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Autor Thema: Stadt der gläsernen Gesänge  (Gelesen 43231 mal)

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Winter

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #105 am: 03. Mai 2010, 20:09:29 »
Das war echt ein anstrengender Spieltag. Und als der Typ sich den Kelch geschnappt hatte, dachte ich, oh nein...! Wie sollen wir da jetzt wieder ran kommen???


Nightmoon

  • Mitglied
    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #106 am: 04. Mai 2010, 01:01:11 »
Ja, dachte ich auch... aber das war auch n fieser Zauber... ;)

Niobe

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #107 am: 10. Mai 2010, 02:30:34 »

Kapitel XII: Aus dem Nebel


Faust
Nebel. Faust lief ein Schauer über den Rücken, als die Dunstschlieren seinen Körper hinauf krochen. So hatte es auch damals angefangen… Der Kämpfer blinzelte und sah sich um. Undeutlich erkannte er Gemäuer und Türme, die wie verschleierte Bräute hinter der Nebelschicht harrten. Wo war er? Und wo waren die anderen? Faust rief nach seinen Gefährten, doch er erhielt keine Antwort.
Verdammt, Miu, wo hast du uns hingeführt?
In einiger Entfernung hörte Faust Schlachtenlärm, doch hier war alles ruhig. Dann stieß er gegen etwas Weiches und blickte nach unten: Leichen. Der Platz war übersäht mit den toten Körpern von Elfen und Menschen. Die Elfen wiesen Brandwunden auf und waren zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verbrannt; die meisten der Menschen dagegen schienen durch Waffengewalt zu Tode gekommen zu sein. Als Faust sich zu einem der Gerüsteten hinunterbeugte, erkannte er auf seiner Brustplatte das Emblem des Schwarzen Netzwerks. Er musste in Myth Drannor gelandet sein. Und die Allianz hatte bereits mit voller Härte zugeschlagen.
Plötzlich eine Bewegung. Reflexartig fuhr Fausts Hand an den Knauf seines Schwerts. Ein Elf, ungerüstet aber mit einem kostbaren Bastardschwert in der Hand, irrte schwer verletzt über das Schlachtfeld.
„Hey!“
Faust ging auf den Fremden zu und fing ihn auf, als er zusammenbrach. Pures Entsetzen stand in den Augen des Elfenkämpfers.
„Wohin haben sie mich diesmal geführt?“, flüsterte er, dem Delirium nah.
Faust fuhr ein eiskalter Schrecken in die Glieder, als ihm bewusst wurde, in welcher Sprache er diese Worte gesprochen hatte - eine Sprache, die er beinahe vergessen hatte. Eine Flut zusammenhangloser Erinnerungen überrollte ihn. Erinnerungen an die Zeit, nachdem die Nebel ihn in jene eigenartige Welt voller Grauen und Tod entführt hatten.
Rabenhorst, die Nebel….
Ein schrecklicher Gedanke durchzuckte ihn. Nein! Nein, er wollte nicht wieder zurück! Er hatte seinen Weg gefunden. Rabenhorst hatte ihn gehen lassen. Die Nebel hatten ihn entlassen. Warum waren sie nun zurückgekehrt? Faust schloss die Augen und versuchte die Panik niederzukämpfen, die ihn in die Dunkelheit zu reißen drohte.
Konzentrier dich.
Er bettete den verwundeten Elfen mit dem Rücken gegen eine Steinmauer. Dann stutzte er. Etwas an dem Sonnenelf kam ihm bekannt vor. Die harten Züge seines goldbraunen Gesichts, die rasiermesserscharfen Wangenknochen, sein langes Elfenhaar…
„Tyrael?“
In seinem Fieberwahn schien der Elf seine Umgebung kaum wahrzunehmen. Trotzdem glaubte Faust ihn zu kennen – aber nicht aus Rabenhorst. Die Erinnerungen, die er weckte, waren klarer als die albtraumhaften Zerrbilder aus der Anderswelt: Faust war sehr jung gewesen, als er einem geheimnisvollen Freund seines verschollenen Vaters in die Stadt Rabenklippe gefolgt war und seine Kampfausbildung bei den Neun Schwertern begonnen hatte. Keiner der anderen Rekruten hatte Faust das Wasser reichen können – keiner bis auf Tyrael. Faust und er waren wie Feuer und Eis gewesen. Unzählige Male hatten Tyraels elfischer Hochmut und seine menschenverachtenden Hassreden Faust zur Weißglut getrieben und sie hatten sich bis aufs Blut bekämpft. Nur bis zum Äußersten war keiner der beiden je gegangen, denn Ehre und ein heimlicher Respekt für die Kampfkunst des anderen hatten sie davon abgehalten. Doch all das hatte sich geändert, als… Faust runzelte die Stirn. Ja, da war noch eine Erinnerung, aber sie kauerte im Schatten, so als versuche sein Gewissen, sie von ihm fernzuhalten.
„Noch so ein Elfenfreund! Ich dachte, ich hätte euch alle erwischt“, durchschnitt eine dunkle, diabolische Stimme Fausts Gedanken und ein Schatten fiel über ihn. Noch ehe sein Blick die Bedrohung erfasst hatte, hatte seine Hand wie von selbst sein Schwert aus der Scheide gerissen. Die massige Gestalt eines Höllenschlundteufels kreiste mit dramatisch entfalteten Schwingen über dem Schlachtfeld. Gelbe Glut und unstillbarer Durst loderten in den Augen des mächtigen Höllenherrn.
Faust spürte, wie Zwiespalt in seiner Hand vibrierte. Eigenartige Farbreflexionen spiegelten sich auf der Klinge des Krummschwertes und Faust meinte zischelnde Stimmen in seinem Geist zu hören. Er blinzelte überrascht: Er konnte nicht verstehen, was die Stimmen sagten, doch etwas in ihm verspürte einen unwiderstehlichen Tötungsdrang: Zwiespalt wollte, dass er den Teufel angriff. Das Schwert seines Vaters schien einen eigenen Willen zu besitzen.
Dann fuhr der erste Feuerball mit infernaler Wucht auf Faust nieder. Er fluchte.
„Stellst du dich mir Mann gegen Mann oder muss ich zu dir hochkommen?“, schnaubte er, während er zur Seite wegrannte, von Tyrael fort, um den Bewusstlosen vor weiteren Flächenzaubern zu schützen. Der Teufel lachte düster und katapultierte sich im Sturzflug auf den Herausforderer zu. Seine Bissattacke brannte wie Feuer und zwang Faust in die Knie. Schwefelgeruch und schwelende Hitze benebelten seine Sinne. Doch Zwiespalts Euphorie färbte auf ihn ab und das Schwert überzog den Gegner mit einem rasenden Klingenwirbel. Der Höllenschlundteufel brüllte vor Wut, als die Klinge seine Haut aufschlitzte wie eine Orangenschale, und antwortete mit einem schmetternden Prankenhieb. Seine Krallen rissen eine hässliche Wunde in Fausts Kehle, doch während sein Gegner noch mit dem Schwanz zum Folgehieb ausholte, wirbelte der Kämpfer bereits um die eigene Achse, katapultierte sich in die Höhe, sprang von hinten auf den Teufel zu und zertrümmerte das Schlüsselbein seines Gegners. Unbeholfen wie eine verletzte Fledermaus schlug sein Gegner mehrmals mit den Flügeln, ehe es ihm gelang, vom Boden abzuheben und sich aus Fausts Reichweite treiben zu lassen. Sein Gesicht war eine Fratze aus Zorn und Schmerz, als er mit bebendem Finger auf Faust wies und mit einer zischenden Zauberformel die Feuer der Hölle auf den Schwertkämpfer herab beschwor.
Faust spürte wie seine Haut in der Glut zu schrumpeln begann, noch ehe er die Säule aus gleißendem Licht auf sich niederstürzen sah. Dann explodierten zu allen Seiten Feuerkugeln und sein Körper schien in der erbarmungslosen Hitze zu Staub zu zerglühen.

Grimwardt
„Grim! Faust! Miu! Wo seid ihr?“
Grimwardt hörte Winters Rufe, doch der Anblick, der sich ihm bot, als die Nebel sich lichteten, erstickte seine Antwort. Er stand vor den Toren Myth Drannors. Der Schutzwall der Stadt war an mehreren Stellen durchbrochen und Rauchsäulen hinter den Mauern ließen vermuten, dass die meisten Angreifer die Stadt bereits gestürmt hatten. Doch noch immer gab es hier und dort Elfen und Menschen, die auf den Feldern verbittert um ihre Heimat kämpften. Das Verschwinden der Antimagie (mochten die Götter wissen, wie es dazu gekommen war) hatte den Vorteil der Angreifer zunichte gemacht und den Verteidigern neuen Mut gegeben. Doch zu viele ihrer Gefährten lagen im Staub. Unter ihnen erkannte Grimwardt viele bekannte Gesichter. Der Abteivorsteher ballte die Fäuste, als er den Blick über das Schlachtfeld gleiten ließ. Melgrent, Godwart, Ravel... Sie alle waren Novizen in seiner Abtei gewesen. Doch es waren nicht die Toten, die Grimwardt die bleiche Wut ins Gesicht trieben. In einiger Entfernung hatten die Nebel den Verursacher all der Verwüstung enthüllt: eine unförmige, felsenartige Kreatur. Der Zwerg Borgo und zwei weitere Tempuskrieger seiner Abtei kämpften verbissen gegen das Geschöpf, doch sie waren erschöpft und dem Ende nahe und ihre Waffen hinterließen kaum Wunden in der krustenartigen Haut ihres Gegners. Dort, wo die Platten der Umpanzerung des Ungeheuers aufeinander trafen, enthüllten sie Lavaströme, die unter der Haut des Wesens pulsierten. Grimwardt erkannte, dass nur perfide Magie ein solches Wesen erschaffen haben konnte. Er erhob seine Axt.
„Graum Auskovyn!“, brüllte er über das Schlachtfeld nach dem dunkelelfischen Clanführer, der in seiner Abwesenheit die Abtei des Schwertes erobert hatte. „Zeig dich mir, du elender Schurke!“
„Dort oben.“ Winter war neben ihren Bruder getreten und wies in den grauen Mittagshimmel. „Er ist unsichtbar.“
„Hol ihn da runter“, knurrte Grimwardt ohne den Blick von der monströsen Schöpfung des Drowmagiers zu wenden. Dann stürmte er los, während Winter einen Flugzauber sprach und selbst unsichtbar wurde.
„Für Ehre und Glorie!“, brüllte Grimwardt mit Inbrunst, während er über das Schlachtfeld stürmte. Sein Zorn und der Segen des Feindhammers verliehen ihm eine Größe und Schrecklichkeit, die seine Leute für einen Augenblick innehalten ließ. Gleichzeitig eröffneten die beiden unsichtbaren Magier den Kampf und der Himmel explodierte in einem magischen Feuerwerk, sodass es den Kriegern scheinen musste, als sei Tempus in menschlicher Gestalt zur Erde herabgestiegen. Der Gedanke gab ihnen neuen Mut und belebte den Funken der Hoffnung in ihren mutlosen Gesichtern.
„Aus dem Weg, Borgo, der gehört mir!“
Der Zwerg und die Rekruten sprangen zur Seite, als Grimwardt heran raste, und seine Streitaxt drang ungehindert  durch den Krustenpanzer des Ungeheuers. Das Geschöpf stieß einen jaulenden Jammerlaut aus, der in seltsamem Kontrast zu seiner monströsen Gestalt stand.  Für einen Moment schien es so, als wolle die riesenhafte Kreatur aus dem Kampf fliehen, doch dann fügte sie sich dem Willen ihres Schöpfers. Einen Augenblick zu spät hob Grimwardt seinen Schild. Ein schmetternder Prankenhieb traf seinen Schädel und ein weiterer seinen Unterleib. Ihm drohte schwarz vor Augen zu werden, doch der Tempus-Priester besiegte die aufkeimende Übelkeit und holte zum Gegenschlag aus. Im selben Moment wirkte Winter ihren mächtigsten Zauber, Doriens magisches Vermächtnis. Das Monster ging in die Knie, als eine Welle negativer Energie alle Flüssigkeit aus seinem Körper sog. Schmerz und Leid spiegelten sich auf seinem von Narben entstellten Gesicht, sodass sich Grimwardts Todesstoß wie ein Gnadenstoß anfühlte. Als die Axt das Herz des Wesens durchbohrte, begannen seine Gesichtszüge zu zerfließen und die Magie, die es im Leben zusammen gehalten hatte, wich aus seinen Gliedern. Der Lavariese schrumpfte zu einer erbärmlichen Kreatur zusammen, die halb Grimlock und halb Troll zu sein schien: Sie war blind und gesichtslos und ihr massiger, unförmiger Körper war von grünlichem Schleim überzogen.
„Meister“, waren ihre letzten Worte und sie hob mit einer kraftlosen Geste die Hand.
Grimwardt folgte der Geste des Halbtrolls mit den Augen und sprach ein Gebet. Der magische Blick, den Tempus ihm gewährte, enthüllte die kämpfenden Gestalten von Winter und dem Drow, deren wildes Zauberduell den Himmel in ein farbenprächtiges Kunstwerk aus Strahlenfächern und Energiebällen verwandelt hatte. Graum Auzkovyn trug sein Haar kurz geschoren und sein Gesicht war zur Hälfte von einer bunten Maske verdeckt - das Erkennungsmerkmal der Anhänger Vhelrauns. Seine Roben waren an einer Seite völlig verkohlt und enthüllten Brandblasen, die sich über seine ganze rechte Körperhälfte zogen. Winter dagegen schien den Kampf weitgehend unbeschadet überstanden zu haben. Strähnen ihres Feuerhaars umtanzten ihr Gesicht und ihre grünen Augen glänzten vor Erregung. Freudige Erregung, wie Grimwardt erstaunt feststellte: Sie genoss diesen Kampf. Und zum ersten Mal sah er seine Schwester so wie ihre Gegner sie sehen mussten: als eine der mächtigsten Zauberinnen Faerûns, gefährlich und von tödlicher Schönheit.
Graum zischte wütend, als er erkannte, dass er im Begriff war, den Kampf zu verlieren, und schleuderte einen schwarzen Strahl auf seine Gegnerin. Doch der Zauber prallte an Winters unsichtbarem Schutzschild ab und wurde auf den Drow zurück geworfen. Die Wucht seines eigenen Geschosses sandte Graum schleudernd durch die Luft und er schlug ächzend in Grimwardts Reichweite auf dem Boden auf.
„Nicht!“, rief der Priester, als Winter zu einer weiteren Formel ansetzte, um ihm den Rest zu geben. „Er gehört mir.“
Wortlos näherte sich Grimwardt seinem Erzfeind und wuchtete seinen Schild einen Finger breit vor Graums Nasenspitze in den Boden, sodass der Drow zusammenzuckte. Dann stellte er seinen Fuß auf die Brust des Magiers.
Graum lachte ihm dreist ins Gesicht.
„Erbärmlich!“, spuckte er, während ihm Blutschaum aus dem Mund quoll. „Du hast deine Leute in der Abtei im Stich gelassen und nun schickst du deine kleine Schwester, um mich zu besiegen. Sassoon! Licht über dich, Grimwardt Fedaykin!“
„Ich denke, damit kann ich leben“, erwiderte Grimwardt trocken.
Dann hob er seine Axt und enthauptete den Mann, der Priestergeneral Eldan Ambrose und Dutzende Tempuskrieger auf dem Gewissen hatte. Endlich, nach vierundzwanzig Jahren, erfüllte er das Versprechen, das er Ambrose bei seinem Tod gegeben hatte: Eldan war gerächt und die Gefahr fürs erste gebannt. Ohne Graum Auzkovyn war die Allianz der Drow-Clans hinfällig. Es mochte Jahre, vielleicht Jahrzehnte dauern, bis sie wieder einen Anführer fanden, der genug Ansehen genoss, um die zerstrittenen Familien zu einen. Langsam begriff Grimwardt, was das bedeutete, und ein Gefühl reinen Glücks durchströmte ihn: Er war von Tempus gesegnet! Denn alles, was er erreichte, war am Ende das Werk des Feindhammers. Nur für einen Augenblick schloss er die Augen und ließ das Gefühl zu. Dann wisperte er ein kaum hörbares Dankgebet und wandte sich an Borgo und die Hand von Rekruten, die sich um ihn geschart hatten.
„Waffenmeister“, sagte er schroff.
„Ja, Herr?“
„Begrabt unsere Toten. Wir wollen für sie beten. Und dann reiten wir los und erobern die Abtei zurück.“

Faust
Er sieht die Klinge auf sich zukommen und weiß, dass er dem Schlag nicht ausweichen kann. Seine Glieder sind schwer wie Blei und sein Schwert zittert in seiner Hand. Als die schwarze Seelentrinkerklinge in sein Fleisch schneidet, spürt er wieder diesen benebelnden Schmerz, als ob etwas alle Kraft und allen Mut aus ihm saugt. Ihm wird schwarz vor Augen und er sinkt in die Dunkelheit. Er weiß, wenn er ihr nachgibt, ist das sein Ende. Und er will nicht sterben! Zu viel, was er noch nicht erlebt hat, zu viel, was er der Welt noch zu geben hat. Wie ein Ertrinkender klammert er sich an diesen Gedanken und kämpft gegen die Wogen der Finsternis. Endlich, mit ungeheurer Anstrengung, gelingt er ihm die Augen zu öffnen. Das Sonnenlicht, das durch die Baumwipfel fällt, empfängt ihn mit gleißender Schärfe und mit seinem Bewusstsein kehrt auch der Schmerz wieder zurück.
Als das blendende Weiß sich aus seinem Sichtfeld zurückzieht, erblickt er seinen Gegner, der, auf sein Schwert gestützt, an seiner Seite kniet. Thallastam hat noch nicht bemerkt, dass er wieder bei Bewusstsein ist, denn er hat die Augen geschlossen und hält den Kopf gesenkt.
Er betet für mich, fährt es Faust durch den Kopf.
Der Gedanke entfacht den schwelenden Zorn in ihm von neuem. Er betet für ihn, weil er glaubt, dass seine Seele verloren ist. Wie die seines Vaters. Mit dem Streit um seinen Vater hat alles begonnen. Faust weiß, dass sein Meister lügt. Wie könnte seine Mutter ihn belogen haben? Wie könnten all ihre Geschichten eine Farce sein? Der Mann aus ihren Geschichten hätte niemals seine Freunde verraten und einen Pakt mit der Hölle geschlossen wie der Waldelf behauptet. Auch wenn Faust diesem Mann nie begegnet ist, weiß er, dass sie ihm niemals ein Lügenmärchen aufgetischt hätte. Der Gedanke an die Verleumdung seines Vaters durch dessen alten Freund treibt ihm Tränen der Wut in die Augen und seine Hand verkrampft sich um den Knauf seines Schwertes.
Dann versinkt die Welt in Rot.
Als seine Sinne zu ihm zurückkehren, kniet Faust schwer atmend im Gras. Klebriges Blut tropft von seinem Gesicht und der Rüstung auf die enthauptete Leiche des Waldelfen. Er blinzelt verwirrt und starrt in die aufgerissenen Augen seines Meisters. Für einen Augenblick weigert er sich zu begreifen, was geschehen ist. Dann überrollt es ihn mit unbarmherziger Härte. Keuchend springt er auf und taumelt zurück. Ein eigenartiger, panischer Laut dringt aus seiner Kehle, halb Schrei, halb hysterisches Lachen. Doch er kann nicht die Stimme seines Gewissens übertönen.
Du hast einen wehrlosen Mann getötet.


Faust schnappte keuchend nach Luft. Mius Hand auf seiner Stirn fühlte sich an wie glühende Kohlen und ein höllisches Brennen durchfuhr ihn, als seine verkohlte Haut zu regenerieren begann.
„Danke“, brachte er schließlich ächzend hervor und setzte sich auf. „Wo… hast du gesteckt?“
Miu ergriff seinen Arm und er spürte ihre Beunruhigung. Alarmiert folgte er ihrem Blick nach Westen… und erblickte den Höllenschlundteufel, der im rasenden Flug auf sie zuhielt. Offenbar hatte er Faust für tot gehalten und seinen Fehler bemerkt. Ein Feuerball formte sich zwischen seinen Klauen.
„Lauf, Miu!“, rief Faust und stieß sie beiseite. Dann stolperte er auf die Beine und sprach einen Flugzauber. Der Feuerball raste an Faust vorbei auf Miu zu, doch die flinke Karaturianerin ging rechtzeitig hinter einer Straßenecke in Deckung.
„Zäher Bursche, wie?“, lachte der Höllenschlundteufel, während sie beiden Gegner aufeinander zu schossen. „Ist fast schade um dich!“
Faust reagierte einen Augenblick früher als sein Gegner. Zwiespalt erstrahlte in allen Regenbogenfarben, als die Henkersklinge das Herz des Teufels durchstieß. Der Tod kam so überraschend für seinen Gegner, dass sein Körper noch ein paar Mal mit den Flügeln zuckte, ehe er zu stürzen begann. Faust schloss für einen Moment die Augen. Dann glitt er ihm erschöpft nach und die verlorene Erinnerung echote in seinen Gedanken.
Du hast einen wehrlosen Mann getötet.
Sein Gegner war besiegt, aber noch nicht tot. Bereits im Sturz hatten die ersten Wunden begonnen sich zu schließen. Faust war froh darüber. Nicht dass er eine Rechtfertigung gebraucht hätte, um auf irgendetwas einzudreschen.... Es verringerte nicht die Last der Schuld, aber die bleierne Erschöpfung, die die körperliche Anstrengung mit sich brachte, benebelte seine Sinne. Alles wirkte gedämpft hinter dem Schleier aus Blut und Schweiß, der sich vor seine Augen legte. In diesem Moment war es nicht die Reue, die ihn zu überwältigen drohte, sondern die Erkenntnis, dass Thallastam die Wahrheit gesagt haben könnte. Hatte sein Vater, der vor ihm den Titel des Faust getragen hatte, tatsächlich seine Seele verkauft, um die Macht eines Teufels zu erlangen? War es das, was Zwiespalt ihm durch diesen Kampf hatte mitteilen wollen? Er hatte immer angenommen, sein Vater habe das Krummschwert um seinetwegen zurück gelassen. War es umgekehrt gewesen? Hatte die Chaosklinge ihren Träger verstoßen, weil er seinen Idealen den Rücken gekehrt hatte? Doch weshalb? Was war mit ihm passiert? War er noch am Leben? Mit schmerzlicher Bitterkeit wurde Faust bewusst, dass womöglich der einzige, der ihm seine Fragen beantworten konnte, nicht mehr am Leben war.
„Faust!“
Der Ruf zwang ihn innezuhalten. Es war Tyrael. Miu musste seine Wunden geheilt haben. Mit angewiderter Miene stieg der Elf über das Ergebnis von Fausts Hackwut. Dann zog er sein Schwert, murmelte etwas in seiner Muttersprache und ein kleines Irrlicht sauste in Spiralen um die Klinge des Bastardschwerts. Nachdem das geisterhafte Licht die Klinge umspielt hatte, hob Tyrael das Schwert und enthauptete den Teufel (oder was noch von ihm übrig war) mit seiner verzauberten Klinge. Augenblicklich löste sich der Höllenschlundteufel in Luft auf: Die Hölle hatte zurückgefördert, was ihr gehörte.
„Danke“, keuchte Faust.
Tyrael hob langsam den Kopf und sein Blick aus kalten grauen Augen triefte vor Verachtung.
„Ich habe nicht vergessen, was du getan hast“, zischte er.
„Es… tut mir leid“, sagte Faust mit ehrlicher Reue und machte einen Schritt auf Tyrael zu. Der Elf wich vor ihm zurück wie vor einer giftigen Viper und ein unheilvolles Funkeln streifte seine Augen. Das war purer Hass, erkannte Faust. Er hielt inne. Tyrael hatte ihn nie leiden können, aber sein Maß an Verachtung war nie über das hinausgegangen, was der arrogante Elf der gesamten Menschheit entgegen brachte. Dann begriff er: Er hatte einen Elfen umgebracht – etwas, das Tyrael ihm niemals vergeben würde.
„Ich habe einen Racheschwur gegen dich geleistet“, sagte Tyrael leise und die Spitze seines Schwertes zeigte auf Fausts Brust.
„Nicht jetzt“, murmelte Faust erschöpft.
„Nein, nicht jetzt“, erwiderte der Elf mit einem verächtlichen Blick auf Fausts Wunden. „Aber ich werde dich finden und wenn wir uns das nächste Mal sehen, wird einer von uns sterben.“
Mit diesen Worten wandte er sich um und ließ Faust stehen. Der Kämpfer schloss ergeben die Augen und ließ sich mit dem Rücken gegen eine Gebäudewand sinken. Gerade als er im Begriff war einzunicken, spürte er Mius Hand auf seiner Schulter. Er blickte auf. Sie lächelte und es tat gut ihr Lächeln zu sehen nach allem, was passiert war. Dann legte sie eine Hand an ihr Ohr und sah Faust erwartungsvoll an. Er runzelte die Stirn. Dann begriff er: Der Kampfeslärm hatte aufgehört. Die Schlacht war zu Ende und Myth Drannor war gerettet.
Faust und Miu brachen auf, um in Erfahrung zu bringen, wie es den anderen ergangen war. Auf dem Weg durch die Stadt schlossen sie sich einem Strom von Elfenkämpfern an, die es zum Hochpalast zog. Hier hatte sich ein Großteil der Überlebenden um den Vorplatz geschart und zu ihrer Freude erkannten Faust und Miu viele bekannte Gesichter: Kalith, Nimoroth, Razeema und der Halbork Grax hatten die Kämpfe überstanden. Auch Winter war dort und berichtete, dass es Grimwardt gut ginge. Schließlich trat Hauptmann Fflar Melruth vor die Menge, um offiziell den Ausgang der Schlacht zu verkünden: Die Kastellanin von Zhentil-Feste, die Anführerin der Allianz, war besiegt und ihre Truppen zurückgeschlagen. Die Rettung des magischen Gewebes war der Simbul und dem Erzmagier Elminster vom Schattental zu verdanken. Auch die antimagische Zone über Cormyr war verschwunden. Nur den magischen Knoten unter der Wüste von Anauroch hatten die beiden Auserwählten Mystras nicht retten können. Trotzdem waren es allem in allem gute Nachrichten, die der Hauptmann zu verkünden hatte, und die Versammelten brachen in Jubelstürme aus. Faust, der sich von der Hochstimmung anstecken ließ, drückte übermütig der nächststehende Elfe einen Kuss auf die Lippen. Dann wirbelte er eine überrumpelte Miu durch die Luft und trug sie im Triumphzug durch die Stadt. Schon nach wenigen Straßenblocks hatte sich eine Schar von Bewunderern um sie geschart und als sie in Whispers Braustube ankamen, wusste bereits die halbe Stadt von den Heldentaten der Gefährten und von Fausts Kampf gegen Drizzt Do’Urden.

Winter
Am Abend in der Abtei des Schwertes.
Als Grimwardt und Borgo nach einem siebenstündigen Ritt durch das Tor der Abtei ritten, fanden sie den Innenhof mit Leichen übersät vor. Die verkohlten und vertrockneten Körper der Drowkämpfer trugen Winters Handschrift. Grimwardts Schwester trat kurz darauf aus dem Hauptgebäude. Fröstelnd verschränkte sie die Arme vor der Brust.
Nach der Schlacht vor den Toren Myth Drannors hatte sie Grimwardt angeboten, ihn in die Abtei zu teleportieren, doch er hatte abgelehnt. Winter kannte seine Gründe: Die Abtei war Grimwardts Verantwortungsbereich und er empfand es als seine priesterliche Pflicht sie Kraft seiner eigenen Hände aus der Gewalt der Besetzer zurückzuerobern. Doch Winter gab einen Dreck auf Grimwardts priesterliches Ehrgefühl, wenn sein Leben auf dem Spiel stand. Wer wusste schon, was in der Abtei auf ihn wartete: Sie war nicht gewillt, ihn seiner Sturheit willen an die Schergen des Drowmagiers zu verlieren. Aus diesem Grund war sie auf eigene Faust ins Schlachtental aufgebrochen. Faust und Miu hatten sie begleitet. Doch Winter hatte die zwei Dutzend Bogenschützen und Schwertkämpfer, die der Clanführer zur Verteidigung der Abtei zurückgelassen hatte, fast im Alleingang besiegt. Ein Verdorren-Zauber hatte die Hälfte von ihnen dahin gerafft, noch ehe sie ihren Gefährten auch nur das Tor geöffnet hatte. Winter hatte sich ganz dem Pulsieren der Magie in ihrem Körper hingegeben. Unsichtbar hatte sie aus der Luft beobachtet, wie ihre Feinde in Panik vor dem versteckten Angreifer flohen und das Grauen auf ihren Gesichtern hatte sie auf morbide Weise fasziniert. Der Rausch und das Entzücken waren ein neues, aufregendes Gefühl. Früher hatte sie den Kampf allenfalls als lästiges Übel betrachtet und ihre magischen Kräfte als Überlebensmittel. Heute war ihr zum ersten Mal bewusst geworden, dass es auf ganz Faerûn vielleicht gerade mal ein Duzend Zauberwirker gab, die es mit ihr aufnehmen konnten. Es war ein erhebendes Gefühl. Doch es hatte einen seltsamen Beigeschmack. War das wirklich sie, deren Augen beim Gedanken an diese Macht zu glänzen begannen?
„Winter“, knurrte Grimwardt, als sie den beiden Reitern entgegen trat, und die Zornesader auf seiner Stirn trat pochend hervor. „Hab ich mich nicht klar und deutlich ausgedrückt, als ich sagte, du sollst in Myth Drannor auf mich warten?“
„Ich habe traurige Neuigkeiten.“ Winter hielt es für besser, seine Rüge zu ignorieren. „Jareth ist tot. Die Drow haben ihn gefoltert, um zu erfahren, wo du steckst.“
Das Auffinden des verstümmelten Leichnams hatte Winters Euphorie einen schweren Dämpfer verpasst. Grimwardt und sein Erster Schwertbruder waren seit ihrer Novizenzeit Freunde gewesen und in all der Zeit hatte Winter mit Jareth nie mehr als ein paar höfliche Worte gewechselt. Und dennoch war er ein Teil ihres Lebens – ein Teil der Abtei – gewesen. Wie oft hatte sie Grims Schimpftiraden über Jareths Hitzköpfigkeit gelauscht. Oder Jareth dabei beobachtet, wie er einen ungehorsamen Rekruten zusammenstauchte.
Grimwardt nahm seinen Helm ab und senkte den Kopf.
„Führ mich zu ihm.“
Winter führte ihren Bruder und den Zwerg in den Kerker. Auch Engart, der Rekrut, der den Drow als Informant gedient hatte, war tot – wahrscheinlich verdurstet. Doch da er aus Grimwardts Sicht ehrlos gestorben war und kein priesterliches Begräbnis verdient hatte, verbrannten sie ihn mit den anderen Leichen. Jareth dagegen unterzog Grimwardt einer heiligen Waschung, ehe er ihm seine Rüstung anlegte und ihn im großen Gebetssarg aufbahrte. Als sich Grimwardt und Borgo zur rituellen Totenwache an sein Totenbett knieten, verließ Winter unauffällig die Halle. Tempus war nicht ihr Gott und Jareths Tod hatte sie daran erinnert, dass sie noch ein Versprechen einzulösen hatte.
Winter reiste nach Silbrigmond und steuerte das Haus der Dantés’ an. Scarlet, die mit Marlas Katzen auf der Eingangstreppe spielte, grüßte ihre Mutter verhalten. Erst als Winter ihr versichert hatte, dass es auch ihren Freunden gut ginge, zeichnete sich ein angedeutetes Lächeln auf ihrem Kindergesicht ab. Mit ihrer Tochter und ihren Schwiegereltern teleportierte Winter in den Hochwald an Doriens Grab wie sie es ihnen bei ihrem letzten Treffen versprochen hatte. Seine Mutter hatte Lilien mitgebracht, die sie über dem kleinen Hügelgrab verstreute und sein Vater kniete im stillen Gebet am Fuß des Grabes.
Winter war fast ein wenig erstaunt, als sie feststellte, dass ihr Schmerz an diesem Ort unvermindert war. Und erleichtert. So vieles hatte sich verändert, dass alles, was sie an ihr früheres Leben band, ihr kostbar erschien.
Plötzlich spürte sie Scarlets Hand, die nach ihrer tastete. Schüchtern und ein wenig reumütig sah sie mit Doriens Augen zu ihr auf. Winter ergriff ihre Hand. Dann lächelte sie, während ihr stille Tränen über das Gesicht rannen.


« Letzte Änderung: 30. November 2010, 00:47:12 von Niobe »

Nightmoon

  • Mitglied
    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #108 am: 10. Mai 2010, 17:35:40 »
Sehr sehr geil!
Wenn ich ehrlich bin, für mich das bisher Beste Kapitel überhaupt und ein geiles Finale. Hast die Innenwelt der Charaktere echt toll erzählt! ...freu mich schon aufs nächste Mal zocken!  :wink:

Winter

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #109 am: 10. Mai 2010, 19:02:45 »
Boah...Gänsehaut!!!

Wirklich, ich hatte fast durchgehend eine Gänsehaut beim Lesen. Fast schon unheimlich, wie du die Gefühlswelt unserer Charaktere da erfasst.

Ich kann so langsam verstehen, was z. B. Harry-Potter-Fans dazu bewegt hat, nachts stundenlang Schlange vorm Buchladen zu stehen, um den nächsten Band als erste in die Hand zu bekommen.

Niobe

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #110 am: 10. Mai 2010, 19:22:56 »

:oops:
Schön, dass ihr das so seht. Hin und wieder bin ich mir nicht sicher, ob ich nicht vielleicht zu viel in eine Spielsituation hinein interpretiere... oder eure Figuren was sagen/denken lasse, das aus eurer Sicht out of character ist.
Und jep, das war der krönende Abschluss. Viel mehr Synonyme für hacken und stoßen wären mir auch nicht mehr eingefallen :P

Nightmoon

  • Mitglied
    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #111 am: 21. Mai 2010, 14:46:16 »
hm... wann wohl die nächste Staffel kommt... aber die Dreharbeiten laufen ja auch noch  :D

Winter

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #112 am: 21. Mai 2010, 15:26:55 »
Es gibt Gerüchte um einen Autorenstreik! Wegen zu umfangreicher anderweitiger Verpflichtungen. ;-)

Nightmoon

  • Mitglied
    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #113 am: 21. Mai 2010, 15:52:58 »
Ja, das ist auch Mist... die armen Autoren bekommen ja quasi nichts für all die Arbeit...

Niobe

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #114 am: 24. Mai 2010, 07:56:45 »
DRITTES BUCH: QUELL DER SEELEN


Prolog


Drake
Tiefwasser, Schwertküste, zwanzigster Tag der Flammleite, 1382 TZ.
Der Gestank nach Sommerregen, Fisch und Unrat hing schwer in der Luft, als Drake an diesem Abend an den Quais entlang schritt. Ratten huschten durch die Schlammrillen, die Pferdekutschen im aufgeweichten Boden hinterlassen hatten, und aus schmuddeligen Hafenspelunken drang grobschlächtiges Gelächter. Es war eines jener Viertel, wo Huren an jeder Straßenecke lungerten und Bestechungsgelder den Stellenwert von Trinkgeld hatten. Drake verabscheute Orte wie diesen und die Erinnerungen, die sie weckten. Er war schon seit Jahren nicht mehr hier gewesen. Der Albino hatte es längst nicht mehr nötig, seine Kundschaft an Orten zu suchen, die förmlich nach Verbrechen stanken.
Er betrat eine Taverne, nannte dem Wirt seinen Namen und warf ihm ein paar Münzen zu für zwei Becher Wein und das Vorrecht, eine der Sitznischen zu beziehen, die durch Vorhänge vom Schankraum getrennt waren. Wer sich hierher verzog, der war entweder auf zwielichtige Geschäfte oder ein Stelldichein mit einer der Bordsteinschwalben aus. Drake jedoch begehrte weder das eine noch das andere.
Seit zwei Tagen war er bereits in der Stadt. Seine Anwesenheit in Tiefwasser konnte seinem alten Lehrmeister nicht entgangen sein. Wenn er ihn warten ließ, dann vermutlich, weil er ihm Gleichgültigkeit vorgaukeln oder seine Überlegenheit demonstrieren wollte. Sicher, Drake hätte ihn überraschen können. Er kannte seine Verstecke in der Stadt. Doch warum ihn brüskieren, wenn er derjenige war, der hier als Bittsteller auftrat? Er hasste diese Rolle und den Preis, den sein Meister für seine Hilfe verlangen würde. Doch all seine Nachforschungen waren im Sand verlaufen. Tiefwasser war seine letzte Chance, herauszufinden, wo Feyleen steckte.
Er musste etwa zwei Stunden warten, ehe der schmuddelige Samtvorhang beiseite geschoben wurde und eine vermummte Gestalt auf die Sitzbank ihm gegenüber glitt. Sein Meister nahm den Hut ab und fuhr sich flüchtig mit der regenfeuchten Hand durch das kurz geschorene Haar. Als Vermächtnis einer schicksalhaften Begegnung hatte sein Gesicht eine ungesund graue Färbung zurückbehalten. Dafür hatte die Veränderung die Zeichen der Zeit aufgehalten: Sein stoppeliger Dreitagebart mochte an den Schläfen etwas ergraut sein, doch um die kalten hellen Augen war kein Fältchen zu sehen.
„Drake“, sagte der Assassine kühl. Wie immer verlor er nicht viele Worte, sondern kam gleich auf das Wesentliche zu sprechen: „Was willst du?“
Der Albino schob ihm einen der Weinbecher entgegen und prostete ihm wortlos zu.
„Ich brauche deine Hilfe“, sagte er, obgleich er darauf wetten mochte, dass sein Meister längst über sein Anliegen informiert war. „Seit einiger Zeit werde ich von einer rachsüchtigen Dämonin verfolgt. Feyleen war ihr Name, als sie noch sterblich war. Vor zwei Jahren besiegte sie ihre Herrin, eine Erzdämonin niederen Ranges, und nennt sich seither Königin der Sukkubi. Ich habe verschiedene Magier und Dämonologen mit der Suche nach ihr beauftragt, doch bisher ohne Erfolg. Ich hatte gehofft, du könntest deine Verbindungen zum Schädelhafen spielen lassen, um mehr herauszufinden.“
„Hm“, machte sein Meister unbestimmt und führte den Becher an die Lippen, ohne jedoch davon zu trinken.
Interessant, dachte Drake. Also hielt er es nicht für ausgeschlossen, dass Drake hierher gekommen war, um ihn zu vergiften. Das war gut, denn jede Unsicherheit seines Gegenübers verschaffte ihm einen Verhandlungsvorteil.
„Und warum sollte mir daran gelegen sein, dir zur helfen?“, erkundigte sich der Assassine.
Drake ließ ein paar bedeutungsschwere Augenblicke verstreichen, ehe er ihm einen kleinen Lederbeutel über den Tisch schob: sein Angebot. Sein Meister entnahm dem Beutel eine kleine Anstecknadel mit dem Wappen der Stadt Immerlund. Das Symbol war unmissverständlich: Immerlund gehörte zu Drakes Einzugsgebiet. Die Übergabe des Wappens bedeutete, dass er ihm als Gegenleistung für seine Erkundigungen alle Kontakte und Stammkunden in der Stadt überlassen würde.
Der Assassine kniff die Augen zusammen.
„Diese Dämonin scheint dir einiges wert zu sein“, bemerkte er.
„Bei unseren letzten beiden Begegnungen habe ich je ein Körperteil verloren“, erwiderte Drake lakonisch. „Keine Tradition, die ich fortzuführen gedenke.“
Sein Meister maß ihn mit dem lauernden Blick eines Luchses. Drake wusste, er würde nicht lockerlassen ohne den Versuch ihn zu demütigen. Das war einer der Gründe, weshalb er so lange gezögert hatte, hierher zu kommen.
„Du hast keine Kosten und Mühen gespart, ein Tötungskommando zusammenzustellen“, sagte der Assassine unvermittelt. „Ein Geschwisterpaar, mit dem du schon einmal vor acht Jahren zu tun hattest, wenn ich recht informiert bin.“  
Für einen Augenblick erstarrten Drakes Gesichtszüge. Wie hatte er das so schnell herausgefunden? Die Mundwinkel seines Meisters zuckten spöttisch. Dann lehnte er sich zurück und kostete mit herablassender Lässigkeit von dem Wein.
„Und jetzt sag mir, von wem du tatsächlich besessen bist, Drake. Von dieser Sukkubus oder den Fedaykin-Geschwistern?“



Kapitel I: Die Hochzeit

Grimwardt
Fünf Tage zuvor in der Abtei des Schwertes.
Applaus brandete auf, als Faust unter Grimwardts Axthieb zu Boden ging. Miu war wie üblich gleich zur Stelle, um die Prellungen zu heilen, die die beiden Kontrahenten bei dem Turnierkampf davongetragen hatten. Das „Duell der Giganten“ am Ende eines Turniertages hatte in der Abtei des Schwertes Tradition, doch eine Schau wie diese hatte wohl keiner der Zuschauer je geboten bekommen. Nach den schweren Verlusten im Schattenkrieg und dem verheerenden Ende des letzten Festturniers hatte die Abtei gute Reklame bitterer nötig denn je. Und für die Bewohner der Talländer war der Wettkampf um die Nachfolge Jareth Burlisks eine willkommene Abwechslung nach den Monaten der Entbehrung: Die Heerscharen der Schatten-Allianz hatten von Schattental bis Myth Drannor eine Schneise der Verwüstung hinterlassen und für das gemeine Volk waren harte Zeiten angebrochen. Doch von den Sorgen und Anstrengungen der letzten Monate war an diesem Tag nichts zu spüren. Das Wettturnier war ein voller Erfolg: Miu hatte zu Mittag für ein magisches Festmahl gesorgt und die Kunde von der kostenlosen Verpflegung hatte sich so schnell herumgesprochen, dass Grimwardt ein zweites Heldenmahl hatte auftischen müssen, um dem Ansturm an hungrigen Mäulern gerecht zu werden. Die Tribünen quollen förmlich über und Waffenmeister Borgo konnte sich vor Neuanmeldungen für das nächste Ausbildungsjahr kaum retten.
„Fast wieder der Alte“, brummte der Tempuspriester und streckte Faust die Hand hin. Mit einem Grummeln ließ dieser sich aufhelfen. Faust mochte einer der beste Kämpfer sein, denen Grimwardt je begegnet war, doch in Friedenszeiten war er ein müßiger Taugenichts und einer Schande für sich und andere. Zwei Zehntage hatte er in Myth Drannor dem Wein und den Frauen gefrönt, ehe Miu ihn in ihrer Verzweiflung in die Abtei geschleift hatte. Grimwardt, der mit dem Wiederaufbau der Abtei beschäftigt war, hatte seinem unsteten Freund eine Portion Disziplin verordnet und ihn mit der Säuberung der Katakomben betraut. Die Portale im Kellerlabyrinth der Abtei, die dem Abteivorsteher schon seit Jahrzehnten zu schaffen machten, waren nicht nur Ausgangspunkt für zahlreiche Drow-Überfälle. In den letzten Jahren hatten zu Grimwardts wachsender Verärgerung auch ein Betrachter und ein illithidischer Menschenhändler die bequeme Abkürzung für sich entdeckt. Faust hatte dem regen Durchgangsbetrieb ein Ende gesetzt und nebenbei noch einen Sklaven-Umschlagsplatz im Unterreich aufgerieben. Die Arbeit hatte ihm sichtlich zugute gereicht.
Grimwardt überließ es seinem Gefährten die Menge bei Laune zu halten, während er sich eilig aus der Arena stahl. Doch er hatte die Rechnung ohne die Schar von Bewunderern gemacht, die ihm hinter der Tribüne auflauerten. Seit Grax, der Halbork-Barde, ihre Taten im Schattenkrieg in Verse gefasst hatte, waren die Gefährten von der Schwertküste bis nach Myth Drannor zu einiger Berühmtheit gelangt.
Grimmig schlug Grimwardt sich bis zum Hauptgebäude durch, wo Sir Silas auf ihn wartete. Silas, der Gewinner des heutigen Wettspektakels, würde Jareths Platz als Erster Schwertbruder einnehmen.
„Meinen Glückwunsch“, sagte der junge Paladin und verneigte sich ehrerbietig. „Ein beeindruckender Kampf und ein verdienter Sieg, mein Herr.“
„Gleichfalls“, grummelte Grimwardt und schob Sir Silas in sein Arbeitszimmer, um auch den Aufdringlichsten seiner Verfolger abzuschütteln. „Meine Zeit ist knapp bemessen, darum werde ich gleich damit beginnen, Euch in Eure Aufgaben einzuweisen.“
„Ich bitte darum.“
Grimwardt kam nicht weit mit seinen Ausführungen, denn schon nach wenigen Augenblicken klopfte es an der Tür.
„Was ist?“
„Verzeiht, Signor Generale, störe ich?“
Der Priester erkannte die gnomische Besucherin als eine der Wettkampfteilnehmerinnen. Lucia di Santa Leone war eine gnomische Maestra, eine cormyrische Hofschwertmeisterin. Auf ihrem Reittier, einem schneeweißen Leoparden, hatte die kleine Schwertkämpferin beim Lanzenstechen für Furore gesorgt und war innerhalb kürzester Zeit zum Publikumsliebling avanciert. Nun lüftete sie mit einer schwungvollen Bewegung ihr Federbarett und verneigte sich mit der Hand auf dem Herzen.
„Nur eine momento, Signore.“ Im Nu war die quirlige Gnomin im Zimmer und plapperte emsig drauflos. „Lady Lucia di Santa Leone ist mein Name. Ihr erinnert Euch? Bene. Ich wollte euch noch sagen, dass es ist eine Ehre für mich, Eure Bekanntschaft zu machen. Ich weiß, ich habe nur erreicht dritte Platz in diese Wettkampf und Sir Silas wird sein großartige Schwertbruder. Doch es wäre noch größere Ehre für mich, würdet Ihr annehmen meine Schwert und meine Dienst.“ Mit diesen Worten ging Lady Lucia vor Grimwardt in die Knie und legte ihm ihr Schwert zu Füßen. „Ich gelobe, ich will einsetzen meine ganze Kraft und Glaube für Ehre von Tempus, wenn Ihr mich nehmt in Eure Dienste, Generale.“
Erwartungsvolle Stille.
Grimwardt räusperte sich unschlüssig. Lucias Glaubenseifer und ihre Tatkraft imponierten ihm. Doch als ausgebildete Maestra würde sich die Gnomin nicht mit einem Söldnerlohn abspeisen lassen. Und eine weitere Festanstellung konnte sich die Abtei nicht leisten. Die magischen Warnvorrichtungen hatten Unsummen verschlungen und auch die Reparaturen am Außenwall waren nicht billig gewesen. Dazu kam, dass Grimwardt auf der Suche nach einem Abteimagier war, um den Gebäudekomplex dauerhaft magisch abzuriegeln. Und auch die Kosten für das „Projekt Achse des Guten“ mussten gedeckt werden: Vor zwei Monaten hatte Grimwardt mit Steinschildherrin Erdmute von Sundabar ein Abkommen geschlossen zur gegenseitigen Unterstützung im Kampf gegen die Feinde der Herzlande. Das Projekt sollte zudem einen kulturellen Austausch zwischen Schülern der Abtei und zwergischen Shieldsar-Rekruten ermöglichen. Dem Bündnisbeitritt seines elfischen Gefährten Nimoroth, der eine Mielikki-Tempelschule in Myth Drannor leitete, hatte Grimwardt zunächst skeptisch gegenüber gestanden. Nimoroths elfisches Gefasel von Gewaltverzicht und der Liebe zur Natur schien ihm kein passendes Gedankengut für ein Kriegsrekrutierungslager. Doch weil er den Waldelfen nicht kränken wollte und da er schlecht einen Rückzieher machen konnte, wo doch das Projekt offiziell der Völkerverständigung diente, hatte er Nimoroths Beitrittsgesuch letztendlich abgesegnet. Die Reisekosten für den Schüleraustausch jedoch würden zu einem Großteil auf der Abtei lasten, da die Zwergin Erdmute kaum Unterstützung von der Stadt Sundabar erhielt und Nimoroth in seiner Genügsamkeit keine Gebühren für die Ausbildung an seiner Schule erhob.
Doch abgesehen von diesen finanziellen Überlegungen wäre Lady Lucia zweifellos eine Bereicherung für die Abtei. Und das nicht nur wegen ihres Geschicks mit der Lanze. Sir Silas war gewiss ein rechtschaffener und gottesfürchtiger Mann. Doch er war ein Adliger und besaß nicht Jareths Beliebtheit beim Volk. Als Aushängeschild für die Abtei, deren Rekruten vor allem aus den unteren Ständen stammten, war er mit seiner steifen und vornehmen Art gänzlich untauglich. Die schillernde Gnomin dagegen hatte die Herzen der Taliser im Sturm erobert.
„Maestra“, entschied Grimwardt schließlich. „Die Ehre ist ganz auf meiner Seite. Ich bin sicher, dass sich für Euch ein Platz in diesen Mauern finden lässt.“ Die Frage nach ihrem Sold ließ er bewusst unerwähnt.
„Mille grazie, Signor Generale“, gnomelte die Schwertmeisterin und schwang ihren Hut.
Im selben Moment begann die Luft zu flirren und Winter materialisierte sich vor den Augen der Anwesenden.
„Grim, ich muss mit dir reden.“
Ungeniert riss Winter wie üblich das Gespräch an sich. Grimwardt schloss die Augen. Er wurde langsam zu alt für die Wutanfälle, die Winters Mangel an Beherrschtheit in ihm auslöste.
„Maestra, Sir Silas“, knirschte er. „Würdet Ihr meine Schwester und mich wohl entschuldigen.“
Winter wartete nicht einmal, bis die beiden die Tür hinter sich geschlossen hatten.
„Ich werde morgen heiraten“, eröffnete sie ihrem Bruder.
Herr, steh’ mir bei. So ein Gespräch.
„Und?“, knurrte Grimwardt. „Ist ja wohl nicht das erste Mal.“
„Siehst du, genau diese Einstellung ist der Grund, warum ich dich noch nie auf meine Hochzeit eingeladen habe!“
„Habe ich dich je darum gebeten?“
„Nein. Aber dieses Mal hätte ich dich gerne dabei. Doch ich muss sicher sein, dass du dich auch zu benehmen weißt.“
„Dass ich mich…?!“ Winters Dreistigkeit verschlug ihm wieder einmal die Sprache. „Das ist ja wohl die Höhe! Wer ist denn hier diejenige, die einen Ehemann nach dem anderen abserviert und erwartet, dass ich dieses Lotterleben auch noch gutheiße.“
„Könntest du mit dieser Meinung vielleicht morgen ausnahmsweise mal hinter dem Berg halten? Um meinetwillen?“
„Hmpf“, grummelte Grimwardt. „Solange ich keine Tischrede halten muss.“
„Danke“, seufzte Winter. „Das bedeutet mir sehr viel.“
„Wer ist denn der ‚Glückliche’?“
„Captain Joe Blackbird.“ Winter zögerte, ehe sie hinzufügte: „Ein Piratenfürst.“
Nachdem Grimwardt seinen Hustenanfall überwunden hatte, schickte er ein stummes Stoßgebet zum Himmel.

Winter
Am nächsten Tag am Hafen von Hlondeth, Vilhongriff.
„So kann sie doch nicht auf einer Hochzeit erscheinen!“
Winter fühlte sich eher als Teil einer Freakshow denn als Mittelpunkt einer Hochzeitsgesellschaft: Faust war natürlich nicht ohne sein Schwert erschienen, Grimwardt hatte es nicht einmal für nötig befunden, das eingetrocknete Blut von seiner Axt zu entfernen, Boltor stank wie üblich nach dem Inhalt seines Humpens und sie selbst steckte in einem grässlichen Monster von Kleid, dessen verwaschenes Gelborange sich mit ihrem roten Haar biss, weil Joe darauf bestanden hatte, dass sie zur Trauung das Hochzeitskleid seiner Großmutter trug. Die Krönung aber bildete Miu, die in ihren uralten Lumpen zum Treffpunkt an den Quais erschienen war. In ihrer Not versuchte Winter zu retten, was zu retten war, und türmte in aller Eile ihren langweiligen Dutt zu einer halbwegs festtagstauglichen Hochsteckfrisur auf. Die stumme Karaturianerin harrte ihrer Bemühungen mit widerwillig versteiftem Oberkörper und angespannten Kiefermuskeln.
„Warum habt ihr nichts gesagt, verflucht? Ich hätte ihr doch eines meiner Ballkleider geben können.“
„Sie nimmt keine Geschenke an“, belehrte Faust die nervöse Braut. „Genauso wenig wie Leihgaben. Sie besitzt nichts, was nicht unbedingt zum Leben notwendig ist, und würde niemals etwas behalten, das sich zu Geld machen ließe, mit dem sie arme Kinder füttern oder kranke Leute heilen könnte.“
„So ruiniert sie jedenfalls meinen Hochzeitstag!“
Die Sonne stand bereits im Zenit und die kleine Hochzeitsgesellschaft badete in der schwülen Sommerhitze im Schweiß, als am Eingang der Hafenbucht endlich die Segel der Sturmhexe aufleuchteten.
„Schnell“, rief Winter. „Ehe die Hafenwache die Flagge erkennt.“
Hastig teleportierte sie sich und ihre Gäste an Bord des Dreimasters. Die Crew hatte sich an Deck versammelt, um der Braut des Captains einen gebührenden Empfang zu bereiten, der in diesem Fall aus ein paar anstößigen „Harrrrrs“ und einigen obszönem Bemerkungen über Winters Hinterteil bestand. Was ihre unorthodoxe Interpretation des Begriffs „Festtagsgarderobe“ betraf, so stand die Mannschaft der Sturmhexe den Brautbegleitern in nichts nach: Die Seehexe Sycorax trug ein Kleid aus Fischgräten und Seetang, der alte Gunnar, Joes Erster Maat, hatte sich zur Feier des Tages ein Schlammbad gegönnt und die Werhaizwillinge Roy und Ray hatten auf jegliche Bekleidung oberhalb der Gürtellinie verzichtet, um ihre schneidigen Fischleiber besser zur Geltung zu bringen.
„Umberlee zum Gruße, ihr Landratten!“, polterte es vom Steuerdeck und Captain Joe stolzierte mit aufgeplusterter Brust auf seine Gäste zu. Lüstern packte er seine Braut bei den Pobacken, zog sie zu sich heran und erstickte ihre Begrüßung in einer feuchtnassen Kussattacke. Er schmeckte nach Fisch und Rum und etwas, über das Winter lieber nicht weiter nachdachte. „Knackig wie ein junger Krebs, meine kleine Auster.“
Mit seiner Hakenhand und der Rastamähne glich Captain Joe Blackbird der Bilderbuchversion eines Piratenfürsten. Um die Hüfte trug er ein Rapier und mehrere Dolche und sein stählerner, olivfarbener Oberkörper, der ihn zu einer durchaus ansehnlichen Erscheinung und einer halbwegs erträglichen Brautwahl machte,  war mit Tätowierungen von Schatzkarten übersät. Diese Schatzkarten waren der Grund für Winters Entscheidung, sich mit Joe zu vermählen. Die Heiratsschwindlerin glaubte nicht an Joes Beteuerungen, der ihr hatte weismachen wollen, die Karten seien nichts weiter als Fälschungen, die seine Feinde nach seinem Tod in die Irre führen sollten, damit er sich auch noch im Jenseits über sie lustig machen konnte. Sie würde schon noch herausfinden, was es tatsächlich mit den Tätowierungen auf sich hatte… und bis dahin würde sie die willige Piratenbraut mimen.
„Schatz“, schnurrte sie, während sie es sich auf dem Poller dem Steuerrad gegenüber bequem machte. „Du hast mir immer noch nicht verraten, wo unsere Hochzeit stattfinden soll.“
 „Geduld, meine kleine Auster. Wenn die Winde uns gewogen sind, sind wir in knapp fünf Stunden dort.“
Es wurde bereits dämmrig, als am Horizont eine kleine Urwaldinsel in Sicht kam. Winter stieß einen Schrei der Überraschung aus und rannte aufgeregt zur Reling: Hell erleuchtet im Schein mehrere Fackeln ragten am Strand der Insel zwei steinerne Monumente in den Himmel. Die Statuen waren in einem primitiven Stil gehalten, doch die Ähnlichkeit war unverkennbar: Sie stellten Joe und Winter dar. Zu Füßen der beiden haushohen Statuen konnte Winter eine Schar Eingeborener ausmachen, die mit Fackeln zum Strand liefen, um die Hochzeitsgäste zu begrüßen.
„Winter Blackbird“, sagte Joe feierlich. „Darf ich vorstellen? Deine Insel. Alles Gute zu unserem Hochzeitstag.“
Meine Insel?“ Winter wirbelte herum und schlug in ehrlicher Begeisterung die Hände zusammen.
„Du weißt, ich mag große Geschenke“, grinste Joe. Davon wusste Winter ein Lied zu singen. Das hier übertraf sogar den monumentalen Lustbrunnen, mit dem der Captain sie zur Verlobung überrascht hatte. „Und heute Nacht wirst du noch ein größeres zu Gesicht bekommen, hehehehe“, fügte Joe mit einem gänzlich unnötigen Augenzwinkern hinzu.
Winter lachte affektiert und versuchte den aufkeimenden Brechreiz zu unterdrücken.
Plötzlich kam Bewegung in die Hochzeitsgesellschaft.  
„Planke!“, erschallte ein Ruf vom Heck des Schiffes. Die Forderung wurde aufgenommen und wenig später brüllte die gesamte Mannschaft im Chor: „Planke! Planke! Planke!“
Winter sah Joe fragend an.
„Ein alter Piratenbrauch…“, konnte dieser noch sagen, ehe die Werhaizwillinge Roy und Ray ihn zu Boden rangen und an Hand, Haken und Füßen fesselten. Danach war Winter an der Reihe.
Wenige Minuten darauf stand das Brautpaar aneinandergefesselt auf der Schiffsplanke, während die ausgelassene Meute sie mit Säbeln und Speeren zum Springen aufforderte. Die Regeln waren einfach: Befreien und zur Insel schwimmen. Wer zurückblieb, dem verwehrte Umberlee, die Göttin der Meere, ihren ehelichen Segen.
Umberlee kann mich mal, dachte Winter im Vertrauen auf ihr magisches Amulett des Wasseratmens.

Faust
Kurz darauf.
„Das war nun wirklich nicht nötig, Miu“, sagte Faust, während er durch das seichte Küstenwasser watete und sich eine Strähne seines klatschnassen Haars aus der Stirn strich. Miu wandte sich um und zog ironisch eine Augenbraue in die Höhe.
„Schon klar, meine Aktion war genauso unnötig“, räumte er ein.
Miu, die nichts von Winters Amulett des Wasseratmens wusste, war der Gefährtin in Sorge um deren Leben hinterher gesprungen. Woraufhin Faust, der nichts von Mius mysteriösen Kräften ahnte, dieser ins kalte Nass gefolgt war. Das einzige Resultat dieser Sprungserie war, dass beide nun patschnass auf die Insel zuwateten und sich später Boltors spöttische Kommentare würden anhören müssen.
Als sie am Strand ankamen, wurden sie von einer Schar aufgeregt tuschelnder Eingeborener empfangen, die das Auftauchen der beiden Neuankömmlinge offenbar in größte Verwirrung stürzte. Schließlich trat eine kleine, alte Frau vor, deren nackter Körper mit fremdartigen Zeichen bemalt war, und es wurde still. Sie trug einen gewundenen Stab und an Ohren, Nase und Brüsten baumelten schwere Muschelgehänge.
„Wir gehören zu der Hochzeitsgesellschaft“, erklärte Faust und wies auf das Piratenschiff.
Wieder begannen die Eingeborenen zu tuscheln. Die Schamanin hob die Hände und bedeutete Faust und Miu sich niederzuknien. Um nicht unhöflich zu erscheinen, taten die beiden wie ihnen geheißen und knieten sich ins seichte Wasser. Die Eingeborene murmelte ein paar kehlige Worte in ihrer Muttersprache und verstreute ein pulvriges Gewürz aus einer Kokosschale. Dabei wog sie sich sacht hin und her und verdrehte die Augen bis nur noch das Weiße zu sehen war.
Offenbar eine Art Begrüßungsritual, dachte Faust. Dann spürte er wie ein Schatten über ihn fiel.
„Was zum…?“
Faust fuhr herum, doch da brandete die mannshohe Welle auch schon auf die beiden am Boden Kauernden nieder. Prustend tauchte er kurz darauf aus dem Wasser und wollte lauthals seinen Ärger kundtun. Doch die feierliche Stimme der Schamanin ließ ihn innehalten.
„Was das Meer hat vereint, soll der Mensch nicht trennen. So sollt Ihr sein Mann und Frau im Angesicht Umberlees.“
Faust starrte sie entgeistert an.
Oh.
Scheiße.

Zwei junge Krieger traten vor, um den beiden Frisch Vermählten Blumenkränze um den Hals zu hängen, und die Eingeborenen brachen in Jubelschreie aus. Erst jetzt bemerkte Faust Winter und Joe, die wenige Augenblicke nach ihnen am Strand eingetroffen waren. Als Winter erkannte, was geschehen war, konnte sie sich ein schadenfrohes Grinsen nicht verkneifen. Die keuche Miu dagegen schien ihre unverhoffte Vermählung nicht so locker zu nehmen. Sekundenlang stand sie wie vom Blitz getroffen da. Dann wich alles Blut aus ihren Wangen und sie floh voller Entsetzen in den Dschungel.
Faust stöhnte.
„Miu!“, rief er und rannte ihr nach.
Er fand die fromme Karaturianerin betend am Ufer eines Moors.
„Miu, nimm das doch nicht so ernst“, bat er sie. „Ich glaube nicht, dass es zählt, wenn die…  Eheleute nichts von ihrem Glück ahnen. Und selbst wenn doch, kann Grimwardt oder ein anderer Priester uns sicher wieder scheiden. Und überhaupt: Sofern… ähm… die Ehe nicht vollzogen wurde, hast du wohl kaum etwas zu befürchten, oder?“
Warum hältst du nicht einfach die Klappe?, schalt er sich noch während er sprach.
Miu sprang auf und bedeutete ihm mit einer vehementen Geste zu gehen. Noch nie hatte er seine sanftmütige Gefährtin so gebieterisch und kompromisslos erlebt. Faust hob abwehrend die Hände.
„Schon gut, ich verschwinde.“
Doch er zögerte, sie hier draußen allein zu lassen. Erst als sie ihn zum zweiten Mal zum Gehen mahnte, kehrte er widerwillig zum Strand zurück. Inzwischen war die Hochzeitsfeier in vollem Gange: Die Piraten hatten begonnen, Rumfässer aus dem Sand zu graben, während die Eingeborenen mit Buschtrommeln und einheimischen Gesängen für Stimmung sorgten.
„Na, ihr hattet es aber eilig“, empfing Captain Joe Faust mit einem obszönen Grinsen.
Großartig, dachte Faust lakonisch. Jetzt hatte er Miu auch noch in den Augen der Gesellschaft entjungfert. Langsam wurde ihm klar, weshalb sie ihn so vehement aus ihrer Nähe hatte wissen wollen. Faust fand, dass es nicht mehr schlimmer kommen konnte, und ließ sich in den Sand sinken, um sich hemmungslos zu betrinken.
Doch es kam noch schlimmer.
Das nächste, woran er sich erinnerte, war ein brennender Pfeil, der sich eine Handbreit vor seinem Gesicht in den Sand grub. Kurz darauf stand der Strand in Flammen und das entrüstete Gebrüll des Captains übertönte die panischen Rufe der Flüchtenden.
„Die klauen mein Schiff!“

« Letzte Änderung: 24. Mai 2010, 08:00:18 von Niobe »

Nightmoon

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Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #115 am: 24. Mai 2010, 17:26:51 »
Schöner neuer Einstieg! Aber da gabs auch echt einige lustige Situationen... wie die unfreiwillige Hochzeit...

Nightmoon

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    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #116 am: 11. Juni 2010, 18:24:12 »
Hach ja... ich freu mich auf nächsten Samstag!  :D

Winter

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Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #117 am: 20. Juni 2010, 13:26:58 »
Was für eine Session...von 12 Uhr Mittags bis 8 Uhr Morgens. Ich glaub 20 Stunden haben wir noch nie gespielt!
War so irre spannend, zeitweise dachte ich, wir schaffen es gar nicht (schon wieder gescheitert, wie vor 8 Jahren! das wäre eine große Schmach gewesen).
Freue mich auf neue Kapitel!

Nightmoon

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    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #118 am: 21. Juni 2010, 10:07:27 »
Oh ja! vor allem bin ich dann noch bis 18 Uhr wach gewesen... aber nu hab ich ma gut gepennt!
Oh, und ich bin auch sehr gespannt! ;)

Niobe

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Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #119 am: 23. Juni 2010, 02:36:11 »
Kapitel II: Einladung zum Maskenball

Grimwardt

Kurz darauf auf der Sturmhexe
Am Mast des Piratenschiffs hatten die Angreifer eine neue Fahne gehisst: eine schwarze Harlekinmaske. Grimwardt kannte das Symbol von einem früheren Abenteuer: Es war das Wappenzeichen der Nachtmasken, der Diebesorganisation der Stadt Westtor. Bittere Erinnerungen an Schmach und Niederlage hingen an diesem Symbol, denn es war die vampirische Führungsriege der Nachtmasken, der die Gefährten das Scheitern ihrer Mission vor acht Jahren zu verdanken hatten.
Als Grimwardt mit Winter, Faust und Joe an Bord des Schiffes teleportierte, fielen ihm als erstes die beiden massigen Gestalten ins Auge, die mit verschränkten Armen den alten Gunnar am Steuerrad zur Abfahrt drängten: Es waren Oger, doch ihre Körper waren gräulich und das ungesunde Funkeln in ihren bleichen Augen verriet ihre wahren Natur. Der Kapitän hatte seinen ersten Maat zusammen mit einer Hand voll Seeleuten zur Bewachung auf dem Schiff zurückgelassen. Diesen Umstand hatten sich die Vampire zunutze gemacht und die Wachen in ihren Zauberbann geschlagen und zu unfreiwilligen Komplizen gemacht: Willenlos lenkte der Steuermann das Schiff aus der Bucht, während die Mannschaft die Geschütze klarmachte, um die Hochzeitsgesellschaft unter Beschuss zu nehmen.
„Grim!“
Winter zwickte ihren Bruder in die Seite und wies aufgeregt nach links, wo zwei weitere Gestalten aus einer Deckluke krochen. Die kleinere der beiden war ein Knabe von zehn oder elf Jahren, der in altertümliche Gewänder aus schwerem Samt gehüllt war. Die zweite jedoch hätte Grimwardt unter tausend anderen wieder erkannt: Drake! Im Mondschein, das dem Gesicht des Albinos ein geisterhaftes Leuchten verlieh, war unverkennbar, dass sich der alte Erzfeind der Fedaykins der Liga der Blutsauger angeschlossen hatte. Doch Drake schien die Geschwister kaum zu beachten. Stattdessen wies er mit einem Zischen auf Captain Joe und rief: „Da ist der Dieb! Niemand bestiehlt die Nachtmasken, Halunke! Dafür wirst du büßen!“
Mit diesen Worten schnellte er vor und ehe einer der Gefährten reagieren konnte, war er bei dem Kapitän angelangt und würgte ihn, bis er bewusstlos in seine Arme sank. Winter, die erkannte, was Drake vorhatte, sprach hastig einen Dimensionsbann, um eine magische Flucht zu vereiteln. Beinahe zeitgleich zerfetzte Faust dem Angreifer mit seinem Schwert die Kehle. Der Vampir röchelte, ehe er sich in Nebel auflöste. Auf diesen Moment hatte Grimwardt gewartet! Mit dröhnender Stimme rief er Tempus’ Macht auf den Körperlosen herab und das Unfassbare geschah: Der wabernde Nebel zerstob in einer grün züngelnden Flamme und nicht einmal ein Staubkorn blieb von Drake übrig!
Die Vernichtung ihres langjährigen Peinigers kam so überraschend, dass niemand auf den Knaben achtete, der mit Drake gekommen war. Mit lieblicher Singstimme bannte der kleine Vampir Winters Dimensionsanker, kniete sich neben Joe und teleportierte mit ihm und den beiden Ogerwächtern vom Schiff.
„Verdammt“, fluchte Faust. Dann blickte er auf die Stelle, an der Grimwardts Zauber den Assassinen vernichtet hatte. „Und das soll der Kerl gewesen sein, der euch so viel Ärger bereitet hat?“
„Nein“, sagte Winter, deren Blick wie gebannt an der Stelle hing. „Das war nicht Drake.“
Ruckartig hob sie den Kopf und sah Grimwardt an. Er nickte unmerklich: Sie hatte Recht. Er hatte sie nicht einmal angesehen. Keine Verspottungen, kein Versuch sie zu erpressen. Außerdem war Drake ein Einzelgänger. Unwahrscheinlich, dass er sich mit den Nachtmasken zusammengetan hatte. Ein düsterer Verdacht beschlich Grimwardt.
„Wenn es nicht dieser Drake war, wer war es dann?“, fragte Faust.
„Und was wollte er von deinem Ehemann?“, lenkte Grimwardt das Gespräch in eine andere Richtung, denn er hatte beschlossen, seine Vermutung für sich zu behalten, bis er sich seiner Sache sicher war.
„Wenn ich das wüsste“, murmelte Winter. „Offenbar hat Joe mir einiges verschwiegen.“
„Wie zum Beispiel, dass er eine offene Rechnung mit den Nachtmasken hat?“
„Also?“, fragte Faust. „Willst du ihn retten oder überlässt du ihn den Blutsaugern?“
„Nicht bevor ich weiß, was es mit diesen Tätowierungen auf sich hat… und mit Drake“, erwiderte Winter. Dann seufzte sie und blickte in die Runde. „Bereit für ein neues Abenteuer?“

Winter
Kurz darauf in den Katakomben der Hafenstadt Westtor, See des Sternregens.
Das ist die unromantischste Hochzeit, die ich in siebzehn Jahren erlebt habe, dachte Winter ernüchtert, während sie Grimwardt, Faust und Miu durch Schlick und Unrat der Kanalisation von Westtor hinterher stapfte. Nun, immerhin würde so Generationen von Blackbird-Bräuten dieses grässliche Monster von Hochzeitskleid erspart bleiben!
Der Ortungszauber, mit dem sie Joe aufgespürt hatte, hatte sie geradewegs in diese ungastliche Umgebung geführt. Immer tiefer hinein ins Tunnellabyrinth führte sie der Zauber und immer höher stieg das Abwasser, bis es Winter bis zur Taille reichte. Schließlich erblickten die Gefährten Licht am Ende eines Ganges und kamen in einen größeren Stauraum. Ein vergitterter Abfluss an der Ostseite des Raumes spülte die Abwässer in die Bucht von Westtor. Der Ortungszauber jedoch führte die Gefährten durch eine kleine Tunnelöffnung an der Nordseite des Raumes. Als sich süßlicher Verwesungsgeruch zu dem Kanalisationsgestank gesellte, wussten sie, dass sie auf der rechten Fährte waren. Und dann hörten sie die Schreie. Schreie, die nicht menschlich klangen und Winter das Blut in den Adern gefrieren ließen. Und dazwischen – wie bitterer Hohn – der sanfte Klang einer Laute und die glockenhelle Stimme des Vampirknaben, dessen lieblicher Singsang von den Tunnelwänden widerhallte: „Sag uns, wo du unsere Ware versteckt hast, Pirat, und dein Leiden hat ein Ende. Nur ein Wort und meine Melodie singt dich in den Schlaf.“
Keine Zeit mehr für Heimlichkeit! Die Gefährten stürmten los… und platzten unverhofft in einen von Fackeln und Kandelabern schwach erhellten Raum. Für einen Augenblick erhaschte Winter einen Blick in den Raum… und in die perfide Seele eines kindlichen Monsters: Der Junge saß mit lässig unterschlagenen Beinen auf einem steinernen Sarg und zupfte mit verzücktem Gesichtsausdruck die Saiten seiner Laute, wobei die teuflische Magie seines Spiels den Piraten zum Tanzen zwang. Joes Oberkörper war mit eisernen Stacheldrähten umwickelt, die ihm bei jeder Bewegung ins Fleisch schnitten und ihn vor Schmerz wimmern und brüllen ließen. Das Blut, das aus seinen Wunden trat, entlockte dem Jungen entzückte Seufzer und es bestand kein Zweifel daran, was mit Joe passieren würde, wenn der Vampir erst hatte, was er wollte. Dann plötzlich ein dissonanter Akkord: Der Knabe hatte die Eindringlinge erspäht. Ein Zucken durchlief seine Züge und verzerrte das engelhafte Kindergesicht zu einer grässlichen Fratze, während ein unterschwelliges Knurren aus seinen halb geöffneten Lippen drang. Dann ein Fauchen und ein Sprung und der kleine Vampir kauerte spinnengleich an der Decke des Raums.
Winter unterdrückte ein Schaudern.
„Tote Kinder machen sich in keiner Biographie besonders gut“, murmelte Faust und zog sein Schwert. „Aber ich glaube, für ihn könnte ich eine Ausnahme machen.“
Grimwardt brummte etwas, das nach Zustimmung klang. Doch ehe sie sich um den Vampirknaben kümmern konnten, wurde ihnen der Weg von den massigen Körpern der beiden Ogerwächter versperrt, die versteckt hinter dem Eingang gelauert haben mussten. Während auf der Schwelle zum Folterraum der Kampf losbrach, ersann Winter einen Plan, um Joe aus den Fängen des Sängerknaben zu befreien. Eilig sprach sie einen Zauber, der sie vor den Eisenstacheln schützen sollte, ehe sie mit einem weiteren Zaubertrick ihren Standort mit dem des Piraten tauschte. Im nächsten Moment spürte sie, wie die Eisendrähte in ihren Oberkörper schnitten, doch die Stacheln konnten ihr nichts anhaben. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie eine weitere Gestalt, die aus dem Schatten auf sie zuschnellte. Drake! Eine weitere Vampirausgabe des Albinos hielt fauchend auf sie zu. Keine Zeit darüber nachzudenken, was das zu bedeuten hatte! Eilig befreite sich Winter von den Eisendrähten, doch auch dem Vampirknaben war ihre Befreiungsaktion nicht entgangen. Zornig über den Verlust seiner Beute stieß er ein markerschütterndes Kreischen aus, das ein schrilles Fiepen in Winters Ohren hinterließ. Blut strömte ihr aus Ohren und Nase. Ein Blick in Richtung ihrer Gefährten sagte ihr, dass es um sie kaum besser stand: Fausts frustriertes Fluchen kommentierte seine vergeblichen Versuche den Wall der Wächter zu durchbrechen, deren Kombination aus purer Muskelkraft und vampirischer Flinkheit ihm zu schaffen machte. Und auch gegen Grimwardts priesterliche Macht schienen diese Gegner immun zu sein.
Das hat keinen Sinn, erkannte Winter. Sie waren zu unvorbereitet für diesen Kampf, hatten ihre Gegner und deren Vorteil durch die vertraute Umgebung unterschätzt. Sie hatten Joe, das sollte ihnen fürs erste genügen! Da das schrille Fiepen ihr Hörvermögen einschränkte, sprach Winter einen stummen Dimensionszauber, um sich zu ihren Freunden zu teleportieren, und einen weiteren, um aus den Katakomben zu fliehen.
Es war bereits ihre zweite Niederlage gegen die Vampire von Westtor.

Grimwardt    
Wenig später im Speisesaal der Abtei des Schwertes.
„Hast du mir vielleicht etwas zu beichten?“, schalt Winter ihren Bräutigam mit verschränkten Armen und schulmeisterlichem Blick. Mius heilende Berührung hatte neben Joes Fleischwunden auch seine Trunkenheit beseitigt und er schien nicht sonderlich erfreut über diesen Zustand absoluter Nüchternheit. Mürrisch ritzte er, zu Grimwardts wachsendem Missfallen, mit seiner Hakenhand Kerben in den Speisetisch und warf düstere Blicke in seinen Wasserbecher.
„Ich muss zu meiner Crew zurück“, murmelte er. „Bring mich zurück auf die Insel.“
„Sie hat dir deinen verdammten Arsch gerettet!“, knurrte Faust. „Und dir fällt nichts Besseres ein, als Forderungen zu stellen!“
„Kümmere dich um deinen eigenen Dreck, Mann“, fauchte der Pirat. Doch er schien einzusehen, dass Faust Recht hatte. „Erinnerst du dich an meinen Junggesellenabschied vor fünf Tagen?“, wandte er sich widerwillig an seine Braut.
„Eure Sauftour durch halb Turmish?“
„Waren das meine Worte? Dann habe ich möglicherweise vergessen zu erwähnen, dass ich mit der Crew noch mal aufs Meer raus gefahren bin…. Ein Handelsschiff aus Westtor.“
„Du hast ein Schiff gekapert?! Joe, wir hatten uns auf Halbe-Halbe geeinigt!“
Grimwardt quittierte die Enthüllung seiner Schwester mit einem tadelnden Räuspern. Er hatte es seit langem aufgegeben, Winter auf den Pfad der Tugend zurückführen zu wollen, aber dass sie in seiner Gegenwart so ganz ungeniert über ihre Verfehlungen zu sprechen wagte, das grenzte an Respektlosigkeit.
„War keine große Sache, bloß ein paar Kunstgegenstände“, behauptete der Pirat. „Aber dann fanden wir in einigen Weinfässern Schmugglerware. Drogen, ziemlich harter Stoff: Traumstaub, Teufelskraut und so ein rotes Zeug. Ich hatte keinen blassen Schimmer, dass die Nachtmasken da ihre Finger im Spiel hatten, sonst hätte ich das Zeug nie angerührt.“
Winter sah ihn scharf an.
„Und du hieltst es nicht für nötig, mich von eurer nächtlichen Aktion in Kenntnis zu setzen? Was hast du mir noch alles verschwiegen? Fangen wir doch mal bei deinen Tätowierungen an! Was zeigen diese Schatzkarten wirklich?“
Der Kapitän grinste schief durch eine Zahnlücke
„Ah, darum hast du mich also geheiratet, hehe.“
„Und du?“, konterte Winter. „Warum hast du mich geheiratet?“
„Vielleicht weil es nur einen Weg gibt, wie du es herausfinden kannst“, erwiderte er mit einem anzüglichen Grinsen. „Unsere Hochzeitsnacht ist noch nicht vorüber, meine kleine Auster.“
Winter kehrte ihm schnaubend den Rücken zu.
„Bin ich eigentlich der einzige, der sich wundert, wie Schneeweißchen in die Katakomben kam, nachdem wir ihn auf dem Schiff kalt gemacht hatten“, warf Faust ein.
Drake! Über all den Humbug von gekaperten Schiffen und mysteriösen Schatzkarten hätte Grimwardt die Begegnung mit dem Assassinen beinahe vergessen. Das Auftauchen des zweiten Vampirs hatte seine Vermutung bestätigt: Die Vergangenheit hatte sie eingeholt. 
„Es sind Klone“, erklärte er ruhig. 
Winter wandte sich ruckartig zu ihm um.
„Du meinst…?“
Er nickte.
Dann begann er zu erzählen: Vor acht Jahren hatte die Abenteuergruppe, der Winter und er damals angehörten, nach einem Ort gesucht, der sich die Bastion der ungeborenen Seelen nannte: ein Quell der Seelenenergie, in dem die Seelen der Sterblichen heranreiften. Seit fast 1500 Jahren wurde dieser Ort von einem mächtigen roten Drachen heimgesucht, Ashardalon, der sich vor dem sicheren Tod in die Bastion geflüchtet hatte und sich seither von den ungeborenen Seelen ernährte, um dem Tod zu entfliehen. Seinetwegen geschah es immer wieder, dass auf der ganzen Welt Kinder ohne Seelen geboren wurden. Ashardalons Bezwinger von einst, Gen Soleilon, war ein Held von Westtor und ein Vorfahre Drakes. Von Elminster von Schattental hatten die  Gefährten erfahren, dass es nicht möglich sei, Ashardalon aus der Bastion zu vertreiben ohne die Hilfe des letzten Nachfahren des Soleilon. Dies war der Grund, weshalb sie mit Drake zusammengearbeitet hatten. Doch sie waren nicht die einzigen, die nach der Bastion gesucht hatten. Zu Anfang ihrer Mission war Drake von einer Marilith angegriffen worden, die ihm eine Hand abschnitt.
„Wir vermuteten damals, dass sie seine Hand brauchte, um einen Klon des letzten Nachfahren zu erschaffen“, schloss Grimwardt seinen Bericht.
„… und das ist ihr nun gelungen“, vollendete Faust die Geschichte.
„Ihr oder dem, für den sie arbeitet“, warf Winter ein. „Wir haben nie herausgefunden, in wessen Namen sie handelte, doch die Vampirklone deuten auf die Nachtmasken hin.“
„Und ihr glaubt, dieser Seelenquell ist erneut in Gefahr?“
„Eher noch immer“, murmelte Grimwardt. Er hatte die Schmach der Niederlage, die sie in den Vampirkrypten von Westtor ereilt hatte, wo sie nach einem Zugang zur Bastion gesucht hatten, nie ganz verdauen können. Bot sich ihnen hier etwa eine Chance, zu Ende zu bringen, was sie vor acht Jahren begonnen hatten?
„Wir sollten dem auf den Grund gehen“, entschied er. „Doch zuerst sollten wir eine Nacht darüber schlafen. Vampire jagt man am besten bei Tageslicht.“
Als sich die Gefährten und Joe am nächsten Tag zum Frühstück erneut im Speisesaal der Abtei einfanden, trat Sir Silas mit einem versiegelten Brief an Grimwardt heran.
„Herr, dies fand ich heute morgen vor der Tür zu meinem Schlafgemach.“
Als er das Siegel erkannte, sog Grimwardt scharf die Luft ein: eine schwarze Harlekinmaske!
„Haben die Wachen heute Nacht irgendetwas bemerkt?“, fragte er alarmiert. „Hinweise auf einen Eindringling? Merkwürdige Bewegungen? Nebel?“
„Nein, Herr.“
Grimwardt runzelte die Stirn. Er untersuchte den Briefumschlag nach Kontaktgift. Als er keines fand, brach er das Siegel. Die Botschaft war mit roter Tinte geschrieben – Blut: Als ob sie noch Zweifel daran bestünde, von wem die Nachricht stammte!
Winter Fedaykin-Dantés, Grimwardt Fedaykin, Desmond MacLancastor, Miu Kimura“, las Grimwardt vor und wurde gleich von Winter unterbrochen.
„Desmond MacLancastor?“ Sie sah Faust amüsiert an.
„Woher kennen die Hurensöhne meinen richtigen Namen?“, knurrte der Kämpfer. „Scheint als hätte unser kleiner Sängerknabe viele Talente.“
MacLancastor…Das klingt ziemlich hochtrabend.“
„Warum steht mein Name nicht in dem Brief?“, erkundigte sich derweil der egozentrische Piratenfürst. 
„RUHE!“, rief Grimwardt die anderen zur Ordnung. „Wollen wir uns über Namen streiten oder soll ich weiter lesen?“
Stille.
Ihr seid aufs Herzlichste eingeladen zum Maskenball im Stadtpalais der Urdo-Familie, Marktdreieck, Westtor, zur zwölften Stunde des Zwanzigsten Tages der Flammleite. Diese Einladung wird Euch Einlass gewähren. P.S.: Möge uns ein gemeinsamer Feind zusammenführen.
„Das ist heute“, erkannte Winter. „Heute um Mitternacht.“
„Eine Falle?“, fragte Faust.
„Zweifelsohne“, erklärte Grimwardt.
„Aber auch ein Anhaltspunkt, um an die Nachtmasken heranzukommen“, erklärte Winter. „Wir sollten mehr über diese Urdo-Familie herausfinden.“
Faust sah in die Runde.
„Auf nach Westtor?“, fragte er.
„Auf nach Westtor!“, bestätigten die anderen.

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