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Autor Thema: Stadt in Ketten 4: Das ENDE! (Spieglein, Spieglein... 04/03)  (Gelesen 22436 mal)

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dude

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Stadt in Ketten 4: Das ENDE! (Spieglein, Spieglein... 04/03)
« Antwort #30 am: 21. Oktober 2005, 13:06:11 »
 aha!!!
diese glaubenskrise von thargard ist bei mir irgendwie untergegangen... hab da eher nur die sinnkrise von ihm gesehen, aber das hängt ja in fr stark zusammen...

bin ich ja mal gespannt, wie hoar versuchen wird thargard "umzustimmen"... eine gewisse vorstellung davon schleicht sich mir schon irgndwie in den kopf  :D  

Berandor

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Stadt in Ketten 4: Das ENDE! (Spieglein, Spieglein... 04/03)
« Antwort #31 am: 21. Oktober 2005, 13:20:19 »
 Ich habe einfach nur die Gelegenheit genutzt, den SC ein paar mehr Schwierigkeiten zu machen. Sonst wäre es etwas zu leicht, finde ich.

Im Nächsten Update erfährt man dann, wie ich ihre Verbündeten ausdünne :D
Bitte schickt mir keine PMs hier, sondern kontaktiert mich, wenn nötig, über meine Homepage

dude

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Stadt in Ketten 4: Das ENDE! (Spieglein, Spieglein... 04/03)
« Antwort #32 am: 21. Oktober 2005, 13:29:22 »
 hört sich sehr spaßig an!
hoffe mal, das es nicht mehr all zu lange auf sich warten läßt... was macht man den sonst am wochenende, als berandors sh zu lesen...  ;)  

Berandor

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Stadt in Ketten 4: Das ENDE! (Spieglein, Spieglein... 04/03)
« Antwort #33 am: 21. Oktober 2005, 14:21:13 »
Zitat von: "dude"
hört sich sehr spaßig an!
hoffe mal, das es nicht mehr all zu lange auf sich warten läßt... was macht man den sonst am wochenende, als berandors sh zu lesen...  ;)
Berandors SH schreiben :)
Bitte schickt mir keine PMs hier, sondern kontaktiert mich, wenn nötig, über meine Homepage

Kylearan

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Stadt in Ketten 4: Das ENDE! (Spieglein, Spieglein... 04/03)
« Antwort #34 am: 21. Oktober 2005, 15:57:42 »
Zitat von: "Berandor"
Im Nächsten Update erfährt man dann, wie ich ihre Verbündeten ausdünne :D
Wieso ausdünnen? Ich kann mich noch an viele potentielle neue Verbündete erinnern... Mächtige Verbündete... Oder so.

Kylearan
"When the going gets tough, the bard goes drinking."

Thargad

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Stadt in Ketten 4: Das ENDE! (Spieglein, Spieglein... 04/03)
« Antwort #35 am: 21. Oktober 2005, 16:33:11 »
 
Zitat von: "Berandor"
Im Nächsten Update erfährt man dann, wie ich ihre Verbündeten ausdünne :D
Davon haben wir eh viel zu viele. Ich kann mir auch die ganzen Namen der Heerscharen mächtiger Verbündeter nicht mehr merken. Es wird Zeit, daß das endlich wieder etwas übersichtlicher wird. Außerdem sollen unsere Feinde ja auch zumindest die Spur einer Chance bekommen. Ich meine, ein Fleischklops mit Augen, ein Clown und eine Drei-Augen-Mutante sind ja schon für uns alleine keine echte Herausforderung. Da bleibt für irgendwelche Verbündeten eh nix mehr übrig.

Hedian

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Stadt in Ketten 4: Das ENDE! (Spieglein, Spieglein... 04/03)
« Antwort #36 am: 22. Oktober 2005, 02:47:03 »
 Ich sollte öfters ein paar Wochen ohne Internet mein Dasein fristen, danach darf man sich nämlich mit ganz viel Stadt in Ketten vergnügen. Toll wenn man so richtig mit den Charakteren mitfiebern kann. B-)  

Askael

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Stadt in Ketten 4: Das ENDE! (Spieglein, Spieglein... 04/03)
« Antwort #37 am: 22. Oktober 2005, 23:21:23 »
 Sehr schön!
Das Lesen ist von einem auf das andere Mal ein Genuß  :)
Besonders die kursive Stelle mit Hoar hat mir sehr gefallen
Pünktlichkeit ist der Dieb der Zeit

Berandor

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Stadt in Ketten 4: Das ENDE! (Spieglein, Spieglein... 04/03)
« Antwort #38 am: 27. Oktober 2005, 20:04:25 »
 Wer auf Kommentare wartet, schickt mir bitte eine PM, damit ich sozusagen eine Liste habe (Levold bitte auch noch mal). Ich bin im Moment recht gestresst.

Ich versuche gerade, den Rest der SH rauszukloppen, so gut es geht - wird spielen ja am Samstag wieder.
Bitte schickt mir keine PMs hier, sondern kontaktiert mich, wenn nötig, über meine Homepage

Berandor

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Stadt in Ketten 4: Das ENDE! (Spieglein, Spieglein... 04/03)
« Antwort #39 am: 27. Oktober 2005, 22:46:43 »
 Ich habe ein paar Sachen vergessen, also bitte ich meine Spieler, Ungenauigkeiten zu entschuldigen und mich darauf hinzuweisen. Danke!

Zeitvertreib

Die Kettenbrecher hatten sich getrennt, jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend und anderen Vorhaben folgend. Dirim suchte Skies Schatzkammer auf. Die gnomische Hexenmeisterin begrüßte ihn - nach kurzem Zögern - mit Namen, und ließ sich dann von dem Zwerg die neuesten Abenteuer berichten. Anschließend kam Dirim auf den Grund seines Besuches zu sprechen. Er entrollte aus einem Bündel die Rüstung von Triel Elduras und legte sie vor Skie auf den Tisch.

»Dies ist der Plattenpanzer von Triel Eldurast. Einst war sie Mitglied der Stadtwache, doch ihr Weg führte sie ins Herz der Finsternis. Von dort kehrte sie verändert zurück und, als man ihre Machenschaften aufdeckte, floh sie aus Cauldron - nicht ohne mehrere Wachleute zu töten. Und sie schwor Rache. Ihr Plan, die Stadt in den Fluten des Herbsregens untergehen zu lassen, wurde von uns nur mit Mühe vereitelt.«

Skie zeigte sich beeindruckt, aber sie bat sich etwas Zeit aus, um die Rüstung prüfen zu dürfen.

»Ich bin mir aber sicher, dass ich jemanden finde, der sich dieses Ding als Trophäe hinstellen will«, versicherte sie.

»Ich bräuchte aber auch noch etwas«, sagte Dirim. »Habt ihr einen magischen Rucksack?«

Skie lächelte. »Ich habe genau das Richtige.« Sie ging zu einem Schaukasten und entnahm ihm einen Rucksack aus rotem Leder. In den rechten Schultergurt war ein achtzackiger Stern eingearbeitet. »Vor ein paar Jahren kam ein junger Kerl hier rein und wollte eine Schriftrolle. Ich habe sie ihm natürlich gerne verkauft, aber während der ganzen Zeit hat er sich umgesehen, als wollte er eigentlich etwas anderes. Als ich am nächsten Morgen in den Laden kam, fand ich ihn tot vor einem meiner Schaukästen. Die Wache entschied sich auf Anraten Fürst Valanthrus, mir die Besitztümer des Mannes zu überschreiben.«

»Und was wollte er?«

»Das werde ich wohl nie rausfinden. Er lag vor dem Kasten mit den Ringen, aber ich habe sie alle getestet - keiner der Ringe hat zusätzliche Kräfte.«

»Was ist mit dem Symbol?«

»Ich habe vergeblich versucht, seine Bedeutung zu entschlüsseln. Vielleicht gelingt es ja euch.« Skie grinste.

»Und woran ist der Kerl gestorben?«

»Es ist nunmal gefährlich, nachts in fremde Fenster zu steigen. Also, wie siehts aus?«

»Ich nehme ihn«, entschloss sich Dirim. »Was haltet ihr eigentlich von den neuen Wachen?«

»Ach wisst ihr, sie kaufen hier nicht ein. Ansonsten finde ich, sehen sie schon ziemlich rabiat aus - aber wenn sie die Stadt sauber halten, ist es  doch gut. Schade ist, dass die MGA bei Vortimax bestellt und nicht hierher kommt, auch wenn ich das irgendwie verstehen kann. Aber was sagt ihr denn zu der Verlobung?«

»Verlobung?«

»Bei den Sturmklingen. Ich dachte, ihr hättet es schon gehört. Zacharias Aslaxin - der jüngere - und Corah Lathenmire haben sich verlobt. Sie wollen nächstes Jahr am Schildtreff heiraten.«

»Wirklich?«

»Es heißt, der alte Aslaxin wäre ziemlich sauer gewesen - schließlich ist Corah nicht adelig. Ist doch schön, dass sich da die Liebe durchsetzt.«

»Ja«, sagte Dirim und dachte daran, wie sehr Zacharias während des Flutfestes auf einen Kuss von Annah Taskerhill aus gewesen war. »Sehr schön.«

»Sie wollen sich im Azuthtempel trauen lassen. Das hat den Unkenrufen schnell Abbruch getan.«

»Unkenrufen?«

»Ach herrje, ihr habt auch gar nichts mitbekommen. Jemand hat den Kopf eines Halbelfen auf einen der Gargylen gesetzt, die auf dem Tempel hocken. Und das am Tag vor Embril Aloustinais Rückkehr. Gab ganz schönen Aufruhr.«

»Das glaube ich.«

Skie und Dirim unterhielten sich noch ein wenig, dann verabschiedete sich der Zwerg. Im Tempel erwartete ihn eine Nachricht von Celeste. Sie wollte die Silberaxt noch, hatte ihr Angebot aber wieder auf fünfhundert Platinkelche reduziert.

-

Währenddessen war Thargad zu Vortimax Weer gegangen, um Helions Einkaufsliste abzuklappern. Der hagere Magier war gerade mitten in einem Experiment und hatte nur wenig Zeit und Geduld für den Kettenbrecher - und natürlich schlug er auf die Preise noch etwas drauf.

Danach führte es den Schurken zum Azuthtempel. Helion benötigte einige Schriftrollen und hatte Thargad das Zauberbuch des Spinnenmagiers Skaven als Tauschobjekt gegeben. Tatsächlich gelang es Thargad, noch eine Schriftrolle für ihn selbst herauszuholen, damit Helion ihm ein Paar Geschicklichkeitsarmreifen anfertigen konnte.

-

Dirim wiederum wurde im Stadthaus vorstellig.

»Ich möchte gerne ein Schiedsgericht eröffnen«, sagte er.

»Im Augenblick geht das nicht«, gab der Bedienstete zurück.

-

Am Abend fand sich Dirim noch einmal im Höchsten Sonnenstrahl ein, um die Silberaxt zu verkaufen. Man führte ihn in ein geräumiges und warmes Zimmer mit einem großen Ebenholzschreibtisch. Dahinter saß Celeste. Sie trug ein Kleid aus nachtblauem Tuch, silbern abgesetzt, von dem sich der schwere Geldbeutel aus goldenem Fell, der auf dem Tisch vor ihr lag, prächtig absetzte. Ihr Haar hatte sie mit einer silbernen Spange in Form eines Halbmonds gebunden.

»Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben«, sagte sie. »Kann ich die Axt haben?«

Boras hatte sich im Tempel von der Waffe verabschiedet. »Machs gut«, hatte er gesagt. »Und sei mir nicht böse.« Nun legte Dirim die Axt auf Celestes Schreibtisch und nahm dafür den Beutel entgegen.

»Ihr wisst: Wenn ihr Hilfe braucht, sind wir für Euch da.« Celeste bedankte sich noch einmal. Dann wünschte sie den Kettenbrechern Glück.

»Wenn ich kann, werde ich euch helfen«, sagte sie. »Ehrlich.«

Als sie ihn aus treuherzigen Augen ansah, wurde es Dirim warm ums Herz. Er wünschte sich aus ganzem Herzen, ihr zu glauben, ihr zu vertrauen. Doch es ging nicht. Nicht, solange er sie nicht vor dem Betrachter schützen konnte.

-

Thargad war zu später Stunde ebenfalls noch unterwegs. Er lauerte vor dem ummauerten Bereich der Stadtwache, sicher im Schatten verborgen, und wartete auf einen Mann, grobschlächtig, vielleicht noch mit den Nachwehen einer Schulterverletzung, wo Annas Bolzen ihn getroffen hatte. Er wartete auf den Anführer der Schlägerbande, die im Dienste des Letzten Lachens den Laienpriester Ruphus Laro vor einigen Monden überfallen hatte.

Es war schon die zweite Nacht, die Thargad auf der Lauer lag, aber wieder war er erfolglos. Er sah den Wächter nicht, oder erkannte ihn nicht. Aber das war nicht wichtig. Er würde wiederkommen, Morgen. Und Übermorgen. Irgendwann würde er schon auftauchen.

-

»Ihr verlasst die Stadt?« Thamior war verblüfft. »Hier kennt man Euch; hier seid ihr sicher...«

»Aber die Stadt ist nicht meine Welt«, gab Shensen zurück. Sie standen in dem kleinen Wäldchen am Rande des Schwefelsees. Es war früh am Morgen, und gelblicher Nebel wickelte sich um ihre Beine. Annahs Falke hockte auf einem niedrigen Ast und stieß einen Ruf aus.

Thamior betrachtete die Halbdrow misstrauisch. Sie trug eine Adlerfeder im Haar, aber das war der geringste Makel. Wenn er ihre ebenholzfarbene Haut, ihr silberweißes Haar sah, dann wurde ihm ganz anders. Der jahrhundertealte Hass auf Dunkelelfen bahnte sich seinen Weg, und zum wiederholten Male fragte er sich, wie jemand wie Shensen existieren konnte. Eine Drow würde sich niemals von einem Nichtdrow schwängern lassen, und die meisten Opfer von Oberflächenraubzügen würden niemals die Frucht der Grausamkeit in sich wachsen lassen. Natürlich wusste er von Dambrath, einer Nation im Osten, wo Halbdunkelelfen herrschten und regierten - aber das tat seinem Unmut keinen Abbruch. Die Halbdrow aus Dambrath pflegten die Kultur ihrer Vorfahren und standen den Drow in Grausamkeit in Nichts nach. Und hier sollte er einer dieser Missgeburten vertrauen. Unmöglich.

»Eigentlich seid ihr doch froh, dass ich gehe«, sagte Shensen und las Thamiors Gedanken. »Also was stellt ihr euch so an?«

»Wenn ihr weg wollt - warum seid ihr bislang geblieben?« Thamior verstand das alles nicht. Er würde sich nicht an einem Ort aufhalten, an dem er nicht sein wollte. Er würde einfach gehen.

»Ich hatte Verpflichtungen - eine Verpflichtung, um genau zu sein.« Sie deutete auf den Falken. »Ich habe zugesagt, auf das Tier acht zu geben. Ihr habt mich von dieser Pflicht befreit.«

Das wiederum verstand Thamior gut. Während des letzten Zehntags hatte er lange und oft im Wald meditiert - eigentlich immer, wenn er nicht an dem Bogen aus Drachenrippe gearbeitet hatte. Die Schnitzarbeiten waren aber ebenso langsam voran gegangen wie seine Gedanken, und schließlich hatte er festgestellt, dass etwas fehlte. Ein Teil von ihm, den Annas Tod heraus gerissen hatte. Er würde die Lücke nicht füllen können - aber vielleicht kitten. Thamior hatte gespürt, dass ein Leben für sich allein nicht ausreichte, zumindest im Moment nicht. Darum war er in die Stadt zurück gekommen und hatte Shensen um den Falken gebeten, der einst seiner Tochter Anna gehört hatte. Zu ihm wollte er eine erste Bindung aufbauen oder besser: die bestehende verstärken. Und danach? Würde man sehen.

Jedenfalls hatte er sich auf ein Streitgespräch mit Shensen eingerichtet, sich sogar auf einen Kampf vorbereitet - und die Halbdrow war erfreut gewesen.

»Wo werdet ihr hingehen?«, hörte sich Thamior sagen. Er war überrascht, dass es ihn interessierte.

»Warum? Damit ihr wisst, ob ich eine Gefahr darstelle oder wo ihr mich aufspüren könnt?« Shensens Lachen nahm ihren Worten die Spitze - zumindest teilweise. »Der Glückliche Affe wird wieder betrieben. Dort ist meine Heimat, dort gehöre ich hin.«

»Ich wünsche Euch Glück«, sagte Thamior. Jetzt sah Shensen ihn misstrauisch an, aber dann entspannten sich ihre Züge.

»Habt Dank.«

Sollte er ihr anbieten, ein Stück des Weges gemeinsam zu gehen? Das würde doch etwas zu weit gehen, entschied er. Also streckte er nur den Arm aus. Der Falke flatterte ohne zu zögern auf seinen neuen Ruheplatz. Mit einen Nicken nahm Thamior Abschied.

-

Im Stadthaus. Ein genervter Schreiber. Ihm gegenüber ein gelassener Zwerg.

»Ein Schiedsgericht würde auch Euch entlasten.«

»Und uns Einnahmen nehmen. Immer noch: Danke, nein.«

-

»Wie geht es Euch?«

»Dem Umständen entsprechend gut. Aber fragt lieber nicht, wie es Felliarn geht.« Meerthan lehnte sich in seinem Sessel zurück. »Er hat Farios Tod noch nicht überwunden.«

Thargad wusste gleich, wovon der Elf sprach. »Der Kopf am Azuthtempel?«

»Eben der.« Meerthan seufzte. »Fario war irgend etwas auf der Spur. Ich weiß, dass er mich gesucht hat, aber sowohl ich als auch Felliarn waren unterwegs. Ich hatte ihn gewarnt, alleine etwas zu unternehmen.«

»Wisst ihr, worum es ging?«

»Um die Käfigmacher natürlich. Ich nehme an, er wollte sich beim Letzten Lachen einschleichen.«

»Habt ihr sonst etwas herausgefunden?«

»Nicht viel. Nicht genug, um jetzt schon darüber zu sprechen. Ich warte auf Nachricht von außerhalb. Es gibt auch noch etwas anderes, an dem ich arbeite...« Er brach ab.

»Woran denn?«

»Ich - ich möchte noch nichts darüber sagen. Es soll eine Überraschung sein.« Der elfische Wandler lächelte. »Bald. Versprochen.«

»Ich habe noch einige Fragen zu Farios Tod.«

»Ich auch«, sagte Meerthan in drohendem Ton. Dann wurde er ruhiger. »Was willst du wissen?«

»Wie ist der Kopf da hoch gekommen?«

»Das ist die Frage. Fario selbst konnte uns nichts sagen - schließlich hätte ich seinen Kopf nicht einfordern können, ohne uns noch mehr zu gefährden. Aber eigentlich müssen die Käfigmacher, Vlaathu, oder das Letzte Lachen einen Kontakt im Tempel haben. Man kommt nicht so einfach auf das Dach. Vielleicht aber doch, und selbst wenn nicht - es gibt genug Laienpriester im Tempel.«

»Ob es etwas bringt, wenn ich den Tempel überwache?«

»Auf gut Glück? Nein. Da herrscht zu viel Kommen und Gehen - eher werdet ihr ertappt.«

Thargad runzelte die Stirn. Es schien so, als müsse er dem Letzten Lachen eine weitere Tat zur Last legen, die in der endgültigen Abrechnung teuer bezahlt werden würde.

»Ich bin einem Wachmann gefolgt«, sagte er also. »Ich hatte gehofft, er würde mich zum Letzten Lachen führen.«

»Kennt ihr das Sichere Haus nicht?«, fragte Meerthan. »Sagtest du nicht, es wäre diese Ruine?«

»Schon, aber vielleicht haben sie noch andere solcher Orte. Und außerdem wollte ich den Beweis, dass er zu denen gehört.«

»Um was zu tun?«, fragte Meerthan. Sein Blick bohrte sich tief in Thargads Seele.

»Eine Botschaft zu übermitteln.« Meerthan wollte etwas sagen, doch Thargad hob die Hand. »Es kam nicht dazu. Der Kerl hat eine zänkische Frau, und eine Menge Saufkumpane. Aber der Überfall auf Ruphus Laro war wohl eher ein Nebenverdienst - ich glaube nicht, dass er zum Lachen gehört.«

»Freut dich das, oder tut es dir leid?«

Thargad antwortete nicht. Als die Stille schwerer wurde, verabschiedete er sich.

-

Endlich stand Dirim auf der Kanzel. Man hatte ihn darauf vorbereitet, einen Gottesdienst zu leiten, aber alle Übungen konnten die tatsächliche Erfahrung nicht ersetzen. Es waren fast dreißig Cauldroniten erschienen, um Tyr und den Heiligen Drei zu huldigen - und zumindest zwanzig von diesen Menschen waren nicht nur gekommen, um die Kettenbrecher zu sehen.

Er gab sein Bestes, predigte von Recht, Gerechtigkeit, Pflichterfüllung und Aufopferung, eindringlich und wortgewandt. Während die Kollekte herumging, betrachtete er die Gesichter der Anwesenden. Ein paar sahen gelangweilt aus, ein Mann musste sogar geweckt werden. Aber die, welche zufrieden aussahen, waren in der Mehrzahl. Und sie würden von der Andacht berichten, das wusste Dirim, und bald wäre der Tempel gefüllt. Ehre sei Tyr!

-

»Kommt zum Sonnenuntergang hinter den Tempel«, las Pecarri noch einmal. »Ich lasse Euch persönlich ein.« Der Brief war von Embril Aloustinai, die den Menschen Helion Dambrodal zu sich eingeladen hatte. Der Kobold, der sich nun Pecarri nannte, hatte mit einer fehlgeschlagenen Wiederbelebung argumentiert, die zu Missbildungen geführt hatte. Die Antwort der Hohepriesterin hielt er in der Hand.

Pecarri stand im Garten des Tempels, vor ihm eine kleine Tür, die in den Tempel führte und anscheinend von den Priestern benutzt wurde, um zu ihren Schlafgemächern zu kommen. Die meisten Laien wohnten in einem Nebengebäude des Tempels, von wo der Kobold leise Gebete und Gesänge hören konnte. Seine gespaltene Zunge zuckte über die schuppigen Lippen, dann streckte er sich in die Höhe und betätigte mit den Fingerspitzen den Türklopfer.

»Helion?« Die Tür öffnete sich einen Spalt. Dahinter stand Embril Aloustinai, die Erste des Tempels, deren Augen sich gerade zu einem Spalt verengten. »Was wollt ihr?«

»Ich bins«, sagte Pecarri. Zur Bestätigung hob er ihren Brief hoch.

»Helion? Kommt rein!« Die Tür öffnete sich etwas weiter, und der Kobold schlüpfte hindurch. Im Schein der vielen Kerzen, die in der Halle brannten, studierte Embril den Neuankömmling etwas genauer.

»Ich verstehe, dass Ihr euch zurückgezogen habt«, sagte sie schließlich. »Kommt mit.«

Während sie vorausging, hatte Pecarri Zeit, den Tempel noch einmal zu studieren. Die Gebetshalle war riesig, sie fasste bestimmt tausend Menschen. Bänke um Bänke reihten sich nebeneinander und verdeckten das Mosaik, dass in den Boden eingearbeitet war und nach Meinung des Kobolds wohl ein Götterzeichen abbildete. Die Decke der achteckig geformten Halle war bestimmt fünfzehn Meter über ihm und bewirkte, dass er sich noch kleiner als sonst vorkam. Von der Decke baumelten Dutzende Behänge aus rotem Brokat mit eingestickten religiösen Szenen. Überall standen achtarmige Kerzenleuchter, und von irgendwo her wehten Fetzen von sphärischen Choralen heran. Es roch nach Weihrauch, exotischen Kräutern, und vielem mehr. Am Rand der Halle führte eine offene Treppe in ein höheres Geschoss, aber Embril führte Pecarri an der Altarempore  vorbei. Hinter dem in der Luft schwebenden Altar führte eine Tür in einen kleinen Gang, von dem wiederum ein halbes Dutzend Türen abführten. Eine stand offen.

Embril betrat den Raum, Pecarri folgte ihr. Die Kammer war groß, aber nicht übermäßig. Ein paar Bücher und Schriftrollen lagen herum, ein niedriges Federbett stand in der Ecke, und zwei gemütliche Lesesessel luden zum Sitzen ein. Auf einem Tisch stand eine Kristallkaraffe mit blutrotem Wein.

»Das Zimmer gehört meinem Stellvertreter, Ike Iverson«, sagte Embril. »Ich dachte, hier können wir uns unterhalten, ohne dass uns jemand entgegen kommt oder stört.«

»Ihr wolltet mich sehen?«, fragte Pecarri, nachdem er sich gesetzt hatte.

»Ganz Recht. Ich wollte euch den Kopf waschen.« Embril sah den Kobold ernst an. Sie hatte ihre silbergrauen Haare - ob diese Farbe durch ihr Alter oder durch andere Weise zustande gekommen war, vermochte Pecarri nicht zu sagen - in einen Dutt gebunden. Außerdem trug sie natürlich das ihr zustehende Gewand aus grau schimmerndem Faden, auf dessen Brust ein von rotem Leuchten umgebener Finger prangte.

»Wie bitte?«

»Wie könnt ihr eine Wiederbelebung benötigen, ohne mich zu verständigen? Ich habe Euch doch berichtet, dass ich Euren Vater kannte. Da ist es doch das Mindeste, eine Schriftrolle zu beschaffen. Aber ihr fragt nicht Mal. Um ehrlich zu sein, war ich schon ein wenig beleidigt.«

»Bitte verzeiht. Ich denke, unser zwergischer Priester hat nicht daran gedacht.«
Embril lachte. »Schon gut.« Sie nahm einen Beutel hervor und kippte einen Stapel Platinmünzen daraus aus, sowie einen großen Diamanten. »Hier ist das, was ihr für den Zauber bezahlt habt. Nehmt es zurück.«

»Vielen Dank«, sagte Pecarri.

»Solange ihr nicht denkt, dass es zur Gewohnheit wird«, sagte Embril mit einem Augenzwinkern. »Und jetzt zum angenehmen Teil: Wein?«

»Gerne«, sagte der Kobold.

Sie unterhielten sich lange über das Geschehene und über Embrils Haltung zu den Schätzen. Embril war überzeugt, dass der Kopf des Halbelfen durch einen Außenstehenden an die Brüstung des Tempels gekommen war, gab jedoch zu, dass diese Überzeugung auch durch Hoffnung genährt wurde. Schließlich fragte sie Pecarri, ob er Aufzeichnungen von Horas gefunden habe.

»Wieso fragt ihr?«

»Nun, er erzählte mir, einem sehr interessanten Zauber auf der Spur gewesen zu sein, und vielleicht hat er diesen Zauber ja irgendwo festgehalten. Wir haben öfter magische Schriften ausgetauscht.«

»Nun«, sagte der Kobold gedehnt, »ich habe tatsächlich etwas gefunden. Ich werde es bei Gelegenheit vorbei bringen.«

»Ich bin schon gespannt.«

»Dafür habe ich aber auch eine Bitte.« Pecarri nahm ein leeres Pergament und zeichnete darauf das Symbol, das unsichtbar auf Zeniths Stirn gewesen war. »Sagt euch das etwas?«

Embril sah sich das Zeichen an. »Nein«, sagte sie schließlich. »Es sieht... extraplanar aus. Was ist das?« Pecarri sagte es ihr, aber sie zuckte mit den Schultern. »Vielleicht findet sich etwas in unserer Bibliothek? Ihr könnt dort gerne nachforschen.« Pecarri bedankte sich. Embril sah verschwörerisch zu ihm hin. »Und jetzt berichtet - wie ist es so, wenn man tot ist? Und wenn man wiedergeboren wird? Ich gebe zu, in der Versuchung gewesen zu sein, mich absichtlich in dieses Stadium zu begeben - aber das wäre dann doch zu frevlerisch. Außerdem möchte ich nicht als Grottenschrat zurückkommen. Also erzählt mir bitte, so gut ihr könnt.«

Pecarri tat sein Bestes.

-

»Was wollt ihr denn schon wieder? Nein, sagt es mir nicht.«

»Ein Schiedsgericht würde das Ansehen der Stadt stärken«, sagte Dirim ungerührt. »Wenn schnell und gut Recht gesprochen wird, ist sowohl Tyr als auch Cauldron Ehre sicher.«

»Ich habe schon gesagt...«

»Außerdem muss ich dann nicht jeden Tag wiederkommen.«

»Jeden Tag? Einmal die Woche reicht mir schon.«

»Ich mag es hier«, sagte Dirim unbedarft.

Der Schreiber schluchzte. »Also gut. Geht, und sprecht Recht, wenn ihr unbedingt wollt.«

»Tyr hat Euch Weisheit geschenkt«, gab der Zwerg zurück. Dann verließ er das Stadthaus und versuchte vergeblich, ein Grinsen zu unterdrücken.

-

»Ist hier noch frei?«

Die Gardisten sahen von ihrem Würfelspiel auf. »Ich kenn dich«, sagte einer der Drei. »Du bist doch einer von den Kettenbrechern. Setz dich!«

»Danke«, sagte Thargad. »Was trinkt man hier?«

»Fruchtwein ist gut«, sagte der Rädelsführer.

»Na denn. Einmal Fruchtwein für den Tisch hier!« Der Wirt am Tresen nickte, und die Wachen sahen erstaunt drein.

»Danke, Mann.«

»Kein Problem«, gab Thargad zurück. »Ich bin ja froh, dass es noch menschliche Wachen hier gibt.«

Die Wachen schwiegen für einen Moment, Zeit für Thargad, sie genauer einzuschätzen. Der Rädelsführer hatte ein unrasiertes Gesicht und eine Haltung, die von Kämpfen zeugte. Links davon saß ein dicker, massiger Hüne, der trotz seiner erkennbaren Kraft nicht wie eine Gefahr wirkte. Anders der schlanke Kerl mit den eingefallenen Wangen und Koteletten, die bis zum Kinn reichten.

»Hab keine Angst«, sagte der Rädelsführer schließlich. »Die sind vielleicht mehr als wir, aber wir stecken die noch locker in die Tasche.«

»Wie viele sind es denn?«

»Na, so fünfzig, würd ich sagen. Also knapp ein Dutzend mehr wie wir.«

»Als wir«, sagte der Schmale. Seine Stimme war gehässig.

»Als wir was?«, fragte der Hüne, aber in diesem Moment brachte ein junges Mädchen von vielleicht siebzehn Jahren ein Tablett mit vier warmen Weinkelchen.

»Danke, Kira«, sagte der Hüne mit schlüpfrigem Grinsen. Die Schankmaid kicherte.

»Das ist Kari«, meinte der Schmale.

Wieder kicherte sie. »Wie erkennst du uns bloß?«

»Kommt mit mir aufs Zimmer, dann zeige ich Euch, wie«, gab er zurück. Kichernd zog das Mädchen von dannen.

»Mannomann«, murmelte der Schmale. »Zwillinge...«

Thargad erhob seinen Kelch, die anderen folgten. »Auf die Wache!«

»Auf die Wache!«, stimmten sie ein.

Das heiße Getränk schmeckte nach... Wüste, oder einem Obstgarten in Mulhorand. Jedenfalls sehr exotisch, und sehr gut. Dazu vertrieb es die vorwinterliche Kälte aus den Knochen.

»Ihr nehmt die Schweinenasen aber locker«, meinte Thargad.

»Sind doch nur Halborks,« sagte der Hüne.

»Weißt du was mit Halborks ist?«, fragte der Anführer und beugte sich zu Thargad vor.

»Was denn?«

»Die hams nicht drauf.« Dann lehnte er sich zufrieden zurück.

Thargad nahm einen weiteren Schluck und leckte sich die Lippen. Plötzlich hatte er Durst. Er musste Acht geben, dass er sich nicht betränke.

»Und der Anführer?«, fragte er.

»Grukk Zwölftöter?« Der Schmale sprach. »Der ist ein übler Kerl.«

»Und wie die mit dem Hauptmann umgehen...«, sagte der Anführer.

»Das musst du mir erzählen«, sagte Thargad. »Aber zuerst... noch einen Wein!«
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-

»Onkel Dirim!«, rief Pellir erfreut. »Ihr kommt mich besuchen!«

»Wurde mal wieder Zeit, fand ich«, sagte Dirim und nahm den Jungen in den Arm. Er war noch am vormittag nach Redgorge aufgebrochen, um seinen Schützling zu besuchen. Dann hatte er im Roten Kumpel warten müssen, bis der Junge von irgeneinem Botengang zurückkam. Minimax, der Wirt der Kneipe, hatte jedoch keinen Widerwillen gegen Dirims Besuch gezeigt.

Pellir hatte sich gut gemacht. Seine Wangen waren voller geworden, die Ringe unter den Augen verschwunden. Stolz erzählte er, dass er manchmal alleine in der Kneipe war, wenn Minimax in der Küche gebraucht wurde. Auch sonst war er freigiebig, nur wenn es um den Auftrag ging, den er vom Wirt erhalten hatte, oder um den entflohenen Händler Maavu, schwieg Pellir in einer Art, die deutlich machte, dass er etwas verbarg.

»Ich darf das nicht erzählen«, sagte er dann vielleicht. Dirim ließ ihm seine Geheimnisse. Er war nur froh, dass es dem Jungen gut ging.

-

»Psst.« Pecarri tat, als habe er nichts gehört. »Hey! Psst!« Das Flüstern galt wohl ihm. Schnell sprang der Kobold in einen Schatten und horchte zunächst in die Stadt hinaus nach seinem Vertrauten. Nimbral war ganz in der Nähe. Dann sah er sich um.
In einer gegenüber liegenden Gasse hockte eine kleine Gestalt, ähnlich vermummt wie er selbst. Die Gestalt hob einen bewollhandschuhten Finger. »Komm her!«, flüsterte die Gestalt auf Drakonisch.

Vorsichtig trippelte Pecarri rüber. Aus der Nähe sah er, dass es sich ebenfalls um einen Kobold handelte.

»Wer bist du?«, fragte Pecarri.

»Ich bin Teek. Und du?«

»Pecarri«, sagte Pecarri, der eigentlich Helion war.

»Gut getroffen, Pecarri«, sagte der andere Kobold. »Folge mir.«

Gemeinsam huschten sie durch die Gassen und Schatten der Stadt, unbemerkt, ungesehen. Endlich kamen sie in eine schmale Sackgasse, an deren Ende eine stinkende und zerlumpte Gestalt lag. Teek näherte sich der Gestalt ohne zu zögern. Dann trat er ihr ins Gesicht.

»Ieek!«, kreischte es. Aus den Lumpen rollte eine kleine, armselige Gestalt mit kränklich-grüner Haut und großen Ohren. Der Goblin hielt sich die platte Nase. »Was solln?«

»Du hast nicht geschnarcht!«, sagte Teek. Pecarri sah, dass das, was er für den Unterkörper des Menschen gehalten hatte, nur aus Stofffetzen und Lumpen bestand. Der Goblin wiederum war für den Oberkörper zuständig.

»Tschuldige«, sagte der Goblin weinerlich.

»Pass einfach besser auf«, sagte Teek. Dann machte er Pecarri ein Zeichen, zu ihm zu kommen. »Das ist Burl, einer unserer drei Goblindiener. Er schiebt gerade Wache. Burl, das ist Pecarri.«

»Burl passt sonst besser auf«, sagte Burl entschuldigend. Teek schüttelte den Kopf und kratzte mit seiner jetzt unverhüllten Klaue an einer bestimmten Stelle hoch in der Wand. Ein Mauerstück schwang zur Seite, und Teek zog Pecarri in den Raum dahinter. Pecarri gab Nimbral zu verstehen, erst einmal draußen zu warten.

Der Raum, in den sie kamen, war dunkel, was aber kein Problem für die Dunkelsicht der Kobolde war. Er war auch schmutzig und feuchtwarm, und überall lagen Lumpen, Kisten oder anderes Gerümpel herum. Große Säulen stützten den fast hallenartigen Raum, und am anderen Ende zweigte sich ein Gang ab.

Teek pfiff einmal kurz, und weitere Gestalten schälten sich aus dem Dunkel. Pecarri zählte drei weitere Kobolde und zwei Goblins. »Sind ja alle da«, sagte Teek. »Gut, dann lernt ihr alle den Neuen kennen. Das ist Pecarri, und das sind Laktak, Gurtul, Brim, und die Goblins sind Farg und Nip.«

»Gut getroffen«, sagte Pecarri in der Hoffnung, dass dies eine passende koboldische Begrüßung war. Die anderen grüßten zurück, also schien alles gut zu gehen. Dann wallte plötzlich Nebel auf.

»Sei jetzt ganz ruhig«, warnte Teek. »Trakis kommt.«

Der Nebel wurde immer dichter, bis er eine Ecke des Raumes völlig verbarg. Dann trat plötzlich ein Kobold aus den Schwaden. Anders als die Übrigen trug er keine Lumpen, sondern eine - wenn auch fleckige - Robe aus dunkelrotem Samt. Eine große Ratte saß auf seiner Schulter, und er stützte sich auf einen langen Stab, an dessen Ende ein Rattenschädel prangte. Der Kobold - Trakis - marschierte auf Pecarri zu, während die anderen Kobolde ihm respektvoll schnurrend die Kehle präsentierten und die Goblins sich in den Dreck fallen ließen.

»Pecarri, ja?«, fragte Trakis in schneidendem Tonfall. »Wo kommst du her?«

»Aus dem Westen«, sagte Pecarri nur.

»Mag sein, mag auch nicht sein. Hör zu, Pecarri. Ich bin der Anführer. Ich verfüge über magische Kräfte. Mach also keinen Mist.«

»Mache ich nicht.«

Trakis musterte ihn. »Mag sein, oder auch nicht. Irgend etwas ist komisch mit dir. Ich werde dich prüfen.« Er warf sich in Pose. »Ich werde ein Licht herbeirufen. Du wirst dich nicht bewegen, bis es verloschen ist. Wenn du magisch verkleidet bist und geschickt wurdest, um uns zu unterwandern, sei gewarnt. Meine Macht wird die deiner Verkleidung überdauern. Wenn das Licht erlöscht und du noch immer ein Kobold bist, nehmen wir dich auf.«

»Einverstanden«, sagte Pecarri.

»Einverstanden oder nicht, so machen wir es«, fauchte Trakis zurück. »Maße dir nichts an. Der letzte, der das gewagt hat, war mein Vertrauter.« Pecarri sah zu der Ratte. »Mein vorheriger Vertrauter«, sagte Trakis kichernd und hielt Pecarri den Stab mit dem Rattenschädel unter die Nase. »Also sei gewarnt, sonst endest du wie Beißer.«

Trakis krächzte eine Formel, und die Augen des Rattenschädels begannen zu leuchten wie eine Fackel. Die anderen Kobolde umringten Pecarri jetzt und zückten kurze Speere, um im Falle einer Gegenwehr bereit zu sein. Dann warteten sie.
Sie warteten etwa zwanzig Minuten. Dann ging das Licht flackernd aus, und die Goblins ließen ein staunendes Seufzen erklingen. Die Kobolde nahmen die Speere herunter.

»Nun gut«, sagte Trakis. »Willkommen bei der Macht hinter der Macht, Pecarri. Teek, erklär ihm alles. Ich habe zu tun.« Noch einmal sah er Pecarri in die Augen. »Und denk daran...«, und hielt ihm den Rattenschädel vors Gesicht. Dann wandte er sich um und ging zurück in den dunklen Gang, aus dem er gekommen war.

Teek klopfte Pecarri auf die Schulter. »Ich wusste, du schaffst das. Also, es läuft so: Wir treiben uns verdeckt in der Stadt rum und sammeln Informationen. Die geben wir Trakis. Manchmal kriegen wir dafür Silber oder was zu essen. Das wars eigentlich schon.«

»Da brüsten sich die Sturmklingen damit, die Kobolde aus dieser Stadt vertrieben zu haben, und dann seid ihr hier«, sagte Pecarri bewundernd. »Menschen.«

»Kennst sie ja«, sagte Teek. »Aber Laktak hier, der gehörte früher zu den Steinfressern - das ist der Clan, den die Sturmklingen fertig gemacht haben.« Er deutete auf den ältesten Kobold in der Runde. »Laktak war gerade...«

»Ich war jagen«, sagte der Alte. »Und lass dir nichts anderes erzählen, Junge. Früher haben die Kobolde das Alter noch geachtet und keinen Unsinn erzählt.«

»Ja ja«, sagte Teek. »Sollen wir dir mal einen Schlafplatz suchen?«

»Ich schlafe im Tempel«, sagte Pecarri.

Die Kobolde schwiegen plötzlich, und die Goblins sahen ihn erschrocken an.

»Du pennst... in einem Menschenquartier?«, fragte schließlich Brim, der sich durch besonders große Augen und einen Stummelschwanz auszeichnete.

»Ja«, sagte Pecarri vorsichtig.

»Kurtulmaks Dungschippe! Das ist ja...« Brim starrte ihn an.

»Klasse!«, rief Teek. »Du bist echt gut, Pecarri!« Er klopfte ihm wieder auf die Schultern. »Du hast was drauf.«

Gurtul, der dreckigste der Kobolde, kam zu ihm. »Hier«, sagte er und nahm aus einer filzigen Tasche eine angefaulte Frucht, die einmal ein Apfel gewesen sein mochte.

»Gurtul teilt sein Essen mit dir«, staunte Teek. »Du Glückspilz! Er ist unser bester Wilderer.«

»Früher hat man den Ältesten ja etwas abgegeben«, maulte Laktak.

Pecarri biss zu. Ein Teil von ihm wand sich innerlich, aber einem anderen, neuen Teil lief das Wasser im Mund zusammen. Die Frucht war genau richtig. Anders als Fleisch aßen Kobolde Rohkost nämlich nicht roh, sondern möglichst faulig. Manchmal führte das zu Rülpswettbewerben mit Fackeln, um einen Drachenodem zu erzeugen, aber heute abend nicht.  

»Du musst unbedingt mit uns kommen, wenn wir wieder den Laden von Keygan Ghelve mit Eiern bewerfen«, sagte Brim.

»Warum macht ihr das denn?«, fragte Pecarri kauend.

Teek sah ihn an, als habe er behauptet, der Stadtherr zu sein. »Das ist ein Gnom.«

»Ach so«, sagte Pecarri. »Dann ist ja alles klar.«

-

»...dann wär er nisch mein Hut!«, sang die schmale Wache. Der Hüne stieß sich beim Verlassen des Schlüpfrigen Aals fast den Kopf, und als er sich bückte, verlor er das Gleichgewicht und fiel hin.

»Hilfe!«, rief er. »Ich sinke!«

Der Anführer lachte. Thargad lachte mit. Es war ein lustiger Abend geworden, und ein feuchtfröhlicher.

»Du bisch n Ornung«, sagte der Anführer.

»Aba auch«, zeigte Thargad mit dem Finger auf ihn, dann auf den Schmalen, dann in einer weiten Schlenkerbewegung auf alle drei.

»Weisch... weisch... weis was mit Halborks is?«, fragte der Schmale.

»Die hams nisch drauf«, sagte der Anführer. »Niemals nisch drauf.«

»Un noch was«, sagte der Schmale. »Wegen der sie Schweinezinken.«

»Was n?«, fragte Thargad.

»Die riechn schlecht.« Alle vier lachten. Nach einer kurzen Beratung machten sich die Wachen in eine scheinbar beliebige Richtung auf, und Thargad wandte sich hoffentlich in Richtung des Tempels.

Der Abend war nützlich gewesen. Er hatte einiges heraus finden können: Die Söldner wohnten alle in einer alten Kneipe, die komplett zu ihrem Quartier geworden war. Dort hauste auch ihr Anführer, aber sein Büro war im Stadthaus. Man hatte Grukk Zwölftöter mit Terseon Skellerang gleichgesetzt. Grukk erstattete nur dem Stadtherren oder Valanthru Bericht, was den Hauptmann der Wache gehörig wurmte - und seine Männer auch. Außerdem sollten zum Jahreswechsel die Steuern erneut erhöht werden, um Reparaturarbeiten und Söldner bezahlen zu können. Schließlich hatte Thargad auch noch klar gemacht, dass die Kettenbrecher auf Seiten der eigentlichen Stadtwachen standen. Und durstig war er auch nicht mehr. Eben ein gelungener Abend.

Jetzt wollte er aber nur noch ins Bett. Ein einfacher Wunsch, wenn der Boden nicht so wellig wäre und ihm nicht ständig Häuser in den Weg liefen. Aber Thargad war ein Wächter Helms. Er würde auch diese Probleme meistern. Nachdem er sich übergeben hatte.

-

»Richtschwert Dirim Gratur von Tyr ist nun bereit zu hören, und Recht zu sprechen.«
Dirim nickte Brynn dankbar zu. Der Tempelritter nahm neben dem Richterstuhl Aufstellung.

»Wer sind die Ersten?«

Vor traten drei Männer. »Dies ist Kurtax, der Wirt, dann Fern der Tagelöhner, und ein Zeuge«, sagte Brynn.

»Worum gehts?«

»Der Kerl hat mir die Arbeit weggestohlen!«, rief Fern.

»Nichts habe ich, Herr, ich habe ihn nur leicht gestoßen«, gab Kurtax zurück.

»Ruhe! Was ist passiert?«

»Also, wie ich abends bei ihm in der Kneipe gewesen bin, da habe ich einen getrunken.« Kurtax schnaufte, wurde aber von Dirim zur Ruhe ermahnt. »Als ich besoffen war, da hat mich der Lump aus der Tür rausgeworfen, und die Hand mir gebrochen. Darum konnte ich nicht arbeiten, und das Geld will ich jetzt haben.«

»Kurtax?«, fragte Dirim.

»Der Fern kommt öfter zu mir. Jedenfalls hat er sich richtig zugeschüttet an dem Abend, und als er hackedicht war, da wollte er nicht gehen. Ich habe ihn zur Tür gebracht und ihm einen kleinen Schubs gegeben, das war alles.«

»Einen kleinen Schubs. Und wer seid ihr?«, wandte Dirim sich an den Zeugen.

»Ich bin der Aufseher in der Mine, in der Fern arbeitet.« Der Mann stellte sich mit breiter Brust vor Dirim hin. »Fern arbeitet in den Minen von Fürst Taskerhill, und durch seinen Arbeitsausfall ist dem Fürsten ein großer Schaden entstanden. Er vertraut darauf, dass dieser Schaden ebenfalls erstattet wird.«

»Was?«, rief Kurtax. »Ihr seid doch bekloppt!«

»Ruhe!«, rief Dirim wieder. »Um wie viel Gold geht es hier?«

»Zehn Silberklingen«, sagte Fern.

»Für Fern, zehn Klingen. Für die Mine, zwanzig Elektrumkönige.«

»Pfft«, machte Kurtax.

»Zwanzig Könige?«, fragte Dirim. »Das ist ein Platinkelch. Fern muss ein guter Arbeiter sein.«

»Das ist er.«

»Aber ihr bezahlt ihn als Tagelöhner.«

»Nun ja...«

»Das reicht. Kurtax, ihr bezahlt Fern seinen entgangenen Lohn, und gebt in Zukunft acht, dass ihr keine Leute mehr schubst.«

»Danke, Herr«, rief Fern.

»Und was soll ich Fürst Taskerhill sagen?«, fragte der Aufseher.

»Dass er nicht seine besten Arbeiter nicht wie Tagelöhner bezahlen sollte.« Beleidigt machte sich der Mann von dannen.

Der zweite Fall war nicht weniger kompliziert.

»Ich heiße Sialia«, sagte die junge Halbelfe, die ihn um Rechtsprechung bat, »und arbeite in der Scheuen Fee. Bjelki«, sie wies auf einen älteren Mann, »hat mir versprochen, mich zu heiraten. Und jetzt, wo ich schwanger bin, will er mich nicht mehr.«

»Was sagt ihr dazu?«, wandte Dirim sich an den Mann.

»Nun, zunächst einmal ist mein Name Bjelkir Zanathor. Und es stimmt - ich habe Sialia oft besucht. Aber es war nie die Rede von Heirat.«

»Aber du liebst mich doch!«, rief die Halbelfe unter Tränen.

»Kind, du bildest dir etwas ein«, sagte Zanathor. »Jedenfalls kommt es nicht in Frage, dass ich sie heirate - oder gar ein Kind groß ziehe. Gerade, weil ich das nicht will, gehe ich doch in die Scheue Fee.«

Die Betreiberin der Scheuen Fee war ebenfalls anwesend.

»Ich leite die Fee für die Vanderborens«, sagte sie. »Sialia hat sich dumm benommen. Normalerweise kriegen unsere Mädchen Mondkraut, wenn ihre Zeit ist, damit so etwas nicht passiert. Sialia hat ihr Kraut nicht genommen.«

»Und was wollt ihr jetzt?«

»Wir wollen, dass sie entweder einen Sud von Vortimax Weer nimmt, um das Kind zu verlieren, oder die Fee verlässt. Wir legen einen Teil des Lohns für die Mädchen zurück, das Gold kriegt sie natürlich, aber sie gefährdet unseren Ruf.«

»Und wenn das Gold weg ist?«

Die Frau zuckte mit den Schultern.

»Nun gut«, sagte Dirim. »Ich werde nun einen Wahrheitszauber sprechen, also hütet Euch, zu lügen. Tyr, offenbare mir Falschheit und Betrug. Bjelkir Zanathor, habt ihr Sialia versprochen, sie zu heiraten?«

Zanathor schwitzte leicht, aber Dirim hatte gemerkt, dass der Zauber bei ihm fehlgeschlagen war. »Nein«, sagte der Mann.

»Habt ihr gesagt, dass ihr sie liebt.«

»Na ja... vielleicht... in der Hitze des Augenblicks...«

»Seht ihr?«, rief Sialia.

»Sialia«, sagte Dirim. »Liebt ihr Bjelkir wirklich?«

»Natürlich liebe ich Bjelki«, sagte sie. »Er liebt mich doch auch.« Dirim spürte, dass sie nicht log - höchstens belog sie sich selbst bei Bejlkirs Gefühlen für sie.

»Nun gut«, sagte er. »Dann könnt ihr gehen, Bjelkir Zanathor. Ich verfüge, dass die Scheue Fee besser auf ihre Mädchen aufpassen sollte. Darum soll sie für Sialia aufkommen und sie auch später noch beschäftigen.«

Und so hatte Dirim zwei Urteile gesprochen, die wohl beide der Oberschicht Cauldrons am Wenigsten gefallen würden. Aber Gerechtigkeit ging nun einmal vor Reichtum und Macht.

-

Später besuchten die Waisenkinder des Lichtstraßenhauses den Tempel. Dirim hatte Gretchyn und die Kinder eingeladen, zu sehen, wo die Kettenbrecher wohnen. Die Kinder waren voller Vorfreude und Neugier erschienen, und der Zwerg führte die Gruppe über das Gelände. Dabei gab er Acht, sie in Einzelreihen durch das Tor der Scheune zu führen. Oben im Schatten kauerte nämlich Pecarri und beobachtete alles ganz genau. Er hatte einen Zauber auf sich gelegt, um Unsichtbares zu entdecken.
Einer nach dem Anderen kamen die Kinder durch das Tor.

»Stoßt nicht an die Tür«, mahnte Dirim »sonst weckt ihr die Riesenspinnen.« Gretchyn unterbrach ihr Trösten eines verängstigten Mädchens, um dem Zwerg einen mahnenden Blick zuzuwerfen.

Plötzlich merkte Pecarri auf. Bei einem der Kinder war etwas. Leise beugte er sich vor, um besser sehen zu können. Kein Zweifel: Terrem Karathis, der Waisenjunge, den der Betrachter Vlaathu persönlich aus den Klauen des Sklavenhändlers Kazmojen befreit hatte, trug auf seiner Stirn dasselbe Mal wie Zenith Splitterschild.
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Berandor

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Stadt in Ketten 4: Das ENDE! (Spieglein, Spieglein... 04/03)
« Antwort #40 am: 30. Oktober 2005, 18:56:25 »
 Zwischenspiel: Fragmente

«Wollt ihr zum Mondfest vorbei kommen? Wir könnten zusammen der Toten und  Verschollenen gedenken.»

Die Kettenbrecher schwiegen.

«Ihr wäret willkommen», versuchte Jenya es erneut.

«Ich werde meinen Vater nicht behandeln, als wäre er schon tot», sagte Thargad.

«Ich werde die Geschichte der Schätze erst erzählen, wenn ich das Ende kenne», meinte Helion.

Dirim fügte hinzu: «Am Mondfest gedenkt man der Toten. Die Schätze sind nicht tot.»
Und damit war das Thema erledigt.

-

«Meister Berion? Ein Brief von Eurem Mündel.»

Der Angesprochene sah auf. Er war alt geworden, und das unruhige Leben als Anführer der Dornigen Rose hatte sein Übriges getan. Aber Berion hieß den Schmerz willkommen. Er war nur ein kleines Opfer in seinem Kampf für die Freiheit des Volkes, ein nötiges Opfer. Ilmater sagte, persönliches Leid sei ein niedriger Preis für allgemeines Wohl. Und schließlich zeigte der Schmerz, dass Berion noch lebte.

Mit Fingern, die trotz des nahen Lagerfeuers immer etwas kalt blieben, nahm Berion das Pergament entgegen und entrollte es. Kein Zweifel, es war Thargads Schrift.

Berion,

in sehr kurzer Zeit hat sich Vieles geändert. Tod und Verrat lauern überall. Illusion und Wirklichkeit sind nur schwer zu unterscheiden. Cauldron wird von finsteren Mächten bedroht und diese sind längst auf uns aufmerksam geworden. Was ich Dir nun erzähle, wird Dir nicht gefallen. Doch die Freundschaft zwischen uns verlangt es von mir. Außer Dir kann ich niemandem vertrauen. Den Kettenbrechern? Verdient hätten sie meine Ehrlichkeit, doch können sie die Wahrheit akzeptieren?


-

Illyria Dawn ließ ihren Blick über die Versammlung streifen. Die Anderen gaben sich Mühe, entspannt zu wirken, aber sie erkannte in ihrer Haltung und Mimik dieselbe Erwartung, die auch sie selbst erfüllte. Nur der Pfeifer war wie immer undurchschaubar.

Und natürlich schien Grimm unbeeindruckt. Illyria kannte die Anderen nur unter den Decknamen, die sie sich selbst gegeben hatten. Eigentlich verband sie nichts, außer dem gemeinsamen Ziel. Er, der sie zusammen geführt hatte, war wohl der Fanatischste unter ihnen - und das wollte etwas heißen. Daemonicus Grimm hatte das Stadium des verabscheuungswürdigen Bastards schon lange überschritten. Illyria vermutete, dass die Narbe, die sich über Grimms rechte Wange zog, seine Gesichtsmuskeln teilweise gelähmt hatte. Anders war es ihr nicht zu erklären, wie jemand so unabänderlich düster dreinblicken konnte.

Andererseits war seine Sitznachbarin auch nicht viel besser. Dabei wäre sie eine sehr verführerische Frau, wenn diese Maske nicht wäre oder die Vorliebe, ihren Opfern den Kopf abzuschneiden. Beides hatte ihr den Namen ‹Gottesanbeterin› eingebracht. Sie selbst sprach nie. Überhaupt war das einzige Geräusch, dass sie von sich gab, das leise knistern der Kopffühler, die aneinander rieben, und mit deren Hilfe sie ihre Umgebung wahrnehmen konnte. Illyria wusste, dass die Gottesanbeterin blind und taub war, aber ob dies die Wirkung oder der Grund für die Maske war, blieb ungewiss.

Neben der Gottesanbeterin saß Finster. Hier war endlich jemand nach Illyrias Geschmack. Finster war ein gewaltiger und blutrünstiger Krieger, aber er kannte auch andere Facetten des Lebens. Auch heute hatte er seine Rüstung und seinen Schild in der Kammer gelassen. Nur Vollstrecker hing an seiner Hüfte. Von dem Schwert schien ein ständiger Hunger auszugehen, den Illyria sogar vom anderen Ende des Raumes wahrnehmen konnte. Sie fragte sich, wie Finster das Schwert kontrollieren konnte, aber dies war nur der Beweis dafür, dass er keineswegs nur der dümmliche Schlächter war, für den ihn andere hielten. In seinem Gewand aus rotem Wildleder, seine blonden Haare zu einem Zopf gebunden, machte er eine sehr gute Figur. Er begegnete Illyrias Blick herausfordernd. Es fiel ihr schwer, sich loszureißen, aber in den nächsten Wochen und Monaten war noch Zeit genug, auf sein unausgesprochenes Angebot zurück zu kommen.

Zum Glück war der Nächste in der Runde ebenso faszinierend. Illyria war stolz darauf, in Menschen und ihnen verwandten Völkern wie in einem Buch lesen zu können, aber die Körpersprache des Gedankenschinders blieb ihr fremd. Seine Tentakel glitten über- und durcheinander, strichen über seine feuchte Glatze, streckten sich suchend vor, aber das konnte sowohl Vorfreunde, Nervosität oder auch Langeweile bedeuten. Vielleicht schlief er auch, und dies waren nur unbewusste Äußerungen seiner Träume. Oder es war einer von seinen hintergründigen ‹Späßen›. Er hatte sich als der Pfeifer vorgestellt - überhaupt war seine Benutzung des Pronoms der einzige Grund, warum Illyria ihn als männlich eingeordnet hatte - und lange hatte sie über diesem Namen gebrütet. Gedankenschinder konnten nicht Pfeifen, schließlich hatten sie keine Lippen. Dann hatte sie erlebt, wie er aß, und verstanden.

Um der Erinnerung zu entkommen, sah sie schnell weg. Ihr Blick blieb auf der Vorletzten im Bunde haften. Die Frau, die sich Phönix nannte, blickte entrückt ins Leere, während sie eine Fackel über ihren nackten Körper streichen ließ. Phönix war immer unbekleidet; wenn sie in den Kampf zog, verbrannte sie sich selbst so sehr, dass der Wundschorf zu einem Schutzpanzer wurde. In diesem Moment aber wollte sie sich wohl nur die Zeit vertreiben und ließ es bei Brandblasen bewenden.

Und dann war da noch Illyria selbst. Mehr als einmal hatte sie sich gefragt, wie sie in dieser Runde aus Verrückten gelandet war, aber natürlich kannte Illyria den Grund. Trotzdem fühlte sie sich oft fehl am Platz; mit seiner gedankenlosen Brutalität war ihr selbst Finster fremd. Und trotzdem war sie eine von ihnen, und all ihre Unterschiede verblassten vor dem gemeinsamen Ziel. Es war egal, wer sie waren und woher sie kamen. Es zählte nicht, was sie an diesen Ort geführt hatte. Hier war sie nicht Illyria Dawn. Hier war sie Sonnentau, und sie war ein Mitglied der Käfigschmiede.

-

Alle Hoffnung starb in diesem kurzen, grausamen Moment. Auf Enttäuschung folgte Zorn, ein unbändiger Zorn wie ich ihn nie zuvor verspürte. Nur mühsam konnte ich ihn unterdrücken, bis sie ins Bett gegangen war, bis sie eingeschlafen war. Dann ließ ich ihm freien Lauf.

Ich habe sie umgebracht, Berion! Hinterrücks gemeuchelt! Ich empfang Genugtuung.
Danach liegt alles im Dunkeln.


-

«Meister Dirim, da ist eine Besucherin.»

Noch bevor Dirim antworten konnte, drängte sich eine Halblingsfrau in das Zimmer, in dem die Kettenbrecher beisammen saßen. Es war Tippys Sicherschritt, die Besitzerin der Stallungen und des Pferdehandels. War sie gerade noch ins Zimmer gestürmt, überkam sie nun Verlegenheit und sie sah zu Boden.

«Bitte verzeiht», sagte Tippys leise. «Ich musste einfach zu Euch, heute Abend. Schließlich ist Mondfest, oder. Ich warte  schon solange, dass ich es Jemand erzählen kann.»

«Erzählen?», fragte Boras.

«Ganz ruhig», sagte Pecarri. «Setzt euch erst Mal. Und dann erzählt.»

«Brynn», bat Dirim den Tempelwächter, der noch in der Tür stand, «bringt uns noch eine Karaffe heißen Wein.» Brynn nickte und verschwand.

«Dann mal los», forderte Thargad.

«Es geht um Aleandra Dunessar», begann die Halblingsfrau. «Sie kam zu mir - die Schätze hatten gerade einen Drachen bekämpft. Plötzlich stand sie im Raum. Sie war verletzt, schwer verletzt. Doch sie schob mich fort, als ich ihr helfen wollte. ‹Sieh nach Namariye›, sagte sie. Das ist ihr Pferd - damals sind Paladine ja noch mit richtigen Pferden unterwegs gewesen, bevor die Götter ihnen Zauberrösser gegeben haben.»

«Ich verstehe nicht ganz...», begann Dirim, aber Pecarri bat um Ruhe.

«Hör einfach weiter zu», sagte er.

Tippys sah von Einem zum Anderen. Brynn kam zurück und brachte eine Karaffe heißen Wein. Dankbar nahm Tippys einen Schluck, dann fuhr sie fort: «Namariye ist ein schönes Tier... es heißt, elfische Streitrösser haben das Blut von Einhörnern in sich, und bei ihr glaube ich das.» Sie bemerkte, dass keiner der Anwesenden besonders interessiert schien. «Jedenfalls habe ich mich sofort um Namariye gekümmert. Als Aleandra sah, dass es dem Tier gut ging, da lächelte sie. Dann fiel sie in Ohnmacht, so schwer waren ihre Wunden.» Tränen standen in Tippys Augen. «Es... dass jemand so sehr an seinem Pferd hing, hat mir sehr imponiert. Als die Schätze verschwanden... was hätte ich tun sollen? Ich habe mich weiter um sie gekümmert. Das war ich Aleandra schuldig, fand ich.»

«Um wen gekümmert?», fragte Boras.

«Um Namariye.»

«Heißt dass, das Pferd lebt noch?»

«Ich halte sie versteckt. Aber ja, Namariye lebt noch.» Tippys’ Augen weiteten sich. «Ihr nehmt sie mir doch nicht weg?»

Dirim legte seine Hand auf ihre. «Ihr habt Euch bislang gut um das Tier gekümmert. Ich denke, bei Euch ist es in besten Händen. Trotzdem danke ich Euch, dass Ihr uns diese Geschichte erzählt habt.»

-

Das Ziel ist dasselbe geblieben, aber der Weg ist ein anderer. Ich kann nicht mehr im Geiste Ilmaters handeln. Die Wacht wird Grausamkeiten von mir verlangen, die nicht den Segen des Weinenden Gottes haben werden. Also verlasse ich die Bruderschaft. Aber uns verbindet mehr als das, oder?

Ich hoffe doch, Vater.


-

«Er sollte lieber dankbar sein», sagte Finster mit einer wegwerfenden Handbewegung. «Wir haben es ihm die Stadt überlassen, und er darf sogar die Käfigkinder bewachen. Was will er noch?»

«Er fühlt sich überwacht.» Phönix sprach mit süffisantem Ton, und so, als wäre sie abgelenkt und es handelte sich nur um eine Nebensächlichkeit. «Dass die Gottesanbeterin den Spion ertappt hat, der durch sein Netz geschlüpft ist, beleidigt ihn. Und dann hat er noch den Zauberer um sich.»

«Weiß er denn, dass es sich dabei um Sonnentaus Schüler handelt?», fragte Finster zurück. «Ich bin sicher, unser ‹Wahrer Fürst› glaubt, ihn selbst aufgetan zu haben.»

«Ist dieser Schüler loyal?» Die Sprache des Pfeifers war abgehackt, von Schmatzlauten unterlegt. «Ich erinnere mich, dass er beim letzten Mal ziemlich eifersüchtig war. Und er ist nicht jünger geworden.»

«Während Sonnentau immer noch so schön wie damals ist», fügte Finster hinzu. Wieder warf er Illyria einen stechenden Blick zu, und sie nahm sich vor, ihn noch einmal unter vier Augen zu sprechen, nachher.

«Die Gefahr eines Verrats besteht», gab sie zu. Sie mochte es nicht, über ihren Schützling zu sprechen. Die wenigen Geheimnisse, die sie vor den Käfigschmieden hatte, wollten gut bewahrt sein. «Ich wäre dumm, wenn ich das nicht sähe. Aber ich glaube nicht, dass er sich gegen uns verschwören würde. Dazu hasst er diese Emporkömmlinge viel zu sehr. Stattdessen wird er sich vielleicht von uns zurück ziehen. Vielleicht wird er die Seelenpfeiler für sich beanspruchen.»

«Ist das ein Problem?», fragte Phönix gelangweilt.

«Im Moment brauchen wir die Pfeiler noch», sagte Grimm. Wenn er sprach, merkte sogar Phönix auf. «Also wird Sonnentau ihren Bengel noch ein wenig bei Laune halten. Danach kann er machen, was er will. Und wenn er sich gegen uns wendet...» Er sah zu der Gottesanbeterin, die liebevoll über die Klinge ihrer Sichel strich.

-

«Meister Berion?»

Berion antwortete nicht. Er sah nicht einmal auf, sondern saß vorgebeugt am Lager. Vor ihm, in den prasselnden Flammen, sah man noch die letzten Reste eines Pergaments. Dann wurden auch sie von dem Feuer verzehrt.
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Dirim

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Stadt in Ketten 4: Das ENDE! (Spieglein, Spieglein... 04/03)
« Antwort #41 am: 31. Oktober 2005, 14:36:38 »
 Bisher hatte ich mir "nur" Sorgen um die armen Kettenbrecher gemacht.
Durch Deine plastische Erzählung und die netten Andeutungen sind die Sorgen jetzt wie weggeblasen - von vollkommener Hoffnungslosigkeit. :(  

Askael

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Stadt in Ketten 4: Das ENDE! (Spieglein, Spieglein... 04/03)
« Antwort #42 am: 31. Oktober 2005, 19:37:06 »
 Wieder mal phantastisch.. Woher du die Zeit nimmst, Derartiges zu html zu bringen ist mir schleierhaft *verbeug*

Angefangen davon, was du aus dem Kauf eines Hewards alles rausholst, über Thargads Informationsbeschaffung bis zu Helion/Pecarris Koboldsidequest - Großartig!

Besonders hervorheben möchte ich folgende Szenen:

Zitat
»Du musst unbedingt mit uns kommen, wenn wir wieder den Laden von Keygan Ghelve mit Eiern bewerfen«, sagte Brim.
- *lol* Da hab ich mich weggehaut vorm Schirm  :D

Zitat
Aber Thargad war ein Wächter Helms. Er würde auch diese Probleme meistern. Nachdem er sich übergeben hatte.
*rofl*

 - Immer wieder meisterhaft, wie du diese kleinen Stücke Humors in die ansonsten eher fesselnden Schilderungen verpackst..


Die Schilderung der Käfigschmiede war ebenfalls durch und durch gelungen - und so schön mit dem Brief Thargads gewürzt - da macaht das Kennenlernen der Finsterlinge gleich doppelt so viel sinistre Freude  :ph34r:  
Pünktlichkeit ist der Dieb der Zeit

Levold

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Stadt in Ketten 4: Das ENDE! (Spieglein, Spieglein... 04/03)
« Antwort #43 am: 31. Oktober 2005, 20:18:03 »
 Sehr schön (was soll ich auch sonst sagen?)!!

Dirim als Richter: hervorragend!
Habt ihr das eigentlich ausgespielt oder war das künstlerische Freiheit?
Auich eine kaum zu überbietende Namenswahl: Kurtax
Erinnert doch sehr an Asterix- Comics.  :lol:
Die Beschreibung der Käfigschmiede: der Hammer! Wie fies sind die denn?!
Gegen die will doch keiner freiwillig antreten?
An die Gruppe: viel Glück. Ihr werdets brauchen.  :ph34r:
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Berandor

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Stadt in Ketten 4: Das ENDE! (Spieglein, Spieglein... 04/03)
« Antwort #44 am: 31. Oktober 2005, 21:49:26 »
 Mit den Fällen habe ich Dirim ins Schwitzen gebracht... er hat es sich jedenfalls nicht leicht gemacht, und die anderen Spieler haben immer schön gestöhnt, wenn er wieder den Sendboten des Adels vergrätzte :D

Den Haversack habe ich aus einem Dokument von dieser hervorragenden Seite:
http://therpgenius.com/Default.aspx?alias=therpgenius.com/shackledcity' target='_blank'>http://therpgenius.com/Default.aspx?alias=...om/shackledcity
Achtung! Nur für SL!
Gibt es auch für Age of Worms.

Thargads Brief sind übrigens nur Ausschnitte aus einem 4 Seiten langen Brief, den der Spieler geschrieben hat. Wenn er den mal in den Rechner abtippt (ich gebe den Brief dafür gerne zurück), stelle ich den auch ganz online.

Als kleinen Hoffnungsschimmer für meine Spieler kann ich sagen, dass sie das nächste Abenteuer zumindest noch überleben werden - dann kommt nämlich ein neuer Flash-Film, den ich schon fertig habe. Ich ändere nix mehr daran :)

Das nächste Update ist übrigens zu 80% fertig - wir haben Samstag gespielt, da hatte ich Sonntag schon etwas Zeit.
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