• Drucken

Autor Thema: Stadt der gläsernen Gesänge  (Gelesen 33567 mal)

Beschreibung:

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Nightmoon

  • Mitglied
    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #45 am: 22. Januar 2010, 16:59:03 »
...Susi... irgendwie kippen deine Charaktere immer zu schnell um... da müssen wir was tun  :D
...und es bleibt spannend!

Winter

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #46 am: 22. Januar 2010, 18:06:04 »
Ja, verdammt...irgendwas mach ich da grundlegend falsch ;-)
Da wissen wir schon, dass es eine Falle ist, und laufen dennoch blind wie Frischlinge hinein.

Thalas

  • Globaler Moderator
    • http://www.dnd-gate.de
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #47 am: 01. Februar 2010, 00:29:13 »
Hey, noch ein Leser.... freut mich, dass du auch mal vorbeischaust :-)

Immer wieder mal^^ Hört sich aber alles sehr gut an. Hab dem Mischel schon gesagt, dass ich vermutlich nach Ostern irgendwann auch mal wieder als "Gaststar" auftauchen werde  :D Du bist ja bald eh erstmal weg...oder? Weiter so!
« Letzte Änderung: 01. Februar 2010, 00:32:03 von Thalas »
~ I survived Myth Drannor '06 ~
~ Never trust a smiling Game Master ~
~ Für mehr Handlung in Pornos ~ ~ "Und Dragonborn sind einfach kacke." (© by Scurlock)

Winter

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #48 am: 07. Februar 2010, 18:45:46 »
Ich warte schon ungeduldig auf Neuigkeiten :-)
Hoffe der Job lässt noch ein bisschen Zeit für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens  :wink:

Niobe

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #49 am: 11. Februar 2010, 17:48:39 »
Kapitel IV: Das Immerfeuer von Sundabar

Winter
Die Gewölbekammern von Silbrigmond, am nächsten Morgen.
Als die Gefährten das Foyer der Bibliothek betraten, gerieten sie in einen Strudel von Gelehrten, Studenten und Deneir-Bibliothekaren, die sich aufgeregt lamentierend um ein Nachrichtenportal auf der Galerie scharrten.
„Was ist denn passiert?“, wandte sich Winter an einen der Herumstehenden.
„Ihr wisst es noch nicht?“, entgegnete der Angesprochene. „Gestern Abend tauchte am See der Schatten eine antimagische Zone auf, die sich inzwischen über ganz Anauroch verbreitet hat. Eine zweite entstand heute Morgen im Schattental. Niemand weiß, wer dahinter steckt oder wie so etwas möglich ist… eine magietote Zone von solchen Ausmaßen!“
Winter stutzte. Eine magietote Zone in der Wüste von Anauroch? Das ließ die Tagebucheinträge des Lord Oleander in einem ganz neuen Licht erscheinen. Doch darum würden sie sich später kümmern. Zunächst galt es, Doriens Anwalt, der, wie sie von seiner Haushälterin erfahren hatten, um diese Zeit im Foyer seinen allmorgendlichen Tee einzunehmen pflegte, über die neuen Entwicklungen zu informieren und ihm eine Abschrift des Tagebuchs zukommen zu lassen, um für die morgige Verhandlung gerüstet zu sein.
Der Anwalt entpuppte sich als achtbarer älterer Herr, der nichts in der Welt so sehr schätzte wie eine Tasse guten Tees. Ihm schien zwar weniger Doriens Kopf als Lucindas Gold am Herzen zu liegen, doch nachdem er die Aufzeichnungen des Fürsten gelesen und sich den Bericht der Gefährten angehört hatte, schien er immerhin in Erwägung zu ziehen, dass sein Mandant tatsächlich unschuldig war. Winter konnte nur hoffen, dass ihn dieser Gedanke bei der Verhandlung am nächsten Tag ein wenig aus seiner schläfrigen Geruhsamkeit reißen würde.
 „Was steht als nächstes an?“, fragte Hades, nachdem der Anwalt gegangen war.
Im selben Moment fuhr Grimwardt zusammen.
„Grim, was hast du?“
„Die Brosche.“
„Welche Brosche?“
„Sie ist erloschen! Die Abtei ist in Gefahr.“ Der Abteivogt erhob sich so abrupt, dass er beinahe seinen Stuhl umgerissen hätte. „Winter, du musst mich auf der Stelle…“
„Grimwardt, ich kann dich nicht zurück teleportieren“, sagte Winter und ergriff beschwichtigend seinen Arm. „Es muss an der magietoten Zone liegen. Wahrscheinlich hat sie sich inzwischen auf das Schlachtental ausgeweitet, sodass…“
Winter erschrak. Wenn sie die Abtei bereits erreicht hatte, so musste die magielose Zone auch die Kleinstadt Ashabenfurt im Misteltal bereits überzogen haben. Ashabenfurt, wo ihre Eltern ein kleines Gasthaus und einen Mietstall unterhielten und wohin sie Scarlet und ihre Großeltern gebracht hatte, um sie vor Drake zu schützen…. Winter schluckte. Der Wegfall der Magie würde unweigerlich Plünderer und Banditen auf den Plan rufen, die die Gelegenheit beim Schopfe packen und sich die Schutzlosigkeit der Talländer zu Nutze machen würden.
„Was sollen wir tun?“, fragte sie mit belegter Stimme.
„Beginnen wir mit den Tagebuchaufzeichnungen“, schlug Hades vor, um die Geschwister von ihren Sorgen abzulenken.
Zumindest was Oleanders Aufzeichnungen anging, hatte Drake sie nicht getäuscht. In seinem Tagebuch schilderte der Fürst den Verlauf seiner letzten Harfner-Mission, die ihn auf die Spur einer Elfe gebracht hatte, die Silbrigmonds Adelskreise für einen Halbdämon namens Lord Volumvax Sciagraph ausspioniert hatte. Als sie herausgefunden hatte, dass Oleander ihr auf die Schliche gekommen war, hatte sie ihm einen Meuchelmörder auf den Hals gehetzt, doch der Fürst war dem Anschlag entkommen. Aus Aufzeichnungen, die die Elfe bei sich trug, war hervorgegangen, dass ihr Auftraggeber mit dem Prinzen Hadhrune von Umbra in Verbindung stand. Ein weiterer Hinweis hatte Oleander schließlich in die Nachbarstadt Sundabar geführt. Sein letzter Eintrag lag etwa einen Zehntag zurück:

Sundabar, 13. Tag des Tarsakh
Meine schlimmsten Befürchtungen scheinen sich zu bewahrheiten. Die Zwerge des Unterheims erzählen, dass der Vulkansee in letzter Zeit angestiegen ist. Gleich morgen früh werde ich zum Immerfeuer hinunter gehen, um der Sache auf den Grund zu gehen.


Was immer der Fürst dort, am Vulkansee von Sundabar, gefunden hatte, es hätte ihn beinahe das Leben gekostet. Irgendwie musste er es ihm gelungen sein, sich verwundet zurück nach Silbrigmond zu schleppen, wo ihn seine Gemahlin gesund gepflegt hatte… bis zu jener Nacht vor zwei Tagen, als Drake das Ehepaar aufgespürt hatte…
Bestand ein Zusammenhang zwischen dem, was mit dem Immerfeuer von Sundabar geschah, und den magietoten Zonen im Osten? Immerhin schienen alle Wege zu Hadhrune zu führen, dem jüngsten Sohn des Hochprinzen von Umbra. Doch was war es, wonach die Umbranten der Anauroch trachteten? Und welche Rolle spielte der Halbdämon?
Ihnen würde keine andere Wahl bleiben als nach Sundabar zu reisen, um diesen Fragen auf den Grund zu gehen und herauszufinden, was ihre Freunde in den Talländern bedrohte.
Doch zunächst galt es ein weiteres Gruppenmitglied zu rekrutieren…


Kalith
Myth Drannor, kurz darauf.

Nichts als schwarze Leere und ein Spinnennetz aus silbernen Fäden. Doch da ist noch etwas. Etwas, das im Schatten lauert. Körperlos, fast unsichtbar. Schwarzer Nebel, der wabernd aus dem Nichts kriecht. Schleichend legt er sich um das silberne Gewebe und frisst sich durch die Knoten. Die Silberfäden reißen. Dann ein zweites Spinnennetz, das hinter dem ersten zum Vorschein kommt. Aber dieses ist schwarz. Schwärzer als die Nacht, die es umgibt.
Für den Bruchteil einer Sekunde sieht er ihr Gesicht.
„Hilf uns, Kalith“, sagt sie. „Finde die Adumbral Calyx und befreie uns aus den Fängen des Halbgotts.“


Kalith schrak auf und taumelte gegen einen Baumstamm.
Razeema? Was…?
Der Elfenritter rieb sich die Schläfen, um die Vision abzuschütteln, die ihn auf dem Rückweg von seinem Treffen mit Hauptmann Fflar ereilt hatte. Dann machte er sich eilig auf den Rückweg zu Nimoroth. Der Druide hatte mit der Renovierung eines alten Baumhauskomplexes vor den Stadttoren begonnen, der wie geschaffen schien für seine Tempelschule. Als Kalith an der Baustelle ankam, war sein Cousin gerade in ein Gespräch mit den Neuankömmlingen vertieft. Die Fedaykin-Geschwister und ihr neuer Gefährte hatten Kalith am Vormittag überrascht, als er von einer Außenmission im Auftrag der Königin zurückgekehrt war.
„Und? Hat er dir den Tag freigegeben?“, erkundigte sich Winter nach dem Ausgang seines Treffens mit dem Hauptmann. Kalith nickte kurz in ihre Richtung.  
„Auf dem Weg hierher hatte ich eine Vision“, kam er eilig auf das Wesentliche zu sprechen. „Razeema, eine alte Mitstreiterin, muss sie mir gesandt haben.“
Als er von dem Spinnennetz berichtete, runzelte Nimoroth die Stirn.
„Ich denke, ich weiß, was das zu bedeuten hat“, sagte er. „Erinnerst du dich? Razeema wirkte ihre Zauber über Shars Schattengewebe. Wenn ich deine Vision richtig deute, dann steht das silberne Spinnennetz für Mystras magisches Gewebe…“
„ Und das schwarze für Shars Schattengewebe“, ergänzte der Elfenritter.
Kalith, der wie die meisten Elfen in den Grundlangen der Magie ausgebildet war, wusste, dass Mystras Gewebe das Medium darstellte, über das Magier und Priester ihre Zauber wirkten. Shar, die Göttin der Dunkelheit und Mystras erbitterte Rivalin, hatte eine schattenhafte Kopie des magischen Gewebes erschaffen, um Zugriff auf das Portfolio der Magie zu erhalten und ihre Anhänger dem Einflussgebiet ihrer Konkurrentin zu entziehen. Es war möglich, das Schattengewebe auch ohne Shars Führung anzuzapfen, doch das erforderte einen starken Willen und große magische Begabung.
Kalith runzelte die Stirn.
„Das würde bedeuten, dass jemand versucht, das magische Gewebe zu zerstören...“, deutete er Razeemas Vision.
„Shar wäre die einzige, die daraus einen Vorteil ziehen würde“, erkannte Hades. „Wenn alle Zauberwirker ihrer magischen Kräfte entledigt würden, so hätten Shars Schergen gegenüber ihren Feinden einen entscheidenden Vorteil.“
„Vielleicht ist es Shar schon gelungen, das Gewebe anzugreifen“, warf Winter ein. „Denkt an die magietoten Zonen in der Anauroch und den Talländern.“
„Da ist noch etwas“, gab Kalith mit sorgenvollem Blick zu bedenken. „Mit der Vision sandte mir Razeema eine Art Hilferuf: Finde die Adumbral Calyx und befreie uns aus den Fängen des Halbgotts.“
„Ein Halbgott?“ Die anderen tauschten alarmierte Blicke.
„Nimoroth hat eine Theorie dazu, wer dieser Auftraggeber sein könnte, von dem in Oleanders Aufzeichnungen die Rede ist“, klärte Winter Kalith auf, der den ersten Teil ihrer Unterhaltung verpasst hatte.
„Ich meine irgendwo davon gelesen zu haben“, bestätigte Nimoroth. Seine Bemühungen, den Seelenquell zu finden, an dessen Rettung die Gruppe vor vielen Jahren gescheitert war, hatten sich zu einer regelrechten Manie entwickelt, die ihn in Kontakt mit allerlei obskurem planetarem Wissen brachte.  „Demnach ist Lord Volumvax Sciagraph ein Halbgott, der von Shar in eine Taschendimension zwischen Schattenebene und materieller Ebene verbannt wurde: eben jene Adumbral Calyx“,
„Wir nehmen an, dass Lord Oleander in Sundabar einen Zugang zu dieser Zwischenebene gefunden hat“, ergriff Grimwardt das Wort. „Und dass ihn dieses Wissen das Leben gekostet hat.“
„Dann heißt unser nächstes Ziel wohl Sundabar“, seufzte Kalith.
Das bedeutete vor allem eines: jede Menge Zwerge.

Boltor
Kurz darauf vor den Stadttoren von Sundabar, Silbermarken.  
Boltor kratzte sich den kahlen Schädel und fuhr sich durch den langen, zotteligen Bart, als er sich daran zu erinnern versuchte, was, beim Barte des Moradin, er eigentlich hier tat. Wie war er hierher gekommen? Und was wollte er hier? Der Zwerg tat, was er in Augenblicken des Gedächtnisverlusts immer zu tun pflegte: Er legte eine Pause ein und nahm einen kräftigen Zug aus seinem nimmerleeren Humpen, jenem magischen Füllhorn, das jedes alkoholische Getränk zu erschaffen vermochte, das Boltor ersann, und ihm schon bei so mancher Trinkwette einen Geldsegen beschert hatte.
Der Gedankenfluss des Zwergs wurde jäh unterbrochen, als neben ihm ein weißäugiger Riese aus dem Nichts tauchte. Der dunkelhäutige Gigant, der bequem über die Stadtmauer hätte spucken können, maß gut sechzehn Humpen (und war damit mehr als doppelt so groß wie ein durchschnittlich gebauter Mensch). Ein rotbärtiger Menschenkrieger (in Anbetracht der veränderten Größenverhältnisse mochte es sich auch um einen Riesenzwergen handeln), eine normalgroße Menschenfrau und ein Spitzohr tauchten ebenso unverhofft auf.
Boltor betrachtete stirnrunzelnd seinen Humpen. Hatte er die Stelle mit dem Kaninchenloch verpasst oder war das Zeug stärker als es schmeckte?
Immerhin schien er nicht der einzige zu sein, der nicht alle Tage von einem Trupp Titanen belagert wurde: Pfeilsalven prassten aus Richtung der Stadtmauer auf die Fremden ein und Torwächter begannen die Wehrbrücke hochzuziehen, um dem Sturmkommando den Zugang zur Stadt zu verwehren.
„Lass die Geisel frei, Riese!“, tönte es von der Stadtmauer.
„Welche Geisel?“, fragte der Riese verdutzt. „Und welcher Riese?“  
„Na du, Ameisenhirn“, knurrte Boltor. „Und die Geisel bin dann wohl ich. Du hast es gehört. Schwirr ab oder es hackt was!“
„Auf mir liegt ein Schutzgebet, das mich so groß macht“, dröhnte Bleichauge und erhob beschwichtigend die Hände. „Und wir hegen nicht die Absicht, jemanden zu entführen. Im Gegenteil: Wir sind hier, um diese Stadt vor Unheil zu bewahren.“
„Das einzige Unheil, das ich hier sehe, misst sechzehn Humpen und glotzt mich aus blinden weißen Augen an“, keifte der Zwerg.
„Ich bin nicht blind“, erwiderte der Riese in einem leicht arroganten Tonfall, der überhaupt nicht nach Riese klang. „Nicht mehr. Die Augen verdanke ich einer denkwürdigen Begegnung mit einem Untoten.“
Nach einer Weile wurde die Wehrbrücke heruntergelassen und eine Menschenfrau mit harten, humorlosen Gesichtszügen ritt, eskortiert von einem Trupp zwergischer Eberreiter, aus den Stadttoren. An der Spitze der Eskorte erkannte Boltor …. seine Cousine Erdmute! Die Zwergin mit den feuerroten Rastazöpfen war  Schildherrin der Steinschilde, Sundabars Zwergenwache, die in ständigem Streit mit dem menschlichen Ritterorden der Schildsar lag. Wenn es nach Erdmute gegangen wäre, so hätten sich die Zwerge des Unterheims wohl niemals mit den Menschen der Oberstadt verbündet, um Sundabar gegen die Teufelssaat vom Grat der Welt zu verteidigen. Nun, da er sie sah, erinnerte sich Boltor auch wieder, weshalb er hier war. Erdmute hatte ihn – das schwarze Schaf der Familie – doch tatsächlich eingeladen, sie zu besuchen!
Die Menschenfrau – ihr Glaubensamulett wies sie als Tyrpriesterin aus – unterzog den falschen Riesen und seine Begleiter einem magischen Verhör. Mit einem Nicken gab sie schließlich Entwarnung und bedeutete Erdmute, den Trupp in die Stadt zu geleiten.
„Was hast du dieses Mal ausgefressen?“, raunte die Kommandantin ihm zu, als sie an Boltor vorbei ritt. „Wieso bist du hier? Willst du mich wieder einmal blamieren?“
„Häh?“ Baltor sah aus seinen kleinen rotgeränderten Augen zu ihr auf. „Du hast mich doch eingeladen!“
„Das war vor drei Wochen!“, schalt ihn seine Cousine. „Zum Clanstreffen. Hast wohl wieder zu tief in deinen Humpen geschaut, du elender Trunkenbold!“
„Hau rein!“, erinnerte Boltor sie an das alte Clanmotto.
„Geh fott!“, konterte Erdmute mit einem Leitsatz der Steinschilde.
Vier verständnislose Augenpaare waren auf die beiden Zwerge gerichtet.

Winter
Kurz darauf in Sundabar.
Auf dem Weg ins Unterheim führte Schildherrin Erdmute die Gruppe in die Taverne Zur Trompete. Kaum hatten sie die Tür geöffnet, empfing sie ein ohrenbetäubender Krach, der von einer Gruppe zwergischer Trommler herrührte. Die Kommandantin, die erklärte, dass es sich um eine „Thur-desk“-Aufführung handele, schien den Lärm für eine Art musikalische Kunstform zu halten. Zu Winters Leidwesen ließen sie und ihr Cousin, der ohnehin bereits hackedicht zu sein schien, es sich nicht nehmen, auf einen Schluck Zwergenschnaps zu bleiben.
„Hau rein!“, sagte Boltor schon wieder und erhob seinen Zauberhumpen.
„Geh fott!“, erwiderte die Schildherrin und die beiden stießen an.
Kaliths gequältem Gesichtsausdruck und Hades’ steifer Unbewegtheit entnahm Winter, dass sie nicht die einzige war, die ihre erste Begegnung mit der zwergischen Kultur als ein traumatisches Ereignis in Erinnerung behalten würde. Allein Grimwardt war fast enttäuscht, als Erdmute dem Wirt ein paar Münzen zuwarf und sie durch den zweiten Eingang der Taverne in den zwergischen Teil der Stadt führte.
Der Geräuschpegel nahm kaum ab, als sie das Unterheim betraten: Überall wurde gehämmert und geklopft und das Glühen, das aus den Schmieden drang, war die einzige Lichtquelle im ewigen Dunkel des Unterreichs. Während die Gefährten durch ein Gewirr von unterirdischen Säulengängen und Versammlungshallen irrten, die sie tiefer und tiefer ins Erdreich führten, erklärte Erdmute ihnen, dass das Immerfeuer einen magischen Knotenpunkt darstelle.
„Früher war der Vulkansee umgeben von Schmiedemeistern, die seine Magie nutzten, um in dem Feuersee die besten Waffen Faerûns herzustellen“, erklärte sie mit unverhohlenem Stolz. „Doch seit das Immerfeuer vor einigen Jahren über die Ufer trat und die Umgebung verwüstete, sind sie einer nach dem anderen ins Unterheim abgewandert.“
„Ist Euch in letzter Zeit irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen?“, fragte Hades, wie immer auf ihre Mission bedacht. „Irgendeine Veränderung des Vulkansees?“
„Seitdem die Zwerge das Immerfeuer verlassen haben, kommt hier kaum noch jemand hin“, sagte die Schildherrin. „Doch seht selbst. Wir sind da.“
Sie waren schon seit einiger Zeit auf keine Zwergenbehausungen mehr gestoßen und das Hämmern und Klopfen war ebenfalls verklungen. Ein fiebriges Glühen leuchtete ihnen vom Ende des Ganges entgegen. Die Gefährten betraten eine Höhle von gigantischen Ausmaßen, in deren Mitte ein mit Magma gefüllter Spalt klaffte. Die traurigen Ruinen von erkalteter Lava überzogener Schmieden hoben sich dunkel gegen das Rot des Feuerscheins ab, der aus der Erdspalte drang. Als sie näher trat, erkannte Winter, dass sich an der breitesten Stelle des Vulkansees ein Strudel gebildet hatte, der die Magmamassen schwerfällig in die Tiefe sog. Als sie versuchte, ihren magischen Blick auf das Immerfeuer anzuwenden, erkannte die Diebesmeisterin zudem, dass die Magie an diesem Ort verrückt spielte. Eine unsichtbare Macht schien den Vulkansee zu manipulieren.
„Was ist das?“, fragte Kalith, der noch eine weitere Entdeckung gemacht hatte. „Ich dachte, dieser Ort sei unbewohnt?“
Winter folgte dem Blick des Elfen und erblickte zwischen den Schmiederuinen am Ufer des Feuersees ein turmartiges Gebäude, das den Anschein machte, als hätten Kinder Stockwerke wie Bauklötze übereinander geschichtet und dann beim Fortrennen angerempelt, sodass das wacklige Konstrukt jeden Augenblick einzustürzen drohte. Ein Lichtkegel, der aus der Pagode drang, die das Gebäude abschloss, geisterte wie das Leuchtfeuer eines Leuchtturms über den Vulkansee.
„Ach das“, sagte Erdmute abfällig. „Das ist bloß der Turm des irren Wuschkins.“
„Der irre Wuschkin?“
Die Schildherrin schnaubte. „Komischer Kauz. War einst ein angesehener Magier. Naja, bevor er irre wurde und dieses Ding da baute, um seine abstrusen Experimente durchzuführen.“
„Können wir mit ihm sprechen?“, wollte Winter wissen. Wenn er ein Magier war, konnte er ihnen womöglich sagen, was es mit dem Strudel und der unbändigen Magie hier unten auf sich hatte. Die Diebesmeisterin war sich sicher, das diese Dinge etwas mit dem Portal auf die Schattenebene zu tun hatten, das sie hier vermuteten.
„Versuchen könnt ihr’s“, meinte Erdmute.
Als auf ihr Klopfen niemand antwortete, hämmerte die Zwergin mit ihrem Schild gegen die Tür und befahl Wuschkin sich zu zeigen. Ein hageres Männchen, das nur entfernt Ähnlichkeit mit einem Zwerg aufwies, lugte hinter der Tür hervor. Auf seiner Schulter saß ein hässliches Katzentier, das aussah wie aus verschiedenen Exemplaren seiner Art zusammengenäht und auch der Magier selbst schien mehr als einmal zum Opfer seiner eigenen, misslungenen Experimente geworden zu sein. Nach wiederholter Zusicherung, dass sie nur mit ihm reden wollten, ließ Meister Wuschkin die Gruppe schließlich ein und führte sie hinkend in einen kleinen Wohnraum, der dem Anschein nach auch als Labor diente. So war der Tisch übersät mit Fledermausdung, Rattenschwänzen und anderen Zauberkomponenten und in einem Einmachglas auf dem Regal dümpelte ein eingelegtes Tierhirn vor sich hin. Als Winter begann ihre Fragen an ihn zu richten, zuckte der Zwerg zusammen wie ein verschrecktes Kaninchen.
„Das Immerfeuer?“, fragte er mit furchtgeweiteten Augen. „N-nein, ich weiß nicht, was dieser Strudel zu bedeuten hat.“
„Habt Ihr Euch denn niemals gefragt, was…“
Wuschkin schüttelte den Kopf, noch ehe Winter die Frage gestellt hatte.
„Was hat es mit dem Licht auf dem Turm auf sich?“, schaltete sich nun Hades in die Diskussion ein.
„L-licht?“, stotterte Wuschkin. „Welches Licht?“
„Raus mit der Sprache.“ Hades hatte sich offenbar für eine Strategieänderung entschlossen. „Wir wissen von dem Portal.“
„P-p-p-portal?“, quiekte der Magier.
Winter seufzte. Es war ganz offensichtlich, dass der Zwerg nicht freiwillig mit der Sprache herausrücken würde. Während sie noch überlegte, ob sie ihn wohl mit einer Bezauberung zum Reden bringen konnte, holte Boltor, der besoffene Zwerg, plötzlich zum Schlag aus. Seine lähmende Faust traf den Magier genau zwischen die Augen. Wuschkin erstarrte wie schockgefroren und kippte um.  
Boltor zuckte mit den Schultern.
„Der Kerl ging mir auf den Geist“, knurrte er. „Dachte, ich verkürze die Diskussion. Fesseln wir ihn und machen uns dann selbst auf die Suche nach eurem Portal.“
„Wo habt ihr das gelernt?“, wunderte sich Grimwardt, während er sich daran machte, Boltors Vorschlag in die Tat umzusetzen. Winter war offenbar nicht die einzige, die den schmuddeligen  Trunkenbold unterschätzt hatte.  
„Mönchskloster“, sagte der Zwerg kurz angebunden. „Bevor die mich rausgeworfen haben.“ Zur Erklärung erhob er seinen Humpen, prostete Grimwardt zu und nahm einen kräftigen Schluck.
Die Durchsuchung des Turms blieb bis auf die Entdeckung eines seltenen und äußerst wertvollen Lehrbuchs über die Mysterien des Schattengewebes, das als billiger Schundroman getarnt war, erfolglos. Auch Winters Versuch, auf magische Weise in der Mitte des Vulkansees nach einem Ebenenportal zu suchen schlug fehl. Zu allem Überfluss entwischte ihnen schließlich auch noch der irre Wuschkin, den sie gefesselt in seinem Labor zurück gelassen hatten, ohne zu bedenken, dass die unbändige Magie dem Schattenadepten nichts anhaben konnte. Ratlos und ein wenig entmutigt brauchte Winter schließlich ihre letzte Schriftrolle auf, um im Turm selbst nach einem versteckten Portal zu suchen.
Diesmal hatte sie Glück: der Zauber führte die Gefährten in die Pagode im obersten Stockwerk. Ein Großteil des kleinen Säulenpavillions wurde von einer riesigen Lampe eingenommen, die von zahlreichen Linsen begrenzt wurde. Ein drehbarer Untergrund hielt die Lampe in ständiger Bewegung, was den rotierenden Lichtkegel erzeugte, den sie von unten gesehen hatten. In einer versteckten Bodenvertiefung unter der Lampe fand Winter eine große schwarze Linse. Dank des Erkenntniszaubers wusste sie, dass durch das Einsetzen der Linse in die Lampenhalterung ein Portal auf die Adumbral Calyx geöffnet würde. Doch kaum hatte sie die Linse berührt, um sie aus der Bodenvertiefung zu nehmen, wurden die vier Statuen, die das Dach der Pagode trugen, plötzlich lebendig und erhoben ihre steinernen Fäuste gegen die Eindringlinge.
Der Platzmangel machte den ausbrechenden Kampf schwierig. Winter wirkte einen Flugzauber, um den Angriffen der Steingolems zu entgehen, während Boltor der Zwerg seine magischen Stiefel einsetzte, um aus der Luft anzugreifen. Hades, Kalith und Grimwardt jedoch schränkte die Enge des Raumes in ihrer Beweglichkeit ein. Hades musste seinen Schutzzauber fallenlassen, um überhaupt in den Raum zu passen. Dazu brachte jeder erfolgreiche Angriff das Dach zum Wanken, das auf den abgeflachten Köpfen der steinernen Konstrukte lastete. Aus diesem Grund traute sich Winter auch nicht, ihren mächtigsten Zauber, einen Auflösungsstrahl, gegen die Golems einzusetzen, denn der Einsturz des Daches würde das Portal unweigerlich zerstören. Zu ihrem Ärger griff schließlich auch noch Wuschkin, mit einem Unsichtbarkeitszauber getarnt, in den Kampf ein. Ein Feuerball, den der Magier in der Mitte des Laternenraums zündete, traf Grimwardt mit voller Wucht und zwang den mächtigen Krieger in die Knie. Doch ehe Winter sich den Schurken vorknöpfen konnte, war Wuschkin auch schon wieder verschwunden. Endlich knickte auch der letzte der vier Golems ein. Das Dach knarrte bedrohlich unter den verlagerten Gewichtsverhältnissen und die Gefährten machten sich eilig daran, die schwarze Linse in die Halterung über der Laterne einzusetzen.
Dann wurde es dunkel.

Hades
Adumbral Calyx, kurz darauf.
Hades spürte, wie ihn etwas streifte. Ein rotierender Strahl, kälter als Eis und schwärzer als die Finsternis, die ihn umgab. Beißender Schmerz. Keuchend ging der Streiter des Kelemvor in die Knie.
„Flach auf den Boden werfen!“
Blind befolgte er Winters Befehl. Dann hörte er sie aufschreien.
„Grim!“
Hades robbte auf Winter zu. Auf dem Weg stieß er gegen ihren Bruder, der reglos am Boden lag. Der hünenhafte Krieger schulterte den Tempuspriester und folgte Winters Anweisungen, die ihn durch eine Bodenklappe aus der Reichweite des Schattenstrahls lotste. Hades stolperte eine Sprossenleiter hinunter und landete in einem Treppenhaus, das spärlich vom Licht einer Fackel beleuchtet war.
„Was war das?“, keuchte der Richter. „Woher wusstet Ihr von der Klappe im Boden?“
„Weil wir wieder in dem Lampenraum waren“, murmelte Winter. „Durch meine magische Dunkelsicht konnte ich ihn sehen. Derselbe Ort, dieselbe Aussicht auf das Immerfeuer, nur düsterer, undefinierter. Der Strahl, der Euch getroffen hat, war eine Schattenversion des Leuchtfeuers aus Wuschkins Turm.“
„Verstehe.“
Demnach war die Schattenebene eine Art Parallelwelt zur materiellen Ebene. Höchst bemerkenswert.
Hades kniete sich zu Grimwardt und sprach ein Gebet.
Richter der Verdammten, wenn es noch nicht an der Zeit ist, ihn zu dir zu nehmen, erhöre mich und schick diesen Krieger zu uns zurück.
Grimwardt öffnete die Augen und grummelte etwas Unverständliches, das ein Wort des Danks sein mochte. Während die Gefährten die Treppen hinab stiegen, klärte Winter ihren Bruder flüsternd darüber auf, was mit ihm geschehen war. Das Treppenhaus endete vor einer unverschlossenen Tür. Hades trat als erster ein.
Sie waren im Labor eines schwarzen Magiers gelandet. Dampfende Reagenzgläser enthielten magische Substanzen, die den Raum in dämmriges Zwielicht tauchten, halblebendige Kreaturen dümpeln in Einmachgläsern vor sich hin und in einem deckenhohen Bottich, der mit schwarzer Schattenmaterie gefüllt war, wurde eine grässliche Kreatur herangezüchtet. Sie schien sich noch nicht auf eine Gestalt festgelegt zu haben, doch jede ihrer Formen war ein Abbild des puren Horrors. Erst auf den zweiten Blick erspähte Hades den Wächter der finsteren Arbeitsstätte: Eingerollt in einer Ecke des Labors harrte die schattenhafte Silhouette eines Drachens, nicht größer als ein Pferd. Als Hades den Raum betrat, wachte er auf und zwei strahlende, tellergroße gelbe Augen richteten sich auf die Eindringlinge. Der Schattendrache zischte etwas in einer alten, kehligen Sprache. Die Worte ließen Boltor das Blut in den Adern gefrieren und der Zwerg kauerte sich furchterfüllt in eine Ecke.
Dann begann der Kampf.
Herr, gewähre mir deine göttliche Einsicht.
Hades schloss seine Hand um das Heft der Sonnenklinge Styx und fokussierte die göttliche Energie, die durch seinen Körper rann.
 „Auf mein Kommando, stürmt!“, rief er dabei, bereit einen vernichtenden Sturm gegen den Schattenwächter anzuführen. Doch der Drache war schneller. Mit einem Zischen breitete er seine Flügel aus, stob in die Luft und spie den Gefährten seinen eisigen Atem entgegen. Hades spürte, wie der Drachenodem an seiner Lebenskraft zehrte, doch noch ärgerlicher war der Umstand, dass die veränderte Position des Gegners einen Sturmangriff mit vereinten Kräften vereitelte. Um den Drachen in der Luft zu erreichen, musste der Richter erst das Gebet sprechen, das ihm Kelemvors überirdische Größe und Stärke verlieh. Als er endlich zum Zug kam, war die Gunst des Augenblicks längst verflogen. Hades überließ die Bewegungen seines Körpers Kelemvors göttlicher Führung, doch der Richter der Toten schien an diesem Tag wenig gewillt, den Drachen seinem Urteilsspruch zu unterziehen: Immer wieder gelang es dem schattenhaften Wächter, die Augen seiner Gegner zu täuschen und ihre Angriffe ins Leere zu lenken. Zwei Geister, Todesalben, die wahrscheinlich der Kampfeslärm herbeigelockt hatte, waren an der Ostseite des Raums aufgetaucht und hielten Grimwardt in Schach. Dennoch schien der Drache einzusehen, dass er gegen die Übermacht seiner Gegner keine Chance hatte und teleportierte sich davon, ehe Hades ihm den Todesstoß versetzen konnte. Die Todesalben waren schnell besiegt, doch es war ein unbefriedigender Sieg.
„Wir sollten uns zurückziehen“, erkannte Winter, während sie dem verängstigte Zwergen aufhalf, dessen Nase sofort wieder in seinem Humpen verschwand, als versuche er seine verlorene Würde auf dem Grund seines nimmerleeren Füllhorns wieder zu finden . „Wir wissen zu wenig über die Schattenebene und ihre Gefahren. Lasst uns morgen nach der Gerichtverhandlung zurückkommen.“
Hades musste sich eingestehen, dass sie Recht hatte. Dieser Kampf hätte nicht so sehr an ihren Kräften zehren dürfen. Der Drache mochte ein achtbarer Gegner sein, doch er hatte bereits gegen weitaus mächtigere Feinde den Sieg davongetragen. Wenn dieser Ort tatsächlich von einem Halbgott regiert wurde, würde es nicht ausreichen, mit halber Kraft in den Kampf zu ziehen. Ihnen blieb keine andere Wahl als der Rückzug, selbst wenn sie dadurch das Überraschungsmoment einbüßen mussten.
« Letzte Änderung: 12. Februar 2010, 07:28:52 von Niobe »

Nightmoon

  • Mitglied
    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #50 am: 12. Februar 2010, 03:18:53 »
Sehr schöne Einführung von Boltor. Vor allem der K.O. gegen den irren Zwergenmagier  :D
Bin voll gespannt auf das was nun kommen wird!

Niobe

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #51 am: 23. Februar 2010, 00:15:21 »
Kapitel V: Eine Armee für die Silbermarken

Grimwardt
Spät am Abend im Stadtpalais der Wands, Tiefwasser.
„Ich übernehme die erste Wache“, murmelte Grimwardt aufopferungsvoll.
Wer sie so die Treppe zu ihren Gemächern hinauf kriechen sah, mit müden Augen und schlaffen Gliedern, hätte meinen können, die Schlacht läge bereits hinter ihnen. Und tatsächlich war die Wahrheit nicht allzu weit davon entfernt: Seit der Begegnung mit dem Hausdachen von Haus Wands waren sich die fünf einig, dass die Chancen auf einen geselligen Abend selbst im neunten Höllenkreis besser standen als in der Gesellschaft von Lady Laetitia Wands!
Und dabei hatte alles ganz harmlos begonnen. Nachdem sie sich aus der Adumbral Calyx zurückgezogen hatten, waren die Gefährten nach Tiefwasser gereist, um einige magische Einkäufe zu tätigen. Boltor der Zwerg hatte sich ihnen mit einem Lallen und den Worten „Saufen kann ich überall“ angeschlossen. Da niemand etwas gegen tägliches Freibier einzuwenden hatte, war mehr nicht von Nöten gewesen, um ihn in die Gruppe aufzunehmen.  
In Tiefwasser hatten sie einen Abstecher zu Khelbens Zauberschule gemacht, die seit dem Tod des berühmten Magiers von seiner Geliebten, Lady Lareal Silberhand, geführt wurde. Über Lareal, die zweitjüngste der Sieben Schwestern und eine alte Bekannte der Fedaykin-Geschwister, hatten sie gehofft mit Lareals Schwester Alustriel von Silbrigmond in Kontakt zu treten. Schließlich musste die Regentin der Silbermarken über das Portal im Unterheim und die Machenschaften des Schattenherrn der Adumbral Calyx unterrichtet werden. Doch in Tiefwasser war Lareal nicht anzutreffen gewesen. Von einer ihrer Schülerinnen hatten die Gefährten erfahren, dass die Fürstin vor zwei Tagen übereilt die Stadt verlassen hatte und seither nicht wieder aufgetaucht war. Da es schon spät war, waren sie daraufhin übereingekommen, bei einem alten Freund der Geschwister, dem Barden Marcus Wands, zu übernachten.
Doch statt auf den alten Schwerenöter waren sie im Stadtpalais seines Onkels auf Marcus’ Gattin Laetitia gestoßen. Lady Laetitia, deren sichtbare Schwäche für gefüllte Pasteten und kandierte Früchte auch fünf Schichten Gesichtspuder nicht zu übertünchen vermochten, hatte die Gefährten von dem Augenblick, da sie in ihre Falle getappt waren, nicht mehr aus ihren Fängen gelassen. Ihr schrilles Kichern hatte selbst den versoffenen Zwerg aus seiner angesäuselten Beschaulichkeit gerissen und ihr belangloses Geschnatter auf einer Frequenz, die nicht weit davon entfernt war, Glas zum Zerspringen zu bringen, übertraf jedes Folterinstrument.
Winter, der es kurzzeitig gelungen war, der Gastgeberin zu entfliehen, hatte Marcus schließlich in seinem Arbeitszimmer gefunden, wo sich der Hausherr zu nächtlicher Stunde mit übermüdeten Augen durch einen Stapel von Rechnungen und Lieferlisten quälte. Dem Zusammenbruch nahe, hatte sich der Unglückliche an der Schulter seiner alten Gefährtin ausgeheult und ihr sein Leid geklagt: Nachdem ihre Abenteuergruppe daran gescheitert war, das Auge des Drachenkönig, ein altes Familienerbstück der Wands, von den Schattendieben „zurückzustehlen“, die es durch Zufall bei einem Großraub ergaunert hatten, war Marcus’ Onkel gezwungen gewesen, das mächtige und gefährliche Artefakt zu horrenden Summen von der Diebesgilde zurückzuersteigern. Die Wiederbeschaffung hatte Marcus’ Familie in den Ruin und seinen Onkel ins Grab getrieben. Um nicht auch noch das Haus zu verlieren, hatte sich Marcus auf die Zweckehe mit Laetitia eingelassen und war in das Geschäft ihres Vaters eingestiegen. Unter dem Terrorregime des herrischen Kaufmanns und seiner zänkischen Tochter war der einstige Lebemann zu einer armseligen Karikatur seiner selbst verkommen. Um Marcus auch das letzte bisschen Lebensfreude zu nehmen und der „unnatürlichen und schändlichen“ Neigung ihres Gatten Einhalt zu gebieten, hatte Laetitia alle männlichen Bediensteten entlassen. Das Leben des ehemaligen Glücksritters bestand fortan nur noch aus Tabellen, Strichlisten und dem bitteren Sarkasmus, der ihn das alles ertragen ließ.
Grimwardt kam nicht umhin, den armen Tropf ein wenig zu bemitleiden. Immerhin waren sie nicht so ganz unschuldig an seinem Los. Um ihm ein wenig Abwechslung zu verschaffen, hatte er Marcus ein lukratives Geschäft vorgeschlagen, das seine baldige Abreise in die Abtei des Schwertes erforderte. Laetitia, misstrauisch wie eine alte Vettel, hatte sich von dem Vorschlag des Abteivogts wenig angetan gezeigt. Doch am Ende hatte die Habgier der Kaufmannstochter über ihr Misstrauen gesiegt. Als Resultat war Grimwardt der Kussattacke des überglücklichen Hausherrn ausgesetzt gewesen, die der Tempuspriester mit stoischer Miene über sich ergehen ließ.
Als er nun auf seinem Wachtposten vor den Gemächern seiner Gefährten Stellung bezog, klang Laetitias keifende Stimme noch immer in seinen Gedanken nach. Grimwardt wollte gerade die Augen schließen, um die lästige Erinnerung abzuschütteln, als er plötzlich eine Veränderung spürte. Eine Bewegung? Eine Luftveränderung? Grimwardt kniff die Augen zusammen. Dann begriff er: Nebel! Kaum sichtbar im Halbdunkel des Korridors waren die Schwaden aus den Dielen gestiegen und durch das Schlüsselloch in Winters Gemach gekrochen. Der Priester hatte genug Erfahrung mit Untoten, um die Gefahr auf den ersten Blick zu erkennen.
„Winter!“
Seine Schwester war nicht die einzige, die aufschreckte, als Grimwardt ins Zimmer platzte. Der Eindringling hatte sich vor ihrem Bett materialisiert und kniete, über Winters Ausrüstung gebeugt, auf dem Boden. Als die Tür aufsprang, fuhr er herum und das Mondlicht streifte sein bleiches Gesicht.
„Drake!“
Drake wich zischend zurück und funkelte den Kriegspriester aus rot geränderten Augen an. Etwas glitzerte in seiner Hand. Bevor Grimwardt erkennen konnte, was es war, nahm Drake Anlauf und setzte zum Sprung durchs Fenster an. Glas splitterte auf ihn nieder, als er den Fall mit einer Rolle abfing. Während der Eindringling über den Hof rannte, gingen im Haus die Lichter an und die ersten Wachen setzten ihm nach.
Gleichzeitig platzten Kalith, Hades und Boltor ins Zimmer. Kalith reagierte schnell und wies mit seiner Elfenklinge auf das Tor. Auf seinen Befehl entstand dort eine Wand aus wirbelnden Klingen, die Drake den Weg versperrten. Für einen Augenblick war der Flüchtende abgelenkt. Genug Zeit für Winter, die ganze Gruppe in den Hof zu teleportieren. Drake katzbuckelte und warf gehetzte Blicke um sich, als sie ihn umzingelten. Dann zischte er einen Zauber und setzte zum Sprung an. Ein gewaltiger Satz katapultierte ihn über die Klingenbarriere. Spinnengleich erklomm er das Mauerwerk und war im nächsten Augenblick verschwunden. Kalith und Boltor nahmen die Verfolgung auf, kehrten jedoch kurz darauf unverrichteter Dinge zurück.
„Was war das?“, fragte Winter atemlos. „Ist er…?“
„…ein Vampir?“, knurrte Grimwardt. „Sieht ganz danach aus.“
„Was war es, das er gestohlen hat?“ Hades war wie immer nichts entgangen.
Winter eilte zurück in ihr Zimmer und durchsuchte ihre Ausrüstung.
„Das muss dieser Stein aus Immerschwinge gewesen sein“, sagte sie. In kurzen Worten berichtete sie den anderen von ihrem Ausflug in die Stadt der Avariel. Bei der Plünderung des Elfen, der den Angriff auf die Wolkenstadt eingefädelt hatte, war Winter auf einen magischen Steinsplitter gestoßen. Die magische Aura des Steins war überwältigend gewesen, doch bei näherer Inspektion schien es sich dabei lediglich um eine Art moralischen Kompass zu handeln. Nutzloser Schnickschnack, in Winters Augen.
„Mir ist schleierhaft, was er mit dem Ding will“, beendete sie ihren Bericht.
„Wer weiß, welches Geheimnis der Stein birgt“, gab Hades zu bedenken. „Euer Freund Drake schien jedenfalls darum zu wissen.“
Grimwardt schüttelte schnaubend den Kopf.
„Das ergibt doch alles keinen Sinn“, grummelte er. „Gestern Abend erst hatte Drake uns in seiner Gewalt. Warum hat er sich den Stein nicht da schon genommen? Und wie soll er so plötzlich zum Vampir geworden sein? Kam er euch gestern in irgendeiner Weise untot vor?“
Ratlose Gesichter.
Schließlich war es Kalith, der das Wort ergriff.
„Mir ist es gleich, wer oder was Drake ist“, sagte er leise. Sein Gesicht war so angespannt, dass seine Kieferknochen hart aus dem schmalen Gesicht stachen. „Oder wozu er diesen Stein braucht. Drake ist der Mörder meiner Eltern und dafür werde ich ihn büßen lassen.“

Winter
Am nächsten Tag im Sterngericht, Silbrigmond.
Alle Augen waren auf Winter gerichtet.
Erhobenen Hauptes schritt die Frau des Angeklagten durch den Gerichtssaal und nahm auf dem Stuhl der Lügen Platz. Auf die Fragen des Verteidigers antwortete sie mit ruhiger Stimme, ohne das Getuschel zu beachten, das durch die Bankreihen ging. Stimmte es, dass der Butler zur Zeit seiner Aussage unter magischem Einfluss gestanden hatte? Wie war sie zu dieser Schlussfolgerung gekommen? Was hatte es mit den Tagebuchaufzeichnungen des Opfers auf sich?
Bei aller äußerlichen Gelassenheit merkte Winter, dass sie nicht ganz bei der Sache war. Immer wieder glitten ihre Gedanken ab. Drake, der gestohlene Stein, die Adumbral Calyx, das Schattengewebe... So viel war seit Doriens Festnahme geschehen und noch immer tappten sie im Dunkeln, was den Zusammenhang all dieser Ereignisse anging. Der Verbleib ihrer Tochter in der magietoten Zone war weiter ungewiss und ihr kurzer Ausflug auf die Schattenebene war inzwischen sicher entdeckt worden…
Um ihre Gedanken zu fokussieren und sich von ihren Sorgen abzulenken, blickte Winter zu Dorien, der in Handschellen auf der Anklagebank saß. Erschöpfung und Demütigung hatten dunkle Ringe unter seine Augen gezeichnet und mit einem Mal überkam sie tiefes Mitgefühl. Dabei standen seine Chancen gar nicht schlecht: Die fünf Hohen Richter würden sich der Beweiskraft des Tagebuchs nicht entziehen können. Sie mussten erkennen, dass Dorien den Mord an Fürst Emmet Oleander nicht begangen haben konnte. Doch selbst wenn sein Kopf heute verschont blieb, so hing doch sein Ruf bereits am Galgen. Der Staatsanwalt hatte einen ganzen Pulk früherer Liebschaften des Dandys ausfindig gemacht, die Doriens Verhältnis zu Lady Lucinda vor achtzehn Jahren bezeugen konnten und noch einige andere brisante Details aus seinem Leben zu erwähnen wussten:  Damals war Dorien mit gerade einmal siebzehn Jahren als „Gesellschafter“ in Silbrigmonds Salons ein oft gesehener Gast gewesen, was in Adelskreisen eine süffisante Umschreibung für eine männliche Kurtisane zu sein schien. Winter wusste, was das zu bedeuten hatte: Selbst wenn Dorien freigesprochen würde, war der Name Dantés doch für alle Zeit beschmutzt. Winter konnte sich die Betroffenheit der Dantés’ lebhaft vorstellen, wenn sie bei ihrer Rückkehr feststellen mussten, dass sich die Nachbarn das Maul über sie zerrissen…
Nachdem Winter ihre Aussage gemacht hatte, überließ der Verteidiger sie dem Anwalt der Klägerschaft, einem Dreikäsehoch von einem Gnom, der die Nase so hoch trug, das er sein Brillengestell auf dem Nasenbein balancieren konnte.
„Nennt dem Gericht Euren vollen Namen.“
„Mein Name ist Winter Ballostero, geborene Fedaykin.“
Der Gnom kniff die Augen zusammen.
„Wieso gabt Ihr Hauptmann Sernius Alatahar gegenüber an, die Gattin des Angeklagten zu sein?“, fragte er forsch.
„Es fand keine formelle Trauung statt. Doch Dorien Dantés ist der Vater meines Kindes.“
Sie würde diesem halben Meter nicht gestatten, ihre Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen. Der Gnom ließ es dabei bewenden und ging dazu über, ihr Fragen über Drake, den Butler und das Tagebuch zu stellen. Winter ließ sich von seinen kleinen Sticheleien nicht aus der Fassung bringen und meisterte das Verhör, ohne dass der Stuhl der Lügen sich verfärbte.
Nachdem der Angeklagte als letzter in den Zeugenstand gerufen worden war, zogen sich die Richter zur Beratung zurück. Winter versuchte einen Blick auf Dorien zu erhaschen, doch der Angeklagte hielt den Kopf gesenkt, sodass sein Gesicht von einer Strähne seines hellen Haars verdeckt wurde. Dann endlich öffnete sich die Tür zum Richterzimmer. Winter hätte die fünf alten Männer am liebsten mit einem Hastzauber belegt, so langsam krochen sie in ihren raschelnden Talaren zurück zum Podium. Jorus Azurmantel von der Zaubergarde verkündete den Urteilsspruch.
Winter hielt den Atem an.
„Wir, die Hohen Richter von Silbrigmond“, erklärte der Alte, „befinden den Angeklagten mit vier zu einer Stimme für… nicht schuldig.“
Beredte Betriebsamkeit folgte auf die Urteilsverkündung: Bänke wurden gerückt und eine Horde aufgeregt lamentierender Gerichtsgänger strömte dem Ausgang zu. In all dem Trubel fielen sich Dorien und Winter um den Hals.
„Danke“, flüsterte er. „Danke, dass du mir den Hals gerettet hast.“

Faust
Etwa zur gleichen Zeit im Gasthaus Zu Hammer und Helm.
Stöhnend wälzte sich Faust aus dem Bett und fluchte, als er über ein paar Damenschuhe stolperte, die vor seinem Bett verstreut lagen. Von der dazugehörigen Dame war nur der dunkle Haarschopf zu erkennen, der unter der Bettdecke hervorlugte. Faust machte gar nicht erst den Versuch, sich daran zu erinnern, wer sie war oder wo er sie aufgegabelt hatte. In seinem Schädel pochte es, als würde er von einem Trupp zwergischer Mienenarbeiter bearbeitet. Sein Gedächtnis musste ihn etwa zu dem Zeitpunkt verlassen haben, als er diesem Hurensohn von Söldner das Tischbein zwischen die Rippen gerammt hatte, woraufhin der Wirt des Strahlenden Schwerts ihn vor die Tür gesetzt hatte. Der Krieger seufzte. Miu würde ihm wieder einen ihrer moralischen Blicke zuwerfen, wenn sie davon erfuhr. Wo war die kleine Heilerin überhaupt? Nachdem er sich etwas Wasser ins Gesicht gespritzt und sein Schwert umgebunden hatte, verließ der Kämpfer das Gasthaus, um nach seiner Gefährtin zu suchen.
„MIU!“
Du bist ein erbärmlicher, versoffener Hurenbock, schalt er sich selbst, während er ziellos durch die Gassen lief. Er hatte den ganzen verdammten Kontinent von Osten nach Westen durchwandert auf der Suche nach seiner Bestimmung. Und wofür? Seit der Rebellion des Nagamura hatte er keinen Kampf mehr ausgefochten, der ihm gerecht wurde. Er hätte dort bleiben sollen, in den Bergen von Wa, wo der Rest seines geschlagenen Heers vermutlich noch immer auf ihn wartete. Warum hatte er sie im Stich gelassen? Um dem Traum einer irren alten Karaturianerin zu folgen, die ihn für den Auserwählten hielt und ihm aufgetragen hatte in seine Heimat zurückzukehren? Auserwählt von wem und wozu? Von den Nebeln? Faust schauderte, wenn er an die Nebel dachte. Sie hatten ihn schon einmal entführt… Hatten sie das? Seine Erinnerung an die Zeit vor seinem Erwachen in Kara-Tur war so schemenhaft, dass er sich manchmal fragte, ob die Erinnerungsfetzen, die ihn von Zeit zu Zeit heimsuchten, nichts weiter waren als Albträume.
Ohne es zu merken, war Faust im Zentrum der Stadt angelangt. Im Schatten des Hochpalasts lag ein unscheinbares Gebäude aus schwarzem Basaltstein, das entfernt die Form einer Krone aufwies. Das Emblem Tyrs über dem Eingang wies den Bau als Gerichtsgebäude aus. Bürger entströmten ihm in Scharen und Fausts Augenmerk fiel auf eine Gruppe nicht unweit des Haupteingangs. Eine hübsche Rothaarige fiel gerade einen Typ um den Hals, der aussah wie einer Schäferidylle entsprungen, während ein rotbärtiger Axtträger einen besoffenen Zwerg davor bewahrte ein kleines Kind über den Haufen zu rennen.
Abenteurer!, erkannte Faust schmunzelnd.
Dann stutzte er. Ein wenig abseits der illustren Gruppe harrte ein dunkelhäutiger Priester, dessen durchdringende, farblose Augen Faust zu durchbohren schienen. Faust kniff die Augen zusammen. Irgendetwas an dem Kerl kam ihm bekannt vor.
Der Fremde trat auf ihn zu.
„Faust?“
Auf unerklärlich Weise erschien Faust das Emblem Tyrs, das im Wind hinter dem Priester wehte, plötzlich wie ein drohendes Omen.
„Äh… kennen wir uns?“
„Flüchtig“, erwiderte der Fremde. „Mein Ordensname ist Hades. Auch bekannt als das dritte der Neun Schwerter von Rabenklippe. “
Die Neun Schwerter. Flüchtige Erinnerungen. Ein Fremder, der an die Tür seiner Mutter klopft. Ein Tavernenschild, das quietschend im Wind schaukelt. Der Geruch von Schweiß und Blut.
„Ihr erinnert Euch“, erkannte Hades und plötzlich lag etwas Drohendes in seiner Stimme. „Dann wisst Ihr auch, weshalb ich hier bin?“
„Nicht… wirklich.“
„Ich suche schon seit einer halben Ewigkeit nach Euch.“
„Oh.“ Faust überkam das dumpfe Gefühl, dass er den Kerl so schnell nicht wieder loswerden würde. „Sonst nicht viel zu tun, hm?“, versuchte er die Situation aufzulockern.
Keine Regung. Der Kerl hatte soviel Sinn für Humor wie ein Bauchgeschwür.
„Ich bin hier, um Euch für den Mord an Meister Thallastam zur Verantwortung zu ziehen.“
„Den Mord an…? WOU!“ Faust hob abwehrend die Hände. “Langsam, Mann!“
Der Kämpfer hatte geahnt, dass so etwas kommen würde. Aber ein Mord? Das ging gegen seine Ehre und die war ihm heilig.
„Ich weiß wirklich nicht wovon Ihr sprecht“, erklärte er fahrig, während er versuchte gegen das Pochen in seinem Kopf anzureden. „Mag sein, dass mein Gedächtnis mich in letzter Zeit etwas im Stich gelassen hat. Aber ich bezweifle, dass ich der bin, den Ihr sucht.“
„Das bezweifle ich nicht“, sagte Hades unbeeindruckt. „Ich muss Euch bitten, mir Euer Schwert auszuhändigen und mir nach Rabenklippe zu folgen. Im Namen der Neun Schwerter nehme ich Euch in Gewahrsam.“
„Zwiespalt ist das Schwert meines Vaters“, erklärte Faust. „Und ich gebe es nur ungern aus…“
Hades zog seine Waffe.
„Euer Schwert!“, forderte er schneidend und drängte den Krieger mit seinem massigen Körper in eine Seitengasse. „Oder ich sehe mich gezwungen, es Euch gewaltsam zu entreißen!“
Faust stöhnte.
„Muss das jetzt sein?“, fragte er, während er zögernd nach seinem Knüppel griff. Schließlich wollte er dem Priester nicht gleich den Kopf von den Schultern säbeln. „Ich bin nicht gerade in der besten Verfassung, um…“
Hades griff an.
Faust ächzte, als sich die Sonnenklinge in seine Seite bohrte, und wich mit einem flinken Seitenschritt dem Folgestoß aus. Scheiß auf den Knüppel! Faust zog seine Henkerswaffe. Wenn der Mistkerl ihm gleich auf die harte Tour kam, dann hatte er es nicht besser verdient! Ein eilig gewirkter Zauber verwandelte die Klinge des Krummschwerts in eine Ätherwaffe, die Hades’ Rüstung mit Leichtigkeit durchdrang. Anders als die meisten Kämpfer hielt Faust magische Studien nicht für Zeitverschwendung. Im Gegenteil: Der ehrgeizige Abenteurer hatte gelernt, östliche Kampkunst mit ein paar arkanen Tricks zu würzen, die seinen Stil der Technik anderer Kämpfer überlegen machte. Das Resultat war eine eigenwillige Mischung aus brachialer Gewalt und taktischen Kampfmanövern. Die verwirrende Unberechenbarkeit dieser Mischung bekam auch Hades nun zu spüren. Faust überzog den Priester innerhalb eines Augenschlags mit einem wahren Klingenhagel - ein Kunstgriff, den er von seinem alten Freund Nagamura gelernt hatte. Sein Gegner strauchelte, doch ein eilig gesprochenes Heilgebet brachte ihn schnell wieder auf die Beine. Auch sein nächster Angriff traf Faust mit voller Wucht: Kunststück – bis auf einen stählernen Arm war der Kämpfer ungerüstet. Doch ehe Hades zu seinem nächsten Angriff ausholen konnte, war Faust bereits aus seiner Reichweite getänzelt und holte zum Gegenschlag aus. Faust erkannte die Kampftechnik seines Gegners als eine, die seiner eigenen nicht unähnlich war, wenn Hades sich auch eher auf die Kanalisierung göttlicher Energie als auf die Perfektionierung des Zusammenspiels von Körper und Geist spezialisiert hatte. Ja, nun erinnerte er sich wieder: Es waren die Neun Schwerter, die ihn die Kunst der Schwertmagie gelehrt hatten. Er war einer von ihnen! Er hatte… Die Erkenntnis hätte Faust beinahe aus dem Gleichgewicht gebracht. Hades nutzte die Gelegenheit, um ihn in eine Sackgasse zu drängen und ihm jede Ausweichmöglichkeit zu nehmen. Faust setzte alles auf eine Karte: Er erhob sein Schwert über den Kopf und setzte zum Sprung an. Die Wucht des Angriffs zertrümmerte Hades’ Schulterblatt und der Priester sank bewusstlos zu Boden.
Keuchend ließ sich Faust gegen die kühlende Steinwand sinken. Scheiße. Was sollte er jetzt tun? Wenn er ihn hier liegen ließ, würde der Priester innerhalb weniger Minuten verbluten. Wo war Miu, wenn man sie brauchte? Faust gab sich einen Ruck, nahm das Schwert des Priesters an sich und machte sich auf die Suche nach Hilfe.
„MIU!“, brüllte er lauthals, während er durch die Gassen lief.
„Halt!“ Zwei Stadtwachen in silbernen Rüstungen hielten den blutverschmierten Krieger an.
„Ist Euch eine kleine Karaturianerin aufgefallen?“, fragte Faust außer Atem. „Schwarze Haare, in Lumpen gekleidet, ziemlich schweigsam?“
Die beiden Wachen sahen ihn an, als wären sie ernsthaft um seinen Geisteszustand besorgt. Zögernd legten sie ihre Hände an die Waffen.
„Was ist geschehen? Wessen Blut ist das an Euren Händen?“
„Keine Zeit“, murmelte Faust und versuchte sich an den beiden vorbei zu drängen. „Ich muss Miu finden. Jemand liegt im Sterben. MIU!“
Einer der beiden zog sein Schwert.
„Sofort die Waffen fallenlassen!“, befahl der Ritter. „Und dann erzählt, was passiert ist!“  
Faust seufzte. Er hätte es allein mit dem ganzen Orden aufnehmen können, aber das hätte noch mehr Tote bedeutet… und noch mehr von Mius moralischen Blicken. Ergeben ließ er sein Schwert zu Boden sinken und erhob die Hände.
Als er mit den Rittern kurz darauf am Ort des Geschehens eintraf, staunte er nicht schlecht, Hades mit geheilten Knochen in der Gasse stehen zu sehen. Dann gewahrte er fünf weitere Gestalten: Es war die Abenteuergruppe, die ihm vor dem Gerichtsgebäude aufgefallen war.
„Er ist es, der mein Schwert gestohlen hat!“, erklärte Hades mit so viel Würde in der Stimme, dass niemand auf die Idee gekommen wäre, dass er noch vor wenigen Augenblicken mit zertrümmerter Schulter im Straßengraben gelegen hatte. „Er ist nicht nur ein Mörder, sondern auch ein Dieb.“
Fünf anklagende Blicke richteten sich auf Faust.

Hades
Einige Stunden später in der Küche des Ehepaars Dantés.
Mit einem halben Laib Brot und einer Käseecke in der Hand trat Faust aus der Vorratskammer.
„Wollt Ihr auch was?“, fragte er mit vollem Mund.  
„Darf ich Euch daran erinnern, dass wir zu Gast sind in diesem Haus“, schalt ihn der Richter und ließ sich mit versteiftem Rücken auf einem Küchenstuhl nieder.
„Schätze, das heißt nein.“ Der Krieger zuckte mit den Schultern und machte es sich mit hochgelegten Beinen am Speisetisch bequem. Hades runzelte die Stirn, sagte aber nichts.
Nachdem Faust in der Gasse aufgetaucht war, hatten die Ritter die beiden Kontrahenten mit auf die Wache genommen. Ein Mitglied der Zaubergarde hatte ihre Aussagen aufgenommen. Da sie beide keine Stadtbürger waren, hatte man sie daraufhin wieder gehen gelassen. Das Verhör hatte gezeigt, dass Faust die Wahrheit gesprochen hatte. Er konnte sich tatsächlich nicht daran erinnern, seinen alten Mentor, den Waldelf Thallastam, getötet zu haben. Er schien sich nicht einmal daran zu erinnern, ihn gekannt zu haben. Hades würde nach Rabenklippe reisen und die Anführerin der Neun Schwerter um Rat fragen müssen, was in diesem Fall zu tun war. Doch zuvor musste er seine Pflicht gegenüber den Fedaykin-Geschwistern erfüllen und mit ihnen gegen den Herrn der Adumbral Calyx und seinen Hofstaat in den Kampf ziehen. Der Kelemvor-Streiter war sich darüber im Klaren, dass die Begegnung mit dem Schattendrachen nur ein Vorgeschmack darauf gewesen war, was sie auf der Schattenebene erwartete. In Anbetracht der Umstände war ein Waffenstillstand mit Faust darum ratsam. Doch war dem wankelmütigen Raufbold zu trauen? Hades entschied sich zu einem riskanten Schritt und beschloss, Faust in ihre Mission einzuweihen. Wie nicht anders zu erwarten, brauchte es nicht viel Überzeugungskraft, um den ruhmsüchtigen Kämpen dafür zu begeistern, für Ehre und Ansehen in den Kampf gegen einen Halbgott zu ziehen.
Die anderen waren nicht schlecht erstaunt, als sie bei ihrer Heimkehr die beiden Kontrahenten, die sich noch vor wenigen Stunden bis aufs Blut bekämpft hatten, dabei überraschten, wie sie waffenbrüderlich die Invasion der Adumbral Calyx planten.
Winter warf Hades einen fragenden Blick zu.
„Dann hassen wir ihn also nicht mehr, hm?“, fragte sie scherzend.
Faust, der überaus charmant sein konnte, wenn er wollte, beeilte sich, Winter den Platz zu seiner Rechten anzubieten. Mit seinen ungewöhnlichen, verschiedenfarbigen Augen, seinem stählernen Körper und dem verwegenen Lächeln stand der Krieger bei der Damenwelt vermutlich hoch im Kurs. Das schien auch Dorien nicht zu entgehen.
„Ihr wisst, dass das die Vorräte meiner Eltern sind, die Ihr da so großzügig verteilt?“, fragte der Dandy mit einem eisigen Lächeln.
„Dann wohnst du noch bei deinen Eltern?“, entgegnete Faust mit rüpelhaftem Spott.
Doriens Lächeln wurde noch um einige Grade kälter und erstarrte dann.
„Habt Ihr Eure Miu wieder gefunden“, wechselte Winter eilig das Thema, bevor noch jemand erfror. „Was ist sie? Euer Tiergefährte?“
Faust lachte. „So was in der Art. Aber keine Sorge, sie beißt nicht.“ Dann wurde er ernst. „Eigentlich habe ich keine Ahnung, wer Miu ist. Sie spricht nicht viel. Gar nichts, um genau zu sein. Hat ein Schweigegelübde abgelegt.“
„Ein Schweigegelübde?“
„Sie kommt aus einem Bergkloster zwischen Shou-Long und dem Kaiserreich Wa. Der Orden der Schweigenden Schwestern. Sie folgt mir schon, seitdem ich Kara-Tur verlassen habe. Wahrscheinlich hatte sie eine Vision und glaubt nun, mich auf den rechten Pfad zurück bringen zu müssen.“ Er zwinkerte mit seinem grünen Auge, während das blaue ernst blieb.
„Der Orden der Schweigenden Schwestern?“ Winter machte große Augen und zwickte Grimwardt in den Arm. „Davon habe ich gehört! Ich selbst hatte überlegt, meine Tochter zur Ausbildung dorthin zu schicken. Habt Ihr in dem Kloster Kinder gesehen?“
„Nein“, sagte Faust. „Wieso auch? Ist doch stinklangweilig für Kinder. In einem Bergkloster mit einem Haufen schweigender Nonnen.“
„Aber dafür sicher.“
Faust zuckte mit den Schultern.
„Die Nonnen tun sicher niemandem was“, sagte er und lehnte sich gesättigt zurück. „Die haben alle einen Friedensschwur abgelegt. Aber wenn Ihr mich fragt, ist ein Ort auf der Welt so sicher wie der andere… Wie alt ist Eure Tochter?“
„Acht.“
Faust hob eine Augenbraue.
„Acht? Ich hielt Euch für nicht älter als Mitte zwanzig!“
Winter bedachte das Kompliment mit einem strahlenden Lächeln aus ihren smaragdgrünen Augen. Hades räusperte sich.
„Habt Ihr noch etwas über den Herrn der Adumbral Calyx herausfinden können“, versuchte er die Anwesenden daran zu erinnern, was vor ihnen lag.
Winter und Dorien hatten während Hades’ kurzem Ausflug ins Städtische Gefängnis die Bibliothek aufgesucht, um einige Nachforschungen anzustellen. Dort hatten sie die Dienste von zwei Gelehrten in Anspruch genommen. Von der ersten, einer Ebenenexpertin, hatten sie erfahren, dass die Schattenebene eine düsterer Reflektion der materiellen Ebene war. Jeder geographische Ort auf dieser Welt existierte auch dort, wenn auch der Übergang zwischen Realität und Illusion auf der der Schattenebene fließender war. Das bedeutete, das es auch das Immerfeuer von Sundabar dort gab und erklärte, wie es möglich war, dass Winter bei ihrem ersten Besuch auf der Adumbral Calyx das selbe Bild gesehen haben konnte, das sich auch aus dem Laternenraum in Wuschkins Turm bot: Der Palast des Halbgottes befand sich auf der Schattenebene an dem selben Ort wie der Turm des irren Zwergenmagiers.
Der zweite Gelehrte hatte Winter und Dorien mehr über ihren Gegner, Lord Volumvax Sciagraph, berichten können. Volumvax war einst, vor tausenden von Jahren, ein Mensch gewesen. Ein junger Streiter der Mondgöttin Selune, der gegen die Finsteren Heere der Göttin der Nacht in den Krieg gezogen war. Sein Heer war erfolgreich gewesen und sein Heldenmut hatte die Aufmerksamkeit und den Zorn Shars geweckt. Aus Rache hatte die Göttin seiner geliebten Gemahlin die Nachricht von seinem vermeintlichen Tod zukommen lassen. Vor Trauer hatte sich die Unglückliche von den Klippen in den Tod gestürzt. Volumvax, dessen Seele der Verlust zerfraß, war schließlich den Einflüsterungen und Lügen der Königin der Nacht erlegen und zu ihrem ergebenen Diener geworden. Zur Belohnung für seine treuen Dienste hatte sie ihm die Kräfte eines Umbranten gewehrt. Dann hatte sie ihn zum Halbdämon gemacht. Am Ende hatte Shar ihren treuen Verbündeten sogar mit dem niedrigsten Rang eines Gottes belohnt. Doch der Machtzuwachs hatte Volumvax in den Wahnsinn getrieben. Um ihn kontrollieren zu können, hatte Shar ihn in die Adumbral Calyx, einen Turmkomplex auf einer fliegenden Erdscholle in einem See aus flüssiger Schattenmaterie gebannt. Die Erdscholle konnte sich, vom Herrn der Adumbral Calyx befehligt, frei auf der Schattenebene bewegen, doch Volumvax selbst war in seinem Palast gefangen.
Während Winter und Dorien diese Informationen eingeholt hatten, waren Grimwradt, Boltor und Kalith nach Tiefwasser gereist, um einige letzte Besorgungen zu machen. Damit waren alle Vorbereitungen getroffen.
Am nächsten Tag würde der große Kampf beginnen.

Boltor
Am nächsten Morgen.
Boltor fluchte, als er, wie gewöhnlich sturzbesoffen, aus dem Haus torkelte und über ein Lumpenbündel stolperte, das irgendwer vor der Haustür deponiert hatte. Den Umstand, dass das Lumpenbündel plötzlich aufsprang und sich als eine junge Karaturianerin entpuppte, schrieb er einer Laune seines vernebelten Geistes zu.  Als dann jedoch der Neue (Boltor machte sich nicht die Mühe, sich all diese unaussprechlichen Menschennamen zu merken) aus der Tür gestürmt kam und das Lumpenbündel in die Arme schloss, wurde er doch stutzig.
„Miu!“, rief der Neue und zerzauste ihr kumpelhaft das lange schwarze Haar. „Wo warst du bloß? Hätte deine Hilfe echt gebrauchen können.“ Er schien keine Antwort auf seine Frage zu erwarten. „Leute, das ist meine Miu!“
Die junge Karaturianerin strich sich verlegen die Haare glatt und verneigte sich ehrerbietig.
„Damit wären wir zu acht“, freute sich Winter. „Eine Armee für die Silbermarken!“
Derart beflügelt teleportierten die Gefährten nach Sundabar ins Gasthaus Zur Trompete. Von dort ging es weiter ins Unterheim. Doch die Ankunft am Immerfeuer versetzte ihrer Aufbruchsstimmung einen jähen Dämpfer: Der Turm des irren Zwergenmagiers und das Portal zur Schattenebene existierten nicht mehr! An der Stelle des skurrilen Leuchtturms gab es nur noch einen Trümmerhaufen. In einiger Entfernung waren Zelte aufgeschlagen und zwergische Arbeiter liefen mit Schubkarren zwischen Trümmerhaufen und Zelten hin und her, um Schicht für Schicht abzutragen. Das ganze mutete wie eine skurrile Goldgräberszenerie an. Der Bereich um die Turmruinen war mit Schutzrunen gesichert und wurde von einem Trupp Steinschilde bewacht. Als die Gefährten sich den Runen näherten, kam ihnen Schildherrin Erdmute aus einem der Zelte entgegen.
„Hau rein!“, begrüßte Boltor seine Cousine auf Zwergisch.
„Geh fott“, erwiderte die Schildherrin.
„Was ist denn hier passiert?“
„Woher soll ich das wissen?“, knurrte die Zwergin. „Der Leiter der Expedition, Gabor, faselt dauernd etwas von magischen Löchern und gibt irgendeinen hochgelehrten Schwachsinn von sich, den kein ehrbarer Zwerg versteht.“
„Magische Löcher?“ Grimwardt, der als einziger ihre Sprache verstand, horchte auf. „Meint Ihr antimagische Zonen?“
„Was auch immer.“
„Wäre es wohl möglich, mit diesem Gabor zu sprechen?“
„Kann ihn ja mal fragen.“ Erdmute wandte sich um lief zu dem größten der Zelte. Nach einigen Minuten trat ein Goldzwerg mit beachtlichem Bartwuchs, wettergegerbter Haut und einem Monokel auf der Nase aus der Zeltöffnung und eilte auf die Gefährten zu.
„Ihr wart vor wenigen Tagen in diesem Turm?“, fragte der Zwerg auf Gemeinsprache.
„Ja, wieso?“
„Ist euch irgendetwas Ungewöhnliches dort aufgefallen?“
„Wenn Ihr das Portal zur Schattenebene meint, dann schon“, grummelte Grimwardt.
„Ein Portal!“ Vor Schrecken wäre dem Expeditionsleiter fast das Monokel von der Nase gerutscht.
„Wieso beunruhigt euch das? Und was tut ihr hier überhaupt?“
Der Zwerg leckte sich über die trockenen Lippen und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Dabei ging er unruhig auf und ab.
„Ich komme aus Zitadelle Adbar im Norden und bin ein Fachmann für Knotenmagie“, begann er. „Ich untersuche die magietoten Zonen in der Anauroch und den Talländern. Aufgrund der Aussagen einiger Beduinen-Flüchtlinge kam ich zu einem beunruhigenden Schluss: Die Größe der Löcher im magischen Gefüge und die hohe Geschwindigkeit ihrer Ausbreitung lassen befürchten, dass die Ursache dafür in einem Angriff auf Knotenpunkte des magischen Gefüges liegt. Knotenpunkte sind die Stellen im Gewebe, an denen verschiedene magische Meridiane aufeinander treffen. Die Magie ist dort besonders stark. Wird ein Knotenpunkt zerstört, so entsteht eine magietote Zone, die sich über die Verbindungsstränge sehr schnell ausbreitet. Ein solcher Knotenpunkt befindet sich auch unter dem Immerfeuer. Er ist der Grund für die hohe magische Qualität des Vulkansees. Ich fürchte, dass jemand versucht, diesen Knotenpunkt aufzulösen, um eine weitere magietote Zone zu erschaffen. Die wilde Magie ist ein erstes Indiz dafür, dass der Knotenpunkt bereits angegriffen wurde.“
Noch so ein Irrer, dachte Boltor. Der Umstand, dass der Expeditionsleiter die Angewohnheit hatte, beim Reden immer schneller zu werden, machte es nicht gerade einfacher, seinen Ausführungen zu folgen.
 „Alles klar“, knurrte der Zwerg der am Ende nur noch Magie und Knoten verstanden hatte. „Und was hat das alles nun mit dem irren Magier und dem Aschehaufen dahinten zu tun?“
„Aus den Trümmern konnte ich einige Gegenstände bergen, die darauf hindeuten, dass der Bewohner des Turms sich mit Schattengewebe-Magie beschäftiget hat.“
„Schön, der Kerl hatte ’ne Schraube locker“, grunzte Boltor. „So weit waren wir auch schon.“
„Nun, das geschieht nicht selten bei Nutzern des Schattengewebes, die sich ohne Shars Protektion mit solch gefährlicher Materie befassen“, erklärte Gabor. „Ich konnte mir bisher nicht erklären, weshalb Wuschkin den Turm zerstört hat, doch wenn ihr an diesem Ort ein Portal zur Schattenebene entdeckt habt…“
„… hat er es zerstört, um seinen Herrn zu schützen“, vollendete Winter den Gedanken.
„Oder sein Herr hat ihn zerstört und den Turm gleich dazu“, gab ihr Bruder zu bedenken.
„Welcher Herr?“, fragte Gabor.
„Wir haben keinen Zeit für diesen Kram“, drängte der Neue. „Wenn Lord Volumvax den magischen Knotenpunkt unter dem Vulkansee zerstört, sollten wir ihn schleunigst davon abhalten.“
Die anderen stimmten ihm zu.
„Hat einer von euch Priestern daran gedacht, den Zauber Ebenenwechsel zu erbeten?“, fragte Winter.
Grimwardt sah Hades an. Hades sah Grimwardt an. Winter verdrehte die Augen.
„Wollt Ihr mir erzählen, dass wir mit zwei Klerikern unterwegs zur Schattenebene sind, die nicht einmal an so etwas Banales wie einen Ebenenzauber gedacht haben?“, fragte die Diebesmeisterin und stemmte vorwurfsvoll die Hände in die Hüften.
Während unter den anderen ein Streit darum entbrannte, wer für die Planung der Mission zuständig gewesen war und keinen einzigen Dimensionssprung eingeplant hatte, beobachtete Boltor, wie die kleine Karaturianerin stumm und unbemerkt die Gesten eines Zaubers auszuführen begann.
Dann spürte er, wie sich die Dimensionen überlagerten.
« Letzte Änderung: 23. Februar 2010, 07:50:29 von Niobe »

Nightmoon

  • Mitglied
    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #52 am: 23. Februar 2010, 01:47:14 »
Gefällt mir wie immer super! Finde die die Art, wie du die Nebenhandlungen (z.B. Gerichtsstreit zwischen Faust und Hades) gekonnt abkürzt ohne dass es gehetzt wirkt. Freue mich wieder sehr auf die nächste Episode! Hoffe die Muse küsst dich noch! Genug Stoff hats ja gegeben  :)
(Aber 2 kleine Dinge noch: Das Schwert heißt Zwiespalt und das eine Auge ist Blau, das andere Grün  :wink: )

Niobe

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #53 am: 23. Februar 2010, 07:51:21 »
Habs geändert... Name des Schwers war ein Flüchtigkeutfehler, die Sache mit den Augen wusste ich noch nicht ;-)

Winter

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #54 am: 23. Februar 2010, 20:02:26 »
Gigantisch! Wirklich toll gemeistert, dieser Teil der Story. Die Einführung von Faust gefällt mir unheimlich gut!

Nightmoon

  • Mitglied
    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #55 am: 24. Februar 2010, 00:50:03 »
Oh ja, mir auch!  :D  :thumbup:

Niobe

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #56 am: 25. Februar 2010, 22:49:10 »
Kapitel VI: Götterdämmerung

Winter
Schattenebene.
Nichts hatte sich verändert und doch war alles anders. Die Farben, das satte Rot des Feuersees, das Gelb der Lavaschlieren, alles wirkte schwerfälliger und trüber, wie eine schwache Kopie der materiellen Welt. Winter spürte, wie eine schleichende Kälte unter ihre Haut kroch und sich über ihre Sinne legte. Auch ihre Sicht war eingeschränkt: Selbst mit ihrer magischen Dunkelsicht vermochte sie nur schwach die Umrisse des mächtigen Felsbrocken auszumachen, der über dem Immerfeuer schwebte. Als sie näher kamen, erkannte sie darauf einen dreiteiligen Turmkomplex, der aus einem See aus wabernder, dunstartiger Masse erwuchs. Schwarze Schattenmaterie kroch in Schlieren den mittleren der drei Türme empor, wo sie zu einem Strahl gebündelt wurde, der rotierend über den Vulkansee geisterte. Der Schattenstrahl war dem Leuchtfeuer aus Wuschkins Turm nicht unähnlich und Winter erkannte, dass es jener Strahl gewesen sein musste, der den Gefährten bei ihrem ersten Besuch in der Adumbral Calyx zum Verhängnis geworden war: Das Portal im Laternenraum des irren Zwergen musste sie in die oberste Pagode des mittleren Turms geführt haben.
Mit Flugzaubern erreichte die kleine Armee das fliegende Plateau… und wurde sofort von einer Pfeilsalve empfangen. Angestrengt starrte Winter in die Finsternis, doch alles, was sie erkennen konnte, waren zwei Brücken in weiter Entfernung, die die beiden äußeren mit dem mittleren Turm verbanden.
„Schnell, vor den Eingang!“, rief Grimwardt ihr zu.
Winter wirkte den Zauber und teleportierte die Gruppe vor das Haupttor. Sofort schlugen Zauber um sie herum ein und Winter gewahrte über sich die Umrisse eines riesenhaften, rochenartigen Wesens. Gleichzeitig erfasste eine weitere Pfeilsalve die Gruppe. Haken schlagend bahnten sich die magisch verstärkten Geschosse einen Weg um die massige Kreatur der Nachtschwinge. Einer der Pfeile traf Kaliths Schulter und schuf beim Aufprall ein Energiefeld aus zitternden Blitzen. Gleichzeitig surrte ein weiterer Pfeil vom Himmel, um sich mit ohrenbetäubendem Donnern in Doriens Brust zu bohren. Winter hatte Glück: Geschickt wich sie einem der Blitzgeschosse aus und entging dem Donnergrollen, doch Dorien wäre unter dem Pfeilgewitter beinahe zu Boden gegangen.
„Rennt die Tür ein!“, hörte Winter Hades rufen.
Sie rannten los. Das Tor leistete keinen Widerstand und sie stürmten brüllend in eine düstere Vorhalle. Schwer klang ihr rasselnder Atem in der unverhofften Stille.
Vor einer ausladenden Flügeltür harrte eine Gnomin. Sie war das jämmerlichste Geschöpf, das Winter je unter die Augen gekommen war. Als sie den Mund öffnete, streckte sie den Gefährten den Stumpf einer verstümmelten Zunge entgegen wie den Rachen eines anthropophagen Monsters. Dabei stieß sie krächzende Würgelaute aus, wie eine morbide Art von Willkommensgruß. Dann wandte sie sich um und betrat den Saal. Die Tür ließ sie halb geöffnet. Winter wandte einen ihrer Tricks an und verbreiterte den Türspalt per Magierhand.
Die Gefährten blickten in einen von Kerzen schwach erleuchteten Thronsaal.
Lord Volumvax Sciagraph saß mit lasziv gekreuzten Beinen auf seinem Thron. Ein schattenhafter Film, der wie eine zweite Haut über dem Gesicht des Halbdämons lag, ließ seine Gestalt mit der Umgebung verschwimmen. Seine Augen, aus denen er die Gefährten mit einer Mischung aus überheblicher Verachtung und amüsierter Neugier musterte, waren pechschwarz und pupillenlos wie glänzende Obsidiane. Doch es waren nicht diese Augen, die Winter erschaudern ließen. Es war auch nicht der Schattendrache, der wie ein braver Schoßhund zu Füßen seines Herrn harrte. Oder die beiden Schattenmarilith, die ihn flankierten - sechsarmige Dämonenfrauen mit Schlangenunterkörpern, die für ihre tödliche Schwertkunst berüchtigt waren. Nein, was Winter das Blut in den Adern gefrieren ließ, war der Anblick des Throns: Er war aus Menschenleibern gefertigt. Sterbende, die sich in Qualen wanden, eingeschlossen in einem Gebilde aus gräulichem Schattendunst und einer zähflüssigen, wächsernen Masse, die das groteske Kunstwerk in ständiger Bewegung hielt. Zwei riesige Kronleuchter waren ebenfalls aus Menschenleibern gefertigt. Ebenso wie ein kleinerer Thron neben dem des Halbgottes. Auf ihm saß eine junge Frau mit aschfahlem Gesicht und silberweißem Haar, die, bemüht ihre Schmerzen zu unterdrücken, in stummer Verzweiflung gegen das Konstrukt ankämpfte, das im Begriff war sie sich einzuverleiben. Winter erkante sie anhand der Ähnlichkeit zu ihren Schwestern Lareal und Taube.  
Sturm Silberhand.
Der Mistkerl hatte sich an einer der Sieben Schwestern vergriffen.
„Ich hatte früher mit euch gerechnet“, klang die sanfte Stimme des Halbdämons so nah an Winters Ohren als stünde er direkt neben ihr. „Ihr würdet meine Sammlung ganz herrlich ergänzen.“
Das war das Stichwort.
Hades’ Sonnenklinge erstrahlte in gleißendem Licht, das den Raum durchflutete.
Und dann brach die Hölle los.

Boltor
Boltor nahm einen kräftigen Schluck aus seinem nimmerleeren Humpen.
„Elfische Hurensöhne“, lallte er.
Versteckt kauerten sie mit ihren Langbögen hinter der Brüstung der Galerie, durch die der Saal mit dem zweiten Stockwerk verbunden war. Unsichtbar für alle außer den Zwergen. Eigenartige Elfen waren das. Graue Gesichter, graue Haare, Katzenaugen. Aber Spitzohr blieb Spitzohr.
Es waren zwei, einer auf jeder Seite der Galerie. Boltor war sich ziemlich sicher, dass es zwei waren, auch wenn ihn sein Blick in dieser Hinsicht manchmal trog.
Er stürmte los, aktivierte seine Luftstiefel, stolperte torkelnd die Lufttreppe hinauf, die sich vor ihm materialisierte, setzte zum Sprung an und schraubte sich wie ein fliegender Korkenzieher auf seinen Gegner zu. Der Schattenelf brach stöhnend unter der Kopfnuss des betrunkenen Meisters zusammen. Wimmernd hielt er sich den schmerzenden Unterleib, stolperte ziellos einige Schritte rückwärts und übergab sich über die Brüstung.  
„Zum Wohl!“, lachte Boltor und erhob seinen Humpen zum Schlag. Im selbem Moment ließ ein Stromschlag seinen Körper erzittern. Der magische Blitz, der scheinbar aus dem Nichts auf ihn niedergegangen war, sprang weiter und die Schmerzensschreie seiner Gefährten sagten Boltor, dass er nicht das einzige Opfer geblieben war. Dann erschien vor ihm, wie aus dem Nichts, eine der Schattenmarilith. Boltor ächzte unter der Wucht sechs gut gezielter Schwerthiebe und ging in die Knie. Doch im selben Moment erfasste ihn eine Heilwelle, die seine Gefährten gewirkt haben mussten. Im Nu war Boltor wieder auf den Beinen, bereit seiner Peinigerin zu zeigen, was ein Schlaghagel war.
Was du mit sechs Armen schaffst, krieg ich allein mit meiner Linken hin.
In diesem Moment traf ihn etwas von hinten und presste ihm die Luft aus den Lungen. Wankend fuhr er herum. Die irre Gnomin hatte sich an ihn herangeschlichen und aus dem Hinterhalt attackiert. Ihr eigenartiger Dolch hinterließ dunkle Schlieren in der Luft. Als Boltor sie seine eiserne Faust spüren lassen wollte, tänzelte sie Zähne bleckend aus seiner Reichweite. Zeitgleich bohrte sich ein Pfeil zielgenau in seine Brust. Offenbar hatte Spitzohr sich von seiner Übelkeit erholt. Und ehe Boltor sich versah tauchte plötzlich auch noch die zweite Marilith neben ihm auf.
„Könnte mir vielleicht mal jemand behilflich sein?“, knurrte er. Was, bei Moradins Bart, trieben denn bitteschön seine sieben Gefährten, dass sie ihn hier mit vier der gefährlichsten Gegner alleine ließen? Nicht, dass er nicht noch ein Ass im Ärmel hätte... Schwerthiebe prassten wie Hagelkörner auf ihn ein, doch seine Gegnerinnen bezahlten jeden einzelnen Streich mit einem Vergeltungsschlag seinerseits. Die Welt verschwamm hinter einem Schleier aus Stahl, Bewegung und Blut. Sein Blut, aber auch das seiner Gegner. Das frustrierte Zischeln der Schlangenfrauen, die nicht eingeplant hatten, an den zwergischen Kampftrinker mehr als ein paar Schwerthiebe zu verschwenden, war wie Musik in seinen Ohren. Dennoch spürte er, wie seine Kräfte zu schwinden begannen.
Zum Glück war da sein Ring der neun Leben.
Acht Leben.
Sieben Leben.
Sechs Leben.
Fünf Leben.
Vier Leben.
Seine Gegnerinnen schäumten vor Wut. Gegen was kämpften sie da? Gegen ein verfluchtes Stehaufmännchen? Boltor spürte, dass sie trotz ihrer Übermacht nahe daran waren zu verzweifeln.
Noch drei Schläge und ihr seid Dämonenmus.
Drei Leben.
Zwei Leben.
Ein Leben.
Die Marilith schrie auf, rasend vor Zorn und Schmerz. Ihr nächster Schwertstreich war nicht nur gegen seinen Körper, sondern auch gegen seinen Geist gezielt.
Das letzte, was Boltor sah, waren die Kronen eines winterweißen Waldes.

Winter
Winter zitterte vor Aufregung.
Kalith hatte mit einem Trick seines Elfenschwerts eine Klingenbarriere vor dem Thron erschaffen, die dem Drachen einige schwere Wunden beigefügt hatte. Gezwungen seine Position als Wachhund aufzugeben, war dieser vorgeprescht, um all diejenigen in seinen Schattenodem zu hüllen, die noch vor der Tür harrten. Grimwardt und Faust hatten ihn daraufhin in die Zange genommen, doch zeitgleich hatte eine der Schattenmarilith es dem Elfen gleichgetan: Eine Wand aus blitzenden Schwertern sprang vor der Saaltür aus dem Boden und schloss Hades und Miu von dem Kampf im Thronsaal aus. Frustriert suchte der Kelemvor-Priester nach einem Weg durch die Klingenwand.
Auch Winter und Dorien waren nun von ihren Freunden im Thronsaal getrennt, doch im Gegensatz zu den beiden Heilern gereichte den Hexenmeistern der Klingenwall zum Vorteil, da er ihnen zusätzlichen Schutz bot.
„Was tut sie?“, fragte Winter zwischen zwei Zauberformeln.
Dorien hatte dank eines Erkenntniszaubers auf der Galerie hinter dem Thron einen weiteren Gegner entdeckt: Die Elfenmagierin hielt sich unter einer magischen Illusion verborgen. Ihr erster Zauber, die schattenhafte Illusion eines Kettenblitzes, hatte die Gefährten völlig unvorbereitet getroffen. Dorien hatte sie daraufhin mit einer Folge von Albtraumbildern attackiert, die ihr den Verstand geraubt hatten. Doch eine Heilwelle, von Lord Sciagraph beschworen, hatte sie bereits wieder von der Verzauberung befreit.
Als Winter durch die wirbelnden Schwerter der Klingenbarriere einen Blick auf ihren kämpfenden Bruder erhaschte, gewahrte sie einen eigenartigen Ausdruck auf dessen Gesicht. Verwirrung? Entsetzen? Und dann verschwand er plötzlich.
„Grimwardt!“, schrie Winter.
„Das war sie“, zischte Dorien, der seine Augen nicht von der verborgenen Magierin gelassen hatte.
„Was hat sie…?“
Doch Dorien hatte bereits zur nächsten Zauberformel angesetzt. Seine Stirn war düster umwölkt und seine Augen füllten sich mit weißem Nebel. In solchen Augenblicken war seine Schönheit Furcht einflößend, wie der Zorn eines Engels. Winter wusste, was das zu bedeuten hatte. Verdorren. Dorien hasste den Massenvernichtungszauber und setzte ihn nur im äußersten Notfall ein.
Die beiden elfischen Bogenschützen auf der Galerie verschrumpelten innerhalb von Sekunden zu grotesken Fleischklumpen. Auch der Schattendrache kämpfte vergeblich gegen die Macht, die alle Flüssigkeit aus seinem Körper sog. Im selben Moment, da der Zwerg Boltor vom Verbannungshieb seiner Bezwingerin in seine eigene Dimension zurück geschleudert wurde, fiel auch seine Gegnerin dem Zauber des Hexenmeisters zum Opfer. Die Elfenmagierin auf der Galerie ließ vor Schreck ihre Illusion fallen, ging in die Knie und wand sich in unerträglichen Schmerzen.
Doriens Erfolg gab Winter neuen Mut. Mit einem Triumphschrei schleuderte sie der Schlampe, die ihren Bruder wer weiß wo hin gebannt hatte, einen Auflösungsstrahl entgegen, der die Magierin völlig unvorbereitet in den Rücken traf. Nichts als ein Häufchen Asche blieb von ihr übrig. Ein zweiter Auflösungsstrahl traf die Gnomin mitten in ihr vom Hass zerfressenes Herz. Nur eine einzige Marilith und Lord Sciagraph, dem kein Zauber etwas anzuhaben schien, überlebten das Massaker.
Der Obsidianblick des Meisters richtete sich auf die beiden Verursacher der Verwüstung. Sie hatten seine Aufmerksamkeit erregt. Und seinen Zorn. Er schien mit dem Schatten des Throns zu verschmelzen und tauchte im nächsten Moment neben der Marilith auf der Galerie wieder auf. Winter schnappte entsetzt nach Luft, als sie seinen Blick auf sich spürte. Seine Mundwinkel zitterten und sie begriff.
Die Magierin. Sie war seine Geliebte.
Sieben in rasender Folge abgefeuerte Bolzen aus purer Schattenmaterie trafen Winter in die Brust. Bevor sie das Bewusstsein verlor, sah sie noch, wie sich die Augen des Hallbgottes mit weißem Nebel füllten.
Sie wusste, was das zu bedeuten hatte. Und sie war nicht sicher, ob sie es überleben würde.

Faust
Faust lachte befreit und gab sich ganz dem Kampfrausch hin. Endlich. Das war die Art von Kampf, nach dem er all die Jahre gesucht hatte. Seine Bestimmung. Er spürte, wie alle Selbstzweifel von ihm abfielen. Nicht einmal die Wucht des Verdorren-Zaubers, den der Halbgott auf sie niederfahren ließ, konnte seinen Enthusiasmus dämpfen. Die Marilith ging unter den Hieben seines Schwerts zu Boden. Ein weiterer Hieb beförderte sie über die Balustrade.
Dann spürte Faust, wie sich ein Schatten über ihn senkte.
Geh zurück, woher du gekommen bist.
Der Kämpfer spürte hinter dem telepathischen Befehl eine majestätische Präsenz, die seinen Körper aus dieser Dimension zu bannen versuchte. Er schloss die Augen, leerte seinen Geist von allen Gedanken, bis da nichts mehr war, was den geistigen Befehlen des Halbgottes einen Angriffspunkt geboten hätte. Dann wirbelte er herum und blickte in den schwarzen Abgrund der Obsidianaugen.
Götterdämmerung.
Die Welt blieb stehen, während er schneller und schneller wurde. Flüchtig nahm er einige Eindrücke von jenseits des Farbenwirbels wahr: Kalith, der Lord Sciagraphs Bannbefehl unterlag und von der Bildfläche verschwand, Miu, die sich, selbst einer Ohnmacht nahe, um die beiden zu Boden gegangenen Hexenmeister kümmerte. Dorien und Winter, die, kaum auf den Beinen, zu Sturm Silberhand teleportierten, um die Magierin aus ihrem Gefängnis zu befreien. Aber im Zentrum seiner Aufmerksamkeit bewegte sich sein eigener Körper mit rasender Geschwindigkeit. Das Schwert seines Vaters durchdrang die Drachenrüstung des Schattenherrschers dank der eintätowierten Zauberformel auf seinem Arm mühelos und wieder und wieder rammte er die Waffe mit brachialer Gewalt in den Körper des Halbgottes.
Dann plötzlich eine Bewegung und Lord Sciagraph verschmolz mit den Schatten der Alkoven und tauchte auf der anderen Seite der Galerie wieder auf. Seine empor gereckte Hand erbebte, als heilende Energie seinen Körper durchströmte. Dann lachte er verächtlich und blickte Faust herausfordernd an.  
„Feiger Hund!“, knurrte der Krieger, schwang sich über die Brüstung und fing den Sturz mit einer Rolle ab. Als er wieder auf die Beine kam, stand er Rücken an Rücken mit Hades, dem es offenbar endlich gelungen war einen Weg durch die Klingenbarriere zu finden.
„Nicht dein Tag heute, hm?“, feixte Faust, während er einen Zauber wirkte, der die Schattensprünge des Halbdämons verhindern sollte.  
„Bring mich da hoch!“, befahl Hades. Da war etwas Fatalistisches in den Augen des Priesters, das Faust neugierig machte. Er wirkte einen Flugzauber und übertrug ihn auf den Richter.
Hades schoss pfeilschnell in die Höhe, die Klinge nach vorne gerichtet. Faust erkannte das Kampfmanöver – ein weiteres Stück wiederkehrender Erinnerung. Hades führte nur einen einzigen Hieb aus. Ein einziger Hieb, in den er all seine Kraft, all seine Überzeugung legte. Und er zwang die mächtige Gestalt des schwer gerüsteten Halbdämons in die Knie. Doch auch Hades taumelte erschöpft zur Seite und vermochte sich nur mit Mühe in der Luft zu halten.
Zum ersten Mal sah Faust Furcht in den Augen des Halbgottes. Seine Hand zitterte, als er sie ausstreckte, um dem Richter mit einer Salve seiner tödlichen Schattenbolzen zu überziehen. Hades verlor das Bewusstsein und sein massiger Körper stürzte zu Boden.
Noch ehe der Priester auf dem Boden aufschlug, war Faust an Volumvax’ Seite aufgetaucht. Ein weiteres Mal bewegte er sich schneller als die Zeit. Ein weiteres Mal durchdrang Zwiespalt die Rüstung des Halbdämons als sei sie aus Pergament. Und dann der entscheidende Schlag: Das Henkersschwert durchschnitt die Kehle des Halbgottes und eine Blutfontäne übergoss den Krieger. Volumvax Sciagraph sank vor Faust auf die Knie.
Fast hätte er es geschafft.
Doch im selben Augenblick, da seine Kehle aufriss, bewahrten seine regenerativen Kräfte den Halbgott vor dem Ende. Gleichzeitig fiel ein Schatten über seine am Boden kauernde Gestalt. Hades war zurückgekehrt.
Lord Sciagraph wusste, dass er sterben würde. Faust sah, wie der Ausdruck in seinen Augen von Unglauben in Erkenntnis überging. Dann Wut.
Pure Zerstörungswut.
Er konnte nicht fliehen, konnte diesen Turm, sein Gefängnis, nicht verlassen. Aber er würde seinen Bezwingern einen letzten tödlichen Hieb versetzen, ehe er ging. Sein Blick flackerte zwischen Faust und Hades hin und her.
In diesem Moment traf ihn Winters Schwächestrahl. Der Halbdämon ächzte, als seine massige Rüstung ihn niederdrückte. Doch da war noch genug Energie in seinen erschlaffenden Gliedern für diesen letzten Racheschlag. Ein letzter tödlicher Hieb. Sein Blick richtete sich auf die Diebesmeisterin. Winter, die den Blick richtig zu deuten schien, ergriff die Flucht, um hinter dem Thron in Deckung zu gehen, während Faust die Wut seines Gegners durch ein paar bissige Bemerkungen auf sich zu lenken versuchte.
Doch der Schattengott hatte seine Wahl getroffen.
Der erste Bolzenangriff raubte Winter das Bewusstsein. Faust wartete nicht, um zu sehen, wie die zweite Salve von Todesbolzen ihr Ziel fand. Brüllend vor Zorn und Ohnmacht stürzte er sich auf Winters Mörder. Seine Klinge bewegte sich wie von alleine. Blutfächer, die vor ihm aufstoben, vernebelten seine Sicht. Erst als er Hades’ Hand auf seiner Schulter spürte, ließ er von der Leiche seines Gegners ab. Oder von dem, was noch von ihr übrig war.

Grimwardt
Irgendwo im außerdimensionalen Raum.
Wo, zum Henker, war er? Zu beiden Seiten des Kieswegs wuchsen hohe Hecken, die über ihm einen Torbogen bildeten. War das der Tod? Nein, Kriegersruh, das Reich des Feindhammers, hatte in Grimwardts Vorstellung wenig mit Hecken und Kieswegen zu tun. Eine Illusion? Wenn das ein Trugbild war, dann ein verdammt gutes. Da ihm nichts anderes übrig blieb, lief er den Weg entlang. Sackgasse. Eine Hecke versperrte ihm den Weg.
Er war in einem Irrgarten gelandet.
Fluchend machte sich Grimwardt auf die Suche nach dem Ausgang. Er schritt durch Torbögen, lief über verwunschene Waldwege, kämpfte sich durch widerspenstiges Gestrüpp, doch ohne Erfolg. Jede Sekunde, die verstrich, stellte seine Nerven auf die Zerreißprobe, denn jeder vergeudete Augenblick konnte für seine Gefährten das Ende bedeuten.
Tempus, erhöre mich und bring mich zurück.
Und endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, fand er den Ausgang des Labyrinths.
Grimwardt stürmte durch den Torbogen… in den Thronsaal der Adumbral Calyx. Der Kampf war zu Ende. Faust, von Kopf bis Fuß mit Blut und Eingeweiden besudelt, trat ihm in den Weg.
„Schlechte Nachrichten“, murmelte der Krieger und legte dem Tempuspriester schwerfällig seine Hand auf die Schulter. „Deine Schwester… ähm….“
Faust trat zur Seite und gab den Blick auf den Thron frei. Das wächserne Konstrukt aus toten Menschenleibern war erstarrt und mochte beim leisesten Windhauch zu Staub zerfallen. Traurig thronte es über den am Boden kauernden Gestalten von Dorien und Miu. Und zwischen ihnen… Grimwardt scheuchte Miu beiseite und starrte in ihr totenbleiches Gesicht. Sie hatten ihr die Augen geschlossen, sodass sie fast friedlich wirkte.
Für einen Augenblick erstarrte Grimwardt. Dann packte er Dorien beim Kragen und stieß ihn gegen die Wand.
„Wie lange war ich fort?“, fuhr er ihn an. Seine Stimme klang seltsam verzerrt in seinen Ohren. „Eine Minute? Zwei? Was für ein Ehemann und Vater bist du, dass du nicht mal so lange auf sie aufpassen konntest?“
Dann sah er den Ausdruck in Doriens Augen und sein Zorn verwandelte sich in Schmerz.
Was auch immer Winter getötet hatte, es hatte auch das Licht in Doriens Augen gebrochen.

Faust
Ein einziger Schwerthieb genügte, um Sturm Silberhand aus ihrem Gefängnis zu befreien. Nun, da Volumvax’ tot war, wichen Magie und Schattenmaterie aus seinen untoten Konstrukten und nichts als ein bröckliges Gebilde aus erkaltetem Wachs und Knochenresten blieb von seinen morbiden Kunstwerken übrig.
Faust fing die geschwächte Magierin auf, als sie zu Boden sank. Miu, seine unermüdliche Miu, war sofort mit einem Heilzauber zur Stelle. Doch die ungesunde Blässe wollte nicht aus Sturms Wangen weichen.
„Ich danke Euch“, sagte sie und zauberte trotz aller Erschöpfung ein Lächeln in ihre müden Augen. „Für die Rettung der Silbermarken.“
Faust half ihr sich aufzusetzen und sie fuhr fort.
„Es war Volumvax’ göttliche Energie, die den Schattenstrahl kanalisiert und damit den magischen Knoten unter dem Immerfeuer geschwächt hat. Mit seiner fliegenden Turmfestung ist er von Knotenpunkt zu Knotenpunkt gereist, um das magische Gewebe zu zerstören. Für die Bewohner Sundabars und der Marken ist die Gefahr nun gebannt. Doch leider hatten die Bewohner des Schattentals weniger Glück. Ich weiß nicht, wie viele von ihnen noch in den Gefängnissen der Adumbral Calyx harren und um ihr Leben bangen. Wir sollten keine Zeit verlieren und sie befreien.“
„Wie seid Ihr überhaupt hierher gelangt?“, wollte Faust wissen.
„Ich verlor das Bewusstsein, als das magische Gewebe unter der Stadt Schattental zusammenbrach“, erklärte Sturm. „Mystra ist eins mit dem Gewebe. Und wir, die Sieben Schwestern, sind ein Teil von Mystra. Wo sie nicht ist, können auch wir nicht sein. Nach dem Verschwinden Elminsters müssen die Eroberer des Schattentals mich hierher gebracht haben.“
„Der alte Mann ist… verschwunden?“
Sturm nickte ernst. „Und sein Turm liegt in Trümmern.“
Beunruhigend.
Zusammen mit Hades und Miu machte sich Faust auf den Weg in die Katakomben des Turmkomplexes, um die Gefangenen zu befreien, von denen die Harfnerin gesprochen hatte. Die paar Todesalben und Schattenelfen, die er auf dem Weg niedermetzelte, waren kaum der Rede wert. Bei den Gefangenen handelte es sich um gut zwei Dutzend Taliser, die von den Eroberern scheinbar wahllos auf die Schattebene verschleppt worden waren. Während Miu die Kranken und Verletzten versorgte, suchten Faust und Hades nach einer Halbdrow namens Razeema. Hades erklärte Faust, dass Kalith der Elf einen magischen Hilferuf von einer ehemaligen Mitstreiterin empfangen hatte, der vermuten ließ, dass sie unter den Gefangenen weilte.
Es stellte sich heraus, dass Razeema eine Zirkus-Illusionistin war, die zusammen mit einer Truppe fahrender Schausteller in Schattental gastiert hatte, als das Unglück über die Stadt hereingebrochen war. Zusammen mit einem befreundeten Halbork-Barden, mit dem sie in der Schlacht um das Schattental gekämpft hatte, war sie hierher verschleppt worden. Razeema, die ihre Zauber über das Schattengewebe wirkte, hatte durch Visionen, die Shar ihren Anhängern zukommen ließ, vom drohenden Angriff auf die Knotenpunkte des magischen Gewebes erfahren.
„Shar hat viele Aspekte“, erklärte die Halbdrow, als sie Hades’ missbilligenden Blick auf sich spürte. „Nicht alle ihre Aspekte sind böse. Auch das Schattengewebe ist es nicht. Und jene Aspekte, die Mystras Untergang anstreben, scheinen nicht kontrollieren zu können, wen ihre Nachrichten erreichen. Ich bin keine Spionin, falls Ihr das denkt.“
Sie führten die Gefangenen in den Thronsaal und während Sturm und Hades sich Gedanken darüber machten, wie sie all die Verschleppten zurück nach Faerûn bringen sollten, machte Faust sich an den Teil des Heldendaseins, den er beinahe so sehr schätzte wie den Kampf: das Plündern.
Und es gab viel zu plündern.
« Letzte Änderung: 29. Oktober 2010, 02:48:20 von Niobe »

Nightmoon

  • Mitglied
    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #57 am: 26. Februar 2010, 02:18:18 »
Oh ja, das gab es...
Man man man, der Abend und der darauf waren aber auch der Hammer! ...Was wir bluten mussten...und die andern erst :wink:
Jetzt verstehe ich auch, warum Winter das Hassziel war... hätte nicht gedacht, dass der Halbgott eine Geliebte hat... und dann Winters Tod... mein Gott war das alles spannend :)
Und Boltors ewigen Kampf hast du natürlich auch sehr schön dargestellt!  :D
Hab grade voll Bock auf unsere nächste Sitzung bekommen  :wink:

Zophael

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #58 am: 26. Februar 2010, 10:55:37 »
Ach ja, der verdammt Irrgarten... Es wird Zeit, dass ich mir irgendwo Zauberresistenz her besorge *grummel* Und ich sollte mir evtl. auch eine Rod of Quicken leisten...

Niobe

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #59 am: 26. Februar 2010, 17:21:24 »
Solange ihr mich so motiviert, bleibt die Muse mir wohl noch eine Weile treu :-)

Ja, die Elfe Velissandrin war Volumvax' Geliebte. Sie war auch diejenige, die für ihn die Silbrigmonder Adelskreise ausspioniert und dem Harfner Drake auf den Hals gehetzt hat. Das war aber nicht der vorrangige Grund, weshalb es Winter getroffen hat... Als er erkannte, dass er verloren hatte, wollte Volumvax euch leiden lassen und einen von euch mit in den Tod nehmen. Faust war kaum verletzt, da blieb also nur Winter (NSCs mal ausgenommen, damit's dramatischer ist ;-)). Außerdem erkannte er wohl, dass Winters Tod für die Gruppe emotional die größte Wirkung hätte.


  • Drucken