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Autor Thema: Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges  (Gelesen 26109 mal)

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Berandor

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Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges
« Antwort #195 am: 04. August 2006, 14:45:29 »
Kaurophon: Katzenmensch

Der riesige Baumstumpf ragte vor ihnen in den Himmel hinauf, gekrönt von dem riesigen Schädel, dessen Auge Flammen in den Himmel spie. Und noch waren die Kettenbrecher nicht einmal nahe genug herangekommen, um Details der Rinde auszumachen.

»Wer hätte gedacht, dass hier die letzte Prüfung sein würde?«

Der Sarkasmus in Thargads Stimme war beißend, und Kaurophon war dankbar dafür. Seit Tagen schon versuchte er, jeden ansatzweise harschen Kommentar zu unterdrücken, um das Wohlwollen seiner Marionetten nicht kurz vor Schluss noch zu gefährden.

»Die Laterne scheint in Richtung des Stammes«, stellte Boras fest, als wären die anderen alle blind.

»Sagt mal«, meinte Thamior, »hängt da was am Baum?«

Er deutete auf einen Stelle dicht über dem Boden, und wirklich, man konnte einen Schemen ausmachen, weißlich verwaschen. Die Kettenbrecher näherten sich auf direktem Wege. Bald erkannten sie eine große menschenähnliche Gestalt, muskulös, ihr Fleisch über und über mit Narben und Runen bedeckt, aus frischen Wunden blutend und je zur Hälfte bewusstlos und tot, seine einst weißen und jetzt schmutziggrauen Flügel mit dicken Metallstäben tief in den Baum getrieben.

»Ein Engel«, sagte Dirim.

»Er wurde gefoltert und gekreuzigt.« Boras konnte es kaum glauben.

»Er sieht gefallen aus«, vermutete Thamior.

»Saureya«, stieß Kaurophon aus.

»Wer?«, fragte Pecarri.

»Saureya. Ein Engel, der mit Celestia hierher kam. Er wurde von Adimarchus gefoltert und als Hofnarr gehalten. Von einer früheren Begegnung her weiß ich nur, dass er ziemlich verrückt ist. Und unfreundlich.«

»Das wäre ja mal was ganz Neues«, sagte Thargad.

»Wir müssen ihm helfen«, ignorierte Dirim das Gesagte. Seine Hand leuchtete mit heilender Energie. »Boras, hol ihn runter.«

Der Barbar ging zu Saureya, packte dessen Taille  und zog fest. Mit einem magenwindenden Geräusch zog er die Flügel von den Stangen. Der Engel fiel vorwärts, und Dirim empfing ihn mit heilender Hand. Die schlimmsten Wunden hörten auf, zu bluten, und Saureya landete auf den Knien, keuchend, hustend.

»Das war ja was«, sagte der Engel.

»Du musst uns nicht danken«, beschied ihm der Zwerg großmütig. »Unsere Hilfe war selbstverständlich.«

»Gut zu wissen«, sagte Saureya. »Na denn.« Er wandte sich ab und wollte fortgehen.

»He«, rief Boras. »Du kannst nicht einfach so gehen.«

»Wieso nicht?« Saureya sah sie an, als hätte er sie ertappt. »Ist das ein Traum?«

»Nein«, sagte der Barbar.

»Dann gehe ich.«

»Moment mal«, warf Pecarri ein. »Du kannst uns vielleicht helfen.«

»Kann ich bestimmt. Und?«

»Wir haben dir auch geholfen«, gab Thamior zu bedenken.

»Ach was«, sagte Saureya. »Das war doch selbstverständlich.«

»Wir können auch anders«, drohte Boras.

»Echt? Wollt ihr mich foltern?« Der Engel bekam große Augen. »Wahrlich, ich habe lange gewartet, um Adimarchus’ Folter übertroffen zu sehen. Aber jetzt, wo ihr es sagt... ja, diese dahergelaufene Versammlung aus hilfsbereiten Fanatikern kann gar nicht anders als wirklich geübte Folterknechte sein.«

»Du würdest dich wundern«, sagte Thargad.

Saureya grinste. »Eher nicht.« Er breitete die Schwingen aus, prüfend, ob sie ihn tragen würden.

»Wir haben nur ein paar Fragen«, begann Pecarri erneut.

»Herrje, vielleicht habt ihr recht. Ihr werdet mich zu Tode reden. Also gut, fragt, damit ich endlich wieder meine Ruhe habe.«

»Was kannst du uns über die Prüfung des Rauchenden Auges sagen?«

»Ihr also auch«, sagte der Engel und rollte mit den Augen.

»Wie bitte?«

»Erinnert ihr euch daran, dass ich am Baum hing. Müsstet ihr eigentlich, ist gar nicht so lange her. Das waren noch zwei Kerle, ein Riese und so ein Katzenvieh, die ebenfalls was über die Prüfung wissen wollten. Sie waren allerdings wesentlich – überzeugender als ihr.«

Boras öffnete den Mund.

»Nein, bitte«, sagte Saureya mit schmerzverzerrter Miene, »hört auf. Ich sage euch alles, was ihr wissen wollt, nur bitte haltet den Mund.«

Kaurophon konnte nicht anders. Er mochte diesen Kerl. Nach seiner Thronbesteigung müsste man sich noch einmal genauer unterhalten.

»Also, die Prüfung. Ich habe sie entworfen.«

»Ihr?«, entfuhr es Dirim.

Saureya funkelte ihn an.

»Entschuldigung«, sagte der Zwerg.

»Ich. Mit ein wenig Hilfe von Adimarchus. Seht ihr, nach den ersten zwanzig, dreißig Jahren Scham und Folter fangt ihr an, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Und Adimarchus wollte nie hier auf Occipitus bleiben. Er wollte immer raus, eine wirkliche Ebene beherrschen. Darum der Weltenbaum, darum der Angriff auf Celestia, darum die Sache mit Grazz’t.«

»Was war mit Grazz’t?«

»Alte Geschichte«, wehrte der Engel ab. »Jedenfalls – was würde passieren, wenn er weg wäre? Wer würde hier herrschen? Irgendein dahergelaufenes Grubenscheusal? Also habe ich Adimarchus geraten, eine Prüfung zu schaffen, alldieweil ich hoffte, ihn damit auszutricksen.«

»Wie?«, fragte Boras.

»Ganz einfach.« Saureya verzog das Gesicht. »Die ersten beiden Prüfungen sind unwichtig. Es reicht, wenn ihr die letzte Prüfung besteht. Ich hoffte damals, es käme jemand, mich zu retten, und dann würden wir ihm den Thron entreißen und Occipitus vernichten.«

»Moment Mal«, sagte Thargad. »Also war der ganze Mist bis hierher, mit der Kathedrale, dem Dude, diesem blöden Basilisken – das war alles überflüssig? Wir hätten gleich hierher kommen können?«

»Ja.« Saureya klatschte in die Hände und juchzte. »Klasse, oder?«

Fünf Augenpaare wandten sich strafend Kaurophon zu.

»Ich wusste das nicht«, sagte der zukünftige Herr von Occipitus und schwor sich, diese Lücke baldmöglichst auszumerzen. Überhaupt würde er den ganzen Test ungültig machen.

»Also gut. Was ist der letzte Test?«

»Da kann ich euch nicht helfen.«

»Hey«, sagte Boras, »so langsam reicht es mir.«

»Tu, was du nicht lassen kannst«, sagte Saureya. »Aber egal, was ich euch über den Test erzähle – es würde euch nicht helfen.«

»Wir könnten uns darauf vorbereiten«, sagte Thargad.

»Nein, könntet ihr nicht.«

»Hm«, machte Pecarri. »Das ist dein letztes Wort?«

»Ja.«

»Na gut«, meinte Dirim und ließ das Unvermeidliche vom Stapel: »Sollen wir dich nach Hause bringen?«

»Wohin?«, fragte Saureya mit hochgezogener Braue.

»Nach Hause.«

»Und wo ist das? Celestia ist es nicht, da habe ich nichts mehr verloren. Und woanders ist es auch nicht besser als hier, nur dass ich hier wenigstens weiß, was mich erwartet.«

»Also bist du ein gefallener Engel«, entfuhr es Thamior.

»Macht dich das an?«, fragte Saureya lüstern.

»Gib mir eine deiner Federn. Zwei.«

Der Engel schien ungläubig. »Du bist mir ja ein ganz Böser.«

Er streckte den Flügel aus, sodass Thamior zwei Federn ausrupfen konnte. Saureya quiekte künstlich erregt.

»Jetzt muss ich aber sehen, dass ich loskomme. Ich habe eine Verabredung... irgendwo anders.« Zum Abschied blickte er noch einmal Thamior in die Augen. »Ruf mich an, wenn du in der Gegend bist«, und dann schwang er sich in den Himmel hinauf.

Thamior ignorierte all das und blickte auf die Federn hinab. »Jetzt brauche ich nur noch flüssigen Schatten. Und den Darm eines Verräters.«

Dabei hob er den Blick und starrte Kaurophon in die Augen.

»Und den kriege ich auch noch.«

-

Kaurophon ärgerte sich. Bei seinem ersten Besuch hatte der den Stamm genau untersucht, aber keinen Einlass gefunden. Jetzt, nachdem die Laterne ihnen den Weg durch ein Geschwür gewiesen hatte – der Eingang lag unterhalb des Blutpegels – fragte er sich, wie er die Höhle hatte übersehen können. Er war so kurz davor gewesen, und die letzte Prüfung hätte schließlich auch gereicht. Und jetzt stiefelte er mit fünf Abenteurern durch das weite, korkenzieherähnliche Innere des Weltenbaums, und war sich unsicherer denn je, wie sehr die Kettenbrecher ihm auf der Spur waren.

Der Weltenbaum war abgestorben, aber die Wände der runden Höhle waren immer noch leicht warm, sie pulsierten sogar schwach. Es roch feucht, wie toter Urwald, und es gung unausweichlich vorwärts. Thargad und Thamior hatten die Spitze übernommen, um dem Licht voraus zu schleichen und, wenn möglich, den Riesen und seinen Begleiter zu überraschen, von denen Saureya gesprochen hatte.

In diesem Moment kam Thargad zurück gelaufen.

»Sie sind direkt vor uns«, sagte er. »Thamior meint, ein Feuerriese, und ein Typ mit Katzenkopf und verkehrten Händen. Sie haben uns gesehen.«

»Katzenkopf und verkehrten Händen?«, fragte Pecarri. »Wo habe ich das schon mal gehört?«

»Ist doch egal«, sagte Boras und heftete seine Axt. »Auf geht’s!«

Er lief voraus und prallte fast mit einem ungehörig großen Riesen zusammen, der einen gewaltigen Zweihänder mit sich führte. Zwei Pfeile steckten in seinem Rücken, aber das schien den Riesen überhaupt nicht zu kümmern. Boras hob Schlachtenwut, doch der Riese war schneller. Er ließ die flache Seite seines Zweihänders gegen den Barbaren prallen, dass es ihn gegen eine Wand schleuderte. Dann hieb er nochmal und nochmal zu, schneller als möglich schien, und Boras konnte gerade so seine Waffe heben und die Hiebe zur Seite lenken. Der Schweiß stand ihm im Gesicht, und die Axt rutschte ihm aus der Hand. Er war hilflos. Kaurophon konnte seine Augen nicht von diesem Schauspiel abwenden. Der Riese grinste und packte die Klinge zum Todesstoß.
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»Electrocutio!«

Pecarris Blitzstrahl donnerte zwischen Boras und dem Riesen durch und traf nur die Höhlenwand. Boras nutzte die Gelegenheit, aufzustehen. Er stieß einen unmenschlichen Wutschrei aus und ließ Schlag auf Schlag folgen. Plötzlich sah der Riese nicht mehr so siegesgewiss aus. Er wich zurück, zuerst gemächlich, dann immer hektischer. Boras schlug und schlug, wirbelte, völlig jenseits des tatsächlichen Geschehens, jenseits seiner Möglichkeiten. Der Riese hob sein Schwert zur Parade, aber langsamer, gerade noch rechtzeitig. Boras schlug ihm die Waffe zur Seite, dann den Kopf von den Schultern. Keuchend stand er über dem gefallenen Riesen, die Axt als Stütze, dass er nicht umfiele. Und doch schaffte er es, zwischen Atemzügen noch einen Spruch loszuwerden.

»Ich bin dran.«

»Nein, ich«, kam eine Stimme aus dem Nichts.

In der Luft entstand ein Knistern, und ein Blitzstrahl krachte die Höhle entlang, verfehlte Boras wie durch ein Wunder und prallte gegen Thamior. Gleich darauf stand ein Katzenmensch im Gang, wo er vorher unsichtbar gewesen, und hielt eine Laterne der Wegführung wie den großen Streitkolben, der sie war.

Kaurophon erkannte das Geschöpf. Es war ein Rakshasa, nahezu immun gegen Magie, und als solches kein Problem für ihn, wenn er seine Zauberstufe weiter senkte. Er konnte gefahrlos mitkämpfen. Gleich ließ er ein paar magische Geschosse los, die den Rakshasa nicht verwundeten, und dann hoffte er, dass endlich mal jemand diesen verfluchten Barbaren töten würde.

Thargad hatte andere Pläne. Der Schurke lief an der Wand entlang, trank dabei einen Trank und wurde ebenso unsichtbar, wie es der Rakshasa gerade ebenfalls wieder wurde.

»Dispensat!«, rief Pecarri. Mit einem Schlag war der Zauber gebannt, der Rakshasa sichtbar – und Thargad auch, kurz bevor er in Schlagreichweite war.

»Ich sehe dich«, sagte der Rakshasa und wandte sich Thargad zu. Er bekam einen Schubs in den Rücken.

»Mich auch?«, fragte Boras, der immer noch kaum auf den Beinen stand.

»Also gut, du zuerst«, sagte der Rakshasa gelangweilt und drehte sich zum Barbaren herum, um ihn niederzustrecken.

»Fehler«, sagte Thargad kalt. Seine Klingen stießen tief in die Achselhöhlen der Kreatur. Selbst die beste Schadensreduktion gab irgendwann auf, und das war hier der Fall. Der Rakshasa kreischte und ließ die Laterne fallen.

»Gnade!«, bat er. »Bitte. Tötet mich nicht. Lasst mich ziehen und ich schwöre...« Er begann mit den Gesten für einen Zauber. Einer von Thamiors Pfeilen traf ihn im selben Moment im Mund wie Thargads Schwert seinen Bauch, sodass unklar bleiben würde, wer von beiden jetzt schneller reagiert hatte.

»Noch ein Fehler«, beschied Thargad und ließ Kaurophon erschauern. Vielleicht würde es doch nicht so einfach werden, diese verfluchten Helden loszuwerden.
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Berandor

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Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges
« Antwort #196 am: 04. August 2006, 14:55:35 »
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Außerdem habe ich den "Perestaltic Wave" unterschlagen; nach dem Blitzstrahl zog sich die Höhlenwand zusammen und fuhr wie eine Welle nach oben; potentiell konnten dadurch Charaktere nach vorne geschleudert werden (Bull Rush). Das war eine Art "unbewusster Zuckungen" des Weltenbaums, wie eine zapppelnde Schlange, die man geköpft hat. War aber schwierig einzubauen, weil kein Charakter davon betroffen wurde.
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Gilvart

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« Antwort #197 am: 04. August 2006, 17:39:31 »
Zum Abschied blickte er noch einmal Thamior in die Augen. »Ruf mich an, wenn du in der Gegend bist«, und dann schwang er sich in den Himmel hinauf.

Genialer Spruch :)

Serath

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« Antwort #198 am: 04. August 2006, 18:12:21 »
Wow, jetzt kommen die Updates ja Schlag auf Schlag.

Die Szene mit dem Engel war genial und Boras wird immer mehr zu meinem Lieblingscharakter.  :)

meist3rbrau

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Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges
« Antwort #199 am: 05. August 2006, 00:06:30 »
Zitat von: "Berandor"
[»Also bist du ein gefallener Engel«, entfuhr es Thamior.

»Macht dich das an?«, fragte Saureya lüstern.

»Gib mir eine deiner Federn. Zwei.«

Der Engel schien ungläubig. »Du bist mir ja ein ganz Böser.«

Er streckte den Flügel aus, sodass Thamior zwei Federn ausrupfen konnte. Saureya quiekte künstlich erregt.


 :lol:
köstlich!
 :lol:
Anti-Psionic-Liga[/url]

Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges
« Antwort #200 am: 05. August 2006, 15:58:39 »
Wirklich gute Geschichte, auch vom Stil her sehr ansprechend geschrieben.

Werde meine Gruppe mit einem Rakshase konfrontieren. War der Kampf wirklich so kurz? Ich hielt Rakshasas bisher immer für recht gefährlich. (Wie hoch war der Schaden?)
"die untoten Drachen werden die Welt beherrschen"

Berandor

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Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges
« Antwort #201 am: 07. August 2006, 12:56:48 »
Der Kampf war recht kurz, was daran lag, dass die Kampf-SCs recht gut darin sind, Schadensreduktion zu überkommen bzw. so viel Schaden zu machen, dass die auch nicht mehr viel hilft (Boras, Sneak Attacks). Insgesamt dauerte der kampf gegen den Rakshasa drei oder vier Runden, glaube ich. Hängt natürlich von der Zauberauswahl ab und davon, wie man den spielt. Genaueres kann ich nicht mehr sagen, ist immerhin jetzt fast drei Monate her.
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Berandor

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« Antwort #202 am: 10. August 2006, 11:55:20 »
Die Prüfung des Rauchenden Auges

Die Kettenbrecher hatten sich gerade Zeit genug genommen, um Boras zu verarzten und die Leichen nach Wertgegenständen zu untersuchen, dann hatten sie ihren Aufstieg fortgesetzt. Bald darauf vernahmen sie ein dumpfes Hämmern, dem sie sich mit jedem Schritt näherten. Wieder schlichen Thamior und Thargad vor.

»Die Höhle endet in einem Thronsaal«, verkündete der Elf, als sie zurück waren. »Sieht aus, als wäre das die Mundhöhle des Schädels. In der Mitte des Saals ist ein eiserner Thron, daneben liegen Tonscherben, am anderen Ende geht es weiter aufwärts.«

»Und das Trommeln?«, wollte Boras wissen.

»Ein Golem, wie es aussieht, auch aus Ton.«

Pecarri und Kaurophon tauschten einen Blick aus. Das war nicht gut. Golems waren bekannt dafür, gegen fast jede Form von Magie immun zu sein.

»Der Golem steht einfach vor der Wand und schlägt auf sie ein.«

»Sein Kontrollzauber muss sich verabschiedet haben«, mutmaßte Pecarri. »Können wir uns vorbeischleichen?«

»Ich ja«, meinte Thamior. »Thargad auch. Aber ihr?«

»Ich könnte Dirim, Boras und Kaurophon in einem Dimensionstor mitnehmen. Aber ihr müsst durch.«

»Kein Problem«, sagte der Elf. »Hoffe ich.«

Thargad und Thamior entledigten sich ihrer schwersten und lautesten Gegenstände – Rüstung ausgenommen. Boras würde die Sachen tragen.

»Wir sehen uns auf der anderen Seite«, sagte Dirim. »Passt nur auf, dass ihr unterwegs nicht niesen müsst.«

Die beiden Leisetreter schlichen los, und Kaurophon schob sich – beinahe ebenso leise, aber wenn der Kobold ihn schon mitnehmen wollte, warum sollte er dann das Risiko des Schleichens eingehen? – weit genug vor, dass er den Raum sehen konnte. Mit Ausnahme des Throns war er völlig leer. Rechts sah man die Zähne des Schädels, durch Lücken zwischen ihnen fiel rotes Licht ein. Direkt gegenüber war ein Durchgang, durch den man eine Wendeltreppe erkennen konnte, und nahe bei stand eine drei Schritt große Gestalt aus Ton, die hirnlos und ohne Erfolg gegen die Wand trommelte.

Thamior schob sich langsam durch den Raum. Er war etwas leichtfüßiger als Thargad und hatte schnell ein paar Schritt Vorsprung. Keiner von beiden bewegte sich hastig, sondern langsam und bedächtig. Die Füße wurden im Takt mit den Faustschlägen des Golems gesetzt. Thargad war jetzt am Thron angelangt – ein wirklich unbequem, aber imposant aussehendes Stück Metall – und Thamior stand im Rücken des Golems. Boras legte Kaurophon die Hand auf die Schultern, um den nötigen Körperkontakt herzustellen. Sobald die beiden drüben waren, würde Pecarri das Dimensionstor öffnen.

Plötzlich hielt der Golem inne. Seine rechte Faust war zum Schlag erhoben, aber er rührte sich nicht mehr. Gleichsam Thamior, der genau zwischen dem Golem und dem Durchgang stand. Thargad war ebenfalls stehen geblieben und schien abzuschätzen, ob er besser hinter den Thron zurück gehen oder durch den Ausgang rennen sollte. Keiner von beiden wagte, zu atmen. Kaurophon fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Ein kleiner Ausruf nur, und der Golem hätte ein paar Sekunden Zeit, einen der beiden zu Brei zu schlagen. Er holte Luft.

Der Golem setzte seine Wandprügelei fort, und mit einem Satz war Thamior durch, und noch während Thargad zu ihm aufschloss, spürte Kaurophon das Ziehen des Dimensionstors, das ihn ebenfalls auf die andere Seite bringen würde.

-

Die Wendeltreppe endete in Nasenhöhe. Der vor ihnen liegende Raum war kleiner als der Thronsaal, aber dafür winkelten sich mehr als ein halbes Dutzend Gänge von ihm ab. Diesmal gab es keinen erkennbaren Ausgang, aber in der Mitte des Raums brannte ein zwei Schritt großes Feuer. Das Feuer war schwarz und kalt. Neben den Flammen lagen verstreute Notizen.

»Sieht aus, als wäre jemand hiergewesen«, sagte Dirim leise. »Sollen wir uns dieses schwarze Feuer mal aus der Nähe ansehen?«

Er trat in den Raum. In diesem Moment schimmerte die Luft vor ihm, und ein rothäutiges, vierarmiges Geschöpf vor ihm, dass ihn mit Kurzschwertern und Klauen angriff.

Boras war sogleich bei Dirim, Schlachtenwut gezogen. Thargad wirbelte auf seine andere Seite, und Dirim nutzte die Gelegenheit, um einen Schritt zurück zu treten und sein heiliges Symbol zu fassen.

»Tyr schütze uns vor diesem Bösen!«

Wieder schimmerte die Luft, und diesmal entstand ein Spinnenwesen aus dem Nichts. Es versuchte, sein Beißwerkzeug um Dirims Arm zu legen, aber eine unsichtbare Macht hielt es davon ab.

»Berühren verboten«, sagte der Zwerg. Genüsslich langsam zog er Treueschwur.

Kaurophon tastete sich langsam durch den Raum und schlüpfte in den ersten Gang, der sich abzweigte. Er merkte, dass Pecarri ihm folgte.

»Die anderen haben die Sache im Griff«, sagte der Kobold. »In der Zwischenzeit sollten wir vielleicht die Gänge überprüfen.«

»Ja, das hatte ich auch vor«, log Kaurophon. »Gute Idee.«

Tatsächlich war die Lage nicht besonders gefährlich. Thargad und Boras machten ihren Gegner zunichte, und die beschworenen Gegner konnten sie nicht einmal angreifen. Kaurophon beobachtete, wie Thamior an den Kämpfenden vorbei ging und sich den Notizen näherte – und dem schwarzen Feuer. Der Elf blieb neben den Flammen stehen und beugte sich vor, um ein Pergament aufzuheben.

Ein knisternder Sprechgesang ertönte, und aus dem Flammen griff eine verknöcherte Hand nach dem Elfen. Ein schwarzes Leuchten ging von der Knochenhand aus.

»Das kann ja keiner lesen«, beschwerte sich Thamior und warf das Pergament über seine Schulter – genau gegen die Knochenhand. Das schwarze Leuchten entlud sich in einem kleinen Blitz, konnte das Pergament aber nicht töten. Thamior wirbelte herum, gerade als ein ziemlich untot aussehender Kleriker aus dem schwarzen Feuer trat. Kaurophon musste seine Augen abwenden. Thamior war nicht schnell genug. Er blieb wie angewurzelt stehen.

»Leichnam!«, rief Pecarri aus einem anderen Gang. »Leichnam!« Es klang nicht sehr erfreut.

Kaurophon frohlockte. Endlich mal ein Gegner, der ein wenig mit den Kettenbrechern aufräumen würde. Er zog sich noch tiefer in die Schatten zurück und wartete.

Flammenlanzen prallten von der Haut des Leichnams ab. Schlachtenwut vermochte seine Rüstung nicht zu durchdringen. Thargad suchte vergeblich nach einer verwundbaren Stelle. Dirim ließ heiliges Feuer regnen, doch der Leichnam reagierte nicht einmal. Er fixierte Thamior mit einem kalten Blick. Wieder sammelte sich schwarze Energie in seiner Hand. Die papiernen Lippen des Leichnams verzogen sich zu einem gehässigen Grinsen.

Pecarri sprang aus dem Gang heraus. Seine Klaue zeigte direkt auf den Leichnam.
»Jetzt aber: Discorpora!« Die Klaue färbte sich gelb. Sonst passierte nichts.

Kaurophon musste an sich halten, um nicht zu lachen. Endlich. Der Leichnam hob seine Hand und zeigte damit auf Thamior. Boras hieb verzweifelt auf ihn ein. Dirim streckte sein heiliges Symbol vor, um ihn zu vertreiben. Alles sinnlos. Die schwarze Energie entlud sich und schoss einer Lanze gleich auf Thamior zu. Der Elf kippte zur Seite, und der Strahl löste nur ein paar seiner Haare auf. Thamior landete auf dem Boden, Thargad auf ihm. Er hatte ihn gerade rechtzeitig umgeworfen.
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Kaurophon konnte es nicht glauben. Diese Glückspilze!

Pecarri beschwor eine Energielanze, und endlich konnte er dem Leichnam Schaden zufügen. Sein Hieb brach den linken Unterarm des Untoten und brahte Boras auf eine Idee.

»Halt die mal etwas höher!«

Er ließ Schlachtenwut fallen und packte den Leichnam an der Taille. Der Leichnam kratzte ihm über die Brust, doch der Barbar kümmerte sich nicht darum. Er hob den Untoten in die Luft und warf ihn auf Pecarris bereite Lanze, dass er darauf aufgespießt wurde. Der Leichnam zappelte noch etwas, dann zerbarst er zu Staub. Kaurophon kam aus seinem Versteck.

»Ist alles in Ordnung? Bei Azuth, ich dachte schon, Thamior sei tot.«

»Wenn der Typ etwas besser zielen könnte, wäre ich das auch gewesen«, sagte der Elf, von seiner Lähmung befreit. »Und wo wart ihr?«

»Ich... hatte Angst.«

»Verständlich«, sagte Dirim. »Aber jetzt kommt. Wir sollten einen Ausgang aus diesem Raum finden. Es sei denn, das war die letzte Prüfung.«

Pecarri nahm die Notizen auf. »Nein. Wie es aussieht, hat der Typ nur dieses schwarze Feuer untersucht. War mehr eine Art Zufallsbegegnung.« Er hob den Blick. »Was zeigt denn die Laterne an?«

Die Laterne wies auf einen der Gänge, und am Ende des Gangs befand sich ein weiterer Anstieg. An Ende des Ganges: die Schädeldecke. Und die letzte Prüfung.

-

Der letzte Raum war auf Höhe der Augen errichtet und wölbte sich mehrere Schritt über dem Boden. Etwas, das man nur als “Weltenriss” bezeichnen konnte, ein gleißender Spalt mitten in der Luft, schleuderte feuerrote Energie aus einem der beiden Augen im Schädel. Das andere war frei. Die Laterne wies direkt auf den Riss.

»Ist hier jemand?«, fragte Dirim.

»Ich.« Der Dude erschien in der Luft. »Ihr habts also geschafft.«

Er räusperte sich. Kaurophons Herz klopfte wild.

»Im Namen von Adimarchus, dem mächtigsten und weisesten Herrscher, heiße ich euch erneut willkommen. Dies ist die letzte Prüfung, und sie stellt euren Willen auf die Probe. Um Occipitus zu beherrschen, um seine Macht zu ergreifen und zu nützen, müsst ihr bereit sein, euch von allem zu trennen, was ihr als wichtig erachtet. Die Prüfung des Willens verlangt, dass ihr einen Eurer Verbündeten dem Plasma opfern müsst. Dann ist Occipitus euer.«

Kaurophon kicherte. »Nur einen? Kein Problem!«

-

»Blitzableiter!«

Zwischen Dirim und Pecarri schlug ein Bogen aus Elektrizität ein. Es roch verbrannt, dann flog der Kobold rückwärts und blieb regungslos liegen.
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»Nummer eins«, sagte Kaurophon. »Jetzt zu Nummer zwei.«

Die Kettenbrecher sprangen auseinander. Im Laufen feuerte Thamior zwei Pfeile ab, Thargad warf einen Dolch, und Boras sprang mit seiner Axt voraus. Dirim zog sein Schwert und trat auf Kaurophon zu. Der zwinkerte, hüllte sich in die Schatten und schlüpfte auf der anderen Seite des Raums wieder heraus.

»Blickdichte!« Er fühlte, wie er unsichtbar wurde. Jetzt konnte er frei attackieren. Erst den Barbaren. Während die Kettenbrecher ihn verzweifelt suchten, peilte er genüsslich sein Ziel an.

»Kälteodem!«

Eis hüllte Boras ein und warf ihn um.

»Dort vorne!«, rief Dirim und zeigte direkt auf Kaurophon. Seine Augen leuchteten mit Erkenntnismagie. Gleichzeitig begann er zu beten.

»Tyr, versperre diesem Unhold den Weg zum Thron.«

Eine Steinwand wuchs aus dem Boden und umgab den Weltenriss.

»Das büßt du«, versprach Kaurophon. »Blitzableiter!« Diesmal hüllte die Energie Thamior und den Zwerg ein, aber Kaurophon konnte nicht noch einen Zauber maximieren. Der verdammte Zwerg ging nicht in die Knie. Und wo war der Schurke?

»Psst«, flüsterte es neben ihm. »Hier bin ich.«

Kaurophon wirbelte herum, gerade als Thargad seinen Schminkkoffer geöffnet und die Puderdose in die Hand genommen hatte. Der Schurke spitzte die Lippen und blies.

Kaurophon warf sich in die Schatten und sprang zum anderen Ende des Raums. Dann sah er sich um. Der Kobold war tot, der Barbar eingefroren. Der Zwerg musste weg.

»Kugellager!« Eine kugelförmige Struktur wölbte sich um Dirim, aber ein Schlag mit Treueschwur ließ den Zauber zerbersten, bevor er beendet war.

»He, Kaurophon!«, rief Thamior. Er hatte den Bogen gehoben. »Ich kann dich sehen.«

Der erste Pfeil flog heran. Kaurophon schlug ihn mit der Hand zur Seite. Er sah, wie Thargad sich auf den Weg zu ihm machte. Hastig begann er, in seiner Tasche zu kramen. Den Auflösungszauber! Er brauchte den Auflösungszauber.

Ein zweiter Pfeil drang ihm in die Schulter. Kaurophon funkelte den Elfen an und suchte weiter nach der Schriftrolle. Seine Finger ertasteten etwas. Das war sie! Er riss die Schriftrolle heraus und entrollte sie. Mit einem Seitenblick auf Thargad begann er zu lesen.

Ein dritter Pfeil. Kaurophon musste ausweichen und geriet aus dem Takt. Verdammt, es war eine ganz kurze Formel. So schwer konnte die doch nicht sein. Noch mal von vorne. Er sah wieder zu Thargad – und blickte ihm direkt ins Gesicht.

»Zu langsam«, sagte der Assassine.

Kaurophon spürte einen stechenden Schmerz in seiner Bauchgegend, aber seltsamerweise war der schnell vorüber, und jetzt – flog er? Es war, als würde er fliegen. Plötzlich war es eisig kalt und grell erleuchtet. Und dann–
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-

Immer dieses Grau. Die Einöde hatte ihren Namen wirklich verdient. Der Kobold Pecarri, einst ein Mensch namens Helion, stand in der Gräue und überlegte. Vielleicht war es gar nicht so uninteressant, tot zu sein. Solange man aus der Einöde rauskam.

Aus dem Nichts schälten sich zwei Gestalten: ein bärtiger Magier mit schwarzem Stecken und ein runzliger Kobold.

»Helion«, sagte Azuths Gesandter.

»Pecarri«, sagte Kurtulmaks Repräsentant.

»Deine Freunde rufen dich«, sagten beide gemeinsam. »Willst du zurück?«

»Ja. Was muss ich dafür tun?«

»Schwöre mir Treue«, sagte der Kobold. »Und ich mache dich endgültig zu einem der meinen. Du wirst ein richtiger Kobold!«

»Bin ich denn keiner?«

»Nun ja... doch«, gab Kurtulmak zu. »Aber ich gebe dir eine richtige Koboldfamilie. Was sagst du?«

»Wenn du zurückkehren willst«, sagte Azuth, »so will ich dich nicht aufhalten. Aber in Cauldron wartet eine Aufgabe auf dich. Du wirst Verräter an meinem Namen aufspüren und zur Strecke bringen.«

»Das klingt besser als eine Koboldfamilie«, sagte Helion. »Gehen wir.«


-

»Das macht doch keinen Sinn«, sagte Helion. »Warum sollte Adimarchus einen Test entwerfen, bei dem man sich selbst opfern muss, um ihn zu bestehen?«

»Trotzdem glaube ich, dass es das Richtige ist«, beharrte Dirim.

»Können wir nicht zuerst mal Kaurophon in das Plasma schmeißen?«, wollte Thargad wissen. »Auch, wenn es nichts nützt.«

»Und vielleicht nützt es sogar was«. sagte Helion.

»Erstens wissen wir nicht, ob Kaurophon überhaupt als Verbündeter zählt – wahrscheinlich muss das Opfer uns als solche gesehen haben. Außerdem ist er tot, und Tote kann man nicht opfern, das hat auch der Dude gesagt. Und selbst wenn all dies nicht wäre, so müsste Kaurophon doch wohl zumindest komplett sein.«

Dirim blickte vorwurfsvoll zu Thamior, der ungerührt den Darm des Verräters reinigte und für die Verarbeitung als Bogensehne vorbereitete.

»Wo ist der Dude eigentlich?«

»Er wollte bei deiner Wiederbelebung nicht dabei sein. Irgendwas mit einem schwachen Magen.«

»Hm. Jedenfalls halte ich das für eine dumme Idee.«

»Ich sage dir doch, ist es nicht.« Dirim stand auf. »Ich habe zu Tyr gebetet. Ich habe gefragt, ob es sein Wille sei, dass ich mich opfere. Und er hat “ja” gesagt.«

»Und wenn Tyr sagt, dass du von einer Brücke springen sollst, machst du das dann auch?«

»Natürlich.«

Helion nickte. »Blöde Frage. Trotzdem: Hast du gefragt, ob du dabei sterben wirst?«

»Nein.«

»Also könnte es Tyrs Wille sein, dass du dich einfach opferst, damit wir alle überleben und einer von uns das Zeichen des Rauchenden Auges bekommt?«

»Könnte es.«

»Trotzdem willst du dich opfern?«

»Ich muss.«

Der Kobold schüttelte den Kopf. »Dann tu dir keinen Zwang an.«

Dirim verabschiedete sich noch einmal von seinen Freunden. Dann näherte er sich der Steinwand und schuf kraft seines Glaubens ein Loch in der Wand, gerade groß genug für einen Zwerg. Und mit einem letzten, stillen Gebet trat er ins Feuer.

Dirim schrie für beinahe drei Atemzüge, während die Plasmen seinen Körper zu Staub verbrannten. Schließlich blieb keine Spur mehr vom Zwerg, und nur das Donnern des Weltenrisses füllte den Raum mit Klang.

»Eine wirklich tolle Idee«, sagte Helion.

-

Dirim fand sich in schmerzhafter Röte wieder. Überall um ihn herum war rot, und es gab keine Veränderung der Umgebung, egal wie weit er auch blickte. Aber er war nicht allein. Drei prachtvolle Engel mit goldener Haut und schimmernden Flügeln, die Gesichter schmutzig von den schwarzen Tränen, die sie weinten, blickten ihn überrascht an.

»Wer bist du?«, fragten sie, und: »Was willst du hier?«

»Ich bin Dirim Gratur, Richtschwert von Tyr. Und wer seid ihr?«

»Wir sind die Geißel Celestias«, sagte einer der drei voller Traurigkeit. »Ich bin Cyrus, und das sind meine Geschwister Galad und Juka. Wir sind schuld, dass ein Teil des Himmels in die Hölle fiel.«

»Ich komme von Occipitus«, sagte Dirim. »Ich habe mich geopfert, um meinen Gefährten das Zeichen des Rauchenden Auges zu geben.«

»Ha!«, lachte Juka. »So funktioniert das nicht. Du musst abgrundtief böse sein und es durch deine Taten beweisen, um den Thron zu besteigen.«

»Muss man das?« fragte Galad. »Ich meine... er hat sich geopfert.«

Juka sah ihn an. »Es könnte funktionieren. Aber dann wären wir...«

»Na und?«, fragte Cyrus. »Was haben wir in all den Jahrzehnten schon ausrichten können, Gefangene die wir sind. Wir konnten den Prozess nur verlangsamen. Aber mit einem guten Herrscher...«

»Hoffnung für Occipitus«, schloss Galad.

»Lasst es uns tun«, sagte Juka.

Die drei umringten Dirim und breiteten ihre Schwingen aus, bis Dirim kein Rot mehr sehen konnte. Die Engel begannen in einer fremden Sprache zu singen, und warmes Licht entstand um sie herum, immer stärker pulsierend. Dann blitzte es auf.


-

Es blitzte. Die Kettenbrecher blickten auf. In der Mitte des Raums stand eine Gestalt aus Asche und Feuer, die sich langsam umsah. Dann hustete sie, und Asche wie Flammen fielen von ihr ab und enthüllten einen unversehrten Zwerg. Einen unversehrten Zwerg, dessen rechtes Auge mit unheiligem Feuer brannte und stinkenden Rauch ausstieß.

»Dirim?«, fragte Boras vorsichtig.

Als Antwort streckte der Zwerg Helion die Zunge raus. »Ich habs doch gesagt.«

»Wie fühlst du dich?«, fragte Thamior.

»Gut. Sehr gut.« Dirim blickte ins Leere. »Ich kann Occipitus spüren. Ich kann es sehen. Ich ... Dude!«

Mit einem Blitz war der Dude im Raum. Die große Kreatur verneigte sich.

»Meister?«

»Ich möchte eine Aufstellung über alle Besitztümer und Bediensteten, die sich auf Occipitus befinden, sobald ich zurück bin.«

»Zurück? Wo geht ihr hin?«

Dirim streckte die Hände nach seinen Freunden aus. Die Kettenbrecher zögerten, dann griffen sie zu. Dirim konzentrierte sich.

»Nach Hause.«
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Berandor

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Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges
« Antwort #203 am: 10. August 2006, 12:09:32 »
NSC-Block 1
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Der Leichnam hat nicht alle Wesen beschworen, die er beschwören konnte, da Dirims "Schutzkreis vor Bösem" ihre Effektivität gleich null gesetzt hat Trotzdem hier für euch alle

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« Antwort #204 am: 10. August 2006, 12:15:47 »
NSC Block 2

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« Antwort #205 am: 10. August 2006, 12:23:15 »
Das Zeichen des Rauchenden Auges

Als Adimarchus verschwand, hinterließ er auf Occipitus die Möglichkeit, seine Nachfolge anzutreten. Wer die drei Prüfungen besteht, erhält das Zeichen des Rauchenden Auges und als Folge diese Schablone. Das Zeichen beinhaltet eine enge Verbindung zur und mit der Ebene; auf Dauer kann der Träger des Rauchenden Auges die Ebene nach seinen Wünschen verändern und kontrollieren.

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Die effektive Charakterstufe des Trägers beträgt +1, wenn er nicht auf Occipitus ist, und +3, wenn doch.

Plasmen
Plasmen sind hirnlose Zusammensetzungen aus Flamme und Bösartigkeit. Sie nähern sich mit einer Bewegung von Flug 9m (perfekt) jedem Lebewesen innerhalb von 36m. Wenn kein Lebewesen in der Nähe ist, steigen sie wieder in den Himmel auf. Wenn ein Lebewesen von einem Plasm berührt wird, nimmt es 8w6 Feuer- und 8w6 unheiligen Schaden. Die Plasmen bewegen sich jeweils zur Initiative 0 und sind zerstört, wenn sie in einer Runde je 100 Punkte Kälte- und heiligen Schaden nehmen.

Occipitus
Mit Ausnahme der Himmelsbrocken ist Occipitus leicht chaotisch und leicht böse. Rechtschaffene oder gute Wesen erleiden -2, rechtschaffen gute -4 auf Charisma-bezogene Würfe.

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« Antwort #206 am: 10. August 2006, 18:01:19 »
Zitat
Das schwarze Leuchten entlud sich in einem kleinen Blitz, konnte das Pergament aber nicht töten.

Wundervoll!  
Ganz großes Tennis!  :D
Gefällt mir sogar noch viel besser als das vorangegange Update.


@Dirim: Lass dich nicht korrumpieren, die dunkle Seite der Macht ist verführerisch.  :wink:
"die untoten Drachen werden die Welt beherrschen"

Dirim

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« Antwort #207 am: 10. August 2006, 21:25:03 »
Sei unbesorgt, junger Padavan.
Der Gerechtigkeit wird Genüge getan werden :0)

Aber, so ganz sicher bin ich mir nicht, welche Auswirkungen das mal haben mag.

Dirim

Berandor

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Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges
« Antwort #208 am: 16. August 2006, 10:28:03 »
Epilog

»Willkommen bei den Käfigmachern«, sagte Dämonics Grimm zum Racheengel. »Wenn du Mist baust, bringe ich dich um.«

»Ich will Rache.«

»Und du wirst sie kriegen.« Er sah sich um. »Sonnentau. Wie weit sind wir mit–«

Mit einem Blitz stand ein schwer atmender Glabrezu im Raum.

»PFEIFER! WO IST MEINE BELOHNUNG?«

»Was in Adimarchus’ Namen–«, begann Dämonicus Grimm, wurde aber wieder unterbrochen.

»SCHWEIG, MENSCH! ICH, NABTHATORON, REDE JETZT. IHR HABT MICH ZU EUREM LAKAIEN GEMACHT, UND DAFÜR SOLLTE REDGORGE FALLEN. ES WIRD ZEIT, DASS IHR EURE SCHULD BEZAHLT.«

Grimm erhob sich. Er räkelte sich.

»Lasst uns allein.«

Die übrigen Käfigmacher verließen den Raum, während Nabthatoron seinen Blick auf den unbewaffneten Mann vor ihm gerichtet hielt. Die letzte Tür schloss sich, und sie waren allein.

»WAS WILLST DU JETZT TUN, MENSCHLEIN?«

Grimm lächelte zum ersten Mal seit langer Zeit.

»Reden.«

-

Beinahe wäre sein Stiefel auf dem nassen Dach weggerutscht, aber Velior Thazo behielt das Gleichgewicht und hastete weiter. Bis zur Dachkante hinauf, auf der anderen Seite hinunter, abspringen, auf das nächste Dach, und das alles schnell genug, um einen Moment Ruhe zu haben.

Hinter ihm schlugen die Stiefel seines Verfolgers auf, ohne auch nur ansatzweise abzurutschen. Velior Thazo sprang, kam auf dem nächsten Dach auf, schlug einen Haken und wandte sich nach links. Hinter sich hörte er ein leises Lachen. Er brauchte nur einen Moment, einen Augenblick der Konzentration um sich zu verwandeln, dann würde er einfach davonfliegen. Aber er wusste, dass er sich diesen Moment verdienen musste.

Das nächste Dach war um einiges höher. Velior verbannte die näherkommenden Laufgeräusche aus seinem Gehirn und konzentrierte sich auf den Sprung. Unter ihm brach ein Dachziegel weg, aber er katapultierte sich nach oben, bekam den Mauersims zu fassen und schob sich noch einmal höher, jetzt hockte er auf dem Dach, kam sofort wieder hoch und rannte weiter. Hinter ihm landete sein Verfolger völlig problemlos auf dem höheren Dach. Wieder dieses Lachen.

Velior Thazo rannte, so schnell er konnte, bis das Feuer in seinen Lungen Blut zum Kochen bringen konnte. Dann sprang er ab, diesmal nur so weit und hoch wie möglich, egal wohin, und begann noch in der Luft seine Verwandlung. Seine Flügel bahnten sich ihren Weg durch seine Kleidung hindurch, und er erlaubte sich einen Moment der Hoffnung.

Sein Verfolger prallte in seinen Rücken, krallte sich an ihm fest und zog ihn unerbittlich herunter. Sie krachten in eine Gasse, und der Aufprall gab ein hässlich nasses Geräusch von sich.

Velior Thazo versuchte aufzustehen, nur um wieder zu Boden zu fallen. Seine Hüfte war gebrochen. Mit aller Kraft zog er sich die Gasse entlang, nur weg von dem dunklen Schatten, der sich schon wieder zu regen begonnen hatte. Jetzt stand er auf, schüttelte sich kurz und stieß dann wieder dieses Lachen aus. Velior Thazo spürte, wie die Schminke auf seinem Gesicht verschwamm.

»Lass mich leben. Bitte. Ich... ich verlasse die Stadt. Heute noch. Du wirst der neue Hofnarr sein. Nur lass mich leben.«

Lachen.

»Oh, verdammt! Ich tue alles, du musst es mir nur sagen.«

Feuriger Schmerz schoss durch seine Venen.

»Masks rottende Visage, was willst du?«

»Rache.«

-

»Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?«, fragte Corah zum wiederholten Male.

»Corah, Liebes, überlass das mir«, sagte Annah. »Du hast mit deiner Hochzeit schon genug im Kopf.«

Todd kicherte.

»Ach komm, Annah, das war nicht nett«, kam Zacharias zu Hilfe.

»Nein, du hast recht. In Zukunft werde ich alle Fragen dreimal beantworten.«

»Ich mein ja nur«, sagte Corah. »Sieht das hier vielleicht wie ein geheimer Tunnel in das Stadthaus aus?«

»Na ja, nein«, gab Annah zu. »Aber vielleicht ist er deshalb so geheim. Todd sagt, sein Informant war sich sicher.«

»Das war er. Heute nacht sollen sich genau hier Attentäter rumtreiben.«

»Ich sehe nichts«, sagte Corah und trat einen Stein weg. »Totaler Fehlschlag.«

»Wartet mal«, sagte Annah. »Ich glaube, ich habe da etwas–«

-

Jenya fuhr auf und blinzelte in die Nacht. Sie sah nichts, aber sie hörte ganz deutlich jemanden atmen.

»Wer ist da?«

Sie griff nach ihrem Streitkolben. Er war weg, ebenso wie die ewige Lampe auf ihrem Nachttisch. Sie konzentrierte sich, aber keine Gebete kamen zu ihr. Immer noch konnte sie nichts sehen, keine Bewegung ausmachen, nur den Atem hören.

»Was soll das? Antwortet!«

»Du befiehlst mir, Tochter?«

»Helm? Herr, verzeiht, ich–«

»Schweig. Ich bin nicht zufrieden. Du warst blind und hilflos wie ein altes Weib in ihrem Bett. Wach auf und sieh dich um. Sei meine Augen, die das Böse sehen. Sei meine Stimme, die es benennt, auf das meine Hand es entfernen kann.«

»Eure Hand?«

»Meine Hand wird zu Euch kommen. Seid bereit.«

-

Krystof gähnte aus vollem Mund. Er zog sich ein Hemd über und ging die Treppe hinab. Der Turm waberte im Licht der ersten Sonne, und voller Vorfreude auf den neuen Tag trat er hinaus in den – Schatten?

Er sah auf. Die Spitze des Tempels lag im Sonnenlicht. Darunter aber fand kein Strahl seinen Weg auf den Tempel. Krystof blickte in Richtung Sonnenaufgang. Zwischen ihm und der Sonne lag der Urpsrung des Schattens. Er hatte es gewusst. Von Anfang an hatte er es gewusst, aber alle hatten ihn belächelt. Diese verdammten Azuthpriester hatten ihren Finger so hoch gebaut, dass sie ihm die Sonne nahmen. Er blickte auf den riesigen, achteckigen Bau und wusste, dass sie noch höher bauen würden.

Plötzlich fühlte er sich schwach. Er stolperte in den Tempel zurück und fiel zu Boden, wo es ihm dunkel wie die Nacht erschien. Dann überließ es sich seiner Verzweiflung und weinte, er wusste nicht wie lange.

Licht traf seine Augen. Er kniff sie zusammen, unwillig. Dann stockte er. Licht? Er blinzelte die Tränen weg und sah auf. Da war es, unzweifelhaft. Aus der Wand kam Licht, und nicht irgendwie. Es bildete einen Umriss. Den Umriss einer Tür.

-

Nabthatoron rutschte an der Wand herunter. Blut floss ihm aus unzähligen Wunden, eine seiner Scheren war gebrochen, die andere abgerissen. Ein Auge fehlte. Seine Schnauze zitterte vor Anstrengung, sich am Leben zu halten.

Dämonicus Grimm trat vor ihn hin. Seine Kleidung war blutig. Er wischte sich die Hände an einem Tischtuch ab.

»Und zu guter Letzt«, sagte Grimm, »werde ich einfach nicht gerne unterbrochen.«

Nabthatoron hustete Blut. Er bemühte sich offensichtlich, etwas zu sagen.

»DIE... KETT... KETTENBRECHER. SIE...«

Dämonicus Grimm ging neben dem Glabrezu in die Hocke.

»Ich weiß. Ihr habt die Kettenbrecher für mich ausgeschaltet. Und darum mache ich es auch nicht ganz so schmerzhaft für euch.«

Nabthatoron schüttelte den Kopf. Er hustete wieder, ein nasses Husten, keuchend. Es war ein lang anhaltendes Husten, und es dauerte ein wenig, bis Grimm erkannte, dass es gar kein Husten war. Der Glabrezu lachte.

Dämonicus Grimm packte den Hundekopf des Dämonen, und mit einem Ruck brach er ihm das Genick. Er stand auf. Er würde den Pfeifer die Schweinerei wegmachen lassen. Er war auf dem Weg zur Tür, als er noch einmal innehielt. Er drehte sich zum toten Glabrezu um. Dann sah er seine ruinierten Kleider an.

»Sehr komisch.«
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Stadt in Ketten V: Die Prüfung des Rauchenden Auges
« Antwort #209 am: 17. August 2006, 19:00:24 »
Dämonicus Grimm gefällt mir. Sehr sympathischer Typ. Ein wenig humorlos vielleicht, aber naja, man kann nicht alles haben.

Ich hätte da mal ne Frage: Wie führt ihr Protokoll über die einzelnen Sitzungen? Wann tippst du das Erlebte ab? In welcher Form?
Da unsere Gruppe immer nachts spielt, fällt es manchmal recht schwer sich am Ende zurechtzufinden. (Dafür ist die Stimmung besser  :wink:  )
Da ich fast jedes Mal beim Lesen deiner SH zum Abenteuer schreiben inspiriert bin, will ich ebenfalls einiges aus meiner Gruppe in der beschriebenen Form bearbeiten.
(Zwischenspiele meinerseits sind ja schon zu bewundern  :wink:  )
"die untoten Drachen werden die Welt beherrschen"

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