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Autor Thema: Stadt der gläsernen Gesänge  (Gelesen 40699 mal)

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Winter

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Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #75 am: 04. März 2010, 20:23:51 »
Ich hab den eigentlich mehr aus der Verlegenheit heraus genommen...er scheint ganz ok, aber ich lasse mich gerne eines besseren belehren. Der Zauber passt auch gar nicht richtig zu Winter. Bin etwas unglücklich damit.

Nightmoon

  • Mitglied
    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #76 am: 05. März 2010, 01:40:53 »
Also, es gäbe da ja noch Ottos Unwiederstehlichen Tanz. Der erlaubt halt keinen Rettungswurf und der Gegner kann für 1W4+1 Runden nix anderes tun als tanzen und verursacht dabei auch noch in jeder Runde Gelegenheitsangriffe. Allerdings funktioniert Zauberresistenz dabei. Ähnlich gut wäre Irrgarten, mit dem Tom Bekanntschaft gemacht hatte. Allerdings nicht so toll bei Gegnern mit hoher Intelligenz.
Was natürlich auch sehr gut ist, auch wenn es nur Grad 4 ist, wäre dieser Assay Spellresistence... also Zauberresistenz Abschätzen oder so ähnlich, aus dem Zauberkompendium. Würde dir halt ein +10 auf alle Würfe gegen einen gegner geben, um dessen Zauberresistenz zu knacken. Und ich glaube, in Zukunft werden wir noch oft Gegner mit hoher Resistenz bekommen. Daher wäre der wohl ne gute Wahl ;)

Niobe

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #77 am: 08. März 2010, 01:25:24 »
Kapitel VIII: Der Elfenbaum

Boltor
Am nächsten Tag in Myth Drannor.
Als Boltor die Türme der Elfenstadt erblickte, entschied der Zwerg, dass für heute etwas Stärkeres hermüsse als das gute alte Markenbräu, und befahl seinem magischen Humpen ihm Rum einzuschenken: Gegen ein Spitzohr reichte eine gut gezielte Kopfnuss, für zehn musste schon ein Schlaghagel her. Aber gegen eine ganze Stadt davon half nur das Wachkoma.
Die Frage nach ihrem nächsten Ziel hatte für einige Auseinandersetzungen zwischen den Gefährten gesorgt. Der Kriegspriester hatte darauf gedrängt, dass sie zuerst in seiner Abtei nach dem Rechten sahen, während es seine Schwester zu ihrer Tochter in ein Dorf am Ashabafluss zog. Die Halbdrow und ihr halborkischer Gefährte waren auf der Suche nach ihrer Zirkustruppe, die sie im Schattental vermuteten. Allein Boltor war es gleich, wohin es ihn verschlug, solange er seinen Humpen bei sich hatte. Faust schließlich war am Glücklichsten, wenn er irgendwen zusammenschlagen konnte, und seine schweigsame Freundin schien keine eigene Meinung zu haben. Doch am Ende hatte sich der Elfenkämpfer durchgesetzt, der darauf bestand, seiner Heimatstadt in der drohenden Schlacht beizustehen. Um sich für ihre Rettung erkenntlich zu zeigen, hatte die Halbdrow dem Wunsch ihres alten Gefährten entsprochen. Da der magietote Bereich sich inzwischen auch auf den Cormanthorischen Wald erstreckte, war sie die einzige, deren Zauber hier wirkten. Ihre Schattensprünge hatten die Helden innerhalb weniger Stunden nach Myth Drannor gebracht. Selbst die magischen Gegenstände der anderen schienen an diesem Ort nutzlos. Allein Boltors Humpen war ihm – auf mysteriöse Weise – ein treuer Freund geblieben.
Vor den Toren Myth Drannors herrschte reges Treiben. Ein Strom von Flüchtlingen aus Cormanthyr und den westlichen Tälern wälzte sich über die Hügelkuppe auf die Stadt zu. Als die Halbdrow inmitten der Flüchtlingsstadt die Kuppel eines Zirkuszelts aufleuchten sah, stieß sie einen Schrei der Überraschung aus und eilte mit dem Orkbarden davon. Eine abgezehrte Reitertruppe mit Tempus-Standarte erregte die Aufmerksamkeit des Kriegspriesters. Winter verschwand ohne ein Wort der Erklärung im Getümmel und die stumme Karaturianerin wurde aufgehalten, als sie einem kranken Kind zur Hilfe eilte. Der Elf schließlich machte sich auf die Suche nach seinem Vorgesetzten. Da Boltor nicht als einziger zurück bleiben wollte, schloss er sich Faust an, den es zum Haupttor zog.
Vor den verschlossenen Toren der Elfenstadt bahnte sich ein Tumult an. Elfenschützen, die hinter den Wehrscharten des Walls Stellung bezogen hatten, hielten ihre Bögen gespannt und stießen wüste Drohungen gegen einen Bauernmob aus, der versuchte, sich mit einem zum Rammbock umfunktionierten Kutschbock Zutritt zur Stadt zu verschaffen.
„Was ist hier los?“, dröhnte Fausts Ruf durch das Getümmel.
„Die Hurensöhne wollen uns hier vor den Toren verrecken lassen!“, schallte es aus der Menge. „Die lassen nur noch ihre eigenen Leute rein! Wir haben Hunger und brauchen frisches Wasser!“
„Hey!“ Faust formte seine Hände zum Trichter und brüllte den Wall an. „Lasst die Leute ein!“
Keine Antwort.
„Hochmütiges Elfenpack“, schnaubte der Kämpfer.
„Ay!“ Das war sein Stichwort. Boltor erhob zustimmend seinen Humpen.
Faust machte derweil Anstalten sich dem rammwütigen Bauernpack anzuschließen. Doch schon nach dem ersten Ansturm ließ ihn etwas innehalten. Abrupt wandte er sich um und zog den Zwerg mit sich in die Menge, wo die Halbdrow Razeema in magischer Verkleidung auf sie wartete. Offenbar hatte sie dem Kämpfer eine ihrer telepathischen Nachrichten zukommen lassen.
„Mir fiele da eine dezentere Methode ein, in die Stadt zu gelangen“, sagte sie spöttisch.
Mit Razeemas magischer Hilfe war der Wall kein Hindernis mehr. Auf der anderen Seite wären sie beinahe mit einem Schützen zusammengeprallt, der in Eile einen Wehrturm hinunter stürmte. Faust krallte sich den Fremden und stieß ihn, einem Impuls folgend, in den Eingang einer Hausruine.
„Hey, was…?“
„Was soll das heißen, ihr lasst keine Flüchtlinge rein?“, knurrte Faust. „Da draußen warten Kinder, und Verwundete. Die meisten sind schon seit Tagen auf der Flucht. Seit wann ist Myth Drannor ein elfischer Eliteclub?“
„Wir stehen kurz vor einem Angriff!“, fauchte der Elf. „Was maßt Ihr Euch an! Wer seid Ihr überhaupt? Euch habe ich hier noch nie gesehen.“
„Wer ist dein Vorgesetzter?“
„Ich habe wirklich keine Zeit für diesen Mummenschanz!“ Spitzohr riss sich los und machte Anstalten sich aus dem Staub zu machen. Faust stieß ihn gegen die Wand.
„Wer ist dein Vorgesetzter“, wiederholte er schroff.
Der Elf musterte ihn verächtlich.
„Hauptmann Fflar Melruth ist der Anführer der Ark’Velahr“, zischte er. „Was du wüsstet, wenn du hierher gehören würdest. Und wenn du mich nicht sofort gehen lässt, verspreche ich dir, dass der Hauptmann noch dein geringstes Problem sein wird!“
„Wo finde ich diesen Fflar?“
„Such ihn doch selbst!“
Diesmal erklang ein lautes Rumpeln, als Spitzohr in einen Trümmerhaufen segelte. Boltor prostete Faust anerkennend zu. Sein Stil gefiel ihm. Der Elfenschütze, der vor Wut in sein wirres Kauderwelsch verfiel, rief seine Kameraden um Hilfe an. Frohlockend rieb sich Boltor die Hände: Das klang nach einer heiteren Schlägerei. Doch Boltor wurde enttäuscht.
„Hauptmann Fflar wohnt dem Elfenrat im Palast bei“, sagte der Elf abfällig. „Versuch nur, ihn mit deinen belanglosen Nörgeleien zu belästigen. Die Stadt ist zwar hoffnungslos überfüllt, aber ich will wetten, dass ein Unruhestifter wie du in unseren Kerkern noch Platz findet!“
Faust streckte sich und ließ tatendurstig seine Fingerknochen knacken.
„Wie sieht’s aus, Razeema? Kannst du uns in den Palast bringen?“

Grimwardt
„Er liegt hier drüben“, sagte Nimoroth und führte den Freund an das Krankenlager von Waffenmeister Borgo. Der Waldelf hatte das ausladende Zirkuszelt von Heinos Wandertruppe zum Lazarett umfunktioniert, um die Flüchtlinge mit dem Nötigsten zu versorgen.
„Wann sind sie angekommen?“, fragte Grimwardt.
„Gestern Abend“, erwiderte der Druide. „Hast du schon mit dem Rest der Truppe gesprochen?“
Grimwardt nickte düster in seinen Bart hinein. Seine Männer hier unter den vertriebenen Talisern zu finden war das letzte, womit der Kriegspriester gerechnet hätte. Die Abtei des Schwertes war in seiner Abwesenheit vom Feind überrannt worden und die kläglichen Reste seines Heers hatten sich nach Myth Drannor zurückgezogen, um sich den Elfen im Kampf gegen die Allianz von Besetzern anzuschließen. Wie ein Pack hungriger Wölfe waren Drowclans, Orkbanden und triumphierende Sharianer über die schutzlose Bevölkerung der magietoten Lande hergefallen. Ohne die Protektion ihrer mächtigen Beschützer – Elminster vom Schattental und Sturm Silberhand – hatten die Taliser ihren Feinden nicht viel entgegen zu setzen. Und auch Grimwardt hatte sie enttäuscht. Er hätte sich niemals von Winter überreden lassen dürfen, das Schlachtental zu verlassen! Die Abtei zu verlieren war schmerzlich genug, doch nicht dabei gewesen zu sein, als sie fiel, nagte an ihm wie Rost am Eisen.
„Waffenmeister?“
Der Zwerg hatte einige Knochenbrüche erlitten und viel Blut verloren, doch er war zäh wie raues Leder und würde es überleben.
„Herr Priestergeneral“, murmelte Borgo und richtete sich halb auf.
„Was ist geschehen?“, brummte Grimwardt.
Der Zwerg fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen.
„Es war Gaum Auzkovyn mit seinen Leuten“, krächzte der Verwundete. „Sie wurden von einer Sharpriesterin begleitet. Es tut mir Leid, Herr. Wir waren in der Unterzahl.“
Gaum Auzkovyn, der alte Drecksack!
 Der Name seines Erzfeindes brachte Grimwardts Blut in Wallung. Der Clanführer eines Trupps dunkelelfischer Exilanten hatte der Abtei des Schwertes schon einmal einen schweren Verlust zugefügt. Grimwardt war noch ein Novize gewesen, doch er konnte sich noch gut an den Tag erinnern, als Eldan Ambrose, der Gründer der Abtei, in der Schlacht gegen die Drow sein Leben gelassen hatte. Damals war ein Clan von Dunkelelfen durch ein Portal in die Katakomben der Abtei eingedrungen. Eldans Leute konnten den Angriff abwehren, doch beim Versuch das Portal zu zerstören war Ambrose von zwei Glabrezu unter Auzkovyns Befehl getötet worden. Vor fünf Jahren schließlich hatte der Clanführer einen zweiten Versuch unternommen, die Abtei zu bezwingen. Nach der Wiederauferstehung der Spinnenkönigin war es dem Vhelraun-Priester gelungen, andere vertriebene Drowclans um sich zu scharen, die während der Zeit von Lolths Schweigen mit der Göttin gebrochen hatten. Doch auch dieses Mal war es den Verteidigern der Abtei gelungen, die Drow in die Flucht zu schlagen. Der Gedanke, dass Gaum nun zurückgekehrt war, um Grimwardts Platz einzunehmen und die Abtei als Ausgangspunkt für Überfälle auf die Talländer zu nutzen, trieb Grimwardt die bleiche Wut ins Gesicht.  
„Wie hat er das angestellt?“, knurrte er.
„Er befehligt ein Monster – eine grässliche Kreatur: so groß wie ein Sturmriese und unförmig wie ein klobiger Fels. Unter seiner rissigen, steinernen Haut scheint es gänzlich aus Lava zu bestehen. Nachdem das Monster das Haupttor zertrümmert hatte, stürmte Gaum mit seinen Männern die Abtei. Unsere Leute kämpften tapfer und verbissen und unter normalen Umständen hätten wir den Sieg davongetragen, da bin ich mir gewiss. Doch durch den magischen Bann blieb uns Tempus’ helfende Hand verwehrt. Ohne den Beistand des Feindhammers war die Abtei dem Untergang geweiht…“
„Das wollen wir erst noch sehen“, erwiderte Grimwardt düster. „Wo ist Schwertführer Jareth?“
Borgo zögerte und der Kriegspriester begriff, dass sein Unbehagen nicht allein von seinem zertrümmerten Ellbogen herrührte.
„Herr“, begann der Zwerg steif. „Bevor ich weiterrede, lasst mich Euch versichern, dass ich nicht aus Feigheit oder mangelndem Respekt gehandelt habe.“
„Raus mit der Sprache“, brummte Grimwardt.
„Nun, ihr kennt ja Schwertführer Jareth“, fuhr der Waffenmeister fort. „Unbeugsam und stolz wie ein Archon. Er weigerte sich aufzugeben, selbst als die Schlacht schon längst verloren war. Ich… ich widersetzte mich seinem Befehl und führte eine Gruppe von Rekruten auf dem Fluchtweg durch die Katakomben aus der Abtei. Was bringt aller Heldenmut, wenn niemand mehr da ist, um das Volk zu schützen, das wir beim Feindhammer geschworen haben, zu verteidigen?“
Grimwardt nickte düster in seinen Bart hinein. Er würde Borgo keine Absolution erteilen – schließlich war es nicht sein Befehl, dem er sich widersetzt hatte. Doch er würde ihn auch nicht verurteilen. Die Logik des Zwergs erschien ihm gerechtfertigt. Immerhin gab es noch Hoffnung: Myth Drannor verfügte über Artefakte, denen selbst eine magietote Zone nichts anzuhaben vermochte. Wenn es ihnen gelänge, die Gefahr von der Elfenstadt abzuwenden, dann wäre die Rückeroberung der Abtei eine reine Formsache.
Nachdem er sich versichert hatte, dass seine Leute gut versorgt waren, trat Grimwardt zu Nimoroth, der vor dem Zelt auf ihn wartete.
„Wirst du mit uns kommen?“, fragte er.
Nimoroth schüttelte den Kopf.
„Ich habe das Gefühl, dass ich hier eher gebraucht werde.“
Schweigend verfolgten sie die Zirkusnummer eines gnomischen Jongleurs, der vor einem Artistenwagen eine Gruppe von Flüchtlingskindern bei Laune hielt. Grimwardt stutzte. Kam ihm der kleine Rotschopf dort in der ersten Reihe nicht bekannt vor?

Winter
„Scarlet!“, rief Winter, während ihr Blick suchend durch die Menge irrte.
„Dieses Kind!“ Schimpfend hinkte Winters Mutters ihrer Tochter hinterher.  Die Wangen der drallen Wirtshausbesitzerin waren vor Aufregung gerötet und die Furunkel, die sie von den Strapazen der Flucht davongetragen hatte, erschwerten ihr das Laufen. Doch wie alle Fedaykins war sie störrisch und stur und wäre eher gestorben als sich ihre Schwäche einzugestehen. „Ständig läuft sie davon und bringt sich in Schwierigkeiten.“
Wie oft hatte Winter diesen Satz schon von ihrer Mutter gehört.  Doch jetzt war nicht die Zeit für nostalgische Kindheitserinnerungen. Winter hatte ihre Eltern und Schwiegereltern unter den Flüchtlingen wieder gefunden. Auf der Flucht vor den Besatzern hatten sie nur das Nötigste zusammengerafft und sich dem Strom nach Osten angeschlossen.  Die Schimpftiraden ihrer Mutter verwunderten Winter: Scarlet war immer ein braves Kind gewesen. Sie hatte ihr nie etwas zweimal sagen müssen. Was trieb sie plötzlich dazu, sich vom Lagerplatz ihrer Großeltern davonzustehlen? Nicht auszudenken, was ihr hier alles passieren konnte: Hunger und Not hatten schon so manchen Flüchtling zu verzweifelten und schändlichen Taten getrieben. Umso größer war Winters Erleichterung, als sie den roten Lockenkopf ihrer Tochter plötzlich hoch über den Köpfen der Menge aufleuchten sah: auf den Schultern ihres Onkels.
„Sieh mal, wen ich bei den Zirkusleuten gefunden habe“, sagte Grimwardt und ließ seine Nichte zu Boden gleiten. Doch anstatt ihrer Mutter in die Arme zu laufen, ergriff Scarlet die Hand ihres Onkels und vergrub das Gesicht in seiner Armbeuge.
„Scarlet?“ Winter kniete sich besorgt zu ihr herunter. „Geht es dir gut?“
Keine Antwort.
„Schatz, was ist los?“
„Ni-hichts!“, kam es in der Tonlage von „Lass mich in Ruhe!“ aus Grimwardts Armbeuge. Mit sanfter Gewalt löste sich der Kriegspriester von dem kleinen Klammeraffen und schob sie ihrer Mutter in die Arme.
„Ich lasse euch wohl mal ein wenig allein“, grummelte er und verdrückte sich.
Scarlet indessen verweigerte sich trotzig der mütterlichen Umarmung. Ihr Anblick versetzte Winter einen schmerzlichen Stich. Sie sah aus wie Dorien, wenn sie unglücklich war.
„Scarlet“, sagte sie ernst. „Sag mir, was passiert ist.“
„Nichts ist passiert!“, fauchte Scarlet und verschränkte patzig die Arme vor der Brust. „Nichts, außer dass meine Mutter eine Lügnerin ist!“
„Eine…“ Winter fuhr erschrocken zusammen. „Scarlet, wer hat dir diesen Unsinn erzählt!“
„Na, der dunkelhäutige Priester!“, grollte Scarlet. „Als du mich mitten in der Nacht aus dem Bett gezerrt hast und zu den Großeltern ins Gasthaus gebracht hast! Du hast gesagt, es wäre alles in Ordnung, aber der Priester sagte, dass du lügst. Du hast auch gesagt, dass ich dort sicher wäre und auch das hat nicht gestimmt!“
„Schatz, ich weiß, die Flucht hat dir Angst gemacht, aber ich verspreche dir…“
 „Ich habe keine Angst!“, fuhr Scarlet sie an. „Und ich will auch keine von deinen Versprechungen! Ich will eine Axt! Ich will bei Onkel Grim in der Abtei lernen, wie man kämpft.“
„Scarlet, du bist noch zu jung, um zu kämpfen.“
„Aber alt genug, um entführt zu werden?“
„Der Mann, der dich entführt hat, war ein sehr böser Mann und...“
„Immerhin hat er mich nicht angelogen!“, sagte Scarlet bitter und schluckte heftig, um die Tränen zurückzuhalten. „Verstehst du nicht?  Ich will lernen, mich zu verteidigen! Du kannst es nämlich nicht! Du bist ja nie da!“
Das saß. Mit Entsetzen bemerkte Winter, dass sie ihre Tochter kaum noch wieder erkannte. War dieses verstörte aber wild entschlossene Mädchen dasselbe Kind, das noch vor wenigen Tagen im Atelier ihres Großvaters Kätzchen gejagt und sich mit Blaubeermarmelade bekleckert hatte? Wann hatte Scarlet aufgehört, dieses Kind zu sein? Erst die Entführung, dann die Flucht, die ständigen Ortswechsel… Hatte sie das alles vielleicht schlechter verkraftet, als Winter geglaubt hatte?
Und nun muss ich alles noch schlimmer machen…
Winter schloss die Augen und holte tief Luft.
„Scarlet, ich verspreche dir, dass du mit dem nächsten Jahrgang von Rekruten mit der Ausbildung anfangen kannst, wenn das wirklich dein Wunsch ist“, begann sie.
„Gut…“, sagte Scarlet überrumpelt und rieb sich misstrauisch die Arme. „Wirklich?“ So schnell hatte sie nicht mit einem Erfolg gerechnet.
„Aber jetzt musst du mit mir zu deinen Großeltern kommen“, fuhr Winter mit ernster Miene fort. „Ich… ich muss euch etwas sagen.“
Wenige Minuten später waren alle im Lager von Winters Eltern vereint. Doch als sie in die ahnungslosen Gesichter ihrer Schwiegereltern blickte, wusste sie nicht, wie sie anfangen sollte.
„Es gibt etwas, das ich euch sagen muss“, begann sie stockend und senkte den Blick. Unmöglich, Doriens Mutter dabei in die Augen zu blicken. „Etwas, das auszusprechen mir sehr schwer fällt. Dorien ist von uns gegangen… Dein Vater, Scarlet, ist tot.“
Zuerst Verständnislosigkeit, dann langsames Begreifen.
Meister Dantés fing seine Gattin auf, als sie taumelnd nach seiner Hand griff. Ihr ersticktes Schluchzen brachte den Kloß in Winters Hals beinahe zum Bersten. Würde dieser Schmerz jemals nachlassen? Dann spürte sie Scarlets Hand, die scheu nach ihrer tastete, und versuchte sich ein Lächeln abzuringen. Doch der Kloß in ihrem Hals verzerrte den Versuch zu einer kläglichen Grimasse. Scarlets Blicke aus blauen Kinderaugen flackerten verunsichert über ihr Gesicht, als versuche sie aus ihrem Gesichtsausdruck abzulesen, was wohl die angemessene Reaktion auf eine solche Nachricht war.
„Ich… ähm… ich glaube, ich mochte ihn“, sagte sie vorsichtig.
Sie hat ihn kaum gekannt, durchfuhr es Winter. Dorien hatte gerade erst begonnen, sich seiner Tochter zu nähern. Nicht einmal ein halbes Jahr war es her, dass er eines Morgens im Hafen von Hlondeth aufgetaucht war, um sie zu sehen. Für Scarlet war er nur einer in einer Reihe von Vätern, die einer nach dem anderen wieder aus ihrem Leben verschwunden waren. Vielleicht war es besser so. Vielleicht hatte das Schicksal ihn absichtlich aus ihrem Leben fern gehalten. Winter war dankbar dafür, dass ihre Tochter nicht empfand, was sie empfand.
„Eines Tages“, sagte sie leise, „werde ich dir alles erzählen. Eines Tages wirst du verstehen, was für ein großartiger Mann er war.“
Als Winter den Tränenschleier vor ihren Augen fortblinzelte, erkannte sie Grimwardt und Kalith, die respektvoll einige Schritte entfernt auf sie warteten. Auch Scarlet war das Auftauchen des Elfen nicht entgangen.
„Ihr geht wieder fort, habe ich Recht?“, murmelte sie, während sie mit den Füßen im Kies scharrte. „Du und Onkel Grim.“
Winter blickte Kalith an.
„Wir müssen uns beeilen“, sagte der Elf. „Der Elfenrat tagt gerade im Palast.“
Winter nahm ihre Tochter in die Arme und wiegte sie sanft hin und her, wie sie es getan hatte, als Scarlet noch ein kleines Kind gewesen war.
„Es ist sehr wichtig, dass wir das tun“, sagte sie. „Es ist wichtig, damit alles so werden kann wie früher und du zu Onkel Grim in die Schwertschule gehen kannst.“
Scarlet seufzte.
„Immerhin lügst du diesmal nicht“, murmelte sie.
Winter spürte, wie ein trauriges Lächeln sich auf ihr Gesicht stahl und war froh, ihr Gesicht in Scarlets Haaren verbergen zu können. Natürlich würde nichts wieder werden wie früher.

Faust
Kurz darauf in der Ratshalle des Hochpalasts
Das Surren eilig gezogener Schwerter empfing Faust, als er mit dem Zwergen und der als Elfe getarnten Halbdrow in die Versammlung des Elfenrats platzte. Innerhalb eines Augenblicks waren die Eindringlinge von zehn elfischen Schwertkämpfern umzingelt, die nicht den Anschein machten als wollten sie sich mit unnötigen Fragen aufhalten.
Tampá!“, ließ ein eilig gebrüllter Befehl sie innehalten. Kalith bahnte sich einen Weg durch die Klingenwand und stellte sich schützend vor seine Gefährten. „Die gehören zu uns.“
Das Schwerterdickicht lichtete sich ein wenig und Faust erkannte, dass sie inmitten einer Halle aufgetaucht waren, die von einer gläsernen Kuppel überdacht wurde. Grimwardt und Winter waren ebenfalls da und vom unverhofften Auftauchen der Gefährten nicht minder erstaunt. Das Sonnenlicht, das durch die Kuppel flutete, malte goldene Schattenbilder auf den Boden und vier schlanke Erlen verliehen der Halle die Verspieltheit eines Innenhofs.
Doch auch die freundlichste Atmosphäre vermochte die Aufregung nicht zu dämpfen, in die das Auftauchen der drei Eindringlinge den Elfenrat gestürzt hatte. Mehrere Ratsmitglieder waren von ihren Lehnstühlen aufgesprungen und ein schwer gerüsteter Sonnenelf, der sich schützend vor den Thron seiner Königin geworfen hatte, beschoss Kalith mit einer Reihe schneidender Fragen in seiner Muttersprache. Die Folge war, dass auch der Träger der Kriegsklinge ins Visier der zehn Elitekämpfer geriet. Faust, der ein wenig Elfisch sprach, entnahm dem rasenden Wortwechsel, dass Kaliths Vorgesetzter einen Hinterhalt vermutete, und sich zu vergewissern versuchte, dass Kalith nicht ein Schattenmagier in Verkleidung war. Seine Antworten schienen den Sonnenelf zu befriedigen und die Lage entspannte sich ein wenig.
„Fflar Melruth?“, riet Faust. Der Elfenkämpfer musterte ihn aus kühlen grauen Augen und gab seinen Männern den Befehl sich zurückzuziehen. Er selbst jedoch machte keine Anstalten, seine Waffe zu senken, die, wie Faust erkannte, ähnlich wie Kaliths Schwert, selbst jetzt noch in eisigem Licht erstrahlte.
„Man weigerte sich, uns einzulassen, darum mussten wir improvisieren“, erklärte Faust ihren dramatischen Aufzug.
„Wie seid Ihr hier rein gekommen?“
 „Wir sind mit Hilfe eines Artefakts in den Palast teleportiert.“ Razeemas dreiste Lüge entlockte Faust ein anerkennendes Schmunzeln. Dann runzelte er angriffslustig die Stirn.
„Könnt Ihr mir erklären, weshalb vor Euren Toren verzweifelte Flüchtlinge um Einlass betteln, während Ihr Euch hinter Euren Palastmauern verkriecht?“, fragte er provokant. „Sollen sich die Bauern und Knechte aus den Tälern vielleicht mit Heugabeln und Besenstielen gegen das Heer der Allianz verteidigen, das auf Myth Drannor zurückt?“
Faust hasste Elitedenken. Als unehelicher Sohn einer damaranischen Adligen hatte er am eigenen Leibe erfahren, was es heißt, nach dem Blut beurteilt zu werden, das durch seine Adern floss. Für elfische Suprematie hatte er darum nicht das geringste Verständnis. Seine aufrührerischen Worte zeigten das gewünschte Resultat: Ein Großteil der Ratsmitglieder war von seinen Sitzen aufgesprungen und bombardierte den menschlichen Kämpfer mit wüsten Verwünschungen. Selbst Kalith runzelte missbilligend die Stirn.
„Aus welchem Grund sollte ich mich vor Euch rechtfertigen!“, zischte Fflar und machte einen drohenden Schritt in Richtung des Unruhestifters. In diesem Moment erhob sich die Königin, die den Schlagaustausch mit unbewegter Miene verfolgt hatte, und ergriff beschwichtigend den Arm des Hauptmanns.
„Wenn überhaupt bin ich diejenige, die sich rechtfertigen müsste“, sagte sie mit freundlicher Bestimmtheit und Fflar senkte entschuldigend den Kopf. „Doch ihr werdet sicher verstehen, dass ich als Regentin des Elfenhofs wie alle Herrscher zunächst meinem eigenen Volk gegenüber verpflichtet bin“, sagte sie an Faust gewandt. „Wie Ihr ja bereits selbst erwähnt habt, steht diese Stadt kurz vor einem Angriff, der alles zerstören könnte, was wir in den letzten Jahren so mühsam aufgebaut haben. Der Angriff auf Mystras Gewebe hat uns von all unseren Verbündeten abgeschottet. Die Portale nach Immerdar, Silbrigmond und Immerschwinge wurden außer Kraft gesetzt. Auch der Schutzwall des Mythals ist beschädigt. Sollen wir dem Feind auch den letzten Triumph gönnen, indem wir zulassen, dass unsere Vorräte aufgebraucht werden, noch ehe der Kampf begonnen hat? Auch unsere Versorgungssysteme basieren auf Magie. Die Menschen aus den Talländern haben unser tiefstes Mitgefühl, doch niemand hat sie gezwungen, hierher zu kommen. Sie hätten nach Essembra flüchten können, das noch nicht vom Feind eingenommen wurde, oder in den Süden. In der Tat steht ihnen diese Möglichkeit noch immer offen. Wenn sie hier bleiben, um mit uns zu kämpfen, sind sie auf sich allein gestellt.“
Die diplomatischen Worte der zierlichen Elfe besänftigten selbst Fausts rebellisches Gemüt.
„Lasst wenigstens die Kinder und Kranken in die Stadt“, sagte er in gemäßigtem Tonfall.
„Um sie von ihren Eltern und Verwandten zu trennen?“ Coronal Ilsevele schüttelte den Kopf. „Nein, es muss einen anderen Weg geben.“
„Ich fürchte, wir bringen noch mehr schlechte Neuigkeiten.“ Grimwardt war vorgetreten, um die Diskussion auf den eigentlichen Grund ihres Kommens zu lenken. „Fürstin Alustriel von Silbrigmond schickt uns. Unsere Erkundungen auf der Schattenebene lassen vermuten, dass Hadhrune von Umbra der Drahtzieher hinter dem Angriff auf das magische Gewebe ist. Und dass er es auf die Nesserrollen abgesehen hat. Oder besser gesagt auf den Elfenbaum.“
„Den Quess Ar Teranthvar?“  
Grimwardts Eröffnung versetzte den Elfenrat in helle Aufregung. Nachdem der Kriegspriester die ganze Geschichte erzählt hatte, trat einer der Elfenmagier vor und bat um Ruhe. Sofort verstummten alle Diskussionen.
„Mein Name ist Araevin Teshurr“, sagte der Sonnenelf. Faust blinzelte: Lag es an der Veränderung des Lichts oder hatten seine Augen gerade die Farbe gewechselt? „Der Turm der Winde, die alte Zauberakademie von Myth Drannor, wird erst seit kurzem wieder genutzt. Einige Fakultäten wurden noch nicht restauriert. In diesem Teil der Türme befindet sich auch der Quess Ar Teranthvar. Er wird von einem Hochmagier beschützt, der beim Untergang Myth Drannors mit dem Turm verschmolz. Mit Hilfe von magischen Projektionen war es ihm möglich, den Turm der Winde  über die Jahrhunderte vor Plünderungen zu bewahren. Darcassan ist der einzige, der weiß, wo sich der Baum befindet. Doch mit dem Wegfall der Magie sind auch seine Projektionen verschwunden. Ich kenne kein Mittel, das es uns erlauben würde, mit ihm in Kontakt zu treten.“
„Das lasst unsere Sorge sein“, sagte Faust. „Könnt Ihr uns in diesen Turm bringen?“
Araevin nickte. „Folgt mir.“

Grimwardt
Kurz darauf.
Der Turm der Winde hatte seinen Namen nicht von ungefähr. Das säuselnde Pfeifen, das durch die Wipfel der beiden Schattenkronen strich, die den Turm begrenzten, mochte für elfische Ohren angenehm klingen, doch Grimwardt fühlte sich durch das zittrige Gewimmer allenfalls an das Wehgeschrei eines sterbenden Heulers erinnert. Das gewundene Gebilde hatte keinen sichtbaren Eingang. Doch Araevin trug einen Ring mit einem Siegel, das, in ein Mosaik am Boden eingelassen, ein Portal ins Innere der Magierschule aktivierte. Offenbar handelte es sich bei dem Siegelring um ein von den Elfengöttern gewährtes Artefakt, was seine Resistenz gegen Antimagie erklärte. Der Elfenmagier leitete die kleine Gruppe durch gläserne Hallen und gewundene Gänge, bis sie schließlich in einen unbemöbelten Raum traten. Die Astgabel, die die westliche Wand durchstoßen hatte und ins Zimmer hineinwuchs und die Staubschicht auf dem Boden ließen vermuten, dass er schon seit Längerem nicht mehr genutzt wurde.
„Wo sind wir?“, fragte Grimwardt.
„Das ist Darcassans altes Arbeitszimmer“, erklärte Araevin. Der Elfenmagier kniete sich zu Boden, um den Staub fort zu wischen. Darunter kam ein Bodenmosaik zum Vorschein, das einen Goldelfen in blauen Roben zeigte. In das Innere des Mosaiks war eine Kristallkugel eingelassen, die Grimwardt als Ausspähungsinstrument erkannte.
„Wollt Ihr sagen, der Wächter des Elfenbaums ist eine Dielenplatte?“, knurrte der Tempuspriester.
„Wie ich bereits sagte“, erwiderte der Magier. „Er ist mit dem Turm verschmolzen.“
Araevin erhob sich, rieb sich den Staub von den Händen und blickte aufmerksam von einem zum andern. Sein Blick blieb an Faust hängen.
„Ihr wirktet eben im Ratssaal als wüsstet Ihr einen Weg, Darcassan in die Lage zu versetzen, eine seiner Projektionen zu beschwören“, bemerkte er und der Hauch eines Lächelns streifte seine eigenartigen, wechselhaften Augen. „Ich nehme an, Ihr seid nicht wirklich mit der Hilfe eines Artefakts in den Palast gelangt?“
„Nein…“, gab Faust zu und gab der Halbdrow ein aufforderndes Zeichen. „Razeema?“
Die Schattenadeptin sprach ein Bannwort und die Verkleidung fiel von ihr ab. Der Elfenmagier wirkte nicht überrascht.  
„Unter den gegebenen Umständen“, murmelte er, „bleibt mir wohl keine andere Wahl, als euch zu trauen.“  
„Wenn es eine Möglichkeit gibt, das Mosaik aus dem Fußboden zu lösen, könnte Razeema uns und Meister Fußboden auf die Schattenebene bringen“, erklärte Faust. „Der Magieverlust ist auf die materielle Ebene beschränkt. Seine Projektionen sollten dort also wirken.“
Araevin nickte.
„Ja, das könnte klappen.“
Winter fand an der Halterung der Kristallkugel einen Mechanismus, der die Aushebung des Mosaiks erlaubte, und Fausts Plan war schnell in die Tat umgesetzt. Razeemas Zauber ließ die Dimensionen verschwimmen und rund um die Gefährten erwuchs eine Schattenversion des Cormanthorischen Waldes. Grimwardt spürte gerade erst wieder festen Boden unter den Füßen, als sich bereits die erste von Darcassans Projektionen zwischen den Bäumen manifestierte. Zwei weitere folgten kurz darauf. Sie alle hatten die ebenmäßigen Züge des Elfenmagiers aus dem Bodenmosaik. Doch während der erste in Darcassans blaue Roben gekleidet war, trug der zweite eine Elfenrüstung und ein Schwert. Der dritte schließlich war in eine einfache Lederkluft gehüllt und zog einen Dolch aus seinem Stiefelschacht.
„Ihr Elenden!“, zischten die drei wie aus einem Mund und der Magier erhob seinen Zauberstecken gegen Razeema. „Seid ihr zurückgekehrt, um euer Werk zu vollenden, ssr’aicoiar?“
„Der Elfenbaum ist in Gefahr“, knurrte Faust, der sich schützend vor die Halbdrow geworfen hatte. „Wir sind hier, um ihn sicherzustellen!“ Araevin fügte etwas in seiner Muttersprache hinzu, doch Darcassans Double schienen nicht überzeugt.
Dhaeraow!“, zischelten sie. „Der Quess Ar Theranthvar wurde bereits entwendet!“
„Noch ein Grund mehr, uns anzuhören!“, entgegnete Faust.
„Ihr kommt mit einer Schattenmagierin!“, schnaubten die drei Darcassans mit einer Stimme. „Der Quess Ar Theranthvar wurde…“
„… von Schattenmagiern gestohlen“, unterbrach ihn Araevin. „Das haben wir befürchtet. Sintar, Ihr müsst uns erzählen, was passiert ist. Ich bürge für diese fünf, auch für die Halbdrow. Sie wurden von Alustriel von Silbrigmond entsandt, das Artefakt zu schützen.“
Die Trugbilder musterten den Elfenmagier mit unverhohlener Abscheu. Jahrhunderte der Einsamkeit hatten Darcassan mit Argwohn und Bitterkeit erfüllt. Doch er schien einzusehen, dass Wehklagen und falsche Anschuldigen das Artefakt nicht wieder zurückbringen würden. Ein Windhauch blies zwei der Projektionen hinfort und nur noch der Magier blieb übrig.  
„Der Wegfall der Magie hat mich von meinen Projektionen abgeschnitten“, begann er. „Doch durch die Verbindung, die ich mit dem Turm der Winde eingegangen bin, kann ich spüren, was in seinen Mauern vor sich geht. Sie kamen gestern Abend. Es waren sechs, alle Umbranten. Einer von ihnen war Prinz Hadrhune, der jüngste Sohn des Herrn von Umbra. Sie entweihten einen Schrein der Mystra und entführten den Quess Ar Theranthvar.“
„Was haben sie damit vor?“, fragte Grimwardt.
„Nun, was werden sie wohl damit vorhaben?“, murmelte der Hochmagier düster. „Hadhrune wird versuchen, den Baum in seine ursprüngliche Form zurückzuverwandeln, um seine Mysterien für Seinesgleichen verständlich zu machen.“
„Die Schriftrollen von Nesseril.“
„Ja, die Nesserrollen“, bestätigte Darcassan. „Ein aufwendiges Ritual wird von Nöten sein, den Baum vollständig zu verwandeln. Möglicherweise gelingt es Tyvollus die Transformation hinauszuzögern, aber er wird sie nicht verhindern können.“
„Wer ist Tyvollus?“ Der Name war Grimwardt noch nicht untergekommen.
„Der Schöpfer des Quess Ar Teranthvar“, antwortete der Hochmagier. „Wie ich mit dem Turm verschmolz er mit seiner Schöpfung. Die Nesserrollen widerstanden seiner elfischen Hochmagie, darum ersann er einen Weg, sie an diese Form zu binden. Durch die Verschmelzung verlor Tyvollus seine sterbliche Form, doch hin und wieder erscheint er in Gestalt einer Spinne in den Zweigen des Quess Ar Teranthvar.“
 „Eine Spinne mit saphirblauen Augen“, murmelte Grimwardt. Das erklärte den Teil von Razeemas Traum, den sie bisher nicht hatten enträtseln können.
 „Was würde geschehen, wenn es den Umbranten gelänge, dieses Ritual durchzuführen?“, fragte Faust.
„Wer kann das sagen?“ Die Augen des Hochmagiers zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen. „Vielleicht trachten Hochprinz Telamont und seine zwölf Söhne danach, den Zauber zu duplizieren, mit dem es Karsus gelang, Mystra zu töten und das magische Gewebe zu zerstören. Dann hätten die Umbranten von Anauroch und die Kirche von Shar das Monopol über die Magieausübung auf Faerûn. Über kurz oder lang würde sich der ganze Kontinent ihm unterwerfen und Telamont hätte sein Ziel erreicht: die Wiedergeburt des Imperiums von Nesseril mit ihm an der Spitze.“
„Verfluchter Bastard“, knurrte Faust. „Wie können wir dieses Ritual aufhalten?“
„Ihr müsst den Quess Ar Theranthvar zerstören.“ Grimwardt konnte sehen, wie schwer Darcassan diese Worte über die Lippen kamen. Fast empfand er so etwas wie Mitleid für den Magier, der sechseinhalb Jahrhunderte eingeschlossen in ein Bodenmosaik verbracht hatte, um ein Artefakt zu schützen, das er jetzt zerstören musste. „Es gibt keine andere Möglichkeit. Ihr könnt von Glück reden, wenn es euch auch nur gelingt, in die Nähe des Baums zu kommen. Der Versuch ihn zu bergen ist ein Risiko, das wir nicht eingehen können. Zu viel steht auf dem Spiel.“
„Aber es ist ein Artefakt“, wandte Faust ein. „Ich dachte, Artefakte können nicht zerstört werden.“
„Das können sie“, berichtigte ihn der Elf. „Zu jedem Artefakt gibt es ein Gegenstück, das es zu zerstören vermag. Ich kenne dieses Gegenstück nicht, doch die Zerstörung eines jeden Artefakts liegt in seiner Schöpfung begründet.“
„Also weiß Tyvollus…“
„Nein.“ Darcassan schüttelte den Kopf. „Die Nesserrollen sind älter als Tyvollus oder der Quess Ar Teranthvar. Sie sind sogar älter als das Imperium von Nesseril. Um sie zu zerstören, müsst ihr weiter zurückgehen als selbst die elfische Geschichte zurückreicht.“
„Ihr sprecht von den Gründerrassen.“
Der Elfenmagier konnte seine Verblüffung nicht verbergen und auch Araevin hob erstaunt den Kopf.
 „Ihr wisst von den Gründerrassen?“, wunderte er sich.
Faust zuckte mit den Schultern.
„Hab nur hier und da ein paar Happen aufgeschnappt“, sagte er.
„Die ersten intelligenten Geschöpfe auf Faerûn waren Reptilienwesen“, erklärte Darcassan. „Die Götter machten ihnen die Magie zum Geschenk. Auf diese Weise entstanden die Nesserrollen. Sucht nach Hinweisen auf das Entstehungsritual. Vielleicht findet ihr so heraus, wodurch sie zerstört werden können.“
« Letzte Änderung: 08. März 2010, 22:29:59 von Niobe »

Nightmoon

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Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #78 am: 09. März 2010, 02:19:36 »
Wie immer schön zu lesen!
Bin gespannt auf Dr. Schiefkiefer ;)

Winter

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Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #79 am: 09. März 2010, 19:34:48 »
Ich freu mich auch schon auf mehr!

Abracadaver

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Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #80 am: 18. März 2010, 17:40:33 »
Ich bin auch schon sehr gespannt! Eure Geschichte ließt sich wunderbar und lässt auf ein weit entferntes Ende hoffen:)

Nightmoon

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    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #81 am: 24. März 2010, 00:27:05 »
Ich hoff ja echt, dass Brüssel dir nicht deine Kreativität raubt und du bald, wenn du weniger Stress hast, wieder weiterschreiben kannst. Freue mich auf das Wiedersehen mit all den alten Bekannten ... :D

Winter

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Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #82 am: 24. März 2010, 18:36:50 »
Seit ich weiß, dass unsere Meisterin am Montag eine Hausarbeit fertig haben muss, traue ich mich gar nicht mehr nachzufragen, ob sie schon weitergeschrieben hat... :-X
Käme mir dann doch sehr selbstsüchtig vor. Aber danach besteht bestimmt wieder Hoffnung!

Niobe

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #83 am: 24. März 2010, 18:50:45 »
Jaaa, schlechte Zeiten für Musen... aber nächste Woche wirds ein wenig besser, dann geht's auch hoffentlich weiter.

Nightmoon

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    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #84 am: 24. März 2010, 21:44:07 »
Juhu!
Oh, und viel Erfolg bei der Hausarbeit! Hab meine auch heute fertig bekommen!

Niobe

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Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #85 am: 09. April 2010, 00:02:43 »
Kapitel IX: Die Ruinen von Oreme

Winter

Vier Tage später, Oase Biradoon, Nordwesten von Anauroch. 
„Das ist Wucher“, empörte sich Winter.
„250 Gold pro Kopf und Tag“, beharrte der Karawanenführer. „Ist letztes Angebot. Alif Ben Kanaan ist bester Wüstenführer in Anauroch. Weiß, wie man Zhentarim-Zölle umgehen kann. Kennt alle Oasen auf Weg nach Oreme. Ist gefährlich in Oreme. Wüste hat eigenen Willen dort. Und viele Geenies und Asherati.“
„Ashe… was?“
„Sanddiebe. Sehr gefährlich. Verstecken sich nachts im Sand, um Karawanen zu überfallen. Braucht ihr guten Führer, wenn ihr nach Oreme wollt.“
„1000 Gold pauschal.“ Winter verschränkte stur die Arme vor der Brust. Sie traute dem kleinen Beduinen mit dem geschäftstüchtigen Grinsen nicht. Mochten die Götter wissen, auf welche Umwege er sie führte, nur um noch den ein oder anderen Tagessatz für sich herauszuschlagen. „Die Hälfte als Anzahlung.“
Alif Ben Kanaan rümpfte pikiert die Nase und wandte sich ab, um seinem Kamel den Hals zu kraulen und Winter zu verstehen zu geben, welche Beleidigung ihr Angebot für ihn war. Sie schnaubte, als sie den blasierten Blick des gelangweilt vor sich hin schmatzenden Tiers auffing,  und stapfte davon. Grimwardt folgte seiner Schwester, die auf einen der Tee-Pavillons zusteuerte, die die kleine Handelsenklave am Rande der Biradoon-Oase säumten. Vor dem Zelt speiste eine Gruppe von D‘Tairig, die ein seltsames schwarzes Gebräu aus kleinen Bechern schlürfte. Unter den Männern befand sich ein weiterer Kamelführer. Doch der alte Beduine, dessen Gesicht so schrumpelig war wie die schwarzen Früchte in seiner Essschale, sah nicht einmal auf, als Winter ihn ansprach. Sie wollte ihm gerade mit einer bissigen Bemerkung zu verstehen geben, was sie von seinem Kundenumgang hielt, als Grimwardt ihr mit einer mäßigenden Geste die Hand auf die Schulter legte. 
„Hättet Ihr wohl Interesse an einem Auftrag, wenn ich ihn Euch unterbreiten würde?“, wandte er sich an den Nomaden.
Mit einer Mischung aus stiller Würde und Ehrerbietigkeit erhob sich der Alte und verneigte sich vor dem Tempuspriester. Winter seufzte. Großartig. Offenbar ging es gegen die Ehre des Alten mit einer Frau zu verhandeln. Nein, hier würde sie nicht viel ausrichten können. Also zurück zu Alif und den anderen. Die Verhandlung mit dem jüngeren Karawanenführer hatte inzwischen eine bizarre Wendung genommen: Statt auf den geschäftstüchtigen Beduinen traf Winter  auf einen fluchenden Schluckspecht, der sich mit der Verbissenheit eines Wahnsinnigen darum bemühte, Boltors nimmerleeren Humpen zu bezwingen.
„Das ist Betrug!“, schimpfte er lallend. „Dumme Humpen ist niemals leer! Ist magische Humpen!“
„In einer magietoten Zone? Wie das?“ , konterte Faust, der das Schauspiel mit verschränkten Armen und einem siegessicheren Schmunzeln beobachtete. „Gib’s zu: Du hast es einfach nicht drauf.“
„Sieht so aus, als ob wir die Wette gewonnen hätten.“ Boltor schnalzte mit der Zunge. „1000 Gold für Hin- und Rückweg, Kamele inklusive.“
Winter schmunzelte und warf einen hastigen Blick über die Schulter: Gut. Grimwardt war noch ins Gespräch mit dem Alten vertieft. Besser, sie ließen diese kleine List ihm gegenüber unerwähnt. Ihr Bruder konnte furchtbar kleinlich sein, wenn es um unorthodoxe Handlungsstrategien ging. 
Nachdem der Handel geschlossen war, zog es die Männer in das Teehaus am Rand der Nomadensiedlung, während Winter Miu dabei half, ein wenig abseits der Beduinenzelte ihr Lager aufzuschlagen. Sie hatten gerade den letzten Zeltnagel im Boden versenkt, als Faust mit einer verschleierten Beduinin im Schlepptau zurückkehrte. Miu zuckte mit keiner Wimper, doch der bloße Anblick der keuchen jungen Karaturianerin schien den Kämpfer in die Defensive zu zwingen.
„Sie soll nur für mich tanzen!“, verteidigte er sich mit dem treuherzigen Blick eines Straßenjungen, der gerade, als er herzhaft in einen ehrlich verdienten Apfel beißen will, innehält, weil der Obstladenbesitzer ihn mit misstrauischer Miene beäugt. „Ehrlich! Es heißt, die muss man gesehen haben… die Bauchtänze der D’Tairig.“
Miu bedachte seine Beteuerungen mit einem ihrer duldsam-stoischen Blicke, doch Winter entging nicht das leise Schmunzeln, das sie hinter vorgehaltener Hand verbarg, als Faust mit seiner Begleiterin im Zelt verschwunden war. Auch Winter musste lachen. Doch es war ein verhaltenes Lachen und als ihr das auffiel, überkam sie eine merkwürdig schwermütige Stimmung. Seufzend ließ sie sich vor dem Zelt nieder, grub die Zehen in den Sand und ließ ihren Blick über die Dünen gleiten. Nach einer Weile bemerkte sie, dass sie gedankenverloren mir einem kleinen magischen Kompass spielte, den Grax, der Halbork-Barde aus Heinos Zirkustruppe, ihr zum Geschenk gemacht hatte.
Vor ihrer Abreise aus Myth Drannor hatte sie den Zirkusartisten darum gebeten, eine Ballade zu verfassen. Eine Ballade zu Ehren Doriens.  Grimwardt hatte verächtlich geschnaubt und etwas von „Lug und Trug“ gemurmelt, als sie ihm die erste Strophe vorgetragen hatte. Zugegeben, es gehörte ein wenig Fantasie dazu, Dorien in Grax‘ „Ritter voll Tugend und Glanz“  wiederzuerkennen.  Und auch die Schilderung seines „o furchtlosen Ringens mit dem rasenden Rachegott“ trug nicht unbedingt zur Authentizität der Ballade bei. Doch strahlende Ritter und furchtlose Ringkämpfe waren der Stoff, aus dem Heldenepen gemacht waren, und Winter war entschlossen, Dorien unsterblich zu machen. 
Scarlet und ihre Großeltern hatte sie mit Razeemas Hilfe nach Silbrigmond gebracht. Die Halbdrow war später nach Myth Drannor zurückgekehrt, um den Elfen bei der Bewältigung des Flüchtlingsproblems zu helfen. Kalith war ebenfalls zurückgeblieben, um seiner Heimat im Kampf gegen die Allianz beizustehen. Der Rest der Gruppe hatte sich auf den Weg zur Kerzenburg gemacht, um Erkundigungen zu den Gründerrassen und dem Schöpfungsritual der Nesserrollen einzuholen.
Drei Tage lang hatten sie die Bibliothek durchforstet. Die historischen Schriften eines Autors, der sich selbst der „Weltenseher“ nannte, hatten sie schließlich auf die Spur der Sarrukh gebracht. Das Echsenvolk, eine der Gründerrassen, war vor vielen tausenden Jahren in einer Stadt namens Oreme im heutigen Gebiet der Anauroch beheimatet gewesen. Einem Auserwählten unter den Sarrukh hatten die Götter einen Schluck aus dem Kelch des Amaunator gewährt, der ihn mit göttlicher Einsicht in die Mysterien der Magie erfüllte. Dieses Wissen schrieb der Auserwählte nieder, und so entstand die erste Version der Nesserrollen. Als das Reich der Sarrukh zerfiel, verschanzten sich die sechzig mächtigsten Zauberwirker der Stadt mit den Schriftrollen in den Katakomben von Oreme, um ihre Körper in Leichname zu verwandeln und so der Vernichtung zu entgehen. Noch heute, so schrieb der Weltenseher, ruhten sie dort unter den Ruinen von Oreme. Einer der sechzig jedoch war für 10 000 Jahren zum Wächter der Grabstätte ernannt worden. Es musste jener Wächter gewesen sein, der die Schriftrollen unter den Menschen von Nesserril verbreitet hatte. Und er war es auch, den die Gefährten hier in der Anauroch zu finden hofften. Denn wenn es jemanden gab, der um das Geheimnis ihrer Zerstörung wusste, dann war er es.

Grimwardt
In der Wüste, fünf Tage später.
„Sicher, dass ich den Betttopf heute stecken lassen kann?“, fragte Faust mit einem breiten Grinsen.
„Ist die komische grüne Färbung um die Nase bei euch Menschen normal?“, stimmte Boltor in den Spottgesang mit ein.
„Sollen wir vielleicht ein wenig langsamer reiten?“ Selbst Winter ließ es sich nicht nehmen, den großen Bruder auf die Schippe zu nehmen.
Grimwardt schnaubte griesgrämig in seinen Bart hinein. Seit ihm die Hitze und das ständige Ruckeln und Wanken am ersten Tag der Reise ein wenig auf den Magen geschlagen waren, wollten die Sticheleien und Seitenhiebe einfach nicht abreißen. Noch so ein geistreicher Kommentar und irgendwem würde das Lachen gehörig vergehen! Die eintönige Umgebung und die kärgliche Versorgung trugen auch nicht gerade dazu bei, Grimwardts grantige Laune zu heben. Was würde er jetzt nicht für ein gutes, deftiges Heldenmahl geben. Außerdem hatte er seit fünf Tagen nichts weiter gesehen als endlose Dünen und das knochige Hinterteil des Leitkamels.
„Dort hinten ist es.“ Die Worte des beduinischen Wüstenführers ließen Grimwardt aufblicken. „Das ist Oreme.“
Sie hatten eine mächtige Düne erklommen. In einiger Entfernung erspähte der Kriegspriester ein gigantisches Ruinenfeld, das in einer Talsenke am Rande eines ausgetrockneten Flussbetts gelegen war. Von der Zeit zersetzte Torbögen und Gebäudetrümmer malten dunkle, grotesk vergrößerte Schatten in den Wüstensand. Als sie näher kamen, erkannte Grimwardt, dass die sandfarbenen Überreste der Sarrukh-Stadt intakter waren als es aus der Ferne den Anschein hatte: Die Gerippe von Turmspitzen und Dachgiebeln, die aus dem Sand stachen, ließen vermuten, dass große Teile Oremes unter dem Sand erhalten geblieben waren. Nachdem sie die Kamele am Rande des Trümmerfelds zurückgelassen hatten, machten sich die Gefährten daran, die Ruinen zu erkunden.
„Irgendwo muss es einen Zugang zum unterirdischen Teil der Stadt geben“, sagte Faust.
„Na großartig“, murmelte Winter. „Und wie sollen wir den ohne Magie finden?“
„So wie wir es früher auch getan haben“, brummte Grimwardt. „Wir suchen!“
Alif hob den Kopf und kniff die Augen zusammen.
„Was ist?“, knurrte Faust, der dem Wüstenführer nicht über den Weg traute. Der Kämpfer hatte seit ihrer Abreise aus Biradoon ein wachsames Auge auf den Beduinen gehabt.
„Ist nicht richtig“, murmelte Alif. „Dort hinten war Düne. Muss eine… Vorsicht!“
Zu spät gewahrte Grimwardt den Schatten der Wanderdüne, die sich mit der Arglist eines lauernden Assassinen hinter der Gruppe aufgetürmt hatte. Dann senkte sich Dunkelheit auf ihn herab und Sandkörner, die ihm in alle Poren drangen, raubten ihm die Luft zum Atmen. Vergeblich versuchte Grimwardt sich mit den Händen an die Oberfläche zu graben, während er spürte, wie der Druck der Sandmassen zunahm, die ihn unter sich zu begraben drohten. Seine Sinne begannen zu schwinden, doch ehe er das Bewusstsein verlor, packten ihn von oben kräftige Hände, um ihn an die Oberfläche zu zerren. Faust schlug ihm auf den Rücken und Grimwardt würgte spuckend und fluchend den Sand aus seinen Lungen. Seine Schwester, die schwer atmend neben ihm kniete, schien das gleiche Schicksal ereilt zu haben.
„Verfluchte Wüste“, keuchte der Kriegspriester mit knirschendem Sand zwischen den Zähnen. 
„Das ist nicht Wüste“, murmelte Alif, dem die Sache mulmig zu werden schien. „Das ist Hexenwerk. Ist verflucht, diese Ort.“
Die Gefährten setzten ihre Suche nach einem Weg in den unterirdischen Teil der Stadt fort, doch in den ersten beiden Ruinen, die sie erkundeten, fanden sie nichts als Sand und Staub. Grimwardt hatte zudem das dumpfe Gefühl, dass sie beobachtet wurden. Schatten am Rande seines Blickfelds, eilig verwischte Spuren im Sand – sie schienen nicht alleine zu sein. Als sie auf ein weiteres Turmskelett zusteuerten, stieß Alif plötzlich einen Warnschrei aus. Gerade noch rechtzeitig bemerkte Grimwardt, dass der Sand unter ihnen eine ungewöhnlich dunkle Färbung hatte.
Treibsand.
Der Priester bekam mit einer Hand Miu zu fassen, die beinahe in die tückische Falle getappt wäre. Boltor tänzelte geschickt zur Seite und Alif war abrupt stehen geblieben. Für Winter und Faust jedoch, die in der Mitte des feuchten Bereichs standen, kam die Warnung zu spät. Fausts massige Gestalt versank innerhalb eines Augenblicks in dem schlickigen Sandbad. Winter griff eilig nach Grimwardts freie Hand, doch der Sog, der sie in die Tiefe zog, war zu groß. Der Priester sah noch, wie seine Schwester eilig nach Luft schnappte, ehe der Wüstenschund sie mit einem schwerfälligen Glucksen verschlang.
Der Kleriker fackelte nicht lange und band sich ein Seil um die Hüfte, dessen Ende er Boltor zuwarf.
„Hol’ uns hoch, wenn ich daran ziehe“, befahl er schroff, holte tief Luft und sprang seiner Schwester nach. Blind ließ er sich von den zähflüssigen Massen in die Tiefe saugen in der Hoffnung aufgrund seiner Masse schneller zu sinken als Winter. Grimwardt hatte Glück: Schon nach wenigen Metern spürte er, wie er auf Widerstand stieß, umschlang Winters Hüfte und ließ sich von seinen Gefährten in die Höhe ziehen. Schwer atmend tauchten die Geschwister kurz darauf aus dem Sandschlund auf.
„Was ist mit Faust?“, keuchte Winter, kaum dass die anderen sie an Land gezogen hatten. Doch Grimwardt hatte bereits Anlauf genommen, um ein zweites Mal in den Sandsee zu tauchen. Eine halbe Ewigkeit schien zu vergehen, ehe er am Grund des Schlundes angelangt war und den Kämpfer zu fassen bekam. Keuchend wuchtete er den bewusstlosen Gefährten kurz darauf an Land. Fausts Pulsschlag war schwach, als Grimwardt sich über ihn beugte, doch der Krieger war zäh. Ein heilendes Gebet brachte ihn schnell wieder auf die Beine.
„Hehe“, machte Boltor mit dem seligen Grinsen eines Besoffenen und nahm noch einen Schluck aus seinem Humpen.
„Was?“, knurrte Faust, während er mit mäßigem Erfolg versuchte, sein Haar vom Sandschlick zu befreien.
„Ich sehe Hände im Sand.“
„Häh?“
Alif Ben Kanan wurde kreidebleich und stieß einen Fluch in seiner Muttersprache aus. Für die Dauer eines Augenblicks meinte Grimwardt zu sehen, wie sich lange, rostrote Finger um die Füße des Wüstenführers legten. Dann ein Ruck und Alif versank mit solcher Abruptheit im Sand als bestünde der Untergrund aus Wasser. Ungläubig starrten die Gefährten auf die Stelle, die seinen Schrei verschluckt hatte.
„Oh“, machte Boltor ernüchtert.
„Asherati“, murmelte Winter mit einem Schaudern. „Das müssen die Sanddiebe gewesen sein, von denen Alif sprach. Wir sollten aufpassen, wo wir hintreten.“
Um sich vor einem weiteren Hinterhalt zu schützen, breiteten die Gefährten eine der Zeltplanen unter ihren Füßen aus. Die Sicherheitsmaßnahme erschwerte das Vorankommen, sodass es bereits Nachmittag war, als sie endlich den Zugang zum unterirdischen Teil der Stadt entdeckten. Eine Bodenluke führte eine steinerne Treppe hinunter in ein Labyrinth aus Korridoren und Hallen. Auch hier gab es Spuren im Sand und einmal meinte Grimwardt ein Kichern und das Aufblitzen pupillenloser gelber Augen zu gewahren. Doch sie drangen unbehelligt immer tiefer in das Labyrinth vor, bis sie schließlich eine Halle betraten, die im Gegensatz zum Rest der Stadt noch Spuren einer humanoiden Zivilisation aufwies. Wandmalereien beschrieben Szenen aus dem Alltagsleben einer Kultur von Reptilienmenschen und ein Thron aus grünem Smaragd, der in der Form einer geöffneten Klaue gearbeitet war, erhob sich in der Mitte des Raums.
„Ah, die Fremden sind angekommen“, ertönte eine keckernde Stimme.
Die Gefährten fuhren herum.

Faust
Hätte Faust die Kreatur beschreiben müssen, die ihnen aus dem Halbdunkel hinter dem Klauenthron entgegen gehumpelt kam, wäre ihm wohl als erstes der Vergleich zu einem knorrigen, windgepeitschten Steppengewächs in den Sinn gekommen, das allein durch Sturheit der Austrocknung trotzte. Der Leichnam des Sarrukh  war etwa so groß wie der Zwerg und nicht einmal halb so breit – selbst wenn man den Buckel mitrechnete, der die knochige Gestalt niederzudrücken schien. Seine staubtrockenen Kieferknochen klapperten beim Sprechen und sein Unterkiefer war ein wenig versetzt zum Oberkiefer, was dem grinsenden Eidechsenschädel mit den starren, lidlosen Augen den irren Ausdruck eines Schwachsinnigen verlieh.
„Seid Ihr derjenige, der die Sanddiebe befehligt?“, knurrte Faust. „Was habt Ihr mit unserem Begleiter angestellt?“
„Ich befehlige die Wüste, mein junger, organischer Freund“, berichtigte ihn Schiefkiefer. „Und ihr mögt mich bei meinem Titel nennen. Ich bin König Oreme, Herr der Anauroch“, fügte er hoheitsvoll hinzu, während er mit einigem Ächzen und Klappern den Klauenthron erklomm, der wirkte, als könne er das dürre Gerippe jederzeit in seiner Handfläche zermalmen. Dann schüttelte er sich den Sandstaub von mindestens einem Jahrzehnt aus den königlichen Lumpen, was Grimwardt ein beherztes Niesen bescherte.  „Ich sah euch kommen, doch ihr seid nicht hier, um die Gräber der Sechzig zu plündern. Der D’Tairig dagegen war ein wenig zu versessen auf die Schätze der Anauroch, doch die Asherati werden seiner Habgier einen Dämpfer verpasst haben.“
„Ihr saht uns kommen?“ Faust hob eine Augenbraue.  „Wollt Ihr behaupten, dass Ihr die Zukunft sehen könnt…, Majestät?“, fügte er mit mildem Spott hinzu.
Die Zukunft?“, eierte der Sarrukh. „Ich sehe Zukünfte, mein Junge. Doch es ist nicht schwierig, sie gegeneinander abzuwägen – geradezu anödend, will ich meinen. Der Geschichte gehen auf Dauer die Ideen aus. Ihr allerdings…“ Er sezierte die Gruppe mit seinen stierenden Augen und legte in einer ruckartigen, salamanderartigen Bewegung den Kopf in die Neige. „Ihr beabsichtigt den Schattenlord von Umbra herauszufordern und doch ist euer Tod nicht völlig eindeutig. Das ist… unüblich.“
„Ich nehme an, das ist eine gute Nachricht“, kommentierte Faust nüchtern die historiographischen Betrachtungen des Leichnams. „Vielleicht wollt Ihr die Sache ja noch ein wenig spannender machen, indem Ihr uns bei unserer Mission unterstützt?“
„Will ich das?“, sinnierte Schiefkiefer, doch Faust erkannte, dass er die Neugier des Alten geweckt hatte. Er berichtete von ihrer Suche nach dem Quess Ar Teranthvar und den Nachforschungen in der Kerzenburg, die sie hierher nach Oreme geführt hatten.
„Pah, die Nesserrollen“, schnaubte der Sarrukh hochmütig und wusch mit einer abfälligen Geste das mächtigste Artefakt der Weltgeschichte hinfort. „Nichts als die Kopie noch mächtigerer Magie. Die Rollen sind nichts weiter als ein kleines historisches Experiment meinerseits. Ich war es, der die Schriftrollen diesem kleinen Fischervolk unterjubelte, weil ich sehen wollte, wie sich die Magie auf den Verlauf ihrer Geschichte auswirkt. Äußerst enttäuschend – ihr Untergang stand schon nach wenigen Jahrzehnten fest.“
„Wisst Ihr, wie man ihn zerstören kann?“, fragte Winter. „Den Elfenbaum?“
„Natürlich weiß ich das“, erwiderte Oreme spitzfindig. „Aber es wäre doch langweilig, wenn ich euch das sagen würde.“
„Vielleicht ist dir ja nicht mehr so langweilig, wenn ich dir eine kostenlose Kieferbehandlung mit meinem Schlaghumpen verpasse“, knurrte der Zwerg angriffslustig.
Der Sarrukh schien diese Möglichkeit ernsthaft in Betracht zu ziehen.
„Möglich“, sinnierte er, während er sich nachdenklich am Kinn zupfte. „Aber nicht sehr wahrscheinlich, mein kleiner trinkfester Freund.“ Dann verwarf er das Angebot und klatschte eilfertig in die Hände. „Auf, auf, strengt nur ein wenig eure blutreichen, unfossilen Hirne an. Die Antwort auf die Zerstörung eines Artefakts liegt in seiner Schöpfung.“
„Die Nesserrollen wurden verfasst, nachdem ein Sarrukh aus einem Kelch getrunken hatte, der ihm göttliche Einsicht verlieh“, erinnerte sich Winter. Sie runzelte nachdenklich die Stirn. „Vielleicht…  müssen wir das Ritual ja umkehren.“
„Wie? Rückwärts trinken?“, knurrte Boltor, der wenig von Oremes Ratespiel zu halten schien. „Du meinst, wir reihern ’ne Runde gegen den Baum und der löst sich in Luft auf?“
„Ihr denkt zu weit, meine Freunde“, klapperte Schiefkiefer, dem das Rätselraten diebischen Spaß zu bereiten schien.
„Auf jeden Fall hat es etwas mit dem Kelch zu tun.“ Faust tat ihm den Gefallen und ging auf sein Spielchen ein.
„Warm!“
„Vielleicht müssen wir ebenfalls daraus trinken.“
„Kalt.“
„Den Inhalt verschütten?“
„Warm!“
„Über den Baum?“
„M-m-m…“
„Seine Wurzeln?“
Der Sarrukh klatschte freudig in die Hände und zog keckernd den Kopf ein, was ihm den Anschein einer schrulligen alten Schildkröte verlieh.
„Und ihr könnt uns doch gewiss sagen, wo wir diesen Kelch finden“, schmeichelte Winter.
„Das kann ich“, bestätigte der Sarrukh.
Erwartungsvolle Stille.
„Aber will ich das?“, fuhr er an sich selbst gewandt fort. „Welches Interesse sollte ich an der Zerstörung der Nesserrollen haben? Dieser Baum ist vielleicht das letzte, was von meiner Kultur übrig geblieben ist. Nur die Kopie einer Kopie, gewiss. Aber dennoch ein Stück Erinnerung. Nein“, entschied er schließlich. „Nein, ich glaube, dazu habe ich keine Lust.“
Boltor schnaubte. „Soll ich dir verraten, wozu meine linke Faust Lust hätte?“
„Langweilig“, urteilte König Oreme und der Zwerg musste frustriert feststellen, dass das exzentrische Urwesen gänzlich immun gegen seine Provokationen zu sein schien. „Das erkenne ich auch ohne hellseherische Fähigkeiten.“
„Es muss doch irgendeine Möglichkeit geben, wie wir…äh… zu Eurer Unterhaltung beitragen können“, testete Faust eine neue Strategie.
Und sie schien aufzugehen. Der Sarrukh klatschte in die Hände und bedachte Faust mit einem wohlwollenden Blick.
Das“, lobte er, „ist ein ausbauungsfähiger Ansatz. Ich hätte da eine Idee.“ Ein glucksendes Lachen entrang sich seiner staubigen Kehle und er rieb sich in kindischer Vorfreude die Hände. „Ein Duell!“
„Ihr… wollt gegen mich kämpfen?“ Faust sah sich im Geiste bereits im Zweikampf mit einer buckelnden alten Eidechse und es war kein Bild, das er gerne in dem magischen Buch aus der Anderswelt verewigt sehen wollte, in dem eine unsichtbare Hand seine Taten niederschrieb.
„Nicht ich!“, klapperte der Sarrukh. „Nein, was ich meine ist ein epischer Zweikampf  zwischen einem von euch und einem der Helden Faerûns. Der Ausgang nur schwer vorherzusehen. Wie der Kampf Fflar Melruths gegen den Dämonenfürst. Ah ja, das war Unterhaltung!“
Faust zuckte mit den Schultern.
„Meinetwegen. Gegen wen soll ich kämpfen?“
Schiefkiefer lachte keckernd.
„Drizzt Do’Urden.“
Fausts Herz machte einen Sprung und sein Grinsen wurde immer breiter, bis er selbst dem Sarrukh hätte Konkurrenz machen können.
Ja, ja, ja, ja!
Das war keine Bedingung, das war ein Traum! Einer seiner Kindheitsträume würde in Erfüllung gehen! Er würde gegen Drizzt Do’Urden, den Bezwinger des Balor Errtu, den Herausforderer der Drow-Göttin Lolth antreten!
„Sagt mir, wo ich ihn finde!“, bat er atemlos.
Der Sarrukh stieß eine Folge zischender, vokalloser Worte aus. Eine eigenartige Art von Macht schien dem wirren Kauderwelsch innezuwohnen, doch es waren nicht die Worte der bekannten Magie. Die Formel öffnete ein Tor, das sich wie ein Schlund hinter dem Thron des Sarrukh materialisierte. Das war keine Beschwörung oder Illusion. Es schien vielmehr, als habe der Leichnam mit seinen Worten die Realität selbst verändert.
„Wie ich sagte“, erklärte er (und diesmal hätte er wohl auch gegrinst, wenn es ihm nicht anatomisch unmöglich gewesen wäre, es nicht zu tun): „Die Nesserrollen sind nichts weiter als eine Kopie noch mächtigerer Magie.“

Nightmoon

  • Mitglied
    • Schicksalsstreiter
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #86 am: 09. April 2010, 01:13:38 »
Ja,ja,ja,ja!  :D

Wieder sehr cool! ist immer, wie wenn man auf die nächste LOST Folge wartet ;)
...Sehr schön fand ich auch das "...Oh".
Sollte unser neuer Standard-Spruch werden, wenn ein NSC draufgeht ;)

Winter

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #87 am: 09. April 2010, 11:37:00 »
Wie immer Begeisterung pur!
Bin gespannt auf die nächsten Kapitel :-) Da kommen ja noch einige spannende Szenen...

Abracadaver

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #88 am: 09. April 2010, 21:55:29 »
Eure Geschichte erweckt den Wunsch bei euch mitzuspielen:)

Winter

  • Mitglied
Stadt der gläsernen Gesänge
« Antwort #89 am: 09. April 2010, 23:12:34 »
Es ist eine sooooo coole Gruppe!!!

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