.
„Wie habt Ihr eigentlich Bonal Geldem kennen gelernt?“, erkundigte sich Astamalia, nachdem sie fertig gegessen hatte und sich gemütlich in ihrem Stuhl zurücklehnte, den Rest Elfenbogenwein in ihrem Glas schwenkend.
„In Valenar“, erklärte Thalaën. Die lange Rede zuvor schien seine Anzahl an gesprochenen Wörtern an diesem Tag überstiegen zu haben.
„Er war bei mir und meinem Freund Matuc im Eldeenreich um dort die Portale der Siegelbewahrer zu studieren. Und Ihr?“, fragte Esra.
„Ich habe ihm als Assistentin bei seinen Forschungen geholfen.“
Esra verdrehte die Augen. Das waren hervorragende Bedingungen für neue Freundschaften. Glaubensstreitigkeiten zwischen den einen und ein grundsätzlicher Mangel an Kommunikation und Informationsaustausch zwischen jedem einzelnen.
„Mir fällt gerade auf, ist der Dekan nicht schon überfällig?“, fragte Adamant.
„Das ist er in der Tat“, stellte Thalaën trocken fest.
Wie auf Kommando klopfte es an der Tür ihres Separées und ein Kellner trat ein.
„Eine Nachricht wurde für Euch hier abgegeben.“
Astamalia nahm sie ihm ohne zu fragen aus der Hand und las vor:

Hallo Freunde!
Ich wurde leider in der Bibliothek aufgehalten und konnte daher nicht kommen. Da es eilt, bitte ich Euch zu mir ins Haus. Kelsaspitze Mitte, Stock 4, Tür 12. Es ist nicht schwer zu finden. Vom Klub aus könnt Ihr den Dalannanturm sehen, in diesem befindet sich die Universität. Von dort aus geht Ihr über die westliche Brücke weiter, bereits der nächste Turm ist die Kelsaspitze.
Bonal Geldem

Sie faltete den Brief wieder zusammen.
„Sieht so aus, als wären wir dann hier fertig. Wer bezahlt das Essen?“, fragte sie in die Runde.
„Das geht auf Kosten der Universität“, beantwortete der Kellner ihre Frage.
„Bestens“, knurrte Thalaën und griff nach seinem Umhang. „Dann wollen wir mal los.“
Stopper der Grausamen Flut, Töter des Erben des Feuers, Vernichter der Kadaverkrone und Erlöser des Fluchs des Purpurthrons.

Sirius

  • Mitglied
Schatten der Vergangenheit
« Antwort #2 am: 16. Dezember 2007, 13:42:45 »
Sehr gut geschrieben und es verspricht eine spannende Geschichte zu werden. Ich freue mich auf mehr.

Nathan Grey

  • Mitglied
Schatten der Vergangenheit
« Antwort #3 am: 18. Dezember 2007, 09:14:03 »
Gefällt mir auch sehr gut, bitte weiter schreiben. Habe das Abenteuer vor ein paar Wochen selber mit ner Grupper gespielt. Hast Du danach vor die Abenteuer Trilogie zu spielen??

Hunter

  • Mitglied
    • Savage Tide
Schatten der Vergangenheit
« Antwort #4 am: 18. Dezember 2007, 09:50:13 »
Ja, wir haben danach die Trilogie gespielt. Meistens sehr nah "by the book", allerdings mit einen - hoffentlich - interessanten Nebenhandlungen.

Der zweite Part der Kampagne - Selbstgeschriebene Abenteuer, die an die Kauftrilogie anschließen - ist gerade in Planung. Ich hoffe nur, dass er auch stattfindet, da im Moment alle meine Spieler etwas im Stress sind und nicht spielen können...
Stopper der Grausamen Flut, Töter des Erben des Feuers, Vernichter der Kadaverkrone und Erlöser des Fluchs des Purpurthrons.

Hunter

  • Mitglied
    • Savage Tide
Schatten der Vergangenheit
« Antwort #5 am: 21. Dezember 2007, 17:53:12 »
So jetzt geht es langsam mal ans Eingemachte...

Nachts in Sharn

„Bei diesem Wetter jagt man nicht einmal einen Hund vor die Tür“, ärgerte sich Astamalia, als sie den Klub wieder verließen. Der sanfte Abendregen von vorhin hatte sich in einen sintflutartigen Sturm verwandelt.
„Dann sollten wir uns beeilen“, schlug Adamant vor. „Ich kenne den Weg.“
Mit diesen Worten schritt er voran, Thalaën schloss neben ihn auf, die beiden Frauen bildeten die zweite Reihe.
Während sich der Regen weiter sturzbachartig vom Himmel ergoss, suchte sich das Quartett seinen Weg durch die verwirrend angelegten Brücken und Simse von Sharn. Die Wege und Straßen wanden sich in irrem Zicksack dahin und Thalaën war abermals froh, einen ortskundigen Begleiter bei sich zu haben. Anscheinend hielten die Sharner nichts von Brücken, die auf schnellstem Weg von einem Ort zum anderen führten.
Da der Regen förmlich herabpeitschte und in kleinen und großen Sturzbächen von den höher gelegenen Balkonen und Brücken herab fiel, war es schwieriger mehr als nur ein paar Meter weit zu sehen. Selbst das Glühen der Immerhellen Laternen, die sonst die Straßen hell erleuchteten, war in diesem Wetter kaum auszumachen. Dadurch bildeten nicht einmal sie eine wirkliche Orientierungshilfe.
„Wir sind jetzt am Dalannanturm. Nicht mehr lange, und wir befinden uns im trockenen“, rief Adamat den andern zu.
Esra versuchte durch die Regnschleier etwas zu erkennen. Doch selbst der gewaltige Turm der Kelsaspitze, die anscheinend nicht mehr weit weg war, war kaum auszumachen. Dafür bemerkte sie eine verhüllte Gestalt auf der Brücke links von ihr.
Nein, halt! Es waren zwei Gestalten, und sie schienen miteinander zu ringen.
Eine ging zu Boden.
Ein Blitz zuckte auf und die zweite Gestalt sah genau Esra an. Der Verhüllte sah kurz zu Boden, rannte dann auf das Geländer zu und schwang sich lautlos darüber.
„Habt ihr das gesehen?“
„Was?“, fragte Thalaën.
„Dort drüben!“, rief Esra und lief voraus. Wie es schien, war der Ort des Geschehens, die Brücke, welche zur Kelsaspitze führte.
„Wandler!“, fluchte Astamalia und zog den Kopf gegen den Regen weiter ein. Die beiden männlichen Mitglieder der Gruppe eilten jedoch Esra hinterher. So beschleunigte auch Astamalia ihre Schritte.
Gleich darauf blieben jedoch alle vier erschrocken stehen. Auf der Brücke lag ein regungsloser Körper. Im treibenden Regen hatte sich bereits eine große Blutlache um ihn gebildet.
„Wir müssen helfen!“, rief Adamant und kniete sich neben dem Mann nieder. „Vielleicht kann Heilmagie ihn noch retten!“
Thalaën warf einen zweifelnden Blick auf den zertrümmerten Kopf des Mannes.
„Das wage ich zu bezweifeln.“
Astamalia kniete ebenfall nieder und griff in die Brusttasche des Mannes. Sofort fand sie was sie suchte: Die Ausweispapiere. Sie klappte das Dokument auf und las es.
„Ich denke, unsere Anwesenheit hier hat sich erledigt. Das hier ist Dekan Bonal Geldem, Professor für Prä-Galifarsche Geschichte an der Morgrave-Universität.“
Sie steckte den Ausweis zurück und besah sich die Leiche genauer. Irgendeine schwere Hiebwaffe schien ihm den Kopf zertrümmert zu haben. Das erstaunlichste aber war, dass Bonal immer noch eine teuer aussehende, lederne Aktentasche umklammert hielt. Das war sicher einen Blick wert…
Esra stand etwas abseits. An dieser Leichenfledderei konnte sie nichts finden.
Hinter ihr erklang ein Geräusch, als würde jemand in eine tiefe Lache springen. Erstaunt sah sie sich um und duckte sich im letzten Moment.
Ein grobschlächtig gebauter Kriegsgeschmiedeter hieb mit einer Streitaxt nach ihr.
„Sterbt Fleischliche!“, rief der Geschmiedete mit einer erstaunlich hellen Stimme und hob im selben Atemzug wieder seine Waffe.
Adamant versuchte sein Langschwert zu ziehen, als die Axt auch schon krachend seine Brust traf. Die dicke Panzerung hielt sicherlich einen Teil des Schadens ab, dennoch richtete sie erheblichen Schaden an und Adamant taumelte benommen einen Schritt zurück. Ungläubig besah er seine Schäden, hob dann aber sein Schwert und begann mit viel Kraft, auf sein Gegenüber einzuprügeln.
Thalaën war in einer fließenden Bewegung aufgesprungen und mit einer Agilität, die ihm niemand zugetraut hatte, stürzte er sich, seinen Doppelkrummsäbel schwingend, auf den Angreifer.
Esra sah, dass Astamalia inzwischen die Tasche an sich genommen hatte und sich aus dem direkten Angriffsbereich brachte. Sie selbst lange nach Pfeil und Bogen und versuchte ein freies Schussfeld zu bekommen. Doch ihre Verbündeten standen ihr im Weg.
Zudem war es hier einfach zu laut! Bei der Jagd im ruhigen Wald war es einfacher sich zu konzentrieren!
„Elender Fleischwesen liebender Verräter!“, schrie der Angreifer Adamant an und versuchte mit seiner Axt weitere Treffer zu landen.
„Haltet sie auf! Die bringen den Kerl ja um!“, erklang es aus einem der umliegenden Türme.
„Ruft die Wache! Wache!“, aus einem anderen.
Aus der Ferne war auch bereits der grelle Klang einer Alarmpfeife zu hören.
Esra versuchte es abermals, doch noch bevor sie richtig zielen konnte, ging der Kriegsgeschmiedete zu Boden.
„Wir sollten hier verschwinden“, schlug Astamalia vor mit einem Seitenblick auf die beiden Leichen.
„Seht!“, rief Thalaën.
Die Brust des Kriegsgeschmiedeten öffnete sich und ein kleines metallenes Objekt schoss daraus hervor, flatterte unsicher herum und setzte dann dazu an im Regen zu verschwinden.
„Schieß es ab Esra!“, erklang Astamalias Stimme.
Esra zögerte nicht lange, legte an, zielte und schoss. Daneben. Der Pfeil verfehlte das Objekt und segelte in die Tiefen der Stadt.
„Hoffentlich trifft der niemanden“, meldete Thalaën trocken.
„Egal, weg hier“, ordnete Astamalia noch einmal an.
Doch es war zu spät.
Zwei Männer und eine Frau, gekleidet in der grün-schwarz gemusterten, beschlagenen Lederrüstung der Stadtwache von Sharn, tauchten aus dem treibenden Regen auf. Der Anführer war ein muskulöser Zwerg mit scharf geschnittenem Bart. Regentropfen perlten von seiner Glatze als er auf die vier zutrat und dabei bedrohlich seine Armbrust hob. Seine beiden Begleiter hatten die Hellebarden kampfbereit.
„Bei Olladras blutiger Nase“, fluchte er. „Im Namen der Wache: Lasst Eure Waffen fallen und erklärt mir, was bei allen Dämonen, hier vorgefallen ist!“
Adamant ließ sein Schwert klappernd zu Boden fallen, auch Esra legte ihren Bogen und den Köcher ab. Thalaën jedoch funkelte die drei Wachen herausfordernd an, die Waffe noch in Händen.
„Thalaën, seid nicht dumm“, flüsterte Astamalia.
Der Elf warf ihr einen verächtlichen Seitenblick zu, legte dann seine Waffe aber auch zu Boden.
„Und nun erklärt Euch!“, forderte der Zwerg mit Nachdruck.
„Wir kamen über diese Brücke und sahen diesem Mann hier ermordet liegen“, begann Astamalia zu erklären. „Als wir sehen wollten, ob wir noch etwas für ihn tun könnten, griff uns dieser Kriegsgeschmiedete an. Wir haben uns da natürlich verteidigt.“
Der Zwerg lachte unbelustigt auf.
„Und ihr glaubt tatsächlich, dass ich Euch diese Räubergeschichte abkaufe? Ich glaube eher, dass Ihr die Mörder der beiden hier seid! Weist Euch doch erst einmal aus.“
Astamalias Gesicht zeigte ein triumphierendes Lächeln, als sie unter ihre Robe griff und dem Zwerg ihre Dokumente unter die Nase hielt.
Sofort nahm der Zwerg Haltung an.
„Entschuldigt, ich wusste nicht, dass Ihr zum Haus Lyrandar gehört. In diesem Fall nehme ich Eure Aussage als wahr an.“
Er deutete seinen Leuten die Waffen zu senken.
„Dennoch könntet Ihr mir vielleicht weiterhelfen. Habt Ihr eine Idee, warum jemand diesen Mann getötet haben könnte?“
„Leider nein“, schüttelte Astamalia den Kopf. Was sogar der Wahrheit entsprach. Wenn man davon absah, dass sie einen Verdacht hatte.
„Gut. Dann danke ich. Aber das nächste Mal solltet Ihr solche Dinge lieber der Stadtwache überlassen. Sollte Euch noch etwas einfallen, meldet es bitte am Wachposten in der Kelsaspitze oder direkt bei mir, Feldwebel Dolom.“
„Werden wir machen“, nickte Astamalia und drängte die anderen zu gehen.
Als sie weiter weg waren ergriff sie Adamant an der Schulter.
„Hätten wir der Wache nicht die Aktentasche geben sollen? Vielleicht ist sie von Bedeutung.“
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie von Bedeutung ist“, stimmte Astamalia dem Geschmiedeten zu. „Jedoch in anderer Hinsicht. Ich denke, dass sich darin Hinweise auf die Expedition finden werden, die Bonal geplant hatte. Darum werden wir jetzt am besten in den Klub zurückkehren uns trocknen lassen und den Inhalt der Tasche etwas genauer ansehen.“
„Seht!“, sagte da Thalaën und deutete auf eine Gestalt, die direkt auf sie zu kam.
Die Person hatte eine Kapuze bis tief ins Gesicht gezogen, um sich vor dem Regen zu schützen. Sie blieb bei der Gruppe stehen und streckte eine Hand vor. Daran prangte ein Siegelring von Haus Cannith.
„Wenn ihr die Wahrheit über Bonal Geldems Tod erfahren wollt, dann kommt Morgen bei Sonnenaufgang in die Schenke Zum Geborstenen Amboss.“
Mit diesen wenigen Worten wandte sie sich ab und verschwand wieder im dichten Regen.
„Interessante Stadt, dieses Sharn“, kommentierte Thalaën den Auftritt.
„Was jetzt?“, fragte Esra.
„Wir brauchen einen Platz zum Schlafen. Na, zumindest drei von uns brauchen einen“, stellte Astamalia fest.
Adamant sagte nichts. Er überlegte, ob er diese drei Gestalten mit sich in den Tempel nehmen sollte. Doch beim Gedanken an seine leere Zelle, die kaum groß genug für ein Bett gewesen wäre – hätte er denn eines gehabt – schämte er sich ein wenig und sagte lieber nichts. Doch dann kam ihm eine Idee.
„Unterhalb der Universität gibt es billige Studentenunterkünfte. Vielleicht bekommen wir dort ein Lager für die Nacht.“
Astamalia seufzte. Das war genau die Art von Unterkunft, die sie sich NICHT gewünscht hatte.

Es war nicht ganz so schlimm wie erwartet. Die Zimmer waren eng, aber sauber. Der Nachteil war: Sie mussten sich zu viert eine solche Besenkammer teilen. Na ja. Selbst auf der Akademie hatten sie mehr Platz gehabt. Aber das war nun leider vorbei.
Sie zog ihre nasse Robe aus und widmete sich dann der Tasche. Darin fanden sich Tinte und Feder, sechs Blatt karrnischen Papiers – diese Qualität erkannte Astamalia sofort –, einen eingewickelten Apfel, den sie gleich an Thalaën weitergab, er schon wieder Hunger hatte, und ein Buch.
Ein kleines Buch mit einem dunkelbraunen Ledereinband in den Mithralfäden eingewoben waren, die ein seltsames Muster bildeten: Einen stilisierten Hammer und einen Amboss in einem Kreis.
Die Seiten des Buches waren jedoch alle leer, es trug weder Titel noch sonst eine Art von Beschriftung.
„Und, war das den Diebstahl wert?“, fragte Adamant.
„Es war kein Diebstahl. Er war ja bereits tot“, klärte ihn Astamalia auf.
Doch die Blicke der anderen schienen dem Kriegsgeschmiedeten zuzustimmen. Astamalia seufzte und wandte sich wieder dem Buch zu.
Die Seiten fühlten sich merkwürdig an, nicht wie Papier. Probeweise griff sie nach ihrem Tintenfass und ihrer Feder und schrieb damit einige Worte. Doch die Tinte perlte ab und tropfte auf den Boden. Auch mit Kreide und der Tinte aus der Aktentasche ließen sich keine Erfolge erzielen.
„Sieht so aus, als würden wir im Dunklen tappen.“
„Dann sollten wir morgen in diese Schenke gehen“, schlug Esra vor.
„Uns wird wohl nichts anderes übrig bleiben. Zumindest habe ich im Moment kein Geld, um mir einen dauerhaften Aufenthalt in Sharn oder auch nur eine Rückreise in die Heimat zu leisten“, stellte Thalaën fest.

***

Entermesser empfing den Getreuen Boten mit wenig Freude. Die Tatsache, dass das Konstrukt zu ihm kam, konnte nur bedeuten, dass Schnitter gescheitert war.
Gekonnt fing er das Konstrukt ein und öffnete einen Teil seiner Brustpanzerung. Vorsichtig setzte er den Boten ein und empfing die letzten Wahrnehmungen seiner Freundin.
Bonal Geldem war tot.
Gut.
Das Tagebuch befand sich jetzt in Händen dieser seltsamen Gruppe.
Schlecht.
Aber noch war noch nicht alles verloren. Diese Gruppe sah nicht so aus, als hätte sie im Geschäft mit dem Tod bereits viel Erfahrung gesammelt.
Was den Verlust von Schnitter natürlich umso bedauerlicher machte. Aber sie würden kein großes Problem darstellen.
„Schatten!“, rief er.
Ein leicht gebauter, kleiner Kriegsgeschmiedeter erschien lautlos neben ihm.
„Ja, Meister?“
„Diese Gruppe darf nicht zu einem Problem werden. Du und Säbel, ihr werdet diese Gruppe ausschalten, das Tagebuch beschaffen und das Schema finden! Bevor das erledigt ist, braucht ihr mir nicht mehr unter die Augen zu treten.“
„Natürlich, Meister.“
Entermesser warf ihm noch einen Beutel zu, in dem einige Galifar klimperten.
„Heuere noch einige Söldner an. Es sollte nicht schief gehen. Der Fürst wäre sonst schwer enttäuscht von uns allen.“
„Ich verstehe, Meister. Ich werde weder Euch noch den Fürsten enttäuschen.“
Stopper der Grausamen Flut, Töter des Erben des Feuers, Vernichter der Kadaverkrone und Erlöser des Fluchs des Purpurthrons.

Hunter

  • Mitglied
    • Savage Tide
Schatten der Vergangenheit
« Antwort #6 am: 23. Dezember 2007, 14:54:02 »
Da ich nächstes Wochenende in Landen ohne Internet bin, stelle ich das nächste jetzt schon rein. Schöne Feiertage, guten Rutsch und vielleicht ein paar Kommentare an mich (?!) an alle Mitleser.

Die Ruinen von Dorasharn
Adamant weckte die beiden Frauen, noch bevor es richtig hell wurde. Esra musste feststellen, dass es Vorteile hatte, mit einem Gefährten zu reisen, der keinen Schlaf benötigte. Aber wo war Thalaën?
„Der Elf sitzt schon seid Stunden in der Küche und pflegt seine Waffe. Die meine übrigens auch.“
Esra runzelte die Stirn, bis ihr einfiel, dass Elfen ja bekanntlich nicht schliefen. Sie meditierten in der Nacht einige Stunden, aber mehr auch nicht. Diese Eigenschaft hätte sie bei der Jagd auch des Öfteren gebrauchen können.
„Frühaufstehen war noch nie meine Stärke“, gähnte Astamalia, worüber Esra nur den Kopf schütteln konnte. Sie fühlte sich ausgeruht und für alles bereit, was der Tag heute bringen sollte.
Andererseits, nachdem was sie gestern erlebt hatte, war sie wahrscheinlich nicht auf alles vorbereitet. Schon deswegen weil sie es sich einfach gar nicht vorstellen konnte.
„Wir sollten im Geborstenen Amboss frühstücken, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren. Es ist bereits spät.“
„Spät?“, staunte Astamalia gähnend. „Nun ja, wie ihr meint.“
Esra konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

Thalaën saß bereits in seiner Tracht am Küchentisch, die Beine auf dem Tisch und seine Waffe mitsamt einem Wetzstein in der Hand.
„Brechen wir endlich auf? Diese langen Pausen sind etwas anstrengend.“
„Jaja, hackt nur alle auf mir herum“, maulte Astamalia, die immer noch im Halbschlaf war.
„Kommt, ich weiß, wo wir hin müssen. Das Gasthaus befindet sich im Maurerturm, ein ganzes Stück entfernt von hier. Wir sollten eine Luftkutsche nehmen.“
„Muss das sein?“, fragte Esra.
„Was ist das?“, fragte Thalaën.
Die Entscheidung fiel letztendlich dagegen aus. Zum einen, da sie alle mit ihrem Geld sparen mussten, zum anderen, weil Esra nicht zu begeistern war, und zum dritten, da bis auf eine Person in der Runde alle der Meinung waren, dass Astamalia ein morgendlicher Spaziergang gut tun würde.
„Wir wissen doch alle, was passiert ist, als wir gestern spazieren gingen“, zog leider auch nicht.

Die Schenke Zum Geborstenen Amboss lag in einer Ecke des Maurerturms und schien, zumindest um diese Tageszeit, nicht viel besucht zu sein. Über der Tür hing das Wappen von Haus Ghallanda, welches das Mal der Gastfreundschaft trug. Astamalias erster Lichtblick an dem regnerischen und viel zu frühen Morgen. Das bedeutete zumindest, dass die Qualität des Frühstücks passen würde.
Nacheinander traten sie ein und wurden auch gleich von einer älteren, dicklichen Halblingsfrau, die stark nach Essen roch, in Empfang genommen.
„Ihr werdet bereits erwartet. Frühstück gefällig?“
„Ja.“
„Gerne.“
„Mir knurrt schon der Magen.“
„Danke, ich esse nicht.“
Alle drehten sich zu Adamant um.
„Stimmt doch“, verteidigte sich der Kriegsgeschmiedete.
Die Halblingsfrau brachte sie an einem Tisch in einem Eck des Lokals.
Dort saß eine Frau mit eleganten Gesichtszügen, mit einem dunkelgrünen Umhang gekleidet. Die Augen waren dunkelblau und das schwarze, glatte Haar mit Spangen aus Silber und Türkis zusammengefasst. Ihre Finger waren manikürt und sie trug einen nicht zu übersehenden Siegelring des Hauses Cannith an ihrem rechten Ringfinger.
„Ich danke euch für euer Erscheinen“, sprach sie das Quartett mit sanfter, klarer Stimme an. „Wir haben wichtiges zu besprechen. Es geht – wie ihr bereits wisst – um das plötzliche Ableben von Bonal Geldem. Aber bitte, nehmt doch erst einmal Platz und bedient euch.“
Weder das eine noch das andere ließen sich die vier zweimal sagen. Der Tisch war mit Krügen voll Wasser, Bier und Wein gedeckt und die Halblingsfrau brachte zudem noch ein reichliches Frühstück, so dass sich bald der Tisch unter der Last des ganzen zu biegen schien.
Während sich die drei über das Mal hermachten und Adamant ihnen im Geiste beistand, begann die Frau zu erzählen:
„Mein Name ist Elaydren d’Cannith. Ich arbeitete mit Dekan Geldem zusammen um ein altes Familienerbstück zu bergen. Er wollte sich letzte Nacht mit euch treffen, doch wie ihr wisst, hat er es nicht bis zum Treffpunkt geschafft. Ich wurde, als seine Leiche gefunden wurde, sofort von der Stadtwache unterrichtet und sendete euch daher einen Boten, der euch hierher schickte.“
„Um was für ein Erbstück sollte es sich denn dabei handeln? Und wo soll es sich befinden?“, erkundigte sich Adamant, da die anderen alle noch am essen waren.
„Laut den Legenden unserer Familie befindet sich das Erbstück, das wir suchen, in einer längst vergessenen Schmiede, die noch zu Zeiten vor der Begründung des Königreichs Galifar errichtet wurde. Der arme Bonal war der Ansicht, eine Beschreibung des Standorts der Schmiede in einem alten Tagebuch eines Familienmitglieds von Haus Cannith gefunden zu haben.“
„Ah, ich glaube, dieses Tagebuch haben wir nun, aber es ist komplett leer. Astamalia?“
Die Magierin sah den Kriegsgeschmiedeten Kleriker an, als sei er verrückt geworden.
„Willst du der Dame Elaydren nicht ihr Eigentum zurückgeben?“, fragte er noch einmal.
Missmutig zog Astamalia ihren Rucksack hervor und kramte das Buch heraus.
„Danke sehr“, sprach Elaydren und nahm das Buch an sich. Als sie es aufschlug erschienen Buchstaben auf den Seiten.
„Was hast du da gestern Abend so lange damit gemacht?“, fragte Thalaën ungläubig.
Doch Astamalia gab keine Antwort.
„Die vergessene Schmiede scheint tief unter dem Dorasharnturm zu liegen“, erklärte stattdessen Elaydren. „Genauer gesagt, 57 Stockwerke unter dem System von Abwasserkanälen, über dass der Turm heute verfügt.“
Sie klappte das Buch wieder zu.
„Ursprünglich sollte es Bonals Aufgabe sein, eine Expedition zusammenzustellen. Aber nun… Seid ihr daran interessiert das Erbstück zu beschaffen? Ich biete euch 1000 Galifar und die Dankbarkeit meines Hauses als Belohnung, wenn ihr das Erbstück findet und zu mir bringt. Seid ihr bereit diesen Auftrag anzunehmen?“
„Sind wir nicht ohnehin deswegen nach Sharn gekommen? Natürlich mache ich da mit“, stimmte Thalaën zu.
Esra und Astamalia nickten ebenfalls.
„Ich hätte da nur noch zwei Fragen“, zögerte Adamant seine Entscheidung noch hinaus. „Dieser Auftrag wird doch nicht gegen die Prinzipien der Silbernen Flamme verstoßen?“
Elaydren wirkte verwirrt.
„Nein, nicht das ich wüsste.“
„Gut. Und was genau sollen wir jetzt suchen und finden?“
„Ah ja. Das Relikt, dass ich suche ist eine Adamantitscheibe. Sie ist ungefähr so groß wie eine menschliche Hand und hat die Form eines siebenzackigen Sterns. Das Schema selbst verfügt über keinerlei spezielle Kräfte oder besonderen Wert. Es ist allerdings Teil eines mächtigen Schöpfungsmusters, das die Magieschmiede von Haus Cannith einsetzen, um ungewöhnliche Gegenstände herzustellen. Wenn ihr dieses Stück Geschichte für uns bergen könnt, wird sich das Haus Cannith sehr dankbar erweisen.“
„Wisst ihr eigentlich, wer Bonal Geldem getötet hat?“, erkundigte sich Esra.
„Wahrscheinlich Diener des Klingenfürsten. Dieser Fanatiker sucht schon lange nach diesem Schema und möchte es für seine finsteren Zwecke einsetzen. Welche auch immer das sein mögen.“
„Dann sollten wir allerdings auch noch wissen, wie wir da nach unten kommen, oder?“, fragte Astamalia.
„Das ist einfach. Ihr müsst nur den Ventilknoten E-213 finden und euch weiter nach unten bewegen. Leider kann ich euch nicht sagen, was genau dort unten auf euch warten wird. Ich erinnere mich nur, dass Bonal einmal meinte, er dürfe nicht vergessen Feuer mitzunehmen. Was auch immer er damit meinte.“
Elaydren grübelte nach.
„Ich denke das war’s. Hier habt ihr einen Vorschuss über 100 Galfiar, damit könnt ihr euch für den Ausflug eindecken. Ihr könnt mich danach wieder hier finden.“
Während das Quartett aufbrach wechselten weiter unten, in den Tiefen des Dorashanturms mehrere glänzende Goldstücke ihren Besitzer.

Nach dem Einkauf auf einem der Märkte in Sharn den Dorashanturm zu finden war kein Problem. Auch nicht weit hinab zu kommen. Jedoch hatte keiner gesagt, dass es dort unten so unangenehm werden würde. Thalaën war ein Elf der weiten Steppen und auch wenn Klaustrophobie in seiner Rasse unbekannt war, so fühlte er sich im Augenblick doch sehr eingeengt. Sie befanden sich auf den untersten Ebenen des Turmes. Hier waren die Gänge niedrig und vor allem eng. Adamant passte mit seinem Körper gerade mal durch den Tunnel, durch den sie sich gerade durcharbeiteten. Nur selten gab es irgendwelche Fenster, von denen man aber nur auf die Fundamente anderer Türme und Gebäude blicken konnte. Von den magischen Laternen der Oberstadt war hier nichts zu sehen. Hin und wieder brannten Fackeln und spendeten so ein spärliches und flackerndes Licht. Vor allem aber spendeten sie Rauch, der in der Kehle kratzte und Tränen in die Augen trieb. Zudem stank es bestialisch nach Schweiß und Schimmel.
Was wohl diese Astamalia über diese Umgebung dachte?
Und obwohl die Umgebung so ungastlich war, dass Thalaën am liebten auf der Stelle wieder umgekehrt wäre, schienen hier unten eine Menge Wesen zu Hausen. Es wimmelte praktisch von Angehörigen aller Völker Eberrons. Und obwohl sie alle sehr verdreckt und ärmlich wirkten, sah jeder einzeln von ihnen so aus, als wüste er sich seiner Haut zu erwehren.
Endlich öffnete ich der Tunnel zu einem großen Raum, der auch hoch genug war, das beklemmende Gefühl in Thalaëns Eingeweiden weichen zu lassen.
Eine Gruppe von Menschen, Goblins und Wandlern hatte sich hier um einen Haufen Müll versammelt, der auf mehreren verrotteten Decken ausgebreitet da lag. Und mitten auf dem Haufen Müll stand ein dicklicher Goblin.
„Nicht drängeln meine Herrschaften! Auf dem Lumpenmarkt ist für jeden was dabei!“, pries er seine Ware an. Und anscheinend konnte er sich des Andranges wirklich kaum erwehren. Auch wenn sich Thalaën nicht vorstellen konnte, was es dort so wertvolles geben sollte.
„Sollen wir den Kerl mal nach dem weiteren Weg fragen? Er scheint sich hier auszukennen und sehr viel weiter nach unten scheint es offiziell nicht zu gehen“, schlug Thalaën vor.
„Auf jeden Fall befinden wir uns am unteren Ende der gesellschaftlichen Hierarchie“, erwiderte Astamalia pikiert. Sie hatte bereits etliche Stockwerke höher ihre teure Robe aus Schöngewebe abgelegt, aber auch das was sie darunter trug war so teuer und auffallend, dass ihr andauernd Blicke zugeworfen wurden; und nur wenige davon waren freundlich gesinnt.
Dennoch stapfte sie tapfer auf den Lumpenmarkt zu:
„Ihr da, könnt Ihr uns vielleicht sagen, wie wir den Ventilkonten E-213 finden können?“
„Tja, da hätten wir erstmal eine äußerst seltene und sehr hochwertige Stange Siegelwachs, nur leicht gebraucht und lächerliche 60 Kupfermünzen“, begann der Goblin.
„Ich fragte nach dem Ventilknoten…“, setzte Astamalia erneut an, doch der Goblin sprach einfach weiter:
„Oder vielleicht könnte ich die Damen und Herren für diese prächtige Wolldecke interessieren, die kaum angeschimmelt ist? Nur 39 Kupfermünzen! Oder mit diesem vorzüglichen Hanfseil! Ganze 12 Meter lang, wirklich hervorragender Zustand!“
„Wir nehmen das Seil“, mischte sich nun Esra ein. Bis jetzt war die Wandlerin abseits gestanden und hatte die anderen Leute auf dem Platz genau gemustert.
Die Wandlerin warf dem Goblin mehrere Silberregenten zu und nahm das Seil an sich.
Die Miene des Goblins hellte sich auf.
„So, nachdem wir das erledigt haben: Ihr sucht also den Ventilkonten E-213. Und was habe ich davon?“
„Wie viel wollt Ihr denn davon haben?“, erkundigte sich Esra.
„Sagen wir 100 Silberregenten?“
„Was?“, empörte sich Astamalia. „Wir lassen uns doch nicht über den Tisch ziehen!“
„Beruhig dich Astamalia“, mischte sich nun auch Adamant ein. „Das sind doch nur 10 Galifar. Die bezahlen wir doch ohne…“
„Hier geht es ums Prinzip“, stellte die Magierin fest. „Ich werde keinem Halsabschneider hier so viel Geld nachwerfen.“
An ihrer diplomatischen Einstellung musste die Halb-Elfe noch arbeiten, fand Thalaën.
„Wir geben dir 90 Silbermünzen. Immerhin haben wir dir bereits das Seil abgekauft. Und das ist unser letztes Angebot“, schlug Esra vor.
„Skakaan ist damit einverstanden“, grinste der Goblin. „Folgt mir.“
Im Handumdrehen hatte er seine Decken zu einem wuchtigen Bündel zusammengefasst und über die Schulter geworfen. Rasch führte er sie aus der Halle heraus, noch weiter nach unten.
„Hast du vorhin etwas gesehen? Du hast die Menge sehr genau gemustert“, nutzte Thalaën die Möglichkeit, Esra anzusprechen.
„Ich dachte, ich hätte etwas gesehen. Aber ich muss mich wohl geirrt haben“, schüttete sie den Kopf.
Plötzlich blieb Skakaan vor einer windschiefen Tür stehen, auf der, gerade noch so zu lesen, die Worte E-213 standen.
„Hier sind wir. Meine Belohnung bitte sehr.“
Esra warf ihm das versprochene Geld zu und der Goblin verschwand eilend in der Dunkelheit.
„Das hätten wir auch alleine gefunden“, stellte Astamalia fest.
„Mag sein, aber es hätte länger gedauert.“
Esra warf einen Blick hinter die Tür. Ein enger Gang, eine steile Treppe nach unten.
„Wir werden hintereinander gehen müssen. Wer geht voran?“
„Ich“, stellte Thalaën klar, dann deutete er nacheinander auf die anderen. „Esra danach. Dann Astamalia und Adamant deckt unseren Rücken, für den Fall der Fälle.“
Thalaën fühlte sich ganz in seinem Element. Kein langes reden, nur Taten. Und hier wusste er zudem genau was er tat. Auch wenn es das erste Mal war, dass er zu einer Erkundung in einen Abwasserkanal stieg. Aber irgendwann war bekanntlich immer das erste Mal.
Er zündete sich eine Fackel an und betrat den Gang. Die anderen folgten ihm in der von ihm angeordneten Reihenfolge.
Mit jeder Stufe, die sie weiter nach unten brachte, wurde der Gestank nach Moder, Dreck, vor allem aber nach Fäkalien stärker. Sie befanden sich eindeutig auf dem richtigen Weg. Auch das fließen von Wasser war zu hören und wurde mit jedem Schritt lauter.
Endlich bog er um eine Ecke und seine Fackel beleuchtete die trübe Oberfläche eines Kanals.
„Scheint, als wären wir da.“
Hinter ihm ertönte ein dumpfer Schrei, Stahl traf auf Adamantit.

Adamant wusste nicht wie ihm geschah. Gerade noch war er hinter seinen Gefährten die Treppe hinab gestiegen, als er vor Schmerz plötzlich aufschrie. Irgendetwas spitzes drag tief in seine Eingeweide und wurde mit einem Ruck wieder herausgerissen.
„Ihr habt das Tagebuch des Dekans!“, drang eine geflüsterte Stimme an sein Ohr. „Und dafür werdet ihr sterben. Langsam und qualvoll.“
Adamant nutzte diese gesprächige Phase seines Gegners um herumzuwirbeln und dabei sein Schwert zu ziehen. Vor ihm stand ein kleiner Kriegsgeschmiedeter mit einem dunklen, fast schwarzen Körper. In der Hand hielt er einen Rapier, den er anscheinend gerade durch Adamants Panzerung gerammt hatte.
Doch der Kleriker wusste sich zu verteidigen und brachte einen kräftigen Schlag an. Zumindest wäre es einer geworden, wenn der Gang breiter gewesen wäre, so traf er nur das alte Gemäuer.
„Was ist los da hinten!“, hörte er Thalaëns Stimme.
„Adamant wird angegriffen“, rief Esra zurück und feuerte einen Pfeil auf den Angreifer. Doch Adamant stand – wieder einmal – im Weg. „Wir müssen aus diesem Gang heraus!“
Währenddessen erhielt Adamant einen weiteren Schlag, schaffte es aber im Gegenzug auch einen anzubringen.

Thalaën durchschaute die Situation rasch. Sie waren in eine Falle gelockt worden! Mit mehren Sprüngen legte er die Distanz bis zum Kanal zurück und sprang in das brackige, gut 60 Zentimeter tiefe Wasser.
„Ist das eklig“, brummte er.
Da drang ein animalisches Brüllen an sein Ohr. Er hob die Fackel und erblickte in einiger Distanz zwei Wandler, die gerade ihr Erbe aus sich herausließen.
„Nicht gut“, meinte er zu sich und zückte seinen Krummsäbel.
Hinter ihm platschte Astamalia in den Tunnel. Der Ekel stand ihr ins Gesicht geschrieben.
„Wandler!“, rief ihr Thalaën zu und rannte durch das Wasser auf die neue Bedrohung zu.

Esra sah, dass sie in dem engen Gang nicht viel ausrichten konnte und stürmte ebenfalls in den Kanal, stolperte fast über Astamalia. Thalaëns Kriegsruf hallte durch den Tunnel, während er weiter durch das Wasser rannte.
Esra feuerte einen Pfeil.
Daneben.
Sie fluchte unterrückt und legte einen neuen ein. Von der Treppe waren weitere Kampfgeräusche zu hören. Neben ihr hatte sich Astamalia gefangen; die Magierin begann knappe Bewegungen zu machen und murmelte leise vor sich hin.
Eine kleine funkelnde Kugel schoss aus ihrem Finger und traf zielsicher einen der Wandler in die Brust, wo sie einen hässlich dunklen Fleck hinterließ.
Thalaën war inzwischen auf die Idee gekommen nicht an der tiefsten Stelle des Wassers zu laufen. Zu beiden Seiten des Kanals gab es halbwegs trockene Stege.
Dort traf der Elf auch mit einem der Wandler aneinander. Esra feuerte einen letzten Pfeil auf den zweiten, warf dann wütend ihren Bogen weg und zückte ihr Schwert. Währenddessen zauberte Astamalia weiter.
Adamant auf der Treppe schien die Ausweglosigkeit seines Tuns erkannt zu haben und ergriff ebenfalls die Flucht nach vorne – in diesem Fall nach unten in den Tunnel hinein.
Rasch versuchte der Kleriker die Situation zu überblicken. Esra, die ausnahmsweise mit einem Schwert auf ihren Gegner einhieb, Astamalia, die knietief in den Abwässern stand und mit  magischen Energien um sich schleuderte und Thalaën, der mit fliegenden Klingen einen zweiten Wandler bedrängte, genau vor…
„Achtung Thalaën!“, rief Adamant.
Genau in diesem Moment öffnete sich schlagartig eine der zwölf Irisblenden, welche den Tunnel flankierten und spuckte in weitem Bogen einen Schwall von Abwässern aus. Zum Glück hatte sich keiner der Kämpfenden davor befunden.
Dafür hatte dieser hinterhältige Meuchelmörder Adamant eingeholt und bedrohte ihn wieder mit seinem Rapier.
Die Schlacht ging also weiter.

Thalaën fluchte unterdrückt, während er den Klauen des Wandlers ausweichte. Diese Bestien waren geschickter, als sie aussahen. Das hätte er ihnen gar nicht zugetraut. Andererseits: Esra war auch nicht viel anders. Dafür hatte sie aber keine mörderischen Krallen an den Händen, wenn sie sich wandelte. Damit hatte sein Gegenüber Thalaën schon etliche schmerzhafte Wunden beigebracht. Keine davon wirklich bedrohlich, doch zusammen begannen sie den Elfen doch schon zu schwächen. Zu allem Überfluss hatte ihn der Wandler so weit bedrängt, dass er nun direkt vor einer der Irisblenden stand.
Die sich zu allem Überfluss genau jetzt öffnete!
Erschrocken versuchte Thalaën dem Schwall brackigen Wasser auszuweichen, doch er war zu langsam. Er ging in der Brühe zu Boden, schaffte es jedoch seine Säbel zu behalten. Außerdem nutzte er die Situation, dem völlig überraschten Wandler, von unten die Waffe bis zum Heft in den Bauch zu rammen.
„Endlich“, stöhnte er auf und kämpfte sich wieder hoch.
Esra war immer noch in ihren Kampf verwickelt und sah aus, als könnte sie durchaus etwas Hilfe vertragen. Astamalia waren anscheinend ihre Zauber ausgegangen, denn sie hatte eine Armbrust im Anschlag und feuerte damit auf den letzten Wandler. Adamant war auch immer noch mit seinem Gegenüber beschäftigt, schien ihn aber recht gut in Schach halten zu können.
Kurze Überlegung, Esra helfen!
Er sprang zur Wandlerin und nahm den Angreifer in die Zange. So hatte der Wandler keine Chance mehr und ging rasch zu Boden.
Mit vereinten Kräften schafften sie dann auch noch den Kriegsgeschmiedeten.
„Na das war ja was“, ächzte Adamant und besah sich seine Wunden.
„Das haben wir gleich wieder.“
Astamalia murmelte etwas und legte Adamant die Hand auf dir Brust. Sofort begannen sich etliche der klaffenden Öffnungen in seinem Körper wieder zu schließen.
„Und wie jetzt weiter?“, fragte Esra.
„Den Tunnel entlang, nach Westen“, ordnete Thalaën an und ging wieder zu seiner Fackel um den anderen den Weg zu leuchten.
„Nur so eine Frage am Rande“, meldete sich Astamalia zu Wort, während sie durch die Abwässer stapften. „Warum vertrauen wir dieser Dame Elaydren eigentlich? Wir wissen nicht das geringste über sie. Immerhin wäre es auch möglich, dass sie hinter all dem steckt. Wir sozusagen den Feinden Bonals in die Hände spielen.“
„Dann würden wir aber nicht verfolgt werden von Leuten, die uns gerade benahe umgebracht hätten“, stellte Thalaën klar.
„Zudem denke ich nicht, dass sie Böses im Schilde führt“, schloss sich Adamant dieser Meinung an.
„Es könnten ja auch mehrere Parteien hinter diesem Schema her sein. Und woher willst du wissen, dass sie nichts Böses im Schilde führt?“
Adamant zuckte die Achseln.
„Keine Ahnung.“
Er blieb stehen und deutete in einen Seitengang, an dessen Ende ein Schott zu erkennen war.
„Vielleicht geht es hier weiter?“
Ohne eine Antwort abzuwarten stapfte er weiter, die anderen folgten ihm.

Irgendwie ging dieser Kriegsgeschmiedete Astamalia auf die Nerven. Aber zumindest mit der Abzweigung schien er recht gehabt zu haben.
Ein kreisförmiges Metallschot war hier in die Tunnelwand eingelassen. Es war über und über mit Runen überzogen und in der Mitte des Schotts befand sich ein schwach bläulich leuchtendes Symbol aus Mithral, das dem Symbol auf dem Tagebuch glich.
Die Runen ließen Astamalia stutzen. Das hier sah gefährlich aus.
Sie sprach einen schwachen Zauber aus und erkannte, dass sie recht gehabt hatte. Die Tür strahlte Magie aus. Hier war Vorsicht geboten.
Sie holte das Tagebuch aus ihrem Rucksack und drückte es Thalaën in die Hände.
„Versuch es einmal auf das Symbol an der Tür zu halten“, schlug sie vor und ging vorsichtig einige Schritte zurück.
Der Elf war entweder mutig oder dumm. Ohne lange zu zögern drückte er das Buch gegen die Tür, die auch mit einem Schnappen aufschwang. Ohne Worte reichte er der Magierin das Buch zurück und beugte sich mit seiner Fackel in den Bereich dahinter.
Ein schwacher Windzug kam von dahinter und ließ seinen Umhang flattern.
„Was sieht du?“, frage Esra.
„Senkrechten Tunnel. Etwas mehr als einen Meter im Durchmesser. Sehr tief.“
Der Elf kroch wieder zurück, sah sich kurz um, nahm einen kleinen Stein und warf ihn in die Tiefe. Dann lauschte er. Lange.
Schließlich gab er es auf.
„Wenn der Stein wo aufgeschlagen ist, dann war es zu weit unten.“
„Na toll. Und nun?“
Adamant drängte sich an den anderen vorbei und blickte ebenfalls in die Tiefe.
„Die Wände scheinen aus gepresster Erde und Mauerwerk zu bestehen. Ich könnte versuchen Stufen hineinzuschlagen. Würde war etwas länger dauern, wäre aber sicherlich am sichersten.“
„Nur zu“, unterstützte ihn Astamalia. Vielleicht stürzte er ja auch ab.
„Wir anderen könnten die Pause nützen um etwas zu essen. Wer weiß, was uns dort unten noch alles erwartet.“

Es dauerte Stunden, bis Adamant nach unten gekommen war. Es störte ihn nicht wirklich, diese Arbeit zu machen, Was ihn schon mehr störte war, dass er dadurch irgendwie zum Außenseiter wurde. Die anderen aßen und konnten sich unterhalten; er musste arbeiten. Das war anscheinend das Los seines Volkes.
Dennoch fühlte er eine gewisse Befriedigung, als er einen Punkt erreichte, an dem der Schacht nicht mehr so steil abfiel. Ab hier würden sie auch ohne größere Kletterhilfen unterwegs sein können.
„Ihr könnt nachkommen!“, rief er nach oben.
Er hoffte, sie konnten ihn hören. Noch einmal wollte er die fast zweihundert Meter nicht nach oben steigen, nur um zu sagen, dass der Weg bereitet war.
Bald schon hörte er von über sich Klettergeräusche.
Nacheinander kamen sie herab, durch ein Seil aneinander gesichert.
Auch das war klar. Ihn hätten sie alleine abstürzen lassen, sie selbst sicherten sich gegenseitig. Andererseits, hätte er mit seinem enormen Gewicht, bei einem Absturz wohl alle anderen mit in die Tiefe gerissen.
„Ab hier geht es leichter“, stellte er unnötigerweise fest und schritt auch weiter voran.
Der Tunnel führte weiter und weiter nach unten, wurde dabei aber auch immer flacher und schien sich wie eine Spirale zu drehen. Während den anderen der Weg bald zu lang wurde, schritt Adamant ohne Ermüdung immer weiter. Seine Spezies hatte doch immer wieder Vorteile.
Plötzlich stockte er. Vor ihm öffnete sich der Gang, anscheinend zu einem großen unterirdischen Raum. Er ging noch einige Schritte nach vor und blieb dann am Tunnelausgang stehen.
Der Schacht kam in einer Höhe von fast zwei Metern aus der Wand dieses Raumes. Die anderen Wände dieser Höhle waren so weit entfernt, dass er sie im Licht der Fackeln nicht erkennen – ja nicht einmal erahnen – konnte. Jedoch konnte er die Überreste von Gebäuden sehen, die sich undeutlich aus der Dunkelheit abhoben.
„Scheint so, als wären wir da“, brummte Thalaën hinter ihm und warf einen Blick über seine Schulter. „Und jetzt?“
„Weiter!“, verkündete Adamant fröhlich und sprang nach unten.

Esra ging als letzte, und das, obwohl sie sich so gar nicht wohl fühlte. Zuerst Städte, dann unterirdische Höhlen und Gebäude. Was würde noch auf sie zukommen?
Sie sehnte sich nach ihrem geliebten Wald.
Doch der war weit weg und die noch unsichtbaren Gefahren der Höhle viel näher. Und Gefahr lag in der Luft, umgab sie. Das sagten ihr ihre uralten Gene.
Aber sie konnte einfach viel zu wenig sehen. Kein Sternenlicht. Keine Monde, die das Geschehen erleuchteten.
Seufzend sprang sie ebenfalls in den Raum hinab und zog ihren Bogen. Immer auf alles gefasst sein. Wenn sie schon ihre Augen verließen, musste sie sich eben auf ihre andern Sinne verlassen.
Sie spitzte ihre Ohren.
Ein Zirpen und Summen schien von den Wänden und vom Boden des Raumes auszugehen.
„Hört ihr das auch?“, fragte Thalaën in dem Moment.
„Klingt wie das Zirpen die Insekten im Titanenwald“, meinte Esra.
Das Geräusch wurde lauter, bedrohlicher. Und plötzlich schien sich der ganze Boden in eine kochende schwarze Masse verwandelt zu haben.
„Käfer!“, keucht Esra auf. „Tausende!“
Der dunkle Teppich aus Chitin gepanzerten, faustgroßen Leibern schob sich über den Boden auf sie zu.
„Weg hier!“, rief Astamalia und ergriff die Flucht.
Doch für Adamant schien es zu spät zu sein. Eine ganze Flut von Käfern umschwappte ihn wie eine Flüssigkeit, kletterte an ihm hoch und begann sich durch seine Panzerung zu fressen.
„Was sollen wir tun?“, rief Thalaën und schwang hilflos seinen Säbel.
„Feuer!“, rief Astamalia und zog ihren Rucksack vom Rücken.
Der Schmerzensschrei des Kriegsgeschmiedeten gellte durch die Halle.
Da endlich hatte die Magierin gefunden was sie suchte. Sie drückte dem Elf und der Wandlerin je ein tönernes Gefäß in die Hand.
„Werft es in den Schwarm. Adamants Rüstung wird es aushalten.“
„Was aushalten?“, war Thalaën vollkommen verdattert.
„Das!“, rief Astamalia und warf ihrerseits eines der Gefäße. Dort wo es auftraf zerbrach es und sofort stand die Umgebung in Flammen. Die Käfer brannten zu hunderten.
„Macht schon!“
Esra sah sich das Ding abschätzend an, wog es in der Hand und war es zugleich mit dem Elf.
Das Geschoss der Wandlerin traf voll, jenes von Thalaën landete Meter entfernt und diente nur zur Beleuchtung der Kulisse.
Doch die beiden Feuerbomben hatten den Käfern gereicht. Sie zerstreuten sich so rasch in alle Winde, wie sie sich gesammelt hatten. Zurück blieb nur ein etwas angeknabberter, noch schwelender Adamant.
„Danke, aber bei der nächsten Rettung könntet ihr versuchen etwas sanfter vorzugehen.“
Astamalia nickte und wendete wieder einen Reparaturzauber bei ihm an.
„Werden wir machen. Wenn wir die Wahl haben. Dummerweise sind meine magischen Kräfte für heute erschöpft. Wir sollten zusehen, dass wir irgendwo einen sicheren Unterschlupf finden.“
„Dort hinten scheint eines der Gebäude noch gut in stand zu sein!“, deutete Esra in die Dunkelheit.
„Gut, das werden wir probieren.“

Thalaën kam sich etwas dumm vor. Er hatte von diesen alchemistischen Spielsachen schon gehört, aber normal war es unter seiner Würde, so etwas zu verwenden. Er setzte lieber auf seinen Doppelkrummsäbel, der bewährten Waffe der Valenar-Elfen; vielleicht auch noch auf seinen Bogen, aber nicht auf Magie oder anderen Schnickschnack.
Andererseits hatte ihm die Magierin gerade gezeigt, dass es Dinge auf dieser Welt gab, die man mit solchen Dingen besser und mit einem einfachen, soliden Schwert gar nicht bekämpfen konnte.
„Es handelt sich hierbei wohl um einen alten Tempel von Onatar, dem Gott der Handwerkskunst und der Magie“, ließ sich Adamant vernehmen und deutete dabei auf das Symbol, welches über der Tür eingelassen war.
Erstaunlicherweise war der Tempel nach alle den Jahrhunderten immer noch in gutem Zustand. Gut, die Tür hing etwas schief in den Angeln, aber das war es dann auch.
Adamant öffnete die Tür vorsichtig und trat ein. Thalaën huschte sofort hinterher. Das Innere zeigte davon, dass der Tempel schon bessere Tage erlebt hatte. Doch er strahlte immer noch eine göttliche Ruhe und einen Frieden aus, wie ihn Thalaën eigentlich nur von den Gräbern seiner Ahnen kannte.
„Scheint mir ein passabler Ort für eine Rast zu sein“, stellte er fest und sah sich weiter um.
Man schien alles Wertvolle aus dem Tempel entfernt zu haben, als er in Vergessenheit geraten war oder aber Grabräuber waren bereits sehr erfolgreich gewesen.
„Seht, wir haben sogar eine Frischwasserquelle“, freute sich Thalaën, als er ein kleines Becken fand. Ohne zu zögern kniete er daneben nieder und trank einen kräftigen Schluck daraus.
„Seid Ihr wahnsinnig!“, fuhr ihn Astamalia an und stieß ihn weg. „Das könnte alles mögliche sein!“
„Es scheint sich in diesem Fall um heilendes Wasser zu handeln“, mischt sich Adamant besänftigend ein und deute auf Thalaëns Körper. Viele seiner Wunden aus der letzten Schlacht hatten sich wie von Zauberhand geschlossen.
„Dennoch war es leichtsinnig“, beharrte Astamalia.
Dessen ungeachtet hatte sie nichts mehr dagegen, dass Esra und vor allem der angeschlagene Thalaën das Becken leer tranken.
Eine wirklich merkwürdige Person, dachte Thalaën bei sich. Sie scheint immer die Kontrolle über alles und jeden haben zu wollen. Zudem war sie eindeutig zu verzogen.
„Ich werde die Nacht über Wache halten“, meldete sich Adamant freiwillig. „Und euch dann ich acht Stunden wieder wecken.“
„Ich werde dir etwas beistehen. Die Frauen sollen schlafen.“
Astamalia fasste diese Bemerkung anscheinend etwas falsch auf, denn sie warf ihm einen giftigen Blick zu und trollte sich dann in eine abgelegene Ecke des Tempels.
„Welche Ironie“, versuchte Thalaën ein Gespräch mit dem Kleriker zu beginnen und setzte ich neben ihn. „Ein Kleriker der Silbernen Flamme und ein Anhänger des Todlosen Hofstaates suchen Schutz in einem Tempel von Onatar.“
„Ich sehe die Ironie nicht“, war Adamant verdattert.
Thalaën seufzte.
„Ich glaube du siehst sie wirklich nicht.“

Astamalia hatte keine Ahnung, wie Adamant wissen wollte, wann acht Stunden vergangen waren. Aber sie war sich ziemlich sicher, dass er sich um einige Stunden erschätzt hatte. Sie hatte sich doch gerade erst hingelegt, als sie seine schwere Hand an der Schulter rüttelte.
Missmutig setzte sie sich auf. Wirklich gut geschlafen hatte sie auf dem Steinboden in diesem zugigen Tempel nicht. Aber sie war sich zumindest sicher, dass ihr Geist wieder frei war, für neue arkane Energien.
So zog sie eine Portion Trockennahrung und ihren Drachensplitter aus dem Rucksack. Begann ersteres zu verspeisen und letzteres genau zu studieren.
Adamant betete derweil still vor sich hin, während der Elf und die Wandlerin vollkommen ruhig ihr Frühstück zu sich nahmen. Zumindest gab es keine labernden Waschweiber, mit denen sie reisen musste, versuchte die Halb-Elfe mal wieder etwas positives an der Entwicklung der Dinge zu sehen.
„Wir sollten versuchen bald aufzubrechen, damit wir den Tempel auch wirklich heute noch finden“, versuchte Thalaën nach einiger Zeit aber doch auf Eile zu drängen.
„Einverstanden, ich bin bereit“, meldete sich Astamalia. Auch Adamant schien mit seinem Gebet fertig und Esra saß ohnedies schon auf einem Steinblock neben der Tür, den Bogen im Schoß und abmarschbereit
Außerhalb des Tempels war es genauso dunkel wie drinnen – natürlich. Dennoch hatte Astamalia instinktiv Tageslicht erwartet. Aber das hier war auch die erste Höhle, in der sie übernachtet hatte.
Der Elf und der Kriegsgeschmiedete übernahmen die Führung. Auch wenn sich die Magierin nicht sicher war, wohin sie sie führten. Denn eigentlich hatte keiner eine rechte Ahnung, wohin sie sich wenden mussten. Dennoch dauerte es – erstaunlicherweise – nicht sehr lange, bis sie vor einem praktisch unbeschädigten Gebäude standen, dessen Türen dummerweise verschlossen schienen.
Adamant trat an die massive Doppeltür heran, auf der dasselbe Symbol wie auf dem Tagebuch und auf dem Schott im Tunnel zu sehen waren und klopfte dagegen.
„Scheint massiver Adamantit zu sein. Auf brutalem Wege werden wir hier kaum hineinkommen.“
Astamalia zuckte mit den Achseln und kramte wieder das Tagebuch hervor. Doch hier versagte dieser Öffnungsmechanismus kläglich. Die Türen blieben verschlossen.
Thalaën seinerseits drückte die brennende Fackel auf das Symbol.
„Und was soll das bitte bringen?“, fragte Astamalia, nicht wenig irritiert.
„Elaydren hat doch gesagt, dass wir Feuer mitnehmen müssten. Vielleicht ließe sich ja so die Tür öffnen…“
Anscheinend hatte er erkannt – nun, da ihn alle entgeistert anstarrten – dass das wohl eher eine dumme Idee gewesen war und er gab die Fackel wieder weg.
Dafür eilte er rasch einmal rund um das Gebäude.
„Keine Fenster“, berichtet er knapp.
„Dann vielleicht durch das Dach?“, schlug Esra vor.
Das Gebäude war in der Tat nicht sehr hoch und für Adamant war es ein leichtes, die kleine Wandlerin hoch zu hieven.
„Das Dach ist hier an einer Stelle eingestürzt!“, rief Esra.
„Na also, unser Weg ins Innere“, freute sich auch Astamalia und kletterte über Adamant nach oben. Thalaën folgte als nächstes und zu dritt wuchteten sie dann den schweren Kämpfer nach oben – das Dach knackte gefährlich.
Thalaën hängte sich kopfüber in das Loch und machte einen raschen Rundblick.
„Scheint feindfrei zu sein.“
Ohne weiter abzuwarten sprang er nach unten.
Astamalia konnte über soviel Leichtsinn nur die Augen verdrehen. Zumal die beiden anderen es ihm wie die Lemminge gleich taten.
Nun, alleine hier warten wäre auch nicht klug, also auch hinterher.
Im Inneren fand sie die anderen mit kampfbereiten Waffen. Ein dunkles, bedrohliches Knurren erklang und Astamalia erblickte zwei riesige Hunde aus Metall mit rotglühenden Augen, die auf sie zuschritten.
„Eiserne Verteidiger“, flüsterte sie.
„Egal. Tötet sie!“, rief Thalaën und stürmte, alle Vorsicht vergessend, vor.
Esras Pfeil schoss an ihm vorbei.
Adamant stürmte auf den zweiten los, der unter dem wüsten Ansturm an Schlägen bald zu Boden ging. Dem anderen erging es nicht viel besser.
„Tapfere Verteidiger“, höhnte Thalaën und steckte seinen Säbel wieder weg.
„Hunde aus Eisen zu bauen. Das ist wieder die Natur“, war Esras Meinung dazu.
Astamalia hatte für beide keine Beachtung.
„Habt ihr das gesehen?“, fragte sie und untersuchte die beiden Hunde. Jeder der beiden hatte einen metallenen Stab aus dem Maul fallen lassen, als er erschlagen wurde. Einer hatte einen quadratischen und der andere einen dreieckigen Querschnitt.
„Wofür die wohl gut sein mögen?“

Während die anderen um diese eisernen Leichen herumstanden, begutachtete Esra das Innere. Der herab gefallenen Teil des Daches hatte Regale und Schränke unter sich begraben und regelrecht zermalmt. Zudem schien es einmal drei dieser Bestien gegeben zu haben, denn deren Überreste blickten unter den Trümmern hervor. Staubige, aber davon abgesehen, unversehrte Regale standen an der Südwand des Raumes. Eine große Schmiede, die mit einem Schmelzofen kombiniert war, füllte den östlichen Teil aus. Beide schienen schon seit Jahrhunderten nicht mehr benutzt worden zu sein.
Während sich Esra umsah, hatte sich auch Astamalia der Schmiede zugewandt.
„Hier über dem Schmelzofen befinden sich Vertiefungen, die aussehen, als würden diese Stäbe von den Verteidigern hineinpassen. Aber es gibt drei davon“, stellte sie fest.
„Es gab ja auch einmal drei Verteidiger.“
Esra deutete auf den begrabenen Hund und kniete daneben nieder. Hier fand sich wieder ein Stab; diesmal fünfeckig.
„Damit finden wir sicherlich eine geheime Kammer, in der sich auch das Schema befindet“, teilte Astamalia den anderen ihre Gedankengänge mit.
„Thalaën, probier mal aus.“
Sie übergab dem Elf die Stäbe, während sie selbst einigen Sicherheitsabstand aufbaute.
Esra bewunderte Thalaën. Er schien der Magiern blind zu vertrauen.
Adamant hingegen schien für die Geschehnisse überhaupt keine Zeit zu haben. Er besah sich in Ruhe die Regale und verstaute immer wieder Dinge in seinem Rucksack, der bereits zum bersten gefüllt war.
Ein grelles Leuchten und ein gellender Schmerzenschrei brachte die Aufmerksamkeit aller wieder zu dem Elfen zurück. Thalaëns Haare schwelten und sein Gesicht war schmerzverzerrt. Es roch nach verbranntem Leder; seine Schuhe rauchten.
„Probiere es noch mal. Vielleicht braucht es eine gewisse Reihenfolge“, schlug Astamalia unbekümmert vor. „Zuerst das Dreieck, dann das Viereck.“
Thalaën sah sie zweifelnd an, tat dann aber, wie ihm aufgetragen. Nacheinander rasteten die Stäbe hörbar ein. Nach dem dritten schwang an der Seite der Schmiede ein kleines Fach auf.
„Das Geheimversteck!“, triumphierte die Magierin.
Das Versteck entpuppte sich als mehr. Es war eine Art Tresor: Nicht nur das gesuchte Schema fand sich hier. Auch mehrere Beutel mit Gold und Silber, Goldbarren, Phiolen, die als Heiltränke markiert waren, sowie zwei Stück Pergament, welche Astamalia brennend interessierten.
„Ha! Eine Erweiterung meines Wissens!“, freute sie sich, ohne eine nähere Erklärung abzugeben und steckte die erste Rolle ein. Die zweite studierte sie etwas länger.
„Das scheint eine Landkarte zu sein. Eine sehr alte Landkarte. Hier ist noch Cyre eingezeichnet, obwohl das Gebiet heute den Staat Darguun, Valenar und das Klagelandes umfasst. Außerdem sind hier verschiedene Standorte markiert. Aber nichts ist beschriftet. Scheint sich nicht um Städte zu handeln. Merkwürdig.“
„Könnten wir das vielleicht in einem Gasthaus genauer ansehen? Immerhin haben wir was wir wollten und ich könnte wahrlich ein Bett und etwas Pflege brauchen“, mischte sich Thalaën ein und warf bei den letzten Worten dem Kleriker einen Seitenblick zu.
Adamant nickte wissend und begann wieder seine göttliche Magie zu weben, um die Wunden durch die elektrische Falle verschwinden zu lassen.
„Dann raus hier“, freute sich auch Esra.
Adamant nickte und warf den schweren Riegel der Tür zurück, so dass sie nun durch den Eingang hinaus konnten und nicht weder über das Dach klettern mussten.

Kaum trat er einen Schritt aus der Schmiede schoss auch schon ein brennender Bolzen aus den Ruinen auf ihn zu und traf ihn voll. Adamant taumelte, sowohl vor Überraschung als auch vor Schmerz.
„Schwaches Fleisch!“, donnerte eine Stimme, die aus der Schussrichtung des Bolzens zu kommen schien. „Nun steht ihr Säbel gegenüber! Dem mächtigsten der treuen Diener des Klingenfürsten!“
Ein weiterer Bolzen schoss auf Adamant zu und traf mit ebensolcher Sicherheit.
Seine Kameraden stürzten an seine Seite und feuerten Bolzen und Pfeile in die Dunkelheit zurück. Doch rund um Adamant wurde es dunkel. Der letzte Pfeil schien etwas wichtiges in seinem Inneren getroffen zu haben…

Erschrocken musste Thalaën mit ansehen, wie der Koloss aus Adamantit von zwei Bolzen niedergestreckt wurde.
Wütend ergriff er seinen Krummsäbel und begann auf die Ruinen zuzulaufen. Auf halbem Weg kam ihm ein Kriegsgeschmiedeter entgegen, der ebenso wuchtig gebaut war wie Adamant. Er schwang ein Langschwert und hieb damit auf ihn ein. Thalaën ignorierte den Schmerz und wirbelte seine Klinge herum. Zweimal traf er Säbel. Doch diese verdammte Rüstung hielt das meiste an Schaden ab.
Ein Pfeil und ein Bolzen schossen an ihm vorbei. Die beiden anderen versuchen ihm Feuerschutz zu geben. Doch das würde sich nicht als so einfach erweisen, wollten sie nicht auch ihn aus versehen treffen.
Die nächsten Schläge konnte Thalaën gut parieren, was Säbel noch wütender machte. Er legte noch mehr Kraft in seine Schläge. Doch Thalaën war flink, wich immer wieder aus, parierte und landete den einen oder anderen Schlag.
Er stand auf der Seite der Gewinner. Immer mehr Fetzen hingen von dem Konstrukt herab.
Schließlich schien auch sein Gegenüber den Ausgang dieses Kampfes zu erkennen. Er brachte einen wütenden letzten Schlag an, unter dem Thalaën taumelte und wandte sich dann zur Flucht. Er war schneller als man es ihm zugetraut hätte.
„Esra!“, krächzte Thalaën und ging vor Erschöpfung in die Knie.
Ein Pfeil sauste in die Dunkelheit und weit vor ihm stolperte Säbel, als er eine Mauerruine überklettern wollte, stürzte mit dem Gesicht nach vorne und blieb reglos liegen.
Geschafft!
„Alles in Ordnung Thalaën?“, hört er eine Stimme, wie aus weiter Ferne.
„Sicher doch. Adamant?“
„Sieht übler aus als es ist. Ich kann ihn wieder zusammenbauen.“
„Gut.“

***

„Ihr seht also, Dame Elaydren, dass wir uns dieses Schema teuer erkämpft und erarbeitet haben. Ich hoffe, Ihr würdigt das entsprechend“, beendete Astamalia ihren Bericht und sah ihre drei Kameraden fragend an, ob sie etwas vergessen hätte.
Elaydren lächelte und betrachtete den Stern in ihren Händen voll Wohlwollen.
Nachdem sie Säbel besiegt hatten, war es vor allem darum gegangen, Adamant wieder funktionstüchtig und Thalaën wieder zu Bewusstsein zu bekommen. Die Rückkehr in die oberen Bereiche des Turmes und am Ende in die Oberstadt war sogar ohne weitere unerwünschte Zwischenfälle geschehen.
„Wahrlich. Eine gute Arbeit. Der versprochene Lohn ist Euer“, stimmte Elaydren zu und schob ihnen einen dicken Beutel über den Tisch. „Ihr seid euch im klaren, dass dies nur das erste Teil eines verschollenen Artefakts war, welches mein Haus sucht? Würdet Ihr bei einer weiteren Suche ebenfalls zur Stelle sein? Die Belohnungen werden ebenfalls sehr großzügig sein.“
„Warum nicht“, stimmte Thalaën zu.
„Solange es nicht gegen die Doktrin der Flamme geht.“
„Ich hoffe, das nächste Mal in bessere Gefilde, und nicht wieder durch Abwasserkanäle.“
„Ein Wald wäre schön.“
Elaydren lächelte.
„Dann sind wir uns wohl einig. Seht einfach regelmäßig in der Nachrichtenstation von Haus Sivis im Barminturm vorbei. Sobald ich neues über den Aufenthalt der weiteren Teile erfahre, werde ich euch dort eine Nachricht hinterlegen lassen. Bis dahin: Gehabt Euch wohl.“
Sie verneigte sich, nahm das Schema an sich und verließ den Geborstenen Amboss.
„Und ich gehe jetzt erst einmal schlafen“, stellte Astamalia klar. „Wirtin, habt Ihr Zimmer zum Vermieten?“

***

Entermesser war mehr als nur wütend als der dritte Bote ihn erreichte. Seine Agenten waren gescheitert. Anscheinend musste man sich wahrlich um alles selbst kümmern. Aber zuvor musste er den Fürsten informieren. Immerhin bestand auch eine geringe Chance, dass er selbst ebenfalls scheitere. Dann musste der Fürst jemand neuen schicken, der nicht so versagen würde.
Aber das würde nicht eintreten. Entermesser nahm sich fest vor, den Fürsten nicht zu enttäuschen und das Schema in seinen Besitz zu bringen. Und wenn es die letzte Tat in seinem Leben wäre.
Stopper der Grausamen Flut, Töter des Erben des Feuers, Vernichter der Kadaverkrone und Erlöser des Fluchs des Purpurthrons.

Hunter

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    • Savage Tide
Schatten der Vergangenheit
« Antwort #7 am: 04. Januar 2008, 15:53:14 »
Das erste Abenteuer hat die Gruppe bestanden. Doch ihre Gegner lassen ihnen nicht viel Zeit zum verschnaufen. Vor allem der Kriegsgeschmiedete Messer hat noch eine Rechnung mit den vieren offen.

Nacht des Messers

Astamalia fühlte sich wie neu geboren, als sie den Schankraum Zum geborstenen Amboss betrat. Was ein warmes Zimmer, ein weiches Bett und eine heiße Wanne am morgen ausrichten konnten, war schier unglaublich. Vor allem, wenn man die Gewissheit hatte, dass es draußen wieder einmal in Strömen regnete.
Erstaunt musste sie feststelle, dass sie, trotz der noch recht frühen Stunde, die letzte am Tisch war. Adamant blätterte in einer Zeitung, Thalaën pflegte seine Ausrüstung und Esra schien sich durch die gesamte Speisekarte zu essen.
„Morgen! Was gibt es neues?“, fragte sie und setzte sich auf den letzten freien Stuhl.
„Wir stehen in der Zeitung“, murrte Adamant, ohne aufzusehen.
„Tatsächlich? Weswegen?“
„Wegen des kleines Zwischenfalls auf der Brücke mit unserem Freund Bonal Geldem. Wir werden in diesem Artikel des Sharner Kobolds als eine Gruppe zwielichtiger Gestalten beschrieben. Das ist kein guter Ruf für einen Mann im Dienste der Silbernen Flamme.“
Astamalia verdrehte ihre Augen. Der Kleriker hatte Probleme! Sie konnte nur hoffen, dass ihr Name in diesem Zusammenhang nicht gefallen war. Am Ende würde sie sonst auch noch aus ihrem Haus verbannt werden, der letzten Organisation, die ihr noch verblieben war.
„Entschuldigt, seid ihr die Gruppe, welche für Elaydren d’Cannith arbeitet“, erklang plötzlich die Stimme eines jungen Mannes.
„Wer will das wissen?“, fragte Astamalia.
„Ja“, antwortete Adamant, was ihm ein Kopfschütteln der Magierin einbrachte.
„Die Dame lässt euch diese Schlüssel zukommen. Sie gehören zur Wohnung es Dekans. Da er keine Verwendung mehr dafür hat und es auch sonst niemanden gibt, der sie in Anspruch nehmen könnte, dachte die Dame, dass Ihr sie vielleicht haben wollt.“
„Eine eigene Wohnung in Sharn? Guter Bonus“, war Astamalia erstaunt und griff nach dem Schlüsselbund. „Wir kennen die Adresse, danke“, schickte sie den Boten wieder weg.
Auf dem Bund befanden sich fünf schwere Schlüssel, die alle identisch aussahen.
„Sieht so aus, als bekäme jeder von uns seinen eigenen.“

Adamant lag wieder einmal auf der Zunge, dass er eigentlich eine Unterkunft hier in Sharn besaß. Aber wahrscheinlich war es besser, bei der Gruppe zu bleiben. Dabei fiel ihm ein, dass es vielleicht klug ein könnte, Nerina Lichtringer über das Ableben ihres Freundes zu informieren. Zudem konnte er sie dann auch über den Kult der Todlosen befragen. Vielleicht gab es eine offizielle Stellung der Flamme zu diesem doch sehr suspekten Glauben. Er konnte ihr ja von der Wohnung aus einen Brief schicken. Oder wäre es passend, sie persönlich aufzusuchen? Nein, vielleicht fühlte sie sich durch sein plötzliches Auftauchen gestört. Immerhin war sie eine sehr schwer beschäftigte Persönlichkeit.
„Wollen wir noch heute diese Nachrichtenstation aufsuchen?“, fragte Esra.
„Wird wohl noch nicht sehr sinnvoll sein. Es ist kaum anzunehmen dass seit gestern Abend eine Nachricht eingetroffen ist. Aber wir könnten uns in diesem Fall einmal informieren, wo genau sie sich befindet. Zuallererst sollten wir aber diese Wohnung inspizieren“, schlug Astamalia vor. Und es klang wirklich so, als würde sie es vorschlagen und nicht so, als würde sie es befehlen. Sie schien recht rasch zu lernen, dass sie so bei der Gruppe mehr erzielte.
„Und ich muss auf einen Markt hier in der Umgebung“, stellte Thalaën klar. „Ich brauche dringend eine neue Rüstung. Dieses leichte Ledergewand hat mit bei den letzten Kämpfen zwar gute Dienste erwiesen, aber es schützt mich einfach zu schlecht gegen die schweren Schläge, denen ich bei diesen Abenteuern anscheinend fast ununterbrochen ausgesetzt bin. Die Wesen hier auf Khorvaire kämpfen anders als die Kämpfer meiner Heimat. Viel mehr mit Gewalt und Kraft und weniger mit Eleganz und Stil“, bemäkelte er.
„Na dann haben wir ja bereits eine ausrechende Tagesbeschäftigung. Lasst uns packen und unser neues Heim bewundern!“, setzte Astamalia das Zeichen zum Aufbruch.

***

Esra wanderte hinter den anderen her über die Brücken von Sharn. Es war eigentlich das erste Mal, dass sie am Tage durch diese riesige Stadt marschierte. Und auch wenn es ihr nicht wirklich gefiel, so war es doch auf jeden Fall sehr beeindruckend. Aber auch irgendwie beängstigend groß.
Es war ein Unterschied zu wissen, dass eine Stadt so und so viele Einwohner hatte und sich dann selbst in einer Stadt zu befinden. Sie wusste, dass es alleine hier in Breland Millionen Einwohner gab, aber irgendwie hatte sie sich solche Zahlen nie wirklich vorstellen können. Das war wahrscheinlich auch der Grund warum sie so blauäugig hierher aufgebrochen war, um ihren Bruder zu suchen. Es würde doch schier unmöglich sein, hier eine Spur von ihm zu finden.
Sie konnte ja kaum den nächst besten Passanten ansprechen und ihn nach einem Wandler fragen, der Divar Emorien heißt. In Grünherz, der Hauptstadt des Eldeenreiches, hätte sie keine solche Scheu gehabt. Aber Grünherz war ein kleines Bauerndorf gegen das hier.
„Das scheint es zu sein!“, rief Adamant und deutete auf eine Treppe, die über mehrere Stufen zu einer schweren Tür hinabführten.
Esra sah sich um. Das was sie in der Umgebung sah, gefiel ihr. Die Wohnung lag eindeutig in einem der besseren Bezirke der Stadt. Die Straßen waren sauber, es herrschte wenig Betrieb und überall waren kleine Beete oder Gärten für Bäume angelegt.
Adamant stieg die Stufen nach unten und öffnete die Tür. Nach und nach traten sie ein.
Auch das Innere war ganz nach Esras Geschmack. Sie standen auf einer ausladenden Galerie, die sie ein wenig an den Glitzerstaubklub erinnerte. Je zwei Türen gingen links und rechts weg, eine schmale Wendeltreppe führte nach unten. Der zentrale Raum der Wohnung schien eine Mischung aus Esszimmer, Wohnzimmer und Bibliothek zu sein. Zumindest stand ein großer Esstisch mit zehn Stühlen im Raum, mehrere Sofas waren wohl arrangiert und die Wände waren durch hohe Bücherregale und Vitrinen verborgen. Letzteres galt aber auch für die Galerie. Wohin man blickte waren alte Gegenstände und Bücher in Regalen zu sehen.
„So lebt also ein Professor? Nicht sehr gemütlich“, meinte Thalaën und schien den Staub zu betrachten, der wie ein Schleier in der Luft hing.
Während die anderen nachsahen, was sich hinter den Türen verbarg, sah sich Esra die Gegenstände genauer an. Einige davon konnte sie sogar zuordnen und den einen oder anderen bildete sie sich ein schon einmal gesehen zu haben. Es waren Mitbringsel des Professors aus dem Eldeenreich. Von Orten, zu denen sie und Matuc ihn geführt hatten. Sie fand sogar das Kohlebild eines Portalrings, das er damals mitten im Titanenwald gezeichnet hatte. Der Mann war schon sehr seltsam gewesen.
Andere Gegenstände ordnete sie nach Gutdünken den Elfen von Aerenal oder Valenar zu. Ganz einfach deswegen, weil sie vom Stil her zu Thalaën passten. Manche Ausstellungstücke schienen um zigfach vergrößerte normale Alltagsgegenstände zu sein; nur uralt.
„Der Professor scheint viel herumgekommen zu sein“, sagte sie mehr zu sich, als zu jemand bestimmten.
„Ja, er war eine beachtliche Persönlichkeit und verdiente sich in jeder Beziehung meinen Respekt“, antwortete ihr Thalaën dennoch und begutachtete dabei eine alte Vase, welche Elfen mit Totenmasken zeigte.
„Unglaublich diese Wohnung!“, hörte man da Astamalias Stimme von unten. „Wir haben fünf Schlafzimmer, wovon eines dem Professor gehört haben dürfte. Der Mann hatte wohl oft Besuch. Eine Küche und eine gut gefüllt Speisekammer. Ein Badezimmer mit fließendem Wasser. Oh! Ein Arbeitszimmer; das nehme ich!“, rief sie begeistert.
Esra schüttelte den Kopf und besah sich die Schlafzimmer. Sie waren einfach, nicht zu groß, nicht zu klein. Auf jeden Fall mindestens genauso komfortabel wie ihr Zimmer in Grünherz. Nur der Ausblick auf den Wald fehlte. Man musste eben immer irgendwelche Abschläge in kauf nehmen.

Adamant stand etwas verlassen in einem der Schlafzimmer, welche er spontan für sich ausgesucht hatte. Er konnte die Begeisterung der anderen über diese Art von Basis nicht teilen. Er konnte die Nacht über auch auf einer der Brücken in Sharn stehen. Er brauchte kein Zimmer, kein Bett. Bestenfalls einen Waffenständer für sein Schwert; sein Schwert das gestern noch einem anderen Kriegsgeschmiedeten gehört hatte. Astamalia hatte festgestellt, dass es magisch war. Außerdem lag es besser in der Hand als sein altes, welches er heute noch auf dem Markt verkaufen wollte.
Es war seltsam. Diese Kriegsgeschmiedeten kämpften ebenso besessen für eine Sache an die sie glaubten, wie Adamant bereit wäre – zumindest glaubte er das – für die Sache der Silbernen Flamme zu kämpfen. Beide Seiten dachten von sich aus, sie wären die Guten und im Recht. Gab es verschiedene Ansichten von Gut und Böse? Nun, auf jeden Fall war es nicht gut Menschen zu ermorden, nur um der Sache willen!
Er seufzte.
Das Lebe in der Kirche war einfacher gewesen. Freier von Fragen und Zweifeln. Aber wahrscheinlich gehörte das zu den Prüfungen der Flamme. Ebenso, wie es wahrscheinlich eine Aufgabe war, herauszufinden, was mit seinem Freund Thalas geworden war. Thalas Feuerkamm, den er während der Letzten Jahre des Krieges bewacht hatte, der sein Freund geworden war, der ihm die Lehren der Kirche beigebracht hatte und der schließlich vor seinen Augen verschwunden war.
Nur ihm verdankte er es, dass er nun mit der Silbernen Flamme einen Halt im Leben der Menschen gefunden hatte. Ihm und Nerina, welche ihn so freundlich in ihrem Tempel aufgenommen hatte. Nerina! Er wollte ihr noch einen Brief schreiben.
Er durchsuchte seinen Rucksack, in dem sich immer noch die Schätze befanden, die er in der verlassenen Schmiede gefunden hatte, und fand etwas Pergament und Papier.
Er überlegte kurz und begann dann zu schreiben:

Verehrte Nerina,
Ich bin mir sicher, dass Ihr es bereits gehört habt: Euer Freund Bonal Geldem wurde von einem niederträchtigen Attentäter des Klingenfürsten ermordet! Die anderen Abenteurer, die Bonal für seine Expedition angeheuert hatte, und ich kamen leider zu spät, als dass wir ihm noch hätten helfen können. Immerhin war es uns möglich, seinem Mörder eine gerechte Strafe zukommen zu lassen. Bonals Verletzungen waren sehr schwer und so fürchte ich, dass sein Tod endgültig ist. Ich bin jedoch überzeugt, dass er nun an der Seite der Silbernen Flamme den Kampf gegen das Böse fortsetzt.
Nach Bonals Ermordung stellte ich mich in die Dienste seiner Partnerin, der Dame Elaydren d'Cannith, um sein Werk fortzusetzen, insbesondere da ich auf diese Art die üblen Pläne des Klingenfürsten durchkreuzen kann. Wir haben bereits unseren ersten Auftrag erfolgreich erledigt und verweilen immer noch hier in der Stadt, im geborstenen Amboss. Ich dachte mir, Euch einen Brief per Bote zu schicken ist einfacher, als im Tempel vorbei zu schauen, da Ihr sicherlich mehr als genug Dinge zu erledigen habt.
In einer Sache bitte ich Euch jedoch um Euren Rat: In der Gruppe von Abenteurern, die sich mit mir auf diese Expedition begeben haben, befindet sich ein Elf namens Thalaën Tedaé, der behauptet dass in seinem Reich die längst verstorbenen Ahnen als "Todlose" regieren und verehrt werden. Obwohl mich seine Klinge, ein zweischneidiger Krummsäbel, zugegebenermaßen fasziniert, ist mir dieser Kult sehr verdächtig. Thalaën ist ein hervorragender Kämpfer, doch ist es ganz klar falsch, die Toten, wenn sie Gutes getan haben, und deshalb bestimmt ihren Platz an der Seite der silbernen Flamme einnehmen dürften, zurück zu holen!
Bisher vermied ich eine gewaltsame Konfrontation mit ihm, da ich der Meinung bin, dass er unserem Auftrag und somit der Silbernen Flamme durchaus nützlich sein kann. Außerdem sagt mir mein Gefühl, so wie Ihr es immer nennt, das dieser Elf kein bösartiges Wesen ist und die Feinde der silbernen Flamme sicher ebenso bekämpfen würde wie wir.
Ich werde mich jedoch hüten, meine Wachsamkeit zu vernachlässigen, denn wie wir wissen, warten die Diener Khybers oft an den unerwartetsten Plätzen! Wie soll ich Eurer Meinung nach weiter vorgehen? Schreibt mir einfach zurück, wenn Ihr zwischen all Euren Aufgaben die Zeit dazu findet, es besteht kein Grund zur Eile.
Euer treuer Diener,
Adamant


Er las sich den Brief noch einmal durch und beschied ihn als ganz tauglich. Auch wenn er länger geworden war, als beabsichtigt. Aber es war gut gewesen, all seine Gedanken einmal zu Papier zu bringen.
„Adamant, komm, wir suchen diese Nachrichtenstation!“, rief Esra von draußen.
Er wuchtete seinen massigen Körper hoch, ergriff seinen Wappenrock und seine Waffen, verstaute den Brief und eilte den anderen nach.

***

Thalaën hatte bereits von diesen Nachrichtenstationen gehört. In Pylas Tlaer auf Aerenal gab es auch eine, jedoch hatte er sie noch nie benutzt. Und er hatte auch erst eine einzige Nachricht durch diese Art der magischen Nachrichtenübermittlung erhalten. Und dieser Brief hatte ihn hierher nach Sharn verschlagen.
Bis jetzt hatte er den Sinn der Nachrichtenstationen nicht ganz verstanden; Boten waren doch mindestes genauso effektiv. Aber nun, da er sich tausende Kilometer von der Heimat entfernt aufhielt, fand er sie doch ganz praktisch. Sie würden es ihm ermöglichen den einen oder anderen Brief an seinen Bruder zu schreiben. Er sollte bei Gelegenheit noch einmal daran denken.
Die Nachrichtenstation des Barminturmes befand sich in der obersten Etage des Turms und war ein kleiner runder Raum, in dem nur drei Gnome Dienst taten. Eine hübsche Gnomin, die etwas zu stark geschminkt war, stand hinter der Theke und blickte sie bei ihrem Eintreten freundlich an. Im Hintergrund waren zwei der legendären Sprechsteine zu sehen, vor jedem saß ein Gnom und schrieb fleißig vor sich. Der restliche Raum war mit kleinen Tischen voll gestellt, auf denen überall mehrere Blatt Pergament, ein Fässchen Tinte und eine Feder lagen.
Astamalia trat zielbewusst an die Theke heran.
„Guten Tag. Gibt es eine Nachricht von Elaydren d’Cannith für Astamalia d’Lyrandar?“
Die Gnomin lächelte weiter freundlich.
„Einen Augenblick.“
Sie trippelte an ein riesiges Bücherregal heran, welches voll mit Büchern mit schwarzen Einbänden war. Scheinbar wahllos zog sie eines daraus hervor, blätterte kurz darin und stellte es wieder zurück.
„Leider nein.“
„Gibt es eine Möglichkeit, dass Sie uns informieren, wenn eine Nachricht für uns eintrifft?“, fragte Thalaën.
„Leider nein. Botendienste übernimmt nur das Haus Orien. Sie müssen schon persönlich hierher kommen. Das kann Ihnen leider niemand abnehmen. Kann ich Ihnen sonst noch helfen?“
„Ich würde gerne diesen Brief aufgeben“, drängte sich Adamant vor und legte den Brief mitsamt einem Silberregenten auf den Tisch.
„Außerdem können Sie uns sicherlich noch einen guten Markt in der Gegend empfehlen, an dem man Rüstungen kaufen kann?“, hakte Thalaën nach.
Mehrere Leute im Raum drehten sich erstaunt zu ihm um, wandten sich aber rasch wieder ihren Briefen zu.

***

Elaydren blickte zitternd um die nächste Häuserecke. Obwohl es erst Nachmittag war, war es beinahe stockdunkel. Ein schweres Gewitter hing über der Stadt. Sie war bis auf die Knochen durchnässt und sie zitterte. Auch wenn sie nicht wusste, ob aus Angst oder aus Kälte.
Doch im Moment schien sie in Sicherhit zu sein.
Wer hätte damit gerechnet, dass ausgerechnet sie sich verstecken musste! Aber vor diesem Meuchelmörder war sie sonst nirgends sicher. Weder in ihrer Villa – die nicht auf ihren Namen gemeldet war – noch sonst wo.
Sie musste die Informationen die sie bei sich hatte unbedingt los werden und dann untertauchen, aus der Stadt verschwinden. Irgendwie.
Aber zuerst musste es ihr gelingen die Abenteurer zu erreichen.
Eine Nachrichtenstation! Sie brauchte dringend eine Nachrichtenstation.
Verdammt!
Wo in der Gegend war die nächste?
Elaydren, konzentriere dich, schalt sie sich selbst.
Dann fiel es ihr wieder ein und sie wandte sich um…
… und schrie auf.
Nur wenige Meter entfernt stand er, in seinen schwarzen Umhang gehüllt und starrte sie aus ausdruckslosen Augen an. Eine seiner Hände war unter dem Umhang verborgen und sie wusste, dass seine Hand auf einem Schwertgriff lag.
Elaydren rannte los, stolperte vor Angst über irgendetwas du fiel hart in den Schlamm auf der Brücke, rappelte sich hoch, rannte weiter.
Bloß nicht umdrehen!
Nur diese Nachricht losschicken und dann? – Vielleicht direkt zu Bonal Geldems Wohnung? Aber das war am anderen Ende der Stadt. Nein die Nachricht musste reichen.
Sie hechtete weiter, die dunkle Gestalt sah ihr nach.
„Verfolg sie, aber lass dich dabei nicht erwischen. Ich kümmere mich inzwischen um wichtigeres.“
„Ja, Meister“, bellte das Wesen und hoppelte Elaydren durch den Regen nach.

***

Arkaban blickte nach draußen und freute sich, heute nicht mehr über die Wege auf die Universität hetzen zu müssen. So ein Wetter aber auch. Man merkte, dass der Frühling in Sharn heraufzog. Wahrhaft scheußlich. Vielleicht sollte er sich doch einmal an einer anderen Universität bewerben. Irgendwo, wo das Wetter besser war.
Genau das würde er morgen machen.
Aber jetzt galt es noch die Prüfungen zu korrigieren.
Er hasste es Lehrveranstaltungen für das erste Semester zu halten. Diese Studenten von heute hatten so wenig Ahnung! Bei manchen hatte Arkaban die Befürchtung, dass sie nur aufgenommen worden waren, weil sie viel versprechende Glücksritter im Namen der Universität waren.
Auch ein Grund sich nach einem neuen Posten umzusehen.
Zumal das Leben in Sharn auch nicht sehr sicher war. Was der überraschende Tod seines Kollegen und Freundes Bonals bewies.
Es klopfte an der Tür.
Arkaban stutzte. Er erwartete keinen Besuch mehr.
Es klopfte erneut. Nein, es klopfte nicht! Jetzt schlug jemand gegen die Tür!
Mit einem Krachen brach das Schloss heraus und eine massige Gestalt trat herein. In der Hand schwang sie ein gefährlich aussehendes Langschwert.
„Da… das Geld ist unter dem Bett“, stammelte Arkaban.
„Ich will dein Geld nicht, Fleischlicher. Was weißt du über das Schema?“
„Schema? Welches Schema?“
Arkaban spürte, dass ihn die Angst lähmte. Er konnte sich nicht konzentrieren, hatte keine Ahnung, was diese Gestalt von ihm wollte. Alles schien so irreal zu werden.
„Was weißt du über das Schema?“, wiederholte der Einbrecher.
Von draußen waren Stimmen zu hören. Jemand rief nach einer Wache.
Die Gestalt drehte sich um, sie schien ärgerlich zu sein.
„Rette dein Leben und sprich.“
Doch selbst wenn Arkaban in diesem Moment gewusst hätte, worum es ging, er konnte nicht sprechen. Er konnte nicht einmal schreien.
So kam auch kein Laut über seine Lippen, als die Gestalt ihm das Schwert direkt ins Herz rammte. Das sie sich dann ihre Waffe an seinem teuren Teppich abwischte und wieder auf die regnerische Straße hinaustrat, bekam er schon nicht mehr mit.
Er war tot.

***

Elaydren war erleichtert, als sie wieder aus der Nachrichtenstation kam. Ihre Verfolger schien sie abgehängt zu haben. Jetzt konnte sie den Abenteurern in Ruhe ihre Ausrüstung hinterlegen und untertauchen, bis sie selbst wieder aus der Schussbahn war.
Noch einmal blickte sie die Straße hinauf und hinunter. Keine große Gestalt im Umhang.
Sehr gut.
Doch was war das? Dieses kleine humanoide Wesen mit reptilienartigem Gesicht war ihr zuvor schon aufgefallen. Es war auch in der Nachrichtenstation gewesen. Jetzt hoppelte es mit erstaunlicher Geschwindigkeit durch den Regen davon.
Anscheinend war sie doch nicht so sicher, wie sie dachte. Und sie musste die vier warnen. Zum Glück hatte sie noch einige Bekannte in der Stadt. Dazu gehörte auch ein Trainer von Haus Vadalis. Der würde ihr jetzt am besten weiterhelfen können.

***

Susanna blickte ungeduldig aus dem Fenster. Nicht mehr lange und sie könnte Schluss machen für heute und sich mit diesem hübschen jungen Gnom treffen, den sie vor kurzem kennen gelernt hatte. Sie zückte ihren Taschenspiegel, zum wiederholten Male, um sich zu betrachten. Hoffentlich gefiel ihrer Eroberung, das was sie ihm hier zu bieten versuchte.
Hinter ihr begann einer der Steine zu flüstern. Auch das noch.
Sie holte sich den Stein nach vor und lauschte der Nachricht. An diese Gruppe, die sie schon seit einer Woche täglich aufsuchte und fast schon etwas lästig wurde. Wenigstens ein Problem weniger für die kommende Zeit.
Die Tür ging auf und ein Windstoß kam herein.
Sie seufzte.
Immer das gleiche, wenn man dachte, dass für einen Tag alles geschafft wäre.
Sie setzte ihr professionelles Lächeln auf, doch das verfiel ihr gleich wieder. Eine riesige Gestalt, in einen dunklen Umhang gekleidet, stand in der Tür. Neben ihr hüpften einige kleine Gestalten, mit Speeren bewaffnet in den Raum.
Das war eindeutig nicht die normale Kundschaft.

***

„Kommt schon, sonst schließt die Station noch, bevor wir da sind!“, versuchte Astamalia die andern zur Eile anzutreiben.
Donner grollte in der Ferne, als die Gruppe die regennasse Himmelsbrücke zum Barminturm im Laufschritt überquerte. Der Regen ließ wahre Wasserfälle von den geschwungenen Dächern und Balkonen rauschen, alle waren bis auf die Knochen durchnässt.
Dennoch blieb Thalaën, der den anderen voraus war, plötzlich abrupt stehen.
Er deutete in den Regen vor sich, wo man die Eingangstür der Nachrichtenstation sehen konnte.
„Seht!“, rief der Elf. Die Eingangstür hing seltsam schräg, eine der Angeln war aus dem Türrahmen gebrochen.
Mit einer fließenden Bewegung zog Thalaën seine Waffe vorm Rücken und pirschte weiter. Auch die anderen griffen nach ihren Waffen.
Thalaën schlüpfte ins Innere.
„Scheint feindfrei“, meldete er.
So wie damals in der Schmiede, fragte sich Astamalia, sagte aber nichts und folgte dem Kämpfer.
Im Inneren lagen die Tische und Hocker der Nachrichtenstation kreuz und quer herum, manche auf einen Haufen geworden, andere zertrümmert. Hinter der Theke, auf einem umgeworfenen Regal für Schriftrollen, lag die gnomische Angestellte, die sie von ihren früheren Besuchen kannten. Die Gnomin war bewusstlos, aber offenbar noch am Leben.
Adamant rannte zu ihr und kniete sich neben sie um sie zu heilen. Thalaën sicherte den Eingangsbereich. Esra wiederum besah sich im schwachen Licht, welches von draußen herein schien, die Spuren, die überall im Raum verteilt waren.
„Ein Kriegsgeschmiedeter, vier kleinere Kreaturen; aber ich kenne die Spuren nicht“, murmelte sie.
Hinter der Theke erlangte die Gnomin das Bewusstsein wieder.
„Wo? Wer? Ach ihr!“, stöhnte sie und setzte sich auf, sah sich verwirrt um. Dann sprang sie plötzlich auf:
„Die Nachrichten! Ich muss nach den Nachrichten sehen!“
Sie rannte zu den Regalen, in dem die Nachrichten aufbewahrt waren und ihre Finger fuhren die Reihen von Büchern und Pergament entlang.
„Was ist hier geschehen?“, fragte Adamant, nachdem sie sich etwas beruhigt hatte.
„Ein Kriegsgeschmiedeter und vier Kobolde drangen kurz vor Dienstschluss hier ein. Der Geschmiedete fragte, ob es eine Nachricht für Euch gäbe, Astamalia d’Lyrandar. Es war ein erstaunlicher Zufall, denn ich hatte gerade eine Nachricht für Euch durch den Sprechstein erhalten und notiert. Ich muss wohl auf das Pergament in meinen Händen geblickt haben, denn im nächsten Moment griff er sich die Nachricht mit der einen Hand und schlug mich mit der anderen nieder. Das ist das letzte, woran ich mich erinnere“, plapperte die Gnomin drauf los.
„Weißt du noch, von dem die Nachricht war?“, fragte Astamalia, auch wenn sie befürchtete, die Antwort bereits zu kennen.
„Das darf ich nicht sagen“, flüsterte die Gnomin.
„Bitte“, forderte sie Adamant auf. „Es könnte sehr wichtig sein. Es könnte um viele Leben gehen.“
„Sie war von Dame Elaydren d’Cannith“, flüsterte Susanna.
„Verdammt“, fluchte Astamalia. „Das war wahrlich ein schlechter Zeitpunkt. Wir sollten in die Wohnung zurückkehren. Vielleicht meldet sich Elaydren auch dort, wenn es sehr dringend war.“
„Das darf doch nicht wahr sein! Schon wieder ihr?“, erklang da eine bekannte Stimme von der Tür. Feldwebel Dolom mit zwei seiner Wachen stand darin und funkelte die Abenteurer wütend an. „Diesmal werden einfache Papiere nicht reichen, um Euch aus der Affäre zu ziehen!“
„Wir kamen aber erst hier an, nachdem dieser Überfall stattgefunden hatte!“, verteidigte sich Astamalia. „Und wir haben dieser Gnomin wahrscheinlich das Leben gerettet.“
„Das ist wahr“, unterstützte Susanna diese Aussagen. „Ein Kriegsgeschmiedeter mit vier Kobolden hat das hier angerichtet. Diese vier hier sind Kunden, die nur zufällig hier waren und denen noch dazu eine Nachricht gestohlen wurde. Beschuldigt nicht die zahlende Kundschaft von Haus Sivis. Kümmert Euch lieber um die wahren Verbrecher“, brauste die kleine Gnomin auf.
„Gut“, brummte Dolom, über die Entwicklung der Ereignisse sichtlich nicht begeistert. „Aber geht mir aus den Augen und versucht Euch aus Schwierigkeiten herauszuhalten.“

Als sie wieder ins Freie traten, hatte der Regen etwas abgenommen. Esra wunderte sich, dass die Wache so unfreundlich war. Sollte sie nicht eigentlich nicht dafür da sein, die Menschen zu beschützen, anstatt sie zu beschuldigen.
„Und jetzt? Zurück in die Wohnung?“, fragte Astamalia in diesem Moment.
„Ich denke auch, dass das, das Beste wäre“, stimmte Adamant zu.
Sie eilten weiter, während Esra den Schluss bildete und diese Zeit, in der niemand etwas sprach, nutzte, um weitere Eindrücke der Stadt in sich aufzunehmen.
An einer Turmrundung hatte etwa ein Dutzend Leute Schutz vor dem Regen auf einer überdachten Terrasse gesucht.
Eine Horde Kinder sprang lachend und johlend in den Pfützen nahe der Turmmauer herum.
Ein Händler zog seinen leeren Karren über die Brücke.
Eine Stadtwache Sharns beobachtete gelangweilt die Menge von ihrem trockenen Platz – einem Ladeneingang – aus.
Das nächste, was Esra ins Aug fiel kannte sie ebenfalls, aber sie konnte es für einen Augenblick nicht zuordnen.
Ein riesiger gefiederter Schatten fiel auf sie. Sie blickte nach oben und erblickte eine Rieseneule, die lautlos einen Bogen über ihr beschrieb und dabei rasch tiefer sank. Sie kannte diese beeindruckenden lautlosen Räuber aus den Wäldern ihrer Heimat. Aber den Vogel hier, inmitten der Stadt zu sehen, erstaunte sie doch etwas.
Nur knapp über Adamants Kopf – der darüber zusammenzuckte – fing die Eule ihren Sturz ab und ließ eine Rolle aus ihren Klauen vor die Füße des Klerikers fallen, um sich im selben Augeblick mit einem kräftigen Flügelschlag wieder in die Höhe zu schwingen.
„Was war das denn?“, war Astamalia erstaunt und blickte dem verschwindenden Vogel nach.
Esra kniete nieder und hob den Behälter auf. Es war ein einfacher Schriftrollenbehälter und enthielt ein einfaches Stück Pergament.
„Scheint von unserer Auftraggeberin zu sein“, teilte Esra ihren Fund den anderen mit und las vor:
„Abenteurer,  die üblichen Kommunikationswege scheinen aufgeflogen zu sein, also sende ich euch diesen besonderen Boten, um euch persönlich aufzusuchen und den Brief zu überbringen. Ihr habt mir schon einmal einen Gefallen getan, und nun brauche ich erneut eure Hilfe. Die Zeit drängt. Ich habe das Gefühl, dass unsere Feinde mich entdeckt haben und mir nachstellen.
Trefft mich um Geborstenen Amboss, wo wir schon letztens Arbeit und Lohn besprachen. Handelt rasch, denn ich glaube, dass wir alle in schrecklicher Gefahr schweben.
Eure Patronin, Dame E.“

„Klingt dringend“, meinte Thalaën und wischte sich tropfendes Wasser von der Nase.
„Aber ist es echt? Oder eine Falle?“, war sich Astamalia nicht so sicher.
Die Magierin schien nur selten jemandem zu trauen. Sie musste schwere Enttäuschungen in ihrem Leben gemacht haben, dachte Esra bei sich. Denn selbst sie, die sich mit den vielen neuen Menschen schwer tat, da sie bis jetzt alle ihre Bekannten ihr Leben lang gekannt hatte,  hatte mehr vertrauen in ihre Umgebung als diese Halb-Elfe.
„Wir werden nur eine Möglichkeit haben, es herauszufinden“, sagte sie deshalb. „Wir werden uns mit Elaydren im Geborstenen Amboss treffen.“

***

Die Etage des Maurerturms, in dem sich der Geborstene Amboss befand lag verlassen und friedlich da. Im Inneren war es angenehm trocken und warm, auch wenn, wie überall dieser Tage in Sharn, eine unangenehme Schwüle herrschte. An den Wänden hingen Immerhelle Laternen, die ein angenehmes Licht abgaben.
Alles wirkte einfach nur schrecklich normal, unschuldig und einfach friedlich.
Wahrscheinlich war das der Grund, warum Thalaën all dem nicht wirklich traute und sein Schwert griffbereit in der Hand hielt. Was er dabei für einen Eindruck bei den anderen machte war ihm im Moment egal.
Auch wenn er sich weder vor dem Tod noch vor Schmerzen im allgemeinen fürchtete, so musste man doch kein unnötiges Risiko eingehen. Und einer mysteriösen Einladung zu folgen, in der davon die Rede war, dass potentielle Angreifer überall sein konnten, war für ihn ein guter Anlass, vorsichtiger zu sein, als er ohnedies immer war. Schließlich musste man den Tod auch nicht herbeisehnen.
Im Moment jedoch, schien keine Gefahr zu drohen.
Der Geborstene Amboss hatte heute Abend nur einen Gast, der in einer dunklen Ecke saß – sofern man in dieser hell erleuchteten Schenke von einer dunklen Ecke sprechen konnte.
Die Gestalt trug einen schäbigen, abgewetzten braunen Mantel und hob die Hand, als würde sie einen Zauber wirken wollen. Doch dann hielt sie erschrocken inne und zog ihre Kapuze zurück.
Darunter kam das Gesicht von Elaydren d’Cannith zum Vorschein.
Überrascht über ihre Erscheinung hob Thalaën eine Augenbraue.
Bei ihren letzten beiden Treffen hatte die Dame edle Kleider und teuren Schmuck getragen. Heute war ihr Gesicht mit Schlamm beschmiert und unter dem Umhang trug sie ebenso schmutzige wie einfache Reisekleidung.
Sie winkte ihn und seine Kameraden heran.
„Schnell, schnell!“, zischte sie mit angespannter Stimme. „Olladra sein Dank, dass ihr hier seid! Wir haben keine Zeit zu verlieren!“, drängte sie.
„Was ist denn los?“, verlangte Astamalia zu wissen.
Währenddessen hob Elaydren einen abgetragen wirkenden Lederrücksack auf den Tisch. Er schien leicht, fast leer zu sein.
„Wir haben keine Zeit für lange Erklärungen“, schüttelte Elaydren den Kopf. „Alles was ihr wissen müsst, mitsamt meinen Anweisungen, Gold und Vorräten befinden sich in diesem Rucksack. Nehmt ihn und geht. Der Brief in der linken Tasche wird alles erklären, aber beeilt euch. Glaubt mir, wenn ihr diese Aufgabe erfüllen könnt, wird die Belohnung immens ein!“
„Vielleicht könntet Ihr dennoch etwas genauer werden…“, setzte Astamalia noch einmal an.
Doch in diesem Moment flog die Tür zur Straße hin auf. Vier kleine Gestalten sprangen in den Raum – Kobolde! Paarweise bewegten sie sich zu den Seiten des Raumes. Eine fünfte Gestalt folgte ihnen, ein wuchtiger Humanoider in einem dunklen Kapuzenmantel, in der Hand eine leichte Armbrust. Ohne lange zu zögern hob er sie und feuerte einen Bolzen auf Elaydren, der dicht neben ihrem Kopf in der Wand stecken blieb.
Sie schrie erschrocken auf und ihr Gesicht verlor alle Farbe.
„Pai! “, rief Thalaën, der das theatralische Auftreten der Gruppe genutzt hatte um nach Pfeil und Bogen zu greifen und schoss einem der Kobolde zielgenau zwischen die Augen. Jaulend kippte das Wesen nach hinten.
Dann brach auch schon das Chaos los.
Astamalia zauberte ein Magisches Geschoss dass in der Brust der massigen Gestalt wanderte, Esra beförderte einen weiteren Kobold nach Dollurh. Adamant rannte stampfend auf einen weiteren zu.
Und Elaydren? – sie hielt plötzlich eine kleine Perle in der Hand und war im nächsten Augenblick verschwunden.
Tolle Hilfe.
Thalaën warf seinen Bogen fort und griff nach seinem Schwert.
Einer der beiden überlebenden Kobolde warf tollkühn einen Speer nach ihm, den er aber mit Leichtigkeit beiseite schlug.
Er köpfte den Kobold, übersah dafür den letzten und bekam einen Speer in die Seite gerammt.
Thalaën grunzte vor Schmerz, war aber dankbar über seine neue Rüstung. Sie hatte den größten Teil der Wucht abgefangen.
Noch bevor Thalaën zuschlagen konnte, hatte Astamalia den Kobold mit einem Bolzen zu Fall gebracht.
Das war ein guter Kampf!

***

Es gab Tage, an denen fragte sich Feldwebel Dolom ernsthaft, warum er diesen Beruf ausübte. Die meiste Zeit war es ja sehr angenehm. Wache schieben, Straßendiebe ihrer gerechten Strafe zuführen. Aber in letzter Zeit schien sich das Schicksal gegen ihn verschworen zu haben.
Zuerst dieser Mordfall des Denkans Bonal Geldems; und noch dazu direkt neben der Universität.
Und dann erst dieser Abend!
Zuerst der merkwürdige Überfall auf die Kommunikationseinrichtung von Haus Sivis. Wer war schon dumm genug die Zweigstelle eines Hauses anzugreifen? Und dann auch noch das Gold dort zu lassen?
Kurz darauf die Meldung über die Ermordung von Dekan Sirius Arkaban in seiner Wohnung; ebenfalls nahe der Universität! Und diesmal schien auch niemand etwas gesehen zu haben.
Damit aber nicht genug! Nein, jetzt hetzten sie zum Maurerturm, weil dort angeblich eine Messerstecherei in einer der Schenken zu Gange war.
Als er völlig außer Atem, diesmal bereits mit vier Wachen im Schlepptau, beim Geborstenen Amboss ankam, traute er seinen Augen nicht.
Die Tür war beschädigt, mehrere Tische und Stühle waren zu Bruch gegangen. Vier Kobolde lagen abgeschlachtet im Raum und bluteten den Boden voll. Eine weitere Gestalt, ein Kriegsgeschmiedeter, lag direkt in der Tür und schien außer Betrieb zu sein.
Die einzigen Gestalten, die noch stehen konnten, waren seine heiß geliebten Freunde.
„Möge der Raffer euch alle verschlingen! Das darf doch wahrlich nicht wahr sein!“, fluchte er. „Habt ihr ein so schlechtes Gedächtnis? Es ist doch noch keine Stunde her, als ich euch befohlen habe, euch aus allem Ärger herauszuhalten.“
„Aber wir haben…“, begann die Magierin aus dem Haus Lyrandar.
„Nichts da! Diesmal kommt ihr alle mit auf die Wache und werdet verhört!“, stellte er klar. „Ich lasse mir doch von euch nicht auf der Nase herumtanzen! Lasst eure Waffen fallen, ihr werdet abgeführt!“
Die vier sahen sich kurz an und nickten dann nacheinander. Ohne Widerstand zu leisten übergaben sie ihre Waffen an seine Gehilfen, die Magierin packte ihre beiden Rucksäcke – unglaublich, was diese reichen Personen mit sich herumzuschleppen hatten – und folgte ihren Freunden mit auf die Straße.
Stopper der Grausamen Flut, Töter des Erben des Feuers, Vernichter der Kadaverkrone und Erlöser des Fluchs des Purpurthrons.

Hunter

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    • Savage Tide
Schatten der Vergangenheit
« Antwort #8 am: 04. Januar 2008, 15:55:51 »
Und wie immer mache ich meinen Aufruf an alle stillen Mitleser:

Meldet euch ruhig zu Wort. Ob positiv oder negativ! *g*.
Stopper der Grausamen Flut, Töter des Erben des Feuers, Vernichter der Kadaverkrone und Erlöser des Fluchs des Purpurthrons.

Sirius

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Schatten der Vergangenheit
« Antwort #9 am: 05. Januar 2008, 15:28:59 »
Positiv! Sehr gute Storyhour, bitte weiterführen.

Hunter

  • Mitglied
    • Savage Tide
Schatten der Vergangenheit
« Antwort #10 am: 10. Januar 2008, 13:28:55 »
So, die erste große Reise der vier beginnt und führt sie mit dem Schiff in das Herz der Hobgoblinnation...
Und es kommt zum Auftritt eines der geliebtesten / gehasstesten NSCs der Gruppe *g*.

Die Wellental

Adamant kam etwas bedrückt aus der Wachstube zurück. Irgendwie, fand er es eine Zumutung, dass er als Kleriker einer Befragung unter dem Einfluss eines Feldes der Wahrheit ausgesetzt wurde. Als würde er lügen!
Andererseits hatten es die anderen anscheinend nicht so ernst genommen und geschickt versucht das Feld auszutricksen. Als sie von Feldwebel Dolom gefragt wurde, ob sie Gegenstände vom Tatort entfernt hätte, hatte sie mit einem Seitenblick auf den Rucksack, den sie von Elaydren erhalten hatten, geantwortet:
„Nichts, was nicht uns gehören würde.“
Adamant musste ihre Schlagfertigkeit in dieser Situation bewundern, auch wenn er es nicht fair gegenüber dem Feldwebel fand. Denn er war sich sicher, dass der Rucksack für die Ermittlungen von Bedeutung sein würde.
Er hatte auch fast dazu angesetzt, dieses Missverständnis aufzuklären, doch die Blicke der anderen hatten ihn davon abgehalten. Außerdem hatte auch eine Stimme in seinem Inneren gesagt, dass dies wohl nicht Ziel führend sein würde.
Wahrscheinlich war seinem Schweigen auch zu verdanken, dass sie so rasch wieder aus der Wachstube gekommen waren.
„Habt ihr eigentlich auch alle die Wahrheit gesagt, als Dolom uns am Ende gefragt hat, ob wir diesen andern ermordeten Professor kennen, diesen Arkaban?“, fragte Esra, als sie vor der Tür standen.
„Natürlich“, entrüstete sich Adamant. Zweifelte schon wieder jemand an seiner Ehrlichkeit? „Ich habe von diesem Professor wirklich noch nie gehört. Und ich denke, es geht uns alle so, oder?“
Die anderen nickten.
„Los, lasst uns in die Wohnung gehen. Es ist spät, und mich würde zu gerne interessieren, was sich in diesem Rucksack befindet. Viel kann es bei seinem Gewicht ja nicht sein“, schlug Astamalia vor.
Die anderen waren einverstanden.

***

In der Wohnung angekommen stellte Astamalia den Rucksack auf den Esstisch und machte die linke Tasche auf, in der sich anscheinend die Anweisungen für den kommenden Auftrag befinden sollten.
Oben auf lag auch ein eng beschriebenes Blatt Papier.

Meine Freunde,
der Gegenstand, den ihr für mich aus den Ruinen unter Sharn geborgen habt, ist ein Schema, ein Stück eines Musters, mit dem sowohl weltliche als auch magische Gegenstände hergestellt werden können. Ich habe erfahren, dass ein anderes Schema mit Verbindungen zu diesem in einer geheimen Cannithschmiede in Cyre untersucht wurde, Weißschmiede genannt.
Teile meines eigenen Hauses suchen dieses Muster für finstere Zwecke, und ich weiß nicht, wem ich trauen kann. Also wende ich mich an euch. Ihr müsst für mich nach Cyre reisen, die Schmiede finden und das zweite Schema zurückbringen.
Das Wissen um den Eingang zu der Schmiede ging mit dem Tod des Patriarchen von Haus Cannith während der Zerstörung Cyres verloren. Vielleicht könnt ihr jedoch in dem Außenposten des Hauses Cannith in der Stadt Rotbruch in Darguun Spuren finden. Dort gab es Aufzeichnungen über alle Arbeitsstätten von Haus Cannith.
Sucht in Rukaan Draal auf dem Blutmarkt nach einem Mann namens Failin. Er kann euch nach Rotbruch bringen. Von dort aus reist ihr weiter ins Klageland, um Weißschmiede und das zweite Schema zu finden. Es ist eine Adamantitplatte in Form eines Diamanten, etwa von der Größe einer Menschenhand. Sobald ihr es gefunden habt, kehrt nach Rukaan Draal zurück, wo ich euch erwarten werde. Bei Erfolg soll euer Mut reich belohnt werden.
Dame E.


„Das Klageland? Das klingt nicht gut“, kratzte sich Adamant am Kopf.
In Thalaëns Magen verkrampfte sich etwas. Er kannte Geschichten der Valenar Elfen, das Klageland betreffend, und er hatte bereits einmal aus weiter Ferne den aschgrauen Nebel gesehen, der die Grenzen der zerstörten Nation Cyre markierte. Das war wahrlich keine Gegend, die er näher sehen wollte. Andererseits gab es dort vielleicht einige würdige Gegner für ihn.
„Was befindet sich noch so alles in dem Rucksack?“, wollte er wissen und warf einen Blick in die Seiten- und die Mitteltasche.
„Nahrung, Wasser, Schlafsäcke, Pfeile, Bolzen, Fackeln, Kreditbriefe für Haus Orien und Haus Lyrandar, eine Tasche mit Platindrachen und ein Kästchen voll mit Galifar, eine Immerhelle Laterne, …“
„Das passt doch alles gar nicht in diesen kleinen Sack!“, warf Esra ein.
„Magie“, klärte sie Astamalia auf.
„…sowie diesen merkwürdigen kleinen Stab aus bläulichem Metall“, vollendete Thalaën die Aufzählung und betrachtete den Gegenstand. „Jemand eine Ahnung, wozu er gut sein könnte?“
Alle schüttelten den Kopf, doch Astamalia nahm ihn ihm aus der Hand.
„Dann werde ich ihn mal an mich nehmen“, meinte sie kurzerhand und steckte ihn ein. „Wir sollten uns morgen früh gleich einmal daran machen, herauszufinden,  wie wir am Besten nach Rukaan Draal kommen.“
„Ist das nicht die Hauptstadt von Darguun, dem Hobgoblinkönigreich?“, fragte Thalaën.
„Genau das ist es. Soll ein eher raues Pflaster sein“, bestätigte ihn Astamalia.
„Ah, einem Kleriker der Silbernen Flamme und seinen Gefährten wird nichts geschehen“, verkündete Adamant selbstbewusst.
Thalaën zweifelte an einem Schutz durch den Glauben. Er wollte sich eher auf sein Schwert verlassen. Und nach den Blicken der anderen zu urteilen, schienen sie es ähnlich zu halten.

***

„Ah, Herr Turenhart. Freut mich, Euch endlich einmal persönlich kennen zu lernen.“
„Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Herr Hauptmann. Wenn ich anmerken darf: Eure Uniform ist nicht mehr ganz modisch. Diese Farben sind im heurigen Frühling vollkommen out. Rosa ist diese Saison heuer in! Wenn Ihr wollt, dann schneidere ich Euch persönlich eine neue. Schön Tailliert, damit die Brust mehr zur Geltung kommt…“
„Lasst das bitte Herr Turenhart. Ihr seid nicht als Stoffhändler hier in Sharn. Das wissen wir beide.“
„Ihr habt natürlich recht, mein Bester. Ich habe auch noch einen Cousin zweiten Grades besucht, der vor kurzem geehelicht hat; eine furchtbare Person übrigens.“
„Herr Turenhart, macht es mir nicht zu schwer. Wir wissen beide, dass Ihr für die gnomische Regierung arbeitet.“
Der Gnom seufzte.
„Ja, ich gestehe. Diese Dekoration auf dem Ball des Triumvirats vor zwei Jahren, das war ich. Ich habe versucht mein Mitwirken damals zu verschleiern; es war einfach nur grässlich. Die Farben passten nicht zum Parkett, die Vorhänge nicht zur Aussicht, die Blumen nicht zum Kleid der Triumvirin…“
„Turenhart! Ihr strapaziert meine Nerven! Und das kann ich absolut nicht leiden! Was also wolltet Ihr hier in Sharn.“
„Meine Geliebte treffen; meine Frau ist manisch eifersüchtig…“
„Was. Wolltet. Ihr. In. Sharn?“
„Ein Mitbringsel für meine Enkel kaufen…“
Der Hauptmann brach zusammen. Seufzend rieb er sich den Schlaf aus den Augen.
„Nun gut. Ihr werdet heute Nacht unser Gast sein und Morgen mit dem ersten Schiff nach Trolanhafen aufbrechen. Bei Eurem nächsten Besuch in der Stadt, werdet Ihr nicht so glimpflich davonkommen. Ob wir Beweise haben, oder auch nicht.“
„Ich habe Rechnungen von allem, was ich in Sharn mache. Sogar jene, die unter den Bereich des Vergnügens fallen“, verteidigte sich der Angeklagte mit einem Lächeln in den Augen.
„Schafft mir diesen Gnom aus den Augen!“

***

Esra versuchte die Zähne zusammenzubeißen und nicht die Stimme zu verlieren.
„Und es gibt keine anderen Möglichkeiten?“
Astamalia schüttelte den Kopf. Sie schien aber nicht wirklich betrübt darüber zu sein.
„Es gibt kein reguläres Luftschiff nach Darguun und eines zu chartern können wir uns nicht leisten. Die Reise mit Haus Orien würde 15 Tage dauern; drei mit der Blitzbahn und dann noch einmal 12 mit der Karawane. Die Reise per Schiff ist eindeutig am schnellsten. Noch dazu, wo heute Mittag eine Elementargaleone ablegen würde. Wir sind dann in raschen vier Tagen in Rukaan Draal. Und nachdem in dem Brief steht, dass wir uns beeilen sollen, ist das wohl die einfachste und wahrscheinlich auch einzige Möglichkeit.“
„Ich will aber nicht mit dem Schiff fahren. Mit hat die Überfahrt über den Galifar-See schon gereicht“, versuchte Esra sich aus dieser verfahrenen Situation zu retten.
„Esra, sei vernünftig“, redete nun auch Thalaën auf sie ein. „Diese Schiffe sind sehr sicher und man merkt den Seegang darauf auch nicht sehr. Und wir befinden uns die ganze Fahrt über immer in Küstennähe, und…“
„Und außerdem haben wir bereits Tickets reserviert“, verkündete Astamalia und hob die vier Scheine von Haus Lyrandar hoch. „Tut mir leid. Aber das musste sein, das Schiff legt in kürze ab. Wir sollten also packen.“
Esra seufzte. Sie musste ich wohl in ihr Schicksal ergeben. Rasch ging sie in ihr Zimmer und schnappte ihren Rucksack. Aus alter Gewohnheit hatte sie noch nicht viel ausgepackt. Schließlich war sie, als sie noch in Grünherz lebte, auch nie lange zu Hause geblieben, sondern bald wieder in den Wald zur Jagd aufgebrochen.
Als sie zurückkehrte, hatten sich die anderen ebenfalls bereits in voller Montur eingefunden. Adamant hatte einen praktisch leeren Rucksack am Rücken. Thalaën schieb ebenfalls mit leichtem Gepäck zu reisen und Astamalia hatte ihren edlen Rucksack gegen den abgenutzt wirkenden magischen der Dame Elaydren getauscht.
„Dann brechen wir auf“, setzte die Magierin ein freundliches Lächeln auf.

***

Die Wellental entpuppte sich als ein beachtlich großes Schiff, das selbst unter den ganzen Hunderten im Hafen von Sharn deutlich hervorstach. Am Heck waren die Luftwirbel und der schwache Nebel eines Luftelementars zu sehen, dass bereit war, das Schiff über den Ozean zu tragen.
„Ich grüße Euch, mein Name ist Kapitän Rakos, ich bin der Kapitän der Wellental!“, grüßte sie ein muskulöser Halb-Elf, der ein ärmelloses Shirt über seiner sonnengebräunten Haut trug, als sie über die Planke schritten.
„Eure Quartiere finden sich am Bug am ersten Unterdeck. Jeder von euch reist erster Klasse, wie ich gesehen habe, daher stehen Euch auch die Einzelkabinen zur Verfügung.“
Ein Lächeln überstrahlte Astamalias Gesicht. Endlich wieder einmal etwas Luxus in ihrem Leben, auch wenn es nicht viel war.
„Gibt es noch andere Passagiere an Bord?“, fragte Thalaën und sah sich derweil interessiert auf dem Oberdeck um. Dieses Schiff unterschied sich deutlich von dem Schiff, mit dem er von Aerenal hierher gekommen war. Dieses Schiff hatte etliche schwere Waffen an Bord und war euch um einiges größer. Obwohl es sich dauerhaft nur entlang der Küste aufhalten würde und nie den Stürmen auf Hoher See ausgesetzt wäre.
Interessant.
„Ja, eine sehr ruhige Dame, die sich im Moment gerade in ihrem Quartier einrichtet. Außerdem noch ein Gnom, von dessen Passage ich heute erst erfahren habe. Wegen ihm werden wir wahrscheinlich auch mit Verspätung auslaufen. Er ist immer noch nicht eingetroffen, aber ich habe Befehl auf ihn zu warten.
„Rentiert sich die Fahrt mit so wenigen denn eigentlich?“, war Adamant erstaunt.
„Ja. Denn alles andere ist bis obenhin mit Fracht gefüllt, die wir nach Rukaan Draal liefern sollen. Diese Hobgoblins sind für nicht viel gut, aber sie Importieren was die Staatskasse hergibt. Soll mir recht sein. Sind ja nicht meine Galifar, welche hier rausgeschmissen werden.
Macht es euch so bequem wie möglich, ich muss mich um meine Mannschaft kümmern. Vielleicht können wir etwas der Verspätung wieder hereinholen.“
Er entschuldigte sic noch einmal und wandte sich dann wieder seinen Leuten zu.
„Na dann“, seufzte Thalaën und schnappte sich sein Gepäck. „Sehen wir uns die Quartiere an.“
Gerade als er aufbrechen wollte, schritt ein Gnom in Begleitung zweier gut bewaffneter Wachen der Sharner Stadtwache den Kai entlang. Auf der Planke verbeugte sich der Gnom:
„Ich danke, für die freundliche Eskorte. Gehabt Euch wohl“, und trat auf das Schiff über.
Interessiert sah er sich um und kam dann auch zielstrebig auf die Gruppe zu. Thalaën kam zu dem Schluss, dass er noch nie einen so merkwürdigen Gnom gesehen hatte. Seine Kleidung war schreiend bunt, mit rosa Rüschen behangen. An jeder Hand trug er mehrere Ringe und um den Hals mehrere schwere und teuer aussehende Ketten. Zudem schien er sich das Gesicht und die Augen geschminkt zu haben. Thalaëns Volk setzte zu gewissen Zeremonien Totenmasken auf, oder malte die Umrisse eines Totenkopfes nach. Aber Lippenstift und Wimperntusche bei Männern waren ihm neu.
„Seid gegrüßt, Reisegefährten. Ist doch schön, wenn man nicht alleine reisen muss“, begrüßte sie der Gnom. Sein Blick wanderte kritisch von einem zum anderen.
„Aber ich sehe schon, ich habe hier viel Arbeit vor mir“, meinte er mit hoher Stimme und legte dabei seine Hand schockiert an die Wange. „Wisst Ihr denn nicht, meine Werteste, dass Schöngewebe dieses Jahr nicht in ist?“
Astamalia blickte an ihrer teuren Robe herab und war etwas sprachlos.
„Aber, ich dachte…“
„Nein, nein. Solche Roben trug man letztes Jahr. Aber keine Angst, Werteste, wir schaffen schon das Richtige Outfit für Sie“, freute er sich und schwang dabei seine Hand auf merkwürdige – irgendwie feminine Art. „Und dieser Herr und diese Dame haben sich wohl noch nie wirklich beraten lassen“, meinte er abschätzend zu Esra und Adamant. Kritisch beäugte er jede noch so winzige Kleinigkeit.
„Ich fühle mich hierin wohl“, stellten beide unisono fest.
„Aber wer seid Ihr eigentlich?“, gab Esra zurück.
„Oh verzeiht.“
Der Gnom legte sich die Hände auf die mit Ketten behängte Brust.
„Ich bin Bodinar Turenhart, ein einfacher Stoffhändler aus Trolanhafen und Leiter von Turenhart & Kompanie. Und Ihr könnt Euch sicher sein, dass Ihr euch modisch in sicheren Händen befindet.“
Irgendwie schien diese Versicherung das Quartett nicht sehr zu beruhigen.
„Ah, da seid Ihr ja endlich, Herr Turenhart. Dann können wir ja ablegen“, rief der Kapitän vom anderen Ende des Schiffs.
Turenhart winke freudig und übertrieben zurück.
„Ich werde mich dann in die Kajüte zurückziehen. Ich habe vor, heute Abend ein kleines Bankett zu geben, es wäre mir eine Ehre euch alle dort ebenfalls anzutreffen.“
„Wir werden uns das überlegen“, versuchte Astamalia sich aus der Affäre zu ziehen. Der Gnom war ihr mehr als nur suspekt.

***

Esra würgte und verfluchte die Magierin. Sie hatten das Heft kaum verlassen, als ihr Magen schon angefangen hatte zu rebellieren. Sie hatte eigentlich gedacht, dass die Überfahrt über den Galifar-See schlimm gewesen sei, aber das war harmlos gegen das hier. Alles schien sich zu bewegen, nichts fest zu sein. Auf das Bankett heute Abend hatte se da schon gar keine Lust mehr.
Auch wenn diese Kräuter, die ihr der Kapitän gebracht hatte, etwas halfen. Aber viel war es auch nicht. Warum nur hatte sie ihren geliebten Wald verlassen. Matuc befand sich jetzt sicherlich gerade auf der Jagd nach einem Elch oder stellte Fallen für die Hasen und Bären auf. Und sie? Sie musste in diesem fürchterlichen Schiff sitzen, konnte nicht einmal gut aus ihrer Kabine und übergab sich ständig.
Was nur hatte sie getan, dass die Götter ihr so zürnten?

***

Astamalia stand and der Reling und ließ sich die Gischt ins Gesicht spritzen. Wind ließ ihre Robe flattern, weit über dem Schiff kreisten kreischende Möwen. Die Matrosen der Wellental arbeiteten über ihr in den Takelaken des Schiffes. Der Schiffszimmermann sang am Heck ein sanftes Lied, während er einige Planken bearbeitete.
Es war einfach nur herrlich!
Sie atmete tief ein und schloss die Augen, fühlte das Schwanken des Decks, das Meer, den Wind, hörte die Vögel und ein merkwürdiges Summen.
Erstaunt sah sie sich um. Am Bug stand eine Frau mit Umhang und blickte in die Fahrtrichtung des Schiffes, die Arme weit von sich gestreckt. Von ihr schien das Summen auszugehen.
Das war wahrscheinlich der noch unbekannte Passagier. Astamalia, beschloss sie anzusprechen, kletterte au das Vorderdeck.
„Hallo!“, grüßte sie.
Die Frau unterbrach, was immer sie gerade getan hatte, und wandte das Gesicht ihr zu. Astamalia erschrak. Sie hatte wunderschöne, aber nichts desto trotz leichenblasse Haut und ihre Augen waren von einem strahlenden Violett.
„Hallo!“, wiederholte sie dennoch.
„Raja, vana“, fuhr sie Astamalia an.
Die Magierin verstand kein Wort, aber es schien nicht freundlich zu sein. Zudem war sie erstaunt, dass sie die Sprache nicht verstand. Immerhin hatte sie sich eingebildet zumindest die Basis der wichtigsten Sprachen des Kontinents zu kennen.
Aber für solche Fälle gab es Magie.
„Inlingua“, sprach sie und versuchte es ein drittes Mal: „Hallo.“
„Verschwinde!“, hörte sie nun die Stimme der Frau verständlich. „Ich versuche zu meditieren.“
„Wird das noch länger dauern?“
„Ja.“
„Den ganzen restlichen Tag?“
„Ja“, erwiderte die Unbekannte gepresst.
„Dann können wir morgen vielleicht miteinander sprechen?“, gab Astamalia dennoch nicht auf. Sie war von der Person fasziniert. Zumal unter ihrem Umhang ein violetter Krummsäbel hervorsah, der eine stark magische Aura zu haben schien. Genauer gesagt, hatte Astamalia noch nie etwas so magisches an einer Waffe gesehen. Noch dazu, schien es sich um eine ihr unbekannte Schule der Magie zu handeln. Merkwürdig.
„Das denke ich nicht. Auch morgen werde ich meditieren. Und übermorgen. So lange, bis das Schiff in Rukaan Draal eingetroffen ist“, stellte die Frau klar. „Und nun geht!“
Das war eindeutig. Astamalia verneigte sich freundlich und verließ das Vorderdeck wieder. Nicht aber, ohne noch einmal einen Blick auf die unheimliche und so interessant wirkende Unbekannte zu werfen.

***

Das Bankett, wie es Turenhart großzügig genannt hatte, fand in der Kabine des Kapitäns statt. Es waren, wie Adamant feststellte, alle Besatzungsmitglieder anwesend. Eigentlich war jeder, mit Ausnahme der unbekannten Frau, der sich an Bord befand, hier im Raum.
Der Tisch bog sich förmlich unter den erlesensten Köstlichkeiten und der Gnom hatte ein strahlendes Lächeln aufgesetzt. Zudem war seine Kleidung noch schriller als an diesem Mittag.
Was aber seltsam anmutete, war die Tatsache, dass, obwohl alles so feierlich wirkte, der Kapitän missmutig auf seinem Stuhl lungerte und auch die anderen Offiziere nicht sehr begeistert wirkten.
„Es ist mir eine Freude, dass ihr die Zeit gefunden habt, zu kommen“, begrüßte er Adamant und seine Freunde. „Meine Beste, ich hoffe, es geht Euch schon etwas besser?“, fragte er an Esra gewandt. „Ich kenne das von früher, damals hatte ich auch noch einen empfindlicheren Magen. Schrecklich so was. Aber deswegen solltet Ihr euch nicht die Köstlichkeiten entgehen lassen, die der Kapitän aus seiner Speisekammer für uns kredenzt hat.
Herr Kriegsgeschmiedeter…“
„Adamant“, brummte der.
„Adamant, setzt Euch doch neben mich.“
„Ich esse nicht“, klärte er den Gnom auf.
„Ich weiß. Dennoch könnt Ihr uns doch heute Abend Gesellschaft leisten. Immerhin ist Eure Spezies seid dem Ende des Krieges auch als solche anerkannt und Ihr solltet diese Rechte auch annehmen.“
An alle anderen gewandt: „Lasst es euch munden.“
Dann wandte er sich wieder Adamant zu.
„Verzeiht meine Aufdringlichkeit. Aber habt Ihr schon einmal daran gedacht Euch euren Wappenrock erneuern zu lassen? Er sieht bereits etwas mitgenommen aus und ist nicht mehr das wahre Statussymbol eines Klerikers der Silbernen Flamme.“
Adamant blickte an sich herab. Der Rock hatte seit er mit seinen Kameraden unterwegs war, wirklich schon etwas viel erlebt. Er hatte ihn zwar notdürftig wieder geflickt, aber das war nur zu eindeutig zu sehen.
„Wenn Ihr wollt, dann kann ich Euch einen neuen anfertigen, bis ich heute um Mitternacht in Trolanhafen das Schiff verlasse.“
„Gerne…“
„Herr Turenhart, warum wurdet Ihr eigentlich von der Stadtwache an den Pier begleitet?“, mischte sich Astamalia in das Gespräch ein.
„Ihr solltet doch wissen, dass das Pflaster in Sharn immer heißer wird. Und wichtige Persönlichkeiten, wie meine Wenigkeit, können gar nicht genug auf ihren Schutz bedacht sein. Deshalb habe ich zwei Wachen angeheuert“, zwinkerte er Astamalia zu, die nicht wusste, was sie von dieser Aussage zu halten hatte. Der Kapitän auf jeden Fall verdrehte die Augen und seufzte.
„Es wäre mir eine Ehre“, fand Adamant endlich die Zeit zu antworten. „Aber nur, wenn es Euch nicht zu sehr stresst. Immerhin ist nicht mehr so viel Zeit.“
„Ach seit nicht albern, Adamant. Das ist doch nur eine Kleinigkeit. Darf ich den Rock schon einmal haben, zur Reinigung?“
Adamant nickte und übergab dem Gnom sein einziges Kleidungsstück, welches dieser in einer dunklen Ecke des Raumes verstaute. Wie genau er es dort reinigen wollte, war Adamant ein Rätsel, aber von Kleidung und Schneiderei verstand er auch nicht allzu viel.
Turenhart schenkte sich ein üppiges Glas Wein ein und musterte nun den nackten Oberkörper von Adamant.
„Interessante Kennzeichnung, welche Ihr da tragt. Dafür besitzt Ihr kein Mal, welches Euch einer Nation zuordnet. Auf welcher Seite habt Ihr im Krieg gekämpft?“
Adamant fuhr sich verlegen über die Symbole.
„Ich habe nicht im Krieg gekämpft. Und diese Zeichen“, er deutete dabei auf seine Brust, in der eine XIII eingraviert war, „von dem weiß ich nicht, was es bedeuten soll. Ich hatte es schon immer, aber niemand konnte mir bis jetzt sagen, was es damit auf sich hatte.“
„Wahrlich interessant“, flüsterte der Gnom. Es schien ihn wirklich zu interessieren, was Adamant sehr freute. Die meisten sprachen ihn nur deswegen darauf an, weil sie sonst nicht wussten, was sie mit einem Kriegsgeschmiedeten, der noch dazu nie gekämpft hatte, sprechen sollten.
Doch so rasch wie das Interesse gekommen war, verschwand es wieder, und er wandte sich anderen Gästen zu.

Esra war fast erschlagen von den ganzen Köstlichkeiten, die sich hier auftaten. Schade nur, dass ihr Magen nicht wirklich mitspielte. Außerdem kannte sie die Hälfte der Speisen nicht und wusste bei einem viertel nicht wirklich wie man sie essen sollte.
„Euren Hunger schient Ihr noch nicht wirklich wiedererlangt zu haben“, sprach sie da Turenhart an.
„Nein, tut mir leid.“
„Nun ja, Ihr könnt ja nichts dafür, Frau…?“
„Esra. Esra Emorien.“
„Interessant. Kennt Ihr vielleicht einen Divar Emorien? Ich bin ihm vor einigen Jahren einmal begegnet.“
Esras Herz schlug mit einem Mal höher.
„Ihr kennt meinen Bruder?“
„Ah, Euer Bruder ist das? Ja, das muss etwa fünf Jahre her gewesen sein, als ich ihn in Trolanhafen traf. Ich erinnere mich noch genau. Er trug scheußliche Kleidung, selbst für de Zeit des Krieges. Sie war vollkommen aus der Mode und noch dazu nicht mal ordentlich gepflegt…“
„Wisst Ihr auch, wohin er unterwegs war?“, unterbrach ihn Esra.
„Wenn mich nicht alles täuscht, dann wollte er nach Cyre. Er wollte ja unbedingt ein großer und gefürchteter Magier werden. So ein süßer Kindskopf.“
Er seufzte, als würde er in angenehmen Erinnerungen schwelgen. Esra konnte es immer noch nicht glauben, dass sie so zufällig auf die Spur ihres Bruders gestoßen war. Aber es gab auch einen schalen Beigeschmack: Cyre war vor vier Jahren zerstört worden. Das hatten sie sogar in der Abgeschiedenheit des Eldeenreiches erfahren. Wenn ihr Bruder zu dieser Zeit dort gewesen war, dann war er nun nicht mehr am Leben.
„Entschuldigt mich nun bitte alle. Aber ich habe diesem stattlichen Herrn einen neuen Wappenrock versprochen, der noch vor Mitternacht fertig werden muss. Lasst euch aber von mir nicht vom Feiern abhalten. An die Arbeit!“, feuerte er sich selbst an, klatschte in die Hände und verließ nach zwei tiefe Verbeugungen in Richtung der Damen am Tisch das Bankett.
Nur Sekunden später warf der Kapitän seine Serviette hin und stapfte aus dem Raum; er schien wütend. Die anderen Offiziere folgten in Geschwindigkeit und Einstellung seinem Beispiel, so dass nur mehr die vier Helden und die einfachen Matrosen am Tisch saßen; letzteren schien es im Gegensatz zu ihren Vorgesetzten ganz gut zu gefallen, dass sie auch einmal zu einem solchen Bankett eingeladen wurden.
Astamalia schwenkte ihr Weinglas und warf dem Gnom einen zweifelnden Blick hinterher:
„Ich kann Turenhart nicht ausstehen“, erklärte sie offen.
Esra zuckte die Schultern, sie war mit ihren Gedanken noch bei ihrem verschollenen Bruder.
„Ich finde ihn nett“, erklärte Adamant und freute sich bereits auf seinen neuen Umhang.
Thalaën schien nicht zugehört zu haben. Er futterte sich noch, zusammen mit den Matrosen, durch die dargebotenen Speisen.

***

Es war Mitternacht vorbei, als die Wellental vor dem Hafen von Trolanhafen vor Anker ging. Die Stadt lag in beinahe vollkommener Dunkelheit da, weshalb keiner der vier Abenteurer die Schönheit der Hauptstadt des Reiches von Zilargo bewundern konnte.
Kapitän Rakos ließ ein Beiboot zu Wasser und beorderte zwei Matrosen Turenhart an den nahen Kai zu rudern; dann wartete man.
Mit einiger Verspätung kam Turenhart dann schließlich doch noch an Deck, nicht im geringsten über seine Verspätung nachdenkend. Er überreichte Adamant einen wundervollen, praktisch neuen Wappenrock, in den Mithral- und Silberfäden eingewoben waren. Auch wenn  Adamant von Mode nicht sehr viel Ahnung hatte, so hatte er doch den Eindruck, dass dieser Rock mehr als nur exquisit war.
„Ich hoffe er gefällt Euch“, grinste Turenhart, als er Adamants sprachloses Gesicht sah. „Ich habe außerdem noch ein Geschenk für Euch. Öffnet es, wenn Ihr alleine seid.“
Er überreichte ihm ein kleines, kunstvoll verziertes Mahagonikästchen und zwinkerte ihm wissend zu. Dann erst bequemte er sich ins Beiboot und verschwanden damit rasch in der Dunkelheit.
Kapitän Rakos und Astamalia atmeten beide hörbar erleichtert auf.
Adamant hatte sich in Zwischenzeit etwas von den anderen zurückgezogen und öffnete vorsichtig das Kästchen.
Im Inneren fand er einen kleinen, teuer aussehenden feuerroten Kamm.
Seltsam, dachte der Kriegsgeschmiedete. Er hatte doch gar keine Haare. Er hatte genau genommen überhaupt keine Körperbehaarung.
Warum schenkte ihm der Gnom dann einen Kamm?
„Ihr scheint auch nicht sehr erfreut darüber zu sein, dass Ihr Turenhart als Passagier hattet“, wandte sich Astamalia an den Kapitän. „Warum?“
„Ich mag es nicht, wenn mir die Regierung einen Passagier aufdrängt. Vor allem keinen solchen“, brummte der Seemann und wandte sich von der Reling ab. Das Beiboot kehrte rasch zurück. „Wir sollten zusehen, dass wir unsere verlorene Zeit wieder hereinbekommen.“
„Ein seltsamer Mann. Interessant, dass etwas über meinen Bruder wusste.“
„Ja, das ist auch etwas was mich stutzig machte“, erwiderte Astamalia und warf Adamant am Bug einen Seitenblick zu.
Die Wellental entfernte sich aus der Bucht des Trolans und kehrte ins offene Meer zurück.

Ein Kamm? Ein feuerroter Kamm?
Adamant sinnierte immer noch.
Feuer.
Kamm.
Er stöhnte auf und schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn. Wir hatte er nur so begriffsstutzig sein können?
Thalas Feuerkamm. Das musste die Anspielung sein! Aber woher wusste der Gnom von seinem verschwundenen Freund.
Und vor allem: Was wusste er über Thalas? Und warum war er nicht offen damit herausgerückt?
Stopper der Grausamen Flut, Töter des Erben des Feuers, Vernichter der Kadaverkrone und Erlöser des Fluchs des Purpurthrons.

Topas

  • Mitglied
Schatten der Vergangenheit
« Antwort #11 am: 10. Januar 2008, 16:52:16 »
Schön geschrieben. Ich mag Bodinar Turenhart jetzt schon.
Immense harm is caused by the belief that work is virtuous.
- Bertrand Russel

Hunter

  • Mitglied
    • Savage Tide
Schatten der Vergangenheit
« Antwort #12 am: 11. Januar 2008, 09:33:05 »
Ja, auch mein persönlicher Favorit.  :D
Auch wenn es schweirig war seinen etwas seltsamen und mysteriösen Charakter auf dauer zu spielen.

Bei der Gruppe kam er unterschiedlich an. Drei fanden ihn OOC einfach nur stylisch aber ingame lästig. Einer konnte ihn weder noch leiden. Denke, das kommt auch raus, wer das ist *g*.
Stopper der Grausamen Flut, Töter des Erben des Feuers, Vernichter der Kadaverkrone und Erlöser des Fluchs des Purpurthrons.

Hunter

  • Mitglied
    • Savage Tide
Schatten der Vergangenheit
« Antwort #13 am: 16. Januar 2008, 01:10:43 »
Ein Wagen ohne Pferde

Nach einer raschen, drei Tage andauernden Fahrt, erreichte die Wellental am 20. Therendor die Mündung des Ghaal und begann damit sich die schlammigen Fluten hinaufzukämpfen. Etwas, das wahrlich nur einem Elementargetriebenen Schiff möglich war. Jedes andere hätte zu tun gehabt, der raschen Strömung entgegenzuwirken.
Es war früher Nachmittag, als das Schiff dann am Hafen der Stadt Rukaan Draal anlegte. Die Hauptstadt des Hobgoblinreiches wurde um eine ehemalige Grenzstadt Cyres herum errichtet, war heute aber eine brodelnde Metropole. Die Architektur war ein wahnwitziger Flickenteppich: Lehm- und Holzhütten wechselten sich mit uralten Steinmauern, bunten Pavillons und Zelten ab. Die Straßen bestanden zum Größten Teil aus fest getretener Erde. Die Stadt war deutlich anders als Sharn, aber wahrscheinlich auch keinen Deut besser, dachte Esra bei sich.
Da fiel ihr ein einzelner Turm aus rotem Stein auf, welcher hoch über die Stadt aufragte.
„Was ist das denn?“
„Khaar Mbar’ost, der Hof von Lhesh Harcuus, dem Hobgoblinkönig“, erklärte ihr Astamalia, die sich suchend umsah. „Wir müssen jetzt irgendwie den Blutmarkt finden.“
Thalaën zuckte die Achseln und griff nach dem nächsten vorbeieilenden Hobgoblin.
Das Wesen war gut zwei Köpfe größer als der Elf und sah nicht gerade erfreut aus, über diese Art der Behandlung. Seine rechte Hand zuckte zum Gürtel, wo ein blutbefleckter Dolch hing.
„Was!?“, fauchte er Thalaën an.
„Entschuldigt, aber wir suchen den Blutmarkt.“
„Diese Richtung!“, deutete der Hobgoblin und riss sich los.
„Macht so etwas besser nicht noch einmal“, warnte ihn Astamalia. „Ich denke, die Leute hier, haben so was nicht so gerne und sie scheinen sehr schnell mit der Waffe zur Hand zu sein. Und wir können jetzt keinen Ärger gebrauchen.“
„Hm“, machte der Elf und schritt den anderen voran in Richtung Blutmarkt.
Esra schüttelte den Kopf. Manchmal wer der Elf mutiger als sie dachte; oder einfach nur dümmer, als sie es ihm zutraute.

Der Blutmarkt entpuppte sich als eine riesige, prinzipiell freie Fläche, aus festgetretener Erde, auf der sich ein Meer aus bunten Zelten befand zwischen denen hunderte Goblinoide herumhuschten. Das Schreien der Markthändler übertönte nur schwer den allgemeinen Geräuschpegel. Irgendwo in ihrer Nähe grölten mehrere Hobgoblins laut, so als würden sie jemanden anfeuern.
Bei der Flamme! Sie feuerten tatsächlich jemanden an!
Zwei Hobgoblins schienen sich in die Haare gekommen zu sein und stachen nun aufeinander ein! Sogar zwei uniformierte Wachen standen daneben und schienen den Kampf noch weiter anzufachen.
„Vielleicht fragen wir einen Händler?“, schlug Esra vor.
„Gute Idee. Aber lasst das nicht Thalaën machen“, stimmte ihr Astamalia zu und wandte sich selbst an einen der Stände.
„Entschuldigt werter Herr, könntet Ihr uns vielleicht sagen, wo wir Failin finden können?“
Der Hobgoblin sah sie abschätzend an und schielte auf ihren Geldbeutel. Seufzend zog Astamalia einen goldenen Galifar hervor und warf ihn dem Händler zu.
„Keine Ahnung“, erwiderte der dann grinsend. „Wenn es ein Ausländer sein soll, wie Ihr, könntet Ihr in der geballten Faust Glück haben.“
Die Magiern verzog das Gesicht.
„Und wo können wir die Geballte Faust finden?“
Der Händler hielt abermals seine Hand auf und zeigte grinsend seine schwarzen Zähne. Astamalia warf ihm resignierend eine weitere Goldmünze zu.
„Am anderen Ende des Marktes, kaum zu verfehlen. Und nun verschwindet, wenn Ihr nichts kaufen wollt. Ihr vertreibt mir meine Kundschaft.“

Thalaën ging den anderen voran, die Hand griffbereit an seinem Säbel. Merkwürdige Sitten herrschten hier. Weder auf Aerenal noch in Valenar hatte er je ein solches Chaos gesehen. Und auch Sharn, eine doch auch sehr chaotische Stadt, wirkte gegen das hier, wie eine genau geplante Struktur. Auf dem Blutmarkt gab es keine Straßen, keine festen Wege. Mehr als einmal mussten sie umkehren, weil sie zwischen den Zelten in einer Sackgasse gelandet waren. Einmal auch, weil die Straße durch eine Messerstecherei gesperrt war. Der Boden war an manchen Stellen mit Blut getränkt, so als hätte man hier ein Schwein abgestochen. Oder aber auch ein anderes humanoides Wesen. Ein Leben schien hier nicht viel zu zählen.
Nun vielleicht war das zu allgemein, überlegte Thalaën mit einem Blick auf die unbewaffneten Händler. Die Wachen schienen sehr wohl darauf bedacht zu sein, dass niemand etwas stahl oder einem der Händler etwas zu leide tat. Aber die Kunden und die Reisenden schienen ganz auf sich gestellt zu sein. Und vor allem Reisende wurden des Öfteren Ziel von Schikanen. Bis jetzt waren sie noch glimpflich davon gekommen.
Vielleicht war die Aufmachung eines Valenar Elfen, der in Begleitung eines riesigen Kriegsgeschmiedeten reiste, doch etwas wert.
„He du! Elf!“, rempelte ihn gerade in diesem Moment ein Hobgoblin an. Er stank nach billigem Bier und er hatte anscheinend Mühe noch auf den Beinen zu stehen.
„Ich möchte dir die Halb-Elfe abkaufen! Was verlangst du für sie!“
Thalaën war Astamalia einen Blick zu. Sie erwiderte ihn mit blitzen in den Augen.
„Tut mir leid, aber die Frau ist nicht zu verkaufen.“
„Dann zu mieten, für eine Nacht?“
„Auch nicht.“
Der Hobgoblin grunzte.
„Aber von der Wandlerin wirst du dich doch wohl trennen können. Sie ist nicht hübsch! Und sie scheint mir auch keine gute Haushälterin zu sein.“
„Dennoch ist auch sie nicht zu verkaufen.“
„Ihr seid ein ziemlich geiziger Elf. So etwas kann böse enden! Gebt mir den Kriegsgeschmiedeten und ich vergesse, dass Ihr so unfreundlich zu mir wart“, meinte er grinsend und zog ein rostiges Kurzschwert.
Wie auf Kommando rissen Thalaën, Adamant und Esra ihre Waffen hoch und richteten sie auf den Hobgoblin. Astamalia hatte ihre Hände erhoben, bereit einen Zauber loszulassen.
Der Hobgoblin erstarrte, rund um die Gruppe bildete sich rasch ein großer freier Kreis.
„Nur die Ruhe“, murmelte der Hobgoblin und steckte sein Schwert langsam wieder zurück. „Man wird doch wohl noch fragen dürfen. Wir sind doch alle Freunde.“
Er hob abwehrend die Hände und entfernte sich langsam rückwärtsgehend.
„Das war knapp“, bemerkte Astamalia und entspannte sch wieder etwas. „Sehr gesprächiges Volk. Und sehr ehrgeizige Händler.“
„Ich mag keine Hobgoblins“, merkte Esra an und steckte ihren Bogen zurück.

Nach diesem Zwischenfall konnte sich Esra noch weniger entspannen, als zuvor. Sie mochte ja generell keine Städte, aber diese hier war ihr besonders unangenehm. So atmete sie auch hörbar auf, als sie endlich den gesamten Blutmarkt hinter sich gelassen hatten.
„Und nun?“, fragte sie.
Die anderen sahen sich ebenfalls suchend um.
„Ich denke, ich habe es“, brummte Adamant und deutete auf ein schäbiges Gebäude, über dessen Tür ein Schild mit einer stilisierten roten Faust hing. So wie es aussah, stammte die rote Farbe von Blut.
„Ja, das scheint es zu sein“, stimmte Astamalia zu und schritt flott darauf zu.
Esra bewunderte sie dafür im Stillen etwas. Die junge Magierin schien sich rasch überall wohl zu fühlen und nie wirklich fehl am Platze zu sein. Esra hingegen fühlte sich seit sie ihren heimatlichen Wald verlassen hatte unwohl und – eben – fehl am Platz. Wann endlich würden sie die Städte hinter sich lassen und hinaus in die Welt, besser noch in die Wälder ziehen? Wenn es nach Astamalia ging, die solche Angst vor den schönen tiefen, dunklen Wäldern hatte, wahrscheinlich nie. Aber immerhin war Esra ja auch auf dieses Schiff geklettert und hatte die Reise ohne allzu große Klagen ertragen. Dann konnte die Magiern auch einen Schritt in einen Wald setzen.

***

Das Innere des Gasthauses war dunkel und verraucht. Etliche Gäste waren anwesend und so wie sie aussahen, gehörten sie bestimmt nicht zu Oberschicht, weder hier noch anderswo. Allerdings fiel schon einmal positiv auf, dass die meisten Menschen waren oder Völker aus den Fünf Nationen. Nicht ein Hobgoblin hatte sich scheinbar heute hier herein verirrt. Astamalia sollte das nur recht sein. Ihre Freude an Begegnungen mit diesen barbarischen Wilden war für das erste erschöpft.
„Und woher wollen wir jetzt wissen, bei wem es sich um Failin handelt?“, fragte Thalaën und ließ seinen Blick über die Tische schleifen. „Wir können schlecht jeden fragen.“
„Es sollte reichen, wenn wir einen fragen“, erwiderte Astamalia. „Dame Elaydren hat uns auf ihn verwiesen. Also nehme ich an, dass er hier auch bekannt sein dürfte. Wir machen es also wieder wir auf dem Markt.“
Sie ging an die Bar, hinter der ein dicker Wirt langsam seine dreckigen Gläser polierte.
„Ich grüße Euch. Ihr könnt mir wohl nicht zufällig sagen, wo ich einen gewissen Failin finde?“
Ohne zu antworten nickte der Wirt in eine dunkle Ecke des Lokals.
Astamalia bedankte sich und marschierte in die Richtung, in der der Wirt gedeutet hatte. Ein einzelner Mann saß hier an dem Tisch. Er schien recht schlaksig zu sein, mit einem Schopf ungekämmter roter Haare und hellblauen Augen, die tief in den eingesunkenen Höhlen lagen. Seine Haut war wettergegerbt und hob sich stark von den sauberen, gut gefertigten Kleidern ab, mit denen er so gar nicht nach Rukaan Draal passen wollte.
Er musterte ihr Quartett, sagte jedoch nichts. Auch nicht, als sie direkt vor seinem Tisch zum stehen kamen.
„Seid Ihr Failin?“, fragte Astamalia und der Mann nickte. Sprach aber immer noch nichts.
„Dame Elaydren schickt uns zu Euch. Sie sagte, Ihr hättet die Möglichkeit uns nach Rotbruch zu bringen.“
„Rotbruch? Weit weg. Grenznah. Beim Aschgrauen Nebel. Bergbaustadt. Kann ich machen. Ja. Wird was Kosten. Sechzig Gold. Jeder. Vierzig vorab. Habt ihr Vorräte?“, sprudelte es aus ihm heraus.
„Etwas teuer oder?“, erkundigte sich Esra.
„Gefährlich. Darum teuer. Vorräte?“
„Ja, haben wir“, übernahm Astamalia wieder. Anscheinend war Failin kein sehr gesprächiger Typ.
„Gut. Flagge?“
Astamalia runzelte die Stirn.
„Flagge?“
Sie sah die anderen drei an, aber die wirkten genauso verwirrt wie sie selbst.
„Passageflagge. Schützt vor Angriffen. Meistens. Einen Monat gültig. Brauchen wir unbedingt. Ihr bezahlt.“
„Gut, und wo bekommen wir sie?“
„In Khaar Mbar’ost.“
„Gut. Dann brechen wir auf.“
„40 vorab.“
Astamalia seufzte. Diese Leute hier waren alle die reinsten Halsabschneider. Und dieser Failin war kein Stück besser als die Hobgoblins. Mürrisch gaben sie ihm das versprochene Gold, das er sogleich gekonnt in seinen Taschen verschwinden ließ.
„Los, los.“
Er trank aus und eilte voran. Astamalia konnte über dieses merkwürdige Verhalten nur den Kopf schütteln.

***

Adamant stapfte den anderen schweigend hinterher und versuchte dabei so viel wie möglich von der Stadt in sich aufzunehmen. Auch wenn es anscheinend der reinste Sündenpfuhl war, so war es doch die erste Stadt, mit Ausnahme von Sharn, die er kennen lernte. Und sie war so viel anders als die Stadt der Türme! Doch als Kleriker der Flamme würde er hier nicht glücklich werden, dass sah er schon.
Failin führte sie von den großen Straßen weg, durch irgendwelche Seitengassen, durch die sie, seinen Worten zufolge, rascher voran kommen würden.
Gerade gingen sie durch eine enge Gasse, die zu beiden Seiten von hohen Lehmbauten flankiert wurde, als zwei riesige Grottenschrate die Gasse blockierten. Sie schwangen bedrohlich ihre Streitkolben.
„Failin, du elender Betrüger!“, knurrte einer der beiden bedrohlich und schritt auf ihn zu. Failin erbleichte bis auf den Haaransatz, sah sich kurz angsterfüllt um, und war mit einem Mal verschwunden.
Überrascht blinzelte Adamant. Auch die Grottenschrate wirkten reichlich überrascht, jedoch nicht lange.
„Dann werdet ihr eben für diesen Betrüger bezahlen!“, fauchten sie.
Thalaën zog sein Schwert, doch Astamalia schüttelte den Kopf.
„Failin hat uns doch ebenso betrogen wie euch. Wir haben ihn vorher gerade in der Geballten Faust aufgespürt und haben ihn gezwungen, dass er uns unser Geld wieder gibt. Wir waren gerade zu seinem Versteck unterwegs, wo er seine Schulden begleichen sollte. Wir könnten ihn doch jetzt gemeinsam suchen!“
Adamant war verwirrt. Hatte er irgendetwas nicht mitbekommen? Failin hatte sie doch gar nicht betrogen, oder etwa doch? Oder war es gar möglich, dass Astamalia die beiden Fremden einfach frech anlog.
„Das ist richtig. Gemeinsam haben wir mehr Chancen, diesen frechen Kerl zu erwischen“, wurde Astamalia von Esra unterstützt.
Die Grottenschrate sahen sich fragend an und nickten dann.
„Einverstanden. Lasst ihn uns suchen, er kann nicht weit sein.“
Sie wandten sich ohne Scheu um und gingen der Gruppe voraus. Jedoch nicht lange. Thalaën zückte sein Schwert und rammte es dem ersten von hinten in den Rücken. Röchelnd brach der Schrat zusammen.
Esra feuerte zischend einen Pfeil an Adamants Kopf vorbei und Astamalia brannte ihm noch ein magisches Geschoss auf den Pelz. Der Kampf war so schnell vorbei, wie er begonnen hatte.
„Was habt ihr getan? Ihr habt sie von hinten ermordet!“, fuhr Adamant auf.
„Besser so, als umgekehrt“, stellte Thalaën klar und säuberte seine Waffe am Gewand des Toten. „Diese beiden Kerle hätten uns ernsthaft gefährlich werden können. Und wahrscheinlich hätten sie uns ebenfalls bei der erstbesten Gelegenheit angefallen. Vergiss keine Träne wegen denen, Adamant.“
„Ich kann nicht weinen…“, versuchte der Kriegsgeschmiedete klar zu stellen, als Failin aus der nächsten Seitengasse hervorblicke.
„Los, weiter. Sind spät dran“, drängte er zur weiteren Eile, ohne nur ein Wort darüber zu verlieren, dass ihm die vier gerade das Leben gerettet hatten.

***

Die Passagefahnen zu holen dauerte fast den gesamten restlichen Tag. Anscheinend waren sie sehr begehrt, denn sie mussten lange anstehen um bis an den Schalter zu kommen, am dem sie verkauft wurden. Und dann hatte der Hobgoblin auch noch die Frechheit zu fragen, wohin es ginge, was sie dort wollten und noch vieles mehr. Einige Fragen hatten sie nur ausweichend beantworten können. Als sie dann endlich wieder den Turm verlassen hatten, hatte sie Adamant darauf hingewiesen, dass das Monat sich bereits seinem Ende neigte, und es knapp werden könnte, mit nur einer Fahne. Daher hatten sie sich noch einmal angestellt und eine zweite für das Folgemonat erstanden.
Es dämmerte bereits, als sie sich endlich auf den Weg machten.
Failin führte sie zu einem großen Felsen am Stadtrand. Dort rollte er seinen Ärmel auf, auf dem er ein Drachenmal offenbarte, was Astamalia gelinde überraschte. Aber sie konnte es nur kurz sehen und deswegen nicht zuordnen.
Mit dem Mal berührte Failin den Felsen und flüsterte dabei etwas, jedoch so leise, dass Astamalia es leider nicht verstehen konnte. Danach trat er einen Schritt zurück, der Stein begann zu rumpeln und ein seltsam aussehender Wagen fuhr aus dem Stein heraus. Das Heck des vierrädrigen Vehikels war mit einer einfachen Leinenplane geschlossen, während der Kutschbock frei war. Der Wagen schien aus Holz gefertigt zu sein, aber ein sich ständig wandelndes Muster aus Stein, Edelsteine und Kristallen wuchs aus dem Holzrahmen heraus.
„Mein Wagen“, erklärte Failin nicht ohne Stolz. „Elementarantrieb. Rein. Weiter Weg. Fahren noch heute los.“
Obwohl es bereits fast stockdunkel war, steuerte Failin seinen Wagen noch auf die Ebene hinaus, die sich rund um die Hauptstadt bis zum Horizont erstreckte. Das ging jedoch nicht so leise von statten, wie Astamalia sich das wünschte. Das gebundene Erdelementar grollte und rumpelte, als ob Eberron selbst aus seinem Schlaf erwacht wäre. Dafür jedoch fuhr der Wagen so ruhig wie eine Blitzbahn, was Astamalia doch erstaunte.
Ein Blick auf die Reifen, klärte jedoch alles. Die Räder versanken teilweise im Boden und ließen den Wagen voran gleiten, ohne dass er von Geröll oder anderen natürlichen Hindernissen beeinflusst wurde.
Praktisch, dachte Astamalia bei sich.
Lange nach Anbruch der Nacht hielt Failin den Wagen irgendwo mitten auf der Ebene.
„Ihr im Wagen. Ich im Zelt“, stellte er klar und befahl seinem magischen Zelt sich selbst aufzubauen.

***

Der nächste Tag war trocken und heiß. Die Sonne brannte vom azurblauen Himmel und die Fahrt über die immer gleich aussehende Ebene wurde rasch eintönig.
„Wie lange brauchen wir eigentlich nach Rotbruch?“, fragte Thalaën, den diese Gegend an Valenar erinnerte,
„Noch 3 Tage.“
„Hm. Und diese Flagge schützt uns vor Übergriffen?“, fragte der Elf weiter und deutete auf das bunte Banner, dass an einer Stange über dem Wagen flatterte.
„Meistens. Viele Hobgoblins Respekt vor König. Manche nicht. Besser Fahne als keine.“
Thalaën fand die Art und Weise, in der Failin sprach, etwas anstrengend.
„Wisst ihr etwas über einen Ort der Weißschmiede heißt?“
„Nein.“
„Soll eine Schmiede des Hauses Cannith sein.“
„Keine Ahnung.“
„Woher kennt Ihr eigentlich Elaydren?“
Thalaën versucht einiges um Failin aus der Reserve zu locken.
„Alte Freundin. Aus alten Zeiten.“
„Vielleicht etwas genauer?“
Doch darauf bekam er keine Antwort mehr.
Der Vormittag ging ereignislos dahin, das Mittagessen nahmen sie während der Fahrt ein. Sie wechselten sich regelmäßig damit ab, wer neben Failin auf dem Kutschbock saß. Denn das bedeuteten Stunden des Schweigens.
Am Nachmittag hatte Esra die ehrenvolle Aufgabe über und ließ ihren Blick über das weite Land schweifen. Abermals vermisste sie ihren Wald. Sie hatte gar nicht gewusst, dass es so eintönig sein konnte, außerhalb einer Stadt zu sein. Aber sie hatte auch noch nie in ihrem Leben eine so große Ebene gesehen, auf der man das Gefühl hatte, sich nicht im geringsten von der Stelle zu rühren.
Sie blinzelte und stand auf.
„Ich glaube, ich sehe etwas. Mehrere Personen kreuzen unseren Weg.“
Failin sah sie an, dann die Fahne, die immer noch im Wind flatterte, zuckte mit den Schultern und fuhr unbeirrt weiter. So näherten sie sich rasch den vier Gestalten, die zu Fuß durch die Ebene wanderten. Von weitem winkten sie schon und Failin hielt auf sie zu, um den Wagen dann neben den vier Hobgoblins zum Halten zu bringen.
Esra musterte die vier interessiert. Sie wirkten abgemagert und Wunden und Narben überdeckten ihre Körper. Die Kleidung war zerrissen, das Schuhwerk in einem schlechten Zustand.
„Wie gut tut es doch, nach so langer Zeit wieder einmal lebende Gesellen zu erblicken“, schien der Anführer der Gruppe erfreut. „Mein Name ist Raahn. Wohin seid ihr den Unterwegs?“
„Klageland“, antwortete Failin wie üblich einsilbig.
Raahn schüttelte den Kopf.
„Gefährliche Gegend. Von einem Besuch da kann ich nur abraten.“
Failin zuckte die Schultern.
„Deren Problem“, meinte er mit einem Seitenblick auf Esra. „Bin nur Fahrer.“
„Ah, dann gehört Euch dieses vortreffliche Gefährt. Wisst Ihr, meine Freunde und ich sind zu Fuß aus dem Klageland gekommen und etwas müde. Was haltet Ihr davon, wenn Ihr uns Euren Wagen gebt, damit wir schneller vorankommen.“
Plötzlich hatten drei der Hobgoblins Krummsäbel in der Hand, der vierte einen Zauberstab.
Failin ächzte und war mit einem leisen Plopp verschwunden.
Esra zückte nach ihrem Bogen, wurde in diesem Moment aber bereits von einem magischen Geschoss getroffen und nach hinten geschleudert. Mit verschwommenen Blick sah sie Adamant und Thalaën bewaffnet aus dem Wagen springen und sich auf die Hobgoblins stürzen. Aus dem Wagen traf ein magisches Geschoss den Zauberwirker der Hobgoblins.
Esra rappelte sich wieder auf, griff ihren verlorenen Bogen und begann in das Getümmel zu feuern, was gar nicht so leicht war, wollte sie nicht aus versehen einen ihrer Freunde treffen.
Einer der Kämpfer ging unter dem Schlaghagel und mit zwei Pfeilen im Körper zu Boden, der zweite folgte dicht auf. Der Zauberer der Hobgoblins und Astamalia lieferten sich ein Flammensprühendes, Strahlenschleuderndes Gefecht, welches zugunsten der Halb-Elfe ausging.
Thalaën brachte den aus zig Wunden blutenden Raahn mit einem gekonnten Schlag zu Fall.
„Ergib dich, oder ich töte dich!“, fuhr er den Hobgoblin an. Der grinste aber nur und spuckte Blut.
„Ich komme aus dem Klageland, Elf. Ich bin doch schon so gut wie Tod! Und ihr seid es auch!“, hustete er und schloss die Augen.
„Nette Abschiedsworte“, kommentierte Astamalia und kroch aus dem Wagen um sich die Leiche ihres Gegners anzusehen. Sie fand einen Zauberstab, sowie mehrere Schriftrollen und ein Fläschchen mit heilender Flüssigkeit.
„Los. Genug Zeit verloren“, drängte Failin weiter zur Eile.
Rasch durchsuchten die anderen drei die Toten nach verwertbarem und dann ließen sie den Schauplatz dieses Intermezzos hinter sich. Adamant kümmerte sich um die Wunden, während Astamalia die unbekannten Schriftrollen inspizierte. Um den Zauberstab würde sie sich später kümmern.

***

„Sagt, Failin. Wisst Ihr eigentlich etwas über das Klageland? Ich habe bereits viel darüber gehört, aber das meiste klang mehr nach aufreißerischen Geschichten, denn nach wahren Begebenheiten“, erkundigt sic Astamalia am nächsten Tag bei ihrem Führer.
„Klageland. Tod. Verdorben. Verunstaltete Tiere. Mächtige Magie. Lebendige Magie. Wenige kehren zurück. Niemand weiß genaues.“
„Lebende Magie?“, zweifelte Astamalia
„Lebende Magie. Arkane Energie mit Körper. Schlimmes muss am Tag der Klage passiert sein.“
Failin fiel in ein dumpfes Brüten und Astamalia wagte es nicht ihn wieder herauszureißen. Es war das erste Mal, seit sie ihm begegnet war, dass er so abweisend war.

Adamant hatte sich in der Bibliothek von Bonal Geldem mit reichlichen Büchern eingedeckt, von denen er während der Fahrt zur Genüge gebrauch machte. Er hatte so viel über die Welt zu lernen. Er hatte ja gedacht, dass ihm Nerina im Tempel viel gelehrt hatte, aber jetzt musste er feststellen, dass das alles nur ein Bruchteil dessen gewesen war, was er lernen wollte. Selbst über den Glauben, dem er angehörte, und den zu verteidigen und zu ehren er geschworen hatte, wusste er bei weitem nicht alles. Das überraschte ihn doch etwas. Er hatte gewusst, wie der Glaube der Flamme entstanden war, worauf er beruhte, dass er eigentlich die Flamme Siberys war, welche in der Flammenfeste strahlte. Er hatte auch von den dunklen Zeiten gehört: Der Verfolgung der Lykantropen. Jedoch war ihm die Theorie, dass solche nicht umstrittenen Taten auf die Stimme des Dämons in der Flamme zurückzuführen seien, neu. Und er fand sie auch erschütternd. Konnte es tatsächlich sein, das ein Dämon immer wieder versuchte die Geschicke der Flamme zu leiten? Warum sollte die Hüterin, die Kirche, das zulassen?
„Seht!“, hörte er da Thalaëns Stimme vom Kutschbock. Interessiert sah er an dem Elf vorbei in Fahrtrichtung. Eine riesige Wand aus Nebel erstreckte sich im Osten. Ein unheimlicher, dunkler Nebel, der aussah, wie eine Wand aus Asche.
„Bei der Flamme! Ist das die Grenze zum Klageland?“
„Ja. Aschgraue Nebel. Alte Grenze von Cyre. Heute: Klageland. Heute Abend Rotbruch.“
Adamant meine ein Zittern in der Stimme ihres Führers auszumachen. Die Wand schien ihn zu beunruhigen. Nun, es schien jeden zu beunruhigen. Mit Ausnahme von Thalaën, der der Wand unerschrocken entgegen sah.
„Die Flamme wird über uns wachen, Failin.“
Der Blick den er dafür bekam sollte wohl soviel bedeuten wie: Du glaubst das wirklich, oder?
Doch Adamant beschloss, sich jetzt nicht auf eine theologische Diskussion einzulassen, bei der er – davon war er überzeugt – letzten Endes doch ohnehin nur gewinnen konnte. Er zog es vor in das Wageninneren zurückzukehren und seine Sachen zu packen.
Stopper der Grausamen Flut, Töter des Erben des Feuers, Vernichter der Kadaverkrone und Erlöser des Fluchs des Purpurthrons.

Hunter

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Schatten der Vergangenheit
« Antwort #14 am: 21. Januar 2008, 20:15:20 »
Klauen, Zombies und Vampire

Es war fast Dunkel, als Failin den Wagen auf einer kleinen Anhöhe stoppte. Unter ihnen erstreckte sich das Dorf, oder besser gesagt, die Überreste eines Dorfes, über ein Plateau, welches im Westen durch eine tiefe Schlucht begrenzt war.
„Was ist denn hier geschehen?“, keucht Astamalia.
„Nicht gewusst? Rotbruch zerstört. Seit Tag der Klage“, war Failin ehrlich erstaunt.
„Nein. Wir dachten eigentlich, hier eine wirkliche Stadt vorzufinden. Aber nicht nur die Ruinen einer solchen.“
Alles was in dem Ort aus Holz gefertigt gewesen war, schien zu Asche und Kohle verbrannt zu sein und von den Häusern waren nur die Steinfundamente, Mauerreste und Schornsteine zurückgeblieben. Obwohl es selbst jetzt am Abend noch sehr warm war, schien das Dorf von einer Eisschicht bedeckt zu sein, die im Licht der aufgehenden Monde glänzte.
„Da seht! Eine Lichtquelle!“, rief Esra und deutete auf ein kleines Lager am Südende des Dorfes, unweit dem Fußes des Hügels, auf dem sie standen.
Rund um das Feuer standen vier große Zelte zwischen denen sich Gestalten hin und her bewegten. Esra kauerte sich hin und verengte die Augen zu schmalen Schlitzen.
„Ich kann von hier aus nicht mehr erkennen. Soll ich mich an sie heranschleichen?“
„Traust du dir das zu?“, erkundigte sich Astamalia. „Wenn es Feinde sind, können wir eine Entdeckung nicht gut gebrauchen.“
„Ich schaffe das schon“, erklärte die Wandlerin selbstsicher, entledigte sich ihres Rucksackes und huschte nur mit Pfeil und Bogen bewaffnet den Hügel hinab.
Endlich fühlte sich Esra wieder wohl. Das war fast, wie in alten Zeiten im Wald von Grünherz. Nur stand heute kein Hirsch auf dem Plan, sondern eben das Lager von unbekannten Fremden.
Geschickt nutzte sie die vorhandenen Mauerreste aus, blieb immer wieder stehen und lauschte und spähte in die dämmrige Dunkelheit. Ein stetiges Geräusch von Eisen auf Stein oder Eis war von irgendwo aus dem Dorf zu hören. Es klang ziemlich beunruhigend…
Endlich hatte sie es geschafft und spähte über den Rand einer Mauer in das nahe Lager. Hinter den Zelten konnte sie nun zwei Planwagen erkennen. Sechzehn Pferde standen ebenfalls herum. Sieben Gestalten saßen rund um das große Feuer und so wie sich das Feuer in ihnen spiegelte schienen sie Helme und Kettenhemden oder eine  andere metallische Rüstung zu tragen. Esra ließ ihren Blick weiter wandern und keuchte erschrocken auf. Im Schatten hinter einem der Zelte sah sie vier Skelette, mit Sensen bewaffnet.
Rasch machte sie sich wieder auf den Rückzug.
„Was hast du gesehen?“, erkundigte sich Thalaën, kaum dass sie wieder aus den Schatten aufgetaucht war.
Rasch beschrieb sie die Stärke der Truppe, sowie die Skelette.
„Skelette!“, fuhren der Elf und der Kriegsgeschmiedete auf.
„Lasst sie uns töten!“, rief Adamant und zog sein Langschwert.
„Hast du irgendwelche Wappen gesehen? Können wir sie einer Organisation zuordnen?“, fragte Astamalia.
Esra dachte rasch nach.
„Ja. Ich habe einen Wappenrock gesehen, au dem eine grüne Hand oder eine Klaue abgebildet war.“
„Der Ordern der Smaragdklaue!“, stieß Adamant hervor. „Wir sollten hinab gehen und sie töten! Es sind Untotenanbeter! Nekromanten! Mörder und Terroristen!“
Thalaën stimmte dem Kleriker mit heftigem Kopfnicken zu.
„Ich kann ja verstehen, dass ihr beide einen Hass auf diese Leute habt. Sie sind das Gegenteil von dem, was ihr für Gut anseht. Aber bedenkt ihre Stärke! Niemand hat etwas davon, wenn ihr beide hier in Rotbruch sterbt. Weder die Ahnen von dir, Thalaën, noch deine Kirche, Adamant. Zudem wissen wir nicht, wie viele von ihnen sich noch im Dorf aufhalten. Wir könnten überrascht werden. Und ich denke nicht, dass die Dame Elaydren so rasch einen Rettungstrupp nach uns schicken würde. Nicht nach den Problemen, in denen sie selbst zu stecken scheint“, redete Astamalia auf sie ein.
Die beiden Frauen blickten die Männer an.
„Wir töten sie ein andermal“, schlug Esra vor.
Thalaën seufzte und blickte zwischen seinem gezückten Säbel und dem Lagerfeuer hin und her.
„Ich fürchte mich nicht vor dem Tod. Aber du hast Recht, Astamalia. In diesem Moment wäre es nicht besonders klug, dort hinabzustürmen. Außerdem ist ein sinnloser Tod auch kein ehrenvoller.“
„Dennoch muss ich als Kleriker der Flamme das Böse immer und überall bekämpfen!“, schaltete Adamant auf stur.
„Aber denkst du denn, dass du das Böse bekämpfst, indem du jetzt nach unten läufst und dich töten lässt? Und genau das werden sie tun. Du hast kaum eine Chance gegen diese Leute und kannst höchstens darauf hoffen, einen von ihnen mitzunehmen“, mischte sich nun auch Esra ein.
„Und dann würde er als Untoter wiedererweckt werden“, brummte Adamant und steckte seins Schwert zurück in die Scheide. Ich sehe ein, dass es keinen Zweck hat. Aber alles in mir schreit danach, diesen Untotenverehrern die Kehle durchzuschneiden.“
Astamalia überhörte die letzte Bemerkung.
„Gut. Irgendwo in den Überresten des Dorfes liegt der Schlüssel für die Weißschmiede. Wir müssen ihn irgendwie finden. Am besten ohne dabei den Orden auf uns aufmerksam zu machen. Daher werden wir uns am besten am Lager vorbei schleichen. Failin: Wartest Ihr hier?“
„Ja. Aber wenn Gefahr droht bin ich weg.“
„Wir werden vor Sonnenaufgang wieder zurück sein.“

***

Sich zu viert unbemerkt am Lager vorbei zu schleichen war alles andere als einfach. Esra war zwar ein Blatt im Wind und praktisch nicht zu hören oder zu sehen, aber sowohl Thalaën in seiner Rüstung als auch der schwer gebaute Adamant taten sich mit der Heimlichkeit etwas schwer. Zudem schien Adamant immer noch nicht ganz davon überzeugt zu sein, dass sie das Lager umgehen und nicht angreifen sollten.
Astamalia schlug sich den Umständen entsprechend gut. Dennoch hatte Esra das Gefühl mit drei dicken, laut grunzenden Wildschweinen auf der Pirsch zu sein.
„Seht mal“, flüsterte Esra und deutete auf die schimmernde Oberfläche, die fast das gesamte Dorf bedeckte. „Das ist gar kein Eis. Das ist Glas!“
„Wer sollte ein Dorf mit Glas überziehen?“, war Thalaën verwirrt.
„Ich denke nicht, dass es Absicht war, mein lieber Elf“, flüsterte Astamalia. „Rotbruch liegt nahe der Grenze zum Klageland. Vielleicht war es irgendeine Auswirkung des Tages der Klage, der das hier gemacht hat. Aber deswegen sind wir nicht hier. Wir können in Sharn weiter darüber debattieren. Jetzt sollten wir uns beeilen.“
Sie huschten weiter durch die Ruinen, am Lager vorbei. Plötzlich hob Adamant seine Hand und zwang sie zum stehen bleiben. Leise zog er sein Schwert aus der Scheide.
„Was ist los?“
„Zombies!“, freute sich der Kriegsgeschmiedete und deutete auf die mondbeschienene Fläche vor ihnen. Zwei zwergische Zombies schlurften durch die Ruinen. Auch sie schienen mit einer Schicht aus Glas bedeckt zu sein.
„Töten wir sie!“
Er stürmte vor und auf die Zombies zu. Die anderen hatten keine andere Wahl, als ihm zu helfen. Zumindest unterließ es der Kriegsgeschmiedete einen Kriegsschrei für die Flamme auszustoßen.
Thalaën überholte den schwerfälligen Kleriker und holte zum Schlag aus. Jedoch hatte er die rutschige Oberfläche aus Glas vergessen und fiel hart hin. Adamant brachte dafür einen harten Schlag an. Als sich die beiden Zombies zu wehren begannen schlugen sie nur dumpf auf den harten Adamantitkörper des Kriegsgeschmiedeten ein. Es war nicht wirklich ein Kampf. Mehr ein Gemetzel. Auch wenn sich die meisten ihrer Waffen gegen die Zombie als nicht sonderlich effektiv erwiesen. Zuerst war da ihre schützende Schicht aus Glas, die jedoch bald zersprang. Dann ihr modriges, zerfressenes Fleisch, durch welches die Schwerter und Pfeile ohne großen Schaden hindurch gingen.
Außerdem schienen die Zombies keine Probleme mit dem balancieren auf dem schlüpfrigen Glas zu haben. Ganz im Gegensatz zu Thalaën, der öfter mit aufstehen und hinfallen beschäftigt war, als mit kämpfen.
Mit einem erleichterten Seufzen brachte Adamant den zweiten Zombie zu Fall.
„Macht so etwas nie wieder“, fuhr Astamalia Adamant zischend an. „Die Zombies hätten Alarm schlagen können! Und was hätten wir dann gemacht? Wir hätten den Ort ohne Schlüssel verlassen müssen.“
„Psst! Hört ihr das auch!“, brachte Esra sie zum schweigen. Sie vernahm wieder dieses unheimliche Klopfen. Und jetzt war es nicht weit von hier. Neugierig blickte die Wandlerin über einige Mauerreste. Vor ihr, im Mondlicht, lag ein Totenacker. Auf ihm standen zwei der zwergischen Zombies, mit Spitzhaken bewaffnet. Sie schienen gerade dabei zu sein, die Gräber auszuheben.
„Lasst sie uns vernichten“, grollte Adamant und griff nach seinem Schwert.
„Nein“, befahl Astamalia mit eisiger Stimme. „Zombies sind dumm. Wenn sie den Befehl haben hier zu graben, werden sie auch nichts anderes tun. Wir sollten sie einfach ignorieren.“
Adamant sah aus, als hätte sie eben die Absage für das Jahresfest der Flamme verkündet. Astamalia auf der anderen Seite wirkte, als würde sie nicht mit sich verhandeln lassen. Langsam umrundete sie die Mauer und ging am Friedhof vorbei, ohne die Zombies dabei auch nur einmal aus den Augen zu lassen. Wie die Magierin angekündigt hatte, taten sie weiterhin so, als ob die vier Abenteurer nicht hier wären.
Astamalia warf den anderen einen „Ich hab es euch doch gesagt“-Blick zu und sie setzten die Erkundung des Dorfes fort.

***

Mehrere Stunden und einige Begegnungen mit Glaszombies, die Adamant und Thalaën trotz allem vernichtet hatten, später, standen sie vor den beiden einzigen noch halbwegs intakt aussehenden Gebäuden des Dorfes.
Das eine war der Tempel, an dessen Rückseite sie bereits den Friedhof gefunden hatten und das andere – dem Tempel gegenüber – schien ein Gebäude des Hauses Cannith zu sein. Zumindest war das Symbol von Amboss und Gorgone in den Torbogen des aus rotem Marmor gebauten Hauses eingelassen. Aus dem Inneren dieser Niederlassung des Hauses schimmerte zudem flackerndes Licht.
„Und nun?“, fragte Esra.
„Zuerst den Tempel“, schlug Adamant vor. „Vielleicht finden wir darin etwas Brauchbares.“
Esra konnte sich zwar nicht vorstellen, dass in dem baufälligen Gebäude noch etwas wertvolles sein sollte, aber sie wollte nicht den Spielverderber für den Kriegsgeschmiedeten spielen. Und Astamalia schien auch nichts dagegen zu haben.
„Das sind Symbole der Göttlichen Heerschar“, erklärte der Kleriker die Zeichen über der Tür. „Der Tempel scheint also keinem bestimmten Gott gewidmet gewesen zu sein.“
Damit trat er ins Innere. Das Dach war eingebrochen und Mondlicht fiel auf die Trümmer der Decke, die fast den gesamten Boden bedeckten. Gegenüber dem Eingang waren die Überreste eines Altars zu sehen. Thalaën kniete sich davor hin und entfernte vorsichtig einige Dachziegel.
„Ich habe zwar keine Ahnung, was genau das ist. Aber es sieht wertvoll aus“, verkündete er und zog einen goldenen Kelch hervor. „Jemand eine Idee?“
Astamalia legte ihre Hand darauf und murmelt einen kurzen Zauberspruch.
„Keine Ahnung. Aber auf jeden Fall ist er magisch. Wenn ich Zeit habe, dann werde ich ihn identifizieren. Aber nicht jetzt. War das alles?“
Die anderen sahen sich noch rasch im Innern des Tempels um. Aber anscheinend war der Kelch wirklich das einzige noch vorhandene Relikt gewesen.
„Dann sehen wir mal nach, was uns in dieser Niederlassung erwartet.“

Das Gebäude von Haus Cannith besaß stabile Wände. Doch die oberen Stockwerke, das Dach, sowie sämtliche Türen waren zerstört und zu Asche verbrannt.
Leise schlichen sie in das Innere, Thalaën voran.
Eine Tür links, eine rechts.
Kurz hineingesehen. Nur Schutt.
Weiter.
Eine Tür, große Halle.
Rasch machte er sich einen Überblick über seine Gegner. Ein Zombie, die Arme voller Schutt, eine wütend aussehende Frau, ein eingeschüchterter aussehender junger Soldat der Smaragdklaue.
Enorme Blöcke aus rotem Marmor lagen herum. Einige große Feuerstellen in der Mitte und an den Nord-, Süd und Westwänden, jede in einer anderen Sorte Stein errichtet. Neben jeder Feuerstelle zwei Statuen. Auf dem Boden, unter dem Schutt, eine Karte von Zentral-Khorvaire.
„Wer seid Ihr denn!“, fuhr ihn die Frau an und zückte ihr Langschwert. „Tötet ihn!“
Der Zombie ließ polternd die Trümmer fallen und stapfte träge auf ihn zu. Der Soldat griff nach seiner Armbrust und feuerte einen viel zu hektischen Schuss auf den Elfen ab. Irgendwo links von ihm, prallte der Bolzen von der Wand ab.
Dafür stürzte sich Thalaën auf die Frau, prügelte so schnell um mit soviel Kraft wie er konnte auf sie ein. Erschrocken, ob des Ansturms, wich sie zurück und gab damit den Eingang frei für Thalaëns Freunde.
„Hilfe!“, schrie sie, so laut sie konnte und versuchte einige ernsthafte Schläge zu landen. Doch bis auf einige nicht sehr tiefe Fleischwunden, gelang ihr kein Treffer. „Helft mir doch!“, kreischte sie.
„Helft mir…!“
Der Rest ging in einem Gurgeln unter, als ihr Thalaën mit seinem Säbel die Kehle aufschlitzte.
Schwer atmend sah er sich um. Die anderen Feinde waren ebenfalls bezwungen und Astamalia stand bereits mitten auf der Karte.

Wenn Thalaën in seinen Blutrausch fiel,  bekam sie manchmal Angst vor ihm. Man sollte wirklich aufpassen, was man zu ihm sagte, beschloss sich Astamalia in Erinnerung zu behalten. Sie schüttelte ihren Schauer ab und besah sich die Karte genauer. Es waren die Grenzen der alten Fünf Nationen eingezeichnet – Aundair, Cyre, Karrnath, Thrane und Breland –, weiters alle bedeutenden Städte, topographischen Merkmale und auch größere Minen. Jedoch fand sich zu keinem der filigran eingemeißelten Symbole ein Name oder ein Text.
„Seltsam…“, murmelte sie.
Adamant betrachtete die Statuen, in ihren verschiedenen Farben und schritt schließlich auf einen Drachen aus rotem Stein zu, begann ihn zu untersuchen.
„Hier steht etwas!“, rief er aus. „Weißschmiede, weißes Siegel, NO 9. Was immer das auch heißen soll.“
Alle sahen sich recht ratlos an.
Thalaën schritt nacheinander die anderen Statuen ab und fand auf jeder an der Rückseite einen ähnlichen Text eingraviert:
„Tallis, schwarzes Siegel, O 4. Cabblenhalle, rotes Siegel, SW 15. Schwarzschmiede, schwarzes Siegel, SO 12…“, las er nacheinander vor.
„Gibt es vielleicht ein Raster?“, überlegte Astamalia laut und räumte an den Seiten den Schutt weg. „Es gibt Karten, auf denen so etwas Brauch ist.“ Sie sah sich den Rand der Karte an und schüttelte den Kopf. „Fehlanzeige.“
Esra kratzte sich an den Kotletten.
„Es muss etwas mit den Siegeln zu tun haben…“, schlussfolgerte sie und ging einmal den Rand der Halle ab. Tatsächlich fand sie vor einer der Feuerstellen, an einer freien Stelle, eine in rot eingelassene runde Marmorplatte. Rasch legte sie dann bei den anderen Feuerstellen ebenfalls zwei Siegel frei.
„Und nun?“, fragte Thalaën.
„Ganz einfach“, grinste ihn die Waldläuferin an. Stellte sich auf das weiße Siegel und marschierte neun Schritte Richtung Nordosten. Fast genau zu ihren Füßen fand sie das Symbol für eine Miene.
„Na toll“, stellte Esra fest. „Mitten im Klageland.“
„Etwa 40 Kilometer vom Aschgrauen Nebel entfernt. Wahrscheinlich etwas mehr“, versuchte Astamalia die Entfernung abzuschätzen.
„Na dann los!“, versuchte Thalaën den Unternehmungsgeist in ihnen zu wecken.
„Warte. Ich möchte vorher noch die Standorte der anderen Einrichtungen abzeichnen. Vielleicht können wir sie noch gebrauchen.“

***

Adamant war guter Stimmung, trotzdem er das Lager des Ordens der Smaragdklaue nicht hatte attackieren dürfen. Immerhin hatten sie es geschafft, den Standort der Weißschmiede zu finden, was dem Orden anscheinend nicht gelungen war. Das war zumindest eine kleine Entschädigung für das Dahinmeucheln dieser Totenschänder.
Nacheinander traten sie hinaus in die Nacht. Auch die anderen schienen vom bisherigen Erfolg beflügelt zu sein.
„Wen haben wir denn da?“, erklang da plötzlich eine raue Stimme. Erschrocken fuhren Adamant und seine Freunde herum.
Ein großer, ausgezehrter Mann in einem prunkvollen Kapuzenmantel aus schwarzer Seide schälte sich aus den Schatten. Der Mann hatte leichenblasse Haut und eine grobe Narbe führte vom Rand des linken, glühend roten Auges hinter eines seiner spitzen Ohren. Als er die Gruppe anlächelte entblößte er rasiermesserscharfe Fangzähne.
„Ihr scheint das Rätsel gelöst zu haben. Es wird mir eine Freude sein, es euren toten Körpern zu entreißen.“
„Niemals!“, rief Adamant und kanalisierte seine Kräfte um Untote zu vertreiben. Ein Pfeil von Esra rauschte an ihm vorbei, traf jedoch nicht den Vampir.
„Zu mir meine Krieger!“, dröhnte seine Stimme über das ruhige Dorf. „Zu mir! Kommt und seht, wie ich das Blut der Eindringlinge koste!“
Der Vampir verschwand hinter einer Nebelwand.
„Und nun?“, stöhnte Adamant und sah sich nach seinen Freunden um. Astamalia überlegte nicht zweimal. So schnell es der glatte Boden zuließ rannte sie durch die Ruinen davon, Esra ihr dicht auf den Fersen. Thalaën knurrte verbissen etwas unfreundliches auf elfisch und schloss sich den beiden Frauen an.
Adamant seufzte, erkannte die Ausweglosigkeit der Situation und folgte ihnen.
Im Dorf flammten nacheinander Lichter auf, Soldaten schwärmten aus, die versuchten ihrer Spur zu folgen.

***

In weitem Bogen umgingen sie die Stadt. Esra versuchte möglichst keine Spuren zu hinterlassen, ließ es dann jedoch bleiben, als sie die Fußabdrücke von Adamant im Boden sah. Weit nach Mitternacht erreichten sie wieder den Hügel, auf dem Failin mit seinem Wagen wartete.
„Viel Aufruhr“, stellte er fest.
Tatsächlich war das Dorf hell erleuchtet von Fackeln. Überall waren Soldaten der Smaragdklaue unterwegs.
„Wir sollten uns beeilen. Kannst du uns ins Klageland bringen?“
„Nein.“
Es war ein absolutes Nein.
„Bis Aschgrauer Nebel. Kein Meter mehr.“
„Danke, das sollte uns reichen“, freute sich Astamalia.
„Los. Im Morgengrauen wir da.“
Er startete seine Wagen, dessen Lärm in der stillen Nacht bis nach Rukaan Draal zu hören sein musste und steuerte ihn in Richtung des Nebels. Währenddessen versuchten die vier im Wagen zur Ruhe zu kommen.
„Wisst ihr. Mich beschäftigt eine Frage: Was will der Orden der Smaragdklaue eigentlich hier in Rotbruch? Interessieren sie sich auch für das Schema? Wenn ja: Warum?“, erkundigte sich Esra, die als einzige atmende nicht außer Atem war – Adamant hatte diesbezüglich keine Probleme.
„Gute Frage. Scheint so, als wäre es wirklich wichtig.“
„Der Orden ist mir lieber als der Klingenfürst“, stellte Adamant klar. „Gegen den Orden zu kämpfen ist auf jeden Fall richtig, doch die Leute des Klingenfürsten sind eigentlich meine Brüder.“
„Genug gesprochen. Wir sollten versuchen einige Stunden Schlaf zu bekommen. Nach den Geschichten zu urteilen, die ich vom Klageland gehört habe, werden wir dort nur wenig Schlaf bekommen“, beendete Thalaën die Diskussion.
Stopper der Grausamen Flut, Töter des Erben des Feuers, Vernichter der Kadaverkrone und Erlöser des Fluchs des Purpurthrons.