Autor Thema: Aller Gnaden Ende  (Gelesen 4835 mal)

Beschreibung: Warhammer 40k Dark Heresy

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Aller Gnaden Ende
« Antwort #15 am: 12. Mai 2013, 10:12:38 »
4 – Undichte Stellen

„Das ist aber doch nicht der Grund, warum er uns direkt nach der Golgenna-Arm-Tour alle hier zusammenholt, oder?“ Blenders Tonfall verriet seinen Unmut über die wenig ertragreich scheinende Mission.
„Fühlen Sie sich unterfordert, Arn?“ Frosts Blick wanderte – wie schon die ganze, verdammte Zeit – zwischen diversen Unterlagen hin und her. „Ich denke, gemessen an dem Zeitlimit ist das schon eine Herausforderung.“
Hrubens Arn machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ach, wirkt einfach überzogen, eine so große Zelle für so eine Schnitzeljagd herzunehmen.“
„Es steht uns wohl kaum an, die Entscheidung von Inquisitor Varitani in Zweifel zu ziehen.“ Damit meldete sich Gerhart Thracian erstmalig seit einer vollen Stunde zu Wort. „Und mir persönlich geht Euer Gejammer auf die Nerven.“
„Und wir wissen ja noch gut von der Sache mit Lucrés, wohin es führt, wenn der Pater so richtig entnervt ist, nicht wahr.“ Phos Isand, nach DeVetters Tod der einzige Telepath in den Diensten von Inquisitor Varitani, wählte die Lautstärke durchaus so, dass jeder im Raum seine unangenehm unter die Haut gehende Stimme vernehmen konnte, auch wenn der Kommentar seiner Gestik folgend nur für den Assassinen gedacht gewesen war.
„Das kenn ich nur aus Berichten.“, erwiderte Arn. „Wenn wir aber schon bei Parallelen mit Zumthor sind, dann schlage ich vor, dass Granit und ich wieder irgendeinen Raumhafen bewachen, während VanSovrean ihren hübschen Hintern schwingt und die Informationen besorgt, die wir brauchen.“
Die Augen von Pater Thracian verengten sich. „Ich kann die Art gar nicht gutheißen, wie Ihr über unserer Mitakolythin sprecht, Meuchelmörder.“
„Das ist genug, Leute.“, drang da die Stimme von Interrogator Railoun durch den kleinen Raum. Der blonde, gutaussehende Mann war gerade in Begleitung von Nick „Granit“ Runsit eingetreten und wurde von dem riesenhaften Stammeskrieger und Ex-Gardisten der Imperialen Armee um mehrere Köpfe überragt. „In der Tat hat sich das Problem, um dessen Lösung wir hier bemüht sind oder“, er sah Blender an, „bemüht sein sollten, erst vor kurzem ergeben. Unser Einsatz ist also ein Produkt des Zufalls und kein Grund für irgendwelche Unmutsäußerungen. Machen Sie sich keine Sorgen, Arn, Sie bekommen schon noch richtig was zu tun.“
„Zufälle gibt es nicht. Alle Dinge geschehen in Seinem Willen.“, kommentierte Gerhart Thracian, der seinerseits vollkommen unbeachtet blieb.
Mit zusammengekniffenen Augen schob Blender den Zahnstocher vom linken in den rechten Mundwinkel, spuckte aus dem Fenster, neben dem er gegen die Wand gelehnt da stand, dann sah er Frost an und fragte, als ob nie etwas gewesen wäre: „Haben Sie ein Lho für mich, Lho?“ Der Ex-Arbitrator ließ, ohne aufzublicken, ein Päckchen des Gewünschten in Blenders Richtung segeln, der es gekonnt auffing, ein Stäbchen in jeder seiner Manteltaschen verschwinden ließ, sich eines hinters Ohr steckte, dann eines in den Mund schob – ohne den Zahnstocher loszuwerden – und es anzündete, wobei er auch Frosts Feuerzeug verwendete, dass dieser stehts in dem Päckchen Lhos verwahrte. Dann retournierte er das merklich dünnere Behältnis in den Besitz des Gruppenprimus.
Granit war zu ihm getreten, hatte ein riesenhaftes Kampfmesser gezogen und beobachtete anscheinend mit voller Aufmerksamkeit die Lichtspiegelungen in der blankpolierten Klinge, als er auf einmal sagte: „Honeymoon kommt zurück.“ Seine Stimme klang, als würden in seiner Kehle Felsen oder Mühlsteinen aneinander mahlen. Er hatte nicht aufgesehen, doch die Figur der schlanken Adeligen bemerkt, die sich durch den Strom der heimkehrenden Arbeiter schlängelte, als wäre dieser kaum vorhanden. Granit fühlte sich immer noch recht eingeengt unter diesen Massen von Menschen, den Geräuschen und Gerüchen. Zu seinem Glück war seine Statur nicht gerade dazu angetan, in einer Menschenmasse leicht unterzugehen. Es war der Weg der Weisheit, sich an Cattaleyas Stelle entsprechende Wendigkeit und Übersicht anzueignen.
Er wusste das an der Adeligen zu schätzen. Sie war recht anpassungsfähig und klug. Er mochte sie – alles in allem – auch wenn sie trotzdem etwas zerbrechlich war. Man musste ein Auge auf sie haben und zwar nicht so, wie der Gedankenleser oder auch der blonde Mann, der Fragen stellte, das immer taten. Er hatte ein Auge auf sie, so wie er immer auf seine Leute ein Auge gehabt hatte damals auf Crest N’darr, von den Dienern des Vha’tuss orn gaartha, des Häuptlings auf dem goldenen Thron, auch Envir III genannt, und wie er auch in der Kompanie auf die geachtet hatte, die am schwächsten gewesen waren. Vor den Gefahren von innen hatte er sie immer schützen können, aber denen, die von außerhalb auf sie eindrangen, war schwieriger beizukommen. Seine Leute auf Crest N’darr hatte er vor den anderen Stämmen bewahrt, war mit ihnen mächtig geworden, aber dann war das Imerium gekommen und sie waren gewichen. In der Strafkompanie hatte er die Schwächsten vor dem Haß der eigenen Kameraden geschützt, wenn diese das gewollt und ihn entsprechend behandelt hatten, doch dann waren die Schlachten gekommen, die ausweglosen Situationen und nicht nur die Schwächsten waren durch Patrone, Las-Strahl, Schwert oder Krankheit von seiner Seite gerissen worden. Hier nun beschützte er diese zerbrechliche VanSovrean vor den Gedanken ihrer Mitakolythen, die nicht sie wollten, sondern nur ihr leider viel zu offen dargestelltes Ilyiaa, ein Wort, dass die anderen nicht verstanden, dass Blender aber gestikulierend mit einer geschwungenen Form seiner Hände sehr gut dargestellt hatte.
Da betrat sie auch schon den Raum und wie so oft, wenn sie das tat, waren die Blicke aller Anwesenden auf sie gerichtet – das schloß sogar den hübschen Frost ein, der normalerweise tief eingegraben in Arbeit und Gedanken seine Aufmerksamkeit nur in kleinsten Portionen anderen Dingen zuwandte.
Cattaleya Amalia VanSovrean setzte ihr strahlendes Lächeln auf, durchquerte mit kokettem Hüftschwung den Raum und nahm dann an Frosts Seite Platz.
Vox, wie der Telepath Phos Isand auch genannt wurde, sah zu Blender hinüber und dieser grinste dreckig. „Also? Wer hat den Kristall nun wirklich genommen?“, fragte der Psioniker und strich sich mit der Handfläche über die kahle Platte seines Schädels.
„Ein Akolyth der Inquisition, Ordo Hereticus. Ein gewisser Gestrat Ranos, arbeitet für Inquisitor Vaarak. Ihre Infos waren gut, Vox.“ Cattaleya blickte stolz in Richtung von Frost und Railoun, ihr Gesicht zierte ein ebenso selbstzufriedenes Grinsen wie das des soeben gelobten Telepathen.
„Natürlich wären die Infos gut. Der Kerl hat sich total in die Hosen gemacht, als ich ihn ausgequetscht habe.“
Vox‘ Kommentar entlockte Pater Thracian ein Schnauben. „Er hätte noch viel härter sühnen müssen, nachdem er solch wichtige Daten so leichtfertig verloren hat.“
„Also wenn ich mir vorstelle, dass mich so ein riesiger weißhaariger, Kerl in die Mangel nimmt, dann weiß ich nicht, ob ich nicht auch kooperieren würde. Botengänge sind eben riskant, vor allem, wenn die Inquisition an einem dran ist.“ VanSovreans Finger trommelten über die zerkrazte Plastekplatte des Tisches, der das Zentrum der schmuddeligen Hab-Einheit darstellte.
„Der arbeitet doch auch für Vaarak?“, richtete Arn eine Frage an VanSovrean.
„Das heißt Inquisitor Vaarak, guter Mann.“, korrigierte Railoun. „Aber Sie haben Recht, Arn, oder sagen wir – so was in der Art. Der Weißhaarige heißt Zane und arbeitet eigentlich für Hiron Kessler, der wiederum ein Interrogator von Inquisitor Vaarak ist –„
„- und der die Informationen schlußendlich an Lord Inquisitor Arethrus weitergegeben hat.“, vollendete VanSovrean. Auch wenn Immarut Railoun nicht gerne unterbrochen wurde, hatte er dem ihm anschließend zugeworfenen Lächeln nichts anderes zu entgegnen als ein eigenes, schüchternes Anheben der Mundwinkel.
„Wir haben also die Verbindung. Zane hat diesen Boten Jore also am Weg von den Astropathen einkassiert und bearbeitet. Der hatte neben den von Kessler oder Inquisitor Vaarak gewünschten Infos eben auch den Kristall mit der Nachricht von Inquisitor Varitani bei sich. Und da Zane nicht so ist, hat er den einfach auch mit eingestreift. Dieser Ranos hat die Beute dann zu Kessler gebracht, stimmt das, Cattaleya?“ Frost unterbrach seinen Gedankengang mit einem kurzen Blick auf die Adelige.
Sie nickte. „Genau. Direkt vom Ort des Geschehens. War gar nicht leicht, jemanden zu überzeugen, in dieser Sache den Mund aufzumachen, aber in Sibellus bleibt eben nichts, was in den Straßen passiert, unbeobachtet.“
Will mir gar nicht vorstellen, was sie dafür machen musste.“, hörte Hrubens Arn da die Stimme von Phos Isand in seinem Kopf und begann dreckig zu lachen, was er schnell mit einem Husten kaschierte.
„Also bleibt für uns noch zu klären, ob Ranos oder Kessler selbst die undichte Stelle war, oder ob es vielleicht andere Mittelsmänner dazwischen gegeben hat.“ Frosts Analyse war beendet.
„Also mein Geld setze ich auf diesen Kessler. Der hat vielleicht Zugang zu den Entschlüsselungs-Codes. Die kann ein einfacher Akolyth wie dieser Ranos doch gar nicht haben.“, dachte Hrubens Arn laut.
„Wissen Sie, Arn“, entgegnete Railoun mit einem leichten Lächeln, „Sie würden nicht glauben, wie einfallsreich und überrasched manche Akolythen sein können.“
Blender setzte einen verletzten Gesichtsausdruck auf, während sich alle anderen erhoben und fertig machten. „Hey, Chef, was wollen Sie denn damit sagen?“
Granits Hand klopfte Blender die gespielte Empörung flugs aus dem Körper, als er ihm auf die Schulter schlug. „Er ist nicht umsonst Interrogator.“
Railoun wandte sich an alle: „Also – finden wir diesen Ranos. Ich möchte selbst mit ihm sprechen, also geben Sie Bescheid, wenn Sie ihn haben.“

„Der Kerl da hat nach Dir gefragt, Syd.“ Lafris ließ durch seine Körperhaltung nicht erkennen, dass er irgendwie zur Kenntnis genommen hatte, dass sich Sydne Htek gerade zu ihm an die Bar gestellt und ein Glas Dyne bestellt hatte. Lafris selbst trank ein Bier, und er wusste, dass Sydne niemals Bier trank, immer nur diesen künstlichen, destillierten Mist.
„Der Große mit den Tattoos?“ Sydnes Stimme war nur ein Hauch, gerade eben laut genug, dass Lafris sie irgendwie wahrnehmen konnte. Sydne war mittelgroß, hatte schulterlanges, pechschwarzes Haar, sehr blasse Haut und trug wie immer einen dunkelgrauen Mantel, der weitere Details verbarg.
Lafris wusste, dass Sydne immer bewaffnet war und dass er auch hervorragend auf sich selbst aufpassen konnte. Er war auch ziemlich sicher, dass Sydne gar nicht sein richtiger Name und er ein Cop oder so etwas war, aber wen störte da? Lafris sicher nicht, denn Sydne zahlte verdammt ordentlich, und außerdem war er auch kein so übler Kerl. Ein Mann an der Grenze zum Abstieg in den Sumpf des Niederhives und dem damit verbundenen einzigen Ausweg – den Gang in die vollkommene Gesetzlosigkeit – durfte bei der Suche nach Geldgebern nicht wählerisch sein. Lafris war es eigentlich schnuppe, ob er sein Geld von irgendeinem Unterweltboss oder von den Cops bekam, nur dass hier die Chancen weniger schlecht standen, irgendwann mit durchgeschnittener Kehle in der Gosse zu liegen oder sich eine Kugel einzufangen und dann erbärmlich an irgendeiner Wundfäule zu krepieren.
„Hat Dich ziemlich gut beschrieben, aber nen anderen Namen verwendet. Ranof oder so.“
Das schien genug Information für Sydne zu sein. Er legte einige Münzen auf den Thresen, die wesentlich mehr als die Bezahlung für das von ihm kaum angerührte Getränk waren – augenscheinlich eine Aufmerksamkeit für Lafris‘ Wachsamkeit und dieser musste den mürrisch dreinschauenden Wirt mit einer verdammt grimmigen Visage davon abhalten, sofort alles einzustreichen.

Ranos verließ die Schenke und schlug den Kragen seines Mantels hoch. Dann entfernte er sich rasch und tauchte in der Menschenmenge unter. Verstohlen warf er Blicke über die Schulter, wenn sich die Gelegenheit bot. Tatsächlich folgte ihm der riesige, dunkelhäutige, tätowierte Mann. Entweder ist derjenige, der ihn geschickt hat, ein absoluter Vollpfosten, oder aber, er ist gar nicht mein eigentlicher Verfolger, sondern das hier ist eine Treibjagd. Wenn die von meinem wirklichen Namen wissen, ist es auch wahrscheinlich, dass sie meinen Beruf kennen. Warum also einem Inquisitionsagenten folgen? Wer waren die, die hinter ihm her waren? Erneut blickte er sich um. Der Kerl war weg. Ranos blieb stehen und wandte sich vollständig um. Ein Arm war unter seinem Mantel verschwunden und lag auf dem Griff des Nadelwerfers, der ihm einst bei der Ergreifung von Kyrill Anders so gute Dienste geleistet hatte.
Da war der Kerl wieder, viel näher diesmal! Ranos duckte sich zur Seite und verschwand hinter einer Gruppe von Passanten, denen sein merkwürdiges Verhalten nicht gleichgültiger hätte sein können. Er glitt in eine Seitenstraße dieser heruntergekommenen Gegend. Vor ihm lag ein Obdachloser in einem Haufen Unrat, sonst war die Gasse menschenleer. Links und recht stiegen die nackten Habblöcke zig Meter in die Höhe, so dass selbst zu dieser Tageszeit schummriges Zwielicht die Szene dominierte. Übelriechende Dämpfe und Rauch aus Abluft- und seltener aus Klimatisierungsanlagen erschwerte das freie Atmen. Die Lage gefiel ihm nicht besonders und er bedauerte, diesen Engpass betreten zu haben, doch nun musste er durch. Er konnte wohl auch einfach seine Marke zücken und „Inquisition!“ rufen, aber er war nicht in seinem Beruf, weil er Herausforderungen ablehnte und ein wenig Spannung nicht zu schätzen wusste. Die „Inquisition!“s-Nummer konnte er ja immer noch bringen. Sollte der massige Typ doch mal zusehen, wie er sich in dieser engen Gasse an seine Fersen heftete.
Der Verfolger, der einige Meter nach ihm die Gasse betrat, war jedoch alles andere als schwerfällig und groß. Eine schlanke, zierliche Person in einem ziemlich eng anliegenden Körperanzug, augenscheinlich weiblich, deren lange, dunkelbraune Haare ein recht hübsches Gesicht einrahmten.
Ranos war viel zu lange in dem Geschäft, um gefährliche Menschen nicht sofort zu erkennen. Die arbeitete wahrscheinlich in einem ähnlichen Zweig wie er vor seiner Zeit bei der Inquisition. Er glaubte, an ihren Beinen Waffenscheiden gesehen zu haben. Ranos erkannte, dass er bereits fast lief, während er sich diese Gedanken durch den Kopf gehen ließ. Verdammt, wer waren diese Typen? Er hatte definitiv Recht mit der Treibagd gehabt.
Er griff an sein Microbead: „Ranos an Vogelschar. Benötige Unterstützung. Sofortiger Einsatzbefehl.“ Er hoffte, dass seine Leute schnell genug sein würden. Wieviele mochten es wohl sein, die ihn verfolg– er bog um die nächste Ecke und blickte direkt in ein strenges, von Narben gezeichnetes Gesicht unter einem sauber gestutzten, grauen Haarschopf. Noch einer!
Er riß die Augen auf und seine Hand griff nach der Marke, die ihn als Inquisitionsagenten ausweisen würde. „Ich bin von der…“ Die Faust des anderen krachte in sein Gesicht.
„Ich weiß. Wir auch.“, sagte Gerhart Thracian, während er sich nach dem erschlafften Körper bückte.

„Der ist ja komplett benommen. Wird aber schon wieder aufwachen, oder?“ Es war eine verdammt unangenehme Stimme, die Ranos am Rande seines Bewusstseins wahrnahm.
Etwas schlug unsanft in sein Gesicht. „Na komm, komm, wach auf. Ich weiß ja, unser Pater hat einen harten Schlag, aber sei mal lieber froh, dass Granit nicht als erster da war.“ Ranos bewegte den Kopf und stöhnte gequält. Vor ihm stand ein Mann, ungefähr so groß wie er, mit hellbraunem Haar, dass zu einem Pferdeschwanz gebunden war. In einer Hand hielt er ein Messer, die andere lag an Ranos Wange, im Mund hatte er einen Zahnstocher, der mit seinen Worten auf und ab tanzte. „Na schau, wer wieder wach geworden is?“
„Ist gut, danke.“ Eine andere Stimme. Aber nicht die unangenehme von gerade eben. Weiter hinten stand ein Glatzkopf an der Wand. Gerade eben hatte aber der Blonde gesprochen, der – in einen bodenlangen, hellbraunen Mantel gekleidet  - nicht weit entfernt von ihm in der Hocke war und fast auf Augenhöhe direkt zu ihm hinsah.
„Sie sind Gestrat Ranos, richtig?“, fragte der Mann.
Ranos spürte, wie ihm die Kotze hochstieg und musste schlucken. Seine Nase war anscheinend gebrochen, blutete ihm das Gesicht voll und sandte pulsierende Schmerzen durch sein Bewusstsein. „Erst zuschlagen und dann Fragen stellen, was?“
„Oh, das würde ich nicht persönlich nehmen – also das mit dem Schlag.“, erwiderte der Blonde und erhob sich.
„Richtig.“, sagte da die Stimme des Mannes der ihn geschlagen hatte. Er stand anscheinend hinter ihm. „Tut mir Leid wegen der Nase, Ihr habt Euch leicht bewegt. Der Imperator möge es Euch vergelten.“
„Das Fragenstellen ist übrigens reine Höflichkeit.“, fuhr der Blonde fort und kam näher.
Ranos spuckte etwas Blut zwischen ihnen auf den Boden. Er konnte seine Hände nicht bewegen, wurde anscheinend gehalten. „Ruhig, Junge.“ Tiefes Grollen drang an sein Ohr, als ob man Steine aneinander reiben würde.
„Ich kann Meister Glatze da drüben auch ein Zeichen geben und der saugt die Informationen einfach aus ihrem Kopf.“ Der Blonde wies zu dem Mann an der Wand, der etwas beleidigt dreinschaute. Scheiße, ein Psioniker, dachte Ranos. Entweder der Typ ist sanktioniert oder ich bin total im Arsch.
„Oder beides.“, sagte da der Mann. Er war tatsächlich der, den Ranos zuerst gehört hatte.
„Hey!“, wandte sich da der Blonde zu ihm um.
Der Glatzkopf hob entschuldigend die Hände. „Ich hab nicht gelauscht, ehrlich, aber der brüllt seine Gedanken ja mehr oder weniger heraus momentan.“ Sofort blickte der Telepath ihn an. „Mach den Mund auf, dann können wir alle wieder nach Hause gehen. Sonst grabe ich mich in Deinen Kopf und wenn ich fertig bin, kannst Du nicht mal mehr alleine pissen, kapiert?“ Er hatte ganz ruhig gesprochen. Die Kombination aus dieser Gelassenheit und der wirklich entnervenden Stimme war extrem einschüchternd.
„Was wollen Sie von mir?“, Ranos blickte wieder den Blonden an. „Wenn Sie wissen wer ich bin, werden Sie auch wissen, für wen ich arbeite.“
„Und das bedeutet“, sang eine Frauenstimme von hinten, bevor sich die schlanke und extrem aufreizend gekleidete Verfolgerin von vorhin um ihn herum und an die Seite des Blonden schälte, „dass wir mit dem Risiko leben können oder befugt sind, das zu tun, was wir hier tun.“ Sie lächelte. „Schön, dass das geklärt ist.“
Der Mann mit dem Pferdeschwanz warf wirbelnd das Messer in die Luft, nur um es gleich wieder aufzufangen und erneut zu werfen.
„So, jetzt aber mal raus mit der Sprache. Der Datenkristall, den Zane Ihnen gegeben hat, den er dem Boten abgenommen hatte, was haben Sie mit dem gemacht?“ Der Blonde sah ihn durchdringend an und wirkte seltsam entschlossen.
„Sie wissen, dass ich darüber nicht sprechen kann.“, grunzte Ranos.
„Würde einer von Euch in so einer Lage reden?“, fragte da wieder eine andere Stimme. Wie viele von den Typen gab es denn? Ein Mann mit einem kragenlosen weißen Hemd, Lederjacke und graublauer Hose blickte sich in der Runde um, nachdem er von der hinteren Wand weggetreten war. „Ich will für Euch hoffen, dass jetzt niemand die Hand hebt. Wir müssen ihm glaube ich schon ein bisschen was sagen zu der ganzen Sache.“
Der Glatzkopf schüttelte den Kopf. „Also „müssen“ ist ein wenig übertrieben.“
Der Neue schob sich ein Lho in den Mund, entzündete es und blies nach einem genüßlichen Zug bläulichen Rauch aus dem Mund. „Wir sind auch von der Inquisition.“, begann er. „Mein Name ist Frost. Wir arbeiten für Inquisitor Varitani.“
Ranos Augen zuckten hin und her, während er sich alle, die er sehen konnte, nochmals einprägte. „Varitani – Ordo Malleus, glaube ich.“, murmelte er. Auf einmal hielt Wut in seinem Gesicht Einzug: „Und was soll dann der Zirkus?!“
„Der Kristall enthielt Informationen, die exklusiv für einen bestimmten Adressaten bestimmt waren. Diese Informationen wurden veruntreut – massiv veruntreut. Sie können sich vorstellen, welchen Ärger undichte Stellen bedeuten können.“
Ranos blickte zwischen Frost und dem Blonden hin und her. „Davon – weiß ich nichts. Ich habe den Kristall direkt weitergegeben. Kenntnis von seinen Inhalten habe ich nicht.“
Der Blonde kniff die Lippen zusammen, dann die Augen. „Warum haben Sie ihn überhaupt genommen?“
„Weil man ihn mir gegeben hat? Ich war nur der Bote.“
„Sie hatten also keinen Auftrag, speziell diesen Kristall zu entwenden?“, erkundigte sich die Frau.
„Ich hatte den Auftrag, von einem Mann etwas entgegenzunehmen und es einem anderen zu geben. Das – ist – alles.“ Ranos Antworten waren trotzig, wirkten aber ehrlich.
„Wem haben Sie den Kristall gegeben?“
„Das kann ich nicht…“
„Wir sollen dieses Leck finden und stopfen. Außerdem sollen wir rausfinden, wohin das Leck führt.“, erläuterte Frost. „Glauben Sie, wir nehmen Sie hier gern auseinander?“
„Keine Ahnung, wie Ihr das beim Ordo Malleus so handhabt.“
„Also Typen aus dem eigenen Lager zu bearbeiten ist eher die Spezialität von einem anderen Ordo, was?“ Der Mann mit dem Pferdeschwanz grinste verschmitzt.
„Wir tun, was getan werden muss. Also helfen Sie uns weiter oder es wird schmutzig.“ Der Blonde verschränkte die Arme vor der Brust. „Wir haben nicht sehr viel Zeit.“
„Es kommt jemand.“, sagte der Glatzkopf plötzlich. „Es sind drei, nein, vier.“
Es bedurfte keiner Befehle, sofort setzten sich alle in Bewegung. Ranos wurde auf die Beine gezerrt, weiterhin gut festgehalten. „Ganz ruhig.“, dröhnte wieder die Mahlsteinstimme in seinen Ohren.
„Haben Sie Hilfe gerufen, Ranos?“, fragte Frost.
Ranos nickte. „Läuft wohl doch nicht alles so geschmiert wie gedacht, was?“
Frost lächelte, dann zog er an seinem Lho. „Wäre auch traurig, nicht. Also, wer hat die Informationen weitergegeben? Kessler?“
Ranos Augen bewegten sich weit genug, um Frost ein Wiedererkennen des Namens zu bestätigen. „Hören Sie, Ranos. Ich persönlich denke, man würde ohne die Entschlüsselungscodes sowieso nicht viel mit dem Kristall machen können. Die sollte weder ein Akolyth wie Sie noch ein Interrogator wie Kessler haben. Über Sie hört man eigentlich nur Gutes, über Kessler eher weniger. Ihm würde ich das also eher zutrauen als Ihnen.“
Ranos blickte grimmig geradeaus.
„Wegen irgendeines spionierenden Bastards wissen jetzt Leute ausserhalb unserer Organisation über Details einer heiklen Operation. Ich glaube, dass es einfach Zufall war, dass der Kristall in Ihre Hände geraten ist. Ich bin auch der Meinung, dass es in Ordnung war, wie Sie sich verhalten haben – falls sie ihn einfach weitergegeben haben. Die Frage, die ich mir stellen muss, ist folgende: Könnte Kessler den Kristall jemand vollkommen anderem gegeben haben? Hat er sich Codes beschafft? Oder hat Inquisitor Vaarak vielleicht damit zu tun?“
Ranos Augen funkelten wütend. „Der Inquisitor hat sicher keine Informationen veruntreut! Wenn er hier wäre, würden Sie nicht so sprechen.“
Frost zuckte mit den Achseln. „Kann sein. Sind schon verdammt einschüchternd, diese Inquisitoren, was? Was meinen Sie, wie es Ihnen ginge, wenn Varitani hier wäre? Meinen Sie, der hätte gezögert, den Telepathen auf Sie zu hetzen?“ Frost schüttelte den Kopf. „Nein, Ranos, ihr Hirn wäre bereits Muß. Eins muss ich Ihnen noch sagen: unser Interrogator da drüben“, und er deutete in Richtung des Blondschopfs, der nahe der Frau an einer Ecke in Deckung stand, „sieht zwar vielleicht nicht so einschüchternd aus, aber der wird genau dasselbe machen, wenn diese Sache hier geklärt ist.“
Ranos sah Frost abschätzend an. „Sie haben vorher schon Recht gehabt, Frost. Würden Sie an meiner Stelle reden?“
Frost kniff die Lippen zusammen und schnippte dann den Rest des Lho-Stäbchens in den Dreck. Dann schüttelte er den Kopf. „Anfangs sicher nicht. Denken Sie mal drüber nach. Falls Kessler unser Mann ist, wollen Sie dann, dass Vaarak so einen direkt unter sich hat? Wollen Sie einen Inquisitor Kessler erleben, der Geheimnisse ohne das Wissen seines Chefs verkauft? Vor allem sind diese Daten wohl zuerst innerhalb des Ordo Hereticus herumgereicht worden, wie es den Anschein hat. Mir scheint also, Inquisitor Vaarak sollte ein wenig in seinem eigenen Haus putzen, bevor er wieder Ketzer fängt.“
Ranos dachte nach. Wenn das stimmte, dann – dann hatte dieser Frost Recht.
„Lassen Sie ihn los, Granit.“
Sofort lockerte sich der Griff um Ranos hinter dem Rücken verdrehten Armen, und dieser bewegte die schmerzenden Glieder vorsichtig durch. Dann berührte er seine gebrochene Nase.
„Unser Psioniker kann das…“
„Der soll sich hüten.“, fauchte Ranos.

„Gibt’s hier ein Problem?“, rief da eine strenge Stimme die Gasse herunter. Einige Gestalten standen im Sichtfeld von Frost, Ranos und Granit, während die restlichen seiner Entführer in der Seitennische verborgen waren. Der Mann, der gesprochen hatte, trug einen robenartigen Überwurf, hatte graues, recht kurzes Haar und blickte sie aus blauen, harten Augen an.
„Ach, wir unterhalten uns hier nur ganz freundlich.“, erwiderte Frost.
„Ja, Ihr seht mir auch wie beschissen freundliche Typen aus.“, rief da ein anderer Mann. Er war über und über mit Waffen behängt, von Narben übersäht und sah aus, als lebe er beständig auf einem Schlachtfeld. Sein Tonfall ließ keine Zweifel daran, dass er bereit war, jeden Moment loszuschlagen.
Ein dritter Mann, eigentümlich gut gekleidet für diese Gegend, schwang einen Spazierstock oder etwas in der Art. „Ich denke, wir können die Sache vielleicht auch friedlich regeln.“
„Schnauze, Burgos!“, fauchte der zweite Mann. „Los, rückt ihn raus, oder Ihr kriegt mehr Ärger als Ihr Euch vorstellen könnt.“ Er spuckte aus. „Scheiße, Mann, mein Abzugsfinger juckt.“

„Ranos, Sie können gehen.“, sagte Frost.
Ranos merkte, wie Railoun ihn darob überrascht ansah, doch auch der Blonde nickte ihm zu. Ranos Retter hatten den Blick ihres zu Rettenden natürlich bemerkt. Der erste Mann sagte: „Wir wissen schon, dass da noch jemand hinter der Ecke steht. Der Imperator stehe mir bei, wenn wir uns davon ins Bockshorn jagen lassen.“
„Genau.“, sagte da eine vierte Stimme. Die Augen aller Beteiligten wanderten zu ihrer Quelle, die ihren Oberkörper durch eine unwahrscheinlich enge Luke gute vier Meter über dem Boden der Gasse gezwängt hatte und zwei Revolver auf die Gruppe gerichtet hielt. Der junge, ungewöhnlich hübsche Mann blickte sie freundlich an. „Schön entspannt bleiben allerseits, dann bleiben meine Kleinen hier auch schön ruhig.“ Er grinste Cattaleya an. „Na“, rief er fröhlich nach unten, „alles klar bei Dir?“
Die fing spontan an zu lachen. Es dauerte nicht lange, aber kam von Herzen, so wie es sich anhörte. „Das war’s?“, rief sie amüsiert nach oben. „Funktioniert das normalerweise?“
„Mein Eloquenzdefizit mache ich sonst durch mein verflucht gutes Aussehen wett.“, kam die prompte Antwort.
„Darf das denn wahr sein!“, grollte der erste Mann. „Verbal, konzentrieren Sie sich auf Ihre Aufgabe.“
„Ich denke, Sie sollten Ihre Leute zurückpfeiffen, Ranos, bevor die Fassade der Professionalität noch mehr bröckelt.“, raunte Frost.
Ranos fasste sich an den schmerzenden Kopf und löste sich dann von der Gruppe. „Verbal, ziehen Sie sich zurück.“, rief er nach oben. Dann taumelte er weiter, stützte sich mit einer Hand ab. „Wir rücken ab.“, rief er seinen Leuten zu.
„Scheiße.“, grollte der zweite Mann. „Sind Sie sicher?“
„Ja, ich bin sicher, Anders, ich bin sicher. Wir haben andere Dinge vor uns, um die wir uns kümmern müssen.“ Damit sah er zu Frost zurück. Die Hand von Pater Alexandros Deneva fasste nach seinem Arm, um ihn zu stützen. „Danke.“, sagte Ranos.

„Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich mich da etwas weit aus dem Fenster gelehnt habe.“, sagte Frost zu späterer Stunde an Immarut Railoun gewandt.
Dieser nickte. „Na, Sie waren zumindest nicht der, der das am Offensichtlichsten getan hat.“
Frost lächelte. Der Rückzug dieses Verbal durch das enge Fenster war nicht ganz so eindrucksvoll gewesen, wie sein plötzliches Auftauchen. „Trotzdem war es ein Risiko. Ich denke aber, dass Ranos der Sache gründlicher nachgehen wird, als wir das je könnten.“
Railoun nickte zustimmend, während er an einem Glas Wasser nippte. „Ich kenne zwar Inquisitor Vaarak nicht, aber ich denke auch, dass er kein solches Verhalten dulden wird. Wer weiß, vielleicht ist dieser Kessler ja gar nicht mehr lange unter seinen Mitarbeitern, sondern schmort in irgendwelchen Kammern im Trikornus.“
„Wird Varitani zufrieden sein?“
Railoun sah Frost direkt in die Augen. „Ich denke, der hat momentan ganz andere Sorgen.“

Aller Gnaden Ende
« Antwort #16 am: 12. Mai 2013, 17:16:58 »
5 – Verbrennt die Ketzer

Die beiden Ordo Malleus-Inquisitoren Arethrus und Varitani verließen den Hochsicherheitsaufzug, der sie in die Schlünde unter dem Trikornus gebracht hatte. Sie waren sogar jenseits des Dicasterium Invisibilis, des unsichtbaren Kollegiums, das sozusagen den Bodensatz des Trikornus bildete, sowohl wortlich als auch im übertragenen Sinne. Nachdem sie erneut ihre Idendität mittels diverser Retina- und DNA-Scanner hatten bestätigen lassen, durchquerten sie das Sub-Atrium, einen breiten, quadratischen Raum aus dunkelgrau poliertem Stein. Eckige Säulen flankierten sie links und rechts, als sie auf die zentral stehende Statue zuhielten, die drei Inquisitoren zeigte, jeder in einer überstilisierten Ordos-Tracht jeweils des Ordo Hereticus, des Ordo Xenos und des Ordo Malleus. Hexenjäger, Alienjäger und Daemonenjäger vereint im Kampf gegen die Feinde des Imperiums, alle drei mit gerecktem Kinn und gezogenen Waffen zu einem fernen Imperator aufschauend. Unter der Statue aus hellem Marmor standen auf einer Tafel die Worte: "Hütet Euch vor dem Alien, dem Mutanten, dem Ketzer. Brennen sollen sie!" Weiter ging es durch einen schmucklosen Steingang - den einzigen, der von dem Raum wegführte. Vor ihnen befand sich ihr Ziel.
Die unterste Ratskammer des Trikornus, die Caidin als Durchführungsort der Beratungen ausgewählt hatte, war mit jeglicher dem Imperium der Menschheit bekannten Abschirmungstechnologie geschützt und wurde an diesem Tag von Mitgliedern der Death Watch beschützt, mächtigen Astartes im Dienste der Imperialen Inquisition. Zwei der Krieger standen links und rechts der riesigen Tore, die den Zutritt zur Ratshalle gewährten. Die schwarzen Rüstungen der übermenschengroßen, genetisch veränderten und mutierten Soldaten waren mit einigen Reinheitssiegeln versehen. Die linken Armpartien der Rüstungen waren von Silber, die rechten Schulterplatten wiesen die Farben und das Symbol der Kapitel auf, aus welchen die Battle-Brothers ursprünglich stammten, in diesem Falle die Ultramarines und die Space Wolves. In ihrem Armen lagen Boltgewehre, zu groß und zu schwer, als dass ein Mensch sie hätte tragen oder verwenden können.

Arethrus und Varitani passierten die Space Marines, ohne dass einer der beiden in irgendeiner Form zu erkennen gab, ihre Anwesenheit auch nur bemerkt zu haben. Es war keine gewöhnliche Versammlung, das war klar. Einige Servitoren waren noch immer mit der Dekoration der Ratskammer beschäftigt, die nur äußerst selten benutzt wurde.
Der kreisrunde Raum mit fünfzig Metern im Durchmesser wurde von den Sitzen der Ratsherren dominiert. Von einem Säulenkreis unweit der Marmorwände des Saales gesäumt stand ein aus mehreren voneinander getrennten Teilen angedeutetes Tischrund auf einer kreisförmigen Plattform zentral im Raum. Es gab bis auf die technischen Gerätschaften, die gerade von zwei Tech-Priestern des Adeptus Mechanicus gesalbt wurden, und den Stoffen der Banner fast nur Stein. Kein Stuhl, kein Tisch, nichts davon war aus Holz, Metall oder Kunststoffen. In der Mitte des Tischrunds war die Rednerfläche, eine tiefergelegene - wer zu den Ratsherren sprechen wollte, musste zu ihnen aufsehen – Platte aus Marmor, deren Zentrum ein riesiges, die ineinander verschlungenen Inquisitionsrosetten der verschiedenen Ordos darstellendes Mosaik enthielt.

Varitani war noch nie in dem Saal gewesen, Arethrus schon mehrmals. Er ging zielstrebig auf einen Platz an dem Steintisch zu, während Varitani die Atmosphäre des Raumes auf sich wirken ließ. Der Lord Inquisitor musste einige Stufen erklimmen, bis er das kreisförmige Podest erreicht hatte, auf dem dann ein Bereich des Tisches stand, hinter dem weit über ihnen ein riesiges, mittelbraunes Banner von der Kuppeldecke hing, auf dem das rote I mit dem Totenschädel in der Mitte - das Symbol der Inquisition, der linken Hand des Imperators - zu sehen war. Arethrus rückte einen Stuhl aus hellem, poliertem Stein zu Recht und nahm Platz. Neben ihm stand ein weiterer der Stühle und Varitani machte sich auf den Weg. Er sah noch andere Banner, eines davon wurde gerade von zwei Servitoren entrollt, die sich auf einem Wartungsgang in schwindelnder Höhe mit absoluter Sicherheit bewegten.
Arethrus hatte damit begonnen, eine beträchtliche Anzahl an Datentafeln zu schlichten, auch eine Konsole entblößt, die in der von Intarsien verzierten und auf absoluten Hochglanz polierten Tischfläche untergebracht war.

Servitoren mit langen Stangen betraten nun den Raum. Varitani sah ihnen dabei zu, wie sie an Eisenketten hängende Kohlebecken entzündeten, die in großer Höhe an Haltevorrichtungen von den bildhauerisch mit zahlreichen Mustern, Darstellungen und Verzierungen versehenen Säulen angebracht waren. Das Licht wurde gedimmt und die Atmosphäre in dem Saal veränderte sich schlagartig. Die Kohlepfannen gaben warmes Licht ab, jedoch schwächer als die Leuchtglobi, die man gerade abgeschaltet hatte.

Einer der Tech-Priester bewegte sich auf Varitani zu. Er war in die weiten roten Roben der Marsianer gekleidet, die ungeahnte Geheimnisse zu verbergen schienen, bewegte sich jedoch mit federndem und leisem Schritt, was Varitani vermuten ließ, dass er noch seine natürlichen Beine besaß. Selbst der kleine Bereich des Gesichts jedoch, den man unter der schweren, ebenfalls dunkelroten Kapuze sehen konnte, zeigte deutliche Spuren von Veränderung. Ein Auge war durch einen Sensor-Okular ersetzt worden, zahlreiche Schläuche liefen den Hals entlang und verschwanden unter der Robe, und obwohl Varitani beide Arme sehen könnte, war er sich sicher, dass sich die Robe vor der Brust des Tech-Priesters unnatürlich bewegt hatte - vielleicht ein Mechadendrit - ein mechnischer Arm, den das Geschöpf mit seinem Willen frei bewegen konnte.
"Sie sind Inquisitor Varitani, stimmt das?", fragte der Marisaner frei heraus ohne jegliche Begrüßungsfloskeln.
Varitani schätzte das. Er konnte der logischen und effizienten Art des Adetus Mechanicus einiges abgewinnen. "Ja, ich bin Varitani."
Der Rote nickte. "Ich bin Transmechanicus Zalsmid. Ich werde Ihnen mit den hololithischen Systemen assistieren, also mit der Aufarbeitung gesegneter Datenströme in audiovisuell erfassbare Form."
"Mögen uns die Maschinengeister gewogen sein.", erwiderte Varitani.
Das gesunde Auge des Transmechanicus zog sich kurz zusammen, bevor er unmelodisch antwortete: "Möge es so sein."
Mittlerweile hatte sich auch der zweite Tech-Priester genähert. Dieser war ungleich beeindruckender anzuschauen. Seine Robe war zwar vom gleichen Rot wie die Zalsmids, doch mit goldener Borte gesäumt und von selbst für Varitanis scharfe Augen schwer zu erkennenden, in das Gewebe eingearbeitenden Mustern übersäht. Der Inquisitor meinte Schaltpläne und Schemata zu entdecken, rot in rot eingewoben in die weiten Gewänder dieses zweifellos hochrangigen Mitglieds der so geheimnisvollen Tech-Priesterschaft des Mars.
"Das ist Magos Biologis Xyrrton." Zalsmid trat zurück.
Der Magos stand turmhoch vor dem Inquisitor. Sein sichtbarer Körper war vollständig durch Technik ersetzt worden, zwei hell leuchtende, weiße Strahlen drangen aus seinen Okularkonstrukten, sein Mund war ein unbeweglicher Schlitz in einer dunkelgrauen Techmaske. Links und rechts entsprossen mächtige Mechadendriten seinen Schulterblättern, die über den Kopf des Techlords ragend seine ohnehin schon beträchtliche Körpergröße noch furcheinflößender erscheinen ließen.
"Magos.", grüßte Varitani mit leichtem Kopfnicken.
"Inquisitor. Man hat mich mit der Analyse der technischen Aspekte ihres letzten Einsatzes betraut, ebenso mit der Einschätzung des von Ihnen entdeckten Erregers TKK-221." Die einem Voxponder entströmende, körperlos kalte Stimme des Magos fuhr Varitani unter die Haut, aber er hatte natürlich schon viel Schlimmerem gegenüber gestanden. Er meinte, während der ersten Worte des Magos eine höchstwahrscheinlich an Zalsmid gerichtete kurze Passage in der Lingua technis, dem Maschinencode, gehört zu haben, die der Techpriester gleichzeitig mit dem Niedergothisch des Voxponders ausgestoßen hatte. Zalsmid entfernte sich wortlos und kehrte zu dem hololithischen Projektor zurück, wo er anscheinend seine Arbeit wieder aufnahm.
"Sie haben mit beträchtlicher Wahrscheinlichkeit gut daran getan, Xeiros Prime nicht schon der Vernichtung preisgegeben zu haben.", ließ der Magos noch verlauten, dann wandte er sich ab.
Ihm ist wahrscheinlich gar nicht bewusst, wie sehr mir das hilft, dachte Varitani und konzentrierte sich kurz, um sein schnell schlagendes Herz ein bisschen zu verlangsamen. Was mochte der Tech-Priester gefunden haben, dass sein Handeln rechtfertigte. Er hatte Arethrus Worte „Wenn es schlecht läuft, kommen Sie dort gar nicht mehr als freier Mann hinaus“ noch im Kopf. Varitani wusste genau, was die Inquisition mit denen tat, die ihrer Meinung nach Verräter waren.
Hinter ihnen waren die Servitoren mit dem Entrollen des letzten Banners fertig und dieses zeigte - wie passend - auf schwarzem Grund den von einem Zahnrad umfassten Totenschädel, zur Hälfte natürlich, zur Hälfte mit Tech-Implantaten versehen, das Wappen des Adeptus Mechanicus. Dort waren also die Plätze der Marsianer.

Im Laufe der nächsten zwanzig Minuten kamen die restlichen Ratsmitglieder an. Servitoren waren nur mehr wenige in dem Saal, um sich der körperlichen Bedürfnisse der Ratsmitglieder anzunehmen. Varitani hatte neben dem Lord Inquisitor Platz genommen. Er hatte zwar auf dem Felde der Politik selbst noch relativ wenig zu tun gehabt, doch als Inquisitor kannte er die meisten der Ankommenden zumindest vom Namen her.
Am selben Tisch wie sie beide saß in einigem Abstand Lord Inquisitor Eirut Bahan vom Ordo Xenos Calixis, ein Mann in scheinbar mittlerem Alter. Pechschwarzes, kurz geschnittenes Haar und ein sauber gepflegter Vollbart rahmten ein nobles Gesicht von hellbrauner Hautfarbe ein. Sein Kopf war von einer grauen Kapuze bedeckt gewesen, die Bahan abgenommen hatte. Varitani war aufgefallen, dass er viel Schmuck trug, sowohl an den Händen als auch sonst. Goldene Ohrringe, unaufdringlich und gutaussehend und eine feingliedrige Kette, die von einem kleinen Goldring im linken Nasenflügel zum linken Ohr verlief, ließen das Bild eines wohlhabenden und auf sein Aussehen bedachten Mannes in Varitani auferstehen. Er wusste, dass alle Inquisitoren, die so lange im Geschäft waren, erstens einmal seltsame Charakterzüge entwickelten – oftmals eine leichte oder schwere Art von Paranoia – und dass sie zweitens in dem, was sie taten, gut waren. Man musste schon eine effektive Art entwickelt haben, seine Arbeit zu erledigen, ohne dass sie einen selbst umbrachte oder ins Vergessen stürzte, wenn man so lange diesen Beruf ausüben wollte.
Eirut Bahan, der hier in einem leichten, hellgrauen Kettenpanzer vor ihm saß, einen Zeremoniendolch im Gürtel, wurde von Arethrus meist nur als hochnäsig, eitel, eingebildet, machthungrig und viel zu sehr auf die Politik innerhalb der Inquisition fixiert dargestellt – was für Varitani insofern interessant war, als dass er selbst Arethrus die meisten dieser Eigenschaften ohne viel Federlesens zugeschrieben hätte. Eirut Bahan hatte anscheinend Unsummen auf die Anwendung von Juvenat-Behandlungen ausgegeben, um sich sein jugendliches Aussehen zu erhalten.
Varitani war auch aufgefallen, dass sich Lord Inquisitor Bahan zum Gehen eines Stocks bediente, hüfthoch, aus einem edlen Dunkelholz, vielleicht Nalholz, und einem Griff in Form eines Tierkopfes. Ein leichtes Hinken im linken Bein war zu erkennen. Varitani war nicht ganz klar, warum Bahan nicht auf ein prostethisches Bein wechselte. Als er Arethrus hinter vorgehaltener Hand darnach fragte, entgegnete dieser in gedämpfter Lautstärke: "Vielleicht findet er Prothesen unästethisch, vielleicht beleidigen Implantate seine Vorstellung der reinen menschlichen Form. Vielleicht meint er, so eine Eigenschaft hätte einen gewissen Stil. Seine Stärke liegt auf dem politischen Parkett und am Planungstisch, nicht im Feldeinsatz. Das war schon so, als er früher noch Interrogator war."

Der dritte mit ihnen unter dem Banner der Inquisition Sitzende war Rembrandt Gillenstern, ein Lord Inquisitor des Ordo Hereticus. Der alte Puritaner war zwar auch Ziel einiger Verjüngungskuren gewesen, doch hatten die augenscheinlich nicht darauf abgezielt, ihn auch jung oder hübsch aussehen zu lassen. Der furchteinflößende Lord Inquisitor steckte in einer Servorüstung, gar nicht so unähnlich der, die von den Astartes getragen wurde oder auch von der Schwesternschaft, des Adeptus Sororitas. Pechschwarz war sie, von einer Unzahl an Reinheitssiegeln und Ornamenten bedeckt, eine hohe Halsberge von den geraden und breiten Schultern aus den Kopf umschließend. Die Hälfte seines Gesichts war Kämpfen zum Opfer gefallen und durch metallisch schimmernde Prostethik ersetzt worden. Man konnte lautlos arbeitende Zahnräder und Servos sehen, Schläuche, die in der Rüstung verschwanden.
Der roh dargestellte Übergang von maschinellen zu fleischlichen Teilen seines Körpers war ebenso ein Zeugnis für die nicht vorhandene körperbezogene Eitelkeit dieses Mannes wie das Aussehen der intakten Stellen. Die Reste seines schütteren, grauen Haares waren kurz geschnitten, am Hinterkopf tonsuriert, und vom linken Ohr weg zog sich ein mächtiger, natürlich einseitiger Backenbart bis kurz vor den immer verzerrten Mund, aus dessen rechtem Winkel ebenfalls Schläuche in die Mechanik der rechten Gesichtshälfe führten. Wenn der Lord Inquisitor sprach und sich ausnahmsweise nicht seines eingebauten Voxponders bediente, wurden durch diese Schläuche unter anderem Sekrete abgesaugt, die ihm sonst aufgrund fehlender Gesichtsmuskelbeherrschung aus dem Mund laufen würden. Daher war seine ohnehin nur schwierig zu verstehende Rede immerzu von einem leicht gurgelnden, widerlichen Schlürfen begleitet. Bis auf das eisblaue Auge zeigte seine Mimik nur Unbeweglichkeit - jegliche Darstellung von Emotion durch seine Lähmung ausgelöscht. Die für Varitani im Moment bedeutsamste Eigenschaft von Lord Inquisitor Gillenstern war jedoch seine fast schon offene Feindschaft zu Lord Inquisitor Arethrus. Die Animosität bestand schon solange sich Varitani erinnern konnte. Sein ehemaliger Mentor hatte ihm nie verraten, worauf sie sich gründete, doch hatte Varitani ihre Auswirkungen schon öfters in Form von Sticheleien und dem Vorenthalten von Unterstützung durch den Ordo Hereticus erfahren müssen.
Eirut Bahan und Rembrandt Gillenstern waren primär für diese Sitzung verantwortlich. Es war Gillenstern gewesen, der wohl als erster nach diesem Hiron Kessler – von dem Varitani hoffte, dass er mittlerweile in der Hölle schmorte – den Datenkristall mit seinem vorläufigen Bericht erhalten und ihn anstatt in Varitanis Sinne vor allem zu eigenem politischen Nutzen verwendet hatte. Laut Arethrus, der sich in innenpolitischen Dingen wesentlich besser auskannte als Varitani, hatte Bahan Gillenstern einmal aus einer schlimmen Klemme geholfen und war seither mit ihm verbündet, wenn es um den politischen Machtgewinn ging.
Fast hätte Varitani die letzte Gestalt, die nur einfache, braune Roben trug, für einen Assistenten oder dergleichen gehalten, vielleicht auch für einen Abgeordneten des Ministorums. Dann jedoch hatten sich alle drei Lord Inquisitoren erhoben und vor der Gestalt verbeugt, die fern von jeglichem Prunkt und Trara zu einem weiter hinten stehenden Stuhl gegangen war und sich niedergelassen hatte. Sofort schien sich dort ganz besonders viel Schatten zu sammeln, und Großinquisitor Caidin war kaum noch schemenhaft zu erkennen.
Varitani erschauerte. Er hatte den Mann noch nie gesehen, nur von ihm gehört. Bis heute war er sich gar nicht sicher gewesen, ob es ihn überhaupt gab. Es waren durchaus auch Gerüchte im Umlauf, es wären mehrere Personen oder eben nur ein Gespinst, um das fragile Gebilde der Inquisition im Calixis-Sektor halbwegs unter einem Banner zu halten.

Das war also die Abordnung der Imperialen Inquisition, die personenstärkste der anwesenden Gruppen. Erst nach dem Eintreffen aller bisher genannten Amtsinhaber schwebte auch eine Hoverplattform an den Raum, die den greisen Kardinalsekretärs des Adeptus Ministorum Calixis, der Ekklesiarchie, trug. Sein Erscheinen konnte nur bedeuten, dass Erz-Kardinal Ignato der Ratssitzung nicht beiwohnen würde. Die schmächtig wirkende Figur in viel zu großen und mit allerhand Aufputz versehenen Roben versank in einem geradezu unappetitlich opulent ausgeführten und ausgestatteten Thron, der auf besagter Hoverplattform in den Raum glitt. Ihm voran schritten zwei asperigillschwingende Akolythen des Ministorums, die den Weg mit Weihwasser benetzten. Der markante Geruch verteilte sich sofort im ganzen Saal und Varitani sah sich an seinen Interrogator Railoun erinnert, der ja mit solch prominenten Geruchssinnen ausgestattet war.
Der Kardinalsekretär Drusian Fidelius Sebatianus selbst war schon seit langer Zeit in Amt und Würden und nur mehr ein Schatten seines alten Selbst. Alle Juvenat-Technologie würde ihm nicht mehr nützen. Die kachektische Gestalt mit den müden Augenliedern, den hängenden Tränensäcken, dem nur mehr von letztem Flaum bedeckten, fast kahlen Haupt und den zittrigen Händen würde jeder halbwegs vernünftige Mensch wohl eher ins Bett schicken als zu solch einer wichtigen Entscheidungsfindung. Doch solange die Mitarbeiter des Kardinalaspiranten seine Arbeit machten und der Erz-Kardinal keinen neuen Sekretär berief, würde er bis zu seinem Tod diese Position innehaben. Er hatte schon mehrere Erz-Kardinäle überlebt, sich wohl früher einmal selbst Hoffnungen auf diese Position gemacht, sie augenscheinlich aber nie erhalten. Varitani verstand auch sofort, warum man ihn nicht absetzte. Er bildete auf diese Weise ja einen natürlichen Schutzschirm, hinter dem man sich im Falle eines Fehlers verbergen konnte. Aber nein, WIR wollten das nicht, das war die Entscheidung des Kardinalsekretärs. Sehen Sie ihn sich nur an, ich denke, wir müssen uns über die Nachfolge Gedanken machen.

Hinter dem schwebenden Thron folgten zwei weitere Abgesandte des Erz-Kardinals und Varitani vermutete, dass er seine letzten Gedanken wohl einem der Beiden würde zuschreiben können, noch ehe die Ratssitzung beendet sein würde. Die zweifellos imposantere Erscheinung bildete eine mittelgroße Frau in schwarzer Servorüstung - eine ranghohe Angehörige des Adeptus Sororitas. Obligatorische Reinheitssiegel und Rosenkränze, ein in Gold geschlagenes Gebets- oder Gesangsbuch, sowie eine mit Ornamenten verzierte Inferno-Pistole und ein mit Gravuren versehenes Energieschwert verliehen der in federndem Gang Einherschreitenden eine ehrfurchtsvolle Aura. Die kurz geschnittenen Haare der Kriegerin waren von bleichem Weiß und ihre Haut bis auf eine Narbe, die sich unter ihrem linken Auge über ihre Wange zog, makellos. Ihre Bewegungen waren geschmeidig, und Varitani fand ihre Aura des Glaubens und der unnachgiebigen Härte, die er einfach aufgrund des Rufs des Adeptus Sororitas mit ihr in Verbindung brachte, seltsam anziehend. So deutete Varitani eine leichte Verbeugung in ihre Richtung an, als sich ihre Blicke kurz trafen. Es fiel Varitani durchaus auf, dass sie niemand sonst in die Augen sah. Bei seiner Verbeugung nickte sie fast unmerklich mit dem Kopf.
Der zweite Begleiter des Kardinals, gute drei Schritte hinter der Schwester des Adeptus Sororitas hergehend, war eine schmächtige Gestalt mit tief in den Höhlen liegenden, unruhig wässrigen  Augen, mit einer prominenten Stirnpartie aber fliehendem Kinn und hängenden Schultern. Er trug eine fast ebenso prächtige Robe wie der Sekretär, doch auch ihm war sie etwas zu groß, und er musste sie mit der einen Hand gerafft halten, während er mit der anderen einen Stapel aus einigen Datentafeln und Büchern schleppte. Weder die Kriegerin der Schwesternschaft noch der zweite männliche Adjutant des Erz-Kardinals waren Varitani oder Lord Inquisitor Arethrus bekannt.
Als letzte Partei traf abschließend Lord Sektor Marius Hax samt Gefolge ein, der Sektor-Gouverneur und damit Regierungsoberhaupt des gesamen Raumsektors, und als er den Raum betrat, wurde kein Wort mehr gesprochen, keine Bewegung mehr ausgeführt. Mit Ausnahme von vielleicht Caidin – das ließ sich einfach nicht sagen - richteten alle ihren Blick auf den schlanken, hochgewachsenen Mann anscheinend Mitte Fünfzig, der sich - in einfache, dunkle Roben gekleidet und kaum durch Schmuck geziert - gefolgt von einem guten halben Dutzend Beratern, die sich keineswegs so bescheiden gaben - sei es in Erscheinungsbild noch Gehabe - mit ruhigem, zielsicheren Schritt einen Weg zu seinem nochmals leicht erhöhten Platz des Ratsleiters bahnte, als ob er diesen Saal jeden Tag benutzen und es für ihn nur um eine Formalität gehen würde. Die Züge des Lord Sektor waren ehern, seine Gedanken nicht zu durchschauen. Doch - und Varitani erschauerte kurz - auch er warf dem Inquisitor - und nur ihm - einen kurzen Blick zu, bevor er sich setzte und begann, ihm gereichte Datentafeln durchzusehen.
Seine Berater nahmen an ihren Plätzen unterhalb der Banner und Wappen des Departemento Munitorums, der Imperialen Armee und der Imperialen Flotte Platz.

"Meine Herren", und Hax überging die Präsenz der zwei weiblichen Ratsteilnehmer ohne mit der Wimper zu zucken, "sind wir soweit?" Seine Stimme war ruhig, doch unmißverständlich authoritär und trug problemlos durch den ganzen Saal, auch wenn er nicht besonders laut sprach. Die Frage war rein rhetorisch.
"Nicht ganz, Lord Sektor." Lord Inquisitor Arethrus hatte sich erhoben und dem Gourverneur zugewandt. "Eine Person fehlt noch."
Hax blickte ihn fest an. "Wir beginnen trotzdem. Unser aller Zeit ist kostbar und die Tatsache, dass wir diese Ratsversammlung hier im Trikornus abhalten müssen und nicht im Leuchtenden Palast, ist dem auch nicht zuträglich."
"Über die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme kann erst nach Abschluß der Sitzung korrekt geurteilt werden."
"Dem mag so sein, Lord Inquisitor, oder auch nicht. Müßig, sich jetzt darüber Gedanken zu machen. Also, fangen Sie..."
Das Aufspringen des Portals ließ den Sektor-Gouverneur innehalten. Eine Gestalt von gebirgsgleicher Imposanz stand einen Moment lang im Eingangsbereich des Saales, bevor sie sich in Richtung von Arethrus und Varitani in Bewegung setzte. Der übermenschengroße Krieger steckte in voller Terminator-Servorüstung, silbern von Kopf bis Fuß und mit zahlreichen Sigillen, Reinheitssiegeln und Insignien verziert, ein Energieschwert an seiner Seite. Am linken Arm der Rüstung sah Varitani über dem Handrücken die Doppelmündung eines Sturmbolters. Der rechte Schulterpanzer trug ein golden stilisiertes, offenes Buch, beide sichtbaren Seiten mit Schlachtgebeten an den Imperator beschrieben.
Im bis auf das Knistern der Flammen in den Kohlebecken totenstillen Raum war das Arbeiten der Servos der Terminatorrüstung des Astartes deutlich zu hören, ebenso wie die schweren Schritte der gepanzerten Gestalt. Für die selbst nach Maßstäben des Adeptus Astartes härtesten Kampfeinsätze konzipiert, jedoch auch als Zeichen besonderer persönlicher Ehre getragen, war der Anblick der Rüstung dieses Kriegers wohl einmalig im Leben fast aller Ratsteilnehmer.
Arethrus faßte sich, als der Astartes hinter dem Tisch der Inquisition, knapp bei den beiden Mitgliedern den Ordo Malleus zum Stehen kam: "Lord Sektor, ich stelle Ihnen Brother-Paladin Lucian Verus vor, vom Orden der Grey Knights des Adeptus Astartes."
"Willkommen.", brachte Hax hervor. Auf das Kopfnicken des Astartes in Richtung des Sektor-Gouverneurs folgten einige peinliche Momente der Stille, die erst von Eirut Bahan unterbrochen wurden.
"Meine Damen und Herren!", begann der Lord Inquisitor und trat gemessenen Schrittes in die Mitte des Raumes. "Ich bin Inquisitor Eirut Bahan. Wir haben uns hier auf Wunsch von Lord Sektor Hax versammelt, um über die dramatische Situation von Xeiros Prime zu hören und darüber zu beraten, wie der sich dort entwickelnden Krise beizukommen ist. Da es Seine Inquisition war, die zuerst Kenntnis über die Situation auf Xeiros Prime erhielt, werden wir die Fakten präsentieren. Ich darf meinen geschätzten Kollegen Lord Inquisitor Arethrus bitten, diesen Teil zu übernehmen. Zuvor jedoch möchte ich Sie alle ersuchen, für das Protokoll klar und deutlich Ihren Rang und Ihren Namen zu nennen.“
Die mitschwingende Drohung war für alle Anwesenden klar und verständlich – zumindest hoffte Varitani das. Wenn hier Gesprochenes diesen Raum verließ und das der Inquisition bekannt würde, so hätte es gravierende Konsequenzen für die Betroffenen.
Jetzt erfuhr Varitani endlich die Namen der Principalis des Adeptus Sororitas, Celeria Angelia, sowie des ihm bisher unbekannten Assistenten von Erz-Kardinal Iganto, Prediger Orian Sibellian, der eine schrille und unangenehme Stimme hatte. Die Vertreter des Adeptus Terra waren neben Lord Sektor Marius Hax der Generalfeldmarschall der Imperialen Armee, Augustus Vaarn, sowie Lord Admiral Vire Anderton. Die Namen der Funktionäre des Departemento Munitorum und des Magistratums blieben nicht lange in seinem Gedächtnis.
Der Mann, den Varitani für Großinquisitor Caidin hielt, sagte nichts – niemand nahm Anstoß daran. Auch der Krieger des Adeptus Astartes blieb stumm.

"Dann wollen wir beginnen." Lord Inquisitor Arethrus trat in die Mitte des Vortragsbereichs und wandte sich in dann in Richtung der Delegation des Adeptus Mechanicus: "Daten über Xeiros Prime, wenn ich bitten darf, Transmechanicus Zalsmid."
Der Marsianer hatte sich mit einer Konsole an seinem Tisch verbunden und im Nu war das zartgrüne Leuchten der hololithischen Systeme zu sehen, als sie ihre Arbeit aufnahmen. Über Arethrus und knapp hinter ihm befanden sich nun mittem im Raum Darstellungen eines Planeten und diverser Diagramme, die Angaben über Dinge wie Bevölkerungsdichte, Niederschlagsmengen, Wirtschaftsleistung, militärische Kapazitäten und bedeutende Personen von Xeiros Prime enthielten.
"Ich möchte mit generellen Informationen zu unserem Problemfall Xeiros Prime beginnen. Ich nehme an, Sie kennen die Position der Welt."
"Ich denke, um das Verständnis aller Anwesenden zu gewährleisten, sollten Sie uns alle Informationen zukommen lassen, die entfernt relevant sein könnten. Xeiros Prime war ja für die meisten der hier Anwesenden eine bisher unbedeutende Entität.", ließ Lord Sektor Hax verlauten.
"Hört, hört.", rief Prediger Sibellian und lächelte breit in Richtung von Hax, der den schmächtigen Priester jedoch ignorierte. Kardinalsekretär Sebatianus kämpfe offensichtlich schon einen aussichtslosen Kampf gegen seine zufallenden Augenlieder.
"Das Xeiros-System liegt tief und fern anderer Welten im Malfianischen Subsektor. Als einziger bewohnter Planet des Systems scheint Xeiros Prime auf. Er verfügt über ein standardisiertes, imperiales Abwehrsystem aus Satelliten und einem kleinen Außenposten, der mit Abfangjägern bestückt ist. Xeiros hat keine relevante Rolle als Produzent von Gütern jedweder Art, ist aber aufgrund diverser Charakteristika, auf die ich noch zu sprechen komme, in seiner Versorgung prinzipiell autonom. Zusätzlich zu einigen kleinen Vorkommen von Bodenschätzen auf Xeiros Prime selbst befindet sich in dem System ein Asteroidengürtel nahe Xeiros Quintus. Dort wird mittels der Bergbaustation Khelors Hoffnung nach Korrelit, Armenin und Platin geschürft. Die einzige wirkliche Bedeutung, die Xeiros Prime im dem Sektor hat, ist seine Schöhnheit und die damit verbundene Attraktivität als Urlaubs- und Wohnort für wohlhabende imperiale Bürger.
Xeiros Prime selbst ist ein schwach besiedelter Planet mit geschätzten vierkommazwei Milliarden Einwohnern. Die Hauptstadt des Planeten heißt Antimon und befindet sich auf dem südlichen der drei Kontinente, Arrtjeha." Bei Arethrus in gemessener Geschwindigkeit vergetragenen Erläuterungen zoomte Zalsmid auf die Form des Planeten und ein Punkt auf dem südlichen Kontinent glomm auf.
"Xeiros Prime verfügt über eine Besonderheit, die den Planeten in gewissem Sinne einzigartig macht. Das Ökosystem hat sich aufgrund einer Sonnenstrahlung im Xeiros-System anders entwickelt als im restlichen uns bekannten Raum. Dürfte ich Sie bitten, das zu erläutern, Magos?"
Wortlos betrat die Gestalt des Tech-Priesters den Kreis mit dem Mosaik. Die tonlose Stimme ließ nach dem menschlich klingenden Vortrag Arethrus‘ in den meisten Zuhörern ein unangenehmes Gefühl aufsteigen.
"Die Solarstrahlung von Xeiros bewirkte eine molekulare Umstrukturierung in den sich auf Xeiros Prime entwickelnden Spezies, sowohl den vernunftbegabten als auch den noch minderwertigeren.", erläuterte der Magos. "So ist es Besuchern aus anderen Welten unmöglich, Nahrung von Xeiros Prime zu verzehren und umgekehrt. Dementsprechend besteht ein großer Prozentsatz der Importe, die das abgelegene Xeiros Prime tätigt, aus Nahrungsmitteln auswertiger Welten, zum Beispiel von Saatwelt AFG:218, um den beträchtlichen Anteil an Außenweltlern ernähren zu können."
"Verzeiht, Magos, doch inwiefern äußert sich denn diese Unverträglichkeit?", erkundigte sich mit sonorer Stimme Lord Inquisitor Bahan.
Arethrus antwortete statt dem Techpriester: "Sie können die Nahrung zwar zu sich nehmen und sie auch sehr schmackhaft finden, doch werden Sie bei der Verdauung keine Nährstoffe zu sich nehmen und die Nahrung unverdaut wieder ausscheiden."

"Das führt, nehme ich an, noch zu etwas?", ließ Prediger Sibellian verlauten, der mit einem Stift relativ gelangweilt auf eine Datentafel klopfte.
"Selbstverständlich.", gab Arethrus zurück. "Meinen Sie, die Inquisition würde Ihre kostbare Zeit verschwenden, Prediger?"
"Natürlich nicht!", rief Marius Hax dazwischen. "Das würde der Herr Inquisitor nicht wollen, also lassen Sie bitte die Unterbrechungen sein, damit wir endlich dahinter kommen, weswegen wir hier alle sitzen." Der rechte Mundwinkel des Lord Sektor war verärgert nach nach unten gewandert. Sibellian ließ sich resigniert in seinen Sessel zurücksinken.

"Es ist möglich, sich an dieses Ökosystem anzupassen, doch das erfordert jahrelangen Aufenthalt im Xeiros-System. Eine Anpassung beeinträchtigt übrigens in keiner Form die Aufnahmefähigkeit herkömmlicher Nahrung.", führte Magos Xyrrton weiter aus.
"Ebenso wie Außenwelter nur nach jahrelanger Gewöhnung Nahrung von Xeiros Prime verdauen können, ist es umgekehrt auch. Zusammengefasst: Bürger von Xeiros Prime nehmen nur lokale Nahrung zu sich, solange sie sich nicht schon jahrelang auf anderen Welten aufhalten.", ergänzte Arethrus. "Abschließend sei noch gesagt, dass sich die Bevölkerung von Xeiros Prime zu 97% aus Menschen und zu 3% aus Nyunga zusammensetzt." Das hololithische Bild eines Reptiloiden flackerte auf.
"Xenos.", entfuhr es einem hoffnungsfroh aufblickenden Prediger Sibellian.
Der sollte sich mal mit Lord Inquisitor Bahan über eine Stelle bei den Alienjägern unterhalten, dachte Varitani. Diese Expertise.
"Ja, Xenos.", bestätigte Arethrus mit einem entnervten Blick auf den Kardinalsadjutanten. "Die Bevölkerung dieser nativen Kultur wurde im Zuge der Befriedung durch die imperialen Befreier auf ein gesundes Maß gestutzt und fungiert nun als wertvoller Bestandteil der lokalen Aufrechterhaltung des imperialen Lebensstandards. Auf die Nyunga komme ich später noch zurück."
Sibellian ließ den Kopf hängen.
"Das soll Ihnen als Basisinformation zu Xeiros Prime dienen. Nun", und Arethrus nickte dem Magos dankend zu, was diesen dazu veranlaßte, die Arena wieder dem Lord Inquisitor zu überlassen, "kommen wir zu den Ermittlungsergebnissen, die eine Untersuchung der Imperialen Inquisition zutage gefördert hat und die für das Schicksal des ganzen Sektors von existentieller Bedeutung sind. Serpentin Varitani, der mit diesem Fall betraute Inquisitor, wird weiter ausführen."
Varitani erhob sich, versuchte sein rasendes Herz zu beruhigen und tauschte Platz mit Arethrus. "Eine Reihe von ungeklärten Morden an Außenweltern hat einen Akolythen von mir nach Xeiros Prime geführt. Nachdem ohne Mithilfe der lokalen Organe eine kultische Verbindung von ihm zerschlagen wurde, informierte er mich über Unregelmäßigkeiten, die er in der dortigen Administration festgestellt hatte."
Der Beamte, der das Magistratum vertrat, sog hörbar die Luft ein.
"Ich schickte eine weitere Ermittlerin nach Xeiros. Beide stießen im Zuge ihrer Nachforschungen auf einen gewissen Doktor Drususton Flengler, einen von Xeiros stammenden Wissenschaftler." Hinter Varitani schien die überlebensgroße Darstellung eines Gesichts mit eingefallenen Wangen und schütterem, blonden Haar.
"Er war auf Xeiros Prime zu der Zeit der Nachforschungen noch eine der einflußreichsten Personen, auch wenn vorerst nicht klar ersichtlich wurde, warum. Die Bemühungen meiner Agenten beunruhigten jedoch die lokalen Behörden dermaßen, dass einer der Beiden von ihnen festgenommen und dem lokalen Ordo Hereticus übergeben wurde."
Lord Inquisitor Gillensterns Auge verengte sich, so als würde er Varitani ins Fadenkreuz nehmen.
"Ich reiste daraufhin persönlich nach Xeiros Prime und nahm zusammen mit meinem verblieben Akolythen die Ermittlungen im Geheimen wieder auf. Wir untersuchten die von Doktor Flengler mitgegründete Firma Chemistro Frangh, einen nach außen hin vollkommen unbedeutenden, pharmakologischen Konzern. Wir verhörten Flengler, zu dem wir uns Zutritt verschaffen konnten und haben dort das erfahren.", Varitani trat zurück. Die Darstellung von Flengler verblasste und die Abbildungen von zahlreichen Dokumenten, Scans und Bauplänen erschienen.
"Die Daten, die wir zutage gefördert haben, sind ungeheuerlich und stellen in der Tat die Sicherheit des Calixis-Sektors in Frage. Doktor Flenger hat sich zu Beginn seiner Karriere vor zirka 30 imperialen Standardjahren mit Energiegewinnung beschäftigt. Die genauen Details übersteigen mein Verständnis der Technologie - ", Varitani blickte kurz zu Magos Xyrrton hinüber, fuhr aber fort, als dieser keine Anstalten machte, etwas zu dem Thema Technologie beizutragen, "doch resultierten daraus unsanktionierte Forschungen über das Immaterium."
"Ketzerei.", sagte Gillenstern ruhig durch seinen Voxponder.
"Ja!", rief Sibellian und sprang auf.
"Was haben Sie denn gedacht, meine Herren, worüber wir hier unterrichtet werden?", fragte Lord Inquisitor Arethrus. Das ließ beide stumm Platz nehmen.
"Flengler lernte kurz, nachdem er seine Arbeit in diese ketzerische Richtung gelenkt hatte, zwei andere Wissenschaftler kennen, die nicht von Xeiros Prime stammten. Die Idenditäten, unter denen sie auftraten, tun nichts zur Sache, da diese nur Deckung waren. Aufgrund des Wissens, das sie Flengler zur Verfügung stellten, kann ich nur annehmen, dass es sich um Agenten des Erzfeindes handelte."
Varitanis Kehle wurde trocken und er winkte einen Servitor heran, der ihm einen Becher mit Wasser brachte. "Flengler war von den beiden sehr beeindruckt und erzielte erste Erfolge in anderen Arbeitsfeldern. Wir können nicht sagen, wie es zu seiner endgültigen Korruption gekommen ist, doch es ist irgendwann zu dieser Zeit geschehen. Die beiden Agenten des Chaos verschafften Flengler die Möglichkeit ein winziges Warpportal in einer Anlage auf Xeiros Prime zu öffnen und offen zu halten."
"Wie klein?", fragte Bahan und stützte seinen Kopf nachdenklich auf seine ineinander verspreizten Finger.
"So klein, dass es anscheinend niemandem auffiel. Schon damals begannen Mitarbeiter Flenglers zu verschwinden, wohl weil sie Details aufgeschnappt hatten, die ihm hätten gefährlich werden können. Immerhin unterhält die Inquisition auch Einrichtungen auf Xeiros Prime."
"Hmpf.", ließ Gillenstern verlauten.
Varitani fuhr fort. "Gleichzeitig war das Portal aber groß genug, dass etwas aus dem Empyreum in unsere Welt übertreten konnte." Sibellians Augen leuchteten, als er an den Lippen des Inquisitors hing. "Mikroorganismen."
Alle starrten Varitani an.
"Ein mikroskopisch kleiner Erreger. Jetzt bewegen wir uns definitiv aus dem Gebiet meiner Expertise. Würden Sie das erläutern, Magos?"
Erneut betrat der Tech-Priester des Adeptus Mechanicus die Fläche. "Diese aus dem Immaterium sickernden Mikroorganismen wurden von Doktor Flengler genau untersucht, und als Wissenschaftler hat er alles säuberlich dokumentiert. Das ermöglichte mir eine genaue Rekonstruktion der Vorfälle nach dem ersten Öffnen des Warpportals auf Xeiros Prime. Die Mikroorganismen reichern die Nahrung an, gewisse Bestandteile von. So werden sie von auf biologische Nahrung angewiesenen Lebensformen über die Verdauung aufgenommen und wandern dann ins zentrale Nervensystem und das Gehirn des entsprechenden Wesens. Dort kommt es zu strukturellen Veränderungen." Magos Xyrrton sprach einige Silben im Maschinencode zu Zalsmid und dieser projezierte zwei Bilder eines Gehirns, das auf einem Seziertisch lag.
"Betrachten sie diese Veränderungen hier und - hier." Der Magos leuchtete mit seinem Blick zwei Stellen ab, was nicht wirklich notwendig war, da niemandem die schwarzen, spinnwebenartigen Geflechte entgingen, die das Gehirn bedeckten und auf dem zweiten Bild daneben den Querschnitt durchzogen.
"Das da - ist durch diese Mikroorganismen entstanden?", erkundigte sich Gillenstern mittels Voxponder. Der Lord Inquisitor war aufgestanden und lehnte auf beiden Armen, während er gebannt die Bilder studierte.
"Ja. Doch nicht sofort. Das Gehirn, das Sie hier sehen, ist diesen Mikroorganismen bereits mehrere Jahrzehnte ausgesetzt gewesen."
"Jahrzehnte.", seufte Bahan.
"Wie lange dauert diese Ketzerei den nun schon an?", fragte Gillenstern.
"Und was bewirken diese Veränderungen?", schloß sich die Principalis der Adepta Sororitas an.
Varitani atmete erleichtert auf. Sie verstanden. "Die Mikroorganismen bewirken mikroskopische Fragmentierungen der Realität. Sie sind wie Stecknadeln, die immerfort die Wand zum Immeraterium durchstoßen."
"Dadurch", ergänzte der Magos Biologis, "kommt es zu minimalen Manifestationen von immeratiumsgespeisten Kräften, die wiederum diese Veränderungen hervorrufen."
"Also Mutationen?", fragte die Principalis nach.
"Nicht im herkömmlichen Sinne, nein. Es werden keine bestehenden Zellen betroffen, es wird auch kein Gen-Material verändert. Es kommt zur Neubildung aus dem Immaterium direkt."
Einige Sekunden war es still.
"Aber was bewirkt das nun?", ließ sich sogar Lord Sektor Hax zu einer Frage hinreißen.
Lord Inquisitor Arethrus nahm wieder die Zügel in die Hand. "Zuerst - also nach den ersten Monaten der Exposition - kommt es zu leichten Krankheitssymptomen, in Schüben auftretendem Fieber, Kopfschmerzen und Übelkeit begleitet von emotionalen Schwankungen. Flenglers Aufzeichnungen zufolge war er sich der Präsenz und der Herkunft der Mikroorganismen zu dem Zeitpunkt nicht bewusst, als die ersten Mitarbeiter krank wurden. So nahm er als Biologe selbst die ersten Untersuchungen vor, bis auch er begann, darunter zu leiden. Der Krankheitsprozess dauert einige Wochen allem Anschein nach. Dann bessert sich der Zustand und die Hauptfunktion des wachsenden Gewebes wird offenbar." Arethrus gestattete sich eine Pause, um seine Worte wirken zu lassen. "Zuerst beschränkte, dann jedoch absolute Gedankenkontrolle."
Varitani nahm wahr, wie gut der Hälfte der vor ihm sitzenden Ratsmitglieder die Farbe aus dem Gesicht wich. "Das, was ich jetzt sage, bezeuge ich aus eigener Erfahrung.", fuhr der Inquisitor fort. "Durch das Gewächs in den Gehirnen wird anscheinend nach jahrelanger Exposition die Entscheidungsfähigkeit jedes Betroffenen vollkommen ausgesetzt und eine uns nicht bekannten Entität, wahrscheinlich eine mächtiger Wille aus dem Empyreum, kann jederzeit die Kontrolle über Befallene übernehmen. Ich habe erlebt, wie die Augen völlig unauffälliger imperialer Bürger rot zu glühen begannen und sie sich auf uns stürzten wie wilde Bestien."

„Wird in solch einem Fall eine Welt nicht gesäubert?“, erkundigte sich Lord Admiral Anderton.
„Reinigendes Feuer.“ Gillensterns Augen brannten vor Eifer.
„Das ist ja einer der Gründe, warum wir hier sind. Inquisitor Varitani wird uns hoffentlich bald erläutern, warum er nicht diesen Weg gegangen ist.“ Lord Inquisitor Eirut Bahans freundlicher Tonfall verbarg die Implikation eines Versagen Varitanis kaum.
"Lassen Sie mich fortfahren in der Entwicklung dieser Bedrohung.", entgegnete dieser und räusperte sich. "Flengler geriet also zusehends unter den Einfluß der Agenten des Erzfeindes, ebenso imperiale Bürger in seinem Umfeld. Zwar dauerte es Jahre, doch die Geduld der Ketzer und das langsame Fortschreiten des Befalls zeigte sich als wirksam. Flengler begann mit Planung und Bau einer gigantischen Anlage -"
"Tech-Häresie.", unterbrach ihn Magos Xyrrton.
"Einer gigantischen Anlage, welche die Energie des Planetenkerns dazu verwendet, das Warpportal zu vergrößern. Sie wird in den Unterlagen nur der Extraktor genannt."
"Ist Ihnen klar, was das heißt?", meldete sich wieder Lord Inquisitor Arethrus zu Wort. "Es existiert zu dieser Zeit, in diesem Moment, ein von Planetenkernenergien gespeistes, künstlich offengehaltetes und sich ständig vergrößerndes Warpportal in diesem Sektor. Sie können sich sicher vorstellen, was als erstes passiert ist."
Schweigen.
"Der Fluß der Mikroorganismen hat zugenommen.", erklärte der Magos.
"Damit einhergehend ist im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ganz Xeiros Prime von diesen Mikroorganismen befallen worden."
"Varitani!", rief da Gillenstern aus und seine Absaugeinheit begann wieder ihre Arbeit. "Sie waren dort und Sie tragen keinen Makel in sich?!"
„Ich kann Ihnen versichern, Lord Inquisitor Gillenstern, dass ich keinen solchen Makel in mir trage. Der Befall findet ausschließlich über die lokale Nahrung statt. Insofern kann ich als Außenweltler nicht davon betroffen gewesen sein, ebenso wenig wie jeder andere Außenweltler."
Gillensterns Blick fuhr misstrauisch zu Magos Xyrrton. Dieser nickte Zalsmid zu und diverse Diagramme und Tabellen erschienen. "Lord Inquisitor, hier sehen Sie einen Teil der Arbeit, der sich Flengler bis zu dem Zeitpunkt gewidmet hat, als Inquisitor Varitani ihn aufspürte. Er beschäftigte sich mit Methoden, die Mikroorganismen auch kompatibel zu der Nahrung von Fremdweltlern zu machen – ein lange andauernder Forschungsprozess."
"Von Erfolg gekrönt?", fragte Gillenstern.
Die Stimmen aus den Voxpondern der beiden Gesprächspartner waren nur schwer voneinander zu unterscheiden, denn sie zeichneten sich vor allem durch Emotionslosigkeit und Monotonie aus.
"Bisher nicht.“, antwortete Varitani. „Doch der Erzfeind arbeitet sicher nach wie vor verbissen an der Lösung. Vor allem, da die Entdeckung durch die Inquisition nicht unbemerkt geblieben ist. Ich habe Flengler der Gerechtigkeit überantwortet."
"Verbrennt die Ketzer!", rief da Sibellian so laut, dass Kardinalsekretär Sebatianus aufschreckte und laut stöhnte. Alle blickten den Prediger an. Man konnte Zorn, Unglauben, Amüsement und Gleichgültigkeit in den Gesichtern sehen.
"Wir sind hier zusammengekommen, um genau das zu machen.", erklärte schließlich Lord Inquisitor Arethrus. Sibellian nickte ihm bestimmt zu.

Aller Gnaden Ende
« Antwort #17 am: 13. Mai 2013, 14:51:59 »
6 – Schicksalsspruch

"Flenglers Forschungen, was die Kompatibilität zu Fremdnahrung angeht, sind nicht abgeschlossen. Das ist jedoch nur eines der Probleme, derer wir uns annehmen müssen, wenn der Sektor gerettet werden soll."
"Herr Inquisitor!", warf Hax ein. "Sie sprechen wiederholt von Gefahr für den Sektor. Selbstverständlich entnehme ich Ihren Ausführungen, dass es um Xeiros Prime gelinde gesprochen nicht gut steht, doch Ihre vehementen Verweise auf Gefahr für Calixis sind mir ein Rätsel. Kommen Sie doch darauf einmal zu sprechen!"
Varitani zögerte kurz und neigte dann gehorsam sein Haupt. "Das Warpportal vergrößterte sich soweit, dass wir von einer Durchseuchung von hundert Prozent der nativen Bevölkerung von Xeiros Prime ausgehen müssen. Es gibt wohl mehrere Tausendschaften an Fremdweltlern auf dem Planeten, die nicht betroffen sind und auch die Nyunga sind es nicht, doch -"
"Was hat es damit auf sich? Warum sind diese Xenos nicht betroffen? Entschuldigen Sie die erneute Unterbrechung, Herr Inquisitor."
Varitani blickte scharf in die Richtung von Lord Inquisitor Bahan, der sich gelassen den Bart strich. "Es liegt an deren Ernährung. Ich weiß nicht, wie das vor sich geht, aber kein Nyunga scheint betroffen zu sein. Ich habe einige angetroffen und mir diese Tatsache zunutze machen können."
Bahans Augen zogen sich zusammen.
"Wir haben also verstanden, dass die Bedrohung von der Nahrung auf Xeiros Prime ausgeht. Was ist mit den nicht auf dem Planeten lebenden Bürgern von Xeiros Prime? Denen im System und denen in anderen Systemen?", fragte Lord Inquisitor Gillenstern barsch.
"Das System Xeiros ist definitiv in der Hand des Erzfeindes. Dazu folgende Erläuterungen:", Varitani blickte in Richtung von Transmechanicus Zalsmid. "Die Berichte von Akolythin Dorundy, bitte." Sofort flackerten einige Textdateien und Bilder von Politikern Xeiros' auf.
"Meine Mitarbeiterin Arian Dorundy, eine Ex-Arbitratorin, hat herausgefunden, dass die Zahl der Aussenweltler in einflussreichen Positionen im Laufe der letzten drei Dekaden stark zurückgegangen ist. Politiker, ansässige Geschäftsleute und Klerus sind entweder verstorben, ermordet, abgesetzt oder degradiert worden. Alle Positionen wurden durch langjährige Bewohner von Xeiros Prime besetzt. Diese Entwicklung war zu dem Zeitpunkt, an dem Dorundy sie feststellte, lediglich merkwürdig, doch im Hinblick auf die Durchseuchung mit den Mikroorganismen ist sie mehr als besorgniserregend.
Alle im Xeiros-System befindlichen Menschen werden von Xeiros Prime versorgt, dementsprechend kann davon ausgegangen werden, dass auch die Arbeiter auf der Bergbaustation bei Xeiros Quintus sowie die Raumabwehrkontingente vollkommen korrumpiert sind. Über außerhalb des Xeiros-Systems lebende Abkömmlinge des Planeten haben wir zu diesem Zeitpunkt noch keine Informationen."
Marius Hax schlug mit der Hand auf den Tisch. "Also ist ein ganzes System in der Hand des Erzfeindes, ohne dass jemand etwas bemerkt hat? Das klingt doch unwahrscheinlich."
"Das war auch mein erster Schluß.", stimmte Lord Inquisitor Arethrus zu. "Aber bedenken Sie die langen Zeiträume dieser Entwicklung und auch, um welchen Planeten es sich handelt. Wen interessiert denn Xeiros Prime?" Arethrus blickte sich im Saal um, während seine Zuhörer größtenteils über das nachdachten, was er gesagt hatte. "Der Planet ist prinzipiell unbedeutend. Was die dortigen Behörden machen, interessiert niemanden, solange es keine finanziellen Unauffälligkeiten gibt. Gab es die?"
Marius Hax schüttelte den Kopf. "Nein. Ich verwalte die fiskalen Elemente der Sektorenfinanz meistens selbst und es gab nichts dergleichen vonseiten Xeiros Primes."
"Es konnte niemandem auffallen, weil sich an dem äußerlichen Erscheinungsbild des Lebens auf Xeiros Prime nichts geändert hat.", fuhr Varitani fort. "Machen Sie sich doch ein Bild davon. Mein Team und ich waren wochenlang mit den Recherchen beschäftigt, ehe wir auf handfeste Beweise stießen. Wenn jemand von Ihnen morgen nach Xeiros Prime aufbräche, würde er eine blühende imperiale Welt vorfinden - vollkommen gesund wirkend. Der Planet hat seine Schönheit auch nicht eingebüßt. Es sind okkulte Dinge, um die wir uns sorgen müssen. Die Mikroorganismen bewirken auch nicht eine durchgehende Kontrolle der Befallenen. Sie verhalten sich vollkommen unauffällig. Auch das Glühen in den Augen, das ich kurz angedeutet habe, tritt erst auf, wenn die betroffene Person wirklich kontrolliert wird. Die Bevölkerung, alle Schichten des Lebens von den höchsten Vertretern von Militär und Regierung bis hin zu den Kindern in den Scholae verhalten sich vollkommen normal - doch ist jeder von Ihnen ein Agent des Erzfeindes."
Es war wieder still im Raum. Man hörte die gleichmäßigen Atemgeräusche des Kardinalsektretärs sowie das Knistern aus den Kohlepfannen.
"Benennt Doktor Flengler in seinen Unterlagen auch diesen Mikroorganismus?", erkundigte sich Lord Inquisitor Bahan schließlich.
Varitani nickte. "Zu Beginn seiner Forschungen bezeichnete er ihn als Subjekt TKK-221. TKK steht für transkosmische Komponente. Später jedoch, als seine Aufzeichnungen stärkeren Einfluss des Erzfeindes aufzuweisen begannen, hat er den wahren Namen genannt."
"Und der ist Ihnen bekannt?", hakte Bahan nach.
Erneut nickte Varitani. "In der Tat. Doch halte ich es nicht für ratsam, ihn hier auszusprechen. Unzureichend abgeschirmte Personen würden Schaden nehmen. Umgangssprachlich wird er einfach die Saat genannt."
"Ich mache mir Sorgen um Sie, Inquisitor.", ertönte da die monotone Voxponderstimme Gillensterns. "Sie waren dem Chaos intensiver ausgesetzt als für einen Menschen gesund ist. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass Sie uns hier von dieser Sache berichten, anstatt nur einen Bericht über den Grund von Xeiros Primes Exterminatus zu übermitteln. Wieso leben die Diener des Erzfeindes noch, Herr Inquisitor?" Damit war die Anklage endlich heraus.
Varitanis Blut rauschte hinter seinen Ohren, er sah alles leicht verschwommen. „Darauf komme ich natürlich noch zu sprechen, Lord Inquisitor. Es war eine bewusste Entscheidung, erst noch weitere Maßnahmen einzuleiten.“
„Dieser Rat wurde aber nicht von Ihnen einberufen, Inquisitor Varitani.“ Lord Sektor Hax lehnte sich nach vorne. „Es war mein ausdrücklicher Wunsch; nur deshalb werden wir hier alle von diesen Entwicklungen in Kenntnis gesetzt. Sonst wüssten wir nichts von dieser Bedrohung.“
„Wissen ist Macht. Behütet es gut.“, Caidins ruhige Stimme erschallte im Raum. Alle blickten in die Richtung der im Schatten sitzenden Gestalt. Es war nicht möglich, seiner Stimme irgendeine Persönlichkeit zuzuschreiben. Es war fast, als wäre alles, was er sagte, schon nach wenigen Augenblicken eine ferne Erinnerung. „Die Linke Hand des Goldenen Thrones hat sich nicht vor Ihnen zu verantworten, Lord Sektor. Unser Hiersein ist ein Entgegenkommen, mehr nicht. Sie haben auch nicht Gericht zu sitzen über unsere Inquisitoren. Das überlassen Sie uns.“
Die Augen von Lord-Sektor Hax verengten sich, aber er neigte das Haupt.
„Varitani?“, Caidins Frage war ebenso eine Aufforderung.
Varitani schluckte, machte einige Schritte auf Zalsmid zu und flüsterte einige Worte. Der Transmechanicus nickte und konzentrierte sich einige Sekunden lang. Dann erschien ein einziges, hololithisch projeziertes Bild im Raum. Es zeigte eine ehemals menschliche Gestalt mit grotest verunstaltetem Körperbau in den Überresten einer Uniform der planetaren Verteidigungsstreitkräfte von Xeiros Prime. Seinem Ellenbogen entsprang eine teuflisch aussehende Knochenklinge.
Ein Raunen ging durch die Anwesenden.
"Das sieht aus wie ein niederer Besessener.", erläuterte Brother-Captain Lucian Verus.
"Das ist ein rekonstuiertes Bild aus meinen mnemonischen Speicherelementen." Varitani legte einen Finger an seine Schläfe. "Diese Wesen haben sich spontan manifestiert, die Bessessenheit meine ich. Der Mann hier war ein planetarer Gardist, der sich mir entgegenstellte. Erst als ich ihn fast besiegt hatte, traten die daemonischen Elemente spontan in Erscheinung. Keine okkulten Rituale waren notwendig, keine ketzerischen Symbole im Fleisch des Mannes zu erkennen. Lediglich seine Augen haben rot geglüht - wie bei den anderen Gegnern auch. Das ist sehr besorgniserregend. Es scheint eine fortgeschrittene Stufe der Saat zu sein. Wenn mehr Menschen auf Xeiros sich so verwandeln, dann wird der Befall offensichtlich."

"Zusammenfassend kann man also sagen, dass Xeiros Prime komplett von Agenten des Erzfeindes, die durch diese Mikroorganismen TKK-221 direkt aus imperialen Bürgern rekrutiert wurden, besetzt ist und zusätzlich ein Warpportal durch die Kernenergie des Planeten sich zunehmend vergrößert.“, rekapitulierte Hax. "Was ist Ihrer Meinung nach das Schlimmste, was passieren kann? Was ist die zu erwartende Entwicklung?"
Lord Inquisitor Arethrus stand nun auf. "Lord Sektor, das ist schwer zu sagen. Das Vorgehen lässt jedoch den Schluß aufkommen, dass aufgrund der Geradlinigkeit bei der Durchführung dieser Häresie und der Geduld, die dafür aufgebracht werden musste, ein einziger, dominanter Wille hinter all dem steckt. Ich weiß nicht, ob wir es mit einer der Verderbten Mächte selbst zu tun haben oder vielleicht einem Daemonenprinzen, doch ist das Ziel dieser Macht - wie fast immer bei daemonischen Plänen - eine Manifestation in die materielle Welt. Davon ausgehend besteht die wirkliche Gefahr nicht in der Übernahme eines ganzen Planeten durch diese Mikroorganismen, auch wenn das Problem jetzt vielleicht emminenter erscheint und man sich dessen auch definitiv annehmen muss. Das hauptsächliche Übel ist das Warpportal."
Varitani räusperte sich und ergänzte: "Als nächstes wird der Erzfeind weitere Planeten korrumpieren, auf dieselbe Art und Weise. Ich darf zu bedenken geben, dass - sobald es gelungen sein wird, die Mikroorganismen auch in normaler Nahrung einnehmbar zu machen, kein weiteres Warpportal mehr notwendig sein wird. Es würde reichen, die Nahrung auf Xeiros Prime anzureichern. Dann könnte man nicht nur Aussenweltler vor Ort korrumpieren, auch der Export verseuchter Nahrung wäre möglich. Potentielle Agenten wären ab diesem Zeitpunkt fast nicht mehr aufzuspüren, während man jetzt einfach nur nach Xeirosstämmigen suchen muss und die sich aufgrund der genannten körperlichen Unterschiede recht leicht finden lassen."
"Das einzige Mittel, das hier angebracht scheint, ist ein Exterminatus.", fuhr erneut Lord Inquisitor Gillenstern dazwischen. „Ein Mittel, dass man schon vor Wochen hätte anwenden können.“
"Ja! Verbrennt sie alle!", johlte Sibellian erneut, was Kardinalsekretär Sebatianus hochfahren ließ.
"Ich stimme zu.", war schwach hörbar zu vernehmen; der erste Beitrag des greisen Vertreters der Ekklesiarchie seit Beginn der Besprechungen.
"Der Standpunkt des Adeptus Ministorum ist zur Kenntnis genommen.", bestätigte Marius Hax mit kaum verhohlenem Ärger und ließ seinen Blick dann durch den Saal schweifen.
„Sagen Sie uns endlich, warum Sie den Exterminatus herausgezögert haben, Inquisitor!“, rief Gillenstern mit seiner menschlichen Stimme und die Absauger schlürften bedrohlich laut.
"Flengler hat an einem Heilmittel gearbeitet."
Wieder gingen die Emotionen hoch. Rufe wie "Dieser Ketzer!", "Also doch noch Hoffnung?!", "Brennen sollen sie alle!" und "Das ist irrelevant!", waren zu hören.
Hax rief mehrmals zur Ruhe, bis der Geräuschpegel langsam wieder sank. "Erläutern Sie das, Herr Inquisitor!"
Varitani verneigte sich kurz. "Zu der Zeit, als die ersten Mitarbeiter Flenglers krank wurden, war er sich der Wirkung des Warpportals nicht bewusst. Seinen Aufzeichnungen ist zu entnehmen, dass es für ihn - so wie man ihn hatte glauben lassen - lediglich eine Energiequelle darstellte, sobald es nur groß genug sein würde, um ohne Hilfe zu bestehen. Von der Existenz der Mikroorganismen wusste er zu der Zeit noch nichts, und so falsch und ketzerisch sein Handeln auch war, so kann man davon ausgehen, dass er zu dieser Zeit noch kein vorderrangig ketzerisches Gedankengut pflegte. Als demnach die ersten Mitarbeiter erkrankten und er aufgrund der häufig ähnlichen Symptomatik Verbindungen zu seiner Arbeit herstellte, begann Flengler damit, die Ursache zu untersuchen. Dabei ist er auf Möglichkeiten gestoßen, dem Befall entgegenzuwirken und ihn auch wieder zu reduzieren."
"Er hat diese Forschungen aber nicht abgeschlossen.", warf Xyrrton ein und erhob sich. "Flengler wurde kurz darauf selbst von der Krankheit niedergestreckt und befand sich ab dem Zeitpunkt seiner körperlichen Gesundung wohl soweit unter Kontrolle des Erfeindes, dass er die Forschungen nicht abschloss. Er hat sie aber wenigstens auch nicht gelöscht."
Varitani nickte zustimmend. "Genau. Flenglers Aufzeichnungen zufolge hat er die bisherigen Ergebnisse nach seiner Gesundung als unbedeutend archiviert und sie im Datenkern eines zentralen, unterirdischen Cogitators abgespeichert."
"Haben Sie sich diese Daten beschaffen können, Inquisitor? Können wir das Heilmittel fertigstellen?", fragte nun Lord Inquisitor Bahan, der die Antwort natürlich kannte.
"Bedauerlicherweise nicht. Beim Versuch, in die Anlage einzudringen, wurden wir aufgehalten. Ich denke, dass zu diesem Zeitpunkt der Wille aus dem Empyreum, der sich hier gegen uns richtet, zum ersten Mal mitbekam, dass wir Bescheid wussten. Ich musste fliehen, als meine Mitarbeiter getötet und ich von diesen daemonischen Wesen bedrängt wurden. Kurz darauf hat man auch Flenglers Leiche entdeckt, und ich konnte Xeiros Prime gerade noch verlassen.", berichtete Varitani.
"Dann wissen wir also weder, ob das Heilmittel funktioniert als auch, ob wir es überhaupt herstellen können?" Bahans Tonfall klangt stark suggestiv.
"Ich habe durch die mit dem Leben meiner Mitarbeiter erkauften Daten Kenntnis einer weiteren Einrichtung, die weit vor jener, die ich infiltriert hatte, in Betrieb war. Dort werden die Daten sein. Ob das Heilmittel herstellbar ist, kann ich nicht sagen.", musste Varitani zugeben. „Aber Flengler wusste, was er tat. Er war gut in seiner Arbeit. Seine Aufzeichnungen besagen, dass er kurz vor dem Ziel war. Ein Exterminatus hätte diese Daten sicher vernichtet. Ich kam also nach Scintilla zurück, um eine Quarantäne von Xeiros Prime sowie eine Säuberung aller anderen systemweiten Anlagen zu erwirken. Anschließend beabsichtigte ich, erneut ein kleines Team von Agenten nach Xeiros Prime zu führen und die Daten zu bergen.“
„Das ist leichtfertiges Verhalten, Herr Inquisitor.“ Eirut Bahan sah Varitani tadelnd an. “Der Exterminatus hätte sofort erfolgen müssen.”
“Meine Analyse der technischen Daten des Extraktors, mit dem das Warpportal gespeist wird”, mischte sich der Magos erneut ein, “hat ergeben, dass Energiezufuhr, wie sie auch Bombardement und Sprengung der Planetenkruste bedeuten würde, direkt in die Anlage und durch sie in das Warpportal fließen würde. Neben der Zerstörung von Xeiros Prime hätte ein vollständiger Exterminatus also auch eine Expansion des Portals zur Folge.“
Einen Moment herrschte Stille.
„Was würde das bedeuten?“, fragte Lord Sektor Hax.
Magos Xyrrton schwieg.
„Wer kann das bei den Mächten sagen, mit denen wir uns hier befassen.“, antwortete Lord Inquisitor Arethrus langsam. „Möglichweise könnten noch mächtigere daemonische Entitäten den Weg auf unsere Seite finden – was wohlgemerkt das ganze Endziel des sich uns entgegenstellenden, verderbten Intellekts sein mag. Möglicherweise würde die Grenze zwischen Materie und Empyreum auch so dünn, dass ein Warpsturm den ganzen Subsektor verschlänge.“
„Und davon haben Sie gewusst, Varitani?!“, fragte Gillenstern anklagend scharf.
Varitani schüttelte den Kopf. „Bisher nicht, Lord Inquisitor.“
„Dann steht meine Anklage! Sie haben die Sicherheit zahlloser Welten wegen eines Heilmittels riskiert, für dessen Einsatz kein Bedarf besteht, dessen Forschung noch nicht einmal abgeschlossen ist und dessen genaue Wirksamkeit Sie nicht kennen.“
„Über die Gegenständlichkeit eines möglichen Fehlers von Inquisitor Varitani sollten wir uns Gedanken machen, wenn dieses Problem gelöst ist.“, entgegnete Lord Inquisitor Arethrus. „Lassen Sie uns eine Lösung finden.“
„Dem stimme ich zu.“, pflichtete ihm Großinquisitor Caidin bei. „Xeiros Prime wird gereinigt, das steht fest. Eine Kombination des Lebensfresser-Virus sowie Lanzenschlägen und Zyklon-Torpedos. Es darf nichts übrig bleiben. Wissen wir, wo sich dieser Extraktor befindet?“
Varitani konnte nicht mehr sprechen. Arethrus erkannte das mit einem Blick. „Nein, Großinquisitor, das wissen wir nicht. Großflächige Auspex-Scans der Exterminatus-Flotte könnten dies aber bewerkstelligen.“
„Ein gezielter Lanzenschlag würde den Extraktor ausschalten.“, erläuterte Magos Xyrrton. „Die Vernichtung eines so großen tech-häretischen Apparats ist im Sinne des Omnissiah.“
Da Sie ja die Baupläne haben, Magos Xyrrton. Varitani war sich gewiss, dass die Tech-Priesterschaft sich andernfalls gegen diesen Schritt ausgesprochen hätte – nicht, dass sie ihn hätte verhindern können. Die Inquisition hatte in der Tat höchste Autorität in solchen Dingen.
„Nach der Zerstörung des Extraktors würde das Portal innerhalb von Stunden in sich zusammenfallen.“, fuhr Arethrus fort. „Ein Exterminatus würde dann keine Gefahr mehr darstellen.“
„Nach der Einschätzung des Adeptus Mechanicus ist dem so, Lord Inquisitor.“, pflichtete ihm der Magos bei.
Lord Inquisitor Arethrus warf einen schnellen Blick in Richtung Caidin, dann sagte er: „Ich bin dafür, Inquisitor Varitanis ursprünglichen Plan umzusetzen.“
Allgemeines Gemurmel folgte, doch Gillenstern und Bahan intervenierten nicht.
Arethrus fuhr fort: „Ein Team unter seiner Führung wird nach Xeiros Prime reisen. Direkt im Anschluß soll eine Quarantäne den Planeten umschließen. Es bleibt Lord Admiral Anderton überlassen, welche Schiffe er dafür abstellt. Das System wird gesäubert und Xeiros abgeriegelt. Das wird die Lage dort natürlich anheizen. Der Erzfeind wird mit der baldigen Vernichtung rechnen und versuchen, so viel Schaden wie möglich anzurichten. Inquisitor Varitani hat nun einige Zeit, sich der Daten zu bemächtigen, dann mit der Flotte Kontakt aufzunehmen und extrahiert zu werden. Bis dahin haben wir den Extraktor gefunden und ausgeschaltet. Anschließend kann der Exterminatus erfolgen.“
„Und auch Varitanis Beurt…“, begann Gillenstern, wurde jedoch von Caidin unterbrochen: „Das hört sich nach einem soliden Plan an, Lord Inquisitor Arethrus. Ich denke, damit können wir die Sitzung schließen, würden Sie mir da nicht zustimmen, Lord Sektor?“
Hax wirkte etwas gequält: „Es ist mir immer eine Freude mit der Imperialen Inquisition zusammenzuarbeiten, Großinquisitor. Meine Herren, Sie erhalten rechtzeitig entsprechende Details. Machen wir uns an die Arbeit. Die Sitzung ist geschlossen.“
„Die Mitarbeiter der Imperialen Inquisition verbleiben im Ratssaal.“, befahl Caidin und sein Tonfall suggerierte Zorn.
So überraschte es Varitani auch nicht, dass sich alle anderen Mitglieder beeilten, die Stätte der zu erwartenden Züchtigung zu verlassen.

Als die schweren Tore geschlossen waren, begann es: „Das war erniedrigend! Entwürdigend! Die Inquisition steht Rede und Antwort?! Wenn das die Hohen Herren zu Terra erfahren! Rat abzuhalten wegen einer Sache, die durch und durch nur Angelegenheit unserer Einrichtung ist, ungeheuerlich! Wer hat diese Informationen nach draußen gegeben?!“
Stille.
„Wer?!“
Stille.
„Na schön.“ Caidin beruhigte seinen Tonfall. „Varitani, sie sehen besser zu, dass dieser Auftrag erfolgreich ist, sonst haben Sie weit mehr Schaden angerichtet als nur andere Welten zu gefährden. Vor allem in Hinblick auf die Eröffnungen von Magos Xyrrton in Bezug auf das Warpportal und diesen Extraktor ist Ihre Entscheidung aber tragbar. Da Sie jedoch keine Kenntnis dieses Faktors hatten, kann ich sie zu diesem Zeitpunkt nur als Fehler einstufen. Wir werden uns nach Ihrer Rückkehr damit befassen. Sie können gehen!“
Varitani verneigte sich. „Sehr wohl.“, brachte er krächzend hervor, dann verließ er schleunigst den Saal.
„Gillenstern, Sie sorgen sich ab sofort um die Säuberung anderer Welten im ganzen Sektor von Bewohnern von Xeiros Prime. Informieren Sie auch angrenzende Sektoren und Terra von der Maßnahme. Der Ordo Hereticus muss wachsam sein.“
„Wie stets, Großinquisitor.“, antwortete Gillenstern.
„Bahan, Sie werden an Bord eines unserer Schwarzen Schiffe die direkte Kontrolle über die Mission vor Ort übernehmen.“
Der Lord Inquisitor nickte und sah süffisant zu Arethrus herüber, für den dieser Befehl eine Ohrfeige darstellte.
„Ich danke Ihnen für Ihre Anwesenheit, Brother-Paladin Verus.“, wandte sich Caidin dann an den immer noch stoisch verweilenden Astartes.
„Lord Inquisitor.“, quittierte dieser höflich. Wohl keiner der Anwesenden konnte verstehen, wie wenig ihn diese mikrigen Zwistigkeiten interessierten.
Caidin erhob sich. „Noch etwas: Dieser Prediger, Sibellian. Erledigen Sie ihn. Arethrus, sagen Sie Varitani, er soll das übernehmen. Ich verlasse mich nicht auf die Verschwiegenheit dieses sich ereifernden Wiesels.“ Damit verließ er den Saal. Keiner konnte für sich selbst sagen, ob es das letzte Mal gewesen war, dass er den mysteriösen Führer der Inquisition des Calixis-Sektors gesehen hatte. Auch der Space-Marine verließ die Inquisitoren.
„Sie hätten Varitani einfach so unterstützt?“, fragte Gillenstern an Arethrus gewandt, der sich daran machte, seine Datentafeln aufzusammeln.
„Das werden wir jetzt wohl nicht mehr herausfinden, Rembrandt. Ich weiß nicht, seit wann Sie sich dazu hergeben, an mich übermittelte Datenkristalle zu entwenden, aber…“
„Meine werten Herren.“, unterbrach Bahan und hob beschwichtigend die Arme. „Wir werden doch keine solchen Anschuldigungen aussprechen, wenn es wirklich gar keine Beweise gibt, nicht wahr?“
Arethrus blickte die beiden an. „Warum Hax? Caidin hat Recht, wissen Sie. Das tut der Inquisition nicht besonders gut.“
Gillensterns Absauger taten ihr widerlich anzuhörendes Werk, als er wieder einmal seine menschliche Stimme verwendete. „Wird es schon überstehen. Ist zäh, die Inquisition.“ Er erhob sich endlich, die Servos seiner Rüstung surrten. „Er ist erledigt. Varitani, meine ich.“
Arethrus senkte den Blick. „Wenn alles gut geht…“
„Hoffnung ist der erste Schritt auf der Straße der Enttäuschung, Zephraim. Ersparen Sie sich und uns diesen Gang. Er ist erledigt.“, beharrte Gillenstern. „Sie wissen ebenso gut wie Eirut oder ich, dass es so ist. Xeiros Prime nicht sofort zu verdammen, die ganze Sache mit dieser Saat, das Warpportal. Meine Güte, wer würde da nicht zweifeln? Er ist korrumpiert. Etwas anderes kommt nicht in Frage. Sein ganzes Team und er – sie müssen entfernt werden, falls sie zurückkehren. Falls noch mehr passiert, falls irgendetwas schief geht, werden noch weitere Köpfe rollen.“
Arethrus Blick wurde hart. „Das werden wir noch sehen.“ Damit wandte er sich um und ging.
„Er will es nicht einsehen.“, kommentierte Bahan das offensichtliche.
„Sie müssen brennen. Ihre Seelen sind verdorben.“
„Wissen Sie, Rembrandt. Bis heute wusste ich kaum, wer Varitani war.“
Gillenstern wandte steif den Kopf herum. „Ist mir egal, wer er war. Was er ist, das zählt. Er wird bezahlen. Am besten, Sie jagen ihn mit diesem Xeiros Prime einfach hoch.“
Bahan tippte mit der Spitze seines Stocks auf den Boden. „Wir werden sehen. Wir werden sehen.“
„Wie auch immer.“ Gillensterns Servorüstung schnarrte, als er sich auf die Tore zubewegte. „Ich habe eine Hexenjagd zu leiten.“

Aller Gnaden Ende
« Antwort #18 am: 13. Mai 2013, 21:02:08 »
7 – Chaotische Ränke

Der betäubende Schleier des Halbschlafs lag über allen Wahrnehmungen, über allen Sinnen, die Arian Dorundy verblieben waren. Ein kleines, wehrhaftes Fragment ihres alten Selbst, das einzige, was davon noch übrig war, dankte dem Imperator für diese Momente der Ebbe. Was ihr unwirklich weit weg schien, Erinnerungen an eine Zeit vor der Zerstörung von nahezu allem, was Arian Dorundy gewesen war, begannen aufzutauchen und Gesichter standen vor ihrem inneren Auge auf - ihre Mutter Anille, ihre Schwester Dara, DeVetter, Varitani, Frost, Dvorov.
Äußerlich war von all dem nichts zu sehen. Dorundy war bereits seit Wochen lethargisch und hatte sich in ihr Schicksal ergeben. Ihre kahle, wunde, zerbrechlich schwache Gestalt war an den Speichen eines Eisenrades aufgespannt, Arme und Beine gespreizt. Seit Wochen war sie dort, trotz all der Qual von kompetenter Hand am Leben erhalten. Die ersten Tage hatte sie noch selbst getrunken, als dann der Horror unerträglich geworden war, hatte sie damit aufgehört - die schimmernde Hoffnung eines baldigen Todes im Herzen. Eine Apparatur leitete seither Flüssigkeit und auch zu geringen Teilen Nährstoffe in ihren Blutkreislauf, die Eintrittsstelle der Sonde gerötet, entzunden und unter normalen Umständen schmerzhaft. Jene mickrige Art von Schmerz war jedoch schon lange jenseits von allem, was Arian Dorundy noch wahrnehmen konnte.
Man hatte sie gleich zu Beginn der Folter kahlgeschoren und ihr die Kleider vom Leib gerissen. Dann waren die Interrogatoren und Inquisitoren gekommen und hatten mit pervertierten imperialen Verhörtechniken begonnen, ihre Gedanken zu sezieren - das rote Glühen immerzu hinter den Glaskörpern ihrer Augen präsent. Schon zu dieser Zeit hatte sie alles offenbahrt, alles gesagt, was sie gewusst hatte. Sie hatte damals begriffen, dass jeder befreite Gefangene, der auf gewisse Art oder eine gewisse Zeit lang gefoltert worden war und behauptete, nichts verraten zu haben, ein Lügner war. Scham und Enttäuschung über die eigene Schwäche waren noch da gewesen - zu Beginn jedenfalls. Die Befragungen hatten aufgehört und die korrumpierten Imperialen waren gegangen.
Dann war er gekommen - ein Daemon in Menschengestalt, so war es ihr erschienen, auch wenn sie schon kurz darauf eines Besseren belehrt worden war. Er war ein Chaos-Psioniker, ein Hexer, der sich mit den dunklen Kräften des Immateriums abgab und sie benutzte, sich selbst als Tor für sie zur Verfügung stellte, doch er war nur ein Mensch. Dennoch hatte mit seinem Auftreten ihr endgültiger Auflösungsprozess begonnen. Seine Gefolgschaft bestand aus mehreren erbärmlich wirkenden, sklavischen Untergebenen, die krude, blutverkrustete Metallkonstrukte unter der dünnen, entzündeten Haut ihrer Rücken trugen, die allerhand Fetische, Knochen und Schädel über ihren Köpfen aufgespießt zeigten.
Erst hatten sich diese widerlichen, stinkenden Sklaven über mehrere Tage hindurch mit ihr beschäftigt und sie nach Belieben benutzt. Der Hexer hatte ihren Körper anschließend zur Ermattung gequält, hatte sie mit Muskelkrämpfen zur Besinnungslosigkeit getrieben. Er hatte keine Fragen gestellt, nur manchmal gelacht und sie aufgezogen. Er hatte nichts verlangt, weder Gefolgschaft noch Verrat. Er hatte etwas von Rezepten und Zubereitungen gemurmelt und war sehr konzentriert erschienen, doch hatte er sich ihr gegenüber nicht erklärt.
Als ihre Lethargie begonnen hatte, war der erste Schnitter gekommen, ein echter Daemon diesmal - wie der Hexer erläuterte. Der hatte sie mit einer Klinge bearbeitet, die seinem Fleisch entwachsen war und aus rasiermesserscharfem Knochen zu bestehen schien. Wie ein Gourmet war er vorichtig gewesen, sich nie soweit gehen zu lassen, dass sie ihm hätte in die Sicherheit des Todes entkommen können. Dorundy hatte gebrüllt, sich gewunden, gestrampelt, gebettelt, gejohlt, gefaucht und geweint. Nichts hatte etwas daran geändert, das meiste dem Daemon sogar Freude bereitet. Nach seiner Behandlung war sie verstümmelt gewesen und mit Bolzen an dem achtspeichigen Eisenrad befestigt, da die Seile das, was von ihrem Körper noch übrig war, nicht mehr halten konnten.

Mehrere Tage später trafen die Flügel der Ebenholztüre hart gegen die kleinen Stopper, als der hühnenhafte Mann den Gouverneursspeisesaal von Antimon betrat, ohne sein Schritttempo wesentlich zu verringern. Seine über einem rostroten Kettenhemd liegende Plattenrüstung steuerte das beständige Klirren von aufeinanderschlagendem Metall zu dem satten, dumpfen Aufprall seiner Stiefel bei, zwei Kettenäxte hingen an seinem Gürtel, an jeder Seite eine. Astrion Malqevis' Blick flog durch den Raum und erfasste innerhalb einer Sekunde alle darin befindlichen Personen; den Hexer am Kopfende der Speisetafel, der sich gerade ein dünnes Stück Fleisch in den Mund schob, die beiden wie immer aneinander klebenden, androgyn wirkenden Zwillinge, lasziv gekleidet und sich lüstern anlächelnd, Garnug, den gebeugten, alten Leibdiener des Hexers, der sich gerade mit einem unter dem Arm geklemmten Goldtablet in Richtung eines Bedienstetenausgangs links hinten davon machte und schließlich die gebückte und in Lumpen gehüllte Gestalt, die sich ganz an einen Beistelltisch gezwängt hatte.
"Wieder mal an den Rand der Gesellschaft verbannt, was, Fremder?!", rief der Krieger mit rauher, kehliger Stimme und hielt in seiner Bewegung inne. Jeder, der ihn nicht besser kannte, hätte einen Anflug von Humor hinter der Bemerkung vermuten können.
Ein Hüsteln war die kaum wahrnehmbare Antwort, und die Hand des Vermummten fuhr zu seinem von einer mit grünlichem Schimmel bewachsenen Kapuze verhangenen Gesicht. Selbst aus dieser beträchtlichen Distanz nahm Malqevis gute Nase den verderbten Verwesungsgeruch wahr, der dem von Fliegen umschwärmten Körper des Fremden entströmte.
Ein süffisantes Grinsen zeigte sich auf dem Gesicht des Hexers, als er sich mit dürren, knochenbleichen, von langen spitz zulaufenden Nägeln gekrönten Fingern ein weiteres hauchdünnes Scheibchen Fleisch aus einem mit einer rostbraunen Flüssigkeit gefüllten Schälchen fischte. "Ich will doch nicht, dass mein Mahl verdirbt, bevor ich es zu mir nehmen kann." Seine Stimme war höher als die des Kriegers, aber genauso fest und grausam.
Ein mißgünstiges Schnauben entfuhr Malqevis, und er setzte seinen Gang bis an das dem Hexer gegenüberliegende Ende der Tafel fort. "Was haltet Ihr eigentlich von Dorundy, Hexenmeister?"
Velfur Zaabesz schlürfte die Scheibe gerade zwischen den Reihen seiner angespitzten Zähne hindurch, die sich elfenbeinfarben von dem hellroten Zahnfleisch abhoben und verdrehte genüßlich die Augen. "Überaus köstlich.", antwortete er. "Die Art der Zubereitung ist wirklich entscheidend, und langsam aber sicher erreiche ich eine gewisse Perfektion. Nach so vielen Jahren sollte man das auch erwarten. All diese Vielfalt: Dem fast überwältigenden Bombast der Agonie des Todeskampfes folgt zuerst der berauschende Sturm aus bei vollem Bewusstsein erlebtem Schmerz, dann geschmacklich immer stärker durchkommend die Qual, langsam und über lange Zeit eingezogen in jede Pore, zart vermengt mit Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Doch dann -", und der Hexer erhob sich bei diesen Worten und blickte mit glänzenden Augen in eine anscheinend nur ihm sichtbare, glorreiche Welt, "dann kommen die zarten Spuren von Schamverlust, Trauer und einsetzendem Selbstzweifel durch, zuerst vollkommen überlagert von den starken Emotionen der letzten Phase der Zubereitung, doch fein konserviert und für den Gourmet der wahre Höhepunkt des Mahles." Selbstzufrieden seufzend ließ sich Zaabesz wieder in seinen mit roten Seidenkissen bepolsterten Stuhl sinken, nicht ohne auf den makellosen Sitz seiner karmesinroten Robe zu achten, die in präzisen Falten an ihm herabfallend die genauen Merkmale seines Körpers verborgen hielt. "Dem Carpaccio folgt anschließend noch ein Filet, gebraten im eigenen Fett. Ihr dürft Euch gerne anschließen, Astrion."
Gelbe Reißzähne blitzten unter dem schwarzen Bart des Kriegers auf: "Behaltet Euer Aas für Euch, Velfur. Ich bin nicht für tote Nahrung zu haben, das wißt Ihr doch. Gegen einen Schluck Herzblut hätte ich aber nichts einzuwenden."
Zaabesz lächelte gönnerhaft, griff nach einer kleinen Glocke, die neben seinem Pokal auf der polierten, dunklen Tischfläche stand und läutete. Garnug betrat augenblicklich den Raum. "Ruft eines der Dienstmädchen herein!", befahl ihm der Hexer, woraufhin sich Garnug verneigte und den Raum verließ. Zaabesz teufliches Grinsen funkelte dem Krieger entgegen: "Für Euch nur das Beste." Sofort war er wieder ernst. "Wie ist es Euch denn im Westen ergangen?"
"Pff.", schnaubte Malqevis. "Wir haben die ganze Bande dieser primitiven Echsenmenschen ausgemerzt. Alle, die zu dem Stamm gehörten, aus dem dieser Inquisitor seine Helfer rekrutiert hat. Eine unwürdige und ruhmlose Aufgabe war das!"
"Tja, wir müssen alle unsere Opfer bringen.", erwiderte Zaabesz und wandte seine Aufmerksamkeit flugs wieder seinem Mahl zu. "Herrlich.", flötete er.

Der Krieger verzog erneut das Gesicht. "Ich nehme an, die Inquisitionsschlampe hat uns alles gesagt, was sie wusste.", sagte er, als er seinen massigen Körper auf einen ächzenden Stuhl fallen ließ, dessen kunstvoll geschnitzte Beine über den blanken Parkettboden qietschten.
"Natürlich. Das tun sie immer und das auch lange, bevor sie sterben." Zaabesz fischte wieder in sein Schälchen.
"Wie ist sie denn gestorben?"
"Der Verschlinger hat ihr seinen Samen verabreicht.", schnurrte da Tereen, der männlichere der Zwillinge, die sich an der von Malqevis gesehen aus linken Seite der langen Tafel auf einer Sitzbank räkelten. "Und seine Brut hat sich dann aus ihrem Bauch gefressen."
"Ich mag es, wie Du das Wort Samen aussprichst und woran ich dabei denken muss.", flüsterte da Alrihn, die weiblichere der Beiden, wobei Malqevis durchaus auffiel, dass sie gerade laut genug flüsterte, dass zumindest Velfur Zaabesz und er es hören mussten. Was den Fremden anging, so war sich Malqevis nicht sicher, was und wieviel der Pestilente wahrnahm. Er betrachtete die beiden ineinander verschlungenen Gestalten auf der Bank und bemerkte sofort eine Schwellung zwischen seinen Beinen. Er verspürte das nur schwer zu unterdrückende Bedürfnis, Alrihn gleich hier wie ein Tier zu nehmen, wieder und wieder, um sie dann in einem Versprechen von höchster Lust, nein, Extase mit bloßen Händen zu zerreißen und auszuweiden, genau am Höhepunkt. Er schüttelte den Kopf, angewidert über seine Schwäche. Er wusste, dass er das nicht tun durfte, zumindest noch nicht. Immer wieder jedoch durchfuhren ihn solche wolllüstigen Gedanken, wenn er sie ansah und jedes Mal musste er eine andere Frau benutzen, um sich anschließend Luft zu verschaffen. So wohl auch an diesem Tag.
"So groß ist das Portal bereits? Wir haben einen Verschlinger?" Fragend richtete Malqevis seinen Blick zurück auf den Hexenmeister.
"Eigentlich waren es bereits mehrere, nachdem sich seine Brut den Weg aus der Akolythin gefressen hatte, doch war er nicht besonders kooperativ, sobald seine erste Begierde gestillt war." Zaabesz schob die Schale weg, nachdem er das letzte Stückchen Carpaccio zu sich genommen hatte. "Ich musste ihn fesseln und seine Brut vor seinen Augen quälen und vernichten. Wir werden keine weiteren Probleme mit ihm haben, denke ich, auch wenn wir eine gewisse Zeit warten müssen, bis er sich wieder fortpflanzen kann. Dann aber werden wir bald genug Verschlinger in unseren Diensten wissen, vorrausgesetzt, wir finden geeignete Mütter."
Ein röchelndes Husten kam vom Fremden zu ihnen hinüber. „Gib einem der nächsten Brut diese Essenz zu trinken.“ Damit wies er auf ein Fläschchen, das auf einmal auf der Tafel zu stehen schien. Es sah seltsam alt und abgenutzt aus. Darin befand sich eine schlammig wirkende, zähe Substanz.
Velfur Zaabesz zog eine Augenbraue hoch. „Er wird dann kein Verschlinger werden, richtig?“
Ein Husten antwortete ihm. „Es wird ein Traumplünderer aus ihm wachsen. Er wird allen, die nicht von der Saat beglückt wurden, den Schlaf raubend Qual und Horror sein. Die restlichen der Brut lasse Verschlinger werden. Wir benötigen nicht mehr als einen Traumplünderer, um diese Welt mit Alpträumen zu überziehen.“
„Ich hoffe, er vermehrt sich bald wieder, dieser Verschlinger. Ich bin erpicht darauf, dieses Wesen zu erblicken.“, flötete Zaabesz.
"Ja, sie nehmen nicht jede, diese Verschlinger.", gurrte Tereen.
"Ganz anders als Du.", fügte Alrihn hinzu.
Malqevis bemühte sich rasch wieder, seine Aufmerksamkeit auf Zaabesz zu richten. "Was wissen sie? Dieser dreckige Inquisitor ist uns ja entwischt. Wie bald müssen wir mit einer Reaktion rechnen? Wie heftig wird diese wohl ausfallen?"
"Diese Arian Dorundy wusste wenig. Sie hatten Flengler gefunden, ein paar grobe Informationen über seine Arbeit vor seiner Erleuchtung." Zaabesz leckte sich mit einer unnatürlich langen und dünnen Zunge über seine Zähne, polierte sie förmlich.
"Aber wusste sie von der Saat?" Malqevis war angespannt.
"Dorundy wusste nichts darüber. Dieser Inquisitor, Varitani heißt er übrigens, ist jedoch in den nördlichen Komplex eingedrungen, offenbar auf der Suche nach Beweisen. Dort ist er mit Berührten der Phasen zwei und sogar drei zusammengetroffen."
"Und er hat das überlebt." Malqevis Erwiderung war eine Feststellung, und fast lag ein bisschen Respekt in seiner Stimme.
"Er hat die Berührten der Phase drei sogar getötet, soweit das möglich ist. Es kann also durchaus angenommen werden, dass er mehr Details kennt als Dorundy."
"Und damit auch die Schoßhunde des falschen Imperators!" Die Faust des Kämpen sauste krachend auf den Tisch.
"Jetzt heißt es einerseits die Ruhe zu bewahren und andererseits mit feurigem Eifer weiterzumachen. Ich habe bereits veranlaßt, dass die Bemühungen verdoppelt werden. Die Feldgröße erlaubt es bei den Studien mittlerweile bedeutende Fortschritte zu erzielen, was die Verlegung des Saatgebietes betrifft." Zaabesz legte die Finger ineinander. "Bald können wir auch andere Welten bestellen."
"Wie sieht es überhaupt mit der Ernte aus?", fragte Malqevis, den Blick nun auf den Fremden gerichtet.
Ein Hustenanfall anwortete ihm, dann folgten mit krächzender, schwacher Stimme gesprochene Worte, wobei bei jedem Atemzug ein wässriges Rasseln zu hören war: "Phase eins hat den gesamten Planeten umschlossen, Phase zwei schreitet entsprechend des Plänen meines Herren voran." Ein kehliges Würgen des Fremden förderte einen gelblichen Batzen Schleim zutage, der mit einem Klatschen auf dem Boden des Saales aufschlug. Malqevis meinte zu sehen, dass er sich auf dem Boden noch ein wenig bewegte, bevor er zum Stillstand kam. "Mehr Angehörige von Phase drei zu gewinnen hängt vor allem von der Kraft des Portals ab. Es gibt bereits einige, aber noch nicht genug."
"Lasst uns die Kraft des Extraktors erhöhen!"
"Nein.", widersprach Zaabesz sofort. "Der Extraktor ist und bleibt der Verantwortungsbereich von Tzerbennek. Wenn wir die Fördermengen zu sehr steigern, wird dieser gesamte Planet zerbersten und was haben wir dann noch, um es ins Empyreum zu ziehen?"
"Die Diener des falschen Imperators werden kommen! Bald!" Malqevis Faust schlug erneut auf den Tisch, so dass alle darauf befindlichen Gefäße einen Sprung machten. "Wer wird sich Ihnen stellen, wenn es eine ganze Flotte ist?! Ihr etwa?!"
"Ich denke, Ihr schätzt das falsch ein, Malqevis. Selbst falls sie so viel wissen; sie können uns nicht großflächig angreifen, ohne das Portal mit Energie zu versorgen. Sie werden wohl nicht riskieren, den ganzen Subsektor an einen Warpsturm zu verlieren. Und der Extraktor ist verborgen. Sie werden ihn nicht finden. Dieser Varitani hat den Schwanz eingezogen und ist auf und davon. Habt Vertrauen in unseren Herren." Der Hexer blickte auf, als das Öffnen der Seitentüre zu hören war und eine junge Frau mit hängenden Schultern in der Aufmachung eines Dienstmädchens eintrat. Ängstlich näherte sie sich der Gesellschaft. Zaabesz erhob sich und machte einige Schritte auf sie zu, was sie zurückzucken ließ.
Er lächelte sie breit an und seine angespitzten Zähne blitzten. Sie schrie kurz auf und wollte davonlaufen, doch eine Handbewegung des Hexers später stand sie wie gelähmt da, ihre Augen vor Entsetzen weit aufgerissen, ihr offener Mund zu einem Schrei geöffnet, der ihre Kehle wohl nie verlassen würde. "Phase eins, wie unterhaltsam." Er gluckste. "Da wehren sie sich noch..." Seine Stirn legte sich in Falten und wie von unsichtbaren Fäden gehalten wurde das Mädchen hochgehoben und schwebte in einem Meter Höhe auf Malqevis zu. Als sie direkt vor und über ihm zum Stehen kam, rief Zaabesz: "Auf Euer Wohl, Astrion, auf Euer Wohl. Ihr Herzchen schlägt rasch, der Blutdruck dürfte angenehm hoch sein." Ein hauchdünner, violetter Lichtstrahl fuhr von der Position des Hexers aus durch den Körper der immer noch in der Luft gehaltenen Frau, direkt durch ihr Herz, worauf hin sich zwei zarte Blutfontänen aus ihr ergossen. Gib dem Affen seinen Zucker, dachte Zaabesz bei sich.
Malqevis breitete die Arme aus und öffnete lächelnd seinen Mund, während die warme Flüssigkeit durch seinen Bart sowie über Gesicht und Rüstung lief, und trank. "Blut!", gröhlte er und lachte auf. Das ging für einige Zeit so, dann erschlaffte der Körper und glitt zu Boden. Die Gestalt des Kriegers war über und über besudelt und auch die Zwillinge hatten einiges abbekommen. Tereen leckte den roten Lebenssaft gerade von Alrihns zierlichem Körper.

Die rasselnde Stimme des Fremden zerschnitt unerwartet scharf die Atmosphäre der Extase, in der sich sowohl die Zwillinge als auch Malqevis befanden: "Nachdem nun der Durst gestillt ist, können wir uns doch wohl den Problemen widmen, die anstehen." Ein heftiger Husten beutelte den gekrümmten Leib des Verhüllten und erneut spuckte er aus. "Alles Vertrauen in unseren Herren wird uns nicht vor seinem Zorn bewahren, wenn wir uns einer Nachlässigkeit schuldig machen. Die Inquisition weiß genug, um zu handeln. Das kann nur zweierlei Dinge bedeuten: Wissen sie so viel, um die Gefahr halbwegs einschätzen zu können, werden Sie mit aller Macht zuschlagen, mit dem erklärten Ziel, diese Welt auszulöschen. In diesem Fall ist der Extraktor unser einziger Schutz, da sie den Planeten nicht bombardieren oder sonst entvölkern können, ohne das Portal zu katastrophaler Expansion zu bringen - damit wäre der Subsektor verloren. Wissen sie nicht viel, werden sie zumindest weitere Agenten schicken um Untersuchungen anzustellen." Der Fremde hustete wieder und rang nach Luft. Es war überaus selten, dass er so lange sprach.
"Dem stimme ich zu.", sagte Malqevis. "Ein rein militärisches Eingreifen würde ich zwar als Herausforderung begrüßen, aber ich halte es für unwahrscheinlich. Sie werden erneut Würmer schicken, um noch tiefer zu bohren."
"Für den Fall, dass sie wirklich mit großem Gefolge hier auftauchen, kann es wohl nicht schaden, Ihnen einen gehörigen Empfang zu bereiten. Ich denke an Raumminen und sowas alles.", fügte Zaabesz hinzu.
Malqevis grinste. "Ich werde das veranlassen. Außerdem werde ich bei der hiesigen Inquisition die Meldung eingehen lassen, es handle sich bei Varitani um einen Verräter am Goldenen Thron zu Terra. Sollten er oder andere Mitglieder der Inquisition es wagen, noch einmal einen Fuß auf Xeiros Prime zu setzen, werden wir diesmal nicht zögern."
"Hervorragend.", meinte Zaabesz.
Der Krieger warf erneut einen Blick auf die Zwillinge. Tereen hatte Alrihn mittlerweile von ihren blutdurchtränken Kleidern befreit und liebkoste lüstern ihren Körper. Mit einem tiefen Brummen wandte Malqevis sich um und ging in Richtung der Tore. Es war Zeit, sich eine Frau zu suchen.
Der Hexenmeister wartete noch einen Moment, nachdem der Krieger den Raum verlassen hatte, dann jagde er mit angewidertem Gesichtsausdruck und einer raschen Handbewegung einen Stromschlag durch die beiden ineinander verschlungenen Geschwister, der beide erschrocken und verärgert aufzischen ließ wie Schlangen. "Wenn Ihr Malqevis unbedingt reizen müsst, so will ich das tolerieren, da mir sein Unbehagen sehr wohl auch Vergnügen bereitet, doch sobald er sich nicht in meiner Gegenwart befindet, erspart mir gefälligst diesen Anblick. Ich habe zu denken und zu planen und ihr solltet Euren Platz kennen!"
Während Tereen noch immer wütend auf Zaabesz blickte, zog ihn die nackte Alrihn mit einem verspielten Lächeln zu sich hoch. "Komm, Bruderherz! Der Zauberer muss denken und planen und unser Platz ist anderswo!", ihre Stimme troff vor beißendem Spott. "Lasst es uns wissen, oh großer Meister, wenn ihr unserer Dienste bedürft. Bis dahin werden wir uns die Zeit schon vertreiben." Sie machte eine grazile Verbeugung und blickte dann starr ins Zaabesz wütendes Gesicht. Plötzlich schnellte ihr Arm zur Seite und schleuderte den Stuhl, auf dem Malqevis vorher gesessen hatte, blitzartig durch den ganzen Saal, wobei er nicht unweit des Fremden in tausend Stücke zerbarst. Tereen lachte schrill auf und umarmte seine Schwester.
"Kindischer Unfug.", murmelte der Fremde und erhob sich. In einigen Metern Umkreis sah es so aus, als ob der Saal hunderte Jahre gealtert wäre, die Farben waren verblasst, die Stoffe vergilbt und spröde, der Lack auf dem Holz blasig und aufgesprungen und der Parkettboden morsch und brüchig. "Seht zu, dass der Verschlinger sich vermehrt und dass das Portal stetig wächst. Bald schon wird sich zeigen, was die schillernden Ströme des Schicksals für uns bereithalten."
« Letzte Änderung: 13. Mai 2013, 21:13:07 von Arden Etklint Kleist »

Aller Gnaden Ende
« Antwort #19 am: 14. Mai 2013, 17:20:52 »
8 – Philosophische Annäherung

"Auch wenn ich auf die genauen Details wie gesagt nicht eingehen kann - noch nicht eingehen kann - möchte ich hier nochmals auf das ungemein hohe Gefahrenpotential dieser Mission hinweisen, sowohl was körperliche als auch was seelische Gesundheit angeht. Es ist durchaus möglich, dass wir nicht zurückkommen." Varitani strich sich über die Narbe unter seinem Kinn und sah die vor ihm Versammelten einen nach dem anderen an - und sie sahen ihn an, alle außer Blender. Der Assassine stand leger an ein Bücherregal gelehnt da - der schwarze Ledermantel hing ihm von den Schultern  - und blickte ins abendliche Dämmerlicht hinaus.
"Ist doch immer gefährlich, wenn Sie uns wo hinschicken, Herr Inquisitor.", brummte Nick Runsit, auch Granit genannt. Er saß breitbeinig in seinen beigen Hosen und seinem dunkelgrünen, eng anliegendem Hemd auf einer Couch, die eigentlich drei Personen hätte Platz bieten sollen.
"Das ist aber nicht dasselbe.", erwiderte Interrogator Railoun, der rechts von Varitani neben einer Glasvitrine stand. "Das Maß an Gefahr ist dieses Mal so erheblich, dass Sie eine mündliche Warnung des Herrn Inquisitors persönlich bekommen. Das sollten Sie sich also schon zu Herzen nehmen."
Granit brummte etwas Unverständliches.
"Eine Warnung und auch eine Empfehlung.", fuhr Varitani fort, stützte beide Arme mit den Ellenbogen an der dunkelbraunen Platte seines Schreibtisches auf und legte die Finger ineinander. "Sie haben noch zwei Tage Zeit. Verbringen Sie diese Zeit mit Menschen, die Ihnen nahe stehen, sagen Sie Ihren Lieben Lebewohl. Es könnte durchaus das letzte Mal sein, dass Sie dazu Gelegenheit haben werden. Sobald wir unser Ziel erreichen, besser gesagt, sobald wir von Scintilla aufgebrochen sind, werde ich keine außerdienstliche Kommunikation mit Unbeteiligten mehr gestatten."
Betretenes Schweigen antwortete ihm.
"Pater, Sie und Sie, Immarut, bleiben bitte noch bei mir, die anderen sind vorerst entlassen. Wir sehen uns morgen zur Vertiefung der Infiltrationstaktik." Varitani erhob sich und alle taten es ihm nach.
"Natürlich, Herr Inquisitor.", antwortete Pater Gerhart Thracian, der Redemptionistenpriester, in seiner sonoren Predigerstimme. Das Aussehen des Mannes war stahlhart, wie er in seiner dunklen Ordenstracht unter ihnen stand, dem Aussehen nach als einziger mit der Härte und Unbeugsamkeit von Varitanis Ausstrahlung konkurrierend.
Hrubens Arn alias Blender warf Varitani einen säuerlichen Blick zu und verließ als erster den Raum, seine dunklen Augen finster nach vorne gerichtet. Cattaleya Amalia VanSovrean hatte sich grazil aus dem bequemen Ohrensessel geschält, in den sie sich mit einem genüßlichen Stöhnen hatte sinken lassen und lächelte den neben ihr stehenden Lucius Frost verschmitzt an, während sie mit einem Kopfnicken in Richtung des Assassinen deutete. Der Ex-Arbitrator schnalzte nur ein wenig mißbilligend mit der Zunge, bot ihr seinen Arm und geleitete sie aus dem Arbeitsraum von Inquisitor Varitani. Hinter den beiden schob sich der dunkle Hühne aus dem Raum.
"Ich denke, es geht dorthin, von wo sie gerade gekommen sind, nach Xeiros Prime. Stimmt's, Inquisitor?" Obwohl der Tonfall des Telepathen Phos Isand weder scharf noch unfreundlich gewesen war, rief seine unangenehme Stimme oft ganz ähnliche Reaktionen hervor.
"Ich denke, Sie sind manchmal klüger als Ihnen gut tut, Vox.", gab Railoun schnell zurück und warf einen raschen Blick in Richtung Varitani, dessen sorgenvoller Aspekt dem scharf beobachtenden Telepathen bereits die Bestätigung seiner Vermutung gab, ganz ohne dass er irgendwelche Kräfte hätte einsetzen müssen.
"Und ich denke", schloß sich Varitani selbst an, "dass ich Ihnen alles gesagt habe, was ich für wichtig und vertretbar halte, Isand. Wie Sie sicher wissen, habe ich DeVetter auf Xeiros Prime verloren. Er hat mir das Leben gerettet. Ich will ganz offen in dieser Sache sein. Ich hätte lieber ihn dabei, aber das geht nicht. Sie haben sich mir immer als wertvoll und verläßlich präsentiert, Isand, deshalb habe ich keine Bedenken, wenn ich Sie nun mitnehme, wenn Sie nun die Möglichkeit bekommen, sich den Platz zu verdienen, den DeVetter innehatte."
Der Psioniker nickte nachdenklich. "Ich verstehe, Herr Inquisitor. Natürlich."
"Jetzt aber raus mit Euch, Isand!", bellte ihn Pater Thracian an. "Ihr wurdet bereits entlassen."
Ein kaltes Lächeln zog über die Züge des Telepathen, als er eine Verbeugung andeutete und sich ebenfalls zurückzog.

Als sich die Türe zischend hinter ihm geschlossen und er den Vorraum des Arbeitsbereichs von Inquisitor Varitani betreten hatte, sah sich Phos Isand um. Alle anderen Akolythen waren noch anwesend: Lucius Frost, der verbissene Ex-Bulle, stand links von ihm in einer Ecke neben einer übermannshohen Zimmerpflanze und hantierte mit seinem Kommunikator herum, nicht weit weg von ihm - welch Überraschung  - hatte sich die Adelige auf einer gepolsterten Bank niedergelassen und eine Datentafel gezogen, die sie gerade an eine Wandkonsole anstöpselte. Blender und Granit standen einige Meter vor dem Psioniker an der breiten Fensterfront des Turris Malleus und unterhielten sich gedämpft. Die Laune des Assassinen war nach der kleinen Abreibung, die ihm Varitani gerade verpasst hatte, noch immer düster. Tja, sind halt nicht alle solche Goldjungen wie unser Löwe oder der Pater.
"Tatsächlich, da ist es ja!", rief Honeymoon fröhlich aus und aktivierte einen kleinen hololithischen Projektor, der abwechselnd Bilder einer schrill überstylten Nachrichtensprecherin und diverser Videos und Fotografien in den Raum warf.
"Der von mehreren Kugeln durchbohrte Körper von Prediger Orian Sibellian, dem persönlichen Assistenten von Erz-Kardinal Ignato, wurde heute morgen von Bediensteten in seinem Appartement aufgefunden. Nach Bekanntwerden des gewaltsamen Todes hat sich umgehend das Adeptus Arbites und das Magistratum eingeschaltet."
"Das Adeptus Arbites, sieh‘ an, sieh‘ an. Das wird ja richtig heiß. Das also hat Varitani gemeint, als er vorher "Es sollte nach einem Unfall aussehen" gedonnert hat." Das kecke Grinsen stand der Diebin noch immer ins Gesicht geschrieben.
Arn verzog erneut das Gesicht. "Es soll auch schon Unfälle mit Feuerwaffen gegeben haben, wenn ich mich recht entsinne."
"Nach Begutachtung der drei Brusttreffer wird von einem Unfall ausgegangen.", fingierte Cattaleya lachend einen weiteren Bericht der Nachrichtensprecherin.
"Pah.", Blender machte eine wegwerfende Armbewegung. "Vielleicht werde ich ihm empfehlen, das nächste Mal Dich zu schicken, Honeymoon. Aber welche Sauerrei es dann aufzuräumen gibt, will ich mir gar nicht vorstellen."
"Varitani weiß schon, was er tut.", ließ da Vox verlauten, und alle außer Lucius Frost zuckten ein wenig zusammen. Der Ex-Arbitrator blickte auf das kleine, hololithische Bild einer Frau und sprach in gedämpftem Ton mit ihr: "Freut mich. Dann lade ich Dich zum Essen ein. In Tremiens Garten der Sinne vielleicht? Um 20 Uhr? Gut, dann hole ich Dich zehn Minuten vorher ab." Ein kurzes Lachen folgte der Erwiderung der Frau. "Aber Elena, wann hat mich ein bisschen Verkehr jemals aufgehalten? Wir werden schon pünktlich sein. Wir sehen uns dann." Das Holo-Bild verschwand und Lucius wandte sich den anderen zu, die ihn fast ausnahmslos anblickten. "Hm?", brummte er fragend.
"Ich denke, wir fliegen nach Xeiros Prime. Dort muss etwas passiert sein. Das erklärt die rasche Rückbeorderung und die dringliche Einsatzorder. Und könnt Ihr Euch erinnern, wann wir das letzte Mal von Inquisitor Varitani selbt begleitet wurden? Und von Railoun?", tat der Telepath kund und ging auf eine Bank zu seiner Rechten zu. In seiner Hand begannen drei Glasperlen zu rotieren, sich zu überschlagen und geräuschlos zu tanzen - seine Konzentrationsübungen.
"Er hat uns noch nie begleitet...", brummte Granit.
"Mich schon.", warf Lucius ein. "Ist aber schon einige Zeit her und war auch nicht angenehm damals." Rikkard Horlant kam ihm ins Gedächtnis. Varitani hatte damals dem Ex-Arbitrator das Kommando über einen Trupp gegeben und Akolyth Horlant hatte es nicht zurückgeschafft. Seither war Lucius doppelt darauf bedacht, dass wenn irgend möglich alle überlebten.
"Ist Euch aufgefallen, wie krank Varitani aussieht?", meldete sich nun wieder Hrubens Arn zu Wort. "Die Augenringe und die Falten."
Frost nickte; er hatte ja vor einigen Tagen vom Interrogator Railoun bereits erfahren, dass eine Mission nach Xeiros Prime wahrscheinlich war. Auch Varitanis reduzierten Zustand hatte er natürlich bemerkt. "Ist mir nicht entgangen. Ich stimme den Ausführungen von Vox zu. Es müssen schlimme Dinge auf Xeiros Prime passiert sein. Vergessen wir nicht Frederiq und Arian." Seit der Sache mit Vynnor Lucrés war sie bei uns. Ich hoffe, sie hat nicht gelitten. Wie konnte man die auch vergessen. Es war schon durchaus nicht unüblich, dass ein Akolyth starb, doch tat es zumindest Lucius Frost jedes Mal weh, an die eigene kurze Lebenserwartung erinnert zu werden und auch an die seiner Leute, die er zum Großteil gern hatte und für die er auch meistens die Verantwortung trug. Irgendwie beruhigte es den Ermittler, dass er dieses Mal vielleicht einmal wieder nur ein kleineres Rädchen im Getriebe sein würde.
"Was haltet Ihr von dem Hinweis, unseren Frieden mit der Welt zu machen? Das klingt schon ein wenig theatralisch, oder nicht?", wollte Cattaleya wissen. "Wir waren ja schon in schlimmen Klemmen - denkt nur einmal an Zumthor."
"Ich kenne den Blick vom Herrn Inquisitor.", mahlten da die Steine in Granits Kehle. "War damals bei den Büßern auch nicht anders, wenn die Männer dem Tod ins Gesicht geblickt haben. Das sollte uns schon zu denken geben." Mit den Büßern bezeichnete der ehemalige imperiale Gardist das Strafregiment, dem er einige Zeit zugewiesen gewesen war. Dem Regiment, dessen Mitglieder fast ausschließlich Verbrecher und Halsabschneider gewesen waren, Männer, die gegen Regeln verstießen oder wie in seinem Fall Zwangsrekrutierte, waren immer wieder höchst undankbare Positionen auf Schlachtfeldern zugewiesen worden bis hin zu regelrechten Himmelfahrtskommandos. Irgendwie hatte es der hühnenhafte Stammeskrieger geschafft, das alles zu überleben und war von Varitani als Mann fürs Grobe eingestellt worden, eine Aufgabe, die der ruhige und erfahrere Krieger seither mit Bravour erfüllt hatte.

Inquisitor Varitani hatte sowohl sich selbst als auch Interrogator Railoun ein Glas Wein eingeschenkt. Dem Maccabeus-Priester hatte er Wasser gegeben. "Der Grund, warum ich mit Ihnen sprechen muss, Pater, liegt in der Natur des Auftrags, bei dem sie alle mich begleiten werden."
Gerhart Thracian nickte.
"Wie zumeist geht es gegen den Erzfeind und wie zumeist, wenn die Inquisition involviert ist, hat er sein Angesicht noch nicht enthüllt. Wir müssen uns wie zuvor bereits erwähnt vorsichtig bewegen und unerkannt bleiben."
Die Miene des Priesters verdüsterte sich.
Varitani brachte ein schwaches Lächeln zustande. "Ich weiß, wie sehr das Ihrer herkömmlichen Arbeitsweise entgegensteht, Pater. Doch diesmal wird das reinigende Feuer nicht von uns ausgehen. Diesmal ist der Gegner zu zahlreich und zu verbreitet, um chirurgisch vor Ort entfernt werden zu können."
Die Augen des Priesters weiteten sich. "Wir ziehen also in vom Feind besetztes Gebiet? Hier, im Calixis Sektor?"
Varitani nickte. "Wobei dieses Gebiet als solches noch nicht zu erkennen ist. Wir ziehen nicht gegen den Feind - zumindest nicht direkt. Doch wir können ihm durch unsere Heimlichkeit viel mehr Schaden zufügen als durch offenen Kampf."
"Dieser Gedanke ist nur schwer zu fassen.", gab Gerhart zu.
"Das weiß ich und darum spreche ich mit Ihnen darüber, Pater. Doch nicht um Ihr Verständnis und Ihr Wohlergehen mache ich mir Sorgen. Mir ist klar, dass ich darob keine Bedenken zu haben brauche. Es geht mir um den Rest der Truppe. Es könnte unwahrscheinlich belastend für die seelische Verfassung der Akolythen werden und an den Ort, an den wir fahren, scheint das Licht des Imperators nicht mehr länger."
Jetzt riß der Priester die Augen auf. "Ketzerei!"
"Ketzerei der schlimmsten Art.", stimmte Railoun zu und nahm einen Schluck. "Sie sollen für uns der Anker sein. Sie werden möglicherweise der einzige Träger Seines Lichtes sein, wenn der Erzfeind sein Haupt erst vollständig erhoben hat."
Stählerne Entschlossenheit breitete sich auf den Zügen des Kampfpriesters aus und brandete über Railoun und Varitani hinweg. "Des Erfolges wird gedacht, des Versagens wird sich nur erinnert."
"Wie gedenken Sie denn Ihre verbliebene Zeit hier auf Scintilla zu verbringen?", erkundigte sich Varitani nach einigen Augenblicken der Stille.
"Fernab von aller Sünde und aller Falschheit, die stets in den Menschen ruht. In Einsamkeit und Einkehr will ich mich stählen, auf dass Sein Wille mich allzeit durchströme."
Varitani nickte. "Wir werden zusammen reisen, wir beide, Pater, und nehmen noch Chnishnit liutstam Hrun'Sith mit." Varitani nannte Granit stets bei seinem Stammesnamen, den der Krieger beim Eintritt in das imperiale Leben in Nick Runsit geändert hatte, um einerseits den sprachlichen Fähigkeiten des imperialen Durchschnittsbürger entgegenzukommen und um andererseits wenigstens nicht des Namens halber vollkommen fremdartig zu wirken. "Wir werden uns als Pilger ausgeben, die den Drusus-Schrein von Xileiphos besuchen wollen. Sie werden aus offensichtlichen Gründen die Rolle des Pilgerführers einnehmen."
Thracian nickte. "Ich verstehe. Das kommt mir verhältnismäßig entgegen. Ich bedanke mich für diese Rolle, Herr Inquisitor."
Varitani machte eine wegwerfende Handbewegung. "Dafür brauchen Sie mir nicht zu danken, Pater. Ich bin ein Diener des Imperators und erfülle meine Pflicht so gut ich kann. Nach meinem Dafürhalten sind Sie ein lausiger Schauspieler, also halte ich die Erfolgschancen für besser, wenn ich Ihre Rolle nahe an Ihrem Milieu halte."
"Ich verstehe."
"Das wäre dann alles, Pater. Der Imperator beschützt."
Der Maccabeus-Priester verneigte sich kurz und steiff: "Der Imperator beschützt." Dann verließ er den Raum.

"Du triffst heute also noch Dein Mädchen.", stellte Cattaleya an Lucius Frost gewandt fest.
Dieser nickte. "In der Tat. Ich muss sogar bald los, sonst komme ich nicht rechtzeitig."
"Na dann viel Spaß."
Lucius Frost konnte nicht umhin, die mitschwingende wenn auch nicht offensichtliche Bitterkeit in Honeymoons Glückwünschen wahrzunehmen. "Danke." Er tippte sich zum Gruß an die Stirn, schob sich ein Lho-Stäbchen zwischen die Lippen und machte sich schleppenden Schritts davon. "Wir sehen uns morgen, Leute."
Cattaleya ließ sich wieder auf die gepolsterte Sitzbank sinken und sah sich nach Alternativen um. Zuerst glitt ihr Blick in Richtung des Telepathen, doch ließ sie ihn schleunigst weiterwandern, was Vox mit einem wissenden Grinsen quittierte.
Der einzige Zeitvertreib, den ich mir für uns zwei vorstellen könnte, wäre wahrscheinlich nicht das, was Dir vorschwebt. Dem Psioniker war klar, dass er diesen Abend allein verbringen würde. Überhaupt erschien es ihm seltsam, dass der Inquisitor dieser Gruppe von Ausgestoßenen und Freaks eine Empfehlung wie "Verabschiedet Euch von Euren Lieben und verbringt noch eine schöne Zeit solange Ihr könnt" gab. Er selbst fand die Vorstellung, längere Zeiträume mit einem der Truppe zu verbringen, nicht gerade prickelnd, wenn ihn nicht der Beruf in diese Position zwängte. Er konnte sich also gut vorstellen, dass es anderen Menschen genauso ging. Die Ausnahme war vielleicht der Assassine, der ihn noch am wenigsten mit Verachtung strafte und durchaus für den zumeist düsteren Humor des Psionikers zugänglich war. Doch wen gab es sonst noch? Lucius Frost war immer anderwärtig beschäftigt, entweder mit Frauen, für Isands Geschmack viel zu schnellen Fahrzeugen oder irgendwelchen Untersuchungen, Granit war getreu seinem Spitzamen zu stumpf, der Pater - kein Kommentar, Honeymoon eigentlich nur für eins wirklich zu gebrauchen und in diesen Genuß war er noch nicht gekommen, und der Interrogator war zu abgehoben von der normalen Truppe. Nein, er würde den Abend alleine verbringen, ein bisschen faulenzen oder etwas lesen, vielleicht auch in einen Club gehen und sich noch ein paar angenehme Erinnerungen verschaffen, an denen er in den düsteren Stunden der Nächte würde zehren können, falls ihm die Fantasien, in denen die Adelige vorkam, irgendwann einmal langweilig werden würden. Sollten die anderen doch bleiben, wo der Pfeffer wuchs. Vox wandte sich grußlos ab und ging.
"Ein richtiger Sonnenschein, was?", grinste Nick Runsit in Richtung von Honeymoon.
"Das kannst Du laut sagen, Granit.", gab diese mit einem Seufzen zurück. Die oberflächliche Offensichtlichkeit, die Grundlage für in diesem Moment scheinbar alle Kommentare des ungeschlachten, aber manchmal durchaus liebenswürdigen Riesen bildete, langweilte Honeymoon zutiefst. Wenn doch nur Lucius seine Zeit mit ihr verbringen würde anstatt mit dieser Chemikerin! Eine Zornesfalte bildete sich zwischen den Augenbrauen Cattaleyas.
"Genau wie unser Pater.", fügte Arn hinzu. "Dem scheint die Sonne auch immer derart aus dem Allerwertesten, dass das mit der Undercover-Sache sicher interessant wird. Vielleicht sollten wir die Beiden mal zusammen in eine Zelle sperren und nach einer Woche sehen, was draus geworden ist." Ein schelmisches und zugleich bösartiges Grinsen war auf seinen Zügen zu erkennen.
In dem Moment öffnete sich die Türe und Gerhart Thracian betrat den Raum.
"Ah!", rief der Assassine mit gespielter Scheu aus und hielt sich die Hand vor Augen. "Ich bin geblendet."
"Verblendet wohl eher.", entgegnete der Maccabeus-Priester grollend. "Behelligt mich nicht mit Euren sündigen Witzen, Meuchelmörder, sondern tut das Werk der Rechtschaffenheit, wie es der Imperator in Seinem Willen für Euch vorgesehen hat. Das ist der einzige Weg, der Euch retten kann."
Hrubens Arn wollte gerade etwas erwidern, doch die bulkige Masse des sich aufrichtenden Kriegers schob sich ins Blickfeld des Assassinen. "Blender, alter Junge, komm, wir wollen uns umsehen, was Scintilla uns heute Abend noch zu bieten hat."
Blenders Mundwinkel wanderte nach oben. "Na klar doch, mein Großer." Er klopfte dem Ex-Gardisten auf die muskelbepackte Schulter, und sie machten sich auf den Weg. "Bis bald, Honeymoon, treib's nicht zu wild.", lachte Blender im Hinausgehen, was ihm einen durchaus kräftigen Schlag von Nick Runsit zwischen die Schulterblätter einbrachte. "Hey, lass gut sein, das war doch nur so ein Spruch.", hörten Honeymoon und Gerhart ihn maulen. Die dumpfe Erwiderung Granits war nicht mehr verständlich.
Erneut seufzte Honeymoon. Nur der Pater war geblieben. Das Schicksal meint es gut mit mir, dachte sie ein wenig resigniert.
"Wie geht es Euch, Cattaleya?", erkundigte sich Gerhart und schritt langsam auf das gewölbte Fenster zu.
VanSovrean blies hörbar die Luft zwischen den Zähnen aus. "Naja, den Umständen entsprechend gut denke ich. Ich weiß nicht genau, wo ich jetzt hin soll. Sie haben nicht zufällig Interesse, gemeinsam etwas zu unternehmen?"
Der Priester wandte sich um, ein überraschter Ausdruck auf seinen Zügen, was ihn bei weitem nicht so hart und unnahbar erscheinen ließ wie sonst. "Das Angebot ehrt mich in gewisser Weise - auch wenn ich allem Anschein nach der Notnagel bin.", antwortete er und blickte sich im leeren Warteraum um. "Ich hege aber die dringende Vermutung, dass sich unsere Vorstellungen, was einen segensreichen und erfüllenden Abend vor unserer Abberufung ausmacht, nicht direkt decken - auch wenn mich das Gegenteil zu einem gewissen Grade freute."
Cattaleya hatte keinerlei Probleme, der etwas geschraubten und altertümlichen Formulierung des Geistlichen zu folgen, und sie war irgendwie erleichtert, dass sie ihm voll und ganz zustimmen konnte. Sie wusste gar nicht, warum sie ihn überhaupt gefragt hatte. Sie lächelte dünn und nickte. "Das stimmt schon, Pater."
Gerhart presste die Lippen aufeinander, und sein Gesicht wurde wieder hart wie der Rufname des dunkelhäutigen Ex-Gardisten. "Falls Ihr nach wie vor nicht wisst, was Ihr an diesem Abend tun sollt, Cattaleya, so will ich Euch sagen, dass die Tore der großen Kathedrale der Erleuchtung einer reuigen Seele immer offen stehen und Ihr wohl großen Wert aus einer Nacht voll des Gebets und der Kontemplation schöpfen könntet."
Cattaleya musste tief in die Trickkiste ihrer Schauspielkunst greifen, um den unerwarteten Vorschlag nicht mit offensichtlicher Verachtung zu quittieren. Stattdessen prangte ein strahlendes Lächeln von ihren perfekten Lippen. "Ich werde Ihren Rat im Gedächtnis behalten, Pater."
Ein peinlicher, weil etwas zu langer Moment der Stille wurde vom Räuspern des Priesters beendet. "Nun ja, ich werde mich dann zurückziehen. Gebt gut auf Euch Acht, Cattaleya."
"Wie immer. Und Sie auf sich, Pater."
Er neigte noch einmal steiff den Kopf, dann schritt er von dannen.
Cattaleya stützte das Kinn auf einen Handrücken und fuhr eine zeitlang mit ihrem Fuß über den polierten Boden, als ob sie irgendwelche okkulten Zeichen malen würde. Als sie schon aufstehen wollte, um sich notgedrungen alleine in die Nacht von Sibellus zu stürzen, hörte sie das Zischen der Türe und blieb sitzen, als ob sie nachdachte. Es war ihr in ihrer Gedankenversunkenheit entfallen, dass Varitani und Railoun ja immer noch hier waren. Railoun, schoß es ihr durch den Kopf. Der würde doch nicht Nein sagen, wenn sie mit ihm den Abend würde verbringen wollen. Es ist aber vollkommen unpassend, wenn ich ihn darauf anspreche. Leise rührte sich auch ihr Gewissen, da sie ja gar nicht an ihn gedacht hatte, er wirklich nur die letzte Notlösung für sie war. Sie erinnerte sich, was ihr Lucius bezüglich der Blicke gesagt hatte, die Railoun ihr immer wieder zuwarf. Cattaleya merkte wir ihr Hitze aufstieg und bemühte sich sofort, das zu unterdrücken. Auch ihr Herz schlug schneller. Wird er mich fragen? Hat sich Lucius das vielleicht nur eingebildet? Cattaleya wunderte sich, warum diese Gedanken auf einmal so in ihr hochschossen und warum es ihr anscheinend nicht ganz unwichtig war. Nutze ich ihn nur aus? Falls ja, kümmert mich das überhaupt?
"Ach, Sie sitzen ja ganz alleine hier, Cattaleya." Immaruts warme Stimme wusch über sie hinweg.
"Mhm", brummte sie und musste sich räuspern, weil ihr Hals ein wenig verlegt war.
"Sagen Sie bloß nicht, dass dies Ihre Vorstellung von einem gelungenen Abend ist." Der Interrogator grinste, als er an ihr vorbeiging und sich zum Fenster stellte.
Honeymoons Augen huschten hin und her. "Die anderen sind gerade erst gegangen."
"Verstehe." Railoun wippte ihr abgewendet ein paar Mal auf den Fußballen auf und ab, dann sagte er leise: "Ich weiß eigentlich gar nicht, was ich heute noch machen soll."
Wieder merkte Honeymoon die Hitze im Gesicht und hoffte, dass man ihr keine Röte oder Ähnliches würde ansehen können. Das war ja wirklich unglaublich! Sie kannte Immarut Railoun schon seit Jahren, sie waren immerhin Arbeitskollegen.
"Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend dann.", hörte sie ihn sagen und sah auf. Er sah ihr in die Augen und zögerte einen Moment, als ob er sich nicht entschließen konnte, was zu tun sei. Dann wandte er sich ruckartig ab und ging auf den Ausgang zu.
Da fiel ihr auf, dass sie gar nichts gesagt hatte. Sie erhob sich. "Ich..."
Gleichzeitig hatte sich Railoun ihr wieder zugewandt und sagte: "Hören Sie..." Beide verstummten.
"Bitte entschuldigen Sie, ich habe Sie unterbrochen." Der Löwe strich sich durch die Haarmähne.
"Tja.", sie lächelte ihn an. "Ich wollte sagen - ich weiß ehrlich gesagt auch nicht..." Sie hielt inne.
Sie hörte, wie Railoun tief durchatmete, bevor er fragte: "Würden Sie mir dann vielleicht Gesellschaft leisten? Mir wäre es eine Freude."
Sie musste ihr aufkeimendes Lächeln auf ein normales Maß dämpfen. "Gerne."
Gemeinsam verließen sie das Wartezimmer.

Als sich Immaruts Herz nach ein paar Minuten an der Seite der Adeligen ein wenig beruhigt hatte, begann die Müdigkeit wieder durchzukommen, die er bereits im Arbeitszimmer von Inquisitor Varitani verspürt hatte und die erst beim Anblick der wartenden Cattaleya dem Adrenalin gewichen war. "Ich - habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wohin ich Sie ausführen sollte.", gab er verlegen zu. "Ich kenne kaum Etablissements, die Ihren Ansprüchen genügen würden."
Honeymoon lächelte ihn an. "Ach, ich bin nicht so wählerisch. Etwas zu Essen wäre nicht schlecht, was meinen Sie?" Als sie ihn anblickte, fiel ihr auf, wie müde er wirkte. Diese ganze Situation muss natürlich auch für ihn sehr belastend sein.
Seine Miene hellte sich auf, als ob ihm etwas einfiele. "Ich habe erst von einem angeblich vorzüglichen Restaurant reden hören, von wem fällt mir jetzt nicht ein. Es heißt: Tremiens Garten der Sinne. Was halten Sie davon?"
Cattaleya verzog den Mund. Das war das Lokal, in dem sich Lucius Frost mit seiner Freundin traf, wahrscheinlich in diesem Augenblick - was Railoun natürlich nicht wissen konnte.
Besorgnis war in sein Gesicht getreten und er fragte bedauernd: "Ist das Restaurant denn so schlecht? Kennen Sie es?"
Sie räusperte sich. "Nein, dazu kann ich nichts sagen, aber Lucius wird mit der Seinigen heute Abend dort dinieren. Das haben Sie vorher knapp nicht mitbekommen, ich allerdings schon. Ich würde es gerne vermeiden, den beiden über den Weg zu laufen."
Railouns Blick richtete sich sofort auf die Straße vor ihnen. "Ich verstehe."
Er denkt jetzt sicher: Verdammt, ich hab's vermasselt. Armer Löwe.
Cattaleya näherte sich und hakte sich bei ihm ein. "Warum nicht die Geöhlte Kehle?"
Ein kurzes Lächeln der Erleichterung huschte über seine Züge. "Ja, gut. Von mir aus gerne."

Das Angebot aus der Küche der kleinen Gaststätte im Mittelhive beschränkte sich auf einfache Speisen, war also auf keinen Fall mit dem exquisitien und dem Feinschmecker schmeichelnden Sortiment aus Tremiens Garten der Sinne zu vergleichen, doch das störte Cattaleya nicht - zumindest an diesem Abend. Die Wirtschaft war bis auf sie beide leer, als sie an einem kleinen Tisch im Licht einer Kerze zusammen aßen, tranken und sich unterhielten.
"Ich weiß eigentlich gar nicht viel über Sie, Immarut, wenn man bedenkt, wie lange wir jetzt schon zusammenarbeiten.", sagte sie, als der Wirt gerade einen Suppenteller in die Küche zurück trug.
"Und ich weiß nicht viel über Sie.", erwiderte der Interrogator und nahm sein Weinglas auf, in dem ihn ein vollmundiger Roter erwartete.
"Na Sie haben doch Zugang zu meiner Datei, oder etwa nicht?", gab sie lächelnd zurück. "Außerdem sind Sie Interrogator und können mich ja mal befragen." Sie zwinkerte ihm zu.
Er lächelte flach. Sie als Mitarbeiterin im Außendienst war noch bei keinen nennenswerten Verhören dabeigewesen, soweit er wusste. Das war eine kalte und unmenschliche Angelegenheit wie er fand. "Wenn ich so an die anderen denke, frage ich mich, ob wohl alle eher einsam sind, Einzelgänger.", sagte er in nachdenklichem Ton.
Sie zog eine Augenbraue hoch. "Hm, nicht alle. Natürlich sind Personen wie Thracian oder Isand keine Charmeure, aber Arn ist sicher nicht lange alleine, wenn er das nicht will und Lucius natürlich auch nicht."
"Kennen Sie seine Partnerin?"
"Flüchtig.", kam die scharfe Antwort.
Immarut kniff die Lippen zusammen. "Sie sind doch nicht eifersüchtig, oder?"
Meine Güte, der kann ja richtig frech sein. Na warte! Cattaleya atmete schwer durch. "Ich kann es kaum glauben, dass wir ausgerechnet über Lucius sprechen, wenn wir beide zusammen hier sind."
Immarut räusperte sich. "Es tut mir leid, wenn das unangenehm ist oder Sie das als unangebracht empfinden. Normalerweise ist man ja wohl nicht so direkt."
Cattaleya dachte an Lucius und wie direkt er sie manchmal auf persönliche Dinge ansprach. "Man möchte es nicht glaube, aber des Öfteren kommt das vor. Kein Problem."
Immarut blickte zur Seite. "Es ist seltsam. Mir kommt es so vor, als konzentriere sich der letzte Rest von unserem normalen Leben auf diese kurzen Momente, in denen wir nicht der Bedrohung und der Korruption ausgesetzt sind. Es ist, als wollten wir all das Leben, das andere Menschen haben, in diese Zeit zusammendrängen. Ich denke, darum sind viele Akolythen auch so ausschweifend."
"Ausschweifend?"
"Nun ja. Es gibt im Großen und Ganzen nur zwei Arten, mit diesem Dasein umzugehen. Es gibt Menschen wie den Pater, die ganz das sind, was Sie als ihre Arbeit bezeichnen. Thracian oder Varitani brauchen keinen oder zumindest viel weniger Ausgleich, müssen nicht die Rolle, die sie während ihrer Berufsausübung annehmen, zeitweise ablegen, um sich Luft zu verschaffen, weil es keine Rolle ist sondern sie wirklich sie selbst sind. Dann gibt es Leute wie Granit, Blender oder auch Lucius, die in ihrer Freizeit nach der einen oder anderen Seite hin ausschweifen, seien es Fahrzeuge, Alkohol oder Frauen oder auch andere Dinge. Diese Personen sind nicht ihr Beruf, sondern Menschen, die einen Beruf ausüben."
"Das sind - interessante Gedankengänge.", sagte Cattaleya und stützte ihr Kinn auf ihren Handrücken.
"Tut mir leid, wenn ich Sie langweile."
"Aber nein, das tun Sie nicht. Ich finde es sogar erfrischend, einmal nicht über Offensichtliches sprechen zu müssen."
Immarut nickte.
"Sie denken sehr viel nach, stimmt's? Das ist mir schon aufgefallen."
"Ich denke, dass nicht alles so einfach ist, wie man es uns erzählt. Ich denke, dass durchaus auch Wahrheiten jenseits dessen liegen, was uns das Ministorum zu glauben erlaubt."
Cattaleyas Stirn zeigte Sorgenfalten. "Ich bin zwar kein ausgewiesener Spezialist, aber das könnte man in einigen Kreisen wohl als Ketzerei auslegen.", sagte sie, dann fügte sie in lockerem Tonfall hinzu: "Darf ich Sie darauf hinweisen, dass eine Akolythin der Inquisition anwesend ist."
Er lächelte. "Ich werde mich vorsehen."
"Aber - Sie glauben doch an das Imperiale Kredo?"
"Ja, natürlich. Ich glaube an den Imperator, an seinen Willen und dass wir mithelfen, ihn durchzusetzen und rein zu erhalten. Ich bin aber der Meinung, dass die Interpretation seines Willens, die wir im Aufbau des Imperiums auf vielen Welten sehen, vornehmlich dazu dient, den ganzen Bau überhaupt existent zu halten. Man kann auch nicht zulassen, dass Millionen von Arbeitern ihre Zeit mit philosophischem Gedankengut verbringen. Und für diese Massen sind die Lehren des Ministorums auch gut. Sie sind einfach und erfordern kein eigenes Denken."
"Aber für Sie ist das nichts?"
Immarut schüttelte den Kopf. "Nicht genug zumindest. Ich kann es mir nicht leisten, einfach alles so hinzunehmen, wie es mir gegeben wird, nicht als Interrogator. Ich muss selbst denken. Diese Einstellung ist sicher mit meinem Beruf erstanden, doch bin ich sehr dankbar dafür. Meiner Meinung nach wären auch alle anderen Menschen dankbar für diese Art der Freiheit, doch das ist Teil des Opfers, das gepredigt wird, des Opfers, das wir alle dem Imperator gegenüber bringen müssen. Wir als Teil seiner Inquisition bringen es in all den Leib und Seele gefährdenden Situationen, denen wir ausgesetzt sind, im Hingeben unserer Menschlickeit, sollte das notwendig sein und der durchschnittliche Bürger oder Arbeiter eben in dem Entbehren der Freiheit. Diese Opfer sind unumgänglich, wenn das Imperium und damit auch die Menschheit Bestand haben soll."
"Puh, da brummt einem ja gleich der Kopf.", lachte sie. "Aber ich denke, ich kann Ihnen folgen und wohl auch zustimmen."
Der Hauptgang wurde aufgetragen, und sie aßen einige Zeit in Stille, bevor Cattaleya fragte: "Zu welcher Kategorie gehören Sie, Immarut? Suchen Sie den Ausgleich oder gehen Sie in Ihrem Beruf auf?"
Der Interrogator schluckte einen Bissen hinunter und legte dann Messer und Gabel beiseite. "Hm, interessante Frage. Ich würde sagen, ich bräuchte schon eine Art Ausgleich, doch weil ich in der Arbeit wirklich ich bin, fällt es mir schwer, mich Außenstehenden anzuvertrauen."
Die Adelige nickte, und sie setzten das Mahl fort. Danach bestellte Immarut noch ein Glas Wein für jeden von ihnen.
"Das ist wohl der Grund, warum Sie keine Partnerin haben, nicht wahr?", fragte Cattaleya.
"Wie kommen Sie darauf?" Immarut blickte sie ernst aber freundlich an und ließ sich in seinem Stuhl nach hinten sinken.
Hinter ihnen hörten sie das Klirren von Gläsern und sahen den Wirt ein letztes Mal das Holz der bereits blitzblanken Schanktheke polieren.
"Ich denke fast, er will schließen. Was halten Sie davon, wenn wir das Gespräch oben fortsetzen?"
Immaruts Augen weiteten sich eine Spur. Er räusperte sich. "Na - na gut."
Sie nahmen ihre Gläser und gaben dem Wirt Bescheid, bevor sie sich zurückzogen. Cattaleya ging in eines der Doppelzimmer und nahm in einem Ohrensessel Platz, der nahe bei einem der Fenster stand. Das leise Surren des Luftaustauschers war zu hören und gedämpft der Lärm von draußen. Es war mittlerweile relativ dunkel geworden. Der Raum wurde von einem einzigen Glühglobus matt erleuchtet. Sie hätten noch mehr Licht machen können, ließen es aber so. Immarut bezog ihr gegenüber in einem zweiten Ohrensessel Aufstellung, einen kleinen Beistelltisch zwischen ihnen, auf dem sie ihre Weingläser abstellen konnten.
"Also.", eröffnete Cattaleya. "Wie komme ich darauf? Ich habe einfach über das, was Sie über die Persönlichkeiten sagten, wie sie mit diesem Leben umgehen und der Zeit, die sie zur Verfügung haben, nachgedacht. Auch über ihre Einschätzung von Lucius." Sie hielt inne. Will ich ihm das alles überhaupt erzählen? Wir sprechen viel zu viel von Lucius.
"Ja?"
"Er hat mir einmal gesagt, dass es ihm unprofessionell erschiene, sich mit einer Arbeitskollegin einzulassen. Sie haben ihn vorher bei der Gruppe genannt, die ihr Privatleben und ihre Arbeit trennen. Das passt, finde ich, gut zusammen. Sie selbst bezeichnen sich als jemand, der in der Arbeit ganz er selbst ist und dass sie deshalb jemanden aus diesem Bereich brauchen, um sich öffnen zu können."
Immarut brummte zustimmend. "Ja, ich hätte mir diese Antwort von Lucius erwartet."
"Sehen Sie, ich nicht.", blaffte Cattaleya, viel schärfer als gewollt. Sie fügte schnell in ruhigem Ton hinzu: "Das kommt davon, dass Sie so viel grübeln, sich so viel überlegen. Sie können die Menschen gut einschätzen."
"Ach, stellen Sie Ihr Licht jetzt nicht unter den Hocker, Cattaleya. Ich weiß, wie gut Sie in diesem Bereich sind, das ist eine ihrer wichtigsten Eigenschaften! Dass Sie das bei Lucius nicht erwartet hatten, lag einfach an Ihrer eigenen emotionalen Situation. Die gibt es von meiner Seite Lucius gegenüber einfach nicht, darum kann ich das genauer beurteilen."
Dieser kleine...! "Meine emotionale Situation?"
"Es ging doch um Sie, oder nicht?" Er blickte in ihre starren Augen, die in die Vergangenheit zu blicken schienen. "Wir waren eine zeitlang recht eng befreundet, Lucius und ich, müssen Sie wissen."
"Ja, ich weiß das auch.", entgegnete sie gedankenverloren. "Das habe ich schon mitbekommen damals. Scheint heute eine ganz andere Welt zu sein."
"Dann ist auch kaum zu übersehen, wie mißbilligend sie seiner Freundin entgegenstehen, dieser Elena Lakrio."
"Schon gut, Herr Interrogator. Sie haben mich erwischt. Es ging damals um mich. Aber zurück zu meinem Gedankengang: Lucius befürchtet, dass ihn eine engere Beziehung in seiner Arbeit beeinflussen würde. Das wollte er verhindern. Wäre das bei Ihnen anders?"
Immarut schüttelte fast sofort den Kopf. "Nein, natürlich nicht. Ich versuche, nicht naiv zu sein, was meine Selbsteinschätzung angeht. Natürlich würde mich das beeinflussen. Aber ich fürchte mich nicht davor."
Honeymoon legte den Kopf ein wenig schief und machte ein fragendes Gesicht.
"Ich funktioniere und arbeite ganz anders als Lucius. Er ist ein Kopfmensch, sein Verstand eine viel mächtigere Waffe als seine Boltpistolen. Er kalkuliert, verbindet und vernetzt. Denken Sie nur an seinen früheren Beruf und wie gut er darin war. Er war so gut, dass er von der Inquisition eingestellt wurde. Das hat den Menschen Lucius Frost oder zumindest die Art, wie er arbeitet, nicht verändert. Er kann mit Emotionen in der Arbeit nichts anfangen."
"Und Sie sind anders?"
"Vollkommen anders."
"Aber Sie grübeln doch auch?"
"Ich denke nicht, dass Lucius viel grübelt. Er ist ein Problemlöser, kein Philosoph. Ich gehe tief in mich, versuche mich selbst zu finden, zu reflektieren, wie ich dieses oder jenes finde und auf diese Art und Weise meinen Frieden zu finden." Immarut griff nach seinem Glas und trank einen Schluck.
"Ihren Frieden? Haben Sie Schuldgefühle? Versuchen Sie etwas abzubüßen?"
Immarut lachte kurz auf. "Lassen Sie das ja nicht Thracian hören, sonst werde ich ihn nicht mehr los."
Auch Cattaleya grinste. "Versprochen."
"Ich bin auf Vieles nicht stolz, was ich getan habe, das kann man schon sagen, aber das ist nicht der Hauptgrund. Ich empfinde einfach tief in mir, dass ich Verantwortung für alles trage, was ich tue, deshalb muss ich mir immer darüber klar sein, dass ich alle meine Taten auch wirklich will und ab welchem Punkt ich nicht mehr einfach nur tun kann, was man mir sagt."
Cattaleya merkte, wie heftig er gegen seine Müdigkeit ankämpfte.
"Ob es der Wein oder die Anstrengung der letzten Tage ist oder beides zusammen, kann ich nicht sagen, aber es wird Zeit für mich, ins Bett zu gehen.", gab er bekannt und erhob sich langsam. Er kam zu ihrem Platz, woraufhin auch sie sich erhob. Er griff nach ihrer Hand. "Es war ein sehr gelungener Abend. Vielen Dank."
Sie sagte nichts, sondern sah ich nur an. Er lächelte verlegen. "Also dann, Gute Nacht."
"Warte.", hauchte sie. Ihre Augen waren feucht. Sie hielt seine Hand fest. Dann ging sie in Richtung des Betts.
"Cattaleya, ich..."
Sie schüttelte den Kopf und lächelte. "Mach Dir keine Sorgen. Schlaf einfach."
Eine Stunde später lag sie noch immer wach neben ihm. Er hatte nur den Mantel abgelegt und war gleich eingeschlafen, sein Atem ging ruhig und kräftig. Sie blickte ihn an, den Löwen. Warum ist das bei ihm so anders? Bisher hatte die Adelige größten Wert darauf gelegt, von Männern richtiggehend umgarnt und erobert zu werden. Sie mussten sie richtig verzaubern, damit Sie ihnen gewogen war - nicht, dass es eine so berauschend hohe Anzahl an Männern in ihrem Leben gegeben hatte. Was war es also? Er war so ungewöhnlich, vielleicht reizte sie das. Bei ihm hätte man glauben können, dass er noch nie mit einer Frau zusammen gewesen war. Irgendwie niedlich, der Gedanke. Erinnerungen an meine eigene Unschuld, so lang nun schon dahin. Sie dachte an Männer, sowohl solche, die in ihrem Bett gewesen waren als auch an solche, die sich vor ihrem Zielsucher befunden oder an ihrer Klinge gestanden hatten. Jeder von ihnen hatte ein wenig ihrer Unschuld geraubt. Verdammt, du philosophischer Löwe, du bist ansteckend, dachte Honeymoon bei sich, bevor sie sich neben ihm ausstreckte und ebenfalls die Augen schloß.

Aller Gnaden Ende
« Antwort #20 am: 14. Mai 2013, 17:26:17 »
Gedanken zu Kapitel 8:
Es ist sicher recht selten in der WH40K-Literatur - sei es jetzt offizielle Werke oder Fanfiction - dass Personen in diesem düsteren Universum so lockere und angenehme Zeiten durchleben. Richtig zu schätzen wusste ich die Szenen vor allem im Rückblick. Wenn ich den aktuellen psychischen Zustand der Charaktere heranziehe und die körperlichen und seelischen Traumata, die sie so bald danach durchlebt haben, dann erscheint es mir fast unwirklich, wenn ich hier wieder lese, wie gut es ihnen einmal gegangen ist.

Aller Gnaden Ende
« Antwort #21 am: 15. Mai 2013, 17:11:46 »
9 - Endgültigkeit

Er entzündete das Lho-Stäbchen; die Bewegung war ihm so wohl vertraut wie das Gehen oder das Atmen. Dann tastete er neben dem Bett nach seinem Hemd, das Elena letzte Nacht dort einfach hatte fallen lassen.
Sie brummte verschlafen, als sie seine Bewegung spürte: "Musst Du schon wieder gehen?"
Das Seidentuch des Bettzeugs verdeckte ihren Körper nur unzureichend und Lucius musste lächeln, auch wenn seine Züge schnell in eine gewisse Bitterkeit abglitten. Ich muss es ihr sagen. Bald. Er lehnte sich nach hinten und strich sanft über das honigblonde Haar der jungen Professorin. "Nein, noch nicht gleich, ich mache nur Frühstück.", flüsterte er und schwang sich dann vollends aus dem Bett, um nach seinen Hosen zu suchen.
Das diffuse Licht der Morgenstunden drang durch die Schlitze der Jalousien, und im Hinblick auf die immer noch dösende Chemikerin in seinem oder vielmehr ihrem Bett ließ er sie geschlossen.
Wenig später saßen sie bei Tisch - sie nur in ein Hemd gekleidet - und aßen relativ lustlos die gebratenen Eier, die er zubereitet hatte. Es muss sein. Jetzt. Ich schulde ihr das. Er rieb sich über das raue Kinn und seufzte: "Hör mal, Elena."
Sie ließ die Gabel sinken und sah ihn an.
"Ich muss morgen schon wieder los.", begann er ein wenig zögerlich.
Sie nickte. "Das geht ja schnell dieses Mal." Sie griff nach seiner linken Hand, die noch neben seinem Teller lag, und drückte sie sanft. "Ich krieg' Dich ja kaum noch zu sehen, was?"
Er spürte einen Stich in seiner Herzgegend und seufzte erneut. "Tja, es ist auch so, dass ich dieses Mal gar nicht sagen kann, ob..." Er hielt inne.
Sie legte den Kopf fragend ein wenig schief.
Es muss sein. "Ob ich wieder zurück komme."
Ihr Blick wurde starr und ihre Augen glasig. "Was?", hauchte sie.
Er nickte nur stumm und spürte einen starken Druck unter dem Kehlkopf.
Elena schob sich von ihrem Hocker und kam zu ihm, umarmte ihn. "Ob Du wieder zurückkommst? Warum sagst Du denn sowas?"
Er hustete. "Ich fliege weit weg auf eine Welt, auf der irgendwelche ungewöhnlich schlimmen Dinge passiert sein müssen. Genaues weiß ich auch nicht. Der Inquisitor meinte aber zu meinen Kollegen und mir, wir sollten uns von allen verabschieden, die uns etwas bedeuten."
"Und das tust Du jetzt? Beim Thron!", stieß Elena hervor. "Beim Thron." Tränen rannen ihr die Wangen hinunter. "Und schon morgen?"
Er nickte und umarmte sie auch. "Es tut mir sehr leid. Ich kann mir vorstellen, wie es Dir jetzt geht, denn mir geht's auch richtig elend."
"Imperator, hilf mir, was machen wir denn jetzt? Warum hast Du gestern beim Essen denn gar nichts gesagt? Du schienst so glücklich." Sie ging ein bisschen auf Abstand und sah in seine Augen, in denen auch Tränen standen.
"Ich wollte, dass der gestrige Abend frei von Sorgen ist."
"Der letzte Abend...", brachte sie noch heraus, dann wandte sie sich ab und Lucius sah das unregelmäßige Zucken ihrer Schultern, als sie leise schluchzte.
Lucius stand auf und ging zu ihr.
"Bleib bei mir.", sagte sie weinend. "Bleib einfach bei mir. Du hast doch Kontakte. Nimm mich mit und wir fahren einfach weg, irgendwo hin, wo uns Dein Inquisitor nicht findet."
Lucius dachte kurz darüber nach, wie es dann wohl wäre. Varitani würde mich nicht verfolgen, denke ich, aber er wäre bodenlos enttäuscht von mir. Und ich auch. "Ich könnte mir im Spiegel nicht mehr in die Augen sehen. Ich würde sie alle im Stich lassen. "
Sie schniefte. "Und so lässt Du nur mich im Stich, oder wie?" Ihr Tonfall erschien ihm wie eine Mischung aus Trauer und Zorn.
"Ich habe eine Pflicht gegenüber dem Imperium, gegenüber dem Goldenen Thron. So wie jeder Bürger."
"Und es ist wohl Deiner Ansicht nach auch meine Pflicht, Dich so einfach gehen zu lassen?!"
Das ist es leider. "Der Inquisitor würde uns gar nicht dorthin schicken, wenn es nicht..."
"Er nimmt Dich mir!" Sie sah ihn nun an. Ihr Blick stach in den seinen. Sie presste die Worte heraus, voller Wut: "Er nimmt Dich mir!"
Lucius' Trauer vermengte sich mit Enttäuschung. "Er beschützt uns alle! Dich, Deine Familie, Deine Freunde! Wir alle, meine Kollegen und ich, wir stehen dort, wo niemand sonst stehen kann."
"Tsk.", sie blickte mißbilligend zur Seite.
"Ich hatte gehofft, dass Du das verstehst."
Sie ging zum Bett und setzte sich, ihm den Rücken zugewandt. "Ich verstehe es nicht. Ich will jetzt gar nichts verstehen." Ihre Stimme war leise und hart - kalt.
Ein Schauer lief ihm über den Rücken. So falsch.
Als er seine spärlichen Sachen zusammengesucht hatte, saß sie noch immer dort. "Es tut mir leid, ich..."
"Geh einfach. Geh.", schnitt sie ihm das Wort ab.
Lucius war wie vor den Kopf gestossen. Lange Sekunden verstrichen und sie blieb stumm. "Was...", sein Hals kratzte furchtbar, als er heiser die Frage aussprach und Tränen standen erneut in seinen Augen: "Was ist jetzt mit uns?"
Keine Regung. "Ich weiß es nicht."
Lucius Frost wandte sich ab, ging mit einem letzten Schluchzer, der sich seiner Kehle entrang, und mit Tränen, die seine unrasierte Wange hinabliefen, seiner Pflicht entgegen und ließ Elena Lakrio verwundet und alleine zurück.
Heftige Zweifel überfielen die aufgewühlte Seele des jungen Ex-Arbitrators. Hatte er einen Fehler gemacht? Hatte er sich falsch entschieden? Sollte er zurückgehen? Sollte er einlenken? Warum kann ich nicht klar denken? Warum kann ich nicht denken?! Er hieb sich selbst gegen den Kopf und fluchte, dann steckte er sich ein Lho-Stäbchen an. Das hilft immer. Es hatte zu regnen begonnen - passend zu seiner Stimmung, passend zu diesem elenden Tag.

Pater Gerhart Thracian brachte mit geübten Bewegungen Schmieröl auf die gegenläufigen Zähne und die Ketten seines Schwertes auf. Wie ein Ritual war für ihn das Reinigen und segnende Bereiten des mächtigen Instruments vor jedem Einsatz. Er sprach sanft einige Lobpreisungen zu dem Maschinengeist der Waffe, um ihn zu ehren und auch seine Dienste für den Imperator zu würdigen.
Beim Erschallen des elektronischen Türklopfers fuhr sein Kopf in die Höhe. Der wie immer in seine Ordensroben gehüllte Redemptionistenpriester fand einen unrasierten, völlig durchnässten Lucius Frost vor seiner Türe, der ihn mit verquollenen Augen ansah.
Wortlos machte ihm Thracian Platz. Frost trat mit hängenden Schultern ein.
Der Pater brühte Wasser auf und bereite Tee zu. Während das Aroma einzog, beendete er die Arbeit an seinem Kettenschwert und verwahrte die Waffe in einer ledernen Tasche. Frost hatte sich an dem Tisch des spartanisch eingerichteten Raumes niedergelassen. Noch immer war kein Wort gesprochen worden.
Gerhart tischte nun den Tee auf und sie tranken. Er merkte, mit welchem Genuß der Ex-Arbitrator die heiße Flüssigkeit hinunterschluckte. Er ist völlig durchgerüttelt. Dies sind wahrlich Stunden der Prüfung für uns alle.
Er fragte nicht nach dem Grund des Aufruhrs, denn der war nicht von Belang. Sein Weg und seine Pflicht waren dem Priester klar vor Augen. Nachdem sie getrunken hatten erhob sich Gerhart und trat würdevoll zu einem durch einen roten Samtvorhang verborgenen Durchgang. Mit langsamen, feierlichen Bewegungen zog er das Tuch beiseite und offenbahrte eine kleine Nische, die einen Schrein enthielt. Bildnisse von Drusus, Aret und Casthor waren darin aufgestellt, sowie einige Kerzen, das Wachs von einigen von ihnen vermengt mit duftenden Essenzen. Gerhart entzündete sie.

"A spiritu dominatus
Domine, libra nos,
Von dem Donner und dem Sturm,
Erlöse uns, oh Imperator.

Von Seuche, Falschheit, Versuchung und Krieg,
Erlöse uns, oh Imperator,
Von der Geißel des Kraken,
Erlöse uns, oh Imperator.

Von der Blasphemie der Gefallenen,
Erlöse uns, oh Imperator,
Von der Besessenheit durch Dämonen,
Erlöse uns, oh Imperator,
Vom Fluch des Mutanten,
Erlöse uns, oh Imperator.
A morte perpetua,
Domine, libra nos.

Auf dass du ihnen den Tod bringest,
Auf dass du niemanden verschonest,
Auf dass du niemanden begnadigest,
Wir flehen dich an, vernichte sie alle."

Gerhart sprach das Schlachtgebet der Ekklesiarchie, die Fede Imperialis, ruhig, voll und hoheitlich. Sieben Mal sprach er es und Lucius fiel in den Wortlaut ein. Sieben Mal sprachen Sie es und die Wogen der stürmischen See in dem jungen Mann glätteten sich langsam. Kraft ging von dem Redemptionisten aus, Überzeugung strömte aus jeder Pore, Ruhe ergriff Besitz von Lucius, stählte seine Entschlossenheit. Er war ein Schwert des Imperators, ein Diener Seiner Inquisition. Er war Pflicht und er war Treue. Er war Lucius Frost.

Immarut Railoun erwachte ruhig aus erholsamem Schlaf. Als er die Augen öffnete, blickte er direkt in das wunderschöne Gesicht von Cattaleya, die still neben ihm lag. Auch sie war wach, bewegte sich jedoch nicht. Nur ein zartes Lächeln umspielte ihre Lippen. Perfekte Lippen.
„Ich bin glücklich.“, flüsterte er und musste auch grinsen.
„Ich weiß. Ich auch.“ Ihre Hand strich ihm sanft eine Locke seiner goldenen Mähne aus dem Gesicht.
Er bebte unter der Berührung.
Sie kicherte. „Du meine Güte. Du zitterst ja.“
„Dagegen kann ich nichts machen.“ Er griff nach ihrer Hand und führte sie sanft an seine Lippen.
Sie lächelte erneut.
Einen Moment verharrten sie noch so, dann zogen Sorgenfalten über seine Stirn.
Sie machte ein fragendes Gesicht.
„Wir brechen bald auf. Heute teilen wir die Gruppen ein.“
„Gruppen?“
„Wir können nicht zusammen reisen. Das wäre zu auffällig.“, erklärte Immarut. „Wir werden uns erst später wieder treffen, also die Gruppen meine ich.“
„Ich möchte mich aber nicht von Dir trennen.“, erwiderte sie traurig. Habe ich das gerade wirklich gesagt?
Er dachte kurz daran, sie zu berühren, ihr Haar oder ihre Wange oder nur ihre Schulter. Doch er konnte sich nicht überwinden, sich dem noch weiter zu nähern, was er so lange als unerreichbar angesehen hatte. Der Zeitpunkt dazu würde kommen. „Ich hoffe, dass das nicht sein muss. Der Herr Inquisitor wird uns beide in eine Gruppe stecken. Wir können zusammen reisen.“
Das Lächeln kehrte wieder auf ihre Züge zurück. „Dann ist doch alles in Ordnung.“
Seine Miene widersprach.
„Oder nicht?“
„Ich bin schon in einige Dinge eingeweiht, die Varitani der restlichen Zelle noch nicht anvertrauen konnte. Es wird wirklich gefährlich und wahrscheinlich auch sehr belastend für den Geist. Uns stehen harte Prüfungen bevor.“
Sie ließ sich nicht beirren. „Ich mache mir keine Sorgen. Mein Löwe wird mich schon beschützen.“ Erneut strich sie ihm über die Wange und er erschauderte. „So hat noch nie jemand auf meine Berührung reagiert.“, kicherte sie. Sie bewegte sich auf ihn zu und ließ ihren Kopf auf seine Brust sinken, so dass ihr Duft, der Geruch ihres Haars über ihn strömte und er sich fühlte, als würde er in einem Meer namens Cattaleya schwimmen.

„Unser Ziel ist Xeiros Prime.“ Varitani ging in seinen Arbeitsräumen vor ihnen auf und ab, den Ledermantel um seine Schultern gelegt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. „Auf den Datentafeln, die ich Ihnen habe austeilen lassen, befinden sich alle relevanten Hintergrundinformationen. Am Rande des südwestlichen Kontinents, Kirrjeha, befindet sich die Bantifon-Bergkette. In diese Berge eingebettet liegt Xileiphos, eine kleine Pilgerstadt, die um einen Schrein herum entstand, der Drusus gewidmet ist. Wie Ihnen vielleicht bekannt ist, nimmt die Verehrung von Drusus im Calixis-Sektor immer mehr zu, je weiter man sich von Scintilla entfernt und weiter entfernt als Xeiros Prime kann man davon kaum sein.“
„Dieses Dorf ist unser Treffpunkt. Die Gruppen kommen alle zu unterschiedlicher Zeit auf Xeiros an. Als erstes werden vorraussichtlich die Pilger eintreffen: das sind Inquisitor Varitani, Pater Thracian und Granit.“, führte Immarut aus. Die drei Angesprochenen nickten.
„Nach uns werden Sie ankommen, Frost, gemeinsam mit Isand und Arn. Ihre Verkleidung wird die von Juwelenschleifern aus Ambulon sein. Einen Flug dorthin nehmen Sie drei heute noch und reisen, nachdem Sie sich in Ambulon bei Ihrem Kontakt mit den notwendigen Accessoires ausgestattet haben, morgen oder übermorgen ab.“ Varitani nickte, als ob er sich selbst zustimmen wollte.
„Der Plan sieht also den Transport in zivilen Schiffen vor? Was ist, wenn es zu Unregelmäßigkeiten in Flugplänen kommt? Wie sensibel ist das Timing bei diesem Einsatz?“, erkundigte sich Frost.
„Wir haben ein Fenster von mehreren Wochen, um unseren Auftrag abzuschließen. Ein paar Tage dürften also keinen Unterschied machen.“, antwortete Railoun. So gut wie allen Anwesenden fiel auf, dass Railouns übliche Schwermut von ihm abgefallen zu sein schien. Er strahlte richtiggehend.
„Außerdem wird die erste Phase der Mission vor allem von Ermittlungen geprägt sein. Es befinden sich in jeder Gruppe Personen, die dazu befähigt sind.“, ergänzte Varitani.
„Die dritte Gruppe wird von Cattaleya und mir selbst gebildet. Wir werden in die Rolle eines jungen, gutbürgerlichen Paares schlüpfen, das seinen Urlaub auf Xeiros Prime verbringen möchte." Frost konnte nicht umhin, das kaum zurückgehaltene Grinsen auf Railouns Gesicht zu bemerken, und er warf Honeymoon einen schnellen Blick zu, nur um festzustellen, dass sie ebenfalls lächelte.
„Was Sie an Ausrüstung mitnehmen, überlasse ich Ihnen. Bedenken Sie jedoch, dass die erste und wichtigste Priorität sein wird, unerkannt zu bleiben. Ich arbeite bereits an einer Möglichkeit, uns vor Ort mit Waffen und anderen arbeitsrelevanten Utensilien auszustatten. Darüber brauchen Sie sich also keine Gedanken zu machen.“ Varitani räusperte sich. „Die Details befinden sich auf den Datentafeln, die Sie bekommen haben. Frost, sie bleiben noch, die anderen sind entlassen. Ich hoffe, dass wir uns in einigen Wochen wohlbehalten auf Xeiros Prime wiedersehen.“
Als alle gegangen waren, setzte sich Varitani hinter seinen Schreibtisch. „Frost, wir dürfen nicht riskieren, dass dieser Auftrag scheitert, denn das wäre das Ende von uns allen. Um also für den unwahrscheinlichen Fall, dass zwei der drei Gruppen entdeckt werden oder anderwärtig verhindert sind, habe ich mich entschlossen, auch Sie bereits jetzt in den ganzen Umfang dieser Unternehmung einzuweihen.“
Frost sog die Luft ein.
„Wo soll ich anfangen?“, begann Varitani gedankenverloren zu sich selbst. „Am besten beim Wichtigsten: Xeiros Prime wird in wenigen Wochen nicht mehr existieren…“

Als der Ex-Arbitrator geraume Zeit später den Arbeitsraum verließ, war er kreidebleich. Er war sich sicher, dass Varitani am Tag zuvor nicht übertrieben hatte. Sie saßen schwer in der Klemme. Der Inquisitor war so offen wie selten zuvor gewesen und hatte dem Ermittler sogar Einblick in die politischen Machtkämpfe innerhalb der Inquisition des Calixis-Sektors gegeben, um ihm die brenzlige Situation vollends bewusst zu machen. Natürlich war die direkt bevorstehende Gefahr zumindest in diesem Schockzustand die angsteinflößendere – auf einen vollkommen verseuchten, dem Exterminatus geweihten Planeten noch Kräfte zu entsenden, erschien ihm nur schwer zu verdauen, zumal er selbst zu diesen Kräften gehörte.
Honeymoon, die als einzige noch im Vorraum saß und anscheinend auf jemanden wartete, blickte ihn mit großen Augen an. „Du siehst aus, als hättest Du einen Geist gesehen.“, sagte sie, als sie aufstand und sich Lucius näherte.
„So etwas in der Art.“, gab Lucius zurück und setzte sich. Er dachte plötzlich an Elena und was sie am Schluß gesagt hatte. Geh einfach, geh. Wenn Sie nur gewusst hätte, wohin Sie mich da schickte. Wenn ich es nur gewusst hätte. Ich sollte noch einmal mit ihr sprechen. - Nein, dann würde ich mit ihr fliehen. Er musste sich gehörig anstrengen, damit nicht Tränen in seine Augen stiegen.
Cattaleya war das nicht entgangen. Sie legte ihm die Hand auf den Arm. „Schön langsam mache ich mir auch Sorgen, sage ich Dir. Immarut hat angedeutet, wie ungewöhnlich und furchtbar dieser Auftrag wird und jetzt auch noch Du.“
Lucius blickte nur geradeaus.
„Ich bin es ja gewohnt, nur das zu wissen, was ich wissen muss, aber das macht mich nervös in diesem Fall.“
„Du wirst Alles erfahren. Wenn es Dir Dein strahlender Ehemann nicht schon vorher erzählt, wird es Varitani nach unserer Wiedervereinigung tun. Das hat er mir versichert.“ Lucius sah nun zu Boden.
„Na gut.“
„Was ist denn überhaupt mit Immarut los?“, erkundigte sich Frost nun. „Der hat ja geglüht wie ein Leuchtglobus, als er verkündet hat, dass er mir Dir in einer Gruppe ist.“
Hinter ihnen glitt die Türe zur Seite. „Tja, was soll ich sagen.“, entgegnete Honeymoon und blickte zu Boden. Dann stand sie auf und ging zu dem Interrogator hinüber. Sie wechselten ein paar geflüsterte Worte, dann kamen sie zu Lucius hinüber.
Immarut streckte ihm die Hand zum Gruß entgegen. „Ich wünsche Ihnen alles Gute, Lucius, und hoffe, wir sehen einander gesund in Xileiphos wieder.“
Lucius packte die Hand mit festem Griff. „Ich auch. Passen Sie auf Honeymoon auf.“
Immarut nickte. „Ich denke, Sie passt schon auf sich selbst auf, aber ich werde stets wachsam sein.“
Cattaleya hakte sich bei ihm unter. „Wohl gesprochen, mein Angetrauter.“, flötete sie in Oberstadtmanier, dann wandte sie sich an Lucius: „Ich wünsche Dir auch alle Gute, Lucius. Lass Dich von Vox nicht terrorisieren und hab‘ ein Auge auf Blender. Wer ist denn nur auf die Idee gekommen, ihn als Juwelenschleifer auszugeben?“ Sie kicherte.
Frost nickte und lächelte schwach. „Wenn es um das Schnappen von Dieben geht, sei unbesorgt, da habe ich schon ganz andere Kaliber erledigt. Ich wünsche Euch Beiden eine frohe Zeit zusammen, soweit das möglich ist.“
Cattaleya streckte ihm kurz die Zunge heraus, da die Anspielung natürlich auf ihre Kosten ging, dann warf sie ihm einen Kuss zu, und die Beiden ließen Lucius alleine.

Als Lucius ging, um seine Sachen zu packen, wurde ihm immer bewusster, was ihn wohl auf Xeiros erwarten würde. Kein Krieg im eigentlichen Sinne; sie würden die Toten nicht zu Gesicht bekommen, doch die waren es gar nicht, die ihm Sorgen bereiteten. Tote hatte er zuhauf gesehen und genug Gefahren durchgestanden - allen voran wohl die Hölle von Luggnum. Was ihm zu schaffen machte, war das Wissen, dass alle Menschen, die sie in den Wochen ihres Aufenthalts auf Xeiros kennenlernen würden, ausnahmslos verdammt waren. Das betraf Händler, Beamte, Soldaten, Bürgerliche, Urlauber - Männer, Frauen und Kinder aller Klassen, aller Schichten und aller Professionen. Sie würden unter wandelnden Toten arbeiten. Lucius war sich nicht sicher, ob er das für so lange Zeit würde ausklammern können. Thracian ist bei uns und mit ihm Sein Wille! Daran müssen wir uns halten. Ich hoffe, sie nehmen es gut auf, wenn Varitani die ganze Gräuel offenbahrt.
Lucius wollte gar nicht daran denken, wie es dem Inquisitor selbst gehen musste. Er hatte den ganzen Planeten der Vernichtung anheim gegeben - völlig zurecht wie es schien - und er war es nun, der wieder dorthin zurückmusste, der all das Grauen, das Lucius selbst erwaretete, noch dazu aus der Perspektive dessen würde erleben müssen, der wesentlich daran beteiligt war. Normalerweise war ein Exterminatus für die Auslösenden eine sterile Sache, die man aus dem Orbit erledigte. Es war geradezu pervers, einen dafür bestimmten Planeten vorher noch zu besuchen. Darin werde ich am ehesten die Kraft finden: Für ihn und die anderen da zu sein, wenn sie mich brauchen.

Chnishnit liutstam Hrun'Sith zupfte wiederholt an den graubraunen Roben, die er angelegt hatte, um das Bild eines Pilgers abzugeben. "Solche Kleidung habe ich noch nie getragen. Das höchste war Ölzeug oder ein Überhang, aber darunter war ich immer normal gekleidet."
"Normalität ist Ansichtssache.", gab Gerhart Thracian ziemlich schroff zurück. Ihm war deutlich anzusehen, dass das Tragen von Roben für ihn ganz und gar nicht ungewöhnlich war. "Die Beschränkung auf das Notwendigste ist ein wesentlicher Punkt im Dasein eines Pilgers."
"Das mag sein Pater, aber ich kann es trotzdem nicht ausstehen. Sogar früher, als ich noch auf Cresta N'darr war, oder wie ihr es nennt, Envir III, ist mir der Wind nicht so zwischen die Nüsse gefahren wie jetzt." Granit grinste breit, doch dieses Zeichen der Emotion war an die unbewegliche Mimik des Priesters verschwendet.
Die Gestalt des Inquisitors erschien in der Türe des Shuttles und Nick Runsit nahm wie immer das Prickeln wahr, das sein Erscheinen begleitete. "Gut, Sie sind also bereit.", gab Varitani bekannt und vertäute eine braune Ledertasche in einem Fangnetz. "Dann können wir ja aufbrechen. Wir dürfen keine Zeit verlieren, denn wir sollten die ersten sein, die Xeiros Prime betreten."
"Zuerst geht es nach Valon Urr, korrekt?", erkundigte sich Pater Thracian. Er entnahm dem Nicken des Inquisitors, dass er richtig lag und fuhr fort: "Unter anderen Umständen hätte ich Sie gerne auf einer wirklichen Pilgerfahrt durch die Schreinwelt begleitet und geführt. Dort gibt es wahrhaften Glauben zu erleben."
"Ein andermal, Pater.", sagte Varitani und ging nach vorne, um dem Piloten ein Zeichen zu geben. Sie würden in wenigen Minuten abheben und an Bord der Gesalbtes Haupt gehen, einem Pilgerschiff, das regelmäßig zwischen Scintilla und der Schreinwelt Valon Urr pendelte. Von der Schreinwelt aus würde es dann sofort in Richtung Xeiros Prime weitergehen - an Bord eines dort gerade eben verfügbaren Frachters oder anderen Raumers. Bei einer oberflächlichen Überprüfung würden sie gläubige Brüder sein, die dem Besuch der Schreine Valon Urrs noch den berühmten Anblick von Xileiphos anschließen wollten.

"Sie sehen richtig schneidig aus in diesem Sakko.", ließ Hrubens Arn verlauten, nachdem er ohrenbetäubend laut gepfiffen hatte.
In dem engen Raum war Phos beinahe zusammengezuckt. In dieser ekelhaften Stadt war einfach alles eng, jeder Raum und jede Gasse - es gab kaum Privatsphäre. Der Psioniker konnte es kaum erwarten, Ambulon wieder zu verlassen, und sie waren noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden hier. Die Stadt wimmelte vor Machinenpriestern, verdammt, die Stadt war in Wirklichkeit eine gigantische Maschine, die sich auf ihren Beinen durch die Ödnis kämpfte. Und die Marisaner beten sie an! Eine Stadt! Aber wen wunderte das eigentlich? Sie beteten alles an, was zum ersten maschinell war und was zum zweiten eine gewisse Größe erreicht hatte. Auf die sollte sich unser eifriger Priester konzentrieren. Das wäre mal ein Kreuzzug! "Tja, Blender, und Sie sehen aus, als ob Sie mir Ihre Mutter verkaufen würden."
Der Assassine grinste in seinem feinen, silbergrauen Jarqis-Anzug und warf einen gierigen Blick auf den mit Rosenholz verzierten Metallkasten, der an Vox' Handgelenk gekettet war. "Wenn der Preis stimmt. Für den Inhalt dieser Truhe gehört sie Ihnen."
"Meine Herren, der Inhalt dieser Kasette ist Eigentum der Inquisition und ihr nach Abschluß unserer Mission wieder zu überstellen - notgedrungen zumindest ein Gegenwert in Thrönen, falls es tatsächlich zu Geschäftsabschlüssen kommen sollte. Auf jeden Fall steht eine anderwärtige Verwendung in keiner Weise zur Diskussion." Frosts strenger Blick wanderte zwischen seinen "Angestellten" hin und her.
"Geht klar, Chef.", grinste Blender. "Soll nur einer versuchen, der Kasette zu nahe zu kommen." Bei diesen Worten tätschelte er behutsam die kleinkalibrige Feuerwaffe, die er unter seinem Sakko trug.
Lucius dachte wehmütig an seine Boltpistolen und hoffte, dass sie gut aufgehoben waren, was auch immer Varitani damit vorhatte. "Na dann, Herr Assistent Freij, setzen wir uns in Bewegung.", sagte er in Richtung des Psionikers.
Vox verzog säuerlich das Gesicht. Als ob in dieser verdammten Stadt nicht schon genug Bewegung wäre, alles schwankt immerzu. Aber wenigstens hab' ich es dann hinter mir.
Da kam plötzlich schnaufend ein dicklicher junger Mann in einer Livree gelaufen, anscheinend vom Concierge des Hotels geschickt, der etwas in seiner Hand hielt: "Herr Lucius Frost?", fragte er und der Ex-Arbitrator zuckte innerlich zusammen und kam sich enttarnt vor, als er seinen Namen hörte, so sehr hatte er sich bereits damit abgefunden, von nun an Akermund Sefington zu sein, Juwelier und feinsinniger Kenner aller glitzernden Reichtümer. "J, ja.", stammelte er wenig professionell und räusperte sich.
Der junge Mann drückte ihm ein kleines Kuvert in die Hand: "Das ist Ihnen aus Sibellus nachträglich zugestellt worden, mit Eilsendung." Er blieb stehen und gab mit offener Hand mehr als deutlich zu verstehen, worauf er wartete.
Hrubens Arn bleckte die Zähne und knurrte: "Verpiss Dich, Kleiner, oder ich mach' Dir Beine!" Dabei trat er bedrohlich einen Schritt auf den Pagen zu. Dieser zuckte zusammen und tat wie ihm geheißen. Von Vox war etwas zu hören, das der optimistische Interpret ein Kichern hätte nennen mögen. Arn zuckte die Achseln: "Es gibt keinen Grund, die Tarnung zu vernachlässigen, nur weil der Chef bereits aufgeflogen ist, oder?" Er grinste.
Lucius grinste nicht. Er blickte auf den Umschlag, auf dem sein Name stand. Er kannte die Handschrift - den Schwung, den Druck, den Stil, in dem die Buchstaben geschrieben worden waren. Er hatte lange die Gelegenheit dazu gehabt, diese Schrift zu studieren, während er in der Schola Chymystria auf die Tafel geblickt hatte, und er hatte sie genutzt. Sein Herz klopfte, als er das Kuvert zaghaft öffnete. Darin befand sich ein kleiner Zettel aus hochwertigem, dickem Papier. Darauf stand in derselben Handschrift:

Ich vertraue darauf, dass Du das Richtige tust. Ich liebe Dich.
Elena

Mit einem befreienden Seuftzen fand eine Träne unendlicher Erleichterung und Freude ihren Weg über die Wange des Ex-Arbitrators.

Aller Gnaden Ende
« Antwort #22 am: 16. Mai 2013, 15:53:58 »
10 - Verschiedene Pfade

"Wäre mir nicht aufgefallen, dass wir einen Fehler gemacht hätten.", rekapitulierte Nick Runsit, und seine Brust hob und senkte sich nach dem Sprint. "Vielleicht ein Pict-Recorder? Hat man das Gesicht von Varitani erkannt?"
Der Priester zuckte die Achseln: "Macht nicht wirklich einen Unterschied." Dann wandte er sich um.
Es war dunkel, nahezu stockdunkel, da die Straßenbeleuchtung zum größten Teil nicht funktionierte und sich Wolken vor denjenigen der beiden Monde geschoben hatten, der in dem aktuellen Zyklus von der Sonne des Xeiros-Systems beschienen wurde und Licht gespendet hätte. Dieser Umstand kam den Pilgern nun zugute.
"Sind sie noch hinter uns?", erkundigte sich Pater Thracian flüsternd, als Varitani aufschloß.
Der Inquisitor nickte knapp. "Ziemlich leise aber. Sie veranstalten keine Treibjagd; es sind also auch Agenten schätze ich. Inquisition vielleicht."
Sie waren in Bantifon Ades, einer kleinen Hafenstadt am östlichen Rand von Kirrjeha, auf Xeiros Prime. Die ersten Tage hatte es keine Probleme gegeben. Sie waren gelandet und ohne Probleme durch alle Kontrollen gekommen. Xeiros Prime hatte noch immer den Eindruck einer Welt vermittelt, auf der alles in Ordnung war. Varitani hatte in einer ruhigen Stunde mit der Aufklärung seiner Mitarbeiter begonnen und auch die unangenehmen Details nicht ausgelassen, was die politische Problematik betrag, die sein Zögern heraufbeschworen hatte. Er wollte auf keinen Fall riskieren, selbst auf Xeiros Prime zu sterben, nur um dann seine Leute uneingeweiht zurück und direkt in das Maul einer Bestie zu schicken.
Vor zwei Tagen schließlich war Runsit aufgefallen, dass ihnen jemand folgte. Seine von früheren Jagden und Zweikämpfen geschärfte Wahrnehmung hatte sich als unbezahlbar erwiesen, denn schon Stunden später wären sie allesamt einem Kommandotrupp des Adeptus Arbites zum Opfer gefallen. So entzogen sie sich durch eine Finte der Verhaftung und reisten seitdem so unauffällig wie möglich. Gerne hätte Varitani sich der Hilfe der Nyunga bedient, die man fast in jeder Siedlung in niedrigem Aufkommen zu Gesicht bekam, doch war es so gut wie unmöglich, sich mit ihnen zu verständigen, und die Zeit war momentan noch gegen sie. Sobald sein Telepath den Transit überstanden und sie sich in Xileiphos getroffen hätten, würde sein erster Befehl das Aufnehmen von Beziehungen zu den Ureinwohnern von Xeiros Prime sein. DeVetter hatte in diesem Punkt unglaublichen Wert bewiesen.

Gebückt schlichen sie die Seite des simplen Lagerhauses entlang; in der Ferne hörten sie das Rauschen des Meeres. Sie mussten irgendwo Unterschlupf finden oder sich mit ihren Verfolgern auseinandersetzen. Wenn es sich um eine Zelle der lokalen Inquisition handelte, dann wäre es durchaus möglich, sie zu bekämpfen. Das Problem war nur die mangelnde Bewaffnung. Varitani selbst hatte gar keine Waffen, doch das war nicht so schlimm. Pater Thracian hatte sich eine Machete besorgt, was in dem Gebiet, durch das sie sich die Tage vor ihrer Entdeckung bewegt hatten, keinen Bruch mit ihrer Tarnung bedeutete hatte. Nick Runsit, der in der Garde ausgewiesener Spezialist für schwere Geschütze gewesen war, hatte sich nur eine alte Tronsvasse Solidprojektilpistole "organisieren" können, und für die hatte er nicht einmal viel Munition. Der dunkelhäutige, mit seinen fast den ganzen Körper überziehenden Tätowierungen sehr furchteinflößend aussehende Wilde war aufgrund seiner immensen Körperkraft sicher auch im Nahkampf zu gebrauchen, doch insgesamt war ihre Schlagkraft nicht so beeindruckend, um sie einem unbekannten Faktor wie der ihrer Verfolger entgegenzusetzen.
Als sie an die Ecke des Lagers kamen, hob Granit die Hand, woraufhin sie innehielten. "Ein Obdachloser.", sagte er gedämpft und wies auf eine dunkle Stelle zwischen ein paar Fässern und Kisten auf der anderen Seite. Dort lag tatsächlich eine dunkle Gestalt, die in Lumpen gehüllt zu sein schien. Sie bemühte sich nicht, leise zu sein und sowohl das Brabbeln eines Betrunkenen sowie das Aufschlagen von Glas auf Stein oder Holz waren schwach zu hören.
"Ich denke, er hat eine Flasche.", brummte Gerhart.
"Von nichts kommt nichts.", erwiderte der Krieger grinsend.
Varitani, der die ganze Zeit über nach hinten geblickt hatte, meinte, eine Bewegung wahrgenommen zu haben. Der Mond hüllte die Szenerie mittlerweile in fahles, kaltes Licht. "Meine Herren, tempus fugit. Weiter."
Sie lösten sich von dem Gebäude und gingen über die Straße und nahe an der liegenden Gestalt vorbei. Nick Runsit betrachtete sie genauer, jetzt, da er näher war und bemerkte etwas. Welcher Obdachlose trägt denn einen Körperanzug? Schnell wie eine Katze sprang der Stammeskrieger auf die Gestalt zu, die zusammenzuckte und sich dann aufrappeln wollte. Die Flasche rollte klirrend über das Pflaster. Wie Schraubstöcke schlossen sich die Arme Runsits um die Handgelenke des strampelnden jungen Mannes, der bereits eine Pistole in Händen hielt, und zerrte ihn an das spärliche Licht. Auf einmal doch nicht so betrunken, wehrte sich der Gefangene mit Tritten so gut es ging und schrie. Runsit schnaufte, als ihn einige der Angriffe in der Bauch- und Leistengegend trafen. Das blonde Haar des Mannes war bereits unter der verrutschten Perrücke zu sehen.
Vom Geschrei alarmiert war auf einmal Gerhart da, und Nick Runsit sah kurz etwas Metallisches aufblitzen, dann zuckte der Körper, dessen Arme er umklammert hielt und Blut spritzte aus einer Wunde am Hals. Das Geschrei hörte noch nicht ganz auf, wurde jedoch zu einem widerlich gurgelnden Laut. Der Redemptionistenpriester ließ die Machete erneut auf den Hals des Mannes niederfahren und trennte ihm dabei fast den Kopf ab. Jegliche Körperspannung wich, so dass Runsit den Mann fallen ließ. Er schnappte sich schnell die Las-Pistole und durchsuchte den Körper.
"Pater!", rief Varitani und deutete auf das Dach des Lagerhauses, das sie gerade hinter sich gelassen hatten. Dort oben war ein Schemen zu erkennen und etwas blitzte auf. Thracian und Varitani sprangen zur Seite und ein Las-Schuß hinterließ ein Loch genau dort, wo der Priester gerade gestanden hatte. Blut, das aus dem Hals des Leichnams quoll, floss rasch darüber.
Der Ex-Gardist fuhr herum, fokusierte kurz den Blick, dann schickte er zwei Las-Geschosse aus der gerade erbeuteten Waffe nach oben, und ein unterdrückter Schmerzenslaut war zu vernehmen. Erneut schoß der Mann auf dem Dach und Runsit stolperte in Deckung.
Von Gebrüll begleitet explodierte nun geradezu die ihnen zugewandte Seite des Lagerhauses in einem Ball aus Staub und herumfliegenden Trümmerteilen. Ein riesiger Mann stürmte hindurch. Seine Arme waren augenscheinlich durch Prothesen ersetzt worden, was erklärte, wie er die Wand so spielend durchbrochen hatte.
Varitani stand am nächsten und zögerte nicht. Er stürmte lautlos nach vor und versetzte der Gestalt einen eingesprungenen Tritt vor die Brust. Der Angreifer stieß gequält die Luft aus und taumelte zurück, als weitere Las-Geschosse vom Dach auf Runsit und Thracian einhagelten. Irgendetwas Unverständliches wurde gerufen, dann musste sich Varitani ducken, da er eine Bewegung aus seinem Augenwinkel wahrgenommen hatte. Eine Klinge sauste nur knapp über seinem Kopf hinweg.
Hinter ihm war eine grazile Gestalt in einem hautengen Körperanzug aufgetaucht - eindeutig weiblich, deren langes Haar zu zahlreichen Zöpfen geflochten war, die sie wild umkreisten, als sie sich drehte. Die Klinge, die sie trug, war geschwärzt, was es Varitani nicht gerade leicht machte, sie aus dem wilden Gewirr von Zöpfen herauszuhalten.
Gebrüll war hinter dem Inquisitor zu hören und der Riese mit den Prothesen griff anscheinend erneut an. Varitani wandte sich kurz ab, als ihn ein Schmerz an seiner rechten Seite durchfuhr. Doch sofort war Gerhart da und beharkte die Frau mit seiner Machete, wobei er laut den Imperator anrief. Sie parierte und ließ von Varitani ab. Dieser blockte gerade noch einen wilden Schlag des Riesen, der ihn dennoch zu Boden schickte. Die unnatürliche Kraft war im warsten Sinn des Wortes umwerfend. Zwei Las-Geschosse drangen in den Körper des Hühnen, als Nick Runsit - nun ebenfalls Kriegsgeheul ausstoßend zwischen vom Dach aus heruntersausenden Las-Schüssen hindurch mit erhobener Waffe auf sie zulief, die Pistole ungefähr in Varitanis Richtung warf und sich mit ausgestreckten Armen auf den Riesen stürzte und ihn so umriß. Die beiden Gestalten verschwanden polternd in dem Loch, das der Riese in der Wand der Lagerhalle hinterlassen hatte.
Varitani rollte sich zur Seite und fischte nach der Las-Pistole. Als seine Finger sich um den Griff schlossen, spürte er, wie feucht seine Robe an seiner rechten Seite wurde und auch den brennenden Schmerz, der sich langsam von dort aus bemerkbar machte. Er blutete, doch daran konnte er jetzt nicht zu viele Gedanken verschwenden. Er drehte sich auf den Rücken und zielte auf den Dachfirst, wo er die Gestalt des verletzten Scharfschützen erkennen konnte, der sich gerade gefährlich weit nach vorn beugte, um auf ihn anlegen zu können. Varitani feuerte mehrere Schüsse in schneller Folge ab, woraufhin der Mann unter Geschrei abstürzte und unweit von ihm aufschlug. Varitani hörte das Knacken von brechenden Knochen und einen Schrei, doch bewegte sich der Mann noch. Der Inquisitor richtete sich unter Schmerzen auf und jagte Las-Geschosse in den Körper, bis er mit beidem aufhörte; mit dem Schreien und dem Bewegen.
Gerhart focht wie er selten zuvor gefochten hatte. Der normalerweise das Kettenschwert bevorzugende Kampfpriester musste hier mit einer völlig unterlegenen Waffe gegen eine Gegnerin antreten, die unanhängig von seiner Ausrüstung eine Herausforderung dargestellt hätte. Mühsam parierte der sternengeborene Priester Schlag auf Schlag, kam selbst gar nicht zum Angreifen und musste sich höllisch konzentrieren, damit ihn die wirbelnden Zöpfe der sich drehenden Mörderin nicht über den Aufenthaltsort der wirklichen Gefahr, dieses dunklen Schwerts, hinwegtäuschten. Doch er wurde schnell müde und merkte, dass er schon mehrere Male getroffen worden war - wie schlimm, das konnte er aufgrund des Adrenalins nicht sagen, das durch seine Venen jagte. Beim Thron, so nicht. Das hier ist zu wichtig, sagte er sich und als er eine Lücke zu erkennen vermeinte, stürzte er sich mit einem furchteinflößenden Ruf auf die schmächtige Gestalt der Frau, die - in ihrem wilden Tanz begriffen - nicht ausweichen konnte und riß sie zu Boden. Dort packte er ihre Oberarme und drosch ihr zweimal mit voller Wucht seine Stirn ins Gesicht. Ihre Nase war gebrochen und Blut lief über Antlitz - sie keuchte auf und wurde ohnmächtig. Gerhart setzte gerade ihre eigene Klinge an ihrem Hals an, als ihn etwas packte, nach hinten riß und durch die Luft schleuderte.
Mit einem Schnaufen schlug der Priester auf, die Luft wurde ihm aus den Lungen gepresst, und er sah sich benommen nach der neuen Bedrohung um. Eine hagere Gestalt stand neben der Frau und beugte sich gerade über sie. Er sprach sie an, doch sie reagierte nicht. Gerhart schüttelte den Kopf und erhob sich wackelig.
Das lange Haar des dünnen Mannes war schlohweiß und hing dünn und offen um seinen knochigen Kopf. Die kleinen Augen lagen tief in den dunklen Höhlen und eine markante, viel zu groß scheinende Nase teilte das Gesicht mit den hervorstehenden Wangenknochen in zwei gleiche Hälften. Die Lippen des in einen hautengen Ledermantel gehüllten Mannes kräuselten sich angewidert, als sich sein Blick von Gerhart ab und auf Varitani richtete, der sich aufgerappelt hatte und sich nun ebenfalls ihm zuwandte.
"Inquisitor Varitani. Sie sind verhaftet.", sprach er mit einer Stimme, die Gerhart an die des verdammten Telepathen Phos Isand erinnerte - unangenehm und durch Haut und Knochen fahrend.
"Weshalb?!", rief Varitani dagegen.
"Wegen Hochverrats. Mehr Rechtfertigung ist nicht erforderlich. Ergeben Sie sich der Inquisition des Goldenen Thrones, Verräter, und befehlen Sie ihren Mitarbeitern, es Ihnen gleich zu tun." Eine Inquisitionsrosette baumelte von der Hand herab, die der Gespenstische ausgestreckt hatte.
"Ich gehöre selbst der Inquisition an und arbeite unter Spezieller Kondition. Im Namen des Imperators fordere ich Sie auf..."
"Sie werden gar nichts mehr in Seinem Namen tun, Varitani. Wir wissen sehr genau, was Sie sind und warum Sie hier sind. Das ist Ihre letze Chance. Ergeben Sie sich oder sterben Sie!"
Ein dröhendes Poltern war aus dem Lagerhaus zu hören, gefolgt von einem Aufschrei. Da die Stimmen der beiden Kämpfenden vom Timbre her ähnlich waren, vermochte niemand zu sagen, wer wem gerade mehr zusetzte.
Varitani hob die Las-Pistole und legte auf den hageren Mann an. "Wer sind Sie?"
"Inquisitor Gudanister ist mein Name. Senken Sie die Waffe!"
"Der Planet hier ist vom Erzfeind durchseucht, Gudanister. Ich bin hier, um die letzte Möglichkeit zu finden, diese Seuche zu bekämpfen!" Varitani blickte den Mann streng an.
"Behalten Sie Ihr Lügenmaul geschlossen, Verräter, und sterben Sie!", erwiderte Gudanister und ließ seine Hand sinken.
Varitani betätigte den Abzug, doch Gudanister stand einige Schritte neben seiner alten Position. Der Inquisitor hatte auf einmal eine unglaublich dünn und zerbrechlich wirkende Klinge in der Hand und stürmte auf Varitani zu. "Hexer!", rief Varitani warnend und sprang zur Seite, als Gudanister nach ihm schlug.
Thracian bemerkte, dass sich die Frau wieder aufrappelte und lief auf sie zu, so schnell er konnte. Da war erneut ein ohrenbetäubendes Krachen zu hören und der Riese mit den prostethischen Armen kam durch die Wand des Lagerhauses gekracht, wonach er unweit von Gerhart zum Liegen kam. Die Stellung seines Kopfes ließ nicht vermuten, dass er noch am Leben war.
Die Frau hatte sich wieder aufgerichtet und erfasste gerade die Situation, während ihr sicherlich noch der Kopf brummte. Ihr Gesicht war dort, wo die Kopfnüsse des Priesters sie getroffen hatten, nicht viel mehr als ein Schlachtfeld. Sie entschied sich, wieder Gerhart anzugreifen, und der blickte sie hart und entschlossen an, auch wenn er aus mehreren Schnitten blutete. Sie hatte ihn jedoch nicht ein einziges Mal richtig erwischt. Fast schien es ihr, als stünde er unter besonderem Schutz - vielleicht war er mit dunklen Mächten im Bunde, wahrscheinlicher jedoch hatte er einfach Glück gehabt. Sie bückte sich, den Blick nicht abwendend, um nach Ihrer Klinge zu greifen, doch ihre Hand schloß sich nur um den Griff einer alten Machete.
Gerhart hob das Schwert, dessen Griff er auch im Flug nicht losgelassen hatte, in einer andächtigen Geste vor sein Gesicht, dann griff er an. Sie schnaufte und kämpfte wie eine Wilde, konnte sich nur mit größter Mühe der geschickt geführten Streiche des Redemptionisten erwehren, doch sie gab nicht auf. Gerhart war nach dem, was er von Gundanister gehört hatte, klar, dass er es mit Akolythen der Inquisition zu tun hatte. Akolythen, die einfach das Pech hatten, entweder von Xeiros Prime zu stammen oder eben hier stationiert zu sein. Er musste seine Kollegen töten. Doch er verbannte diese Gedanken schnell aus seinem Kopf. Ein freier Verstand ist wie eine unbewachte Festung mit offenen Toren!
Da krachte Nick Runsit mit ohrenbetäubendem Gebrüll durch den Schutt, der fast die gesamte Fläche bedeckte, die sich früher einmal an die Stirnseite des Lagerhauses geschmiegt hatte. Sein Körper war übel zugerichtet und von Rissquetschwunden und Abschürfungen übersäht, seine Roben so gut wie nicht mehr vorhanden, so dass in dem kalten Licht des Mondes seine beeindruckenden und erfurchtgebietenden Tätowierungen zu erkennen waren. Er kam neben der verdatterten Frau zu stehen, gegen die Gerhart gefochten hatte und die ebenso wie der Priester innegehalten hatte.
Das dunkle Gesicht des Stammeskriegers war wutverzerrt. "Es reicht!", grollte seine Mahlsteinstimme, als er nach der Frau griff. Sie versuchte die Machete zu schwingen, doch er schleuderte ihre Hand einfach beiseite, griff nach ihrem dünnen Arm und brach ihn wie einen Ast, was von einem ekelhaften Knacken und einem Aufschrei untermalt wurde, der in ein Wimmern überging. Ihre Beine schlugen wild aus, als Runsit die Frau mit einer Hand am Hals packte, sie würgend hochhob, auf ein Knie sank und mit der zweiten Hand nach der Hüfte der kleinen Gestalt griff, um sie dann mit dem Rücken krachend auf sein aufgestelltes Bein sausen zu lassen. Erneut war ein widerliches Bersten zu hören, diesmal aus ihrem Rückgrat. Ihre Beine waren schlaff, doch ihr gesunder Arm bog sich, um erfolglos nach ihrer Rückseite zu tasten. Ein weiterer Schlag zertrümmerte ihren Kehlkopf, dann ließ Runsit sie los, während sie röchelnd und zuckend auf den erlösenden Tod wartete.
Gerhart zögerte nicht lange und machte ihr mit einem schnellen Stich ein Ende, bevor er erschauernd dem Krieger nachblickte, der sich den kämpfenden Inquisitoren näherte.
Aus Varitanis rechtem Unterarm hatte sich seine Energieklinge entfaltet, die bläulich schimmern der psionischen Waffe Gudanisters entgegenstand. Nach einigen Hieben war klar, dass der telekinetisch begabte Inquisitor ein guter Schwertfechter war. Die größere Reichweite seiner Klinge verschaffte ihm einen Vorteil, wogegen Varitani etwas unternehmen musste. Also wich er einem weiteren diagonal geführten Hieb aus, zuckte dann nach vorne, um Gundanister zu überraschen, was ihm mehr oder weniger gelang, dann machte er einen Salto rückwärts und stand nur mehr wenige Schritte von dem verbliebenen Teil der Stirnwand des Lagerhauses entfernt. Er wandte sich also um, absichtlich behäbig, um Gundanister zu einem Ausfall zu reizen und es klappte. So sprang Varitani nach vorne, stieß sich von der Wand des Lagerhauses ab, während der Streich des Psionikers hinter ihm ins Leere ging, nur um ihm im Sprung einen sauberen Tritt gegen den Schädel zu verpassen. Der Kopf des gegnerischen Inquisitors wurde herumgerissen, so dass Varitani gar nicht sicher war, ob er ihm nicht das Genick gebrochen hatte, und der Mann flog einige Meter über den Platz, nur um direkt vor Pater Thracian aufzukommen.
Gundanister hustete und spuckte Dreck aus. Er hatte diesen Ketzer unterschätzt. Das würde ihm nicht mehr passieren. Varitani war augenscheinlich ein Könner im Nahkampf. Dann musste diese Arbeit eben aus der Ferne erledigt werden. Er dachte an die hauchdünnen Klingen, die er in Taschen an seinem Mantel verstaut hatte und öffnete zuversichtlich die Augen.
Die Klinge des Redemptionistenpriesters spaltete ihm singend den Schädel.

"Ganz schön heiß.", schnaufte Phos Isand, als er sich zum wiederholten Mal mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn wischte. Zum Schutz vor der Sonne trug er eine Art Turban, den er sich um die Glatze geschlungen hatte. Der holzbeschlagene Koffer war wie stets an seinen linken Arm gekettet.
"Ja, wir sind in Äquatornähe und es ist Sommer.", stimme ihm Lucius Frost zu. Er trug einen schmalkrempigen Hut, der so halbwegs zu seinem Anzug passte. Er hatte sein Sakko nur leicht über die Schultern gehängt und sein hellblaues Hemd wies dunkle Ringe unter den Achseln auf. Auch ihm stand der Schweiß im Gesicht.
Hruben Arn lehnte lässig an einer nicht weit entfernten Hausmauer. Er hatte sich einen verdörrten Grasstengel in den Mund geschoben und spielte mit der Zunge an ihm herum, was ihn beständig hin und her zucken ließ. "Also pünktlich ist dieser Sarezzin nicht unbedingt, was meint Ihr?" Er blickte auf sein Chrono, schien aber von der Hitze weit weniger beeindruckt als seine Gefährten.
"Er wird schon kommen.", entgegnete Lucius und ließ einen nervösen Blick über all die Menschen gleiten, die um sie her ihren Geschäften nachgingen. Die Wüstenstadt war aus Sandstein oder etwas Ähnlichem erbaut worden, und so hatte jeder von ihnen fast durchgehend Sonnenbrillen zum Schutz vor der Helligkeit auf der Nase.
Eine Gruppe abgewrackt aussehender Nyunga schlurfte vorbei, begleitet von einem Uniformierten, vielleicht einem privaten Sicherheitsmann, der ein Auge auf die Xenos hatte, während sie ihrer Arbeit nachgingen, was immer die auch sein mochte. Nach dem Geruch zu urteilen hatte es irgendwas mit der örtlichen Kanalisation zu tun, schätzte Lucius.
Isand nahm einen großen Schluck aus einer Feldflasche und verzog das Gesicht. "Urgh, das ist so lauwarm. Kein Platz für mich auf jeden Fall. Da war es ja auf Zumthor noch angenehmer."
Lucius Augen verengten sich, als er den Worten des Psionikers zurück in die winterliche Landschaft der Welt folgte, auf der sie den elenden Ketzer Vynnor Lucrés, der sich selbst einem Daemon hingebend nach Macht gesucht hatte, zu Fall gebracht hatten. Dort waren sie auch auf Arian Dorundy getroffen. "Ich weiß nicht, Freij, vielleicht doch ein bisschen zu tödlich."
Da vernahm Lucius auf einmal die körperlose Stimme des Telepathen in seinem Kopf: Aber es steht ja ein Klimawechsel auf dem Programm für diese Welt. Der Ex-Arbitrator verzog leicht den Mund. Das war wohl kaum eine pietätvolle Art und Weise, das Kommende zu beschreiben. Gut, von wem erwaretete er hier auch so etwas wie Pietät? Lucius hatte ganz den Anweisungen des Inquisitors gehorchend seine beiden Begleiter über die Mission informiert, sobald sie auf Xeiros Prime gelandet waren. Er blickte sich nochmals um und betrachtete die Massen an Todgeweihten. Es war bereits bedrückend.
Arn richtete sich plötzlich auf, und seine Muskeln spannten sich an. Das brachte seine Begleiter dazu, in dieselbe Richtung zu blicken wie er. Dort war gerade ein dunkelhäutiger Mann aufgetaucht, dessen breites Grinsen zwei weiße Zahnreihen entblößte. "Sie suchen Sarezzin, meine Herren?", fragte er mit starkem Akzent.
"Wir warten auf Herrn Sarezzin, müsste es heißen.", erwiderte Isand etwas ungehalten.
Das weiße Lächeln verschwand nicht aus dem Gesicht das Fremden, doch Lucius entging nicht das Zucken der Mundwinkel. "Er erwartet Sie. Bitte, folgen Sie mir."
"Ich verstehe nicht ganz.", gab Lucius zurück. "Wir haben einen Transport arrangiert. Wir wollten uns hier treffen, genau hier. Ich habe das selbst mit ihm ausgemacht. Sie - kenne ich nicht."
"Bitte - kommen Sie.", versuchte es der Mann noch einmal und machte eine einladende Handbewegung.
"Nein, das werden wir nicht." Lucius war erneut schärfer geworden. "Ich kann mir sowas in meinem Beruf nicht leisten. Sie können Sarezzin sagen, dass ich so keine Geschäfte mache. Hält er mich für grün hinter den Ohren? Oder für minderbemittelt? Ich bin doch nicht angewiesen auf ihn! Dann suche ich mir eben einen anderen."
Das Lächeln des Fremden verschwand und er blickte Lucius kalt an. "Ich wollte Sie nicht beleidigen, nein. Ich wollte das hier zivilisiert über die Bühne bringen." Der Akzent hatte sich drastisch reduziert und er sprach fast perfektes Niedergothisch. Nun zeigte er den Griff einer Handfeuerwaffe, die er in seinen hellen Roben verborgen gehalten hatte. "Wenn ich Sie nun nochmals ersuchen dürfte, mir zu folgen. Und machen Sie keine ruckartigen Bewegungen, meine Partner hinter Ihnen würden das nicht gut finden."
Arn bemerkte, dass drei weitere berobte Gestalten sich Ihnen genähert hatten. Sie alle hielten eine Hand in den Roben verborgen - natürlich bewaffnet. So vermied es der Assassine einstweilen, etwas anderes zu tun, als auf Lucius Reaktion zu warten.
"N, natürlich. Wir kommen mit." Lucius leckte sich hastig über die Lippen und seine Augen tanzten abwechselnd nach links und rechts, dann blickten sie wieder starr auf die Waffe des Dunkelhäutigen.
Der Ex-Arbitrator machte seine Sache gar nicht schlecht. So schnell von entrüstet auf entwaffnet, besorgt und ängstlich umzuschalten war nicht leicht. Isand grinste innerlich. An Ihnen ist ein Schauspieler verloren gegangen, hörte Lucius die Stimme des Psionikers in seinem Kopf.
Sie gingen einige Meter in eine schattig dunkle Seitengasse. Du meine Güte, wie kitschig. Isand war ganz entspannt, freute sich sogar ein bisschen.
Die drei Akolythen waren mittlerweile von fünf Männern umringt. Ein anderer Mann lag mit einem Knebel aus Tuch und gefesselten Armen auf dem Boden. Sein Gesicht war von Blutergüssen gezeichnet.
"Darf ich vorstellen, Sarezzin, der zwielichtigste "Unternehmer" in ganz Suffat." Der Dunkle grinste wieder sein weißes Grinsen. Er hatte seine Waffe, eine Autopistole mit verlängertem Magazin, bereits gezogen und wies damit auf den am Boden Liegenden. Zwar hörte man das Pfeiffen des Windes um die Ecken recht stark, doch war mittlerweile auch ein leises Wimmern auszumachen, das von Sarezzin aufstieg. "Sie so aus, als ob Sarezzin bei uns in der Kreide stünde und sich an uns gewandt hat, als er von ihrer kleinen Reisegruppe erfuhr. Abhängig davon, war wir in diesem kleinen Koffer dort finden, werden sich die Schulden wohl sehr verringern oder gegen null wandern. Sollte das tatsächlich der Fall sein und er uns nichts mehr schulden, dann dürfen Sie ihn gerne nachher behalten und sich bei ihm bedanken, Sefington." Sarezzin warf aus verquollenen Augen einen schreckhaften Blick auf Lucius. "Solange er Schulden bei uns hat, bleibt er jedoch unangetastet."
"Sagen Sie mal, Lucius, wie lange wollen uns diesen Mist eigentlich anhören? Wir haben Sarezzin doch gefunden, also nehmen wir ihn und gehen, oder?" Isands ruhiger Tonfall trug rein gar nichts dazu bei, die Männer um sie herum zu entspannen.
"Haben Sie mich nicht richtig verstanden, meine Herren? Ich bin sicher, dass Ihnen klar sein dürfte, was hier gespielt wird." Besorgnis und Zorn lagen zu gleichen Teilen in der Erwiderung des Dunklen. "Und wer zur Hölle ist Lucius? Sie sind doch Akermund Sefington, oder etwa nicht?!" Er blickte zornig auf Sarezzin, der zusammen zuckte und vehement nickte.
"Du kleines Wiesel.", brummte Hrubens Arn nun. "Solche rückgratlosen Bastarde sind mir die liebsten von allen. Und sieh an, in welche Lage Dich das gebracht hat, Arschloch."
Eine Faust krachte seitlich gegen den Brustkorb des Assassinen, was ihn aufstöhnen ließ. "Sarezzin ist vorerst nicht euer Problem.", dröhnte eine tiefe Stimme von hinten, diesmal wieder mit ausgeprägtem Akzent.
"Den Koffer bitte.", fügte der Schwarze hinzu und machte einen Schritt in Richtung Phos Isand.
Der hob achselzuckend den Arm und die Handschellen glänzten silbern. "Tja, was soll ich sagen. Ich würde Ihrer Aufforderung ja sehr gerne entsprechen, aber ich hänge dummerweise sehr an der Kasette."
"Das lässt sich leicht korrigieren.", sagte eine Stimme hinter ihm, und er hörte, wie eine Klinge gezogen wurde.
"Das reicht wirklich!", sagte nun erstmals Lucius. "Das ist ja wirklich lächerlich. Eine dümmere Verkleidung hätten wir uns nicht einfallen lassen können. Juwelenschleifer, tsk. Da wird man in so einer heruntergekommenen Drecksstadt natürlich überfallen."
Der Schwarze kniff die Augen zusammen.
"Wir sind keine Juwelenschleifer. Ich bin ehemaliger Mitarbeiter des Adeptus Arbites, der da", und er deutete auf den Turban, "ist noch viel unangenehmer als jetzt, wenn er das tut, was er normalerweise tut und er:", damit wies er in die Richtung von Arn, "Tja, ich sage nur so viel; Sie hätten ihn besser nicht schlagen sollen."
"Knallt sie ab!", rief der Schwarze und zog die Waffe hervor.
Plötzlich wurde es eiskalt, als sich der Psioniker konzentriert umwandte. Die Zwei hinter ihm betätigten die Abzüge ihrer Waffen, doch nur eine davon feuerte. Während der Las-Karabiner zu klemmen schien, war der laute Knall einer Tronsvasse zu hören. Doch die Kugel fand nie ihr Ziel. Die stand einfach vor Vox in der Luft, bevor sie klimpernd zu Boden viel. Isand setzte mit einer lässigen Geste seine Sonnenbrille ab und grinste. "Überraschung." Dann brachen der Mann direkt vor ihm, und der, der weiter hinten stand, von Krämpfen gebeutelt zusammen.
Hrubens Arn hatte dem direkt hinter ihm Stehenden gleichzeitig eine rückwärts ausgeführte Kopfnuss ins Gesicht gegeben und im Umdrehen seine eigene Autopistole gezogen. Er schoß dem Mann, der sich die Hände vor das Gesicht hielt und eine Machete fallen gelassen hatte, in dem Bauch, was diesen aufstöhnend zu Boden schickte.
Lucius packte mit einem großen Schritt nach vorne die Hand des Schwarzen und drückte sie zur Seite, so dass ein Schuss an der Hauswand abprallte und schlug ihm die ausgestreckte Hand mitten ins Gesicht. Der Mann stolperte zurück. Sofort hatte Lucius seine Autopistole gezogen und dem Mann ins Bein geschossen.
"Auf den Boden legen!", kam da der psionisch verstärkte Befehl des Telepathen. Alle stehenden Kontrahenten folgten augenblicklich, die anderen kauerten sich noch mehr gegen die Erde.
"Das ist der verdammt noch mal am schlechtesten ausgeführte Überfall, den ich je gesehen habe.", fluchte der Assassine und bückte sich zu dem Mann, der sich die blutenden Wunde in seinem Bauch hielt: "Tut weh, was?" Der Mann verkrampfte das Gesicht vor Schmerz. Hrubens Arn trat dem vor sich Liegenden noch kräftig vor die Nase, so dass dieser aufjaulte, als Blut und Rotz herausliefen. "Verdammte Sauerei!"
Lucius bückte sich zu dem Schwarzen: "Hast Du noch irgendwelche Zweifel, dass Du Dich einfach mit den Falschen angelegt hast?"
Er schüttelte den Kopf und verspritzte ein wenig von dem Blut, das ihm aus der Nase lief.
"Wir nehmen jetzt Sarezzin und verschwinden von hier. Das ist nie passiert, dann lassen wir Euch so, wie Ihr jetzt seid, zurück. Sonst seid Ihr tot. Einverstanden?"
Der Mann nickte schnell.
"Ihr habt doch nicht vor, Xeiros Prime in nächster Zeit zu verlassen, oder?", erkundigte sich Isand, der damit beschäftigt war, die Männer zu entwaffnen.
"Nein.", brachte einer gequält hervor.
"Hervorragend. Manchmal klären sich alle Probleme wie von selbst." Vox blickte lächelnd Lucius an.
Dieser packte mit schnellen Griffen, die vermuten ließen, dass er sich mit Gefesselten prächtig auskannte, Sarezzin und zerrte ihn hoch. "So, Herzchen, wir haben auf jeden Fall noch ein Hühnchen zu rupfen und vor allem einen Flug zu nehmen." Damit zogen sich die Akolythen zurück.

Die Hüllen der mächtigen Schlachtschiffe ächzten nach dem Wiedereintritt aus dem Immaterium. Die Gellar-Felder, welche die Schiffe und ihre Besatzungen vor den ewiglich wirbelnden Strömungen des Warps schützten, wurden deaktiviert und die Triebwerke für den Normalraum nahme ihre Arbeit auf.
Auf der Brücke der Furor Calixis war Admiral Kanakouris in ihren Kommandothron eingebettet und über zahlreiche Kabel, Schläuche und Leitungen mit ihrem Schiff verbunden. Ihre Sinne und der Sensorenempfang der Furor Calixis liefen ineinander. Dieses Erleben glich dem Gleiten im All, mit einem Körper aus Stahl, Hunderttausend darin lebend und arbeitend, mit Augen, die Millionen von Kilometer weit blicken konnten, mit Waffen, die ganze Welten erzittern ließen. Während der Immateriums-Traverse war auch Admiral Kanakouris gezwungen, ihre Sinne wieder auf ihren menschlichen Körper zu beschränken, da selbst ein gestählter und unerschütterlicher Geist wie der ihre dem Wahnsinn des Warpraums nicht gewachsen war. Es waren seit langen Millennien nach wie vor nur die Navigatoren, denen dies beschränkt möglich war - der Blick in den immer in Bewegung seienden Mahlstrom aus Emotion, das Epyreum.
"Commander Taran, veranlassen Sie, dass der Sektor sofort gescanned wird. Sämtliche Einrichtungen und Lebenszeichen jenseits von Xeiros Prime sind sofort als Ziele zu markieren.", erklang der erste Befehl aus dem Voxponder der Flottenkommandantin.
Taran, ein stolzer Mann, jung für seinen Rang und damit auch noch keineswegs für den Rest seines Lebens zufrieden, salutierte in seiner gestärkten Uniform, die wie jene der anderen Flottenangehörigen aufgrund der Zugehörigkeit zur Raumflotte des Segmentum Obscurum rot gefärbt war. "Jawohl, Ma'am Admiral."
"Lieutenant DeVarro, informieren Sie die Strahlender Schein und die Fides perpetua darüber, dass wir die Zielaufschließung durchführen und ihnen im Laufe der nächsten Minuten die endgültigen Routen vorgeben werden."
"Jawohl, Ma'am Admiral.", bestätigte der Angesprochene, der leicht erhöht auf einem Kommandostand über seine Unteroffiziere wachte, welche sich um die interne und externe Kommunikation kümmerten.
Erste Sensordaten erreichten bereits den Cogitator, der mit Kanakouris Gehirn verbunden war.
"Ma'am Admiral, soeben erreicht uns eine Nachricht von Lord-Captain Zaiphus, dass die Beständiger Ansturm und die Ungebrochen den Wiedereintritt nahe Xeiros Quintus abgeschlossen haben und auf Angriffsbefehle warten. Bisher keine Reaktion der lokalen Abwehr, weder laut seiner Meldung noch laut unserer Sensorik.", gab Lieutenant DeVarro bekannt.
"Sagen Sie ihm, er soll seine Position halten, solange wir die Zielerfassung durchführen."
"Zu Befehl, Admiral." DeVarro kam kaum dazu, seinen Blick wieder abzuwenden, als er erneut Meldung machte: "Ma'am Admiral, wie erwartet erreichen uns erste Nachrichten vonseiten der offiziellen Stellen auf Xeiros sowie der Verteidigungsplattformen, die nach dem Grund unserer Anwesenheit fragen. Ich werden wie besprochen ohne zu antworten die Kommunikation stören und die Kommandanten der anderen Schiffe anweisen, es uns gleich zu tun."
"Tun Sie das. Und sagen Sie dem Waffenoffizier, er soll sich für Torpedoabschüsse bereit machen. Sobald die Strahlender Schein mit ihrer Nova-Kanone die Plattformen ausgeschaltet hat, soll es zu keiner Verzögerung kommen, sobald die ersten Zivilschiffe flüchten wollen. Niemand darf uns entwischen."
"Aye, aye, Ma'am Admiral."
Ein weiteres Schiff verließ unweit der Hauptgruppe den Warpraum. Nur gegen das violett wabernde Schimmern des Risses, durch den der kilometerlange Rumpf sich aus dem Immaterium schob, war es überhaupt kurzzeitig sichtbar. Keinerlei Beleuchtung ging von ihm aus, auf keine andere Weise gab es Zeichen seiner Existenz von sich, als durch das Verdecken der Sterne, die sich hinter ihm befanden - ein Schwarzes Schiff der Imperialen Inquisition.

"Wiedereintritt abgeschlossen. Bestätige Position.", Lieutenant Wallers Hände fuhren über seine Instrumente; das Datenkabel, das aus einer Implantbuchse an seinem Hinterkopf laufend mit seinem Sitz verbunden war, zuckte. "Xeiros System, Anflugvektor Xeiros Prime."
"Gut, Systemscan durchführen. Wollen wir doch mal sehen, ob die Imperiale Flotte ihre Arbeit auch zu unserer Zufriedenheit ausführt.", gab Inquisitor-Captain Francis Delinn zurück. Dem Gesicht des alten Kommandanten sah man die Erfahrung regelrecht an, die er im Laufe seines Lebens gesammelt hatte. Unzählige Fältchen, Narben und Wülste bedeckten sein versehrtes Gesicht und durchzogen den grauen Bart des ganz in Schwarz gekleideten Kapitäns. Sein linkes Auge hatte er im Kampf gegen einen Mutanten verloren, und dort befand sich nun ein Interface, mit dem er sich in die Sensorphalanx seines Schiffs, der Lodernde Gerechtigkeit, einklinken konnte, was er in diesem Moment auch tat. Ein starrer, viel zu schwer aussehender Schlauch, in dem unter Schutzringen verborgen zahlreiche dicke Datenleitungen verliefen, ragte frontal aus seinem Kopf, und sein rechtes Auge zuckte nach oben, so dass man fast nur mehr das Weiß seines Glaskörpers sehen konnte.
"Furor Calixis, Schlachtschiff der Vergelter-Klasse, Strahlender Schein, Schlachtkreuzer der Mars-Klase und Fides perpetua, Kreuzer der Dominator-Klasse. Vierzigtausend Kilometer steuerbord, Inquisitor-Captan.", berichtete Waller. "Die Kreuzer Beständiger Ansturm und Ungebrochen befinden sich in Angriffsposition nahe Xeiros Quintus."
"So weit, so gut."
Das sanfte Aufsetzen seiner Schritte wurde rhythmisch von Klacken seines Stocks unterbrochen. Dies verriet Inquisitor-Captain Delinn auch ohne Konsultation der internen Sensoren, wer da gerade seine Brücke betreten hatte und sich neben seinem Kommandothron aufstellte - Lord Inquisitor Eirut Bahan.
"Die Angriffe können ohne weitere Verzögerung beginnen, Inquisitor-Captain. Sie können Admiral Kanakouris davon in Kenntnis setzen.", sagte der Alienjäger mit leicht nasaler Stimme. Wie stets war er perfekt gepflegt und makellos in jeder Hinsicht. Delinn konnte den Bastard nicht leiden.
"Ihr Wunsch ist zur Kenntnis genommen, Lord Inquisitor. Das Oberkommando über die Operation bis zum Beginn des Exterminatus hat jedoch Admiral Kanakouris. Es besteht nach den ersten Sensordaten zu schließen kein Grund, ihre Kompetenz auch nur im Geringsten in Frage zu stellen, weshalb ich einen Eingriff in die Hierarchie nicht für ratsam halte. Sobald die Vorbereitungen an Bord der Flottenschiffe abgeschlossen sein werden, wird sie den Befehl umgehend erteilen. Sollte ein Angriff jedoch nochmals zur Diskussion ausgeschrieben stehen, werde ich Ihren zustimmenden Standpunkt selbstverständlich vertreten, Lord Inquisitor."
Bahan verzog ärgerlich das Gesicht, sagte jedoch nichts. Delinn hatte sowohl den Rang eines Inquisitors inne, was ihn zu seinem Untergebenen machte, als auch den eines Captains, was ihn zur Person absoluter Authorität an Bord seines Schiffes, der Lodernde Gerechtigkeit, werden ließ. Sein Wort war Gesetz - und diesem Gesetz musste sich sogar ein Lord Inquisitor beugen, solange kein offensichtliches Fehlverhalten vorlag. Bahan wusste, dass die Crew schon viele Jahre unter Delinn diente und ihn zumindest schätzte. Hier würde er keine Unterstützung finden, wenn der Fall des alten Schlachtrosses nicht offensichtlich war. Erst dann konnte er hoffen, dass ihm ein ehrgeiziger junger Offizier beisprang, wenn er dem Captain zu direkt widersprach.
"Waffenoffizier für Captain. Kommen.", bellte Delinn in sein Voxcom.
"Hier Deckard, Sir. Kommen."
"Überprüfen Sie die Virusladung und machen Sie anschließend Meldung. Wir wollen doch keine Verzögerung riskiren, wenn es an der Zeit ist, dass die Imperiale Inquisition ihre Zähne zeigt. Kommen."
"Waffendeck verstanden, Sir. Kommen."
"Delinn, Ende."
Die Lodernde Gerechtigkeit würde bereit sein.

Aller Gnaden Ende
« Antwort #23 am: 17. Mai 2013, 20:08:11 »
11 - Katalysator

Immarut Railoun hatte seinen Arm um Cattaleya Amalia VanSovreans Schultern gelegt, als sie nebeneinander auf dem Förderband stehend in die Haupthalle der Terminalstation für ankommende und ausgehende Passagierflüge in Antimon transportiert wurden. Niemand hätte daran gezweifelt, dass die Beiden ein Paar waren, frisch verliebt, so innig waren die Blicke, die sie sich zuwarfen. Eine bessere Tarnung hätte es für die Akoylthen nicht geben können, denn nachdem sie kurz vor dem Ablug von Scintilla zueinander gefunden hatten, waren die Wochen des Fluges auf dem Luxuspassagierraumer Herz der Freude ihnen wie Flitterwochen erschienen. Sie hatten die Zeit genutzt, die ihnen noch geblieben war, hatten an Bord getanzt und bei Kerzenschein diniert.
Railoun hatte ihr schon recht früh Einzelheiten über den Auftrag auf Xeiros Prime erzählt, doch anstatt sie - wie er es befürchtet hatte - abzuschrecken, war Cattaleya noch anhänglicher und offener geworden. Während der "Nächte" an Bord, also den Ruhephasen, die einen Tagesrhythmus aufrecht erhalten sollten, die auch vor Immaruts Enthüllungen schon nicht von besonders viel Schlaf erfüllt gewesen waren, wurden nun auch neben den körperlichen Aktivitäten teilweise tiefgreifende Gespräche geführt. Die Adelige wusste nicht allzuviel über das Vorgehen bei einem Exterminatus. In diesen Unterhaltungen war Beiden das Ausmaß dessen bewusst geworden, was hier unternommen wurde. Zwar äußerte niemand Zweifel an der Notwendigkeit, nicht bei der Situation auf Xeiros Prime, aber die Vorstellung, sich selbst auf diesen Planeten zu begeben, war wirklich furchteinflößend.
Cattaleya hatte viel über ihre Vergangenheit nachgedacht, hatte Immarut davon erzählt, und dieser hatte neben ihr gelegen, den Kopf an ihre Schulter gelehnt, den Arm um ihre Hüfte geschlungen und hatte zugehört. So waren sie zu der Erkenntnis gekommen, dass sie für sich gegenseitig der beste Schutz waren, und dass sie sich glücklich schätzen konnten, diese Bürde zusammen tragen zu dürfen.

Es war ein sonniger Tag über der Metropole Antimon, und die Glaskuppel über der Terminalstation ließ das Licht nahezu ungehindert hindurch. Immarut hob die Hand zum Schutz vor dem gleißenden Schein über die Augen und blickte nach oben - durch die Scheiben auf den blauen, fast wolkenlosen Himmel.
Vor ihnen erstreckte sich die mit hellem Marmor ausgelegte Halle. Die Atmosphäre war von zahlreichen Geräuschen des Alltags dominiert, dem Getrampel von Füßen, dem Stimmengewirr von tausenden Menschen, die ihren Geschäften nachgingen, dem Rattern, Hissen und Zischen von Maschinen. Immarut nahm außerdem noch das fast betäubende Gemisch aus Düften und Gerüchen wahr, und hielt seinen Kopf in der Nähe von Cattaleyas Haar, wann immer es zu schlimm wurde, um ihren ihm schon so lange vertrauten Duft einzuatmen.
Vor der Transportrampe, die parallel zu der ihren verlief, war es zu einem Gedränge gekommen. Rufe der Verärgerung und Enttäuschung verirrten sich manchmal über den Lärm des Betriebs zu ihnen herüber. Eine Gruppe dunkel uniformierter Ordnungsbeamter des Magistratums hatte eine Reihe vor der Rampe gebildet und schirmte sie vor der immer größer werdenden Menge an Menschen ab, die sie zu erreichen suchten.
"Was ist denn da los?" Immarut bemühte sich, mehr zu erkennen.
Eine Gruppe von Personen wurde aus dem Abreise-Terminal herausgeführt, eskortiert von bewaffnetem Sicherheitspersonal. Sie bewegten sich die still stehende Transportrampe hinunter. Auch unter ihnen beschwerten sich einige vornehm Gekleidete lautstark.
"Lassen sie Niemanden abreisen?", fragte Cattaleya und zog die Augenbrauen hoch.
Immarut verzog den Mund und sein Herzschlag beschleunigte sich, als er Honeymoon mit einem bestimmten "Komm mit." am Handgelenkt packte und schnell nach unten ging.
Dort näherten sie sich einem Schalter, an dem planetare Flüge verwaltet wurden. Er war leer.
"Enschuldigen Sie, junge Dame."
Die uniformierte, jedoch gar nicht so junge Dame, die etwas abseits stand, trat nach vorne und hob entschuldigend die Arme. "Es tut mir leid, mein Herr, aber ich glaube nicht, dass ich Ihnen helfen kann."
"Meine junge Frau und ich sind gerade erst angekommen und wollen hier ein paar ruhige Wochen verbringen. Ich muss aber sagen, dass wir ein bisschen beunruhigt sind." Bei diesen Worten legte Immarut plakativ seinen Arm um Cattaleyas Schulter. "Was ist denn los?"
Die Dame brachte ein schwaches Lächeln zustande, es war ihr jedoch anzusehen, dass sie sich auch nicht allzu wohl fühlte. "Dazu kann ich Ihnen leider nicht viel sagen, fürchte ich. Alle Flüge von diesem Terminal sind ausgesetzt. Auf unbestimmte Zeit."
"Betrifft das nur Flüge von Xeiros Prime aus? Wir benötigen einen planetaren Flug nach Xileiphos auf Kirrjeha."
"Das betrifft wirklich alle zivilen Flüge, soweit ich weiß. Es tut mir sehr leid."
Ein Krachen ertönte, dann stapfte - untermalt vom Aufschlagen ihrer schweren Stiefel - eine Gruppe Arbitratoren in die Halle. Ein dunkel gekleideter, glatzköpfiger Mann in einem Ledermantel ging an ihrer Spitze.
"Vielen Dank.", sagte Immarut zu der Dame und wandte sich dann ab. Als sie ein paar Schritte weiter gegangen waren, flüsterte er Cattaleya zu: "Das hier gibt Ärger. Anscheinend ist etwas passiert, was die Behörden in Panik versetzt. Der da", er deutete mit einer schwachen Kinnbewegung in Richtung des Glatzkopfs, "könnte von der Inquisition sein."
Sorgenfalten bildeten sich auf Cattaleyas Stirn. "Dann raus hier. Als Außenweltler haben wir keine guten Aussichten."
Der Hauptausgang war bereits von Arbitratoren in Sturmausrüstung besetzt worden. So gingen sie zügig auf einen Wartungszugang in einem abgelegenen Bereich der Halle zu, der möglichst weit von den Neuankömmlingen entfernt war.
"Ist das vielleicht wegen uns?", Honeymoon biss sich auf die Unterlippe.
"Das kann ich mir nicht vorstellen.", entgegnete Immarut. "Dazu sind wir nicht wichtig genug. Außerdem würde das Timing hier bedeuten, dass sie Informationen aus erster Hand erhalten haben, und ich hoffe einfach, dass alle anderen wohlauf sind."
Sie erreichten die Türe, doch die war verschlossen. Honeymoons mahagonifarbenes Haar fiel über ihre Schultern, als sie ihre Haarnadel hervorzog und sich an dem einfachen, mechanischen Schloß zu schaffen machte.
"Meine Damen und Herren!", erschallte da eine Durchsage aus einem Voxcaster. "Darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten! Die Maßnahmen, mit denen Sie sich konfrontiert sehen, sind nur zu Ihrem Schutz gedacht. Sie werden ersucht, widerstandslos zu kooperieren, damit bald wieder regulärer Betrieb herrschen kann. Wir haben Fragen an alle von Ihnen!" Der Sprecher war einer der Arbites aus dem Trupp des Glatzkopfes.
"Beeil' Dich.", gab Railoun gedämpft nach hinten. Er hatte sich als Sichtschutz zwischen Cattaleya und die Neuankömmlinge gestellt.
Der Interrogator bemerkte, wie immer größere Beunruhigung sich der Menschen bemächtigte, die sich vor der Rampe zum Abreiseterminal zusammengedrängt hatten. Er sah ratlose Gesichter, die sich fragend umblickten; auch das Weinen von Kindern drang an sein Ohr. Dann trat eine kleine Gruppe von Personen nach vorne. Ein über die Maßen herausgeputzter Mann fortgeschrittenen Alters führte sie mit hochrotem Kopf an, eine ebenso schrill und auffällig gekleidete Dame an seiner Seite. Die beiden Männer, die sie begleiteten, sahen nach Railouns Meinung wie Leibwächter aus.
"Diese Behandlung ist unerhört!", rief der Mann aus. "Ich glaube, Sie wissen nicht, mit wem Sie..." Mehrere der Arbitratoren gingen auf die Gruppe zu und der Mann mit dem Voxcaster, wahrscheinlich der Anführer, hob beschwichtigend die Hände. Dann trat der Glatzkopf hinzu und sprach ein paar Worte. Die herausfordernde und entrüstete Körperhaltung des Paares änderte sich schlagartig, und selbst auf diese Distanz meinte Immarut zu erkennen, wie blaß der Mann wurde.
"Ich hab's.", verkündete Honeymoon kühl und ließ die Haarnadel in ihrer Handtasche verschwinden.
Immarut sah noch, wie die Gruppe um den gockelhaften Mann von vier Arbitratoren und dem Glatzkopf in Richtung eines Seitenausgangs gebracht wurden, dann wandte er sich um. Als sie die Türe öffneten, hörte er einen Ruf und sah sich noch einmal um. Der Anführer der Arbitratoren wies mit ausgestrecktem Arm in ihre Richtung und sofort setzten sich zwei seiner Männer in Laufschritt.
"Rasch.", hörte er da Honeymoon keuchen, als ihre zarte Hand sich um seinen Arm schloß und ihn in den Wartungsbereich zog. "Ich hab so ein Gefühl, wenn die uns erwischen, sind wir dran."
Er konnte ihr nur zustimmen. Irgendetwas Gravierendes war vorgefallen. Hatte der Erzfeind etwa wirklich einen ihres Trupps erwischt? Selbst wenn er Informanten auf Scintilla gehabt hätte, wäre ihre genaue Ankunftszeit nicht so präzise kalkulierbar gewesen. Deshalb hatte Varitani ja während der Vorbereitung so wenig preisgegeben. Oder war alles anders? War er zu fixiert auf die Person, die in dem Moment geschmeidig vor ihm her glitt und auf sich selbst? War etwas viel Größeres im Gange? War etwa die Flotte schon eingetroffen?
Bald hörten sie hinter sich die schweren Stiefel der Arbitratoren.
Immarut hatte eine kleinkalibrige Feuerwaffe gezogen, die einzige, die sie bei sich hatten, doch Cattaleya war anscheinend nicht auf einen Kampf aus. Sie bewegte sich immer schneller durch die Gänge und änderte mehrmals die Richtung. Dabei war sie ganz leise. Er gab sich Mühe, es ihr halbwegs gleichzutun. Bald kamen sie zu einem abzweigenden Gang, der an einer Tür endete.
Cattaleya zog die Haarnadel hervor, doch hielt lauschend inne. Dann sprach sie vollkommen lautlos, und er las an ihren Lippen: "Es ist nur mehr einer. Bleib einfach ratlos an der Türe stehen. Vorher hilf mir hinauf." Ihr Blick glitt nach oben zu der niedrigen Decke, an der immer wieder einige Platten der Verkleidung fehlten.
So leise wie möglich zog sie sich nach oben. Gerade als Immarut an der Tür angekommen war, trat ein einzelner Arbitrator ins Sichtfeld. Sie hatten sich tatsächlich aufgeteilt. Immarut war klar, dass der Mann sofort Meldung machen würde. Er hob die Arme. "Sie haben mich."
"Auf die Knie! Hände hinter den Kopf!", rief der Arbitrator, den Schlagstock in der Hand. Der schwarze, geschlossene Maskenhelm verlieh ihm etwas Unnahbares, Unpersönliches. Als er auf Immarut zuging, ließ sich eine grazile Gestalt trotz ihres Kleides vollkommen lautlos hinter ihm von der Decke herabgleiten.
"Was ist denn überhaupt los?", begann Immarut.
Der Arbitrator hatte ihn fast erreicht und hob den Schlagstock. "Das Weglaufen wird Dir noch Leid tun." Als er die Waffe gerade auf Immarut herabsausen lassen wollte,  wurde sein Kopf unsanft zurück und auf die Seite gerissen, so dass ein scharfes Knacken zu hören war.
Cattaleya ließ den Körper so vorsichtig es ihr möglich war zu Boden gleiten, dann begann sie an der Türe zu arbeiten. Immarut durchsuchte den Arbitrator, fand jedoch keine Feuerwaffen. Ein paar andere Dinge wie Handschellen nahm er an sich.
Draußen waren sie unter offenem Himmel, und der Lärm der Metropole grüßte sie gleichzeitig mit der mehr oder weniger frischen Brise. Ein Laufsteg aus grobem Metallgerüst, der außen an der Terminalstation entlang und zu einem weiteren Laufsteg führte, endete an der Tür eines anderen, viel kleineren Gebäudes, das weit weniger einladend aussah als das Haupthaus - wahrscheinlich für Hilfspersonal oder Ausrüstung gedacht.
Sie wollten sich schon in Bewegung setzen, als sie knapp zwanzig Meter unter sich auf Straßenniveau Stimmen hörten. "Außenweltler, Herr Inquisitor, wie angenommen. Das hier ist Friiltor Arouf, ein Kaufmann. Das ist seine Gattin." Cattaleya und Immarut blickten nach unten und sagen die Gruppe, die vorher aus der Haupthalle geführt worden war. Während drei Arbitratoren das schrille Paar und die Leibwächter im Zaum hielten, besprach sich einer der Eingreiftruppe mit dem Glatzkopf. Man hatte alle in der verlassenen Gasse zum Niederknien gezwungen.
"Der bedeutendste Gewürzhändler von ganz Fenks Welt, so sagt man!", fügte der Kaufmann hinzu, einen letzten Rest von Unbeugsamkeit und Entrüstung aufbringend.
"Die Beiden stören nur.", sagte der Glatzkopf und wies auf die Leibwächter.
"Jawohl, Herr Inquisitor." Zwei Schüsse waren zu hören und die Leibwächter fielen tot zu Boden. Ein Schrei, ebenso schrill wie ihre Kleidung, entfuhr der Kehle der Kaufmannsgattin, als sie mit Blut bespritzt wurde.
"Was -  was haben wir getan?!", krächzte Friiltor Arouf.
"Ich richte Sie im Namen des Imperators, als Sein Diener in der Imperialen Inquisition.", sagte der Glatzkopf kühl, dann schoß er dem Kaufmann mit einer Pistole in den Kopf. Bevor seine Frau lange um ihn weinen konnte, war er zu ihr getreten, hatte noch einmal denselben Text gesprochen und dann auch sie hingerichtet.
"Beseitigen Sie das, seien Sie so gut, ja."
"Natürlich, Herr Inquisitor."
"Folgen Sie mir dann zurück in die Terminalstation. Auf uns wartet heute viel Arbeit."
Immarut sah Cattaleya an. Sie blickte zurück. Gut, dass sie es nicht darauf hatten ankommen lassen, ihre Rolle als gutbürgerliches Paar zu spielen. Sie folgten dem Laufsteg und kamen an die nächste verschlossene Tür. Cattaleya zückte ihre Haarnadel.

Das Geräusch von Husten war aus der Ecke des Raumes zu hören, in den sich die in faulige Roben gehüllte Gestalt zurückgezogen hatte. "Dann ist es soweit. Ihre Schiffe sind bereits hier."
Tereen nickte. Der Zwilling trug eng anliegende Kleidung aus weichem, rotbraunem Leder, die einen guten Teil seiner glatten Brust frei ließ. Ein Stirnband aus demselben Material hielt sein langes, dunkles Haar im Zaum, und ein rostroter Gürtel war um seine schmalen Hüften geschlungen. An einer Seite des Gürtels baumelte eine Schwertscheide mit einer köstlich verzierten Klinge darin, an der anderen Seite befand sich ein Halfter mit einer Pistole. "Sie haben bereits mit dem Beschuss der Anlagen von Xeiros Quintus begonnen. Auch unsere Verteidigungsplattformen werden nicht viel länger aushalten, höre ich."
„Nicht nur das.“, drang da die dunkle Stimme von Astrion Malqevis von der Türe her. Niemand hatte ihn gehört. Wie sich ein Mann von solcher Statur und mit schwerer Rüstung angetan derart lautlos bewegen konnte, brachte sogar Geheimnisträger wie Zaabesz manchmal zum Staunen. Nein, unterschätzen durfte man Malqevis nicht, auch wenn er sich manchmal nur wie ein grobschlächtiger Affe gab.
Der unterirdische Besprechungsraum des Gouverneurspalasts war mit nahezu ebenso feinem Mobiliar ausgestattet wie das restliche Gebäude. Ein breiter, blank polierter Tisch bildete das Zentrum und zahlreiche Cogitatoren und hololithische Projektoren verbreiteten ihr vertrautes Surren und Rattern.
„Varitani ist hier.“, fuhr Malqevis fort und trat ein, um sich plump und laut in den nächsten Polstersessel fallen zu lassen.
Das ließ Zaabesz die Augenbrauen heben und ein fragendes Gesicht machen, als er sich mit seiner langen Zunge über die spitzen Zähne strich. Er blickte zum Fremden hinüber, um den herum sich bereits Flecken an dem Verputz der Wand bildeten.
„Die Anwesenheit einer imperialen Flotte lässt eigentlich nur den Schluß zu, dass sie doch mehr wissen, als wir ursprünglich gehofft hatten und dass sie mit einem umfassenden Militärschlag darauf reagieren.“, führte dieser aus, bevor der Husten über ihn kam.
Tereen nahm den Faden auf: „Da sie nicht hoffen können, mit Bodentruppen etwas auszurichten, bedeutet das genauer gesagt eines: Exterminatus. Sie werden diese ganze Welt tilgen. Man fragt sich allerdings….“
„Warum sie dann noch einen Inquisitor hierher schicken, genau.“, beendete Malqevis. „Das habe ich mir auch schon überlegt.“
Zaabesz brummte in sich hinein. „Dafür kann es viele Gründe geben. Er könnte auf eigene Faust handeln, ohne Befehl. Er könnte davon ebenso überrascht werden wie die restliche Bevölkerung. Hat er denn schon konkret etwas unternommen?“
Der große Krieger schüttelte den Kopf und strich sich über den kohlrabenschwarzen Bart. „Hat den Inquisitor aufgemischt, den man geschickt hatte, um ihn abzufangen, einen gewissen Gudanister.“
„Hm, war der in Phase zwei?“, erkundigte sich Tereen.
Diesmal nickte Malqevis. „Ja, aber er hat aus eigenem Antrieb gehandelt. Hat die Geschichte von Varitanis Verrat fast erfreut zur Kenntnis genommen, wie ich erfahren habe. Wie gesagt, mehr hat Varitani noch nicht getan, soweit wir feststellen konnten. Ich habe keine Ahnung, was er hier wollen könnte.“
„Ist er vielleicht hinter dem Extraktor her?“, mutmaßte Tereen.
Zaabesz zischte. „Das glaube ich nicht. Die Schoßhunde des Falschen Imperators haben keine Ahnung von den Schildsystemen, die ihn schützen. Außerdem wäre das eine militärische Aufgabe und keine für die Inquisition.“
„Das sehe ich auch so.“, stimmte Malqevis zu, was ihm ein beunruhigend wirkendes Grinsen des Hexers einbrachte. „Ich kenne die übliche Vorgehensweise. Würde es darum gehen, Schutzschilde vor Ort auszuschalten, würde man Spezialeinheiten der imperialen Garde schicken oder Marines.“
„Wissen wir, wo er ist? Varitani meine ich.“, fragte Tereen.
„Bis vor kurzem wussten wir es noch. An der Westküste von Kirrjeha ist er untergetaucht. Alle Behörden suchen nach ihm und seinen Mitarbeitern.“
„Wir werden das selbst in die Hand nehmen, sobald er gefunden ist. Ich will kein Risiko eingehen.“, tönte es da unter der Kapuze des Fremden hervor.
„Ist das nicht riskant? Dieser Varitani ist kein Niemand.“
„Wir sind mit allergrößter Wahrscheinlichkeit in einigen Tagen tot, Velfur. Es macht keinen Sinn, das zu leugnen. Entweder die Bomben der Imperialen werden das tun oder die Kräfte, die aus dem Portal kommen, wenn es unkontrolliert expandiert. Für mich wäre es nur schade, nicht zu erfahren, ob die Imperialen das Portal selbst soweit vergrößern, dass es zur Vernichtung des Systems kommt, oder ob sie begreifen, dass sie es erst schließen müssen.“
„Ich sterbe auch lieber in einem Kampf gegen diesen Bastard Varitani als unter dem feigen, orbitalen Feuer von Schlachtschiffen.“, stimmte Malqevis zu.
Zaabesz grummelte etwas Unverständliches, schien aber nicht weiter Einspruch erheben zu wollen.
„Dann warten wir, bis wir etwas von ihnen hören.“ Ein teuflisches Grinsen verzerrte das glatte und eigentlich hübsche Gesicht von Tereen.

„Erklären Sie mir das, Varitani!“ Der Mann mit dem schütteren, blonden Haar brüllte geradezu, als er Varitani eine Datentafel zuschleuderte, die der überraschte Inquisitor gerade noch fangen konnte.
„Ich würde vorschlagen, Sie beruhigen sich ein bisschen, Captain.“, warf Lucius Frost ein und trat einen Schritt auf Varitani zu.
„Sagen Sie ihrem Jungen, er soll still sein, wenn sich Erwachsene unterhalten!“, gab Captain Guntr an Varitani gewandt giftig zurück.
Lucius Frost hielt den Blick den Freihändlers, ohne irgendwie zu erkennen zu geben, ob ihn der verbale Angriff getroffen hatte oder nicht.
Die Lagerhalle, in der das Treffen stattfand, war schon lange verlassen. Mehrere alte Kisten standen herum, ansonsten war sie leer. Eine Galerie aus metallenen, rostbefallenen Laufstegen verlief unterhalb des hohen Flachdaches, zu erreichen über eine ebenso rostige Treppe im Inneren. Die hatte Nick Runsit jedoch nicht benutzt, um sich Zugang zu verschaffen. Stattdessen war er von außen eingedrungen und hatte sich unbemerkt mit dem erbeuteten Lasergewehr des Scharfschützen, den sie in Bantifon Ades ausgeschaltet hatten, in Position gebracht. Blender hatte sich direkt nach dem Eintreten in die Schatten gedrückt, die durch das einfallende Mondlicht entstanden, doch zweifelte der Assassine nicht daran, dass zumindest einige ihrer Gäste durchaus in der Lage waren, ihn zu entdecken. Lucius Frost, der Telepath Phos Isand und Gerhart Thracian waren mit Varitani zusammen auf die Gruppe zugegangen, die in der Mitte der Halle Aufstellung genommen hatte.
Captain Guntr war nicht alleine gekommen, sondern hatte volle zwölf Mannschaftsmitglieder dabei, die sich hinter ihm aufgebaut hatten. Varitani und den Akolythen war jedoch der abgekämpfte Ausdruck auf den Gesichtern nicht entgangen, ebenso wenig wie die Tatsache, dass die Männer alle nur leicht bewaffnet und generell schlecht ausgerüstet waren. Manche Kleidungsstücke waren angesengt, manche Personen überhaupt nur spärlich bekleidet. Grußworte hatte es nicht gegeben.
„Euch ist doch bewusst, mit wem Ihr sprecht, Captain.“, stellte der Pater gerade ruhig fest.
Guntr stieß scharf die Luft aus und Enttäuschung war aus seiner Antwort zu hören: „Ich dachte zumindest, dass ich das wüsste. Bevor diese verdammten Schlachtschiffe wie aus dem Nichts aufgetaucht sind.“
Lucius warf Varitani einen schnellen Blick zu. Der Inquisitor sah vom Studium der Datentafel auf und blickte Guntr in die Augen. „Dafür können Sie nicht mich verantwortlich machen, Guntr.“
„Aber Sie wussten doch, dass diese Schiffe kommen würden, nicht wahr?!“
Varitani nickte. „Allerdings wusste ich nicht, wann genau das sein würde.“
„Es gab keine Warnung, nicht einmal ein Verhör. Dafür ist die Inquisition doch normalerweise berühmt, oder nicht? Sie haben direkt geschossen. Wir waren nicht einmal gefechtsbereit. Die Tarbeter war ein ziviles Schiff, ein Handelsschiff."
Varitani nickte erneut. „Ich verstehe Sie. Es ist bedauerlich, dass es für Sie nicht mehr machbar war, zu entkommen.“
Gemurmel war hinter Guntr zu hören. „Es ist bedauerlich? Meinen Sie nicht, ich hätte das entscheiden sollen?! Ich bin verantwortlich für meine Mannschaft, für mein Schiff. Ich schmuggle für Sie Ausrüstung hierher, ohne Fragen zu stellen. Das war ein Fehler. Ich hätte Fragen stellen sollen. Wie merkwürdig, dass Sie auf einen imperialen Planeten Waffen schmuggeln müssen, obwohl Sie Inquisitor sind.“
„Ich kann nicht mehr sagen, außer, dass ich hoffte, die Schiffe würden später eintreffen.“
„Das hilft mir aber nicht, Varitani! Genauso wenig wie die Bezahlung, die Sie mir zukommen lassen, wenn ich hier mein Leben lasse und meine Crew es mir gleich tun muss.“
„Die Chancen stehen auch für uns nicht gut. Wahrscheinlich wird niemand von uns diese Welt verlassen, Guntr.“
„Sie Schwein, Sie haben uns einfach in die Scheiße treten lassen. Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind, Varitani?!“
„Er ist Sein Inquisitor, Sünder, und seine Belange betreffen das Schicksal von Milliarden imperialer Bürger. Wenn Opfer gebracht werden müssen, dann wird es so geschehen.“, grollte der Redemptionistenpriester, die Hand am dunklen Griff einer dünnen Klinge, die an seiner Seite hing.
„Opfer?! Wir hier“, und Guntr wies auf die Männer hinter sich, alle bewaffnet, alle langgedient, „sind keine Opfer. Wir sind die, die davongekommen sind, gerade eben noch.“
"Hat's nicht irgendwann einmal geheißen, dass ein guter Captain mit dem Schiff untergeht?", ließ da Phos Isand verlauten. Lucius Frost wandte sich um und warf ihm einen tadelnden Blick zu. Vox zuckte mit den Achseln.
Guntrs Miene verfinsterte sich noch weiter, falls das möglich war.
„Sie haben keine Ahnung, was auf dieser Welt los ist, Guntr. Für die Dinge, die Sie mir heute bereits an den Kopf geworfen haben, würden andere schon bitter gebüßt haben. Sie verdanken es nur der Tatsache, dass Sie mir schon mehrmals geholfen haben, dass Sie noch vor mir stehen und nicht schon in Ihrem eigenen Erbrochenen liegen. Ich habe Sie nicht bewusst geopfert. Es gab immer ein Risiko, das streite ich nicht ab. Das Risiko ist aber keinesfalls zu groß gewesen und ja: falls Sie und ihre Besatzung hier ihr Ende finden, dann ist das ein kleiner Preis, wenn es bedeutet, dass wir unsere Mission erfüllen können. Mich interessieren Ihre Bedenken nicht und auch nicht Ihre Vorwürfe. Meine Akolythen und ich haben wahrhaft andere Sorgen. Was mich interessiert ist nur eines: haben Sie das getan, weshalb ich Sie angeheuert habe? Haben Sie die Ware dabei?“
„Sie werden bezahlen, Varitani.“
„Ich habe Sie bezahlt.“
Guntr hob den Arm – ein Signal.
Gerhart und Lucius wurden unruhig.
„Wir haben keine Zeit und kein Interesse an Spielchen, Guntr. Wenn Sie mir nicht sagen, wo meine Fracht ist, wird mein Telepath es aus ihrem Kopf reißen.“ Varitani blickte zu Phos Isand, der eine Verbeugung andeutete.
„Stets zu Diensten, Herr Inquisitor.“, sagte er lächelnd mit seiner unangenehmen Stimme.
Da bemerkte Guntr, dass der junge Mann neben Varitani ein Gerät in der Hand hielt. „Ein Auspex!“, rief da bereits sein Wachoffizier.
„Herr Inquisitor, sie senden ein Positionssignal. Man kann uns orten.“, meldete Lucius an Varitani gewandt.
„Sofort abstellen!“, befahl Varitani scharf.
Guntr grinste. „Sie sind tot.“
Der Priester neben Varitani schnellte vor, die Klinge plötzlich in seiner Hand und schlug nach dem Mann neben Guntr. Er fiel mit gespaltenem Brustkorb zu Boden. Auf der anderen Seite wurde einer von einem Laserstrahl getroffen, der von irgendwo weiter oben abgefeuert worden war. Ein sauberes Loch klaffte in seinem Kopf, und er zuckte kurz, bevor auch er zu Boden ging.
Varitani bewegte sich so flink, dass Guntr kaum Zeit hatte, die Hand an den Griff seiner Autoistole zu legen. Zwei schnelle Schläge vor den Brustkorb brachen etliche Rippen, der dritte zertrümmerte seinen Kiefer. Wenn man einen Telepathen zu seiner Verfügung hatte, brauchte jemand, dem man Informationen entreißen wollte, nicht sprechen zu können.
Lucius Frost hatte selbst eine Autopistole zum Vorschein gebracht und eine Salve in die Menge geschossen. Schmerzensschreie und Stöhnen ließen auf Treffer schließen. Der Ex-Arbitrator bewegte sich in Richtung der nächsten Kisten, die Pistole in der einen, das Auspex in der anderen Hand.
Hinter Guntr brachen einige Männer mit Muskelkrämpfen zusammen, als Phos Isand sich Kräfte aus dem Immaterium zunutze machte. Aus den Schatten neben den Männern tauchte eine wirbelnde Gestalt auf, die zwei lange Messer in Händen hielt und einen Mann angriff, der ein monomolekulares Entermesser hielt.
Nach dem ersten Schock waren nicht mehr viele Gegner übrig, doch die eröffneten das Feuer. Vox stoppte mehrere Kugeln in der Luft, um zu verhindern, dass er getroffen wurde und ein Las-Geschoss streifte die linke Schulter des Kampfpriesters.
„In Seinem Namen richte ich Euch!“, rief Gerhart aus und schnitt sich weiter seinen Weg durch die erbärmlichen Ketzer, die es wagten, ihre hohen Ziele zu gefährden. Was war auch anderes von Männern zu erwarten, die sich stets am Rande imperialer Jurisdiktion aufhielten, wenn es sogar in den innersten Gebieten des Imperiums so viele Sünder gab.
Ein weiterer Mann wurde von einem Las-Geschoss von Nick Runsit durchschlagen, eine Frau von Schüssen aus Frosts Autopistole getötet. Varitani brach einem Weiteren das Genick. Blender wirbelte ein letztes Mal herum, dann fielen zwei Tote vor ihm zu Boden.
Varitani ließ seinen Blick über das Blutbad schweifen. Dann suchte er nach Isand und fand ihn dort, wo er zu Beginn des Kampfes gestanden war. Drei Glasperlen tanzten in seiner Hand. „Vox, finden Sie unsere Ausrüstung. Und fragen Sie auch nach, wie man das Signal abstellt.“
„Geht klar.“
„Lucius, versuchen Sie das Signal direkt zu orten.“
„Das wird kein Problem sein. Vox, konzentrieren Sie sich auf die Ware.“ Der Ex-Arbitrator ging vorsichtig zwischen den Leichen und Blutlachen hindurch, immer wieder auf den Auspex in seinen Händen blickend.
"Gehen Sie mit ihm, Arn.", befahl Varitani, dann ging er zu Gruntr. Der Captain atmete flach, jede Bewegung des Brustkorbs schmerzte. Der Inquisitor kniete sich neben ihn. "Sie sind ein Dummkopf, Guntr. Ich frage mich, wie Sie so lange im Geschäft bleiben konnten. Ist Ihnen bewusst, was Sie mit Ihrer dummen Rache möglicherweise angerichtet haben? Xeiros Prime gehört dem Chaos."
Guntrs Augen weiteten sich.
Varitani nickte. "Sie sind ein Idiot, Captain. Niemand kann es sich leisten, sich gegen die Inquisition zu stellen, denn das bedeutet, sich gegen den Imperator höchstselbst zu stellen."
Die dunkel gewandete Gestalt des Psionikers Isand erschien neben dem knieenden Varitani und warf einen düsteren Schatten über Guntr.
"Mein Telepath wird sich jetzt die Informationen holen, die wir brauchen. Wenn Sie sich nicht wehren, wird es weniger unangenehm sein."
Guntr stöhnte auf, als er versuchte, etwas zu sagen.
Vox ließ sich auf ein Knie nieder und berührte Guntr an der Hand. Dieser riß sie weg. Der Telepath zog eine Augenbraue hoch, dann hieb er dem Captain mit der Faust gegen den verletzten Brustkorb, so dass dieser jaulte. "Hör mal, Du Wurm, das hier wird geschehen. Es liegt an Dir, wie schmerzhaft es wird."
Kälte kroch heran, als Phos Isand erneut die Hand des Mannes ergriff und sich darauf konzentrierte, in seine Gedanken einzudringen. Rein aus Gewohnheit schloß Vox die Augen. Es dauerte nur wenige Momente und der Telepath spürte das Zurückweichen der Wahrnehmungen von dem, was die normalen Menschen als "reale Welt" ansahen, und das Prickeln des Warps durchströmte ihn. Er tastete vorsichtig seine Umgebung ab und fand gleich die Anhäufung von Bewusstsein, die von Guntrs Geist zusammengehalten wurde. Er näherte sich und schob sich hinein, zuerst seine Arme, dann seinen restlichen Körper. Es war nicht immer gleich einfach oder gleich angenehm, aber Guntr wehrte sich. Vox spürte bereits die Oberfläche der Gedankenströmungen des Captains, als Fortsätze, die der Telepath als Arme wahrnahm, sich aus dem Strom erhoben und nach ihm greifen, um ihn wegzudrücken. Vox sah ihnen einen Moment interessiert zu, dann schob er sie grinsend beiseite. Was war das für ein erbärmlicher Verteidigungsversuch? Lächerlich.
Isand schälte die zweite Schicht und kam in den Bereich der bewussten Gedanken. Hier würde er finden, was er suchte. Doch erneut schoben sich ihm körperlose Arme zur Verteidigung entgegen. Doch diesmal erschienen sie ihm nicht die eines Menschen zu sein, sondern waren maschinell - die Arme einer Prothese, wie sie ein verdammter Marsianer tragen würde. Er hatte also zerebrale Defensivimplantate. Mit einem wilden Glühen in den Augen stürzte sich Vox auf sie.

Frost und Arn hatten das Lagerhaus verlassen und liefen über einen betonierten Platz dahinter, alt und verfallen wie das Gebäude selbst - Gras wuschs zwischen den Platten empor. Der Platz endete an einer halb verfallenen Betonwand.
"Ich denke, dahinter ist der Sender.", sagte Lucius im Weitergehen und blickte wiederholt auf seinen Auspex-Scanner.
"Na dann.", schnaufte Arn, als er sich über die Bruchstücke hinweghievte, die ein Loch in der Betonwand hinterlassen hatten.
Er bot dem Ex-Arbitrator die Hand und half ihm nach oben. Vor ihnen ging es einen Abhang aus gebrochenem Beton und Stein nach unten auf eine Grasfläche. Darauf sahen sie ein Shuttle, das hart auf der Wiese aufgesetzt hatte. Zwei Personen standen davor, beide bewaffnet.
"Der Adler kreist, bevor die Ohrfeige erschallt.", sagte Lucius zu Arn und dieser nickte.
"Hey!", rief Lucius und winkte. "Alles in Ordnung! Wir kommen runter! Nicht schießen!"
Sofort hörten sie das Feuer von Solidprojektilwaffen und das Pfeiffen der Kugeln, als sie nahe von ihnen einschlugen. "Ihr Arschlöcher!", kam es von unten.
"Scheiße!", rief Blender und rutschte den Geröllberg hinunter.
Lucius ging in Deckung, verstaute den Scanner und zog seine Waffe. Auf diese Entfernung würde ihm die aber nicht viel bringen.
Unten rappelte sich Blender auf und spurtete zu einer nahen Baumgruppe, wo er sich ins Gebüsch warf, als weitere Schüsse abgegeben wurden.

Varitani riß den Kopf herum. Schüsse. Er blickte nach oben, wo er die riesige Gestalt von Chnishnit liutstam Hrun'Sith auf der Galerie ausmachen konnte. Er signalisierte in die Richtung des Feuergefechts und der Soldat setzte sich lautlos in Bewegung.
Dann sah er wieder zu Captain Guntr. Der Mann hatte Schweiß auf der Stirn und wurde hin und wieder von Krämpfen gebeutelt.
"Was ist los?", fragte Varitani an Isand gerichtet, dessen Gesicht ein wenig verhärtet war, in dem jedoch noch immer ein schwaches Grinsen stand.
"Der Bastard wehrt sich. Hat ein Schutzimplantat."
Varitani hob den Kopf des Captains und ohrfeigte ihn zweimal scharf. Guntr johlte. "Lassen Sie ihn rein, Guntr! Lassen Sie ihn rein." Als sich der Gesichtsausdruck des Telepathen nicht veränderte, zog Varitani sein Messer.
Er brauchte nur wenige Schnitte zu tun, bevor Guntr wimmernd nachgab und Vox endlich ganz eintauchen konnte. Der Psioniker hatte wiederholt die Kraft manifestieren müssen, die ihm das Gedankenlesen erlaubte, und jedes Mal, wenn er das tat, ging er ein Risiko ein. Manchmal zog Kälte aus dem Immaterium ein, manchmal Schlimmeres. Er hatte schon Räume in Blut getränkt, und es gab Berichte, nach denen Psioniker einfach vom Immaterium verschluckt worden waren. Vox war sich ziemlich sicher, dass ihm das nicht passieren würde - er wusste schließlich, was er tat - aber auch der größte Meister konnte stürzen. Also war ihm die Schützenhilfe nur recht.

Draußen waren Blender und Frost noch immer festgenagelt. Jedes Mal, wenn einer von Ihnen den Kopf herausstreckte, wurde geschossen. Da meinte Lucius auf einmal das Zischen eines Las-Geschosses zu hören, dann drang ein dumpf klingender Schmerzenslaut zu ihm herauf.
"Der Sturmwind tobt, wenn das erste Fenster offen steht!", rief Lucius nach unten.
"Ja, steht offen!", kam die Antwort von Blender.
Mit einem Ruck richtete sich der Ex-Arbitrator auf, gab drei Schüsse auf die noch stehende Gestalt ab und schlitterte dann wenig elegant denselben Weg nach unten, den auch schon Blender etwas zuvor weniger freiwillig genommen hatte. Als er unten ankam, versuchte er sich zu orientieren und die Gestalt erneut auszumachen, doch er sah nur, wie ein Schatten den Umriß umfing und zu Boden zerrte.
Hrubens Arn stieß zweimal mit dem Messer zu, bevor er sich dem zweiten Mann zuwandte, der eigentlich eine Frau war. Sie lag schwer atmend am Boden vor dem Shuttle, das Autogewehr einen Meter weit entfernt. Ein Loch klaffte in ihrer Brust. Der Assassine kniete nieder. "Das sieht nicht gut aus, Süße."
"Fick dich.", spuckte sie ihm angestrengt entgegen.
"Auch gut, du Schlampe.", sagte er lässig und versenkte sein Messer in ihrem Herz. "Misttück."
Lucius kam angerannt, hatte einige Abschürfungen von der Rutschpartie davongetragen, war ansonsten aber unversehrt. "Saubere Arbeit, Blender."
"Tja, sagen Sie das mal Varitani.", gab der Auftragsmörder kühl zurück und stand auf. "Der Sender ist also in dem Shuttle?"
"Ich denke, der Sender ist das Shuttle. Ein modifiziertes Notsignal. Der Erzfeind hat es auf jeden Fall aufgezeichnet. Ich glaube nicht, dass es darüber Auskunft gibt, wer hier was tut, aber kommen wird auf jeden Fall jemand."
"Hm, dem nach zu urteilen, was mir Granit erzählt hat, wissen die Behörden ja, dass Varitani hier ist, kennen sogar seinen Namen. War ja eigentlich auch nicht anders zu erwarten, nachdem er schon so auf den Putz gehauen hat, als er solo hier war. Wirklich eine Schnapsidee, uns nochmal in diese Hexenküche zu schicken."
"Höre ich da Zweifel, Akolyth Arn?!", dröhnte die Stimme von Gerhart Thracian durch die Dunkelheit. Der Redemptionistenpriester war irgendwie aus dem Lagerhaus gekommen und ging mit langen Schritten auf sie zu. "Zweifel sind der Ackerboden, auf dem die Saat der Korruption und des Versagens ausgesät wird."
"Ach, verdammt." Blender ließ den Kopf hängen. "Wie konnte ich ihn überhören."
"Ich hab' ihn auch nicht gehört, machen Sie sich nichts draus.", gab Lucius zurück und ging an dem Assassinen vorbei zu dem Shuttle. Eine der Schiebetüren stand offen, und Lucius spähte hinein.
"Ihr braucht eine Aufgabe, Arn. Ein Geist ohne Ziel wird auf dunklen Pfaden wandeln."
"Schon gut, Pater. Ich bin ja bei der Sache. Aber Sie müssen doch zugeben, dass es ein Himmelfahrtskommando ist."
"Was ich muss, ist: Seinem Willen gehorchen und Sein Werk vollbringen.", gab Thracian schroff zurück, als er nur knapp vor dem Gesicht des Assassinen inne hielt und ihn hart ansah.
"Na dann finden wir lieber mal einen Weg, dieses verdammte Signal abzuschalten, was?" Blender brachte ein schwaches Lächeln zustanden und stahl sich davon.
Pater Gerhart Thracian sank auf ein Knie, stützte sich auf das Schwert und betete um Kraft und Durchhaltevermögen - sowohl für sich selbst als vor allem auch für die anderen Akolythen und seinen Inquisitor.

Aller Gnaden Ende
« Antwort #24 am: 18. Mai 2013, 11:51:11 »
12 - Auf der Fährte

Die Insel Juunosé war kein natürliches Gebilde, sondern vielmehr aus einer Bohrinsel gewachsen. Auf einer Fläche von mehreren Quadratkilometern erhob sich nun ein Konglomerat aus allerhand schwimmenden Konstruktionen, Schiffen und auf Pfeilern ruhenden Häusern aus den Wassern des Ostkirrjaischen Meeres. Juunosé war ein heruntergekommener Ort, zumindest, wenn man den Standard zu Rate zog, den man im Allgemeinen auf Xeiros Prime anwenden konnte. Als eine Urlaubswelt weder durch Makropolen oder größere Fabrikaturen und Schmieden verunstaltet und verschmutzt, zogen sich allerhand vermögende imperiale Bürger hierher zurück, wenn sie eine blühende, saubere Welt erleben wollten. Natürlich war das zum Teil Illusion, denn es existierte keine Welt ohne Ausgestoßene, auf deren Rücken viel von dem entstanden ist, wovon die Mittel- und Oberschicht profitierte. In Juunosé gab es keine Mittel- und Oberschicht im klassischen Sinn. Die Insel war mehr oder weniger politisches Freiland. Zwar unterhielt das Ministorum einige kleine Schreine auf der Insel und stellte so zumindest sicher, dass größeren ketzerischen Aktivitäten Einhalt geboten wurde, doch war vom Magistratum keine offensichtliche Spur zu finden.
Diese Eigenschaft von Juunosé hatte sich für Inquisitor Varitani und seine Akolythen als überaus förderlich herausgestellt. Mit seinem Telepathen Phos Isand vereint hatte Varitani begonnen, Verbindungen zu den Nyunga herzustellen. Dem Psioniker war seine Abneigung gegen die ständig gebückt gehenden, feucht oder schleimig wirkenden Reptiloiden mit ihren hissenden Stimmen, die kaum einmal vertraute Laute formten, deutlich anzumerken, doch er verrichtete seine Arbeit mit der Einsatzbereitschaft eines Mannes, der nach den Wochen auf Xeiros Prime die Notwendigkeit persönlicher Opfer als absolut erkannt hatte. Auch die restliche Gruppe war zu stillen, harten und oftmals trist gestimmten Werkzeugen geworden. Die Ankunft von Interrogator Railoun und der adeligen Diebin VanSovrean hatte die Stimmung einige Zeit wieder gebessert, doch Varitani machte sich nichts vor. Der ständige Druck, die Isolation und nicht zuletzt der Hunger machten seinen Leuten zu schaffen.
Sie hatten zwar einige Teile der Schmuggelware sicherstellen können, die Captain Guntr in Rettungskapseln versteckt auf den Planeten geschossen hatte - Rettungskapseln, die seiner eigenen Mannschaft bei der Zerstörung seines Frachters nicht zur Verfügung gestanden hatten - doch im Endeffekt waren sie nicht optimal versorgt. Seit dem Eintreffen der Flotte hatte sogar das Mäntelchen der Ordnung und Rechtschaffenheit, das die korrumpierten Behörden über die abscheuliche Fäulnis auf Xeiros Prime ausgebreitet hatten, immer deutlichere Risse bekommen. Außenweltler wurden zuhauf festgenommen und offiziellen Meldungen zufolge im Zusammenhang mit der Blockade "befragt", deren Existenz niemand auf dem Planeten mehr verborgen war. Die Versorgung mit Lebensmitteln war generell ein Problem, da Xeiros Prime seine Gäste ausschließlich mit importierter Nahrung versorgen konnte. Die Vorräte gingen langsam zur Neige, und auf einem sich rasch etablierenden Schwarzmarkt erstanden die wenigen Außenwelter, die sich vor den Verfolgungen durch die planetare Inquisition und das Magistratum retten konnten, zu stetig steigenden Preisen das Notwendigste, um wenigstens die Hoffnung nicht aufgeben zu müssen, dass die Blockade einmal enden würde.
Varitani hatte das ursprünglich vorausgesehen gehabt und über Captain Guntr Vorkehrungen in Form von geschmuggelten Lebensmittelrationen dafür getroffen, doch war dieser Plan zusammen mit der Tarbeter, dem Schiff des Freihändlers, im Beschuss der Exterminatus-Flotte untergegangen. Obwohl sich manch einer der Akolythen wie zum Beispiel Nick Runsit durchaus hätte vorstellen können, die lokale Nahrung wenigstens zu probieren, schob das Bewusstsein von den Chaos-Partikeln, den korrumpierenden Mikroorganismen, die vom Erzfeind nur "die Saat" genannt wurden, dieser Option auch einen unüberwindlichen Riegel vor, denn keiner der Akolythen würde sein Seelenheil für Nahrung riskieren. Zumindest noch nicht.
Bei Varitanis letztem Besuch hatte er unter Aufbietung aller ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten Daten über ein letztes, bereits stillgelegtes Labos von Chemistro Frangh zutage gefördert. Dafür war Frederiq DeVetter gestorben, deshalb hatte er den Exterminatus aufgeschoben. Das Labor, in dem Drususton Flengler früher gearbeitet hatte, befand sich unter Juunosé – was die künstliche Insel zum eigentlichen Ziel der Gruppe machte.
Das Unterfangen hatte sich als komplizierter als gedacht herausgestellt, da die Bewohner von Juunosé sich als Reaktion auf die zunehmenden Gewalttaten des Magistratums gegen Außenwelter und Nyunga für unabhängig erklärt und den Zugang zu der Insel gesperrt hatten. Um Juunosé herum war bereits seit mehreren Tagen gekämpft worden. So hatte Varitani erneut seinen Telepathen bemüht, um mit dem sich rasch vergrößernden Untergrundnetzwerk der Nyunga Kontakt aufzunehmen. Auf die Versicherung hin, dass man im Imperium über die Lage auf Xeiros Bescheid wusste und dass die Flotte ebenso wie Varitanis Team geschickt worden waren, um die Lage zu klären, sowie dem Versprechen, dass die Raumschiffe baldmöglichst in den Konflikt eingreifen würden, um die Unterdrückung zu beenden, hatten die Anführer der Widerstandsbewegung eingewilligt, die Gruppe nach Juunosé zu bringen.
Dort hatten sich mehrere Probleme kurzfristig etwas abgemildert. Zum ersten war die Notwendigkeit, sich vor den Behörden zu verbergen, nicht ganz so drückend wie in jeder anderen Siedlung von Xeiros Prime, zum zweiten war es in Juunosé auch leichter, Nahrung für Außenweltler zu erstehen. Dort kümmerten sich die Leute weniger darum, was die Inquisition von Xeiros als Ketzerei bezeichnete.

"Dieses Dreckloch.", brummte Tereen verstimmt, als er von Bord des Schwebers auf Juunosé hinabblickte.
"Tatsächlich. Aber wen wundert es, dass sich die Diener des falschen Imperators genau hier verstecken.", pflichtete ihm Alrihn, die eng an ihn geschmiegt neben ihm saß, bei.
"Es ist ein Nest des Widerstands gegen unsere Dominanz auf Xeiros Prime. Wir sollten es versenken." Die Augen von Astrion Malqevis glühten in ihren Höhlen. Er saß den Zwillingen gegenüber und kämpfe gegen den Gedanken an, seine Hand in Alrihns Kleidung zu schieben. Sie warf ihm hin und wieder durchaus ermunternde Blicke zu, doch ihre eigene Hand spielte unverschämt deutlich in der Hose von Tereen.
"Der Hexer hat den Verschlinger gerufen, nicht wahr?", flüsterte Alrihn da verschwörerisch. "Was er wohl tun wird?"
"Was wohl - er wird sie finden und vernichten.", antwortete Tereen.
"Das bleibt abzuwarten.", erwiderte Malqevis und versuchte den Sitz seiner Hosen etwas zu lockern. "Varitani ist vom Ordo Malleus. Die können gegen seine Art kämpfen."
"Pah." Fast spuckte Tereen die Worte aus. "So etwas wie ihn haben sie noch nie gesehen." Der Zwilling erhob sich rasch, so dass Alrihn eher unsanft zur Seite gestoßen wurde und klopfte an die Wand zum Cockpit. Ein Schlitz öffnete sich und der Helm eines der Piloten wurde sichtbar. "Schon eine Nachricht von unten?"
"Bisher noch nicht.", antwortete der Co-Pilot.
"Sobald Sie etwas hören, beginnen sie umgehend mit dem Beschuss.", befahl Tereen.

Dumpfes Dröhnen drang von oben zu ihnen herab. Nick Runsit hob besorgt den Kopf.
"Das hier wird doch nicht instabil werden, oder?", fragte Lucius Frost und blickte konzentriert auf die Wände.
"Das klingt nach Waffenfeuer. Ein Angriff auf den schwimmenden Schrottplatz.", gab der Ex-Gardist zurück. Er hatte schon genug Explosionen in allen möglichen Entfernungen und durch alle möglichen Materialien hindurch gehört, dass es seiner Meinung nach für ein Leben mehr als ausreichte. Zu seiner gedämpften Stimmung trug dies genau soviel bei wie die Tatsache, dass der im Freien aufgewachsene Chnishnit liutstam Hrun'Sith gerne enge Räume mied, wenn irgend möglich. Und viel beklemmender als in einer engen, seit langen Jahren verlassenen Anlage unter Tonnen von Metall, Beton und Wasser ging es wohl nicht. Der Stammeskrieger überprüfte den Sitz seines massiven Rucksacks, der seinen Schweren Bolter und Munition beinhaltete und zog die Riemen nochmals fest.
Lucius Frost und er waren mittlerweile einige Meter unter dem Meeresspiegel und die Temperatur war signifikant gefallen. Die massiven, hohlen Träger der alten Bohrinsel boten mehr als genug Raum für etliche Stockwerke, die momentan noch Infrastruktur zur Aufrechterhaltung von Sauerstoffversorgung und Energie sowie gigantische Zahnradkonstruktionen beinhalteten, deren Zweck sich den beiden Akolythen bisher nicht erschlossen hatte.
Sie waren eine von mehreren Gruppen, die Varitani auf unterschiedlichen Routen durch die Träger der Bohrinsel schickte. Jede Gruppe für einen Träger. Die Hohlräume gingen laut ihren Informationen nicht allzu weit hinunter, da der Wasserdruck ab einer gewissen Tiefe die Ingenieure gezwungen hatte, auf Massivbau umzusteigen. Auf dem vorletzten Stockwerk sollte es eine Verbindung zwischen den Trägern geben, mittels derer sie sich treffen wollten. Unterwegs waren alle relevanten Spuren auf den Verbleib der Daten zu finden und dann zusammen zu legen. Frost blickte zum unzähligsten Mal auf seinen Auspex-Scanner und verfluchte innerlich den Aufenthaltsort dieses Labors, das sie bisher noch nicht einmal gefunden hatten, und auch die unorthodoxe Bauweise dieser Bohrinsel.

"Einige Male schon.", gab Immarut Railoun zu. "Der Gedanke hat etwas Verlockendes an sich. Einfach aussteigen und gemeinsam leben."
"Aber es ist, als ob man weiß, dass das ein Traum bleiben wird, nicht?" Die traurige Andeutung eines Lächelns huschte über den fein geformten Mund von Cattaleya VanSovrean. "Man denkt darüber nach in all dem hier." Ihre Hand wies auf ihre Umgebung. Sie waren in einem Teil der Anlage, die von rostüberzogenen Metallkonstruktionen bestimmt wurde. Als erstes der Teams, die Varitani in alle vier Pfeiler der Bohrplattform geschickt hatte, waren sie bereits am weitesten vorgedrungen. Das lag jedoch nicht nur am dem Zeitvorsprung sondern auch an der unheimlichen Fähigkeit der Diebin, Schlösser zu knacken. Es war fast so, als stünden die Türen einfach offen. Aufgrund ihres Vorsprungs waren sie auch am tiefsten und hatten nur mehr so gerade eben die dumpfen Aufschläge weit, weit über ihnen wahrgenommen. Sie hatten inne gehalten und gelauscht, doch nachdem einige Zeit Ruhe geherrscht hatte, waren sie erneut dem Plan und Immaruts Auspex gefolgt.
"Gerhart sollte man so etwas nicht hören lassen.", erwiderte Immarut nachdenklich.
"Hm, wohl nicht. Der ist etwas eindimensional, was solche Sachen angeht."
"Was alle Sachen angeht."
Diesmal war das Grinsen auf dem Gesicht der Diebin nicht ganz so traurig, erstarrte aber, als ihr ein Gedanke kam. "Ist es das, was diesen Auftrag hier so gefährlich macht? Ist das der Makel? Dass man darüber nachdenkt, ob es das wert ist? Ist das schon Ketzerei?"
Immarut ergriff ihre Schulter, und sie musste stehenbleiben.
Sie wandte sich um. "Du bist echt ansteckend mit Deinem Philosophieren, weisst Du das?" Der Kommentar klang weniger frech und verspielt als von ihr geplant, eher gequält.
Immarut seufzte schwer. "Es hat etwas für sich, wenn Gerhart sich von solchen Gedanken generell fern hält. Damit läuft er sicher weniger Gefahr, korrumpiert zu werden."
Sie nickte.
"Ich habe Dir auf dem Flug vor ein paar Wochen schon einmal gesagt, dass ich die Bedrohung durch den Erzfeind sehr wohl fürchte und auch den Makel. Aber ich glaube an viele Vorgaben des Ministorums nicht: dass Ignoranz irgendetwas bringen kann, dass es der rechte Weg für mich ist. Der Trick ist eben nur, den Feind zu kennen, aber nicht zu ihm zu werden."
Einer ihrer Finger legte sich auf seine Lippen. Sie kam ihm ganz nahe und hauchte ihm ins Ohr, ihr Gesicht von Sorge gezeichnet: "So etwas solltest Du nicht sagen, nicht einmal hier. Sie würden diese Gedanken nicht tolerieren."
Er umfing sie mit seinen Armen. "Mach Dir keine Sorgen, Cattaleya. Ich spreche nur zu Dir so. Ich weiß um die Grenzen, die uns auferlegt sind. Ein menschlicher Geist kann das Immaterium niemals verstehen oder beherrschen." Er schob sie auf Armeslänge von sich weg und sah sie treu und ehrlich an. "Wer mich der Ketzerei bezichtigt, ist ein Dummkopf, denn ich stehe fest zum Imperium, zur Menschheit und zu Ihm."
Sie glaubte ihm und nickte.
Immarut wurde unruhig und sah sich um.
"Was ist denn?"
"Dieser Geruch... Ozon..."
Unter ohrenbetäubendem Krachen explodierte eine Bodenplatte direkt hinter Immarut regelrecht, und der Interrogator wurde weggeschleudert. Cattaleya fand sich plötzlich am Boden liegend wieder, eine riesige, dunkle Gestalt ragte über der benommen den Kopf schüttelnden Diebin auf.
Das Herz der Adeligen raste vor Schreck, als sie ihren Blick ihrem Angreifer zuwandte. Es dauerte nur einen Moment, dann war er über ihr, doch ihre trainierten Sinne nahmen eine Flut von Informationen wahr, die in den nächsten Sekunden in ihr Bewusstsein drangen, als sie bereits unter dem Wesen begraben war. Kein Mensch, gut drei Meter groß, sehr muskulös gebaut, schien keine Haut im herkömmlichen Sinne zu haben, die Muskelstränge und Sehnen waren wie bei einer anatomischen Replikation nach außen hin sichtbar, und die von Rot ins Violett gleitende Struktur glänzte beständig feucht. Ein starker Geruch nach Ozon und Moschus erfüllte betäubend schwer die Umgebung.

Den von einem Hornkranz und zwei seitlichen abstehenden längeren, spitz zulaufenden Hörnern bedeckten, vollkommen unbehaarten Kopf seiner Beute zuwendend, fuhr sich der Verschlinger mit seiner langen Zunge über die gebleckten Reißzähne und starrte das zarte Geschöpf vor ihm mit seinen Augen an, die dem erbärmlichen Menschenwesen wie pechschwarze, substanzlose Höhlen erscheinen mussten. Bereits jetzt emittierte sein Opfer den geradezu ekstatisch wirkenden Duft von Angst, was sich als heißes Ziehen in seinen Lenden bemerkbar machte. Es würde schnell gehen, so sehr verlangte es ihn nach diesem kleinen Menschlein, und er lehnte sich über sie.

Cattaleyas Arme fuhren zu ihren Beinen, wo sie die vertrauten Griffe ihrer Energieklingen Vaniryl und Sovrean fand. Mit einem Summen erwachten sie zum Leben, als sie nach dem Daemon schlug, doch das Wesen war viel zu schnell für sie. Heftig krachte sein Schädel gegen ihr Gesicht und ihr Kopf gegen den Boden. Sie schmeckte Salz und Eisen in ihrem Mund, als sich Schwärze in ihr Blickfeld schob, als sie zur Seite sackte und den in einer Blutlache liegenden blonden Schopf sah.

Der Verschlinger entwand die erbärmlichen Menschenwaffen ihrem schlaff werdenden Griff und schleuderte sie zur Seite. Sein heißer Atem wusch über die Menschenfrau, deren Brustkorb sich im Rhythmus der von Angst und Anstregung beschleunigten Atemzüge hob und senkte.

Eine klauenbewehrte Hand packte nach Cattaleyas Kleidung, und zusammen mit einem Ziehen an Schultern und Hüfte hörte sie das Reißen von Stoff, dann spürte sie das Gefühl der klammen Umgebungsluft auf nackter Haut. Sie blinzelte, um klarer sehen zu können und begann sich in Abwehrbewegungen zu verkrampfen, doch der Griff des Daemons war eisenhart. Er lag fast vollständig auf ihr, sein Gewicht einfach unbezwingbar. Cattaleya spürte, dass etwas Weiches, Warmes ihr linkes Bein an der Innenseite entlangglitt und Panik stieg in ihr auf.

Der Verschlinger ergötzte sich an dem Anblick der vor ihm entblößt daliegenden Menschenfrau, und Speichel troff aus seinem Maul auf ihren Bauch. Ein daemonisches Grinsen enthüllte erneut sein bemerkenswertes Ensemble an messerscharfen Zähnen. Er merkte, wie erregt er bereits war und rieb seinen Unterleib weiter an ihren Beinen, während er sich nach vorne beugte, um sie mit seiner langen, harten Zunge abzulecken - über ihre Wange, ihren Hals, ihre Brustwarzen und ihren Nabel.

Tränen schossen Cattaleya aus den Augen, als sie den warmen Atem des Monsters auf ihrem Gesicht und seinen Gestank in ihren Atemwegen spürte, als sie das heiße und feuchte Pulsieren an den Innenseite ihrer Beine spürte, das immer wieder auf und ab glitt, immer deutlicher spürbar werdend. Sie stieß verzweifelte Schluchzer aus, als die Zunge des Wesens über alle Teile ihres Körpers glitt und sein Speichel sie befleckte. Als sie unterhalb ihres Bauchnabels wanderte, schrie sie aus Leibeskräften und wehrte sich ein letztes verzweifeltes Mal. Kurz bekam sie ein Bein frei und trat nach ihrem Folterer, doch genauso gut hätte sie eine Wand aus Plaststahl treten können. Mit wachsender Verzweiflung erhöhte sich der Druck gegen ihre Beine und sie glitten noch weiter auseinander. Bald schmerzten aufgrund ihrer Versuche, das zu verhindern, ihre Muskeln so sehr, dass sie sich nicht mehr wehren konnte.

Gerade, als der Verschlinger zustoßen wollte, warf sich - einen gellenden Schrei aus Wut und Verzweiflung brüllend - eine Gestalt mit wehender Löwenmähne voll Wucht gegen seine Seite, und zwei zartblaue Lichtklingen schlugen in seinen Körper. Von dem tolldreisten Angriff überrascht war die Masse des Angreifers zwar nicht groß genug, die Aberration ganz von Cattaleya hinunterzustoßen, aber doch zumindest so weit, dass sie sich wieder bewegen konnte. Sofort strampelte sie wie verrückt, trat und versuchte sich in Richtung ihres Retters zu schieben.
Der Verschlinger bewegte sich augenblicklich, um sie wieder zu packen, doch erneut stieß der Löwe mit den Klingen nach ihm und schlug zwei weitere tiefe Wunden. Das Brüllen des Daemons ließ die Wände erzittern.

Immarut kämpfte wie ein Bessessener - den Kampf seines Lebens für die Liebe seines Lebens. Die Ausgeburt des Immateriums war ihm haushoch überlegen, das war ihm klar. Er war ein Mann, dessen Stärken im Denken und Wissen lagen, der vielleicht recht gut schießen konnte, aber keinesfalls ein Schwertmeister war - dafür hatte Varitani Gerhart Thracian und vor allem Hrubens Arn angeheuert. Mit dem Mut der Verzweiflung und einem inbrünstigen Zorn, der seine blutüberströmten, verkrampften Züge verzerrte, schlug der Interrogator Mal um Mal nach dem Verschlinger, der den Angriffen auswich und immer wieder in die Richtung von Cattaleya schielte. Das Zucken des daemonischen Fleisches zwischen den Beinen der Bestie trieb Immarut Railoun nur noch mehr an, und bar jedes Selbsterhaltungstriebes warf er sich gegen seinen Feind.

Der Verschlinger blickte noch einmal unsicher zwischen dem furiengleichen Männchen und seinem sich kriechend davonschleppenden Opfer hin und her, dann stieß er wütend die Luft aus den nüsterngleichen Nasenlöchern seines bestialischen Gesichts. Er warf sich in einem Sturmangriff nach vorne, ignorierte die Schmerzen, als sich beide Klingen in seine Brust bohrten, umfasste die Taille des kleinen Menschen wie ein Schraubstock und rammte ihn am gegenüberliegenden Ende des Raumes hart gegen die Wand, so dass ein Keuchen und das Entweichen seines Atems zu hören waren.

Cattaleyas Gesicht war eine Fratze aus verlaufenem Makeup, Tränen, verquollenen Augen und Blut, das aus ihrer Nase und ihrer aufgeplatzten Lippe lief. Ihr zerschlagener Körper wurde nur mehr von wenigen Fetzen bedeckt, und das nur an wenig wichtigen Stellen. Sie griff nach einem Geländer, als mit einem Brüllen der Daemon mit Immarut in seinen Armen einer Dampframme gleich an ihr vorbeistürmte und ihren Geliebten gegen die nächste Wand warf. Ein Wimmern entfuhr ihr, doch sie biss die Zähne zusammen und griff nach dem Geländer über ihr, um sich hochzuziehen. Immarut!

Der Interrogator hustete und spuckte Blut aus. Er versuchte sich aufzurappeln, doch da schloß sich die Klauenhand des Daemons wie ein Schraubstock um seinen Hals. Schnell wurde er puterrot im Gesicht, und seine Augen begannen aus ihren Höhlen hervorzutreten. Er schlug mit den Armen aus, seine Beine berührten bereits nicht mehr den Boden.
"Wie der erbärmliche Wurm, der Du bist, könnte ich Dich zerquetschen, Mensch.", fast erbrach der Daemon das letzte Wort, so sehr troff es vor Geringschätzung. Seine Stimme war überweltlich tief und durchdrang mit ihren Vibrationen Fleisch und Knochen. "Da Du Dich jedoch so vehement um einen Platz ganz vorne bemüht hast, werde ich gnädig sein." Erneut zog ein breites Grinsen über seine Züge und sein Griff lockerte sich soweit, dass Immarut wenigstens etwas Luft in seine brennenden und gequälten Lungen saugen konnte.
Ein kratzendes Geräusch ließ den Kopf der Immateriumsbrut herumfahren und er sah Cattaleya, die zerlumpt und verletzt über den rostigen Gitterboden auf ihre kostbaren Energieklingen zukroch. Sie würde noch einige Meter zurücklegen müssen, Zeit genug für ihn.
"Komm!", knurrte der Daemon Immarut ins Gesicht und zerrte ihn brutal mit sich zu einem dunklen Durchgang. Ein mächtiges Schott stand seitlich etwas verbogen in den Türraum hinein. Grinsend packte der Verschlinger Immaruts Handgelenke und hob den schlaffen Körper einfach mit einer Hand hoch. Immarut begann sich erneut zu wehren, doch eine Kopfnuss betäubte den Interrogator. Der Daemon trug ihn die letzten zwei Schritte zu dem Schott, hielt seine Arme mit einer Hand in den Durchgang, wobei er seine eingene Hand tunlichst davon fernhielt, dann griff er nach dem Metall und begann zu ziehen. Das uralte Werk gab ein protestierendes Ächzen und Stöhnen von sich und Rost rieselte in feinen Bröseln auf den Gitterboden und durch ihn hindurch in die Dunkelheit darunter. Schließlich löste sich das massive Metall, und mit voller Wucht rammte es der Daemon gegen die Arme des bewusstlosen Interrogators.
Das Knacken von Knochen war zu hören, gefolgt von einem johlenden, langezogenen Aufschrei aus der Kehle des Löwen. Cattaleya hatte Vaniryl fast erreicht, doch geleitet von dem neuerlichen Speer der Angst, der sich - vom wahnsinnigen Brüllen ihres Geliebten geführt - in ihr rasendes Herz bohrte, wandte sie sich mit weit aufgerissenen Augen um, den zuckenden Körper mit zerschmetterten Armen in einem Schott hängend vor ihrem ungläubigen Antlitz, die dunkle Gestalt des Teufels über ihm.
Blut lief langsam an dem Schott hinab, das fast komplett geschlossen war. Der Verschlinger grinste frohlockend und beugte sich zu dem Blondschopf, um ihm ins Ohr zu flüstern: "Hier kannst Du in Deinen letzten Minuten Zeuge sein, wie ich mich mehre." Er sog prüfend den Duft des Menschen ein. Ein Erkennen überzog seine Fratze. "Ah.", schnaufte er genüßlich. "Sie ist Dein, nicht wahr? Ich kann Dich in ihr riechen."
Pein jenseits aller körperlichen Qualen hielt auf dem Gesicht des Interrogators Einzug, der wahrhaft am Ende seiner Kräfte war.
"Ich werde sie ficken, bis sie blutig und zerstört hier vor Dir liegt, Du erbärmlicher Wurm, und dann kannst Du zusehen, wie sich meine Saat an ihr sattfrißt, während sie sich aus ihrem windenden Leib befreit." Langsam wandte sich der Verschlinger ab und hielt auf Cattaleya zu, deren Finger bereits nach dem Griff von Vaniryl tasteten.
Tränen der Verzweiflung, geboren aus dem Wissen der eigenen Ohnmacht und dem Bewusstsein der absoluten Notwendigkeit seines Eingreifens liefen das Gesicht des Interrogators hinunter. Als der Verschlinger nach Cattaleya griff und ihre Energieklinge nach ihrem kraftlosen Hieb erneut einfach wegschleuderte, spuckte Immarut blutigen Speichel durch vor Schmerzen zusammengepresste Zähne, als er sich gegen das Schott stemmte und unter heulenden Schmerzenslauten begann, sich davon abzustoßen. Gleißende Agonie schoß durch die Überreste seiner Arme, doch er kam nicht frei. Er riss und zerrte und schrie und blutete.

"Das ist es? Sieht nicht gerade beruhigend aus." Granits Mahlsteinstimme wurde von den nahezu glatten Wänden des Korridors als Echo widergegeben.
"Seit wann sieht denn irgend etwas auf Xeiros Prime vertrauenerweckend aus?", fragte Lucius trocken. "Dieser Gang führt direkt zu einer zentralen Kammer, von der aus die Gänge zu den anderen Pfeilern verlaufen."
"Hoffen wir, dass die anderen mehr Erfolg hatten als wir hier. Wenn ich an die Explosionen von vorher denke, kann ich mir durchaus vorstellen, dass wir noch Besuch bekommen."
"Oh, mein Geld setze ich auf Honeymoon. Die findet immer was Schönes." Kurz lächelte Lucius und dachte daran zurück, wie lange Railoun und er selbst gebraucht hatten, um ihr in Sibellus auf die Schliche zu kommen.
Die beiden Akolythen verließen ihren Pfeiler und durchquerte den Tunnel, der zwischen den mächtigen Trägern der alten Bohrinsel über eine Zentralkammer die verschiedenen Laborbereiche miteinander verband. Ihr Pfeiler war augenscheinlich primär als Aufenthalts- und Schlafbereich genutzt worden - ein Blindgänger also. Es blieb nur abzuwarten, welche Gruppe auf den Datenerfassungstrakt stossen würde.

Wieder fuhr der Assassine nervös herum und stierte mit weit aufgerissenen Augen ins Leere. Phos Isand seuftzte genervt. "Da ist nichts, Blender."
Hrubens Arn ignorierte den Telepathen und verharrte mehrere lange Sekunden starr in seiner Stellung, ehe er sich wieder ihrem Ziel zuwandte. Eine Hand lag am Griff seines Energieschwerts, die andere hielt ein Auspex. Seit den detonationsähnlichen Geräuschen war er irgendwie aufgekratzt und unruhig.
Er ist momentan mehr eine Belastung als eine Hilfe. Trotzdem, der Gedanke, hier unten ganz allein unterwegs zu sein, war auch für den abgebrühten Psioniker Phos Isand nicht besonders attraktiv. "Was ist denn los mit Dir?"
Blenders Kopf schoß nach rechts, wo Vox leise neben ihm her ging. "Gar nichts.", schnappte er. "Hab' einfach ein ungutes Gefühl."
"So kenn' ich Dich gar nicht. Beruhigt mich nicht unbedingt, das ist Dir doch klar?"
"Drauf geschissen, Vox, was Dich beruhigt. Irgendwas stimmt hier absolut nicht."
Vox zog die Brauen hoch. Na gut, einfach nicht sein Tag. Auch nicht so hart, wie er immer tut. Eine Welle der Übelkeit brandete über den Telepathen hinweg. Er wurde fast aus seinem Körper gerissen, so kam es ihm vor. Ein starker Sog hatte sich im Immaterium gebildet, gar nicht weit weg von ihm. Er konnte sich selbst zu Boden gleiten sehen und Blender erneut herumfahren, seine Klinge gezogen. Hinter sich spürte er den Sog und wandte sich ab. Sein Körper würde nicht weglaufen und er wollte so gerne wissen, was das war. Vor sich sah er, wie eine übermenschengroße, humanoide Gestalt mit Hörnern durch das Immaterium in die wirkliche Welt trat, ganz nahe bei ihm, und damit aus seinem Sichtfeld verschwand.
Schnell blickte er auf seinen Körper. Es würde viel zu lange dauern, wieder von ihm Besitz zu ergreifen. Das Fleisch ist schwach und viel zu behäbig. Noch immer starrte Blender nur die Umgebung an. Die Zeit schien fast nicht zu vergehen. Doch Vox war klar, was er da gerade gesehen hatte - einen Daemon, der in ihrer direkten Nähe aus dem Immaterium getreten war - und auch, dass er keine Sekunde verlieren durfte. Er konzentrierte sich kurz, um alle seine Gefährten erreichen zu können und sandte seine telepathische Nachricht.

"Das ist es doch, Herr Inquisitor?", erkundigte sich Pater Gerhart Thracian und kniete neben der Konsole des Cogitators nieder.
Varitani nickte und verstaute den Auspex-Scanner an seinem Gürtel. Er ließ seinen Rucksack vom Rücken gleiten und holte zwei Energiezellen hervor. Diese verband er mit schnellen Griffen mit der Cogitatoreinheit, während Gerhart ihm mit einem Leuchtglobus assistierte. Da erwachte der Maschinengeist des alten Rechners zum Leben und gab ein ratterndes Husten von sich. Er hatte lange geschlafen. "Würden Sie die Verbindung herstellen, Pater?" Mit diesen Worten reichte er dem Kleriker eine Datentafel mit einem Verbindungskabel.
Wortlos nahm der Schwarze Priester von Maccabeus die Gegenstände und ging zum hinteren Ende des massiven, alten Cogitators. Dort sang er mit gedämpfter Stimme die Formeln des Fehlerfreien Anschlusses und konnektierte genau an der vorgeschriebenen Stelle die beiden Geräte. Es musste alles reibungslos funktionieren, denn sie würden keine Gelegenheit haben, wiederzukommen.
In dem Moment vernahm Gerhart Thracian mit voller telepathischer Wucht die Stimme ihres Psionikers Phos Isand in seinem Kopf und legte instinktiv die Hände vor das Gesicht, um sich zu schützen, was natürlich nutzlos war. Der Inhalt der Nachricht trug mehr als alles andere dazu bei, dass er sich sofort wieder fasste: "Obacht, ein daemonischer Angreifer tritt gerade über die Schwelle! Eines der Teams ist in höchster Gefahr!"
Nicht einmal mit Voxskrit übermittelt - da das ja auf telepathischem Wege nicht notwendig war - bestand nicht der geringste Zweifel an der Dringlichkeit. Pater Thracian ließ die Datentafel los, so dass sie an dem kurzen Stück des Verbingungskabels von dem Cogitator herunterbaumelte und mit ihren Kupferbeschlägen an dem alten, rostroten Gehäuse anschlug. "Herr Inquisitor!"
Varitanis Gestalt tauchte vor ihm auf und bewegte sich rasch auf ihn zu. "Ich habe es auch gehört. Gehen Sie, Pater! Hier scheint der Angriff nicht zu erfolgen! Es ist nur mehr ein Stockwerk bis zu dem Verbindungsgang!"
Gerhart berührte sanft das Headset, das er trug und sprach: "Familienrat für Chefkoch, riecht jemand eine verbrannte Mahlzeit?"
Nach einer Sekunde vernahm er die Stimme von Hrubens Arn: "Der Sänger macht Mittagspause, probt aber schon wieder. Das Essen riecht schmackhaft."
"Chefkoch für Wolf, Gesang wurde vernommen, hier keine verdorbene Nahrung." Die Meldung war von Lucius Frost gekommen.
Einige lange Momente später war offensichtlich, wer Probleme hatte.
Rasch tippte Varitani zweimal auf seine Datentafel, dann reichte er sie dem Redemptionistenpriester. Darauf war schematisch der ungefähre Weg dargestellt, den er würde nehmen müssen.
Gerhart riß sein Kettenschwert Dies Irae aus seiner Halterung und lief los; der durch sein künstliches Bein nicht hundertprozentig gleichförmige Rhythmus seiner Schritte war bald nur noch eine Erinnerung. Varitani formte das Zeichen der Aquila und schickte ein heißes Gebet an den Imperator empor.

"Welche Richtung, Frost, welche Richtung?!", donnerte ihm Nick Runsit entgegen, während sie schlitternd zum Stillstand kamen. Sie befanden sich in der zentralen Kammer zwischen den Pfeilern und ein unbeständiges Knacken und Ächzen hatte sich der Geräuschkulisse aus nur stumpf wahrgenommenen Aufschlägen und dem Echo von Schreien beigemengt. Es war das Material der Außenwände, das auch nach all dieser Zeit noch dem gigantischen Druck des Ozeans direkt neben und über ihnen trotzte.
Der Ex-Arbitrator sah schnell atmend auf seinen Auspex-Scanner. "Nach links!"
Sofort verschwamm die dunkle Gestalt des riesenhaften Stammeskriegers mit der Finsternis; das Poltern seiner schweren Kampfstiefel war jedoch deutlich zu hören. Lucius schaltete auf den Nachtsichtmodus seiner Kontaktlinsen und setzte ihm nach, während er eine seiner steinalten und hervorragend verarbeiteten Boltpistolen zog.
Sie hetzten den Gang hinunter. Umgeworfene Regale, zerbrochene Gläser, alte Datentafeln und anderer Hausrat lagen überall verstreut. Ein Anzeiger an einer der Wände wies ihren Weg als zu den Umweltsystemen führend aus. Das Schreien wurde deutlicher und erzeugte eine gespenstische Atmosphäre. Irgendjemand erlitt gerade Höllenqualen. Vor Lucius war plötzlich eine Öffnung. Er sah die Gestalt des Hühnen, der mit einer schnellen Bewegung seinen massiven Rucksack auf den Boden sausen ließ und sich dann Hals über Kopf über ein Geländer schwang und verschwand. Gleich darauf hörte er den Aufprall.
Lucius erreichte das Geländer. Er blickte in einen fast kreisrunden, offenen Raum, der von rostigem Metall dominiert wurde. Neben einem unangenehm vertrauten Ozongeruch nahm er vier Gestalten wahr. Als erster sprang ihm eine riesige Bestie mit Hörnern ins Auge, die sich über eine zweite, viel kleinere Person beugte und sich an ihr zu schaffen machte. Dann blickte er schnell nach rechts und sah den blutbespritzten Railoun, den er aufgrund seiner Haare sofort erkannte, in einer Art Schott oder Feuertüre eingeklemmt. Er hing schlaff daran herab - das Geschrei, das wenige Momente vorher aufgehört hatte, war wohl von ihm gekommen. Die vierte Person, die er sah, war Nick Runsit, der in einem Wahnsinnstempo auf den Gehörten zuhielt.
Lucius konzentrierte sich genauer auf den Daemon. Er hatte natürlich schon erraten, wer da unter ihm lag, auch wenn er sie nicht genau erkennen konnte. Das nackte Hinterteil der Bestie, das ihm diese entgegenstreckte und das nur aus Muskelfasern zu bestehen schien, sowie das Gemächt dazwischen, das sie widerlich an Cattaleya rieb, ließen nur einen Schluß zu, was dort im Gange war. Auch wenn das mit der Waffengattung, die er verwendete sehr gefährlich war, er durfte keine Zeit verlieren. Außerdem war Nick Runsit alleine unterlegen. Er packte seine Boltpistole mit beiden Händen und legte an. Imperator, verdamme mich, wenn ich jetzt danebenschieße!

Heftige Weinkrämpfe schüttelten den geschundenen Körper von Cattaleya VanSovrean, während sich der Verschlinger erneut über sie hermachte und die herzzerreißenden Schmerzensschreie Immaruts sowie deren Echos wie ein Kanon der Agonie durch die stinkende Luft schallten.
Ein Knall durchbrach diese Atmosphäre wie der erste Donnerschlag nach einem heißen Tag im Sommer. Sie kannte dieses Geräusch! Ein Schuß! Von ganz weit her kam die Erinnerung aus ihrem gemarterten Verstand, der sich schon so weit zurückgezogen hatte. Sie sah das Bild ihres engsten Freundes vor sich, so wie er immer ausgesehen hatte: ein kragenloses Hemd, kurze, dunkle Haare, ein Lho-Stäbchen im Mundwinkel und eine Boltpistole in der Hand. Sie merkte, wie der Körper des Verschlingers über ihr zuckte und etwas Warmes auf ihren Körper spritzte. Sie sah nicht hin, sondern erschauerte nur vor Ekel. Egal, ob es sein Blut oder seine Saat war, es war fast nicht zu ertragen. Ein ohrenbetäubendes, andersweltliches Gebrüll erhob sich über ihr, als der Verschlinger sich von ihr abwandte.

Eine dunkle Gestalt setzte mit riesigen Sprüngen auf ihn zu, ein wildes Kriegsgeheul aus einer Kehle ausstoßend, die mit sich aneinander reibenden Granitblöcken gefüllt zu sein schien. Wenn ihn der Geruch nicht verraten hätte, so wäre es für den Verschlinger durchaus denkbar gewesen, dass ihm hier ein anderer Bewohner des Empyreums seine Beute streitig machen wollte. Der Verschlinger ignorierte das Loch in seinem rechten Gesäßmuskel, so gut es ging und sprang selbst nach vor, um seinem Angreifer würdig zu begegnen.

Es gab keine bewusste Handlung mehr, dazu war alles viel zu schnell. Schon früh in seiner Laufbahn als Krieger hatte sich Chnishnit liutstam Hrun'Sith darauf verlassen können, dass sein Körper wusste, was zu tun war, wenn es hart auf hart ging. So war es bei den rituellen Kämpfen auf Crest N'darr gewesen und bei den Kämpfen auf Leben und Tod. So war es bei den Büßern gewesen, in all den Gräben und Dschungeln, auf all den Monden und Welten, die er mit ihnen besucht hatte. So war es auch immer gewesen, wenn er als Akolyth Nick Runsit, als Granit, für die Imperiale Inquisition in die Schlacht gezogen war. So wie es immer gewesen war, war es auch in diesem Moment. Wenn dieses Sich-Fallenlassen in den Strom des Kampfes, das Sich-Selbst-Aufgeben im Augenblick der Notwendigkeit das Öl war, das die Maschine Chnishnit liutstam Hrun'Sith am Laufen hielt, beweglich und geschmeidig, dann war der Anblick der gemarterten Cattaleya Amalia VanSovrean, des zartesten Wesens, das er hatte kennenlernen dürfen, wie wildes Feuer, das dieses Öl in Brand setzte, das ihn durchloderte - Granit stand in Flammen, ein berstendes Höllenfeuer, dem keine Macht der Welt sich würde engegenstellen können.
Doch der Verschlinger war nicht von dieser Welt. Er sprang mit einem Urschrei auf den Stammeskrieger zu und schlug mit einer Klaue nach ihm.
Granit spürte seine Haut bersten, als er die Klaue mit seinem linken Arm abwehrte, doch mit der Rechten führte er bereits einen mächtigen Schlag gegen das Gesicht des hautlosen Gehörnten. Seine Muskeln waren zum Bersten gespannt, getrieben durch die tiefe innere Wut - sein Körper kämpfte, während Granit tief im Inneren saß und zusah. Er merkte, wie Knochen im Gesicht der Bestie brachen, setzte mit seinem ganzen Gewicht und der Wucht des Ansturms nach und rammte dem Biest seine Schulter dorthin, wo bei Menschen das Brustbein zu Ende war und stemmte sich wild gegen die Massen aus daemonischem Fleisch.
Es war, als wäre der Hühne gegen eine Wand gelaufen. Einmal, zweimal krachte der Kopf des Daemons gegen seinen, so dass er benommen zurück taumelte, dann traf ihn ein Fuß vor dem Brustbein und er wurde nach hinten geschleudert. "Verdammte Würmer!", grollte die Aberration und wollte sich gerade wieder Cattaleya zuwenden, als ihn der nächste Schuss an der Schulter traf.

Lucius jubelte nicht lange über den unwahrscheinlich guten Treffer in der Hinterbacke des Daemons und wartete auch nicht das Ergebnis von Granits Sturmlauf ab. Er tat es seinem Kollegen gleich und schwang sich über das Geländer, um geschmeidig auf dem Gitterboden unten aufzukommen. Sofort hob er erneut die Waffe, als er hörte, wie sich die beiden Kontrahenten anbrüllten. Dann sah er, wie der Stammeskrieger wenig anmutig durch die Luft und fast bis zur entgegengesetzten Wand flog. Auch dies ignorierte der Verstand des Ex-Arbitrators in diesem Moment und konzentrierte sich auf Cattaleya, die fast bewegungslos auf dem Boden lag. Granits Ablenkung hatte nicht lange vorgehalten, denn der Daemon hatte sie bereits wieder im Visier. Schnell hob Lucius die Waffe. Er wusste, wenn er nur einmal daneben schoss, konnte das reichen, um die strukturelle Integrität der Einrichtung soweit zu gefährden, dass sie alle überflutet würden.

Sein Ziel war gut, doch jetzt entdeckte ihn das Biest. Einen Wutschrei ausstoßed kam der Verschlinger rasend schnell näher. Angst schoss in dem Ex-Arbitrator hoch und er schaltete auf Salvenfeuer um. Pfeiff auf die strukturelle Integrität. Beide Schüsse saßen, doch die Bestie wurde kaum verlangsamt. Lucius warf sich zur Seite, und der Daemon krachte hinter ihm in einen Stapel aus morschen und verrottenden Holzkisten, nur um sich sofort wieder umzuwenden. Selbst in dieser Situation fiel Lucius auf, dass der Fortsatz zwischen den Beinen des Daemons ein Eigenleben zu haben schien und wild hin und her zuckte. Was war das für ein Vieh?!
Frost musste die Pistole liegen lassen, als sein Verfolger ihm nachsetzte und angelte sich eine von Honeymoons Energieklingen. Aber er war kein großer Kämpfer. Zwei Hiebe der Klauen parierte er gerade eben, dann fuhr eine davon direkt durch seinen Arm. Lucius schrie auf, als die Klinge zu Boden polterte, dann nochmals, als ihn ein Tritt des Biests zu Boden schickte.
"Nun werde ich Dich zerquetschen." Turmhoch stand sein Mörder über ihm, die Wunden, die der Daemon ihm Kampf erlitten hatte, schlossen sich bereits. Lucius war müde, verzweifelt und blutete - kurzum, er war fertig. So endet es...
Der Verschlinger hob die Klaue, um sein mikriges Opfer auszuweiden, als ein seltsames Geräusch zu hören war. Lucius erkannte es. Das kleinmotorige Schnarren und das Reiben der gegenläufigen Kettenklingen von Dies Irae mischten sich mit einem satten Schmatzen und Reißen, als es in die Flanke des Daemons biss. Dieser fuhr wild herum und hieb nach seinem neuen Angreifer, doch dieser duckte sich viel flinker, als man hätte annehmen mögen.
Er kann mit einer Klinge umgehen.
"In Seinem Namen, Daemon, der da ist Imperator, gebiete ich Dir, weiche!", tönte gebieterisch und furchteinflößend die Stimme des Schwarzen Priesters von Maccabeus, stetig unterlegt vom Rattern seiner Kettenwaffe. Wiederholt schlug er nach dem Daemon und trieb ihn tatsächlich zurück.
Nach wenigen Momenten war Lucius wieder bei Sinnen. Seine Armwunde blutete heftig, also musste er sich erst einmal darum kümmern. Sein rechter Arm war nicht zu verwenden, also hantierte er ungeschickt mit einem Tuch herum, schaffte es aber nicht recht, sich einen Verband anzulegen.
"Ich bin da.", hörte er plötzlich in seinem Kopf die Stimme von Vox und noch nie zuvor - da war sich Lucius sicher - hatte er sich mehr darüber gefreut. Als sich der Telepath zu ihm hinabbeugte und seinen Arm wenig sanft begutachtete, huschte der Schatten, der Hrubens Arns war, an ihnen vorbei, um Gerhart in seinem Kampf beizustehen. Der Maccabeus-Priester war mittlerweile hart in der Defensive. Zwar verletzte sich der Daemon jedes Mal, wenn der Pater einen seiner Klauenangriffe mit der Kettenwaffe parierte, doch die kleinen Wunden schlossen sich fast so schnell, wie sie geschlagen wurden. Wirbelnd schloss sich der Assassine dem Reigen aus Angriffen, Finten, Paraden und Riposten an.
Frost sog scharf die Luft ein, als sich sein Fleisch schloss. Es tat immer weh, durch psionische Anwendung geheilt zu werden.
"Nichts zu danken.", grummelte Vox und richtete seine Aufmerksamkeit einen Moment lang auf den Daemon, dann auf die nackte Cattaleya. Er wollte sich gerade in ihre Richtung auf den Weg machen, als ihn Lucius' Hand an der Schulter packte. "Ich kümmere mich schon um sie. Danke, Isand. Sehen Sie doch bitte nach Railoun, der braucht Sie dringender, denke ich."
Der Telepath verzog das Gesicht. Statt der Frau meiner Träume krieg ich einen zahnlosen Löwen, der mehr tot als lebendig ist. Wortlos wandte er sich ab, auf das Schott zu, unter dem sich eine beachtenswerte Blutlache gebildet hatte. Fast wie nebenbei griff Vox nach Vaniryl.

Lucius hob seine fallengelassene Boltpistole auf und lief zu Cattaleya. Sie zitterte, als Lucius neben ihr anhielt. Schnell betrachtete er sie von Kopf bis Fuß. Sie war so gut wie komplett unbekleidet, zu keinem geringen Teil von einer Art Schleim bedeckt und ihr rechter Unterschenkel von Blut verklebt. Verletzungen waren allem Anschein nach nur von geringer Natur.
"Honeymoon.", sagte er eindringlich und fing ihren ängstlichen Blick auf. Sie erkannte ihn Momente später und rappelte sich auf. Dann klammerte sie sich wild an seinen Arm, so fest, dass es schmerzte.
"Lucius.", wimmerte sie.
"Schon gut, Catt. Ich hol' Dich raus."
Ein Krachen ertönte und Lucius sah gerade noch, wie sich Granit unter einem Metallkonstrukt wegduckte, dass der Verschlinger nach dem Stammeskrieger geworfen hatte. Gerhart lag am Boden, Blender attackierte den Daemon weiterhin hart und auch Nick Runsit war wieder im Rennen. Er hielt eine monomolekulare Keule in Händen.
Lucius halferte die Pistole, lockerte seinen Flak-Umhang und legte ihn um die Schultern der Diebin, dann half er ihr hoch. Als sie sich ein paar Schritte wegbewegt hatten, hörte er ein Brüllen und stampfende Schritte hinter sich. "Sie ist mein!" Ohne sich umzusehen, stieß Lucius Cattaleya nach rechts, warf sich nach links und zog noch im Sprung eine seiner Boltpistolen.
Der Verschlinger stürzte zwischen Cattaleya und Lucius hindurch, hätte sie erwischt, wenn der Ermittler nicht so schnell reagiert hätte. Und Frost war noch nicht fertig. Er zielte blitzschnell und schoß eine Salve aus zwei Boltpatronen ab, die tiefe Löcher in den linken Arm und den Rücken des Daemons sprengten. Lucius fiel jedoch sofort auf, dass das Loch im Gesäß der Bestie schon wieder fast geschlossen war. Verdammt. Wie sollten sie so etwas besiegen?

Granit und Blender waren sofort zur Stelle und bedrängten die Warp-Bestie erneut. Lucius rappelte sich auf und lief zu Cattaleya, die ihrerseits auf ihr Gepäck zukroch, das sie beim Erscheinen der Aberration anscheinend hatte fallen lassen. Rasch holte er sie ein. "Was machst Du denn? Wir müssen hier raus."
In dem Moment erzitterte der ganze Raum heftig und die Temperatur sank rapide. Ein ohrenbetäubendes Gebrüll ließ alle im Raum zusammenzucken und der Ozongeruch intensivierte sich. Als sich Lucius umdrehte, flogen Granit und Blender gerade durch den Raum und krachten gegen ein Metallrohr in zweieinhalb Meter Höhe.
Eine Gestalt stand auf der Galerie, hochgewachsen und schlank, in eine violett-rote Robe gehüllt. Die aschfahle Haut, die sich über das dünne Gesicht mit den hochliegenden Wangenknochen spannte sowie die angespitzten Zähne ließen Lucius nicht Gutes erahnen. "Bei allen verderbten Mächten, was geht denn hier vor sich?", fragte die Gestalt mit honigsüßer, jedoch von purer Falschheit triefender Stimme.
Erneut brüllte der Verschlinger und wollte sich gerade auf Gerhart Thracian stürzen, der ihm am nächsten stand, als der Neuankömmling die Hand hob. "Kringhnarwakrir!"
Sofort, als er das Wort hörte, wurde Lucius übel und er musste Erbrochenes zurückwürgen. Neben ihm übergab sich Honeymoon lautstark. Der Maccabeus-Priester stand ungerührt da, doch auch Granit und Blender sahen fahler aus als normal, und Blut floss aus ihren Ohren.
"Was soll das?! Du hast nur eine Aufgabe, Sklave. Mehre Dich! Kannst Du das mit diesem Mann tun?!", die Hand des Scheltenden wies auf den dunkel tätowierten Soldaten. "Oder mit diesem Einfaltspinsel?!", er wies auf Gerhart.
Der Daemon schnaubte trotzig, und der Hauch eines Kopfschüttelns war zu sehen.
"Dann schnapp Dir die nackte Frau und tu, was Du am Besten tust!", herrschte der Neuankömmling ihn an.
Der Blick der Immateriumskreatur wandte sich gierig suchend nach Cattaleya um, der das Blut in den Adern gefror. Lucius hob schnell die Boltpistole und feuerte erneut eine Salve auf ab, doch diesmal auf die dünne Gestalt des Neuankömmlings.
Die Boltpatronen blieben einfach in der Luft vor ihm stehen und vielen zu Boden. "Oh, bitte. Wie lächerlich." Dann streckte er einen Arm nach Lucius aus und ein violett glühendes Energiegeschoss raste auf den Ex-Arbitrator zu. Lucius warf sich zur Seite, als eine Hitzwelle über ihn hinwegfuhr.

Phos Isand erreichte Immarut, noch immer bewusstlos in dem Schott hängend. Der Blutverlust war bereits substantiell, aber wie der Psioniker kurzerhand feststellete, lebte der Interrogator noch. Vox klemmte seine Finger zwischen das Schott und die Wand und zog. Es bewegte sich keinen Millimeter. Ein Ausschlagen seines Psi-Sinnes ließ ihn sich ducken, direkt bevor eine Wand aus heißer Luft, nach Ozon stinkend, ihn erreichte. Ihm lief die Zeit davon. Ein kurzer Blick auf die Energieklinge in seiner Hand genügte Vox, um eine Entscheidung zu treffen. Kurz klopfte er dem bewusstlosen Immarut auf die Schulter: "Geht nicht anders. Aber sieh's mal so: aller Wahrscheinlichkeit nach bist Du sowieso erledigt." Dann schnitt er.

"Hagelsturm!", rief da der Kampfpriester, der gerade mit einem Knopfdruck sein Kettenschwert wieder in Betrieb nahm, an Granit gewandt.
Der Stammeskrieger nickte und begann die Treppen hinaufzulaufen, wo er seine Ausrüstung hatte liegen lassen.
Der Verschlinger war schon wieder halb bei Cattaleya angelagt, als Gerhart hinzusprang. Auch diesmal verschwendete der Kleriker keine Zeit mit Worten, sondern hieb der Kreatur das Kettenschwert in die Seite. Befriedigend fraßen sich die gegenläufigen Zähne der Kette durch Muskeln, Sehnen und Knochen. Wütend schnellte der Daemon herum, doch der Priester wich seiner gestreckten Hand aus und vollführte eine schnelle Rückhandriposte direkt zwischen die Beine, wo sich das Sägeinstrument tief in sein Gemächt grub.
Die Augen des Verschlingers traten aus den Höhlen und er brüllte vor Schmerzen so laut auf, dass sogar der Pater einen Moment lang geschockt war. Ein mächtiger Hieb der Bestie ließ den Priester niederstürzen, dann zog sich das Monster das Kettenschwert aus dem Leib und fluchte in einer Sprache, die keiner der Akolythen verstand oder kennen wollte.
Noch einmal schoss eine Energiekugel durch den Raum und traf dort auf, wo Pater Thracian gerade gelegen hatte. Die rauchende Gestalt des Kampfpriesters befand sich hustend einige Meter weiter hinten.
Lucius feuerte erneut eine Salve Boltpatronen auf den Verschlinger ab, die ihm tiefe Wunden in die Brust rissen, als weitere Gestalten auftauchten. Ein riesiger Krieger mit zwei Kettenäxten in Händen und dahinter zwei kleinere Gestalten, eine mit einer langen Klinge bewaffnet, die andere mit einem teuflischen Grinsen.
Das werden zu viele. Wir müssen sofort hier raus! Gerade in diesem Moment ertönte erneut ein erbärmlicher Schmerzensschrei und Lucius' Kopf fuhr zu Vox und Immarut herum. Gerade ließ der Telepath eine Klinge fallen, die er anscheinend mitgenommen hatte und Immaruts Körper schlug auf dem Boden auf. Sofort war Isand über ihm. Übelkeit kroch wiederum in Lucius hoch, als er sah, was weiterhin in dem Schott klemmte.
"Tötet diese lächerlichen Wichte, dann suchen wir Varitani!", rief der Riese mit den Kettenäxten.
"Oh, ich bin hier."

Der Satz war leise gesprochen, doch trug die Stimme über allen Lärm, alles Stöhnen, und die Augen aller Anwesenden, sogar die des Daemons richteten sich auf den Sprecher. Oben auf der Galerie, direkt vor dem Eingang zu der Hub-Kammer, stand Inquisitor Varitani, einfach in seinen schwarzen Ledermantel gekleidet, anscheinend unbewaffnet.
Der Verschlinger agierte als erster und brüllte aus voller Kehle, als er zu einem übermenschlichen Sprung ansetzte. Zwei Sätze später stieß er sich ab und schnellte mit ausgebreiteten Klauen auf den Inquisitor zu, der ungerührt stehen blieb. Alles geschah blitzschnell. Direkt vor Varitani blieb der Daemon mitten in der Luft hängen, nicht begreifend, was mit ihm passierte. "In Nomine Suo Te Expello.", sprach Varitani genauso ruhig wie eben und genauso wurde er gehört. Der Verschlinger kreischte auf, als sich sein Körper zu verformen begann und Blasen warf.
Ein Schuß, voll und satt, von zahlreichen Echos gefolgt, war zu hören, und die Warp-Kreatur wurde aus dem Stasefeld und gegen die nächste Wand rechts von Varitani gerissen. Von ihrem Kopf war fast nichts mehr übrig. Mit einem unruhig bebenden Ausatmen verließ die Anspannung den Körper von Cattaleya, als sie ihr Hochleistungsgewehr sinken ließ und sich den Flak-Mantel wieder um ihr geschundenes Selbst schlang.
Bei diesem Startschuss setzte die Bewegung ein. Astrion Malqevis, der Krieger mit den Äxten, sprang auf den Boden hinab, wobei die Kettenmechanismen an beiden Waffen ihre grimmige Arbeit aufnahmen. Seine Augen glühten in Vorfreude und ein durch und durch weißes Lächeln durchdrang seinen dichten, schwarzen Bart. Hrubens Arn ließ beide seiner Klingen einmal in den Händen kreisen, dann griff er an.
Nick Runsit führte das Band mit der Munition in die Ladeöffnung seines schweren Bolters, als er die Stimme von Phos Isand unangenehm direkt in seinem Kopf hörte: "Ich brauche hier mal Hilfe. Der hier ist schwer." Ein Bild, das ihm der Telepath sandte, verriet ihm dessen Position. Vox zerrte gerade den Körper des Interrogators - was davon noch ganz war - in Richtung der Treppen. Die junge Frau mit dem Grinsen, Alrihn, verließ auf der gegenüberliegenden Seite den Abgang und hielt auf ihn zu, während der Jüngling mit der langen Klinge, Tereen, sich dem Redemptionistenpriester zuwandte.
"Verdammt.", brummte Vox, als er seine Widersacherin sah. Da hörte er hinter sich bereits die festen Schritte von Granit. Während der Hühne begann, ihm Immarut abzunehmen und mühelos die Treppe nach oben zu tragen, fing Phos Isand den äußerst lasziven Blick der sehr jungen Frau auf. Der Telepath spürte den Sitz seiner MarkIV-Laspistole in ihrem Halfter und fragte sich, ob er schnell genug sein würde. An seinem Gegenüber war keine Bewaffnung zu erkennen, also wappnete er sich für einen psionischen Angriff.

Varitani schnellte auf Zaabesz zu. Mit einem Zischen verschwand der Hexer, war einfach weg. Ein schrilles Lachen ließ Varitani herumfahren. Zaabesz griff in die Luft und zog einen Stab aus dem Nichts. Er war ebenso lang wie der Chaos-Hexer selbst und widerwärtig anzuschauende Runen glühten rötlich in dem alabasterfarbenen Material. "Wartet nur, Inquisitor, wartet nur. Wenn unser Herr und Meister erst hier ist, werdet Ihr der erste sein, der seinen Stiefel leckt."
Serpentin Varitani hielt nicht viel von Konversationen mit dem Erzfeind und beim Imperator, er hatte es nicht notwendig, sich hier mit diesem verdammenswerten Ketzer Beleidigungen um die Ohren zu werfen. Die Faust des Imperators würde für ihn sprechen.
Als er sich in vollem Lauf näherte, musste er zweimal psionische Angriffe abwehren. Er selbst ließ beide Klingen aus seinen Unterarmen hervorschnellen – bläulich knisterte die Energie über sie hinweg. Den Stab mit der Linken zur Seite fegend, drang die Rechte in den Körper seines Gegenübers, das zu taumeln begann.
Schmerzverzerrt streckte der Chaos-Psioniker im Zurückweichen seine gespreizten Finger nach ihm aus und ein violetter Wirbel fuhr Varitani entgegen. Der Inquisitor musste sich an dem Geländer der Galerie festklammern, um nicht davongeweht zu werden. Er sah abscheuliche Bestien vor seinen Augen, gespensterhafte Finger unzähliger Gliedmaßen, die nach ihm griffen, nach seinem Körper, seiner Seele.

Astrion Malqevis blutete bereits aus mehreren Wunden, doch das störte ihn wenig. Der wuselige Assassine Hrubens Arn war zwar flink, doch würde wohl ein einziger Treffer einer seiner Äxte ausreichen, um diesen Gegner zu zerquetschen. Es war ein guter Kampf und Astrion frohlockte. Er konnte bestimmen, wohin es ging, also drang er wieder und wieder mit wilden Angriffen auf den kleinen Kämpfer vor ihm ein.

"Ich kann in Eure Seele blicken, Gerhart. Ich darf Euch doch Gerhart nennen." Tereens Grinsen hätte täuschen können, wäre nicht zum Ersten die hauchdünne Klinge von doppelter Armeslänge in seiner Rechten gewesen und wäre ihm zum Zweiten nicht ein Schwarzer Priester von Maccabeus gegenüber gestanden.
"Hinfort von mir, Ketzer! Der Schmutz aus Deinem Munde trifft mich nicht!" Dies Irae schnarrte und brummte, als Gerhart es hob. Ich hätte den Flammer mitnehmen sollen.
"Ihr seid kein Kind von Traurigkeit. Ich kann es sehen." Stetig kam Tereen näher. "Es ist in Eurer Seele, in Euch selbst. Ihr seid nicht der, der Ihr zu sein vorgebt. Ich sehe Euch in Eurer Flottenuniform, so wie früher, stets eine Frau an Eurer Seite, das zweitwichtigste nach Eurer Karriere."
Gerhart Thracians Miene war unergründlich, ehern wie stets im Angesicht des Feindes. Er fühlte nichts außer dem Hass auf die Ketzer, die Warp-Anbeter und dem unstillbaren Quell der Zuversicht, welcher der Gewißheit entsprang, Sein Werk zu tun. Er ließ sich nicht ködern.


Aller Gnaden Ende
« Antwort #25 am: 18. Mai 2013, 11:51:28 »
Nick Runsit sah die junge Frau auf Vox zugehen und beschleunigte seine Bemühungen. Was war nur mit Immarut geschehen? Seine Arme waren sauber unter der Schulter abgetrennt. Die Wunden sahen halbwegs gut aus, bluteten nicht. Das war wohl das Werk des Psionikers. Der Stammeskrieger hatte die unnatürlichen Heilkünste des Telepathen schon mehrere Male miterlebt, manchmal sogar am eigenen Körper. Sein Interrogator tat ihm leid. Sie hatten nie sehr viel Zeit abseits der Aufträge miteinander verbracht, doch er mochte die ruhige, besonnene Art des Löwen. Er ließ Railoun neben dem Ausgang gegen die Wand sinken, dann bückte er sich, um endlich die Vorbereitungen an seinem Schweren Bolter abzuschließen.

Lucius Frost war noch immer in Deckung, als er die Gestalt von Cattaleya durch die sich verteilenden Kämpfer schlüpfen sah. Er winkte, und sie sah ihn.
"Wo willst Du denn hin?", fragte er relativ laut, um das Geheule der Kettenwaffen zu durchdringen. Der Gestank nach Ozon war mittlerweile fast unerträglich geworden und die Temperatur war soweit gesunken, dass sich fleckenweise Eis auf den metallischen Oberflächen gebildet hatte.
Cattaleya blickte ihn rotäugig an. "Ich - ich muss zu Immarut. Er ist..." Tränen rannen ihre Wangen herab. "verletzt oder tot. Ich weiß es nicht...", schluchzte sie, riß sich aber sofort zusammen.
Lucius nickte und zog sie an sich, ganz nah. Dann sprach er direkt in ihr Ohr. "Ich habe Isand zu ihm geschickt. Wenn er noch gelebt hat, dann hat er ihn sicher gerettet."
Sie nickte.
"Komm, ich begleitet Dich. Wir müssen zum Ausgang."

Der Strom aus alptraumhaften Warp-Illusionen verebbte und Varitani blickte vollkommen zerzaust, mit eingefallenen Wangen und dunklen Ringen unter den Augen - so als hätte er tagelang nicht geschlafen und gegessen in das Gesicht seines Widersachers. Velfur Zaabesz selbst war auch nicht ungeschoren davongekommen. Er schien erschöpft, Schweiß stand auf seiner Stirn, und er keuchte.
Gegen den Schmerz fast stocksteifer Glieder zornig ankämpfend stieß sich der Inquisitor mit einem tiefen Grollen gegen den Hexer und versetzte ihm zwei harte Hiebe, von denen Zaabesz einen blocken konnte. Der zweite drang in sein Fleisch. "Nun richte ich Dich in Seinem Namen.", sagte Varitani mit wackliger Stimme und zog seinen Schicksalsbringer. Als Begleitung zu seinem Richtspruch hatte Nick Runsit wie als Salut eine Salve aus seinem Schweren Bolter abgegeben. Varitani lächelte innerlich. Als er auf Zaabesz anlegte, erscholl auf einmal ein gellender Schmerzensschrei, und kurz darauf erfüllte ein starker Verwesungsgeruch den Raum.

"Mache ich Dich geil, Phos? Ist es das, was Du willst?", fragte Alrihn, während sie ihr ohnehin schon wenig verbergendes Oberteil ganz zur Seite schob und ihre Brüste entblöste.
Vox leckte sich die Lippen. Er war sich nicht sicher, ob es nicht vollkommen krank war, in dieser Situation wirklich Lust zu empfinden, aber er konnte eine gewisse Schwellung zwischen seinen Beinen nicht leugnen. "Hm.", brummte er. Aus dem Augenwinkel sah er Cattaleya und Lucius zwischen den Kombatanten und den Maschinen herumhuschen. "Also ich muss ehrlich sagen, Du bist nicht so mein Typ." Seine Hand streckte sich in Richtung von Cattaleya aus und er konzentrierte sich.

Granit hatte sich die schwere Waffe umgeschnallt und suchte nach einem isolierten Ziel. Da vernahm er die Stimme des Telepathen in seinem Kopf: "Gib mir noch fünf Sekunden, dann schieß aus vollem Rohr auf mich und nagle diese Schlampe so richtig gegen die Wand." Nick Runsit zog eine Augenbraue hoch. Klang unvernünftig, aber er würde sich keine Gelegenheit entgehen lassen, auf den kleinen Glatzkopf mit der unangenehmen Stimme zu schießen.

"Sie hingegen ist schon eher mein Fall." Vox grinste.
"Ach ja?!" Alrihns Lächeln war gefroren. Sie hatte ihn schon fast erreicht. Plötzlich hechtete sie nach vorne und griff mit ihren Armen nach dem widerlichen Glatzkopf. Sie würde ihn augenblicklich zerreissen. Voller Vorfreude über das bevorstehende Bad im Blut des Psionikers fassten ihre Hände ins Leere.
Donnernd entlud Chnishnit liutstam Hrun'Sith eine volle Salve aus zehn Boltpatronen direkt auf den Rücken von Phos Isand. Alrihn wurde von fünf der Geschosse getroffen und löste sich in ihre Einzelteile auf. Dabei schluckten sowohl die Explosionen der Patronen als auch der restliche Kampflärm die meisten Begleitgeräusche. Als Granit sein Werk mit einem Nicken zur Kenntnis nahm, entdeckte er die am Boden oberhalb der Treppe zusammengekauerte Gestalt von Phos Isand, der sich die Hände vor die Ohren hielt und die Augen zusammengepresst hatte.

Gerhart hatte selten gegen einen so schnellen Gegner gekämpft. Furiös sauste sein Kettenschwert hierhin und dorthin, doch sein Gegenüber wich allen Angriffen anscheinend mühelos aus. Der Priester hatte seinerseits schon einige Schläge der dünnen Klinge pariert, die viel stabiler war, als sie zu sein schien.
Das wohlbekannte Poltern von Granits Lieblingswaffe durchbrach ihren Reigen, und Tereen riß auf einmal den Kopf herum, ein schmerzgeplagter Ausdruck auf seinen Zügen. Er blickte zu dem Treppenaufgang und sah noch die letzten Explosionen, zwischen denen sich seine geliebte Zwillingsschwester auflöste. "Aaaaaaaaaaaaaahhhhhhhhhhh!", entfuhr es der Kehle des Jungen und er lief los. Als Gerhart nachsetzen wollte, übermannte ihn fast die Übelkeit, so widerlich war der Gestank nach Tod, der wie in Wellen über ihn brandete.

Lucius riss Cattaleya zu Boden, als Granit sein Feuerwerk startete und sich die junge Frau, die gerade direkt vor Phos Isand ihren Busen entblöst und dann auf den scheinbar gelähmten Psioniker, der unerklärlicherweise in die Richtung von Cattaleya wies, gestürzt hatte, in einer Wolke auf Blut und explodierenden Körperteilen auflöste. In dem Moment dachte Lucius, dass Vox tot war und biss seine Kiefer hart zusammen.
Der Schrei von Tereen ließ ihn hochfahren. Der Zwilling startete einen Lauf in Richtung seiner Schwester, wich den Klingen von Blender aus, der gerade wild auf Astrion Malqevis einhieb und war dabei, sich an Lucius' und Honeymoons Position vorbeizubewegen. Lucius stand auf, riss die Boltpistole hoch und schoss. Tereens Arm zuckte nach oben; er hiebt die erste Patrone in vollem Lauf entzwei, der zweiten wich er aus. Dann kam der Gegenangriff. Mit wutverzerrter Visage hieb er nach Lucius.
Der Ex-Arbitrator stolperte nach hinten, seine Augen erstaunt aufgerissen. Er hatte den Schwertstreich kaum gesehen. Sofort merkte er, dass man ihn erwischt hatte. Wie der Blitz sauste die Klinge erneut herunter, doch Vaniryl schob sich dazwischen, und Frost starrte eine Sekunde lang auf die Klinge VanSovreans, bis er wie in Trance seine Waffe hob und eine Salve abgab. Tereens Knie brach nach hinten durch, als die Explosion Fleisch und Knochen knapp darüber pulverisierte, und sein Schwertarm mit der Klinge wirbelte zu Boden. Blut schoß sowohl aus dem Amputat als auch aus dem zerfetzten Stumpf. "Komm!", rief Cattaleya und packte den Ex-Arbitrator bei den Schultern. Nun war sie es, die ihn weiter zerrte. In ihrer anderen Hand lag das Heft von Vaniryl. Die Schwesternklinge befand sich unter ihrem Arm.

Niemand hatte ihn kommen sehen. Es war immer so. Seine Anwesenheit wurde meistens erst bemerkt, wenn andere Personen etwas vermissten und nach einem Ort suchten, wohin das Vermisste verschwunden sein könnte oder nach einem Grund, warum es nicht mehr da war - Schönheit, Jugend, Gesundheit, Leben. Alle diese Dinge nahm er an sich. Es war wohl so, dass man wollte, was man selbst nicht hatte. Er war Anathema zu allen diesen Dingen.
Seine Robe war deutlich vom Zerfall gezeichnet, durchsetzt mit Schimmel. Fliegen umkreisten seine Gestalt; dicke, schwarze Fleischfliegen. Als er sich gegen den Türstock stützte, um einen Hustenanfall zu überstehen, blätterte der Rost in dicken Flocken ab, fraß sich regelrecht in das Metall. Vor ihm war pures Chaos, als sich die beiden Fraktionen bis aufs Blut bekämpften. Nun ja, nicht pures Chaos, aber zumindest Chaos. Er kannte pures Chaos und wusste, dass keine Eindrücke dieser materiellen Existenz diesen Begriff verdienten.
Der Fremde hatte den Tod des Verschlingers als ein Ziehen nach dem Immaterium verspürt, einen Aufschrei jenseits der Vorhänge, welche diese materielle Welt mit einer Illusion von Ordnung vor den ewig wabernden Strudeln des Empyreums unterhielten. Er hatte wenig Aufregung von Seiten seines Herrn aufgenommen. Die Ankunft der verdammten imperialen Flotte hatte dem ursprünglichen, so lange vorbereiteten Plan bereits einen fast unüberwindlichen Riegel vorgeschoben. Es galt nun zu retten, was zu retten war. In dem ersten Plan wäre der Tod des Verschlingers ein herber Rückschlag gewesen. Nun verblasste er, war vollkommen insignifikant. Natürlich durfte diesem Varitani nicht erlaubt werden, weiter ungehindert seinen Geschäften nachzugehen, die - wie auch immer geartet - anscheinend bedeutsam genug waren, um einen umfassenden Militärschlag vorläufig noch zu verhindern.
Viele seiner Millionen Augen sahen, wie Alrihn vom Feuer eines Schweren Bolters zerrissen wurde, und es rührte ihn wenig. Sie sahen auch, wie Tereen stürzte, und fast hätte er gelächelt - wenn er etwas Derartiges denn nur könnte. Die Zwillinge waren niemals seine Lieblinge gewesen. Was seinen Herren dazu bewogen hatte, sich ihrer zu bedienen, lag jenseits seines Verständnisses.
Er sah zur gleichen Zeit, dass sich Astrion Malqevis sehr gut hielt und das gegen einen Gegner, der ihm nach der Einschätzung des Fremden eigentlich überlegen war - ein flinker Assassine mit Schwertern. Zwar war der Fremde ein Freund chirurgischer Arbeit, wusste jedoch auch den Mut, die Entschlossenheit und sogar die taktische Intelligenz des Berserkers zu schätzen. Es stimmte schon, dass Wildheit sich häufig von ihrer abstoßenden Seite zeigte, wenn man ihn gewähren ließ, doch wer war er, der Fremde, dass er sich über etwas Abstoßendes beschwerte? Die ständigen Überheblichkeiten von Velfur Zaabesz gaben ihm nichts. Alleine die Tatsache, dass Malqevis sehr wohl davon wusste, sich aber rein gar nichts daraus machte, dass ihm Beleidigungen an sich nichts auszumachen schienen, fand der Fremde beeindruckend. Malqevis war nicht auf die Meinung anderer angewiesen. Wenn man ihm Zeit gab, würde aus dem Krieger ein starker Kämpe für die Sache des Chaos werden.
Er sah dies alles und fand es zufriedenstellend, doch als sich der Wirbel des saugenden Warp-Strudels legte, den Zaabesz über Varitani gelegt hatte, dieser entgegen aller Wahrscheinlichkeit noch Leben in sich trug und den Chaos-Hexer nun richten wollte, da fand der Fremde, dass es Zeit war. Seine Roben glitten zu Boden und der betäubend widerliche Geruch von pestilentem Miasma zog durch die Räume.

Dem Gestank folgte augenblicklich ein tiefes, durch Haut und Knochen gehendes Summen, das alle Oberflächen in Vibrationen versetzte. Eine dunkle Wolke auf fetten, schwarzen Fliegen verteilte sich und zog in Richtung von Inquisitor Varitani, der zögerte. Das reichte Zaabesz. Als der Schicksalsbringer seine Botschaft auf den Weg sandte und der Hexer eigentlich hätte tot sein müssen, waren bereits wieder Frost und Eis auf allen Flächen im Umkreis aufgezogen, und die Kugel stand vor seinem Kopf still. Varitani sog die Luft ein.
Velfur Zaabesz, hundertfach gesalbt im Blute Unschuldiger, hob ruhig einen Finger. Der violette Herzblutstrahl fuhr geräuschlos durch die Brust des Inquisitors, der ihn mit offenen Augen anstarrte. Zaabesz' Lippen teilten sich und entblößten seine gespitzten Zähne. Dann machte er eine schnelle Handbewegung und wischte den Inquisitor wie eine Marionette von der Galerie. Als Varitani aufschlug, stürzten sich die Fliegen auf ihn.

Mächtiges Kriegsgeheul in einer allen Anwesenden unbekannten Sprache tönte fast sofort vom anderen Ende der Galerie herüber, einem regelrechten Sturmfeuer aus Boltpatronen voraneilend. Zaabesz kreischte auf und teleportierte sich im letzten Augenblick in den Eingangsbereich, dorthin, wo gerade noch der Fremde gestanden hatte, der sich nun an Varitani labte.

Hrubens Arn verdoppelte seine Schlaggeschwindigkeit, auch wenn er sich darüber klar war, dass er dieses Tempo vielleicht nur noch wenige Sekunden würde halten können, so sehr brannten seine strapazierten Muskeln. Er hatte seinen Inquisitor stürzten sehen und gleich welcher Art auch immer Unstimmigkeiten zwischen ihnen gewesen waren, er wusste um den Wert, den ihm Varitani beimaß und die Vorstellung, dass dieser Mann stürzte, passte nicht.
Astrion Malqevis parierte. Er parierte alles. Das weiße Grinsen zwischen den dichten, schwarzen Haaren seines Bartes wurde breiter, auch wenn ihm der Schweiß mehr als deutlich auf der Stirn stand. Mit wirbelnden Kettenäxten verlangte er dem Assassinen alles ab, und dieser ihm. Auf einmal knickte er ein. Die dunkle Gestalt des Maccabeus-Priesters löste sich gerade aus einer Drehung hinter ihm. Der Pater war einem Rückhandschlag ausgewichen, der - obgleich nicht gegen ihn gerichtet - ihm den Schädel gespalten hätte, und hatte dem Krieger von hinten sein Kettenschwert in die Kniekehle getrieben. Das linke Bein von Astrion Malqevis wurde nur noch von Haut und Sehnen zusammengehalten. Der Berserker brüllte auf, mehr vor Wut und Enttäuschung als vor Schmerz. Blenders Klingen drangen in seine Brust.

Kommentarlos eilte der Redemptionist weiter, hatte nur im Vorbeigehen den mächtigen Kämpen gefällt, um dieser Situation endlich die Wendung zu geben, derer sie bedurfte. Sie hatten schrecklich gelitten. Einzelne Gedanken gingen bereits in Richung von Cattaleya, deren Beinahe-Schicksal sich der Priester nicht einmal vorstellen wollte. Wir alle büßen auf unsere eigene Art.
Doch der Großteil seiner Konzentration war darauf gerichtet, die Besorgnis um den gefallenen Inquisitor seine Überzeugung nicht beeinträchtigen zu lassen. Wenn Varitani tot war, dann würde ein Anderer führen, aber er wollte verdammt sein, wenn er ihn einfach so aufgab. Ein beschleunigte seinen Gang zu einem Sturmlauf und hieb mit dem Kettenschwert nach dem Fliegenschwarm, sich erneut seinen Flammer herbeiwünschend. Er sah den zuckenden Körper seines Inquisitors, über und über von Fliegen bedeckt. Plötzlich lief eine Energiewelle durch den Raum, Gerhart wurde zurück geworfen und stieß mit dem Kopf gegen ein Stück Metall.

Cattaleya konnte Lucius nicht stützen, als die Druckwelle sie erreichte. Sie sackten gegen die Treppe. Lucius war zu schwach, um viel zu unternehmen, doch die Adelige schob sich nach vorne, griff nach dem Geländer und zog sich nach oben. Ihre Augenbrauen glitten nach oben, als sie eine leuchtende Form inmitten eines Schwarmes aus irgendwelchen Insekten sah. Die Gestalt strahlte golden und schien von gleißenden Schwingen getragen zu werden. Hätte die Dunkelheit des Schwarms die Intensität des Lichts nicht etwas gedämpft, Cattaleya hatte nicht hinsehen können.

Das ohnehin sehr laute Brummen der Fliegen verstärkte sich weiter, als sie von Varitani weggetrieben wurden. Aus allen Ecken des Raumes drang auf einmal eine Stimme, so kalt, tiefdunkel und furchtbar, dass aller Mut in den Akolythen sank, als sie schmerzerfüllt rief: "VÄÄÄTEEERCHEEEN!"

Manifeste Dunkelheit sickerte wie eine Flüssigkeit aus dem Nichts heran und konzentrierte sich auf Varitani. Seine strahlende Form verblasste langsam und er sank zu Boden. Noch immer waren die Fliegen nicht über ihm, gehalten von seiner Aura. Mit vor Entschlossenheit mahlenden Kiefern durchbrach der bulkige Leib des Schwarzen Priesters endlich den Schwarm und packte die leblose Gestalt des Inquisitors unter den Armen. "Imperator!", rief er, während er den Leib Varitanis in Richtung der Treppe schleifte. "Imperator! Gib' mir Kraft!"

Von hinten näherte sich eine Gestalt. Gerhart ließ Varitani fallen und wandte sich ruckartig um.
"Ich bin zwar nicht der Imperator, aber ich kann Ihnen auch helfen, Pater.", sagte Blender trocken und griff nach Varitani.
Anerkennend schloß sich die Hand des Priesters um seine Schulter. "Bringt Ihn raus!"

Cattaleya sah Hruben Arn, wie er Varitani in ihre Richtung schleppte. Sie blickte zu Frost hinunter. Die Hautfarbe ihres Freundes hatte bedenklich ins Gräuliche gewechselt und sein Hemd war blutgetränkt. Plötzlich griff eine Hand nach ihm. Cattaleya bleckte die Zähne und hob den Schwertarm, als sie Vox erkannte. Er stand - sich von der Wand hinter ihm kaum abhebend - direkt über ihr und blickte mit großen Augen auf ihren entblößten Oberkörper. Nur die Tatsache, dass er eigentlich hatte Lucius helfen wollen, ließ sie ihren Arm statt zu einem Schlag gegen ihn dazu verwenden, den Flakumhang des Ex-Arbitratoren wieder enger um sich zu ziehen. "Hilf ihm lieber, Du Schwein.", zischte sie und blitzte ihn an. "Und halt Deinen Mund!"
Vox schluckte. Er hatte gar nicht vorgehabt... Ach, egal. Es interessierte ihn nicht wirklich, was sie von ihm dachte, und die Erinnerung an den Anblick der gleichmäßigen Rundungen ihrer wohlgeformten Brüste mit den zartbraunen Brustwarzen würde ihm noch viele schöne Stunden bescheren.
Er verzog den Mund, berührte dann Lucius und griff ins Immaterium. Nach wenigen Momenten waren die Wunden von Lucius unter Stöhnen geschlossen oder zumindest soweit versorgt, dass er sich bewegen konnte und nicht weiter solche gefährlichen Mengen an Blut verlieren würde. Vox und Cattaleya stützten ihn. Vor ihnen stand noch immer breitbeinig Granit und entlud Salve auf Salve aus seinem Schweren Bolter in Richtung des hektisch ausweichenden Chaos-Hexers. Manchmal schaffte er es, einige Bolzen vor sich zu stoppen, doch meistens war er damit beschäftigt, Deckung zu suchen. Es hätte Lucius nicht gewundert, wenn jeden Moment alles zusammengebrochen wäre und er dachte schmerzerfüllt daran, dass er selbst so vorsichtig mit seiner Munition umgegangen war und keine einzige Patrone verschwendet hatte.

Ein gequälter, kurzer Schrei entfuhr der Kehle von Cataleya VanSovrean, als sie den unbeweglichen Körper von Immarut Railoun vor sich liegen sah. Sie ließ Lucius los und eilte zu ihm. Phos Isand schnaufte, als er auf einmal das Gewicht mit übernehmen musste, das bisher die Diebin getragen hatte. "Vergiß ihn! Er ist tot!", rief Vox. "Ich kann den Cop hier kaum tragen, geschweige denn ihn! Und Du sicher auch nicht, sie Dir an, wie Du aussiehst!"
Wut brannte in Cattaleyas Gesicht. Sie streichelte einmal über Immaruts kühle Wange, dann lief sie zu Granit.
"Chnishnit!", rief sie und wo Wasser gegen ihn gebrandet wäre wie gegen einen Fels, wo keine Macht des Feindes ihn nach dem Sturz seines Inquisitors dazu hätten bewegen können, seine Waffe zum Verstummen zu bringen, bevor nicht alle Munition verschossen war, schaffte es ein Wort aus ihrem Munde und eine zarte Berührung ihrer Hand auf seinem muskulösen, dunklen Arm. Sein Name. Er sah sie an, ihr Blick ging zu Immarut und er verstand. Der Bolter krachte zu Boden, als er sich den Rucksack abschnallte und zu dem Interrogator hinübereilte.
Der Telepath hatte es schwitzend und innerlich fluchend geschafft, Frost durch das Schott zu ziehen, das den Ausgang darstellte. Frost hustete und sah ihn an. "Danke, Vox." Isand meckerte etwas von "keine Rückendeckung mehr", sagte aber nichts Verständliches. Frosts Stirn legte sich in Falten. "Helfen Sie mir, Phos! Ich muss zu diesem Panel! Das Schott!" Vox griff erneut zu und half Lucius auf die Beine. Der Ex-Arbitrator zog eine Datentafel, eine Energiezelle und ein Verbindungskabel hervor und machte sich an der Stromversorgung des Schotts zu schaffen.

Blender zitterte am ganzen Körper. Er spürte seine Arme schon lange nur mehr wie brennend pulsierende, ansonsten aber gefühllose Fortsätze und fragte sich, warum seine Finger sich noch nicht geöffnet hatten. In seinen Mantel verkrallt zog er Varitani die Treppen nach oben. Vor sich sah er den Kampfpriester, der sich mit erhobenem Kettenschwert der Dunkelheit entgegenstellte, die sich - alles verschlingend - vom Zentrum des Raumes aus immer weiter ausbreitete. Erst als sie Thracian fast erreicht hatte, wich dieser zurück.
"Ihr seid nicht schnell genug.", sagte der Priester hastig, als er auf ihn zugelaufen kam. "Los!" Mit diesen Worten packte er mit an und zog Varitani fast im Alleingang den restlichen Weg bis fast zum Schott.
Hrubens Arn musste all seinen Willen aufbringen, um, momentan von der Notwendigkeit befreit, die schwere Last alleine zu bewältigen, nicht auf der Stelle zusammenzubrechen. Doch der Priester hatte nicht vor, ihn komplett aus dem Spiel zu nehmen. "Raus jetzt! Sofort!", brüllte er ihn an und mobilisierte damit alle letzten Kräfte, die in dem drahtigen Körper steckten. Vor Anstrengung fast schreiend zerrte Blender Varitanis Körper weiter.

Die Dunkelheit nahm vor Gerhart Gestalt an. "Auf die Knie, Hund!", dröhnte es. Der Kleriker war sich sicher, dass es keine Sprache war, die er vernommen hatte, keine wirklichen Worte. Er war sich vielmehr dessen bewusst, was ihm die Dunkelheit mitteilen wollte.
"Was bist Du?!", rief er, während ihn fauliger Wind umtoste.
"Ich - bin - Dir - fremd."

"Pater!", rief Blender vom Schott aus. Granit hatte ihn von seiner Last befreit, und der Assassine hatte sich umgewandt. "Pater! Kommen Sie!" Auch er wurde von dem üblen Sturm gebeutelt, seine Worte verstand er selbst kaum.
"Mein Herr, wenn meine Standhaftigkeit hier zum Fall dieser verderbten Welt führt und damit zu der Rettung von Milliarden, so gib, dass meine Sünden getilgt sein mögen und leite mich an Deine Seite!", betete Gerhart. "Der Imperator beschützt!"

"Komm!" Granit packte Blender unter den Schultern und zerrte ihn durch das Schott.
"Jetzt!", rief Phos Isand und klopfte Lucius auf die Schulter. Der Ex-Arbitrator stellte die letzte Verbindung her und das Schott krachte mit einem endgültigen "Bamm" zu. Der unnatürliche Sturm war nur mehr entfernt zu hören.
"Jetzt nichts wie raus hier." Frost hustete und sah zu Granit. "Können Sie Railoun und den Inquisitor tragen?"
Nick Runsit nickte düster.
"Dann los."
Die Gruppe setzte sich humpelnd und geprügelt in Bewegung. Blender wandte sich um und blickte auf das Schott zurück. Eine Hand legte sich auf seinen Arm. "Es ist furchtbar, nicht wahr?", fragte Frost traurig.
Arns Augen waren starr und kalt, unfähig, Tränen zu vergießen. "Er lebt noch.", gab er heiser zurück. "Er lebt noch."
Der Griff um seine Schulter festigte sich. "Haben Sie noch Kraft?"
Leben kehrte in die Augen des Assassinen zurück und er sah zu seinem Kollegen auf.
"Hier.", sagte Lucius und zeigte ihm die Datentafel.
Sofort erkannte Hrubens Arn den Plan der Anlage, dieses Traktes, dieses Gangs. "Dieser Lüftungsschacht..." Ein schwaches Lächeln zog auf das Gesicht des Meuchelmörders.
"Wir treffen uns hier." Lucius markierte eine Stelle. "Ich weiß nicht, wie lange wir warten können."
Blender nickte. "Wir werden da sein, Frost. Verlassen Sie sich drauf."
"Dann schulde ich Ihnen was, Hrubens."
"Ach was.", murmelte der Assassine, als er sich an einer Abdeckung zu schaffen machte. "Pater, ich komme.“

Aller Gnaden Ende
« Antwort #26 am: 21. Mai 2013, 18:50:39 »
13 - Taumelnd fliehen

Es war totenstill in den Raum. Niemand bewegte sich. Nicht einmal Atemgeräusche waren zu hören. Allen Anwesenden waren die Anstrengungen der letzten Tage und vor allem Stunden ins Gesicht geschrieben. Es waren traurige oder zumindest ernste Gesichter, Menschen gehörend, die freudlos ins Leere starrend das aufzuarbeiten suchten, was ihre Seelen so zerrüttet hatte.
Manchmal wurde Frost noch übel. Ganz spontan. Er kämpfte dagegen an, wollte sich nicht so miserabel fühlen. Er war jetzt ihr Anführer. Varitani war phasenweise bei Bewusstsein, doch machte nur wenig von dem, was er von sich gab, Sinn. Immarut Railoun war zwar soweit stabil, aber auch keinesfalls dazu geeignet, irgendwelche Entscheidungen zu treffen. Noch war niemand gestorben, das stimmte schon, aber seltsamerweise erschienen dem Ex-Arbitrator die Erinnerungen an den Verlust von Rikkard Horlant irgendwie stumpf zu sein im Vergleich zu den Eindrücken der letzten Stunden. In einem Teil seines Bewusstseins war ihm natürlich klar, dass er sich wie alle anderen auch in einem schweren Schockzustand befand. Emotionen waren reduziert, fast so, als blendete man sie alle aus, da doch nur der Schmerz vorherrschend sein würde, zöge man den Schleier zurück.
Ohne seinen stierenden Blick zu verändern griff Lucius nach seiner Schachtel Lho-Stäbchen. Sie war leer. Schon seit Tagen war sie leer. Warum hatte er das vergessen? Doch er fand etwas anderes in seiner Tasche: ein Stück Papier. Er faltete es auf und las den Satz:

Ich vertraue darauf, dass Du das Richtige tust. Ich liebe Dich.
Elena


Tränen stiegen in sein Blickfeld, und er erhob sich seufzend, um sich abzuwenden. Er durfte auf keinen Fall solch eine Schwäche zeigen. Er war die einzige Stärke, die sie noch hatten, solange Gerhart nicht erwachte. Varitani, Railoun, Thracian; drei Mann darnieder. Honeymoon ging es äußerlich den Umständen entsprechend gut, aber er wollte gar nicht daran denken, wie zerschunden vor allem sie innerlich sein musste.
Er merkte, dass Hrubens Arn ihn anblickte. Frost musste zugeben, dass er Blender in einem anderen Licht sah. Er kannte die Details seiner Rettungsaktion nicht, doch hatte der Assassine zur Abwechslung einmal ein Leben gerettet und zwar das von Pater Gerhart Thracian. Woher dieser plötzliche Anfall von Heldenmut gekommen war, wusste Frost nicht, doch er war so froh darüber gewesen, wie er das zurzeit konnte. "Ich sehe einmal nach unseren Patienten.", sagte er heiser und räusperte sich.
Runsit und Arn brummten zustimmend, Isand war still. Lucius verließ den dämmrigen Raum durch die einfache Holztüre hinten. Draußen tobte der Sturmwind. Es war eisig kalt im Gebirge, doch in dem alten Hotel hatten sie es halbwegs gemütlich. Für den Sturm waren alle dankbar, denn er bot ihnen einen gewissen Schutz. So abgelegen und isoliert von aller Zivilisation war dieser Teil von Xeiros Prime, dass man hier noch gar nicht viel von der Blockade mitbekommen hatte. Auch Nahrung für Außenweltler war vorhanden.
Die Bohlen des Holzbodens knarrten unter den Schritten des Ermittlers. Seinem Gangbild sah man die Strapazen der letzten Zeit genauso an wie seinem Gesicht, dass er manchmal unter Schmerzen verzog.
Sie waren die einzigen Gäste, die um diese Jahreszeit in dem Hotel eingekehrt waren und so stand ihnen das gesamte erste Stockwerk zur freien Verfügung. Sachte drückte er die erste Türe auf der linken Seite auf. Klamme, drückende Luft schlug ihm entgegen, den Geruch von Krankheit mit sich bringend. Die blassen Überbleibsel des Mannes, der einmal Serpentin Varitani in all seiner Glorie gewesen war, lagen ausgemergelt, knochig und zitternd auf der einzigen Bettstatt des Raumes. Ein schmuckloser Raum war es. Den einfachen Tisch zierte noch immer der Versuch ihrer Gastgeberin, die Atmosphäre etwas aufzuhellen: zartviolette, bereits verwelkende Blümchen - Wintergarde genannt.
Lucius hob die Hand vor seinen Mund und näherte sich der Figur. Der Gestank intensivierte sich, je weiter er sich dem Kranken näherte. Breite, von Lymphflüssigkeit leicht geblich gefärbte Bandagen bedeckten große Teile von Varitanis Körper. Bilder der Momente nach ihrer Flucht aus jener Höllenkammer unter Juunosé tauchten in Lucius' Verstand auf:

"Sie sind in mir!", hatte Varitani gekreischt, so wie es noch nie jemand von ihm gehört hatte. Die Gruppe hatte Halt gemacht und zögernde Blicke ausgetauscht. Varitani hatte sich gewunden und begonnen, bebend an seinen Kleidern zu zerren. "Sie sind in mir!" Seine Finger hatten sich in sein Fleisch gegraben.
"So hilf ihm doch jemand!", hatte Honeymoon gerufen, noch immer nur den Flak-Umhang um die Schultern geworfen, mit Blut und Speichel des Verschlingers bespritzt.
Frost und Isand hatten den zu Boden gegangenen Inquisitor von seiner Rüstung und Kleidung befreit und die Formen gesehen, die sich unter seiner Haut hin und her geschoben hatten.
"Sie sind in mir drin! Holt sie raus! Lucius, holen Sie sie raus!"
"Aber wie denn?!", hatte der Ex-Arbitrator gerufen. "Wie denn?!"
"Egal! Schneiden Sie sie raus!", war die Antwort des sich herumwerfenden Varitani gewesen.
Mit Angstschweiß auf der Stirn hatte Lucius sein Messer gezogen und es an Varitanis Oberarm gesetzt. Dann hatte er Vox angesehen, auf irgendeine Art Hilfe hoffend. Doch der hatte ihn nur angeblufft: "Na los!"
Und Lucius hatte es getan.

Langsam gewöhnte er sich an den Geruch. Das war jedes Mal so, wenn er alle halben Stunden nach Varitani sah. Er kniete neben dem Bett nieder und legte seinem Inquisitor die Hand auf die Stirn. Sie war glühend heiß. Ein Stöhnen drang zwischen den dünnen Lippen hervor, das rhythmische Rasseln seines Atems unterbrechend, und zitternd kämpften die Augenlider darum, aufzuschlagen. Blinzelnd neigte der ausgemergelte Inquisitor den Kopf und blickte Frost aus eingefallenen Augen an. Er hustete und etwas blutiger Speichel spritzte auf seine Lippen und seine Decke.
Lucius griff nach einem Tuch, das neben einer Waschschüssel lag, die mit trübem Wasser gefüllt war, und wischte behutsam die Flecken weg, so gut es eben ging.
Brummend und mit einem weiteren Husten stimmte Varitani an: "Erinnern Sie sich noch, als ich Ihnen auf Scintilla gesagt habe, dass dies mein letzter Einsatz wird?"
Falten zogen auf die Stirn des Ex-Arbitrators. Er hatte ein hervorragendes Gedächtnis, und dieses Gespräch hatte es nicht gegeben. "Ich..."
"Es sieht so aus, als hätte ich Recht behalten, was, Immarut?" Leicht hoben sich die Mundwinkel Varitanis, während der Mut in Lucius sank.
"Die Chancen, diese Welt wieder zu verlassen, standen ja von Anfang an schlecht.", entgegnete der Ex-Arbitrator möglichst diplomatisch.
Varitani nickte schwach. "Aber sagen Sie, haben Sie die Daten schon ausgewertet? Wir können noch weitermachen. Wir können noch bestehen." Erneut hustete er. "Sie können noch bestehen. Sie sind mein Interrogator. Man wird sie extrahieren, wenn Sie Erfolg haben."
Es war nicht mehr sinnvoll zu antworten, denn die Augen Varitanis hatten sich nach diesem schwachen Flüstern wieder zu ihren unruhigen Zuckungen geschlossen, und sein Mund formte lediglich leere Schatten ohne jeden Hall, bis auch er nach wenigen Augenblicken nur noch zitterte. Frost erhob sich und nahm die Schüssel von dem Nachttisch. Er goß das alte Wasser weg und holte frisches, dann breitete er ein kühles Tuch über die Stirn des Kranken, dessen Atem sich beruhigte, während er wieder einschlief.

"Irgendeine Veränderung?"
Die Frage von Phos Isand traf ihn, als er noch nicht einmal die Türe zum Gemach des Inquisitors geschlossen hatte. Frost wandte sich zu dem hinter ihm stehenden Telepathen um und schüttelte resigniert den Kopf. "Hohes Fieber."
"Hm.", brummte Vox. "Wie sieht Ihr Plan aus, Frost?"
"Mein Plan?" Bitter war das Lächeln, das auf den Zügen des Ermittlers erschien. "Er will, dass wir weitermachen."
"Was geben denn die Daten genau her?" Der Psioniker strich sich mit der Hand über die Glatze, dann über seinen dunklen Kinnbart.
"Die Daten sind zum größten Teil stark verschlüsselt. Sie weisen aber auf eine weitere Einrichtung hin."
Isand seufzte hörbar. "Schon wieder? Wieviele Labors hatte denn Chemistro Frangh?"
Lucius schüttelte den Kopf. "Nein, nein. Nicht Chemistro Frangh. Eine Einrichtung des Adeptus Terra. Sie scheint in keinerlei offiziellen Berichten auf; es gibt allerdings Logbücher in den Dateien, die wir entschlüsseln konnten, die über zehn Jahre alt sind."
Die Augenbrauen Isands wanderten nach oben. "Oho. Und wo ist denn diese Einrichtung?"
Lucius verzog den Mund. "Unter dem Boden des Ozeans."
Vox nickte. "Die Anderen werden begeistert sein."
"Allerdings. Warum sagen Sie "die Anderen"? Macht es Ihnen denn nichts aus, Phos?"
Isand schüttelte den Kopf. "Nein. Mir macht es was aus, hier auf dieser Welt zu sitzen und die Virusbomben über mir wartend zu wissen. Ich sehe ein, dass das, was wir hier tun sollen, wichtig ist und daher will ich es zu Ende gebracht sehen. Wir sollten also damit fortfahren und von hier verschwinden."
"Das sehe ich grundsätzlich auch so. Ich muss auch sagen, dass es mir Zuversicht gibt, dass Sie allem Anschein nach so gut damit fertig werden, was passiert. Ich kann einen klaren Kopf gebrauchen."
Bei diesen Worten tippte sich der Psioniker gegen seine Schläfe und grinste wölfisch.
"Allerdings", fuhr Frost fort, "sehe ich auch, dass unsere Verletzten nicht wirklich transportfähig sind."
"Auch darin sind wir uns also einig. Ein Wunder, gepriesen sei der Imperator.", sagte Vox mit einem Lächeln in der Stimme. "Und ich dachte, da würden wir Probleme miteinander bekommen."
Etwas in Frost sagte ihm, dass er jetzt vorsichtig sein musste. "Was - meinen Sie?"
"Na ist doch klar. Wir müssen weitermachen, so schnell wie möglich. Die Beiden sind nicht transportfähig, also..."
Er will sie zurücklassen... Das erste Gefühl, das in Lucius aufstieg, war natürlich Ekel und Ablehnung, doch er zeigte das nicht, sondern gab seinem analytischen Verstand Zeit, diese Argumentation zu bewerten. Er durfte sich nicht leichtfertig gegen den Psioniker stellen, das war ihm klar. Isand war als einziger körperlich und allem Anschein nach auch psychisch unbeschadet aus der Begegnung mit den Chaos-Agenten und ihrer Dämonenbrut hervorgegangen, was bedeutete, dass er viel mehr Einfluss nehmen konnte als früher. Es gab keine klaren Befehle mehr, die ihn an den Willen eines Inquisitors oder auch Interrogators banden. Solange das Endziel erreicht wäre, hatte er seine Pflicht getan, wenn später einmal ihrer aller Handlungsweise von einem Tribunal beurteilt werden würde. Dass sich die Auffassungen von moralisch vertretbarer Vorgangsweise zwischen Isand und ihm gravierend voneinander unterschieden, war ihm klar. Er hielt es auch durchaus im Bereich des Möglichen, dass Isand seine manipulativen Kräfte innerhalb der Gruppe einsetzen würde, wenn er es für notwendig hielt. Das war eines der größten Probleme mit Telepathen, soweit es Lucius Frost betraf. Natürlich machte man sich ihre Fähigkeiten zunutze, was bedeutete, man ließ sie oft in den Gedanken von anderen graben oder Nachrichten übermitteln. So gab es keine natürliche Barriere mehr, das Gefühl von Recht und Unrecht war verwischt. Der Telepath war es gewöhnt, im Kopf von anderen zu sein, auch in den Köpfen seiner Mitakolythen. Es bedurfte dann eines rigorosen Moralkodex, um seine Fähigkeiten nicht zu mißbrauchen. Frost wusste, dass der Kodex, dem Isand folgte, seiner Anschauung nach alles andere als moralisch wertvoll war. Ergo: Er wollte ihn nicht zum Feind haben. Und ganz objektiv gedacht hatte Phos Isand auch Recht.
"Oh, Sie haben sich also noch gar nicht entschieden?"
"Wie Sie gesagt haben, ist das keine leichte Entscheidung. Und es sind drei Mann, die wir zurücklassen müssten."
Vox nickte. "Der Priester sollte nicht mehr lange schlafen. Seine Seele ist zäh. Aber sobald er wach ist, sollten wir aufbrechen."
Lucius stellte sich vor, wie es wohl wäre, wenn Sie Varitani und Railoun hier einfach liegen ließen, der Pflege ihrer Gastgeberin anvertraut, bis das unvermeidliche Ende kam. Er stellte sich vor, wie die Akoylthen darauf reagieren würden und Honeymoon kam ihm in den Sinn. Nein, das wäre zuviel für sie... "Was sagen denn die Anderen dazu?", fragte er in einem Versuch, den kaltherzigen Telepathen zur Einkehr zu bewegen.
"Blender und Granit sind nicht begeistert, wie jeder von uns denke ich, aber sie stimmen zu. Wir haben gerade vorher darüber gesprochen. Den Pater will niemand hier lassen, wenn er nicht noch länger im Koma liegt. Aber das wird wie gesagt nicht der Fall sein, denke ich. Mit Honeymoon habe ich noch nicht gesprochen. Sie ist irgendwie reservierter mir gegenüber als sonst." Ein dreckiges Grinsen zog über sein Gesicht, als er an den Anblick der Adligen dachte, wie er ihn die ganze letzte Nacht auch vor Augen gehabt hatte.
Politik schmerzt manchmal so sehr, dachte Lucius bei sich, als er sich vorstellte, diesem aufgeblasenen, notgeilen Bastard einmal so richtig auf Maul zu geben. "Ich - werde mit ihr sprechen."
Das Grinsen blieb auf dem Gesicht des Psionikers. "Tun Sie das."

Wie anders hatte sich alles entwickelt? Wie anders war sie selbst! Kannte sie sich selbst überhaupt noch? Cattaleya Amalia VanSovrean blickte auf die Gestalt ihres Geliebten hinab, der neben ihr lag, die Stümpfe beider Arme mit weißen Bandagen versorgt. Die Wunden waren in gutem Zustand, doch hatte das Aufeinandertreffen mit dem Verschlinger trotzdem seinen Tribut von dem Interrogator gefordert - jenseits seiner Arme. Zwar waren Gedanken folgender Art noch weit jenseits von allem, was Cattaleyas Geist verstand, doch war es sogar gut für ihre eigene psychische Gesundheit, dass Immarut sie so sehr brauchte. Er war momentan ein Pflegefall, das war klar, und Cattaleya hatte sich dieser Aufgabe mit einer verbissenen Hingabe gewidmet, die all ihre Unerfahrenheit wett machte, was Pflege anging. Sie war so gut wie immer bei ihm, unterhielt sich mit ihm, wenn er wach war und behütete seinen Schlaf.
Sie hatten zusammen geweint und sich gefreut, das überstanden zu haben. Erst war Immarut vollkommen verstört gewesen, weil er sie nicht hatte beschützen können. Erst als sie ihm begreiflich gemacht hatte, dass es gerade eben nicht zum Äußersten gekommen war, dass dem Daemon nicht geglückt war, was er mit ihr vorgehabt hatte, hatte sich Immarut beruhigt. Sie hatte ihm gesagt, er habe wie ein Löwe für sie gekämpft, er habe sie gerettet. Sie wusste nicht, warum sie schon darüber reden konnte, was geschehen war. Es war sein Schicksal, sein bleibender Schaden, seine Versehrtheit, die das, was sie erlebt hatte zwar nicht weniger schrecklich machte, als es wirklich war, jedoch eine vernünftige Perspektive nahelegte. Sie hatte Furchtbares erlitten, das stimmte, aber Immarut hatte sich bis zur Bewusstlosigkeit durch Schmerz, zur völligen Erschöpfung seines Körpers gemartert, um sie zu retten. Er hatte beide Arme verloren - wegen ihr. Natürlich war sie nicht Schuld daran, auf solch einen Gedanken wäre sie nie gekommen, doch sie wusste, dass ein Mann, der bereit war, das für sie durchzustehen, sie verdiente, alles verdiente, was sie ihm geben konnte. Mehr noch, sie konnte stolz sein, jemanden wie ihn zu kennen und mit ihm zusammen sein zu dürfen - auch wenn es nur mehr für einige Tage sein würde. Das letzte, was sie Beide mitbekommen hatten, war, dass die Entschlüsselung der Daten, die man bei Varitani gefunden hatte, nur langsame Fortschritte machte, und die Flotte war noch immer im Orbit wie ein Bote des Todes.
Sie hatte auch einmal nach Varitani gesehen, konnte den Anblick jedoch nicht ertragen. Sie hatte sich wieder erinnert, dass sie gar keine Pflegerin war, sondern Cattaleya VanSovrean, oder maximal noch Honeymoon. Es war nur Immarut, der sie dazu bringen konnte, das in den Hintergrund zu drängen und sich ganz auf ihn zu konzentrieren.
Sanft glitt ihre Hand über seine Stirn und die rechte Wange hinab, während sie ihm eine goldene Locke zur Seite strich. Er brummte genüßlich und drückte seinen Kopf zärtlich gegen ihre Handfläche. "Du riechst gut.", hauchte er.
Zu Beginn ihrer Beziehung hatte sie solche Bemerkungen etwas befremdlich gefunden, aber mit der Zeit hatte sie zu verstehen begonnen, welch vorrangige Bedeutung der Geruchssinn im Kaleidoskop aller Wahrnehmungen Immaruts hatte. Sie beugte sich zum ihm und küsste ihn sanft. "Ich liebe Dich.", flüsterte sie ihm ins Ohr.

Seine Mundwinkel schoben sich unwillkürlich nach oben. Er hätte sie gerne in den Arm genommen. Bittersüß war dieses Gefühl. Er war froh und dankbar, dass sie bei ihm war, dass nicht mehr für immer zerstört worden war, doch wog der Verlust so vieler Fähigkeiten schwer als Gegengewicht dazu. Er hatte nach wie vor Schmerzen, manchmal richtig heftig. Noch dazu kamen sie aus Armen, die er gar nicht mehr besaß.
Immarut merkte wohl, wie sehr sich seine Honeymoon für ihn einsetzte, was das für sie bedeutete. Sie selbst bestimmte auch vorrangig das Maß an körperlicher Zweisamkeit, die sie nun miteinander teilten. Nach ihrem Aufeinandertreffen mit dem Verschlinger hätte er sowieso nicht gewusst, wie es ihr damit ging. Auch ihr Körper war geschunden und zeigte Spuren des Kampfes in Form von verschorften Abschürfungen und häßlichen blauen Flecken. Cattaleya hatte sich fast wund geschrubbt, als sie die Chance dazu bekommen hatte. Dabei hatte sie geweint, das hatte er gehört. Auch nachts, wenn sie an ihn geschmiegt dalag, weinte sie manchmal leise und zitterte und zuckte. Hin und wieder fuhr sie auch wild aus dem Schlaf auf. Das waren auch Augenblicke, in denen er sich Arme gewünscht hätte, um sie zu halten.

Ein Klopfen ließ sie nun aufblicken. "Bitte.", sagte sie, stand auf und richtete mit geübten Handbewegungen ihre Kleidung und ihr Haar. Es war Lucius Frost. Er lächelte schwach, als er ihnen grüßend zunickte und dann leise wieder die Türe schloß.
Er nahm die Hände von Cattaleya in die seinen und drückte sie herzlich, dann blickte er auf den verwundeten Interrogator hinab, ein fürsorglicher Ausdruck in seinen dunklen Augen. "Wie geht es Ihnen, Immarut?"
Railoun sah zu Cattaleya. "Ohne Catt wäre ich verloren, glaube ich. So bin ich die meiste Zeit sogar glücklich."
Frost nickte ernst und blickte seine Freundin an, die leicht rot wurde und lächelnd den Blick senkte. "Das ist - gut. Hören Sie, Immarut, wir haben die Daten teilweise entschlüsselt. Wir können weitermachen."
Railoun wollte sich aufsetzen, doch er konnte sich ja nicht aufstützen. So wippte er nur zweimal herum und fühlte sich wie ein Fisch auf Landgang. "Das ist eine positive Nachricht, denke ich. Wie geht es Inquisitor Varitani? Und Gerhart?"
Frosts Gesicht verdüsterte sich. "Wer auch immer das war, der Varitani das angetan hat, war gründlich. Er ist kaum bei Sinnen. Und Gerhart liegt nach wie vor im Koma. Vox hat aber gemeint, als er versucht hat, telepathisch Kontakt mit ihm zu bekommen, hätte er gespürt, dass er bald wieder aufwacht. Er kämpft sozusagen um die Kontrolle seines Körpers und weiß laut Vox auch, wie wichtig es ist, dass er zurückkommt."
"Das kann Isand tun?" Immaruts Frage klang ungläubig.
"Was weiß ich.", entgegnete Frost mit Schulterzucken. "Er behauptet es zumindest. Verdammte Psioniker, was?" Der Aufheiterungsversuch zerschellte an der Wand der Nachdenklichkeit in Railouns Gesicht.
"Wie sieht denn nun der Plan aus? Ich denke, es ist klar, dass weder Varitani noch ich momentan große Anführer sind."
Frost nickte und man sah deutlich, wie wenig ihm seine Funktion als neuer Entscheidungsträger behagte. Das lag sicher nicht an der Aufgabe an sich sondern wohl vielmehr daran, auf welche Art er dazu gekommen war. Er hatte die Zelle schon oft angeführt und gute Arbeit geleistet. "Wir sind nur etwa einen Tag von Xileiphos entfernt, was bedeutet, wir können unsere restliche Ausrüstung bergen. Dazu werde ich ein kleines Team abstellen. Granit und Blender und Vox wahrscheinlich. Bis sie zurück sind, ist hoffentlich Gerhart wieder auf den Beinen." Lucius erhob sich und fuhr sich nervös mit den Fingern durchs Haar. Er hätte so gerne ein Lho-Stäbchen geraucht...
"Wir müssen in einen weiteren Komplex eindringen. Dieses Mal geht es jedoch um keine verlassene Anlage. Es werden also Auseinandersetzungen zu erwarten sein."
"Im Gegensatz zum letzten Mal.", giftete Cattaleya hinter ihm.
Frost ignorierte sie. "Wir müssen auf den Meeresboden. Die Anlage, die wir infiltrieren müssen, ist nur durch den Tunnel zugänglich, durch den der Transozean-Express fährt."
"Der Transozean-Express?" Honeymoon hatte noch nie davon gehört.
"Er verbindet den Kontinent Kirrjeha mit Veste, von wo aus man leicht nach Antimon oder Zumthes weiterfahren kann. Der Zug fährt durch einen Überdrucktunnel am Boden von Rauka, wie man das Meer zwischen Kirrjeha und Arrtjeha nennt. Die Fahrtzeit beträgt mehrere Tage."
Frost nickte anerkennend. "Im Kopf ist bei Ihnen alles beim Alten wie es scheint."
Railoun lächelte schwach. "Ich werde mein Bestes tun, Sie nicht zu sehr aufzuhalten. Was wir aber mit dem Inquisitor machen, weiß ich nicht."
Mit einem bitteren Geschmack verzog der Ex-Arbitrator den Mund. "Da herrscht generell Unklarheit." Frost räusperte sich. "Sag mal, Honeymoon, darf ich Dich ein paar Minuten entführen?"
Erst war Cattaleya etwas überrascht, doch sie machte sich schnell klar, dass Lucius niemanden sonst so gut kannte wie sie. Auch er hatte viel durchstehen müssen und keinen, dem er sich anvertrauen konnte. "Sicher. Ich komme ich Dein Zimmer, in sagen wir - fünf Minuten."
Lucius nickte, lächelte Immarut schwach an und verließ mit einem Winken den Raum. Dieser sah fragend zu Honeymoon auf.
Die zuckte nur die Schultern. "Keine Ahnung."

Keine Minute hielt es Lucius sitzend in seinem Zimmer aus. So tigerte er auf und ab. Was mache ich hier überhaupt? Er dachte an die Nachricht von Elena. Das Richtige tun, dass ich nicht lache. Er lachte tatsächlich ein kurzes, bitteres Lachen. Scham war in ihm hochgekrochen. Er hörte Varitanis Stimme, die ihm sagte, dass Anführer harte Entscheidungen zu treffen hatten, und er hörte sich selbst antworten, dass er nie jemanden zurücklassen würde. Er dachte an die Bilder, die er gerade gesehen hatte und wie Cattaleya wohl reagieren würde. Wenn ich jemanden hier lasse, kann ich mir nicht mehr in die Augen sehen, in keinem Spiegel. Es ist schon richtig, dass wir aller Wahrscheinlichkeit nach alle bald tot sind, aber falls nicht. Was ist dann? Was ist, wenn wir extrahiert werden, wenn wir es schaffen? Und ich habe die beiden hier zurückgelassen?! Lucius dachte weiter. Nie wieder könnte ich ihr unter die Augen treten. Elena. Das Richtige tun...
Es klopfte und er fuhr herum. Honeymoon. Lucius sah auf seine Hände herab. Vorher hatte er gezittert. Zuerst hatte er es auf den Entzug von Lho geschoben, aber anscheinend war das nicht der Grund dafür gewesen. Jetzt, da er wusste, was er tun würde, was Lucius Frost tun würde, nicht Varitani, nicht Immarut selbst und gewiss nicht der verdammte Phos Isand, jetzt waren sie ruhig.
Es klopfte erneut und er hörte die Stimme seiner Freundin gedämpft durch die Türe: "Lucius? Bist Du da drin?"
"J-ja, komm nur rein, Honeymoon.", sagte er und kratzte sich am Kopf. "Tut mir leid.", fügte er hinzu, als sie eingetreten war und die Türe wieder schloß.
"Was ist los?", fragte sie, ihr Tonfall Zeuge ehrlicher Sorge.
Lucius ballte eine Faust. "Entschuldige mich einen Moment. Warte hier, ja?" Ohne auf eine Antwort zu warten, stürmte er hinaus.
Cattaleya blieb verdutzt zurück.

Dampf strömte aus diversen Ventilen und machte pfeiffende Geräusche. Der morgendliche Regen hatte eine Feuchtigkeitsfilm auf dem Kopfsteinpflaster des Bahnsteigs hinterlassen, und der Rest von Nebel mischte sich mit dem Qualm, der dem monströsen Antriebswagen und den Wagons entströmte, die einer hinter dem anderen aufgereiht standen, weiter, als man mit dem Auge blicken konnte. Der Bahnsteig war nur für diesen speziellen Zug gedacht, den Transozeanischen Express oder TEX. Garrinald Crim war schon seit langen Jahrenzehnten der Vorstand der ersten Klasse und hatte es sich zur Aufgabe gemacht, seine Fahrgäste bereits am Bahnsteig persönlich zu begrüssen. Seine kybernetischen Beine klackten auf dem feuchten Steinboden, als er seinen Kontrollgang durchführte, um einen letzten Blick auf seinen Zug zu werfen. Wie alle Bewohner von Xeiros Prime war auch er zutiefst erschüttert über die Entwicklungen der letzten Zeit, doch das tat weder seinem Pflichtbewusstsein noch seiner Professionalität Abbruch, wenn es um seine Arbeit und seine Prinzipien ging. Mit der stocksteif gestärkten, schwarzen Uniform der Gesellschaft für Kirrjeha-Arrtjeha-Transport, verziert mit goldenen Borten, angetan und mehreren Abzeichen an der Brust, die ihm langjährige Treue zur Betreibergesellschaft des TEX sowie unentwegte Bemühungen um das Wohlbefinden seiner Fahrgäste bescheinigten, sah er eher wie ein Generalfeldmarschall aus als die Mischung aus Zugführer und Concierge, die er war. Unter allen Abteilungsvorständen des Zuges hatte sein Wort das meiste Gewicht und nur Oberzugsführer Frenneweir konnte ihm ungestraft widersprechen, wobei das schon lange nicht mehr vorgekommen war.
Seine Umgangsformen waren perfekt, er war es gewohnt, mit imperialem Adel zu verkehren. Die mehrtägige Reise zählte nicht nur seiner Meinung nach zu einer der größten Sehenswürdigkeiten von Xeiros Prime, so dass er selten Fahrten mit freien Appartements angetreten war. Ja, richtig, der TEX, besser gesagt, der wichtigste Teil des TEX, die erste Klasse, ein mehrere hundert Meter langer Abschnitt des Zuges, wurde nicht in Abteils gegliedert, sondern in Appartements unschiedlicher Größe, jedes mit eigenen Bediensteten und allen Annehmlichkeiten ausgestattet, die man sich nur wünschen konnte. Tja, dachte Crim, wenn das nur so wäre. Meistens schafften es seine Gäste, mit einem kleinen Anliegen hier und durch die Blume ausgedrückter Kritik dort die Fahrten auch für ihn durchaus inhaltsreich zu gestalten. Crim seufzte, doch musste zugeben, dass er auch diesen Aspekt seiner Arbeit liebte. Er bedauerte es wirklich, dass dieses Mal durchaus einige Appartements leerstehen würden.
Er wurde gerade Zeuge, wie vor ihm einige ungewöhnliche Diener Gepäckstücke einluden, während ein junger Gentleman neben einer verschleierten Dame ganz in Schwarz dabei zusah. Eine Grav-Plattform mit einer sargähnlichen Konstruktion wurde eben von einem schlanken Mann mit Pferdeschwanz, der in einer leicht altertümlich wirkenden, dunklen Livree steckte, durch einen Sensor und an Bord des Zuges gefahren.
"Meine Dame, mein Herr." Garrinald Crim verneigte sich steiff, sein Gesicht zierte das Lächeln, das er so viele Jahre perfektioniert hatte. "Willkommen im Transozeanischen Express. Mein Name ist Garrinald Crim, ich bin Vorstand der Ersten Klasse, sozusagen ihr Major Domus während der Fahrt."
Die junge Dame, deren Züge er nur wage durch die kostbaren Stickereien ihres Schleiers wahrnehmen konnte, trug Gesicht und Körper in einer Haltung, die geradezu nach Adel schrie. Ihr Begleiter, auf dessen Ärmel sanft ihre kleine, blasse Hand ruhte, wirkte eher gelangweilt. "Schön, schön." Er würdigte Crim keines Blickes. Aufgeblasener Bastard, dachte der Vorstand bei sich, sein Lächeln weiterhin charmant und unaufdringlich.
Die junge Dame neigte nahezu unmerklich den Kopf in Richtung ihres Begleiters, und fast erschien es Garrinald Crim, sie würde ihn zürnend anblicken. Anmutig, wie er es selten gesehen hatte, löste sie ihre Verbindung und schwebte zu ihm hinüber, ihr herabfließendes Kleid fast ungestört durch ihre zarten Schritte. Sie passierte ihn mit der zartesten körpersprachlichen Andeutung, er solle ihr folgen, und wie an Fäden gezogen fügte er sich der Aufforderung.
"Verzeihen Sie meinem Begleiter, dem Lord Seuxieve." Ihre Stimme war zart und weich, passend zu ihrer zerbrechlich aber doch so herrschaftlich wirkenden Gestalt. "Seine Sorge gilt dem Wohlbefinden seines Oheims, Großmeister V'Enderelle. Seine Gesundheit hat sich in letzter Zeit besorgniserreged entwickelt, und die Last des Erbes wiegt schwer. Wir hätten ihn lieber nach Hause verbracht, doch das ist uns bei der derzeitigen Lage der Dinge wohl nicht gegeben." Rann da eine Träne ihre Wange herab? War das gerade ein Schluchzen?
Garrinald Crim folgerte, dass es sich bei der Gravplattform also um eine mobile Medika-Station handeln musste, deren Bewohner, wenn man so wollte, Großmeister V'Enderelle war. Er war also noch nicht tot. Warum trug die Dame dann Trauerkleidung? Vielleicht rechnete man bereits während der Fahrt mit dem Abscheiden des Großmeisters. Ich bin sicher, sein Erbe ist vollkommen verstört, sinnierte Crim, während er wiederum einen kurzen Blick in das gelangweilte Gesicht des jungen Herrn erhaschte.
"Doktor Harrtion, auf ein Wort.", rief der junge Mann plötzlich einem glatzköpfigen Mann mit Kinnbart zu, der sich mit einer kleinen Medizinertasche unter dem Arm und in einen engen, ebenfalls schwarzen Mantel gekleidet, gerade an Bord begeben wollte. Er hielt inne, zögerte kurz und ging dann mit raschen Schritten auf Lord Seuxieve zu. Die Beiden murmelten ein paar Worte und der junge Herr wies in die Richtung der Dame und Crim.
Kurz erschien es dem Vorstand, der Doktor würde das Gesicht verziehen, dann jedoch schritt er mit aufrechtem Blick auf sie zu und verneigte sich vor der Dame. "Lady Eirelle, Lord Seuxieve hat mich gebeten, Euch in Euer Appartement zu begleiten." Er hielt ihr wenig einladend seinen Arm hin.
"Aber mein Gepäck. Wie kann ich sicher sein, dass alles an Bord ist?"
Das war Crims Einsatz. "Meine Dame", begann er ohne zu Zögern und verneigte sich dienstbeflissen. "Selbstverständlich werde ich persönlich dafür Sorge tragen, dass alle Gepäckstücke an Bord und zu Eurer Verfügung sind, sobald Ihr sie benötigt."
"Oh, ich danke Euch, Meister Crim."
Das Lächeln auf dem Gesicht des Vorstands war nicht gespielt. "Wenn ich noch irgendetwas tun kann oder Sie etwas benötigen, was auch immer es sei, zögern Sie nicht, nach mir zu schicken, meine Dame."
Sie bot ihm elegant ihre Hand dar, und er hauchte einen Kuss darüber. Dann wandte sie sich an ihren neuen Begleiter. "Nach Ihnen, Doktor."
Der Mann verzog erneut das Gesicht. "Gewiss doch, gewiss."

"Sie haben den Vorstand sicher davon überzeugt, dass Sie ein ausgezeichneter Arzt sind, Vox.", sagte Cattaleya, als sie ihren Schleier abnahm und sich in dem Appartement umsah.
"Wieso denn das?"
"Was für einen Grund gäbe es sonst, einen so ungehobelten und unfreundlichen Klotz von einem Menschen zu dulden, wenn man alter Adel ist?"
Der Blick des Telepathen war scharf wie ein Messer.
"Wenn Sie Schauspieler geworden wären, hätte der Hunger die Welt schon lange von Ihnen erlöst.", wetterte sie weiter. Honeymoon war weit weniger gut auf Isand zu sprechen, seit sie mitbekommen hatte, dass sie um ein Haar Varitani und was noch viel schlimmer war, Immarut aufgrund seiner Initiative zurückgelassen hatten. Frost war anscheinend erst im letzten Moment zu sich gekommen und hatte klar und deutlich festgelegt, wer die Entscheidungen traf und wie sie vorgehen würden. Cattaleya war ihm eine kurze Zeit lang sogar etwas böse gewesen, dass er den herzlosen Plan des Psionikers überhaupt in Erwägung gezogen hatte, doch letzten Endes war sie froh, dass er jetzt am Ruder war und nicht andere Personen mit weniger Haar am Kopf.
So hatte sie mit Lucius Frost und Blender an ihrer Tarnung gearbeitet, um Plätze im TEX zu erwerben, die alle Eigenschaften mitbrachten, derer sie bedurften: hohe Bewegungsfreiheit, ständiger Zugang zu ihrem Gepäck und keine lästigen Fragen des Personals. Die unfreiwillige Rolle, die sie Inquisitor Varitani zugedacht hatten, nämlich die des scheidenden Adelsmagnaten, erlaubte ihnen zusätzlich noch, besonders ausgefallene Unregelmäßigkeiten zu kaschieren. Garrinald Crim hatte tatsächlich alle ihre Ausrüstung an Bord geschafft, ohne dabei alle üblichen Sicherheitsvorkehrungen wahrzunehmen. Mehrere kriegstaugliche Waffen und Sprengstoff militärisch hoher Qualität hätten wahrscheinlich nur schwer zu beantwortende Fragen aufgeworfen.
Das Geräusch, das nach einem Treten gegen die Tür klang, unterbrach den kleinen Disput und Cattaleya öffnete. Immarut fiel ihr fast in die Arme. Sein Gesicht war bleich und blass. Sorgenvoll geleitete sie ihn zu einem Stuhl. Er trug einen weiten Kutschermantel, der seine Arme verdeckte und hatte Vaniryl und Sovrean umgeschnallt, so dass er wie ein stoischer und gespenstisch unheimlicher Leibwächter wirkte.
Nach und nach fanden sich die anderen ein. Lucius Frost, der endlich seine Rolle als Lord Seuxieve zumindest für gewisse Zeit aufgeben konnte; Gerhart Thracian, aus seinem Koma erwacht, als wäre er nur eben kurz eingenickt und nach einem langen Gespräch mit Blender zu seiner redemptionistischen Härte zurückgekehrt. Er hatte sich geweigert, eine andere Rolle zu spielen als die eines Priesters und so hatten sie es ihm ermöglicht. Seine Position hatte nicht unwesentlich zu dem Kostüm von Cattaleya beigetragen sowie zu der Rolle von Phos Isand als Leibarzt, der das Hinüberscheiden einer Größe des alten Adels einer unbekannten, fernen Welt in den Tiefen des Ozeans überwachen und schmerzfrei halten sollte. Pater Vintius war eben für das Seelenheil des Scheidenden verantwortlich.
Hrubens Arn spielte in seiner Livree den Hausdiener von Seuxieve, Saxton, Immarut und Nick Runsit die beiden grimmig dreinblickenden Leibwächter. Immarut hatte es auch mit allen Verkleidungskünsten Cattaleyas nicht geschafft, auch nur ansatzweise so bedrohlich auszusehen wie der tätowierte Riese, auch wenn er in seinem konturlosen, pechschwarzen Mantel und mit seinem bleichen Teint ausgesehen hatte wie der personifizierte Tod, also hatte Cattaleya kurzerhand ihre Klingen auf viel offensichtlicherem Weg in den Zug geschmuggelt als zuerst angedacht.
Im nordöstlichen Teil von Kirrjeha war es noch zu vergleichsweise wenig Ausschreitungen gegen Außenweltler gekommen, weswegen vor allem fremder Adel hier noch alle Annehmlichkeiten eines normalen Lebens genießen konnte, doch das würde sich in Arrtjeha schnell ändern, wenn man den Gerüchten glauben schenkte. Sie würden verhaftet werden, noch ehe sie den Zug verließen, wenn sie erst die kontinentalen Grenzen überschritten haben würden. Dieses Wissen war selbstverständlich nicht publik, sonst hätte der TEX gar nicht mehr verkehrt. Ob durch den Exterminatus oder durch die politischen Unruhen - dies würde die letzte Fahrt des so traditionsreichen Transportmittels sein, ein weiteres Opfer auf dem Konto des Erzfeindes.

Nachdem sich Interrogator Railoun ein wenig erholt hatte, rief dieser alle zu einer Besprechung zusammen. Er stellte nochmals fest, dass aufgrund seines angeschlagenen Zustandes Lucius Frost auch weiterhin das Kommando innehatte, und dass sie sich langsam der kritischen Phase ihrer Mission näherten. Sie brauchten sich nichts vorzumachen. Sie waren schon viel länger auf Xeiros als geplant und hatten wenig erreicht. Die Bomben konnten jederzeit fallen.
"Das ist jetzt schon der schlimmste und auszehrendste Auftrag, an dem ich jemals gearbeitet habe. Ich bin stolz, Sie alle gekannt zu haben. Ich bin stolz, mit Ihnen gemeinsam Sein Werk zu tun. Wenn es zum Äußersten kommt, dann lassen Sie uns mit der Gewissheit von dieser Welt gehen, dass wir unser Bestes gegeben haben, des Imperators würdig, jeder einzelne von uns. Doch bis es soweit ist, werden wir die Befehle, die unser Inquisitor für uns hatte, von deren Wichtigkeit er so überzeugt war, dass er darob jetzt dort liegt und auf das Ende wartet, ausführen. Und wenn es das Letzte ist, was wir tun!"
Der Transozeanische Express nahm Fahrt auf.