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Autor Thema: Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges  (Gelesen 26426 mal)

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Kylearan

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Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges
« Antwort #120 am: 05. Mai 2006, 16:21:17 »
Zitat von: "Boïndil"
Irgendwie ist wohl der falsche übergeblieben.

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Kylearan
"When the going gets tough, the bard goes drinking."

Berandor

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Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges
« Antwort #121 am: 05. Mai 2006, 21:48:08 »
So... der Moment ist gekommen – für das Extra.

Ich würde vorwarnen, aber ein "Parental Advisory" führte wohl nur dazu, dass doch alle lesen.

Zur Erinnerung:

Die Frau, die sich Phönix nannte, blickte entrückt ins Leere, während sie eine Fackel über ihren nackten Körper streichen ließ. Phönix war immer unbekleidet; wenn sie in den Kampf zog, verbrannte sie sich selbst so sehr, dass der Wundschorf zu einem Schutzpanzer wurde. In diesem Moment aber wollte sie sich wohl nur die Zeit vertreiben und ließ es bei Brandblasen bewenden.
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Berandor

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Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges
« Antwort #122 am: 05. Mai 2006, 21:50:48 »
Extra: Phoenix

In ihrer ersten Erinnerung ist Chandra vier. Es ist kalt und windig. Sie versteckt ihre kleinen Finger im Schoß ihrer Mutter. Ihr ist langweilig. Es ist dunkel und früh, viel zu früh für sie. Sie muss gähnen. In diesem Moment zeigt sich die Sonne am Horizont, ein schmaler roter Streifen, als wolle Lathander sie beruhigen: Der Tag naht.

Chandra versteht nicht, was an dem großen Haufen vor ihr so besonders sein soll. Trockenes Gras und Nadelhölzer türmen sich vor ihr auf. Chandra hat das Gefühl, der Haufen reiche in den Himmel. Das ganze Dorf hat sich um den Haufen versammelt, sogar der alte Müller, der seine Mühle nie verlässt.

Ihre Mutter ist unruhig. Es ist nicht nur, dass ihr kalt ist, obwohl Chandra unter ihrem Rock die Gänsehaut fühlt. Die Unruhe ist anders, und Chandra spürt, dass auch die anderen Bürger ähnlich fühlen. Ohne es zu wollen, wird auch Chandra unruhig.

»Geht es jetzt bald los?«, fragt sie daher ihre Mutter.

Die schaut zu ihr herunter mit ihren großen, traurigen Augen, die so oft weinen seit Vaters Tod, und lächelt.

»Bald, mein Schatz.«

Chandra genügt diese Auskunft nicht, und sie zieht eine Schnute, obwohl sie nicht weiß, worauf sie eigentlich wartet.

Mit einem Mal wird es leise auf dem Feld. Die Bürger stellen ihre Gespräche ein, nur der Bürgermeister säuselt selig weiter, bis ihn seine Frau anstößt.

Ein Elf ist neben den Haufen getreten. Chandra sieht ihn zum ersten Mal. Später wird ihr jemand sagen, dass Silvanas Feuerstumpf ein Druide ist, der im nahen Wald haust. Jetzt bemerkt sie nur, dass ihre Mutter sich aufsetzt und Chandras Hände aus ihrem Schoß zieht. Andere Frauen stoßen einander an und flüstern sich zu. Aber Silvanas lassen sie nicht aus den Augen. Ihre Mutter streicht sich eine Strähne aus dem Haar. Chandras Hände werden kalt.

»Auril hat ihren Griff gelockert, und Chauntea drängt zurück ins Land.«

Der Elf hat eine dunkle, kröftige Stimme. Er spricht die Götternamen mit demselben komischen Akzent, den er schon zehn Jahr zuvor hatte, und den er auch zehn Jahre später noch benutzen wird, als ob er sich die Menschengötter niemals wirklich zu eigen machte.

»Und so sind wir hier zusammen gekommen, um ihren Segen zu erbitten und den kommenden Frühling willkommen zu heißen. Ein neues Jahr beginnt. Lassen wir das Feuer der Sonne leuchten, auf dass der Winter schmelze.«

Der Elf flüstert etwas, und seine Hand gebärt eine Flamme, größer als eine Kerze und kleiner als eine Fackel. Er reckt den Arm empor und zur aufgehenden Sonne hin.

»Das Gras ist grün.« Er wirft die Flammenkugel in den Haufen. Mit einem dumpfen Rauschen frisst sich das Feuer ins Heu. Eine weitere Kugel folgt, und noch eine. Jetzt lodert der Haufen. Heiße, gelbe Flammen recken sich in die Morgendämmerung. Bleicher Rauch wallt über das Feld, und einige besonders Kecke, die in Windrichtung standen, ergreifen die Flucht vor dem beißenden Qualm. Es knistert, und kleine Funkenfeen tanzen im Wind.

Hitze schwallt Chandra entgegen, hüllt sie ein, schützt sie vor dem kalten Frühjahrsmorgen. Ein sanfter Wind streicht ihr durchs Haar, lockt sie zum Feuer.

Die Kinder fangen an, kleine Äste und eigens angefertigte Kräuterbündel ins Feuer zu werfen. Es ist eine Mutprobe: Je näher sie sich ans Feuer wagen, desto mehr werden sie von ihren Freunden gefeiert. Chandras Mutter gibt ihr ein Bündel Kamillenblüten.

»Na los«, ermunter sie Chandra. »Wirf es ins Feuer.«

Chandra nähert sich dem Feuer Schritt für Schritt. Sie hat keine Furcht; sie möchte den Weg auskosten. Die Flammen schlagen nach den anderen Kindern, peitschen nach ihren Gesichtern. Aber nach Chandra schlagen sie nicht. Sie glaubt zu sehen, dass sich das Feuer ihr entgegen neigt, wie eine Verbeugung. Es ruft sie.

Chandra geht immer näher auf das Feuer zu. Die Härchen auf ihren Händen schmelzen in der Hitze. Ihre Augenbrauen sengen an. Chandra hält die Kamille wie einen Brautstrauß. Die Blüten werden langsam braun vor Hitze. Chandra hört jemanden schreien. Es ist ihre Mutter. Dann wird sie gepackt und fortgezerrt. Hände entreißen ihr die Kamille und schleudern sie achtlos ins Feuer. Die Hochzeit ist geplatzt. Chandra fühlt sich herumgewirbelt und blickt in die lodernden Augen von Silvanas Feuerstumpf. In diesem Moment weiß sie, dass sie ihn liebt.

»Dummer Mensch! Hast du denn keine Angst?«, schimpft Silvanas, doch seine Hände berühren die ihren sanft, fast zaghaft, und seine Augen sind nicht zornig. Etwas anderes liegt darin, etwas, das Chandra noch nicht versteht, aber unbedingt kennenlernen will.

»Nein«, antwortet sie ruhig. Ihre Mutter kommt, umschließt sie mit ihrem großen Körper, blickt sie mit nassen Augen an, tastet mit kalten Fingern über Chandras glühende Haut. Chandra möchte ihr sagen, dass es nicht weh tut, aber ihre Mutter würde sie nicht verstehen.

»Du bist entweder das dümmste Mädchen, das ich je getroffen habe«, sagt Silvanas leise und streichelt ihr über den Kopf, »oder das weiseste.«

Niemand würde sie verstehen. Außer Silvanas.

-

In ihrer schönsten Erinnerung ist Chandra sechzehn. Die Jungen des Dorfes machen ihr schöne Augen, so wie jedem anderen Mädchen. Aber Chandra lässt sich nicht auf ihre Schäkereien ein. Sie verzehrt sich nach Silvanas. Seit damals ist kaum eine Nacht vergangen, in dem sie nicht von ihm träumte, auch wenn die Natur der Träume sich mit der Zeit gewandelt hat.

An jenem speziellen Morgen ist Chandra besonders aufgeregt. Grüngras rückt näher, und damit das Feuer. Jedes Jahr wählt Silvanas eine Person aus, um mit ihm Feuerholz zu sammeln. Diesmal hat er sie erwählt.

Chandra trägt ihre Lieblingshose und ein braunes Lederwams, das sie nur  für  diesen Tag gekauft hat. Das Wams ist etwas eng, sodass sie zwar zeckmäßig, aber dennoch aufreizend gekleidet ist. Ihre Haare sind zu eng anliegenden Zöpfen geflochten.

Silvanas holt sie kurz nach Sonnenaufgang ab. Sie gehen in den Wald und sammeln Holz. Dabei versucht Chandra, möglichst im gleichen Takt wie der Elf zu sammeln, um ihm an der Sammelstelle nahe zu kommen. Eine unerklärliche Scheu hat sie ergriffen, die sie bei anderen Jungen und Männern nicht kennt, darum wagt sie es nicht, ihn direkt anzusprechen. Gleichzeitig spürt sie, dass sie es nicht muss. Silvanas weiß Bescheid. Er wusste es immer.

Es ist Abend. Sie haben viel Holz gesammelt. Bald wird sich Silvanas verabschieden, wenn Chandra nichts sagt. Sie nimmt ihren Mut zusammen und blickt ihm in die Augen. Ihr wird warm, obschon kein Feuer brennt.

»Es ist spät«, kommt Silvanas ihr zuvor. »Wir rasten im Wald, und morgen bringen wir das Holz ins Dorf.«

Er tritt an sie heran, packt sie fester, als er müsste.

»Das willst du doch, oder?« Er presst die Worte geradezu heraus.

Chandra schaudert, es läuft ihr kalt über den Rücken, doch sie sehnt sich dadurch nur noch mehr nach der Hitze, die nur Silvanas ihr geben kann.

Ohne Antwort küsst sie ihn. Sein Kopf weicht zurück, dann drückt er seinen Mund auf ihren, übernimmt die Kontrolle. Er packt sie noch fester, zieht sie auf den Boden, presst sein Gewicht auf ihres, bis er atemlos von ihr ablässt.

Chandra leckt sich die Lippen. Sie schmeckt ihn noch. Dennoch stimmt etwas nicht. Etwas ist falsch. Als er sie wieder küsst, beißt sie ihm in die Lippen.

»Spinnst du?« Er fährt hoch.

Sie leckt sein Blut, räkelt sich auf dem Boden.

Seine Wut verfliegt, er starrt sie nur an.

Chandra öffnet das Lederwams, Schnalle für Schnalle. Silvanas’ Augen lodern. Sein Mund ist dünner als die Klinge eines Stiletts. Chandra schält sich aus dem Wams. Sie öffnet ihre Hose. Silvanas starrt sie an. Er schließt die Augen, dann muss er sie wieder öffnen. Er kann nicht wegsehen.

»Was willst du eigentlich?«

Sie lacht. Als ob er das nicht wüsste.

Silvanas kniet sich über sie. Er bellt ein Wort. In seiner Hand liegt eine Flamme.

»Willst du das?« Speichel fliegt aus seinem Mund. Mit seiner freien hand drückt er sie nieder. Dann fährt er mit der Flamme über ihren Arm.

Chandra bäumt sich auf, wehrt sich gegen seinen Griff. Er ist stärker. Ihr Arm schreit, doch über ihre Lippen kommt kein Laut, und sie sieht nicht weg.

Silvanas nimmt die Flamme weg, aber er lässt sie nicht los. Sein Blick ist ein Leuchtfeuer.

Chandra fleht ihn an: »Mehr!«

-

Chandra erwacht in Silvanas’ Zelt. Ihr Körper schmerzt, aber er ist unversehrt. Seine Magie hat sie geheilt. Wo zuvor schwarze Haut von rotem Fleisch fiel, herrscht nun rosige Frische.

Silvanas tritt ein. Er sieht sie nicht an.

»Du warst ohnmächtig«, sagt er. »Tagelang. Morgen ist der Tag des Feuers. Ich bringe dich heim.«

»Ich bin daheim«, sagt Chandra.

»Hör auf, Kind. Du weißt nicht, was du redest.«

»Das ist es ja, Silvanas. Ich will nicht aufhören. Ich will nicht, dass du aufhörst.«

Silvanas blickt sie an, ungläubig. Hoffnungsvoll. »Nach all dem, was geschehen ist? Was ich... dir angetan habe?«

»Ich will mehr.«

Er schluckt. Sein Blick ist eine Kerze der Hoffnung. Dann schluckt er noch mal, und die Kerze erlischt.

»Nein.«

»Ich liebe dich«, sagt Chandra.

»Wie kannst du mich lieben? Du weißt nicht, was Liebe ist, und ich bin niemand, der Liebe verdient.«

»Und doch weiß ich, dass ich dich liebe. Lass es mich beweisen.«

Mit einem Mal ist das Feuer zurück in seinen Augen, aber es lodert wild, sturmumtost. Es ist ein gefährliches Feuer. Chandra schluckt, doch es gibt kein zurück.

»Also gut. Zeig mir, was Liebe ist.«

-

Er bringt sie zum Dorf. Es ist dunkel. Sie gehen auf die Lichtung ihrer ersten Erinnerung.

»Zieh dich aus«, befiehlt Silvanas. Chandra gehorcht nur zu gerne.

»Lege dich hin.«

Er rammt Pflöcke in den Boden und bindet sie daran fest. Er spricht einen Zauber über sie. Eine dünne Schicht bedeckt ihre Haut, doch sie weiß, dass die stärksten Flammen die Schicht durchbrechen werden.

»Hast du Angst?«

»Nein.«

Er legt Holz und Reisig über ihre Arme und Beine.

»Mehr«, bittet sie.

Er bedeckt ihren Körper. Nur der Kopf ist noch frei.

»Mehr.«

Er beugt sich über sie. Sein Blick ist Asche.

»Du darfst nicht schreien. Wenn du still bleibst, dann weiß ich, dass du mich liebst.«
Sie blickt ihn an, voller Vertrauen, und schweigt.

Er schichtet weiter Äste über sie, mehr und mehr, baut den Scheiterhaufen über ihr in die Höhe. Chandra zittert vor Ungeduld. Sie wird Silvanas zeigen, dass sie ihn liebt, und dann wird er sie zu sich nehmen. Ihr herz pocht bei dem Gedanken, was sie noch anstellen werden. Sie hat ihn noch nicht einmal in sich gehabt.

Endlich ist es soweit. Wie aus der Ferne hört sie die Stimme.

»Auril hat ihren Griff gelockert, und Chauntea drängt zurück ins Land.«

Der Elf hat eine dunkle, kröftige Stimme. Er spricht die Götternamen mit demselben komischen Akzent, den er schon zehn Jahr zuvor hatte, und den er auch zehn Jahre später noch benutzen wird, als ob er sich die Menschengötter niemals wirklich zu eigen machte.

»Und so sind wir hier zusammen gekommen, um ihren Segen zu erbitten und den kommenden Frühling willkommen zu heißen. Ein neues Jahr beginnt. Lassen wir das Feuer der Sonne leuchten, auf dass der Winter schmelze.«

Chandra lächelt. In ihrem Brennholzgefängnis versucht sie, sich den Flammen entgegen zu recken.

»Das Gras ist grün.«

Fast hätte sie geschrien, wenn auch nicht vor Schmerzen. Es zischt, als die erste Flammenkugel auf das Holz trifft. Chandra will mehr. Sie will alles. Sie wird es ihm beweisen. Ein lautes Prasseln füllt ihre Ohren, und erste Funken fallen auf ihre nackte Haut. Noch spürt sie nichts, aber bald wird sie es spüren. Sie wird es ihm beweisen.

Sie wird nicht schreien.
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Serath

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Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges
« Antwort #123 am: 06. Mai 2006, 20:14:24 »
Du hast eine kranke Phantasie.  :o

 :D

Berandor

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Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges
« Antwort #124 am: 07. Mai 2006, 00:19:24 »
Zitat von: "Serath"
Du hast eine kranke Phantasie.  :o

 :D


Ich war im Emsland bei einem Osterfeuer.
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Boïndil

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Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges
« Antwort #125 am: 07. Mai 2006, 19:45:47 »
Zitat
Du hast eine kranke Phantasie. Surprised

Das habe ich auch gedacht. :D

Denoch finde ich sie gut, ist als Hintergrund mal was anderes als sonst.
"Hört auf zu reden! Lasst uns Köpfe spalten und Knie zertrümmern!"

Berandor

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Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges
« Antwort #126 am: 07. Mai 2006, 21:02:58 »
Und jetzt muss ich leider eines der "Geheimnisse" der Kampagne lüften... oder zumindest die Decke anheben.

Gefallen

Der Stein weiß nicht, warum der Meißel ihn spaltet; das Eisen weiß nicht, warum das Feuer es schmilzt. Wenn dein Leben gespalten und versengt wird, wenn Tod und Verzweiflung dich anspringen, klage nicht, noch verfluche Dein Schicksal. Danke den Göttern für die Prüfungen, die Dich formen werden.

Sprich nur, wenn du was zu sagen hast: die Weisheit des Schwarzen Opals, Zazesspur, 1359 TZ

-----------

Occipitus, die verfluchte Ebene. Der Himmel rot von Flammenwolken, der Boden grau und aderig.

Weit von Tethyr entfernt saß ein großer Muskelberg neben seiner Axt und verzweifelte. Er hatte dunkles Haar und ein Gesicht, das durch den wilden Bartwuchs auch nicht weiter verunstaltet werden konnte. Der Grund seiner Verzweiflung: Er war allein.
Boras Breda war ursprünglich mit seinen Gefährten, den Kettenbrechern, nach Occipitus gekommen. Außerdem war ein Hexenmeister dabei gewesen, Kaurophon, ein Kerl mit Hörnern und gelben Augen. Jetzt waren sie alle versteinert.

Und das stellte Boras vor zwei Probleme. Er war allein in einer feindlichen Ebene, hatte eine Prüfung unternommen, die er ohne Hilfe wohl nur als Leiche abschließen würde, und er wollte seine Freunde zurück. Gleichzeitig aber hatte er keine Möglichkeit, von dieser feindlichen Ebene zu fliehen und nach Hause zurückzukehren.

Und schuld hatte nur ein Stück Trollfleisch.

Boras’ Magen grummelte. Ungefähr um diese Zeit hatte Dirim immer ein Tyrgebet gesprochen und Nahrung erschaffen. Boras hatte keine Vorräte mit, und der Boden war wahrscheinlich ebenso ungenießbar wie unfruchtbar.

Boras war kein religiöser Mensch. Er glaubte an die Kraft seiner Arme, an die Schärfe seiner Axt und daran, dass er – wenn er auch fiele – immer wieder aufstehen würde. Er wollte nicht den Basilisken suchen und sich seinem Schicksal ergeben. Er wollte nicht gefressen werden; er fraß. Und so tat er, was alle Menschen in so einer Situation tun: er betete.

-

Der Wolfsmann kam ungelegen.

»Was willst du?«, herrschte Reya ihn an. »Ich habe zu tun.«

»Mein Herr bringt dir eine Nachricht.«

Reya spannte ihre Flügel. »Na los. Aber schnell.«

Der Wolfsmann grinste.

»Die Nachricht lautet: die Kettenbrecher sind gescheitert.«

Reya wurde schwindlig. Nein. Das konnte – durfte nicht sein.

»Wie?«

Der Wolfsmann zuckte mit den Schultern.

»Sind sie tot? Alle?« Sie wollte gar nicht daran denken.

»Der Wolf lebt noch.«

Boras. »Was will dein Herr dann?«

Wieder zuckte der Wolf mit den Schultern.

»Mein Herr würde niemals in die Belange der Sterblichen eingreifen. Das Gleichgewicht und so. Du weißt schon.« Er bleckte die Zähne. »Aber vielleicht ist anderen das Gleichgewicht nicht ganz so wichtig...«

Reya presste die Lippen aufeinander. »Du gehst jetzt besser.«

Der Wolfsmann nickte und verschwand.

Reya konzentrierte sich und stieß einen mentalen Ruf aus. Ein Licht entstand vor ihr in der Luft.

»Leela«, grüßte sie den Laternenengel. »Kannst du mir einen Gefallen tun? Ich habe etwas zu erledigen...«

Nachdem sie ihre Aufgabe delegiert hatte, machte sich Reya als nächstes daran, herauszufinden, was geschehen war. Es musste auf Occipitus geschehen sein. Hatten sie ihre Warnung nicht beherzigt? Noch einmal spürte sie den Abschiedskuss auf ihren Lippen, roch den Duft, schmeckte die Liebe. ›Wenn ich zurück bin, gehen wir heim.‹ Sie hatte sich so darauf gefreut.

Nur, dass keiner der Schätze zurück gekommen war. Keiner. Es war eine chaotische Zeit, als die Götter auf Faerûn wandelten. Die Schätze Tethyrs waren und blieben verschollen. Dann waren die Kettenbrecher gekommen. Nachkommen der Schätze. Und die Dinge hatten begonnen, sich zu wiederholen. Und Reya hatte wieder zu hoffen gewagt. Die Kettenbrecher, das spürte sie, würden ihre Eltern finden – oder ihr Schicksal teilen. Beides könnte ihr helfen, die Schätze zu finden.

Aber noch nicht. Es war noch zu früh. Die Kettenbrecher mussten Occipitus überstehen. Schon jetzt standen sie Gefahren gegenüber, die Reya kaum bewältigen könnte. Sie waren ihre einzige Hoffnung. Reya konnte nicht für die Kettenbrecher kämpfen – aber sie entsteinern.

Der Wolfsmann hatte Recht gehabt. Es galt, das kosmische Gleichgewicht zu wahren. Sie durfte nicht eingreifen – theoretisch. Aber hier ging es um mehr. Hier ging es um ihre Liebe. Sie würde nur einen Weg finden müssen, ihr Eingreifen ins rechte Licht zu rücken. Und sie hatte da schon eine Idee...

-

Ein leiser Donner drang an seine Ohren. Boras sah auf. Der Himmel war unverändert, außer – da war ein Lichtpunkt. Nein, ein Lichtball. Eine Kugel. Größer und heller wurde das Licht, und Boras erkannte, dass es sich ihm näherte. Erst in niedriger Höhe zerstob das Licht, und Boras erkannte die geflügelte Kriegerin, den Engel Reya.

Reya landete sanft inmitten der Steinfiguren. Sie nickte ihm zu.

»Dann wollen wir mal sehen...«

Reya trat zu Dirim. Der Zwerg hielt immer noch den Silberspiegel vor sich ausgestreckt.

»Halte bitte deine Axt hier herüber«, bat sie Boras. Der tat, wie ihm geheißen.

Reya fuhr mit den Zeigefinger über die Schneide. Sie presste dagegen, bis goldenes Blut floss. Sie rieb mit dem Finger über Dirims Augen und Mund, schloss die Augen, und konzentrierte sich.

Binnen Sekunden zerfiel die oberste Steinschicht zu Staub, und darunter kam der Körper des Zwerges zum Vorschein. Nur die Augen und Lippen des Zwerges blieben versteinert.

»Dirim Gratur von Tyr«, sagte Reya. »Kehre zu deinen Freunden zurück. Doch wisse, dass das Geschenk des Lebens nicht leichtfertig gegeben wird. Komm zurück, und diene fortan dem Guten, oder gehe über in die Schattenwelt.«

Dirims Augen glühten. Seine Lippen füllten sich mit Blut.

»Dann komme ich lieber wieder zurück. Auch wenn ich den Himmel nicht leiden kann.«

Boras umarmte den Zwerg.

Reya wiederholte die Prozedur bei Thamior. Auch die Lippen des Elfen füllten sich mit Leben.

»Was solls. Dann eben für das Gute!«

Boras schüttelte ihm den Unterarm. »Willkommen zurück.«

Dirim hingegen wandte sich an Reya.

»Und jetzt Helion, bitte.«

Reya schüttelte den Kopf. »Er ist der einzige der Kettenbrecher, der schon für das Gute eintritt. Und Kaurophon gehört nicht zu euch. Nein, Dirim, ich kann noch einen von euch retten, und nur einer der drei muss gerettet werden.«

Sie ging zu Thargad und benetzte dessen Augen und Lippen mit Blut.

»Wenn er denn gerettet werden will«, murmelte Dirim.

Staub fiel von Thargads Körper ab, und Reya wiederholte ihren Spruch.

Thargads Augen blieben leer. Seine Lippen kalt und blass. Sein Körper fiel in sich zusammen.

»Er ist tot«, sagte Reya. »Vielleicht kommt er zurück, wenn ihr ihn ruft. Ich kann nichts für ihn tun. Seine Rettung liegt in anderen Händen.«

Sie wandte sich an die drei lebenden Kettenbrecher.

»Ihr habt gedacht, ihr könnt euch raushalten. Das könnt ihr nicht. Gefahren harren Eurer, und es wird Zeit, euch zu bekennen. Eure Wahl war erzwungen, natürlich. Aber es ist eine Wahl. Ihr seid frei, anders zu wählen, doch wehe die Konsequenzen. Für Euch–«

Der Boden erzitterte. Aus dem Himmel schoss eine Flammensäule und hüllte Reya vollständig ein.

»–und für mich.«

Der Geruch verbrannter Federn füllte die Luft. Die Flammensäule verschwand, und Reya mit ihr.

»So«, sagte Dirim. »Jetzt hole ich erst mal Helion und unseren weisen und ach so vertrauenswürdigen Führer zurück, und dann kümmern wir uns um Thargad.«

»Und dann«, fügte Boras hinzu, »gibt es endlich was zu essen.«

-

Thargad sah in den grauen Himmel hinauf. Hätte er sich anders entscheiden sollen? Hätte er wirklich dem Pfad des Guten folgen können, ohne an die Ideale und diesen ganzen Schmuh zu glauben? Lag eine gute Handlung in der Tat, oder in der Intention? Er war nicht gut, nicht mehr. Aber andererseits: Hätte er einen Engel belügen sollen, nur um weiterzuleben?

Ein Fußabdruck entstand vor ihm im Boden. Nein, kein Fuß, eine Hand. Ein Handschuh, und in dessen Mitte ein Auge. Thargad kniete nieder.

»Thargad. Wächter. Mörder. Deine Gefährten rufen dich. Willst du den Ruf erhören?«

»Meine Wacht ist noch nicht vorüber.«

»So vernehme den Preis deiner Rückkehr. Trage mein Zeichen, offen und erkennbar. Bestrafe alle, die sich an Cauldron vergehen, und hinterlasse mein Zeichen am Ort der Betrafung. Gehorche jenen, die mein Zeichen tragen, und sonst keinem. Willst du diesen Preis zahlen?«

Thargad lächelte humorlos. »Ich will.«
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Citon

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Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges
« Antwort #127 am: 08. Mai 2006, 08:24:50 »
Zitat
Berandor
Und jetzt muss ich leider eines der "Geheimnisse" der Kampagne lüften... oder zumindest die Decke anheben.


Ja, ja, Plan B lag die ganze Zeit in der Schublade nicht war. Ich wusste da gab es ein Hintertürchen.  :wink:


Zitat
»So vernehme den Preis deiner Rückkehr. Trage mein Zeichen, offen und erkennbar. Bestrafe alle, die sich an Cauldron vergehen, und hinterlasse mein Zeichen am Ort der Betrafung. Gehorche jenen, die mein Zeichen tragen, und sonst keinem. Willst du diesen Preis zahlen?«

Thargad lächelte humorlos. »Ich will.«


Für mich zur Info, welche Gesinnung hat Thargad nun.
Welche Stimmung lag bei euch im Raum als alle wieder am Tisch sassen. Oder wussten die etwa schon Bescheid das es wie gewohnt weiter geht?
Was war die Aufnahmeprüfung der Stasi?
Aus 3m Entfernung an eine Glaswand springen und mit dem Ohr festsaugen... !

Anonymous

  • Gast
Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges
« Antwort #128 am: 08. Mai 2006, 10:39:53 »
Gilvart:
hä!? das mit dem Geheimnis verstehe ich nicht! was soll es denn sein?

Kylearan

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Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges
« Antwort #129 am: 08. Mai 2006, 10:49:45 »
Zitat von: "Citon"
Welche Stimmung lag bei euch im Raum als alle wieder am Tisch sassen. Oder wussten die etwa schon Bescheid das es wie gewohnt weiter geht?

Keine gute. Eigentlich war es ja eine TPP (Total Party Petrification, versteinert ist ja nicht tot), und streng nach RAW für uns die Kampagne zu Ende. Und da haben wir schon überlegt, wie wir weiter machen.

Da uns die Kettenbrecher aber sehr am Herzen liegen und Berandor ja noch ein Ass im Ärmel hatte, haben wir uns Out-of-game dazu entschieden, weiter zu machen. Hat sicherlich einen schalen Beigeschmack (und so war auch erst einmal unser aller Laune), aber wir wollen schon wissen, wie es weiter geht. Und nicht jeder hat einen passenden Ersatzcharakter in der Tasche.

Kylearan
"When the going gets tough, the bard goes drinking."

Thargad

  • Mitglied
Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges
« Antwort #130 am: 08. Mai 2006, 14:30:59 »
Zitat von: "Citon"

Für mich zur Info, welche Gesinnung hat Thargad nun.


rechtschaffen neutral (mit einer Prise Böse vielleicht :wink: )

Berandor

  • Mitglied
  • Verrückter Narr
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Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges
« Antwort #131 am: 08. Mai 2006, 19:53:34 »
Aus dem angedeuteten Grund war es zumindest denkbar, dass Reya zu Hilfe kommt. Ich habe allerdings OOG gefragt, ob die Spieler das wollen.

Mehrere neue Charaktere gleichzeitig einzuführen ist ja ohnehin blöd, auf einer anderen Ebene doppelt. Die Alternative, die Kampagne zu stoppen, ist mir zumindest nicht in den Sinn gekommen, lag aber unbewusst sicher mit auf dem Tisch.

Bevor ich dann aber im Spiel "trickse", wollte ich die Spieler einverstanden wissen. Sonst hat man nicht nur kurz, sondern sehr lange einen schalen Geschmack im Mund.

Zum Glück kamen relativ schnell danach noch zwei knappe Kämpfe, dann ging es wieder besser.
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Citon

  • Mitglied
Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges
« Antwort #132 am: 09. Mai 2006, 19:17:25 »
Zitat
Zum Glück kamen relativ schnell danach noch zwei knappe Kämpfe, dann ging es wieder besser.


Ich musste fast lachen Berandor, hört sich aber irgendwie erleichtert an. 8)
Was war die Aufnahmeprüfung der Stasi?
Aus 3m Entfernung an eine Glaswand springen und mit dem Ohr festsaugen... !

Gilvart

  • Mitglied
Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges
« Antwort #133 am: 18. Mai 2006, 08:46:22 »
Hey Berandor, deine Spieler müssen die Prüfung der Ausdauer doch bestehen, nicht wir Leser !  :)
Also wann gibts ein Update?  :D

Kylearan

  • Mitglied
Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges
« Antwort #134 am: 18. Mai 2006, 11:41:00 »
Rechnet mal nicht vor Mitte nächster Woche mit einem Update.

Kylearan
"When the going gets tough, the bard goes drinking."

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