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Stadt der gläsernen Gesänge

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Nightmoon:
Ich muss gerade an die äußerstlustige Ingame-Situation denken, als Winter sich da rein teleportierte... :D
...Und ich überlegte gerade, dass da ja eigentlich noch der Kampf gegen die Dämonen vorher statt fand, aber andererseits sind ein Glabrezu und ein paar Vroks in unserer Gruppe ja tatsächlich nicht mehr das, was man einen Gegner nennen würde  :wink:

Niobe:
Ja, die Glabrezu-Begegnung habe ich absichtlich rausgelassen. War, wie du schon sagtest, nicht wirklich herausfordernd und hätte außerdem den Handlungsfluss gestört. Im Nachhinein finde ich die auch ziemlich unnötig und unpassend, hätte ich mir sparen können. Kleine Schönheitsoperation am Rande sozusagen...

@all
Danke für das Lob. Hoffe, das hält mich bei der Stange :-)

Niobe:
Nimoroth
Eoleth Keluvin stand aufrecht in seinem eigenen Sarg. Seine bleichen, pupillenlosen Augen waren auf Winter gerichtet, die vor ihm kauerte, und seine ausdruckslosen Lippen formten magische Worte. Die einstmals prächtigen Samtroben des Elfenmagiers hingen ihm in Fetzen vom Leib und seine Haut spannte sich wie Pergament über die knirschenden Knochen.
Ein Baelnorn. Ein Elfenleichnam.
Am rechten Arm trug Eoleth einen schwarz glänzenden Panzerhandschuh aus einem organisch wirkenden Material, das sich in Ringen um sein knochiges Handgelenk wand. Dies musste die Todesklaue sein, von der Drake gesprochen hatte. Verblüfft starrte Nimoroth das Artefakt an: Die Klaue an Eoleths Handgelenk erinnerte ihn an einen Gegenstand, den er einst am Arm einer fanatischen Drow-Priesterin gesehen hatte, die er mir seiner alten Abenteuergruppe im Unterreich bekämpft hatte. Im Augenblick ihres Todes hatte sich die Priesterin samt der Klaue aus ihrem Turm teleportiert. Eoleths Panzerhandschuh war identisch mit jenem Artefakt, das sie damals nicht hatten bergen können, mit der Ausnahme, dass dieser Gegensand von einer in Silber gefassten Obsidianspinne geziert wurde.
Blinzelnd lenkte Nimoroth seine Aufmerksamkeit von dem rätselhaften Artefakt auf seinen Träger. Im Gegensatz zu anderen Untoten roch Eoleth nicht nach Verwesung und Verfall. Nimoroth hatte nichts anderes erwartet: Baelnorns waren heilige Wesen, von den Seldarine gesegnet und auf ewig einer Aufgabe auf der Erde verschrieben. Was ihn jedoch verwunderte war die völlige Geruchlosigkeit dieses Wesens.
Irgendetwas stimmte nicht.
Doch Nimoroth blieb keine Zeit, sich darüber klar zu werden, was der fehlende Eigengeruch des Leichnams zu bedeuten hatte. Der Magier hatte eine Salve magischer Geschosse auf Winter abgefeuert und wurde nun seinerseits von Dorien unter Beschuss genommen. Nimoroth flüsterte die göttliche Formel, die seine Muskeln anschwellen ließ und seine Kampfinstinkte schärfte, und preschte vor. Ein einziger Angriff reichte aus, den Magier zu Fall zu bringen. Doch anstatt besiegt in sein Grab zurück zu sinken, löste sich Eoleth samt seiner Ausrüstung in Luft auf als hätte es ihn niemals gegeben.
„Weshalb trachtet ihr nach der Klaue der Spinnenkönigin?“, fragte eine eisige Stimme und Nimoroth fuhr mit gezücktem Säbel herum. Eoleth Keluvin schwebte, umgeben von einem energetischen Schutzfeld, das in allen Farben des Regenbogens schimmerte, vor dem Eingang der Grabkammer und die Strahlen des Lichts von Arvandor brachen sich myriadenfach in seinen weißen blicklosen Augen. Nimoroth nahm seinen Duft auf: Er roch nach den Gestaden des gepriesenen Landes. Sie hatten nichts weiter als eine Projektion besiegt.
Mit demütig gesenktem Haupt schilderte Nimoroth dem Baelnorn ihr Dilemma: Um seine Geliebte und die Tochter seiner Freunde aus den Klauen eines hinterhältigen Erpressers zu befreien, mussten sie diesem die Todesklaue liefern.
Eoleths tote Augen blieben unbewegt.  
„Die Klaue ist bis zu meiner Zerstörung an mich gebunden“, sagte er. „Selbst wenn ich wollte, so könnte ich sie nicht ablegen, denn es ist meine heilige Aufgabe, sie vor jenen zu schützen, die durch sie unsägliches Leid über Toril bringen könnten. Der Träger dieses Zeugnisses nekromantischer Schaffenskraft vermag diese Welt innerhalb weniger Jahre mit seinen untoten Dienern zu überziehen. Ich habe Lolths dunkle Macht am eigenen Leibe erfahren“, fügte er mit leiserer Stimme hinzu. „Mehr als 400 Jahre muss es her sein, dass ich die Straßen Myth Drannors in sterblicher Gestalt durchwandelte. Damals erhielt ich die Aufgabe, eine Drowpriesterin zu verfolgen, die die Todesklaue einsetzen wollte, um die Welt unter der Sonne in Lolths Namen zurückzuerobern.“
„Ihr sagt, es ist ein Artefakt der Spinnenkönigin?“, fragte Nimoroth Stirn runzelnd. „Seid ihr euch dessen gewiss?“ Die Drowpriesterin, die sie damals im Unterreich bekämpft hatten, war Anhängerin einer anderen Göttin gewesen. Sie hatte Kiaransalee, die dunkelelfische Göttin des Untodes, verehrt.
„So ist es.“
„Was wisst ihr von einer zweiten Klaue?“
Der Baelnorn neigte den Kopf; seine blicklosen Augen blieben unbewegt.
„Ich weiß nur von dieser einen Klaue. Ich verfolgte ihre Trägerin bis ins Unterreich. Doch der entscheidende Kampf brachte auch mich an die Schwelle des Todes. Kurz bevor meine Sinne mich verließen, legte ich das Artefakt an. Ich konnte die Klaue nicht im Unterreich zurücklassen, wo sie über kurz oder lang nur wieder den Dunkelelfen in die Hände gefallen wäre. Die dunkle Macht des Artefakts rettete mir das Leben, doch mein Geist war zu schwach, um den Einflüsterungen der Klaue zu widerstehen und so wurde ich als ihr Träger zu Lolths Diener, einzig darauf bedacht meine Brut zu vergrößern. Meine Missetaten blieben nicht unbemerkt und Myth Drannor sandte seine Elfenritter gegen mich und meine untoten Konsorten aus. Sie bezwangen mich und als ich wieder ich selbst war, gaben die Seldarine mir die Chance Buße zu tun für meine Verbrechen. In Gestalt eines Baelnorns bannten sie mich in diese Krypta. Und hier werde ich auf Ewigkeiten bleiben, um zu beschützen, was mir anvertraut wurde. Ihr seht also“, wandte sich Eoleth wieder an Nimoroth: „Dieses Artefakt kann in den Händen eines jeden Sterblichen zur Gefahr werden. Mein Herz ist von Mitleid erfüllt für euch und jene, die ihr zu schützen versucht. Doch selbst das Leben zweier Sterblicher macht das Grauen nicht wett, das dieses Artefakt anzurichten vermag.“
Nimoroth seufzte schwer und verfluchte Drake im Stillen. Nein, ihnen würde kein anderer Ausweg bleiben als gegen den Wächter der Todesklaue zu kämpfen, so sehr ihm diese Vorstellung auch zuwider war. Grimwardt indessen war nicht dazu zu bewegen, gegen sein Gewissen zu handeln und diesen heiligen Ort zu entweihen. Mit düsterer Miene kehrte er seinen Gefährten den Rücken und verließ die Grabkammer. Nimoroth schüttelte traurig den Kopf. Er selbst hatte den Glauben daran, die Welt in einen besseren Ort zu verwandeln, vor acht Jahren in den Katakomben von Westtor verloren. Es gab zu viel Unglück auf Faerûn. Alles, was er tun konnte, war jene zu schützen, die er liebte.
Entschlossen packte er seine Waffe fester und flüsterte einen Flugzauber. Bevor Eoleth reagieren konnte, schwang er sich in die Lüfte und griff den schwebenden Magier im Sturzflug an. Sein magischer Säbel schnitt mühelos durch das vielfarbige Schutzschild, das den Baelnorn umgab und fügte ihm eine schwere Wunde zu, doch im selben Moment durchfuhr Nimoroth brennende Hitze und er taumelte betäubt einige Schritte zurück. Winter und Dorien versuchten dem Magier mit Angriffszaubern beizukommen. Als diese an dem Regenbogenschild abprallten, änderten sie ihre Taktik und versuchten Nimoroth mit ihren Zaubern zu schützen. Als nächstes spürte Nimoroth Eoleths leeren Blick auf sich, als der Magier einen Bannzauber wirkte, der Nimoroth seiner göttlichen Verstärkungen beraubte und seinen Flugzauber beendete. Während er fiel, durchfuhren ihn elektrische Stöße, die seine Glieder unkontrolliert zucken und ihn vor Schmerz aufschreien ließen.
„Ihr Elenden“, flüsterte Eoleth und aus seinen gespreizten Fingern schoss ein Kegel bunter Strahlen. Das letzte, was Nimoroth sah, war Grimwardt, der mit erhobener Axt aus dem Nebenraum gestürzt kam. Selbst die eherne Entschlossenheit des Tempuskriegers zerfiel wie Staub im Wind, wenn es darum ging, seine Schwester zu retten.
Dann erstarrte Nimoroths Geist, als ein grüner Strahl ihn traf und in Stein verwandelte.

Grimwardt
Teils fluchend, teils um Vergebung bittend, rammte Grimwardt seine Axt in den ungeschützten Körper des Magiers. Eoleths blicklose Augen weiteten sich, als er in die Arme des Priesters sank.
„Bringt die Klaue… zurück“, keuchte er, während sein untoter Körper dem Verfall anheim fiel, den göttliche Magie über all die Jahre aufgehalten hatte. Am Ende blieb nichts als Staub und die vermaledeite Klaue. Als der Baelnorn starb, erlosch das Licht von Arvandor und ein Riss spaltete den Altar. Dunkelheit senkte sich über die Höhle des Baelnorn.
„Wir haben sie“, knurrte Grimwardt an Drake gewandt. „Was nun?“
„Lauft weiter nach Osten und betretet das letzte intakte Haus im Ruinengebiet. Erster Stock, erste Tür auf der linken Seite.“
Grimwardt fuhr sich über den Bart. Die ganze Aktion stank zum Himmel.
„Wenn du das Ding haben willst“, knurrte er düster: „Dann komm und hol es dir aus meinen kalten, toten Händen!“  Mit diesen Worten machte er Anstalten sich die Klaue überzustreifen, doch Winter griff hastig ein und entrang das Artefakt dem Griff ihres Bruders.
„Nicht, Grim! Hast du nicht gehört, was der Elfenleichnam gesagt hat? Die Klaue würde dich beherrschen wie ihn! Wir müssen eine andere Lösung finden. Soll Drake das Ding haben. Fürs erste. Sicher will er es an irgendwen verkaufen. Wir machen den Käufer ausfindig und holen es uns wieder.“
„Und wie stellst du dir das vor?“
Da sich der Aufenthaltsort von Artefakten nicht durch Erkenntniszauber ermitteln ließ, versteckten die Gefährten einen Kiesel und einen Tintenklecks, zwei Dinge von denen sie hofften, dass sie unauffällig genug waren und sich dennoch zurückverfolgen ließen, im Innern der Klaue. Grimwardt warf sich den versteinerten Nimoroth über die Schulter und sie machten sich auf den Weg zu dem Übergabeort, den Drake ihnen genannt hatte. Im ersten Stock der Ruine fanden sie eine magische Truhe mit arkanen Motiven vor, die an diesem trostlosen Ort seltsam fehl am Platze wirkte. Der Deckel stand offen. Gemäß Drakes Anweisungen legten sie das Artefakt in die Truhe. Kaum hatten sie den Deckel zugeklappt, erbebte die Truhe kurz und verschwand dann ohne einen Laut.
 „Zufrieden?“, knurrte Grimwardt. „Also wo sind die Geisel?“
„Fragt in Whispers Braustube nach einer Nachricht… und Grimwardt…“ Drake lachte spöttisch. „Danke für die gute Zusammenarbeit.“
Wie sie kurz darauf feststellten, war bei Whisper tatsächlich eine zweite Nachricht für sie abgegeben worden. Darin nannte Drake den Ort, an dem er Scarlet und Nyrael festhielt: ein kleines, spärlich eingerichtetes Dachzimmer in einem der magietoten Gebiete der Stadt. Die Antimagie, die durch den zerstörten Mythal bedingt war, musste Winters Ortungszauber in die Irre geführt haben.
Als Grimwardt mit den anderen in dem Zimmer eintraf, fanden sie Nimoroths Lebensgefährtin in tiefer Bewusstlosigkeit vor: Ihre Haut und ihr moosgrünes Haar waren gelb verfärbt und vertrocknet wie die vergilbten Blätter eines sterbenden Baumes. Die kleine Scarlet, die verunsichert und befremdet zu den Füßen der sterbenden Fremden saß, sprang von Erleichterung überwältigt auf, kaum dass sie den Raum betreten hatten, und flog erst ihrer Mutter und dann ihrem Onkel in die Arme. Dorien, den sie erst seit einigen Monaten kannte, begrüßte sie verhaltener. Nicht ohne Stolz bemerkte Grimwardt, dass seine Nichte keine einzige Träne vergossen zu haben schien. Doch Zeit für ausgiebige Umarmungen blieb nicht. Die Dryade musste dringend zu ihrem Lebensbaum zurückgebracht werden. Behutsam nahm Dorien sie in die Arme und teleportierte alle, nachdem sie den magietoten Bereich verlassen hatte, in die Sternwälder. Kaum hatten sie die Dryade mit dem Rücken gegen ihren Lebensbaum gebettet, erholte sie sich sichtbar. Ihre Augenlider flackerten.
„Irgendjemand sollte Nimoroth dringend entzaubern“, murmelte Grimwardt, der ächzend die schwere Steinstatue von seinem Rücken wuchtete. „Sonst trifft die Kleine der Schlag, kaum dass sie aufwacht.“
Da sie genug mächtige Magierfreunde in Tiefwasser und Umgebung hatten, wussten sie, an wen sie sich in solchen Fällen zu wenden hatten.

Alcarin:
Das will ich doch hoffen, und deswegen gleich nochmal:
Neuer Post = sehr schön und detailiert geschrieben :)

Mehr bitte!

Nightmoon:
Ich hab schon so viele schöne Kleinigkeiten wieder vergessen... ich war ja versteinert...  :boxed:
Ist toll, wenn man das alles nochmal in seinem Geist wiederholen kann :)

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