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Autor Thema: Stadt der gläsernen Gesänge  (Gelesen 39588 mal)

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Nightmoon

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    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #315 am: 03. Januar 2013, 13:50:28 »
Oh ja, das stimmt!  :D

Niobe

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Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #316 am: 03. Januar 2013, 13:55:52 »
Ja, der hat mir auch viel Freude bereitet...

@Nappo:
Bitte und gleichfalls :-)

Nightmoon

  • Mitglied
    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #317 am: 05. Februar 2013, 01:06:16 »
Schade, dass wir jetzt vermutlich erst mal ein Weilchen bis zum nächsten Mal Spielen warten müssen, aber vielleicht geht dafür mit dem Fortlauf der Geschichte noch was?  :)

Niobe

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #318 am: 05. Februar 2013, 20:19:36 »
Puh, das könnte noch etwas dauern, meine Schreibzeit ist derzeit auf um die 3 Stunden Zugfahrt pro Tag reduziert. Je nach Neuigierigkeitsgrad des Bankpartners weniger  :suspious:

Nightmoon

  • Mitglied
    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #319 am: 05. Februar 2013, 20:26:22 »
Tja, in der Bahn ohne Buch ist ja auch langweilig, da bietet sich das Mitlesen an  :wink:

Niobe

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #320 am: 31. März 2013, 19:50:55 »
Kapitel II: Blut ist dicker als…

Faust
Er erwachte vom dumpf-düsteren Klang einer Trommel. Es war eiskalt und roch nach verbranntem Fleisch – vermutlich seinem eigenen –, doch er spürte keinen Schmerz. Seine Lider waren schwer wie Blei und als es ihm endlich gelang sie zu heben, war da nichts als Nebel; dann das eitrige Grinsen des Elfenmagiers, der ihm den Kiefer auseinanderbog, um ein dickflüssiges Gebräu seine Kehle hinunter zu zwingen. Faust stieß ein unartikuliertes Knurren aus und würgte das Zeug wieder aus. Sein Blick harrte für einen Moment auf der Hand des Fremden – oder besser gesagt, der schwarzen, mit Narben übersäten Klaue, die aus seinem Armstumpf wuchs. Dann sank er zurück in die Bewusstlosigkeit.
Als er die Augen zum zweiten Mal öffnete, klärte sich sein Blick. Undeutlich nahm er wahr, dass er mit dicken Eisenketten an einen Holzpfahl gefesselt war. Sieben weitere Pfähle mit angeketteten Opfern ragten rechts und links von ihm in kreisförmiger Anordnung aus dem Boden. Hinter jedem der Pfähle harrte ein verhüllter Kuttenträger. Sie hielten Fackeln in den Händen und der Lichtschein erhellte acht schmale Elfengesichter mit pechschwarzen, blicklosen Augen. In Trance summten sie zum Takt, den der Trommler vorgab. Dessen Gestalt lag im Schatten, doch Faust erkannte wage den Umriss einer geflügelten Kreatur. Ein neunter Kuttenträger ging reihum und schnitt den Opfern die Kehlen durch. Niemand schrie oder wehrte sich, während der Kehlenschneider sein blutiges Werk verrichtete – die Gefangenen hingen, betäubt vom Gift des Magiers, in tiefer Bewusstlosigkeit in ihren Ketten. Da die Pfähle leicht schräg in den Boden gerammt waren, ergoss sich das Blut der Getöteten in ein ringförmiges Wasserbecken, das einen Beschwörungskreis mit blasphemischen Symbolen umfloss. In der Mitte des Kreises harrte der Elfenmagier mit der schwarzen Klaue. Konzentriert zuckten seine Augen hinter den geschlossenen Lidern und Schauer durchliefen seinen dahinsiechenden Körper, während seine Lippen beschwörende Worte formten. Fausts Blick jedoch war auf seine entblößte Brust fixiert. Schweißglänzend prangte dort das Symbol einer schwarzen Hand. Mephistopheles‘ Zeichen.
Wer war der Kerl? Ein irrer Kultist, der seinen Herrn wiederauferstehen lassen wollte? 
Da ihm niemand besondere Aufmerksamkeit zu schenken schien, spannte Faust probeweise seine Muskeln. Die Ketten hielten stand – vermutlich waren es magische Ketten, sonst hätte Faust sie mit seiner Eisenhand mit Leichtigkeit gesprengt –, doch das Klirren entlockte der Gefangenen neben ihm ein heiseres Stöhnen. Unruhig ruckte sie im Schlaf den Kopf in seine Richtung, sodass er ihr Gesicht sehen konnte. Der Schreck fuhr ihm wie Eiswasser in die Glieder.
„Claire?!“
Mit klopfendem Herzen sah er sich nach dem Henker um. Noch zwei Opfer, ehe er seine Schwester erreichen würde. Seine Gedanken rasten. Warum Claire? Warum seine Schwester? War das alles eine großangelegte Racheaktion an ihrem Vater? Waren sie hier, um für Ares‘ Verrat an Mephisto zu büßen? Wage erinnerte er sich an etwas, das er einmal gelesen hatte – Teufel beschwor man, indem man sie bei ihrem wahren Namen rief. Und es hieß, dass der wahre Name eines Wesens in dessen Blut geschrieben stand. Vielleicht ging es hier um mehr als Rache. Wenn das Ritual nur ihr Blut erforderte, konnte er vielleicht mit dem Magier verhandeln…
In diesem Moment trat der Henker hinter Claire und das veränderte Licht enthüllte kantig-elfische Gesichtszüge und graue, unerbittliche Augen. Faust erstarrte – und fragte sich gleichzeitig, warum er das nicht hatte kommen sehen.
„Tyrail.“ Seine Stimme klang brüchig, denn im Grunde wusste er, dass er von dem Elfen keine Gnade zu erwarten hatte. Er hatte dafür gesorgt, dass man ihn aus der Gemeinschaft der Elfen verstieß – nach Tyrails eigenen Maßstäben war das schlimmer als der Tod. Dennoch flehte er: „Tu es nicht… Bitte.“
Tyrail sah ihn nicht einmal an, als er seiner bewusstlosen Schwester den Zeremoniendolch an die Kehle setzte. Sein Blick war starr auf die Gestalt im Zentrum des Beschwörungskreises gerichtet. Es war nicht der fanatische Blick eines Anhängers oder der triumphierende Blick eines Rächers – eher der leere Blick eines Toten.
Mit kalten, mechanischen Bewegungen stieß er zu.
Für einen Augenblick wurde alles taub und still um Faust, so als hätte er sich in eine fremde Zeitstarre geflüchtet. Erst als er den kühlen Stahl des Zeremoniendolches an seiner eigenen Kehle spürte, erkannte er, dass die Zeit um ihn herum weiterlief. Plötzlich begriff er, wer der dahinsiechende Elfenmagier mit der schwarzen Klauenhand war. Und es weckte in ihm eine unbekannte, stille, eisige Art von Zorn.
 
Winter
Hullack-Wald, Grenzgebiet zwischen Cormyr und den Talländern, später Abend.
Grübelnd biss sich Winter auf die Lippen und stemmte frustriert die Hände in die Hüften, während sie den Steinkreis ihrem magischen Blick unterzog.
„Nichts!“, sagte sie gereizt. „Dieser ganze Ort schreit nach einem Portal! Aber ich sehe es einfach nicht!“
„War ein ziemlich harter Tag für uns alle.“ Drake lehnte sich gähnend gegen einen der Findelsteine – seltene, mannshohe Gesteinsbrocken, die nach oben spitz zuliefen. „Lass uns für heute Feierabend machen.“
Winter warf ihm einen verstohlenen Blick zu. Drake machte nicht gerade einen Hehl daraus, dass sich seine Motivation Faust zu finden auf seine Vereinbarung mit Szass Tam beschränkte, und wer wusste, welche Hintergedanken er darüber hinaus noch hegte. Aber der Exorzismus hatte ein schmerzliches Loch in ihren Seelenvorrat gerissen, das ihr schmähliches Mahl in Rashemen schwerlich decken konnte. Da käme ihr ein Besuch auf dem Henkersplatz von Atkatla gerade recht. Bei diesem Gedanken sah sie unwillkürlich zu Grimwardt hinüber, der so grimmig und starr zwischen den Findelsteinen harrte, als sei er Teil des Steinkreises. Und da war schon wieder dieser Priesterblick! Als ob er genau wusste, woran sie gerade dachte! Sie hätte vor Frustration aufheulen mögen.
„Nein“, meldete sich unerwartet Miu zu Wort. „Wir müssen Faust finden. Er hat nicht mehr viel Zeit.“
Auch ohne ihren Schwur ergriff die Ordensschwester fast niemals das Wort. Ihre schlichten Worte waren darum alarmierender als es Fausts Name, mit Blut auf einen der Steine geschmiert, hätte sein können.
Resolut wandte Winter ihrem Bruder und seinem stummen Urteil den Rücken zu und fokussierte ihren arkanen Blick. Die acht Findelsteine standen wie Wächter im Kreis um eine sprudelnde Quelle. Einst war dies ein Ort der Freundschaft gewesen, wo sich menschliche Druiden mit Elfen eines befreundeten Adelshauses  getroffen hatten. Doch als die Eldreth Veluuthra in dem Elfenclan an Macht gewannen, hatten sie die Quelle entweiht. Einige der Steine waren umgestoßen, auf anderen standen in altelfischen Runen Veluuthra-Parolen wie „Das siegreiche Schwert des Volkes wird über euch kommen“ und „Reinigt Myth Drannor“.
Die Schmierverse deuteten darauf hin, dass Szass Tams Vermutung stimmte: Nachdem Grimwardt zähneknirschend einem Kriegspakt gegen Netheril zugestimmt hatte, hatte der Zulkir ihnen bei der Suche nach Faust geholfen: Mithilfe seines berühmt-berüchtigten Spionagenetz hatte er nach einer Verbindung zwischen Mephisto und den Eldreth Veluuthra gesucht und herausgefunden, dass im Hullack-Wald, einer der Hochburgen der Abtrünnigen, vor einigen Tagen ein Menschendorf überfallen worden war, dessen Bewohner davon berichteten, dass Veluuthra-Attentäter unter der Führung „einer Elfenfrau mit Teufelsflügeln“ sechs Männer und Frauen entführt hätten. Eine alte Druidin aus dem Dorf, die sich noch an die alten Zeiten erinnerte, hatte von dem Steinkreis zu erzählen gewusst, der für die Eldreth Veluuthra zum Symbol ihres Widerstands geworden war. Sie vermutete, dass die Abtrünnigen hier ein Versteck unterhielten. Winter tippte auf ein Portal, weil sie glaubte, dass der Seelenkeim Faust auf einer anderen Ebene gefangen hielt, da er sich sonst gewiss schon gemeldet hätte.
Und dann endlich spürte sie es: Die schimmernde Aura des Portalbogens, der sich über zwei der Findelsteine spannte, hatte sich ihrem Blick entzogen, weil mächtige Bannmagie ihn verhüllte. Doch kaum war der Bann gebrochen, malte ihr Zauber ihr ein verschwommenes Bild dessen, was sich auf der anderen Seite befand.
Winter schauderte.
„Folgt mir“, sagte sie angespannt.
Dann flüsterte sie einen Bannzauber, um den Schutzmechanismus zu unterdrücken, der das Portal mit einem Losungswort belegte, deckte sich und die anderen mit genug Schutzzaubern ein, um für alles gewappnet zu sein, was sie auf der anderen Seite erwarten mochte, und trat zwischen den beiden Steinen hindurch.
Die klirrende Kälte, die sie empfing, weckte dunkle Erinnerungen. Besonders Miu wurde aschfahl, als ihr Blick den schneebedeckten Hügel hinaufwanderte, auf dem ein Eispalast thronte, der erschreckende Ähnlichkeit mit Mephistos Herrschersitz in Cania hatte. Doch betrachtete man den Palast genau, so verschwammen Teile des Anwesens vor den Augen und entpuppten sich als Illusion. Dies war nicht Cania – das neue Cania, das Cania des Schwarzen Phönix, hätten sie vermutlich gar nicht wiedererkannt. Dies war Mephistos kläglicher Versuch, sein Cania wiederauferstehen zu lassen.
Ein Pfeil traf Winter an der Schulter und prallte von ihrem magischen Schutzschild ab. Im nächsten Moment surrte eine ganze Pfeilsalve wie ein Schwarm wütender Hornissen auf sie zu, doch kein einziges Geschoss überwand ihren Schutz. Winter schnaubte abfällig. Mephistopheles musste wissen, dass ein Trupp elfischer Bogenschützen sie nicht aufhalten würde, doch offenbar hatte der gestürzte Erzteufel nicht die nötigen Ressourcen, um ihnen einen ebenbürtigen Gegner entgegenzustellen – ein gutes Zeichen. Winter schloss die Augen und tastete sich mit ihrem Geist vor, bis sie glaubte, alle Angreifer lokalisiert zu haben. Dann schlug sie zu – ein Verdorren-Zauber erledigte das lästige Schützenproblem. 
Kurz darauf standen sie in der Eingangshalle des Anwesens.
Schwacher Feuerschein drang durch die eisglatte Bodenplatte aus den Tiefen des falschen Palasts, doch die einzige Treppe, die Winter erblickte, führte in die oberen Geschosse. Gedämpft klangen Kampfgeräusche und der dumpfe Klang einer Zeremonientrommel durch die Eisschicht. 
„Er ist dort unten“, flüsterte Miu mit bebenden Lippen.
Winter brannte mit einem Auflösungsstrahl ein Loch in den eisigen Boden. Die Platte war kaum in die Tiefe gestürzt, als Grimwardt luftwandelnd an ihr vorbei stürmte. Mitten im Lauf stockte er. Nach einem hastig gemurmelten Flugzauber war Winter an seiner Seite – und erstarrte.
Den verbitterten Kampf zwischen dem Seelenkeim und Ares, dem Schwarzen Phönix, der in der Höhle unter ihr wütete, nahm sie nur am Rande wahr. Was ihren Blick bannte, war die leblose Gestalt, die in schweren Eisenketten an einem Holzpfahl über einem Becken aus Blut hing. Fausts linke Körperhälfte war schwarz verbrannt und aus dem klaffenden Schlitz in seiner Kehle tropfte ein letzter, klebriger Blutstropfen in das Opferbecken, wo er sich mit dem Blut der anderen sieben Opfer vermischte. Hinter ihm harrte Tyrail – sein Arm, der den Zeremoniendolch hielt, war bis zum Ellbogen mit Fausts Blut besudelt. Winter schüttelte verwirrt den Kopf.
Faust kann nicht sterben.
Sie wusste nicht, weshalb sie sich dessen so sicher gewesen war. Vielleicht weil Faust nicht alterte, seit er angefangen hatte, mit dem Zeitstrom zu experimentieren. Oder weil sie niemanden kannte, der sein Leben so kompromisslos lebte wie er – als ob ihm nichts etwas anhaben konnte. Aber nicht einmal Faust konnte eine bis zum Halswirbel aufgeschlitzte – nein, eher aufgefetzte -  Kehle überleben. Sie schluckte den Schrei hinunter, der ihre Kehle hinaufkroch, und zog sich tief in den Seelenschatten zurück. Dann zwang sie sich, den Schmerz, der in ihr aufwallte, in ihre Magie zu lenken.
Mephisto war geschwächt. Seine Höllenfeuermagie hatte den Körper seines Wirts fast aufgezehrt und nur die magischen Gesänge der Veluuthra, die im Kreis um den Beschwörungszirkel harrten, schienen den Leib des Elfen davor zu bewahren, an der Hitze der Teufelsseele, die in ihm tobte, zu verglühen. Als Winters Schattenwelle auf ihn zu brandete, hüllte er sich und Ares in einen Dimensionsmantel und die beiden Teufel verschwanden. Alle anderen, die Winters Zauber erreichte, brachen unter blutigen Schweißausbrüchen zusammen. Nur zwei der Kultisten überlebten ihren Zorn: Der eine war Tyrail, den irgendetwas gegen ihre Magie zu schützen schien; die zweite war die Trommlerin, die Winter als Mephistos Kurtisane Antilia erkannte. Schwerverletzt rappelte sich die Halbteufel-Elfe auf und ehe Winters eilig gezielte Energiekugel sie erreichte, entkam sie durch ein verborgenes Portal.
Elendes Miststück.
Winters ganzer Zorn richtete sich nun gegen Fausts Mörder, den Grimwardt und Drake in die Zange genommen und mit einer antimagischen Zone belegt hatten. Blut quoll zwischen Tyrails Fingern hervor, wo Drake ihn an der Kehle erwischt hatte, und einer von Grimwardts göttlich beseelten Axthieben zwang ihn taumelnd in die Knie. Tyrail war ein toter Mann, doch er schien entschlossen, wenigstens einen seiner menschlichen Angreifer mit ins Grab zu reißen. Aber plötzlich weiteten sich seine Augen wie im Schock und er erstarrte mitten im Kampf. Scheppernd glitt ihm das Schwert aus dem starren Fingern und seine Lippen formten ein stummes „Nein“.  Grimwardt und Drake hätten ihm mit einem einzigen Hieb den Rest geben können, doch etwas ließ auch sie zögern.
Winter folgte ihren Blicken und wäre fast aus dem Gleichgewicht geraten und abgestürzt.
 „Faust!“
Unter Mius heilenden Händen regte sich Leben hinter seinen geschlossenen Augen. Langsam hob er den Kopf und ein heiseres Stöhnen drang aus seiner zerfetzten Kehle. Sofort war Winter bei ihm, um einen Eisenwacht-Zauber zu flüstern, der die Eisenketten von ihm abgleiten ließ, und ihn in den Armen zu halten, während er langsam zu regenerieren begann.
Faust schien von weit herzukommen, als er endlich die Augen öffnete. Seine Augen hellten sich auf, als er Winter erblickte, doch das Licht erlosch gleich wieder, als sein Blick auf die Tote neben ihm fiel.
„Ist das…?!“
Sie verstummte, als Faust sich wankend aufrichtete und auf Tyrail zutrat. So düster und blutverschmiert bot er einen fürchterlichen Anblick.
Der Elf sah aus, als sei er plötzlich um hundert Jahre gealtert.
„Das kann nicht sein“, bröckelte es über seine Lippen. „Wieso… brennst du nicht in den Tiefen der Hölle?“

Faust
Gute Frage.
Er war tot gewesen, oder etwa nicht? Er hatte am Styx gestanden, dem Fluss der Seelen, der die Toten ihrem Schicksal zuführte. Die Erinnerung drohte ihm bereits zu entgleiten, aber er hielt sie fest, denn dort hatte er seine  Schwester zum letzten Mal gesehen. Kurz bevor sie in die Barke gestiegen war, die sie ans andere Ufer, in die Stadt der Seelen, bringen sollte, hatte sie sich lächelnd zu ihm umgewandt – ein wenig ängstlich, aber abenteuerlustig, wie früher, wenn sie ihren Halbbrüdern gemeinsam Pferdeäpfel unters Kopfkissen gelegt hatten. Es war dieses Grinsen, mit dem er sie in Erinnerung behalten wollte – nicht das blutige Grinsen, das Tyrail in ihre Kehle geschlitzt hatte.
Natürlich war keine Barke für ihn gekommen. Stattdessen hatte er den Sog des Styx gespürt, der ihn immer stärker in seinen Bann geschlagen hatte – wie diese Gnomensteine, die Metalle wie magisch anzogen. Zunächst hatte er ihm nachgegeben, wie ein willenloses Stück Metall. Doch ein Teil von ihm vergaß auch im Tod nicht, dass der Styx keine Gnade mit einem gottlosen Höllengeweihten kennen würde. Mit der Erkenntnis war die Angst zurückgekehrt – und der Widerstand. Er war auf die Knie gefallen und hatte die Finger in den Boden gekrallt, um dem Drang zu widerstehen, sich in die Fluten zu stürzen; hatte sich an den Körper geklammert, der mit aufgeschlitzter Kehle irgendwo in einer eisigen Höhle lag…
„Reine Willenskraft“, murmelte er auf Tyrails Frage.
„Dann ist es also wahr“, sagte dieser, plötzlich untypisch ruhig und gefasst. „Du bist unzerstörbar.“
„Eher nicht besonders scharf darauf, meinen Seelenpakt zehn Jahre zu früh zu erfüllen“, brummte Faust. Dann wurde er schlagartig ernst. „Warum hast du es getan?“
„Warum?!“ Ein schauderhaftes Zucken durchlief die Züge des Elfen. „Das fragst du?“
„Warum Mephisto? Unsere Fehde war immer eine Sache zwischen dir und mir. Und daran hast du dich gehalten. Warum hast du die Spielegeln geändert?“
„Die hast du geändert, als du mich den Ark-Velahr in Myth Drannor ausgeliefert hast. Für meine Veluuthra-Brüder bin ich ebenso ein dhaerow wie für alle anderen Elfen. Sie verachten mich. Glaubst du, ich wollte das hier? Zusehen, wie diese Abscheulichkeit und seine Hexe sie durch dunkle Magie und falsche Versprechungen zu seelenlosen Hüllen und Teufelsmätzen machen?! Aber Hass ist wie ein Geschwür. Ich konnte es nicht länger ertragen, dass du…“ Er brach ab und schüttelte jäh den Kopf. „Was ist meine Seele noch wert, nun, da du mich aus Arvandor verbannt hast? Mein Preis war Mephistos Hilfe. Die Explosion in der Kapelle sollte alle vernichten, die dir etwas bedeuten. Deine rothaarige Freundin, ihren Bruder, die Neun Schwerter… Deine Schwester war nicht meine Idee – ihr standet euch nie besonders nahe. Mephisto brauchte euer Blut, um den Schwarzen Phönix zu beschwören.“
Faust musterte ihn voller Abscheu. Stahl klirrte, als Grimwardt auf ihn zutrat, um ihm sein Schwert Zwiespalt zu überreichen. Als sich ihre Blicke trafen, schenkte der Freund ihm ein kurzes Nicken: Meinen Segen hast du. Die Klinge blitzte blutdurstig, doch Faust schüttelte den Kopf.
Zu gut für seinen Kopf.
Tyrail hielt noch einen Augenblick seinem Blick stand. Dann sank er schweigend, mit gesenktem Kopf, vor ihm auf die Knie und lieferte sich seinem Urteil aus. Die Demut der Geste erstaunte Faust ein wenig, doch sein Maß an Mitleid für Tyrail war restlos aufgebraucht.
„Fahr zur Hölle“, sagte er leise.
Nicht einmal Miu protestierte, als sich seine Eisenfaust um Tyrails Kehle legte. Tyrails panischer Gesichtsausdruck, als sein Gesicht sich zu verfärben begann, verschaffte ihm keine Genugtuung. Den kalten Zorn, der wie Wundbrand an ihm nagte, heilte es nicht. Hass ist wie ein Geschwür, hatte Tyrail gesagt und vielleicht verstand er ihn jetzt zum ersten Mal. Aber sein Hass galt nicht dem Elfen. Er galt dem Monstrum, das Tyrail endgültig verdorben hatte. Das seine Schwester seinen düsteren Racheplänen geopfert hatte. Das den Ehrgeiz seines Vaters ausgenutzt hatte, um ihn zu vergiften. Das Miu die Unschuld geraubt hatte. Das die Schuld an Winters Seelenleiden trug. Und das er heute fast um zwei Seelen reicher gemacht hätte.
„Faust, ich glaube, du kannst ihn jetzt loslassen“, bemerkte Winter zaghaft.
Mit einem Ruck entließ er Tyrails schlaffen Körper aus seinem Griff und wandte sich ab, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen. Schweigend befreite er seine Schwester von ihren Fesseln und barg ihren Körper in einem Umhang, den Winter ihm reichte.
„Lasst uns nachsehen, wo dieser Dreckskerl meine Klamotten versteckt hat, und dann nichts wie weg hier.“

Grimwardt
Kurz darauf.
„Nicht… bitte“, flehte die Elfe, als Miu auf sie zutrat, und kauerte sich tiefer in ihre Zelle. Die Bewegung trieb die Pfeilspitze, die nur knapp ihr Herz verfehlt hatte, noch tiefer in ihre Brust. Mius sanfte Worte halfen nichts – die junge Frau schien mehr Angst vor ihren Befreiern zu haben als vor dem Pfeil in ihrer Brust. Die Gefährten hatten sie auf der Suche nach Fausts Habseligkeiten in einem Gefängnistrakt im oberen Stockwerk aufgelesen. Sie schien die einzige Überlebende zu sein – zwei weitere Elfenmädchen lagen tot in den Zellen.  Offenbar hatte Mephistos Kurtisane es beim Aufräumen ein wenig eilig gehabt.
Hilfesuchend wandte sich Miu zu ihren Gefährten um.
 „Wir wollen dir nur helfen“, versuchte Winter es in gebrochenem Elfisch, das in den Ohren der Kleinen furchtbar hart klingen musste. „Sag uns, was mit dir passiert ist.“
„Vergiss es“, meinte Grimwardt, der mit verschränkten Armen ein wenig abseits stand. Er hielt sich bewusst von der verängstigten Elfe fern, denn sie hatte diesen gehetzten Ausdruck in den Augen, den er hin und wieder bei Frauen auf dem Schlachtfeld gesehen hatte, die nach dem Kampf der Gier der Eroberer ausgeliefert gewesen waren. „Wenn sie bei den Eldreth Veluuthra aufgewachsen ist, hält sie dich wahrscheinlich für den Teufel in Person.“
„Dann eben anders“, murmelte Winter und setzte zu einer magischen Formel an.
Grob fing er ihren Arm ab.
„Das wirst du mir schön bleiben lassen.“
„Was schlägst du vor? Sollen wir diesem dummen Ding gut zureden, bis Mephisto mit der Verstärkung anrückt?!“
„Ich werde jedenfalls nicht zulassen, dass du mit deiner Schwarzen Magie ihren Geist vergiftest!“
„Meiner Schwarzen Mag…!“
Frustriert rollte sie die Augen und verfiel in gekränktes Schweigen. Grimwardt beobachtete seine Schwester mit misstrauisch zusammengekniffenen Augen. Er kannte diesen verbissenen Gesichtsausdruck. Er wusste, sie konnte Magie wirken, ohne sich etwas anmerken zu lassen, aber sie würde doch nicht…?
„Als Antilia in unser Dorf kam, versprach sie uns, dass wir der Großen Sache dienen würden“, setzte plötzlich die Elfe in ihrer Muttersprache und mit furchtbebender Stimme an. „Sie brachte uns hierher und sperrte uns hier ein – nur die Frauen. Sie sagte, ihr Herr brauche einen Wirt, der stark genug für seinen Seelenkeim sei. Dann beschwor sie Teufel und ließ sie auf uns los. Als sie vorhin zurückkam, war sie sehr in Eile. Sie nahm nur die von uns mit, die bereits… einen Teufelssamen in sich trugen, alle anderen...“
Als Grimwardt ihre geweiteten Pupillen bemerkte, wurde irgendwo in ihm ein Hebel umgelegt. Seine Hand fuhr wie von selbst an den Griff seiner Axt, während er zu Winter herumwirbelte. Mit der Wucht eines Henkersbeils sauste Ambrosia auf den dickköpfigen Schädel seiner Schwester zu… und hätte ihn wohl gespalten, wäre das Axtblatt nicht wie körperlos durch sie hindurch geglitten. 
Erschüttert starrte Winter ihn an.
Eisenwacht“, murmelte sie fast entschuldigend.
„Bist du von Sinnen?!“, kam es dagegen von Faust, der, die Hände voll der Sachen, die ihm bei seiner Gefangennahme abgenommen worden waren, aus der Waffenkammer trat. Scheppernd fielen die Sachen zu Boden, als er sich vor Winter drängte und Grimwardt von ihr fortstieß. 
„Tempus hat mich zu Seinem Sprachrohr ernannt, zu Seinem Streiter auf Erden, und sie verstößt gegen alle kosmischen Prinzipien!“, donnerte Grimwardt. „Was hast du erwartet, bei den Kratern von Kriegersruh!“
„Du bist ihr Bruder! Sei froh, dass du noch eine Schwester hast! Blut ist dicker als…“
„Als WAS? Als mein Glaube? Niemals! Und ihr Blut ist nicht länger das meine! Es stinkt nach Schwefel und Finsternis! Das ist nicht meine Schwester! Das ist irgendein Monster, das dein Vater geschaffen hat!“ Szass Tam hatte einige brisante Details zu diesem Thema zu erzählen gewusst.
Finster traktierten sie sich mit Blicken, die Hände am Knauf ihrer Waffen.
„Äh, ich will eure hitzige Aussprache ja nicht stören“, bemerkte Drake in die spannungsgeladene Stille hinein. „Aber könntet ihr sie wohl an einem Ort austragen, wo Pestbeule nicht jeden Moment mit seiner Höllenhorde auftauchen kann?“
Niemand schien Notiz von ihm zu nehmen.
„Manchmal ist es nötig, das Böse zuzulassen, um noch Schlimmeres zu verhindern, Grim“, sagte Faust.
„Und was verhindert sie, das schlimmer ist?“, schnaubte der Kriegspriester. „Was habt ihr in den letzten Jahren getan, das einem anderen Zweck diente als eurem eigenen! Plünderkreuzzüge, Wein und Hurereien – nichts davon rechtfertigt irgendwas!“
„Ach jetzt hör schon auf!“, begehrte Faust auf, doch dann besann er sich. „Naja, gut, vielleicht hast du nicht ganz unrecht. Vielleicht sollten wir das Schicksal öfter herausfordern, statt zu warten, bis es an der Tür klopft.“
Grimwardt schüttelte energisch den Kopf.
„Ist dir nie in den Sinn gekommen, dass Winter eine größere Gefahr ist als irgendein Schattenfürst mit imperialistischen Kriegsplänen? Inwiefern ist sie besser als ein paktierender Teufel? Sie zerstört nicht nur Leben, sie zerstört Seelen, herrgott nochmal!“
„Hades hat heute bewiesen, dass sich diese Seelen befreien lassen. Irgendwann, unter besseren Umständen, werden wir das Ritual wiederholen und…“
„Nur die, von denen noch etwas übrig ist! Die sie noch nicht mit ihrer Magie verzehrt hat! Und sie wird immer stärker. Selbst wenn du recht hast! Selbst wenn sie irgendein großes Unheil verhindert, wer verhindert danach sie? Würdest du sie töten, wenn kein anderer mehr dazu in der Lage ist?!“
„Wenn es keine andere Wahl gibt, ja, verdammt nochmal!“, schleuderte ihm Faust wütend entgegen.
Stille.
„Das wird nicht nötig sein.“ Winter hatte so still und starr im Hintergrund geharrt, dass Grimwardt und Faust sie fast vergessen hätten. Als sie nun vortrat, war sie leichenblass und ihre Entschlossenheit verlieh ihr eine düstere Würde. „Vorher bringe ich mich selbst um.“
„Und reißt all deine Opfer mit dir in die Hölle?“, erwiderte Grimwardt düster. „Niemals.“

Winter
Narbental-Stadt, zwei Tage später.
„… und dann stand sie plötzlich splitternackt auf dem Tisch und legte einen tethyrischen Stepptanz auf die Platte“, beendete Faust die Anekdote und erntete grobschlächtiges Gelächter.
Kapitän Guinges klopfte ihm lachend auf die Schulter.
„Auf verlorene Wetten und entblößte Titten“, grölte der Kapitän der Eggenstolz, dem Handelsschiff, auf dem Fausts Schwester eine Zeitlang angeheuert hatte, und drei Duzend Weinbecher schepperten gegeneinander.
Das ging jetzt schon seit einer Stunde so: Jemand erzählte einen Schwank aus Claires Leben, den der Kapitän mit einem schlüpfrigen Zuruf kommentierte, was die übrigen Gäste als Aufforderung zum Trinken auffassten. Der Wirt der Hafenspelunke hatte Winter bereits mit schweißgebadeter Stirn angedeutet, dass sein Weinvorrat zur Neige ging. Und das, obwohl Winter ein kleines Vermögen investiert hatte, um innerhalb von zwei Tagen Handelsschiffe, Spielleute und Handwerker in die Stadt zu locken, um die Vorräte der Gasthäuser und Tavernen aufzustocken und Narbental-Stadt feiertauglich zu machen. Vielleicht hätten sie die Festlichkeiten doch in die Stadthalle verlegen sollen, aber Faust war der Meinung gewesen, dass das nicht zu Claire gepasst hätte. Sir Myrian Buchenwald, der Fürst von Narbental, hatte zunächst nicht besonders viel davon gehalten, aus einer Beisetzung ein Stadtfest zu machen. „Pietätslos“, hatte er es genannt. Doch seine Stadt war nicht nur bettelarm und von den übrigen Tälern geächtet, sondern zu allem Überfluss saß ihm auch noch der Stadtrat im Nacken, der danach trachtete, ihn gegen eine pro-umbrantische Marionette zu ersetzen. Darum hatte er wohl entschieden, dass es seiner Beliebtheit beim Volk nicht schaden könne, wenn zwei so berühmte Helden die Stadt ein wenig aufmischten. Auch die Bürger waren zunächst ein wenig befremdet gewesen. „Claire wer?“, war zwei Tage lang die meistgestellte Frage gewesen. Fausts Schwester hatte gerade mal ein paar Monate in der städtischen Miliz gedient und war überdies unehrenhaft entlassen worden. Das machte sie nicht gerade zur Stadttrophäe. Ihr chronischer Geldmangel war vermutlich das einzige, was sie mit Narbental-Stadt verband. Aber für Faust gehörte sie hierher, weil er sie hier zum letzten Mal gesehen hatte, und Winter war sofort Feuer und Flamme gewesen, als er sie gebeten hatte, die Festplanung zu übernehmen.
Geschäftig tänzelte sie nun zwischen den Feiernden umher, sorgte dafür, dass kein Becher lange leer blieb, bezauberte um des Friedens willen hin und wieder ein paar Trunkenbolde und teleportierte dazwischen immer wieder hinunter zum Hafen, um die Vorbereitungen für die Seebestattung zu überwachen. Gerade war sie dabei, eine sich anbahnende Rauferei zu verhindern, indem sie ein paar tiefe Blicke in ihr Mieder gewehrte, die die Raufbolde ihre Streitigkeiten glatt vergessen ließen, als sie zwischen den Gästen, die sich am Eingang drängten, die Gestalt einer alten Dame erblickte.
Erst auf den zweiten Blick erkannte sie Fürstin Helena MacLancastor: Sie war inzwischen vollständig ergraut, ging gebückter als früher und der zynische Zug um ihren Mund hatte sich als harsche Altersfalte in ihre Mundwinkel gegraben. Nur der herrische Stolz, den ihre kühlen blauen Augen ausstrahlten, als sie sich zielstrebig durch einen Pulk lärmender Seeleute kämpfte, war ungebrochen. Begleitet wurde sie von einem hochgewachsenen Edelmann mit denselben Augen – doch bei ihm wirkten sie eher verdrießlich als herrisch. Das musste Fausts Halbbruder sein – Fürstin Helena wusste, dass Faust die Söhne seines Stiefvaters nicht leiden konnte, also hatte sie ihn vermutlich mitgebracht, um Faust zu verstehen zu geben, dass er seit Claires Tod in ihrer Gunst nicht gerade gestiegen war. Alte Schnepfe. Als Faust fünf Jahre nach seinem Streit mit Helena nach Rabenklippe zurückgekehrt war, um ihr von seiner Schwester zu berichten, hatte er erfahren, dass seine Mutter ihren Stadtsitz aufgegeben hatte und zu ihrem jüngeren Sohn aufs Land gezogen war. Dort hatte man ihn am Tor abgewiesen.
Faust, sieh mal zur Tür. Sie ist doch gekommen.
Faust war so weinselig, dass er es sich nicht nehmen ließ, seinen ungeliebten Habbruder mit einem herben Schulterklopfen die Luft aus den Lungen zu pressen. Dann führte er seine Mutter zum Gespräch unter vier Augen nach draußen auf die Hafenpromenade, während der Misshandelte ihnen nachtrottete wie ein schmollender Schoßhund.
Neugierig beobachtete Winter sie durch eines der Gasthausfenster. Die meisten Leute, selbst Magier, wussten nicht, dass Schatten eine Form von Energie waren. Man musste nur wissen, wie man sie nutzbar machte, um ein paar äußerst praktische Vorteile aus ihnen zu schöpfen - wie etwa die Verbindung zwischen den Schatten im Wirtshaus und draußen auf der Hafenpromenade zu nutzen, um zu hören, was dort draußen gesprochen wurde…
„Lass wenigstens zu, dass Winter ein telepathisches Band zwischen uns knüpft, damit du mich im Notfall um Hilfe rufen kannst“, redete Faust gerade auf seine Mutter ein.
 „Glaubst du wirklich, dein magischer Schnickschnack hätte Claire gerettet, wenn es ein Erzteufel auf sie abgesehen hatte?“ Die Fürstin lachte bitter auf. „Mit Verlaub – ich verzichte. Dir nicht zu nahe zu kommen, ist der einzige Schutz, der mich möglicherweise vor deiner zerstörerischen Aura bewahren kann.“
„Jetzt wirst du aber theatralisch.“
Sie blieb abrupt stehen.
„Kennt dein Eigensinn denn gar keine Grenzen, Desmond?“, fragte sie scharf. „Dachtest du wirklich, dass es nur Auswirkungen auf dich selbst haben würde, wenn du deine Seele verkaufst?“
Faust wollte etwas erwidern, doch sie schnitt ihm mit einer harschen Geste das Wort ab. Dann rief sie ihren Schoßhund zu sich, verabschiedete sich mit einem steifen „Adieu“ und rauschte auf und davon.
Winter erwog kurz, die Fürstin in irgendetwas Krötiges zu verwandeln, doch dann fasste sie den schlichten Entschluss nicht zuzulassen, dass dieses Biest Faust diesen Abend vermieste! Kurzentschlossen stieg sie auf den nächstbesten Tisch (da sie ein Kleid trug, das an den Seiten bis zur Hüfte aufgeschlitzt war, sicherte ihr das immer die Aufmerksamkeit) und rief: „Zeit für den großen Moment! Wer das Spektakel nicht verpassen will – folgt mir zum Hafen!“
Und ehe Faust Zeit hatte, in Trübsal zu verfallen, wurde er von einer Horde feierwütiger Trunkenbolde mitgerissen, die zum Hafen strömte, allen voran Kapitän Guinges, der ihm einen gefüllten Weinbecher in die Hand drückte und lauthals unflätige Seemannslieder zu grölen begann, die er auf die Verstorbene umgedichtet hatte.
Am Fischerkai lag das Bestattungsboot vertäut. Faust legte der Toten nach damarischem Brauch zwei Münzen auf die Augen und scherzte: „Da der Fährmann sein Werk schon getan hat, nehme ich mal an, dass sie mal wieder auf Pump durchgekommen ist.“
Nur die wenigsten Taliser verstanden die Anspielung, doch einige der Seemänner, die sich mit den Bräuchen von der anderen Seite der See auskannten, grinsten einander zu.
Nachdem das Boot zu Wasser gelassen und in Brand gesetzt worden war, blies Winter es mithilfe von Windmagie in die Hafenbucht hinaus. Auf ihr Zeichen wurde auf den Segelschiffen, die flankierend zu beiden Seiten der Bucht wippten, Bengalfeuer entzündet und die Schiffskapellen spielten Die Reise des Albatros. Und so schipperte das kleine Fischerboot wie ein Kind, dem ein Spalier von Königen die Ehre erwies, aufs offene Meer hinaus. Als es den Ausgang der Hafenbucht erreicht hatte, beschwor Winter die Illusion eines Feuerwerks. Sie hatte festgestellt, dass die Schatten jeden Feuerzauber schluckten, den sie zu wirken versuchte. Doch das Trugbild, das funkensprühende Bilder in den Nachthimmel malte, die die Reise des Albatros im Einklang mit der Musik untermalten, war so vollendet, dass am Ende kein Auge trocken blieb.
„Du hast dich echt selbst übertroffen“, meinte Faust, der plötzlich neben ihr auftauchte. „Sie hätte es so gewollt, meinst du nicht?“
Winter wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie hatte Claire kaum gekannt und wenn man ehrlich war – Faust auch nicht. Claire war Faust aus dem Weg gegangen, um nicht ewig in seinem viel zu großen Schatten zu stehen. Sie hatte nicht einmal zugelassen, dass er ihr die Miete abnahm, was hätte sie erst zu einem Staatsbegräbnis gesagt? Vermutlich hatte Faust – vermutlich hatten sie beide – dieses Spektakel dringender gebraucht als sie. Aber ging es bei solchen Dingen im Grunde nicht immer um die, die noch am Leben waren?
„Natürlich hätte sie das so gewollt“, sagte sie und schmiegte sich an seine Schulter.

Grimwardt

Er schließt die Augen und stößt ein zufriedenes Grunzen aus. Der ferne Schlachtenlärm klingt gedämpft und er vermisst den eisenhaltigen Geruch von geronnenem Blut – darum weiß er, dass es nur eine Vision ist. Aber selbst im Traum fühlt sich Kriegersruh nach Heimat an… zumindest bis zu dem Augenblick, als ein vorbeirauschendes Wasauchimmer aus dem Nichts auftaucht und Grimwardt aus den Stiefeln reißt.
„Potzblitz“, schimpft er, während er sich aufrappelt und sich den Staub von der Rüstung klopft. „Hier ist weit und breit freies Feld! Welcher Wüterich muss denn da ausgerechnet…“
Er hält abrupt inne, als er den Wüterich erkennt.
Tempus bricht in dröhnendes Gelächter aus, das irgendwo in der Nähe einen Steinschlag auslöst. Ehe Grimwardt ihm seine Ehrerbietung erweisen kann, zieht er ihn neben sich auf den Streitwagen und gibt Veiros und Deiros die Peitsche. Der Wind scheint Grimwardt die Haut von den Knochen zu reißen, als das Gefährt losstürmt.
„REITEN WIR IN DIE SCHLACHT?“, brüllt er gegen den Fahrtwind an.
„DA KOMME ICH GERADE HER! DIE SCHLACHT IST GEWONNEN! KEINE AHNUNG, AUF WELCHER SEITE ICH STAND, ABER SIE HAT GESIEGT!“
Grimwardt weiß, die Götter tragen auf den Schlachtfeldern von Kriegersruh regelmäßig ihre Streitigkeiten aus und Tempus schenkt seine Gunst willkürlich mal der einen, mal der anderen Partei. Zumindest scheint seine Wahl willkürlich. Doch Grimwardt ist davon überzeugt, dass hinter jeder seiner Handlungen, und wenn sie noch so planlos scheint, eine geheime Taktik steht.
Nach nicht einmal einer Minute kommt der Streitwagen vor einem riesigen Pavillon zum Stehen. Als die Welt um ihn herum zum Stillstand kommt, erkennt Grimwardt, dass sie meilenweit gereist sein müssen, denn die Umgebung hat sich völlig verändert. Der Pavillon ist umgeben von einem riesigen Heereslager, das sich weiter erstreckt, als er blicken kann.
„Ist das…?“
„Willkommen in der Halle der Helden.“
Tempus klopft ihm kurz auf die Schulter, schiebt die Zeltplane zurück und verschwindet im Innern, ehe sein Auserwählter seine Bedenken äußern kann. Die Halle der Helden – auch das Ewige Festzelt genannt – ist der Ort, an dem sich Tempus und sein Gefolge nach der siegreichen Schlacht zum Trinken und Feiern sammeln. Nur den Würdigsten unter Tempus‘ Anhängern ist im Jenseits ein Platz an der Tafel der Helden beschieden.
Grimwardt holt tief Luft, ehe er durch die Zeltöffnung tritt und erinnert  sich daran, dass dies nur eine Vision ist. Tempus‘ Motive sind unklar. Vielleicht will er ihn ehren, indem er ihn hierher einlädt, vielleicht will er ihn aber auch ermahnen, nicht vom Weg abzukommen, um sich seinen Platz an dieser Tafel nicht zu verspielen.
Der Gestank nach Schweiß, Met und Erbrochenem empfängt ihn mit solcher Heftigkeit, dass er fast rückwärts aus dem Festzelt heraus getaumelt wäre. Dichter Pfeifenrauch liegt über der Halle, sodass er Tempus erst nach einigem Suchen inmitten einer Traube grölender Krieger entdeckt. Mit einer Handbewegung winkt der Gott ihn zu sich, einen halblingsgroßen Humpen im einen und eine leichtbekleidete Walküre im anderen Arm. Eine zweite Schildmaid lässt sich lasziv auf Grimwardts Schoß nieder und beginnt irgendetwas Feuchtes mit seinem Hals zu tun. Da seine Abwehrversuche nicht fruchten, befördert er sie schließlich nicht ganz unsanft auf einen Nachbarschoß. Kopfschüttelnd wischt er sich schließlich den Schweiß von der Stirn. Niemals hätte er geglaubt, dass es auf Kriegersruh einen Ort gibt, an dem er sich so fehl am Platze fühlt.     
„Du hältst nicht viel von Frauen und Met, hm?“ Ihm wird bewusst, dass Tempus ihn die ganze Zeit aufmerksam beobachtet hat. Die klugen hellen Augen in dem kampfgezeichneten Kratergesicht blitzen vergnügt.
Also ein Test, denkt Grimwardt. 
„Gegen ein gutes Schlückchen ist nichts einzuwenden“, brummt er und prostet seinem Herrn grimmig zu.
Tempus lacht rau.
„Nichts für ungut, Mann, aber manchmal frage ich mich schon, warum du ausgerechnet mich zum Gott erwählt hast. All die Prinzipien, die Disziplin, die Enthaltsamkeit… Torm, Tyr, die Rote Ritterin – sie alle hätten sich die Finger nach dir geleckt. Ich dagegen habe nie so ganz verstanden, warum es ein Ausdruck von Loyalität sein soll, sich keinen Spaß mehr zu gönnen.“ Um seinen Worten jede Zweideutigkeit zu nehmen, kneift er seiner Schildmaid zwinkernd in den Hintern.
Grimwardt muss zugeben, dass es ihn ein wenig verletzt, dass sein Gott seinen Verzicht so wenig zu würdigen weiß. Erstaunt stellt er fest, dass es eine Seite an Tempus gibt, die er zwar immer gekannt, der er aber nie eine Bedeutung beigemessen hat. Er hat immer nur den Feindhammer, den ehernen Kriegsherrn, in ihm gesehen. Was Tempus‘ unzählige Frauengeschichten, seine mutwillige Willkür, seine unsteten Launen angeht, so hat seine Glaubensauslegung wohl nie dem Dogma entsprochen. Und irgendwo, tief begraben unter seinem unerschütterlichen Glauben, legt Tempus‘ Bemerkung einen leisen Zweifel in ihm frei: Wäre er jemals zum Kriegspriester, zum Auserwählten, geworden, wenn sein Leben anders verlaufen wäre? Beruht sein Schicksal womöglich nur auf der willkürlichen Wendung, dass seine Eltern ihn mit zehn Jahren in eine Klosterschule gesteckt haben, die zufällig von einem Tempus-Priester geführt wurde? Grimwardt sinkt der Mut. Hat Tempus ihn etwa hergebracht, um ihn zu der Erkenntnis zu leiten, dass ihre Wege sich letztendlich trennen müssen?
Er räuspert sich.
„Ihr wisst weshalb ich um Euren Rat gebeten habe?“
Er wähnt ein verwegenes Lächeln unter dem dichten Bart des Feindhammers.
„Einen Rat oder einen Befehl?“, fragt er, schickt seine Schildmaid mit einem Klaps auf den Hintern fort und lehnt sich breitbeinig zurück. „Lass mich dir eine Frage stellen, Grimwardt. Du weißt, ich schätze eine gute Kriegstaktik ebenso sehr wie ein planloses Gemetzel. Und ich pisse auf moralische Bedenken – das einzige, was im Krieg zählt, ist Sieg oder Niederlage. Schändungen, Brandschatzungen, zivile Tötungen – all das sind wertvolle Strategien, um den Feind das Fürchten zu lehren und ihn vom Nachschub abzuschneiden. Wenn ich dir nun befehlen würde, einen Krieg auf der Grundlage einer solchen Taktik zu führen, würdest du diesen Befehl an deine Truppen weitergeben?“
Grimwardt zögert nur einen Augenblick. Tempus kennt ihn besser als er sich selbst, er weiß die Antwort ohnehin schon.
„Nein“, sagt er schlicht.
Tempus nickt ernst.
„Und das ist der Grund, warum ich dich zu meinem Auserwählten gemacht habe. Manchmal erinnerst du mich an sie.“ Er ruckt den Kopf in Richtung einer Ritterin in roter Rüstung, die selbstvergessen in all dem Trubel vor einem Schachspiel sitzt, das sie gegen sich selbst zu spielen schien. Grimwardt weiß, dass auch die Rote Ritterin, als sie noch unter den Lebenden weilte, eine Auserwählte des Tempus war. Nach ihrem Tod erhob ihr Mentor sie zur niederen Göttin. „Um ehrlich zu sein: Manchmal macht sie mich wahnsinnig mit ihren endlosen Plänen, ihrer Kontrollsucht und ihrer eisernen Disziplin. Aber sie bietet ihren Anhänger etwas, das ich ihnen nicht bieten kann. Und weil sie meine Verbündete ist, macht sie mich stärker. Ich brauche Leute wie sie und wie dich in meiner Gefolgschaft. Keine Speichellecker, deren Bestreben es ist, mich möglichst gut zu imitieren, sondern Taktiker, die die richtigen Mittel gegen die richtigen Feinde einzusetzen wissen.“
„Ihr meint, ich… soll meine Schwester als Kriegsinstrument betrachten“, fragt Grimwardt verwundert.
„Nein“, erwidert Tempus. „Ich meine, dass ein Krieg auf euch zukommt, auf Faerûn, der bis ins Reich der Götter reicht. Der meine und deine Welt verändern wird. Es hat mit der Zauberpest angefangen und es ist noch lange nicht vorbei. Du bist mein General in diesem Kampf. Die Entscheidungsgewalt liegt bei dir. Müsstest du ein Urteil im Sinne der Menschheit fällen, wäre die Antwort einfach: Töte deine Schwester, denn sie stiehlt den Menschen ihre Freiheit! Müsstest du ein Urteil im Sinne der Götter fällen, wäre die Antwort ebenfalls einfach: Töte sie, denn sie stiehlt uns unsere Seelen! Aber du musst eine Entscheidung im Sinne des Krieges fällen.“
„Hm“, brummt Grimwardt und als er den Blick in seinem Humpen versenkt, beginnt sich die Welt um ihn zu drehen und die Vision zerbricht.


Essembra, zur Mittagssonne.

„Tretet ein, Fürst Olek“, sagte Grimwardt, während er sich auf den Feuerschild des Kriegskanzlers stützte, um vor dem Altar auf die Füße zu kommen. Nervös betrat der älteste Sohn des verstorbenen Fürst Ilmeth die Kapelle und verneigte sich fahrig. Wie lange er dort wohl schon ausgeharrt haben mochte, während Grimwardt im Gebet versunken gewesen war?
„Verzeiht, Kriegskanzler, ich wollte Euch nicht in Eurer Andacht stören. Aber Ihr habt mich gebeten, Euch Mittelung zu erstatten, sobald die Fürsten der Talländer hier eintreffen.“
„Und das habt Ihr hiermit getan. Aber das ist nicht der Grund, warum Ihr ausseht wie sieben Tage Regenwetter, will mir scheinen.“
„Herr.“ Der junge Fürst rieb sich die schwitzenden Hände. „Es… Es sind nicht alle Fürsten zur Beisetzung meines Vaters erschienen. Die Schwertfürsten vom Bogental lassen ausrichten, dass sie Eure Kanzlerschaft ohne Bürgerratswahl nicht anerkennen und Fürst Baleira von Federtal hat gar nicht erst auf die Einladung geantwortet.“
„Hmpf“, brummte Grimwardt. „Entweder die Herrn Kaufmannsfürsten vom Bogental sind plötzlich feurige Republikaner geworden oder sie fürchten, ihre großmütigen Gönner aus der Anauroch zu vergrämen. Baleira hat immerhin den Anstand, mir scheinheilige Vorwände zu ersparen.“
„Sie wissen, dass in Hochmond bald ein anderer Wind wehen wird“, sagte Fürst Olek mit einem scheuen Lächeln. „Der Rat der Talländer wird einen fürchterlichen Aufstand machen, aber im Grunde ist ihnen klar, dass den Krieg gegen Netheril nun, da der Auserwählte des Tempus Kriegskanzler ist, nichts mehr aufhalten wird.“
Grimwardt bedachte ihn mit einem anerkennenden Blick.
„Ja, vermutlich“, brummte er.
Und was für ein Heeresführer wäre er, wenn er seine mächtigste Waffe gegen die Schattenprinzen von Netheril nicht einsetzten würde?   

Nightmoon

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Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #321 am: 01. April 2013, 19:55:50 »
Wow! Fand das Kapitel extrem fesselnd und tief. So viele Stellen die mir so gut gefallen, dass ich gar nicht sagen kann, was mir am besten gefällt. Hab mich beim Lesen wieder voll und ganz nach Faerun versenkt. Freue mich schon wieder wenn wir am Ende eine Romanreihe draus machen!
Wollten übrigens evtl. Ende Mai nochmal spielen, meinte Tom. Wäre ja cool wenns klappt!

Winter

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Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #322 am: 07. April 2013, 15:35:25 »
Gänsehaut!
Und große Vorfreude aufs Spielen :-)

Nightmoon

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    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #323 am: 23. April 2013, 00:45:23 »
Stehst der Termin fürs nächste Spielen eigentlich?

Nightmoon

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    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #324 am: 12. Juni 2013, 19:30:06 »
Fands übrigens wieder sehr sehr spannend und hatte sehr viel Spaß! Jetzt bin ich natürlich aufs Finale gespannt! :)

Niobe

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Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #325 am: 12. Juni 2013, 20:35:20 »
Oh ja, es gibt ja noch so viel aufzuklären und zu entscheiden :-)

Niobe

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Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #326 am: 20. August 2013, 00:26:49 »
Kapitel III: Die Frostriesen  

Winter
Silbrigmond, zwei Tage später.
Betont lässig betrat Faust zusammen mit Winter den Speisesaal der Rauvinkaserne und grüßte den Hochfürsten und seine Gäste mit einem nonchalanten Nicken. Dabei gab er sich besondere Mühe, der dunklen Gestalt im Schatten keine Beachtung zu schenken. Allerdings machten die rotgeränderten Augen, die daran erinnerten, dass er die letzten beiden Nächte wie ein Besessener für diese Wiederbegegnung trainiert hatte, das Kalte-Schulter-Manöver ein wenig zunichte. Winter unterdrückte ein Kichern. Seit Faust gehört hatte, dass Drizzt Do’Urden in der Stadt war und ihn um dieses Treffen gebeten hatte, führte er sich auf wie ein schmachtender Fünfzehnjähriger. Seine Schwärmerei für den Drow war Winter ein Rätsel. Gewiss, Drizzt hatte einmal den Ruf des „besten Kämpfers Faerûns“ besessen, aber er war längst ein Relikt vergangener Zeiten – vermutlich tauchte Faust selbst in mehr Heldenliedern auf als sein großes Vorbild.
„Faust und Winter von den Schattenstreitern. Ich danke Euch für Euer Kommen.“
Hochfürst Methrammar Aerasumé erhob sich mit einer Mischung aus militärischer Steifheit und elfischer Grazie. Der Halbelf war der Sohn von Alustriel Silberhand, die wie so viele mächtige Magier der Zauberpest zum Opfer gefallen war. Nach dem Tod der Silbernen Dame war ihr Sohn  innerhalb von zwei Jahren erst zum Oberkommandanten der Silberritter, dann zum Hochfürsten der Stadt und schließlich zum Herrscher der Silbermarken aufgestiegen. Winter mutmaßte, dass er seine rasante Karriere vor allem der Nostalgie der Silbrigmonder verdankte. Methrammar Aerasumé mochte zwar das Silberhaar und die edlen Gesichtszüge seiner Mutter geerbt haben, aber er besaß weder ihre Weitsicht noch ihre Zaubermacht. Außerdem konnte kein Mensch seinen Namen aussprechen! Naja, Winter musste sich eingestehen, dass ihr gehässiges Urteil wohl weniger mit seiner politischen Leistung als mit dem Umstand zu tun hatte, dass der Ritter bisher jede ihrer Festeinladungen mit einer gewissen steifen Höflichkeit abgelehnt hatte, die erahnen ließ, wie er zum Lebenswandel seiner berühmtesten Bürgerin stand …
„Darf ich vorstellen.“ Der Hochfürst nickte der Frau zu seiner Rechten zu – einer zierlichen alten Dame mit lebhaften braunen Augen und einem forsch gebogenen Kinn. „Tessarin Alaurun, Erste Sprecherin des Stadtrats von Nesmé. Und ein alter Freund Tessarins und der Silbermarken, Drizzt Do’Urden.“
„Wir kennen uns“, sagte Faust großspurig und ließ sich breitbeinig gegenüber dem Hochfürsten nieder.
Falls Drizzt sich ebenso wenig wie Winter erinnern konnten, wann die beiden Blutsbrüderschaft geschlossen hatten, hatte er seine Gesichtsmuskeln besser im Griff als sie.
„Ich schätze, es geht um einen Auftrag? Offenbar etwas Geheimes, wenn Ihr uns zur Besprechung hierher in die Kaserne bestellt statt in den Palast?“
„Die Erste Sprecherin von Nesmé bittet um Eure Hilfe in einer beunruhigenden Angelegenheit. Die Art von Angelegenheit, die besser nicht im offiziellen Rahmen besprochen werden sollte, um einer Panik vorzubeugen.“
Tessarin Alaurun musterte Faust mit unverhohlener Neugier, war dabei aber weder abschätzig wie mancher Adlige noch hing sie so fasziniert an seinen Lippen wie die jungen Silbrigmonder, die ihn neuerdings umschwärmten. Faust hatte es verstanden, in den Jahren, in denen er mit Winter in der Stadt gelebt hatte, eine treue Anhängerschaft von Kampfbegeisterten um sich zu scharen. Er traf den Nerv der Zeit – Silbrigmond war, verglichen mit anderen Magiehochburgen, in den Pestjahren zwar noch glimpflich davongekommen, doch auch hier war das Vertrauen in die arkane Kunst ins Wanken geraten. Kampforden aller Art lagen hoch im Kurs.
„Vor etwa einem Zehntag brach in meiner Heimatstadt eine Seuche aus“, erklärte die Stadtvorsteherin von Nesmé. „Es fängt mit Bauchkrämpfen an und endet im schlimmsten Fall innerhalb weniger Tage mit dem Tod. Noch ist die Zahl der Opfer gering und wir konnten den Ursprung der Seuche ausmachen – unsere Nachforschungen ergaben, dass das Trinkwasser verseucht war. In Proben aus dem Surbinfluss wurde ein Gift gefunden, das in manchen Pilzen des Unterreichs vorkommt, vermischt  mit einer Substanz, die sich als Schattenmaterie herausstellte.“
Winter horchte auf. Schattenmaterie war reine magische Energie des Schattengewebes. Nur Magier des Schattengewebes, die einen gewissen Machtgrad erreicht hatten, waren imstande sie zu bändigen. Ungebundene Schattenmaterie verflüchtigte sich sofort und war nicht nachweisbar, aber mit den richtigen alchemistischen Verbindungen konnte man sicher den ein oder anderen tödlichen Sud daraus brauen.
„Ihr glaubt also, dass Umbranten-Magier die Bewohner Eurer Stadt vergiften wollten?“, fragte Faust.
„Ich bezweifle, dass Netheril besonderes Interesse an einer bettelarmen Grenzstadt mit einem chronischen Trollproblem hat“, erwiderte die alte Dame lakonisch. „Silbrigmond dagegen … Der Juwel des Nordens ist wie der verlorene Sohn, den Telamont Tanthul nur allzu gern heimholen würde. Die Wurzeln der lllusker, der die Mehrzahl des Silbrigmonder Adels entstammt, reichen zu den alten Netherim zurück. Ein Großteil der magischen Schätze der Stadt geht auf das gefallene Imperium zurück … Und unsere Nachforschungen haben ergeben, dass die verseuchten Quellen im Immermoor entspringen.“
„… und das grenzt nicht nur an Nesmé, sondern auch an Silbrigmond.“
Der Hochfürst stieß angespannt die Luft aus.
„Ein Aufklärungstrupp, den ich ins Immermoor entsandte, kehrte nicht heim. Versuche, die Männer  magisch zu orten, blieben erfolglos“, fuhr Tessarin fort und starrte betreten auf ihre Hände. Es waren alte, fleckige Magierhände mit Fledermausdung unter den Fingernägeln. Hände, die vermutlich schon viele alte Freunde begraben hatten. „Es waren nicht irgendwelche Männer. Es waren gestandene Krieger, die sich in zahlreichen Trollschlachten bewiesen haben.“ Sie sah auf und blinzelte Drizzt zu, der ihr Lächeln nur mit den Augen erwiderte. „Also bat ich einen alten Freund um Hilfe, denn es gibt wohl niemanden, der das Immermoor besser kennt als Drizzt Do’Urden.“
„Von den Umbranten und ihrer Magie verstehe ich dagegen nicht viel“, bekannte der Drow. „Aber ich erinnerte mich an eine Begegnung in der Wüstenstadt Oreme vor fünfzehn Jahren.“ Drizzt sprach leise und musterte Faust und Winter dabei ernst mit seinen seltsamen lavendelfarbenen Augen. „Und daran, dass man die Schicksalsstreiter unter anderem für ihren Sieg über den jüngsten Sohn des Hochprinzen rühmt. Darum wollte ich euch beten, mich zu begleiten.“
Winter räusperte sich vernehmlich und setzte ihr schmeichelndes Geschäftslächeln auf. Gerade überlegte sie, wie sie in dieser ritterlichen Runde wohl am besten auf die Frage der Vergütung zu sprechen kommen sollte, als Faust ihr zuvorkam.
„Wir schulden Drizzt ohnehin noch einen Gefallen“, sagte er zu Winters Verdruss.
Äh, nein, tun wir nicht, er hat uns freiwillig geholfen.
Faust ignorierte ihren telepathischen Einwand und wandte sich an den Hochfürsten. Sein linker Mundwinkel zuckte vor Übermut – für gewöhnlich kein gutes Zeichen.
„Eine Bedingung hätte ich dennoch. Selbst östlich des Sternregenmeers heißt es, dass man nirgends so gut feiern kann wie in Silbrigmond.“
„Nun, Ihr habt einiges dazu beigetragen, den Ruf Silbrigmonds diesbezüglich zu festigen“, bemerkte der Fürst unverbindlich.
„Meint Ihr, Ihr schafft es, in einem Zehntag ein Turnier auszurichten?“
„Ich schätze, das wäre möglich …“, setzte der Ritter verwundert an.
Faust wandte sich mit blitzenden Augen an Drizzt und hielt ihm seine Eisenhand hin.
„Was sagst du, Drizzt? Revanche für Oreme?“
Natürlich. Winter verdrehte die Augen.
Das also war der Grund für Fausts Imponiergehabe. Drizzt hatte ihn im Zweikampf besiegt – und war damit der letzte Held Faerûns, der unbesiegt gegen ihn stand. Vermutlich würde nichts seine Besessenheit heilen, ehe Drizzt Do’Urden blutspuckend vor ihm im Arenenstaub kniete. Und das gedachte er offenbar in aller Öffentlichkeit zu bewerkstelligen. Das war wohl auch das Bild, das Drizzt in diesem Moment in seinen Augen las. Der Drow hatte zu lange mit dem Misstrauen seiner Umwelt leben müssen, um sich irgendeine Gefühlregung anmerken zu lassen. Nur der Schatten eines Stirnrunzelns verriet, was er von Fausts Geltungssucht hielt. Plötzlich fragte sich Winter, ob Faust das beabsichtigt hatte? Vielleicht wollte er den Drow provozieren. Immerhin wusste jedes Kind, dass Drizzt am besten kämpfte, wenn er für etwas einstand. Und wo war der Reiz an einem Kampf ohne ein wenig grundsoliden Antagonismus?
„Einverstanden.“
Drizzt schlug ein und ein schiefes Diesmal-krieg-ich-dich-Grinsen machte sich auf Fausts Gesicht breit.
Erst auf dem Weg nach Hause bemerkte Winter, dass sie ebenfalls angefangen hatte zu grinsen. Verdammt, warum war Fausts Euphorie für waghalsige und halsbrecherische Aktionen so ansteckend?
Das Grinsen verging ihr jedoch, als Miu die Tür öffnete und sie die Gestalt am Küchentisch erkannte.
„Grim“, sagte sie überrumpelt.
Sie hatten nichts mehr von ihm gehört seit dem Vorfall in Mephistos Brutstube. Und wie dort drohten sein Anblick und die Schuldgefühle, die er in ihr heraufbeschwor, sie zu lähmen.
Als ihr Bruder sich erhob, wirkte er noch ein wenig grimmiger als sonst.
„Na, ist das Göttergespräch nicht zu deiner Zufriedenheit verlaufen?“, knurrte Faust bissig und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen.
Grimwardt brummte etwas wage Blasphemisches. Dann musterte er Winter mit zauderndem Argwohn – wie ein Käufer, der nicht sicher war, ob man ihn übers Ohr gehauen hatte.
„Hm, Drizzt Do’Urden also, wie? Was wollte der Knabe denn von euch?“
Sie erzählten es ihm.
„Schattengift, hm?“ Er nickte grummelnd in seinen Bart hinein. „Wann soll’s denn losgehen?“

Drake
Immermoor, am nächsten Tag zur Mittagsstunde
Leute, die nichts davon verstanden, sprachen oft von „Faerûns Unterwelt“. Das war natürlich eine maßlose Übertreibung. Es gab zahlreiche „Unterwelten“ und die meisten waren nicht größer als der Straßenzug, den irgendein selbsternannter „Gildenführer“ für sich beanspruchte, der lediglich das Glück besaß, einen Kopf größer zu sein als der Rest der Gossenratten seines Viertels. Selten gelang es einem „König der Diebe“ mehrere Gilden zu einen – und meistens endete seine Herrschaft eher früh als spät. Die Enklaven der Roten Magier von Thay – offiziell ein Handelsnetzwerk für magische Exporte aus dem Zulkirreich – waren da eine Ausnahme. Da nicht die Händler selbst, sondern das Land Thay Eigentümer der Enklaven war, war jeder Angriff auf eine Enklave ein Angriff auf das Zulkirreich. Die Protektion Thays bewahrte die Händler vor feindlichen Übernahmen. Das Resultat war ein hochorganisiertes Spionagenetzwerk, das die Verbindungen zu lokalen Informanten nutzte, um Faerûns  Geheimnisse über magische Kommunikationswege nach Eltabbar weiterzuleiten.
Und nun gehören diese Geheimnisse mir, dachte Drake, während er sich geistesabwesend über den Handrücken fuhr. Dort, wo Szass Tam das arkane Mal in seine Haut gebrannt hatte, das ihn als Angehörigen des Roten Zirkels kennzeichnete, war eine sechszackige Narbe zurückgeblieben. Sein Preis dafür, dass er die Schicksalsstreiter mit Szass Tam an den Verhandlungstisch gebracht hatte. Dem ersten Test hatte das Spionagenetzwerk standgehalten. In weniger als einer Stunde hatte er alles über Tessarin Alrauruns Auftrag herausgefunden und Winter und ihre Gefährten im Immermoor aufgespürt. Andererseits war das bei deren Talent für subtile Vorgehensweisen auch kein Kunststück. Auch die Verfolgung war nicht gerade eine Herausforderung – er musste nur der Spur von Trollblut folgen, die die Gefährten auf der Suche nach dem verschwundenen Aufklärungstrupp hinter sich ließen. Selbst eine Horde tollwütiger Wildsäue war unauffälliger als …
Plötzlich lag Drake flach auf dem Boden, einen beißendem Schmerz im Rücken, und blickte in sein eigenes überraschtes Gesicht, reflektiert im kalten Stahl einer höllisch scharfen Säbelklinge. Eine zweite, lichthelle Klinge zitterte keine zwei Fingerbreit vor seiner Kehle.
„Ich gehöre zu denen“, ächzte Drake verdrießlich und ruckte den Kopf in Richtung der vier Gestalten, die hinter dem Drow aus dem Dickicht traten. Das war jetzt schon das zweite Mal innerhalb einer Woche, dass er sich kalt erwischen ließ.
 „Hab den Kerl nie gesehen“, meinte Faust, hielt Drizzt jedoch grinsend zurück, als er seinen Druck auf Drakes Kehle verstärkte.
Missmutig rappelte er sich auf.
„Warum verfolgst du uns?“, fragte Winter, ihre grünen Smaragdaugen zu Schlitzen verengt.
„Verfolgen? Ich bin Eure einzige Verbindung zu Eurem neuen Gönner“, log er und tippte sich gegen die Stirn. „Scheint so, als gehöre ich jetzt zum Klub. Danke übrigens fürs Warten.“
In Wahrheit war seine Geschäftsbeziehung zu Szass Tam mit der Unterzeichnung des Vertrags beendet. Um ehrlich zu sein, wusste er selbst nicht genau, warum er den Gefährten gefolgt war.
Mach dir nichts vor, du bist IHR gefolgt.
„Du warst mal wieder verschwunden, kaum dass wir unsere Namen unter das Papier gesetzt hatten“, erinnerte ihn Winter. „Außerdem wissen wir ja nicht mal, wo du wohnst.“
„Als ob der ein Zuhause hätte“, spottete Faust.
„Was weißt du denn schon.“
„Ich weiß, dass du lieber in der Gosse pennen würdest, als irgendwo, wo du unangemeldeten Besuch bekommen könntest. Deshalb wartet auch nie jemand auf dich.“
„Leck mich.“
Nach dieser herzlichen Begrüßung nahm Drizzt die Spur des verschwundenen Spähtrupps wieder auf. Es ging ein eisiger Wind. Die Kälte, die in den Boden drang, festigte den sumpfigen Untergrund und erleichterte ihnen das Fortkommen. Doch das nachgiebige Marschland schlief nur unter der winterstarren Oberfläche, sodass sich die Spuren der Männer, die sie verfolgten, wie Wegweiser in den Boden gegraben hatten. Vermutlich wären sie viel schneller vorangekommen, hätte Faust den Waldläufer nicht während der Arbeit mit einer Flut aufdringlicher Fragen und peinlicher Plappereien belagert. Drizzt wich ihm mit stoischer Höflichkeit aus und fuhr lediglich kurz zusammen, als Faust sich erkundigte, wie er denn damit klar käme, dass die Liebe seines Lebens während der Zauberpest ums Leben gekommen sei, er habe da so ein paar Theorien gehört … Drake hatte noch nie so viel Mitgefühl mit einem Kerl gehabt, dessen Klinge seine Kehle berührt hatte.
„Hat er sich schon zwei verschlungene D auf den Arsch tätowieren lassen?“, raunte er Winter zu, die Faust und Drizzt mit einer Mischung aus Belustigung und Befremdung beobachtete.
„An mangelndem Taktgefühl stehst du ihm jedenfalls in nichts nach“, erwiderte sie mit einem halb verhohlenen Grinsen.
 „Apropos mangelndes Taktgefühl. Ich habe mich ein wenig über die drei Kerle informiert, die dir letztens in Silbrigmond einen so reizenden Besuch abgestattet haben.“
„Oh.“
„Wenn du nicht noch mal mit einer Tigerpranke im Genick aufwachen möchtest, solltest du was unternehmen.“
„Drake …“, setzte Winter unbehaglich an.
„Den Wertiger kannst du vernachlässigen, der steht unter der Kontrolle des Elfen. Der sollte dir eher Sorgen machen, denn er hat den Ruf über Leichen zu gehen, wenn er sich in etwas verbissen hat. Und was Richter Stock-im-Arsch angeht – den hast du jetzt für den Rest deines Lebens an der Backe. Du verarschst seinen Gott: Das ist so persönlich, wie es für ihn werden kann.“ Auch das waren Informationen, die er seinen neuen Verbindungen verdankte. „Dass sie dein Geheimnis kennen, macht sie gefährlicher, als du vielleicht ahnst. Stell dir vor, Richter Bleichauge fühlt sich durch irgendeine seiner Regeln daran gebunden, dem Hochfürsten von Silbrigmond von deiner neuen Diät zu erzählen. Vielleicht würde er ein paar Mal abgewiesen, aber irgendwer würde der Sache vielleicht nachgehen und dann würdest du eines Tages feststellen, dass dein Teleportationsschlüssel nicht mehr funktioniert. Als nächstes würde die politische Karriere deines Bruders den Bach runtergehen. Und wie würden wohl die Sandkämpfer darauf reagieren, dass eine ihrer Anführerinnen die Tochter einer ‚Schattenhexe‘ ist?“
„Glaubst du, ich wüsste das alles nicht!“
Winters Gereiztheit konnte nicht ihre Beunruhigung verbergen.
„Entweder du weißt es nicht oder du handelst nicht danach“, erwiderte er. „Beides zeugt nicht gerade von Weitsicht. Von wie vielen Feinden wollt ihr euch noch in den Arsch treten lassen, bevor ihr zurücktretet?“
„Was soll ich denn deiner Meinung nach … Oh, verzeih, mir ist schon klar, was ich deiner Meinung nach tun sollte“, schnaubte sie verdrießlich, drosselte aber eilig ihre Lautstärke, als Faust zu ihnen herübersah. „Aber ich kann Elijas und Hades nicht einfach verschwinden lassen“, fuhr sie im Flüsterton fort. „Grim hasst mich auch so schon. Und Faust würde mir das niemals verzeihen. Er …“
„… steht auf flinke kleine Elfen, schon klar.“ Drake seufzte lakonisch.  „Schön, also keine einfache, saubere Lösung. War ja nur ein Angebot, ist schließlich dein Arsch.“
„Ich könnte ihre Erinnerung löschen.“
Drake schüttelte den Kopf. Er hatte keinen Zweifel daran, dass Winter dazu im Stande wäre, aber Magie hatte ihre Grenzen.
„Dazu sind sie die beiden zu bekannt – schwer, lange zu vergessen, wer man ist, wenn eine ganze Stadt es weiß.“
„Ich würde sie nur bis zu dem Punkt löschen, wo ich ins Spiel komme.“
„Sie geraten zu häufig in magietote Zonen. Ein blinder Fleck im Gewebe und alles ist wieder da.“
Winter zögerte einen Moment, ehe sie erwiderte: „Antimagie unterdrückt nur für eine kurze Zeit das magische Gewebe. Und das magische Gewebe ist bloß so eine Art künstliche Barriere, mit der die Götter die Magie regulieren. Aber es gibt Magie, die diese Barriere überwinden kann …“
„Ist das der Grund für diese Seelenvampir-Geschichte?“
„Nein … teilweise. Sagen wir, ich habe den Grundstein gelegt. Szass Tam hat mir Lehrmittel zur Fortbildung zur Verfügung gestellt.“
Lehrmittel zur Fortbildung?“ Drake hob spöttisch eine Augenbraue.
Mit einem reizenden Lächeln, in dem eine subtile Drohung mitschwang, erklärte Winter: „Ich glaube, der nächste, der versucht, mich an einen Altar zu binden und mir meine Seelen zu rauben, wird als sabbernder Irrer enden – ob mit Antimagie oder ohne.“
Drake hätte sie am liebsten geküsst. Zugleich fand er den Gedanken, dass es irgendwann kein Mittel mehr geben könnte, Winter davor zu bewahren, willkürlich in fremde Gedanken einzudringen, nicht sehr erbaulich. Vielleicht sollte er sich doch besser an den Plan halten, egal wessen Plan es war und wie übel er ihm aufstieß – bevor er sich zu sehr in diese Sache verrannte …

Faust
Wenige Stunden später.
Es musste ein blutiger Kampf gewesen sein. Im Umkreis von einigen Metern war weiß gefrorenes Moos in den Boden gestampft worden. Rotbraune Blutkrusten hier und dort bildeten ein trauriges Mosaik. Drizzt fuhr mit dem Finger über ein blutiges Farnblatt und leckte daran. Dann sprach er eine magische Formel und seine Augen füllten sich für einen Moment mit Nebel. Als sich sein Blick klärte, senkte er bedauernd den Kopf und berührte in stiller Trauer das Mielikki-Amulett, das er um den Hals trug.
„Sie sind tot“, sagte er leise.
„Das waren keine Umbranten“, stellte Faust fest. Es sah nicht so aus, als wäre der Trupp einem magischen Angriff zum Opfer gefallen. Das hier wirkte eher wie ein grundsolides, blutiges Gemetzel.
Drizzt nickte bestätigend und deutete auf einen der Abdrücke im Boden – wer immer ihn hinterlassen hatte, musste größer und schwerer gewesen sein als ein Umbrant, denn er hatte eine viel deutlichere Spur hinterlassen als die kleineren Abdrücke der Menschen.
„Frostriesen“, sagte der Drow.
„So weit im Süden?“
„Im Winter ziehen die Stämme vom Grat der Welt häufig ins Moor, um Trolle zu jagen.“ Während er sprach, folgte Drizzt den Spuren der Riesen in Richtung Norden. „Trotzdem hätte das hier nicht geschehen dürfen. Es gibt einen Friedenspakt zwischen den Städten des Nordens und den Frostriesenstämmen unter Gerti Orelsdottr. Das hindert sie nicht, Unvorsichtige anzugreifen, die in ihr Gebiet vordringen, aber Galen und seine Männer trugen Abzeichen – sie waren in offizieller Mission unterwegs; das hätten die Riesen anerkennen müssen. Entweder es waren Renegaten, die sich der Jarlstochter widersetzen, oder...“
„Oder die Schattenmagier haben den Frostriesen ein besseres Angebot gemacht“, sagte Faust.
Sie waren am Fuß eines Abhangs angekommen. Drizzt schob einige Zweige beiseite und enthüllte einen Höhleneingang. Faust folgte dem Drow ins Innere und als seine Augen sich an das Halbdunkel gewöhnt hatten, erkannte er die Leichen der fünf getöteten Männer, kreisförmig angeordnet, wie für ein Ritual. Fremdartige Schriftzeichen prangten auf ihren Stirnen und an den Wänden.
„Nicht berühren!“, warnte Winter. „Das sind magische Runen.“
„Frostriesenmagie“, brummte Grimwardt und kniff die Augen zusammen, um die Runen genauer in Augenschein zu nehmen. „Es sind religiöse Symbole, die Unheil fernhalten sollen. Das hier hat nichts mit den Umbranten zu tun, Faust, diese Männer wurden der Sturmmaid geopfert.“
„Nie gehört“, murmelte Faust.
„Eine Frostriesengöttin“, erklärte Drizzt. „Gerti Orelsdottr stammt von einer Blutlinie ab, die der Legende nach auf einen Titan zurückgeht, der wiederum ein Sohn der Sturmmaid gewesen sein soll. Was auch immer an dieser Geschichte dran sein mag – ihr Vater Orel Jansson war der erste Jarl, dem es gelang, die Stämme vom Grat der Welt zu einen.“
Titanen.
Faust hätte nicht gedacht, ausgerechnet hier auf Spuren von Titanen zu stoßen, nachdem er jahrelang vergeblich nach ihnen gesucht hatte. Er hatte in den letzten fünf Jahren viel Zeit in Bibliotheken verbracht. Zum einen hatte er versucht, etwas über das Wesen der Zeit herauszufinden, um die Geheimnisse des Zeitmals zu ergründen, das der alte Sarrukh ihm zum Geschenk gemacht hatte. Zum anderen galt sein Interesse den Göttern. Wer waren sie und was verlieh ihnen die Macht, die sie für sich beanspruchten? Natürlich kannte jedes Kind die Entstehungsgeschichte der Welt: Am Anfang schuf Ao das Universum, ein riesiges Nichts. Aus diesem formten sich Licht und Schatten: die Schwestern Selune und Shar. Die Zwillingsschwestern wiederum schufen Chauntea, die Verkörperung Torils. Chauntea bat um Wärme, damit auf ihr Leben entstehen könne. Selune war dafür, Shar dagegen. Die beiden kämpften gegeneinander und so entstanden die Götter der Magie, des Krieges, des Todes und der Krankheiten. Selune obsiegte und mit dem Gott der Sonne entstand das erste Leben auf Toril. So der Mythos. Die wenigsten menschlichen Gelehrten stellten diese Geschichte in Frage, doch sah man über den Tellerrand Faerûns hinweg, fand man andere Sichtweisen. Die Elfen etwa verehrten ihre Götter nicht als die Schöpfer der Welt, sondern als Helden, die ihre wahre Bestimmung gefunden hatten. Und Faerûns Schwesterebene Kara-Tur kam ganz ohne Götter aus: Die Seelen der Karaturianer verließen die materielle Welt nach dem Tod nicht, sondern lebten als Ahnengeister fort – ein Kreislauf, der sich selbst regulierte, ohne höhere Mächte. Wer die Götter Faerûns auch waren, ob die Schöpfer der Welt oder einfach nur sehr mächtige Unsterbliche, Faust glaubte nicht an ihre Unantastbarkeit. Mephisto hatte bereits bewiesen, dass Göttlichkeit übertragbar war. War sie auch revidierbar?  Die einzigen, von denen es hieß, dass sie imstande waren, einen Gott „mit der Krankheit der Sterblichkeit anzustecken“ und zu töten, waren die Titanen. Kaum etwas war bekannt über diese mysteriösen Kreaturen. Es hieß, dass sie einst einen grausamen Krieg gegen die Götter angezettelt und dafür vom Pantheon in den Abgrund verbannt worden waren. Viele Gelehrte sahen in ihnen darum eine mächtige Art von Dämonen. Andere behaupteten, sie seien die verbotenen Kinder von Göttern und Sterblichen. In jedem Fall waren sie eines der bestgehüteten Geheimnisse des Pantheons. Allein das machte sie für Faust interessant. Leider schien es kein Herankommen an sie zu geben, seit Asmodeus den Abgrund an den Grund der Dimensionen gebannt hatte. Aber vielleicht waren ja nicht alle Titanen dem Bann der Götter zum Opfer gefallen …
„Schätze, wir sollten dieser Gerti Orelsdottr mal einen Besuch abstatten“, bemerkte er mit einem Schmunzeln.

Grimwardt
Gratsgebirge, kurz darauf.
Der Schneesturm war so dicht, dass Grimwardt Miu, die vor ihm ging, nicht einmal mehr als Schemen erkennen konnte. Winter hatte die Frostriesen, die Tessarins Leute getötet hatten, mithilfe eines Haars aufgespürt, das sie in der Nähe der Höhle aufgelesen hatte. Dann waren sie ins Gebirge teleportiert.
„Sie müssen hier irgendwo sein“, brüllte Winter gegen das Schneetreiben an.
Ein Hagelkorn von der Größe einer Faust traf Grimwardt hart an der Stirn.
Das reicht, dachte der Priester gereizt, griff nach seinem Tempusamulett und befahl dem Schneesturm zur Ruhe zu kommen. Er hatte ein Aufbäumen der Elemente des Wassers und der Luft erwartet, doch stattdessen stieß er auf den Geist eines fremden Zauberwirkers, geschützt von der Macht der Sturmmaid. Grimwardt lächelte grimmig.
„Gerti sendet ihre Grüße“, ließ er die anderen wissen.
Zorn schlug ihm entgegen, als seine Rivalin um die Beherrschung des Wetters kämpfte: Ihr wütendes Aufbäumen brandete auf ihn zu wie eine Schneelawine, doch Grimwardt hielt ihm mühelos stand. Der Sturm legte sich wie weggeblasen und gab den Blick auf ihre Umgebung frei.
Sie standen in einem Tal. In nördlicher Richtung zeichneten sich die schneeverwitterten Umrisse hallenartiger Bauten ab. Grimwardts Aufmerksamkeit galt jedoch vielmehr dem Purzelbäume schlagenden Felsen, die schneefressend den Berg hinab wirbelte, dicht gefolgt von einem zweiten und dritten Geschoss. Während seine Gefährten den Schneelawinen mit Flugzaubern entkamen oder zur Seite auswischen, stemmte Grimwardt lediglich die Beine fester in den Schnee und ließ die Gebilde auf sich zupreschen. Donnernd umschloss ihn das kalte Nass, doch Tempus‘ Segen hielt allen Schaden von ihm fern und der Felsen zerstob wie Sand an seinem Plattenpanzer. Der Priester schüttelte sich einmal wie ein nasser Hund, das heilige Feuer, das seine Rüstung umgab, schmolz den Schnee zu Nichts und er wirbelte mit gezückter Axt herum.
Fünf erschlagene Frostriesen und zwei jaulende Winterwölfe lagen im Kreis um ihn herum. Drizzt erhob sich und steckte die Säbel weg.
„Angeber“, murmelte Drake, der gerade mal einen seiner beiden Dolche hatte zücken können, während der Drow die Felsenwerfer im Alleingang erledigt hatte.
Faust sagte nichts, biss sich aber grübelnd auf die Lippen.
Grimwardt schlug ihm grinsend auf die Schulter und raunte ihm zu: „Gratuliere, wenn du es schaffst, dein Schwert zu ziehen, bevor er dich zu Hackfleisch verarbeitet.“
„Hm-m.“
Derweil hatte sich Drizzt, der sich wenig darum zu scheren schien, wie sein Solomanöver bei den anderen ankam, neben einen der Frostriesen gekniet, um ihm die Waffen abzunehmen und seine Wunden abzubinden. Keiner seiner Stiche schien tödlich gewesen zu sein.
„Helft mir“, bat er Grim. „Der Friede zwischen Silbrigmond und den Frostriesen steht auf sehr wackligen Beinen. Ich will nicht noch mehr Sand in diese Wunde streuen.“
„Es sieht nicht so aus, als hätte Gerti Orelsdottr ähnliche Bedenken“, brummte Grimwardt mit einem Blick auf die dornenbesetzten Keulen der Angreifer. Dennoch sprach er ein schwaches Heilgebet für die Verwundeten.
Dem ersten Frostriesen, der sich regte, setzte Faust einen Fuß auf die Brust und sein Schwert daneben.
„Führst du uns freiwillig zur Jarlstochter oder müssen wir unsere Suche mit der Klinge fortsetzen?“
„Wer bist du, Menschling?“, knurrte der Wächter mit schmerzverzerrtem Gesicht.
„Ein Freund der fünf Männer, die ihr eurer Sturmgöttin geopfert habt.“
„Keine Ahnung, wovon du sprichst“, grunzte der Riese.
„Gerti wird es wissen.“
Der Wächter gab mit einem widerwilligen Nicken zu verstehen, dass er sie zu ihr führen würde. Schnaubend erhob er sich und blieb mit geballten Fäusten so dicht vor Faust stehen, als wolle er ihn mit einem gewaltigen Hieb seiner tellergroßen Pranke in den Boden stampfen. Stattdessen fuhr er sich nur einmal schnaubend mit dem Oberarm übers Gesicht und spuckte dann vor Faust aus. Grimwardt schrieb sein rotziges Gebaren der verletzten Würde eines schlechten Verlierers zu. Erst als er bemerkte, dass den anderen Wächtern, die ihnen auf dem Weg durchs Lager folgten, bei Fausts Anblick ebenfalls vor Zorn die Nüstern bebten, sah er ein wenig genauer hin. Ihm fiel auf, dass Faust eine neue Lederrüstung trug. War das etwa …?
- Riesenleder, Faust? Ernsthaft?!
- Sturmriese … Konnte ja nicht ahnen, dass wir hier auf Verwandten meiner verdammten Rüstung treffen würden, oder?

Für seine Faust-in-die-Fresse-Haltung belegte Grimwardt den Gefährten im Stillen mit einem Schwall derber Flüche, die Tempus stolz gemacht hätten.  
Inzwischen waren sie an der Jarlshalle angelangt – ein haushohes Zelt, das sich von den umstehenden Behausungen lediglich durch einige kostbare Yetifelle unterschied, die die Öffnung zierten.
„Waffen!“, blökte ihn einer der beiden Krieger an, die vor der Halle Wache standen. Statt mit dornenbesetzten Keulen waren diese beiden mit Schwertern und Plattenpanzern gerüstet. Ihre dichten weißen Bärte trugen sie zu drei Zöpfen geteilt, die ihnen bis auf die Knie reichten. Ein alter Kinderreim kam Grimwardt in den Sinn: Wenn im Walde einen Ries‘ ihr seht, so rennt so schnell wie lang sein Bart ihm weht. Er bezweifelte, dass sie mit diesen beiden so leichtes Spiel haben würden wie Drizzt mit den Felsenwerfern. Widerwillig gab er also seine Axt ab und warf Faust einen warnenden Blick zu, jetzt bloß keinen Streit vom Zaun zu brechen. Sie würden diese Audienz ohnehin schon auf dem falschen Fuß beginnen.
„Ich rede“, raunte er Faust schnöde im Vorbeigehen zu, während er durch die Zeltöffnung trat.
Flankiert von zwei weiteren Elitekriegern thronte Gerti Orelsdottr hochaufgerichtet auf dem Hochsessel des Jarls. Reine Machtdemonstration, erkannte Grimwardt: Für einen Riesen war die Clanführerin nicht sonderlich groß. Ohne den Jarlssitz hätte sie Faust, der fast zwei Meter maß, gerade einmal um einen Kopf überragt. Doch was ihr an Größe fehlte, machte sie durch den durchdringenden Blick ihrer eisblauen Augen wett. Und da sie nicht mit einem Bart dienen konnte, trug sie ihr bläulich schimmerndes Haupthaar nach Kriegermanier zu drei Zöpfen geflochten, die ihr bis auf die Füße fielen. Mit einem einzigen, kurzen Blick traf sie ein schnelles Urteil über jeden der Anwesenden. Als Grimwardt an der Reihe war, las er zunächst einen Hauch von Respekt in ihren Eisaugen, doch Zorn und Verachtung gewannen die Oberhand.
„Der Gratspakt zeichnet diesen Teil des Gebirges als kjempeland aus.“ Gerti trommelte mit allen zehn Fingern angriffslustig gegen die Stuhllehnen. „Ihr seid nichts weiter als Freiwild in meinem Land. Also warum, glaubt Ihr, sollte ich Euch zuhören, statt Euch den Zorn der Sturmmaid spüren zu lassen, nachdem Ihr meine Späher niedergeschlagen habt?“
 „Der Gratspakt besagt auch, dass es Euch nicht gestattet ist, Gesandte der Silbermarken im Immermoor anzugreifen“, entgegnete Grimwardt ruhig. „Die fünf Männer, die dort in jener Höhle als Opfergaben für Eure Göttin aufgereiht liegen, beweisen, dass Ihr zuerst gegen den Pakt verstoßen habt.“
„Opfergaben!“, höhnte die Clanführerin. „Nichts begreift Ihr! Menschlinge waren es, die das Monster unter dem Immermoor aufgeweckt haben! Nun vergiftet es die Sümpfe. Die Trolle fressen das Gift und wir essen die Trolle und krepieren daran! Die Menschlinge auf der Schwelle zum Unterreich sind ein Friedensangebot in Aurils Namen, um das Sumpfmonster zu besänftigen.“
„Dieses Sumpfmonster scheint euch ja mächtig Angst zu machen, hm?“, bemerkte Faust spöttisch – und ernte dafür einen strafenden Blick von Grimwardt.
„Das Immermoor ist das Monster!“, blaffte Gerti ihn an. „Die Sümpfe sind nur Fell und Narben und Furunkel auf der Haut des Immermonsters. Niemand kann es bekämpfen, ohne das Moor selbst zu zerstören!“
„Ich habe von diesem Wesen gehört – vor langer Zeit“, meldete sich Drizzt zögernd zu Wort: „Eigentlich war es mehr die Theorie eines Magiers, den die meisten in Menzoberranzan für verrückt hielten. Es kam immer wieder vor, dass Spähtrupps in dem Bereich des Unterreichs, der genau unter dem Immermoor liegt, tagelang verschollen blieben. Das Areal ist unter den Bewohnern des Unterreichs als das Labyrinth von Araumtcos bekannt. Der Magier behauptete, dieses Labyrinth sei ein riesiges Wesen, das so groß und formlos sei, dass man tagelang durch seine Eingeweide wandern könne.“
„Hm“, machte Grimwardt. „Wie sahen die Menschen denn aus, die den Zorn des Monsters geweckt haben?“
„Verschlagene Kreaturen, die mit den Schatten liefen“, erwiderte die Frostriesin. „Stets in Dunkelheit gekleidet.“
„Umbranten“, sagte der Kriegspriester. „Das waren keine Menschen, sondern Umbranten.“
„Schattenmenschen, weiße Menschen, grüne Menschen, was macht das für einen Unterschied?“, brummte die Jarlstochter. „Ihr taugt doch alle bloß als Beilage.“
Grimwardt ignorierte die verächtliche Bemerkung: „Wie lange ist das nun her?“
„Einen Sonnenzyklus vielleicht?“, mutmaßte die Frostriesin. „Ein oder zwei von ihnen sind auf unserem Speisetisch gelandet. Wir lauerten ihnen vor der Höhle auf. Vor einem Mond erfuhren wir von Trollsklaven, dass ein neuer Trupp von Schattenmenschen angekommen war. Wir sandten auch dieses Mal einen Trupp, um ihnen aufzulauern, doch sie kamen nicht wieder aus der Höhle heraus.“  
„Was würdet Ihr uns denn dafür bieten, wenn wir uns für Euch um die Umbranten kümmern würden?“, erkundigte sich Faust.
Gerti Orelsdottr lachte verblüfft auf.
„Ihr glaubt allen Ernstes, ich werde zulassen, dass Ihr ins Unterreich zieht, um das Monster noch ärger aufzustacheln?!“
„Solange die Umbranten dort unten sind, wird es nicht zur Ruhe kommen, das habt Ihr doch selbst schon erkannt.“
„Wollt Ihr sagen, unser Opfer war umsonst?“, knurrte die Frostriesin und griff reflexartig nach ihrem Morgenstern, der am Fuße des Jarlssitz ruhte.
„Wie“, höhnte Faust. „Erst nehmt Ihr uns unsere Waffen ab und dann nutzt Ihr solch einen scheinheiligen Vorwand, um uns unbewaffnet anzugreifen? Das verdorbene Trollfleisch scheint Euch nicht nur die Mägen vergiftet zu haben!“
Gerti schleuderte Eisdolche aus ihren Augenschlitzen. Grimwardt stieß ein ernüchtertes Seufzen aus. So viel zu seinem Versuch, die Sache auf diplomatischem Wege zu lösen.
„Selbst Maden haben das Recht, sich zu verteidigen“, brachte Gerti knirschend hervor. „Hakon! Jorn! Gebt unseren ‚Gästen‘ ihre Waffen zurück! Die kleine Made, die sich in die Haut unserer Vetter hüllt, gehört mir!“

Faust
„Ja, gebt Klein-Drake sein Messer zurück.“ Den Seitenhieb konnte sich Faust in Vorfreude auf den bevorstehenden Kampf einfach nicht verkneifen.
„Pass auf, dass Klein-Drakes Messer nicht die Seiten wechselt“, kam es grantig zurück.
Drake und Grimwardt nahmen sich je einen der Krieger an Gertis Seite vor, während sich Drizzt den beiden Frostriesen am Eingang zuwandte. Die Clanführerin griff in einer fließenden Bewegung nach ihrer Waffe und berührte eine heilige Rune an ihrem Thron, die sie in eine tosende Sturmaura hüllte. Brüllend sprang sie auf Faust zu. Kurz bevor sie ihn erreichte, nutzte er Winters eilig gewirkte Zeitstarre aus, um sich üppig mit Kampf- und Schutzzaubern einzudecken. Nun kam auch endlich der Vorteil seiner neuen Riesenlederrüstung zum Tragen: Gerti war nicht schlecht erstaunt, als ihr Gegner sie mit einem Mal um eine ganze Zwergenlänge überragte. Faust schmetterte ihren Schlag ab und überzog sie mit einer chaotischen Hiebserie, doch sie erwiderte wacker jeden Schlag mit einem Gegenangriff. Während des Kampfes schielte Faust immer wieder zu Drizzt hinüber. Für gewöhnlich bestand seine Taktik darin, den Gegner gleich zu Anfang in einen leidenschaftlichen Klingentanz zu verwickeln, der ihm keine Chance zu ripostieren ließ: Faust hatte am eigenen Leib erfahren, dass Drizzt für gewöhnlich überall war, nur nicht am Ende seiner Klinge. Doch die Enge der Jarlshalle und die Größe seiner Gegner machten es dem Drow schwer, den Hieben seiner Gegner auszuweichen. Am Ende war es nicht Drizzt, sondern Winter, die die beiden Frostriesen aus dem Hinterhalt mit einer Verdorren-Welle ausschaltete, die sie nicht hatten kommen sehen. Faust fragte sich, ob er sich diesen kleinen Schwachpunkt des Dunkelelfen wohl zunutze machen konnte. Dummerweise würde die Arena Drizzt mehr Platz als genug bieten, um ihn, wie bereits das letzte Mal, durch schiere Gewandtheit zu …
Zu spät sah Faust durch den Wirbelsturm, der Gerti umtoste, ihren Morgenstern auf sich zukommen. Das höllisch schmerzhafte Splittern seiner Schulterknochen ermahnte ihn, Gerti den gebührenden Respekt zu erweisen. Statt auf Drizzt konzentrierte er sich wieder ganz auf seine Klinge. Dennoch schwitzte er schon bald  Blut und Wasser. Erst als Grimwardt, der seinen Gegner bereits besiegt hatte, ihm zur Seite sprang und sie Gerti Orelsdottr mit vereinten Kräften attackierten, gewannen sie die Oberhand. Trotzdem rappelte sich die Clanführerin noch zweimal mit einem zornigen Knurren wieder auf, ehe der Wirbelsturm endgültig verebbte und sie im Innern des ersterbenden Sturmtrichters zusammenbrach.
Zähes Mädchen!, dachte Faust anerkennend.
Während er ächzend die Hände auf die Knie stützte, bemerkte er aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Es war Drake, der in Geistergestalt aus der Zeltwand neben ihm tauchte. Für einen Moment glaubte Faust, der kleine Dreckskerl wolle seine Drohung wahrmachen und ihn aus dem Hinterhalt angreifen, doch sein Angriff galt dem letzten Frostriesenkämpfer. Doch auch der Riese hatte Drake entdeckt und wich schnell genug aus, sodass Drakes Angriff knapp sein Herz verfehlte. Im Bruchteil einer Sekunde erkannte Faust, dass der Gegenangriff des rasenden Barbaren Drake das Leben kosten könnte. Geistesgegenwärtig sprang er vor und sein Diamantenschlag-Manöver brachte den überrumpelten Gegner zu Fall. Sein Einsatz überraschte ihn selbst nicht weniger als Drake. Dessen kurzes, schmallippiges Nicken in Fausts Richtung war zwar weniger eine Dankesbekundung als eine Kenntnisnahme, doch er ahnte ja nicht, welches Geschenk er Faust gerade gemacht hatte! Faust grinste wie ein Honigkuchenpferd, als sich vor seinem geistigen Auge eine Taktik abzeichnete, mit der es ihm vielleicht möglich sein würde, Drizzt in der Arena zu besiegen!
„Gerti Orelsdottr darf nicht sterben!“, holte ihn Drizzt, der an ihm vorbeistürzte und sich besorgt über die bewusstlose Clanführerin beugte, in die Gegenwart zurück. „Ohne sie würden die Clans im Streit versinken und der Friedenspakt zwischen Silbrigmond und den Frostriesen wäre ein für allemal zunichte.“
Miu und Grimwardt taten, was sie konnten, um die Jarlstochter und ihre Leibwächter zu retten. Drakes Gegner und einer der Frostriesen, die Winters Zauberhinterhalt zum Opfer gefallen waren, waren längst auf dem Weg in die Stadt der Seelen oder wohin auch immer es ihr Volk nach dem Tod verschlug. Doch Gerti hatte nichts abbekommen, was ein ordentlicher Heilzauber nicht wieder richten konnte – dafür hatte Faust gesorgt, denn es gab schließlich noch etwas, das er von ihr erfahren wollte, nun, da er seine Verhandlungsposition verbessert hatte. Nachdem er die Clansführerin entwaffnet hatte, hievte er sie zurück auf den Jarlssitz, um ihr ein Stück ihrer angeschlagenen Kämpferwürde zurückzugeben.
Mit einem Ruck kam sie zu sich und ihre eisblauen Winteraugen waren sofort hellwach.
„Wieso bin ich noch am Leben?“, brummte sie.
„Weil ich schon eine Rüstung habe?“, bot Faust an.
Er meinte den Hauch eines Schmunzelns in ihren Augen zu lesen. Ein gutes Zeichen. Vielleicht war ihre anfängliche Arroganz nur Schau gewesen. Eine Inszenierung, die nicht den Gefährten, sondern ihren Vertrauten galt, die beim ersten Anzeichen von Schwäche ihre Autorität in Frage stellen würden. Nun, da ihre vier besten Männer – und ihre gefährlichsten Gegner – tot oder bewusstlos waren, konnte sie es wagen, ihnen einen Blick hinter die Maske zu gewähren.
„Nun habt Ihr ja die Belohnung, die Ihr gefordert habt“, bemerkte sie mit einem Blick auf die Beute, die sie den Frostriesenwächtern abgenommen hatten. Nur Gertis Morgenstern, zweifellos ein Familienerbstück, hatten sie nicht angetastet. „Also macht, dass Ihr verschwindet!“
Interessant, dachte Faust. Indirekt ließ sie sie damit wissen, dass sie ihr Vorhaben, dem Treiben der Umbranten im Unterreich nachzugehen, guthieß. Für eine Frostriesin zeigte sie erstaunliches diplomatisches Geschick.
„Ich hätte da noch eine Frage“, sagte Faust. „Nur so aus Neugier: Stimmt es, dass Titanenblut durch Eure Adern fließt?“
Gerti sezierte ihn lange und ausgiebig mit ihren Winteraugen. Herausfordernd lehnte sie sich schließlich vor: „Vielleicht erzähle ich es Euch, wenn Ihr die Nacht mit mir verbringt.“
Es klang wie eine Duellforderung.
„Oh“, sagte Faust überrumpelt.
„Natürlich nur in großer Gestalt“, fügte sie hinzu.
„Na gut … Euer Angebot ehrt mich, also, wenn Ihr wollt ...“ Dann fiel ihm ein, dass der Vergrößerungseffekt seiner Rüstung nicht sonderlich lang anhielt. „Das heißt … Wie ausführlich soll das Ganze denn werden?“
Gerti zog belustigt eine Augenbraue hoch, Drake prustete los, Grimwardt verbarg stöhnend den Kopf in den Händen, Drizzt und Miu sahen aus, als wären sie am liebsten im Boden versunken, und Winter … Bei Winters Anblick fühlte sich Faust an eine Viper erinnert, die kurz vor dem Giftbiss in völliger Reglosigkeit verharrte.
Faust schluckte.
 „Äh, Winter, du könntest mir hier nicht zufällig aushelfen? Ich meine, du hast doch sicher Zauber, die … äh …“
„Die was, Faust?“ Ihr Was hätte Glas zerspringen lassen können.
„Die sein Größenproblem beheben“, grinste Drake und Faust bereute augenblicklich seine Rettungsaktion.
„Mit Verlaub, aber mir will sich der Sinn hier nicht so ganz erschließen“, erklärte Winter, jedes Wort so pointiert wie ein Rapierhieb. „Was genau ist denn so wichtig an dieser Geschichte, dass du so darauf brennst, sie zu hören?“
Faust spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach.
Oh Mann, wie komme ich aus der Nummer wieder raus?
„Ach, ist nicht so wichtig“, gab er klein bei. An Gerti gewandt fügte er hinzu: „Vielleicht bin ich ja mal bei Gelegenheit in der Gegend …“
Die Clanführerin stieß ein verächtliches Schnauben aus.
„Und vielleicht habe ich bei Gelegenheit was Besseres zu tun“, blaffte sie ihn an. „Na los, macht, dass Ihr verschwindet! Alle miteinander!“
Faust hatte sich selten so klein gefühlt – und das lag nicht allein daran, dass der Größeneffekt seiner Rüstung gerade im unpassendsten aller Momente nachließ …
« Letzte Änderung: 20. August 2013, 00:34:09 von Niobe »

Nightmoon

  • Mitglied
    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #327 am: 20. August 2013, 14:42:49 »
 :thumbup:
Hab mir grad das neueste Pathfinderbuch runtergeladen, aber das musste jetzt erstmal warten! Hach ja... der Drizzt... ;)
Wieder sehr schön! Vor allem Grimms Kapitel mag ich sehr! Hoffe wir finden bald nen neuen Termin fürs Finale! Hast du eigentlich bereits ne neue Kampagne im Kopf?

Niobe

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #328 am: 20. August 2013, 21:25:56 »
Hm, Ideen für neue Kampagnen habe ich jede Menge, aber nichts Konkretes. Irgendwann würde ich jedenfalls gerne ein neues Setting ausprobieren - vielleicht Engel, allerdings mit anderen Klassen (die im Kampagnensetting sind echt Murks) und mit leicht abgewandelten DnD-Regeln (habe in letzter Zeit ein paar andere Systeme ausprobiert, aus denen ich ein paar Sachen übernehmen würde).

Winter

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #329 am: 24. August 2013, 20:22:01 »
Fabelhafter Start in den Urlaub mit diesem neuen Kapitel :-)
Danke dafür!!!

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