Autor Thema: Vincentio (schwarze Feder)  (Gelesen 2502 mal)

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Chem Frey

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Vincentio (schwarze Feder)
« am: 10. November 2003, 21:59:03 »
 »Es wird Sturm geben.«

Der Mann kommentierte die Bemerkung der Wache mit einer höhnisch hochgezogenen Augenbraue. Den ganzen Tag hatte es schon geregnet, schwarze, tiefhängende Wolken verdunkelten den Himmel und würden diesen Tag beenden bevor er richtig begonnen hatte. In der letzten Stunde hatte auch noch ein schneidend kalter Wind eingesetzt und hatte die Laune des Mannes zum wiederholten Male auf einen absoluten Tiefpunkt sinken lassen.

Sein tief ins Gesicht gezogener breitkrempiger Hut und der hochgeschlagene Kragen ließen den Wachmann die schlechte Stimmung des Angesprochenen ignorieren und er plapperte unbekümmert weiter.

»Bei diesem Wetter trauen sich nicht mal die Ratten aus ihren Löchern.«

Unwillkürlich wanderte die Hand des Mannes hinunter zu seinem Rapier unter seinem Cape. Ein präziser Stich durch die Luftröhre würde für willkommene Ruhe sorgen.

»Schließt ihr die Tore heute früher, Soldat?«

In Gedanken sah er das Blut seines Gegenübers bereits auf das schwarze Pflaster der Hauptstraße spritzen – eine Vorstellung, die das Gemüt des Mannes ein wenig aufzuheitern vermochte.

»Vorschrift ist Vorschrift.«

Der unbewusste Griff zur Waffe war dem Wachmann aufgefallen und hatte ihn vorsichtig werden lassen. Natürlich war er wie alle Soldaten der Wache darin trainiert, verborgene Waffen aufzuspüren. Der Mann schollt sich insgeheim einen Idioten. Er hatte sich fast hinreißen lassen. Dennoch genoss er noch einige Sekunden den Gedanken an den sterbenden Wachmann, während seine Hand nun gut sichtbar an dem silbernen Knauf des edlen Rapiers vorbei zur Geldbörse wanderte. Zweifelsohne hielt die Wache den Mann ob seiner Waffe für einen Edelmann. Sollten sie doch.

Ein Goldstück blitzte kurz im matten Schein des aus dem Wachhäuschens dringenden Lichts auf und wechselte ohne großes Federlesens den Besitzer, woraufhin die kleine Mannpforte in einem der beiden mächtigen Torflügel aufgestoßen wurde.

»Bei diesem Sauwetter kann niemand sicher sagen, wann die Sonne untergeht. Euer Glück, mein Herr. Aber wenn ihr in einer Stunde nicht zurück seid, kann ich vor Morgengrauen nichts mehr für euch tun.«

Grinsend biss der Wachmann auf das Goldstück, als zweifle er dessen Echtheit an, dann ließ er es rasch in den tiefen Taschen seiner Uniform verschwinden.

»Dafür habe ich vollstes Verständnis, Soldat.«

Warum hatte er dem Wachmann eigentlich nicht das mit Gift behandelte Goldstück gegeben, dass der Mann stets in einer verborgenen Tasche seines Gürtels mit sich führte?

»Ihr tut nur eure Pflicht.«

Nein, am meisten befriedigen würde es jetzt, den Wachmann mit dessen eigenem Schwert aufzuschlitzen. Doch die Pforte schlug zu und ließ die Gelüste des Mannes unbefriedigt – vorerst.

Vor ihm lag eine gute halbe Meile Weg durch das Unwetter.


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Der Name der Herberge war trügerisch – Zum geselligen Torfstecher. Zwar gingen durchaus einige regelmäßig wiederkehrenden Gäste diesem Beruf nach, doch waren diese alles andere als gesellig. In kleinen Gruppen saßen sie mit düsteren Gesichtern beisammen an den kleinen runden Tischen, tranken schales Bier oder rauchten billiges Kraut. Worte wurden selten und nur wenige gewechselt. Eine Stimmung wie in einem Grab.

Früher am Abend hatte ein junger Bursche vergeblich versucht sich mit einer Laute und seiner glockenhellen Stimme ein paar Kupfermünzen zu verdienen. Nach der ersten Ballade hatte er frustriert aufgegeben. Nun saß er schweigsam als einziger an der Theke, als der Mann die Tür aufstieß und eilig von der Straße in den Schankraum trat. Den Regen draußen entkommen nahm er sich einen Augenblick Zeit die Anwesenden zu mustern. Der finstere Blick, mit dem er dies tat, ließ jede Hoffnung des brotlosen Musikers, doch noch einen geneigten Zuhörer zu finden, im Keim ersticken.

Der Mann hatte gefunden wonach er gesucht hatte und ging mit festen Schritten darauf zu. Die Hand ruhte wie beiläufig auf dem Griff seines Rapiers und stellte eine unmissverständliche Drohung dar. Er blieb direkt vor einem Tisch stehen, an dem ein fettleibiger Mann über seinem Bierhumpen saß. Es war der Wirt, der von seinen Gästen nur dadurch zu unterscheiden war, dass er eine schmutzige Schürze trug. Er würdigte den Neuankömmling keines Blickes.

»Man sagt, ihr hättet hier ein Zimmer für Gäste, die lieber ungestört sein möchten.«

Die Stimme des Mannes klang kalt und fest. Seine Hand jedoch hatte, ohne dass er es bemerkte, damit begonnen nervös an dem Griff seiner Waffe herum zu spielen.

»So, und wer sagt das?«

Die Augen des Wirts fixierten weiter einen unsichtbaren Punkt mitten im Raum.

»Leute.«

Die behandschuhte Hand des Mannes förderte aus einer unsichtbaren Tasche seines Gürtels ein Goldstück hervor und schnippte es beiläufig auf den Tisch. Bevor es zur Ruhe gekommen war hatten dreckigen Pranken es ergriffen und eingesteckt.

»Die Leute reden zu viel.«

Schwerfällig erhob sich der Wirt von seinem Stuhl und wies auf einen schweren Vorhang am hinteren Ende des Schankraums. Doch der Mann rührte sich nicht. Mit einem Grunzen setzte der Wirt sich schließlich in Bewegung und ging voraus. Die Verachtung des Mannes als er dem Wirt folgte war nicht zu übersehen. Doch niemand traute sich den Kopf in seine Richtung zu drehen.

»Was darf ich euch bringen?«

Der Wirt war direkt vor dem Vorhang noch einmal stehen geblieben. Seine Stimme war etwas zu laut gewesen. Der Mann hatte bereits lautlos sein Rapier gezogen und stieß den Wirt nun mit der anderen Hand rückwärts durch den Vorhang. Erschrocken stieß dieser einen erstickten Schrei aus. Er war nicht schnell genug um noch am ledrigen Stoff des Vorhangs Halt zu finden. Wie ein Schwein landete er unsanft rücklings auf dem Boden. Metall blitze auf und Holz splitterte, als der Kopf des Wirtes mit der Präzision eines Fallbeils vom Hals abgetrennt wurde und davon kullerte, als habe jemand ihm einen heftigen Tritt gegeben.

Seine Waffe schützend vor sich haltend sprang der Mann dem Wirt nach und rollte sich katzengleich nach links und landete gekonnt wieder auf den Füßen. Die Axt des Angreifers hatte sich nach dem Schlag tief in das Holz des Bodens gegraben und steckte dort fest. Anfänger. Im Gegensatz zu seiner ersten Bewegung richte er die Spitze seines Rapiers fast gemächlich auf die offen dargebotene Kehle des Angreifers. Etwas stimmte nicht. Er liebte diesen Ausdruck absoluter Überraschung im Angesicht des Feindes, bevor er seine Arbeit vollendete. Hier fehlte sie gänzlich. Zwei schwarze Augen in einem grünen pockennarbigem Gesicht blicken ihn ruhig an. Der Mund mit dem weit vorstehenden Unterkiefer und den beiden großen Hauern verzog sich in dem Versuch zu lächeln.

»Erkennt ihr mich denn nicht, Meister Gerome?«

Der Ork trat einen Schritt zurück – der Mann ließ ihn gewähren – und zog dabei wie beiläufig die zweischneidige Axt aus dem Holzfußboden. Darunter schien ein Keller zu sein, denn das Blut des geköpften Wirtes bildete keine große Lache, sondern floss einem Sturzbach gleich in den darunter gelegenen Raum. Langsam ließ der Mann die Klinge sinken und wagte einen raschen Blick durch den Raum. An der Rückwand lagen zwei blutüberströmte Körper aufeinander. Der Ork hatte bemerkt, wohin der Blick des Mannes gewandert war.

»Es war ein Hinterhalt, draußen liegt noch ein Weiterer. Kein schöner Anblick.«

Bei dem Gedanken was so eine Axt mit einem Lebewesen anzurichten vermochte, schauderte es Gerome kurz. Und er ärgerte sich darüber, kannte er doch Tod in fast all seinen Ausprägungen, ihn sollte das wirklich kalt lassen. Im Schankraum wurde es Laut. Stühle und Tische wurden umgeworfen. Die anderen Gäste verließen fluchtartig das Haus. Sollten sie doch. Sie waren alle ohne Bedeutung. Gerome deutete auf die riesige Axt in den Pranken des Ork.

»Hattet ihr vor auch mir damit den Schädel zu spalten, wenn ich als erster diesen Raum betreten hätte?«

Der Ork tat übertrieben überrascht, ging aber sonst nicht weiter auf die Frage ein. Im Schatten sah er mit seinem Pelzüberwurf fast wie ein Bär aus. Er redete langsam und mit bedacht, als müsse er sich an jedes Wort einzeln erinnern.

»Man hat euch erwartet, Meister Gerome. Und mich auch.«

Während er sprach hatten seine Augen warnend aufgeblitzt und er hatte vorsichtig die Axt erhoben um zu einem mächtigen Schlag anzusetzen. Auch Gerome hatte es bemerkt. Der Vorhang hatte sich bewegt, jemand stand direkt dahinter und versuchte unbemerkt durch einen Spalt zu sehen. Bevor der Ork den Schlag ausführen konnte – dieser hätte den Kerl hinter dem Vorhang zweifelsohne in zwei Hälften geteilt –, hob er die Hand und riss den Vorhang herunter. Sie blickten in ein kreidebleiches Gesicht. Gerome erkannte den mittellosen Barden wieder, der offenbar nicht wie die anderen geflohen war. Nun würde er keine Gelegenheit mehr dazu haben. Er versuchte es zwar, aber der Ork erreichte ihn mit einem gewaltigen Satz und riss den Jungen zu Boden bevor dieser auch nur zwei Schritte tun konnte. Die schnelle Reaktion des Ork überraschte sogar Gerome. Überraschungen waren nicht gut in seinem Geschäft – und nicht gut für seine Laune. Das war wirklich kein guter Tag. Nicht für ihn, noch weniger für die drei toten Halunken, den Wirt und auch nicht für den Burschen, der nun flach mit dem Gesicht nach unten auf den Boden gedrückt wurde.

»Neugier kann tödlich sein, mein Freund.«

Lässig schlenderte Gerome in den anderen Raum und beugte sich zu dem Gesicht des Jungen herab. Er war sich nicht sicher, ob der Schlag den Jungen nicht zu sehr benebelt hatte und dieser seine Worte überhaupt verstehen konnte. Der Junge brachte trotz des massigen Knies in seinem Nacken so etwas wie ein Nicken zustande. Gerome fiel nichts ein, was er diesen Burschen hätte fragen sollen. Der Ork erhob sich und ging in den Nebenraum, wo er seine Axt hatte fallen lassen. Aus den Augen sprach die pure Mordlust.


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Wärme durchströmte zum ersten Mal an diesem Tag Geromes Glieder und ließ die Strapazen der letzten Stunden vergessen. Ein zweiter Schwall heißen Wassers wurde über ihn gegossen und erfüllte die ganze Kammer mit dichtem weißen Nebel. Nachdem er sauber und entspannt war richtete er seine Aufmerksamkeit auf das Mädchen, das ihm das heiße Wasser gebracht hatte. Durch den Wasserdampf hindurch hörte er den Ork lautstark nach mehr verlangen. Die Stimme hatte sich verändert. Es klang jetzt nicht mehr so, als würde der Ork beim reden gleichzeitig auf einem Holzstück herumkauen.

»Warum wolltet ihr eigentlich nicht durch das Osttor, Gerome?«

Er schien keine Antwort zu erwarten. Er hakte jedenfalls nicht noch einmal nach als Gerome nicht reagierte und lange Zeit sprachen sie kein Wort miteinander. Es gab jetzt besseres zu tun. Später, als die beiden Mädchen ihre Kleider gerichtet hatten und nach unten eilten um noch Wein zu holen hatten sie etwas Zeit, ungestört ein paar Worte zu wechseln.

 »Die Sache wird zu heiß, Gerome. Sie beginnen Verdacht zu schöpfen. Und dann die Sache von vorhin.«

Der Ork hatte sich verändert. Die grüne Farbe war abgewaschen worden und die gewaltigen Hauer lagen auf einem Schemel neben den anderen Kleidungsstücken.

»Das muss nichts bedeuten, mein Freund. Der Torfstecher war schon zu lange ein bekannter Treffpunkt. Es war reiner Zufall, dass sie uns heute aufgelauert haben.«

»Es waren aber keine Gardisten, Gerome, ihre einzige Loyalität galt ihrer Goldbörse.«

»Wer sollte die Söldner auf uns – oder auf einen von uns – angesetzt haben, auf ein Gildenmitglied?«

»Ich werde nach dieser Nacht nicht wieder zur Bande gehen. Soll ein anderer sie ausspähen. Ich steige jedenfalls aus.«

Gerome sprang plötzlich auf und schrie beinahe.

»Wie kannst du es wagen, du Bastard? Wir haben dir das Leben gerettet, haben dich aufgenommen als du keine Bleibe hattest und haben dir alles beigebracht, was du weißt. Du schuldest uns mehr als nur Dankbarkeit. Dein Leben gehört uns.«

An diesem Tag hatte er schon zu viele Fehler begangen. Sein letzter war gewesen, sein Rapier nicht mitgenommen zu haben, als er das Mädchen aufs Bett geworfen hatte. Die Waffe stand außerhalb seiner Reichweite an die Wanne gelehnt. Der ehemalige Ork hatte dies wohl bemerkt und holte mit breitem Grinsen den Dolch auf dem er gesessen hatte hervor.

»Wage es ja nicht, Gerome. Meine Dankbarkeit hat ihre Grenzen, wenn du jetzt aufstehst ist es um dich geschehen. Ich habe vor dir schon Anderen im Namen der Gilde gedient. Seit mehr als einer Menschengeneration erledige ich eure Schmutzarbeit. Ich bin es leid immer von euch kurzlebigen Bastarden herumkommandiert zu werden. Ihr denkt, weil mein Volk unsterblich ist, bedeutet uns der Tod nichts. Wie falsch ihr doch liegt. Wir achten das Leben mehr als ihr und verschwenden es nicht allenthalben. Ich schulde der Gilde überhaupt nichts.«

Gerome ließ sich wieder auf den Schemel sinken. Vorhin hatte er sich noch von der Gewandtheit seines Gegenübers überzeugen können. Er würde seine Waffe wahrscheinlich nicht lebend erreichen können. Verfluchter Tag.

»Ich werde fortgehen, Gerome. Wage es nicht mich verfolgen zu lassen. Genieße lieber die wenigen Jahre, die deine Lebensspanne noch währt und vergiss mich.«

Auf dem Flur kamen die beiden Mädchen leise kichernd mit dem Wein zurück. Als sie das Zimmer der beiden gut zahlenden Gäste betraten, fanden sie einen von ihnen ans Bett gefesselt vor, von dem anderen mit den breiten Schultern fehlte jede Spur. Die Gelegenheit beim Schopfe packend griffen sie sich die pralle Geldbörse, Kleidung und die kostbare Waffe des Mannes und ließen diesen laut schimpfend im Zimmer zurück.
Kurz darauf ließ der Herbergsvater, von dem Geschrei alarmiert, den nur mit einem Hemd bekleideten Gast auf dem für mittellose Kunden üblichen Wege auf einen schmutzigen Hinterhof befördern. Die Rausschmeißer achteten darauf, dass er mit dem Gesicht voran hohem Bogen mitten in einer Pfütze landete, bevor sie die schwere Hintertür lachend von innen verriegelten.


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Ein guter Tag. Ein guter Tag um endgültig zu verschwinden. Und um auf dem glatten Schieferdach auszurutschen und sich bei dem Sturz auf die Straße dort unten den Hals zu brechen. Die schwere Axt hatte den Kletternden fast das Gleichgewicht gekostet. Etwas unbeholfen landete er auf dem nächsten, tiefergelegenen Dach, von wo aus er sich in den nächsten Hinterhof hinab lassen konnte. Außer dem dicken Bärenfell und der reichlich mit Stammessymbolen verzierten zweischneidigen Axt erinnerte nichts mehr an den Ork, für den er sich die letzten Wochen ausgegeben hatte. Vorbei die Schmerzen, die das künstliche Gebiss seinem Kiefer zugefügt hatte. Keine Binde mehr, um die für einen Ork zu schief stehenden Augen zu tarnen. In hohem Bogen landeten die falschen Hauer in der Gosse, wo die schweren Stiefel so lange darauf herumtrampelten, bis nur noch grober Staub übrig war. Der dicke Fellüberwurf war bei diesem Regen sehr praktisch, ihn würde er vorerst noch behalten.

Die letzten Tage waren nur von dem Gedanken beseelt, der Gilde den Rücken zu kehren. Eine solche Gelegenheit würde nicht so schnell wiederkehren. Nun war sein Kopf wie leer gefegt. Welchen Namen sollte er nun annehmen? Er hatte in den Jahren so oft die Namen gewechselt. Nur die schwarze Feder in seinem Haar und an den liebgewordenen Waffen war geblieben. Sie hatten ihn des Öfteren morn’gwess – Schwarze Feder genannt, es war so etwas wie sein Stammesname geworden. In der Stadt brauchte er schnell noch einen anderen Namen. Die Gefahr war keineswegs gebannt. Diese Freiheit war nur eine Illusion. Sie würden bereits heute Nacht die Jagd auf ihn eröffnen. Er hatte selbst oft Abtrünnige gejagt und wusste nur zu gut was mit ihnen zu geschah. Verflucht, dieser Gerome würde nur seinen verletzten Stolz sehen, nicht die langen Jahre der Loyalität.

Die Stadtwachen widmeten sich diese Nacht nicht wie so oft dem Würfelspiel sondern drehten ihre Runden auf der äußeren Mauer. Schuld daran war das Feuer vor den Toren der Stadt. Gerome hatte darauf bestanden alle Beweise zu verbrennen. Von der Straße unter war es unmöglich zu sagen, ob der Torfstecher immer noch brannte. In den nächsten Stunden würde es keinem Flüchtling gelingen unbemerkt die Mauer mit einem Seil zu überwinden. Das Beste wäre es wohl in einer Taverne bei einem Krug Bier den Morgen abzuwarten, dann würden die Stadttore wieder geöffnet werden. Ein einsamer Wanderer war in dieser Gegend auch in den frühen Tagesstunden nichts Ungewöhnliches.
Laut und voll war es in der Taverne. Dennoch gelang es dem Namenlosen eine kleine Seitennische für sich zu gewinnen, hier war es erträglicher. Kurz darauf dampfte ihm aus einem gewaltigen Krug heißer Met entgegen und ein Mädchen hatte es sich auf seinem Schoß bequem gemacht und fütterte ihn mit Weintrauben und Käse. Diese Nacht würde schnell zu Ende sein.

Es waren zwei. Sie durchstreiften den Raum und suchten wohl jemanden. Der Namenlose drehte das Mädchen so, dass sie sein Gesicht verbarg. Sie kicherte und verstand die Situation offensichtlich falsch, verstand sich aber darauf sie sehr angenehm auszunutzen. Wenn er sie täuschen konnte, würde es auch bei den beiden Kerlen Erfolg zeigen? Doch die Beiden suchten nicht ihn sondern steuerten auf einen Mann auf der anderen Seite des Raumes zu. Er schob den Kopf des Mädchens ein wenig beiseite, um einen besseren Blick auf das Geschehen zu erhaschen. Sie schmollte beleidigt und rückte von ihm fort, doch er achtete nur noch auf den Mann, denen sich die beiden Fremden nun nährten.

Der Namenlose kannte diesen Mann. Er hatte ihn früher am Abend schon einmal gesehen, draußen im Geselligen Torfstecher. Es war der junge Sänger. Gerome und er hatten sich einen Spaß daraus gemacht, diesem Jungen einen gehörigen Schrecken einzujagen. Schließlich hatten sie ihn laufen lassen nachdem er seine Hose nass gemacht hatte. Davon war jetzt nichts mehr zu sehen. Er hatte sogar seine Laute bei sich. Der Namenlose war sich sicher gewesen, dass dieser Bursche sie vorhin auf seiner Flucht nichts dabei hatte. Und wie war er Nachts in die Stadt gelangt? Es hatte einer geheimen Parole und etwas Magie bedurft, damit Gerome die Stadtmauern überwinden konnte. Womöglich war dieser Junge nicht zufällig dort draußen gewesen.

Die drei Männer hatten sich erhoben und drängten zum Ausgang. Der Namenlose lehrte den Humpen in einem Zug – wäre doch Schade dieses Gesöff verkommen zu lassen – und beeilte sich den dreien zu folgen. Das Mädchen schickte ihm allerlei Verwünschungen mit auf den Weg.
Der Regen hatte noch nicht nachgelassen. Von Zeit zu Zeit zuckte ein Blitz über den schwarzen Nachthimmel und tauchte die Straße für Augenblicke in ein unheimliches Licht. Es steigerte die Gefahr entdeckt zu werden. In sicherem Abstand folgte der Namenlose den drei Männern. Noch bevor sie ihr Ziel erreichten, dämmerte es ihm bereits, wohin sie gingen. Es war das Etablissement, in dem er zuvor Gerome zurück gelassen hatte. Das konnte kein Zufall sein. Die drei gingen um das Haus herum in einen der Hinterhöfe. Könnte man doch nur verstehen, was sie sagen.

Gerome kniete nur mit seinem Hemd bekleidet in einem Torbogen, umzingelt von mehreren Männern. Bis auf den Barden hatte der Namenlose noch keinen von ihnen je gesehen. Sie schienen Gerome auszufragen. Gelegentlich schlug ihn einer der Männer mit der Faust oder der stumpfen Seite seines Schwertes. Wenn die Söldner, die der Namenlose vorhin erschlagen hatte – und es deutete vieles darauf hin –, zu diesen Männern gehörten, würde das Verhör für Gerome tödlich enden.

Der Namenlose ließ die Axt sinken und lehnte sich schnaufend gegen die nächste Wand. Das wäre die Lösung all seiner Probleme. Die Gilde würde nie Geromes Bericht erhalten und Jagd auf ihn machen. Alle würden glauben, es hätte ihn im Torfstecher erwischt. Das Feuer hatte alle Beweise vernichtet – das Haus war förmlich explodiert, als die Flammen den Keller mit reichlich Hochprozentigem erreicht hatten. In Gedanken pries er noch einmal Gerome, dass dieser darauf bestanden hätte das Feuer zu legen.

Er schulterte die Axt und wandte sich um, bereit zu gehen. Gerome stöhnte hinter ihm. Sie hatten aufgehört ihm Fragen zu stellen und Gerome einen Knebel verpasst. Es ging also zu Ende. Das Stöhnen wurde leiser, je weiter er sich entfernte. Jedem das, was er verdient – ein schnelles und schmerzloses Ende war Gerome nicht vergönnt. Das Ende eines Tages, der schon mies begonnen hatte.


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Der Barde hatte alles erfahren, was es zu erfahren gab. Seine Leute hatten sich für ihre toten Kameraden gerächt und nun war es an der Zeit die Sache zu beenden. Er gab einem der Männer einen Wink. Der Mann nickte nur kurz und setzte seinen Dolch an die Kehle des Häufchen Elends, das einmal Gerome gewesen war. Er konnte den Schnitt nicht vollenden, denn ein Speer durchschlug den Kopf des Mannes und die Wucht schleuderte ihn einige Schritte nach rechts. Gerome war zu benommen um zu begreifen, was um ihn herum geschah. Ein weiterer Speer kam aus der Dunkelheit geflogen und traf einen weiteren Söldner in die Kehle bevor dieser Reagieren konnten. Einer der Männer sprang mit gezücktem Schwert in die Dunkelheit nur um einen Liedschlag später von der mächtigen Axt getroffen zurück zu taumeln. Die Anderen suchten ihr Heil in der Flucht.

Laut fluchend trat der Namenlose aus der Dunkelheit auf Gerome zu.

»Verdammt, ich war schon so gut wie weg. In den Armen einen Hure, irgendwo, nur nicht hier. Nicht bei dir.«

Gerome versuchte sich aufzusetzen, er hatte wenig von dem mitbekommen, was gerade geschehen war. Durch seine zugeschwollenen Augen sah er, wie sich eine massige Gestalt über ihn beugte, den Knebel entfernte und seine Lippen mit etwas beträufelten. Es brannte fürchterlich in seiner Kehle, betäubte aber den Schmerz.

»Ich habe dir gerade den Hintern gerettet, Geronimo. Wir sind quitt. Mögen sich unsere Wege nie wieder kreuzen.«

Gerome war noch zu schwach um zu antworten. Er sah seinem Retter nach, bis dieser in der Dunkelheit verschwunden war.


----- EPILOG -----


»Den Göttern sei Dank. Wenn ihr nicht gekommen wärt, hätte mich dieser Grobian womöglich ...«

»Belastet euren schönen Kopf nicht mit solch’ düsteren Gedanken, schöne Maid. Es war mir eine Ehre euch gerettet zu haben. Lasst uns lieber schnell weitergehen.«

»Nicht so schüchtern. Kommt näher, mein Retter. Wie kann sich ein armes Mädchen bei euch erkenntlich zeigen?«

»Macht einfach weiter mit dem, was ihr gerade tut.«

»Wie ist dein Name, mein Held?«

»Nennt mich wie ihr wollt, ich bin euer Diener.«

»Du redest wie ein feiner Geck. Ich werde dich Vincentio nennen. So hieß einst ein ...«

»Nein, sagt es mir nicht. Von euren süßen Lippen ist mir jeder Name recht.«
It's ok, I'm a Bard.

Ashen-Shugar

  • Mitglied
Vincentio (schwarze Feder)
« Antwort #1 am: 11. November 2003, 00:07:37 »
 Sehr gut, hat mich gefesselt, die Geschichte :)
Oi, was für ein Pudel ist das

Vincentio (schwarze Feder)
« Antwort #2 am: 11. November 2003, 13:36:18 »
 Ja wirklich. Hat mir sehr gut gefallen.

Shadow Moses

  • Gast
Vincentio (schwarze Feder)
« Antwort #3 am: 11. November 2003, 18:47:15 »
 Ich muss mich anschließen, sehr gut und fesselnd diese Geschichte.

Cyrell

  • Mitglied
Vincentio (schwarze Feder)
« Antwort #4 am: 11. November 2003, 19:05:29 »
 Schön spannend. Genau nach meinem Geschmack. :)
Wirklich super.
If all you have is a crowbar, everything looks like a face.

Alaak

  • Mitglied
    • http://www.dnd-gate.de
Vincentio (schwarze Feder)
« Antwort #5 am: 16. November 2003, 15:29:19 »
 Kriegen wir davon ne Fortsetzung. Irgendwie würde es mich u.a. interessieren was mit dem Namenlosen passiert und ob Gerome ihn verrät.  
Was ist das für eine Gilde und zu wem gehört eigentlich der Barde und dessen Männer. ;)
Ich mag D&D 4 und bin stolz drauf. :P

Chem Frey

  • Mitglied
Vincentio (schwarze Feder)
« Antwort #6 am: 18. November 2003, 10:49:56 »
 
Zitat von: "Alaak"
Kriegen wir davon ne Fortsetzung.
Nun, es handelt sich um eine Hintergrundgeschichte zu einem meiner Charaktere. Wie es weiter geht, liegt dann immer beim Spielleiter... aber es ging noch ein wenig weiter... http://www.dnd-gate.de/gate2/media/forum/myforum.php?url=http://www.dnd-gate.de/gate2/de/forum/Forum.html&f=38&t=43319' target='_blank'>(alte) Story hour
Zitat
Irgendwie würde es mich u.a. interessieren was mit dem Namenlosen passiert und ob Gerome ihn verrät. 
Was ist das für eine Gilde und zu wem gehört eigentlich der Barde und dessen Männer.
Dem Spielleiter steht es frei, solche Charaktere dann später auch tatsächlich in die Kampagne einzubauen. Ich versuche es immer, wenn ich leite auch solche Bezüge zur Hintergrundstory einfließen zu lassen - das geht natürlich nicht mit jeder Story.

 
It's ok, I'm a Bard.

Calivar

  • Mitglied
Vincentio (schwarze Feder)
« Antwort #7 am: 18. November 2003, 12:19:08 »
 Tja, da der Cali der betreffende SL ist...im Augenblick sieht es etwas schlecht aus. Was allerdings weniger mit mir zu tun hat, als mit der Tatsache, das wir schon die anderen Runden sehr selten spielen.

Wenn allerdings alle mich lieb fragen... kann es mit meiner Power-Kampagne auch weitergehen... ;)  

Scurlock

  • Mitglied
Vincentio (schwarze Feder)
« Antwort #8 am: 18. November 2003, 13:02:18 »
 Lieb frag!   :rolleyes:  
And now the rains weep o'er his hall and not a soul to hear...

Calivar

  • Mitglied
Vincentio (schwarze Feder)
« Antwort #9 am: 18. November 2003, 14:42:56 »
 @Scurlock & Chem Frey:
(Chem ich nutze mal deinen Thread aus ;) )

Können wir mal in der Runde am Samstag klären - von meiner Seite gibt es da keine Einwände. Habe mal wieder meine Aufzeichnungen durchforstet und festgestellt was für bösartige Ideen ich doch manchmal haben kann... :akuma:  

Scurlock

  • Mitglied
Vincentio (schwarze Feder)
« Antwort #10 am: 18. November 2003, 15:02:32 »
 Krieg ich dann endlich auch meine magische Stachelkette +4?  :D  
And now the rains weep o'er his hall and not a soul to hear...

Calivar

  • Mitglied
Vincentio (schwarze Feder)
« Antwort #11 am: 18. November 2003, 15:16:18 »
 Klar - musst Du nur dem Drow-Waffenmeister abnehmen oder ihn lieb' fragen :D  

Scurlock

  • Mitglied
Vincentio (schwarze Feder)
« Antwort #12 am: 18. November 2003, 15:40:02 »
 @Drowwaffenmeister
Lieb frag!  :D  
And now the rains weep o'er his hall and not a soul to hear...

Chem Frey

  • Mitglied
Vincentio (schwarze Feder)
« Antwort #13 am: 18. November 2003, 16:23:46 »
 Möge Vincentio's große Axt dem Drowwaffenmeister den Kopf spalten - und allen Off-Topic Banausen noch dazu. <_<  
It's ok, I'm a Bard.