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Autor Thema: Cthulhu: Das Sanatorium  (Gelesen 24688 mal)

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Halvar

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Cthulhu: Das Sanatorium
« am: 12. Februar 2008, 06:17:29 »
Spoiler-Warnung!

Bei dieser Story Hour handelt es sich um das Abenteuer "Das Sanatorium" aus dem Cthulhu-Quellenbuch Dementophobia. Es dürfte hoffentlich klar sein, dass alle Spieler, die dieses Abenteuer noch zu spielen gedenken, in diesem Thread nichts zu suchen haben!


Allen anderen wünsche ich viel Spaß! :)
Take me out to the black, tell 'em I ain't comin' back.


Halvar

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Cthulhu: Das Sanatorium
« Antwort #2 am: 12. Februar 2008, 06:39:22 »
Cthulhu fhtagn!

Bei dieser Story Hour handelt es sich um die Erlebnisse meiner Spielgruppe. Ich spiele dabei den Charakter Major William Mannock, einen Großwildjäger und früheren Kampfpiloten im ersten Weltkrieg. Dies ist sein Tagebuch. Wir spielen eine Cthulhu-Runde in der klassischen Periode, d.h. 1920er Jahre, wobei das genaue Datum nicht definiert ist. Das verwendete System ist jenes von Pegasus/Chaosium in der neuesten Version (Zweite Edition). Als Ausgangspunkt für die Kampagne und Bezugspunkt für die Charaktere wurde London festgelegt.

Leider bringt eine öffentliche Story Hour eines Cthulhu-Abenteuers auch ein Problem mit sich, nämlich die ganzen Handouts. Diese sind in aller Regel äußerst zahlreich, unterliegen aber dem Urheberrecht, so dass ich sie hier nicht einfach wiedergeben kann. Die alten Fotos sind dabei - soweit ich weiß - kein Problem, denn wie ich inzwischen festgestellt habe, holt Pegasus Press sich diese selbst aus dem Internet, mit dem Hinweis, dass aufgrund des Alters der Bilder diese inzwischen frei vervielfältigt werden dürfen (ob das stimmt, mag ein Jurist beurteilen, ich vertraue dem jetzt einfach mal). Die Fotos, die zum Aufbau der Atmosphäre und zur Visualisierung in dem Quellenbuch enthalten sind, werde ich also hier wiedergeben, in der Hoffnung, dass das kein Problem darstellt. Falls doch, bitte ich um einen entsprechenden Hinweis, und ich werde die Bilder umgehend entfernen.

Anders sieht es jedoch mit anderen Spielhilfen aus, also beispielsweise irgendwelchen Schriftstücken, Grundrissen von Gebäuden oder ähnlichem, also Dingen, die von Pegasus Press selbst für das Abenteuer erstellt worden sind. Da ich diese hier mit Sicherheit nicht vollständig wiedergeben darf, müsst ihr leider darauf verzichten. Ich werde versuchen, den Inhalt dieser Spielhilfen zumindest grob wiederzugeben, so dass man der Geschichte bzw. den Schlussfolgerungen, die die Charaktere aus diesen Handouts ziehen, trotzdem folgen kann.

Die Update-Häufigkeit wird eher gering sein, so viel kann ich jetzt schon mal sagen. Wir spielen leider äußerst selten (zwischen den Sessions liegen immer so 1 bis 2 Monate), außerdem bin ich ein extrem fauler Tagebuch-Autor und hänge schon jetzt bereits zwei Sessions hinterher. Ihr müsst mich also motivieren, z.B. durch konstruktive Kommentare, über die ich mich übrigens freuen würde, insbesondere da dies meine erste Story Hour überhaupt ist. :)
Take me out to the black, tell 'em I ain't comin' back.

Halvar

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Cthulhu: Das Sanatorium
« Antwort #3 am: 12. Februar 2008, 07:01:56 »
Dramatis personae: Major William Mannock

Geboren wurde William zwischen Weihnachten und Silvester 1887 in eine einfache Arbeiterfamilie in Cork (Irland). Als William 2 Jahre alt war, stürzte sein Vater in stark angetrunkenem Zustand von einer Kaimauer in den Lee und ertrank. Kurz darauf wurde seine Mutter schwer krank und verstarb ebenfalls. Der nunmehr verwaiste William wurde von seinem Onkel und seiner Tante adoptiert und wuchs zusammen mit deren leiblichem Sohn Edward auf, der etwa im gleichen Alter wie William und schon bald so etwas wie ein Bruder für ihn war.

Aber auch Williams neue Familie war keine besonders glückliche: Edwards Vater war ein brutaler Saufbold und verließ die Familie, als Edward und William 12 waren. Die alleinerziehende Mutter konnte die beiden Jungs aber nicht alleine ernähren und so musste sie mit ihnen nach England ziehen, wo ihre Verwandten lebten, damit diese sie unterstützen konnten. Edward und William konnten trotzdem nicht weiter zur Schule gehen, sondern mussten mit Gelegenheitsarbeiten für sich und ihre Mutter sorgen. Als sie 16 waren, sahen sie die einzige Möglichkeit, dieser Situation zu entkommen und ihre Mutter zu entlasten, darin, sich für den Militärdienst einzuschreiben.

Ihre Mutter sollte stolz auf sie sein, und so absolvierten William und Edward die Grundausbildung mit Bravour und erhielten die Möglichkeit, sich in der renommierten Militärakademie von Sandhurst einzuschreiben. Beide entschlossen sich für eine Karriere beim Royal Flying Corps und absolvierten eine Ausbildung zum Kampfpiloten. Während William jedoch schon bald an seine Grenzen stieß, zeigte Edward ein beeindruckendes Talent für diesen Job. Als der große Krieg ausbrach, entpuppte sich Edward als Flieger-As, das ein deutsches Flugzeug nach dem anderen vom Himmel schoss. William dagegen wurde zu den Aufklärern versetzt und sorgte dafür, dass die englischen Truppen stets über die Standorte und Bewegungen der Feinde informiert waren, einerseits zur Unterstützung der eigenen Taktik, andererseits zur Zielbestimmung für die Artillerie. Und auch wenn diese Arbeit weit weniger populär war als die spektakulären Luftkampf-Siege seines Cousins, so war sie doch nicht weniger wertvoll, und sorgte immerhin dafür, dass William im Laufe des Krieges zum Major befördert wurde und zwei Orden erhielt.

Am 26. Juli 1918, kurz vor dem Ende des großen Krieges, geschah jedoch etwas, das Williams Leben völlig auf den Kopf stellen sollte. Edwards Maschine wurde von feindlichem Maschinengewehrfeuer erfasst, geriet in Brand und stürzte ab. Edward war auf genau die Art gestorben, die für ihn immer der größte Alptraum gewesen war: im Wrack seiner eigenen Maschine zu verbrennen. Er hatte sogar immer extra einen Revolver mitgenommen, um sich im Notfall selbst das Leben nehmen zu können, bevor es die Flammen auf qualvolle Weise tun würden. Als das Wrack geborgen wurde, fand man auch den Revolver in der Hand Edwards, allerdings noch voll geladen – warum Edward ihn nicht mehr abfeuern konnte, war und blieb sein Geheimnis.

Der Tod seines Cousins versetzte William einen schweren Schlag, von dem er sich nie wieder ganz erholen sollte. Vorher noch ein patriotischer Haudegen, wurde er hinterher zunehmend still, desillusioniert und zynisch, und verfiel zudem dem Alkohol. Seine militärische Laufbahn brach er ab, auch weil nach dem Krieg kein Bedarf mehr an Kampfpiloten vorhanden war.

Nachdem der anfängliche Schock überwunden war, musste William sich auf die Suche nach einer neuen beruflichen Zukunft machen. Am liebsten wollte er aus England und dem vom Krieg gezeichneten Europa weg, und zwar möglichst weit. Als ein ihm bekannter Geschäftsmann auf der Suche nach einem Leibwächter für eine Reise in die britische Kronkolonie Süd-Rhodesien war, kam ihm dies sehr gelegen. Auf der Geschäftsreise unternahmen William und sein Schützling auch eine Safari und dabei entdeckte William erstmals sein Faible für die Großwildjagd. Er entschloss sich, nach Fort Salisbury in Süd-Rhodesien umzusiedeln und sich fortan voll und ganz dem Jagdgeschäft zu widmen. Über seinen Geschäftsfreund konnte er weitere Kontakte zu anderen wohlhabenden Kunden knüpfen, für die er schon bald zahlreiche Safaris organisieren konnte.

Bei einem Besuch in England bot sich ihm eine ganz besondere Gelegenheit: Er konnte, vermittelt von einem alten Waffenbruder bei der Armee, günstig einen ausgemusterten Doppeldecker erstehen. Bei der Maschine handelte es sich um eine gut erhaltene Armstrong Whitworth F.K.8 – genau das Modell, das er bei seinen Aufklärungsflügen im großen Krieg geflogen war, und eine der wenigen zweisitzigen Propellermaschinen überhaupt. William kratzte seine gesamten Ersparnisse zusammen, kaufte das Flugzeug und verschiffte es bis nach Maputo in Mosambik, von wo aus er selber mit der Maschine mit mehreren Zwischenstopps bis nach Fort Salisbury in Süd-Rhodesien flog.

Dort angekommen konnte er seinen Kunden fortan eine besondere Attraktion bieten: Einen Rundflug über die wilde afrikanische Savanne. Das Geschäft entwickelte sich bis zum heutigen Tag hervorragend: William hat inzwischen ein erkleckliches Auskommen und kann auch seine Ziehmutter finanziell unterstützen, die noch in London lebt, und die er regelmäßig besucht, wenn ihn seine Geschäfte wieder einmal nach Großbritannien führen.

William spricht ein paar Brocken Deutsch und Shona, die Sprache der Einheimischen Süd-Rhodesiens.



Fragebogen:

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« Letzte Änderung: 06. September 2008, 21:07:16 von Halvar »
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Halvar

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Cthulhu: Das Sanatorium
« Antwort #4 am: 12. Februar 2008, 07:31:51 »
Prolog

Zitat
Sehr geehrter Mr. Mannock,

es freut uns sehr zu hören, dass Sie sich nun doch dazu entschlossen haben, Ihren ehemaligen Ausbilder von der Militärakademie zu besuchen. Schön, dass wir Ihnen bei der Kontaktaufnahme behilflich sein konnten. Sicherlich haben Sie sich viel zu erzählen. Zum Ende des Großen Krieges hatte der Colonel gesundheitlich stark abgebaut. Wie bereits erwähnt, war es daher leider notwendig geworden, unseren Großvater in die Obhut von Dr. Aldous Brewer zu geben. Der Ruf seines Sanatoriums ist untadelig und es wurden schon mehrere Artikel von ihm im Journal of the British Psychological Society veröffentlicht. Wir waren so frei, Ihren Besuch im Sanatorium schon anzukündigen. Einmal in der Woche verkehrt ein Boot zwischen dem Festland und der Insel. Der Bootsführer ist ein alter Seebär namens Ebenezer. Noch einmal herzliches Beileid zum Tode Ihres Cousins.

Hochachtungsvoll,
Harold und Charlotte Billings

Dies war der letzte Brief, bevor ich mich auf den Weg machte. Meine Bemühungen, meinen alten Ausbilder von der Militärakademie ausfindig zu machen, erreichten endlich ihren Höhepunkt - ich würde den alten Colonel wiedersehen! Zum Glück hatten mich seine Enkel Harold und Charlotte nicht hängen lassen und mir mitgeteilt, wo sich der Colonel befindet: In der Nervenheilanstalt "North Island Sanatorium", das sich auf der gleichnamigen Insel in der Nähe der Themse-Mündung befindet. Schon vor einiger Zeit mussten sie ihn dort wegen nicht näher beschriebenen "Altersgründen" einweisen. Da es sich um eine private Einrichtung handelt, in der nur wohlhabende Patienten unterkommen, war ich frohen Mutes, dass es ihm dort gut ging. Vielleicht konnte ich ihm auch wieder auf die Beine helfen oder wenigstens auf seine alten Tage eine kleine Freude machen.

Morgen geht's endlich los!
« Letzte Änderung: 03. August 2008, 20:47:37 von Halvar »
Take me out to the black, tell 'em I ain't comin' back.

Halvar

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Cthulhu: Das Sanatorium
« Antwort #5 am: 13. Februar 2008, 06:33:36 »
Teil 1: Ankunft

Session: 06.10.2007

Es war bereits später Nachmittag, als ich endlich das Meer riechen konnte. Die Zugfahrt von London hatte zwar nur ein paar Stunden gedauert, trotzdem kam es mir wie eine Ewigkeit vor. Ich konnte es einfach nicht mehr erwarten, endlich den alten Colonel Billings wiederzusehen. Die Nachricht, dass er nach dem Krieg geistig stark abgebaut hatte und sogar in ein Sanatorium eingewiesen werden musste, hatte mich doch reichlich betrübt. Ich hoffte, dass ich irgendwie dabei behilflich sein könnte, ihn wieder auf die Beine zu bekommen. Immerhin verdanke ich seiner anspruchsvollen Ausbildung meine gesamte militärische Laufbahn, außerdem war er immer wie der Vater für mich, den ich nie hatte.

Das Ziel der Reise war eine Insel in der Nähe der Themse-Mündung, auf der das "North Island Sanatorium" lag - ein Institut von hervorragendem Ruf, geleitet von einem gewissen Dr. Aldous Brewer. Ich verstehe zwar nicht viel von Psychologie, aber der Mann gilt wohl als Koryphäe auf seinem Gebiet. Es tat jedenfalls gut, zu wissen, dass Colonel Billings zumindest in guten Händen war.

Langsam rollte der Zug in das kleine, verschlafene Küstendorf, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe. Von hier aus sollte mich ein "alter Seebär" namens Ebenezer mit seinem Kahn auf die Insel bringen, wie die Enkel von Colonel Billings mir geschrieben hatten. Nach der anstrengenden Zugfahrt erschien mir die Aussicht auf eine anschließende, längere Überfahrt auf irgendeinem schaukelnden Kutter zwar wenig verlockend, aber wie sich herausstellte, war die Aussicht auf eine Übernachtung in diesem abgelegenen Kaff, das mit Sicherheit keine anständige Herberge aufzuweisen hatte, noch weit weniger verlockend. Also schleppte ich mich und meinen Koffer Richtung Strand.

Entgegen meiner Befürchtung war der alte Ebenezer nicht schwer zu finden - er war nämlich die einzige Person am ganzen Strand. Als ich auf den Sand trat und auf den alten Mann und das Meer zusteuerte, bemerkte ich auf einmal mehrere Personen, die es mir gleich taten, wenn auch aus anderen Richtungen. Sie waren ebenfalls mit dem Zug gekommen - ich erinnerte mich, sie am Bahnhof gesehen zu haben. Zwei Männer und zwei Frauen bewegten sich wie ich auf Ebenezer zu und zogen dabei schwere Koffer hinter sich her - offenbar war ich nicht der einzige, der heute einen Platz auf seinem Kutter gebucht hatte.

Nahezu zeitgleich erreichten wir Ebenezer und das Boot, und noch ehe wir uns vorstellen konnten, begrüßte er uns überschwänglich, schnappte sich unsere Koffer und hieß uns, an Bord zu kommen. Wir taten wie befohlen und nahmen auf den Sitzbänken der kleinen Barkasse Platz. Ebenezer erklärte uns, dass die Überfahrt ca. zwei Stunden dauern würde und wir uns besser beeilen sollten, damit wir noch vor Einbruch der Nacht ankämen. Die Aussicht auf zwei Stunden Geschaukel auf diesem Seelenverkäufer ließ wohl auch bei meinen neugewonnen Reisegefährten die Laune sinken, denn die gesamte Fahrt über wurde kein einziges Wort gesprochen.



Immerhin hatte ich aber Gelegenheit, mir meine Leidensgenossen etwas genauer anzusehen: Die beiden Damen fielen mir natürlich als erstes ins Auge. Beide waren recht attraktiv - eine von ihnen sogar sehr! - und elegant gekleidet. Nie im Leben hätte ich bei meinem Besuch in der Anstalt mit derartig angenehmer Gesellschaft gerechnet. Die beiden Herren hätten gegensätzlicher kaum sein können: Der eine war wohl eine Art Geistlicher (zumindest ließ sein hochgeknöpftes Hemd dies erahnen) mit flammendrotem Haarschopf, bei dem ich sofort die Vermutung hatte, einem Landsmann gegenüberzusitzen, während der andere einen äußerst distinguierten, schon fast überkorrekten Eindruck machte: Mehrmals holte er während der Fahrt seinen Kamm hervor, um seine vom Wind zerzausten Haare wieder in die vorgeschriebene Form zu bringen. Nur mit Mühe konnte ich mir ein Schmunzeln verkneifen.

Als die Insel endlich in Sicht kam, dämmerte bereits der Abend. Die hereinbrechende Nacht gestattete uns gerade noch einen Blick auf das Anwesen, bevor Ebenezer das Boot geschickt anlegte und behände auf den Landungssteg sprang - ganz so, als wolle er sein Alter Lügen strafen. Er sagte uns, dass er zunächst das Boot verstauen müsse und bat uns, schon einmal die Stufen zum Sanatorium hinaufzusteigen - er würde später nachkommen. Ich nutzte die Gelegenheit, um mit den Damen Kontakt aufzunehmen, und bot ihnen meine Hilfe bei ihrem Gepäck an. Kurz darauf hatte ich drei Koffer zu tragen. Nun ja, wenigstens hatte ich das erste Eis gebrochen.



Der Aufstieg über die Stufen die Klippen hinauf erwies sich ob der inzwischen fortgeschrittenen Dämmerung als etwas mühselig, insbesondere mit dem mir selbst aufgebürdeten Gepäck. Schließlich und endlich standen wir aber alle vor dem großen Portal des Sanatoriums und betätigten den Türklopfer. "Moment, ich komme gleich!", rief eine weibliche Stimme von drinnen. Wir hatten eine Minute Zeit, uns fragende Blicke zuzuwerfen, dann öffnete sich die Tür und im Rahmen erschien eine ältere Dame: "Guten Tag, ich bin Blanche. Bitte kommen Sie doch herein..."



In diesem Moment bemerkte ich eine Bewegung im Augenwinkel, doch es war bereits zu spät: Aus dem Nichts tauchte ein Mann hinter uns auf und versuchte, der hübscheren meiner Begleiterinnen einen Arm um den Hals zu legen. "Hab' ich dich endlich, du Satansbrut!", schrie er dabei. Glücklicherweise schaffte er es aber nicht, sie richtig zu packen, so dass sie ins Haus hinein fliehen konnte, an der völlig verdatterten Blanche vorbei. Die andere meiner Begleiterinnen reagierte blitzschnell: Sie wirbelte herum und versetzte dem Mann einen Tritt an den Kopf - dabei schwang sie ihr Bein so hoch wie ich dies zuletzt bei französischen Cancan-Tänzerinnen gesehen hatte! Nicht sehr ladylike, aber effektiv: Der Angreifer taumelte einen Schritt zurück, offenbar ebenso von diesem Angriff überrumpelt wie ich. Nun endlich überwand ich meine Überraschung. Ich ließ die Koffer fallen, zog meinen Colt aus der Westentasche und richtete ihn auf den Angreifer. "Keine Bewegung!", drohte ich. Das zeigte Wirkung. Alle starrten auf meine Waffe, auch der Angreifer. Hoffentlich merkte niemand, dass ich mit dem Ding überhaupt nicht umgehen konnte. Hoffentlich merkte niemand, dass das Ding noch nicht mal geladen war.

Wie es aussah, hatte ich Glück: Der Angreifer begann zu wimmern und kauerte sich auf den Boden. Blanche stürzte herbei und schimpfte auf ihn ein: "Das sollst Du doch nicht tun, Leonard!"

Sie schnappte sich das Häuflein Elend und zerrte es zur Tür hinein: "Bitte entschuldigen Sie Leonard, er ist ein bisschen durcheinander. Gehen Sie doch bitte schon mal in die Bibliothek und machen Sie es sich bequem. Dr. Brewer wird gleich zu Ihnen kommen."

Mit diesen Worten zeigte sie auf eine Tür in der rechten Wand des geräumigen Foyers, während Sie den Angreifer durch selbiges zog. "Aber gehen Sie bitte nicht ins Wohnzimmer, dort ist ein kleiner Unfall passiert."

Noch ehe wir fragen konnten, was sie damit gemeint hatte, verschwand sie mitsamt dem wimmernden Leonard hinter einer verstärkten Tür und wir hörten, wie Schlüssel im Schloss umgedreht wurden. Verdutzt ob dieses merkwürdigen Vorfalls schauten wir uns zunächst einmal im Foyer um. Viele Türen waren zu sehen, sowie zwei Treppenaufgänge, die jeweils in einem Halbkreis in das Obergeschoss führten. Ich steckte meine Waffe weg, nahm die drei Koffer wieder auf und bewegte mich auf die von Blanche angezeigte Tür zu.

Meine Begleiter waren bereits vorausgegangen. Hinter der Tür befand sich tatsächlich eine kleine, gemütlich eingerichtete Bibliothek. Diese war jedoch nicht leer: In einem Stuhl saß eine hübsche junge Dame, ein Buch auf dem Schoß. Als wir sie freundlich begrüßten, hob sie den Kopf und sagte nur: "Psst, dies ist eine Bibliothek."

Offensichtlich war ihr die Lektüre von "Dantes Inferno" wichtiger als die Horde von Besuchern, die gerade in den Raum eingefallen war. Ich stellte die Koffer in der Nähe der Eingangstür ab. So allmählich schlich sich bei mir das Gefühl ein, dass es mit dem "untadeligen Ruf" dieses Sanatoriums nicht wirklich weit her sein konnte. Ich war gespannt, was uns hier noch erwarten würde.

Fortsetzung in Teil 2: Alarmierende Entdeckungen
Take me out to the black, tell 'em I ain't comin' back.

Lily Weg

  • Mitglied
Cthulhu: Das Sanatorium
« Antwort #6 am: 16. Februar 2008, 14:59:13 »
Ich liebe solche Geschichten! :)

Bin sehr gespannt, wie es weitergeht.

Nadir

  • Mitglied
Cthulhu: Das Sanatorium
« Antwort #7 am: 16. Februar 2008, 18:55:25 »
Schöne Story-Hour.
Bitte gerne mehr ;)
"Nicht wer als Erster die Waffe ergreift, ist Anstifter des Unheils, sondern wer dazu nötigt." N.M.

Halvar

  • Mitglied
Cthulhu: Das Sanatorium
« Antwort #8 am: 17. Februar 2008, 00:29:21 »
Das freut mich, vielen Dank für die nette Aufmunterung! :)

Teil 2 folgt in wenigen Minuten.
Take me out to the black, tell 'em I ain't comin' back.

Halvar

  • Mitglied
Cthulhu: Das Sanatorium
« Antwort #9 am: 17. Februar 2008, 00:44:08 »
Teil 2: Alarmierende Entdeckungen

Fortsetzung Session 06.10.2007



Da außer dem von der stoischen Leserin okkupierten Stuhl nur noch eine kleine Couch als Sitzmöbel zur Verfügung stand, begab ich mich zu den mit Belletristik gefüllten Bücherregalen, um den Damen die Sitzplätze zu überlassen. Der Geistliche tat es mir gleich. Aber auch die Damen hatten scheinbar nicht vor, sich zu setzen. Ich wandte mich an die Angegriffene und erkundigte mich nach ihrem Befinden. Sie war glücklicherweise mit dem Schrecken davongekommen und stellte sich mir als Prof. Dr. Stevens-McCormmick vor, eine Geschichtslehrerin und persönliche Bekannte von Dr. Brewer. Schön und gebildet - ich war beeindruckt.

Als sie uns miteinander sprechen sahen, gesellten sich auch die beiden anderen Herren zu uns, die sich als Pater Benedict, tatsächlich ein Ire und Franziskaner-Mönch, und Dr. Tiller, ein Psychoanalytiker und Medizinier, vorstellten. Beide waren aus wissenschaftlichem Interesse hierher gereist, Pater Benedict wegen einem der Patienten, und Dr. Tiller hatte wohl die Neugier an Dr. Brewers Forschungsarbeit hergelockt.

Die zweite Dame unserer illustren Gesellschaft (jene, die dem Angreifer vor den Kopf getreten hatte) zeigte sich weniger gesprächig, dafür jedoch umso rastloser: Erst warf sie einen Blick durch die zweite Tür, die sich in diesem Raum befand, dann verschwand sie durch die Tür ins Foyer. Während wir uns unterhielten, hörten wir, wie sie dort mehrere Türen öffnete und auch an offenbar verschlossenen Türen rüttelte. Eine Vorgehensweise, die mir angesichts der Tatsache, dass Blanche uns gebeten hatte, in der Bibliothek zu warten, äußerst befremdlich erschien. Dann hörten wir jedoch Wasser rauschen - offenbar hatte es der Dame nur pressiert. Kurz darauf erschien sie auch wieder in der Bibliothek, gesellte sich nun auch zu uns und stellte sich als Lady Elizabeth Gordon vor. Auch sie war aus wissenschaftlichem Interesse an einem der Patienten hierher gekommen.

Während wir uns unterhielten, brach Lady Gordon plötzlich mitten im Satz ab, runzelte die Stirn, ging noch einmal zu der zweiten Tür der Bibliothek und öffnete sie. Wir blickten ihr gespannt hinterher. "Hallo?", sagte sie in den anderen Raum hinein. Wir warfen uns fragende Blicke zu. Dr. Tiller konnte seine Neugier nicht länger zügeln: Er ging zu Lady Gordon und warf ebenfalls einen Blick in den Raum. Nach einem kurzen Moment brachte er nur ein "Oh, mein Gott!" hervor. Nun hielt es natürlich keinen von uns mehr an seinem Platz. Wir stürzten zur Tür, die - wie wir sogleich erkannten - wohl in ebenjenes Wohnzimmer führte, dessen Besuch uns von Blanche untersagt worden war. Zunächst einmal fiel mir auf, dass einige Gegenstände vom Wohnzimmertisch offenbar auf den Boden gefegt worden und zerbrochen waren. Erst bei einem zweiten Blick fielen mir die Füße ins Auge, die hinter dem Sofa hervor ragten. Dort lag jemand!

Ich eilte zu meinem Koffer und holte meine Erste Hilfe-Tasche hervor. Als ich ins Wohnzimmer eilen wollte, wurde ich von Lady Gordon aufgehalten. Sie faselte irgendetwas von Spuren, die wir zerstören würden. Ich entgegnete ihr nur, dass dort jemand vielleicht unsere Hilfe bräuchte und drängte mich an ihr vorbei. Prof. Dr. Stevens-McCormmick folgte mir. Wir näherten uns vorsichtig der Person und achteten darauf, die Gegenstände nicht zu berühren, die auf dem Boden verstreut waren. Es handelte sich um eine Frau in der Arbeitskleidung einer Krankenschwester. Sie lag auf dem Bauch, das Gesicht nach unten. Um ihren Kopf hatte sich eine Blutlache gebildet, man konnte jedoch keine offensichtlichen Verletzungen erkennen. Ich nahm behutsam ihre Hand, um ihren Puls zu fühlen. Die Hand war kalt, kein Puls. Die Frau war tot. Ich entschied mich dazu, die Leiche so zu lassen wie sie war und Mrs. Stevens-McCormmick und ich kehrten zu den anderen zurück, die an der Tür gewartet hatten.

Alle waren von der Nachricht, dass die Dame tot sei, sichtlich betroffen - alle außer Lady Gordon, die lediglich sehr aufgebracht darüber war, dass wir eventuell Spuren verwischt hätten. Ich verkniff mir einen Kommentar. Sie machte sich auf den Weg in den ersten Stock, um dort nach irgendwelchen Personen zu suchen, die uns vielleicht über den Vorfall aufklären könnten. Ich kam zu dem Schluss, dass dies wohl ein Fall für die Behörden wäre. Die einzige Möglichkeit, diese zu alarmieren, wäre Ebenezers Boot.

Moment mal - Ebenezer? Wollte der alte Seebär nicht nur noch das Boot verstauen und dann wieder zu uns stoßen? Ich teilte den anderen meine letzten Gedanken mit und entschloss mich dazu, noch einmal zum Bootssteg hinunterzugehen und nach ihm zu sehen. Dr. Tiller wollte mich begleiten und nahm sich eine Öllampe aus dem Foyer, ich holte meine Browning Auto-5 Schrotflinte aus meinem Koffer - und lud sie. Er starrte etwas befremdlich auf mein Gewehr. "Sie rechnen also mit dem Schlimmsten?", fragte er. Das tat ich allerdings.

Als wir die Tür öffneten, begrüßte uns eine nahezu undurchdringliche Dunkelheit. Wolken verdeckten den Mond und die Sterne. Schon wenige Meter vom Anwesen entfernt sah man außerhalb des kleinen Lichtkreises von Dr. Tillers Lampe die Hand vor Augen nicht mehr. Trotzdem starrte ich angestrengt in die Dunkelheit, während wir uns langsam und vorsichtig den Pfad zum Meer hinabtasteten. Unten angekommen arbeiteten wir uns auf den Steg vor. Es dauerte nicht lange, bis ein auf dem Boden liegender Körper in unser Sichtfeld kam. Er trug eindeutig die Kleidung Ebenezers und lag auf dem Bauch. Der Kopf hing über den Rand des Steges nach unten und war nicht zu sehen. Dr. Tiller und ich stürzten nach vorne und drehten den Körper herum, während wir ihn vollständig auf den Steg hinaufzogen. Mir entfuhr ein Keuchen, als ich den Kopf des alten Seebären erblickte, Dr. Tiller taumelte zurück und rang mit seinem Mageninhalt. Der Schädel Ebenezers war fast vollständig gespalten, wie mit einer großen Axt. Wahrscheinlich war auch genau das geschehen.

Nachdem wir unsere Fassung wieder zurückerlangt hatten, suchte ich den Steg ab - ergebnislos. Dort, wo Ebenezer das Boot vertäut hatte, fanden wir nur noch das gekappte Tau. Das Boot war natürlich weg. Entweder war der Mörder damit geflohen oder er wollte uns den Fluchtweg verbauen. Was auch immer sein Ziel war, er hatte es jedenfalls erreicht. Dr. Tiller und ich beratschlagten, was mit der Leiche zu tun sei. Da Dr. Tiller sie nicht hier unten liegen lassen wollte, hakten wir jeweils einen unserer Arme unter einen Arm Ebenezers und konnten den Leichnam so die Stufen hinaufschleifen. Oben angekommen wussten wir nicht so recht, wo wir ihn am besten ablegen sollten. Da uns das Foyer unpassend erschien und wir den anderen den Anblick ersparen wollten, legten wir Ebenezer neben den Stufen ab, die zum Haupteingang des Sanatoriums hinaufführten, und begaben uns wieder in die Bibliothek.

Die anderen warteten dort bereits. Wir berichteten von unserer grausigen Entdeckung. Unsere Begleiter waren in der Zwischenzeit allerdings auch nicht untätig gewesen: Lady Gordon hatte wohl im gesamten 1. Stock nur leere Schlafzimmer vorgefunden - manche davon bewohnt, andere unbewohnt - allerdings keinen der Bewohner, weder tot noch lebendig. Pater Benedict und Mrs. Stevens-McCormmick hatten sich die Frauenleiche im Wohnzimmer noch einmal genauer angeschaut. Beiden war die Farbe aus dem Gesicht gewichen. "Das war auch kein Unfall", presste der Pater zwischen seinen Lippen hervor. "Eine Schere...", murmelte Mrs. Stevens-McCormmick. "...Schere im Auge", ergänzte der Pater.

Spätestens jetzt war uns allen klar, dass hier offensichtlich einiges faul war und wir uns in einer äußerst gefährlichen Notsituation befanden. Die Dame in der Bibliothek, die immer noch hartnäckig in ihr Buch starrte, und bei der es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um eine Patientin des Sanatoriums handelte, war unser einziger lebender Anhaltspunkt. Dr. Tiller als gelernter Psychoanalytiker bot sich an, sich in einer therapeutischen Sitzung mit der Dame zu beschäftigen. Vielleicht würden wir auf diese Art und Weise etwas aus ihr herausbekommen. Da es dazu unabdingbar war, dass er möglichst ungestört mit ihr reden konnte, lag es nahe, dass wir anderen uns dazu entschieden, währenddessen eine gründliche Untersuchung des Anwesens vorzunehmen.

Fortsetzung in Teil 3: Hausdurchsuchung
Take me out to the black, tell 'em I ain't comin' back.

Halvar

  • Mitglied
Cthulhu: Das Sanatorium
« Antwort #10 am: 23. Februar 2008, 01:44:47 »
Teil 3: Hausdurchsuchung

Forsetzung Session 06.10.2007

Wie sich herausstellte, hatte Lady Gordon bereits das Erdgeschoss des zweistöckigen Gebäudes soweit möglich untersucht und dabei im - wenn man vom mittig gelegenen Foyer ausging - rechten Gebäudeflügel neben der Bibliothek und dem Wohnzimmer, welche wir ja bereits kannten, noch ein Badezimmer mit Abort, sowie im linken Gebäudeflügel ein großes Esszimmer und eine Küche mit Vorratskammer ausgemacht. In keinem der Räume hatte sie jemanden angetroffen. So begaben wir uns über die großen Treppen im Foyer ins Obergeschoss. Im Uhrzeigersinn klapperten wir die vielen Türen ab und fanden insgesamt sechs Schlafräume sowie ein weiteres Badezimmer vor. Einige der Schlafräume schienen bewohnt zu sein, einige nicht: Erstere dienten wohl dem Personal als Schlafstatt, Zweitere hätten unsere Gästezimmer werden sollen - so vermuteten wir jedenfalls. Auch auf dieser Etage gab es einen Zugang in den "Patiententrakt".

Der Grundriss des Gebäudes entsprach einem auf den Kopf gestellten T mit dem Haupteingang unten in der Mitte. Das Gebäude ließ sich also grob in einen "Wohntrakt" (der waagerechte Strich des umgedrehten T) und einen "Patiententrakt" (der senkrechte Strich) unterteilen, auf die ich mich im Folgenden der Einfachheit halber beziehen werde, auch wenn die Begriffe nicht ganz glücklich gewählt sind - schließlich "wohnten" die Patienten im Patiententrakt. Wie auch immer: Den Wohntrakt hatten wir jedenfalls zu diesem Zeitpunkt komplett begangen, bis auf einen eventuell vorhandenen Keller. Wie sich herausstellte, war der Zugang zum Patiententrakt hier im Obergeschoss nicht verschlossen. Vorsichtig öffneten wir die Tür und schauten in einen von Öllampen schwach erleuchteten Gang.

In diesem Moment wurde mir klar, dass Dr. Tiller ja mit der jungen Dame ganz allein in der Bibliothek saß - unbewaffnet. Ich teilte den anderen mit, dass ich mich mit meinem Gewehr besser zu ihm gesellen würde, denn wie ich gesehen hatte, war Mrs. Stevens-McCormmick inzwischen mit einem Degen bewaffnet und von Lady Gordon wusste ich ja, dass sie auch ohne Waffe äußerst wehrhaft war. Also begab ich mich wieder ins Erdgeschoss und öffnete vorsichtig die Tür zur Bibliothek. Dr. Tiller hatte die Patientin auf die Couch gebettet, während er selber auf dem Stuhl Platz genommen hatte und mit ihr redete. Als er mich hörte, wandte er sich mir zu und wies mich mit einer Geste an, den Raum nicht zu betreten. Ich schloss vorsichtig die Tür und bezog davor Posten.

Es vergingen einige Minuten, dann kam Lady Gordon die Treppe heruntergeeilt. Sie hielt auf mich zu und sagte, dass sie dringend in die Bibliothek müsse, um ihr "Werkzeug" zu holen. Ich unterdrückte die Frage, was sie denn damit meinen würde, und gab ihr stattdessen zu verstehen, dass es im Moment keine gute Idee wäre, die Bibliothek zu betreten. Lady Gordon bestand jedoch darauf, ihre Tasche herauszuholen, die sich ohnehin nahe bei der Tür befand. Als sie die Tür öffnete, deutete Dr. Tiller ihr ebenfalls mit einer Geste an, den Raum nicht zu betreten. Lady Gordon zeigte jedoch auf ihre Tasche und schickte sich an, nach dieser zu greifen. Auch das nachfolgende, eindringliche Gestikulieren von Dr. Tiller half nichts: Lady Gordon machte einen Schritt in den Raum hinein und griff nach ihrer Tasche. Ihre Bemühungen, dabei besonders leise zu sein, rächten sich jedoch: Als sie den Schritt wieder hinausgehen wollte, verlor sie kurz ihr Gleichgewicht und die Tasche drosch mit einem laut vernehmlichen Rums gegen die Wand. Die junge Dame auf der Couch zuckte zusammen. Dr. Tiller schlug sich entnervt die Hand vor die Stirn. "Jetzt muss ich wieder von vorne anfangen!", konstatierte er.

Nachdem Lady Gordon sich entschuldigt und die Tür zur Bibliothek wieder geschlossen hatte, teilte sie mir mit, dass sie oben eine abgeschlossene Tür vorgefunden hätten, von der sie vermuten würden, dass sich dahinter das Arbeitszimmer von Dr. Aldous Brewer befindet. Eine Lady, die Werkzeug besitzt, mit dem sich abgeschlossene Türen öffnen lassen? Die Dame erschien mir zunehmend suspekt. Jedenfalls verschwand sie mit diesen Worten wieder nach oben.

Es dauerte nicht lange, als die gesamte Truppe wieder nach unten kam, Enttäuschung auf den Gesichtern. Offenbar war es Lady Gordon auch mit ihrem Werkzeug nicht gelungen, die fragliche Tür zu öffnen, und angetroffen hatten sie auch niemanden. Sie teilten mir mit, dass sie im ersten Stock des Patiententrakts zwei Behandlungszimmer vorgefunden hätten, eines davon für Elektroschocktherapie, sowie ein großes Badezimmer und ein weiteres Abort. Eine der Türen des Ganges hatten sie jedoch nicht öffnen können, außerdem befand sich am Ende des Ganges eine Treppe nach unten, die jedoch an einer weiteren verschlossenen Tür endete, und zwar eine solche verstärkte Tür, wie sie sich auch im Foyer befand. Hier hindurchzukommen hatten sich die Damen und Pater Benedict wenig Chancen ausgerechnet, also hatten sie es auch gar nicht erst versucht.



Nun blieb uns als einzige, einfache Alternative nur noch der Keller übrig, dessen Zugang sich ebenfalls im Foyer befand. In diesem Moment öffnete sich die Tür der Bibliothek und Dr. Tiller kam mit verärgerter Miene heraus. "Das hat für heute keinen Zweck mehr", verkündete er mit einem vorwurfsvollen Blick auf Lady Gordon. "Die Patientin zeigt starke Anzeichen von Autismus, mehr war in der Kürze der Zeit nicht zu ermitteln."

Dr. Tiller gab mir aber noch zu verstehen, dass er auch alleine auf die Frau aufpassen könne, so dass ich mich den anderen bei der Untersuchung des Kellers anschließen konnte. Vorsichtig stiegen wir die schmale Treppe hinab und kamen in einen Raum mit drei Türen, von denen es sich bei einer wieder um eine verstärkte handelte. Die anderen beiden führten in einen Heizungskeller mit angrenzendem Kohlebunker und in einen weiteren kleinen Schlafraum, der zwar bewohnt erschien, dessen Bewohner aber ebenfalls abwesend war. Da uns nun alle anderen Optionen ausgegangen waren, machte sich Lady Gordon mit ihrem Werkzeug am Schloss der verstärkten Tür zu schaffen. Nach einigen Momenten vernahmen wir tatsächlich ein Klicken - sie hatte es geschafft!

In dem Wissen, dass wir nun wahrscheinlich einen von Patienten bewohnten Trakt betraten, öffneten wir mit äußerster Vorsicht die Tür. Wir schauten in einen langen, leeren Gang, der wie auch bereits der Gang im Obergeschoss durch das schwache Licht von heruntergedrehten Öllampen nur mäßig erhellt wurde. An den Wänden des Ganges konnten wir mehrere Sicherheitstüren ausmachen. Das Beunruhigende daran: Sie standen alle auf. Im Gang war es totenstill.

Langsam tasteten wir uns zu den ersten Türen vor, die nach nur wenigen Metern links und rechts von dem Gang abgingen. Die Räume dahinter waren dunkel. Irgendjemand nahm sich eine Öllampe von der Wand und leuchtete in den rechten Raum hinein. Wir sahen in ein gemütlich eingerichtetes Patientenzimmer, auf dessen Bett eine reglose Gestalt lag. Als wir uns vorsichtig näherten, erkannten wir, dass es sich um Leonard handelte - der Mann, der bei unserer Ankunft Mrs. Stevens-McCormmick angegriffen hatte. Er schlief. Wir verließen leise den Raum und zogen die Tür ins Schloss (die Sicherheitstüren konnten im geschlossenen Zustand nur von außen geöffnet werden und besaßen außerdem eine kleine Klappe in Kopfhöhe, durch die man in die Zimmer hineinsehen konnte. Zusätzlich konnte man die Türen auch noch abschließen). Die Tür war mit der Nummer "K3" beschriftet.

Nun wandten wir uns nach links, der offenen Sicherheitstür mit der Nummer "K1" zu. Auch hier leuchteten wir vorsichtig mit der Öllampe hinein - und erstarrten vor Schreck! Auch dieses Patientenzimmer wäre gemütlich eingerichtet gewesen, hätte nicht an der Wand, die von der Tür aus links zu sehen war, ein riesiger Blutfleck geprangt. Auch der Boden vor dem Fleck war voller Blut. Die Mitte des Flecks war jedoch weiß: Hier war der Putz von der Wand gebröckelt oder geschabt worden. Auf dem Bett daneben saß ein Mann und starrte ins Leere. Beim Anblick seiner Arme und Hände packte uns das nackte Grauen: Seine Arme waren von Schnittwunden übersät und von seinen Fingerkuppen hing das Fleisch in Fetzen herab. Die obersten Fingerglieder bestanden nur noch aus den blanken Knochen! Offenbar hatte der Mann mit seinen bloßen Händen den Putz von der Wand geschabt!



Nachdem wir unsere Fassung wiedererlangt hatten, eilte ich nach oben, um Dr. Tiller zu holen. Dieser griff sich gleich seine Arzttasche und wir rannten wieder nach unten. Als er die Bescherung sah, musste auch er schlucken, aber dann versorgte er den Verletzten so gut es ging. Er trug auf die Arme und Hände des Patienten eine Salbe auf und bandagierte sie, dann legte er ihn auf das Bett. Der Mann war offensichtlich in einer Art katatonischem Zustand, jedenfalls regte er sich nicht und brachte auch keinen Ton hervor. Danach begab sich Dr. Tiller wieder nach oben, um weiter auf die Frau in der Bibliothek aufzupassen.

Pater Benedict starrte lange und nachdenklich auf den großen Blutfleck an der Wand, so als ob ihm irgendetwas daran merkwürdig vorkommen würde - nicht, dass ein Blutfleck solchen Ausmaßes nicht schon merkwürdig genug wäre. Ich sah auch genauer hin: Irgendjemand hatte mit seinem Finger ein äußerst wirres Linienmuster durch das Blut gezogen, noch bevor der Putz entfernt worden war. "Können Sie sich das erklären?", fragte ich den Pater. "Nein", antwortete dieser nach kurzem Zögern. "Nein, leider nicht." Irgendwie schien ihn seine eigene Antwort nicht zufriedenzustellen, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass er log.

Als ich den Raum nach Spuren absuchte, fiel mir an dem Teppich vor dem Fleck noch etwas Merkwürdiges auf: Die obersten Spitzen der Fasern des Teppichs schienen flächenweise leicht angesengt zu sein, als ob sie von großer Hitze gerade so eben gestreift worden wären. Darauf konnte sich niemand einen Reim machen. Nachdem wir die Untersuchung des Raumes beendet und ansonsten nichts Auffälliges entdeckt hatten, gingen wir wieder auf den Gang hinaus und zogen die Tür ins Schloss.

Nach diesem schaurigen Erlebnis fragte ich mich, was uns in den nächsten Patientenzimmern noch erwarten würde. Mir brach der kalte Schweiß aus, aber uns blieb ja nichts anderes übrig, als die Zähne zusammenzubeißen und weiterzumachen, wenn wir wissen wollten, was hier los war. Also riss ich mich zusammen und ging mit den anderen weiter den Gang entlang. Als nächstes folgte auf der rechten Seite die Tür mit der Aufschrift "K4". Mit dem schlimmsten rechnend leuchteten wir in das Zimmer hinein: Ein weiteres Patientenzimmer mit einem Himmelbett und einem Schminktisch, also offenbar dasjenige einer Frau, aber niemand darin. Gott sei Dank! Wir mutmaßten, dass es sich um das Zimmer der Dame aus der Bibliothek handeln könnte, aber sicher sein konnten wir uns natürlich nicht. Fehlte nur noch "K2", das auf der linken Seite folgte. Dieses Zimmer war sogar bis auf ein Bettgestell vollkommen leer. Auch diese beiden Türen zogen wir zu. Es folgten noch ein Badezimmer, eine unbelegte Gummizelle, zwei weitere Heizungsräume und ein weiterer, gut gefüllter Kohlebunker, dann endete der Gang an einer verstärkten, verschlossenen Tür, an der wir nicht weiter kamen. Wie es schien, war nur der Patiententrakt unterkellert, der Wohntrakt nicht.

Nach allem, was wir bis hierher gefunden hatten, hielten wir es nach kurzer Beratung für angemessen, die Tür zu Dr. Brewers vermeintlichem Büro im Obergeschoss aufzubrechen. Wir machten uns auf den Weg nach oben.

Fortsetzung in Teil 4: Brewers Büro
Take me out to the black, tell 'em I ain't comin' back.

Nadir

  • Mitglied
Cthulhu: Das Sanatorium
« Antwort #11 am: 23. Februar 2008, 12:47:24 »
sehr schön, mehr davon!
"Nicht wer als Erster die Waffe ergreift, ist Anstifter des Unheils, sondern wer dazu nötigt." N.M.

Halvar

  • Mitglied
Cthulhu: Das Sanatorium
« Antwort #12 am: 28. Februar 2008, 07:15:50 »
Teil 4: Brewers Büro

Forsetzung Session 06.10.2007

Als Expertin für Fußtritte ließ es sich Lady Gordon nicht nehmen, einen ersten solchen gegen die verschlossene Tür von Dr. Brewers vermeintlichem Büro zu richten. Wäre die Tür ein Mensch gewesen, hätte dieser Tritt richtig weh getan, aber da Türen bekanntermaßen keine besonders empfindlichen Stellen besitzen, sondern nur mit roher Gewalt aufzubrechen sind, erreichte sie außer einem lauten Krachen nichts. Ich bot mich an, diese rohe Gewalt zur Verfügung zu stellen und wollte es als nächster versuchen. Ich legte mein ganzes Gewicht in den Tritt und die Tür flog auf.

Wir hatten ja bereits befürchtet, dass Dr. Brewer ebenfalls Opfer des Mörders geworden war, und somit rechneten wir mit einer weiteren Leiche. Der Anblick, der sich uns in Dr. Brewers Büro bot, übertraf jedoch unsere schlimmsten Befürchtungen bei Weitem: Der Mörder hatte den Schreibtisch und die Stühle ans Fenster geschoben, um in der Mitte des Raumes Platz zu schaffen. Das, was von Dr. Brewer übrig war, lag dort auf dem blutdurchtränkten Teppich. Durch seine Hände und Füße waren dicke Nägel in den Fußboden getrieben worden, Kopf, Arme und Beine waren abgehackt. Den Torso hatte der Mörder geöffnet und den Inhalt gleichmäßig im ganzen Raum verteilt. Sein Darm hing sogar in Form einer Girlande von der Decke. Alles war voller Blut, der ganze Raum ein einziges Schlachthaus.

Es roch wie in einer Metzgerei. Ich japste nach Luft und musste mich am Türrahmen abstützen. Den anderen erging es nicht besser: Auch Pater Benedict wankte bedenklich und Mrs. Stevens-McCormmick schrie entsetzt auf. Am schlimmsten war Lady Gordon betroffen: Sie taumelte zurück an die Wand, setzte sich auf den Boden und begann zu würgen.

Es dauerte eine Weile, bis wir uns wieder gefangen hatten. Lady Gordon schleppte sich in das gegenüber liegende Badezimmer und Pater Benedict und ich begannen damit, uns vom Türrahmen aus im Raum umzuschauen. Neben dem Schreibtisch befanden sich noch eine Bücherwand, ein Aktenschrank und ein Safe in dem Büro. Außerdem führte linkerhand eine weitere Tür in ein angrenzendes Zimmer, das wir noch nicht kannten. Zunächst einmal untersuchte ich aber den Boden vor der Tür auf Fußspuren hin und fand tatsächlich einige blutige Schuh-Abdrücke, die von Dr. Brewers Leichnam zur Tür hin führten, dort aber plötzlich aufhörten und sich nicht im Gang fortsetzten.

In der einen Hand meine Elefantenbüchse bewegte ich mich sachte nach links in den Raum hinein auf den Aktenschrank zu, wobei ich versuchte, so viel Abstand zwischen mir und Dr. Brewer wie möglich zu halten. Der Schrank hatte vier Hängeregister-Schubladen. Ich öffnete die oberste und fand darin vier Personalakten: Catherine Ames (Krankenschwester), Bobby Birch (Krankenpfleger), Melba Carson (Zimmermädchen) und Charles Johnson (Krankenpfleger). Ich gab die Namen laut bekannt und wir stellten mit Verwunderung fest, dass es keine Akte mit dem Namen "Blanche" gab. Entweder fehlte die Akte oder die Dame, die uns die Tür geöffnet hatte, gehörte überhaupt nicht zum Personal (oder hatte uns einen falschen Namen genannt).

Die zweite Schublade offenbarte mir die Unterlagen der Buchführung des Sanatoriums. Da ich diese als nicht sonderlich relevant für unsere momentane Situation einstufte, öffnete ich gleich die dritte Schublade: Patientenakten! Fünf Hängeregister, die folgendermaßen beschriftet waren, boten sich meinem Auge:

  • E1: Blanche Goddard Richmond
  • E2: Colonel Crandall Billings
  • E3: (leer)
  • E4: Henry Adam Barber
  • E5: Cecil Randolph

Hier hatten wir unsere Blanche! Da es sich bei ihr offenbar um eine der Patientinnen handelte, die zudem über den "Unfall" im Wohnzimmer Bescheid gewusst hatte, kamen wir zu dem Schluss, dass sie wahrscheinlich mit den Morden irgendwie in Verbindung stand. Die Codierung der Akten mit E1 bis E5 deutete auf Zimmer im Erdgeschoss hin, denn im Keller hatten wir ja bereits Patientenräume mit den Nummern K1 bis K4 entdeckt. Colonel Billings befand sich also im Erdgeschoss. Des Weiteren schürte dies meine Hoffnung, in der vierten Schublade die entsprechenden Akten der Patienten im Keller zu finden. Ich öffnete sie, und tatsächlich:

  • K1: Allen Harding
  • K2: (leer)
  • K3: Leonard Hawkins
  • K4: Darlene

Die Akten selbst waren äußerst umfangreich und in einer schwer entzifferbaren Handschrift geschrieben - sie komplett zu lesen, würde längere Zeit in Anspruch nehmen.

Pater Benedict hatte inzwischen den Schreibtisch in Augenschein genommen und einen Brief darauf entdeckt, den Dr. Brewer wohl gerade im Begriff zu verfassen gewesen sein muss, bevor er seinem Mörder begegnet war. Er las ihn laut vor:

Zitat
Brief von Dr. Brewer

Werter Herausgeber,

als Antwort auf die Leserbriefe der Herren Dr. Hagen und Dr. Allen, welche in Ihrer Juniausgabe abgedruckt wurden, muss ich sagen dass ich von zwei derart hochgeschätzten Kollegen mehr erwartet hätte. Wie ich es in meinem Artikel deutlich beschrieb, ist meine Arbeit im höchsten Grade experimenteller Natur und sämtliche Schlussfolgerungen zu diesem Zeitpunkt noch rein spekulativer Natur. Ich beschreibe nur Beobachtungen und stelle keine Behauptungen auf.

Seit der Artikel geschrieben wurde, habe ich weitere Experimente durchgeführt, welche meine früheren Beobachtungen zu bestätigen scheinen. Jedoch werde ich vorerst keine weiteren Artikel einreichen, bis ich meiner Sache nicht hundertprozentig sicher bin und Beweise habe, die selbst die am meisten verkrusteten Skeptiker überzeugen werden. Ich habe es nicht nötig, mich auf solch niedrigem

Über die in dem Brief erwähnten Experimente wollten wir natürlich mehr wissen, also untersuchten wir zunächst die Bücherwand. Außer der zu erwartenden umfangreichen Fachliteratur über Psychologie und einer Sammlung vieler Ausgaben des Journal of the British Psychological Society befanden sich dort auch auffallend viele Bücher über Ägyptologie. In einem dieser Bücher fand Pater Benedict einen Zeitungsausschnitt, der Dr. Brewer wohl als Lesezeichen gedient hatte:

Zitat
Zeitungsausschnitt "Archäologische Entdeckung"

In dem Zeitungsartikel wird von der Entdeckung von Tempelruinen und Steinstatuen in der Nähe des "Tals der Könige" in Ägypten berichtet. Der erste Fund war eine Stele zu Ehren der Prinzessin Annephis, die etwa 1400 v. Chr. einen Feind in die Flucht geschlagen haben soll. Bei diesem Feind soll es sich um Plünderer der Hyksos oder um ein "geheimnisvolles Seevolk" gehandelt haben.

Der Safe enthielt mit Sicherheit auch noch einige interessante Dinge, aber dieser war natürlich geschlossen und mit einem Zahlenschloss versehen. Ohne die richtige Kombination würden wir hier nicht weit kommen, also wandten wir uns dem Schreibtisch zu.

Pater Benedict und ich schoben den Schreibtisch vorsichtig von der Wand, um an die Schubladen heranzukommen. Ich öffnete die linken beiden und fand ein Tagebuch (offenbar von Dr. Brewer, da es in der gleichen Handschrift geschrieben war wie der Brief) und ein dickes Schlüsselbund. Der Weg ins Erdgeschoss war frei! Pater Benedict nahm sich die rechten beiden vor. In der ersten fand er nur Schreibutensilien, aber aus der zweiten zog er plötzlich einen Revolver. "Kann den jemand brauchen?" fragte er unverhohlen in die Runde und hielt die Waffe dabei in die Höhe. Trotz allem, was ich an diesem Tag schon gesehen hatte, war der Kirchenmann, der mit einer Schusswaffe herumwedelte, der mit Abstand absurdeste Anblick. Mrs. Stevens-McCormmick, die sich zwischenzeitlich wieder im Türrahmen eingefunden hatte, war offenbar ähnlich perplex: Wir tauschten verständnislose Blicke aus. Schließlich nahm sie die Waffe, wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob sie sie wirklich haben oder nur diese seltsame Situation beenden wollte. Ich bin zwar kein Theologe, aber einen solch unverfänglichen Umgang mit Waffen hätte ich einem christlichen Mönch unter keinen Umständen zugetraut. An dem Mann war offenbar mehr dran als es den Anschein hatte.

Wie auch immer, mich interessierte noch das angrenzende Zimmer, dessen Zugang sich hier offenbart hatte. Ich machte meine Waffe bereit, öffnete die Tür und sah in einen fensterlosen Raum. Im Licht der Öllampe tauchten lediglich Schrankwände an drei Seiten der kleinen Kammer auf, sowie ein leerer Tisch in der Mitte. Einen nach dem anderen öffnete ich die Schranktüren und fand massenweise Medikamente, Verbandszeug und andere medizinische Utensilien vor. Wir hatten die Apotheke gefunden, den letzten noch verbliebenen uns unbekannten Raum im Obergeschoss.

Wir entschlossen uns, den gesamten Inhalt des Aktenschranks und das Tagebuch mit nach unten zu nehmen, um alles genauer zu studieren. Das Schlüsselbund nahm ich an mich. Als Pater Benedict und ich mit den Aktenstapeln den Raum verließen, trafen wir auf Lady Gordon, die im Gang gewartet hatte, ohne sich einen weiteren Blick in Brewers Büro antun zu wollen. Als sie unsere blutverschmierte Kleidung sah, fing sie jedoch augenblicklich wieder an zu würgen und Dr. Stevens-McCormmick musste sie wieder ins Badezimmer zurück begleiten. Mit leicht schlechtem Gewissen ob meiner Unachtsamkeit setzte ich den Weg in die Bibliothek fort. Dort angekommen berichteten wir Dr. Tiller von Dr. Brewers Tod, wobei wir ihm jedoch die grausamen Einzelheiten ersparten. An den gefundenen Patientenakten zeigte er sich jedenfalls sehr interessiert.

Pater Benedict und Lady Gordon zogen es auch vor, sich mit den Akten zu beschäftigen, anstatt weiter das Haus zu untersuchen. Vielleicht hatten sie auch einfach nur genug zerstückelte Leichen für einen Tag gesehen und wollten nicht riskieren, einer weiteren zu begegnen. Dafür hatte ich zwar Verständnis, aber ich konnte mich nicht mit der Idee anfreunden, mich unter diesen Umständen hinzusetzen und Akten zu studieren, auch wenn diese vielleicht für uns interessant sein könnten. Außerdem wollte ich wissen, wie es Colonel Billings ging. Als ich mein Vorhaben verkündete, das Haus weiter zu untersuchen, schloss sich mir unerwarteterweise die reizende Mrs. Stevens-McCormmick an.

Es erschien uns jedoch zu riskant, nur zu zweit den direkten Weg durch das Foyer ins Erdgeschoss zu nehmen. Immerhin wussten wir, dass sich hier höchstwahrscheinlich Blanche aufhalten würde und eventuell auch der Mörder - wenn es sich nicht ohnehin um die gleiche Person handelte. Also begaben wir uns in den Keller und setzten unsere Untersuchung am Gangende fort, wo uns zuvor die verschlossene Tür aufgehalten hatte. Ich suchte den passenden Schlüssel heraus, dann schloss ich die Tür auf. Dahinter verbarg sich lediglich ein kleiner Lagerraum mit einer großen Schrankwand, aber um eine Ecke herum führte eine Treppe nach oben, offenbar ins Erdgeschoss. Eine kurze Untersuchung des Schranks erbrachte außer Haushaltsgegenständen, diversen Werkzeugen und Wandfarben nichts. Wie es schien, war uns damit auch der Keller komplett bekannt.

Vorsichtig bewegten wir uns die Stufen hinauf. Ich ging voran, die Elefantenbüchse im Anschlag, während Mrs. Stevens-McCormmick die Öllampe hielt. Oben öffnete sich die Treppe in eine Waschküche hinein. Als erstes fiel uns rechterhand eine offene Tür auf, die offenbar nach draußen führte - der Hintereingang. Kühle Nachtluft wehte herein. Erst beim zweiten Blick erkannte ich, dass die Tür nicht offen stand, sondern komplett fehlte. Die Angeln hingen abgerissen im Türrahmen.

Dann sah ich die Frau. Ich hatte sie nicht sofort bemerkt, da sie auf dem Boden saß und sich nicht rührte. Sie trug die Arbeitskleidung eines Zimmermädchens, saß mit dem Rücken an einen Wäschetrockner gelehnt direkt vor der zerborstenen Tür und starrte ins Leere.

Ich wollte mich ihr nähern, um sie anzusprechen, dann hielt ich jedoch plötzlich inne. Was war mit ihren Beinen los? Mir wurde schwindelig. Mrs. Stevens-McCormmick, die hinter mir die Treppe heraufgekommen war, stieß einen Schrei aus und hastete auf den letzten Absatz zurück. Zum Glück ließ sie die Lampe nicht fallen. Ich starrte nach wie vor gebannt auf die Beine des Zimmermädchens. Wie in Trance ging ich zu ihr hin, um mir die Sache genauer anzusehen. Die Haut und das Fleisch waren bis auf die Knochen zusammengeschrumpelt. Der Anblick erinnerte mich an eine ägyptische Mumie. Ein kurzes Stück der Oberschenkel war noch normal, dann gingen die Beine in diesen furchtbaren Zustand über, ohne dass eine offene Wunde oder Blut zu sehen war. Ich konnte mir absolut nicht erklären, wie sie sich diese Verletzungen zugezogen haben könnte.

Ich sah mich um. Genau gegenüber der aus den Angeln gerissenen Tür befand sich eine verstärkte Tür wie im Foyer, die offenbar von der anderen Seite in den Gang mit den Patientenzimmern im Erdgeschoss führte. Wenn man eine direkte Linie zwischen der zerborstenen Außentür und dieser verstärkten Tür ziehen würde, dann hätten die Beine der Frau diese Linie genau gekreuzt. Also, um mal ein wenig zu spekulieren: Hätte sich irgendetwas oder irgendjemand aus dem Gang nach draußen bewegt, und zwar möglicherweise so schnell, dass dabei die Hintertür herausgerissen wurde, dann hätte dieses Etwas oder dieser Jemand die Beine der Frau gekreuzt, und zwar genau dort, wo sie ihre Verletzungen hatte. Die verstärkte Tür, die vermutlich in den Gang führte, war aber geschlossen und völlig intakt. Außerdem wäre in dem Fall merkwürdig, dass die Frau bereits auf dem Boden gesessen haben müsste, bevor sie verletzt wurde. Aus welchem Grund hätte sie sich aber genau dort hinsetzen sollen? Wieder einmal stand ich vor einem Rätsel.

Jedenfalls lebte die Frau noch und wir mussten ihr dringend helfen. Ich ging zurück zu Mrs. Stevens-McCormmick. Glücklicherweise hatte sie sich wieder so weit gefangen, dass sie sich in der Lage sah, das Zimmermädchen mit mir zusammen zu tragen. Wir beschlossen, sie in eines der Schlafzimmer im Obergeschoss des Foyers zu bringen und dann Dr. Tiller hinzuzuziehen. Da keiner von uns die verdorrten Beine anfassen wollte, griffen Mrs. Stevens-McCormmick und ich jeweils unter einen Arm des offensichtlich traumatisierten Mädchens und hoben es vorsichtig an. Mit einem Geräusch, als würden zwei morsche Äste brechen, lösten sich ihre Beine von den Oberschenkeln und blieben an Ort und Stelle liegen. Ich weiß bis heute nicht, wie Mrs. Stevens-McCormmick und ich es geschafft haben, in diesem Moment nicht schreiend davonzulaufen, aber irgendwie behielten wir die Fassung und trugen die Frau die Treppe hinunter, ohne noch einen Blick auf ihre Beine zu werfen.

Als wir schließlich in einem der Schlafzimmer angekommen waren, legten wir das Zimmermädchen hin und deckten es zu. Dann eilte ich in die Bibliothek, um Dr. Tiller zu holen. Auch dieser hatte solche Verletzungen noch nie gesehen und konnte sich auch nicht erklären, was sie verursacht haben könnte. Er behandelte sie so gut es ging, dann kehrten wir wieder alle in die Bibliothek zurück.

Wir beratschlagten, wie weiter vorzugehen sei. Wenn man nach den Personalakten ging, dann hatten wir die beiden Krankenpfleger Bobby Birch und Charles Johnson noch nicht gefunden. Womöglich lebten sie noch und waren verletzt. In diesem Fall durften wir keine weitere Zeit mehr verlieren. Wir versammelten uns im Foyer vor der Tür zum Patiententrakt. Es war an der Zeit, der Sache auf den Grund zu gehen.

Fortsetzung in Teil 5: Das Erdgeschoss
« Letzte Änderung: 03. August 2008, 21:41:19 von Halvar »
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Halvar

  • Mitglied
Cthulhu: Das Sanatorium
« Antwort #13 am: 28. Februar 2008, 07:21:35 »
So, hier taucht jetzt erstmalig das Problem mit den Handouts auf. Ich habe jeweils eine Kurzbeschreibung der Handouts zu ihrem Fund-Zeitpunkt in Quotes gesetzt und hoffe, dass das so für euch okay ist. Wenn jemand eine bessere Idee hat, nur zu.
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Halvar

  • Mitglied
Cthulhu: Das Sanatorium
« Antwort #14 am: 03. März 2008, 10:58:44 »
Um die Zeit bis zum nächsten Update zu überbrücken und diesem Thread mal ein bisschen Leben einzuhauchen, hier nun eine:

Quizfrage

Bei welchem der folgenden Charaktere handelt es sich um einen NSC?

a) Pater William Benedict
b) Lady Elizabeth Gordon
c) Prof. Dr. rer. cult. Rebecca Helen Stevens-McCormmick
d) Dr. Henry Tiller

Dies sind die vier Charaktere, die zusammen mit meinem Charakter Major William Mannock auf die Insel gekommen sind. Aber: Einer von ihnen ist ein NSC. Was glaubt ihr, welcher es ist, und warum glaubt ihr dies?

Die Auflösung gibt's vor dem nächsten Update. :)
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