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Autor Thema: Berandors Stadt in Ketten: Geheimnisse der Seelenpfeiler  (Gelesen 51998 mal)

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Berandor

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Berandors Stadt in Ketten: Geheimnisse der Seelenpfeiler
« am: 20. August 2006, 21:24:35 »
So. Hier geht's dann bald weiter.

Doch zuerst das Organisatorische. Ich werde in den Titel dieses Threads jeweils das Datum des letzten Beitrags, aber nicht mehr den Namen schreiben. Dadurch bleibt der Titel gleich und hoffentlich leicht erkennbar.

Kommentare
Ich schreibe diese SH nicht für mich, sondern für meine Spieler und vor allem euch, die Leser. Kommentare sind nicht nur toleriert, sondern ausdrücklich erwünscht. Dabei freue ich bzw. freut sich die Gruppe natürlich über Lob, aber noch besser sind Diskussionsbeiträge oder zumindest Fragen. Ich weiß, dass mit Abstrichen die gesmte Gruppe hier liest – also können auch Fragen über die SC vom jeweiligen Spieler beantwortet werden.

Wie ihr vielleicht wisst, gibt es noch einen weiteren Anreiz für euch, zu kommentieren. Ich vergebe nämlich Gastrollen in der SH für besonders auffällige Poster – auch wenn alle bisherigen Gewinner anschließend verstummten. Das hat wahrscheinlich etwas damit zu tun, dass ich mit der Gastrolle auch eure Seele an mich binde, aber lasst Euch deshalb nicht abschrecken. Bisherige Gewinner waren Hedian, Pestbeule, Levold, Lupus Major, dude. Mit der Gastrolle verbunden ist ein vollständiger Statblock des NSC.

Links

PDF-Dateien (inkl. Extras wie z.B. Handouts)
Stadt in Ketten I: Basar des Lebens
Stadt in Ketten II: Flutzeit
Stadt in Ketten III: Zenith der Nacht
Stadt in Ketten IV: Willkommen im Dämonenschlund
Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges
---
Die Gesichter Cauldrons (NSC-Beschreibungen plus Bilder)
Gast-NSC (Die Werte aller Gastrollen)

Flash-Filme
Der erste Teaser - Stadt in Ketten
Der erste Trailer - Basar des Lebens / Flutzeit
Der zweite Trailer - Die Suche nach dem Feuerauge
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Berandor

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Berandors Stadt in Ketten: Geheimnisse der Seelenpfeiler
« Antwort #1 am: 20. August 2006, 21:28:50 »
Stadt in Ketten - was bisher geschah

Die Kampagne “Stadt in Ketten” bespielt die “Shackled City”-Abenteuerreihe aus dem Magazin “Dungeon”. Darin geht es um die düsteren Pläne der Käfigschmiede und des Betrachterfürsten Vlaathu, durch die eine Grenzstadt Tethyrs in Gefahr gerät. Cauldron, so der Name der Stadt, ist in den Kessel eines erloschenen Vulkans erbaut worden.
In Cauldron sind vor sechzehn Jahren die “Schätze Tethyrs” verschwunden, eine berühmte Abenteuergruppe. Die Nachkommen der Schätze begaben sich auf die Suche ihrer Eltern - gerade rechtzeitig, um den Käfigschmieden ein Dorn im Auge zu werden.

Die Kettenbrecher:
Im Augenblick bilden die folgenden fünf Abenteurer die Heldengruppe, welche Cauldron retten kann und muss:

Boras Breda: Ein menschlicher Barbar, der mit einer Zweihandaxt kämpft. Boras glaubt an Uthgar, den Barbarengott, und sein Totem ist der Wolf.

Dirim Gratur, Richtschwert von Tyr: Wie der Name schon andeutet, ist der Zwerg Dirim ein Kleriker des Gottes Tyr, der für Gesetze und Gerechtigkeit steht.

Helion Dambrodal / Pecarri: Helion war ein menschlicher Magier, der sich für den Nachkommen gleich zweier Schätze hält. Kürzlich wurde Helion im Körper eines Kobolds reinkarniert.

Thamior: Der elfische Bogenschütze ist ein wortkarger Geselle. Thamior ist der Vater von Annastrianna, Helions verstorbener Halbschwester.

Thargad: Ein menschlicher Schurke und Assassine, seit er eigenhändig seine Geliebte - eine Verräterin - tötete. Er kämpft mit Zwillingsschwertern im Dienste des Wächtergottes Helm.

Basar des Lebens:
Die Helden kommen in Cauldron an und werden gleich in die Ereignisse um die Käfigschmiede verstrickt. Als die Helden, damals noch mit der Halbelfe Annastrianna, dem Verschwinden mehrerer Waisenkinder nachgehen, stoßen sie auf den Sklavenhändler Kazmojen, der in der alten Zwergenfestung unter der Stadt, der Malachitfeste, seinen Unterschlupf hat.

Kazmojen arbeitet für oder unter dem Schutz des Betrachters Vlaathu, der jedoch nicht zufrieden mit dem Sklavenhändler scheint. Im Beisein der Helden streitet der Betrachter mit Kazmojen und nimmt einen der Waisenjungen mit. Dann überlässt er Kazmojen den Helden.

Während des Kampfes gegen Kazmojen stirbt Annastrianna. Die Halbelfe kann nicht wiederbelebt werden, da sie an keinen Schutzgott glaubte. Die Helden sind letztendlich aber erfolgreich und bringen die erschöpften Sklaven zurück an die Oberfläche. Unter dem Jubel der Bevölkerung geben sie sich einen Namen: Die Kettenbrecher.



Flutzeit:
Auf einem offiziellen Empfang des Stadtherren erhält die Helmpriesterin Jenya Urikas, eine Verbündete der Kettenbrecher, eine Vision von ihrem Vorgesetzten, der sich in Gefahr befindet. Die Kettenbrecher reiten sofort los, können aber nur noch die Leiche des Hohepriesters nach Cauldron zurück bringen.

Während sintflutartiger Regen den Kratersee in der Mitte der Stadt zum Überlaufen bringt, droht die Ebenholztriade mit einer Verschlimmerung der Situation. Die drei Anhänger der Götter Malar, Shar und Tyrannos haben die magischen Stäbe der Wasserkontrolle, die der Hohepriester besorgen wollte, an sich genommen. Die Kettenbrecher dringen in den geheimen Unterschlupf der Triade ein und bringen sie zur Strecke. Dabei erhalten sie Hilfe von der Assassinin Jil und dem Paladin Alek Tercival.

Nachdem die Kettenbrecher wieder einmal die Stadt gerettet haben, werden sie vom Stadtherren zu Bürgern der Stadt ernannt - und dürfen gleich Steuern zahlen. Auf dem Flutfest erleben sie allerlei Unterhaltung. Dabei kommt Thargad der jungen Arlynn näher. Die Rivalen der Kettenbrecher, die adeligen Sturmklingen, werden beinahe Opfer eines Anschlags, und auch auf die Kettenbrecher wird ein Assassine angelegt, der aber erfolglos bleibt.



Zenith der Nacht:
Thargad erfährt, dass seine Freundin Arlynn in Wahrheit die Assassinin Jil ist. Er lässt sich von Rachedurst leiten und bringt sie um. Dirim findet den jungen Pellir, der im Rahmen der “Flutzeit” verschwand, bei dem Wirt Minimax in einer Nachbarstadt wieder. Thamior erhält eine Vision seines Gottes Solonor Thelandira, die ihm die Möglichkeit gibt, seine Tochter vor der ewigen Bestrafung als Ungläubige zu retten: er soll einen “Seelenbogen” bauen.

In Cauldron kommt es zum Chaos, als aus einem Warenhaus des Händlers Maavu einige Furchtelementare ausbrechen. Die Kettenbrecher und die Sturmklingen sind genauso zur Stelle wie die neu formierte Magische Gefahrenabwehr. Die MGA wurde wegen der wachsenden Gefahr gegründet - aus dem selben Grund wird ein Trupp halborkischer Söldner für die Stadtwache engagiert.

Die Kettenbrecher werden von dem Zwerg Devkin Splitterschild beauftragt, seinen Sohn Zenith zu retten, der im Unterreich gefangen gehalten wird. Die Rettungsaktion fordert Opfer, aber sie entdecken auch ein Zeichen auf der Stirn des Zwerges. Devkin entpuppt sich als der Betrachter Vlaathu, der den Kettenbrechern für ihre Einmischungen diesen Dienst abverlangte. Vlaathu behauptet, die Schätze Tethyrs getötet zu haben, und warnt die Kettenbrecher davor, in der Stadt zu bleiben. Celeste, die schöne Besitzerin des Höchsten Sonnenstrahls, wo Devkin die Kettenbrecher empfängt, scheint davon gewusst zu haben.



Willkommen im Dämonenschlund:
Nachdem ihr letztes Abenteuer Opfer gefordert hat, wird Helion als Kobold wiedergeboren. Er nennt sich fortan Pecarri. In seiner neuen Gestalt festigt er nicht nur seine Bekanntschaft mit der Azuth-Hohepriesterin Embril Aloustinai, sondern entdeckt auch ein kleines Kontingent an Kobolden und Goblins, die sich in Cauldron verborgen halten. Währenddessen bricht Thargad mit der Organisation seines Mentors und schwört Helm die Treue, und Dirim hält die ersten Gerichtsverfahren in seinem Tempel ab, wobei er sich schnell einen Ruf als wenig adelsfreundlich erwirbt.

In Cauldron werden aufgrund der jüngsten Gefahren neue Söldner eingestellt – Halborks –, deren Sold durch enorme Steuererhöhungen bezahlt werden soll. Als sich die Bürger Cauldrons auf dem Vorplatz des Stadthauses versammeln und auch noch der Händler Maavu eine Brandrede gegen die Führung der Stadt richtet, kommt es zu blutigen Ausschreitungen; nur das beherzte Eingreifen der Kettenbrecher verhindert vielfach Schlimmeres. Maavu flieht, nicht ohne die Kettenbrecher um ein Treffen zu bitten.

In diesem Treffen beauftragt Maavu die Kettenbrecher mit der Suche nach dem verschwunden Paladin Alek Tercival, eine Suche, welche die Kettenbrecher bereits selbständig begonnen haben. Eine krude Karte auf der Rückseite einer Tafel führt sie in den Dschungel südlich von Cauldron, und zum Dämonenschlund. Zunächst und nach einer wilden Flussfahrt aber kehren die Abenteurer in einer verlassen Handelsstation ein, wo sie nicht nur einen Hinweis auf den Verbleib ihrer Eltern erhalten, sondern auch auf das, was in Cauldron damals vor sich ging. Ein Wort war besonders versteckt: Malaugrym.

Im, oder genauer gesagt: am Rande des Dämonenschlundes besiegen die Kettenbrecher einen Hexenzirkel mitsamt ihrer riesischen Mischpoke. Sie erfahren, dass Alek durch einen magischen Spiegel geschickt wurde, und folgen dem Paladin. Von wochenlanger Marter schwer gezeichnet, kommt Alek erst wieder völlig zu Kräften, als der Glabrezu Nabtharaton auftaucht. Der Dämon macht kurzen Prozess mit dem Paladin und kann erst nach hartem Kampf in die Flucht geschlagen werden. Dann bäumt sich Alek noch einmal auf und hinterlässt eine Prophezeihung, mit der er die Kettenbrecher sodann inmitten einer fremden Wüste zurücklässt.



Die Prüfung des Rauchenden Auges
Die Prophezeihung führt die Kettenbrecher nach Occipitus, eine Halbebene der Hölle. Dort herrschte einst der gefallene Engel Adimarchus aus einem riesigen Totenschädel an der Spitze eines Weltenbaums. Adimarchus führte sein Heer in den Himmel, und um ihn zu besiegen, musste ein Teil Celestias geopfert und nach Occipitus gestürzt werden. Daher gilt die Ebene als verflucht, besonders, seit Adimarchus kurz vor einer großen Schlacht gegen den Dämonenfürsten Grazz’t spurlos verschwand.

Adimarchus installierte eine Prüfung auf Occipitus, um seinen Nachfolger zu bestimmen. Die Kettenbrecher legen diese dreigeteilte Prüfung des Rauchenden Auges ab; am Ende ist es Dirim Gratur, der das Mal des Rauchenden Auges erhält und zum neuen Herrscher von Occipitus bestimmt wird.

Während ihrer Prüfungen muss Reya den Kettenbrechern erneut zu Hilfe kommen. Im Gegenzug für ihre Wiederbelebung schwören Dirim und Thamior, den Weg des Guten zu verfolgen. Thargad wird von Helm zu seiner “Hand” ernannt, seinem ausführenden Organ. Helion bzw. Pecarri wird zurückgeschickt, um in Cauldron Verräter an Azuth zu strafen.

In Cauldron selbst geschieht auch einiges. Aber die Kettenbrecher ahnen davon nichts. Sie planen, nach Hause zurückzukehren und jetzt, mit dem Zeichen des Rauchenden Auges ausgestattet, endlich ein wenig aufzuräumen. Doch erst einmal müssen sie Cauldron erreichen...

Fortsetzung folgt...
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Citon

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Berandors Stadt in Ketten: Geheimnisse der Seelenpfeiler
« Antwort #2 am: 21. August 2006, 10:01:10 »
Zitat
Stadt in Ketten - was bisher geschah


Sehr schöne Zusammenfassung Berandor. Ich lese hier regelmäßig und muss mich immer wieder fragen "Wann schreibt der endlich sein erstes Buch".
Nein, mal ganz im ernst, meine Geschicht liegt seit längerem auf Eis/PC und ich bewundere deine Ausdauer. Ich glaube DU bist einfach nicht ausgelastet.... und das ist auch gut so  :) .
Gruß
Citon
Was war die Aufnahmeprüfung der Stasi?
Aus 3m Entfernung an eine Glaswand springen und mit dem Ohr festsaugen... !

Gilvart

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Berandors Stadt in Ketten: Geheimnisse der Seelenpfeiler
« Antwort #3 am: 21. August 2006, 13:44:32 »
Wie ich sehe seid Ihr bereits viel weiter in der Kampagne!
Der Zusatz "Die Gesichter Cauldrons" verrät schon einiges :)
Weiter so Berandor

Berandors Stadt in Ketten: Geheimnisse der Seelenpfeiler
« Antwort #4 am: 21. August 2006, 14:42:25 »
Sehr gute Aufteilung und eindringlicher Stil der Zusammenfassungen.
Kurz und dennoch nicht abgehackt. (Woher kann der das?  :wink:  )
Was ist eigenltich mit den Koboldfreunden von Pecarri?
"die untoten Drachen werden die Welt beherrschen"

Berandor

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Berandors Stadt in Ketten: Geheimnisse der Seelenpfeiler
« Antwort #5 am: 22. August 2006, 00:13:07 »
In dieser Stadt des Kessels
schien alles schon verloren
das Böse ward entfesselt,
doch Hoffnung neu geboren
davon singt dieses Lied, höret mein Lied,
lauscht für ein paar Runden
wie sie Schätze gesucht und ihr Schicksal verflucht
und unser Glück gefunden

– Das Lied der Kettenbrecher. Der Wahrsänger, 1376 TZ

Stadt in Ketten VI: Geheimnisse der Seelenpfeiler

Der Spannung wegen (und der Größe) teile ich den Prolog in mehrere Teile. Novum: Dieser Prolog wurde tatsächlich bespielt.

Prolog: Heimkehr (Erster Teil)
Die Abendsonne warf goldene Lanzen durch das dichte Baumwerk. Mannsdicke und behirhohe Stämme standen dicht an dicht, zu ihren Füßen Gestrüpp. Vögel beklagten das nahende Ende des Tages. Schatten verdichteten sich zu Schemen. Aus den Schemen schälten sich fünf Gestalten. Gierig sogen sie die Luft ein, als hätten sie zuvor nur Schwefel atmen dürfen. Dann begannen sie, ihre Umgebung zu erkunden.

Die erste Gestalt war ein Elf namens Thamior. Er war in praktische Lederkleidung gewandet, unter der ein Kettenhemd schimmerte. Auf dem Rücken trug er ein großes Krummschwert und den Schaft eines Bogens, der aus einem Drachenknochen gefertigt war. Einen zweiten Bogen hielt er schussbereit in seiner Linken, die Fingerkuppen der Rechten tasteten über den Köcher an seiner Seite. Der Köcher war fast leer. Das Grün in den Augen des Waldelfen schien die Farbe seiner Umgebung anzunehmen. Thamior tat ein paar schnelle und lautlose Schritte durch das Gehölz, dann drehte er sich zu seinen Gefährten um.

»Ich kenne diesen Wald. Wir sind bald zu Hause.«

»Wie bald? Ich habe Hunger.«

Der Mann, der gesprochen hatte, wies sich durch sein unansehnliches Äußeres und seine hünenhafte Gestalt gleichermaßen als Kämpfer aus, der mit der Kraft der nordischen Berserker kämpfte. Er war stärker, als ein Mann das Recht hatte zu sein, und trotz seines wilden Äußeren lag in seiner Miene mehr als nur Wut und der Wille zur Zerstörung. Dies war Boras Breda, und in seiner Hand lag die große Axt Schlachtenwut, die er fast einhändig führen konnte.

»Etwa eine Stunde, dann könnten wir am Glücklichen Affen sein«, antwortete Thamior auf die Frage.

»Wo Zungenfresser hauste? Wollen wir dahin?«

Unwillkürlich trat der Mann noch tiefer in die Schatten, obschon er nicht einmal ganz aus ihnen hervor gekommen war. Seine Kleidung war ebenso dunkel wie die Ketten seiner Rüstung, und wäre nicht das Zeichen des Wächtergottes Helm gewesen, das deutlich sichtbar auf seiner Brust prangte, so hätte man ihn für einen der unzähligen Diebe halten können, die zu jeder Zeit ihr Unwesen stifteten. So aber wiesen ihn das Symbol und die beiden Kurzschwerter, die zu beiden Seiten über seine Schultern hinaus ragten, als Thargad aus, den Assassinen, den man seit kurzem auch die Hand Helms nannte.

Der Glückliche Affe war ein Wirtshaus, in dem ein Affenmonster namens Zungenfresser ein Massaker angerichtet hatte, und in dem Thargad angesichts des Massakers zum ersten Mal seit langer Zeit wieder dem Alkohol erlegen war. Aber keiner der Fünf hatte wirklich gute Erinnerungen an diesen Tag, auch wenn sie damals in der Halbdunkelelfe Shensen Tesseril eine Verbündete gewonnen hatten.

»Sollen da nicht neue Leute wohnen? Wir sollten Tyr vertrauen, der uns so nahe an diesen Ort gebracht hat.«

Dirim Gratur war ein ungewöhnlicher Zwerg. Zwar hatte er einen mindestens ebenso prachtvollen Bart wie die meisten seiner Artgenossen, und er trug auch eine schwere Rüstung mit Schild, die ihn nur unwesentlich behinderte, wo selbst Boras sich über wunde Stellen beschwert hätte, aber auf seinem Schild und auf seinem Überwurf prangten jeweils die Waage Tyrs, des Gottes der Gerechtigkeit, und an seiner Seite hing das Langschwert Treueschwur, wo andere Zwerge nur die Wahl zwischen Hammer und Axt zulassen würden. Am seltsamsten aber war Dirims rechtes Auge oder vielmehr der Ort, wo sein Auge einst gewesen war. Jetzt brannte dort eine helle Flamme, die stinkenden Ruß in den Abendhimmel spie. Dirim Gratur bekleidete nicht nur den Rang eines Richtwertes von Tyr; er war auch Träger des Rauchenden Auges und somit ein rechtmäßiger Herrscher der Höllenebene von Occipitus.

»Wir sollten uns den Glücklichen Affen ansehen, aber vorsichtig. Wer weiß, was sich geändert hat, seit wir fort gingen. Oder wie viel Zeit vergangen ist.«

Der fünfte im Bunde wurde durch seine Gefährten nur noch ungewöhnlicher. Ein Kobold trieb sich gewöhnlich nicht mit Menschen oder gar Elfen herum. Auch trug er zwar die praktische Lederkleidung eines Schurken, aber keine größere Waffe als einen winzigen Dolch. Pecarri, so nannte der Kobold sich, doch einst war er ein Mensch gewesen, und sein wahrer Name war Helion Dambrodal. Während der letzten Wochen hatte er gänzlich in seiner Koboldidentität leben müssen, und der Name Helion hatte in der Zeit einen ungewohnten Geschmack bekommen – jetzt, wo er unter Vertrauten und wieder er selbst war. Helion war ein Meistermagier und Gelehrter, und mindestens ebenso sehr wie seinen Namen hatte er seinen Vertrauten, den Kater Nimbral vermisst, der nun nur ein paar Stunden entfernt in der Kesselstadt Cauldron auf ihn wartete. Ebenso wie Thamiors Falke Sheera, oder wie eine ganze Horde Feinde und eine Handvoll Freunde, den diese Fünf gemeinsam angesammelt hatten, unter ihrem nom de guerre: Kettenbrecher.

»Frisches Bier«, murmelte Dirim versonnen in Gedanken an die nahe Wirtschaft.

»Fleisch«, sann Boras hinterher, »das nicht von Dämonen stammt.«

»Ein weiches Bett«, fügte Helion hinzu.

»Leute, die uns erkennen und unsere Rückkehr ausplaudern«, sagte Thargad nüchtern.

»Diese vermaledeite Dunkelelfe«, lautete Thamiors Kommentar.

»Gehen wir hin«, entschied Dirim, »aber vorsichtig.«

-

Der Glückliche Affe lag auf einer großen Lichtung nahe des Ostwegs, doch trotz der fehlenden Bäume war es auf dieser Lichtung nicht heller, als im Wald. Ein finsterer Schleier bedeckte den Himmel – er schien über Cauldron besonders dicht – und die Wirtschaft lag dunkel dar, das Holz fast schwarz. Hinter den Fenstern schimmerte Licht. Dumpf waberten Musik und Stimmen zu den Kettenbrechern hinüber, die sich am Rand der Lichtung versammelt hatten.

»Lasst mich mal sehen«, sagte Helion.

Er nahm ein Stück Fledermausfell aus einer seiner vielen Taschen und begann, es gezielt zu verknoten und zu zerreißen, während er arkane Gesten und magische Beschwörungsformeln murmelte.

»Oculis Arcanis«, schloss er endlich den Zauber, und dann die Augen. In seinem Geist sah er die Kettenbrecher von einigen Schritten Entfernung, wo er den magischen Sensor beschworen hatte, den er nun zum Affen lenkte.

Zunächst näherte er sich einem der Fenster. Es wirkte seltsam, als ob der Rahmen nur aufgemalt worden war. So sehr er sich auch anstrengte, er vermochte nichts durch das trübe Glas zu erkennen, allenfalls den Eindruck von sich bewegenden Schatten. Auch beim nächsten Fenster hatte er keinen Erfolg. Dann stutzte er. Hier, gegenüber des Pferdestalls, musste es eine Seitentür geben, durch die Gäste kommen konnten, doch die Wand war glatt und eben. Vielleicht hatten die neuen Besitzer die Seitentür entfernt.

Er riskierte einen Blick zum Pferdestall. Die Türen standen offen. Der Stall war leer. Völlig leer. Es gab keine Zwischenwände, keine Ställe, kein Heu, nichts. Es war nur ein leeres, gähnendes Gebäude, allenfalls randvoll mit Schatten. Einem Impuls folgend bewegte Helion das Zauberauge zur Vordertür. Es gab sie nicht, schien sie nie gegeben zu haben. Helion wurde unruhig. Er ließ das Auge aufsteigen, in den Kamin hinein, der im Schankraum enden sollte.

Die Dunkelsicht seiner Koboldaugen übertrug sich auch auf das Auge, doch außer den Wänden des Schornsteins war in der Finsternis nichts zu sehen. Helion lenkte das Auge hinab, immer weiter hinab. Fünf Schritt, zehn, zwanzig, fünfzig. Er müsste sich inzwischen tief in der Erde unterhalb der Wirtschaft befinden. Der dunkle Gang führte weiter in die Finsternis, und es gab keine Spur vom Schankraum.

Am Rand der Lichtung schlug der Kobold die Augen auf.

»Da ist etwas faul. Und zwar ganz gewaltig.«
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Berandor

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Berandors Stadt in Ketten: Geheimnisse der Seelenpfeiler
« Antwort #6 am: 22. August 2006, 00:19:51 »
Zitat von: "Gilvart"
Wie ich sehe seid Ihr bereits viel weiter in der Kampagne!
Der Zusatz "Die Gesichter Cauldrons" verrät schon einiges :)
Weiter so Berandor


Ja, die sind auf den neuesten Stand gebracht. Viel fehlt aber nicht – das meiste kommt im (langen) Prolog.

Die Frage von Helions Kobolden muss sich erst noch beantworten. Im Prolog kommen sie jedenfalls vor.
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dude

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Berandors Stadt in Ketten: Geheimnisse der Seelenpfeiler
« Antwort #7 am: 22. August 2006, 08:52:58 »
Zitat

In dieser Stadt des Kessels
schien alles schon verloren
als Gutes tot oder gefesselt,
ward Hoffnung neu geboren
drum sing ich dieses Lied, höret mein Lied,
es macht jetzt seine Runden
wie sie Schätze gesucht und ihr Schicksal verflucht
und unser Glück gefunden
– Das Lied der Kettenbrecher. Der Wahrsänger, 1376 TZ


Kann mir bitte mal jemand sagen, warum ich dabei an 99 Luftballone von Nena denken muß??  :D  :D

Zitat

auch wenn alle bisherigen Gewinner anschließend verstummten. Das hat wahrscheinlich etwas damit zu tun, dass ich mit der Gastrolle auch eure Seele an mich binde


Das mit verstummen stimmt wohl aber nicht!! Also bitte!
Die Geschichte mit der Seele; naja, da könntest recht haben ... Meister!

dude

Gilvart

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Berandors Stadt in Ketten: Geheimnisse der Seelenpfeiler
« Antwort #8 am: 22. August 2006, 10:27:11 »
Oh ja, Oh ja Berandor ist wieder da!
Einfach nur GEIL dein Erzählstil! Finde ich persönlich wieder viel viel besser als bei "Der Prüfung des rauchenden Auges"!
Go on!

Citon

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Berandors Stadt in Ketten: Geheimnisse der Seelenpfeiler
« Antwort #9 am: 22. August 2006, 10:49:01 »
Sohn des Sammaster
Zitat
Was ist eigenltich mit den Koboldfreunden von Pecarri?

Die bereiten die Feierlichkeiten für ihren zukünftigen König vor.... :grin:.


Berandor
Zitat
Die Frage von Helions Kobolden muss sich erst noch beantworten. Im Prolog kommen sie jedenfalls vor.

Siehste, wusst ich doch..... ein Königreich komme..... :lol:
Was war die Aufnahmeprüfung der Stasi?
Aus 3m Entfernung an eine Glaswand springen und mit dem Ohr festsaugen... !

Kylearan

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Berandors Stadt in Ketten: Geheimnisse der Seelenpfeiler
« Antwort #10 am: 22. August 2006, 11:55:52 »
Zitat von: "Sohn des Sammaster"
Was ist eigenltich mit den Koboldfreunden von Pecarri?

Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Attentat...

Kylearan
"When the going gets tough, the bard goes drinking."

Furlong

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Berandors Stadt in Ketten: Geheimnisse der Seelenpfeiler
« Antwort #11 am: 22. August 2006, 13:52:26 »
Wieder mal erste Sahne.
Tolle Atmosphäre, die du aufbaust, man sieht die Charaktere förmlich vor sich. Wenn ich nur halb so gut (be-)schreiben könnte, wäre ich ein besserer Spielleiter.

Furlong

Berandor

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Berandors Stadt in Ketten: Geheimnisse der Seelenpfeiler
« Antwort #12 am: 23. August 2006, 00:25:40 »
Prolog: Heimkehr (Zweiter Teil)

Helion teilte den Gefährten seine Erfahrungen mit. Die Kettenbrecher entschlossen sich, den Affen aus der Nähe zu betrachten; Thargad sollte versuchen, eines der Fenster zu öffnen, die anderen suchten nach einem möglichen Eingang.

Leise und vorsichtig setzte Thargad seine Schritte auf die Wirtschaft zu. Die dumpfe Musik und das Stimmengewirr wurden kaum lauter, noch verständlicher. Thargad duckte sich unter ein Fenster. Er zog den linken Ärmel zurück, wo er sein Diebeswerkzeug verstaut hatte, und betrachtete den Spalt zwischen Fenster und Wand, um einen passenden Hebel auszuwählen. Der Spalt war dicht – nein, es gab keinen Spalt. Wie Helion gesagt hatte, waren die Fenster wie aufgemalt. Thargad schob sich etwas in die Höhe und spähte durch das Glas. Es war nichts zu erkennen, wo selbst das blindeste Glas noch verzerrte Einzelheiten enthüllt hätte. Unverrichteter Dinge ging Thargad um den Affen herum, bis er bei den anderen Abenteurern angelangt war, denen er mit einem Kopfschütteln den Erfolg seiner Aufgabe vermittelte.

»Dafür haben wir etwas gefunden«, sagte Dirim. »Die Küche ist offen. Es gibt zwar wieder keine Tür, aber es geht hinein.«

»Ich weiß nur nicht, ob das gut ist«, fügte Helion hinzu.

Einst hatten die Kettenbrecher Zungenfresser in der Küche überrascht, als sie durch den Hintereingang stürmten. Damals mussten sie die Tür mit einem gezielten Zauber öffnen. Jetzt gab es kein solches Hindernis mehr. Hinter dem Durchgang konnte man die Küche dennoch nur erahnen, wenn man nicht Zwergen- oder Koboldsicht besaß. An den Wänden der Küche hingen Fackeln, doch ihr Licht reichte nur auf Armeslänge hinaus, bevor es von gefräßigen Schatten verschlungen wurde. Die Schatten waren so dicht, dass selbst Dirim und Helion nur einen Bruchteil ihrer ursprünglichen Sehkraft hatten; in ihrer schwarzweißen Sicht erkannten sie gerade den großen Herd und die Küchenbank in der Mitte des Raumes.

»Da bewegt sich etwas«, sagte Thamior.

»Konntest du es erkennen?«, fragte Boras.

Der Elf zögerte.

»Ja... und nein.«

Thamior sah katzengroße Kreaturen, sie saßen auf den Tischen oder hingen an den Wänden und wiegten sich langsam im Takt der Musik. Hier hörte das Erkennen auf. Weiterhin sah er aber, dass es sich bei diesen Kreaturen um abgeschnittene Affenköpfe handelte, die vorne wie hinten ein Gesicht hatten. Zu den Seiten wuchsen ihnen dünne Arme mit scharfen Krallen, die ihnen beim Klettern halfen.

»Es sind wohl Wächter«, vermutete der Elf. »Aber mehr sage ich nicht dazu.«

In diesem Moment entdeckte einer der Köpfe die Gruppe. Er stieß ein schrilles Kreischen aus und katapultierte sich auf Thamior zu. Der Elf duckte sich, und dicht hinter ihm explodierte der Kopf in Schatten und Geschrei.

Sofort rollte sich Thargad durch die Tür und stieß einem zweiten Schädel sein Kurzschwert zwischen die Augen. Der Schädel zerfloss zu Schatten. Thamiors Pfeil nagelte einen dritten Wächter an die Wand. Auch dieser zerfloss. Der vierte Schädel warf sich auf Thargad, doch auch der Schurke konnte problemlos ausweichen, und die Explosion brachte nur ein paar Töpfe durcheinander.

»Wo sind wir hier?«, fragte Thargad, nachdem er sich vergewissert hatte, dass die Gefahr zunächst vorüber war. Die Kettenbrecher zogen sich wieder aus dem Affen zurück.

»Masks Wundersames Wunschland?«, riet Helion.

»Ernsthaft.«

»Ich würde sagen, in einer Art Zwischenwelt. Wir sind nicht nach Faerûn gekommen, sondern wurden seitlich verschoben, hinter die Welt, wo Schatten und Albträume hausen.«

»Häh?«, fragte Boras und sprach aus, was alle dachten.

»Ist genauso wahrscheinlich wie mein erster Tipp«, verteidigte sich der Kobold. »Wahrscheinlich ist es etwas ganz anderes.«

»Können wir nicht einfach hier weg?«, fragte Thamior. »Ich will in einen richtigen Wald.«

»Schauen wir doch mal«, sagte Dirim.

Er nahm eine Schriftrolle hervor, deren Zauber einen Ebenenwechsel bewirken konnte. Die Kettenbrecher nahmen sich an den Händen. Dirim las die Schriftrolle. Es geschah nichts.

»Und jetzt?«

Zur Antwort trat Thargad zurück in die Küche.

Helion seufzte. »Also gut, gehen wir rein. Fliehen können wir, wenn wir tot sind.«

-

Der Schankraum des Glücklichen Affen war leer, doch schien er gerade erst verlassen. Halb gegessene Gerichte, angetrunkenes Bier, Karaffen mit Wein standen auf den Tischen. Selbst Gesprächsfetzen trieben herrenlos durch den Raum und trafen hier und dort auf die Ohren der Kettenbrecher. Schatten überzogen die Decke, sammelten sich in den Ecken und tropften teergleich von den Dachbalken.

Helion stieß Thamior an. »Flüssiger Schatten«, sagte er.

»Da hätte ich nicht dran gedacht«, ächzte der Elf. »Danke.«

Rasch nahm er eine leere Phiole heraus und sammelte die Zutat für seinen Seelenbogen. Nun fehlte nur noch eine: der Muskel einer lebenden Maschine. Dann könnte er seine Tochter Annastrianna endlich vor dem Schicksal retten, das ihr die Götter als Ungläubigen zugedacht hatten. Zuvor musste er nur noch aus dieser Albtraumwelt entkommen.

Schritt für Schritt tasteten sich die Kettenbrecher durch den Schankraum, immer darauf bedacht, nicht in zu tiefe Schattenpfützen zu treten. Hinter der Theke lag der Gang, der zum Silvanusschrein führen müsste, und zu den Quartieren von Shensen Tesseril. Wenn sie in dieser Welt existierten. Der Gang jedenfalls war da.

»Ich habe da ein ganz mieses Gefühl«, sagte Boras.

»Jetzt erst?«, gab Thargad zurück.

Feuchte Hitze schlug ihnen aus dem Gang entgegen, als wären sie unversehens in die tiefsten Tiefen von Chult geraten. Schwarze Ranken wucherten wie Schattenefeu über Boden, Decke und Wände. Aus der offenen Tür zum Schrein wuchsen Pflanzen mit fleischigen, großen Blättern, Farne, Palmgewächse, allesamt pechschwarz. Die Kettenbrecher schoben sich zur Tür vor und die Blätter beiseite.

Vor dem Schrein hing Shensen Tesseril in der Luft. Ihre Arme und Beine waren gespreizt und mit dicken Ketten an die Wände gefesselt. Ihre ebenhölzerne Haut wirkte inmitten der schwarzen Pflanzen gar nicht mehr so dunkel. Aus der offenen Brust der Halbelfe wuchs ein Bündel aus Wurzeln und Ranken, die Quelle der Pflanzen. Die Ranken pulsierten im Takt von Shensens Herzschlag. Aus ihrem Mund wuchs eine besonders dicke und fleischige Wurzel. Shensen starrte die Kettenbrecher unverwandt an; jemand hatte ihr die Augenlider entfernt.

Im Bruchteil eines Atemzuges hatte jeder der Kettenbrecher seinen Gott um Gnade angefleht. Dann trat Dirim entschlossen vor und zog Treueschwur aus seiner Scheide.

»Shensen?«, fragte er laut.

Die Augenlider verdrehten sich. Ihrem Hals entrang sich ein Röcheln, dumpf geworden durch die knebelnde Ranke.

»Ich werde dir helfen.«

Shensen sah einmal kurz zu Boden, dann fixierte sie ihren Blick auf den Priester. Dirim hob das Schwert. Mit einem schnellen Hieb zertrennte er die dicke Ranke vor Shensens Mund. Die Ranke fiel zu Boden und verkümmerte dort sofort. Eine besonders große Schattenblume zerfiel zu schwarzem Staub.

Es gab ein würgendes Geräusch. Aus dem Stumpf in Shensens Mund quollen Unmengen von Blut, dunkel und zäh. Mit jedem Schwall pulsierten die Ranken aus ihrer Brust weniger, und schließlich verdrehte Shensen die Augen ein letztes Mal, und das Pulsieren erstarb. Die Schattenpflanzen verwandelten sich allesamt in schwarze Flocken, die langsam durch die Luft tanzten und dem Boden entgegen schwebten.

Dirim fühlte den Puls der Dunkelelfe. Sie war tot. Die Kettenbrecher nahmen ihre Fesseln ab und legten sie auf dem Altar ihres Gottes zur Ruhe, nicht ohne zuvor den Notvorrat an Heiltränken und Pfeilen einzustecken, der sich in einem Geheimfach befunden hatte. Dirim sprach ein kurzes Gebet, und sie verließen den Raum.

»Wie beim letzten Mal«, sagte Helion. »Wir müssen in den Keller.«

Dort hatten sie damals Shensen als einzige Überlebende des Massakers vorgefunden. Sie hatte sich in einem Kühlraum verschanzt.

-

Der Keller war dunkel und kalt. Schon auf den ersten Stufen hatten die Kettenbrecher die Kühle bemerkt, am Fuß der Treppe bildete ihr Atem schon weiße Wolken. Wo vorher ein Lagerraum gewesen war, erstreckte sich jetzt ein langer, dunkler Gang. Rauhreif an den Wänden reflektierte das Licht von Boras’ Laterne. Aus den Wänden ragten seltsame Formen, die an menschliche Oberkörper erinnerten, in größter Qual erstarrt.

Mit gezogenen Waffen und Zaubern auf den Zungen gingen die Kettenbrecher den Gang entlang, der immer kälter wurde, bis selbst der wildniserfahrene Thamior einen leichten Zug verspürte. Vorwärts ging es, immer weiter vorwärts. Längst hatten sie die Ausmaße der Wirtschaft überschritten und näherten sich dem Ende der Lichtung. Endlich erkannte man einen Durchgang in einiger Entfernung.

Prompt traten Gestalten hindurch und bewegten sich langsam auf die Kettenbrecher zu. Sie waren etwa menschengroß, völlig nackt und geschlechtslos, und hatten keine Arme. Dafür hatten sie einen grotesk angeschwollenen Bauch. Jetzt floss schwarze Flüssigkeit aus ihrem Bauchnabel, der sich erweiterte. Eine Klaue war zu sehen, dann eine ganze Hand, und schließlich zwängte sich ein von schwarzem Öl bedeckter Arm aus dem Nabel heraus und wies drohend voraus.

»Jetzt reichts«, sagte Helion. Er rieb bereits einen kleinen Schwefelball zwischen den Fingern. »Vielleicht wird es jetzt kalt«, sagte er zu seinen Gefährten, »aber die kommen nicht näher. Inferno!«

Der Schwefelball flog den Kreaturen entgegen und verging in einem großen Feuerball. Für einen Moment war die Kälte wie verflogen. Die Einarmigen vergingen in einer Mischung aus Feuer und Schatten; noch im Tode explodierten sie selbst. Dann kehrte die Kälte zurück, allerdings nicht stärker als zuvor – im Kühlraum hätte sie sich von den Flammen geradezu ernährt.

»Der gute alte Feuerball«, sagte Helion.

»Gehen wir weiter«, sagte Dirim.

Der Raum hinter dem Durchgang war durchzogen von Spinnweben aus Schatten und Eis; jeder der Kettenbrecher spürte jetzt die Kälte in seinen Knochen, nur Thamior fühlte sich dagegen gefeit, gerade so. Im Raum warteten weitere vier der einarmigen Gestalten, und der Herrscher über den Glücklichen Affen: Zungenfresser. Sein Hals war frisch versehrt, wo Boras’ Axt ihn getroffen hatte – er hatte seinen Kopf auf seine linke Hand gesteckt. Er grinste, und schwarzer Sabber rann ihm aus dem Mund. Seine rechte Hand endete in langen Schattenklauen, die er jetzt prüfend auf- und zuklappte. Dann begann der Kampf.

Boras stürzte gleich auf den Gegner zu. Noch bevor er Schlachtenwut sprechen lassen konnte, stieß Zungenfresser seine Klauen vor. Boras wehrte ab, aber konnte so selbst keinen guten Schlag anbringen. Thamior feuerte Pfeile auf die Einarmigen ab. Nach jeweils zwei Pfeilen schon zitterten sie und explodierten in einem Regen aus Schattenfetzen. Thargad rannte Boras hinterher, zog sich auf seine Schultern und sprang über Zungenfresser, der vergebens mit seinem Schädel nach dem Schurken stieß. Die scharfen Zähne trafen nur Luft. Dirim näherte sich ebenfalls dem Monstrum. Helion hingegen schloss die Augen und konzentrierte sich.

»Du kannst es«, redete er sich ein. »Los doch!«

Im Geiste ging er noch einmal all seine Aufzeichnungen durch. Die Formel war nicht so schwer, er konnte kaum glauben, dass sie ihm bislang nicht gelungen war. Aber jetzt, das spürte er, war der richtige Moment. Wann sonst? Er deutete mit seiner Klaue auf Zungenfresser, sammelte magische Energien um sich und sprach die Formel.

»Pulvo!«

Ein rosa Strahl raste auf Zungenfresser zu. Es gleißte, dann war das Monstrum von einer Horde Schmetterlinge umgeben, die friedlich-fröhlich flatterten.

»Sch...!« Helion fiel nicht einmal mehr ein guter Fluch ein, so erzürnt war er.

Währenddessen hatte Thargad festgestellt, dass Zungenfresser zwar ziemlich tot aussah, aber immer noch verwundbare Stellen hatte. Mit jeder Wunde schien er verwundbarer zu werden. Leider schlossen sich die Wunden wieder, und mit jeder Heilung kamen seine Hiebe wieder gezielter und seine Paraden wirkungsvoller. Auch drangen Thargads Waffen ebenso schlecht durch wie Boras’ Axt, auch wenn weder die Wucht des Barbaren noch die Genauigkeit des Schurken dadurch völlig aufgehalten wurden.

Jetzt zeigte Zungenfresser mit seinem Kopf auf den Barbaren. Sein Maul öffnete sich, aber anstatt eines Bisses spie er lange Tentakel aus, die sich um Boras’ Brust wickelten und versuchten, ihn zu erdrücken. Boras spannte die Muskeln an und sprengte den Würgegriff, bevor er richtig saß. Beinahe lässig schlug er dann die Klaue des Affen zur Seite. Zungenfresser war durch diesen Angriff langsamer geworden, hatte sich selbst geschwächt. Dirim versuchte abermals, ihn zu verwunden, aber Treueschwur und der Schwertarm des Zwergs waren nicht genug, die fleckige Haut des Monsters zu durchdringen.

Anders Thargads Schwerter. Der Assassine trieb Zungenfresser die Klingen durch die Schultern und hielt den Affen fest, sodass Boras zielen konnte. Der Barbar lächelte. In diesem Moment schossen fünf magische Geschosse an ihm vorbei. Zungenfresser zerplatzte wie eine reife Melone, und die Umstehenden waren mit Schattenfetzen bedeckt. Gleichzeitig zerplatzte der letzte Einarmige nach Thamiors Beschuss.

Helion pustete sich über den Zeigefinger. »Geht doch.«

»Das war gemein«, beschwerte sich Boras.

»Und sauber ist er auch geblieben«, moserte Dirim hintendrein.

»Sollten sich die Schatten jetzt nicht auflösen?«, fragte Thargad. »Das Eis schmelzen?«

»Es ist etwas wärmer geworden«, behauptete Thamior, aber das Eis schmolz nicht, und auch die Schatten verschwanden nicht. Sie wirkten nur harmloser und weniger hungrig als zuvor.

Die Kettenbrecher machten sich auf den Weg zurück. Schon nach wenigen Schritten  endete der Gang in der Treppe nach oben. Bald traten sie wieder aus dem Glücklichen Affen hinaus in die Dunkelheit. Es waren keine Sterne zu sehen.

Alle fünf blickten sie auf das Gebirge, das nur einen halben Tag entfernt begann. Auf dem ersten hohen Berg wartete die Kesselstadt auf sie: Cauldron. Dort lauerte sie, wo die Finsternis noch schwärzer war, eine Spinne im Netz, dessen gewiss, dass ihre Opfer zu ihr kommen würden.

«Gehen wir«, sagte Dirim, und machte sich auf den Weg.

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(To be continued...)
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Berandor

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Berandors Stadt in Ketten: Geheimnisse der Seelenpfeiler
« Antwort #13 am: 23. August 2006, 00:27:47 »
Werte wird es jetzt nicht geben, da ich für die Schattenkreaturen ein eigenes System entwickelt habe. Ich werde es nach dem Prolog "offenbaren". Schattenfresser war allerdings CR 8, die Schattenzombies CR 2 und die Schattenpaviane CR 1.
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Gilvart

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Berandors Stadt in Ketten: Geheimnisse der Seelenpfeiler
« Antwort #14 am: 23. August 2006, 01:35:43 »
Wirklich 1A Berandor!
Und die Spannung ist zum zerreißen!
Erinnert mich ein wenig an Silent Hill!

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