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Autor Thema: Stadt der gläsernen Gesänge  (Gelesen 38692 mal)

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Niobe

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Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #330 am: 06. Oktober 2013, 00:41:39 »
Kapitel IV: Eileanar

Grimwardt

Araumtcos, zwei Tage später.
Die Höhle, in der die Frostriesen ihr blutiges Geschenk an das Moormonster inszeniert hatten, führte tief ins Unterreich. Auf der anderen Seite der unsichtbaren Schwelle zwischen Ober- und Unterwelt erwartete sie ein wunderliches Labyrinth aus Pilzlandschaften – manche Pilzgewächse bildeten komplexe Höhlensysteme, andere wuchsen in Schichten übereinander wie hängende Gärten und wieder andere schufen gangartige Schläuche, durch die wie durch das Adergeflecht eines komplizierten Organismus klebrige Flüssigkeiten rannen. Falls sie sich tatsächlich im Innern eines monströsen Pilzwesens befanden, schien die Anwesenheit der sechs Eindringlinge die Kreatur nicht zu stören. Nur manchmal kam es vor, dass sich – vielleicht durch Muskelbewegungen des riesigen Organismus – die Wände auf die Gefährten zubewegten und sie sich den Weg freihacken mussten, um nicht eingeschlossen zu werden. Wenn das geschah, sonderten die Wände dasselbe giftige Sekret ab, das durch die „Aderläufe“ der Kreatur floss: Araumtcos blutete. Sein Blut war es, das den Menschen in Nesmé, die aus den verseuchten Quellen getrunken hatten, das Leben gekostet haben musste. Doch wie gelangte sein Blut an die Oberfläche? Und warum hatten die Umbranten das veranlasst? Je weiter sie in das Labyrinth vordrangen, desto dichter wurde das Pilzgeflecht und desto häufiger wurden die Muskelkontraktionen. Drizzt glaubte, dass dies ein Zeichen dafür sein musste, dass Araumtcos Schmerzen litt. Selbst dem Drow war es nahezu unmöglich, in dieser sonderbaren Welt seinen untrüglichen Richtungssinn zu bewahren.
Als die Pilzformationen schließlich am zweiten Tag ihrer Wanderung eine kränklich gräuliche Färbung annahmen, wussten die Gefährten, dass sie auf der richtigen Spur waren. Schon kurz darauf endete der Höhlengang in einer Sackgasse. Wieder einmal schlugen sie sich durch nachgiebige Pilzschichten – doch schon nach wenigen Axthieben traf Ambrosia auf Widerstand. Eine unsichtbare Barriere in Form einer magischen Energiewand versperrte den Weg und gebot den Pilzwucherungen Einhalt.
Grimwardt stutzte den Pilz soweit zurecht, um erkennen zu können, was sich auf der anderen Seite der Energiewand befand, doch er erspähte nur wage einen dunklen Hohlraum sowie einige gebäudeartige Strukturen. Als Auserwählter des Tempus konnte er auch in völliger Dunkelheit sehen, allerdings nicht sehr weit. Dasselbe galt für Winter, deren körperliche Veränderungen ihr hier unten zugutekamen, und Drake, dessen Glasauge kaum etwas verborgen blieb. So blieben nur Faust und Miu, die auf eine Lichtquelle angewiesen waren.
Da sie die Wand nicht bannen konnte, ohne den Pilz zu befreien, der umgehend alles überwuchert hätte, was die Netherarkanisten hier unten verbargen, teleportierte Winter die Gefährten hinter die Wand.
Vor ihnen lag eine zerklüftete Ruinenlandschaft. Der Hohlraum selbst war kaum höher als ein Haus, dafür aber so weitläufig, dass er ein kleines Stadtviertel hätte beherbergen können, und von ihm gingen zahlreiche Wege ab. Der einstige Zweck der Gebäude war in den meisten Fällen nicht mehr erkennbar – mehr als loses Geröll war von ihnen nicht übrig geblieben. Nur von einigen wenigen waren einzelne Gemäuer und labyrinthartige Kellerstrukturen erhalten geblieben. Offenbar waren die Umbranten in den Tiefen des Unterreichs auf die Ruinen einer alten Netherenklave gestoßen. Wachen gab es nicht – scheinbar wähnten sich die Forscher hier unten vor ungebetenen Gästen sicher.
Grimwardt bat Drizzt, der sich im Unterreich von ihnen allen am unauffälligsten zu bewegen wusste, die Lage auszukundschaften. Die anderen schlenderten durch das Ruinenfeld.
„Die Stadt muss bei ihrem Fall vor Hunderten von Jahren im Sumpf versunken und zu einem Teil von Araumtcos geworden sein“, staunte Faust, der leicht zu begeistern war, wenn es um geschichtlichen Humbug ging. „Die Umbranten haben ihm praktisch ein Loch in die Eingeweide gebrannt und jetzt weicht der Pilz an die Oberfläche aus. Wahrscheinlich haben sie keine Ahnung, was sie da angerichtet haben.“
„Wie ernüchternd“, brummte Grimwardt, während sein Blick mit mäßigem Interesse ein halb verblichenes Wandbild streifte. „All die Aufregung für einen Haufen alter Steine.“
Er musste sich eingestehen, dass er ein wenig enttäuscht war. Statt auf finstere Mysterien, die ihm einen Grund hätten liefern können, gegen Netheril in den Krieg zu ziehen, schienen sie lediglich auf den Irrsinn eines fanatischen Forschers gestoßen zu sein.
Dann blieb er abrupt stehen.
„Oha“, zwinkerte Faust. „Der Kerl auf diesem ‚Haufen alter Steine‘ hat erstaunliche Ähnlichkeit mit Tempus, hm?“
Das Wandbild zeigte den Feindhammer mit wehendem schwarzem Bart im Kampf gegen eine monströse Kreatur, die einen Krummsäbel in jeder ihrer sechs Arme schwang.
„Das ist Tempus im Kampf gegen Targus.“ Grimwardts Blick flog über die Darstellung. Targus war ein altnetherischer Aspekt Garagos‘, des einstigen Gottes des Krieges. Tempus hatte ihn erschlagen, als er noch ein niederer Gott gewesen war, und seinen Platz eingenommen. Das musste kurz vor dem Fall des alten Netheril gewesen sein. Das bedeutete, dass dieser Tempel einer der jüngsten seiner Art war. Und dieses Wandbild …
„Mir ist kein einziges Artefakt in der Kulturgeschichte bekannt, das Tempus ohne seinen Helm zeigt. Dies ist womöglich das älteste Relikt, das von der Verehrung des Feindhammers zeugt.“
„Schade, dass es zu groß ist, um es mitzunehmen“, meinte Winter. „Das hätte sich doch hervorragend in deiner Abtei gemacht!“
„Gibt es keine Möglichkeit, das Bild magisch abzupausen und …?“
Während Faust und Winter über reproduktionsmagische Verfahren fachsimpelten, sog Grimwardt jedes Detail dieses ungewöhnlichen Fundstücks in sich auf. Dabei fiel ihm auf, dass die Wand aus einem fremdartigen, hellgrauen Metall geschaffen war. Trotz seiner geringen Dicke musste das Material äußerst widerstandsfähig sein, wenn es den Fall der Enklave und die Jahrhunderte, in denen es den Umwelteinflüssen der Pilzkreatur ausgesetzt gewesen war, so unbeschadet überstanden hatte. Er war gespannt, was sein zwergischer Freund Borgo dazu sagen würde.
Grimwardt hatte gerade eine Probe des eigenartigen Metalls aus den Trümmern geborgen, als Drizzt zurückkehrte. Gwenyfhar, seine Panthergefährtin, trottete lautlos wie sein Schatten an seiner Seite.
„Der Komplex ist riesig“, beschrieb der Drow die Lage. „Es arbeiten immer ein oder zwei Magier und um die zehn Sklaven zusammen. Wachen gibt es nur im Lager; ich nehme an, sie sind dort stationiert, um die magischen Fundstücke zu bewachen.“
„Wie viele Wachen sind es?“
„Zehn, die ich ausmachen konnte – ausnahmslos menschliche Netherim. Ein Umbrantenmagier befehligt sie – der Ausgrabungsleiter, schätze ich. Bei ihm ist ein weiterer Umbrant, vielleicht sein Gehilfe.“
„Führ uns hin.“
Das Lager war nicht weit entfernt vom Tempus-Tempel gelegen. Offenbar hatten die Forscher gezielt Gebäudekomplexe „entpilzt“, von denen sie sich magische Funde erhofften. Die einzelnen Ausgrabungsstätten waren durch enge Energieröhren miteinander verbunden. Aus der Finsternis eines solchen Tunnels beobachteten die Gefährten das Lager. Drei Soldaten bewachten die Zelte; fünf weitere saßen bei Fackellicht bei einem Würfelspiel zusammen. Drizzt deutete stumm auf ein größeres Zelt in der Mitte – dort mussten sich der Ausgrabungsleiter und sein Gehilfe aufhalten.
Faust stieß Grimwardt mit verschränkten Armen an und ruckte den Kopf in Richtung des Zelts. 
„Antimagische Zone?“
Grimwardt antwortete mit einem kurzen Nicken.
„Winter, kümmere dich um die Wachen beim Feuer“, befahl er. „Drizzt, schalte die Patrouillen aus. Drake, durchsuche die anderen Zelte nach den fehlenden Soldaten. Faust und ich kümmern uns um die Umbranten. Los!“
Als die beiden wenige Augenblicke später das Zelt stürmten, stand keiner der Soldaten mehr aufrecht. Faust griff im Laufen nach einer der Fackeln, während Grimwardt seinen Zauber wob. Ihr Angriff traf die beiden Magier unvorbereitet. Der Gehilfe ging bereits mit Fausts erstem Schwertstreich zu Boden. Der Ausgrabungsleiter sprang überrumpelt von einem Pult auf, auf dem Karten und andere Unterlagen verstreut lagen. Grimwardt setzte über den Tisch hinweg – doch als er mit der Axt ausholen wollte, stand ihm der Magier plötzlich in zehnfacher Ausführung gegenüber. Er stutzte. Spiegelbilder? Wie war das möglich?  Im nächsten Moment wirbelte ein Luftzug die Papiere auf dem Schreibpult auf … und zehn gespaltene Schädel sanken auf die Tischplatte. Zwiespalt hatte seinem Namen alle Ehre gemacht. Als der Tod in die Augen des Fremden trat, verschwanden die Spiegelbilder und er verwandelte sich … von einer hageren Bohnenstange in einen stämmigen Glatzkopf.
Grimwardt und Faust wechselten fragende Blicke.
„Umbranten verarschen Umbranten“, meinte Faust achselzuckend, warf sich sein Schwert über die Schulter und begann, den Fremden zu plündern.
„Woher wusstest du, welcher davon er war?“
Faust zog die Nase kraus. „Guter Riecher.“
„Was bist du, ein Trüffelschwein?“, brummte Grimwardt kopfschüttelnd. „Und warum konnte der Kerl trotz Antimagie zaubern? Sowohl seine Spiegelbilder als auch sein Verkleidungszauber schienen dagegen immun zu sein.“
„Hm, ich glaube, er war ein ziemlich hohes Tier. Sieh dir das an.“ Faust reichte ihm einen Siegelring, den er bei dem Fremden gefunden hatte: Das Siegel zeigte eine Sphäre über drei Berggipfeln.
Grimwardt kniff die Augen zusammen, als er sich daran zu erinnern versuchte, wo er das Symbol schon einmal gesehen hatte. „Ich bin mir nicht ganz sicher“, sagte er bedächtig,  „aber ich glaube, die Gehirnmasse, die da an deinem Schwert klebt, gehört einem der Prinzen von Umbra.“

Winter
Die Augen des bewusstlosen Zaubergehilfen bewegten sich unruhig hinter den geschlossenen Lidern, als Winters Zauber seinen Geist durchbohrte. Ein magischer Fingerzeig und sie hätte all seine Erinnerungen löschen und seinen Geist auf Tag Null schalten oder ihm einreden können, er sei ein dreijähriger Dunkelzwerg.
„Weck ihn auf.“
Nachdem Miu den Verwundeten mit einem Heilzauber in die Wirklichkeit zurück geholt hatte, zwang Winter ihn mit einem telepathischen Befehl, den Blick auf seinen toten Gefährten zu richten. Sie las Verwirrung und Furcht in seinen Gedanken.
„Wer ist das?“
„Das … ist einer der Zwillinge. Prinz Vattick oder Mattick Tanthul. Niemand kann sie auseinander halten.“
„Aber der Siegelring, den er trägt, gehört einem anderen, nicht?“
Sie hielt ihm das Schmuckstück unter die Nase.
„Das ist Prinz Brennus‘ Wappen – der jüngste Sohn des Hochprinzen. Er … ist ein Meister der Erkenntnismagie und derjenige, der diesen Ort gefunden hat. Er ist der Leiter der Expedition. Ich dachte …“
Er schnappte nach Luft, als Winter die Eindrücke und Erinnerungen, die ihm bei der Betrachtung des falschen Prinzen in den Sinn kamen, achtlos durchblätterte wie Seiten in einem Buch. Offenbar waren Vattick und Mattick in Umbra für ihre Intrigen berühmt-berüchtigt. Ihre Illusionen waren nicht einmal mithilfe mächtiger Magie zu durchschauen. Welches Spiel auch immer sie spielten, der Gehilfe gehörte nicht zum Kreis der Eingeweihten. Offenbar hatte sein Leben bisher hauptsächlich in der Bibliothek stattgefunden. Winter verlor schnell das Interesse an ihm.
„Was habt ihr hier unten gesucht?“
„Wissen … Wissen um das alte Netheril.“
„Was ist mit dem Expeditionsleiter? An welcher der Ruinen hat er gearbeitet?“
„Er hat die Ausgrabungen an der Akademie betreut“, sagte der Magier.
Winter spürte sein Unbehagen und zwang seinen Geist, sich ihr zu offenbaren. Sie sah einen weiteren Umbranten, der den falschen Brennus bei seinen Besuchen in der Arkanen Akademie häufig begleitet hatte, doch seine Gestalt war in Schatten gehüllt. Doch obwohl der Zaubergehilfe nicht wusste, wer der Fremde war, schien eine Aura der Macht von ihm auszugehen, die ihn vor Ehrfurcht schaudern ließ.
Sie gab ihre Erkenntnisse an die anderen weiter. Faust fand eine Karte, auf der die Lage der Akademie verzeichnet war.
„Wenn wir da vorbeischauen wollen, sollten wir uns beeilen“, bemerkte Drake. „Der Tod eines Prinzen wird nicht lange unbemerkt bleiben. Und ich will hier weg sein, bevor Hackschädels Zwillingsbruder auftaucht. Auf der anderen Seite des Lagers habe ich was Portalartiges gesehen – schätze, die hatten keine Lust, sich jedes Mal durch die Eingeweide des Pilzmonsters zu graben, um nach Hause zu kommen. Wird also nicht lange dauern, bis seine Mitverschwörer hier auftauchen.“
„Gut, brechen wir auf“, sagte Winter. „Warum geht ihr nicht schon mal vor? Ich muss noch ein wenig Gedächtnisarbeit leisten, damit unser Freund hier uns keine Scherereien bereitet.“
Grimwardt sog scharf die Luft ein. Natürlich wusste er, dass der Zaubergehilfe niemandem mehr Scherereien bereiten würde, wenn sie mit ihm fertig war. Ihre Maskerade galt lediglich Drizzt. Wenn er herausfand, mit wem er es zu tun hatte, würde sie ihn vermutlich töten müssen und sie wollte Faust nicht seinen Wettkampf verderben …

Faust
Die Arkane Akademie hatte einmal – den Plänen des Expeditionsleiters zufolge – aus einem festungsartigen Hauptgebäude und neun Türmen bestanden – ein Turm für jede Schule der Magie. Im Gegensatz zu den restlichen Gebäuden der Stadt schien der größte Teil des Komplexes erhalten geblieben zu sein. Grimwardt glaubte, dass das ungewöhnliche Metall, das er bereits in den Trümmern des Tempus-Tempels entdeckt hatte, dafür verantwortlich war. Die Akademie war vollständig daraus erbaut. Die Umbranten hatten nur die Hautfassade der Akademie aus dem Pilz befreit. Fenster gab es nicht – vielleicht hatte der Pilz also niemals einen Weg hinein gefunden. Das würde erklären, warum die Expeditionsmitglieder ihre Arbeit nicht fortgesetzt hatten. Faust konnte nur erahnen, welchen Wirbel ein solcher Fund – eine vollständig erhaltene Zauberakademie aus dem alten Imperium – in Umbra ausgelöst haben musste.
„Ein mächtiger Dimensionsbann liegt auf dem Gebäude“, sagte Winter, nachdem sie den Komplex einer magischen Untersuchung unterzogen hatte. „Und das Haupttor ist keine wirkliche Tür, sondern ein Portal. Ohne Schlüsselring gibt es kein Hineinkommen.“
„Mal sehen, was ich mit Sagenkunde herausfinden kann“, meinte Faust und kniete sich vor das kunstvoll verzierte Eingangsportal. Er hatte die Formel noch nicht zu Ende gesprochen, als er spürte, wie der Zauber die Kontrolle über seinen Körper übernahm und seine Glieder zu zucken begannen.
 „Faust! Sie sind da!“
Mius eindringliches Rütteln riss ihn jäh aus dem Bann der Vision.
„He!“, krächzte er, während er sich durch den Nebel zurückkämpfte. „Ich war noch nicht so weit, was …?“
 „… Das ist für unsere Brüder!“, hörte er noch eine zischende Stimme, ehe ein jähes Zaubergewitter über ihn herein brach.
Energiekugeln regneten auf ihn nieder, während er sich auf die Beine kämpfte und die Lage zu überblicken versuchte. Die Angreifer – drei Umbranten – waren mindestens fünfzig Meter entfernt. Der kleine Kahlkopf mit dem hassverzerrten Blick war unschwer als der Zwillingsbruder des falschen Ausgrabungsleiters zu erkennen. Der zweite Umbrant, ein Magier mit schwarzem Kinnbart, schien weitaus besonnener, wenn auch ebenso entschlossen. Der Krieger in ihrer Mitte, vermutlich ihr Anführer, war weitaus kräftiger und größer als die anderen beiden. Er trug eine kostbar verzierte Rüstung mit einem aufwendig gestalteten Klingenfänger aus Drachenzähnen am Halsstück. Das Emblem eines schwarzen Drachens zierte auch seinen Schild und den Griff seines Schwertes.
Sie standen drei Prinzen von Umbra gegenüber.
Faust rannte los.
Drizzt, die wieder einmal als erstes reagiert hatte, war innerhalb eines Lidschlags bei den Angreifern. Bevor er sie erreichte, hüllte Schwarzbart sich und den Zwilling in eine Regenbogensphäre, die von schwarzen Schlieren durchzogen war – ihre Bedeutung überstieg Fausts arkane Kenntnisse, doch die Mutation eines ohnehin schon mächtigen Zaubers konnte nichts Gutes bedeuten. Offenbar stimmte es, was man sich über die Umbranten erzählte: Seit der Zauberpest gab es – vielleicht außer Winter – niemanden mehr, der es mit ihrer Zaubermacht aufnehmen konnte.
Drizzt war nur noch ein Blitz, der sich der Wahrnehmung entzog, als er auf den Drachenkrieger zu preschte. Sein Angriff riss den viel größeren Umbranten beinahe von den Füßen, doch er zahlte es ihm mit gleicher Münze heim. Mit dem ersten Schwerthieb brachte er Drizzt zu Fall, der zweite verfehlte nur knapp das Herz des am Boden Liegenden.
Faust kam gerade noch rechtzeitig, um den schwer verwundeten Drow zur Seite zu stoßen, aus dem Angriffsbereich des Umbranten. Zusammen mit Grimwardt und Drake nahm er den Drachenkrieger in die Zange. Der stieß ein irres Lachen aus, als Stahl auf Stahl traf und er sich gegen drei Angreifer zugleich zu Wehr setzte. Das Lachen endete in einem ohrenbetäubenden Kreischen, das sie alle wie nach einem Explosionsknall in einen Kokon der Taubheit hüllte. Faust gelang es, den Druck auf den Ohren abzuschütteln, doch Drake neben ihm ging vor Schmerz in die Knie, während ihm Blut aus den Ohren quoll. Ein flüchtiger Blick nach hinten sagte Faust, dass der Schallangriff auch Winter und Miu in die Knie gezwungen hatte. Unter dem Schwarm von Energiegeschossen, die die Magier auf die vor Schmerz Gelähmten niederbeschworen, gingen die beiden Frauen zu Boden. Unmittelbar darauf folgte eine Bannwelle – Faust schien es, als ob ihn etwas bis auf die Knochen auszog und nackt und schutzlos zurückließ: Ein einziger gegnerischer Bann entriss ihm und seinen Gefährten die Kontrolle über sämtliche Schutz- und Kampfzauber, die auf ihnen lagen. Die Umbrantenbrüder hatten ihren Standpunkt klargemacht: Das war keine Drohgebärde – sie wollten sie tot sehen! Es sah wirklich mies für sie aus; trotzdem spürte Faust, wie ihm die Kampfwut in die Glieder fuhr.
- Grim!
- Schon klar.

Grimwardts antimagische Zone konnte zwar nichts gegen die Regenbogensphäre ausrichten, aber sie beraubte den Drachenkrieger seines Zaubervorteils und schützte sie zudem vor weiteren Zauberangriffen der beiden Magier. Verbissen attackierten die beiden Freunde den Krieger von beiden Seiten. Schon nach wenigen Hieben gewannen sie die Oberhand. Doch als er schon aus zahlreihen Wunden blutete, gelang es dem Drachenkrieger aus dem Klingendickicht auszubrechen. Die Bewegung riss eine tiefe Wunde in sein Knie, wo Grimwardts Axt ihn streifte, doch mit letzter Kraft schleppte er sich aus der antimagischen Zone und ehe die Freunde es verhindern konnten, hatte er sich mit einem Stoßgebet an seine Dunkle Herrin geheilt, und griff mit doppelter Wucht an.
Ein kurzer Seitenblick sagte Faust, dass Grimwardt genau wie er selbst nicht mehr lange durchhalten würde. Doch es lag ihm fern, in Verzweiflung zu verfallen. Er hatte schon lange auf eine Gelegenheit gewartet, sein Zanmatou-Manöver, das ihn zum Großmeister gemacht hatte, einmal unter realen Bedingungen zu erproben.
- Grim, wenn das nicht reicht, musst du es rausreißen!
- Mach jetzt bloß keine Dummheiten! … Faust?

Faust holte tief Luft und katapultierte sich aus dem Stand in die Höhe, das Schwert über den Kopf erhoben. Die Welt um ihn herum hielt den Atem an, während sein Körper die Kraft von zehn Schlägen in diesen einen legte: Sein Herz schlug zehnmal so schnell, seine Muskeln spannten sich zum Zerbersten und der Rausch brachte sein Blut zum Kochen. Zwiespalt schnitt durch den Schild, den der Umbrant eilig über den Kopf riss, wie durch Butter – doch etwas stimmte nicht. Statt zu zersplittern, nahm der Drachenschild eine geleeartige Konsistenz an: eine widerstandslose Masse, die die ungeheure Wucht des Schlages abfederte – nur um dann wieder zu erhärten und in tausend messerscharfe Einzelteile zu zersplittern, die mit todbringender Geschwindigkeit in alle Richtungen davonstoben.
Schildsplitter schnitten in Fausts Fleisch. Gleichzeitig forderte die ungeheure Kraftanstrengung, die er in das Manöver gelegt hatte, ihren Tribut: Es gab kaum einen Knochen in seinem Körper, der noch heil war, und er kämpfte mühsam darum, bei Besinnung zu bleiben. Als es ihm endlich gelang, den Schmerz und die Schwärze fortzublinzeln, erspähte er, wie der Drachenkrieger Hieb um Hieb Grimwardt immer näher an die tödliche Regenbogensphäre trieb. Faust biss die Zähne zusammen und versuchte vergeblich auf die Beine zu kommen – wenn nicht irgendein Wunder Grimwardt zur Hilfe käme, wären sie geliefert.
Das Wunder kam in Gestalt von Drizzt Do’Urden, der, obgleich er sich selbst kaum noch auf den Beinen halten konnte, pfeilschnell über Faust hinwegsetzte. Faust erkannte sofort, dass der Drachenkrieger ohne seinen Schild und ohne den Schutz seiner göttlichen Magie, die Grimwardts Bannzone noch immer unterdrückte, gegen den Drow verloren hatte: Wenn es um Leben oder Tod ging, war Drizzt unbesiegbar.
Du irrer, kleiner Mistkerl, dachte Faust erleichtert, bevor er endgültig das Bewusstsein verlor.
Als Grimwardt ihn schließlich mit einem Heilzauber aufweckte, war von den drei Umbranten keine Spur mehr zu sehen. Seine Gefährten wirkten erschöpft und angeschlagen, doch sie schienen noch glimpflich davon gekommen zu sein.
„Reicht es nicht, dass unsere Gegner versuchen, uns umzubringen“, knurrte Grimwardt, während er ihm unsanft auf die Füße half. „Musst du ihnen dabei auch noch behilflich sein?“
„Was ist passiert?“, ächzte Faust.
„Drizzt ist passiert. Der Krieger hatte keine Chance, aber an die beiden Magier gab es kein Herankommen. Drizzt war halbtot und ich hätte auch nicht mehr lange durchgehalten – sie waren also immer noch im Vorteil. Drake hat schließlich damit gedroht, ihrem Bruder die Kehle durchzuschneiden. Das wollten die beiden offensichtlich nicht riskieren. Sie haben sich zurückgezogen, um ihre Wunden zu lecken. Aber sie werden nicht lange fortbleiben, da bin ich mir ziemlich sicher. Was auch immer sie hier unten treiben – sie wollen nicht, dass wir es herausfinden.“
Faust nickte. Ein Blick in die Runde sagte ihm, dass seine Gefährten einem weiteren Angriff heute genauso wenig gewachsen waren wie er selbst. Es stand 1:0 für die Umbranten. Doch er würde sich nicht zurückziehen, ehe er nicht wusste, was an diesem Ort so besonders war, dass der Hochprinz vier seiner Söhne schickte, um ihn zu bewachen. Während Winter das Pilzwesen befreite, indem sie ein Loch in einen der Energiewälle bannte, sodass der Pilz zurückfordern konnte, was ihm gehörte, kniete sich Faust vor das Portal der Akademie und wagte einen zweiten Zauberversuch mit Sagenkunde.
Als er wenige Minuten später die Augen aufschlug, pochte sein Herz wild gegen seine Brust.
„Eileanar“, murmelte Faust, während der Nachhall der Vision noch durch seinen Geist spukte. „Wir sind in Eileanar – der Enklave des Karsus.“

Nightmoon

  • Mitglied
    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #331 am: 06. Oktober 2013, 21:32:22 »
Es wird und wird! Wieder sehr schön geworden! Da kam der Tod für den Umbranten so plötzlich wie bei R.R.Martin ;)
Freu mich jetzt natürlich auf das was folgt :)

Winter

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #332 am: 21. Oktober 2013, 22:01:47 »
Das war eine ziemlich kampflastige Episode *g* Da hat die Autorin eine ordentliche Portion Fleißarbeit reinstecken müssen!
Was haben wir mal wieder Blut und Wasser geschwitzt  :D Verdammte Umbranten...intrigantes Pack...

Niobe

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #333 am: 28. Oktober 2013, 23:23:09 »
Kapitel V: Senftopf

Winter
Silbrigmond, vier Tage später.
Das Rauvin-Theater war so rappelvoll, dass Winter mit dem Gedanken spielte, die vier Schritte vom Wettstand zur Ehrentribüne zu teleportieren, um der Gefahr zu entgehen, dass ihr sündhaft teures Kleid, das sie sich eigens für dieses Ereignis hatte schneidern lassen, unliebsame Bekanntschaft mit einer Weinkaraffe oder einem kandierten Apfel machte. Von Luskan im Norden bis Tiefwasser im Süden, von Niewinter an der Schwertküste bis Sundabar im Grenzland zu Netheril schien sich an diesem Tag der gesamte Nordwesten Faerûns in Silbrigmond versammelt zu haben, um Zeuge zu werden, wer die Arena als Faerûns größter Streiter verlassen würde.
„Na, wie viel hast du gesetzt?“, wollte Grimwardt wissen, als sie sich neben ihm und der elfischen Gemahlin des Hochfürsten von Silbrigmond niederließ.
„Hundert“, gab Winter Auskunft.
„Für mehr reicht dein Vertrauen in Faust nicht?“
„Wer behauptet denn, dass ich auf Faust gesetzt hätte?“, fragte sie grinsend.
Grim sah sie an wie ein Ziegenbock, dem jemand eine Sauerkirsche unters Futter gemischt hatte.
„Was?!“, verteidigte sie sich. „Du hast selbst gesehen, was Drizzt mit diesen Frostriesen angestellt hat.“
Der Priester murmelte etwas, das wie „treuloses Huhn“ klang. Winter hätte ihn dafür am liebsten geküsst – es war fast wie in alten Zeiten!
Den ganzen Tag über hatten Spielleute und Schausteller vom Fochlucan-Kolleg die Stadt bei Laune gehalten. Grimwardt hatte „dringenden Geschäften in der Abtei“ den Vorzug vor den übrigen Darbietungen gegeben: So hatte er unter anderem das Schauspiel Wie die Schicksalsstreiter dem Schattenfürsten ein Schnippchen schlugen: eine Komödie in fünf Akten versäumt. Winter hatte wenig Komödiantisches daran finden können, da sie zu sehr damit beschäftigt gewesen war, sich über die Interpretation der „Winter“ aufzuregen, deren Handlungsbeitrag bis auf ein paar hirnlose Zeilen darin bestanden hatte, lasziv in der Gegend herumzustehen.
„Wo ist Miu?“, wunderte sich Grimwardt. „Nicht dass ich erwartet hätte, Drake hier anzutreffen, aber was hält unsere treue Ordensschwester davon ab, über ihren Schützling zu wachen?“
„Das wüsste ich auch gern“, meinte Winter. „Als ich mit Faust heute Morgen aufbrach, meinte sie, sie hätte noch etwas zu erledigen. Als er nachhakte, wisch sie ihm aus …“
„Hm.“ Grimwardt schüttelte besorgt den Kopf. „Irgendwas stimmt nicht mit der Kleinen, seit sie plötzlich so mir nichts dir nichts aus Kara-Tur zurückgekehrt ist.“
„Bloß weil sie Faust nicht mehr wie ein stiller Schatten überall hin folgt?“, fragte Winter spöttisch.
Die Erwiderung ihres Bruders ging im tosenden Jubel der Menge unter: Faust hatte die Arena betreten und hielt die Zuschauer mit ein paar raffinierten Schwertkunststücken bei Laune. Kurz darauf betrat Drizzt den Sand und die Menge geriet völlig außer Rand und Band. Im Gegensatz zu Faust blinzelte der Drow nur ein wenig scheu in die Menge, ehe er die Säbel zog. So, als könne er immer noch nicht glauben, dass ihm – einst ein Flüchtling in der Heimat und ein Geächteter in der Fremde – eine ganze Stadt zujubelte.  
Die Menge verfiel in rhythmisches Klatschen, während sich die beiden Gegner mit Schutzzaubern rüsteten, und magische Lichtspiele hüllten die Arena in eine dramatische Atmosphäre. Der Theatermeister hatte die Kontrahenten mit Zaubern schützen wollen, die sie vor tödlichen Verletzungen bewahrten, doch Faust und Drizzt waren dagegen gewesen, weil sie fanden, dass das den Kampf verfälsche.
Dann sangen die Klingen und der Theatermeister gab das Signal zum Angriff.
Sofort wurde es mucksmäuschenstill.
Drizzt Do’Urden schien sich in Sekundenschnelle in einen rasenden Feuerball zu verwandeln, als er auf Faust zu stob. Doch als er ihn erreichte, war Faust plötzlich verschwunden. Ein verblüfftes Raunen ging durch die Menge.
„Hehe, gerissener Hund“, schmunzelte Grimwardt, der sich mit verschränkten Armen bedächtig in seinem Ehrensessel zurücklehnte, während alle um ihn herum aufgeregt von den Sitzen sprangen.
„Wieso, was ist denn passiert?“, drängte Winter. „Wo ist er?“
„Auf der Ätherebene“, erwiderte der Kriegspriester, dessen Auserwählten-Sinn nichts verborgen blieb. „Den Trick muss er sich von Drake abgeschaut haben. Er wusste, wenn Drizzt ihn unvorbereitet vor die Klinge bekommt, hat er schon so gut wie verloren, darum hat er sich erst einmal verkrümelt, um Drizzt das Überraschungsmoment zu nehmen. Nicht gerade poetisch, aber wirkungsvoll.“
Ein verräterisches Blitzen streifte die Augen des Tempus-Priesters – für einen überzeugten Turniergegner fand er verdächtig viel Gefallen an diesem Duell.
Verunsichert durch Fausts plötzliches Verschwinden zog sich Drizzt zurück und nahm eine Defensivhaltung ein. Sekundenlang hielt ganz Silbrigmond den Atem an. Und dann tauchte Faust plötzlich wieder auf: Wie in einer Zeitstarre gefangen schien er für die Dauer eines Lidschlags im Sprung über dem Drow zu harren: Zwei Helden, die für ein unmögliches Portrait Modell standen. Dann ein gleißendes Licht, als sich Zwiespalt auf den Drow niedersenkte. Sein Gegner versuchte auszuweichen, doch zum ersten Mal war Drizzt Do’Urden einen Lichtblitz zu langsam. Die Klinge schnitt wie Diamant durch seinen rechten Schwertarm – und ein Blutregen ging wie Konfetti auf die Zuschauer in der ersten Reihe nieder, während Drizzts abgetrennter Arm begleitet vom fassungslosen „Ahhhh“ der Menge einen grotesken Bogen durch die Luft beschrieb.
Winter sprang aufgeregt von ihrem Sitz, schlug die Hände vor den Mund und gluckste.
„Oh Mann, Grim, sieh dir das an – er hat ihn! … Grim?“
Ihr Bruder hatte stöhnend die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen. Plötzlich bemerkte Winter, dass es sehr still um sie geworden war. Sie starrte in die bestürzten Gesichter des Hochfürsten und seiner Frau. Ein wenig verlegen setzte sie sich wieder hin.
 „Dieser ruhmtolle Hirnochse“, schimpfte Grimwardt gepresst. „So gewinnt man vielleicht einen Stammeskampf unter Frostriesen, aber doch kein Duell in der Arena von Silbrigmond!“
„Ach, mit dem richtigen Heilzauber ist der Arm im Nu wieder dran.“
„Ein Heilzauber, der die Götter beleidigt! Meinst du, sie schenken uns ihre Gunst, damit wir sie in kindlichen Spielen verplempern?! Außerdem kostet so ein Gebet mehr, als die meisten hier in ihrem ganzen Leben verdienen werden. Was wird sich wohl der einfache Schmied denken, der bei der Arbeit einen Arm verloren hat, wenn Drizzt morgen fröhlich mit gesundem Arm durch die Stadt hüpft – geheilt von einem Zauber, der seine Familie vor der Armut bewahrt hätte?“
Winter biss sich ein wenig kleinlaut auf die Lippen.
Ihr war es herzlich egal, was die Götter dachten, aber mit dem Rest hatte Grimwardt vielleicht Recht. Vermutlich hatten sie nach allem, was sie erlebt hatten, längst verlernt, die Welt mit den Augen gewöhnlicher Sterblicher zu betrachten …

Faust
Komm schon, Drizzt, dachte Faust.
Wankend kam der Drow auf die Füße. Der Blutverlust hätte jeden anderen bewusstlos zusammen brechen lassen. Für eine Weile sah es so aus, als ergehe es dem Drow nicht anders: Er strauchelte, brach mit einem Knie ein und seine Lippen zitterten. Doch dann fiel sein Blick auf seine eigene tote, kalte Hand, die, halb von Staub bedeckt, noch immer die Klinge Eistod umklammert hielt. Als er zu Faust aufblickte, trat ein Ausdruck verhaltenen Zorns in seine Augen, der gleich darauf jenem düsteren Funkeln wich, auf das Faust gewartet hatte. Mit stummer Verbissenheit katapultierte sich Drizzt auf seinen Gegner zu.
Faust hieß ihn mit einem euphorischen Lachen willkommen.
Plötzlich wurde ihm bewusst, dass dieses Funkeln vielleicht der Grund war, warum er so besessen davon war, diesen Kampf zu gewinnen. Er hatte schon vielen herausragenden Kämpfern gegenüber gestanden – aber keiner von ihnen hatte um des Sieges willen gekämpft: Grimwardt hatte seinen Glauben, Omega ihre Philosophie, Tyrail seinen Hass ... Drizzt war womöglich der einzige, der Fausts Euphorie verstand. Auch wenn er es sich selbst nicht eingestehen wollte  – er war ein Besessener genau wie Faust und darum war er der einzige Gegner, der wirklich zählte.
Drizzt kämpfte mit einer Hand besser als die meisten anderen mit zwei und sein stiller Zorn verlieh jedem seiner Hiebe eine akribische Bestimmtheit. Doch Faust hatte im Grunde schon gewonnen – allein der Blutverlust würde Drizzt umbringen, wenn er sich nicht bald heilen ließ.
„Gib auf, Mann“, sagte Faust, als sie das nächste Mal die Klingen kreuzten. „Ich will dich nicht umbringen!“
Drizzt, noch immer in konzentriertes Schweigen gehüllt, antwortete mit einem Hieb in die Magengegend. Faust spürte, dass er bald an seine eigenen Grenzen stoßen würde. Also griff er auf seine Zeitmagie zurück, um sich schneller zu bewegen, als Drizzt ripostieren konnte. Aggressiv drosch er auf seinen Armstumpf ein, um ihm zu zeigen, wie ernst es ihm war. Dreckig, aber nötig: Auch dem Drow musste jetzt klar sein, dass er in wenigen Sekunden tot sein würde.
Ihre Blicke trafen sich.   
Komm schon, das ist es nicht wert!
Drizzt ließ seinen Säbel sinken und signalisierte mit einem kaum merklichen Nicken seine Kapitulation. Faust war sofort zur Stelle, um ihn aufzufangen, als er in die Knie brach. Notdürftig versorgte er seine Wunde.  
Erst als er den Jubel hörte, realisierte er, was das bedeutete. Ein breites Grinsen ergriff nach und nach jeden Muskel in seinem Gesicht. Er richtete sich auf, breitete die Arme aus, warf den Kopf in den Nacken und brüllte seinen Sieg in die Welt hinaus. Mit geschlossenen Augen wartete er auf den aufbrandenden Applaus. Doch statt lauter zu werden, wich der Jubel plötzlich aufgeregtem Stimmengewirr.  
Faust riss die Augen auf.
Nebel.
Die Angst lähmte ihn nur für einen Augenblick, aber das reichte schon aus. Ein Luftzug streifte seine Wange; dann brach er in die Knie. Erstaunt registrierte er, dass er keine Luft mehr bekam.
Erst als der Angreifer, der sich von hinten an ihn herangeschlichen hatte, die Klinge zwischen seinen Rippen hervor zog, setzte der Schmerz ein.
Faust konnte nichts sehen; der Nebel war zu dicht. Doch er hörte, wie Drizzt etwas rief, einen Namen.
Echt jetzt?, dachte er. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.

Grimwardt
„Gehört das zur Vorstellung?“, fragte Winter verwundert. „Hätte ich Drizzt gar nicht zugetraut. Weiß er von Fausts … äh … Nebelphobie?“
Grimwardt kniff misstrauisch die Augen zusammen. Drizzt hatte sich ergeben, das hatte er genau gesehen. Es passte nicht zu ihm, dass er so etwas nur vorgab, um sich mit einem miesen Trick hinterrücks den Sieg zu erschleichen.
„Da stimmt was nicht“, sagte er knapp.
Winter sprang auf. Ihr Bannzauber blies den Nebel, der wie ein monströses Tentakelgezücht durch die Arena kroch, hinweg und enthüllte ein unerwartetes Bild: Faust lag reglos am Boden. Ein Vermummter mit Kurzschwert und Dolch, der neben ihm kniete, war im Begriff ihm die Kehle durchzuschneiden. Drizzt stolperte von hinten auf die beiden zu, doch er war mit seinen Kräften am Ende – er würde es nicht schnell genug schaffen.
Grimwardt war neben Winter getreten und die Inbrunst seiner heiligen Worte ließ die Umstehenden erblassen. Die Menge schrie auf, als sein Heilgebet die Arena in gleißendes Licht tauchte. Als sich die Sicht klärte, stand Faust wieder aufrecht und auch Drizzt sah nicht mehr ganz so sehr aus wie eine Leiche, die ihren eigenen Tod nicht wahrhaben wollte. Und beide hatten es auf den Kopf des Nebelmörders abgesehen. Grimwardt wollte wirklich nicht in der Haut des Fremden stecken, der nun von beiden Seiten in ein gnadenloses Klingengewitter geriet. Die Zuschauer sollten heute mehr für ihr Geld geboten bekommen, als sie bezahlt hatten. Geschickt wich der Angreifer Fausts tödlichsten Manövern aus und lenkte den Drow für einen Augenblick mit einem Blendkniff ab. Das verschaffte ihm einen Augenblick Luft, um etwas unter seinem Umhang hervorzuholen. Als er den Gegenstand – eine hölzerne Schatulle – in die Luft warf, verwandelte sie sich in ein großes schwarzes Pferd mit rot glühenden Augen, das wild wiehernd die flammende Mähne schüttelte. Ein Nachtmahr. Als das Höllenpferd mit einem Sprung über die Kämpfenden hinweg setzte, schwang sich der Fremde auf seinen Rücken. Nicht einmal Drizzt konnte es an Schnelligkeit mit dem Nachtmahr aufnehmen, der in rasendem Galopp luftwandelnd über die Tribünen hinweg preschte. Dabei hinterließen seine Hufe eine Brandschneise und Panik brach aus, als die Zuschauer versuchten, dem Rappen aus dem Weg zu springen. Die Flüchtenden hielten auf den Ostausgang zu, der der Ehrentribüne, auf der Grimwardt und Winter standen, genau entgegen gesetzt war.
Die Geschwister sahen sich in stummem Einverständnis an und fingen zeitgleich an, ihre Zauber zu weben.
Weit kam der Attentäter nicht.
Er hatte etwa zwei Drittel der Strecke hinter sich gelegt, als der Nachtmahr plötzlich von einer riesigen Faust aus göttlicher Energie ergriffen wurde, die dem mörderischen Ritt ein jähes Ende bereitete. Der Reiter flog in hohem Bogen in die Menge, wo er von zwei Energiegeschossen lahmgelegt wurde.
„Hmpf“, brummte Grimwardt abfällig. „Man sollte meinen, dass dieser Wicht, der es sich anmaßt, Faust die Kehle durchschneiden zu wollen, sich einen vernünftigen Teleportationsring leisten können sollte!“
Hochfürst Methrammars Blick wanderte halb ehrfürchtig, halb befremdet zwischen den Geschwistern hin und her.
„Wisst Ihr, wen Ihr da gerade vom Pferd geholt habt? Das ist Artemis Entreri!“

Winter
Gefängnis von Silbrigmond, kurz darauf.
Erstaunlicherweise war das Bild von Dorien, der sie hinter Gefängnisgittern anflehte, ihm aus der Patsche zu helfen, eine der schönsten Erinnerungen, die ihr an ihn geblieben war. Seine Berührung durch die Gitterstäbe. Seine sarkastische Zerknirschtheit. Es war ihre Hochzeitsnacht gewesen. Winter schluckte heftig, um den Kloß in ihrem Hals loszuwerden. Mehr als sechs Jahre – achtzehn sogar, wenn man die Zeit mitrechnete, die sie der Aufenthalt im Zeitstrom gekostet hatte – lag sein Tod nun zurück und allein der Anblick von Artemis‘ Zelle – es war nicht einmal dieselbe, in der Dorien damals gefangen gehalten worden war – trieb ihr die Tränen in die Augen.
Winter schloss kurz die Augen, um sich auf die vor ihr liegende Aufgabe zu konzentrieren. Als sie sie wieder öffnete, blickte Artemis Entreri sie durch die Gitterstäbe unverwandt an.
Winter schauderte.
Wenn die Augen die Fenster zur Seele waren, dann war Artemis‘ Seele eine kalte, blitzende Klinge. Er blickte nicht wie jemand, der mit magiesicheren Fesseln in einem von Faerûns sichersten Kerkern gefangen gehalten wurde und gerade mit einem mächtigen Zauber belegt worden war, der jeden hässlichen Gedanken, den er hegte, jedes teure Geheimnis, das er verbarg, aus der Finsternis reißen konnte. Er blickte vielmehr wie jemand, der wusste, dass seine gegenwärtige Situation das Resultat eines bedauernswerten Missgeschicks war, das er bald gerade biegen würde. Er hatte schon in vielen Kerkern gesessen, las Winter in seinen Gedanken, und keiner hatte ihn lange halten können, und wenn er erst hier raus war, würde er mit denen, die für sein Missgeschick verantwortlich waren, abrechnen.
Wir hätten ihn töten sollen.
Außer diesem beunruhigenden Blick hatte Artemis Entreri nichts Bemerkenswertes an sich. Er war klein und drahtig wie ein Luchs, das dunkle Haar kurzgeschoren und die Bartstoppeln getrimmt und an den Schläfen ergraut. Er muss etwa Mitte Vierzig sein, schätzte Winter, aber dann erinnerte sie sich, dass die Legende vom Stillen Tod von Calimhafen  schon seit weit mehr als dreißig Jahren die Schwertküste in Atem hielt. Sie las sein Geheimnis in seinen Gedanken – und es beunruhigte sie, denn es war auch ihr Geheimnis: Ein grauer, ungesunder Schleier lag über seinen Zügen – wie bei totkranken oder übermüdeten Menschen. Sie selbst sah unter den vielen Puderschichten, die sie täglich auftrug, nicht besser aus. Er verwandelt sich in einen Umbranten, genau wie ich – wenn auch aus anderen Gründen. Sie sah ein mächtiges Artefakt in seinen Gedanken, dem er viel Leid, aber auch den Umstand verdankte, dass er nicht alterte. Und einen Umbrantenfürsten, dem er eine Mischung aus widerwilligem Respekt und blankem Hass entgegenbrachte. Auf komplizierte Weise war er an diesen Mann gebunden.
Großartig, die Umbranten haben ihn an der Leine, noch ein Grund, warum wir ihn hätten umbringen sollen.
Leider hatte Hochfürst Methrammar, der auch Anführer der Silbernen Ritter war, auf Entreris Festnahme bestanden. Grimwardt hätte Winter den Kopf abgerissen, wenn sie vor Tausenden von Zeugen einen seiner engsten Verbündeten gegen Netheril brüskiert hätte, und sie konnte es sich nicht erlauben, ihren brüchigen Waffenstillstand schon wieder aufs Spiel zu setzen. So kam es, dass Artemis Entreri trotz seines Anschlags auf Faust noch lebte. Er wurde über zehn Ländergrenzen hinweg wegen unzähliger Morde, Entführungen und Diebstähle gesucht. Das bedeutete, dass sein Tod durch den Galgen zwar so gut wie sicher war, der Prozess aber ein politisches Tauziehen und ein bürokratischer Albtraum werden würde. Entreri würde vermutlich einen Weg finden, aus diesem Gefängnis auszubrechen, ehe auch nur der Gerichtstermin für die erste Anhörung feststand.
Drizzt hatte die Ansicht des Hochfürsten, Entreri leben zu lassen, zu Winters Überraschung geteilt. Hieß es nicht in den Legenden, dass die beiden Erzfeinde sich auf den Tod bekämpften? Die Gnadenlosigkeit, mit der Drizzt sich in der Arena selbst halbtot noch auf den Assassinen gestürzt hatte, ließ vermuten, dass nicht Barmherzigkeit dahinter steckte. Vielleicht brauchte er Entreri auf dieselbe Weise, wie Faust den Kampf gegen Drizzt gebraucht hatte. Drizzt und Faust waren nicht in Freundschaft auseinander gegangen. Der Drow war kein Mann vieler Worte – aber anders als in Oreme hatte es kein „Wir sehen uns wieder“-Handschütteln, kein „Du weißt, wo du mich finden kannst“-Zwinkern zum Abschied gegeben. Nachdem Grimwardt Drizzts Arm geheilt hatte, war er auf seine unauffällige Art einfach verschwunden. Faust schien es nichts auszumachen, dass Drizzt ihm den abgeschlagenen Arm übel nahm – seine Drizzt-Besessenheit war mit seinem Sieg über den Drow mit einem Schlag geheilt.
Sie durfte jetzt keinen Fehler machen. Der Zauber konnte ihr die ganze düstere Wahrheit über Artemis Entreri enthüllen, aber das würde ihr nur gelingen, wenn sie an den richtigen Strängen zog, die richtigen Fragen stellte.
„Warum wolltet Ihr Faust töten?“, begann sie.
„Ein Auftrag“, erwiderte Entreri knapp und ohne seinen durchdringenden Blick von ihr abzuwenden. So als sei sie diejenige, die hier ins Kreuzverhör genommen wurde.  
„Wer war der Auftraggeber?“
Kurzes Zögern.
„Brennus Tanthul.“
Winter las in seinen Gedanken, dass Entreri nur noch selten Mordaufträge annahm. Er war für Calimhafen das, was der Vampirfürst Orlak für Westtor gewesen war – er beherrschte die Stadt aus der Unterwelt. Für gewöhnlich hatte er es nicht mehr nötig, sich die Hände selbst schmutzig zu machen. Doch diesen Auftrag hatte er aus Prestigegründen angenommen. Sein Mittelsmann in Netheril hatte ihm drei Namen genannt: Grimwardt und Winter Fedaykin und Desmond „Faust“ MacLancastor. Statt einer Anzahlung hatte er ihm einen Freibrief ausgehändigt, der es ihm erlaubte, seine Geschäfte in Sembia auszudehnen – unterzeichnet und besiegelt von Brennus Tanthul. Entreri bezweifelte, dass tatsächlich der jüngste Sohn des Hochfürsten dahinter steckte, denn Brennus Tanthul war als Sonderling bekannt, der sich aus allen politischen Intrigen des Imperiums heraushielt. Aber wer es in Umbra wagen konnte, die Unterschrift eines Prinzen zu fälschen, hatte zweifellos die Macht, Entreri die Privilegien zu gewähren, die er sich in Sembia erhoffte.
Winter gab ihre Erkenntnisse telepathisch an Faust und Grimwardt weiter.
- Meint ihr, das waren die Verschwörer aus Eileanar?
- Vermutlich fürchten sie, dass wir ihrem Geheimnis dort unten auf die Schliche gekommen sein könnten,
vermutete Faust.
- Aber wieso nur wir drei? Was ist mit Drizzt, Drake und Miu. Die waren doch auch dabei.
- Die Umbranten hielten es wohl für überflüssig, Entreri weitere Anreize zu geben, Drizzt Do’Urden umzubringen,
meinte Grimwardt. Und Miu und Drake stellen keine Gefahr dar. Mius einziger Ehrgeiz besteht darin, Faust zu schützen, und Drake ist einfacher zu kaufen, als zu töten.
- Was nun? Was wollen wir noch von ihm wissen?
- Mal sehen, ob er irgendwas bei sich trug, das uns Anhaltspunkte …

Faust hatte angefangen, Entreris Taschen zu durchstöbern, und hielt abrupt inne. Stirnrunzelnd hielt er einen kleinen runden Gegenstand in die Höhle.
Drakes Glasauge.
Winter spürte für einen Augenblick, wie die Seelenkälte sie überkam – jene gefährlich kalte Ruhe, die sie schützend umgab, wenn sie um die fürchtete, die sie liebte. Dann verflog der Moment und wisch Erstaunen. Drake hatte sie und ihre Freunde unzählige Male erpresst, bedroht und belogen; er hatte sogar Scarlet entführt, als sie noch ein Kind gewesen war, ganz zu schweigen von seinen endlosen Sticheleien und schnöden Annäherungsversuchen. Trotzdem war sie erleichtert, als sie in Entreris Gedanken las, dass er noch lebte. Hatte Drake sich so verändert? Oder war sie es, die sich verändert hatte? Der Teil von ihr, über den sie lieber nicht nachdachte, verstand, dass Kaltherzigkeit dem Wahnsinn vorbeugte. Wenn sie erst begann, die Vorwürfe zuzulassen, die an ihr nagten, öffnete sie ein Fass ohne Boden. Wer war sie, Drake vorschreiben zu wollen, wie er sein Fass verschlossen halten sollte?
„Drake stand nicht auf Eurer Liste. Warum habt Ihr ihn angegriffen?“
„Ich brauchte Informationen und die Verhandlungen verliefen etwas schleppend.“
Zum ersten Mal gab Entreri den Hauch einer Gefühlsregung preis – Enttäuschung? Verärgerung? Neugierig folgte Winter dem Erinnerungsfaden etwa 35 Jahre in die Vergangenheit nach Calimhafen.

„Weißt du, wer ich bin?“, fragt Artemis.
Der Junge – Artemis schätzt ihn auf etwa 14 Jahre – zuckt teilnahmslos mit den Schultern und blickt nicht von seiner Arbeit auf, aber Artemis sieht, wie seine Hände zittern, während er die unterschiedlichen Tinkturen, Arzneimittel und Gewürzmischungen beschriftet und säuberlich in die Regale von Horins Apothekenschrank räumt. Er lässt sich beim Schreiben viel Zeit und schreibt in großen, ungelenken Schriftzeichen. Vermutlich kann er noch nicht lange lesen und schreiben. Horin hat ihn erst vor ein paar Monaten von der Straße aufgelesen.
„Wie heißt du?“
„Ekard.“
„Und weiter?“
Der Junge lacht ihn aus, schaut aber immer noch nicht auf.
Ekard. Kein calimschitischer Name. Auch nicht tethyrisch. Vielleicht kommt er aus Amn oder sogar noch weiter aus dem Norden. Wer mit 14 Jahren so weit reist ohne ein Kupferstück in der Hosentasche muss vor irgendetwas auf der Flucht sein. Das ist gut. Macht ihn erpressbar.  
Artemis stützt sich auf die Theke und lehnt sich vor, bis sein Gesicht mit Ekards auf einer Höhe ist.
„Was kannst du mir über Marel Lyndwen sagen?“, fragt er leise.
Ekards erster Impuls ist Flucht. Aber als er den Stahl unter Artemis Kleidung aufblitzen sieht, überlegt er es sich anders. Jetzt hebt er doch den Kopf. Er pisst sich fast in die Hose, aber er hält seinem Blick trotzig stand, bemerkt Artemis anerkennend. Er weiß, die Harfnerin würde niemals einen unschuldigen Jungen in Gefahr bringen. Das ärgert ihn, denn es bedeutet, dass sie weiß, dass er Kindern niemals etwas zuleide tun würde. Berechenbarkeit kann in seinem Beruf den Strick bedeuten.
„Drei Silber“, sagt Ekard plötzlich.
„Was?“
„Sie zahlt mir drei Silber pro Information.“
Artemis lächelt und legt vier Silberstücke auf die Theke.
Ekard zuckt nicht mal mit der Wimper, als er das Geld nimmt.
„Ich sage ihr, in welche Tinkturen Horin Traumgras mengt und wann er sich mit den Kerlen aus der Hakengasse trifft. Und an wen er Schutzgeld bezahlt.“
Was du in deinem elitären Idealismus nicht bedacht hast, erklärt Artemis in Gedanken der jungen Frau, die jetzt tot und aufgeschwemmt in einem Hafenkanal schwimmt, ist, dass Treue ein Luxusgut ist, das einen gewissen Bildungsgrad voraussetzt. Oder Disziplinierung.
„Willst du dir einen richtigen Namen verdienen? Einen vollständigen?“, fragt Artemis den Jungen, einer spontanen Regung folgend.
Zum ersten Mal huscht so etwas wie ein Lächeln über das blasse Gesicht des Jungen.
Artemis lächelt zurück. Dann erstirbt sein Lachen, er schnellt vor, packt den Jungen im Genick und drückt ihn mit dem Gesicht auf die Tischplatte.
„Lektion Nummer eins“, zischt er. „Nur Ratten haben keine Ehre.“


„Als Lehrmeister habt Ihr offenbar versagt“, grinste Winter.
Ihre Augen blitzten vor Aufregung.
Oh, Drake … Jetzt bist du fällig.
„Erzählt mir alles, was Ihr über Drake wisst.“

Drake
Wenig später im Guteleuteviertel.
„Gib mir was von deinem Selbstgebrannten“, murmelte Drake und ließ sich ächzend am Tresen des Hammer und Helm nieder.
„Sicher, Mann?“, fragte der Wirt erstaunt.
„Na, mach schon.“
Yuris selbstgebrannter Schnaps eignete sich hervorragend, um die Wohnung eines unliebsamen Nachbarn anzuzünden. Zum Trinken war er dagegen nur zu empfehlen, wenn man das Ziel verfolgte, sich möglichst schnell schachmatt zu setzen und einen Dreck auf den Kater am nächsten Morgen gab. Drake bezweifelte, dass seine Kopfschmerzen noch schlimmer werden konnten, darum war er bereit, dem elenden Gesöff eine Chance zu geben.
Yuri wandte verlegen den Kopf ab, als er ihm den Schnaps einschenkte.
Drake betrachtete sich in dem Messingbecher. Sein Gesicht sah aus wie etwas, das Kinder sich als Spukmaske aufsetzten, um sich gegenseitig Angst einzujagen. Schwarz und höhnisch glotzte die leere Augenhöhle aus seinem Gesicht und die Blutschlieren, die eingetrocknet waren, während er bewusstlos in der Gasse gelegen hatte, in der Entreri ihn zurückgelassen hatte, malten ein schwarzes Spinnwebenmuster auf sein Gesicht.
Nur das Auge, dachte Drake.
Sein Lehrmeister hatte ihm nur das Glasauge herausgeschnitten. Wenn es ihm ums Plündern gegangen wäre, hätte er ihn bis auf die Knochen ausziehen können und wäre um einen ganzen Batzen Geld reicher gewesen. Aber er wollte ihn demütigen, deshalb hatte er sich mit dem Auge begnügt. Er hatte Drake gern als sein persönliches Experiment betrachtet und war dann enttäuscht gewesen, als das Resultat nicht ganz dem entsprach, was er sich erhofft hatte. Drake hielt von Entreris verworrenem Ehrenkodex ebenso wenig wie von der eisernen Disziplin, die er propagierte. Trotzdem hatte sein Lehrmeister in dieser Sache vermutlich recht – er hatte sich hier in etwas verrannt, das eine Nummer zu groß für ihn war.  
Es dauerte nicht lang, bis Faust und Winter ihn im Hammer und Helm aufspürten. Er brauchte nicht zu fragen, wie der Kampf ausgegangen war. Das ehrfürchtige Schweigen, das abrupt einsetzte, als Faust durch die Tür protzte, war Auskunft genug. Im nächsten Moment hatte er Fausts Eisenklaue im Rücken – es war die Art von Schulterklopfen, die leicht in einem Genickbruch enden konnte.
„Hast du mich vermisst, Arschloch?“, fragte Faust grantig, während er sich neben ihm niederließ. Dann ließ er Drakes Glasauge, das er wie einen ekligen Käfer mit zwei Fingern hielt, in seinen Becher plumpsen.
„Danke fürs Desinfizieren“, sagte Drake säuerlich, während er das Auge aus dem Schnaps fischte.
„1.000 Gold für Informationen über mich, ist das dein Ernst?“
„Hätte dich für weniger verraten, wenn ich nicht einen Ruf zu verlieren hätte.“
Dabei dachte er: Scheiße, also haben sie ihn erwischt. Ihm wurde ganz mulmig, wenn er sich vor Augen führte, was Entreri noch alles ausgeplaudert haben könnte.
„Warum wolltest du Grim und mich nicht verraten?“, fragte Winter, die sich auf seiner anderen Seite niedergelassen hatte, mit ernstem Gesicht.
„Vorrübergehende Unzurechnungsfähigkeit, kommt nicht wieder vor“, murmelte er. Er wandte sich ab, denn er wollte nicht, dass sie zusah, während er sich sein Glasauge wieder einsetzte.
„Ernsthaft, Drake!“ Winter packte ihn an der Schulter und zwang ihn, ihr in die Augen zu sehen. „Es lief doch ganz gut! Heißt das, dass wir uns wieder ständig umschauen müssen, aus Angst, dass du uns gerade einen Dolch in den Rücken rammst?!“
Ich habe einem Typen, der mich praktisch in der Hand hält, nicht eher gegeben, was er über dich wissen wollte, ehe er mir ein Auge ausgerissen und mir einen Scheißdolch an die Kehle gesetzt hat, was glaubst du wohl, warum?, hätte er ihr am liebsten wütend entgegen geschleudert. Stattdessen sah er sie nur lange ausdruckslos an. Dann kniff er sein Auge zusammen und wog lauernd den Kopf.
„Was würdest du mir geben, wenn ich dir versprechen würde, dir niemals in den Rücken zu fallen?“, fragte er herausfordernd.
„Drake, also wirklich, das ist jetzt echt nicht der richtige Zeitpunkt!“
„Glaubst du echt, du hast mit deinem Arschloch-Charme bei ihr eine Chance?“, fragte Faust trocken.
„Kannst du eigentlich irgendwann mal deine kolossale Fresse halten?!“, zischte Drake, dem jetzt endgültig der Geduldsfaden riss. „Hat dich irgendwer um deine Meinung gebeten oder warum glaubst du, zu allem deinen Senf abgeben zu müssen?“
„Hey, Mann, siehst du diesen Körper?“, erwiderte Faust mit geschwollener Brust. „Das ist ein Topf voller Senf!“
Dem war nichts mehr hinzuzufügen. Drake formte mit den Lippen ein „Was zur Hölle“, Winter kicherte belustigt vor sich hin und sogar Faust selbst kratzte sich ein wenig irritiert am Kopf.
„Mann, du hast so derbe einen an der Klatsche“, murmelte Drake schließlich, nahm einen Zug von Yuris Selbstgebrannten und verzog angewidert das Gesicht. „Lebt Entreri noch?“
„Der Hochfürst hat drauf bestanden“, murrte Winter. „Sag jetzt bloß nichts.“
„Hm.“  Wie nicht anders zu erwarten. „Und wie sehen die weiteren Pläne aus? Wollt ihr das Geheimnis von Eileanar lüften oder doch eher eine romantische Nacht bei Gerti Orelsdottr verbringen?“, fragte er zynisch.
„Niemand geht zu Gerti Orelsdottr“, schnaubte Winter verdrossen. Faust warf Drake einen vernichtenden Blick zu und Drake zeigte ihm in Gedanken den Mittelfinger.
Das ist dafür, dass du mir eben in die Parade gefahren bist, Senftopf!
Faust holte tief Luft.
„Winter, ich will dir dazu jetzt mal was sagen: Ich lebe jetzt schon seit einer ganzen Weile unfreiwillig abstinent. Wenn du eifersüchtig bist, brauchst du mich nur …“
„Ich bin nicht eifersüchtig, ich halte nur diese ganze Titanen-Geschichte für völligen Blödsinn!“
„Seit wann interessierst du dich für meine Forschungen?“
„Seit wann fällt ein Liebesbesuch bei Frostriesen in die Kategorie Forschung?!“
„Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass Titanen das Geheimnis kennen, wie man Götter …“
„Faust, ich höre mir diesen Mist nicht länger an!“, schnappte Winter. „Wenn du unbedingt zu dieser Gerti gehen willst, dann tue es! Ich halte dich sicher nicht auf!“
Und damit wirbelte sie eingeschnappt herum und verließ erhobenen Hauptes das Gasthaus.  
„Autsch“, grinste Drake.
Frustriert bestellte sich Faust ebenfalls einen Selbstgebrannten. Nach einem Becher fing er an zu fluchen, nach drei schien er vergessen zu haben, dass Drake ihm die ganze Sache eingebrockt hatte.
„Mann, ich verstehe sie echt nicht“, stöhnte er. „Was ist denn damals zwischen ihr und diesem Dorien gewesen, dass sie einfach nicht über den Kerl hinwegkommt?“
„Nichts, das ist ja der Punkt“, murmelte Drake. „Das Gute an Erinnerungen ist, dass du ihnen jede Gestalt geben kannst und sie dich nie enttäuschen.“
Faust trank seinen vierten Becher in einem Zug.
„Mist“, sagte er und rülpste. „Ich habe heute Drizzt Do’Urden besiegt. Ich sollte ein verdammtes Fest feiern, stattdessen sitze ich hier in dieser Söldnerabsteige, trinke das schlechteste Gebräu, das mir je die Kehle verbrannt hat, und rede mit dir über einen Typen, der seit fast zwanzig Jahren tot ist.“
„Tja, scheiße gelaufen, Senftopf.“
« Letzte Änderung: 28. Oktober 2013, 23:35:13 von Niobe »

Nightmoon

  • Mitglied
    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #334 am: 29. Oktober 2013, 23:04:50 »
Das war schön! Ein sehr unterhaltsames Kapitel! Musste sofort wieder an die ganzen Momente am Spielabend denken! Das ist eh das beste an der ganzen Geschichte, dass jedes Kapitel einen wieder zurückversetzt an den jeweiligen schönen Abend! :)

Nightmoon

  • Mitglied
    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #335 am: 25. November 2013, 19:21:34 »
Na, was passiert denn derzeit auf dem Papier so? Freue mich auf das Duell zwischen Kelemvor und Tempus ;)

Niobe

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #336 am: 04. Dezember 2013, 16:42:47 »
Der Kampf der Auserwählten kommt wohl erst im übernächsten Kapitel. Erstmal müsst ihr Rasilith entumbranisieren ...

Winter

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #337 am: 05. Dezember 2013, 22:12:15 »
Ist es zu fassen, dass ich dieses wunderbare Kapitel erst heute entdeckt und gelesen habe???
Versüßt mir den Abend :-)

Niobe

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #338 am: 18. Dezember 2013, 05:35:54 »
Kapitel VI: Für das größere Wohl

Grimwardt
Schwerterteich bei Rabenklippe, drei Tage später.
„Wusstest du hiervon?“, murmelte Winter an Faust gewandt, während die Freunde durch das Labyrinth der Katakomben irrten, das sich unter dem Anwesen der Neun Schwerter erstreckte. Sie waren nur zu dritt. Miu war seit ein paar Tagen nur noch zum Schlafen in Fausts und Winters gemeinsamer Wohnung in Silbrigmond aufgetaucht und Drake hatte es wohl für das Beste gehalten, nach seinem unliebsamen Wiedersehen mit seinem alten Mentor vorerst unterzutauchen.
„Naja, die Schwerter führt es auf ihren Missionen zu den unterschiedlichsten Orten in ganz Toril“, hallte Fausts Stimme von den Wänden wider. „Ich dachte mir schon, dass das Portal zum Tempel der Vier Winde in Shou-Lung nicht das einzige ist. Aber ich hatte keine Ahnung, dass Omega einen ganzen Unterreich-Bezirk gepachtet hat … Hey, Pranke, hiergeblieben!“
Doch der sonst so folgsame Tigergefährte ihres Freundes Nimoroth schien irgendetwas zu wittern. Fluchend rannten die drei ihm nach, als er davon preschte. Nach drei Wegkreuzungen erreichten sie einen Gefängnistrakt. Die Zellen waren leer – alle bis auf eine. Nimoroths Säbel und sein Bündel lagen ordentlich verstaut in einer Ecke. Auf einer Pritsche saß eine steinerne Elfenstatue. Mit aufgerissenen Steinaugen starrte der Druide seinen Freunden entgegen.
„Bei Veiros‘ Ungestüm, der Tiger hatte Recht“, murmelte Grimwardt. „Nerûl, Pranke weg, du brichst ihm noch irgendwas.“
Winter hatte schon zu einer Zauberformel angesetzt und kurz darauf erwachte die Statue keuchend zum Leben. Nun, da er wieder aus Fleisch und Blut war, tränkte sich Nimoroths Hemd mit Blut.
„Junge, wer hat dich denn so zugerichtet“, grummelte Grimwardt, während er den Freund heilte.
„Das war dieser Avariel …“ Der Waldelf blinzelte dankbar von einem zum anderen. „Ich bin wohl ziemlich aus der Übung gekommen“, bemerkte er zerknirscht. „Hat Nerûl euch gerufen?“
„Kalith hat uns gebeten, nach dir zu suchen“, erwiderte Winter. „Du warst seit ein paar Tagen verschwunden und der Tiger begann, sich Sorgen zu machen. Ein Druide, der ihn befragte, fand heraus, dass du zu den Neun Schwertern aufgebrochen warst.“
Nimoroth nickte.
„Ich hatte Nerûl gebeten, Alarm zu schlagen, wenn ich länger verschwunden bleibe.“ Er tätschelte seinem treuen Gefährten den Kopf.
„Klingt, als hättest du schon mit Ärger gerechnet“, bemerkte Grimwardt. „Was war los?“
„Ich weiß, ihr vertraut diesem Avariel, aber ich habe nicht vergessen, was er in Immerschwinge angerichtet hat; eine Vorsichtsmaßnahme schien mir nur sinnvoll. Er bat mich in einem Brief um ein Treffen; meinte, es ginge um Winter …“
Er suchte Winters Blick, offenbar unschlüssig, wie viel er preisgeben durfte.
„Um ihre Seelensucht“, brummte der Priester unverblümt.
Nimoroth nickte, doch seine dunklen Augen verrieten nicht, was er dachte.
„Ich habe in der Vergangenheit immer wieder Veränderungen beobachtet, die mir Anlass zur Sorge gegeben haben. Also willigte ich ein. Da es Elijas nicht gestattet ist, Myth Drannor zu betreten, kam ich hierher. Er erzählte mir von dem Ritual des Kelemvor-Priesters.“
Winter hatte schuldbewusst den Blick gesenkt und puhle sich die Hornhaut von den Fingern.
„Ich verurteile dich nicht“, sagte der Elf leise.
Sie hob scheu den Blick.
„Damals nach der Sache mit den seelenlosen Geburten in den Vampirkrypten, als wir gegen Orlak versagt hatten und ich Kalith tot glaubte … Ich glaube, wenn mir damals jemand einen Ausweg angeboten hätte, mir wäre der Preis egal gewesen“, erklärte Nimoroth mit beklemmender Ehrlichkeit. „Du hast etwas Unverzeihliches getan, aber ich glaube, dass es noch nicht zu spät für dich ist, umzukehren. Und wenn du irgendwann dazu bereit bist, dann kann ich dir helfen, Winter. Ich hoffe, das weißt du.“
Tränen glitzerten in Winters Augen und zum ersten Mal hatte Grimwardt die vage Hoffnung, dass sie tatsächlich den Willen zur Umkehr aufbringen könnte. Aber vielleicht war das auch nur die Erinnerung an die alte Winter, die Nimoroth in ihm weckte.
Faust räusperte sich.
„Wann hat die Begegnung mit Elijas denn eine so blutige Wendung genommen?“
„Er wollte von mir wissen, wo Scarlet ist.“
„Was?“ Winter erstarrte. „Warum?“
„Das wollte er mir nicht sagen.“
„Du hast doch nicht …?“
„Natürlich nicht. Aber nachdem er mich niedergeschlagen hatte, hat er sich alles, was er wissen wollte, aus meinem Hirn gezogen“, murmelte Nimoroth bitter. „Keine Sorge, er wird nicht viel damit anfangen können. Laguna ist sehr vorsichtig geworden und gibt mir nur noch sehr vage Informationen. Ich weiß nur, dass das nächste Angriffsziel der Elah’ni eine Stadt in der südlichen Anauroch ist: Rasilith.“
„Wer sind die Elah’ni?“
„Das ist der Name, den die Sandfürsten ihrer neuen Anführerin gegeben haben. Sie ist eine Gesegnete der Elah, eines altnetherischen Aspektes der Mondgöttin Selûne, der von den Wüstenstämmen verehrt wird. Die Elah’ni ist zum Symbol des Widerstands gegen Netheril geworden. Sie hat die Bedinen geeint und sammelt eine Armee um sich.“
Winter sprang auf.
„Wir brechen noch heute auf“, entschied sie.
„Nicht so hastig“, knurrte Grimwardt.
„Dein Bruder hat Recht“, pflichtete Faust ihm bei. „Falls die Umbranten dort mit einem Angriff rechnen, sind sie womöglich bis an die Zähne bewaffnet – und du bist die einzige von uns, die in der Anauroch Magie wirken kann. Außerdem hängen vermutlich unsere Visagen da nach unserem Ausflug nach Eileanar und dem Tod des Zwillings an jeder Häuserwand. Ich bin zwar ein großer Freund der Draufhauen-und-später-fragen-Methode, aber in dem Fall ist das vielleicht nicht die beste Idee.“

Winter
Rasilith, Netheril, einen Tag darauf.   
Demütig hielt Winter den Kopf gesenkt, während Grimwardt mit den Wachen am Stadttor sprach, doch in ihr brodelte es. Sie kannte die Sprache nicht, doch das Alt-Illuskisch der Netherim klang anders. Vermutlich irgendein Wüstendialekt. Mit dem schwarz gefärbten Bart und der dunklen Gesichtscreme sah Grim tatsächlich aus wie ein hartgesottener Bedine, wie Winter, der die kosmetische Leitung ihrer Mission oblag, befriedigt feststellte. Dennoch ging ihr das alles zu langsam. Am liebsten hätte sie dieses elende Wüstenloch sofort dem Erdboden gleichgemacht, wenn sie nicht hätte befürchten müssen, auch Scarlet dabei zu begraben.
Plötzlich trat eine der Wachen vor und rief Faust etwas zu.
- Er will unsere Waffen, übersetzte Grimwardt. Ich habe gesagt, wir seien Reisende auf dem Weg nach Lundeth und wollten unseren Wasservorrat auffrischen.
- Unsere Waffen? Äh … schlechte Idee, bemerkte Faust mit einem Blick nach oben. Die aufgespießten Köpfe von zehn Männern, denen Geier die Augen ausgepickt hatten, starrten von ihren Pfählen blicklos auf sie herab. Was auch immer hier vorgefallen war, ihrer Magie und Waffen beraubt, wären ihre drei Begleiter Winter keine große Hilfe. Also setzte eilig zu einer Bezauberung an.
Kurz darauf betraten die Gefährten ungehindert die Stadt, während sich die beiden Soldaten verwirrt die pochenden Schädel rieben. Der Anblick der tristen Lehmbaracken, die rechts und links den staubigen Weg säumten, trug nicht dazu bei, Winters nagende Sorge zu zügeln. Auf dem Weg zum Marktplatz schlugen ihnen weder Feilschgezeter noch Tiergeschrei entgegen. Nur wenige vermummte Gestalten huschten von Zeit zu Zeit durch die staubigen Straßen, die Gesichter furchtsam zum Himmel gewandt, wo in regelmäßigen Abständen Veserab-Flugscharen die Stadt aus der Luft patrouillierten. Die schrillen Schreie der umbrantischen Reittiere waren der einzige Laut, der hin und wieder die hitzeschwangere Mittagsstille durchbrach.
Abgesehen von Hades‘ monotoner Litanei.
Sie hörten den Kelemvor-Priester, ehe sie ihn sahen. Mit unheilschwerer Stimme schien er Selbstgespräche zu führen wie ein besessener Eremit. Winter lief ein Schauer über den Rücken: Auf dem Marktplatz ragten, bewacht von vier Soldaten und einem umbrantischen Befehlshaber, zwei Kreuze wie finstere Mahnmale auf. Man hatte Elijas und Hades mit Eisennägeln an die hölzernen Pfähle genagelt. Der Avariel, dessen zerfetzte, sandschwere Flügel hinter ihm herabhingen wie Leichentücher, bot einen furchtbaren Anblick und nur der Umstand, dass die Geier sich noch nicht über ihn hergemacht hatten, ließ vermuten, dass noch ein Rest Leben in ihm steckte. Hades dagegen war nicht nur bei vollem Bewusstsein, sondern hielt seinen Peinigern mit staubtrockenen Lippen und blutunterlaufenen Geisteraugen einen Vortrag über ihre Verbrechen und die Qualen, die sie dafür in der Stadt der Seelen erwarteten. Schweißperlen glitzerten auf den Stirnen der Krieger, von denen einige unruhig von einem auf den anderen Fuß traten. Nur die Anwesenheit des Umbranten schien sie davon abzuhalten, so schnell sie konnten das Weite zu suchen, um dem schaurigen Urteil des Todespriesters zu entgehen. Ein leises Lächeln der Genugtuung ließ Winters Mundwinkel zucken, auch wenn sie nicht so sicher war, wer hier die größeren Qualen litt.
Die Gefährten taten es den Einheimischen gleich, die mit gesenkten Häuptern an der verstörenden Szene vorbeieilten. Erst in einer Seitengasse hielten sie inne.
„Tja “, bemerkte Winter mitleidslos. „Schätze, dann können wir wieder gehen?“
„Ist das dein Ernst?“, murmelte Faust.
„Mein voller Ernst“, entgegnete Winter finster. „Die beiden haben versucht mich umzubringen und jetzt bedrohen sie meine Tochter! Was erwartest du?“
„Du weißt doch gar nicht, was sie vorhaben. Komm schon, glaubst du wirklich, Hades könnte eine Erpressungsnummer durchziehen?“
„Er hätte mich umgebracht!“
Faust fuhr sich unschlüssig über den Hinterkopf, doch dann schüttelte er entschieden den Kopf.
„Tut mir leid, Winter, aber ich werde die beiden nicht da hängen lassen.“
„Außerdem sind wir in Bezug auf die Umbranten eine Verpflichtung eingegangen“, mahnte sie Grimwardt. „Diese Stadt hat keine ersichtliche strategische oder symbolische Bedeutung. Ich kann mir nicht vorstellen, was diese Elah’ni hier will und ich gehe nicht eher hier weg, ehe ich weiß, was da los war.“
„Schön, das lässt sich auch anders herausfinden“, schnaubte Winter.
Doch das war einfacher gesagt als getan. Die Einheimischen schlugen den Fremden furchtsam die Tür vor der Nase zu, sobald sie sich nach den Gekreuzigten oder der Elah’ni erkundigten. Schließlich stieß Winter auf eine junge Frau, die vor dem Haus die Wäsche ausklopfte. Sie warf den Männern einen misstrauischen Blick zu und eilte ins Haus, doch als Winter ihr folgte, legte sie keinen Einwand ein. Sie sagte etwas, das Winter nicht verstand.
„Tut mir leid, ich spreche Eure Sprache nicht.“
„Gehört Ihr zu den Sandfürsten?“
„Nein … Aber wir haben gehört, dass sie auf dem Weg nach Rasilith sind. Stimmt das?“
Die Bedine begann angespannt eine Portion Hirse im Mörser zu zerstampfen. Zwei kleine Jungen blickten scheu um die Ecke.
„Wenn, dann werden sie genauso scheitern wie der Schwarze Priester und der Racheengel.“
„Was ist mit ihnen passiert?“
„Sie kamen vor ein paar Tagen in die Stadt. Auf dem Marktplatz fand gerade eine Hinrichtung statt und der Henker verlas die Verbrechen der Verurteilten. Offiziell gibt es keine Rebellen in Rasilith, darum wurden sie wegen Diebstahls oder Ehebruchs hingerichtet. Auf einmal trat der Schwarze Priester vor und sagte: ‚Dieser Mann lügt‘. Sie stritten eine Weile und es endete damit, dass der Henker anstelle der Verurteilten seinen Kopf verlor. Der Schwarze Priester war ganz staubig von der Reise und der Engel hatte die Flügel unter seinem Umhang verborgen, aber in der Hitze des Gefechts erkannten die Umstehenden, dass sie Gesandte der Götter waren. Alle waren so voller Hoffnung. Die Rebellen stürmten die Sandfeste und verjagten diese Schattenhexe Zia Malith aus der Stadt. Aber schon am nächsten Tag kam sie wieder. Mit einer Armee von Dunkelmenschen und dem Sohn des Hexenkönigs, Prinz Melegaunt. Sie schlugen die Rebellion nieder und ließen die Anführer hinrichten. Seitdem hören sie Geier nicht mehr auf, über Rasilith zu kreisen.“
„Die Köpfe vor dem Tor?“
Die Frau nickte.
„Nur den Schwarzen Priester und den Engel haben sie ans Kreuz gehängt. Der Hexenprinz sagt, wenn sie wirklich von den Göttern kämen, dann würden sie am Kreuz nicht verdursten wie ein gewöhnlicher Dieb. Aber der Priester harrt schon seit gestern Morgen dort aus ohne einen Schluck Wasser und es kommen immer noch heilige Worte aus seinem Mund …“
Eher irre als heilig. Doch Winter verkniff sich die Erwiderung.
„Warum ist diese Stadt für die Umbranten so wichtig?“
Die Frau zuckte die Schultern.
„Für die Schattenhexer sind wir doch nicht besser als die Sandfürsten. Dabei war mein Stamm sogar bis aufs Blut mit den D’Tairig-Nomaden verfeindet, bis die Umbranten kamen, unsere Tempel entweihten und uns wie Sklaven behandelten.“
Mit dieser Erklärung wird Grim sich nicht zufrieden geben, dachte Winter seufzend. Und natürlich hatte sie recht. Kaum hatte er gehört, dass die Stadt seiner alten Feindin, Fürstin Zia, unterstand, stand sein Entschluss, die beiden Gekreuzigten zu befreien, fest.
„Faust knöpft sich den Befehlshaber vor, Winter hängt mit Eisenwacht diese beiden Volldeppen ab, die sich ohne Magie mit einem Tanthul angelegt haben, und den Rest halte ich in Schach. Die beiden haben bereits gegen Zia und diesen Melegaunt gekämpft und wissen, wie die Sandfeste verteidigt wird. Das sind wertvolle Informationen für die Rebellen.“
„Wann haben wir beschlossen, dass wir Scarlet unterstützen, statt sie von diesem Irrsinn abzuhalten?“, murrte Winter.
„Das habe ich beschlossen“, erwiderte Grimwardt schroff. „Just in diesem Moment.“
„Schon gut“, murmelte sie.
Aber wenn sich herausstellt, dass die beiden ein krummes Ding geplant haben, werden sie sich noch wünschen, sie wären an diesem Holzbalken verreckt, dachte sie düster.

Faust
Sternwald, Cormanthyr, kurz darauf.
„Langsam, Mann“, brummte Faust und hielt Elijas das Trinkhorn noch einmal hin, nachdem der Avariel den ersten Schluck wieder erbrochen hatte. Hustenkrämpfe schüttelten ihn, aber immerhin behielt er das Wasser diesmal bei sich. Nimoroth war ein wenig sparsam mit seinen Heilsprüchen gewesen und Faust konnte es dem Druiden kaum verübeln. Wie verabredet hatten sie sich nach ihrer Flucht aus Rasilith im Sternwald getroffen, wo Nimoroth gelegentlich Zeit mit seiner dryadischen Lebensgefährtin verbrachte.
„Ich glaube, ihr schuldet uns eine Erklärung.“ Winter trat mit verschränkten Armen auf die beiden Geretteten zu. „Was hattet ihr in dieser Stadt zu suchen?“
„Ich wüsste nicht, weshalb wir Euch Rechenschaft schuldig wären“, erklärte Hades und erhob sich mit beachtlicher Würde für einen Kerl, der nur einen Lendenschurz trug und dessen Füße und Hände aussahen wie Kohleklumpen. „Doch für Eure Rettung gebührt Euch Dank. Also wisst, dass wir die Stadt aufgesucht haben, um Eure Tochter Scarlet Fedaykin über Euren Zustand aufzuklären.“
Aufzuklären?“
„Da sie, wie mir zu Ohren gekommen ist, der emotionale Beweggrund für Eure Verfehlungen ist, schien uns der Gedanke vernünftig, dass sie am ehesten dazu in der Lage wäre, Euch umzustimmen, Eure abgebrochene Behandlung fortzusetzen.“
„Du meinst den Exorzismus, der mich umbringen würde“, schnaubte Winter. „Ich schätze, dein elfischer Kumpel hat dich nicht darüber aufgeklärt, dass er ihren Aufenthaltsort aus unserem Freund hier rausgeprügelt und ihn dann mundtot gemacht hat, hm?“
Der Richter streifte Elijas mit einem tadelnden Blick.
„Das war mir in der Tat nicht bekannt. Ich werde diese Anschuldigung prüfen und den Beschuldigten im Falle, dass ihr Wahrheitsgehalt nachgewiesen werden kann, seiner gerechten Strafe zuführen.“
Winter lachte verächtlich.
„Ihr seid echt ein großartiges Duo! Ich schätze, es ist juristisch unverfänglicher, wenn du nach vollendeten Tatsachen deinen Richter…stab schwingst oder welchen rituellen Hokuskokus ihr Kelemvorianer euch so einfallen lasst, statt vorher nachzufragen, was?“ Sie wandte sich an Elijas und ihre Smaragdaugen blitzten gefährlich. „Was hast du ihm noch verheimlicht? Was, wenn Scarlet nicht nach eurer Pfeife getanzt hätte? Hättest du ihr dann etwas angetan, um mich in den Selbstmord zu treiben?! Was bist du nur für ein elender Heuchler! Inwiefern ist das, was ich tue, anders als deine Verbrechen für das größere Wohl?“
„Für das größere …?“ Elijas stieß ein tonloses Lachen aus. „Du handelst doch nur aus Eigennutz! Und es ist grausam und falsch, jemandem das Leben zu nehmen, ja, aber es ist endgültig, seine Seele zu verdammen!“
Eine tödliche Spannung ließ Winters Stimme vibrieren.
„Ich frage dich noch mal: Was hattest du mit meiner Tochter vor?“
„Ich weiß es nicht.“
„Was wolltest du ihr antun?!“
Plötzlich schien die Luft um sie herum vor unterdrückter Magie zu knistern. Faust, der ihren Zornausbruch bisher mit einer Art widerwilliger Faszination beobachtet hatte – verdammt, war sie schön, wenn sie wütend war! –  begann nun ernsthaft um das Leben seines Freundes zu fürchten. Mit einem Räuspern legte er Winter den Arm auf die Schulter.
- Wir brauchen ihn noch, du erinnerst dich?
Sie fuhr wie elektrisiert zusammen und wandte sich mit einem frustrierten Schnauben ab.
- Kümmere du dich darum. Ich … muss hier weg.
Faust biss sich grübelnd auf die Lippen, während er ihr nachsah, wie sie fluchtartig zwischen den Bäumen verschwand. Dann wandte er sich seufzend an die beiden Übeltäter.
„Habt ihr nicht eine Kapelle wiederaufzubauen und Ersatz für zwei Ordensmitglieder zu suchen?“, fragte er grantig.
„Zephyra und Garek sind nach dem Tod ihrer Freundin aus dem Orden ausgetreten“, erklärte Elijas mit matter Stimme. „Und Nachtmond wurde immer schwieriger zu kontrollieren. Ich habe ihn schließlich in den Tiefen des Dschungels von Chult ausgesetzt, wo er hoffentlich niemandem etwas zuleide tut. Den Orden der Neun Schwerter gibt es nicht mehr.“
„Führungsschwäche, hm?“
Elijas sah ihn scharf an.
„Ich kann Omega nicht ersetzen und ich teile auch nicht ihre Unparteilichkeit.“ Fröstelnd schlang er die Flügel um den Körper und wandte den Blick zu Boden. „Ich wollte, um unserer Freundschaft willen, dass ich diese Sache einfach auf sich beruhen lassen könnte, aber das kann ich nicht, Faust. Freiheit ist wertvoller als Leben, das solltest du eigentlich am besten wissen, und die nimmt Winter ihren Opfern.“
„Was weißt du schon von der Freiheit unserer Seelen?“, murmelte Faust. „Ihr verändert euch nicht, wenn ihr nach Arvandor geht. Für euch mag der Tod eine Reise sein. Wir sind Baumaterial für irgendwelche göttlichen Reiche, was hat das mit Freiheit zu tun?“
„Mehr als die Reise nach Baator, die sie ihnen aufzwingt.“
Faust wollte erwidern, dass kein Pakt endgültig war, doch da wurde er von einer mentalen Botschaft abgelenkt.
- Es ist Scarlet!, erklärte Winter aufgeregt. Ich habe ihr eine magische Botschaft geschickt, um sie zu warnen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie mir antwortet, aber das hat sie!
- Aus der Anauroch? Ist sie jetzt unter die Schattenmagier gegangen?
- Ist doch unwichtig, sie hat mir ihren Standort verraten. Sie braucht unsere Hilfe.

„Tja …“ Faust rieb sich den pochenden Kopf – langsam nahmen diese telepathischen Übertragungen überhand. „Sieht so aus, als ob wir in den Krieg ziehen würden. Interesse, es dem Typen, der euch ans Kreuz genagelt hat, heimzuzahlen?“
„Einverstanden“, erklärte Hades nach kurzem Zögern. „Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass eine Kooperation meinerseits nicht als langfristige Aufgabe meiner ursprünglichen Motivation zu werten ist.“
„Sprich, wenn du kannst, wirst du Winter trotzdem ans Bein pissen, danke für den Hinweis“, sagte Faust lakonisch. „Nicht wörtlich nehmen“, fügte er schnell hinzu, als er sah, dass Hades zu einem Einwand ansetzte. „Was ist mit dir, Elijas?“
Der Avariel wirkte unschlüssig.
„Komm schon, du hast am eigenen Leib erlebt, wozu diese Typen imstande sind“, murmelte Faust und bot ihm seine Hand an. „Frieden?“
Elijas nickte zögernd und ließ sich von ihm aufhelfen. Doch irgendetwas in seinem Blick gefiel Faust ganz und gar nicht.

Winter
Südliche Anauroch, wenig später.
Zwei Schatten zogen über sie hinweg, als sie in der Wüste auftauchten. Die Flugtiere, die Winter zunächst für Veserabs hielt, erwiesen sich als riesige, sandfarbene Greifvögel, auf denen vermummte Sandkämpfer ritten. Offenbar wurden sie bereits erwartet, denn die beiden D‘Tairig gaben der sechsköpfigen Gruppe – Miu war auf Fausts telepathische Bitte wieder zu ihnen gestoßen – ein Zeichen, ihnen zu folgen. Die nächste Düne gab den Blick auf eine Zeltstadt frei, deren sandbedeckte Dächer sich so harmonisch in die Wüstenlandschaft einfügten, dass selbst die Veserab-Reiter das Lager nur aus nächster Nähe aufspüren konnten. Winter war erstaunt unter den Rebellen zahlreiche Kinder zu finden, die lachend herbeieilten, um das illustre Grüppchen zu bestaunen. Besonders Elijas‘ Federkleid und der Tiger Nerûl wurden zum Streichelobjekt einer Vielzahl neugieriger Kinderhände. Wehmut überkam Winter, als sie an ihren letzten Besuch bei den D’Tairig dachte, und plötzlich bekam sie vor Nervosität ganz nasse Hände. Sechs Jahre war es her, dass sie Scarlet zum letzten Mal gesehen hatte. Um sie nicht in Gefahr zu bringen, war sie all die Jahre auf Abstand geblieben. Scarlet hatte niemals versucht, sie zu finden. Sie hatte ihr nie verziehen, dass sie sie als Kind verlassen hatte. Und wie recht sie damit hatte – sie hätte niemals nach Westtor aufbrechen und ihre achtjährige Tochter im Stich lassen dürfen.
Dafür verdiene ich ihren Hass …
Die Sandadler-Reiter führten sie zu einem Pavillon, der dem Lager als Versammlungsort zu dienen schien. In Grüppchen standen Sandkämpfer beisammen, tranken, aßen, reinigten ihre Waffen oder beobachteten einfach nur das Geschehen. Eine zierliche junge Frau – eher noch ein Kind -, die mit ihrem kahlen, elfenbeinernen Schädel wirkte, als hätte sie noch nie einen Sonnenstrahl abbekommen, trat auf Winter und ihre Gefährten zu, umgeben von einem Gefolge aus Wüstenkämpfern und Elah-Priesterinnen in luftigen Silbergewändern. Enttäuscht stellte Winter fest, dass Scarlet nicht unter ihnen war. Nun, vielleicht war es besser so; ein Wiedersehen in aller Öffentlichkeit hätte ihre Tochter sicher bloß in Verlegenheit gebracht. Ein wenig neidisch beobachtete sie Nimoroth, der seinen Sohn Laguna mit einem ungezwungenen Handschlag begrüßte, als sei es das Normalste der Welt!
Plötzlich trat eine der Sandkämpferinnen vor und drückte Winter an sich. Ein herb-vertrauter Geruch nach Kaffee, Sand und Waffenfett umfing sie, der die Erinnerung an so viele bittersüße Träume wachrief, dass er ihre Beine in Butter verwandelte.
„Es ist schön, dich wiederzusehen, Mutter.“
Sprachlos stolperte sie einen Schritt zurück, um ihrer Tochter ins Gesicht zu blicken. Lächelte sie etwa? Es sah nicht einmal wie ein gestelltes oder gequältes Lächeln aus! Der Gedanke, dass sich Scarlet nach der langen Zeit verändert haben könnte, war ihr gar nicht in den Sinn gekommen! Dicht gesäte Sommersprossen ließen ihr Gesicht fast so braun wirken wie das der D‘Tairig und kleine Sonnenfältchen um die Augen verliehen ihr das herbe, wettergegerbte Aussehen einer viel älteren Frau. Doch als sie mit ihrem strahlenden Grübchenlächeln die Hände ihrer Mutter ergriff, war sie wieder das kleine Mädchen, das Winters Herz zum Schmelzen brachte.   
„Onkel Grim, Mutter: Darf ich euch die Elah’ni vorstellen, die Mondjungfrau der Elah.“
Als es Winter gelang, sich für einen Augenblick vom Anblick ihrer Tochter loszureißen, erkannte sie, dass das weißhäutige Mädchen blind war. Neblige Schlieren verschleierten ihre Augen wie Wolken einen blauen Himmel. Als sie die Hände der Blinden ergriff, bemerkte sie, dass ihr Umhang sein magisches Glimmen zurückgewann. Gleichzeitig überkam sie in der Gegenwart der Mondjungfrau ein sonderbares Gefühl der Feindseligkeit.
„Habt Ihr …? Wie könnt Ihr die Magie des Gewebes hier aufrecht erhalten?“, fragte sie verwirrt.
„Das Mondscheingewebe ist ein Geschenk der Elah“, erwiderte die Elah’ni mit einer dunklen, volltönenden Stimme, die in befremdlichem Kontrast zu ihrem puppenhaften Aussehen stand. Winter machte unwillkürlich einen Schritt zurück. Doch falls die Elah-Gesegnete ihre Affinität zum Schattengewebe spüren konnte, so wie sie die Gegenwart ihrer Mondgöttin wahrnahm, behielt sie es für sich. „Mein Volk ist ganz im Norden der Anauroch beheimatet, wo die Wüste in das Ewige Eismeer übergeht. Genau wir die Bedinen und die Umbranten sind wir Nachkommen der alten Netherim. Telamont Tanthul war nicht der einzige, der den Untergang Netherils voraussah und Vorkehrungen traf. Doch während er sich der Dunkelheit verschrieb, suchte die Gemeinschaft der Mondjünger die Hilfe von Shars silberner Schwester. Sie segnete einige wenige Auserwählte, die ihre Enklaven verließen und mit jenen, die bereit waren, mit ihnen ins Exil zu gehen, Zuflucht in der Ewigen Nacht des Eismeers suchten. In jeder Generation meines Stammes wird seither ein Kind geboren, dem Elah ihre Gunst schenkt. Ich bin eines von ihnen. Lange lebten wir abgeschnitten vom Rest der Welt, bis die Umbranten uns fanden. Bei einem Angriff auf unsere Heimat kamen die meisten von uns ums Leben und ich wurde nach Umbra verschleppt, wo Telamont mich gefangen hielt, um das Mondscheingewebe zu studieren. Doch ich konnte entkommen und schloss mich den Rebellen an, um mein Schicksal zu erfüllen und die Anauroch von der Tyrannei zu befreien…“
„Und damit wollt Ihr in Rasilith anfangen?“, wunderte sich Faust.
„Unter der Stadt liegt ein Knoten des magischen Gewebes. Ihr erinnert euch sicher an den wahnsinnigen Halbgott Volumvax. Er hat ihn vor vielen Jahren mit Schattenmaterie verunreinigt, um das Gewebe an dieser Stelle zu unterdrücken. In drei Tagen ist der nächste Vollmond. Unter dem Schutz Elahs ist meine Macht am größten und ich kann versuchen, den verunreinigten Knoten wiederherzustellen und das magische Monopol der Sharianer in der Anauroch zu brechen.“
„Also dort befindet sich der letzte Knoten …“, murmelte Winter. Viele Jahre war es her, dass sie Volumvax‘ Pläne, ganz Faerûn mit einer magietoten Zone zu überziehen, vereitelt hatten. Doch den letzten Schattenknoten hatten selbst die Sieben Schwestern nicht finden können. Fürstin Alustriel Silberhand hatte ihn unter dem See der Schatten vermutet, doch offenbar hatte sie falsch gelegen.   
„Aber zwischen uns und dem Knoten steht ein Prinz Umbras, der schlimmstenfalls die geballte Kriegsmacht Netherils gegen uns ins Feld führen wird“, sagte Scarlet. „Ich weiß, dass wir dem nicht gewachsen sind – darum bitte ich euch um eure Hilfe. Das Mondscheingewebe wirkt nur in unmittelbarer Umgebung der Elah’ni. Magisch können wir den Umbranten also kaum die Stirn bieten. Melegaunt verteidigt Rasilith mit knapp 150 Soldaten und Kriegsmagiern, die Hälfte davon Umbranten. Wir sind fast doppelt so viele, doch die Mehrzahl hat kaum militärische Erfahrung. Außerdem kommen auf fünf Veserab-Reiter nur zwei unserer Sandadler-Flieger. Und wir müssen schnell sein, damit Melegaunt keine Zeit bleibt, Unterstützung anzufordern.“
Sie hat sich wirklich verändert, dachte Winter versonnen.
Die starrsinnige jungen Frau, die sie vor sechs Jahren kennen gelernt hatte, hätte eher eine Niederlage in Kauf genommen als ihre Mutter, die „Schattenhexe“, um Hilfe zu bitten. Die Rebellen schienen ihr großen Respekt entgegen zu bringen. Fühlte sich so Mutterstolz an?
„Was meinst du, Mutter?“
„Hm?“, schreckte Winter aus ihren Gedanken auf. „Entschuldige, ich war … Was meintest du?“
„Deine Mutter neigt dazu, bei meinen militärischen Ausführungen wegzudämmern“, grummelte Grimwardt.
„Grim meint, du könntest unsere Leute mit Flug- und Unsichtbarkeitszaubern belegen, um das Veserab-Problem zu lösen und uns ungesehen in die Stadt zu bringen. Was meinst du, wie viele von uns könntest du auf diese Weise verzaubern?“
„Wie viele brauchst du?“

Grimwardt
Rasilith, drei Tage später.
„Jetzt!“
Auf Grimwardts Befehl schleuderte Winter einen Verdorren-Zauber auf das Dach der Sandfeste und schaltete die wenigen verbliebenen Bogenschützen aus. Wie erwartet hatte Melegaunt die meisten seiner Soldaten von der Sandfeste – die eigentlich nichts weiter war als eine Sandbarracke mit etwas dickeren Mauern – abgezogen, als die Rebellenarmee den Sturm auf das Nordtor der Stadt eröffnet hatte. Die 70 Sandkämpfer, die Winter darüber hinaus mit Unsichtbarkeits- und Flugzaubern ausgestattet hatte, waren dem Auge seiner Veserab-Späher entgangen. So hatten sie unbemerkt in die Stadt eindringen und die Sandfeste angreifen können. Im Augenblick lieferten sie sich vor den Toren des Komplexes ein wildes Luftgefecht mit den Veserab-Reitern. Gleichzeitig stürmte Grimwardts zehnköpfige Truppe das Dach. 
Meine Glaubensinvestition zahlt sich aus
, dachte er, während er seiner Schwester einen verstohlenen Blick zuwarf. Er hatte mit sich gehadert, doch nun bestand kein Zweifel mehr daran, dass Winter ein wichtiges Kriegsinstrument war, das womöglich über Sieg und Niederlage im aufziehenden Krieg gegen Netheril entscheiden konnte. Telamont fühlte sich zu sicher in seiner magiegeschützten Wüste, sonst hätte er Rasilith mit allen Mitteln verteidigt, die ihm zur Verfügung standen, statt lediglich den Entbehrlichsten seiner Söhne hierhin zu entsenden. Das war vielleicht seine einzige Schwäche – und Winter war Grimwardts großer Trumpf.
„Los! Faust und ich gehen vor, dann die Elah’ni. Nimoroth und Laguna zu ihrer Linken und Hades und Scarlet zu ihrer Rechten. Elijas und Miu bilden die Nachhut und Winter bezieht in der Luft Stellung. Der Schutz der Elah’ni hat oberste Priorität.“
Über eine Luke auf dem Dach der Baracke drangen sie in die Feste ein, von wo Hades ihnen den Weg zur Versammlungshalle wies. Dort angekommen, überraschten sie Prinz Melegaunt und Fürstin Zia bei einem bitteren Streit um die Verteidigung der Stadt. Unverzüglich bezogen sechs umbrantische Leibwächter um die beiden Adligen Stellung.
„Winter, die Bänke!“
Augenblicklich zerstoben die Holzbänke und Tische, die den Saal vereinnahmten, in einem Auflösungsgewitter. Unter Grimwardts Befehl wälzte sich die Gruppe wie ein Würfel aus neun Leibern auf die Gegner zu, denn nur als Einheit konnten sie sich in der magischen Zone des Mondscheingewebes bewegen, das sie wie ein Schutzschild umschloss. Die beiden Umbranten eröffneten das Feuer auf die Elah’ni, doch nicht einmal ein magisches Glimmen durchdrang das enge Korsett aus Schutz- und Heilzaubern, in das sie ihr wertvollstes Mitglied geschnürt hatten. Ein Bannzauber Winters zog Zia magisch bis auf die Knochen aus. Mit einem weiteren Zauber, der den sechsköpfigen Ring der Leibwächter lähmte, besiegelte sie das Schicksal der Verteidiger. Sprachloses Grauen stand der Sharianerin ins Gesicht geschrieben, als Grimwardt zwei der Wehrlosen achtlos aus dem Weg stieß und mit der Axt ausholte. Eilig setzte sie zu einer Teleportationsformel an, doch wieder war es Winter – diesmal mit einem Ankerstrahl –, die ihr einen Strich durch die Rechnung machte. Ambrosia drang tief in ihre Schulter ein. Zias Tod kam geradezu bedauernswert schnell. Für ihren Versuch, seine Abtei mit ihrem Schattengift zu verseuchen, hätte Grimwardt der Sharianerin gerne noch den einen oder anderen Tempus-Fluch auf ihre Reise auf die andere Seite mitgegeben. Im Gegensatz zu anderen Kirchen pflegte die Gemeinschaft des Feindhammers für solche Gelegenheiten eine ausgeprägte Fluchkultur …
Melegaunt schluckte schwer, als er sich dem Klingendickicht der Angreifer gegenüber sah und hob zaghaft die Hände. Ein kapitulierendes Lächeln begleitete die Geste. Der zweitjüngste Sohn des Hochprinzen von Umbra war eine sonderbare Erscheinung: Hochgewachsen und schlank mit schwer beringten Fingern, langem, schwarzen Seidenhaar, stark geschminkten Augen und einem bauchlangen Kinnbart, sah er aus wie die Kinderbuchversion eines charismatischen Illusionisten. Dabei hatte er bisher eher durch seinen untrüglichen Geschäftssinn und seine skandalösen Etablissements von sich reden gemacht, als durch irgendwelche arkanen Erfolge.
„Hm“, brummte Grimwardt. „Als Kriegsgefangener bringt Ihr uns sicher ein hübsches Sümmchen ein.“
„Ich würde nicht darauf zählen“, erwiderte der Prinz und senkte nüchtern den Blick, sodass ihm die Haare ins Gesicht fielen. „Mein Vater hat noch neun weitere Söhne, ich denke, er kann auf den einen verz…“
„Das ist ein Trick, er will abhauen!“
Zu spät. Der Magier hatte die Formel bereits gesprochen und Winters eilig gewirkter Anker prallte von seinen Schutzzaubern ab, als er sich dimensionswandelnd aus dem Staub machte.
„Naja“, murmelte Grimwardt. „Dann müssen wir uns wohl beeilen, bevor der Rest der Bande hier auftaucht. Wo ist nun dieser Knoten?“
„In meinen Visionen stand ich am Ufer eines unterirdischen Sees“, erwiderte die Elah’ni.
„Das muss der Somaj-See sein“, vermutete Elijas. „Von dort beziehen die Stadtbewohner ihr Wasser. Ich weiß, wie man dorthin gelangt. Hier entlang.“
 Sie folgten dem Avariel erst in die Katakomben der Sandfeste und dann ins Unterreich. Bereits nach wenigen Minuten erspähten sie eine im Fackellicht glitzernde Wasseroberfläche. Grimwardt konnte keine Verteidigungsmechanismen ausmachen, doch er war auf der Hut.
„Bringt mich in die Mitte des Sees“, sagte die Elah’ni.
Winter belegte die Gruppe mit einem Flugzauber, sodass sie ihren Schutzring um die Elah-Gesegnete nicht aufgeben mussten. Schwebend leitete die Elah’ni das Ritual ein, indem sie Silberstaub über der Wasseroberfläche verstreute. Ein gespenstisches Licht, das aus ihrem Innern zu kommen schien, pulsierte im Einklang mit ihrem Herzschlag, erst schwach, dann immer stärker, bis gleißende Lichtstrahlen aus ihren Augen brachen und einen wirbelnden Strudel in den See rissen. Geblendet hielt sich Grimwardt einen Arm vors Gesicht. Als er wieder hinsah, hatten die silbernen Strahlen in der Tiefe ein schwarzes Geschwür freigelegt, das sich unter dem Lichtzauber wand wie ein gefangenes Tier. Die Elah’ni war mit aufgerissenen Augen in der Luft erstarrt und ihr zierlicher Kinderleib, der wehrlos in der Umarmung der zuckenden Riesenqualle aus weißem Licht trieb, die den schwarzen Knoten mit ihren Fangarmen umfing, bot einen gespenstischen Anblick.
„Todesalben!“, rief jemand und als Grimwardt nach unten blickte, sah er, wie sich von der Oberfläche des aufgewühlten Teiches Geister lösten, die mit klagend aufgerissenen Mäulern und durchscheinenden Klauen auf die Gruppe zu waberten.
„Keine Alben!“, dröhnte Hades‘ tiefer Bass durch die Höhle. „Das sind Schatten der Leere. Hütet euch vor ihrer lähmenden Umarmung.“
Plötzlich war der ganze See von den Kreaturen erfüllt. Der Wechselreigen aus Schatten und Licht, den die Schatten und der Zauber tanzten, hinterließ eine wirre Folge flackernder Flecken auf Grimwardts Netzhaut, wie wenn man bei Sonnenschein durch eine schattige Baumallee rennt. Einer nach dem anderen zerstoben die Untoten an den Wellen göttlicher Energie, die Grimwardt durch seinen Körper fließen ließ, wann immer sie ihre gestaltlosen Klauen nach ihm ausstreckten. Doch seine Zauber konnten die Grenze des Mondscheingewebes nicht überwinden und immer mehr Kreaturen stoben aus der Tiefe. Irgendjemand schrie und er hörte ein Platschen. Dann spürte er einen eigenartigen Sog aus der Tiefe und erspähte, verzerrt durch das Schattenflackern, ein geschwürartiges Gebilde, das sich aus dem magischen Knoten gelöst hatte. Während die Schattenkugel sich langsam und zielstrebig auf die Elah’ni zubewegte, fraß sie alles Licht in ihrem Weg. Der Sog wurde stärker und Grimwardt registrierte, wie die Elah-Gesegnete in ihrem Kokon aus Licht zu schlingern begann. Doch bevor die Kugel sie erreichte, spürte er einen Flügelschlag. Er sah noch wie Elijas sich blitzschnell mit ausgebreiteten Schwingen zwischen die Elah’ni und das Schattengebilde schob, um sie abzuschirmen, und dann passierten mehrere Dinge zugleich: Neben ihm konnte sich Scarlet dem Ansturm der Schattengeister nicht mehr erwehren und wurde in die Tiefe gezogen, der Schattenball erreichte den Avariel und dann verschwand der See in einer gigantischen Lichtexplosion.
Das nächste, was Grimwardt spürte, war das kalte Nass des Sees. Wasser drang in seine Lungen und er versuchte panisch, die Orientierung zurückzugewinnen, ehe er merkte, dass das Wasser an dieser Stelle so seicht war, dass er hindurch waten konnte. Ein paar Schritte entfernt trieb Scarlet bewusstlos im Wasser. Eilig zog er sie in seine Arme und stapfte an Land.
„Geht es ihr gut?“
Atemlos landete Winter an seiner Seite. Statt zu antworten, sprach Grimwardt ein Heilgebet, das Scarlet das Wasser aus den Lungen presste. Der Zauber wirkte!
„Scheint geklappt zu haben“, brummte er. „Das Gewebe funktioniert wieder.“
Während seine Nichte hustend zu sich kam, versuchte er die Lage zu erfassen. Alle schienen es überstanden zu haben. Lagunas Arm hatte von der Schulter abwärts eine kränklich-gräuliche Färbung angenommen, doch Nimoroth schien die Sache im Griff zu haben. Auch der irre Avariel, der sich vor dieses lichtfressende Etwas geworfen hatte, hatte einige Federn gelassen, aber Miu und Faust kümmerten sich bereits um ihn, während Hades ins Wasser zurückgewatet war, um den kläglichen Rest der Schattengeister in Staub zu verwandeln. Der Schattenball und ein Großteil der Untoten hatten die Lichtexplosion nicht überstanden. Aber wo war …?
„Wo ist die Elah’ni?“
„Sie … ist tot“, murmelte Scarlet mit zittriger Stimme. „Das Ritual war zu mächtig für sie. Es hat sie umgebracht.“
Als sie sich aufrichtete, bemerkte er einen Gegenstand in ihren Händen, den sie fest umklammert hielt. War das das Glaubensamulett der Elah’ni? Woher hatte sie das?
„Onkel Grim, ich muss mit dir reden“, sagte sie ernst.
„Scarlet, du stehst unter Schock“, sagte Winter besorgt. „Du zitterst vor Kälte. Es tut mir leid, was mit deiner Freundin passiert ist. Vielleicht solltest du …“
„Das ist es nicht. Ich … Ich muss wirklich mit Grim reden. Allein. Bitte, Mutter.“
Grimwardt nickte seiner Schwester zu und sie zog sich widerwillig zurück.
„Was ist los?“, brummte er.
„Die Elah’ni … sie hat im Geist zu mir gesprochen, kurz bevor es geschah. Sie wusste, dass sie es nicht überleben würde und sie wollte, dass ich ihren Platz einnehme.“
„Das überrascht mich nicht“, erwiderte Grimwardt ehrlich. „Du genießt den Respekt der Sandfürsten, du bist eine hervorragende Kriegerin und du kommst von außerhalb, sodass nicht die Gefahr besteht, dass deine Ernennung eine neue Stammesfehde heraufbeschwört. Es gibt niemanden, der sich besser als Anführerin eignen würde.“
„Ja, vielleicht, es ist nur …“ Scarlet biss sich auf die Lippen – wie Winter, wenn sie ihm etwas Unbequemes zu sagen hatte. „Selûne – die Elah – ist der Grund, warum sie der Elah’ni gefolgt sind. Sie ist nicht einfach nur eine Anführerin. Als Auserwählte von Shars silberner Schwester steht sie für all das, was die Umbranten zu unterdrücken versuchen. Die Elah ist … ihre Legitimation für diesen Krieg.“
Grimwardts Gesichtszüge erstarrten, als er begriff, was Scarlet ihm zu sagen versuchte.
„Du willst konvertieren.“
„Ich verehre Tempus, aber seine Priesterin bin ich nicht um seinetwillen geworden, sondern weil ich werden wollte wie du.“ Sie lachte verlegen. „Ehrlich gesagt, ich stelle ihn mir sogar ein bisschen so vor wie dich.“
Weit gefehlt, dachte er nüchtern, als er sich an seine letzte Begegnung mit dem Feindhammer zurückerinnerte.
„Vielleicht führe ich diesen Krieg schon zu lange, um noch als Klerikerin statt als Politikerin zu denken“, seufzte Scarlet. „Für mich bist du Tempus. Wenn du mir davon abrätst, werde ich es nicht tun.“
Grimwardt sog hörbar die Luft ein und stemmte die Hände in die Hüften.
„Ich antworte dir jetzt als Auserwählter des Feindhammer, Scarlet, und nicht als dein Onkel“, sagte er mit eiserner, fast bedrohlicher Stimme. Als Kriegsherr wusste er, welche Entscheidung er zu treffen hatte, doch sie gefiel ihm ganz und gar nicht. „Ich rate, nein, ich befehle dir, dich von Tempus loszusagen. Es ist in seinem Sinne, dass du diesen Krieg führst. Doch du kannst ihn besser in Selûnes Namen führen als in seinem. Ohne sie wird es nicht zum Sturm auf Umbra kommen.“
Scarlet schluckte hart.
„Gut, wenn das dein … sein Wille ist“, murmelte sie.
Unsicher flackerte ihr Blick über sein Gesicht. Sie schien noch etwas sagen zu wollen. Grimwardt wusste nicht, was er antworten sollte, wenn sie ihn fragte, was er als ihr Onkel sagen, ob er ihre Entscheidung dann verdammen würde. Darum sagte er bestimmt: „Bitte Selûne nun um ihren Segen.“
Während Scarlet sich ans Ufer des Sees kniete, um im ersterbenden Licht des Knotenzaubers zur Silbernen Dame zu beten, schirmte Grimwardt seine Nichte grimmig gegen alle neugierigen Fragen ab. Nach einigen Minuten kam Laguna, der mit Faust an die Oberfläche zurückgekehrt war, um die Lage auszukundschaften, ohne seinen Begleiter zurück.
„Unsere Leute waren siegreich!“, rief der junge Halbelf aufgeregt. „Aber ohne die Elah’ni bricht da oben die Hölle los. Einige der Stadtbewohner haben das Dunkelmenschen-Viertel gestürmt und Männer, Frauen und Kinder auf die Straße getrieben. Wenn sie niemand aufhält, werden sie sie abschlachten wie Vieh. Faust versucht bereits zu … äh … vermitteln.“
„Mit der Faust oder mit dem Schwert?“, brummte Grimwardt. „Wer sind diese Dunkelmenschen?“
„So nennen die Bedinen die Menschen von der Schattenebene, die mit den Umbranten nach Rasilith gekommen sind und sich hier niedergelassen haben. Offenbar wollen sie ihnen all die Erniedrigungen heimzahlen, die sie unter der Herrschaft der Umbranten erdulden mussten. Schnell, wir müssen sie aufhalten!“
„Hiergeblieben, junger Mann. Die Mondjungfrau ist deine Vorgesetzte. Warte gefälligst auf ihre Befehle.“
„Aber die Elah’ni ist …“
Mit offenem Mund starrte er Scarlet an, die aus ihrem Gebet erwacht war und seinen Ausführungen stumm gelauscht hatte. Ein strahlendes Licht brannte in ihren Saphiraugen und eine Silbersträhne fiel ihr in die Stirn.
„Ach du …“, setzte Laguna an. Dann verzog er skeptisch die Mundwinkel. „Mondjungfrau, Scarlet, ernsthaft?!“
„Elah’ni“, berichtigte sie ihn kühl. „Lasst uns gehen.“
„Vielleicht solltest du aufhören, ihr schöne Augen zu machen“, raunte Grimwardt dem Halbelf zu, während er an ihm vorbeistapfte.
Laguna hatte nicht untertrieben. Sie fanden das Dunkelmenschen-Viertel in heller Aufregung vor und Fausts „Schlichtungstaktik“ trug nicht gerade dazu bei, die Situation zu entschärfen. Beherzt kletterte Scarlet auf einen umgekippten Holzkarren, um die Menschen zur Vernunft zu rufen. Als sich die Umstehenden tatsächlich zu ihr umwandten, war sie so erstaunt, dass sie das für einen Moment aus dem Konzept brachte. Ein wenig zögerlich begann sie ihre Rede. In einfachen Worten berichtete sie vom Opfer der Elah’ni und ihren letzten Worten und bat ihre Mitstreiter nicht dieselben Fehler zu begehen, wegen derer sie die Umbranten aus der Stadt verjagt hatten. Als mehr und mehr Rebellen innehielten, um ihr zuzuhören, kam sie immer mehr in Fahrt, bis ihre Worte vor Leidenschaft nur so strotzten. Am Ende merkte sogar Grimwardt, dass seine Mundwinkel vor Stolz ein wenig zuckten. Fast hätte man es für ein Lächeln halten können. Doch dann fielen ihm die erweiterten Pupillen der andächtigen Zuhörer auf. Stirnrunzelnd wandte er sich zu Winter um und wollte bereits zu einer Schimpftirade ansetzen. Doch der Anblick seiner Schwester, die sich vor Rührung mit feuchten Augen die Faust gegen die Lippen presste, dämpfte seinen Ärger. Mit verschränkten Armen stellte er sich neben sie. 
„Hat sich ganz schön gemacht, die Kleine, hm?“

Faust
Rasilith, einen Tag später. 
Elijas fuhr alarmiert von der Fensterbank auf, als die Tür der Baracke aufgerissen wurde und Faust ins Zimmer stürzte.
„Du hast doch nicht wirklich geglaubt, ich würde zulassen, dass du mit mir dieselbe Nummer durchziehst wie mit Nimi?“, fragte Winter, die mit verschränkten Armen an der Wand lehnte. Offenbar war sie noch immer nicht sonderlich gut auf den Avariel zu sprechen. „Du willst mit mir reden?! Hast du damit absichtlich gewartet, bis Grim die Stadt verlässt oder ist das bloß Zufall?“ Grimwardt und Scarlet waren am Morgen aufgebrochen, um in den Ländern, die an Netheril grenzten, um Unterstützung für die Sandfürsten zu werben, da jeden Augenblick mit einem Rückeroberungsversuch der Umbranten zu rechnen war. „Wenn du mir was zu sagen hast, kannst du’s auch vor Faust tun!“
 „Also schön“, murmelte Elijas und bewegte unbehaglich die Flügel. Offenbar machte Fausts Anwesenheit ihn tatsächlich nervös. „Ich denke, ich habe eine Lösung für dein Seelenproblem gefunden.“
Winter hob höhnisch die Brauen.
„Eine, mit der wir alle leben können?“
Der Avariel biss sich auf die Lippen.
„Ich will, dass du meine Seele trinkst.“
Stille.
Dann stieß Winter ein ungläubiges Lachen aus. 
„Ja – klar – das macht auch Sinn!“
„Jetzt drehst du völlig durch, oder?“, stöhne Faust. „Sind dir etwa die schwarzen Soglöcher ausgegangen, in die du dich stürzen kannst?“
Elijas hatte wohl mit dieser Reaktion gerechnet, denn er ließ sich davon nicht aus der Fassung bringen.
„Hört mir erst zu“, sagte er ruhig. „Als ihr Omegas Seele aus der Hölle gerettet habt und Hades sie wieder mit ihrem Körper vereint hat, da hast du sie gespürt, Winter, nicht wahr? Omegas Seele. Ich erinnere mich daran, dass du wie von Sinnen aus der Kapelle gestürzt bist. Glaub mir, mit Suchtverhalten kenne ich mich aus.“
„Worauf willst du hinaus?“
„Du hast ihre Macht gespürt – und zwar aus demselben Grund wie Mephisto. Weil du wie die Baatezu umso länger von einer Seele zehren kannst, je wertvoller sie ist. Es ist vor allem ihr Alter, das eine Seele mächtig macht. Ich bin fast 250 Jahre alt, das sollte reichen, um deinen Bedarf eine Weile zu decken.“
„Liebe Güte, du meinst das ernst …“, murmelte Winter betroffen.
Elijas senkte den Blick. „Was du vor ein paar Tagen gesagt hast, Winter, vielleicht hattest du damit recht. Vielleicht musstest du zu dem werden, was du bist, damit die Tyrannei der Tanthuls ein Ende findet. Wenn es dir damit ernst ist, wirst du meine Seele annehmen, denn ich verlange nur eines dafür: Dass du deiner Sucht nach diesem Krieg ein Ende bereitest. Egal mit welchen Mitteln.“
„Elijas, das ist doch völlig absurd!“
„Das ist kein Angebot, sondern ein Ultimatum, Winter“, erwiderte der Avariel sehr leise und die bedrohliche Kälte, die sich mit einem Mal in seine Stimme schlich, bereitete Faust Gänsehaut. „Ich habe dir die Wahrheit gesagt: Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn selbst Scarlet dich nicht zur Vernunft bringen kann. Aber ich bin davon überzeugt, dass die Verhinderung eines größeren Übels für das Wohl aller gelegentlich das Opfer eines Lebens aufwiegt.“ 
Oh, Elijas.
Winter erstarrte zur Salzsäule, während ihr Gesicht eine beängstigende Transformation durchlebte, die ihre Züge völlig in Schatten hüllte, als ob alle Emotionen gleichzeitig daraus entwischten. Faust ballte die Hände zu Fäusten und schloss angespannt die Augen. Im Augenblick war er nicht weit davon entfernt, Elijas für sein manipulatives Gerede eigenhändig seinen Todeswunsch zu erfüllen.
„Sag mal, kennst du eigentlich nur Extreme?!“, fuhr er ihn an. Nur mit Mühe widerstand er dem Drang, den Avariel am Kragen zu packen und diesen selbstzerstörerischen Kuhmist aus ihm herauszuprügeln. „Das ist doch keine Lösung! Niemand von uns würde es sich jemals verzeihen, wenn er zulassen würde, dass du für diese Scheiße deine Seele verdammst!“
„Erstens ist meine Seele ohnehin schon verdammt, weil mir als dhaerow der Weg nach Arvandor versperrt ist. Das Opfer wäre also vergleichsweise gering“, erwiderte Elijas mit einer analytischen Ernsthaftigkeit, die Faust sich fragen ließ, ob Hades vielleicht ansteckend war. „Und zweitens … Wenn jemand ein Anrecht auf meine Seele hat, dann seid ihr es. Ihr habt mich aus den Sandgruben gerettet. Ohne euch wäre ich … was? Ein Vampir unter der Kontrolle der Nachtmasken? Ich schulde euch einen Gefallen.“
„Einen Gef…?“ Faust rieb sich aufgebracht das Gesicht. „Elijas, es ist ein Gefallen, wenn du ‘ne Runde Met ausgibst – das ist kein Gefallen! Dafür haben wir dich nicht gerettet! Und was hindert dich daran, irgendeinem Menschengott zu huldigen, um deine Seele zu retten?“
„Was hindert dich daran? Du glaubst nicht an die Götter; ich glaube an Götter, die nicht an mich glauben. Diese Dinge lassen sich nicht erzwingen.“
Faust konnte nur fassungslos den Kopf schütteln.
„Ich mache es“, sagte Winter plötzlich tonlos in die Stille hinein.
„Oh Mann, Winter, das ist jetzt nicht dein Ernst, oder!“
- Hör nicht auf diese Ultimatumsscheiße! Das ist dieselbe Masche wie in den Sandgruben. Er sucht bloß nach einer Möglichkeit, sich auf eine Weise, die möglichst wenig nach Selbstmord aussieht, umzubringen.
- Ja, ich weiß, und ich bin es leid, ihn vor sich selbst zu retten.
- Gut, im Moment ist er nicht zurechnungsfähig, da gebe ich dir recht. Ich schlage ihn zusammen und wir sperren ihn irgendwo ein, bis diese Sache vorüber ist, einverstanden?
- Und wann ist sie vorüber, Faust? Er wird sich nie ändern.
- Winter, bitte!
- Nein, Faust, diesmal nicht.

„Gibt es noch irgendetwas, was du erledigen musst?“, wandte sie sich an Elijas.   
Der Avariel deutete ein Kopfschütteln an.
„Scheiße Mann, tu wenigstens noch irgendwas Schönes“, murmelte Faust. „Lass dich volllaufen. Such dir ein Mädchen … oder worauf auch immer du stehst. Flieg im Gleitflug über das Sonnenaufgangsgebirge. Irgendwas!“
Elijas hatte sichtlich Mühe, den Kloß runterzuschlucken, der ihm in der Kehle brannte. 
„Faust …“, murmelte er heiser und machte einen Schritt auf den Freund zu, doch Faust wich unwillkürlich zurück. Plötzlich war ihm übel und er hatte das Gefühl, es hier keinen Augenblick länger auszuhalten. Als ob ein Fluch auf den beiden lastete, der jede Sekunde, die er hier verweilte, auf ihn überspringen konnte. 
„Ihr seid beide nicht zu retten.“
Aber in diesen Abgrund folge ich euch nicht.
Die Hände wie zur Abwehr erhoben ging er zur Tür und knallte sie scheppernd hinter sich ins Schloss. Winter rief ihm irgendetwas nach, doch er wollte es nicht hören. Ohne sich noch einmal umzublicken, stapfte er davon.

Winter
Sonnenaufgangsgebirge, kurz darauf.
Ein eisiger Gebirgswind zerrte an seinem hüftlangen Kupferhaar und fuhr durch sein Federkleid, das wie Herbstlaub erzitterte, während er mit halb geöffneten Schwingen am Rande eines Steilhangs kniete und betete. Zu wem betete ein verstoßener Avariel?
250 Jahre, dachte Winter.
Es war sein Wunsch gewesen, hier zu sterben, in der Nähe seiner Heimat. Mehr als 200 Jahre seines Lebens hatte er in der Stadt der Gläsernen Gesänge verbracht. Wahrscheinlich fühlte sich die Ewigkeit nicht viel anders an. Kein Wunder, dass er sich in der Welt der Menschen nie ganz zurechtgefunden hatte. Es war so, als ob man einen Baum aus dem Gebirge in ein Gewächshaus verpflanzte.
Schließlich wandte er sich zu ihr um.
„Noch ist es nicht zu spät“, murmelte Winter. „Ein Wort von dir und wir sind zurück in der Wüste.“
Als Antwort zog er sein Schwert. Seelentrinker. Seltsame Ironie des Schicksals.
„Muss ich irgendwas beachten?“
„Es sollte …“ Sie räusperte sich, um das heisere Kratzen loszuwerden. „Es sollte nicht zu schnell gehen.“ Gab es irgendeine Möglichkeit, das nicht sadistisch klingen zu lassen? „Ich meine, sonst … sonst verflüchtigt sich die Seele zu schnell und ich kann sie nicht … einfangen.“ Da war das heisere Kratzen wieder.
Mit seinen fremdartigen grün-goldenen Elfenaugen sah er sie eine Weile ausdruckslos an und sie musste ihre ganze Willenskraft aufbringen, um seinem Blick standzuhalten. Wenn er ihr auf diese Weise das stumme Versprechen abringen wollte, nach seiner Seele niemals wieder eine andere anzurühren, hatte er erreicht, was er wollte. 
Warum musstest du mich auch so in die Enge treiben?
Schließlich kniete er sich hin, aufrecht und würdevoll, wie zum Ritterschlag. Mit geschlossenen Augen stieß er sich nach östlicher Tradition sein Schwert in die Brust – nur dass er sein Herz um einen Fingerbreit verfehlte, um es nicht zu schnell zu beenden. Winter fing ihn auf und bettete seinen Kopf an ihre Schulter, während er zitternd und ohne einen Laut sein Leben aushauchte. Als sein Blut den Schnee zu tränken begann und sie die ersten Takte seiner Seelenmelodie vernahm, spürte sie, wie ihr vor kalter Erregung Hände und Füße taub wurden. 
Und dann war es um sie geschehen.
Das nächste, woran sie sich später erinnerte, war, dass sie im Schnee kauerte und, vom nackten Grauen gepackt, auf ihre klauenhaft verkrampften Hände starrte.
Blutige Federn.
Zitternd bog sie die eisstarren Finger auseinander, um sie abzuschütteln. Doch sie waren überall. In fiebriger Panik schrubbte sie sich mit Händen voller Schnee über Handflächen und Arme, um die Federn und das Blut abzuwaschen. Aber ihre Hände zitterten sosehr und der Schnee hob sich wie eine höhnische Leinwand gegen ihr blutiges Werk ab.
Oh Mann, ich werde verrückt.
Tränen rollten ihr lawinenartig über die Wangen und gefroren an ihren Wimpern zu Eiskristallen und ihr war so schrecklich, schrecklich kalt.
F-faust, flüsterte sie in die Leere ihres Geistes hinein. Faust, komm her, ich brauche dich. Bitte!
Aber Faust antwortete nicht.

Winter

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #339 am: 18. Dezember 2013, 23:18:20 »
Obergrusel!!! :skull: :blink:
Und was für ein tolles vorweihnachtliches Geschenk, danke :-)

Nightmoon

  • Mitglied
    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #340 am: 19. Dezember 2013, 00:23:02 »
Wow! Was für ein emotionales Kapitel! Man mochte ich Elias... war so ein toller NSC... Hast ihn echt würdig verabschiedet! Man merkt, dass da einer von den großen gehen musste...

Niobe

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #341 am: 19. Dezember 2013, 01:56:29 »
Oh ja, ich habe ihn auch geliebt. Das erste Abenteuer der Kampagne habe ich sogar ursprünglich geschrieben, weil ich seine Geschichte nicht so unvollendet lassen wollte. Er war vor seeeehr langer Zeit mal ein SC von mir und dann hatte er noch mal einen Cameo-NSC-Auftritt bei Thalas und da musste ich natürlich wissen, was er denn dieses Mal im Schilde führt und so entstand Stadt der Gläsernen Gesänge :)

Nappo

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #342 am: 19. Dezember 2013, 08:24:52 »
*sniff*
ließt sich wiedermal sehr gut!

Nightmoon

  • Mitglied
    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #343 am: 26. Februar 2014, 19:34:51 »
Und, ist die Trauerzeit über Elias´Dahinscheiden überstanden? ;)
Hast vermutlich auch nicht viel Zeit, hm?

Niobe

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #344 am: 09. März 2014, 23:29:35 »
Ja, an Zeit mangelt es ein bisschen und es stehen gerade ein paar zähe Verhandlungen an (Talländer, Telamont in der Kerzenburg), die nicht gerade leicht von der Feder gehen ...

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