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Workshop => Story Hour => Thema gestartet von: Halvar am 12. Februar 2008, 06:17:29

Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 12. Februar 2008, 06:17:29
Spoiler-Warnung!

Bei dieser Story Hour handelt es sich um das Abenteuer "Das Sanatorium" aus dem Cthulhu-Quellenbuch Dementophobia (http://www.dnd-gate.de/gate3/page/index.php?id=1812). Es dürfte hoffentlich klar sein, dass alle Spieler, die dieses Abenteuer noch zu spielen gedenken, in diesem Thread nichts zu suchen haben!


Allen anderen wünsche ich viel Spaß! :)
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 12. Februar 2008, 06:23:07
Inhaltsverzeichnis


Session-Historie:


Dieser Beitrag wird von mir immer auf dem neuesten Stand gehalten, damit man sofort zu den jeweiligen Teilen springen kann.
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 12. Februar 2008, 06:39:22
Cthulhu fhtagn!

Bei dieser Story Hour handelt es sich um die Erlebnisse meiner Spielgruppe. Ich spiele dabei den Charakter Major William Mannock, einen Großwildjäger und früheren Kampfpiloten im ersten Weltkrieg. Dies ist sein Tagebuch. Wir spielen eine Cthulhu-Runde in der klassischen Periode, d.h. 1920er Jahre, wobei das genaue Datum nicht definiert ist. Das verwendete System ist jenes von Pegasus/Chaosium in der neuesten Version (Zweite Edition). Als Ausgangspunkt für die Kampagne und Bezugspunkt für die Charaktere wurde London festgelegt.

Leider bringt eine öffentliche Story Hour eines Cthulhu-Abenteuers auch ein Problem mit sich, nämlich die ganzen Handouts. Diese sind in aller Regel äußerst zahlreich, unterliegen aber dem Urheberrecht, so dass ich sie hier nicht einfach wiedergeben kann. Die alten Fotos sind dabei - soweit ich weiß - kein Problem, denn wie ich inzwischen festgestellt habe, holt Pegasus Press sich diese selbst aus dem Internet, mit dem Hinweis, dass aufgrund des Alters der Bilder diese inzwischen frei vervielfältigt werden dürfen (ob das stimmt, mag ein Jurist beurteilen, ich vertraue dem jetzt einfach mal). Die Fotos, die zum Aufbau der Atmosphäre und zur Visualisierung in dem Quellenbuch enthalten sind, werde ich also hier wiedergeben, in der Hoffnung, dass das kein Problem darstellt. Falls doch, bitte ich um einen entsprechenden Hinweis, und ich werde die Bilder umgehend entfernen.

Anders sieht es jedoch mit anderen Spielhilfen aus, also beispielsweise irgendwelchen Schriftstücken, Grundrissen von Gebäuden oder ähnlichem, also Dingen, die von Pegasus Press selbst für das Abenteuer erstellt worden sind. Da ich diese hier mit Sicherheit nicht vollständig wiedergeben darf, müsst ihr leider darauf verzichten. Ich werde versuchen, den Inhalt dieser Spielhilfen zumindest grob wiederzugeben, so dass man der Geschichte bzw. den Schlussfolgerungen, die die Charaktere aus diesen Handouts ziehen, trotzdem folgen kann.

Die Update-Häufigkeit wird eher gering sein, so viel kann ich jetzt schon mal sagen. Wir spielen leider äußerst selten (zwischen den Sessions liegen immer so 1 bis 2 Monate), außerdem bin ich ein extrem fauler Tagebuch-Autor und hänge schon jetzt bereits zwei Sessions hinterher. Ihr müsst mich also motivieren, z.B. durch konstruktive Kommentare, über die ich mich übrigens freuen würde, insbesondere da dies meine erste Story Hour überhaupt ist. :)
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 12. Februar 2008, 07:01:56
Dramatis personae: Major William Mannock

Geboren wurde William zwischen Weihnachten und Silvester 1887 in eine einfache Arbeiterfamilie in Cork (Irland). Als William 2 Jahre alt war, stürzte sein Vater in stark angetrunkenem Zustand von einer Kaimauer in den Lee und ertrank. Kurz darauf wurde seine Mutter schwer krank und verstarb ebenfalls. Der nunmehr verwaiste William wurde von seinem Onkel und seiner Tante adoptiert und wuchs zusammen mit deren leiblichem Sohn Edward auf, der etwa im gleichen Alter wie William und schon bald so etwas wie ein Bruder für ihn war.

Aber auch Williams neue Familie war keine besonders glückliche: Edwards Vater war ein brutaler Saufbold und verließ die Familie, als Edward und William 12 waren. Die alleinerziehende Mutter konnte die beiden Jungs aber nicht alleine ernähren und so musste sie mit ihnen nach England ziehen, wo ihre Verwandten lebten, damit diese sie unterstützen konnten. Edward und William konnten trotzdem nicht weiter zur Schule gehen, sondern mussten mit Gelegenheitsarbeiten für sich und ihre Mutter sorgen. Als sie 16 waren, sahen sie die einzige Möglichkeit, dieser Situation zu entkommen und ihre Mutter zu entlasten, darin, sich für den Militärdienst einzuschreiben.

Ihre Mutter sollte stolz auf sie sein, und so absolvierten William und Edward die Grundausbildung mit Bravour und erhielten die Möglichkeit, sich in der renommierten Militärakademie von Sandhurst einzuschreiben. Beide entschlossen sich für eine Karriere beim Royal Flying Corps und absolvierten eine Ausbildung zum Kampfpiloten. Während William jedoch schon bald an seine Grenzen stieß, zeigte Edward ein beeindruckendes Talent für diesen Job. Als der große Krieg ausbrach, entpuppte sich Edward als Flieger-As, das ein deutsches Flugzeug nach dem anderen vom Himmel schoss. William dagegen wurde zu den Aufklärern versetzt und sorgte dafür, dass die englischen Truppen stets über die Standorte und Bewegungen der Feinde informiert waren, einerseits zur Unterstützung der eigenen Taktik, andererseits zur Zielbestimmung für die Artillerie. Und auch wenn diese Arbeit weit weniger populär war als die spektakulären Luftkampf-Siege seines Cousins, so war sie doch nicht weniger wertvoll, und sorgte immerhin dafür, dass William im Laufe des Krieges zum Major befördert wurde und zwei Orden erhielt.

Am 26. Juli 1918, kurz vor dem Ende des großen Krieges, geschah jedoch etwas, das Williams Leben völlig auf den Kopf stellen sollte. Edwards Maschine wurde von feindlichem Maschinengewehrfeuer erfasst, geriet in Brand und stürzte ab. Edward war auf genau die Art gestorben, die für ihn immer der größte Alptraum gewesen war: im Wrack seiner eigenen Maschine zu verbrennen. Er hatte sogar immer extra einen Revolver mitgenommen, um sich im Notfall selbst das Leben nehmen zu können, bevor es die Flammen auf qualvolle Weise tun würden. Als das Wrack geborgen wurde, fand man auch den Revolver in der Hand Edwards, allerdings noch voll geladen – warum Edward ihn nicht mehr abfeuern konnte, war und blieb sein Geheimnis.

Der Tod seines Cousins versetzte William einen schweren Schlag, von dem er sich nie wieder ganz erholen sollte. Vorher noch ein patriotischer Haudegen, wurde er hinterher zunehmend still, desillusioniert und zynisch, und verfiel zudem dem Alkohol. Seine militärische Laufbahn brach er ab, auch weil nach dem Krieg kein Bedarf mehr an Kampfpiloten vorhanden war.

Nachdem der anfängliche Schock überwunden war, musste William sich auf die Suche nach einer neuen beruflichen Zukunft machen. Am liebsten wollte er aus England und dem vom Krieg gezeichneten Europa weg, und zwar möglichst weit. Als ein ihm bekannter Geschäftsmann auf der Suche nach einem Leibwächter für eine Reise in die britische Kronkolonie Süd-Rhodesien war, kam ihm dies sehr gelegen. Auf der Geschäftsreise unternahmen William und sein Schützling auch eine Safari und dabei entdeckte William erstmals sein Faible für die Großwildjagd. Er entschloss sich, nach Fort Salisbury in Süd-Rhodesien umzusiedeln und sich fortan voll und ganz dem Jagdgeschäft zu widmen. Über seinen Geschäftsfreund konnte er weitere Kontakte zu anderen wohlhabenden Kunden knüpfen, für die er schon bald zahlreiche Safaris organisieren konnte.

Bei einem Besuch in England bot sich ihm eine ganz besondere Gelegenheit: Er konnte, vermittelt von einem alten Waffenbruder bei der Armee, günstig einen ausgemusterten Doppeldecker erstehen. Bei der Maschine handelte es sich um eine gut erhaltene Armstrong Whitworth F.K.8 – genau das Modell, das er bei seinen Aufklärungsflügen im großen Krieg geflogen war, und eine der wenigen zweisitzigen Propellermaschinen überhaupt. William kratzte seine gesamten Ersparnisse zusammen, kaufte das Flugzeug und verschiffte es bis nach Maputo in Mosambik, von wo aus er selber mit der Maschine mit mehreren Zwischenstopps bis nach Fort Salisbury in Süd-Rhodesien flog.

Dort angekommen konnte er seinen Kunden fortan eine besondere Attraktion bieten: Einen Rundflug über die wilde afrikanische Savanne. Das Geschäft entwickelte sich bis zum heutigen Tag hervorragend: William hat inzwischen ein erkleckliches Auskommen und kann auch seine Ziehmutter finanziell unterstützen, die noch in London lebt, und die er regelmäßig besucht, wenn ihn seine Geschäfte wieder einmal nach Großbritannien führen.

William spricht ein paar Brocken Deutsch und Shona, die Sprache der Einheimischen Süd-Rhodesiens.

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/williammannock.jpg) (http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/armstrongwhitworth.jpg)

Fragebogen:

Spoiler (Anzeigen)
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 12. Februar 2008, 07:31:51
Prolog

Zitat
Sehr geehrter Mr. Mannock,

es freut uns sehr zu hören, dass Sie sich nun doch dazu entschlossen haben, Ihren ehemaligen Ausbilder von der Militärakademie zu besuchen. Schön, dass wir Ihnen bei der Kontaktaufnahme behilflich sein konnten. Sicherlich haben Sie sich viel zu erzählen. Zum Ende des Großen Krieges hatte der Colonel gesundheitlich stark abgebaut. Wie bereits erwähnt, war es daher leider notwendig geworden, unseren Großvater in die Obhut von Dr. Aldous Brewer zu geben. Der Ruf seines Sanatoriums ist untadelig und es wurden schon mehrere Artikel von ihm im Journal of the British Psychological Society veröffentlicht. Wir waren so frei, Ihren Besuch im Sanatorium schon anzukündigen. Einmal in der Woche verkehrt ein Boot zwischen dem Festland und der Insel. Der Bootsführer ist ein alter Seebär namens Ebenezer. Noch einmal herzliches Beileid zum Tode Ihres Cousins.

Hochachtungsvoll,
Harold und Charlotte Billings

Dies war der letzte Brief, bevor ich mich auf den Weg machte. Meine Bemühungen, meinen alten Ausbilder von der Militärakademie ausfindig zu machen, erreichten endlich ihren Höhepunkt - ich würde den alten Colonel wiedersehen! Zum Glück hatten mich seine Enkel Harold und Charlotte nicht hängen lassen und mir mitgeteilt, wo sich der Colonel befindet: In der Nervenheilanstalt "North Island Sanatorium", das sich auf der gleichnamigen Insel in der Nähe der Themse-Mündung befindet. Schon vor einiger Zeit mussten sie ihn dort wegen nicht näher beschriebenen "Altersgründen" einweisen. Da es sich um eine private Einrichtung handelt, in der nur wohlhabende Patienten unterkommen, war ich frohen Mutes, dass es ihm dort gut ging. Vielleicht konnte ich ihm auch wieder auf die Beine helfen oder wenigstens auf seine alten Tage eine kleine Freude machen.

Morgen geht's endlich los!
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 13. Februar 2008, 06:33:36
Teil 1: Ankunft

Session: 06.10.2007

Es war bereits später Nachmittag, als ich endlich das Meer riechen konnte. Die Zugfahrt von London hatte zwar nur ein paar Stunden gedauert, trotzdem kam es mir wie eine Ewigkeit vor. Ich konnte es einfach nicht mehr erwarten, endlich den alten Colonel Billings wiederzusehen. Die Nachricht, dass er nach dem Krieg geistig stark abgebaut hatte und sogar in ein Sanatorium eingewiesen werden musste, hatte mich doch reichlich betrübt. Ich hoffte, dass ich irgendwie dabei behilflich sein könnte, ihn wieder auf die Beine zu bekommen. Immerhin verdanke ich seiner anspruchsvollen Ausbildung meine gesamte militärische Laufbahn, außerdem war er immer wie der Vater für mich, den ich nie hatte.

Das Ziel der Reise war eine Insel in der Nähe der Themse-Mündung, auf der das "North Island Sanatorium" lag - ein Institut von hervorragendem Ruf, geleitet von einem gewissen Dr. Aldous Brewer. Ich verstehe zwar nicht viel von Psychologie, aber der Mann gilt wohl als Koryphäe auf seinem Gebiet. Es tat jedenfalls gut, zu wissen, dass Colonel Billings zumindest in guten Händen war.

Langsam rollte der Zug in das kleine, verschlafene Küstendorf, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe. Von hier aus sollte mich ein "alter Seebär" namens Ebenezer mit seinem Kahn auf die Insel bringen, wie die Enkel von Colonel Billings mir geschrieben hatten. Nach der anstrengenden Zugfahrt erschien mir die Aussicht auf eine anschließende, längere Überfahrt auf irgendeinem schaukelnden Kutter zwar wenig verlockend, aber wie sich herausstellte, war die Aussicht auf eine Übernachtung in diesem abgelegenen Kaff, das mit Sicherheit keine anständige Herberge aufzuweisen hatte, noch weit weniger verlockend. Also schleppte ich mich und meinen Koffer Richtung Strand.

Entgegen meiner Befürchtung war der alte Ebenezer nicht schwer zu finden - er war nämlich die einzige Person am ganzen Strand. Als ich auf den Sand trat und auf den alten Mann und das Meer zusteuerte, bemerkte ich auf einmal mehrere Personen, die es mir gleich taten, wenn auch aus anderen Richtungen. Sie waren ebenfalls mit dem Zug gekommen - ich erinnerte mich, sie am Bahnhof gesehen zu haben. Zwei Männer und zwei Frauen bewegten sich wie ich auf Ebenezer zu und zogen dabei schwere Koffer hinter sich her - offenbar war ich nicht der einzige, der heute einen Platz auf seinem Kutter gebucht hatte.

Nahezu zeitgleich erreichten wir Ebenezer und das Boot, und noch ehe wir uns vorstellen konnten, begrüßte er uns überschwänglich, schnappte sich unsere Koffer und hieß uns, an Bord zu kommen. Wir taten wie befohlen und nahmen auf den Sitzbänken der kleinen Barkasse Platz. Ebenezer erklärte uns, dass die Überfahrt ca. zwei Stunden dauern würde und wir uns besser beeilen sollten, damit wir noch vor Einbruch der Nacht ankämen. Die Aussicht auf zwei Stunden Geschaukel auf diesem Seelenverkäufer ließ wohl auch bei meinen neugewonnen Reisegefährten die Laune sinken, denn die gesamte Fahrt über wurde kein einziges Wort gesprochen.

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/ebenezer.jpg)

Immerhin hatte ich aber Gelegenheit, mir meine Leidensgenossen etwas genauer anzusehen: Die beiden Damen fielen mir natürlich als erstes ins Auge. Beide waren recht attraktiv - eine von ihnen sogar sehr! - und elegant gekleidet. Nie im Leben hätte ich bei meinem Besuch in der Anstalt mit derartig angenehmer Gesellschaft gerechnet. Die beiden Herren hätten gegensätzlicher kaum sein können: Der eine war wohl eine Art Geistlicher (zumindest ließ sein hochgeknöpftes Hemd dies erahnen) mit flammendrotem Haarschopf, bei dem ich sofort die Vermutung hatte, einem Landsmann gegenüberzusitzen, während der andere einen äußerst distinguierten, schon fast überkorrekten Eindruck machte: Mehrmals holte er während der Fahrt seinen Kamm hervor, um seine vom Wind zerzausten Haare wieder in die vorgeschriebene Form zu bringen. Nur mit Mühe konnte ich mir ein Schmunzeln verkneifen.

Als die Insel endlich in Sicht kam, dämmerte bereits der Abend. Die hereinbrechende Nacht gestattete uns gerade noch einen Blick auf das Anwesen, bevor Ebenezer das Boot geschickt anlegte und behände auf den Landungssteg sprang - ganz so, als wolle er sein Alter Lügen strafen. Er sagte uns, dass er zunächst das Boot verstauen müsse und bat uns, schon einmal die Stufen zum Sanatorium hinaufzusteigen - er würde später nachkommen. Ich nutzte die Gelegenheit, um mit den Damen Kontakt aufzunehmen, und bot ihnen meine Hilfe bei ihrem Gepäck an. Kurz darauf hatte ich drei Koffer zu tragen. Nun ja, wenigstens hatte ich das erste Eis gebrochen.

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/sanatorium.jpg)

Der Aufstieg über die Stufen die Klippen hinauf erwies sich ob der inzwischen fortgeschrittenen Dämmerung als etwas mühselig, insbesondere mit dem mir selbst aufgebürdeten Gepäck. Schließlich und endlich standen wir aber alle vor dem großen Portal des Sanatoriums und betätigten den Türklopfer. "Moment, ich komme gleich!", rief eine weibliche Stimme von drinnen. Wir hatten eine Minute Zeit, uns fragende Blicke zuzuwerfen, dann öffnete sich die Tür und im Rahmen erschien eine ältere Dame: "Guten Tag, ich bin Blanche. Bitte kommen Sie doch herein..."

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/blanche.jpg)

In diesem Moment bemerkte ich eine Bewegung im Augenwinkel, doch es war bereits zu spät: Aus dem Nichts tauchte ein Mann hinter uns auf und versuchte, der hübscheren meiner Begleiterinnen einen Arm um den Hals zu legen. "Hab' ich dich endlich, du Satansbrut!", schrie er dabei. Glücklicherweise schaffte er es aber nicht, sie richtig zu packen, so dass sie ins Haus hinein fliehen konnte, an der völlig verdatterten Blanche vorbei. Die andere meiner Begleiterinnen reagierte blitzschnell: Sie wirbelte herum und versetzte dem Mann einen Tritt an den Kopf - dabei schwang sie ihr Bein so hoch wie ich dies zuletzt bei französischen Cancan-Tänzerinnen gesehen hatte! Nicht sehr ladylike, aber effektiv: Der Angreifer taumelte einen Schritt zurück, offenbar ebenso von diesem Angriff überrumpelt wie ich. Nun endlich überwand ich meine Überraschung. Ich ließ die Koffer fallen, zog meinen Colt aus der Westentasche und richtete ihn auf den Angreifer. "Keine Bewegung!", drohte ich. Das zeigte Wirkung. Alle starrten auf meine Waffe, auch der Angreifer. Hoffentlich merkte niemand, dass ich mit dem Ding überhaupt nicht umgehen konnte. Hoffentlich merkte niemand, dass das Ding noch nicht mal geladen war.

Wie es aussah, hatte ich Glück: Der Angreifer begann zu wimmern und kauerte sich auf den Boden. Blanche stürzte herbei und schimpfte auf ihn ein: "Das sollst Du doch nicht tun, Leonard!"

Sie schnappte sich das Häuflein Elend und zerrte es zur Tür hinein: "Bitte entschuldigen Sie Leonard, er ist ein bisschen durcheinander. Gehen Sie doch bitte schon mal in die Bibliothek und machen Sie es sich bequem. Dr. Brewer wird gleich zu Ihnen kommen."

Mit diesen Worten zeigte sie auf eine Tür in der rechten Wand des geräumigen Foyers, während Sie den Angreifer durch selbiges zog. "Aber gehen Sie bitte nicht ins Wohnzimmer, dort ist ein kleiner Unfall passiert."

Noch ehe wir fragen konnten, was sie damit gemeint hatte, verschwand sie mitsamt dem wimmernden Leonard hinter einer verstärkten Tür und wir hörten, wie Schlüssel im Schloss umgedreht wurden. Verdutzt ob dieses merkwürdigen Vorfalls schauten wir uns zunächst einmal im Foyer um. Viele Türen waren zu sehen, sowie zwei Treppenaufgänge, die jeweils in einem Halbkreis in das Obergeschoss führten. Ich steckte meine Waffe weg, nahm die drei Koffer wieder auf und bewegte mich auf die von Blanche angezeigte Tür zu.

Meine Begleiter waren bereits vorausgegangen. Hinter der Tür befand sich tatsächlich eine kleine, gemütlich eingerichtete Bibliothek. Diese war jedoch nicht leer: In einem Stuhl saß eine hübsche junge Dame, ein Buch auf dem Schoß. Als wir sie freundlich begrüßten, hob sie den Kopf und sagte nur: "Psst, dies ist eine Bibliothek."

Offensichtlich war ihr die Lektüre von "Dantes Inferno" wichtiger als die Horde von Besuchern, die gerade in den Raum eingefallen war. Ich stellte die Koffer in der Nähe der Eingangstür ab. So allmählich schlich sich bei mir das Gefühl ein, dass es mit dem "untadeligen Ruf" dieses Sanatoriums nicht wirklich weit her sein konnte. Ich war gespannt, was uns hier noch erwarten würde.

Fortsetzung in Teil 2: Alarmierende Entdeckungen
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Lily Weg am 16. Februar 2008, 14:59:13
Ich liebe solche Geschichten! :)

Bin sehr gespannt, wie es weitergeht.
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Nadir am 16. Februar 2008, 18:55:25
Schöne Story-Hour.
Bitte gerne mehr ;)
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 17. Februar 2008, 00:29:21
Das freut mich, vielen Dank für die nette Aufmunterung! :)

Teil 2 folgt in wenigen Minuten.
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 17. Februar 2008, 00:44:08
Teil 2: Alarmierende Entdeckungen

Fortsetzung Session 06.10.2007

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/unbekanntedame.jpg)

Da außer dem von der stoischen Leserin okkupierten Stuhl nur noch eine kleine Couch als Sitzmöbel zur Verfügung stand, begab ich mich zu den mit Belletristik gefüllten Bücherregalen, um den Damen die Sitzplätze zu überlassen. Der Geistliche tat es mir gleich. Aber auch die Damen hatten scheinbar nicht vor, sich zu setzen. Ich wandte mich an die Angegriffene und erkundigte mich nach ihrem Befinden. Sie war glücklicherweise mit dem Schrecken davongekommen und stellte sich mir als Prof. Dr. Stevens-McCormmick vor, eine Geschichtslehrerin und persönliche Bekannte von Dr. Brewer. Schön und gebildet - ich war beeindruckt.

Als sie uns miteinander sprechen sahen, gesellten sich auch die beiden anderen Herren zu uns, die sich als Pater Benedict, tatsächlich ein Ire und Franziskaner-Mönch, und Dr. Tiller, ein Psychoanalytiker und Medizinier, vorstellten. Beide waren aus wissenschaftlichem Interesse hierher gereist, Pater Benedict wegen einem der Patienten, und Dr. Tiller hatte wohl die Neugier an Dr. Brewers Forschungsarbeit hergelockt.

Die zweite Dame unserer illustren Gesellschaft (jene, die dem Angreifer vor den Kopf getreten hatte) zeigte sich weniger gesprächig, dafür jedoch umso rastloser: Erst warf sie einen Blick durch die zweite Tür, die sich in diesem Raum befand, dann verschwand sie durch die Tür ins Foyer. Während wir uns unterhielten, hörten wir, wie sie dort mehrere Türen öffnete und auch an offenbar verschlossenen Türen rüttelte. Eine Vorgehensweise, die mir angesichts der Tatsache, dass Blanche uns gebeten hatte, in der Bibliothek zu warten, äußerst befremdlich erschien. Dann hörten wir jedoch Wasser rauschen - offenbar hatte es der Dame nur pressiert. Kurz darauf erschien sie auch wieder in der Bibliothek, gesellte sich nun auch zu uns und stellte sich als Lady Elizabeth Gordon vor. Auch sie war aus wissenschaftlichem Interesse an einem der Patienten hierher gekommen.

Während wir uns unterhielten, brach Lady Gordon plötzlich mitten im Satz ab, runzelte die Stirn, ging noch einmal zu der zweiten Tür der Bibliothek und öffnete sie. Wir blickten ihr gespannt hinterher. "Hallo?", sagte sie in den anderen Raum hinein. Wir warfen uns fragende Blicke zu. Dr. Tiller konnte seine Neugier nicht länger zügeln: Er ging zu Lady Gordon und warf ebenfalls einen Blick in den Raum. Nach einem kurzen Moment brachte er nur ein "Oh, mein Gott!" hervor. Nun hielt es natürlich keinen von uns mehr an seinem Platz. Wir stürzten zur Tür, die - wie wir sogleich erkannten - wohl in ebenjenes Wohnzimmer führte, dessen Besuch uns von Blanche untersagt worden war. Zunächst einmal fiel mir auf, dass einige Gegenstände vom Wohnzimmertisch offenbar auf den Boden gefegt worden und zerbrochen waren. Erst bei einem zweiten Blick fielen mir die Füße ins Auge, die hinter dem Sofa hervor ragten. Dort lag jemand!

Ich eilte zu meinem Koffer und holte meine Erste Hilfe-Tasche hervor. Als ich ins Wohnzimmer eilen wollte, wurde ich von Lady Gordon aufgehalten. Sie faselte irgendetwas von Spuren, die wir zerstören würden. Ich entgegnete ihr nur, dass dort jemand vielleicht unsere Hilfe bräuchte und drängte mich an ihr vorbei. Prof. Dr. Stevens-McCormmick folgte mir. Wir näherten uns vorsichtig der Person und achteten darauf, die Gegenstände nicht zu berühren, die auf dem Boden verstreut waren. Es handelte sich um eine Frau in der Arbeitskleidung einer Krankenschwester. Sie lag auf dem Bauch, das Gesicht nach unten. Um ihren Kopf hatte sich eine Blutlache gebildet, man konnte jedoch keine offensichtlichen Verletzungen erkennen. Ich nahm behutsam ihre Hand, um ihren Puls zu fühlen. Die Hand war kalt, kein Puls. Die Frau war tot. Ich entschied mich dazu, die Leiche so zu lassen wie sie war und Mrs. Stevens-McCormmick und ich kehrten zu den anderen zurück, die an der Tür gewartet hatten.

Alle waren von der Nachricht, dass die Dame tot sei, sichtlich betroffen - alle außer Lady Gordon, die lediglich sehr aufgebracht darüber war, dass wir eventuell Spuren verwischt hätten. Ich verkniff mir einen Kommentar. Sie machte sich auf den Weg in den ersten Stock, um dort nach irgendwelchen Personen zu suchen, die uns vielleicht über den Vorfall aufklären könnten. Ich kam zu dem Schluss, dass dies wohl ein Fall für die Behörden wäre. Die einzige Möglichkeit, diese zu alarmieren, wäre Ebenezers Boot.

Moment mal - Ebenezer? Wollte der alte Seebär nicht nur noch das Boot verstauen und dann wieder zu uns stoßen? Ich teilte den anderen meine letzten Gedanken mit und entschloss mich dazu, noch einmal zum Bootssteg hinunterzugehen und nach ihm zu sehen. Dr. Tiller wollte mich begleiten und nahm sich eine Öllampe aus dem Foyer, ich holte meine Browning Auto-5 Schrotflinte aus meinem Koffer - und lud sie. Er starrte etwas befremdlich auf mein Gewehr. "Sie rechnen also mit dem Schlimmsten?", fragte er. Das tat ich allerdings.

Als wir die Tür öffneten, begrüßte uns eine nahezu undurchdringliche Dunkelheit. Wolken verdeckten den Mond und die Sterne. Schon wenige Meter vom Anwesen entfernt sah man außerhalb des kleinen Lichtkreises von Dr. Tillers Lampe die Hand vor Augen nicht mehr. Trotzdem starrte ich angestrengt in die Dunkelheit, während wir uns langsam und vorsichtig den Pfad zum Meer hinabtasteten. Unten angekommen arbeiteten wir uns auf den Steg vor. Es dauerte nicht lange, bis ein auf dem Boden liegender Körper in unser Sichtfeld kam. Er trug eindeutig die Kleidung Ebenezers und lag auf dem Bauch. Der Kopf hing über den Rand des Steges nach unten und war nicht zu sehen. Dr. Tiller und ich stürzten nach vorne und drehten den Körper herum, während wir ihn vollständig auf den Steg hinaufzogen. Mir entfuhr ein Keuchen, als ich den Kopf des alten Seebären erblickte, Dr. Tiller taumelte zurück und rang mit seinem Mageninhalt. Der Schädel Ebenezers war fast vollständig gespalten, wie mit einer großen Axt. Wahrscheinlich war auch genau das geschehen.

Nachdem wir unsere Fassung wieder zurückerlangt hatten, suchte ich den Steg ab - ergebnislos. Dort, wo Ebenezer das Boot vertäut hatte, fanden wir nur noch das gekappte Tau. Das Boot war natürlich weg. Entweder war der Mörder damit geflohen oder er wollte uns den Fluchtweg verbauen. Was auch immer sein Ziel war, er hatte es jedenfalls erreicht. Dr. Tiller und ich beratschlagten, was mit der Leiche zu tun sei. Da Dr. Tiller sie nicht hier unten liegen lassen wollte, hakten wir jeweils einen unserer Arme unter einen Arm Ebenezers und konnten den Leichnam so die Stufen hinaufschleifen. Oben angekommen wussten wir nicht so recht, wo wir ihn am besten ablegen sollten. Da uns das Foyer unpassend erschien und wir den anderen den Anblick ersparen wollten, legten wir Ebenezer neben den Stufen ab, die zum Haupteingang des Sanatoriums hinaufführten, und begaben uns wieder in die Bibliothek.

Die anderen warteten dort bereits. Wir berichteten von unserer grausigen Entdeckung. Unsere Begleiter waren in der Zwischenzeit allerdings auch nicht untätig gewesen: Lady Gordon hatte wohl im gesamten 1. Stock nur leere Schlafzimmer vorgefunden - manche davon bewohnt, andere unbewohnt - allerdings keinen der Bewohner, weder tot noch lebendig. Pater Benedict und Mrs. Stevens-McCormmick hatten sich die Frauenleiche im Wohnzimmer noch einmal genauer angeschaut. Beiden war die Farbe aus dem Gesicht gewichen. "Das war auch kein Unfall", presste der Pater zwischen seinen Lippen hervor. "Eine Schere...", murmelte Mrs. Stevens-McCormmick. "...Schere im Auge", ergänzte der Pater.

Spätestens jetzt war uns allen klar, dass hier offensichtlich einiges faul war und wir uns in einer äußerst gefährlichen Notsituation befanden. Die Dame in der Bibliothek, die immer noch hartnäckig in ihr Buch starrte, und bei der es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um eine Patientin des Sanatoriums handelte, war unser einziger lebender Anhaltspunkt. Dr. Tiller als gelernter Psychoanalytiker bot sich an, sich in einer therapeutischen Sitzung mit der Dame zu beschäftigen. Vielleicht würden wir auf diese Art und Weise etwas aus ihr herausbekommen. Da es dazu unabdingbar war, dass er möglichst ungestört mit ihr reden konnte, lag es nahe, dass wir anderen uns dazu entschieden, währenddessen eine gründliche Untersuchung des Anwesens vorzunehmen.

Fortsetzung in Teil 3: Hausdurchsuchung
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 23. Februar 2008, 01:44:47
Teil 3: Hausdurchsuchung

Forsetzung Session 06.10.2007

Wie sich herausstellte, hatte Lady Gordon bereits das Erdgeschoss des zweistöckigen Gebäudes soweit möglich untersucht und dabei im - wenn man vom mittig gelegenen Foyer ausging - rechten Gebäudeflügel neben der Bibliothek und dem Wohnzimmer, welche wir ja bereits kannten, noch ein Badezimmer mit Abort, sowie im linken Gebäudeflügel ein großes Esszimmer und eine Küche mit Vorratskammer ausgemacht. In keinem der Räume hatte sie jemanden angetroffen. So begaben wir uns über die großen Treppen im Foyer ins Obergeschoss. Im Uhrzeigersinn klapperten wir die vielen Türen ab und fanden insgesamt sechs Schlafräume sowie ein weiteres Badezimmer vor. Einige der Schlafräume schienen bewohnt zu sein, einige nicht: Erstere dienten wohl dem Personal als Schlafstatt, Zweitere hätten unsere Gästezimmer werden sollen - so vermuteten wir jedenfalls. Auch auf dieser Etage gab es einen Zugang in den "Patiententrakt".

Der Grundriss des Gebäudes entsprach einem auf den Kopf gestellten T mit dem Haupteingang unten in der Mitte. Das Gebäude ließ sich also grob in einen "Wohntrakt" (der waagerechte Strich des umgedrehten T) und einen "Patiententrakt" (der senkrechte Strich) unterteilen, auf die ich mich im Folgenden der Einfachheit halber beziehen werde, auch wenn die Begriffe nicht ganz glücklich gewählt sind - schließlich "wohnten" die Patienten im Patiententrakt. Wie auch immer: Den Wohntrakt hatten wir jedenfalls zu diesem Zeitpunkt komplett begangen, bis auf einen eventuell vorhandenen Keller. Wie sich herausstellte, war der Zugang zum Patiententrakt hier im Obergeschoss nicht verschlossen. Vorsichtig öffneten wir die Tür und schauten in einen von Öllampen schwach erleuchteten Gang.

In diesem Moment wurde mir klar, dass Dr. Tiller ja mit der jungen Dame ganz allein in der Bibliothek saß - unbewaffnet. Ich teilte den anderen mit, dass ich mich mit meinem Gewehr besser zu ihm gesellen würde, denn wie ich gesehen hatte, war Mrs. Stevens-McCormmick inzwischen mit einem Degen bewaffnet und von Lady Gordon wusste ich ja, dass sie auch ohne Waffe äußerst wehrhaft war. Also begab ich mich wieder ins Erdgeschoss und öffnete vorsichtig die Tür zur Bibliothek. Dr. Tiller hatte die Patientin auf die Couch gebettet, während er selber auf dem Stuhl Platz genommen hatte und mit ihr redete. Als er mich hörte, wandte er sich mir zu und wies mich mit einer Geste an, den Raum nicht zu betreten. Ich schloss vorsichtig die Tür und bezog davor Posten.

Es vergingen einige Minuten, dann kam Lady Gordon die Treppe heruntergeeilt. Sie hielt auf mich zu und sagte, dass sie dringend in die Bibliothek müsse, um ihr "Werkzeug" zu holen. Ich unterdrückte die Frage, was sie denn damit meinen würde, und gab ihr stattdessen zu verstehen, dass es im Moment keine gute Idee wäre, die Bibliothek zu betreten. Lady Gordon bestand jedoch darauf, ihre Tasche herauszuholen, die sich ohnehin nahe bei der Tür befand. Als sie die Tür öffnete, deutete Dr. Tiller ihr ebenfalls mit einer Geste an, den Raum nicht zu betreten. Lady Gordon zeigte jedoch auf ihre Tasche und schickte sich an, nach dieser zu greifen. Auch das nachfolgende, eindringliche Gestikulieren von Dr. Tiller half nichts: Lady Gordon machte einen Schritt in den Raum hinein und griff nach ihrer Tasche. Ihre Bemühungen, dabei besonders leise zu sein, rächten sich jedoch: Als sie den Schritt wieder hinausgehen wollte, verlor sie kurz ihr Gleichgewicht und die Tasche drosch mit einem laut vernehmlichen Rums gegen die Wand. Die junge Dame auf der Couch zuckte zusammen. Dr. Tiller schlug sich entnervt die Hand vor die Stirn. "Jetzt muss ich wieder von vorne anfangen!", konstatierte er.

Nachdem Lady Gordon sich entschuldigt und die Tür zur Bibliothek wieder geschlossen hatte, teilte sie mir mit, dass sie oben eine abgeschlossene Tür vorgefunden hätten, von der sie vermuten würden, dass sich dahinter das Arbeitszimmer von Dr. Aldous Brewer befindet. Eine Lady, die Werkzeug besitzt, mit dem sich abgeschlossene Türen öffnen lassen? Die Dame erschien mir zunehmend suspekt. Jedenfalls verschwand sie mit diesen Worten wieder nach oben.

Es dauerte nicht lange, als die gesamte Truppe wieder nach unten kam, Enttäuschung auf den Gesichtern. Offenbar war es Lady Gordon auch mit ihrem Werkzeug nicht gelungen, die fragliche Tür zu öffnen, und angetroffen hatten sie auch niemanden. Sie teilten mir mit, dass sie im ersten Stock des Patiententrakts zwei Behandlungszimmer vorgefunden hätten, eines davon für Elektroschocktherapie, sowie ein großes Badezimmer und ein weiteres Abort. Eine der Türen des Ganges hatten sie jedoch nicht öffnen können, außerdem befand sich am Ende des Ganges eine Treppe nach unten, die jedoch an einer weiteren verschlossenen Tür endete, und zwar eine solche verstärkte Tür, wie sie sich auch im Foyer befand. Hier hindurchzukommen hatten sich die Damen und Pater Benedict wenig Chancen ausgerechnet, also hatten sie es auch gar nicht erst versucht.

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/behandlungszimmer.jpg)

Nun blieb uns als einzige, einfache Alternative nur noch der Keller übrig, dessen Zugang sich ebenfalls im Foyer befand. In diesem Moment öffnete sich die Tür der Bibliothek und Dr. Tiller kam mit verärgerter Miene heraus. "Das hat für heute keinen Zweck mehr", verkündete er mit einem vorwurfsvollen Blick auf Lady Gordon. "Die Patientin zeigt starke Anzeichen von Autismus, mehr war in der Kürze der Zeit nicht zu ermitteln."

Dr. Tiller gab mir aber noch zu verstehen, dass er auch alleine auf die Frau aufpassen könne, so dass ich mich den anderen bei der Untersuchung des Kellers anschließen konnte. Vorsichtig stiegen wir die schmale Treppe hinab und kamen in einen Raum mit drei Türen, von denen es sich bei einer wieder um eine verstärkte handelte. Die anderen beiden führten in einen Heizungskeller mit angrenzendem Kohlebunker und in einen weiteren kleinen Schlafraum, der zwar bewohnt erschien, dessen Bewohner aber ebenfalls abwesend war. Da uns nun alle anderen Optionen ausgegangen waren, machte sich Lady Gordon mit ihrem Werkzeug am Schloss der verstärkten Tür zu schaffen. Nach einigen Momenten vernahmen wir tatsächlich ein Klicken - sie hatte es geschafft!

In dem Wissen, dass wir nun wahrscheinlich einen von Patienten bewohnten Trakt betraten, öffneten wir mit äußerster Vorsicht die Tür. Wir schauten in einen langen, leeren Gang, der wie auch bereits der Gang im Obergeschoss durch das schwache Licht von heruntergedrehten Öllampen nur mäßig erhellt wurde. An den Wänden des Ganges konnten wir mehrere Sicherheitstüren ausmachen. Das Beunruhigende daran: Sie standen alle auf. Im Gang war es totenstill.

Langsam tasteten wir uns zu den ersten Türen vor, die nach nur wenigen Metern links und rechts von dem Gang abgingen. Die Räume dahinter waren dunkel. Irgendjemand nahm sich eine Öllampe von der Wand und leuchtete in den rechten Raum hinein. Wir sahen in ein gemütlich eingerichtetes Patientenzimmer, auf dessen Bett eine reglose Gestalt lag. Als wir uns vorsichtig näherten, erkannten wir, dass es sich um Leonard handelte - der Mann, der bei unserer Ankunft Mrs. Stevens-McCormmick angegriffen hatte. Er schlief. Wir verließen leise den Raum und zogen die Tür ins Schloss (die Sicherheitstüren konnten im geschlossenen Zustand nur von außen geöffnet werden und besaßen außerdem eine kleine Klappe in Kopfhöhe, durch die man in die Zimmer hineinsehen konnte. Zusätzlich konnte man die Türen auch noch abschließen). Die Tür war mit der Nummer "K3" beschriftet.

Nun wandten wir uns nach links, der offenen Sicherheitstür mit der Nummer "K1" zu. Auch hier leuchteten wir vorsichtig mit der Öllampe hinein - und erstarrten vor Schreck! Auch dieses Patientenzimmer wäre gemütlich eingerichtet gewesen, hätte nicht an der Wand, die von der Tür aus links zu sehen war, ein riesiger Blutfleck geprangt. Auch der Boden vor dem Fleck war voller Blut. Die Mitte des Flecks war jedoch weiß: Hier war der Putz von der Wand gebröckelt oder geschabt worden. Auf dem Bett daneben saß ein Mann und starrte ins Leere. Beim Anblick seiner Arme und Hände packte uns das nackte Grauen: Seine Arme waren von Schnittwunden übersät und von seinen Fingerkuppen hing das Fleisch in Fetzen herab. Die obersten Fingerglieder bestanden nur noch aus den blanken Knochen! Offenbar hatte der Mann mit seinen bloßen Händen den Putz von der Wand geschabt!

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/patientk1.jpg)

Nachdem wir unsere Fassung wiedererlangt hatten, eilte ich nach oben, um Dr. Tiller zu holen. Dieser griff sich gleich seine Arzttasche und wir rannten wieder nach unten. Als er die Bescherung sah, musste auch er schlucken, aber dann versorgte er den Verletzten so gut es ging. Er trug auf die Arme und Hände des Patienten eine Salbe auf und bandagierte sie, dann legte er ihn auf das Bett. Der Mann war offensichtlich in einer Art katatonischem Zustand, jedenfalls regte er sich nicht und brachte auch keinen Ton hervor. Danach begab sich Dr. Tiller wieder nach oben, um weiter auf die Frau in der Bibliothek aufzupassen.

Pater Benedict starrte lange und nachdenklich auf den großen Blutfleck an der Wand, so als ob ihm irgendetwas daran merkwürdig vorkommen würde - nicht, dass ein Blutfleck solchen Ausmaßes nicht schon merkwürdig genug wäre. Ich sah auch genauer hin: Irgendjemand hatte mit seinem Finger ein äußerst wirres Linienmuster durch das Blut gezogen, noch bevor der Putz entfernt worden war. "Können Sie sich das erklären?", fragte ich den Pater. "Nein", antwortete dieser nach kurzem Zögern. "Nein, leider nicht." Irgendwie schien ihn seine eigene Antwort nicht zufriedenzustellen, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass er log.

Als ich den Raum nach Spuren absuchte, fiel mir an dem Teppich vor dem Fleck noch etwas Merkwürdiges auf: Die obersten Spitzen der Fasern des Teppichs schienen flächenweise leicht angesengt zu sein, als ob sie von großer Hitze gerade so eben gestreift worden wären. Darauf konnte sich niemand einen Reim machen. Nachdem wir die Untersuchung des Raumes beendet und ansonsten nichts Auffälliges entdeckt hatten, gingen wir wieder auf den Gang hinaus und zogen die Tür ins Schloss.

Nach diesem schaurigen Erlebnis fragte ich mich, was uns in den nächsten Patientenzimmern noch erwarten würde. Mir brach der kalte Schweiß aus, aber uns blieb ja nichts anderes übrig, als die Zähne zusammenzubeißen und weiterzumachen, wenn wir wissen wollten, was hier los war. Also riss ich mich zusammen und ging mit den anderen weiter den Gang entlang. Als nächstes folgte auf der rechten Seite die Tür mit der Aufschrift "K4". Mit dem schlimmsten rechnend leuchteten wir in das Zimmer hinein: Ein weiteres Patientenzimmer mit einem Himmelbett und einem Schminktisch, also offenbar dasjenige einer Frau, aber niemand darin. Gott sei Dank! Wir mutmaßten, dass es sich um das Zimmer der Dame aus der Bibliothek handeln könnte, aber sicher sein konnten wir uns natürlich nicht. Fehlte nur noch "K2", das auf der linken Seite folgte. Dieses Zimmer war sogar bis auf ein Bettgestell vollkommen leer. Auch diese beiden Türen zogen wir zu. Es folgten noch ein Badezimmer, eine unbelegte Gummizelle, zwei weitere Heizungsräume und ein weiterer, gut gefüllter Kohlebunker, dann endete der Gang an einer verstärkten, verschlossenen Tür, an der wir nicht weiter kamen. Wie es schien, war nur der Patiententrakt unterkellert, der Wohntrakt nicht.

Nach allem, was wir bis hierher gefunden hatten, hielten wir es nach kurzer Beratung für angemessen, die Tür zu Dr. Brewers vermeintlichem Büro im Obergeschoss aufzubrechen. Wir machten uns auf den Weg nach oben.

Fortsetzung in Teil 4: Brewers Büro
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Nadir am 23. Februar 2008, 12:47:24
sehr schön, mehr davon!
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 28. Februar 2008, 07:15:50
Teil 4: Brewers Büro

Forsetzung Session 06.10.2007

Als Expertin für Fußtritte ließ es sich Lady Gordon nicht nehmen, einen ersten solchen gegen die verschlossene Tür von Dr. Brewers vermeintlichem Büro zu richten. Wäre die Tür ein Mensch gewesen, hätte dieser Tritt richtig weh getan, aber da Türen bekanntermaßen keine besonders empfindlichen Stellen besitzen, sondern nur mit roher Gewalt aufzubrechen sind, erreichte sie außer einem lauten Krachen nichts. Ich bot mich an, diese rohe Gewalt zur Verfügung zu stellen und wollte es als nächster versuchen. Ich legte mein ganzes Gewicht in den Tritt und die Tür flog auf.

Wir hatten ja bereits befürchtet, dass Dr. Brewer ebenfalls Opfer des Mörders geworden war, und somit rechneten wir mit einer weiteren Leiche. Der Anblick, der sich uns in Dr. Brewers Büro bot, übertraf jedoch unsere schlimmsten Befürchtungen bei Weitem: Der Mörder hatte den Schreibtisch und die Stühle ans Fenster geschoben, um in der Mitte des Raumes Platz zu schaffen. Das, was von Dr. Brewer übrig war, lag dort auf dem blutdurchtränkten Teppich. Durch seine Hände und Füße waren dicke Nägel in den Fußboden getrieben worden, Kopf, Arme und Beine waren abgehackt. Den Torso hatte der Mörder geöffnet und den Inhalt gleichmäßig im ganzen Raum verteilt. Sein Darm hing sogar in Form einer Girlande von der Decke. Alles war voller Blut, der ganze Raum ein einziges Schlachthaus.

Es roch wie in einer Metzgerei. Ich japste nach Luft und musste mich am Türrahmen abstützen. Den anderen erging es nicht besser: Auch Pater Benedict wankte bedenklich und Mrs. Stevens-McCormmick schrie entsetzt auf. Am schlimmsten war Lady Gordon betroffen: Sie taumelte zurück an die Wand, setzte sich auf den Boden und begann zu würgen.

Es dauerte eine Weile, bis wir uns wieder gefangen hatten. Lady Gordon schleppte sich in das gegenüber liegende Badezimmer und Pater Benedict und ich begannen damit, uns vom Türrahmen aus im Raum umzuschauen. Neben dem Schreibtisch befanden sich noch eine Bücherwand, ein Aktenschrank und ein Safe in dem Büro. Außerdem führte linkerhand eine weitere Tür in ein angrenzendes Zimmer, das wir noch nicht kannten. Zunächst einmal untersuchte ich aber den Boden vor der Tür auf Fußspuren hin und fand tatsächlich einige blutige Schuh-Abdrücke, die von Dr. Brewers Leichnam zur Tür hin führten, dort aber plötzlich aufhörten und sich nicht im Gang fortsetzten.

In der einen Hand meine Elefantenbüchse bewegte ich mich sachte nach links in den Raum hinein auf den Aktenschrank zu, wobei ich versuchte, so viel Abstand zwischen mir und Dr. Brewer wie möglich zu halten. Der Schrank hatte vier Hängeregister-Schubladen. Ich öffnete die oberste und fand darin vier Personalakten: Catherine Ames (Krankenschwester), Bobby Birch (Krankenpfleger), Melba Carson (Zimmermädchen) und Charles Johnson (Krankenpfleger). Ich gab die Namen laut bekannt und wir stellten mit Verwunderung fest, dass es keine Akte mit dem Namen "Blanche" gab. Entweder fehlte die Akte oder die Dame, die uns die Tür geöffnet hatte, gehörte überhaupt nicht zum Personal (oder hatte uns einen falschen Namen genannt).

Die zweite Schublade offenbarte mir die Unterlagen der Buchführung des Sanatoriums. Da ich diese als nicht sonderlich relevant für unsere momentane Situation einstufte, öffnete ich gleich die dritte Schublade: Patientenakten! Fünf Hängeregister, die folgendermaßen beschriftet waren, boten sich meinem Auge:


Hier hatten wir unsere Blanche! Da es sich bei ihr offenbar um eine der Patientinnen handelte, die zudem über den "Unfall" im Wohnzimmer Bescheid gewusst hatte, kamen wir zu dem Schluss, dass sie wahrscheinlich mit den Morden irgendwie in Verbindung stand. Die Codierung der Akten mit E1 bis E5 deutete auf Zimmer im Erdgeschoss hin, denn im Keller hatten wir ja bereits Patientenräume mit den Nummern K1 bis K4 entdeckt. Colonel Billings befand sich also im Erdgeschoss. Des Weiteren schürte dies meine Hoffnung, in der vierten Schublade die entsprechenden Akten der Patienten im Keller zu finden. Ich öffnete sie, und tatsächlich:


Die Akten selbst waren äußerst umfangreich und in einer schwer entzifferbaren Handschrift geschrieben - sie komplett zu lesen, würde längere Zeit in Anspruch nehmen.

Pater Benedict hatte inzwischen den Schreibtisch in Augenschein genommen und einen Brief darauf entdeckt, den Dr. Brewer wohl gerade im Begriff zu verfassen gewesen sein muss, bevor er seinem Mörder begegnet war. Er las ihn laut vor:

Zitat
Brief von Dr. Brewer

Werter Herausgeber,

als Antwort auf die Leserbriefe der Herren Dr. Hagen und Dr. Allen, welche in Ihrer Juniausgabe abgedruckt wurden, muss ich sagen dass ich von zwei derart hochgeschätzten Kollegen mehr erwartet hätte. Wie ich es in meinem Artikel deutlich beschrieb, ist meine Arbeit im höchsten Grade experimenteller Natur und sämtliche Schlussfolgerungen zu diesem Zeitpunkt noch rein spekulativer Natur. Ich beschreibe nur Beobachtungen und stelle keine Behauptungen auf.

Seit der Artikel geschrieben wurde, habe ich weitere Experimente durchgeführt, welche meine früheren Beobachtungen zu bestätigen scheinen. Jedoch werde ich vorerst keine weiteren Artikel einreichen, bis ich meiner Sache nicht hundertprozentig sicher bin und Beweise habe, die selbst die am meisten verkrusteten Skeptiker überzeugen werden. Ich habe es nicht nötig, mich auf solch niedrigem

Über die in dem Brief erwähnten Experimente wollten wir natürlich mehr wissen, also untersuchten wir zunächst die Bücherwand. Außer der zu erwartenden umfangreichen Fachliteratur über Psychologie und einer Sammlung vieler Ausgaben des Journal of the British Psychological Society befanden sich dort auch auffallend viele Bücher über Ägyptologie. In einem dieser Bücher fand Pater Benedict einen Zeitungsausschnitt, der Dr. Brewer wohl als Lesezeichen gedient hatte:

Zitat
Zeitungsausschnitt "Archäologische Entdeckung"

In dem Zeitungsartikel wird von der Entdeckung von Tempelruinen und Steinstatuen in der Nähe des "Tals der Könige" in Ägypten berichtet. Der erste Fund war eine Stele zu Ehren der Prinzessin Annephis, die etwa 1400 v. Chr. einen Feind in die Flucht geschlagen haben soll. Bei diesem Feind soll es sich um Plünderer der Hyksos oder um ein "geheimnisvolles Seevolk" gehandelt haben.

Der Safe enthielt mit Sicherheit auch noch einige interessante Dinge, aber dieser war natürlich geschlossen und mit einem Zahlenschloss versehen. Ohne die richtige Kombination würden wir hier nicht weit kommen, also wandten wir uns dem Schreibtisch zu.

Pater Benedict und ich schoben den Schreibtisch vorsichtig von der Wand, um an die Schubladen heranzukommen. Ich öffnete die linken beiden und fand ein Tagebuch (offenbar von Dr. Brewer, da es in der gleichen Handschrift geschrieben war wie der Brief) und ein dickes Schlüsselbund. Der Weg ins Erdgeschoss war frei! Pater Benedict nahm sich die rechten beiden vor. In der ersten fand er nur Schreibutensilien, aber aus der zweiten zog er plötzlich einen Revolver. "Kann den jemand brauchen?" fragte er unverhohlen in die Runde und hielt die Waffe dabei in die Höhe. Trotz allem, was ich an diesem Tag schon gesehen hatte, war der Kirchenmann, der mit einer Schusswaffe herumwedelte, der mit Abstand absurdeste Anblick. Mrs. Stevens-McCormmick, die sich zwischenzeitlich wieder im Türrahmen eingefunden hatte, war offenbar ähnlich perplex: Wir tauschten verständnislose Blicke aus. Schließlich nahm sie die Waffe, wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob sie sie wirklich haben oder nur diese seltsame Situation beenden wollte. Ich bin zwar kein Theologe, aber einen solch unverfänglichen Umgang mit Waffen hätte ich einem christlichen Mönch unter keinen Umständen zugetraut. An dem Mann war offenbar mehr dran als es den Anschein hatte.

Wie auch immer, mich interessierte noch das angrenzende Zimmer, dessen Zugang sich hier offenbart hatte. Ich machte meine Waffe bereit, öffnete die Tür und sah in einen fensterlosen Raum. Im Licht der Öllampe tauchten lediglich Schrankwände an drei Seiten der kleinen Kammer auf, sowie ein leerer Tisch in der Mitte. Einen nach dem anderen öffnete ich die Schranktüren und fand massenweise Medikamente, Verbandszeug und andere medizinische Utensilien vor. Wir hatten die Apotheke gefunden, den letzten noch verbliebenen uns unbekannten Raum im Obergeschoss.

Wir entschlossen uns, den gesamten Inhalt des Aktenschranks und das Tagebuch mit nach unten zu nehmen, um alles genauer zu studieren. Das Schlüsselbund nahm ich an mich. Als Pater Benedict und ich mit den Aktenstapeln den Raum verließen, trafen wir auf Lady Gordon, die im Gang gewartet hatte, ohne sich einen weiteren Blick in Brewers Büro antun zu wollen. Als sie unsere blutverschmierte Kleidung sah, fing sie jedoch augenblicklich wieder an zu würgen und Dr. Stevens-McCormmick musste sie wieder ins Badezimmer zurück begleiten. Mit leicht schlechtem Gewissen ob meiner Unachtsamkeit setzte ich den Weg in die Bibliothek fort. Dort angekommen berichteten wir Dr. Tiller von Dr. Brewers Tod, wobei wir ihm jedoch die grausamen Einzelheiten ersparten. An den gefundenen Patientenakten zeigte er sich jedenfalls sehr interessiert.

Pater Benedict und Lady Gordon zogen es auch vor, sich mit den Akten zu beschäftigen, anstatt weiter das Haus zu untersuchen. Vielleicht hatten sie auch einfach nur genug zerstückelte Leichen für einen Tag gesehen und wollten nicht riskieren, einer weiteren zu begegnen. Dafür hatte ich zwar Verständnis, aber ich konnte mich nicht mit der Idee anfreunden, mich unter diesen Umständen hinzusetzen und Akten zu studieren, auch wenn diese vielleicht für uns interessant sein könnten. Außerdem wollte ich wissen, wie es Colonel Billings ging. Als ich mein Vorhaben verkündete, das Haus weiter zu untersuchen, schloss sich mir unerwarteterweise die reizende Mrs. Stevens-McCormmick an.

Es erschien uns jedoch zu riskant, nur zu zweit den direkten Weg durch das Foyer ins Erdgeschoss zu nehmen. Immerhin wussten wir, dass sich hier höchstwahrscheinlich Blanche aufhalten würde und eventuell auch der Mörder - wenn es sich nicht ohnehin um die gleiche Person handelte. Also begaben wir uns in den Keller und setzten unsere Untersuchung am Gangende fort, wo uns zuvor die verschlossene Tür aufgehalten hatte. Ich suchte den passenden Schlüssel heraus, dann schloss ich die Tür auf. Dahinter verbarg sich lediglich ein kleiner Lagerraum mit einer großen Schrankwand, aber um eine Ecke herum führte eine Treppe nach oben, offenbar ins Erdgeschoss. Eine kurze Untersuchung des Schranks erbrachte außer Haushaltsgegenständen, diversen Werkzeugen und Wandfarben nichts. Wie es schien, war uns damit auch der Keller komplett bekannt.

Vorsichtig bewegten wir uns die Stufen hinauf. Ich ging voran, die Elefantenbüchse im Anschlag, während Mrs. Stevens-McCormmick die Öllampe hielt. Oben öffnete sich die Treppe in eine Waschküche hinein. Als erstes fiel uns rechterhand eine offene Tür auf, die offenbar nach draußen führte - der Hintereingang. Kühle Nachtluft wehte herein. Erst beim zweiten Blick erkannte ich, dass die Tür nicht offen stand, sondern komplett fehlte. Die Angeln hingen abgerissen im Türrahmen.

Dann sah ich die Frau. Ich hatte sie nicht sofort bemerkt, da sie auf dem Boden saß und sich nicht rührte. Sie trug die Arbeitskleidung eines Zimmermädchens, saß mit dem Rücken an einen Wäschetrockner gelehnt direkt vor der zerborstenen Tür und starrte ins Leere.

Ich wollte mich ihr nähern, um sie anzusprechen, dann hielt ich jedoch plötzlich inne. Was war mit ihren Beinen los? Mir wurde schwindelig. Mrs. Stevens-McCormmick, die hinter mir die Treppe heraufgekommen war, stieß einen Schrei aus und hastete auf den letzten Absatz zurück. Zum Glück ließ sie die Lampe nicht fallen. Ich starrte nach wie vor gebannt auf die Beine des Zimmermädchens. Wie in Trance ging ich zu ihr hin, um mir die Sache genauer anzusehen. Die Haut und das Fleisch waren bis auf die Knochen zusammengeschrumpelt. Der Anblick erinnerte mich an eine ägyptische Mumie. Ein kurzes Stück der Oberschenkel war noch normal, dann gingen die Beine in diesen furchtbaren Zustand über, ohne dass eine offene Wunde oder Blut zu sehen war. Ich konnte mir absolut nicht erklären, wie sie sich diese Verletzungen zugezogen haben könnte.

Ich sah mich um. Genau gegenüber der aus den Angeln gerissenen Tür befand sich eine verstärkte Tür wie im Foyer, die offenbar von der anderen Seite in den Gang mit den Patientenzimmern im Erdgeschoss führte. Wenn man eine direkte Linie zwischen der zerborstenen Außentür und dieser verstärkten Tür ziehen würde, dann hätten die Beine der Frau diese Linie genau gekreuzt. Also, um mal ein wenig zu spekulieren: Hätte sich irgendetwas oder irgendjemand aus dem Gang nach draußen bewegt, und zwar möglicherweise so schnell, dass dabei die Hintertür herausgerissen wurde, dann hätte dieses Etwas oder dieser Jemand die Beine der Frau gekreuzt, und zwar genau dort, wo sie ihre Verletzungen hatte. Die verstärkte Tür, die vermutlich in den Gang führte, war aber geschlossen und völlig intakt. Außerdem wäre in dem Fall merkwürdig, dass die Frau bereits auf dem Boden gesessen haben müsste, bevor sie verletzt wurde. Aus welchem Grund hätte sie sich aber genau dort hinsetzen sollen? Wieder einmal stand ich vor einem Rätsel.

Jedenfalls lebte die Frau noch und wir mussten ihr dringend helfen. Ich ging zurück zu Mrs. Stevens-McCormmick. Glücklicherweise hatte sie sich wieder so weit gefangen, dass sie sich in der Lage sah, das Zimmermädchen mit mir zusammen zu tragen. Wir beschlossen, sie in eines der Schlafzimmer im Obergeschoss des Foyers zu bringen und dann Dr. Tiller hinzuzuziehen. Da keiner von uns die verdorrten Beine anfassen wollte, griffen Mrs. Stevens-McCormmick und ich jeweils unter einen Arm des offensichtlich traumatisierten Mädchens und hoben es vorsichtig an. Mit einem Geräusch, als würden zwei morsche Äste brechen, lösten sich ihre Beine von den Oberschenkeln und blieben an Ort und Stelle liegen. Ich weiß bis heute nicht, wie Mrs. Stevens-McCormmick und ich es geschafft haben, in diesem Moment nicht schreiend davonzulaufen, aber irgendwie behielten wir die Fassung und trugen die Frau die Treppe hinunter, ohne noch einen Blick auf ihre Beine zu werfen.

Als wir schließlich in einem der Schlafzimmer angekommen waren, legten wir das Zimmermädchen hin und deckten es zu. Dann eilte ich in die Bibliothek, um Dr. Tiller zu holen. Auch dieser hatte solche Verletzungen noch nie gesehen und konnte sich auch nicht erklären, was sie verursacht haben könnte. Er behandelte sie so gut es ging, dann kehrten wir wieder alle in die Bibliothek zurück.

Wir beratschlagten, wie weiter vorzugehen sei. Wenn man nach den Personalakten ging, dann hatten wir die beiden Krankenpfleger Bobby Birch und Charles Johnson noch nicht gefunden. Womöglich lebten sie noch und waren verletzt. In diesem Fall durften wir keine weitere Zeit mehr verlieren. Wir versammelten uns im Foyer vor der Tür zum Patiententrakt. Es war an der Zeit, der Sache auf den Grund zu gehen.

Fortsetzung in Teil 5: Das Erdgeschoss
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 28. Februar 2008, 07:21:35
So, hier taucht jetzt erstmalig das Problem mit den Handouts auf. Ich habe jeweils eine Kurzbeschreibung der Handouts zu ihrem Fund-Zeitpunkt in Quotes gesetzt und hoffe, dass das so für euch okay ist. Wenn jemand eine bessere Idee hat, nur zu.
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 03. März 2008, 10:58:44
Um die Zeit bis zum nächsten Update zu überbrücken und diesem Thread mal ein bisschen Leben einzuhauchen, hier nun eine:

Quizfrage

Bei welchem der folgenden Charaktere handelt es sich um einen NSC?

a) Pater William Benedict
b) Lady Elizabeth Gordon
c) Prof. Dr. rer. cult. Rebecca Helen Stevens-McCormmick
d) Dr. Henry Tiller

Dies sind die vier Charaktere, die zusammen mit meinem Charakter Major William Mannock auf die Insel gekommen sind. Aber: Einer von ihnen ist ein NSC. Was glaubt ihr, welcher es ist, und warum glaubt ihr dies?

Die Auflösung gibt's vor dem nächsten Update. :)
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Sirius am 03. März 2008, 11:18:20
Ich sage D - Henry Tiller.
Dass er so lange Zeit alleine mit der Patientin verbracht hat, könnte eine typische NSC-Beschäftigungsmaßnahme sein, damit er den Spielern bei der Erkundung des Sanatoriums nicht ständig über die Füße stolpert.
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Lily Weg am 03. März 2008, 18:07:00
Stimme Sirius zu, selbe Begründung :)
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 05. März 2008, 09:04:00
Okay, das war wohl zu einfach... :wink:

Ihr habt Recht: Es ist Dr. Tiller. Der SL hat ihn nicht ohne Grund eingeführt, denn von uns Spielern hat niemand einen Charakter gemacht, der sich auch nur ansatzweise mit Psychologie auskennt, was für dieses Abenteuer - wie man sich leicht vorstellen kann - sehr nachteilig gewesen wäre.

Die Frage habe ich auch absichtlich so früh gestellt, denn ab dem nächsten Teil wird die Sache ziemlich offensichtlich.
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 05. März 2008, 09:18:26
Teil 5: Das Erdgeschoss

Fortsetzung Session 06.10.2007

Abgesehen von Dr. Tiller, der sich weiter in der Bibliothek mit den Patientenakten beschäftigen wollte, versammelten wir uns vor der Tür zum Patiententrakt im Erdgeschoss. Ich machte meine Doppelbüchse bereit und Lady Gordon suchte den passenden Schlüssel an dem Bund, das wir in Dr. Brewers Büro gefunden hatten, drehte ihn vorsichtig im Schloss herum und drückte die Klinke herunter. Während wir in der Erwartung, gleich von einem Patienten oder dem Mörder angefallen zu werden, den Atem anhielten, öffnete Lady Gordon leise die Tür.

Der Anblick, der sich uns bot, glich dem im ersten Stock: Ein von heruntergedrehten Öllampen schwach erleuchteter Gang, am gegenüber liegenden Ende die verstärkte Tür, die in die uns bereits bekannte Waschküche führte. Auch hier befanden sich wieder mehrere Türen an den Wänden, von denen einige offen standen, außerdem konnten wir erkennen, dass der Gang sich direkt hinter dem Eingang rechterhand fortsetzte und zu einem kleinen Raum öffnete, in den uns momentan jedoch noch der Blick verwehrt war. Es herrschte Totenstille.

Nach einigen Sekunden gespannten Wartens wagten wir uns den ersten Schritt vor und warfen zuerst einen Blick in den Raum, der sich rechterhand öffnete. Dort befanden sich ein Schreibtisch und ein Stuhl, auf dem einer der Pfleger saß. Es dauerte einen Moment, bis ich realisierte, was an diesem Bild nicht stimmte: Der Stuhl des Pflegers war zum Fenster hin gedreht, also von uns weg, nichtsdestotrotz starrte er uns mit leeren Augen an - sein Kopf war vollständig nach hinten gedreht. Wieder einmal verspürte ich Lust, schreiend davonzulaufen. Auch den anderen ging dieser erneute Leichenfund nahe, wie ich an den bleichen Gesichtern erkennen konnte, jedoch behielten glücklicherweise alle die Fassung. Wahrscheinlich waren wir inzwischen abgestumpft genug, um solche Bilder besser ertragen zu können - ich weiß es nicht.

Direkt gegenüber des toten Pflegers, in der linken Wand des Ganges befand sich die erste geschlossene Tür. Da sie keine Kennung als Patientenzimmer trug, erwarteten wir hier keine Gefahr, und tatsächlich erwies sich der dahinter liegende Raum als Abstellkammer. Eine ähnliche geschlossene und nicht gekennzeichnete Tür in der rechten Wand des Ganges verbarg einen geräumigen Putzschrank mit Waschbecken. Beide Räume waren fensterlos.

Nun näherten wir uns jedoch der ersten offenen Tür auf der linken Seite, bei der es sich um eine Sicherheitstür handelte, und welche die Kennung "E1" trug - das Zimmer von Blanche. Vorsichtig lugten wir hinein und schauten in einen kleinen, aber gemütlich eingerichteten Raum, dessen Mobiliar aus einem großen Schrank mit integriertem Schreibtisch, einem Sofa und einem Bett bestand. Das Zimmer war sogar mit einem eigenen kleinen Badezimmer samt Toilette und Duschkabine ausgestattet. Das einzige, das die heimelige Atmosphäre etwas störte, war das vergitterte Fenster. Blanche war auch da: Sie lag auf dem Bett und schlief. Auf dem Schreibtisch entdeckten wir ein weiteres Schlüsselbund, das Blanche offenbar benutzt und dann dort abgelegt hatte.

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/blancherichmond.jpg)

Nach kurzer Absprache schlich ich mich ins Zimmer hinein und konnte das Schlüsselbund an mich nehmen, ohne Blanche zu wecken. Als ich mich jedoch umdrehte, um mich wieder leise aus dem Raum heraus zu bewegen, musste sie etwas bemerkt haben: Plötzlich schreckte sie hoch und stieß einen Schrei aus. Ich stürzte aus dem Zimmer und schlug die Tür zu, die man ja so glücklicherweise nur von außen öffnen konnte. Im Nu war Blanche an der Tür und trommelte mit ihren Fäusten gegen das Holz. "Lasst mich raus!", schrie sie dabei mehrere Male hysterisch. Wir suchten den passenden Schlüssel heraus, schlossen die Tür sicherheitshalber auch noch ab, und atmeten erst einmal erleichtert auf: Falls Blanche tatsächlich die Mörderin war, dann saß sie jetzt in der Falle! Wir hofften nur, dass der Lärm niemanden sonst geweckt hatte.

Mit Schlüsselbund und Elefantenbüchse bewaffnet näherten wir uns der schräg gegenüber liegenden Tür, welche die Kennung "E4" trug und somit von dem uns noch unbekannten Patienten namens "Henry Adam Barber" bewohnt sein musste. Auch dieses Zimmer war ähnlich gemütlich eingerichtet und ausgestattet wie das von Blanche. Auf dem Bett, das sich von der Tür aus gesehen rechterhand befand, lag eine Gestalt. Als wir vorsichtig in das Zimmer hinein leuchteten, hob sie den Kopf und zischte: "Verschwinden Sie! Und machen Sie gefälligst die Tür zu, bei dem Krach kann ja kein Mensch schlafen!"

Das ließen wir uns nicht zweimal sagen. Wir zogen die Tür zu und schlossen sie ab, dann wandten wir uns wieder dem Gang zu. Als nächstes folgte auf der linken Seite das Patientenzimmer "E2", in dem laut den Akten Colonel Billings untergebracht sein sollte. Tatsächlich saß er dort auch in einem Rollstuhl und starrte aus dem Fenster in die Dunkelheit. Ich stellte mich vor ihn und begrüßte ihn, überglücklich, dass er offenbar unversehrt war. Leider reagierte er überhaupt nicht auf mich und starrte nur durch mich hindurch, als wäre ich unsichtbar. Als ich mich mit vollem Rang und Namen vorstellte und vor ihm salutierte, schien er kurz aus seinem Dämmerzustand zu erwachen - er hob den Kopf und schaute mich an. Dann jedoch riss er auf einmal beide Arme in die Höhe und schrie: "Zum Angriff!"

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/crandallbillings.jpg)

In diesem Moment erst bemerkte ich, dass sich Colonel Billings völlig eingenässt hatte. Mich überkam eine tiefe Betroffenheit und Trauer. Das war also aus dem Mann geworden, den ich während meiner Ausbildung schätzen gelernt und dem ich meine gesamte militärische Laufbahn zu verdanken hatte: ein sabbernder Greis, der nicht mehr alleine auf die Toilette gehen konnte. Ich war mit der Hoffnung hierher gekommen, dem Colonel noch irgendwie helfen zu können, vielleicht indem ich ihn wieder an ein paar alte Geschichten erinnern würde, aber wie sollte das bitte funktionieren, wenn er nicht in der Lage war, sich auch nur auf einfachste Weise zu artikulieren und wahrscheinlich noch nicht einmal verstand, was man ihm sagte? Mit einer Mischung aus Mitleid und grenzenloser Enttäuschung führte ich Colonel Billings ins Badezimmer, wusch ihn ab und wechselte seine Hosen. Als ich das Bad wieder mit ihm verließ, hatte irgendjemand den Rollstuhl gesäubert und den Boden aufgewischt. Wir legten den Colonel auf sein Bett, deckten ihn zu und ließen ihn schlafen. Dann verließen wir das Zimmer und schlossen die Tür ab.

Ich versuchte, mich wieder zusammenzureißen - hier warteten schließlich noch ganz andere Dinge, zum Beispiel die letzte noch verbliebene Patientin. Wir folgten weiter dem Gang bis zur nächsten Tür auf der rechten Seite: "E5" - laut Akten das Zimmer von Mrs. Cecil Randolph. Noch während wir uns der Tür näherten, ertönten auf einmal Schreie aus dem Raum - eine weibliche Stimme schrie um Hilfe. Wir stürmten die letzten Meter bis zur Tür, da kam uns die Patientin auch schon völlig panisch entgegen. Sie schrie irgendetwas von Fledermauswesen, die sie vor ihrem Fenster gesehen haben wollte. Wir redeten zunächst beruhigend auf die Frau ein, dann führten wir sie zurück in ihr Zimmer. Ich ging ans Fenster und sah nichts als Dunkelheit. Zum Glück konnten wir die Frau beruhigen und schlossen sie schließlich ebenfalls ein.

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/cecilrandolph.jpg)

Das letzte Patientenzimmer, "E3", enthielt dann tatsächlich nur noch ein Bettgestell, wie nach den Patientenakten zu erwarten war. Damit hatten wir auch das Erdgeschoss komplett erkundet.

Wir kehrten in die Bibliothek zurück und berichteten Dr. Tiller von unseren Entdeckungen. Dieser merkte an, dass es von äußerster Wichtigkeit wäre, so schnell wie möglich die Patientenakten zu studieren, da die Kranken wahrscheinlich bestimmte Medikamente benötigen würden und ihren Leiden entsprechend behandelt werden müssten. Dem stimmten wir zu, wollten jedoch zunächst eine andere Sache klären: Da wir nur einen Krankenpfleger tot vorgefunden hatten, rätselten wir über den Verbleib des zweiten. Zunächst war da die Frage nach der Identität - um diese zu klären, durchsuchten wir gründlich alle Schlafzimmer im Obergeschoss sowie den Schlafraum im Keller, fanden jedoch keine eindeutigen Hinweise. Eine Merkwürdigkeit fiel uns jedoch dabei auf: In dem Zimmer mit dem Doppelbett, welches wir als jenes von Dr. Brewer vermuteten, befand sich unter dem Bett ein Paar abgetragener Hausschuhe, die eindeutig einer Frau zuzuordnen waren. Wir konnten uns nicht erklären, wem diese Schuhe wohl gehören würden - nach unserem Kenntnisstand war Dr. Brewer Junggeselle.

Mehr Erfolg hatten wir aber zumindest bei jener Dame, die nach wie vor in der Bibliothek saß und beharrlich in ihrem Buch weiterlas. Da wir Mrs. Randolph und Blanche in ihren jeweiligen Zimmern angetroffen hatten, konnte es sich bei ihr nur noch um Darlene handeln, denn weitere weibliche Patienten gab es nicht. So konnten wir auch sie auf ihr Zimmer führen und einschließen - natürlich nicht ohne ihr Buch.

Nach diesen ganzen Aufregungen stellten wir fest, dass uns doch gehörig der Magen knurrte. Wir richteten ein schnell improvisiertes Abendessen her, dann schnappte sich schließlich jeder eine Akte und wir begannen zu lesen - es hätte ohnehin niemand ruhig schlafen können.

Es war kurz nach Mitternacht, als Pater Benedict plötzlich aufhorchte. "Da war irgendwas", sagte er, ging zum Fenster und öffnete es. Jetzt konnten wir es alle hören: Da schrie jemand!

Irgendwo auf der Insel schrie ein Mann um sein Leben.

Fortsetzung in Teil 6: Die erste Nacht
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 16. März 2008, 02:45:30
Teil 6: Die erste Nacht

Fortsetzung Session 06.10.2007

"Der Ornithologe!", stieß Mrs. Stevens-McCormmick hervor. Als sie in vier fragende Gesichter blickte, ergänzte sie: "Das muss der Ornithologe sein!"

Es vergingen einige Sekunden, in denen jeder darauf wartete, dass jemand anders etwas sagte. Pater Benedict hielt es als erster nicht mehr aus: "Was für ein Ornithologe?"

"Auf der Insel lebt ein Ornithologe", erklärte Mrs. Stevens-McCormmick schließlich. "Er hat ein Zelt auf dem Strand im Norden der Insel und geht dort seinen Forschungen nach. Vielleicht ist er das."

"Jedenfalls braucht er Hilfe", sagte ich und ärgerte mich darüber, dass Mrs. Stevens-McCormmick dieser Ornithologe erst jetzt wieder eingefallen war. Ich griff nach meiner Elefantenbüchse. "Wer kommt mit?"

"Ich", sagte Pater Benedict, dann herrschte Stille. Wie sich herausstellte, war den anderen die Sache zu gefährlich. Sie zogen es vor, weiter die Akten zu studieren.

Nur der Pater und ich? Kurz erwog ich, die anderen aufzufordern, uns zu begleiten, aber das hätte wahrscheinlich nur Diskussionen verursacht, für die jetzt keine Zeit war. Der Pater organisierte sich noch eine Öllampe aus dem Foyer, dann traten wir aus dem Haupteingang, wo uns die stockdunkle Nacht begegnete. Die geringe Leuchtkraft der Öllampe war zwar eigentlich ein großer Nachteil für uns, sorgte jedoch auf der Eingangstreppe dafür, dass dem Pater wenigstens der Anblick von Ebenezers gespaltenem Schädel erspart blieb. Wir folgten den immer heftiger werdenden Schreien hinter das Sanatorium, wo ein Trampelpfad ins Inselinnere zu führen schien.

Wir folgten dem Pfad so schnell es unsere magere Beleuchtung zuließ. "Was ist das?", fragte Pater Benedict plötzlich, und dann sah ich es auch: Am Horizont, vermutlich am anderen Ende der Insel, erhellte ein rötliches Leuchten den Nachthimmel. "Keine Ahnung, vielleicht ein Schiff?", antwortete ich. Wir eilten noch einige Schritte weiter, dann traf der Pfad, auf dem wir uns befanden, in einem 90 Grad-Winkel auf einen anderen Pfad. "Links oder rechts?", fragte der Pater. Die Schreie kamen von uns aus gesehen aus nordöstlicher Richtung, das Leuchten war jedoch in nordwestlicher Richtung zu sehen. "Rechts", antwortete ich, "um das Leuchten können wir uns später kümmern."

Gesagt, getan. Der Pfad beschrieb einen weiten Linksbogen und führte schließlich genau auf die Schreie zu. Wir waren schätzungsweise 100 Meter weit gekommen, als sie erstarben. Wir hielten inne und lauschten - Stille. "Verdammt, was sollen wir jetzt machen?", fragte ich den Pater. Jetzt noch weiter zu gehen, erschien mir zu riskant, da wir nun jederzeit auf den Mörder treffen konnten, ohne vorgewarnt zu sein. Stattdessen würden wir durch unsere Schritte und noch viel mehr durch den Schein unserer Öllampe eher ihn vorwarnen. Pater Benedict sah das wohl ähnlich. "Schauen wir uns das Leuchten an", antwortete er.

Wir kehrten um, eilten den Pfad zurück bis zur Weggabelung und gingen dann geradeaus weiter. Wie sich herausstellte, machte der Pfad einen weiten Rechtsbogen und führte dann genau auf den rötlichen Schein zu. Wir konnten noch erkennen, dass das Leuchten irgendwo auf der Insel seinen Ursprung haben musste, dann wurde es jedoch schwächer und verging schließlich ganz. Wieder waren wir nur etwa 100 Meter weit gekommen. Ich fluchte. Pater Benedict und ich entschlossen uns, zum Sanatorium zurückzukehren, jedoch mit der festen Absicht, die Insel morgen bei Tageslicht einer genaueren Erkundung zu unterziehen. Frustriert berichteten wir den anderen in der Bibliothek von unseren mageren Ergebnissen.

Wenigstens hatten die anderen bereits einige der Akten durchgearbeitet. Lady Gordon hatte die Akte von Blanche gelesen und berichtete nun, dass diese extrem paranoid sei und unter schwerem Verfolgungswahn litt. Andauernd würde sie von ihren drei erwachsenen Kindern sprechen, die hinter ihrem Vermögen her seien. Blanche hatte tatsächlich einmal drei Kinder, jedoch hatte sie diese bereits in jungen Jahren im Wahn ermordet. Grundsätzlich galt Blanche aber im Sanatorium als ungefährlich. Aus den Akten ging hervor, dass sie weitgehende Bewegungsfreiheit besaß und sogar die Schlüssel für die Küche hatte, wo sie auch fleißig aushelfen durfte.

Mrs. Stevens-McCormmick hatte die Patientenakte von Allen Harding gelesen, dem Mann, der sich die Fingerkuppen abgeschabt hatte. Sie konnte uns berichten, dass es sich bei ihm um einen besessenen Lyriker handelt, der als hoffnungsloser Fall eingestuft wurde und unter starken Beruhigungsmitteln gehalten werden musste:

Zitat
Patientenakte Allen Harding

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/allenharding.jpg)

Nach der Veröffentlichung seiner ersten und bisher einzigen Lyriksammlung verschwand Harding spurlos für sechs Monate, die er vermutlich im Alkohol- und Drogenrausch verbracht hatte. Bei seinem Auffinden war er zwar wach, sein Körper befand sich jedoch in einem Starrezustand.

Sein Verstand ist derartig zerüttet, dass eine herkömmliche Therapie unmöglich ist. Durch Hypnose kann man bei ihm jedoch eine andere, fremde Persönlichkeit zutage fördern, die zwar nicht sehr mitteilsam ist, aber wenn sie spricht, dann mit einer sehr tiefen, klugen und einnehmenden Stimme. Sie zieht es vor, keine Fragen zu beantworten, sondern stattdessen Prophezeiungen über die Ankunft von "Ihm, der wartet" zu äußern.

Dr. Tiller schließlich hatte die Akte von Darlene studiert. Er teilte uns mit, dass die Dame nicht nur unter Autismus, sondern auch unter einer multiplen Persönlichkeitsstörung und einer kompletten, irreversiblen Amnesie litt:

Zitat
Patientenakte Darlene

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/darlene.jpg)

Darlene wurde aufgegriffen, während sie nackt in der Innenstadt von Boston herumlief. Bis heute ist es nicht gelungen, ihre Identität zu ermitteln, noch nicht einmal ihren Familiennamen.

Herkömmliche Therapien erwiesen sich bei ihr als wirkungslos, unter Einfluss von Hypnose und einer Zusammenstellung verschiedener Drogen öffnet sie sich jedoch. Bei wiederholten Behandlungen erhielt man so Kontakt zu insgesamt 27 Persönlichkeiten, wovon einige nur ein Mal, andere mehrmals auftauchten. Die interessanteste davon ist jene der ägyptischen Prinzessin Annephis, die vor mehr als 3.000 Jahren gelebt haben soll. Als jene zeigt Darlene ein erstaunliches Wissen über das alte Ägypten und sagte sogar die Entdeckung von König Tutenchamuns Grab voraus, nachdem sie in der Zeitung gelesen hatte, dass eine Expedition dieses Gebiet untersuchen wollte.

Da die Aussagen von "Annephis" sich sehr mit jenen von Harding während dessen "besessenen" Phasen und Hawkins während dessen Tobsuchtsanfällen gleichen, wertet Dr. Brewer dies als Beweis für seine Theorie von einem tief verwurzelten Urmythos, der einem kollektiven Unterbewusstsein entspringt.

Die Zusammensetzung des Drogencocktails, mit der man bei Darlene die anderen Persönlichkeiten zum Vorschein bringen konnte, war ebenfalls in der Akte beschrieben. Dr. Tiller sah sich durchaus imstande - vorausgesetzt, die entsprechenden Ingredienzien ließen sich hier irgendwo auftreiben - diesen herzustellen und der Patientin gegebenenfalls zu verabreichen. Ich war sehr zuversichtlich, dass wir die entsprechenden Ingredienzien im Medikamentenraum finden würden, war jedoch auch der Überzeugung, dass wir derartige Experimente nur im äußersten Notfall durchführen sollten. Momentan jedenfalls sah ich dafür nicht den geringsten Anlass, und so hielt ich meinen Mund.

Inzwischen waren alle reichlich müde geworden, jedoch wollte niemand alleine schlafen. In Anbetracht der letzten Ereignisse konnten wir uns keineswegs in Sicherheit wähnen. Wir entschlossen uns zu der etwas unorthodoxen Vorgehensweise, gemeinsam in der Bibliothek zu nächtigen, und zwar abwechselnd, damit immer jemand wach war und gegebenenfalls Alarm schlagen konnte. Zu diesem Zweck holten wir drei Matratzen aus den Schlafzimmern im ersten Stock und legten sie in der Bibliothek aus. Da ich am nächsten Tag relativ früh aufstehen wollte, um die Insel zu erkunden, legte ich mich als erstes hin, während die anderen weiter Akten studierten. Pater Benedict wollte nur noch die Akte von Leonard Hawkins beenden und sich dann auch hinlegen.

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2. Tag

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, lagen der Pater und Mrs. Stevens-McCormmick neben mir und Dr. Tiller hatte sich auf der Couch ausgestreckt. Nur Lady Gordon war noch wach - wie sich herausstellte, hatte sie die ganze Nacht Akten gelesen. Dabei hatten sie noch die folgenden Erkenntnisse gewonnen:

Zunächst hatte Pater Benedict die Akte von Leonard Hawkins beendet und berichtet, dass dieser sich für einen Propheten halten würde und einen enormen Hass auf alle Frauen entwickelt hätte:

Zitat
Patientenakte Leonard Hawkins

Bis zu seinem Zusammenbruch führte Hawkins ein völlig normales Leben. Nachdem er eine Woche lang bewusstlos war, zeigte er nach seinem Erwachen Anzeichen akuter Paranoia und konnte nicht einmal seine Frau wiedererkennen. Während der kommenden zwei Monate erholte er sich jedoch weitestgehend.

Kurz nachdem er wieder angefangen hatte, in seinem Beruf als Buchhalter zu arbeiten, schloss er sich einer Sekte ultra-konservativer Baptisten an. Seine Familie brachte er auch dazu, sich der Sekte anzuschließen, außerdem versuchte er, seine Kollegen zu missionieren. Zwei Wochen später trat er jedoch aus der Sekte aus und begann, auf der Straße zu predigen. Er zog aus seinem Haus aus, verlor seinen Arbeitsplatz und wurde kurze Zeit später festgenommen, nachdem er mehrere Polizisten attackiert hatte.

Seit seine Frau ihn ins Sanatorium eingewiesen hat, schwelt in ihm ein gewalttätiger Hass auf alle Frauen, insbesondere seine Ehefrau. Er predigt weiter von der "Ankunft, derer die warten", ist jedoch nicht bereit, zu verraten, woher er dieses Wissen hat.

Zusätzlich ging aus der Akte hervor, dass sein ursprünglicher Zusammenbruch von einer Kopfverletzung herrührte und er an einer Herzschwäche litt.

Bevor Mrs. Stevens-McCormmick sich hingelegt hatte, hatte sie das Tagebuch von Dr. Brewer durchgelesen und dabei eine interessante, aber auch etwas beunruhigende Stelle gefunden:

Zitat
Auszug aus Dr. Brewers Tagebuch

Hätten Hagen und Allen das gehört, was ich gehört habe, so bin ich sicher, dass sie von ihrem hohen Ross nur so runtergepurzelt wären. Ich bin mir noch nicht sicher, was ich hier genau vor mir habe, aber allein die schiere Macht von H's Stimme unter dem Einfluss der anderen Persönlichkeit ist beeindruckend. Jameson hat in London ein Buch gefunden - ein sehr altes - von dem er sagt, dass es Hinweise auf Dinge enthält, die sowohl H und D erwähnt haben. Er hat mir in seinem letzten Brief versprochen, es mir umgehend zu schicken. Man sagt, dass es sich dabei um die Kopie einer Handschrift handelt, welche im 15. Jahrhundert von einem spanischen Mönch angefertigt wurde. Es sind die fiebrigen Ergüsse eines Irrsinnigen, der von der Inquisition zum Tode verurteilt wurde. Das Buch kam gestern an und ich habe mich ein wenig damit beschäftigt. Das Meiste war scheinbar unverständlicher Unsinn, dennoch hatte Jameson Recht. Jene Seiten, die er freundlicherweise markiert hat, enthielten Zeilen, die mich an die Erzählungen von H und D denken ließen. Manches erinnerte mich auch an die Gespräche mit H. Die Lektüre dieser ausgewählten Seiten ließ mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Es war so, als ob ich H's andere Stimme noch einmal hören würde - etwas, was mich stets hautnah berührt.

Lady Gordon selbst schließlich hatte sich nach Blanches Akte mit sämtlichen Dokumenten des Personals beschäftigt. Demnach handelte es sich bei dem toten Pfleger, den wir im Erdgeschoss an seinem Schreibtisch vorgefunden hatten, um Bobby Birch, und bei dem Pfleger, den wir noch vermissten, um Charles Johnson. Ausgerechnet in der Personalakte von Letzterem hatte sie ein interessantes Schreiben gefunden:

Zitat
Empfehlungsschreiben für Charles Johnson

Sehr geehrter Dr. Brewer

Ich kann Ihnen betreffend Mr. Johnson von ganzem Herzen meine Empfehlung aussprechen. Seine Arbeit in unserer Anstalt war beispielhaft und ich bin sicher, dass er die Arbeit auf North Island zu Ihrer Zufriedenheit erledigen wird. Vielleicht hat er während seiner eigenen Jahre in einer Anstalt ein besonderes Gespür für diese Arbeit entwickelt. Ich konnte beobachten, wie er stets selbst die gewalttätigsten Patienten in den Griff bekam, ohne ihnen unnötig Leid zuzufügen. Natürlich brauche ich wohl kaum hinzuzufügen, dass seine Körpergröße und seine Stärke auch für ihn sprechen.

Merkwürdig war an dem Schreiben nicht nur die ungewöhnliche Handschrift, sondern auch die Tatsache, dass es nicht unterzeichnet und der Verfasser damit für uns nicht zu ermitteln war. Wer bitte setzt ein Empfehlungsschreiben auf und unterzeichnet es dann nicht, und wer bitte akzeptiert ein solches Schreiben? Selbst wenn Dr. Brewer den Urheber der Zeilen vielleicht gekannt hatte - was die persönliche Anrede in dem Schreiben vermuten ließ - so erschien mir dies doch höchst unprofessionell. Die Tatsache, dass dieser Charles Johnson offenbar selbst einmal als Patient in einer Anstalt eingesessen hatte, ließ ihn auch nicht gerade vertrauenswürdiger erscheinen. Wenn man nun noch die Andeutungen auf seine Körpergröße und -kraft hinzunahm, zeichnete sich ab, dass unser wahnsinniger Serienmörder wohl noch frei auf der Insel umherlief. Das gefiel mir ganz und gar nicht.

Wie dem auch sei, Lady Gordon hatte noch etwas anderes zu berichten: Kurz, nachdem ich eingeschlafen war, hatten sie alle gehört, wie ein Geräusch verstummt war, dessen Existenz sie vorher so gar nicht richtig wahrgenommen hatten, da es anscheinend die ganze Zeit schon zu hören gewesen war. So richtig erklären konnten sie es sich nicht, aber es hatte sich um ein leises Brummen gehandelt, das mit einem Mal gestoppt hatte. Nachdem das Geräusch verstummt war, hatten sie festgestellt, dass der Strom weg war, woraus sie schlussgefolgert hatten, dass es sich offenbar um eine Art Generator oder etwas ähnliches gehandelt haben musste. Jedenfalls gab es jetzt kein fließendes Wasser mehr und wahrscheinlich war auch die Heizung aus.

Ich kam zu dem Schluss, dass dies wohl ein Grund mehr sei, um sich die Insel mal etwas genauer anzusehen, und weckte den Pater.

Fortsetzung in Teil 7: Auf Erkundungstour
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Tex am 27. März 2008, 16:55:22
Sehr schöne Geschichte, Halvar. Wann gibt's mehr?
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 27. März 2008, 23:02:31
Sorry, ich liege momentan mit einer schweren Grippe flach. Ich denke aber, am Wochenende wird wieder was gehen. :)
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 02. April 2008, 18:19:45
Officially Approved!

Dieser Thread wurde im offiziellen Cthulhu-Newsletter #101 vom 30.03.2008 als Spieltestbericht für das Abenteuer "Das Sanatorium" verlinkt.

Ich bedanke mich hiermit bei Frank Heller von Pegasus Press für die Veröffentlichung und bei meinem SL für die Bekanntmachung dort, und wünsche natürlich auch allen Lesern, die auf diesem Weg hierher finden, viel Spaß bei dieser Story Hour (und hoffe, dass die Eskapaden der Gateleitung zum 1. April nicht allzu viele potenzielle neue Leser abgeschreckt haben...).

Für mich bedeutet das natürlich einen weiteren Ansporn und ich verspreche, dass ich mich in den nächsten Tagen wieder mehr reinhängen werde. Teil 7 folgt in der kommenden Nacht.
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 03. April 2008, 03:43:06
Teil 7: Auf Erkundungstour

Fortsetzung Session 06.10.2007

Pater Benedict wollte sich gerade frisch machen, als wir einen gellenden, panikerfüllten Schrei aus dem Obergeschoss vernahmen. Mrs. Stevens-McCormmick und Dr. Tiller schreckten aus dem Schlaf und wir stürmten nach oben. Wie sich herausstellte, kam der Schrei aus dem Zimmer, in das wir Melba Carson, das Zimmermädchen aus der Waschküche, gebettet hatten. Offensichtlich war sie erwacht. Als wir die Tür in ihr Zimmer aufrissen, lag sie starr auf dem Bett, Mund und Augen weit aufgerissen, die Hände an ihre Brust gekrallt. Dr. Tiller konnte nur noch ihren Tod feststellen. "Vermutlich ein Herzinfarkt, der durch eine Panikattacke ausgelöst wurde", stellte er nüchtern fest.

Deprimiert über diesen neuerlichen Todesfall stiegen wir die Stufen ins Foyer wieder hinab. "Was sollen wir jetzt machen?", fragte ich. "Nun, zunächst einmal müssen wir die Patienten versorgen", antwortete Dr. Tiller. Wie sich herausstellte, hatte niemand von uns Erfahrung im Umgang mit Kranken oder verstand etwas von deren Pflege. Wir entschlossen uns daher, Blanche aus ihrem Zimmer zu befreien - vielleicht könnte sie uns wenigstens in der Küche behilflich sein, da sie dies laut ihrer Akte ja früher auch schon getan hatte. Ich lud meinen Colt und folgte Dr. Tiller in den Patiententrakt, die anderen warteten derweil in der Bibliothek, um die Dame nicht allzu sehr zu beunruhigen.

Als Dr. Tiller die Klappe in der Tür zu Blanches Zimmer öffnete, um die Lage zu sondieren, dauerte es nicht lange, bis sie dies bemerkte und wieder mit ihren Fäusten gegen die Tür trommelte. "Lasst mich raus!", schrie sie dabei, offenbar völlig hysterisch. Dr. Tiller versuchte, beruhigend auf die Frau einzureden, und konnte damit zumindest erreichen, dass sie sich von der Tür entfernte. Ich verbarg meine Waffe so gut es ging vor ihren Blicken und öffnete das Schloss. Kaum war die Tür auf, stürzte Blanche auf uns zu und versuchte, sich an uns vorbeizudrängen. Dr. Tiller und ich traten ihr jedoch in den Weg und konnten sie aufhalten. Immer noch schimpfte sie auf uns ein und verlangte, freigelassen zu werden. Dr. Tiller meinte, er könne versuchen, mit ihr eine therapeutische Sitzung abzuhalten, um sie wieder zu beruhigen, also führten wir Blanche ins Behandlungszimmer im Obergeschoss. Oben angekommen hatte sie sich wieder so weit beruhigt, dass sie bereit war, mit Dr. Tiller zu sprechen. Also ließ ich die beiden allein und begab mich wieder in die Bibliothek.

Wie sich herausstellte, kam ich genau richtig, denn Lady Gordon hatte soeben die Akte von Henry Adam Barber beendet. Sie konnte uns berichten, dass es sich bei ihm um den einzigen Sohn der Familie, der die Barber Paper Company gehört, handelt - ein 28-jähriger, suizidgefährdeter Transvestit, der ein hochgradig asoziales Verhalten an den Tag legt. Bei ihrem Vortrag fielen Lady Gordon bereits fast die Augen zu, so dass sie sich genötigt sah, sich in eines der Gästezimmer im Obergeschoss zurückzuziehen, ohne noch das Frühstück abzuwarten. Wir wünschten ihr eine gute Nacht.

Nunmehr saß ich also mit Mrs. Stevens-McCormmick und Pater Benedict allein in der Bibliothek und wir schauten noch einmal die gefundenen Dokumente durch, während wir darauf warteten, dass Dr. Tiller seine Sitzung mit Blanche beendete. Mrs. Stevens-McCormmick las zum wiederholten Male den unvollendeten Brief, den wir auf Dr. Brewers Schreibtisch gefunden hatten, dann fragte sie in die Runde: "Was halten Sie eigentlich davon, wenn wir mal nachschauen, ob wir den Artikel, der ja offensichtlich der Stein des Anstoßes für diesen Disput zwischen Dr. Brewer und dessen Kollegen war, oben in seinem Büro suchen? Theoretisch müsste er ja in einer der letzten Ausgaben des Journal of the British Psychological Society erschienen sein - und diese befinden sich ja alle oben in dem Bücherregal." Ich stimmte zu und Pater Benedict meinte, dass er sich die Bücher von Dr. Brewer sowieso noch einmal genauer anschauen wollte. Ich begleitete die beiden nach oben, da ich bei Dr. Tiller und Blanche nach dem Rechten sehen wollte. Nachdem ich mich mit einem Blick durch die Tür zum Behandlungszimmer vergewissert hatte, dass alles in Ordnung war, ging ich wieder zurück in die Bibliothek und wartete.

Es dauerte nur wenige Minuten, bis Dr. Tiller und Blanche die Treppe herunterkamen. Blanche hatte sich offenbar wieder beruhigt und sich sogar dazu bereit erklärt, das Frühstück für uns und die Patienten herzurichten. "Allerdings brauche ich die Schlüssel, damit ich von meinem Zimmer in die Küche komme", warf sie ein. Ich blickte zu Dr. Tiller und dieser nickte kurz. Da ich Blanche aber nicht das ganze Schlüsselbund anvertrauen wollte, löste ich die Schlüssel für die Küche und ihr eigenes Zimmer von dem Bund und überreichte ihr diese. Ich sagte ihr, dass wir die Sicherheitstür im Erdgeschoss tagsüber für sie offen stehen lassen würden. Mit den Worten "Gut, ich mach' dann jetzt mal Frühstück, wird ja eh höchste Zeit" verschwand sie in die Küche.

In diesem Moment kehrten auch Pater Benedict und Mrs. Stevens-McCormmick zurück. Sie hatten den Artikel von Dr. Brewer tatsächlich gefunden. Wir begaben uns alle in die Bibliothek und Mrs. Stevens-McCormmick las uns die interessanteste Stelle vor:

Zitat
Artikel von Dr. Brewer im Journal of the British Psychological Society

Dr. Brewer berichtet in dem Artikel von Experimenten, die er mit drei Testpersonen, die er mit den Buchstaben A bis C benennt, durchgeführt hat. Alle drei Testpersonen wurden von ihm unter starke Drogen gesetzt und dann hypnotisiert. Testperson A zeigte keine Reaktionen, Testperson B nahm eine andere, sehr dominante Persönlichkeit an, und Testperson C offenbarte mehrere Persönlichkeiten, von denen eine zur Zeit der ägyptischen Pharaonen gelebt haben soll. Die Experimente hatte Dr. Brewer offenbar durchgeführt, um seine Theorie von einem kollektiven Unterbewusstsein zu untermauern.

Als wir den Artikel mit den Patientenakten verglichen, so wurde uns recht schnell klar, dass es sich bei Testperson A um Leonard Hawkins, bei Testperson B um Allen Harding und bei Testperson C um Darlene handeln musste. Das machte auch Sinn, wenn man bedachte, dass genau diese drei im Keller untergebracht waren, alle anderen Patienten dagegen im Erdgeschoss.

Der feine Dr. Brewer hatte also seine Patienten unter Drogen gesetzt, um Beweise für seine wirre Hypothese von einem "kollektiven Unterbewusstsein" zu sammeln. Ich hoffte bloß, dass er das mit Colonel Billings nicht auch versucht hatte. Zugegebenermaßen fand ich es durchaus bemerkenswert, dass alle drei Personen unter Drogeneinfluss den gleichen Unsinn verzapft hatten, aber daraus eine Theorie von einer unterbewussten "Ur-Mythologie" herleiten zu wollen, die allen Menschen gemein ist, erschien mir doch sehr an den Haaren herbeigezogen. Kein Wunder, dass sich seine Kollegen darüber ziemlich respektlos geäußert hatten.

"Ich habe auch etwas gefunden", riss mich Pater Benedict aus meinen Gedankengängen und hielt mir ein kleines, schwarzes Büchlein hin. "Ein Gedichtband, steckte zwischen den anderen Büchern in Brewers Regal", ergänzte er. Ich fragte mich, was an einem Gedichtband besonderes dran sein sollte, aber dann las ich, wer der Autor war: Allen Harding. "Hm", machte ich und hob eine Augenbraue, "glauben Sie, das hilft uns irgendwie weiter?" - "Keine Ahnung, aber ich werde mal ein bisschen darin schmökern", antwortete der Pater und steckte das Buch ein.

"Frühstück ist fertig!", tönte es aus der Küche. Es war Zeit, die Patienten zu holen. Wir teilten uns in zwei Zweiergrüppchen auf und klapperten die Zimmer nacheinander ab, bis alle Patienten mit ihren jeweiligen Medikamenten versorgt und frisch gemacht waren - so gut dies ohne Wasser möglich war - und am Tisch saßen. Zum Glück fragte niemand nach Dr. Brewer oder dem anderen Pflegepersonal, ansonsten hätten wir ihnen zu dem eher dürftigen Frühstück auch noch irgendeine Lügengeschichte auftischen müssen.

Nachdem die Mahlzeit beendet war, brachten wir die Patienten nach dem gleichen Schema wieder in ihre Zimmer zurück, dann nahmen sich Dr. Tiller die Akte von Cecil Randolph und Mrs. Stevens-McCormmick die Buchführungsunterlagen des Sanatoriums vor, während Pater Benedict und ich endlich zu unserer geplanten Insel-Expedition aufbrechen konnten.

Als wir vor die Tür traten, begrüßten uns das typisch südenglische, diesige Wetter und ein wolkenverhangener Himmel. Wir schauten uns um und stellten fest, dass die Insel nicht allzu groß sein konnte. Wenn man die Landzunge, auf der das Sanatorium errichtet worden war, als Südspitze definierte (was wir mangels eines Kompasses leider nicht überprüfen konnten), dann bestanden die West-, Süd- und Ostküste aus mehr oder weniger hohen, aber sehr steilen Klippen, die direkt aus dem Meer ragten. Nach Norden hin schien sich das Gelände abzuflachen, allerdings konnten wir dieses Gebiet noch nicht einsehen. Die Mitte der Insel wurde von einem dichten Wäldchen dominiert, dessen Ausdehnung nach Norden hin wir ebenfalls noch nicht abschätzen konnten. In nordwestlicher Richtung befand sich ein weiteres kleines Wäldchen, außerdem standen ein paar Bäume direkt beim Sanatorium. Ein Blick über das Wasser zeigte uns weder ein Schiff, noch war das Festland auszumachen.

Pater Benedict und ich begaben uns auf den Trampelpfad, den wir bereits letzte Nacht genommen hatten, und wandten uns dann an der Abzweigung nach links. Wir marschierten etwa eine halbe Stunde den Pfad entlang, bis wir die nordwestliche Spitze der Insel erreichten. Zu unserer großen Überraschung fanden wir hier einen kleinen Leuchtturm vor, der bisher von dem nordwestlichen Wäldchen verdeckt gewesen war. Als wir näher traten, erkannten wir, dass der Turm komplett aus Metall bestand und offenbar nicht mehr in Betrieb war - das Glas des Leuchtfeuers war zerschmettert. Der einzige Zugang bestand aus einer metallenen Tür auf Bodenhöhe, ansonsten waren in dem Turm keine weiteren Öffnungen zu erkennen. Trotz des eher verfallenen Zustands klopften wir erst an der Tür und warteten ein paar Minuten, bevor wir versuchten, sie zu öffnen - vergeblich. Die Tür war abgeschlossen.

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/leuchtturm.jpg)

Da wir weder einen Anlass noch einen Weg sahen, in dieses Gebäude einzudringen, entschlossen wir uns, weiter dem Trampelpfad zu folgen, der nunmehr in die östliche Richtung führte. Schon nach wenigen Metern konnten wir linkerhand den Strand sehen, der sich über einen Teil der Nordküste der Insel erstreckte. Zwei Dinge fielen uns ins Auge: Ziemlich in der Mitte des Strandes befanden sich die Überreste eines offensichtlich eingestürzten Zeltes, etwas weiter davon entfernt ein altes Schiffswrack.

Wenn Mrs. Stevens-McCormmick Recht behalten sollte, dann war dies wohl das Zelt des Ornithologen. Während wir uns vorsichtig und die Umgebung im Auge behaltend näherten, sahen wir bereits, dass offenbar die gesamte Ausrüstung des Vogelkundlers in einem größeren Umkreis um das Zelt verstreut lag. Viele der Gegenstände waren zerschmettert, die zusammengesackte Zeltplane an mehreren Stellen gerissen, die Heringe herausgezogen. Ich bereitete mich auf den Anblick einer weiteren Leiche vor und hob die Zeltplane an, um ins Innere zu schauen. Wie sich herausstellte, war meine Befürchtung jedoch unbegründet: Auch innerhalb des Zeltes befanden sich nur verwüstete Ausrüstungsgegenstände. Ich durchsuchte sie kurz, fand aber nichts von Interesse.

Nun wandten wir uns dem Wrack zu. Den Ausmaßen nach zu urteilen handelte es sich um einen sehr alten Einmaster, wahrscheinlich ein Fischerboot. Vom Rumpf und den Aufbauten war nicht viel mehr übrig als ein hölzernes Gerippe, welches zudem etwa zur Hälfte im Sand versunken war. Eine genauere Untersuchung erschien mir unnötig und zu riskant - erstens lag das Schiff mit Sicherheit schon viele Jahre hier und zweitens konnte man quasi hindurchsehen, so dass sich nichts und niemand darin versteckt haben könnte.

"Vielleicht sollten wir am Zelt mal nach Spuren suchen", schlug Pater Benedict vor, und ich ärgerte mich darüber, dass mir das als geübtem Spurenleser nicht schon früher eingefallen war. Falls dort tatsächlich Spuren vorhanden waren, dann hatten wir sie jetzt wahrscheinlich schon zertrampelt. Also beschloss ich, den Sand in einem weiten Kreis um das Zelt herum nach einer Spur abzusuchen, die nicht von uns selbst stammte. Bereits nach kurzer Zeit wurde ich fündig: Eine Fußspur führte vom Zelt aus gesehen in östlicher Richtung bis zum Wald, der sich - wie wir inzwischen festgestellt hatten - im Norden der Insel bis ans Wasser erstreckte. Schleifspuren ließen außerdem vermuten, dass der Fußgänger irgendetwas Schweres hinter sich hergezogen hatte.

Als wir den Waldrand erreichten, sahen wir, dass sich der Trampelpfad dort ebenfalls fortsetzte, und zwar in südöstlicher Richtung, die verdächtige Spur führte jedoch in größerem Abstand neben dem Pfad entlang. Wir folgten weiter der Spur ein gutes Stück durch den Wald, bis wir uns einer Lichtung oder dem Waldrand zu nähern schienen. Ich hieß den Pater an, dort zu warten, wo er stand, und pirschte mich langsam an die Baumgrenze heran. Während ich mich näherte, vernahm ich ein lauter werdendes Summen, wie von einem großen Bienenschwarm.

Ich erreichte den Waldrand und schaute vorsichtig zwischen zwei Bäume hindurch auf offenes Gelände. Nur wenige Meter vor mir befand sich ein großer Felsblock, der oben abgeflacht war und eine Art Steintisch formte. Auf dem Tisch lagen die Überreste eines Menschen, aber mehr war kaum noch zu erkennen. Die Person sah aus, als wäre sie durch einen Fleischwolf gedreht worden. Der ganze Tisch stand voller Blut, außerdem war es natürlich auch die Seiten herabgeflossen. Das Summen stammte von unzähligen Fliegen, die in einer Wolke über dem Opfer standen und es auch wie mit einer schwarzen Decke überzogen. Übelkeit stieg in mir auf. Ich wandte mich von der Szenerie ab und musste mich mehrmals übergeben.

Als sich mein Magen wieder beruhigt hatte, wankte ich zu Pater Benedict zurück und berichtete ihm, dass ich den Ornithologen gefunden hatte. Ich riet ihm jedoch, sich diesen Anblick zu ersparen. Wir beschlossen, zum Sanatorium zurückzukehren und dabei den Weg zu nehmen, den wir gekommen waren. Nach meiner Vermutung setzte sich der Pfad auf der anderen Seite des Waldes ohnehin nur nach Süden bis zur Abzweigung beim Sanatorium fort, so dass es sich praktisch um einen Rundweg um die Insel handelte. Da der Pfad aber sehr nahe an dem Steintisch entlang führte, hätten wir ihn nicht nehmen können, ohne uns dabei erneut der grausigen Szenerie aussetzen zu müssen.

Nach einer guten Stunde Fußmarsch erreichten wir das Sanatorium und berichteten den anderen von unseren Entdeckungen.

Fortsetzung in Teil 8: Aufräumarbeiten
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 13. April 2008, 06:21:39
Teil 8: Aufräumarbeiten

Fortsetzung Session 06.10.2007

Nachdem wir uns zurückgemeldet und den anderen kurz berichtet hatten, beschlossen Pater Benedict und ich, uns auch hinter dem Anwesen einmal umzuschauen. Wir verließen das Haus durch das Hauptportal und gingen außen herum bis zum zerstörten Hintereingang, zu dem ein paar Stufen hinaufführten. Die Tür lag zerschmettert einige Meter entfernt. Ich untersuchte die Stufen sowie den Bereich davor nach Spuren, fand jedoch keine. Dafür entdeckte ich aber etwas anderes: Neben dem Sockel der Treppe lag eine tote Katze, deren Zustand eine frappierende Ähnlichkeit mit demjenigen der Beine des Zimmermädchens aufwies: sie war völlig vertrocknet und zusammengeschrumpelt. Ich rührte sie nicht an.

Als wir uns ein wenig umschauten, entdeckten wir, dass sich zwischen den Bäumen, die neben dem Sanatorium standen, noch einige kleinere Gebäude verbargen. Bei näherer Betrachtung entpuppten sie sich als zwei kleine Wohnhäuser und zwei noch kleinere Schuppen, außerdem befand sich hier ein Brunnen, der mit einer metallenen Haube abgedeckt war, auf der eine große, elektrisch betriebene Pumpe thronte. Zunächst sahen wir uns aber die beiden Wohnhäuser an, die sich - wie wir erfreut feststellen durften - mit unseren Schlüsseln öffnen ließen. Beide Häuser erschienen bewohnt, jedoch befand sich niemand darin. Eines der Häuser war mit vielen Accessoires nautischen Charakters dekoriert, so dass wir stark vermuteten, dass es sich um die Heimstatt Ebenezers handelte. Das andere Haus konnten wir nicht zuordnen. Eine kurze Durchsuchung beider Häuser förderte keine Besonderheiten zutage.

Auch die beiden Schuppen ließen sich problemlos mit unseren Schlüsseln öffnen. Im ersten fiel uns ein großes Gerät auf, welches man mittig darin aufgestellt hatte. Es hatte Ähnlichkeit mit einem Motorblock, so dass Pater Benedict und ich schnell erkannten, dass es sich wohl um den Stromgenerator handeln musste, der im Laufe der letzten Nacht seinen Dienst quittiert hatte. Seitlich von dem Gerät befand sich ein Tank - leer. Dem Generator war offenbar der Sprit ausgegangen. Glücklicherweise fanden wir im zweiten Schuppen nicht weniger als zweiundzwanzig Kanister, die jeweils fünf Gallonen fassen konnten. Eine schnelle Überprüfung erbrachte, dass sämtliche Kanister mit Benzin gefüllt waren. Außerdem beinhaltete dieser Schuppen noch eine erkleckliche Auswahl diverser Werkzeuge und anderer Utensilien.

Der Pater und ich wollten versuchen, den Generator wieder in Gang zu setzen. Zunächst nahmen wir uns einen der Kanister und füllten den Inhalt in den Tank, dann jedoch überkam uns große Ratlosigkeit - weder Pater Benedict noch ich waren in der Handhabung derartiger Gerätschaften bewandert. Zwar befanden sich an dem Motor mehrere Schalter und Knäufe, jedoch war keiner davon beschriftet. Um kein Risiko einzugehen, entschieden wir uns dazu, lieber nicht daran herumzufummeln und den Generator damit eventuell zu beschädigen, sondern wollten uns zunächst erkundigen, ob sich vielleicht einer der anderen damit auskennen würde. Wir marschierten zum Sanatorium zurück.

Während wir den anderen berichteten, kam Lady Gordon die Treppe herunter. Sie hatte offenbar genug geschlafen und wollte sich nun mit Meerwasser ein wenig frisch machen, da ja im Haus kein fließendes Wasser mehr zur Verfügung stand. Kurz nachdem sie durch die Tür nach draußen getreten war, vernahmen wir einen spitzen Schrei. Wir stürzten zum Eingang und sahen Lady Gordon, wie sie an die Hauswand gelehnt mit schreckgeweiteten Augen auf Ebenezers Leichnam starrte. Verdammt, Ebenezer! Den hatte ich ja völlig vergessen! Nachdem Lady Gordon ihren Schreck überwunden hatte, machte sie ihrer Wut Luft: "Hätten sie mich nicht wenigstens vorwarnen können? Wieso liegt der überhaupt hier oben?!" Ich entschuldigte mich für meine erneute Unaufmerksamkeit und erklärte ihr, dass wir Ebenezer nicht einfach unten auf dem Steg liegen lassen gewollt hatten. Dass sie ihn andernfalls wenige Momente später unten ohnehin gesehen hätte, sagte ich ihr lieber nicht ins Gesicht - die Dame war auch so schon empört genug.

Als Lady Gordon wieder zurück war, stellte sich heraus, dass auch die Damen und Dr. Tiller in Sachen Generator völlig unbeleckt waren. Nichtsdestotrotz ließen sie es sich nicht nehmen, selbst einen Blick auf das Gerät werfen zu wollen, und so begaben wir uns allesamt zu den Schuppen - vielleicht hatte ja einer von ihnen eine buchstäblich "zündende" Idee. Wie sich herausstellte, war das leider nicht der Fall. Vorerst würden wir also wohl ohne Strom auskommen müssen.

Auf dem Rückweg zum Sanatorium berieten wir uns, wie es weitergehen sollte. Selbst wenn wir dem Mörder irgendwie aus dem Weg gehen oder ihn sogar dingfest machen konnten, dann stand uns noch mindestens eine Woche auf der Insel bevor, und auch dies nur dann, wenn beim Ausbleiben von Ebenezers Besuch in dem Küstendorf sofort jemand nachschauen kommen würde. Wenn wir Pech hatten, würden wir zwei Wochen oder sogar noch länger hier festsitzen. So lange konnten wir die Leichen der Mordopfer unmöglich im Haus herumliegen lassen. Abgesehen davon, dass uns bei dem Gedanken nicht wohl war, dass in jedem zweiten Raum eine Leiche lag, wollten wir uns gar nicht ausmalen, welche Geruchsbelastung dies verursachen und welchem Krankheitsrisiko wir uns damit aussetzen würden.

Während die anderen sich wieder ihren Dokumenten hingaben, beschlossen Pater Benedict und ich, uns dieses Problems anzunehmen. Wir besorgten uns einen Stapel Bettlaken aus dem Wandschrank in der Waschküche, deckten dann nacheinander die Leichen von Ebenezer, Catherine Ames (die Krankenschwester, die im Wohnzimmer ermordet worden war), Bobby Birch (der Pfleger, der noch immer auf seinem Stuhl im Erdgeschoss des Patiententrakts saß) und Melba Carson (das Zimmermädchen aus der Waschküche, das noch in einem der Schlafzimmer lag) ab, wickelten sie ein und legten sie ein gutes Stück abseits des Sanatoriums nahe der Steilküste ab. Auch die verdorrten Beine von Melba Carson bargen wir auf diese Weise aus der Waschküche und brachten sie zu den anderen Überresten.

Nun folgte der schwierigste Teil: Wir besorgten uns eine Zange und zwei Eimer aus dem Werkzeugschuppen, füllten die Eimer am Steg mit Meerwasser und begaben uns dann in Dr. Brewers Büro. Zunächst zogen wir mit der Zange die Nägel heraus, die der Mörder durch seine Hände und Füße in den Boden gejagt hatte, dann wickelten wir Dr. Brewer in den Teppich ein, auf dem er lag, und schlugen ihn zusätzlich noch in zwei Laken ein. Nichtsdestotrotz hatte sich an der Unterseite ein großer Blutfleck gebildet, noch bevor wir mit dem Bündel an der Steilküste angekommen waren. Wir legten seinen Leichnam auf die anderen und kehrten dann in sein Büro zurück, um mit Hilfe weiterer Laken und des Meerwassers zumindest die gröbsten Unreinheiten zu entfernen. Nach getaner Arbeit begaben wir uns auf den Steg und wuschen unsere Kleidung, die das Ganze leider nicht unbeschadet überstanden hatte, so gut es eben ging.

Danach holten wir einen der Kanister aus dem Schuppen und verteilten den Inhalt über dem Leichenberg. Pater Benedict sprach noch ein kurzes Gebet, dann entzündete ich ein Streichholz und warf es auf das Benzin. Unglücklicherweise hatten wir uns in Bezug auf die Größe der entstehenden Stichflamme schwer verschätzt. Mit einem Fauchen bildete sich ein großer Feuerball, dessen Front auf Pater Benedict und mich zuraste. Der Pater konnte sich gerade noch rechtzeitig zu Boden werfen, ich jedoch wurde kurz von den Flammen erfasst und erlitt einige Verbrennungen, bevor ich auf dem Boden aufschlug.

Ich schrie vor Schmerz und Schock. Feuer! Genau die Art, auf die mein Cousin gestorben war: Verbrannt in seinem abstürzenden Wrack. Ich Idiot! Wie konnte ich nur so unvorsichtig sein? Wieso sind wir überhaupt auf die Idee gekommen, die Leichen zu verbrennen? Ich wusste es nicht. Als ich die Augen öffnete, sah ich Pater Benedict über mir. Er zerrte mich auf die Füße und dann ins Sanatorium hinein, zu Dr. Tiller. Immer noch benebelt sah ich, wie Tiller hektisch in seiner Tasche wühlte, eine Salbe hervorholte und sie auf meine Wunden auftrug. Als er schließlich einen Verband anlegte, hatten die Schmerzen schon erheblich nachgelassen. Wie er mir erklärte, waren die Wunden nicht sonderlich schlimm - ich würde keine bleibenden Schäden davontragen, bis auf ein paar kleine Narben vielleicht. Noch mal Glück gehabt.

Als ich wieder vollständig bei Besinnung war, dankte ich Dr. Tiller für die schnelle und kompetente Hilfe. Nach diesen ganzen Aufregungen hätte ich gut und gern einen Drink vertragen können. Leider gab es in diesem ganzen verdammten Sanatorium nicht einen einzigen Tropfen Alkohol, außer vielleicht in Form von Medikamenten. Verflucht!

Ich hörte nur mit halbem Ohr zu, als Dr. Tiller berichtete, dass er die Patientenakte von Cecil Randolph durchgearbeitet und dabei herausgefunden hatte, dass es sich bei ihr um die Ehefrau eines Zeitungs-Tycoons handelt, die unter Halluzinationen und einer schweren Paranoia leidet. Ein Opfer von Alkoholmissbrauch - wie passend. Jedenfalls benötigte sie alle vier Stunden Beruhigungsmittel. Mrs. McCormmick hatte die Buchhaltungs-Unterlagen vollständig gesichtet, dabei jedoch nichts Bemerkenswertes gefunden.

Die Mittagszeit war zwar schon lange um, aber aufgrund der Tatsache, dass auch das Frühstück verspätet stattgefunden hatte, holten wir die Patienten nach unserem bewährten Schema aus ihren Zimmern und setzten sie an den großen Tisch im Esszimmer. Blanche kredenzte uns nur kalte Speisen, da es ihr ohne Wasser nicht möglich gewesen war, zu kochen. Der einzige, der sich lauthals beschwerte, was das hier für ein Saustall wäre, war natürlich Henry Adam Barber. Wenn er gewusst hätte, wie Recht er damit gehabt hatte...

Ende Session 06.10.2007

Fortsetzung in Teil 9: Der alltägliche Wahnsinn
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 22. April 2008, 09:53:34
Teil 9: Der alltägliche Wahnsinn

Session: 03.11.2007

Nachdem wir das Mittagessen beendet und die Patienten wieder in ihren Zimmern eingeschlossen hatten, meldete sich Lady Gordon zu Wort: "Ich würde gerne Ebenezers Haus durchsuchen. Vielleicht hatte er ein Morse- oder Funkgerät, mit dem wir Hilfe holen könnten." Einen Versuch war das sicherlich wert, und so schloss sich ihr Mrs. Stevens-McCormmick an. Außerdem nahmen sie noch Blanche mit, damit sich diese auch an dem Generator versuchen konnte. Nach eigenem Bekunden hatte sie zwar das Gerät noch nie bedient, aber wir wollten nichts unversucht lassen. So zogen die Damen von dannen.

Dr. Tiller schlug vor, derweil eine therapeutische Sitzung mit einem der Patienten abzuhalten, da diese eventuell von den gestrigen Vorfällen etwas mitbekommen hätten. Unter Umständen würden wir auf diese Art und Weise vielleicht einige Hinweise erhalten, was genau geschehen war. Dem konnte ich nur zustimmen. Als geeignetster Kandidat erschien uns Leonard Hawkins, denn er war derjenige, der uns von den drei "Testpersonen" Brewers noch am ehesten ansprechbar und am leichtesten zugänglich erschien. So holten wir Hawkins aus seinem Zimmer und begaben uns mit ihm in den Behandlungsraum im ersten Stock. Pater Benedict verzichtete auf eine Teilnahme an der Sitzung und machte es sich stattdessen in der Bibliothek mit seinem gefundenen Gedichtband bequem.

Dr. Tiller bettete Hawkins auf die Liege, setzte sich auf einen Stuhl neben das Kopfende des Patienten und redete beruhigend auf ihn ein. Ich setzte mich etwas abseits auf einen Hocker und verhielt mich möglichst still. Hawkins antwortete zwar auf Dr. Tillers Fragen, machte jedoch einen etwas verstörten Eindruck. Es dauerte eine Weile, bis Tiller Hawkins' Vertrauen gewonnen hatte, dann kam er auf die Ereignisse des vorigen Tages zu sprechen. Hawkins wurde sichtlich unruhiger. Wie sich herausstellte, hatte er wohl nicht allzu viel mitbekommen, gerade genug, um ihm ordentlich Angst einzujagen. Das einzige, was er konkret gesehen haben wollte, war ein "Haufen Seifenblasen", der an seinem Zimmer vorbeigekommen war. Danach wurde Hawkins zu nervös, um die Sitzung fortsetzen zu können. Er zitterte am ganzen Leib und stammelte nur noch unverständliches Zeug. Dr. Tiller beruhigte Hawkins wieder so gut es ging, dann brachten wir ihn in sein Zimmer zurück. Enttäuscht von diesem mageren Ergebnis begaben wir uns in die Bibliothek und berichteten Pater Benedict, dass es nichts zu berichten gab.

Kurz darauf trafen auch die Damen wieder ein. Natürlich hatte Blanche den Generator nicht starten können. Auch die Durchsuchung von Ebenezers Haus war weniger erfolgreich verlaufen als erhofft, allerdings nicht ganz erfolglos: Zwar hatten die Damen kein Funkgerät gefunden, dafür jedoch einen Brief, der ihnen suspekt erschienen war. Sie hatten ihn mitgebracht:

Zitat
Brief an Ebenezer

13. Oktober 1896

Werter Ebenezer,

ich übergebe diesen Brief nun an einige Leute im Hafen und bin sicher, dass Du ihn erhalten wirst wenn Du wieder nach Hause kommst. Ich werde zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich wieder weg sein und ich weiß nicht wann ich Dich wieder sehen werde, somit wünsche ich Dir jetzt erstmal viel Glück. In diesem Umschlag wirst Du ein kleines Geschenk finden. Es ist ein Glücksbringer den mir einer der Eingeborenen gab, der uns auf den Inseln über den Weg lief. Ich weiß nicht ob er was taugt, aber ich habe ihn fast immer getragen - insbesondere zu jener Zeit, in der wir uns auf den Inseln aufhielten. Man sagte mir das einige Schiffe, die aus Innsmouth auslaufen, etwas ähnliches an deren Unterseite angebracht haben. Ich kenne meine neue Adresse noch nicht, aber sobald ich in Cincinnati bin werde ich Dir schreiben und Dir diese mitteilen.

Dein Freund William

Die Handschrift war kaum zu entziffern, außerdem war der Brief offensichtlich schon ein Vierteljahrhundert alt. Den "Glücksbringer", von dem in dem Brief die Rede war, hatten die Damen leider nicht gefunden. Wie auch immer, einen unmittelbaren Zusammenhang dieses Briefs mit unserer derzeitigen Situation konnte ich jedenfalls nicht erkennen, und ich fragte mich, warum den Damen ausgerechnet dieser Brief aufgefallen war. Noch bevor ich meine Frage artikulieren konnte, vernahmen wir jedoch erneut einen Schrei.

Schnell hatten wir als Ursprungsort das Erdgeschoss des Patiententrakts ausgemacht. Während wir dorthin eilten, ertönten weitere Schreie, die - wie wir nun feststellen konnten - aus Mrs. Randolphs Zimmer kamen. "Da ist etwas unter meinem Bett!", kreischte sie, offenbar in einem Zustand fortgeschrittener Panik. Ich entriegelte die Tür zu ihrem Zimmer und öffnete sie. Noch ehe ich reagieren konnte, war Mrs. Randolph an mir und den anderen vorbeigeschossen und rannte Hals über Kopf den Gang entlang in Richtung Foyer, wobei sie ihr Kreischen nicht unterbrach. Sofort stürzten wir hinter ihr her. Glücklicherweise war Mrs. Randolph auch in Panik keine allzu schnelle Läuferin, so dass ich sie überholen und mich in den Türrahmen stellen konnte, um sie aufzuhalten. Auch Dr. Tiller kam an ihr vorbei und warf die Tür zum Foyer ins Schloss - damit war ihr der Fluchtweg endgültig verbaut.

Als Mrs. Randolph an der Tür eintraf und stoppen musste, redete Dr. Tiller beruhigend auf sie ein. Er bat Mrs. Stevens-McCormmick, in das Medikamentenlager zu gehen und das Beruhigungsmittel zu holen, welches Mrs. Randolph laut ihrer Patientenakte benötigte. Noch bevor Mrs. Stevens-McCormmick mit den entsprechenden Arzneien eintraf, konnte Dr. Tiller Mrs. Randolph jedoch wieder so weit beruhigen, dass wir sie in ihr Zimmer zurückführen konnten. Natürlich schauten wir auch unter ihr Bett - erwartungsgemäß befand sich dort jedoch nichts. Nachdem Dr. Tiller Mrs. Randolph das Beruhigungsmittel verabreicht hatte, schlief sie ein. Während die anderen bereits in die Bibliothek zurückgingen, sah ich noch kurz nach Colonel Billings und brachte ihn auf die Toilette.

Wieder zurück in der Bibliothek erfuhr ich, dass den anderen Blanche über den Weg gelaufen war, die sich unwirsch darüber beschwert hatte, dass sie ohne Wasser kein Abendessen kochen könne. Lady Gordon und Mrs. Stevens-McCormmick hatten sich daraufhin entschlossen, sich der Sache anzunehmen, und waren verschwunden. Pater Benedict las immer noch in seinem Gedichtband und Dr. Tiller schien sich etwas entspannen zu wollen, also schnappte ich mir die Patientenakte von Colonel Billings.

Tatsächlich kehrten die Damen nach einiger Zeit zurück, ihre Bemühungen von Erfolg gekrönt: Sie hatten sich ein Seil und einen Eimer aus dem Geräteschuppen organisiert, und es war ihnen gelungen, durch eine Wartungsklappe an der Pumpe Trinkwasser aus dem Brunnenschacht zu schöpfen. Immerhin hatten wir eine Lösung für unser Wasserproblem gefunden - blieb also nur noch der geisteskranke Killer.

Mangels einer besseren Idee begaben sich Mrs. Stevens-McCormmick und Lady Gordon in Dr. Brewers Arbeitszimmer, um sich den Safe vorzuknöpfen. Sie hatten sich vorgenommen, die Geburtsdaten von Dr. Brewer, des Personals und gegebenenfalls auch der Patienten an dem Zahlenschloss auszuprobieren, oder das Büro noch einmal speziell nach einem Hinweis auf die Kombination zu durchsuchen. Ich wünschte ihnen viel Glück, war jedoch wenig zuversichtlich. So allmählich wurde allen klar, dass wir hier im Prinzip vollkommen hilf- und ratlos waren. Irgendwo auf der Insel trieb sich noch dieser Axtmörder herum. Wahrscheinlich hatte er sich im Wald verkrochen und harrte nur darauf, dass es dunkel wurde. Uns blieb nichts anderes übrig, als darauf zu warten, was er als nächstes tun würde. Mit Sicherheit würde er keine Ruhe geben. Und wir saßen hier herum, lasen Akten und versuchten verzweifelt, die Zahlenkombination eines Safes zu erraten. Ich fühlte mich wie ein Opferlamm, das zur Schlachtbank geführt werden sollte.

Während ich meinen finsteren Gedanken nachhing, drang wieder einmal ein Schrei an mein Ohr. Fast hätte ich nicht darauf reagiert, aber ich erkannte die Stimme: Mrs. Stevens-McCormmick! Wir stürzten nach oben. Sie stand am Schreibtisch und blickte uns an, als ob sie selber nicht wüsste, was gerade passiert war. "Was ist los?", fragte ich. "Nichts, alles wieder in Ordnung", antwortete sie nach kurzem Zögern. Lady Gordon stand vor dem Safe, schaute Mrs. Stevens-McCormmick an, dann uns, und zuckte ratlos mit den Schultern. Wir vergewisserten uns noch einmal, dass es Mrs. Stevens-McCormmick gut ging, dann begaben wir uns wieder nach unten. Warum sie geschrieen hatte, wusste niemand. Wenn sie nicht gerade beim Durchsuchen des Schreibtischs eine Spinne gesehen hatte, dann blieb als einzige Erklärung, dass ihr die Nerven durchgegangen waren. Das konnte ich ihr kaum verübeln. Wenn wir jemals von dieser Insel runterkommen würden, dann wären wir wahrscheinlich alle reif für die Klapsmühle.

Fortsetzung in Teil 10: Die zweite Nacht
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Nadir am 22. April 2008, 10:34:29
Großartig! Nur etwas kurz  :wink:

Wann gehts weiter?
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 22. April 2008, 11:35:55
Ja, Teil 9 war in der Tat etwas kurz.

Teil 10 habe ich heute fertig gemacht (und der hat auch wieder normale Länge), aber den gibt's erst, wenn er von meinen werten Mitspielern den "Approved"-Stempel bekommen hat. :wink:

In der Regel lasse ich ihnen ein paar Tage Zeit, Einspruch einzulegen, oder eben bis der nächste Teil fertig ist. Bis zum Wochenende sollte ich vielleicht schon noch warten. Ich möchte nicht in die Situation kommen, an einem Teil inhaltliche Korrekturen vornehmen zu müssen, der hier schon ein paar Tage drinsteht.
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Nadir am 22. April 2008, 12:30:28
Einspruch abgelehnt, Teil posten!  :wink:
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Jilocasin am 22. April 2008, 13:55:46
Hab die, zu meinem Bedauern bisher ignorierte, Storyhour förmlich verschlungen. Bin gespannt wie es weiter geht! Sehr spannend, bin begeistert.
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 22. April 2008, 21:58:57
Freut mich, dass euch die Story Hour so gut gefällt! :)

Teil 9 war übrigens deswegen so kurz, weil die nachfolgenden Ereignisse nicht mehr wirklich unter die Überschrift "alltäglicher Wahnsinn" gepasst hätten, nicht weil ich zu faul war oder so.

@Nadir-Khân: Sieh es mal so: Ich würde Dir ganz sicher keinen Gefallen tun, wenn ich Teil 10 jetzt schon posten würde, denn dann würde es um so länger dauern, bis Teil 11 kommt. Und Teil 10 hat einen schönen Cliffhanger, wie ich finde... :wink:
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Nadir am 22. April 2008, 22:46:02
Na super, jetzt ärgere ich mich darüber, dass Du Recht hast ;)
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Nyarlathotep am 23. April 2008, 17:47:17
So, dann will ich auch mal meinen Senf dazu geben:  :wink:

Klasse Story! Kompliment!
Wir wollen mehr davon!
 :D
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Der Tod am 23. April 2008, 17:54:02
Ich kann dem 1000-Gesichtigen nur zustimmen: Das Lesen reicht schon um selbst wieder spielen; bzw. mitgespielt haben zu wollen. Und die Bebilderung wertet zusätzlich auf!

Von mir gibts 5 "Iä!"'s! ;)
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Der Wurm am 25. April 2008, 13:35:20
Servus,

Bin gerade eben in die Story Hour eingestiegen und finde sie interessant und spannend zu lesen. Vielen Dank für deine Mühe, ich freue mich schon auf das nächste Update!

beste Grüße,
Wurm
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 27. April 2008, 09:36:19
Teil 10: Die zweite Nacht

Fortsetzung Session 03.11.2007

Ich begab mich zurück in die Bibliothek und nahm das Studium der Patientenakte von Colonel Billings wieder auf, Pater Benedict las weiter in seinem Gedichtband. Es dauerte allerdings nicht lange, bis die Damen ebenfalls wieder aus Brewers Büro zurückkamen, mit Enttäuschung auf ihren Gesichtern: Der Safe war immer noch zu.

Dr. Tiller merkte an, dass es an der Zeit wäre, sich um die Patienten zu kümmern. Lady Gordon und Mrs. Stevens-McCormmick schlossen sich ihm an, als er sich seine Arzttasche nahm und Richtung Patiententrakt auf den Weg machte. Nach einer Weile kehrten sie zurück. Sie berichteten, dass sie den Blutfleck an der Wand von Allen Harding sicherheitshalber mit einer Decke verhangen hatten - Lady Gordon war zu der Überzeugung gelangt, dass Harding wahrscheinlich versucht hatte, mit seinen Fingern den Fleck von der Wand zu kratzen, also war es vielleicht besser für seine Gesundheit, wenn er ihn nicht mehr sah.

Mangels Alternativen schlugen Lady Gordon und Mrs. Stevens-McCormmick vor, eine psychoanalytische Sitzung mit Darlene abzuhalten, um in Erfahrung zu bringen, was sie gestern Abend gesehen hatte. Dr. Tiller war einverstanden, und so holten sie Darlene aus ihrem Zimmer und begaben sich mit ihr in den Behandlungsraum im Obergeschoss. Pater Benedict und ich blieben derweil in der Bibliothek zurück und befassten uns mit unserer jeweiligen Lektüre.

Etwa eine Stunde später trafen die Damen und Dr. Tiller wieder in der Bibliothek ein, gerade als ich die Akte von Colonel Billings beendet hatte. Auf die Frage, ob Darlene irgendetwas gesagt hätte, antwortete Mrs. Stevens-McCormmick: "Nur Unsinn, reine Zeitverschwendung." Lady Gordon wurde etwas genauer: "Sie will Kugeln gesehen haben, die von links nach rechts an ihrem Zimmer vorbeigekommen sind." Mrs. Stevens-McCormmick schnaubte verächtlich. "Wie gesagt, nur Unsinn.", fügte sie hinzu. Ich dachte nach. Hawkins hatte Seifenblasen gesehen, Darlene Kugeln. Merkwürdig waren diese Aussagen in der Tat, aber merkwürdig war auch, dass sie sich durchaus ähnelten. War irgendetwas den Gang im Keller entlang gerollt? Ein weiteres Rätsel.

Ich unterbrach mein Grübeln und teilte den anderen mit, was ich in Colonel Billings Akte gelesen hatte: Das einzige, woran Billings litt, war eine fortgeschrittene Alterssenilität. Eine Geisteskrankheit lag bei ihm nicht vor, so dass er auch keine Behandlung erhalten hatte, sondern nur zur Betreuung hier war. "Pflegestufe Baby", wie Brewer sich auszudrücken pflegte. Einerseits war ich froh, dass dem Colonel nichts Schlimmeres fehlte, andererseits hieß das aber auch, dass es kaum Hoffnung gab, dass er sich von diesem Zustand wieder erholen würde. Alterssenilität war nicht behandelbar.

Blanche hatte das Abendessen hergerichtet, und so holten wir die Patienten aus ihren Zimmern und brachten sie zu Tisch. Während wir aßen, wurde nicht viel geredet, um die Patienten nicht zu beunruhigen. Mit der Abwesenheit des Pflegepersonals hatten sie sich offenbar abgefunden, manche von ihnen halfen sogar beim Abräumen mit. Danach brachten wir sie wieder auf ihre Zimmer zurück und schlossen sie für die Nacht ein.

Gleich darauf legten sich Mrs. Stevens-McCormmick und ich auf unsere Matratzen, da wir gegen Mitternacht wieder aufstehen und zu einer kleinen Expedition aufbrechen wollten. Wir hatten die Hoffnung, dass das seltsame rötliche Leuchten, das Pater Benedict und ich in der letzten Nacht in der Nähe des Leuchtturms wahrgenommen hatten, diese Nacht wieder auftauchen würde. Vielleicht konnten wir in Erfahrung bringen, wodurch es verursacht wird. Lady Gordon und Dr. Tiller beschlossen, inzwischen eine Sitzung mit Blanche abzuhalten, um sie nach den gestrigen Ereignissen zu befragen. Pater Benedict blieb mit uns in der Bibliothek. Er las immer noch seinen Gedichtband.

---

Es war auch tatsächlich gegen Mitternacht, als wir von Lady Gordon hastig geweckt wurden. "Da hat jemand etwas gebrüllt!", rief sie aufgeregt. Wie ich bemerkte, waren Mrs. Stevens-McCormmick und ich nicht die einzigen, die geschlafen hatten. Pater Benedict lag auf der dritten Matratze und Dr. Tiller auf der Couch. Lady Gordon hatte offenbar Wache gehalten. Nun rappelten wir uns jedoch alle hoch und eilten Richtung Patiententrakt. Dr. Tiller hatte sich seine Arzttasche gegriffen. "Ich glaube, es ist aus dem Keller gekommen.", teilte Lady Gordon uns mit und steuerte auf die Kellertreppe zu.

In diesem Moment bestätigte sich ihre Vermutung: "ES KOMMT!", schrie eine männliche Stimme von unten. Wir rasten die Treppe hinunter und schlossen die Tür zum Patiententrakt auf. Der Lärm kam aus Hardings Zimmer. "ES WILL MICH!", brüllte er aus Leibeskräften. Eiligst suchte ich an meinem Bund nach dem Schlüssel zu seinem Zimmer und drehte ihn im Schloss herum. Wir rissen die Tür auf und stürmten hinein. "ES WILL DICH!", schrie Allen Harding mit panikerfüllter Miene und zeigte dabei auf mich. "ES WILL DICH!", wiederholte er, und zeigte auf Pater Benedict. Der Pater bekreuzigte sich. "ES WILL DICH!", schrie Harding abermals, wobei er seinen Finger dieses Mal auf Dr. Tiller richtete, der sich nach vorne gedrängt und seine Arzttasche geöffnet hatte. Während Tiller eine Spritze aufzog und Harding in den Arm stach, hatte dieser noch Gelegenheit, die gleiche Prozedur bei Lady Gordon und Mrs. Stevens-McCormmick zu wiederholen. Danach schien er sich etwas zu entspannen - das starke Beruhigungsmittel, das Tiller ihm verabreicht hatte, zeigte offenbar seine Wirkung. Seine Augenlider flatterten kurz, dann schlossen sie sich ganz und er sank auf sein Bett zurück.

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/allenharding.jpg)

"Der wird jetzt erst mal ein Weilchen schlafen.", verkündete Dr. Tiller und packte seine Tasche zusammen. Harding hätte wohl einen Alptraum gehabt und eine Panikattacke erlitten, diagnostizierte er. Erleichtert schlossen wir Harding wieder ein und begaben uns zurück in die Bibliothek. Ich fragte Dr. Tiller nach der Sitzung mit Blanche. Wie sich herausstellte, war sie wohl auch wenig aufschlussreich gewesen. An dem betreffenden Abend hatte sie nichts gesehen und die vorgefundenen Leichen von Bobby Birch und Catherine Ames tatsächlich für Unfälle gehalten. Allerdings hatte sie wohl gehört, dass Charles Johnson, der Pfleger, der in dem Schlafraum im Kellergeschoss untergebracht war, irgendetwas gerufen hatte. Bedauerlicherweise hatte sie nicht verstanden, was.

Und Pater Benedict hatte inzwischen auch den Gedichtband von Allen Harding beendet. Als ich ihn nach dem Inhalt fragte, schaute er mich mehrere Sekunden lang nachdenklich an. Er sah aus, als wüsste er nicht, was er sagen sollte. "Ach, nur sinnloses, wirres Zeug.", meinte er schließlich und wandte den Blick von mir ab.

Nach dieser eigenartigen Antwort hätte ich ihn gerne etwas näher befragt, aber die Zeit war knapp. Wenn das Leuchten heute wieder kurz nach Mitternacht auftauchen würde, dann mussten wir uns beeilen, um es noch zu erwischen. Ich holte meine Elefantenbüchse und steckte sicherheitshalber zwanzig Schuss Munition ein. Mrs. Stevens-McCormmick nahm zwei Öllampen aus dem Foyer, füllte sie auf und überreichte mir eine davon. Zum Glück waren wir bereits fertig angezogen, denn mit den Damen zusammen in einem Raum im Pyjama zu schlafen, war natürlich undenkbar. Mrs. Stevens-McCormmick tastete die Taschen ihrer Kleidung ab - sie schien etwas zu suchen. Als ich sie danach fragte, antwortete sie, dass sie ihr Schlüsselbund vermissen würde. Sie war sich sicher, dass sie es noch einstecken hatte, als wir uns hingelegt hatten, und wollte es nun hier lassen, da es ja nicht ratsam gewesen wäre, beide mitzunehmen.

"Oh, ihr Schlüsselbund habe ich.", sagte Lady Gordon und holte es hervor. Mrs. Stevens-McCormmick schaute sie verdutzt an. "Sie haben es mir weggenommen, während ich geschlafen habe?", fragte sie. "Irgendwie musste ich ja die Türen abschließen", antwortete Lady Gordon und fügte mit einem süffisanten Lächeln hinzu: "Und Mr. Mannock hätte ich ja wohl kaum durchsuchen können." Mrs. Stevens-McCormmick und ich waren beide baff ob dieser Anzüglichkeit. Ich sah, wie Mrs. Stevens-McCormmick errötete, konnte aber nicht sagen, ob es an Lady Gordons frivoler Andeutung oder an Empörung über die Entwendung des Schlüsselbunds lag. Jedenfalls fiel es ihr sichtlich schwer, die Contenance zu wahren.

"Wir müssen los.", sagte Mrs. Stevens-McCormmick schließlich. Dass wir es eilig hatten, war wahrscheinlich der einzige Grund, warum es in diesem Moment nicht zum offenen Streit zwischen ihr und Lady Gordon kam. Wir verließen das Sanatorium und traten in die Nacht hinaus.

Es war stockfinster. Von dem roten Lichtschein war nichts zu sehen und ich hoffte, dass wir ihn nicht bereits verpasst hatten. Nach wenigen Minuten erreichten wir die Weggabelung und wandten uns nach links in Richtung Leuchtturm. Durch das schwache Licht der Öllampen kamen wir nur sehr langsam voran - jeder zu hastige Schritt hätte uns stolpern lassen können. Wir waren etwa 30 Minuten gegangen und hatten nach meiner Einschätzung etwas mehr als die Hälfte der Strecke bis zum Leuchtturm zurückgelegt, als ich plötzlich innehielt. Ich hatte etwas gehört. Auch Mrs. Stevens-McCormmick blieb stehen. Ich drehte mich zu ihr um. Sie legte einen Finger auf ihre Lippen. Da war es wieder: Ein Schrei. Dann noch einer. Und dann hörte es nicht mehr auf.

Die Schreie kamen vom anderen Ende der Insel her, aus Richtung der Steinplatte, auf der ich auch den Ornithologen gefunden hatte, und es handelte sich um eine Frau - so viel war klar. Der Mörder hatte ein neues Opfer gefunden. Aber welches? Außer uns und den Patienten lebte hier doch niemand mehr. Ich spitzte die Ohren und versuchte, ruhig zu bleiben, doch es gelang mir nicht, die Stimme zu erkennen. Dafür hörte ich etwas anderes: Zwischen den Schreien konnte man ganz leise einen rhythmischen Singsang vernehmen.

"Hören sie das auch?", fragte ich Mrs. Stevens-McCormmick, doch sie antwortete mir nicht, sondern starrte nur mit weit aufgerissenen Augen auf einen Punkt hinter mir. Ich drehte mich um.

Das rote Leuchten war wieder da.

Fortsetzung in Teil 11: Böses Erwachen
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 27. April 2008, 10:16:57
So, da ihr ja keine Fragen stellt, muss ich das eben tun. :wink:

Quizfrage

Welchen Beruf hat Lady Gordon?

a) Boxerin / Ringerin
b) Kopfgeldjägerin
c) Nichtstuerin*
d) Polizeikommissarin / Polizistin
e) Privatdetektivin
f) Reporterin

Jeder Cthulhu-Charakter hat einen Beruf. Derjenige von Lady Gordon wurde in dieser Story Hour noch nicht explizit erwähnt, ihr müsst ihn also anhand ihres Verhaltens erraten. Bitte begründet eure Entscheidung.

Diese Frage ist hoffentlich nicht ganz so einfach zu beantworten wie die erste... :wink:

Auflösung vor dem nächsten Update.

Edit:

* Ein Nichtstuer ist kein Gammler oder Faulpelz, sondern jemand, der von seinem Vermögen (Erbe, Immobilien, Aktien, etc.) leben kann und es somit nicht nötig hat, unbedingt arbeiten zu gehen. Für weitere Ausführungen siehe unten.
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Nadir am 27. April 2008, 15:29:14
Privatdetektiv oder Reporter

Ich tendiere eher gen Detektiv, weil sie für einen Reporter nicht offensiv und dreist genug ist.

btw. wieder sehr schön, ich werde irgendwann mal (wieviele Teile sind's noch?) einige Elemente daraus übernehmen und in meine Fantasywelt übernehmen.
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 27. April 2008, 18:13:07
Zitat von: "Nadir-Khân"
btw. wieder sehr schön, ich werde irgendwann mal (wieviele Teile sind's noch?) einige Elemente daraus übernehmen und in meine Fantasywelt übernehmen.

Danke! Wie viele Teile es noch werden, kann ich schlecht abschätzen. Ich plane die Länge der Teile nicht, sondern lasse mich beim Schreiben davon überraschen, wie weit ich komme. Insgesamt schätze ich, dass es noch etwa 15 bis 20 Teile werden, aber da kann ich mich auch schwer verschätzen. Du kannst den Fortschritt zumindest grob anhand der Sessionliste im Inhaltsverzeichnis (http://forum.dnd-gate.de/index.php/topic,17808.msg289079.html#msg289079) verfolgen (am Anfang jedes Teils steht ja die Session). Bei der letzten Session (19.04.2008) war das Abenteuer schließlich vorbei. Ob wir dann das nächste Abenteuer begonnen haben oder alle neue Charaktere machen mussten, verrate ich natürlich nicht. :wink:

Das mit dem Einbauen in die eigene Fantasy-Welt interessiert mich allerdings. Spielt ihr auch Cthulhu oder was genau passt hiervon in eine klassische, mittelalterliche Fantasy-Welt?
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Nadir am 27. April 2008, 20:58:29
Spoiler (Anzeigen)
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 28. April 2008, 03:13:42
Spoiler (Anzeigen)
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Nyarlathotep am 28. April 2008, 08:51:53
Zitat von: "Halvar"
So, da ihr ja keine Fragen stellt, muss ich das eben tun. :wink:

Quizfrage

Welchen Beruf hat Lady Gordon?

a) Boxerin / Ringerin
b) Kopfgeldjägerin
c) Nichtstuerin
d) Polizeikommissarin / Polizistin
e) Privatdetektivin
f) Reporterin

Jeder Cthulhu-Charakter hat einen Beruf. Derjenige von Lady Gordon wurde in dieser Story Hour noch nicht explizit erwähnt, ihr müsst ihn also anhand ihres Verhaltens erraten. Bitte begründet eure Entscheidung.

Diese Frage ist hoffentlich nicht ganz so einfach zu beantworten wie die erste... :wink:

Auflösung vor dem nächsten Update.


Darf ich auch mitmachen?
 :twisted:
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Nyarlathotep am 28. April 2008, 08:55:11
Zitat von: "Nadir-Khân"
btw. wieder sehr schön, ich werde irgendwann mal (wieviele Teile sind's noch?) einige Elemente daraus übernehmen und in meine Fantasywelt übernehmen.


OT

Wie und was du Einbauen willst, würde mich auch sehr interessieren!
Außerdem kann ich dir vielleicht behilflich sein über ein paar weitergehende Hintergründe, weil ich nämlich der SL bei diesem Abenteuer war.  :wink:
Ich muss das jetzt mal verraten, bevor mir Halvar bei der nächsten Session das Herz rausschneidet.  :twisted:
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Der Wurm am 28. April 2008, 13:48:34
Zitat von: "Halvar"
So, da ihr ja keine Fragen stellt, muss ich das eben tun. :wink:

Quizfrage

Welchen Beruf hat Lady Gordon?

a) Boxerin / Ringerin
b) Kopfgeldjägerin
c) Nichtstuerin
d) Polizeikommissarin / Polizistin
e) Privatdetektivin
f) Reporterin

Jeder Cthulhu-Charakter hat einen Beruf. Derjenige von Lady Gordon wurde in dieser Story Hour noch nicht explizit erwähnt, ihr müsst ihn also anhand ihres Verhaltens erraten. Bitte begründet eure Entscheidung.

Diese Frage ist hoffentlich nicht ganz so einfach zu beantworten wie die erste... :wink:

Auflösung vor dem nächsten Update.


Ich denke es könnte Kopfgeldjägerin sein.
Es wurde glaub ich nicht erwähnt das sie besonders muskulös ist daher fällt Ringer/Boxer schonmal flach. Wobei ich das als erstes getippt hätte da sie ja im Kampfsport ziemlich bewandert ist.
Ich kenne mich jetzt mit Cthulhu zuwenig aus und weiß daher nicht ob "Nichtstuer" eine besondere Art des Berufes ist bzw. was dieser beinhaltet daher würde ich das auch ausschliessen.
Für Polizistin/Detektivin/Reporterin war sie zu uninvestigativ (ich glaub das einzigste woran sie richtig Interesse zeigte war der Safe -> würde wohl auch für Kopfgeldjäger sprechen.)

Ansonsten danke für das Update, ich freue mich schon auf den nächsten Teil!

Viele Grüße,
Wurm
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 28. April 2008, 22:18:47
Zitat von: "Der Wurm"
Ich kenne mich jetzt mit Cthulhu zuwenig aus und weiß daher nicht ob "Nichtstuer" eine besondere Art des Berufes ist bzw. was dieser beinhaltet daher würde ich das auch ausschliessen.

Ein Nichtstuer ist jemand, der von einem Erbe, Aktienpaket o.ä. lebt und es nicht unbedingt nötig hat, arbeiten zu gehen. "Von Beruf Sohn" bzw. "- Tochter" würde man heute vielleicht sagen.

Auf der Regelseite heißt das lediglich (ohne jetzt zu sehr ins Detail gehen zu wollen), dass man seine Berufsfertigkeiten zum Teil frei wählen kann. Bei "richtigen" Berufen sind diese vorgegeben (die Auswirkungen sind in etwa vergleichbar mit Klassen- bzw. klassenübergreifenden Fertigkeiten bei D&D 3/3.5).

Zitat von: "Nyarlathotep"
Darf ich auch mitmachen? :twisted:

Nein, Du nicht. Du bist böse.
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Nadir am 28. April 2008, 22:37:17
Ich gehe bald in den Urlaub und werde das Abenteuer mal vorbereiten. Dann poste ich meine Ideen mal und ihr dürft zerreissen   :D
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 29. April 2008, 04:19:27
Ich habe die Erklärung des Berufs "Nichtstuer" oben bei der Quizfrage jetzt mal nachgetragen. Sorry, hätte ich vielleicht direkt machen sollen.

@Nadir-Khân: Dich zerreiß' ich doch immer gern. :wink:
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Lily Weg am 29. April 2008, 18:31:50
Nichtstuerin fände ich für sie passend.
Sie hätte durch ihr Geld vielfältige Möglichkeiten sich beispielsweise im "Kampfsport" schulen zu lassen. (Reisen in entlegene asiatische Regionen ;) )

Auch sind es ja "oft" gerade diesen reichen Leute, die es vor lauter gesellschaftlicher Langeweile nach Abenteuern gelüstet. Auch bilden diese - vielleicht als gewollten Kontrast zu ihrem biederen, gutbürgerlichen/adligen Leben - gewisse Fähigkeiten aus, welche so ganz ANDERS sind, als das, was von Damen ihres Status erwartet wird. (z.B. Schlösser knacken/Safe öffnen etc.)
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 07. Mai 2008, 04:46:17
So, vor dem nächsten Update hier zunächst die Auflösung der Quizfrage:

Lady Elizabeth Gordon ist eine Privatdetektivin. Gratulation an Nadir-Khân! :)

Eure gut begründeten Antworten haben mir aber gezeigt, dass die Frage wohl doch nicht so einfach war, wie ich nach Nadir-Khâns prompt richtiger Antwort schon befürchtet hatte. Von den aufgelisteten Berufen hätte es wirklich jeder sein können, denke ich, denn einen eindeutigen Hinweis gab es in der Geschichte bisher nicht. Ich bin jedenfalls jedem dankbar, der hier seine Gedanken dargelegt hat.
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 07. Mai 2008, 04:52:17
Teil 11: Böses Erwachen

Fortsetzung Session 03.11.2007

"Was machen wir jetzt?", fragte Mrs. Stevens-McCormmick, nachdem sie ihre Augen von der Leuchterscheinung losgerissen hatte. Ich wusste, dass es allenfalls noch eine oder zwei Minuten dauern würde, bevor der Mörder seine Tat vollendet haben würde - es in dieser Zeit bis ans gegenüberliegende Ende der Insel zu schaffen, war unmöglich. Der schreienden Frau konnten wir nicht mehr helfen. "Schnell, zum Leuchtturm!", antwortete ich und rannte auch schon los. Mrs. Stevens-McCormmick setzte mir nach.

Der Spurt über den Trampelpfad erwies sich angesichts der schlechten Lichtverhältnisse als äußerst tückisch. Sich nicht die Füße umzuknicken und dabei die Öllampe halbwegs im Gleichgewicht zu halten, war reine Glückssache. Als wir etwa 30 Sekunden gerannt waren und bereits das nordwestliche Wäldchen erreicht hatten, hörte ich hinter mir einen kurzen Schrei und einen dumpfen Aufschlag. Dann sah ich Mrs. Stevens-McCormmicks Öllampe in einem hohen Bogen Richtung Wald fliegen. Kurz vor der ersten Baumreihe zerschellte sie auf dem Boden und das Öl, das sich noch in ihr befunden hatte, entzündete sich mit einem Knall in einer zwei Meter hohen Stichflamme.

Kurz erwog ich, einfach weiterzurennen. Dann entschied ich mich jedoch, umzukehren und nach Mrs. Stevens-McCormmick zu schauen. Falls sie sich ernsthaft verletzt hatte, würde ich sie nicht einfach so hier liegen lassen können - nicht in der Nähe des Signalfeuers, das sie soeben entfacht hatte. Wie sich herausstellte, war der Sturz jedoch glimpflich verlaufen, und so konnte ich ihr wieder auf die Füße helfen. Sofort eilten wir weiter den Pfad entlang.

Wir waren nur wenige Meter weitergelaufen, als die Schreie der unbekannten Frau abrupt abbrachen. Wenn es sich so abspielen würde wie in der vergangenen Nacht, dann würde nur wenige Momente später auch das Leuchten verschwinden. Verbissen hastete ich weiter - es konnte nun nicht mehr allzu weit sein. Kurz bevor wir den Punkt erreichten, an dem der Leuchtturm hinter dem Wäldchen hätte auftauchen müssen, erstarb das rote Licht. Nur mit Mühe konnte ich einen vulgären Fluch unterdrücken und drosselte mein Tempo auf normale Schrittgeschwindigkeit. Mrs. Stevens-McCormmick tat es mir gleich.

Nach kurzer Absprache entschlossen wir uns dazu, unseren Weg dennoch fortzusetzen. Es war nun in der Tat nicht mehr weit bis zum Leuchtturm und nach nur wenigen Minuten hatten wir ihn erreicht. Zu sehen war nichts. Der Turm sah noch genauso aus wie wir ihn tags zuvor verlassen hatten, und auch in der Umgebung war nichts Ungewöhnliches zu entdecken. Eine zeitaufwendige Spurensuche erschien uns allerdings zu riskant, denn wir hatten die Befürchtung, dass die Explosion von Mrs. Stevens-McCormmicks Lampe den Mörder auf uns aufmerksam gemacht haben könnte. Möglicherweise war er bereits auf dem Weg hierher. Nachdem wir uns nur kurz umgeschaut hatten, drückte ich Mrs. Stevens-McCormmick die verbliebene Öllampe in die Hand und machte mein Gewehr schussbereit, dann setzten wir uns in Bewegung - zurück in Richtung Sanatorium. Als wir die Stelle passierten, an der das Missgeschick geschehen war, trat ich noch schnell die restlichen Flammen aus, um einem möglichen Verfolger die Orientierung wenigstens noch ein bisschen zu erschweren.

Ohne weitere Zwischenfälle erreichten wir nach ca. 45 Minuten Fußmarsch unser Ziel und begaben uns sogleich in die Bibliothek, wo Lady Gordon auf uns wartete. Pater Benedict und Dr. Tiller hatten sich in die Gästezimmer im Obergeschoss zurückgezogen, um zu schlafen. Als wir Lady Gordon von unseren Erlebnissen berichteten, teilte sie uns mit, dass sie von irgendwelchen Schreien nichts mitbekommen hätte und ihr auch ansonsten nichts Ungewöhnliches aufgefallen wäre. Welches Opfer der Mörder gefunden hatte, konnte sie sich genauso wenig erklären. Um auf Nummer sicher zu gehen, entschlossen wir uns jedoch dazu, die Patientenzimmer zu überprüfen.

Wir begaben uns ins Foyer. Ich machte meine Elefantenbüchse bereit, während Lady Gordon die Tür zum Erdgeschoss des Patiententrakts aufschloss. Sofort nachdem sie die Tür geöffnet hatte, verriet uns ein kalter Luftzug, dass hier irgendetwas nicht in Ordnung sein konnte. Die Sicherheitstür am anderen Ende des Ganges stand auf! Ebenso die Tür zu Mrs. Randolphs Zimmer! Sofort rasten wir den Gang entlang und in den Raum hinein: er war leer. Auf dem Bett befand sich lediglich ein tellergroßer Blutfleck. "Nein!", rief ich bestürzt und hastete durch die offene Sicherheitstür in die Waschküche, das Gewehr im Anschlag. Nichts und niemand war zu sehen, durch den zerstörten Hintereingang drang nur die kalte Nachtluft hinein. Der Mörder war einfach hier hereinspaziert und hatte sich Mrs. Randolph geschnappt! Ich konnte es nicht fassen.

"Wie ist das möglich?", fragte ich die Damen, in deren Gesichtern sich die gleiche Fassungslosigkeit widerspiegelte wie in meinem. Und, an Lady Gordon gerichtet: "Haben Sie denn gar nichts gehört?" Natürlich war das eine überflüssige Frage, wie ich bereits an dem Entsetzen erkennen konnte, das sich nun in ihrem Gesicht abzeichnete, als sie begriff, wie knapp sie offenbar selber dem Tod entronnen war. Außerdem offenbarte mir aber auch ein schneller Blick auf die Schlösser beider Türen keine Gewalteinwirkung. Scheinbar hatte der Mörder kaum Lärm verursacht - wie auch immer er das angestellt hatte. Und die ansonsten eher schreifreudige Mrs. Randolph? Warum hatte sie keinen Mucks von sich gegeben? Mir fiel ein, dass Dr. Tiller ihr nach ihrem Fluchtversuch am Nachmittag starke Beruhigungsmittel verabreicht hatte. Vermutlich hatte sie nichts bemerkt, bevor es zu spät war.

Ich ließ mich gegen die Wand sinken und rieb mir die Stirn. Wie war es möglich, dass der Mörder hier einfach so eindringen konnte? Bisher waren wir davon ausgegangen, dass er keine andere Möglichkeit hatte, als sich hier gewaltsam Zutritt zu verschaffen, was mit Sicherheit Lärm verursacht und uns alarmiert hätte. Natürlich wussten wir, dass er theoretisch durch den zerstörten Hintereingang problemlos in die Waschküche gelangen konnte, aber dann hätte er vor einer verschlossenen Sicherheitstür gestanden. Von der Waschküche führte noch eine Treppe in den Keller, aber auch dieser Weg endete schnell vor einer solchen Tür. Es gab dafür nur eine mögliche Erklärung, und Mrs. Stevens-McCormmick sprach sie aus: "Kann es sein, dass er Schlüssel hat?"

Ich dachte darüber nach und dann durchfuhr es mich wie ein Blitz: "Oh, mein Gott, wir Hornochsen! Natürlich hat er welche!", platzte es aus mir heraus. Mir war eingefallen, dass wir in Charles Johnsons Kellerraum an der Wand einen Haken gesehen hatten, der offensichtlich für ein Schlüsselbund dort angebracht worden war - einen leeren Haken. Ich vergrub mein Gesicht in den Händen und war der Verzweiflung nahe. Unsere Gedankenlosigkeit hatte soeben ein Menschenleben gefordert. Am liebsten wäre ich auf der Stelle tot umgefallen.

Es dauerte einen Moment, bis wir uns nach diesem Schock wieder so weit zusammengerissen hatten, dass wir die Türen erneut abschließen und uns wieder in die Bibliothek begeben konnten. Die Damen legten sich auf den Matratzen schlafen, ich jedoch patrouillierte die ganze restliche Nacht mit geladener Waffe durch die Gänge des Sanatoriums. So etwas würde mir nicht noch einmal passieren. Sollte sich der Mörder dazu entschließen, noch einmal zurückzukehren, würde ich ihm einen angemessenen Empfang bereiten.

3. Tag

Gegen 8 Uhr morgens weckte ich Pater Benedict und Dr. Tiller, den Damen wollte ich noch etwas mehr Schlaf gönnen. Nachdem die beiden Herren im Esszimmer Platz genommen hatten, setzte ich sie über die Geschehnisse der letzten Nacht ins Bild. Wie zu erwarten, zeigten sie sich merklich betroffen, und waren wie ich der Meinung, dass wir uns auf die kommende Nacht entsprechend vorbereiten müssten. Charles Johnson würde sich mit Sicherheit ein weiteres Opfer holen wollen, und das galt es unter allen Umständen zu verhindern.

Zunächst wollte ich jedoch der Steinplatte auf dem Ostteil der Insel einen Besuch abstatten, um nach Hinweisen zu suchen und mich zu vergewissern, dass Mrs. Randolph wirklich nicht mehr zu helfen war. Dr. Tiller zeigte sich von dieser Idee wenig angetan, Pater Benedict bot sich jedoch an, mich zu begleiten. Bei dem Anblick, der mich dort wahrscheinlich erwarten würde, war ein wenig geistlicher Beistand vermutlich nicht die schlechteste Idee, und so nahm ich das Angebot gerne an.

Kurz darauf waren wir bereits unterwegs. Wir folgten dem Trampelpfad ins Inselinnere und wandten uns an der Abzweigung nach rechts. Der Weg beschrieb eine weite Linkskurve an der Küste entlang und nach etwa 30 Minuten Fußmarsch kam der Steintisch in unser Blickfeld. Schon von weitem sahen wir, dass sich darauf etwas bewegte. Ich machte meine Elefantenbüchse bereit und wir näherten uns weiter an. Es war ein Schwarm Möwen, der sich auf dem Tisch niedergelassen hatte. Die Tiere pickten eifrig auf der Oberfläche der Steinplatte herum, und einige sahen wir mit roten Fleischfetzen im Schnabel davonfliegen. Weitere Möwen kreisten über dem Tisch und warteten offenbar darauf, dass sie an der Reihe waren.

In etwa zehn Metern Entfernung blieben wir stehen. Natürlich war uns im Grunde vollkommen klar, womit sich die Tiere da gerade den Bauch vollschlugen, aber die Situation war einfach zu bizarr. Ich musste daran denken, dass auf dem Tisch ja auch noch die Überreste des Ornithologen lagen und hätte angesichts der Ironie seines Schicksals beinahe laut aufgelacht. Stattdessen hob ich kurzerhand mein Gewehr und schoss in die Luft.

Pater Benedict fuhr zusammen und starrte mich entsetzt an. Die Möwen stieben auf und flatterten in alle Richtungen davon - Ziel erreicht. In beiden Fällen. Mein eisiger Blick hielt Pater Benedict offenbar davon ab, irgendetwas zu sagen, aber ab diesem Moment ließ er mich nicht mehr aus den Augen. Egal. Irgendwie hatte ich mich abreagieren müssen, um den angestauten Frust über die eigene Machtlosigkeit loszuwerden. Die Gelegenheit war günstig und Pater Benedict gerade da - Pech gehabt.

Ich ging zum Steintisch.

Fortsetzung in Teil 12: Spurensuche
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Nadir am 07. Mai 2008, 10:18:36
sehr nett!
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 14. Mai 2008, 06:34:24
Teil 12: Spurensuche

Fortsetzung Session 03.11.2007

Jeder geistig und moralisch gesunde Mensch würde versuchen, sich den Anblick eines zerrissenen Körpers zu ersparen, und normalerweise würde auch ich so handeln. Hier aber war es etwas anderes: Für den Tod von Mrs. Randolph fühlte ich mich in gewisser Weise mitverantwortlich. Ich war es ihr einfach schuldig, mich den Tatsachen zu stellen. Vielleicht wollte ich mich auch nur selbst bestrafen für meine Unbesonnenheit, wer weiß. Dr. Tiller hätte das bestimmt herausfinden können, aber der war nicht hier und mir war es ohnehin einerlei.

Bevor ich es überhaupt wagte, einen Blick auf die Steinplatte selbst zu werfen, ließ ich auf dem Weg dorthin meine Augen über den Boden schweifen und suchte nach Spuren. Pater Benedict blieb in weiser Voraussicht an der Stelle stehen, an der ich den Schuss abgegeben hatte.

Tatsächlich hatte jemand den gleichen Weg genommen wie wir: Eine noch relativ frische Spur aus Schuhabdrücken führte vom Trampelpfad aus direkt zum Steintisch, außerdem hatte der Betreffende etwas Schweres hinter sich hergezogen - es hätte mich auch gewundert, wenn Mrs. Randolph freiwillig hierher gekommen wäre.

Mit fest auf den Boden gehefteten Augen umrundete ich in geringem Abstand den Tisch und fand weitere Schuhabdrücke. Schließlich führte noch eine Spur vom Ort des Geschehens auf geradem Weg Richtung Nordwesten in den Wald hinein. Offenbar hatte sich der Mörder nach getaner Arbeit direkt dorthin zurückgezogen.

Nun kam ich jedoch nicht mehr umhin, einen Blick auf die Steinplatte zu werfen. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und hob den Kopf. Der Anblick glich jenem des Ornithologen vom Vortag, dieses Mal jedoch hatte sich der Mörder etwas Besonderes einfallen lassen: Die obere Hälfte von Mrs. Randolphs Schädel stand mittig auf dem Tisch, so dass es aussah, als wäre sie bis zur Nase in dem Stein versunken. Darauf waren über Kreuz ihre Arme drapiert - oder besser: das, was davon übrig war. Viel mehr als Knochen, einige Fleischreste und Kleidungsfetzen war nicht mehr zu erkennen. Auch ihre Augenhöhlen waren leer - die Möwen hatten ganze Arbeit geleistet.

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/cecilrandolph.jpg)

Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken und Ekel stieg in mir auf, aber ich schaffte es glücklicherweise, ihn wieder hinunterzuschlucken. Der Anblick von so vielen schrecklich zugerichteten Leichen während der letzten beiden Tage hatte mich wohl etwas abstumpfen lassen - in diesem Moment kam mir das sehr zupass.

Ich ging zurück zu Pater Benedict und berichtete ihm, was ich gefunden hatte. Als ich ihm den merkwürdigen Zustand von Mrs. Randolphs Überresten schilderte, wollte er sich die Sache jedoch unbedingt selbst ansehen, und so begleitete ich ihn zum Tisch zurück.

Stumm starrte er einige Sekunden auf die grausige Szenerie. "Sieht aus wie ein Ritual", murmelte er dann leise in sich hinein, ohne den Blick von dem Tisch abzuwenden. Ich hob eine Augenbraue. "Sehen Sie diese Kerben hier?", fragte er und deutete auf mehrere Stellen auf der blutbesudelten Oberfläche des Steintischs. Widerwillig beugte ich mich etwas vor. An den von Pater Benedict angedeuteten Stellen befanden sich in unregelmäßigen Abständen mehrere halbmondförmige Einkerbungen in der Steinplatte, die relativ frisch zu sein schienen. "Ja?", fragte ich zurück und war äußerst gespannt darauf, was nun kommen würde. "Die stammen wahrscheinlich von einer Axt", sagte er schließlich. Ich entspannte mich etwas. Dass der Mörder eine Axt besaß, hatten wir ja bereits seit Ebenezers gespaltenem Schädel vermutet, und dies schien sich hier zu bestätigen. Ich hoffte bloß, dass Pater Benedict sein Wissen über Axtspuren vom vielen Holzhacken her hatte.

Pater Benedict sprach noch ein kurzes Gebet, dann entschlossen wir uns, den Spuren weiter in den Wald hinein zu folgen. Vielleicht konnten wir so herausfinden, wo sich der Mörder versteckt hielt. Die Abdrücke setzten sich auch im Wald in einer relativ geraden Linie fort, so dass es nicht allzu schwer war, ihnen zu folgen. Nach etwa 50 Metern hörte die Spur jedoch plötzlich auf. Ich ging zurück zu der Stelle, an der ich den letzten Abdruck gesehen hatte, um zu untersuchen, ob der Mörder vielleicht die Richtung gewechselt hatte, fand jedoch auch in der näheren Umgebung nichts. Ich musste Pater Benedict gestehen, dass ich die Spur verloren hatte.

Die einzige Möglichkeit, die uns noch blieb, war einfach in die Richtung weiterzugehen, in die die Spur zuletzt geführt hatte - mit etwas Glück hatte der Mörder seinen Weg einfach in gerader Linie fortgesetzt. Also taten wir es ihm gleich. Wir waren etwa weitere 50 Meter gegangen, als wir den Waldrand erreichten und auf den nördlichen Strand hinaussahen, genau auf das alte Schiffswrack. Pater Benedict und ich warfen uns fragende Blicke zu - sollte sich der Mörder doch dort irgendwo versteckt halten? Wir hielten es kaum für möglich, aber scheinbar war das Wrack das Ziel des Mörders gewesen.

Bevor wir uns auf den Weg über den Strand machten, wollte ich jedoch den Waldrand erneut nach Spuren absuchen. Spätestens auf dem Sand sollten die Fußabdrücke eigentlich leicht wiederzufinden sein. Ich ging ein wenig auf und ab und ließ meinen geübten Blick über den Boden streifen - ergebnislos. Wahrscheinlich war der Mörder gar nicht hier gewesen, sondern hatte im Wald doch eine andere Richtung eingeschlagen.

Trotzdem wollten Pater Benedict und ich sicherstellen, dass an dem alten Holzwrack nicht doch noch irgendetwas faul war, also begaben wir uns dorthin und nahmen eine gründliche Untersuchung vor. Auch am Wrack selbst waren keine frischen Spuren zu erkennen, ebenso wenig darin. Pater Benedict schätzte das Alter des Schiffs auf etwa 100 Jahre und hielt es für einen Walfänger - in solchen Dingen kannte er sich also auch noch aus. Ich nahm mir vor, ihn bei nächster Gelegenheit mal zu fragen, was er neben seiner Haupttätigkeit als Bettelmönch noch so alles in seiner Freizeit anstellen würde.

Momentan jedoch mussten wir uns eingestehen, dass unsere Spurensuche erfolglos gewesen war und es wohl auch bleiben würde. Also beschlossen wir, zum Sanatorium zurückzukehren und den anderen von Mrs. Randolphs Tod zu berichten. Als auf dem Rückweg die Anspannung allmählich von mir abfiel, brach die Müdigkeit über mich herein. Mir fehlte eine Nacht Schlaf, und das ließ sich nun auch nicht mehr verleugnen.

Als Pater Benedict und ich im Sanatorium eintrafen, waren die anderen gerade dabei, ihr Frühstück einzunehmen. Da die Patienten mit am Tisch saßen, verloren wir über unsere Entdeckungen natürlich vorerst kein Wort. Als einer von ihnen fragte, wo denn Mrs. Randolph wäre, antwortete Dr. Tiller, dass sie leider momentan unpässlich sei. Glücklicherweise reichte diese Erklärung, und streng genommen war das ja auch noch nicht einmal gelogen. Pater Benedict und ich beendeten das Frühstück mit den anderen, dann brachten wir die Patienten auf ihre Zimmer zurück und begaben uns allesamt in die Bibliothek.

Natürlich waren die Damen und Dr. Tiller nicht überrascht, von Mrs. Randolphs Tod zu hören. Pater Benedict und ich hatten allerdings auch beschlossen, ihnen die grausigen Einzelheiten der Umstände von Mrs. Randolphs Auffinden zu ersparen - sie waren auch so schon mehr als genug aufgewühlt. Pater Benedict und ich waren zu der Auffassung gelangt, dass uns der Mörder damit ohnehin nur Angst einjagen wollte, und maßen dem keine weitere Bedeutung bei.

Inzwischen konnte ich jedoch kaum noch die Augen offen halten. Ich entschuldigte mich, erledigte meine Morgentoilette und legte mich in eines der Gästezimmer. Sofort schlief ich ein.

Fortsetzung in Teil 13: Audienz bei Annephis
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 14. Mai 2008, 06:37:49
Als Entschädigung dafür, dass dieser Teil wieder nur sehr kurz ist, folgt noch ein kleines Schmankerl, außerdem kann ich jetzt schon mal sagen, dass Teil 13 dafür um so länger ausfallen wird. :)
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 14. Mai 2008, 06:49:32
Dramatis personae: Lady Elizabeth Gordon

Ich stamme aus guten Verhältnissen, habe allerdings mit 17 den letzten Verwandten verloren.

Einige Jahre meines Lebens war ich mit einem ebenfalls adeligen Mann verheiratet. Diese Ehe zählte zu den schlechtesten Erfahrungen, die ich bisher gemacht habe.

Mein Beruf "Privatdetektiv", den ich seit meiner Scheidung ausübe, macht mir Spaß. Ich betreibe ihn allerdings nicht öffentlich mit Kanzlei, Visitenkarte, etc., sondern werde nur weiterempfohlen, da ich hauptsächlich in den gehobenen Kreisen recherchiere und da ein "Schnüffler" nicht erwünscht ist. Für ein unauffälliges Arbeiten dort hilft mir meine adlige Abstammung, da ich ohnehin dort verkehre. Ehemalige Kunden reden nicht darüber, dass sie mich beauftragt haben, um ggf. neue Aufträge aussprechen zu können und auch, um sich nicht selbst zu schaden, indem bekannt wird, dass sie einen Privatdetektiv beauftragt hatten. Außerdem bitte ich bei jeder Beauftragung um gegenseitige Diskretion.

Aufgrund der alleinigen Arbeitsweise wurde es in der Vergangenheit trotz aller Diskretion und Vorsicht immer mal brisant und ich musste mich verteidigen. Dazu habe ich Kampfsport gelernt und nutze nur in absoluten Ausnahmefällen den Revolver, da ich keinerlei Auffälligkeiten wünsche.

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/elizabethgordon.jpg)

Steckbrief:


Anmerkung: Hintergrund und Steckbrief wurden auf jene Dinge gekürzt, die den anderen Spielern bekannt sein dürfen.
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Der Wurm am 14. Mai 2008, 09:05:57
Wieder sehr schön zu lesen.
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Nyarlathotep am 14. Mai 2008, 10:43:15
Freut euch schon mal auf den nächsten Teil! Genial!
 :D

Falls sich jemand wundert, warum ich hier als SL, der das Abenteuer geleitet hat, meinen Senf dazugebe, auch für mich ist es spannend, das ganze aus Spielersicht zu "erleben".
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Gilvart am 25. Mai 2008, 21:27:45
Super geniale Story Hour, schön zu lesen und endlich mal was zu Cthulhu!
Allerdings wirds Zeit für ein neues Update!;)
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 26. Mai 2008, 04:22:14
Ja, wird es allerdings, sorry.  :-\

Zwei Gründe dazu:
1. Teil 13 musste ich mehrmals überarbeiten und wollte sicherstellen, dass sich nicht noch was ändert (das ist aber inzwischen gewährleistet, denke ich).
2. Teil 14 habe ich nocht nicht mal angefangen, weil ich noch andere Dinge erledigen muss(te). Das wird sich aber in Kürze wieder bessern und dann geht's weiter.

Vielen Dank aber jedenfalls für das Lob!

Als kleine Entschädigung kann ich lediglich noch ein paar Meta-Infos anbieten - vielleicht interessiert das ja den ein oder anderen:
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Gilvart am 26. Mai 2008, 22:00:14
Qualität ist leider nicht in 5 Minuten getippt!;)
Aber weiter so. Hoffe es bleibt nicht bei diesem Abenteuer!
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 01. Juni 2008, 07:27:54
Teil 13: Audienz bei Annephis

Fortsetzung Session 03.11.2007

Es war erst früher Nachmittag, als ich durch ein vorsichtiges Klopfen an meiner Zimmertür geweckt wurde. "Ja, bitte?", fragte ich verschlafen. "Mr. Mannock, bitte entschuldigen Sie die Störung, aber ich denke, es ist besser, wenn Sie aufstehen", antwortete die besorgt klingende Stimme von Mrs. Stevens-McCormmick. "Was ist los?", fragte ich und warf mich aus dem Bett. Während ich mich hastig ankleidete, berichtete sie mir durch die geschlossene Tür, dass sich Lady Gordon und Dr. Tiller nun schon seit einiger Zeit in einer Sitzung mit Darlene befinden würden. Sie hatten Darlene den in ihrer Patientenakte angegebenen Drogencocktail verabreicht, um mit ihrer multiplen Persönlichkeit Annephis Kontakt aufzunehmen. Mrs. Stevens-McCormmick selbst hatte an dieser Sitzung zunächst auch teilgenommen, dann jedoch den Raum verlassen, nachdem es ihr zu bunt geworden war: "Diesen Unfug wollte ich mir nicht länger anhören." Mehr wollte sie zum Inhalt des Gesprächs nicht sagen, fügte dann jedoch hinzu: "Allerdings dauert die Sitzung nun schon außergewöhnlich lange und so allmählich fange ich an, mir Sorgen zu machen."

Meine Müdigkeit wich einer Mischung aus Bestürzung und Empörung und mir rasten einige Gedanken durch den Kopf. Ich war eigentlich davon ausgegangen, dass solche fragwürdigen Methoden nur im äußersten Notfall zur Anwendung kommen sollten, und dieser war hier meiner Ansicht nach nicht gegeben. Warum hatten die Damen und Dr. Tiller das getan? Nichts, was uns Darlene in ihrer Gestalt als Annephis erzählen könnte, würde uns irgendwie gegen den wahnsinnigen Axtmörder alias Charles Johnson weiterhelfen, der uns gegenwärtig bedrohte. Hinzu kam, dass sie in meinen Augen ein unkalkulierbares Risiko eingegangen waren. Was, wenn Darlene in ihrer Annephis-Gestalt plötzlich gewalttätig werden und sie angreifen würde? Gut, Lady Gordon wusste sich durchaus zu verteidigen, aber man konnte nie wissen, wozu Menschen unter Drogeneinfluss imstande sind.

Als ich fertig angezogen war, schnappte ich mir meine Elefantenbüchse und riss die Tür auf. "Ich sehe mir das mal an. Besser, Sie warten hier", sagte ich und ging schnellen Schrittes in Richtung Patiententrakt. Mrs. Stevens-McCormmick blieb vor meiner Tür stehen und schaute mir mit sorgenvoller Miene hinterher.

Vor dem Behandlungsraum angekommen legte ich zunächst mein Ohr an die geschlossene Tür und lauschte. Ich hörte Gesang! In dem Zimmer sang eine mir fremde, weibliche Stimme in einer mir unbekannten Sprache. Mich beschlich ein äußerst ungutes Gefühl. Ich machte meine Waffe bereit und öffnete die Tür so leise wie möglich einen Spalt breit, um in den Raum hineinlugen zu können. Darlene saß auf der Liege und malte mit ihren Fingern auf einem Blatt Papier herum, während sie mit dieser fremden Stimme eine monotone Melodie sang. Dr. Tiller und Lady Gordon saßen davor und schauten ihr offenbar dabei zu, regten sich jedoch nicht. Augenscheinlich hatten sie mich nicht bemerkt, aber da sie mit dem Rücken zu mir saßen, konnte ich ihre Gesichter nicht sehen.

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/darlene.jpg)

"Pst", machte ich in den Raum hinein und schob die Tür ein Stückchen weiter auf. Lady Gordon und Dr. Tiller drehten ihre Köpfe zu mir herum, Darlene jedoch schien nichts zu bemerken - jedenfalls setzte sie ihre Aktivitäten unbeeindruckt fort. Wie mir jetzt auffiel, befand sie sich scheinbar in einer Art Trancezustand. Mit verärgerter Miene gab ich Dr. Tiller und Lady Gordon durch eine Geste zu verstehen, dass ich wissen wollte, was hier los war. Lady Gordon antwortete mir ebenfalls mit einer Geste, dass alles in Ordnung sei, und deutete mir dann an, dass ich den Raum verlassen sollte. Ich traute dem Braten zwar nicht vollends, trotzdem erschien es mir als das Klügste, ihrem Wunsch zunächst zu entsprechen. Leise schloss ich die Tür, begab mich zu Mrs. Stevens-McCormmick zurück und berichtete ihr, was ich gesehen hatte.

Auf dem Weg nach unten in die Bibliothek bat ich Mrs. Stevens-McCormmick, mich darüber in Kenntnis zu setzen, was in der Zwischenzeit alles geschehen war. Wie sich herausstellte, war das so einiges: Zunächst waren sie und Pater Benedict in den Keller gegangen, da der Pater sich den Blutfleck an der Wand von Allen Hardings Zimmer noch einmal genauer anschauen wollte. Er meinte, der Fleck ergäbe eine Symbolik, die ihm irgendwie bekannt vorkommen würde. "Wo ist Pater Benedict jetzt?", unterbrach ich ihren Bericht. "Noch immer dort unten", antwortete sie und fügte hinzu: "Er sagte, dass er Zeit und Ruhe bräuchte, um den Fleck zu untersuchen, also habe ich mich Lady Gordon und Dr. Tiller angeschlossen." Ich runzelte die Stirn und nahm mir vor, dem Pater dort unten später mal einen Besuch abzustatten.

Inzwischen hatten wir in der Bibliothek Platz genommen. Mir fiel ein Buch auf, das dort aufgeschlagen auf dem Tisch lag und das ich noch nicht kannte. "Was ist das?", fragte ich. "Das Castro-Manuskript", antwortete Mrs. Stevens-McCormmick, "das ist das Buch, das Dr. Brewer in seinem Tagebuch erwähnt hat. Das Buch, das er wohl von diesem 'Jameson' aus London bekommen hat. Ich lese es gerade." Erstaunt nahm ich es in die Hände. Es fühlte sich irgendwie unangenehm an. "Woher haben Sie das?", fragte ich und legte es vorsichtig wieder auf den Tisch zurück. "Dazu komme ich jetzt", antwortete sie mir und setzte ihre Erzählung fort: "Wir hatten die Idee, mit Blanche eine psychoanalytische Sitzung abzuhalten, um in Erfahrung zu bringen, ob sie eventuell die Kombination des Safes weiß. Wie sich herausstellte, kannte sie zwar die Zahlenfolge selbst nicht, konnte jedoch sagen, wo sie zu finden war: Auf einem Zettel, der an der Unterseite von Brewers Nachttisch klebt. Tatsächlich haben wir dann an der angegebenen Stelle die Kombination gefunden und den Safe damit öffnen können. Neben wichtigen Dokumenten, Unterlagen und Wertpapieren, die jedoch allesamt nicht auffällig oder irgendwie ungewöhnlich waren, befand sich darin aber auch dieses Buch. Eine Seite war markiert, vermutlich ein Hinweis von Jameson an Brewer." Mit diesen Worten schlug sie die entsprechende Seite auf und zeigte darauf: "Hier!"

Zitat
Markierte Seite im Castro-Manuskript

Und man sagt, dass, als "Jene, die warten" in das Land des Pharao kamen, sie das Land verwüsteten und erst dann gestoppt und vernichtet werden konnten, als sie der Priesterin Annephis vom Tempel der Bast gegenüberstanden. Sie wanderten des Nachts und fürchteten Ra ebenso wie das rauschende Wasser. Und die Steine wurden von ihr geschaffen und von der Priesterin getragen. Sie trieb mit diesen die Kreaturen in den Nil, welcher sie zum Meer trug, wo sie vernichtet wurden. Annephis starb an ihren Wunden und mit ihr, so sagt man, starb das Geheimnis der Steine. Sie wurde in einem Grab an einem Ort bestattet, der bislang noch nicht wiederentdeckt wurde.

Wie es schien, hatte ich hier die Erklärung, warum Darlenes multiple Persönlichkeit Annephis plötzlich für die Damen und Dr. Tiller so interessant geworden war, auch wenn das scheinbar nicht unmittelbar etwas mit unserem aktuellen Problem zu tun hatte, sondern wohl eher in die Richtung "wissenschaftliches Interesse" ging. Die Patienten unter Drogen zu setzen, konnte ich zwar trotzdem nicht gutheißen, aber zu erfahren, woran Dr. Brewer genau gearbeitet hatte, konnte sicherlich auch nicht schaden. Vielleicht hatten seine Experimente ja tatsächlich irgendetwas damit zu tun, dass Charles Johnson in den Wahnsinn getrieben und zu einem blutrünstigen Serienmörder geworden war. Andere Anhaltspunkte hatten wir jedenfalls nicht, und so war es zwar unschön, aber zumindest nachvollziehbar, dass die anderen nach diesem Strohhalm gegriffen hatten.

"Gratuliere!", sagte ich zu Mrs. Stevens-McCormmick, "Blanche zu fragen war eine großartige Idee." Sie errötete leicht und berichtete, dass sie vor Darlene noch eine "normale" Sitzung mit Henry Adam Barber abgehalten hatten, die jedoch ergebnislos verlaufen war. Danach hatte die Sitzung mit Darlene begonnen und den Rest würde ich kennen.

Allerdings stellte sich heraus, dass wir nun vor einem anderen Problem standen: Es war höchste Zeit, dass die Patienten ihre Medikamente bekamen, und Dr. Tiller, der dies ansonsten immer erledigt hatte, würde sich noch auf unbestimmte Zeit im Behandlungsraum aufhalten. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als dies selbst in die Hand zu nehmen. Glücklicherweise hatte Dr. Tiller Mrs. Stevens-McCormmick detaillierte Anweisungen gegeben, so dass wir zumindest wussten, welchem Patienten wir welche Arzneimittel zu verabreichen hatten. Als problematisch erwies sich lediglich Leonard Hawkins, denn dessen Medikation gab es nur in Injektionsform. Weder Mrs. Stevens-McCormmick noch ich hatten jemals irgendjemandem eine Spritze gesetzt. Da ich jedoch aus dem Krieg zumindest einige Erfahrung als Ersthelfer hatte und Hawkins eine Frau bestimmt ohnehin nicht so nahe an sich heranlassen würde, blieb mir nichts anderes übrig, als es trotzdem zu versuchen.

Hawkins warf mir skeptische Blicke zu, während ich die Vene in seiner Armbeuge suchte. Als ich glaubte, sie gefunden zu haben, nahm ich allen Mut zusammen, drückte die Nadel in die Ader hinein und den Kolben der Spritze langsam herunter. Als sie leer war, zog ich die Nadel vorsichtig heraus und drückte einen Wattebausch auf die Einstichstelle - scheinbar hatte es geklappt. "Sie können von Glück sagen, dass ich nichts gespürt habe", drohte Hawkins und legte sich wieder hin.

Nach diesem medizinischen Husarenstück hatte ich mir mein Mittagessen redlich verdient. Mein Magen hing ohnehin schon in den Kniekehlen. Zum Glück hatten mir die anderen freundlicherweise etwas übriggelassen, das ich nun hastig in mich hineinschlang. Mrs. Stevens-McCormmick war in der Bibliothek geblieben und las weiter im Castro-Manuskript.

Ich wollte mich gerade auf den Weg in den Keller machen, um nach Pater Benedict zu schauen, als dieser auch schon die Treppe hinaufkam. Ich begleitete ihn in die Bibliothek und er berichtete uns, was er herausgefunden zu haben glaubte: "Die Linien, die Harding mit seinen Fingern in das Blut gezeichnet hat, bilden ein äußerst kompliziertes Muster. Es war nicht einfach, es zu entschlüsseln, auch aufgrund des fehlenden Teils in der Mitte, aber ich denke, ich weiß jetzt, was es bedeuten soll. Es handelt sich um eine Art Tor."

Mrs. Stevens-McCormmick und ich blickten Pater Benedict verständnislos und ungläubig an. "Was meinen Sie mit 'Tor'?", fragte ich schließlich. "Einen Durchgang auf die andere Seite der Wand?" Die Idee erschien mir zunächst selbst abwegig, aber dann fiel mir ein, was sich auf der anderen Seite der Wand befand: Charles Johnsons Bett.

"Nein, nein", antwortete Pater Benedict jedoch, "bei frühzeitlichen Naturreligionen hat man ähnliche Muster schon gesehen. Sie stellen einen Übergang in eine andere Welt oder eine andere Dimension dar. Für diese Naturreligionen waren dies die Pforten zur Welt der Götter." Das ergab für mich nun überhaupt keinen Sinn. "Und warum hätte Harding so ein Ding an seine Wand malen sollen?", fragte ich. Pater Benedict zuckte mit den Achseln: "Das kann ich Ihnen auch nicht sagen."

Wie es schien, kamen wir hier nicht weiter. Mrs. Stevens-McCormmick hatte ohnehin kein Verständnis für diesen "abergläubischen Hokuspokus" und ich kam zu dem Schluss, dass Pater Benedict sich irgendwie geirrt haben musste. Wahrscheinlich hatte Harding im Wahn sein Blut einfach an die Wand geschmiert und das ähnelte dann eben zufällig einem Muster, das der Pater schon mal in irgendeinem Buch gesehen hatte. Anders konnte ich mir das nicht erklären. Wie auch immer, gegen Charles Johnson würde uns das jedenfalls nicht weiterhelfen.

Glücklicherweise mussten wir nur noch wenige Minuten mit unserer Ratlosigkeit ausharren, bis Lady Gordon und Dr. Tiller in die Bibliothek traten. Sie baten uns, mit ihnen die inzwischen eingeschlafene Darlene aus dem Behandlungsraum zu holen, und schlugen vor, sie in das unbelegte Patientenzimmer im Erdgeschoss umzuquartieren, da sie sie als ungefährlich einstuften. Dagegen war nichts einzuwenden, und so holten wir Darlenes Bettzeug und Matratze aus dem Keller und richteten das leere Zimmer E3 provisorisch für sie her. Danach trugen wir sie aus dem Behandlungsraum und betteten sie in ihr neues Refugium. Da wir inzwischen sehr neugierig auf das Ergebnis ihrer Sitzung waren, begaben wir uns allesamt in die Bibliothek. Dr. Tiller berichtete:

"Vorab kann ich bestätigen, dass Darlene an einer multiplen Persönlichkeitsstörung leidet: Fakten und Wahnvorstellungen verbinden sich bei ihr zu zahlreichen, neuen Identitäten, die abwechselnd die Kontrolle über ihr Verhalten übernehmen. Nachdem ich ihr die in ihrer Patientenakte beschriebene Rezeptur verabreicht und sie unter Hypnose gesetzt hatte, ist es mir gelungen, Darlenes multiple Persönlichkeiten zu aktivieren. Sie wechselte mehrfach von einer Identität zur nächsten, bis wir endlich Kontakt zu jener Frau bekamen, nach der wir gesucht hatten: Annephis, die ägyptische Prinzessin - oder Priesterin, wenn man dem Castro-Manuskript Glauben schenken kann - die vor mehr als 3.000 Jahren gelebt haben soll."

"Geht das schon wieder los?", unterbrach ihn Mrs. Stevens-McCormmick, "diese 3.000 Jahre alte Ägypterin spricht also perfekt Englisch, ja?" - "Sie hatte ja genug Zeit zum Lernen", erwiderte Lady Gordon schlagfertig mit einem Lachen. Ich musste auch schmunzeln, aber Dr. Tiller fand diesen Einwand anscheinend ganz und gar nicht witzig: "Mrs. Stevens-McCormmick, es steht natürlich völlig außer Frage, dass wir uns hier mit der eingebildeten Persönlichkeit einer kranken Patientin unterhalten haben. Dass es sich selbstverständlich nicht um die echte Annephis gehandelt hat, ist doch wohl hoffentlich allen hier im Raum klar!" Nach einigen Sekunden Stille, in denen Dr. Tiller niemand widersprochen hatte, fasste er sich wieder und setzte seinen Bericht fort:

"Es ist uns gelungen, mit Darlenes Annephis-Identität eine Konversation zu führen. Lady Gordon schilderte ihr die bisherigen Geschehnisse hier auf der Insel, um irgendetwas aus ihr herauszukitzeln, woraufhin sie fragte, ob 'Jene, die warten' wieder da wären. Lady Gordon bejahte dies, um das Gespräch weiter in diese Richtung zu lenken, und erkundigte sich, ob es irgendwelche Mittel gäbe, mit denen man gegen diese Kreaturen vorgehen könnte. Annephis erklärte, dass es ein Zeichen gäbe, vor dem sie sich fürchten würden. Daraufhin haben wir ihr ein Blatt Papier und einen Füllfederhalter in die Hand gedrückt und sie gebeten, dieses Zeichen aufzumalen. Annephis untersuchte den Füller, nahm ihn auseinander, tauchte ihre Fingerspitzen in die Tinte und begann dann, mit den Fingern auf das Blatt Papier zu zeichnen. Sie schien sehr konzentriert auf diese Tätigkeit, außerdem stimmte sie dabei eine Art rituellen Gesang an. Es hat einige Zeit gedauert, bis sie fertig war."

Während Dr. Tiller sprach, legte Lady Gordon das Blatt Papier auf den Tisch, das sie die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte. Darauf befand sich ein extrem kompliziertes und verschnörkeltes Linienmuster. Als zentrales Element war ein unregelmäßiger, fünfzackiger Stern zu erkennen, dessen Spitze nach oben zeigte, und in dessen Mitte ein Auge mit einer Flamme als Pupille dargestellt war. "Kennen Sie das?", fragte ich Pater Benedict. "Der Stern ist ein Pentagramm, ein weit verbreitetes okkultes Schutzsymbol. Aber in diesem Zusammenhang habe ich so etwas noch nie gesehen", antwortete er.

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/zeichen.gif)

"Das war noch nicht alles", warf Lady Gordon ein, "Annephis hat uns auch gesagt, wie diese Wesen vernichtet werden können: Nur durch Sonnenlicht, Feuer und Wasser."

"Also, das wird mir jetzt wirklich allmählich zu albern", erwiderte Mrs. Stevens-McCormmick, "wir haben es hier nicht mit irgendwelchen Fabelwesen aus dem alten Ägypten zu tun, sondern mit einem Krankenpfleger, der den Verstand verloren hat! Ich weiß beim besten Willen nicht, wie uns das Geschwafel einer offensichtlich geistig verwirrten Frau dabei behilflich sein soll. Lassen Sie uns lieber darüber nachdenken, wie wir uns in der kommenden Nacht vor Johnson schützen können."

Dem war nichts mehr hinzuzufügen.

Fortsetzung in Teil 14: Showdown
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 01. Juni 2008, 07:43:32
Teil 14 habe ich zwar noch nicht fertig, aber noch länger wollte ich euch dann doch nicht zappeln lassen. :wink:

Noch ein Hinweis: Wie ich vor Kurzem gesehen habe, wird auf der Seite von Pegasus Press eine Spielhilfe zu diesem Abenteuer zum freien Download angeboten, in der sich viele der Handouts in vollem Textumfang wiederfinden: LINK (http://www.pegasus.de/646+M52189e97e05.html)

Ergo habe ich auch das darin befindliche Handout "Castro-Manuskript" hier ungekürzt wiedergegeben. Das hätte ich auch in Zukunft so gemacht, aber das Castro-Manuskript war gleichzeitig auch das letzte Handout, das wir bekommen haben (und das in dieser PDF-Datei drin ist). Hätte ich das mal früher gesehen... naja, wenigstens könnt ihr euch in dieser Datei viele der bisherigen Handouts in der vollständigen Version durchlesen.
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 15. Juni 2008, 07:14:32
Teil 14: Showdown

Fortsetzung Session 03.11.2007

Wir einigten uns schließlich darauf, sämtliche Türen so gut wie möglich zu verbarrikadieren und die Patienten für die kommende Nacht allesamt ins Erdgeschoss zu verlegen, um sie besser im Auge behalten zu können - ein einziger Flur war schließlich leichter zu überwachen als zwei. Sogleich machten wir uns an die Arbeit.

Zunächst räumten wir die persönliche Habe der verstorbenen Mrs. Randolph in die Abstellkammer, dann quartierten wir Darlene in ihr Zimmer um. Den nun frei gewordenen, ehemals leer stehenden Raum belegten wir mit Leonard Hawkins, da er sich in Mrs. Randolphs Zimmer sicherlich unwohl gefühlt hätte. Da es nun im Erdgeschoss kein freies Zimmer mehr für Allen Harding gab, verlegten wir Colonel Billings kurzerhand ins Wohnzimmer - da er ohne fremde Hilfe noch nicht einmal seinen Rollstuhl verlassen konnte, erschien er uns als der geeigneteste Kandidat dafür. Schließlich führten wir den immer noch dahindämmernden Allen Harding in das Zimmer von Colonel Billings. Damit waren nun alle Patienten im Erdgeschoss untergebracht.

Danach begaben wir uns zu den Schuppen, um nach geeignetem Werkzeug zu suchen. Neben Hämmern und Nägeln fanden wir auch ein Brecheisen, mit dem wir sogleich damit begannen, Bretter aus einem der Schuppen zu hebeln und zum Sanatorium zu tragen. Sämtliche Türen, die in den Keller führten, wurden von uns verschlossen und mit Brettern vernagelt. Dann kümmerten wir uns um den zerstörten Hintereingang: Wir hoben die Tür des Wäscheschranks aus ihren Angeln, positionierten sie in der leeren Zarge der Hintertür und nagelten sie mit mehreren Brettern fest, dann rückten wir noch den schweren Wäschetrockner davor. Wenn Johnson hier einzudringen versuchen würde, dann hätte er zumindest ein hartes Stück Arbeit vor sich. Schließlich existierten noch zwei kleinere Nebeneingänge, von denen einer ins Foyer und der andere in die Küche führte. Beide wurden von uns verschlossen, außerdem stellten wir jeweils einen Stuhl davor, so dass wir hoffentlich durch Lärm gewarnt würden, falls Johnson es hier versuchen würde. Unser Plan war, uns an der verstärkten Tür zwischen Foyer und Patiententrakt zu postieren, da wir von dieser Position aus den Haupt- und den Hintereingang sowie den gesamten Flur mit den Patientenzimmern überblicken konnten.

Als wir mit der Arbeit fertig waren, begann der Abend zu dämmern. Wir rechneten jedoch nicht damit, dass Johnson vor Mitternacht auftauchen würde, und bis dahin waren es noch ein paar Stunden. Also beschlossen Dr. Tiller und ich, eine therapeutische Sitzung mit Leonard Hawkins abzuhalten, während die anderen Wache hielten oder sich ausruhten. Aus Hawkins' Akte wussten wir ja bereits, dass er in seinem religiösen Wahn von der "Ankunft derer, die warten" gesprochen hatte - ein ähnlicher Terminus wie er auch im Castro-Manuskript auftauchte. Wir hatten die Hoffnung, dass er uns vielleicht etwas mehr darüber erzählen konnte. Sicherheitshalber nahm ich meine Elefantenbüchse mit - wir hatten ja schon einmal eine Sitzung mit Hawkins abgehalten, bei der wir ihn nach den Ereignissen der Mordnacht befragt hatten, und auch dabei war er schon sehr unruhig geworden. Außerdem neigte er ja ohnehin zu gewalttätigen Ausbrüchen - wie er reagieren würde, wenn wir ihn auf "jene, die warten" ansprachen, konnte also niemand vorhersagen.

Im Behandlungszimmer angekommen legte sich Hawkins auf die Liege, Dr. Tiller setzte sich neben ihn und ich nahm wie gehabt auf einem Hocker etwas abseits Platz. Wie üblich begann Tiller die Sitzung damit, dass er beruhigend auf den Patienten einredete, sich nach seinem Befinden erkundigte und versuchte, dessen Vertrauen zu gewinnen. Während des Gesprächs war Hawkins zwar wie gewohnt ungehalten, beantwortete aber alle Fragen und verhielt sich ansonsten nicht weiter auffällig. Als Dr. Tiller ihn jedoch auf "jene, die warten" ansprach, änderte sich sein Verhalten schlagartig: Schweiß brach auf seiner Stirn aus, seine Atmung wurde schneller, er zitterte am ganzen Leib und blickte verängstigt im Raum umher. Dr. Tiller versuchte, beruhigend auf ihn einzureden, aber es war zwecklos. Als Hawkins sich anschickte, aufzustehen, sprang ich zu ihm hin und drückte ihn auf die Liege zurück. Er wehrte sich gegen meinen Griff und spie mir wüste Flüche ins Gesicht, dann hielt er jedoch kurz inne und brüllte: "Jene, die warten, sind die wahren Götter! Sie sind hier! Ihr solltet niederknien und sie preisen! Bald werden sie ihre Transformation abgeschlossen haben!"

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/henrytiller.jpg)

Nach diesen wirren Worten wurde er etwas ruhiger und ich lockerte meinen Griff. Dr. Tiller fragte noch, woher er dieses Wissen habe, aber Hawkins hatte sich offenbar dazu entschieden, nichts mehr zu sagen. Er lag nur noch schwer atmend auf der Liege, die Augen geschlossen und beharrlich schweigend. Nach wenigen Minuten gab Dr. Tiller schließlich auf und wir brachen die Sitzung ab. Wir führten Hawkins in sein neues Zimmer zurück, begaben uns in die Bibliothek und erstatteten den anderen Bericht.

Wir nahmen noch ein schnelles Abendessen ein, dann sperrten wir die Patienten für die Nacht in ihre Zimmer und bezogen Posten am Eingang zum Patiententrakt. Die verstärkte Tür am Anfang des Flurs ließen wir geöffnet, damit wir alles hören konnten und freie Sicht durch das Foyer auf den Haupteingang hatten. Meine Elefantenbüchse hatte ich natürlich geladen und Mrs. Stevens-McCormmick trug den Revolver aus Dr. Brewers Schreibtisch.

Voller Anspannung warteten wir so noch eine Stunde, bis es Mitternacht war. Wir hatten uns auf den Boden gekauert und verhielten uns mucksmäuschenstill. Die Damen behielten die ganze Zeit über den Haupteingang im Auge, während ich durch den Flur in Richtung des Hintereingangs schaute. Pater Benedict und Dr. Tiller hatten sich in die Nische zurückgezogen, in der der Schreibtisch des Pflegepersonals stand, um im Ernstfall nicht im Schussfeld zu sitzen.

Es vergingen noch einige Minuten, ohne dass etwas geschah. Dann horchte Lady Gordon plötzlich auf. "Da war was", flüsterte sie. In diesem Moment hörten wir ein Krachen und Splittern hinter der verstärkten Tür zur Waschküche. Offenbar war irgendjemand gerade dabei, den verbarrikadierten Hintereingang einzuschlagen. Ich legte mich bäuchlings auf den Boden und legte auf die geschlossene Sicherheitstür an. Mrs. Stevens-McCormmick hockte sich neben mich und tat es mir mit ihrem Revolver gleich. Kurz darauf erfolgte ein erneuter Hieb, dann ein dritter. Wir hörten wie das Holz zerbarst, gefolgt von einem rumpelnden Schaben - der Wäschetrockner wurde verschoben. Es vergingen einige stille Sekunden, dann erfolgte der nächste Hieb, diesmal gegen die Sicherheitstür. Staub rieselte herab. Beim fünften Schlag sahen wir, wie die Klinge einer Axt durch die Tür drang - Johnson war da!

Ich machte mich bereit, zu schießen, sobald sich meinem Auge ein Ziel bot. Die Axt wurde wieder herausgezogen. Ich wartete auf den nächsten Hieb, doch nichts geschah. Gespenstische Stille senkte sich über den Gang herab. Mrs. Stevens-McCormmick und ich schauten uns fragend an. Wir konnten uns kaum vorstellen, dass Johnson schon aufgegeben hatte, also war er wohl gerade auf der Suche nach einem einfacheren Eingang. Vielleicht hatte er auch die Falle gewittert. Mrs. Stevens-McCormmick wandte sich wieder dem Haupteingang zu, ich beobachtete sicherheitshalber weiter die Hintertür.

Lange mussten wir nicht warten: Glas klirrte. Johnson hatte offenbar eine Fensterscheibe eingeschlagen. "Das kam aus dem Wohnzimmer!", rief Mrs. Stevens-McCormmick und hastete in Richtung Bibliothek. Verdammt, Colonel Billings! Lady Gordon und ich setzten ihr nach. Mrs. Stevens-McCormmick und ich rannten durch die Bibliothek zum Eingang des Wohnzimmers und richteten unsere Waffen in den Raum. Eines der drei Fenster war zerschlagen und die hereinströmende Nachtluft blähte die zugezogenen Vorhänge auf, aber ansonsten war nichts zu sehen. Colonel Billings saß unversehrt in seinem Rollstuhl. Lady Gordon eilte an uns vorbei in den Raum hinein, schnappte sich den Colonel und schob ihn ins Foyer, wo sie ihn unter der gegenüber liegenden Treppe abstellte. "Ein Ablenkungsmanöver?", fragte ich Mrs. Stevens-McCormmick. Sie zuckte mit den Achseln. "Ich bleibe hier, gehen Sie am besten in den Flur zurück", antwortete sie. "In Ordnung, aber stellen Sie sich besser an den Eingang zur Bibliothek, damit wir Sie sehen können", schlug ich vor. Mrs. Stevens-McCormmick stimmte mir zu und so bezog sie ihren neuen und ich meinen alten Posten. Lady Gordon blieb im Foyer bei Colonel Billings.

Es verstrichen einige Minuten, in denen nichts geschah. Gespannt warteten wir darauf, wo es der Mörder als nächstes versuchen würde. Plötzlich hörten wir, wie der Stuhl des Nebeneingangs in der Küche zur Seite geschoben wurde, dann folgten schnelle, schwere Schritte. Ich hatte gerade noch genug Zeit, um mich umzudrehen und in Richtung des Foyers zu zielen, als Johnson auch schon im Durchgang zum Esszimmer erschien. Er bot einen grauenerregenden Anblick: Ein Riese von einem Kerl, mindestens zwei Meter groß, seine ehemals weiße Pflegerkleidung vollständig von Blut und Dreck durchtränkt. In seinen Händen hielt er eine blutverschmierte Axt, die er zum Schlag erhoben hatte, während er quer durch das Foyer auf Mrs. Stevens-McCormmick zustürmte.

Diese schien vor Entsetzen gelähmt zu sein, jedenfalls starrte sie nur mit offenem Mund in seine Richtung. Als Johnson die Mitte des Foyers erreicht hatte, gelangte er in mein Schussfeld. Er musste mich jedoch in letzter Sekunde gesehen haben: Abrupt bremste er ab und warf sich zur Seite, als ich gerade abdrückte. Die Kugel verfehlte ihn und schlug ein großes Loch in die Wand neben dem Haupteingang. In diesem Moment hechtete Lady Gordon unter der Treppe hervor und stürmte ihm entgegen. Etwa zwei Meter vor Johnson sprang sie in die Luft und rammte ihm ihren rechten Fuß direkt unters Kinn. Wir hörten, wie Knochen und Zahnschmelz splitterten.

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/elizabethgordon.jpg)

Jeder normale Mensch wäre nach so einem Tritt zu Boden gegangen - Johnson jedoch blieb stehen. Schlimmer noch: Er hob seine Axt. Mit vor Ungläubigkeit weit aufgerissenen Augen musste Lady Gordon mit ansehen, wie Johnson ausholte und die Klinge tief in ihren rechten Oberarm grub. Sofort quoll Blut aus der Wunde, aber Lady Gordon war wohl selbst zum Schreien zu verdutzt. Nun hatte sich Mrs. Stevens-McCormmick offenbar gefangen. Sie hob den Revolver und schoss. Die Kugel pfiff knapp an Johnson vorbei und bohrte sich in die Wand zum Esszimmer. Ich hatte inzwischen wieder auf Johnson angelegt. Während er mit seiner Axt zu einem weiteren Hieb auf Lady Gordon ausholte, die sich verzweifelt von ihm weg zu bewegen versuchte, drehte er sich plötzlich um und schaute mir direkt in die Augen. Sein Blick war kalt und leer. Sein Unterkiefer hing schief herunter und Blut troff daraus hervor. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.

Dieser Schuss musste einfach sitzen, andernfalls würde ich erst einige Sekunden brauchen, um das Gewehr nachzuladen - genug Zeit für Johnson, um Lady Gordon und mich in kleine Stücke zu hacken. Ich biss die Zähne zusammen, zielte auf seine Stirn und drückte ab. Krachend löste sich der Schuss. Die Kugel drang vorne in Johnsons Stirn ein und trat an seinem Hinterkopf in einer Fontäne aus Blut und Gehirnmasse wieder aus. Johnson stand immer noch da und schaute mich mit seinen kalten Augen an. Dann polterte die Axt aus seiner Hand und schließlich sackte er zu Boden. Der Körper zuckte noch kurz und blieb dann reglos liegen.

Stille senkte sich über den Raum. Es dauerte einige Sekunden, bis ich die Situation begriffen hatte: Johnson war tot. Und ich hatte ihn erschossen. Zwar fühlte ich irgendwo Erleichterung, aber nach Jubelgeschrei war mir nicht zumute. Mein Verstand sagte mir zwar, dass es die einzige Möglichkeit gewesen war, ihn aufzuhalten, aber es änderte nichts daran, dass ich soeben einen Menschen getötet hatte. Ein wahnsinniger Serienmörder zwar, aber nichtsdestotrotz ein Mensch. Den anderen erging es offenbar nicht anders. Ich blieb an der Stelle liegen, an der ich den Schuss abgegeben hatte und atmete tief durch.

Am Rande bemerkte ich, wie Dr. Tiller an mir vorbeieilte und sich um die Wunde von Lady Gordon kümmerte. Auch Pater Benedict und Mrs. Stevens-McCormmick näherten sich langsam der Eingangshalle. Sollte es wirklich vorbei sein? So recht konnte das niemand von uns glauben. Wie in einem bösen Traum ging ich zu Johnsons Leiche, um mich davon zu überzeugen, dass er wirklich tot war. Ich trat sogar die Axt ein Stück von seiner Hand weg, nur um auf Nummer sicher zu gehen, obschon mir sehr wohl bewusst war, dass einen solchen Kopfschuss niemand hätte überleben können. Johnson war so tot wie seine Opfer.

Wir wollten die Leiche so schnell wie möglich aus dem Haus haben, also organisierte Pater Benedict ein Bettlaken aus dem Wäscheschrank. Der Pater und ich wickelten Johnson auf die altbewährte Weise ein, trugen ihn nach draußen und legten ihn neben der Treppe ab, wo zuvor schon Ebenezer gelegen hatte. Mrs. Stevens-McCormmick hatte sich inzwischen einen Eimer und einen Putzlappen besorgt und kümmerte sich um Johnsons Überreste, die sich an der Wand und auf dem Boden des Foyers verteilt hatten.

All dies taten wir, ohne dabei viel zu sprechen. Um so mehr erschraken wir, als plötzlich Allen Hardings Stimme durch die Räume und Gänge dröhnte: "IHR DENKT, DASS IHR IHN AUFGEHALTEN HABT, ABER IHR IRRT EUCH! NUN WIRD ES NOCH SCHLIMMER WERDEN! SCHLIMMER FÜR UNS ALLE!"

Ende Session 03.11.2007

Fortsetzung in Teil 15: Der Morgen danach
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Nadir am 27. Juni 2008, 13:35:19
schon fast zwei Wochen  :x
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 27. Juni 2008, 15:59:51
Sorry, ich stecke momentan ein bisschen fest. Ich bin noch unschlüssig, wie ich die nachfolgenden Ereignisse sinnvoll umsetzen kann, weil mein Charakter bei einigen wichtigen Szenen nicht dabei war. Die anderen hinterher immer erzählen zu lassen, finde ich unbefriedigend für die Story Hour (obwohl es natürlich genau so gewesen ist), auf der anderen Seite fände ich es aber auch doof, von der Tagebuch-Form abzuweichen.

Am Wochenende habe ich aber wieder nen Kopf dafür und dann geht's weiter.

Edit: Okay, Teil 15 ist noch unproblematisch, den kann ich also schon mal posten. :)
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 28. Juni 2008, 12:08:28
Teil 15: Der Morgen danach

Session: 02.02.2008

Hardings Worte waren nicht nur uns durch Mark und Bein gegangen, auch die Patienten zeigten sich ziemlich irritiert. Dr. Tiller und Pater Benedict machten einen Rundgang durch das Erdgeschoss und versuchten, einen nach dem anderen wieder zu beruhigen, während Lady Gordon, Mrs. Stevens-McCormmick und ich noch mit Aufräumen beschäftigt waren. Schließlich sammelten wir uns alle in der Bibliothek.

Nach einigen Sekunden des Schweigens sagte ich schließlich: "Tja, ich denke, die unmittelbare Gefahr ist erst einmal vorüber oder sehe ich das falsch?" - "Was meinen Sie denn mit unmittelbarer Gefahr?", fragte mich daraufhin Dr. Tiller. "Rechnen Sie etwa mit weiteren geistesgestörten Mördern?", fügte er mit leicht ironischem Unterton hinzu. Ich musste an das rötliche Leuchten denken, gab ihm jedoch keine Antwort. Tatsächlich konnte ich mir selber nicht erklären, warum ich das unbestimmte Gefühl hatte, dass wir noch nicht in Sicherheit waren. Ich versuchte, es beiseite zu schieben.

"Tja, unser nächstes Problem ist jedenfalls, von der Insel runter zu kommen", merkte Lady Gordon an. Allerdings hatte niemand von uns eine Idee, wie wir dies bewerkstelligen sollten. Das Festland war jedenfalls von der Insel aus nicht zu sehen, also selbst wenn wir eine Möglichkeit gehabt hätten, das Meer zu überqueren, dann hätten wir noch nicht einmal gewusst, in welche Richtung wir segeln sollten. Außerdem hatte niemand von uns Erfahrung im Umgang mit Wasserfahrzeugen oder gar Navigation. An Schwimmen war angesichts der herbstlichen Wassertemperaturen ohnehin nicht zu denken, so dass uns sämtliche herkömmlichen Methoden der Meeres-Überquerung genommen oder viel zu riskant waren.

Da Ebenezer ein Mal in der Woche zum Festland übergesetzt hatte, hofften wir, dass irgendjemand in dem kleinen Küstendörfchen nach spätestens zwei Wochen misstrauisch werden und nachschauen kommen würde. Wie es schien, würden wir wohl mindestens so lange noch hier ausharren müssen.

Also machten wir uns Gedanken über andere Optionen: Wir hatten bereits früher vermutet, dass sich Johnson tagsüber in irgendeinem Unterschlupf wie beispielsweise einer Höhle aufgehalten hatte, und so bot ich an, dass wir uns auf die Suche danach machen könnten. Als jedoch klar wurde, dass wir ohne einen echten Anhaltspunkt dazu die gesamte Insel hätten durchkämmen müssen, wurde dieser Vorschlag schnell wieder verworfen. Schließlich war da noch der Leuchtturm - das einzige Gebäude, das wir noch nicht näher untersucht hatten.

"Auf jeden Fall möchte ich vorschlagen, morgen eine psychotherapeutische Sitzung mit Allen Harding abzuhalten", warf Dr. Tiller ein. Harding war der einzige Patient, mit dem wir dies noch nicht getan hatten - nicht zuletzt deswegen, weil er sich bisher in einer Art Dämmerzustand befunden hatte und für ein therapeutisches Gespräch nicht in der Verfassung gewesen war. Wir hielten das für eine gute Idee, da wir in dieser Nacht aber ohnehin kaum noch zu einem vernünftigen Gedanken in der Lage waren, beschlossen wir, uns erst einmal schlafen zu legen. Vorher gingen Pater Benedict und Lady Gordon aber noch kurz vor die Tür, um die Leiche von Johnson zu durchsuchen, was wir in all der Aufregung versäumt hatten. Außer einem weiteren Schlüsselbund fanden sie jedoch nichts.

Da es die Damen vorzogen, auch diese Nacht in der Bibliothek zu verbringen, gingen Pater Benedict, Dr. Tiller und ich nach oben und machten es uns in den Gästezimmern bequem. Colonel Billings nahmen wir mit und legten ihn in eines der anderen Schlafzimmer.

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4. Tag

Um 10 Uhr morgens klingelte mein Wecker. Nachdem ich mich frisch gemacht und angezogen hatte, begab ich mich ins Foyer und hörte eifriges Werkeln aus der Küche. Blanche war gerade im Begriff, das Frühstück herzurichten und begrüßte mich mit einem ungehaltenen "Ich hab' kein Wasser!" Ich wünschte ihr einen guten Morgen und griff mir einen der leeren Eimer. Als ich wieder durchs Foyer kam, vernahm ich Dr. Tillers Stimme durch die offen stehende Tür des Patiententrakts. Er war gerade dabei, seine morgendliche Visite zu absolvieren. Ich setzte meinen Weg fort, schöpfte Wasser aus dem Brunnenschacht und brachte den vollen Eimer zu Blanche zurück.

Danach ging ich noch einmal nach draußen, zu der Stelle hin, an der wir die Leichen verbrannt hatten. Ich hatte mich im Laufe der letzten Nacht an den Glücksbringer erinnert, von dem in dem Brief an Ebenezer die Rede gewesen war. Falls Ebenezer ihn getragen hatte, dann war er mit ziemlicher Sicherheit ein Raub der Flammen geworden. Andererseits konnte man ja nie wissen - vielleicht hatte ich Glück. Angewidert betrachtete ich die verkohlten Überreste. Welche davon zu Ebenezer gehörten, war jedoch nicht mehr zu erkennen. Ich suchte mir einen stabilen Ast und begann, zaghaft in der Asche herumzustochern. Nach einigen Minuten gab ich es auf. Wie zu erwarten hatte ich nichts gefunden. Ich ging ins Esszimmer zurück und wartete auf das Frühstück.

Als Blanche fast fertig war, kam Dr. Tiller ebenfalls herein und fragte, ob wir nicht die anderen wecken sollten, damit sie dem Frühstück beiwohnen konnten. Ich stimmte ihm zu und so warfen wir erst die Damen und dann Pater Benedict aus den Federn. Letzterer wachte erst auf, nachdem wir wild an seine Zimmertür getrommelt und seinen Namen gebrüllt hatten. Offenbar hatte der Mann einen seligen Schlaf.

Um 11 Uhr waren wir schließlich alle am Frühstückstisch versammelt, auch die Patienten. Lady Gordon fragte, ob inzwischen jemand eine Idee hätte, wie wir die Insel verlassen könnten. Pater Benedict hatte tatsächlich eine: "Wir könnten versuchen, den Leuchtturm wieder in Gang zu bringen, um damit eventuell Morsezeichen zu geben." Ich sah die Chance, dass irgendein Schiff den Leuchtturm bemerken würde, zwar als äußerst gering an, da wir bisher noch kein Schiff gesehen hatten, aber einen besseren Vorschlag hatte ich auch nicht parat. Also beschlossen wir, uns nach dem Frühstück auf den Weg zu machen. Mrs. Stevens-McCormmick und Dr. Tiller wollten jedoch hier bleiben, um die therapeutische Sitzung mit Allen Harding abzuhalten.

Während wir aßen, berichtete ich davon, dass ich in der Asche vergeblich nach Ebenezers Glücksbringer gesucht hatte. Lady Gordon war von der Idee sehr angetan und verkündete, dass sie auch noch einmal nachschauen wolle, denn vielleicht hätte ich ja etwas übersehen. Sobald sie ihren letzten Bissen in den Mund geschoben hatte, stand sie auf und lief hinaus. Pater Benedict und ich gingen derweil in unsere Zimmer und packten unser Marschgepäck. Ich lud meine Elefantenbüchse und steckte zur Sicherheit auch das Verbandszeug ein. Als wir uns im Foyer wieder trafen, kam auch Lady Gordon von ihrer Untersuchung zurück und berichtete uns, dass sie auch nichts gefunden hatte. Sie begab sich in die Bibliothek, um ihre Siebensachen zu packen, während Pater Benedict und ich schon mal vor die Tür gingen.

Kurze Zeit später kam Lady Gordon wieder heraus und teilte uns mit, dass sie Darlenes bzw. Annephis' Zeichnung an Mrs. Stevens-McCormmick übergeben hatte, um Allen Harding während der Sitzung dazu zu befragen. Wir diskutierten kurz, ob wir Charles Johnsons Axt mitnehmen sollten, um die Tür des Leuchtturms notfalls mit Gewalt öffnen zu können, entschieden uns dann jedoch dagegen. Nicht nur, dass uns bei dem Gedanken nicht ganz wohl war - immerhin waren mit dieser Axt mehrere Menschen getötet worden - es handelte sich zudem um eine Tatwaffe, die wir vorher hätten reinigen und damit als Beweisstück unbrauchbar machen müssen. Außerdem war sie uns wahrscheinlich ohnehin nicht von großem Nutzen, da die Tür des Leuchtturms nicht aus Holz, sondern wie der gasamte Leuchtturm aus Metall bestand.

Als wir endlich losmarschierten, war es bereits Mittag geworden. Nach einer guten halben Stunde erreichten wir den Leuchtturm. Er stand noch genau so da, wie wir ihn zuletzt verlassen hatten, und auch in der Umgebung war nichts Außergewöhnliches zu entdecken. Lady Gordon zückte sogleich ihr "Werkzeug" und machte sich am Schloss der Tür zu schaffen. Pater Benedict und ich beobachteten sehr interessiert, wie sie mit verschiedenen, merkwürdig geformten Metallstäbchen und -haken zunehmend verzweifelt in dem Schloss herumfuhrwerkte. Nach einigen Minuten gab sie schließlich auf und räumte ihre Dietriche enttäuscht wieder zusammen. "Und, wie sieht Plan B aus?", fragte sie in die Runde. "Aufschießen?", erwiderte ich unsicher. Mein Vorschlag stieß auf wenig Gegenliebe, und auch ich war alles andere als davon überzeugt, dass er funktionieren würde.

Die Tür war nach außen hin zu öffnen, so dass auch ein Eintreten oder Einrammen wenig Aussicht auf Erfolg gehabt hätte. Pater Benedicts Vorschlag, die Tür aus den Angeln zu hebeln, hörte sich im ersten Moment viel versprechend an, dann jedoch stellten wir fest, dass die Türangeln innenliegend angebracht sein mussten - wir sahen sie jedenfalls nicht. Diese Tür war ein verdammter Tresor und weitere Eingänge gab es nicht. In der Seitenwand des Turms befanden sich lediglich einige bullaugenförmige Fensterchen, die einen Durchmesser von etwa 30 Zentimetern hatten. Selbst wenn es uns gelingen würde, das unterste dieser Fenster, das in etwa drei Metern Höhe angebracht war, zu erreichen, hätten wir dort niemals hindurch gepasst.

Die einzige Möglichkeit, die uns noch in den Sinn kam, war, es mit dem Brecheisen zu versuchen. Vielleicht konnte man es in der Fuge zwischen Tür und Seitenwand ansetzen und mit einem Rohr oder etwas Ähnlichem verlängern, so dass mehrere Leute drücken und die Hebelwirkung verstärken konnten. Natürlich hatte niemand daran gedacht, das Brecheisen mitzunehmen. Da uns alle anderen Alternativen ausgegangen waren, schlug Lady Gordon vor, dass einer von uns es holen geht, während die anderen noch einmal das Schiffswrack untersuchen würden. Da ich das Wrack bereits zur Genüge kannte, bot ich mich an, zum Sanatorium zurückzugehen. Lady Gordon und Pater Benedict waren einverstanden und so machte ich mich auf den Weg.

Als ich mich nach einer weiteren guten halben Stunde Fußmarsch dem Gebäude des Sanatoriums näherte, öffnete sich plötzlich die Eingangstür und Mrs. Stevens-McCormmick kam mir entgegen gerannt. Sie war kreidebleich und rief meinen Namen. Ich eilte ihr entgegen und fragte sie, was geschehen sei. "Es ist etwas Schreckliches passiert!", entgegnete sie vollkommen aufgelöst. "Allen Harding ist tot und Dr. Tiller verhält sich irgendwie eigenartig."

Mit der relativen Idylle dieses Vormittags war es offenbar vorbei.

Fortsetzung in Teil 16: Traumata
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Der Wurm am 30. Juni 2008, 10:49:31
Juhu ein Update. Vielen Dank.
Ich freu mich schon auf den nächsten Teil.
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Osric am 03. Juli 2008, 11:50:17
Gerade in einem Rutsch verschlungen. Ziemlich großartig, wie ich finde.
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 13. Juli 2008, 04:17:16
Vielen Dank für das Lob!

Leider werden die Updates ab jetzt wohl erst mal noch langsamer kommen, weil sich meine Arbeitszeiten von Nacht- auf Tagschicht geändert haben, was bedeutet, dass ich am Wochenende nicht mehr die ganze Nacht vor dem PC sitzen kann und somit schlicht und ergreifend weniger Zeit habe, um zu schreiben (tagsüber halten mich meistens andere Dinge wie z.B. mein Sohn davon ab). Aber ich tu, was ich kann.
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 13. Juli 2008, 05:11:38
Teil 16: Traumata

Fortsetzung Session 02.02.2008

Noch ehe ich etwas erwidern konnte, begann die offensichtlich unter Schock stehende Mrs. Stevens-McCormmick, mir in hastigen Worten zu schildern, was sie erlebt hatte. Während sie sprach, ergriff sie meinen Arm und zog mich in Richtung Haupteingang. Mir fiel auf, dass sie offenbar ihre Kleidung gewechselt hatte. "Wir haben die Sitzung abgehalten und Allen Harding ist auf keine meiner Fragen eingegangen, sondern hat nur irgendwelche wirren Sätze von sich gegeben", berichtete sie. "Irgendwann hat er dann die in seiner Akte beschriebene andere Persönlichkeit angenommen und behauptet, dass wir alle sterben würden. Dann hat er gefragt, ob er uns zeigen soll, was mit uns passieren wird. Er hat angefangen zu zittern, seine Haut hat Blasen geworfen und dann ist sein Bauch aufgeplatzt."

Ich starrte sie ungläubig an. Inzwischen waren wir im Foyer angekommen und Dr. Tiller kam die Treppe herunter und gesellte sich zu uns. Ein Glück - hoffentlich konnte er mir etwas Klarheit verschaffen. "Dr. Tiller, was ist hier los?", fragte ich ihn. "Dr. Tiller, was ist hier los?", entgegnete er im gleichen besorgten Tonfall. "So verhält er sich seit diesem Ereignis", erklärte Mrs. Stevens-McCormmick. "So verhält er sich seit diesem Ereignis", wiederholte Dr. Tiller. "Ich habe ihn eben erst einmal oben in eines der Betten gelegt, aber ich weiß nicht, was ich mit ihm tun soll", fügte Mrs. Stevens-McCormmick hinzu. Auch dieser Satz wurde von Dr. Tiller wiederholt.

Mir schwirrte der Schädel und ich wusste nicht mehr, was ich sagen sollte. Ich ließ die beiden einfach im Foyer stehen und eilte die Treppe hinauf, um der Sache auf den Grund zu gehen. Ich öffnete die Tür des Behandlungszimmers. Auf der Liege lag eine Gestalt, die mit einem blutdurchtränkten Laken verdeckt war, ansonsten war der Raum erstaunlich sauber - allerdings roch es nach verschmortem Fleisch. Mrs. Stevens-McCormmick kam ebenfalls die Treppe hinauf, gefolgt von Dr. Tiller. Nachdem die beiden zu mir aufgeschlossen hatten, erzählte Mrs. Stevens-McCormmick, dass sie Harding zugedeckt und den Raum ein wenig gereinigt hatte. Als Dr. Tiller auch diesen Satz wiederholte, verlor sie offenbar die Nerven: "Halten Sie die Klappe!", schrie sie Dr. Tiller an, und als dieser die gleichen Worte zurück schrie, zerrte sie ihn in sein Gästezimmer und schloss ihn ein.

"So, jetzt kann man sich wenigstens in Ruhe unterhalten", bemerkte sie, als sie wieder zurückkam. Ich bat Mrs. Stevens-McCormmick, sich zu beruhigen und mir noch einmal zu berichten, was hier vorgefallen war. Sie wiederholte die Geschichte, die sie mir bereits auf dem Weg ins Foyer erzählt hatte, und fügte hinzu, dass Dr. Tiller total verschreckt reagiert hätte und seitdem stumpf alles wiederholen würde, was man sagt.

Dass Allen Harding während der Sitzung geplatzt war, erschien mir völlig abwegig. Ich hoffte bloß, dass Dr. Tiller oder Mrs. Stevens-McCormmick ihn nicht irgendwie umgebracht hatten. Jedenfalls musste ich mir Gewissheit verschaffen, und das war nur auf eine Art möglich: Ich ging zu der Liege und hob das Laken an.

Die Leiche, die darunter lag, war so gerade eben noch als Allen Harding zu erkennen. Die Haut an seinen Händen, Unterarmen und im Gesicht war mit unterschiedlich großen Brandblasen übersät und teilweise angesengt. Seine Bauchdecke war aufgesprengt und schwärzliches, bestialisch stinkendes Gedärm quoll daraus hervor. Der Mann sah aus, als hätte er von innen heraus angefangen zu kochen und wäre dann aufgeplatzt wie eine Brühwurst. Das war zu viel. Mir wurde schwarz vor Augen und ich verlor die Besinnung.

---

Als ich wieder erwachte, lag ich auf dem Bett in meinem Zimmer. Neben mir standen Mrs. Stevens-McCormmick und Dr. Tiller, die mich mit sorgenvollen Mienen anblickten. "Mr. Mannock, wie geht es Ihnen?", fragte Letzterer. Ich wollte ihn gerade das gleiche zurückfragen, als mir einfiel, warum ich in Ohnmacht gefallen war. Ich erinnerte mich an jedes Detail und der Schrecken kehrte mit voller Wucht zurück. Ich begann zu zittern. "Schlecht", konnte ich Dr. Tiller noch so gerade antworten, dann brachte ich kein Wort mehr heraus. Er kam an mein Bett, deckte mich zu und fragte, ob ich darüber reden wolle. Ich schüttelte den Kopf. Dann fragte er, ob er bei mir bleiben soll, und ich nickte. Mrs. Stevens-McCormmick holte mir ein Glas Wasser. Als sie zurückkam, trank ich einen Schluck und erholte mich so weit, dass ich zumindest meine Sprache wieder fand.

Wie sich herausstellte, war ich nur für etwa fünf Minuten weggetreten. Mrs. Stevens-McCormmick hatte gesehen wie ich mich zu Boden geworfen und zusammengerollt hatte und mich daraufhin in mein Zimmer gebracht. Dann hatte sie nach Dr. Tiller gesehen und mit Erleichterung festgestellt, dass er wieder "normal" geworden war. Als sie beide in mein Zimmer gekommen waren, sei ich wieder aufgewacht. Dr. Tiller erklärte mir, dass er mich in "Fötalstellung" vorgefunden hatte, wahrscheinlich als Folge eines traumatischen Schocks. Mrs. Stevens-McCormmick hatte ihm auch von seinem eigenen Zustand berichtet und er diagnostizierte dies als "Echolalie", konnte sich aber nicht erklären, woher er sie gehabt haben sollte. An die Sitzung mit Harding konnte er sich zwar noch erinnern, aber nicht mehr daran, wie dieser umgekommen war. Scheinbar wollte er sich auch nicht mehr erinnern, was ich ihm kaum verübeln konnte.

Schließlich fragte Dr. Tiller, wo Lady Gordon und Pater Benedict wären. Ich berichtete, dass Lady Gordon den Leuchtturm nicht hatte öffnen können und ich zurückgekommen wäre, um das Brecheisen und eine Verlängerung zu holen. Dr. Tiller riet mir jedoch, erst einmal liegen zu bleiben und mich auszuruhen. Tatsächlich verspürte ich auch wenig Lust, wieder zum Leuchtturm zurückzukehren, und so erklärte sich Mrs. Stevens-McCormmick bereit, diese Aufgabe zu übernehmen. Sie holte das Brecheisen aus dem Schuppen, als Verlängerung fand sie jedoch nur einen Spaten. Mangels Alternativen machte sie sich damit auf den Weg.

Nach etwa einer halben Stunde fühlte ich mich wieder kräftig genug, um aufzustehen, also begaben sich Dr. Tiller und ich in die Bibliothek. Um uns vom Erlebten abzulenken, beschäftigen wir uns mit etwas leichter Lektüre aus den Bücherregalen.

Als wir zwei Stunden später hörten, dass die anderen zurückkamen, gingen wir ins Foyer, um sie in Empfang zu nehmen. Mrs. Stevens-McCormmick bat Dr. Tiller sogleich, sich die Hand von Lady Gordon anzuschauen, da sie verletzt sei, aber diese wiegelte nur ab: "Das ist nicht nötig, tut nicht mehr weh." Stattdessen stammelte sie nur etwas davon, dass noch jemand auf dem Turm sein müsse, der sie irgendwie angegriffen hatte, vermutlich mit einer Art Säure oder etwas Ähnlichem. Widerwillig streckte sie Dr. Tiller ihre Hand hin. "Das kommt mir bekannt vor", merkte er an, "Mr. Mannock, schauen Sie doch mal." Ein Stück Haut auf Lady Gordons Handrücken war ledrig und zusammengeschrumpelt. "Wie die Beine des Zimmermädchens", sprach Pater Benedict das Offensichtliche aus.

Da Lady Gordon jedoch keine Schmerzen verspürte und die Verletzung auch nicht blutete, sah Dr. Tiller vorerst keinen Handlungsbedarf. Er diagnostizierte, dass das Gewebe tot sei und er daran auch nichts mehr ändern könne. Nun wollte ich aber endlich genau wissen, was vorgefallen war.

Pater Benedict berichtete: "Wir haben zunächst wie besprochen das Schiffswrack untersucht, dabei jedoch nichts Außergewöhnliches gefunden, und sind dann wieder zum Leuchtturm zurückgekehrt, um auf Sie zu warten. Als statt Ihnen Mrs. Stevens-McCormmick kam, haben wir sie natürlich gefragt, was mit Ihnen sei. Sie hat uns jedoch nur erzählt, dass Allen Harding tot sei und Sie und Dr. Tiller etwas Ruhe bräuchten - die Details wollte sie später uns allen gemeinsam mitteilen." Bei den letzten Worten warf Lady Gordon Mrs. Stevens-McCormmick einen verärgerten Blick zu - offenbar hatte es ihr gar nicht gefallen, dass Mrs. Stevens-McCormmick die beiden im Unklaren gelassen hatte.

Pater Benedict fuhr jedoch unbeirrt fort: "Wir haben dann versucht, die Tür aufzubrechen, zunächst mit dem Brecheisen alleine, dann haben wir den Spaten mit dem Seil an das Brecheisen gebunden - nichts hat funktioniert. Erst als wir das Seil direkt an das Brecheisen geknotet und einmal um den Turm herumgelegt hatten, konnten wir zu Dritt genug Kraft aufbringen, um die Tür aufzubrechen. Innen befand sich nur eine staubbedeckte Wendeltreppe aus Eisen und es war ziemlich düster. Da Lady Gordon die Taschenlampe hatte, ging sie voran die Treppe hinauf, gefolgt von Mrs. Stevens-McCormmick und mir. Oben kamen wir an eine Luke, die offenbar auf die Plattform führt, die sich auf dem Turm befindet. Lady Gordon öffnete die Luke, dann stieß sie plötzlich einen Schrei aus, ließ die Luke zufallen und stürmte an uns vorbei die Treppe hinunter. Mrs. Stevens-McCormmick folgte ihr, ich ging erst noch ein Stück weiter hoch, um mir die Luke anzuschauen. Der Verschlussriegel war zugeschnappt. Ich wollte mich gerade umdrehen, um zu den Damen hinunter zu gehen, da sah ich, wie sich der Riegel wieder öffnete. Sofort stürmte ich die Treppe hinunter, warf die Tür des Leuchtturms zu und klemmte den Spaten unter die Klinke. Dann liefen wir gemeinsam zum Waldrand, wo wir uns erst mal um Lady Gordon kümmerten, die ziemlich erschrocken war. Schließlich haben wir uns entschlossen, wieder hierher zurückzukehren."

"Und wie haben Sie sich nun verletzt?", fragte ich Lady Gordon. So recht erklären konnte sie es mir jedoch nicht. Sie meinte, sie hätte die Hand durch die Luke geschoben, um sich hochzuziehen, aber dann hätte sie wohl das Licht geblendet und sie wäre irgendwie mit Säure in Kontakt gekommen. Sie vermutete, dass dort vielleicht jemand, der den Turm instand setzen wollte, etwas stehen gelassen hatte, aber so recht schien sie davon selbst nicht überzeugt. Mehr konnte oder wollte sie dazu jedenfalls nicht sagen.

Nach einigen Sekunden ratlosen Schweigens fragte Mrs. Stevens-McCormmick schließlich, ob sie uns nun von der Sitzung mit Allen Harding berichten sollte. Die anderen stimmten zu, ich jedoch begab mich in die Bibliothek - ich wollte mir das nicht noch einmal anhören, vor allen Dingen nicht in allen Einzelheiten. Pater Benedict hielt mich jedoch noch kurz am Arm fest und raunte mir ins Ohr: "Irgendetwas muss Lady Gordon da oben gesehen haben. Als sie an uns vorbei die Treppe heruntergestürmt ist und später am Waldrand hat sie immer wieder 'Das kann nicht sein, das kann nicht sein' gesagt und war äußerst verstört. Sie hat sogar etwas von einer 'Blase' erzählt, die sie gesehen haben wollte." Dann wandte er sich von mir ab und ich ging in die Bibliothek, verwirrter als je zuvor.

Fortsetzung in Teil 17: Jämmerliche Existenzen
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 03. August 2008, 22:09:32
Teil 17: Jämmerliche Existenzen

Fortsetzung Session 02.02.2008

Zitat
PROTOKOLL

der psychotherapeutischen Sitzung mit dem Patienten

ALLEN HARDING

von: Prof. Dr. rer. cult. Rebecca Helen Stevens-McCormmick

Teilnehmer:

- Allen Harding (AH)
- Prof. Dr. rer. cult. Rebecca Helen Stevens-McCormmick (RS)
- Dr. Henry Tiller (HT)

Zweck der Sitzung:

Aktivierung der multiplen Persönlichkeit des Patienten, Befragung derselbigen, insbesondere zu "jenen, die warten".

Vorbereitende Maßnahmen:

Körperliche Untersuchung des Patienten durch HT, ohne neuen Befund. HT erklärt den Patienten für sitzungstauglich.

Sitzungsverlauf:

HT beginnt die Sitzung, indem er sich nach dem Befinden des Patienten erkundigt und mit einigen einleitenden Sätzen und Fragen dessen Vertrauen zu gewinnen versucht. Nach wenigen Minuten erklärt HT, dass der Patient nun einen Zustand erreicht hat, in dem man ihm Fragen stellen kann.

   RS: "Wissen Sie, warum Sie hier sind?"

   AH (nach einigen Sekunden des Zögerns): "Es muss essen."

   RS (eindringlicher): "Wissen Sie, warum Sie hier sind?"

   AH: "Es will nicht hier bleiben, aber es muss essen, bevor es wieder gehen kann."

   RS: "Woher stammt das Symbol an der Wand in Ihrem Zimmer?"

   AH: (wiederholt seine vorherige Aussage)

   RS: "Wer hat das Blut an die Wand geschmiert?"

   AH: "Es kommt! Es kommt!"

   RS: "Wissen Sie, warum Johnson die Leute umgebracht hat?"

   AH: "Ihr denkt, dass ihr ihn aufgehalten habt, aber ihr irrt euch. Nun wird es noch schlimmer werden. Schlimmer für uns alle!"

   RS: "Wen sollen wir aufgehalten haben?"

   AH: "Ich habe es nicht rein gelassen. Ich hätte das nie getan. Ich rief es und ich schuf die Tür. Doch als ich es sah, war ich nicht in der Lage, ihm noch weiter zu helfen. Der andere half ihm. Es ist alles sein Fehler. Nun werden wir alle sterben!"

Nach diesen Worten ändert sich die Mimik des Patienten. Er richtet sich auf und dreht RS und HT den Kopf zu.

   HT (flüsternd zu RS): "Das muss die Veränderung zu der anderen Persönlichkeit sein."

Der Patient reagiert nicht auf Ansprache. Nach einigen Sekunden des Schweigens beginnt er, mit veränderter Stimmlage zu sprechen.

   AH: "Ihr werdet alle sterben."

RS stellt mehrere Fragen, der Patient reagiert jedoch nicht, sondern fährt damit fort, RS und HT anzustarren.

RS holt das Blatt Papier mit dem von der Patientin Darlene gezeichneten Symbol hervor und hält es AH hin. AH zuckt zurück.

   AH: "Nimm das weg, Du jämmerliche Existenz! Das wird euch auch nicht vor eurer Vernichtung retten!"

RS schlägt HT vor, die Sitzung zu beenden, da AH in keinster Weise auf ihre Fragen eingeht.

   AH: "Soll ich euch zeigen, was mit eurer jämmerlichen Existenz passiert?"

   RS: "Ja, zeigen Sie uns, was passiert."

Der Patient beginnt zu zittern und zu würgen, seine Haut fängt an, Blasen zu werfen. Rauch steigt von ihm auf und es riecht nach verbranntem Fleisch. Mit einem lauten Knall bricht seine Bauchdecke auf und schwärzliche Gedärme spritzen durch den Raum. Danach sackt der offensichtlich tote Patient auf die Liege zurück.

RS und HT weichen schockiert zurück, HT erleidet offensichtlich ein temporäres psychisches Trauma.

- Ende der Sitzung -

Ich hörte die anderen im Foyer heftig diskutieren. Soviel ich durch die geschlossene Tür verstand, konnten auch Lady Gordon und Pater Benedict Mrs. Stevens-McCormmicks Bericht kaum Glauben schenken. Letztere war schon drauf und dran, die beiden nach oben zu zerren, um ihnen Hardings Leiche zu zeigen, doch auch dazu waren sie nicht bereit. Stattdessen kamen sie alle in die Bibliothek.

Ratlos saßen wir einige Minuten herum und starrten uns schweigend an. Niemand hatte eine Idee, wie es nun weitergehen sollte, geschweige denn eine Erklärung für all das, was heute bereits geschehen war. Irgendwie mussten wir uns von dem Erlebten ablenken und wieder ein wenig zur Normalität zurückfinden. Mrs. Stevens-McCormmick steckte sich eine Zigarette nach der nächsten an und vertiefte sich in das Castro-Manuskript, Dr. Tiller wählte sich etwas leichteren Lesestoff aus den Bücherregalen. Lady Gordon hielt es nicht länger auf ihrem Stuhl: Sie begann damit, sämtliche Öllampen und Wassereimer wieder aufzufüllen. Ich half ihr dabei. Pater Benedict verkroch sich in Dr. Brewers Büro, um in dessen Ägyptologie-Buchsammlung eventuell etwas über das Zeichen, das Darlene gemalt hatte, herauszufinden. Nachdem Lady Gordon und ich mit dem Auffüllen der Lampen und Eimer fertig waren, brachten wir Colonel Billings wieder in sein Zimmer zurück - Harding würde es ja nun nicht mehr benötigen.

Anschließend begab ich mich wieder in die Bibliothek, während Lady Gordon noch nach den anderen Patienten schauen wollte. Dr. Tiller hatte die Augen geschlossen und war offensichtlich eingenickt oder beabsichtigte, dies zu tun. Als ich eintrat, hob Mrs. Stevens-McCormmick den Kopf und erkundigte sich nach meinem Befinden. Wir unterhielten uns kurz darüber, was Lady Gordon am Leuchtturm zugestoßen sein könnte, kamen aber zu keinem Ergebnis. Mrs. Stevens-McCormmick glaubte jedenfalls nicht, dass sich dort oben noch jemand aufhalten würde. Ich schlug vor, den Leuchtturm am nächsten Tag noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Als es Abend wurde, begann Blanche damit, das Dinner vorzubereiten. Lady Gordon, die die ganze Zeit im Haus umhergestreift war, kam in die Bibliothek und unterhielt sich leise mit Dr. Tiller. Soweit ich sie verstehen konnte, wollte sie ihn davon überzeugen, eine weitere Sitzung mit Darlene abzuhalten, um ihre Annephis-Identität nach den letzten Ereignissen zu befragen. Dr. Tiller hielt dies jedoch für unsinnig, da diese darüber nichts wissen könne und sie auch keine neuen Erkenntnisse hätten, zu denen sie Annephis befragen könnten. Als Lady Gordon anfing, Dr. Tiller von einer Kugel zu berichten, die sie auf dem Leuchtturm beobachtet haben wollte, spitzte ich die Ohren. Sie hatte also tatsächlich etwas gesehen. Dr. Tiller vermutete jedoch, dass Lady Gordons Bewusstsein ihr aufgrund des Schmerzschocks einen Streich gespielt hatte. Auszuschließen war das natürlich nicht. Als Lady Gordon schließlich Hardings Reaktion auf Annephis' Zeichen erwähnte und Dr. Tiller sich zu dem Satz "Glauben Sie etwa, was Mrs. Stevens-McCormmick da erzählt hat?" hinreißen ließ, konnte selbige natürlich nicht mehr so tun, als würde sie von dem Gespräch nichts mitbekommen. Sie fragte ihn, warum er sich Harding denn nicht selbst einmal ansehen würde.

Bevor dieser Disput in einen echten Streit eskalieren konnte, ertönte jedoch glücklicherweise ein lautes "Essen!" aus der Küche. Wir beschlossen, unsere Debatte nach dem Abendessen mit weniger erhitzten Gemütern fortzusetzen. Pater Benedict kam die Treppe herunter (er war natürlich nicht fündig geworden) und wir holten die verbliebenen fünf Patienten aus ihren Zimmern.

Nachdem wir uns gestärkt, die Patienten versorgt und wieder eingeschlossen hatten, war es schon später Abend geworden und wir versammelten wir uns erneut in der Bibliothek. Als sich die anderen anschickten, sich wieder in ihre Bücher zu vertiefen oder die Augen zu schließen, fragte ich kurzerhand in die Runde, ob wir uns denn nun noch in Gefahr befinden würden, denn dann wäre es ja eventuell sinnvoll, entsprechende Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Pater Benedict war davon überzeugt, dass sich auf dem Turm noch jemand aufhalten würde, also schlug ich vor, wieder Wachen aufzustellen, ein gemeinsames Schlafgemach zu beziehen und alle Türen - soweit möglich - zu verriegeln und zu verrammeln. Es verstrichen einige Sekunden, ohne dass jemand etwas sagte, dann erhob sich Mrs. Stevens-McCormmick mit dem Hinweis, dass sie etwas frische Luft schnappen müsse. Sie verließ die Bibliothek und wir hörten, wie sie im Foyer den Haupteingang öffnete. Nach einigen Sekunden vernahmen wir plötzlich ihre Stimme.

Sie schrie wie am Spieß. Dann flog die Eingangstür krachend ins Schloss.

Fortsetzung in Teil 18: Die Nacht des roten Todes
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 03. August 2008, 22:34:09
Falls sich jemand wundert, dass einige der älteren Teile von mir noch einmal editiert wurden: Ich habe bei den Einträgen, bei denen es mir notwendig erschien (genau genommen jene, die Listen und/oder Handout-Quotes enthalten), die Tags an die neue Foren-Software angepasst, so dass die Formatierungen wieder so sind wie ich sie mir vorgestellt hatte.

Bei dieser Gelegenheit habe ich sämtliche Handouts, die in der von mir weiter oben erwähnten und verlinkten Spielhilfe enthalten sind und hier nur zusammengefasst wiedergegeben waren, durch den Volltext der Handouts ersetzt. Leider gibt es immer noch ein paar Handouts, die in der Spielhilfe nicht enthalten sind, und bei diesen habe ich die Zusammenfassung belassen (müssen). Um beide Versionen deutlicher voneinander abzugrenzen, sind die Volltext-Handouts jetzt in Schreibmaschinenschrift gesetzt, die Zusammenfassungen nach wie vor in Arial. Ansonsten habe ich keine inhaltlichen Änderungen vorgenommen - wer die Spielhilfe schon kennt, braucht sich also die alten Teile nicht noch einmal anzuschauen.

Was mich mal interessieren würde: Ist euch ab Teil 15 (also ab der Session 02.02.08) irgendein signifikanter stilistischer Unterschied im Vergleich zu den Teilen davor aufgefallen und - wenn ja - welcher? Falls nicht, dann schreibt das bitte auch. Vielen Dank!
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Nadir am 03. August 2008, 23:10:43
endlich  :wub: wurde ja auch langsam Zeit  wink

Stilistisch ist die Geschichte dichter geworden. Genau erklären anhand einzelner Beispiele kann ich das nicht, aber ich habe das Gefühl, Du hättest Dich "warmgeschrieben".
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: kicker am 11. August 2008, 12:07:06
Vorweck: Schöne Geschichte. Macht Spaß zu lesen und man stellt sich vor, dass auch das Spielen Spaß macht.

Zu deiner Frage nach dem Stil:
Es kommt mir so vor, als würdest du die Erlebnisse der anderen Charaktere seit Teil 15 vermehrt (oder ausschließlich?) von denen selbst in wörtlicher Rede berichten lassen. In den vorhergehenden Teilen hast du deinen Charakter von diesen Geschehnissen in passiver Form berichten lassen. Ich  finde es so wie du es jetzt machst besser.

Dazu habe ich auch eine rollenspieltechnische Frage:
Eure Charaktere gehen oftmals getrennt vor und zwar oftmals auch in vermeintlich interessanten und /oder gefährlichen Situationen.
Warum macht ihr das? Ich als Spieler würde meinen Charakter auf jeden Fall bei den spannenden Erkundungen dabei sein lassen (z.B. nächtlicher Ausflug zum Leuchtturm usw.)
Und wie macht ihr das? Getrennte Gruppen sind doch meist problematisch.
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 12. August 2008, 01:30:40
Also, ich muss sagen, dass ich schwer beeindruckt davon bin, wie aufmerksam ihr meine Story Hour lest. In diesem Sinne: Vielen Dank für euer Feedback!

Um den Grund für meine Frage aufzuklären: Seit dem 02.02.08 haben wir die Sessions mit einem MP3-Stick aufgezeichnet, vorher musste ich mich einzig und allein auf meine (zwar umfangreichen, aber natürlich lange nicht so sehr in alle Einzelheiten gehenden) Notizen und mein Erinnerungsvermögen verlassen. Das erlaubt mir einerseits, bei der Wiedergabe der Ereignisse mehr ins Detail zu gehen und dabei nichts Falsches zu schreiben, und andererseits, auch genau wiederzugeben, was welcher Charakter wann gesagt hat. Natürlich haben die SC lange nicht alles, was ich hier schreibe, auch wortwörtlich so gesagt, aber sinngemäß schon. Ich wollte halt nur wissen, ob man diesen Unterschied in der Story Hour bemerkt. Scheinbar ist das so. Noch mal vielen Dank für die Info!

Nun zu den Fragen:

Dazu habe ich auch eine rollenspieltechnische Frage:
Eure Charaktere gehen oftmals getrennt vor und zwar oftmals auch in vermeintlich interessanten und /oder gefährlichen Situationen.
Warum macht ihr das? Ich als Spieler würde meinen Charakter auf jeden Fall bei den spannenden Erkundungen dabei sein lassen (z.B. nächtlicher Ausflug zum Leuchtturm usw.)

Das hat mehrere Gründe:

Uns als Spielern ist natürlich sehr wohl bewusst, dass diese Versuche, unsere Charaktere möglichst glaubwürdig handeln zu lassen, durchaus zu unserem Nachteil gereichen können - das nehmen wir aber in Kauf.

Und wie macht ihr das? Getrennte Gruppen sind doch meist problematisch.

Da sind wir gnadenlos: Die Spieler, deren SC gerade nicht an der Reihe sind, müssen aus dem Zimmer raus, und das bedeutet (wir spielen in einem Bürogebäude) sie sitzen derweil auf dem Flur. Das kann durchaus seine Längen haben: Während Mrs. Stevens-McCormmicks Sitzung mit Allen Harding und der nachfolgenden Untersuchung des Leuchtturms (bei der mein SC ja auch nicht dabei war) saß ich geschlagene 50 Minuten auf dem Flur, und das größtenteils auch noch alleine. Dass das nicht sonderlich spannend war, kann man sich leicht vorstellen (allerdings ist das auch ein Extrembeispiel aufgrund sehr unglücklicher Umstände - in aller Regel geht es dann doch etwas schneller). Aber auch das nehmen wir in Kauf. Wobei man dazu sagen muss: So rigoros handhaben wir das nur bei Cthulhu - bei D&D sehen wir das nicht so eng.
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 16. August 2008, 03:16:27
Teil 18: Die Nacht des roten Todes, Teil 1

Forsetzung Session 02.02.2008

Wir stürzten ins Foyer. Mrs. Stevens-McCormmick befand sich etwa zwei Meter von dem geschlossenen Haupteingang entfernt und wich langsam von der Tür zurück, wobei sie am ganzen Leib zitterte. "Was ist los?", rief ich, während ich auf sie zu rannte. Sie blickte uns an - ihr Gesicht ein einziger Ausdruck des Entsetzens. "Da... da war was", stammelte sie, "Mr. Johnson - er ist weg! Oh, Gott! Da war was!" Mehr brachte sie nicht mehr hervor. Dr. Tiller führte sie in die Bibliothek und setzte sie auf die Couch. Die anderen folgten den beiden, ich rannte nach oben, um meine Elefantenbüchse zu holen.

Als ich zurückkehrte, war Blanche inzwischen ebenfalls im Foyer eingetroffen und blickte mich fragend an. Ich war allerdings im Augenblick nicht in der Stimmung, mich mit ihr zu unterhalten, also ließ ich sie stehen und postierte mich an der offenen Tür zur Bibliothek. So konnte ich verstehen, was drinnen gesprochen wurde und dabei gleichzeitig den Haupteingang im Auge behalten. Ich wusste zwar nicht, was Mrs. Stevens-McCormmick gesehen hatte, aber wenn Johnsons Leiche tatsächlich verschwunden war, dann drohte wahrscheinlich Gefahr. In der Bibliothek herrschte Stille - Mrs. Stevens-McCormmick zog mit zitternden Fingern an einer Zigarette und alle warteten gespannt, bis sie sich wieder etwas beruhigt und ihre Sprache zurückerlangt hatte.

Sie berichtete, dass sie etwa fünf Meter vor dem Eingang einen Ring aus rötlichem Leuchten gesehen hatte, der um das ganze Gebäude herumzuführen schien. Aus diesem Ring hatte sich etwas gelöst, das wie eine Art Schlauch ausgesehen und nach Johnsons Leichnam gegriffen hatte. Der Schlauch hatte Johnson zu sich herangezogen, wobei dieser regelrecht verkümmert bzw. zusammengeschrumpelt wäre. Dann hatte sie geschrieen und die Tür zugeschlagen.

Dr. Tiller beugte sich vor, um Mrs. Stevens-McCormmicks Augen zu untersuchen und fragte sie, ob sie irgendetwas eingenommen hätte. Sie versicherte, dass sie sich genauso wenig erklären konnte, was sie da gerade gesehen hatte. Ich wollte jedenfalls Gewissheit: Ich begab mich zum Haupteingang und öffnete die Tür. In etwa fünf Metern Entfernung sah ich einen schwach rötlich schimmernden Lichtschlauch, der sich knapp über dem Boden schwebend nach links und rechts erstreckte. Der Leichnam von Johnson war tatsächlich verschwunden - genau wie Mrs. Stevens-McCormmick gesagt hatte. Was zum Teufel war hier los?

In diesem Moment hörte ich Lady Gordon rufen: "Es stimmt!" Sie hatte offenbar einen Blick aus einem der Fenster in der Bibliothek geworfen. "Was stimmt?", hörte ich Dr. Tiller fragen. Kurz darauf kam Pater Benedict aus der Bibliothek auf mich zu und meinte: "Es ist noch da." - "Ja, ich sehe es", antwortete ich und wies auf die geöffnete Tür. "Und Johnson ist weg", fügte ich hinzu. Blanche trat neben uns und schaute ebenfalls ungläubig hinaus.

"Ich denke, wir sollten besser mal nach den Patienten schauen", schlug ich Pater Benedict vor. Kaum hatte ich diesen Satz beendet, erscholl ein markerschütternder Todesschrei aus dem Patiententrakt. Gleichzeitig nahm der Lichtschlauch vor dem Eingang an Leuchtkraft zu. Während ich noch starr vor Schreck auf die Leuchterscheinung blickte, fasste sich Pater Benedict ein Herz und warf die Eingangstür zu. Der Knall holte mich in die Realität zurück und ich stürmte gemeinsam mit dem Pater in Richtung Patiententrakt. Aus der Bibliothek taten es uns Lady Gordon und Mrs. Stevens-McCormmick gleich.

Der Schrei hatte von einer männlichen Person gestammt, also war unser erstes Ziel das Zimmer E4 von Henry Adam Barber. Ein kurzer Blick durch die in der Tür angebrachte Klappe offenbarte uns, dass er zwar wach, aber unversehrt war. Die nächste Station war das Zimmer von Colonel Billings, E2. Er lag auf seinem Bett und schlief. Blieb nur noch Leonard Hawkins übrig, den wir in Zimmer E3 einquartiert hatten. Der Raum war völlig dunkel, jedoch konnte man am Fenster Hawkins' Umrisse erkennen. Ich schloss die Tür auf und irgendjemand leuchtete mit einer Öllampe in den Raum. Die Scheibe des Fensters war zertrümmert und Hawkins' Oberkörper halb durch die Gitterstäbe gezogen worden, außerdem war er bis auf die Knochen mumifiziert.

Ich schaffte es nicht, meinen Blick von Hawkins' Überresten zu lösen. Mein Verstand sagte mir, dass es besser wäre, schnell von hier zu verschwinden, aber meine Füße bewegten sich nicht. Pater Benedict, der neben mir gestanden hatte, machte einige vorsichtige Schritte in den Raum hinein. Ich tapste ihm einfach hinterher. "Die Patienten müssen von den Fenstern weg, wir müssen sie aus den Zimmern rausholen", murmelte Lady Gordon und entfernte sich den Flur entlang in Richtung Foyer. Mrs. Stevens-McCormmick stand immer noch im Türrahmen und starrte fassungslos auf die Szenerie. Der Pater deutete mir mit einer Kopfbewegung an, aus dem Fenster zu schauen. Vorsichtig spähte ich hinaus und konnte zwischen den Gitterstäben und Hawkins' skelettierter Gestalt den rötlichen Lichtschlauch erkennen. Scheinbar führte er tatsächlich um das ganze Gebäude.

Genau in diesem Moment gellte ein weiterer Schrei durch das Haus. Es war die Stimme von Blanche und sie kam aus dem Foyer. Pater Benedict stürzte sofort aus dem Zimmer an Mrs. Stevens-McCormmick vorbei und folgte Lady Gordon den Gang hinunter. Ich wollte ihnen einfach nicht folgen. Nicht noch ein Opfer. Ich sah, wie sich das rötliche Leuchten abermals verstärkte. "Die Leute müssen von den Fenstern weg!", hörte ich Lady Gordon rufen und Pater Benedict brüllte aus Leibeskräften nach Dr. Tiller, der sich immer noch in der Bibliothek aufhielt. Hastige Schritte drangen aus dem Flur an mein Ohr, Türen wurden aufgerissen und zugeworfen. All dies nahm ich jedoch nur am Rande wahr. Ich legte meine Elefantenbüchse auf den Lichtschlauch an und feuerte beide Läufe gleichzeitig ab. Gras und Erde spritzten hinter der Leuchterscheinung hoch. Die Kugeln gingen einfach hindurch! Mit einem letzten Funken Geistesgegenwart wich ich von dem Fenster zurück.

Es dauerte einige Sekunden, dann hatte ich endlich meine Fassung vollends zurückerlangt. Ich erinnerte mich daran, dass Lady Gordon und Pater Benedict die Patienten aus den Zimmern holen wollten, also verließ ich den Raum, um zu sehen, ob ich ihnen noch irgendwie dabei helfen konnte. Auf dem Gang herrschte das totale Chaos: Lady Gordon hatte Darlene auf den Stuhl in der Nische des Pflegepersonals gesetzt und war gerade gemeinsam mit Mrs. Stevens-McCormmick dabei, Dr. Tiller von der Tür zum Foyer wegzuziehen. Tiller war offensichtlich nicht mehr Herr seiner Sinne: Er lachte nur noch hysterisch und zeigte immer wieder in Richtung Haupteingang. Mrs. Stevens-McCormmick versetzte ihm eine schallende Ohrfeige, er hörte jedoch nicht auf zu lachen. Pater Benedict rüttelte an der Tür von Colonel Billings und schrie nach einem Schlüssel. Dazwischen stand der heftig protestierende Henry Adam Barber, den irgendjemand aus seinem Zimmer gezerrt und dann einfach stehen gelassen hatte.

Pater Benedict befand sich mir am nächsten, also eilte ich zu ihm hin und schloss die Tür zu Colonel Billings Zimmer auf. Gemeinsam hievten wir den Colonel in seinen Rollstuhl und schoben ihn auf den Gang hinaus. Lady Gordon und Mrs. Stevens-McCormmick hatten Dr. Tiller inzwischen ebenfalls in den Gang gezogen und die Tür zum Foyer geschlossen. Direkt neben der Nische befand sich ein Putzschrank und gegenüber eine Abstellkammer, beide fensterlos. Aus der Kammer holte Lady Gordon eine Decke und hing diese über das Fenster in der Nische. Kurz konnte sie noch erkennen, dass das rötliche Leuchten inzwischen ziemlich hell geworden war. Dann bugsierten wir Darlene und Colonel Billings in den Putzschrank, Henry Adam Barber sperrten wir in die Abstellkammer. Letzterer beschwerte sich zwar lautstark, aber in dieser Situation hatten wir einfach keine andere Wahl.

Nachdem die Patienten in Sicherheit waren, konnten wir einen Augenblick durchatmen. Dr. Tiller kam wieder zu sich, sah aber sehr mitgenommen aus. Langsam rutschte er an der Wand hinunter und setzte sich schließlich kreidebleich auf den Boden. Mrs. Stevens-McCormmick kniete sich neben ihn: "Dr. Tiller? Was haben Sie gesehen, was ist passiert?" Tiller starrte ins Leere. "Blanche... ist tot", brachte er mühsam hervor, dann sagte er nichts mehr. "Was geht hier vor?", fragte Mrs. Stevens-McCormmick in die Runde. Niemand wusste darauf eine Antwort. "Auf jeden Fall kann man es nicht erschießen", merkte ich an.

Es verstrichen einige Minuten, in denen wir einfach nur dasaßen und nicht weiter wussten. "Ich will hier raus, lassen Sie mich hier raus!", brüllte Henry Adam Barber und trommelte gegen die Tür der Abstellkammer. "Können Sie ihn irgendwie beruhigen?", fragte Lady Gordon Dr. Tiller. Dieser blickte sie jedoch noch nicht einmal an und murmelte nur: "Geben Sie ihm Beruhigungsmittel." Pater Benedict und Mrs. Stevens-McCormmick erklärten sich bereit, über die hintere Treppe ins Obergeschoss zu gehen, um aus dem Medikamentenlager die entsprechenden Präparate und eine Spritze zu holen. "Beeilen Sie sich, schauen Sie auf keinen Fall raus und halten Sie sich von den Fenstern fern", riet Lady Gordon ihnen überflüssigerweise.

Nach wenigen Minuten kehrten sie zurück. Dr. Tiller sah sich jedoch außerstande, in seinem Zustand eine Spritze zu setzen - seine Hände zitterten immer noch sehr stark. Schließlich erklärte sich Mrs. Stevens-McCormmick bereit, es zu versuchen. Sie nahm die Spritze in die Hand, dann jedoch hockte sie sich plötzlich hin und starrte einige Sekunden ins Leere. Ich wollte sie gerade fragen, was los ist, als sie mit einem kurzen Aufschrei hoch schreckte und verwirrt umherschaute: "Ich werde noch wahnsinnig hier!" Noch ehe jemand eine Frage stellen konnte, fügte sie hinzu: "Ich glaube, ich hatte gerade eine Vision."

Fortsetzung in Teil 19: Die Nacht des roten Todes, Teil 2
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Hedian am 16. August 2008, 17:45:43
Exzellente Story Hour, habe sie heute am Stück verschlungen. Die Spannung steigt von Teil zu Teil, und die Persönlichkeiten werden gut vermittelt. Liest sich beinahe wie ein fertiger Roman.
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 23. August 2008, 23:28:01
Beinahe?! :X

Nein, Unsinn. Vielen Dank für das sehr positive Feedback. :)
Ich hoffe, ich kann eure Erwartungen auch bei den kommenden Teilen noch erfüllen. Spannend bleibt es jedenfalls und es wird auch noch höchst dramatisch, versprochen.  wink
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 23. August 2008, 23:34:27
Teil 19: Die Nacht des roten Todes, Teil 2

Fortsetzung Session 02.02.2008

Mrs. Stevens-McCormmick blickte in vier verdutzte Gesichter. "Was meinen Sie mit Vision?", fragte Lady Gordon. "Ich habe mich selbst vor einem der Fenster stehen sehen und beobachtet, wie draußen ein gelbes Leuchten war und sich große Brocken aus dem Erdboden gelöst haben und nach oben geflogen sind", stammelte Mrs. Stevens-McCormmick schließlich. "Das ergibt alles überhaupt keinen Sinn", fügte sie hinzu, legte die Spritze und das Beruhigungsmittel beiseite und erklärte, dass sie es lieber doch nicht versuchen wolle. Ich konnte mir beim besten Willen nicht erklären, was sie da gerade gesehen hatte, und augenscheinlich ging es auch den anderen nicht anders. Vermutlich waren ihr einfach nur die Nerven durchgegangen.

Abermals verlangte Barber lautstark, aus der Abstellkammer herausgelassen zu werden. Mrs. Stevens-McCormmick holte eine Packung Zigaretten hervor, zündete sich eine davon an, und noch ehe wir reagieren konnten, stand sie auf, öffnete die Tür und hielt Barber die Schachtel hin: "Rauchen Sie?" Barber ignorierte das Angebot jedoch völlig und stapfte nur mit den Worten "Na endlich!" an Mrs. Stevens-McCormmick vorbei den Gang hinunter in Richtung seines Zimmers.

Die erste, die aufsprang, war Lady Gordon. Sie rannte ihm hinterher und versuchte, ihn dazu zu überreden, nicht in sein Zimmer zu gehen, da dieses gerade gereinigt würde. Barber glaubte ihr jedoch kein Wort und setzte seinen Weg fort. Daraufhin befahl ihm Mrs. Stevens-McCormmick, sich wieder hinzusetzen und still zu sein. Als auch dies nicht fruchtete, versuchte Lady Gordon, ihn festzuhalten, bekam ihn jedoch nicht gepackt. Nun setzten ihm auch Mrs. Stevens-McCormmick und Pater Benedict nach und versuchten, ihn aufzuhalten, doch es war zu spät: Barber hatte sein Zimmer bereits erreicht.

Glücklicherweise waren die Vorhänge vor seinem Fenster zugezogen. Lady Gordon und Mrs. Stevens-McCormmick folgten ihm und redeten weiter auf ihn ein - erfolglos. Ich entschloss mich zu einer anderen Taktik: Ich stürzte voller Panik in sein Zimmer, schrie "Raus hier! Raus hier!" und versuchte, ihn zu packen. Aber auch ich bekam ihn nicht richtig zu fassen - er war schlüpfrig wie ein Aal. Mrs. Stevens-McCormmick gab mir durch einige Gesten zu verstehen, dass sie es lieber gewaltlos versuchen wolle, also hielt ich mich danach zurück. Sie begann, auf Barber einzureden. Pater Benedict kam herein. Offenbar war auch er inzwischen bereit, Henry Adam Barber mit Gewalt aus seinem Zimmer zu holen - als er jedoch sah, dass Mrs. Stevens-McCormmick mit ihm redete, zog er sich wieder zurück.

Barber hatte sich auf sein Bett gesetzt und verlangte, dass wir sein Zimmer verlassen. Lady Gordon ging hinaus. Da ich zu der Überzeugung gelangt war, dass Barber durch die geschlossenen Vorhänge vor dem Lichtschlauch gut genug geschützt war, folgte ich ihr. Mrs. Stevens-McCormmick blieb allein mit Barber zurück. Lady Gordon holte ein paar Decken aus der Abstellkammer und deckte sie über Darlene und Colonel Billings, die im Putzschrank inzwischen eingeschlafen waren. Ich setzte mich neben Dr. Tiller, der auf dem Stuhl in der Nische Platz genommen hatte. Pater Benedict ließ sich neben uns nieder und fragte, ob er Dr. Tiller irgendwie beistehen könne, doch dieser schüttelte nur den Kopf.

Endlich kehrte etwas Ruhe ein. Das einzige, was zu hören war, war die Stimme von Mrs. Stevens-McCormmick, die weiter beruhigend auf Barber einredete. Dann jedoch wurde sie etwas lauter: "Bleiben Sie sitzen!" Das nächste, was wir hörten, war das Geräusch von Vorhängen, die aufgezogen wurden, dann folgten das Klirren von Glas und ein kurzer, aber heftiger Aufschrei. Barber hatte es erwischt. Ich vergrub meinen Kopf zwischen den Händen. Kurz darauf taumelte Mrs. Stevens-McCormmick aus dem Zimmer. Lady Gordon nahm sie in Empfang und führte sie zu uns in die Nische, wo sie sich zitternd auf den Boden setzte. Um etwas mehr Platz zu schaffen, hob Pater Benedict den Schreibtisch an und stellte ihn senkrecht vor das Fenster.

Vorerst blieb uns nichts anderes übrig, als hier abzuwarten, bis die Nacht vorüber war. Von den Patienten waren nur noch Darlene und Colonel Billings am Leben, und diese befanden sich momentan in Sicherheit. So saßen wir einfach da im schummrigen Licht der heruntergedrehten Öllampen und warteten ab, was als nächstes passieren würde. Nach Barbers Tod war es geradezu gespenstisch still geworden. Die Nacht erschien uns bereits eine Ewigkeit gedauert zu haben, tatsächlich waren aber erst wenige Minuten verstrichen, seit Mrs. Stevens-McCormmick vor die Tür getreten war, um ein wenig frische Luft zu schnappen. In diesen wenigen Minuten waren drei Menschen gestorben - und es war noch nicht einmal Mitternacht.

Plötzlich erhob Pater Benedict seine Stimme: "Wie kann man dieses Leuchten aufhalten, stoppen, vernichten?" Er klang verzweifelt. "Licht, Feuer, Wasser", antwortete ich ihm kurz und bündig - dies waren die drei Dinge, die Darlene uns in ihrer Annephis-Identität aufgezählt hatte. Meine Antwort war nicht wirklich ernst gemeint, aber Pater Benedict stieg darauf ein: "Braucht man alles drei oder reicht eines davon? Und muss es sich um fließendes Wasser handeln oder reicht stehendes?" Natürlich konnte ihm diese Fragen niemand beantworten. "Im Castro-Manuskript steht jedenfalls, dass die Kreaturen erst im Meer vernichtet wurden", warf Lady Gordon ein. "Meer haben wir hier jedenfalls genug", stellte Mrs. Stevens-McCormmick mit einem nervösen Lachen fest. Ich merkte an, dass es uns schwer fallen dürfte, Licht ins Meer zu treiben, aber dass wir hier durchaus über eine Menge Benzin verfügen würden - für Feuer könnten wir also sorgen. Wir diskutierten mehrere Möglichkeiten: Lady Gordon wollte mit den Benzinkanistern eine Schneise zum Meer hin bauen; ich schlug vor, das Benzin genau an der Stelle auszuschütten, an der nun der Lichtschlauch zu sehen war, und es zu entzünden, sobald er in der nächsten Nacht wieder dort auftauchen würde. Pater Benedict erwog sogar, das Benzin in Flaschen abzufüllen, um daraus Wurfbrandbomben zu bauen. Alle diese Vorschläge erschienen uns jedoch bei näherer Betrachtung als wenig Erfolg versprechend.

"Wollen Sie einen zweiten Weltkrieg beginnen?", fragte Dr. Tiller in die Runde, "gegen was wollen Sie da eigentlich kämpfen?" So recht klar war uns das in der Tat nicht. Mrs. Stevens-McCormmick schlug jedenfalls vor, besser nach einem Weg zu suchen, von der Insel herunterzukommen. Wenn es sich tatsächlich um eine solche Kreatur wie aus dem Castro-Manuskript handeln würde, die nicht ins Wasser kann, dann wären wir auf dem Meer jedenfalls in Sicherheit. Dem widersprach Lady Gordon jedoch: "Wenn diese Wesen nicht ins Wasser können, warum befestigen dann irgendwelche Seeleute Schutzsymbole unter dem Bug ihrer Schiffe? Vermutlich heißt das nur, dass diese Wesen im Wasser getötet werden können, nicht aber, dass sie im Wasser von alleine umkommen."

Ich wusste zwar nicht, wie Lady Gordon auf einen Zusammenhang zwischen unserer Situation und dem Brief, den sie in Ebenezers Haus gefunden hatte, gekommen war, aber das Gespräch war inzwischen ohnehin sehr abenteuerlich geworden. Wir heckten Taktiken gegen etwas aus, von dem wir noch nicht einmal ansatzweise wussten, um was es sich handelt. Außerdem zogen wir mit unseren Mutmaßungen ja indirekt in Betracht, dass es sich tatsächlich um eine Art mythologisches Monster aus dem alten Ägypten handelte und Darlenes Annephis-Identität offenbar die echte Annephis war. Ein völlig irrwitziger Gedanke - das war uns vollkommen klar. Aber: Was hatten wir für Alternativen?

Pater Benedict kam schließlich auf die Idee, den Leuchtturm anzuzünden - einerseits wussten wir, dass dort oben noch irgendjemand oder irgendetwas sein musste, das Lady Gordon verletzt hatte, andererseits hatten der Pater und ich ja auch genau dort bereits ein rötliches Leuchten gesehen, als wir in der ersten Nacht den Schreien von Mrs. Randolph gefolgt waren. Es deutete also alles darauf hin, dass es - was immer "es" auch war - sich tagsüber wahrscheinlich in oder auf dem Leuchtturm aufhalten würde. Mit genügend Holz und Benzin sollte es kein Problem darstellen, auch einen metallenen Leuchtturm in ein flammendes Inferno zu verwandeln. Ich hielt das Ganze zwar für ziemlich gewagt, aber in unserer verzweifelten Situation erschien mir dies noch als der sinnvollste Vorschlag.

Dr. Tiller erklärte uns zwar alle für völlig verrückt, aber da auch er keine bessere Idee hatte, ließ er uns gewähren. Lady Gordon zählte auf: "Licht, Feuer, Wasser - wir haben Tageslicht, mit Feuer treiben wir es ins Wasser, aber wie bringen wir es dann im Wasser um?" Ich merkte an, dass es wahrscheinlich nicht notwendig sei, alle drei Dinge gleichzeitig anwenden zu müssen, denn laut Castro-Manuskript hatte Annephis die Kreaturen in den Nil getrieben - ohne Feuer und Licht. Stattdessen hatte sie allerdings irgendwelche Steine gehabt, über die wir rein gar nichts wussten. Uns fiel das Symbol ein, das Darlene in ihrer Annephis-Identität gezeichnet hatte. Vielleicht hatte sich dieses Symbol auf den Steinen befunden und dann wäre es eventuell möglich, damit auch noch etwas zu erreichen - immerhin hatte ja auch Hardings andere Identität darauf reagiert.

Mrs. Stevens-McCormmick und Dr. Tiller waren zwar der Überzeugung, dass es sich um eine Art Maschine oder einen Wahnsinnigen handeln musste, die oder der sich dort oben auf dem Leuchtturm befand, letzten Endes war dies jedoch einerlei - die Ursache war offensichtlich dort zu suchen. Ich schlug vor, morgen bei Tageslicht mit genug Benzin zum Leuchtturm zu gehen, Holz darin aufzuschichten und das Ganze anzuzünden. Sollte der Wahnsinnige, der dort oben hauste, aus dem Turm herauskommen, würden wir ihn mit dem Zeichen ins Meer treiben. Somit hatten wir alles: Feuer, Tageslicht, Wasser und das Zeichen. Das alles klang zwar ziemlich verwegen, aber immerhin: Wir hatten einen Plan.

Als die Uhr Mitternacht zeigte, stieg unsere Zuversicht, dass uns in dieser Nacht keine unliebsamen Überraschungen mehr bevorstehen würden. Trotzdem blieben wir natürlich sicherheitshalber in der Nische und dem Gang sitzen, denn dass der rote Lichtschlauch verschwunden war, daran glaubte niemand von uns. Pater Benedict schlug vor, dass wir abwechselnd schlafen sollten, und legte sich gleich als Erster hin. Ich begann, meine Waffe zu putzen. Als es gegen 1 Uhr immer noch ruhig geblieben war, beschloss ich, ebenfalls die Augen zu schließen. Um 4 Uhr weckte mich Lady Gordon und fragte, ob wir tauschen könnten. Ich blieb wach bis 8 Uhr morgens, dann öffnete ich vorsichtig die Tür zu Barbers Zimmer. Zwischen den Gitterstäben und den darin verkeilten mumifizierten Überresten des ehemaligen Bewohners drang Tageslicht herein. Argwöhnisch spähte ich hinaus. Das rötliche Leuchten war verschwunden.

Die Nacht war überstanden.

Fortsetzung in Teil 20: Gegenoffensive
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Nadir am 26. August 2008, 21:32:39
huh, exited!

 :twisted:
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 06. September 2008, 21:01:50
Teil 20: Gegenoffensive

Fortsetzung Session 02.02.2008

5. Tag

Ich begab mich wieder auf den Gang. Pater Benedict war ebenfalls wach geblieben, und so teilte ich ihm mit, dass das rötliche Leuchten nicht mehr zu sehen sei. Wir beschlossen, die beiden Damen zu wecken, Dr. Tiller jedoch noch nicht - in seinem Zustand war ein wenig mehr Schlaf vielleicht besser für sein Seelenheil. "Ich kümmere mich erst mal um Blanche", verkündete Pater Benedict, nahm sich zwei Decken aus der Abstellkammer, öffnete die Tür zum Foyer und deckte die vertrockneten Überreste der ehemaligen Patientin ab, damit uns der Anblick erspart blieb. Der Haupteingang stand immer noch sperrangelweit offen.

Lady Gordon holte inzwischen Darlene aus dem Putzschrank und brachte sie in ihr Zimmer zurück, ich tat das Gleiche mit Colonel Billings. Wir versorgten unsere beiden Patienten kurz, dann trafen wir uns alle im Flur wieder. "Bevor wir zum Leuchtturm gehen, sollten wir vielleicht die Fenster von Darlene und Colonel Billings von außen verhängen", schlug Lady Gordon vor, "und ihnen einen kleinen Essens- und Wasservorrat in die Zimmer stellen." Als sie unsere fragenden Blicke bemerkte, fügte sie hinzu: "Falls wir nicht wiederkommen."

Zwar war mir im Grunde klar, das diese Möglichkeit durchaus bestand, aber dafür Vorbereitungen zu treffen, ließ sie mir auf unangenehme Weise real erscheinen. Wie dem auch sei: Weder Darlene noch Colonel Billings waren in der Lage, sich selbst zu versorgen, auch wenn das Essen direkt vor ihrer Nase stand. Trotzdem sagte ich nichts. Wahrscheinlich würde Dr. Tiller ohnehin hier bleiben wollen und sich - sollten wir tatsächlich nicht zurückkehren - weiter um die Patienten kümmern.

Pater Benedict und ich marschierten zu den Schuppen, um die Benzinkanister zu holen. Ich wollte die Tür des Verschlags gerade öffnen, als mich der Pater plötzlich am Arm festhielt. "Was ist, wenn es im Dunkeln im Schuppen sitzt?", fragte er. Ich war jedoch gerade nicht in der Stimmung für übermäßige Vorsicht - ich wollte endlich etwas unternehmen. "Das können wir dann auch nicht mehr ändern", antwortete ich und zog die Tür auf. Im Schuppen war alles ruhig. "Das letzte, was sie sahen, war ein roter Lichtschlauch...", murmelte der Pater, während wir durch die Tür in das staubige Zwielicht traten.

Wie sich schnell herausstellte, war so ein Kanister mit fünf Gallonen Benzin ziemlich schwer. Mit bloßen Händen ließen sich zwar pro Person zwei davon tragen, aber bis zum Leuchtturm würden wir das auf keinen Fall durchhalten. Glücklicherweise entdeckten wir nach kurzer Suche eine kleine Schubkarre. Pater Benedict und ich luden vier Kanister auf, dann machten wir uns auf den Weg zurück zum Sanatorium, um die Damen abzuholen.

Lady Gordon wartete bereits vor der Tür auf uns und teilte uns mit, dass Mrs. Stevens-McCormmick nur noch etwa eine Stunde benötigen würde, bis sie das Castro-Manuskript durchgearbeitet hätte - vielleicht wäre in dem Buch ja noch irgendein hilfreicher Hinweis für uns enthalten. "Am besten gehen Sie mit dem Benzin vor und Mrs. Stevens-McCormmick und ich kommen dann später nach", schlug Lady Gordon vor, "in der Zwischenzeit sammle ich hier schon mal Holz und verhänge die Fenster von Darlene und Colonel Billings von außen wie besprochen."

Gesagt, getan. Bis zum Leuchtturm benötigten Pater Benedict und ich ebenfalls etwa eine Stunde, wobei wir uns dabei abwechselten, die schwere Schubkarre über den unebenen Trampelpfad zu wuchten. Der Turm stand noch genau so da, wie die anderen ihn tags zuvor verlassen hatten - inklusive des Spatenstiels, der noch immer unter der Klinke der stählernen Tür klemmte. Bedeutete dies, dass dort oben doch niemand war? Oder konnte das, was immer dort oben lauerte, den Turm verlassen, ohne dabei auf die Tür angewiesen zu sein? Wie auch immer, wir entschlossen uns, unseren Plan fortzusetzen. Wir stellten die Kanister neben der Tür ab und begannen, im nahe gelegenen Wäldchen trockene Äste und Reisig sowie am Strand trockenes Treibholz zu sammeln.

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/leuchtturm.jpg)

Eine Dreiviertelstunde später näherten sich die beiden Damen. Sie hatten zwei lange Holzlatten zu einer behelfsmäßigen Trage umfunktioniert, auf der sie einen ansehnlichen Holzstapel transportierten. Lady Gordon hatte sich sogar aus einem Bettlaken eine Trageschlaufe angefertigt, um ihren verletzten Arm nicht belasten zu müssen. Sie teilte uns mit, dass sie Dr. Tiller zwar geweckt hatte, dieser es aber wie erwartet vorzog, im Sanatorium zu bleiben. Er hätte immer noch keinerlei Verständnis für unseren Plan und wolle einfach nur in Ruhe gelassen werden. Mrs. Stevens-McCormmick hatte das Castro-Manuskript durchgelesen, meinte jedoch, dass darin nichts enthalten wäre, was uns in der momentan Situation nutzen würde.

Vorsichtig öffneten wir die Tür des Leuchtturms und vergewisserten uns, dass keine unmittelbare Gefahr drohte, dann warf ich zum ersten Mal einen Blick ins Innere. Wie von den anderen beschrieben war es staubig und düster. Eine metallene Wendeltreppe füllte den Innenraum bis auf wenige Zentimeter zur Wand hin aus, so dass man nicht weit nach oben schauen konnte. Wir beeilten uns, das gesammelte Holz am Fuß der Wendeltreppe aufzuschichten.

"Sollen wir noch mehr Benzin holen?", fragte Lady Gordon, als wir unsere Arbeit beendet hatten. "Also, um das Holz anzuzünden, reichen zwanzig Gallonen mit Sicherheit", antwortete Pater Benedict nicht ohne eine Spur Ironie. Ich erinnerte mich schmerzhaft an die Explosion der fünf Gallonen, die wir über die Leichen geschüttet hatten, und konnte dem Pater nur zustimmen: Noch mehr war mit Sicherheit nicht nötig.

Wir waren uns allerdings einig, dass es nicht sonderlich effektiv wäre, das ganze Benzin nur auf dem Boden des Turms zu verteilen. Sicherlich gäbe es eine große Verpuffung, aber dann würde nur noch das Holz brennen, und das Feuer wäre wahrscheinlich nicht stark genug, um auch die Turmspitze zu erreichen. Mrs. Stevens-McCormmick schlug vor, einen Benzinkanister als eine Art Sprengfalle direkt unter der Luke zu platzieren, wir waren uns jedoch nicht sicher, ob die Hitze des Feuers unten im Turm ausreichen würde, um den oberen Kanister zur Explosion zu bringen.

Lady Gordon wollte eine Feuerschneise zum Meer hin legen, damit das, was auch immer aus dem Turm kommen sollte, sich nur noch in Richtung Wasser bewegen konnte. Ich merkte jedoch an, dass sich der- oder dasjenige kaum freiwillig ins Wasser begeben würde, wenn er oder es weiß, dass es dort vernichtet wird - so dass wir auch diesen Plan wieder verwarfen.

Wenn wir auf Nummer sicher gehen wollten, dann blieb uns nichts anderes übrig, als so viel Benzin im Turm zu verteilen wie möglich, und zu hoffen, dass das entstehende Feuer ausreichen würde, um das Problem endgültig zu lösen. Da wir uns aufgrund der dabei entstehenden Dämpfe beeilen mussten, beschlossen wir, dass sich Pater Benedict und ich jeweils mit einem Kanister in den Turm begeben und das Benzin die Wände herunter laufen lassen sollten. Dann würden wir uns möglichst schnell nach unten begeben und den Inhalt des dritten Kanisters über das Holz verteilen, während Mrs. Stevens-McCormmick mit dem vierten Kanister eine möglichst lange Lunte vom Eingang weg legen sollte. Lady Gordon würde am Ende dieser Lunte stehen und diese entzünden, sobald sich alle ausreichend weit vom Turm entfernt hätten.

Letztere hielt das Ganze jedoch für ein Himmelfahrtskommando: "Wenn Sie unter der Luke mit Benzin hantieren, dann wird der- oder dasjenige auf dem Turm doch sofort angreifen", argwöhnte sie. Pater Benedict und ich erklärten uns jedoch dazu bereit, dieses Risiko einzugehen. Der Pater wickelte ein Taschentuch um einen kurzen Stock und schüttete etwas Benzin darüber. Mrs. Stevens-McCormmick entzündete das Tuch mit ihrem Feuerzeug, dann drückten wir Lady Gordon die provisorische Fackel in die Hand. Sie stellte sich in etwa zehn Metern Entfernung zum Eingang des Turms auf und harrte der Dinge, die da kommen sollten.

Zwei der Kanister stellten wir neben dem Eingang zum Turm ab, Mrs. Stevens-McCormmick postierte sich daneben. Dann griffen sich Pater Benedict und ich jeweils einen der beiden anderen Kanister und stiegen die Wendeltreppe hinauf. Etwa auf halber Höhe blieb der Pater stehen, ich setzte den Weg bis ganz nach oben unter die Luke fort. Dort horchte ich erst mal, ob sich irgendetwas weiter oben regte. Alles war ruhig. Ich öffnete den Deckel des Kanisters und begann, das Benzin gegen die Turmwand zu spritzen, wobei ich langsam die Treppe wieder hinabstieg. Von weiter unten vernahm ich, dass es mir der Pater gleichtat.

Ich war gerade drei oder vier Stufen weit gekommen, als ein mächtiger Schlag durch den Turm dröhnte, der das ganze Gebäude erzittern ließ. Ich zuckte vor Schreck zusammen und blickte nach oben, von wo der Lärm gekommen war. Mitten auf der Luke prangte eine etwa kopfgroße Delle, die sich fünf Zoll nach unten wölbte! Panik stieg in mir auf. Kurz entschlossen legte ich den Benzinkanister auf die Stufen, so dass er weiter auslaufen konnte, dann nahm ich die Beine in die Hand. Hinter mir donnerten zwei weitere Hiebe auf das Metall des Turms, dann hörte ich, wie ein schweres Metallteil - offenbar die Luke - hinter mir die Treppe heruntergepoltert kam.

Ich stürmte weiter, ohne mich umzudrehen. Auf halber Höhe traf ich auf Pater Benedict, der offenbar die selbe Idee gehabt hatte wie ich - er hatte seinen Kanister ebenfalls auf eine Stufe gelegt und war gerade im Begriff, die Flucht anzutreten. "Unten auf dem Holz ist noch kein Benzin!", rief ich ihm zu, während wir so schnell wie möglich die Treppe hinabstürzten.

Wir waren gerade unten angelangt, als ich hörte, wie noch etwas die Stufen hinabpolterte - dem Geräusch nach zu urteilen der obere Benzinkanister. Mrs. Stevens-McCormmick war glücklicherweise so geistesgegenwärtig gewesen, sofort die Lunte zu legen, als sie gemerkt hatte, dass etwas nicht stimmte. Sie stand bereits neben Lady Gordon, die mit der brennenden Fackel auf unser Signal wartete. Pater Benedict schnappte sich den letzten Kanister, der noch unten neben der Tür stand, riss ihn auf und begann, Benzin auf das Holz zu spritzen. Ich half ihm dabei, so gut ich konnte. Wenige Sekunden später hörten wir, wie auch der mittlere Kanister die Stufen hinabkam.

Wir mussten schnellstens von hier weg. Pater Benedict warf den Benzinkanister auf das Holz, in der Hoffnung, dass noch möglichst viel davon auslaufen würde, dann rannten wir so schnell wir konnten in Richtung der Damen und riefen ihnen zu, sie sollten die Lunte anzünden.

Lady Gordon senkte die Fackel auf den Boden und die Lunte fing Feuer. Die Flamme raste zwischen mir und Pater Benedict hindurch, während wir weiter auf die Damen zuliefen. Wir hatten sie fast erreicht, als hinter uns mit einem dumpfen Knall der Turm explodierte. Die Druck- und Hitzewelle warf uns fast zu Boden.

Wir hatten zwar nicht so viel Benzin verteilen können, wie uns lieb gewesen wäre, nichtsdestotrotz hatte sich das Innere des Turms in eine einzige Flammenhölle verwandelt, wie wir durch die offen stehende Tür erkennen konnten. Oben quoll schwarzer Rauch hervor, vermutlich aus der Öffnung, in der sich die Luke befunden hatte.

Einige Sekunden lang betrachteten wir dieses spektakuläre Schauspiel, dann meldete sich Mrs. Stevens-McCormmick zu Wort. "Was war denn da oben los?", fragte sie. "Es ist gekommen", antwortete ich. "Habe ich doch gleich gesagt", warf uns Lady Gordon vor. "Nun, um so besser", erwiderte ich, "jetzt steckt es mitten im Feuer."

"Was meinen Sie denn mit es, haben Sie irgendetwas gesehen?", wollte Mrs. Stevens-McCormmick wissen. Pater Benedict und ich mussten verneinen. Ich teilte Mrs. Stevens-McCormmick jedoch noch mit, was "es" mit der Luke angerichtet hatte.

Dann sah ich aus dem Augenwinkel, wie sich im Turm etwas bewegte. Ich drehte den Kopf. Aus der Tür quoll etwas hervor...

...und ich verlor den Verstand.

Fortsetzung in Teil 21: Das Ding, das nicht sein darf
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Nadir am 07. September 2008, 00:47:58
gaaaaz großes Kino!


 :thumbup:
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Berandor am 07. September 2008, 01:43:31
Hej, das war echt gut. Vielleicht lese ich die mal ganz. Das scheint sich zu lohnen.
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Sirius am 08. September 2008, 09:25:31
Es lohnt sich definitiv!
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 08. September 2008, 09:46:56
Find' ich auch. wink
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 14. September 2008, 04:41:02
Dramatis personae: Prof. Dr. rer. cult. Rebecca Helen Stevens-McCormmick

Rebecca wurde am 13.05.1892 (Freitag) in London als Tochter des Royal Navy-Commanders George Stevens und der Hausfrau Helen Stevens (geb. Bakers) als Einzelkind geboren. Schon früh musste sie lernen, auf eigenen Beinen zu stehen, denn ihr Vater war im Namen der Krone viel unterwegs. Daher wurde sie im Alter von 3 Jahren auf das Kent College in Pembury geschickt. Dort wurde sie als vorbildliche Schülerin geschätzt und durfte nach ihrem Abschluss im Jahre 1910 in Oxford studieren. Sie studierte dort Kulturwissenschaften und Sprachen. Sie studierte Spanisch, Französisch und Portugiesisch, wobei ihr Spanisch am besten von der Hand ging. Im Rahmen ihrer Studien erlangte sie zunächst einen Doktortitel (Dr. rer. cult.) der Kulturwissenschaften, Fachrichtung Anthropologie. In diesem Gebiet erlangte sie nach ihrer Habilitation sogar das Recht zu Lehren und kehrte an das Kent College zurück. Da dort der Lehrplan aber keine Anthropologie vorsah, begann sie, Geschichte und Spanisch zu unterrichten. In Oxford entdeckte sie ihre Vorliebe für das Fechten und merkte schnell, dass sie ein großes Talent hatte. Sie trat der Fechtmannschaft in Oxford bei und wurde schnell der Captain der Damenmannschaft. Dazu gehörte es allerdings auch, zu lernen wie man erste Hilfe leistet, daher musste sie einen Erste-Hilfe-Kurs absolvieren. Dieser Kurs wurde von einem jungen Arzt namens Johnson McCormmick geleitet und Rebecca verliebte sich Hals über Kopf in ihn. Er verliebte sich ebenfalls in sie und im Jahre 1912 gaben sie sich das Ja-Wort und lebten in seiner kleinen Wohnung im Norden Londons.

Im Jahre 1915 wurde Johnson McCormmick zur Armee einberufen und nach Deutschland verschifft. Nur 4 Monate später erlangte Rebecca die Nachricht des Todes ihres Gatten. Ein Kamerad von Johnson überbrachte diese Nachricht und weitere 2 Wochen später erfuhr Rebecca, dass dieser Kamerad sich in seiner Wohnung das Leben genommen hatte. Im Jahr 1917, als sich Rebecca grade mit dem Tod ihres geliebten Gatten abgefunden hatte, bekam sie die Nachricht, dass ihr Vater von einer deutschen Granate zerfetzt worden war. Diese Nachricht ließ sie in ein tiefes Loch fallen und ein unbändiger Hass gegen die Deutschen keimte ihn ihr auf, der bis heute nicht schwächer geworden ist.

Ihre Mutter musste sich nun selbst um ihren Unterhalt kümmern und nahm einen Job als Bibliothekarin in der königlichen Bibliothek in London an.

Rebecca war nie sonderlich gläubig, aber nach dem Tod der beiden wichtigsten Männer in ihrem Leben verlor sie auch das letzte bisschen Glauben an Gott und die Kirche. Von nun an konzentrierte sie sich voll und ganz auf ihren Lehrstuhl und versuchte, den jungen Frauen ihrer Klasse nahe zu bringen, wie wichtig es ist, selbstständig zu sein.

Rebecca neigt zur Sturheit, wenn sie sich eine Meinung zu etwas gebildet hat, dann ist diese Meinung für sie 100%ig Fakt, es sei denn, man kann unumstößliche Beweise erbringen, die die Falschheit ihrer Meinung belegen. Des Weiteren neigt sie dazu, hysterisch zu werden, wenn mal etwas vollkommen Unvorhergesehenes geschieht. Diese Eigenschaft hat sich aber erst nach dem Tode ihrer beiden Männer eingestellt. Auch seit dieser Zeit hat Rebecca immer wiederkehrende Albträume, die den Tod ihres Mannes zum Inhalt haben.

Sie hat zwar im Laufe der Zeit gelernt, mit dem Tod ihres Mannes umzugehen, aber dennoch hegt sie den innigen Wunsch, dass er eines Tages wieder in der Tür steht und das alles nur ein böser Albtraum war und sie endlich erwacht, um mit Johnson wieder ein glückliches Leben zu führen.

Ihre Großmutter vermachte ihr nach ihrem Tod ein sehr wertvolles Amulett, das Rebecca immer bei sich trägt, in diesem Amulett befindet sich ein Foto ihres Mannes. Dieses Foto macht das Amulett für sie erst wirklich wertvoll, denn dieses Foto ist das letzte, was ihr von Johnson geblieben ist.

Rebecca hatte in ihrer Jugend einen sehr großen Freundeskreis, aber mittlerweile sind nur noch zwei wirklich enge Freunde übrig geblieben, zum einen Amy Peters, eine ehemalige Klassenkameradin aus der Zeit auf dem Kent College und Franklin Lambert, den sie in Oxford kennen lernte. Franklin hegte immer Gefühle für Rebecca, heiratete aber, nachdem sie und Johnson ein Paar wurden, seine Cousine und hat mit ihr mittlerweile zwei Kinder. Beide leben in London.

Wenn Rebecca bei ihren Nachforschungen Hilfe benötigt, besucht sie entweder ihre Mutter in der Bibliothek in London oder befragt den Rektor von Kent College, der ein für sie überaus beeindruckendes Wissen besitzt und ihr immer wieder Zugang zur College-Bibliothek verschafft.

Zum Äußeren von Rebecca Helen Stevens-McCormmick ist zu sagen, dass sie von durchschnittlichem Wuchs ist, schlank und überaus attraktiv. Sie bewegt sich sehr geschmeidig, was wohl auf ihre Fechtausbildung zurückzuführen ist. Ihre Augenfarbe ist blau und ihre Haare sind blond und stets zu einer strengen Hochsteckfrisur "frisiert". Sie trägt eine Brille und zumeist modische Kleider, wie knielange Röcke und weite Blusen.

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/rebeccahelenstevensmccormick.jpg)

Anmerkung: Der Hintergrund wurde auf jene Dinge gekürzt, die den anderen Spielern bekannt sein dürfen.
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 14. September 2008, 04:55:12
Sorry, aber dieses Wochenende kann ich leider nur mit einem weiteren "Dramatis personae"-Eintrag aufwarten. Ich hoffe, dass es auch der Spieler von Pater Benedict noch schafft, mir seine Charaktergeschichte zukommen zu lassen, bevor diese Story Hour zu Ende ist...

Dafür habe ich jetzt aber die Möglichkeit, eine weitere (und wahrscheinlich auch die letzte) Quizfrage zu stellen:

Quizfrage

Welcher weibliche Spielercharakter wird von einem männlichen Spieler gespielt?

a) Lady Elizabeth Gordon (siehe hier (http://forum.dnd-gate.de/index.php/topic,17808.msg310567.html#msg310567))
b) Prof. Dr. rer. cult. Rebecca Helen Stevens-McCormmick (siehe oben)

Tja, wir haben nur eine Spielerin in der Gruppe, aber zwei weibliche Charaktere. Wer von den beiden ist die Mogelpackung? wink

Ich weiß, das ist eigentlich eine gemeine Frage und es gibt im Grunde auch keine echten inhaltlichen Merkmale, an denen man das festmachen könnte. Trotzdem bin ich mal gespannt auf eure Begründungen.

Edit: Ach ja, eine Meta-Info habe ich auch noch: Das Bild von Mrs. Stevens-McCormmick ist eigentlich Dorothy Dell Goff (http://en.wikipedia.org/wiki/Dorothy_Dell) (1914-1934), eine amerikanische Filmschauspielerin, die im Alter von 20 Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist.
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 20. September 2008, 00:05:29
OK, ich seh' schon: Die Frage ist nicht sonderlich gut angekommen. Trotzdem hier noch die richtige Antwort, bevor es gleich weiter geht: Mrs. Stevens-McCormmick.
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 20. September 2008, 00:14:35
Teil 21: Das Ding, das nicht sein darf

Fortsetzung Session 02.02.2008

Aus dem Eingang des Leuchtturms quoll ein riesiger Haufen aus Seifenblasen. Nicht die Art von Seifenblasen, die man gelegentlich auf Jahrmärkten zur Belustigung sieht - diese Blasen hatten eine schleimige Konsistenz und wirkten fremdartig und monströs. Außerdem bewegten sie sich nicht so, wie man es von toten Gegenständen erwarten würde, sondern so, als würden sie bewusst gesteuert oder wären von einem eigenen Willen beseelt. Zunächst breiteten sie sich auf dem Gras vor dem Leuchtturm aus, doch dann rollten sie aufeinander zu und verschmolzen zu einer einzigen, gewaltigen Blase.

Nach allem, was ich zu wissen glaubte, konnte das nicht sein. Nein - es durfte nicht sein. In diesem Moment legte sich in meinem Kopf ein Schalter um. Ich nahm zwar noch bewusst wahr, was um mich herum geschah, aber was ich tat, war wider jegliche Vernunft: Pater Benedict erschien mir plötzlich als der Mann, der alles richtig machte. Wenn ich einfach alles genau so machen würde wie er, dann würde auch ich alles richtig machen. Also ahmte ich alles nach, was er tat.

Unglücklicherweise schien es Pater Benedict ähnlich ergangen zu sein wie mir: Er brabbelte nur noch Unsinn! Er fragte nach seiner Schwester, die in Amerika studiert, und sagte, er wolle nach Mailand in die Bücherei. Und ich hielt das für absolut vernünftig und brabbelte ihm alles nach. Dabei sah ich, wie die große Blase begann, sich langsam auf uns zu zu wälzen. Mrs. Stevens-McCormmick holte das Blatt Papier mit dem Symbol, das Darlene gezeichnet hatte, hervor und hielt es der Blase entgegen. Lady Gordon sprach kurz mit Pater Benedict und dieser ging ein paar Meter zurück, wobei er verkündete, dass er noch ein Schachspiel beenden und dann segeln gehen wolle. Ich folgte ihm und sagte das Gleiche.

Lady Gordon stellte sich ebenfalls der Blase in den Weg, wobei sie in der einen Hand die noch immer brennende Fackel hielt und mit der anderen einen kleinen Gegenstand aus ihrer Tasche zog und beides dem Ding entgegenstreckte. "Wir müssen uns weiter voneinander entfernen - auf dieser Muschel befindet sich das Zeichen ebenfalls!", rief sie Mrs. Stevens-McCormmick zu. Wo hatte sie denn diese Muschel her? Wie auch immer, jedenfalls schien sie zu wirken: Die Blase wälzte sich von den Damen weg nach links auf einige Büsche und ein kleines Wäldchen zu.

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/zeichen.gif)

Mrs. Stevens-McCormmick eilte nach links und postierte sich zwischen dem Wäldchen und der Blase. "Verschwinde, Du Mistding!", schrie sie dabei. Dann jedoch zuckte sie kurz, knüllte das Blatt Papier mit dem Symbol zusammen und warf es achtlos beiseite.

"Heben Sie das sofort wieder auf!", befahl Lady Gordon und rannte auf sie zu. Kurz vor Mrs. Stevens-McCormmick hielt sie jedoch inne und starrte ihr in die Augen. Was sie sah, schien ihr nicht zu gefallen. Plötzlich versuchte Mrs. Stevens-McCormmick, sich äußerst undamenhaft auf Lady Gordon zu werfen, bekam sie jedoch nicht zu packen. Die Blase nutzte die Gelegenheit, um die Richtung zu wechseln: Nun wälzte sie sich direkt auf Pater Benedict, mich und den Wald hinter uns zu!

Als Lady Gordon dies bemerkte, hastete sie auf ihre alte Position zwischen uns und der Blase zurück und versuchte, das Ding mit ihrer Fackel und der Muschel zurückzutreiben. Mrs. Stevens-McCormmick rannte ihr hinterher und wollte ihr einen Fausthieb versetzen, traf jedoch nicht. Abermals wechselte die Blase die Richtung und bewegte sich nun nach schräg links auf den Wald hinter uns zu.

Pater Benedict schreckte auf einmal hoch, als wäre er aus einem bösen Traum erwacht. Ohne eine weitere Sekunde zu verlieren, sprang er auf Mrs. Stevens-McCormmick zu und versuchte, sie zu packen. Es wäre ihm auch gelungen, wenn sie ihn nicht durch einen schmerzhaften Rippenstoß hätte abwehren können. Ich folgte ihm auf dem Fuß und wurde ebenfalls durch einen Hieb von Mrs. Stevens-McCormmick zurückgeschlagen.

"Sie hat das Papier fallenlassen! Falls Sie es sehen, heben Sie es auf!", rief Lady Gordon Pater Benedict zu, während sie weiterhin versuchte, das Ding auf Distanz zu halten und sogar einige Schritte drohend auf es zu ging. Nichtsdestotrotz gelang es der Blase, sich weiter dem Wald zu nähern, wobei sie jedoch einen gewissen Abstand zu Lady Gordon einhielt. Erneut versuchte Mrs. Stevens-McCormmick, Lady Gordon ihre Faust ins Gesicht zu schlagen, diese konnte sich jedoch geschickt unter dem Hieb wegducken. Pater Benedict gelang es schließlich, sich auf Mrs. Stevens-McCormmick zu stürzen und sie festzuhalten. Als er jedoch sah, dass ich das Gleiche vorhatte, ließ er sie los und schubste sie mir direkt in die Arme. Während ich sie fest umklammerte, lief er in die Richtung, die Lady Gordon ihm gewiesen hatte, und suchte nach dem zerknüllten Blatt mit dem Symbol. Lady Gordon hatte es jedoch offenbar vor ihm gesehen: Sie eilte zu der Stelle und hob das Papier auf. Mrs. Stevens-McCormmick versuchte, sich aus meinem Griff zu befreien, aber es gelang ihr nicht. Sie hatte genau den gleichen kalten, leeren Blick in ihren Augen wie Charles Johnson.

Die Blase hatte den Waldrand fast erreicht. In diesem Moment ließ ich Mrs. Stevens-McCormmick los, lief zu Pater Benedict und tat so, als ob ich irgendetwas suchen würde. Darauf hatte die Festgehaltene natürlich nur gewartet: Sofort rannte sie zu Lady Gordon und versuchte zum wiederholten Male, ihr einen Faustschlag zu verpassen. Glücklicherweise konnte Letztere jedoch ebenfalls zum wiederholten Male dem Hieb ausweichen.

Pater Benedict sprang zu Lady Gordon und nahm ihr das Blatt Papier mit dem Zeichen aus der Hand, doch es war zu spät: Die Blase hatte den Waldrand bereits erreicht. Lady Gordon machte ein paar Schritte in den Wald hinein und stellte sich dem Ding erneut in den Weg. Ich folgte ihr und versuchte, ihr die Muschel aus der Hand zu nehmen. Sie fluchte, konnte jedoch ihre Hand glücklicherweise rechtzeitig wegziehen.

Die Seifenblase hatte sich inzwischen ein Stück in den Wald hinein geschoben. Mit schmatzenden Plopplauten löste sich die große Blase in einen Teppich aus einer Unzahl vieler, kleiner Blasen auf, die gleich darauf im Unterholz verschwanden. Sofort rannte Pater Benedict zu der Stelle, an der wir die Lunte angezündet hatten, und griff nach dem Benzinkanister, der immer noch dort stand. Der Rest von uns beobachtete staunend das Schauspiel, das uns die Seifenblase bot, und bemerkte so zu spät, dass sich Mrs. Stevens-McCormmick inzwischen wieder genähert hatte. Sie stand in drei Metern Entfernung und hatte den Arm in Richtung Lady Gordon ausgestreckt. In ihrer Hand hielt sie den .38er Revolver aus Brewers Schreibtisch.

Wie in Zeitlupe sah ich, wie sie kaltblütig Lady Gordon anvisierte, den Abzug drückte und der Hahn auf den Schlagbolzen hämmerte. Krachend löste sich der Schuss - und schlug in einen Baum direkt neben Lady Gordons Kopf ein, so dass uns die Holzsplitter um die Ohren flogen.

"Jetzt reicht's mir aber", kommentierte Lady Gordon diesen Anschlag auf ihr Leben, machte einen Satz nach vorne und versetzte Mrs. Stevens-McCormmick im Sprung einen derart heftigen Tritt an die Schläfe, dass diese zu Boden sackte und reglos liegen blieb.

Der Schuss hatte auch mich endlich wieder zur Besinnung gebracht. Ich legte meine Elefantenbüchse an, doch es bot sich mir kein Ziel. Ich wusste noch, an welcher Stelle die kleinen Blasen im Unterholz verschwunden waren, also zielte ich einfach dorthin. Schnell wurde mir jedoch klar, dass es keinen Sinn mehr hatte: Die große Blase hätte ich vielleicht mit einem Schuss zum Platzen bringen können, aber ich konnte unmöglich jede einzelne von den kleinen Blasen abschießen - selbst wenn sie sich mir gezeigt hätten. Meine Chance war vertan. Zorn wallte in mir auf. Ich war in dieser Situation nicht nur keine Hilfe gewesen, sondern sogar ein Handicap für die anderen. Frustriert und wütend über mich selbst drückte ich ab und jagte zwei Kugeln in den Waldboden.

"Das hier wird eher etwas bringen", ertönte die Stimme von Pater Benedict. Er war gerade im Begriff, das restliche Benzin aus dem Kanister, mit dem Mrs. Stevens-McCormmick die Lunte gelegt hatte, am Waldrand auszuschütten. Allzu viel war jedoch nicht mehr übrig. Ich bezweifelte, dass es ausreichen würde, um einen Waldbrand zu entfachen, aber eine bessere Idee hatte ich auch nicht parat. Lady Gordon begab sich zu Pater Benedict und ich hob den Revolver auf, zog Mrs. Stevens-McCormmick aus dem Wald heraus, legte sie vorsichtig rücklings ins Gras und untersuchte sie kurz. An ihrem Kopf prangte eine gewaltige Beule, die mir jedoch nicht lebensbedrohlich erschien. Wahrscheinlich würde sie innerhalb der nächsten Minuten ihr Bewusstsein wiedererlangen.

"Meinetwegen können Sie sie auch im Wald liegenlassen", merkte Lady Gordon an, als sie meine Hilfsmaßnahmen beobachtete, und warf ihre Fackel in das Benzin. Es gab eine Stichflamme und tatsächlich fingen das Unterholz und die untersten Äste der ersten Baumreihe Feuer, auch wenn es mehr qualmte als brannte. "Ich weiß nicht, was in sie gefahren ist, aber ich glaube nicht, dass sie mit Absicht auf Sie losgegangen ist", versuchte ich Lady Gordon zu beschwichtigen. "Sie hat auf mich geschossen! Dafür sollte sie besser eine verdammt gute Erklärung haben", erwiderte sie. "Haben Sie ihren Blick gesehen?", entgegnete ich, "wie der von Johnson."

"Wir haben momentan drängendere Probleme", warf Pater Benedict ein, "wir brauchen mehr Benzin." Die Bäume brannten zwar an der Stelle, an der er den Kanister ausgeleert hatte, aber so recht schien sich das Feuer nicht ausbreiten zu wollen - der Wald war einfach zu feucht. Wir berieten kurz, wie wir weiter vorgehen sollten. Das Ding hatte sich in das kleine Wäldchen im nordwestlichen Teil der Insel zurückgezogen. Wenn es uns gelingen würde, dieses Wäldchen niederzubrennen, dann könnten wir es vielleicht noch erwischen. Auch wenn die Chance gering war, versuchen mussten wir es auf jeden Fall - eine solche Nacht wie die letzte wollten wir nicht noch einmal erleben. Pater Benedict erklärte sich bereit, mit der Schubkarre zum Sanatorium zurückzukehren, um weitere Benzinkanister zu holen. Lady Gordon und ich wollten in der Zwischenzeit sicherstellen, dass das Ding das Wäldchen nicht verließ und vor allen Dingen nicht in den großen, zentralen Wald der Insel überwechselte.

Wir entschieden uns, die immer noch bewusstlose Mrs. Stevens-McCormmick sicherheitshalber zu fesseln und in die Schubkarre zu legen, damit Pater Benedict sie zum Sanatorium mitnehmen konnte. Vielleicht war Dr. Tiller ja in der Lage, ihr irgendwie zu helfen. Lady Gordon zog ein Seil aus ihrer Tasche und verknotete nicht ohne eine gewisse Genugtuung die Hände und Füße der angriffslustigen Geschichtslehrerin, dann hoben wir sie in die Schubkarre und Pater Benedict machte sich auf den Weg.

Lady Gordon drückte mir das Blatt Papier mit dem Symbol in die Hand. Mir fiel ein, dass sie ja noch immer diese Muschel hatte, deren Herkunft mir unbekannt war. Ich entschied mich jedoch, sie später dazu zu befragen. Wenn meine Vermutung stimmte, dann barg die Antwort einiges an Konfliktpotenzial, und ein Streit war das Letzte, was wir jetzt gebrauchen konnten. Zu ändern war es ohnehin nicht mehr. Glücklicherweise war das kleine Wäldchen genau so groß, dass wir uns in Sichtweite voneinander aufstellen und dabei gleichzeitig die gesamte Freifläche zwischen dem kleinen und dem großen Wald im Auge behalten konnten.

Es würde etwa zwei Stunden dauern, bis Pater Benedict wieder zurückkehren würde - Zeit genug, um meine Gedanken etwas zu ordnen und über das soeben Erlebte nachzugrübeln. Zunächst einmal war da natürlich die Frage, was wir da gerade gesehen hatten. Es erschien mir nur schwer vorstellbar, dass es sich um ein Lebewesen gehandelt hatte. Aber was hätte es sonst sein sollen? Eine Art natürliches Phänomen, eine chemische Reaktion, ausgelöst durch das Feuer? Dazu hatte es sich zu planmäßig bewegt. Hatten wir das Ding vielleicht nur halluziniert, unsere Gehirne weich geklopft durch die Ereignisse der letzten Tage und die Geschichten, die uns die Patienten erzählt hatten? Möglich wäre das. Im Grunde erschien mir das sogar noch am Plausibelsten, auch wenn ich mir nicht erklären konnte, warum wir dann alle zur gleichen Zeit das gleiche Ding halluziniert hatten. Oder handelte es sich tatsächlich um ein Monster aus der altägyptischen Mythologie? Fragen, die mir niemand würde beantworten können.

Tatsächlich tauchte Pater Benedict nach zwei Stunden wieder auf. In der ganzen Zeit war mir nichts Ungewöhnliches aufgefallen und auch Lady Gordon hatte nichts dergleichen signalisiert. Als sich der Pater näherte, sah ich, dass er zwei Benzinkanister dabei hatte. Seiner finsteren Miene entnahm ich jedoch, dass irgendetwas anderes nicht stimmen konnte. "Mrs. Stevens-McCormmick", grunzte er zur Begrüßung. "Sie ist abgehauen."

Pater Benedict berichtete, dass sie etwa nach zwei Dritteln der Strecke aufgewacht wäre. Irgendwie hätte sie es geschafft, sich aus den Fesseln zu befreien und wäre dann einfach in Richtung des großen Waldes gerannt. Es wäre alles so schnell gegangen, dass er nichts mehr hätte unternehmen können. Er hätte dann nur noch das Benzin geholt und sei so schnell wie möglich wieder hierher zurückgekommen.

Lady Gordon hatte wohl Pater Benedict gesehen und näherte sich uns nun. Als sie eingetroffen war, wiederholte der Pater seinen Bericht. "Haben Sie denn Dr. Tiller nicht gewarnt?", fragte Lady Gordon, "was ist, wenn sie zum Sanatorium rennt und ihm oder den Patienten etwas antut?" Pater Benedict blickte uns betroffen an und sagte nichts. Offenbar war ihm diese Möglichkeit nicht in den Sinn gekommen.

Wie dem auch sei, nun war es eh zu spät, um Dr. Tiller zu warnen. Wir verteilten den Inhalt der beiden Benzinkanister auf einer möglichst großen Fläche am Rand des kleinen Wäldchens, dann warfen wir ein Streichholz hinein. Fauchend loderte eine Feuerwand auf, die sogleich begann, sich in den Wald hineinzufressen. Schnell stellte sich jedoch auch hier heraus, dass das Spektakel rasch vorbei sein würde. Sobald das Benzin verbrannt war, verlor das Feuer merklich an Kraft. Um das feuchte Holz zu entzünden, hätte es zuvor wesentlich länger größerer Hitze ausgesetzt werden müssen, als es mit dem heftig, aber nur kurz brennenden Benzin möglich war. Auch weitere Kanister würden an dieser Tatsache nichts ändern.

Hilflos standen wir vor dem Wäldchen und mussten mit ansehen, wie sich unsere letzte Hoffnung, dieses Mistding heute doch noch zu erwischen, buchstäblich in Rauch auflöste. "Lassen Sie uns gehen", meinte Lady Gordon schließlich, "und nachsehen, was im Sanatorium los ist."

Wir luden die drei verbliebenen leeren Benzinkanister auf die Schubkarre und machten uns auf den Rückweg.

Ende Session 02.02.2008

Fortsetzung in Teil 22: Die verlorene Tochter
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Osric am 13. Oktober 2008, 12:09:06

So, da Berandor mit seiner Story Hour fertig ist, musst du nun die Kohlen aus dem Feuer holen. Was ich damit sagen möchte: Wann geht es hier weiter?
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 13. Oktober 2008, 18:58:15
Sorry, ich bin leider momentan anderweitig eingespannt... ich sag' mal ganz vorsichtig: Kommendes Wochenende. Aber versprechen kann ich leider nix.
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 18. Oktober 2008, 15:42:45
Teil 22: Die verlorene Tochter

Session: 05.04.2008

Niedergeschlagen trotteten wir über den Trampelpfad zurück zum Sanatorium und befürchteten das Ärgste. Wenn Mrs. Stevens-McCormmick sich in ihrem Wahn tatsächlich dorthin zurück begeben und Dr. Tiller überrumpelt hatte, dann waren auch Darlene und Colonel Billings verloren.

"Vielleicht ist sie ja in der Zwischenzeit wieder zu sich gekommen", versuchte Lady Gordon, uns Mut zu machen. "Darauf würde ich nicht wetten", musste ich ihr jedoch widersprechen, "bedenken Sie, wie lange dieser Zustand bei Charles Johnson angedauert hat." Ich wollte den anderen sicher nicht die Hoffnung nehmen, aber wir mussten den Tatsachen ins Auge blicken. Besser, wir gingen vom Schlimmsten aus und wurden dann positiv überrascht, als umgekehrt. "Nun, wenn sie mich noch einmal angreift, bringe ich sie jedenfalls um", kommentierte Lady Gordon meinen Einwand.

Die Ähnlichkeit zwischen Mrs. Stevens-McCormmicks Tollwut und jener von Charles Johnson schien mir jedenfalls kein Zufall zu sein. Beide hatten diesen kalten, leeren Blick in ihren Augen gehabt und die gleiche, gnadenlose Gewalttätigkeit an den Tag gelegt. Als wären sie Marionetten eines fremden und äußerst grausamen Willens gewesen. Vielleicht desjenigen dieses Blasen-Dings? Es erschien mir zwar kaum vorstellbar, geschweige denn rational erklärbar, aber es würde einen Sinn ergeben: Charles Johnson hatte dem Ding offenbar Opfer besorgt. Erst, als wir ihn beseitigt hatten, war es selber aus dem Leuchtturm gekommen, um uns anzugreifen. Mrs. Stevens-McCormmick hatte eines der Symbole getragen und dann ausschließlich jene Person angegriffen, die das andere Symbol in der Hand gehalten hatte. Beide hätten dem Ding kaum besser dienen können, zumindest von dessen Warte aus gesehen.

Wenn sich dies als wahr herausstellen sollte, dann hatten wir verdammtes Glück gehabt. Wären Lady Gordon oder ich von dem Ding übernommen worden, dann hätten jetzt einige Leute zertrümmerte Schädel oder große Löcher im Bauch. Wie es schien, waren wir nur haarscharf an einer Katastrophe vorbeigeschrammt. Die Vorstellung, dass wir beim nächsten Mal weniger Glück haben könnten, verursachte mir Magenschmerzen.

Des Weiteren bedeutete dies auch, dass Mrs. Stevens-McCormmick wahrscheinlich nicht mehr zu retten war. Johnsons Mordorgie hatte mehrere Tage gedauert und wir mussten ihn umbringen, um sie zu beenden. Wir konnten nur hoffen, dass es uns gelingen würde, Mrs. Stevens-McCormmick auf andere Weise aufzuhalten, sollte sie uns erneut angreifen. Die Chancen dafür standen gar nicht mal so schlecht - immerhin hatte Lady Gordon sie ja schon einmal außer Gefecht gesetzt und Mrs. Stevens-McCormmick war ja nicht ansatzweise so gefährlich wie Charles Johnson - die Frage war nur, wie es dann weitergehen sollte, denn an ihrem Zustand würde das ja nichts ändern. Vielleicht würde sie wieder zu sich kommen, wenn es uns gelänge, dieses Ding zu vernichten, aber sicher sein konnten wir uns auch da nicht. Und wie wir dies bewerkstelligen sollten, stand ohnehin noch auf einem ganz anderen Blatt.

"Hier war es", verkündete Pater Benedict und riss mich aus meinen Gedankengängen. Ich hatte ihn gebeten, mir die Stelle zu zeigen, an der Mrs. Stevens-McCormmick geflohen war. Vielleicht würde es uns gelingen, ihren Spuren zu folgen und sie so aufzuspüren oder zumindest sagen zu können, wohin sie gerannt war. Ich suchte den Boden ab, konnte ihre Spur jedoch beim besten Willen nicht ausmachen. Heute gelang mir aber auch gar nichts. Verzagt setzten wir unseren Weg fort.

Als das Sanatorium in Sicht kam, bot Lady Gordon an, sich zunächst einmal alleine an das Gebäude heranzupirschen, um die Lage zu sondieren. Sie versicherte uns, dass sie äußerst talentiert darin sei, sich unbemerkt zu bewegen. Pater Benedict und ich waren einverstanden, und so trennte sie sich von uns und näherte sich dem Gebäude, während wir uns etwas abseits des Weges ins Gestrüpp schlugen, um nicht gesehen zu werden. Wir achteten jedoch darauf, dass wir den Haupteingang des Sanatoriums noch im Auge behalten konnten. Lady Gordon bewegte sich rechts um das Gebäude herum, wobei sie geschickt jede Deckung ausnutzte, die sich ihr bot. Nachdem sie auf der Ostseite des Hauses angelangt war, verschwand sie hinter einer Ecke aus unserem Blickfeld.

Nun hieß es warten. Zehn Minuten lang geschah nichts. Allmählich wurde ich schon unruhig, dann jedoch öffnete sich der Haupteingang. Lady Gordon erschien im Türrahmen und signalisierte uns durch einen Wink, dass wir kommen sollten. Offenbar bestand also zumindest keine unmittelbare Gefahr. Ich atmete etwas auf und wir begaben uns schnellen Schrittes zum Sanatorium.

Als wir uns der Tür näherten, sahen wir, dass ein paar Meter hinter Lady Gordon Dr. Tiller im Foyer wartete - etwas blass um die Nase und mit einem reichlich verdatterten Ausdruck auf seinem Gesicht. "Mrs. Stevens-McCormmick ist hier", verkündete Lady Gordon, "Dr. Tiller hat sie ruhiggestellt. Sie schläft in der Bibliothek."

"Nun erzählen Sie mir doch bitte endlich, was passiert ist", bat Dr. Tiller in leicht gereiztem Ton, während er sich zu uns gesellte, "von Mrs. Stevens-McCormmick habe ich nur wirres Zeug gehört." - "Ich fürchte, von uns werden Sie noch mehr wirres Zeug zu hören bekommen", versuchte ich ihn vorzuwarnen. "Wenn es nicht so traurig wäre, würde ich darüber lachen", entgegnete er. Lady Gordon kam seiner Bitte nach und berichtete ihm von unserem Angriff auf den Turm, der Begegnung mit dem Seifenblasen-Ding und der "Besessenheit" von Mrs. Stevens-McCormmick. Wie zu erwarten glaubte uns Dr. Tiller kein Wort. Er war der Auffassung, dass wir einer Massenhysterie erlegen wären und dass Mrs. Stevens-McCormmick wahrscheinlich unter Schizophrenie leiden würde - diese würde häufig mit Besessenheit verwechselt. Ich versuchte, ihm zumindest glaubhaft zu machen, dass die Gefahr noch nicht vorüber wäre, und bat ihn, uns genau zu berichten, wie Mrs. Stevens-McCormmick hier angekommen sei. Er sagte, sie sei völlig aufgewühlt gewesen und hätte etwas von Besessenheit und einem Angriff gefaselt, dass sie sich hätte lösen können, und so weiter. Er hätte zunächst versucht, beruhigend auf sie einzureden, ihr aber dann mit ihrem Einverständnis ein starkes Beruhigungsmittel gespritzt. Aggressiv hätte sie sich nicht verhalten.

Die Tatsache, dass sie offenbar mit Dr. Tiller gesprochen und ihn nicht angegriffen hatte, ließ mich hoffen, dass sie tatsächlich von selbst wieder zu sich gekommen war. Sollte sich dies bewahrheiten, war dies die erste gute Nachricht des Tages. Lady Gordon bestand jedoch darauf, Mrs. Stevens-McCormmick trotzdem vorerst in eines der Patientenzimmer zu sperren - sicherheitshalber. Dafür hatten wir zwar Verständnis, sahen aber keine Eile geboten, da sie ja momentan noch unter der Wirkung des Beruhigungsmittels stand. Viel drängender war da die Frage, was wir im Hinblick auf die kommende Nacht unternehmen sollten.

Ich ging die drei Stufen des Haupteingangs hinab und begann, die Grasfläche zu untersuchen. Ich konnte mich noch ziemlich genau daran erinnern, in welcher Entfernung sich der Leuchtkreis in der letzten Nacht befunden hatte, und so nahm ich diesen Streifen genauer unter die Lupe. Natürlich fand ich nichts. Ich ging zu den anderen zurück und bat sie, mir zu helfen. Pater Benedict folgte mir und ich zeigte ihm, wo der Kreis entlang gelaufen war. Wir gingen ein paar Schritte, dann kniete er sich plötzlich hin. "Hier", sagte er und deutete auf einen toten Käfer, der auf dem Rücken lag. Als er ihn mit seinem Zeigefinger berührte, zerfiel das Insekt in seine Bestandteile. Ich untersuchte an der Stelle noch einmal das Gras etwas genauer. Mir fiel auf, dass die Spitzen der Grashalme ganz leicht angesengt waren - ähnlich wie der Teppich in Hardings Zimmer. Pater Benedict und ich folgten der Spur des Lichtkreises noch einige Meter, fanden außer weiteren vertrockneten Insekten jedoch nichts.

"Was halten Sie davon, wenn wir so viel Benzin wie möglich in diesen Kreis schütten und anzünden, sobald sich das Ding zeigt?", fragte ich den Pater. "Hat keinen Zweck", erwiderte er lapidar, "was von dem Benzin nicht verdunstet, wird im Boden versickern." Ich hatte das eigentlich für eine ganz gute Idee gehalten, sah aber ein, dass der Pater wohl recht hatte. Da wir nicht genau wussten, wann das Licht auftauchen würde, würden wir das Benzin entsprechend frühzeitig ausgießen müssen. Wenn wir Pech hatten, würde viel Zeit bis zum Anzünden verstreichen, wodurch sich dann schon ein Großteil davon verflüchtigt hätte. Außerdem konnten wir ja nicht wissen, ob der Leuchtkreis tatsächlich wieder haargenau an derselben Stelle erscheinen würde. Aber selbst wenn: Sollte das Feuer nicht stark genug sein, um das Ding sofort zu vernichten, dann würde es einfach den Flammen ausweichen wie es das ja bereits am Leuchtturm getan hatte. Kurzum: Wir verwarfen diese Idee wieder.

Pater Benedicts Einfall war allerdings auch nicht besser: Er schlug allen Ernstes vor, mittels einer Handpumpe eine Art Flammenwerfer zu bauen. Selbst wenn wir eine solche Pumpe zur Verfügung gehabt hätten: Weder besaß irgendjemand von uns Erfahrung im Umgang mit einer solchen Waffe - am wenigsten wohl der Pater selbst, wie ich nur hoffen konnte - noch verfügten wir über das nötige handwerkliche Geschick, um ein solches Gerät überhaupt montieren zu können. Dass dieser Vorschlag ausgerechnet von Pater Benedict gekommen war, erschien mir äußerst befremdlich. Ich konnte es mir nur so erklären, dass auch er inzwischen der Verzweiflung nahe sein musste.

Inzwischen waren wir wieder am Haupteingang angekommen. Lady Gordon hatte eine noch wahnwitzigere Idee: Sie wollte das Ding ins Sanatorium locken und dann das gesamte Gebäude in Brand stecken! Die Frage war nur, ob das Ding überhaupt versuchen würde, ins Sanatorium einzudringen - letzte Nacht hatte es das ja nicht getan. Allerdings war dies auch gar nicht nötig gewesen - es hatte auch so mehr als genug Opfer gefunden. Pater Benedict merkte jedoch an, dass selbst wenn es ins Sanatorium eindringen würde, es uns wahrscheinlich nicht gelänge, es lange genug darin festzusetzen. Die Luke im Leuchtturm hatte es mit nur wenigen Hieben aus der Verankerung gerissen - und diese Luke hatte im Gegensatz zu den Holzwänden des Sanatoriums aus Metall bestanden. Wir mussten also wohl davon ausgehen, dass es im Zweifelsfall ganz schnell wieder draußen sein würde.

Als Alternative schlug Lady Gordon vor, eine Feuerschneise zu legen, so dass sich das Ding nur noch in Richtung Meer bewegen könne. An einer entsprechenden Engstelle wie beispielsweise unten am Steg hätten wir vielleicht eine Chance, das Ding mit den beiden Symbolen ins Meer zu treiben. "Wie wäre es denn, wenn wir es direkt auf den Steg hinauslocken und diesen dann anzünden würden?", fragte Pater Benedict, "dann hätte es nur noch die Wahl zwischen Feuer und Wasser." Lady Gordon warf jedoch die Frage auf, wer es denn auf den Steg locken und dann noch wieder heil von dort entkommen können solle.

Dr. Tiller hatte die ganze Zeit neben uns gestanden und kein Wort gesprochen. Seiner Mimik war allerdings deutlich zu entnehmen, dass er uns für völlig übergeschnappt hielt. Nun sah er jedoch plötzlich zur Bibliothekstür, als ob er etwas gehört hätte. Eiligen Schrittes begab er sich dorthin. Wir unterbrachen unsere angeregte Debatte und folgten ihm.

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/rebeccahelenstevensmccormick.jpg)

Als wir in die Bibliothek traten, sahen wir, dass sich Mrs. Stevens-McCormmick auf der Couch bewegte. Dr. Tiller ging zu ihr, wir blieben dicht hinter ihm. Lady Gordon nahm eine angespannte Haltung ein. Mrs. Stevens-McCormmick hatte die Augen weit aufgerissen und schaute verwirrt umher. "Sind Sie wach?", sprach Dr. Tiller sie an. "Wo... wo bin ich? Was ist passiert?", stammelte sie. Dr. Tiller erklärte ihr kurz, dass er ihr Beruhigungsmittel verabreicht hätte und fragte sie, ob sie sich nicht mehr daran erinnern könne. Sie tastete nach ihren Zigaretten und zündete sich eine davon an. Als sie sich aufrichten wollte, hielt Dr. Tiller sie jedoch zurück und riet ihr, besser erst mal liegenzubleiben.

Lady Gordon stand in Hab-Acht-Stellung vor der Couch und ließ Mrs. Stevens-McCormmick keine Sekunde aus den Augen. "Das ist ein anderes Verhaltensmuster als es Johnson hatte", raunte ich ihr zu, in der Hoffnung, sie damit etwas beruhigen zu können. "Und wenn es wieder umschlägt?", erwiderte sie. Natürlich hatte sie nicht ganz unrecht - wissen konnten wir das nicht. Ich wollte allerdings verhindern, dass Lady Gordon Mrs. Stevens-McCormmick den Schädel eintrat, nur weil sie eine zu schnelle oder verdächtige Bewegung gemacht hatte.

"Möchten Sie ein Glas Wasser?", fragte Dr. Tiller seine Patientin und als diese bejahte, verschwand er in Richtung Küche und kam kurz darauf mit einem solchen zurück. Mrs. Stevens-McCormmick lag derweil zitternd auf der Couch und zog an ihrer Zigarette. Allmählich schien sie wieder zu sich zu finden. "Wie geht es Ihnen?", fragte ich sie schließlich. "Nicht sehr gut", antwortete sie, "das war alles viel zu viel für mich." Ich fragte sie, ob sie sich noch daran erinnern könne, was am Leuchtturm passiert sei. Sie berichtete, dass sie nur noch wisse, wie sie und Lady Gordon versucht hätten, das Ding mit den Symbolen in Schach zu halten, und dann wäre alles schwarz geworden. Sie wäre erst wieder zu sich gekommen, als sie schon fast am Sanatorium war. Was dazwischen passiert sei, wisse sie nicht.

Mir war durchaus klar, dass diese Darstellung nicht mit dem übereinstimmte, was Dr. Tiller uns erzählt hatte, denn dieser hatte ja berichtet, dass Mrs. Stevens-McCormmick etwas von Besessenheit erzählt hätte und dass sie sich hätte "lösen" können. Ich verzichtete jedoch darauf, sie auf diesen Umstand anzusprechen. Vielleicht hatte sie es unbewusst verdrängt und ich wollte nicht riskieren, bei ihr irgendeine negative Reaktion auszulösen, indem ich sie daran erinnerte. "Vielleicht ist es auch besser, wenn Sie das nicht mehr wissen", sagte ich stattdessen.

"Was ist denn passiert?", fragte sie jedoch. Ich wollte gerade damit beginnen, mir zu überlegen, wie ich ihr möglichst behutsam beibringen könnte, was mit ihr geschehen war, als mir Lady Gordon auch schon zuvorkam: "Sie haben versucht, mich umzubringen?!"

Mrs. Stevens-McCormmick war entsetzt, als wir ihr erzählten, dass sie aggressiv und gewalttätig gegen uns vorgegangen war und sogar auf Lady Gordon geschossen hatte. Sie versicherte uns, dass es ihr unendlich leid täte, sie nicht Herrin ihrer Sinne gewesen wäre und sich absolut nicht erklären könne, was da geschehen sei. Ich äußerte die Vermutung, dass sie etwas Ähnlichem zum Opfer gefallen wäre wie Charles Johnson und erklärte ihr, dass wir das Ding nicht vernichten konnten und noch in der gleichen Situation wären wie vor dem Angriff auf den Leuchtturm.

Ihr Blick erstarrte kurz, dann zuckte sie zurück und ließ das Wasserglas fallen. "Was ist los? Haben Sie wieder einen Anfall?", fragte Dr. Tiller und stürzte an ihre Seite. "Wenn wir dieses Wesen nicht stoppen, dann sind wir alle des Todes", verkündete Mrs. Stevens-McCormmick mit monotoner Stimme, packte Dr. Tiller am Kragen und zog ihn zu sich heran, "ich habe es gesehen."

"Was haben Sie gesehen?", wollte Dr. Tiller wissen und befreite sich von ihrem Griff. "Wie dieses Wesen zum Haus kam", erklärte Mrs. Stevens-McCormmick, "ich habe gesehen wie es einen nach dem anderen von ihnen aufgefressen hat. Dann bildete sich eine Art schwarze Sphäre in der Luft über dem Sanatorium, die alles in sich aufgesogen hat - dieses Wesen, die Bäume, das Haus, alles. Mich auch. Alles war in einen gelblichen Schleier gehüllt. Kurz bevor ich in das Loch gesogen wurde, bin ich aufgewacht und war wieder hier."

Mit diesen Worten sank sie auf die Couch zurück und starrte an die Zimmerdecke. Dr. Tiller hastete aus dem Raum. Wir anderen standen nur da und wussten nicht, was wir sagen oder tun sollten. Ich redete mir ein, dass Mrs. Stevens-McCormmick nur die Phantasie durchgegangen war, ausgelöst durch ihre traumatischen Erlebnisse. Andererseits hatte ich in den vergangenen vierundzwanzig Stunden so manche Dinge gesehen, die ich vorher ins Reich der Phantasie verwiesen hätte.

Wir brauchten einen neuen Plan, und zwar schnell.

Fortsetzung in Teil 23: Neuer Plan
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Lily Weg am 15. November 2008, 20:42:49
*leise anklopft*

Hey, wann geht´s weiter?

Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 16. November 2008, 06:18:19
Berechtigte Frage.

Sorry, aber momentan bin ich ziemlich vollgepackt. Teil 23 ist aber schon fertig und ich warte nur noch auf das Approval eines Spielers (ich mache da heute mal ein bisschen Druck, dann kommt das eventuell schnell).
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Nadir am 16. November 2008, 07:38:29
 :thumbup: dafür!
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 16. November 2008, 22:04:09
Teil 23: Neuer Plan

Fortsetzung Session 05.04.2008

Die Idee mit dem Steg hatte mir eigentlich ganz gut gefallen, allerdings hatte sie auch ein paar Haken: Irgendwie müsste das Blasen-Ding auf den Steg gelockt werden. Es allein mit den zwei Symbolen dorthin zu treiben, würde uns wahrscheinlich nicht gelingen - wie schwer das war, hatten wir ja bereits am Leuchtturm erfahren. Ferner durfte die Blase keine einfacheren Opfer im oder am Sanatorium vorfinden, denn dann hätte sie ja keinen Grund, sich zum Steg zu begeben. Andererseits konnten wir uns aber auch nicht alle mitsamt den Patienten auf das Ende des Stegs stellen: Wenn sich die Blase tatsächlich auf den Steg wälzen würde, müsste sich ein potenzieller Lockvogel ins Meer stürzen und wieder an den Strand zurückschwimmen - für Colonel Billings und Darlene ein Ding der Unmöglichkeit. Und wer sollte den Steg dann anzünden?

Niemand von uns war ein geübter Schwimmer, dennoch erklärte sich Pater Benedict bereit, den Köder zu spielen. Vorher wollte er sich die Sache aber noch einmal genau ansehen. Der Pater und ich marschierten zu den Schuppen und organisierten uns ein Seil, dann begaben wir uns die Stufen zum Steg hinab.

Die in das Felsgestein der Steilküste gehauene Treppe endete etwa einen Meter über dem Strand, dann führten ein paar Holzstufen direkt auf die Bohlen hinunter, die den Steg bildeten. Treppe und Steg befanden sich in einem 90-Grad-Winkel zueinander. Von den Bohlen konnte man noch ein paar Meter nach links und rechts auf den Sand gehen, dann versperrte jedoch die Steilküste das weitere Fortkommen. Direkt gegenüber der Treppe befand sich die Vorrichtung, in der Ebenezer immer sein Boot verstaut hatte. Der Sandstrand fiel zum Meer hin etwas ab, wodurch der Steg zwei Meter über Sand verlief, bevor er sich weitere acht Meter über das Wasser erstreckte. Somit ergab sich eine Gesamtlänge von etwa zehn Metern bei einer Breite von etwa zwei Metern. Der Abstand zwischen Steg und Wasseroberfläche betrug etwa einen Meter.

Pater Benedict knotete einen Stein an das Seil und begann, die Wassertiefe entlang des Stegs auszuloten. Er stellte fest, dass er noch etwa bis zur Hälfte der Länge des Stegs stehen konnte. Wenn er also am Ende ins eiskalte Wasser sprang, würde er nur etwa fünf Meter weit schwimmen müssen - eine Strecke, die er sich durchaus zutraute.

Noch während wir damit beschäftigt waren, das Seil ins Wasser zu lassen und wieder hochzuziehen, hatten wir bereits gesehen, wie Lady Gordon die Treppe heruntergekommen war. Sie hatte einen Benzinkanister dabei. Als sie unten angekommen war, stellte sie ihn am Fuß der Treppe ab und gesellte sich zu uns.

"Wenn das Wasser nicht tief genug ist, kann sich das Ding vielleicht wieder herausbewegen", merkte ich an. Lady Gordon schlug daraufhin vor, dass sich mindestens zwei Personen, vielleicht sogar alle anderen mit den Symbolen unter dem Steg verstecken sollten, bis das Ding über sie hinweggewälzt sei. Dann sollten sie hervorkommen, den Steg anzünden und sich mit den Symbolen in der Hand links und rechts davon postieren, um zu verhindern, dass sich das Ding wieder aus dem Wasser herauswälzen kann. Pater Benedict und ich waren uns jedoch sicher, dass das Ding die Personen unter dem Steg wahrnehmen und sich dann erst mal auf ebenjene stürzen würde. Dieses Blasen-Ding hatte ja keine Augen gehabt, würde seine Beute also wohl auf andere Art und Weise wahrnehmen. Sich zu verstecken, wäre demnach sinnlos. Wir entschieden uns, zunächst zu Dr. Tiller und Mrs. Stevens-McCormmick zurückzukehren, die immer noch in der Bibliothek warteten. Vielleicht hätten sie ja eine bessere Idee.

"Anstatt irgendwelche wirren Pläne zu schmieden, sollten Sie vielleicht besser mal darüber nachdenken, wie wir auf uns aufmerksam machen können", war jedoch alles, was Dr. Tiller dazu zu sagen hatte, bevor er aufstand und den Raum verließ. Auch Mrs. Stevens-McCormmick war von dem Plan nicht sonderlich angetan - sie hatte die Befürchtung, dass dieses Ding intelligent war und vielleicht sogar Gedanken lesen konnte, wodurch jedwede Absicht, es in eine solch offensichtliche Falle zu locken, zum Scheitern verurteilt sein würde. Sie zöge es vor, wenn wir offensiver vorgehen und beispielsweise versuchen würden, das Ding mit Hilfe der Symbole an einer Engstelle über die Klippen zu treiben.

"Das dürfte mit nur zwei Symbolen schwierig werden", sagte Pater Benedict. Das war mein Stichwort: Ich erinnerte mich daran, dass ich Lady Gordon fragen wollte, woher sie die Muschel mit dem Symbol hatte, die am Leuchtturm so plötzlich in ihrer Hand aufgetaucht war - und genau das tat ich. "Die ist von Ebenezer", antwortete sie, ohne mich dabei anzusehen. Also genau wie ich vermutet hatte. Ich wusste zwar nicht, wo sie sie gefunden hatte, aber es konnte ja nur in Ebenezers Haus oder in dessen Asche gewesen sein. Wie auch immer - sie hatte uns nicht nur Informationen vorenthalten, sondern sogar unverhohlen angelogen, denn in beiden Fällen hatte sie behauptet, nichts gefunden zu haben. Wie sollte ich damit umgehen? Einerseits hätte ich ihr am Liebsten die Meinung gegeigt, andererseits würde uns ein Streit nur Zeit und Kraft kosten, die wir momentan anderswo dringender benötigten. Ich entschloss mich, die Sache erst mal auf sich beruhen zu lassen und ging darüber hinweg. Nichtsdestotrotz hatte mein Vertrauen in die feine Dame nicht unerheblichen Schaden erlitten. Ob sich dies noch einmal ändern würde, konnte nur die Zeit zeigen.

"Vielleicht können wir noch eine weitere Sitzung mit Darlene abhalten", schlug Mrs. Stevens-McCormmick vor, "und ihre Annephis-Identität bitten, uns ein weiteres Symbol anzufertigen. Drei Symbole sollten genügen, um dieses Ding über die Steilküste zu treiben." - "Ich glaube nicht, dass das so einfach funktionieren wird", erwiderte ich, "wenn dieses Ding weiß, dass es im Meer vernichtet wird, dann wird es sich doch eher gegen die Symbolträger wenden als sich in den sicheren Tod zu stürzen." - "Ich versuche ja nur, Möglichkeiten zu finden, bei denen niemand den Lockvogel spielen muss", hielt Mrs. Stevens-McCormmick mir jedoch entgegen, "und außerdem: Wenn man dem Castro-Manuskript Glauben schenken darf, dann ist es dort doch genau so geschehen - Annephis hat die Kreaturen mit den Steinen in den Nil getrieben." Damit hatte sie natürlich auch wieder recht. Trotzdem erschien mir diese Vorgehensweise viel zu riskant. Außerdem fehlte uns schlicht und ergreifend die Zeit, noch einmal eine derartig langwierige Sitzung mit Darlene abzuhalten.

"Es wird uns nichts anderes übrigbleiben, als dass sich einer auf den Steg stellt und sich alle anderen im Sanatorium einigeln", sagte ich, "wenn das Ding dann erst hierher kommt und keine Opfer findet, bewegt es sich hoffentlich zum Steg." - "Und was ist, wenn der Lichtkreis nicht verschwindet?", entgegnete Lady Gordon, "dann sind alle anderen hier eingesperrt und derjenige auf dem Steg ist verloren." Auch wenn ich es ungern zugab, der Einwand war natürlich berechtigt. Trotzdem hielt ich das für unwahrscheinlich. Ich glaubte, dass dieses Blasen-Ding und der Lichtkreis ein- und dasselbe waren. Vielleicht konnte es sich sogar von dem einen in das andere verwandeln. Als ich dies kundtat, erntete ich nur zweifelnde Blicke, aber wie auch immer - jegliche Unwägbarkeiten auszuschließen, würde uns ohnehin nicht gelingen, egal wie gründlich wir noch planen würden. Ein gewisses Risiko einzugehen, war unvermeidlich, und dieses hier war ich bereit, einzugehen.

"Nun, wenn wir uns einig sind, dann können wir ja schon mal Holz und Kohle unter dem Steg aufschichten, damit das Feuer lange genug Nahrung findet und nicht das ganze Benzin versickert", meinte Lady Gordon. Dies hielt ich jedoch für etwas überstürzt, da wir ja noch nicht alle Details geklärt hatten. "Wenn wir jetzt viel Zeit damit verbringen, dort unten alles vorzubereiten und dann feststellen, dass der Plan doch nicht funktioniert, dann war diese ganze Zeit vergeudet", entgegnete ich ihr.

"Wie Sie meinen, ich werde jedenfalls nicht länger tatenlos hier herumsitzen", sprach Lady Gordon, stand auf und verschwand durch die Bibliothekstür. Kurze Zeit später erschien sie wieder mit einigen Kerzen, ein paar Blättern Papier und einem Füller in der Hand. Sie setzte sich auf die Couch und begann, das Wachs der Kerzen zu erhitzen und sich damit Abdrücke des eingeschnitzten Symbols auf der Muschel anzufertigen. Dann schmierte sie die Tinte aus dem Füller auf den Wachsabdruck und drückte ihren provisorischen Stempel auf insgesamt fünf Blätter. Man konnte zwar noch erkennen, dass es sich um das Symbol handelte, aber das Resultat war äußerst unsauber. "Na ja, einen Versuch ist es wert", kommentierte sie ihr Werk und drückte mir und Mrs. Stevens-McCormmick jeweils eines der Blätter in die Hand. Die anderen wollte sie Colonel Billings und Darlene ans Revers heften und verschwand damit in Richtung Patiententrakt.

Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass diese Abdrücke irgendetwas bewirken würden, und die Blicke, die Pater Benedict mir zuwarf, verrieten mir, dass er ähnlich dachte. Kurz darauf hörten wir einen lautstarken Wortwechsel aus dem Patiententrakt zwischen Dr. Tiller und Lady Gordon. Wenige Sekunden später kam sie wutschnaubend in die Bibliothek marschiert. "Ist das zu fassen?", empörte sie sich, "Dr. Tiller hat die Zettel wieder abgerissen und mir gesagt, ich soll die Finger von den Patienten lassen! Was erlaubt der sich eigentlich?" Mit diesen Worten setzte sie sich auf die Couch, verschränkte die Arme und starrte uns zornig an. "Vielleicht sagen Sie auch mal was?!", fauchte sie nach einigen Sekunden.

Ich glaubte nicht, dass ihr Vorhaben irgendeinen Sinn hatte, geschweige denn, es wert war, deswegen einen Streit mit Dr. Tiller anzufangen. Dies konnte ich ihr natürlich nicht sagen, ohne sie noch wütender zu machen, also sagte ich lieber gar nichts. Auch die anderen machten keine Anstalten, irgendetwas zu unternehmen. Schließlich stand Lady Gordon ruckartig auf und hastete aus dem Raum hinaus. Während Mrs. Stevens-McCormmick, Pater Benedict und ich in der Bibliothek weiter über unseren Plan sinnierten, begann sie damit, sämtliche Öllampen sowie die Wassereimer in Bad und Küche aufzufüllen.

"Gut, folgender Vorschlag", ergriff ich das Wort, "Pater Benedict postiert sich auf dem Steg, alle anderen verbergen sich im Sanatorium. Bildet dieses Ding wieder den Lichtschlauch um das Gebäude, müssen wir warten, bis es mangels Opfer aufgibt und wieder seine Blasenform annimmt. Pater Benedict sollte sich irgendwie auf dem Steg bemerkbar machen, um es anzulocken. Versucht es dennoch, in das Gebäude einzudringen, müssen diejenigen darin versuchen, sich mit den Symbolen zu schützen und das Ding auf Abstand zu halten. Wälzt es sich schließlich zum Steg, folgen ihm mindestens zwei von uns mit den Symbolen und versuchen, es vor sich her zu treiben. Sobald es sich auf den Steg begeben hat, verschütten die Verfolger das Benzin und zünden es an, Pater Benedict springt ins Wasser und schwimmt ans Ufer. Dann warten wir, bis der Steg abgebrannt ist und das Ding ins Wasser fällt. In diesem Moment stellen sich zwei von uns mit den Symbolen am Strand auf und versuchen, zu verhindern, dass es sich wieder ans Ufer wälzt."

"Und was ist, wenn sich das Ding direkt zum Steg bewegt, ohne erst zum Sanatorium zu kommen?", ertönte die Stimme von Lady Gordon, die sich unbemerkt an den Türrahmen der Bibliothek gelehnt und meinen Vortrag offenbar mitgehört hatte. "Dann bekommen wir im Haus das nicht mit und Pater Benedict kann nur noch ins Wasser springen und hoffen, dass er nicht erfriert, bevor wir stutzig werden", fügte sie hinzu.

"Hm", machte Pater Benedict, "wenn ich mich recht entsinne, meine ich am Leuchtturm gesehen zu haben, dass von diesen Blasen ein schwaches, rötliches Glühen ausgegangen ist - selbst bei Tageslicht. Wenn das stimmt, dann kann man es vielleicht im Dunkeln sehen." - "Dann stellen wir Wachen auf", führte ich seinen Gedanken fort, "von Brewers Büro aus kann man den Weg Richtung Leuchtturm im Auge behalten und von der Empore im Obergeschoss des Foyers aus den Weg zum Steg. Wenn sich dann noch jemand in den Behandlungsraum für die Elektroschocktherapie postiert und nach hinten hinausschaut, müsste man auch den Weg in Richtung des Steintischs überblicken können. Dann wären wir nach allen Seiten abgesichert." - "Nun, dann wollen wir mal hoffen, dass sich der reizende Dr. Tiller zumindest dazu bereit erklärt, währenddessen auf die Patienten aufzupassen", merkte Lady Gordon an, "ich frage ihn jedenfalls nicht."

"Es gibt da noch ein anderes Problem", gab Pater Benedict zu bedenken, "wir müssen damit rechnen, dass dieses Ding wieder versuchen wird, mindestens einen von uns seinem Willen zu unterwerfen. Und wie wir gesehen haben, können auch die Symbole nicht davor schützen." - "Dann sollten wir außer den Symbolen keine weiteren Waffen bei uns tragen", platzte es aus mir heraus, noch bevor mir die Bedeutung dessen, was ich da gerade gesagt hatte, bewusst wurde. Ich war nämlich der einzige hier, der Waffen besaß, mit denen er auch umzugehen verstand. "Das halte ich für eine sehr gute Idee", kommentierte Lady Gordon meinen Vorschlag und grinste dabei frech. Sie hatte gut lachen - ihre Füße würde sie kaum im Sanatorium zurücklassen können.

"Könnten wir dann jetzt endlich den Steg vorbereiten?", fragte Lady Gordon, ohne den Versuch, ihre Ungeduld zu überspielen. "Nun, wenn Sie alle mit dem Plan einverstanden sind...", erkundigte ich mich in den Raum hinein. Pater Benedict nickte. "Eigentlich nicht, aber ich sehe keine Alternative", erklärte Mrs. Stevens-McCormmick.

"Nun, wenn das so ist, dann mal auf ins Gefecht", verkündete ich.

Fortsetzung in Teil 24: Die fünfte Nacht
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 16. November 2008, 22:05:16
Na bitte, wer sagt's denn? wink
Da ich mit Teil 24 noch nicht angefangen habe, muss ich den Titel leider nachreichen.
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Lily Weg am 19. November 2008, 22:14:00
merci :)
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Negrim am 02. Dezember 2008, 11:06:00
habe die Story bis jetzt komplett gelesen.

bin gespannt auf mehr
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: kicker am 26. Januar 2009, 10:10:44
Mich würde das Ende dieser spannenden Geschichte noch interessieren. Gibt es da ne Chance?
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 26. Januar 2009, 15:50:54
Ich will die Story Hour auf jeden Fall noch beenden. Momentan fehlen mir aus beruflichen und familiären Gründen leider die Zeit und die Muße dazu, und es ist auch nicht absehbar, wann sich daran wieder etwas ändern wird. Bei meinem nächsten Urlaub, den ich irgendwann im Februar nehmen möchte, sollte aber wieder was gehen. Hoffe ich...

Tut mir leid, dass ich keine besseren Nachrichten habe. Es nervt mich auch selber an, dass ich hier nicht weiter komme, aber momentan kriege ich's einfach nicht auf die Kette.
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Nadir am 27. Januar 2009, 01:58:35
Schade!
Aber alles Gute für Familie und Job  :) das geht vor, eindeutig.
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Nyarlathotep am 03. Februar 2009, 16:58:04
Also ich muss sagen, das Abenteuer zu leiten, war schon eine schöne Erfahrung,
aber das Ganze hier noch einmal als "Geschichte" zu lesen, macht schon richtig Laune.
Ich ziehe meinen Hut vor der Arbeit, die du dir damit gemacht hast!

Ich plaudere mal aus dem Nähkästchen:
Halvar muss hierfür nämlich Dutzende von geschriebenen Protokollen
und gesprochenen Mitschnitten auswerten.
Von mir also ein "Danke schön!" für deine ausführlichen Zusammenfassungen unserer Sessions.

So, und jetzt gehe ich das nächste Abenteuer vorbereiten...
Freu' dich schonmal, Halvar!
 :twisted:
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 16. Februar 2009, 00:28:35
Falls Du glaubst, mir Honig ums Maul zu schmieren, nützt irgendwas, dann...

...naja, dann hast Du wohl Recht: Teil 24 ist fertig (Titel siehe oben) und befindet sich nun in der Revision durch meine werten Mitspieler.

Bald wird's also auch hier weitergehen. Stay tuned! :)
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 21. Februar 2009, 11:10:07
Teil 24: Die fünfte Nacht

Fortsetzung Session 05.04.2008

Drei Stunden später standen wir am Fuß der Treppe zum Anleger und betrachteten unser Werk. Der Raum unter dem Steg, wo dieser noch über den Sandstrand verlief, war vollständig angefüllt mit möglichst trockenem Holz und weiteren Brettern, die wir mit Hilfe des Brecheisens aus den Wänden des Werkzeugschuppens herausgebrochen hatten. Die Lücken hatten wir mit Kohle aufgefüllt, die aus dem Keller des Sanatoriums herangeschafft worden war. Nach einer Idee von Lady Gordon hatten wir drei Matratzen aus den Zimmern des Pflegepersonals geholt und direkt über dem Holz- und Kohlehaufen nebeneinander auf den Steg gelegt. Daneben standen vier Kanister mit Benzin bereit. Mit zweien davon sollte Pater Benedict bereits die Matratzen tränken, sobald er sich auf dem Steg postieren würde, und die restlichen zwei ausschütten, sobald er sähe, wie das Ding die Treppe herunterkommen würde. Dann sollte er sich ans Ende des Stegs begeben, wo bereits ein Stuhl, eine Decke und ein hölzerner Rettungsring, den Lady Gordon in Ebenezers Haus aufgetrieben hatte, für ihn bereit lagen. Wir waren gerade noch rechtzeitig fertig geworden, denn die Abenddämmerung war bereits hereingebrochen.

"Zünden Sie bloß nicht den ganzen Strand an", bemerkte Pater Benedict mit einem skeptischen Blick auf unsere Konstruktion, "irgendwo möchte ich auch wieder an Land kommen." - "Zur Not ziehen wir Sie mit einem Seil aus dem Wasser die Steilküste hinauf", erwiderte ich ihm. Pater Benedict sah mir ins Gesicht und versuchte offensichtlich, herauszufinden, ob ich gerade einen Scherz gemacht hatte. Allerdings hatte ich es durchaus ernst gemeint - falls der Strand tatsächlich völlig in Flammen aufgehen sollte, war dies die einzige Möglichkeit, die ich noch sah, um ihn zu retten. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen war Pater Benedict gerade im Begriff, sein Angebot, den Köder zu spielen, gründlich zu überdenken.

"Das wird schon nicht passieren", versuchte ich ihn mit einem Klaps auf die Schulter aufzumuntern, dann verkündete ich in die Runde, dass ich nun ins Sanatorium gehen und mit Dr. Tiller reden würde. Ich fand ihn im Esszimmer. Er saß an dem großen Tisch, vor sich eine Karte und ein Buch ausgebreitet. Als ich eintrat, sah er auf. "Dr. Tiller, ich weiß, Sie haben Ihre Vorbehalte", eröffnete ich mein Anliegen, "aber wir haben uns etwas überlegt, wie wir uns vielleicht des Problems entledigen könnten. Sie wissen ja selbst, was letzte Nacht vorgefallen ist. Wäre es Ihnen eventuell möglich, dass Sie sich in der kommenden Nacht mit den Patienten in den Hauptflur des Erdgeschosses zurückziehen und darauf achten würden, dass ihnen nichts passiert?" - "Selbstverständlich", erwiderte Dr. Tiller, "allerdings werde ich Sie keinesfalls bei Ihrem Blödsinn unterstützen." Das war mit Sicherheit das beste Ergebnis, das ich hätte erreichen können. Ich bedankte mich bei Dr. Tiller und begab mich in die Bibliothek, in der sich inzwischen auch die Damen und Pater Benedict eingefunden hatten.

Ich fragte den Pater, wann er sich auf den Steg zu setzen gedenke. "Je früher, desto besser, oder? Notfalls muss ich eben lange dort sitzen", erwiderte er. Ich gab jedoch zu bedenken, dass das Ding in den vergangenen Nächten auch immer erst am späten Abend aufgetaucht sei. Pater Benedict entschloss sich daraufhin, sich erst gegen 22 Uhr auf dem Steg zu postieren und sich vorher noch etwas hinzulegen, da er ja eventuell die ganze Nacht würde wach bleiben und aufpassen müssen. Damit er noch möglichst viel Schlaf bekam, entschieden wir uns dazu, das Abendessen gleich herzurichten. Wir brachten Darlene und Colonel Billings ins Esszimmer und nahmen eine schnelle Mahlzeit ein, während der nicht viel gesprochen wurde - der Anblick der vielen leeren Stühle drückte auf unsere Stimmung.

Gegen 19 Uhr waren wir mit dem Essen fertig. Pater Benedict teilte uns mit, dass er sich noch für zwei Stunden hinlegen wolle, und zog sich in das mittlere der drei Gästezimmer im Obergeschoss zurück. Lady Gordon schaffte einen Stuhl auf die Empore über dem Haupteingang, holte ihr Fernglas hervor und bezog dort Posten, um den Weg zur Steilküste und den Treppenabgang zum Steg im Auge behalten zu können. Ich schloss schweren Herzens meine Langwaffen samt Munition in meine Reisetruhe ein, den Colt meines Cousins behielt ich jedoch bei mir und lud ihn mit einer einzigen Kugel. Sollten alle Stricke reißen, bliebe mir so vielleicht wenigstens der grausame Tod als Opfer dieses Blasen-Dings erspart - auch wenn ich nicht wusste, ob ich die Kraft dazu würde aufbringen können, ihm zuvorzukommen. Um auf Nummer sicher zu gehen, legte ich dann auch noch den Schlüssel für meine Reisetruhe mitsamt dem Revolver, den wir in Brewers Schreibtisch gefunden hatten, in den Safe in Brewers Büro, und schloss auch diesen. Sollte es dem Blasen-Ding tatsächlich erneut gelingen, einen von uns seinem Willen zu unterwerfen, so würde es zumindest recht lange dauern, bis der- oder diejenige an die Waffen herankäme. Danach postierte ich mich im südlichen Gästezimmer im Obergeschoss, bei dem es sich um ein Eckzimmer mit zwei Fenstern handelte, von dem ich einerseits den Weg zum Leuchtturm und andererseits den Weg zur Steilküste überwachen konnte. Mein Hauptaugenmerk richtete ich allerdings in Richtung des Leuchtturms, da der Weg zum Anleger und die Steilküste ja bereits von Lady Gordon überblickt wurden. Mrs. Stevens-McCormmick schließlich begab sich in den Behandlungsraum für Elektroschocktherapie, da dies der einzige Raum im Obergeschoss war, der ein Fenster nach hinten hinaus besaß, um so den Weg in Richtung des Steintischs überwachen zu können.

Nachdem wir alle unsere Positionen bezogen hatten, fiel mir ein, dass ich besser mal nachschauen sollte, was Dr. Tiller und die Patienten machten. Ich ging noch einmal hinunter ins Erdgeschoss und fand sie in der Bibliothek vor. Ich bat Dr. Tiller, sich nun mit den Patienten wie besprochen ins Erdgeschoss zurückzuziehen. Er war einverstanden, und so schob ich Colonel Billings in die Nische, in die wir uns bereits letzte Nacht verkrochen hatten, und Dr. Tiller folgte mir mit Darlene. Ich bat ihn eindringlich, sofort Alarm zu schlagen, sobald er irgendetwas kommen sähe, und ging wieder zurück auf meinen Posten.

Zwei Stunden lang starrten wir in die Nacht hinaus, ohne etwas Verdächtiges zu bemerken. Gegen 21 Uhr schließlich rief ich nach dem im Nebenzimmer schlafenden Pater Benedict, da er ja um diese Zeit aufstehen wollte. Als auch nach einigen Sekunden keine Reaktion erfolgte, erinnerte ich mich daran, dass der Pater ja nach der Nacht, in der wir Charles Johnson getötet hatten, ähnlich schwer zu wecken gewesen war, also ging ich zu seiner Zimmertür und klopfte energisch dagegen. Während ich auf eine Reaktion wartete, machte ich zwei Schritte zur Seite, um von der Empore aus durch die geöffnete Tür des Gästezimmers weiterhin den Weg zum Leuchtturm im Auge behalten zu können. Das war mein Glück: Ich sah ein rötliches Leuchten, dass sich vom Leuchtturm her näherte.

"ES KOMMT!", schrie ich nach Leibeskräften und riss die Tür zu Pater Benedicts Zimmer auf. Dieser sprang bereits aus seinem Bett. Glücklicherweise hatte er sich vollständig angezogen hingelegt, so dass er sofort losrennen konnte. "Schafft er es noch?", rief mir Lady Gordon von der Empore aus zu. "Er muss es schaffen!", rief ich zurück. Pater Benedict raste die Treppe ins Erdgeschoss hinunter und zum Haupteingang hinaus. Ich sprang zurück auf meinen Posten und teilte den anderen lautstark mit, was ich sah: "Vom Leuchtturm kommt eine schwach rötlich leuchtende Wolke auf uns zu! Sie ist noch etwa 100 Meter entfernt!"

Wir konnten nur hoffen, dass Pater Benedict noch rechtzeitig den Steg erreichen würde -glücklicherweise bewegte sich die Wolke nicht allzu schnell. Allerdings hatte er keine Lichtquelle mitgenommen, da wir die Befürchtung gehabt hatten, dass er die nur schwach leuchtenden Blasen dann eventuell zu spät bemerken könnte. Er würde also sicherlich nicht mit vollem Tempo rennen, sondern sich nur sehr vorsichtig die Treppe zum Steg hinabtasten können.

Lady Gordon rannte ebenfalls die Treppe herab ins Foyer, warf die Eingangstür zu, die Pater Benedict offen gelassen hatte, und postierte sich vor der Tür zum Patiententrakt. Kurz darauf kam auch Mrs. Stevens-McCormmick herbeigeeilt, die bereits das von Darlene gezeichnete Symbol in der Hand hielt und damit durch die Tür in den Patiententrakt hastete.

Ich blieb auf meinem Posten und beobachtete weiter die rötlich schimmernde Wolke. Beim Näherkommen offenbarte sich, dass es sich tatsächlich um einen Haufen aus Blasen handelte, der sich auf das Sanatorium zuwälzte. "Wohin bewegt es sich?", wollte Lady Gordon wissen. "Es kommt weiter auf uns zu", rief ich zurück. Zu unserem Glück schien das Ding Pater Benedict nicht bemerkt zu haben. Wäre es ihm direkt gefolgt, hätte es ihn vielleicht noch erwischt, aber so konnten wir davon ausgehen, dass der Pater es bis zum Steg schaffen würde. Es hätte nicht viel gefehlt, und unser langwierig ausgeklügelter Plan wäre bereits jetzt schief gegangen.

Allerdings blieb uns keine Zeit zum Durchatmen: Der Blasenhaufen wälzte sich bis auf etwa fünf Meter an die Hauswand heran, verharrte kurz, und dann begannen die Blasen, zu verschmelzen. Aus den Seiten des Haufens bildeten sich zwei lange Lichtschläuche heraus, die sich allmählich weiter nach links und rechts erstreckten. Offenbar bildete das Ding den Lichtkreis um das Sanatorium tatsächlich aus sich selbst.

Ich hatte genug gesehen. Ich zog den Vorhang des Fensters zu, rannte zu den Damen ins Foyer hinunter und berichtete ihnen, dass sich das Ding zu dem Lichtkreis umformen würde, wie ich vermutet hätte. Damit stand auch nicht mehr zu befürchten, dass sich der Blasenhaufen zum Steg bewegen könnte, während der Lichtkreis um das Sanatorium bestehen bliebe. Bis auf die Tatsache, dass das Ding früher aufgetaucht war als gedacht, war bisher alles so gelaufen, wie wir es uns vorgestellt hatten.

Nun stießen wir allerdings auf ein Problem: "Irgendwie müssen wir feststellen, ob das Ding noch da ist oder nicht", merkte ich an. Wir hatten uns zwar Gedanken darüber gemacht, wie wir vorgehen sollten, wenn der Blasenhaufen in das Gebäude einzudringen versuchen würde, aber dessen konnten wir uns ja mitnichten sicher sein. Fünf Minuten der Ratlosigkeit verstrichen, ohne dass etwas geschah. "Wenn wir nicht rechtzeitig bemerken, dass sich das Ding zum Steg aufgemacht hat, dann wird Pater Benedict in Schwierigkeiten geraten", gab ich zu bedenken. "Es hilft nichts, irgendjemand muss aus dem Fenster schauen", erwiderte Lady Gordon. Die Bilder der vertrockneten Skelette von Henry Adam Barber und Leonard Hawkins, die ja noch immer in ihren Zimmern in den Fenstergittern hingen, erschienen vor meinem geistigen Auge, und ich erinnerte mich an ihre gellenden Todesschreie. Aus dem Fenster zu schauen war mit Sicherheit das Letzte, was ich wollte.

"Vielleicht ist es vom Obergeschoss aus ungefährlicher", mutmaßte Lady Gordon. Wie auch immer, ich musste es versuchen. Pater Benedict seinem Schicksal zu überlassen, ließ mein Gewissen jedenfalls nicht zu. Also ging ich die Stufen wieder hinauf in das Gästezimmer, in dem ich auch schon Wache gehalten hatte, und stellte mich neben das Fenster, das in Richtung des Leuchtturms zeigte. Mit einer schnellen Bewegung schob ich den Vorhang mit einem Finger einen Spalt breit beiseite und spähte hinaus, dann zog ich den Finger sofort wieder zurück, so dass sich der Vorhang wieder schloss. Dieser kurze Moment reichte aus, um zu erkennen, dass der rot leuchtende Kreis sich noch immer an Ort und Stelle befand. Ich wartete einige Sekunden ab - zu meiner Erleichterung klirrte jedoch kein roter Lichtschlauch durch die Fensterscheibe.

Nach 30 Sekunden fasste ich neuen Mut und wagte einen zweiten schnellen Blick. Der Lichtkreis war immer noch da. Weitere 30 Sekunden später schaute ich erneut nach - alles unverändert. Ich wiederholte die Prozedur alle 30 Sekunden. Fünf Minuten vergingen auf diese Weise, dann zehn, dann fünfzehn - nichts tat sich. "Ist alles in Ordnung?", hörte ich Lady Gordon von unten rufen. Ich teilte ihr mit, dass sich der Lichtkreis immer noch vor dem Gebäude befinden würde. Weitere fünfzehn Minuten vergingen. Die eintönige Tätigkeit begann, mich zu ermüden, und ich schaute nur noch jede Minute durch das Fenster. Gegen 22 Uhr hatte ich dies anderthalb Stunden durchgehalten und dieses verdammte Ding hatte sich immer noch nicht vom Fleck gerührt. Ich rief nach unten, ob mich jemand ablösen könne. Mrs. Stevens-McCormmick kam die Treppe hinauf und ich begab mich nach unten, um die Patienten zu bewachen.

Zweieinhalb Stunden hielt Mrs. Stevens-McCormmick durch, dann wurde sie um 0:30 Uhr von Lady Gordon abgelöst. Wir begannen, uns um Pater Benedict Sorgen zu machen, dem es durch die Kälte und Feuchtigkeit auf dem Steg allmählich äußerst unbehaglich geworden sein musste. Gleichzeitig wunderten wir uns, warum das Ding ihn offenbar nicht irgendwie wahrnehmen konnte. Machte der Pater nicht wie geplant auf sich aufmerksam? Oder war ihm doch etwas zugestoßen?

Nach einer weiteren Stunde des Wartens entschloss sich Mrs. Stevens-McCormmick zu einem Versuch: Sie warf einen kurzen Blick durch einen der Vorhänge neben der Tür des Haupteingangs, um sich zu vergewissern, wie weit der Lichtschlauch entfernt war, dann nahm sie das Blatt mit dem von Darlene gezeichneten Symbol und schob es mit spitzem Finger zwischen Vorhang und Fenster, so dass es von draußen zu sehen war. Nichts geschah. Nach einer Minute spähte sie erneut kurz hinaus und zog dann das Blatt enttäuscht wieder zurück. Der Lichtkreis hatte sich keinen Millimeter bewegt.

Eine weitere Stunde später - inzwischen war es 2:30 Uhr - löste ich Lady Gordon ab und übernahm wieder meine minütliche Spähroutine. Nach einer weiteren halben Stunde hörte ich plötzlich, wie die Eingangstür aufgerissen wurde, dann gab es einen lauten Knall und ich bemerkte einen grellen Feuerschein an dem anderen Fenster in meinem Zimmer, danach wurde die Eingangstür wieder ins Schloss geworfen. "Was machen Sie da?!", rief ich den anderen zu. Mrs. Stevens-McCormmick antwortete mir in leicht gereiztem Ton: "Ich habe eine Öllampe rausgeworfen. Was sollen wir sonst tun? Wenn wir die ganze Nacht nur hier herumsitzen, wird das Pater Benedict auch nicht helfen." Ich ging zu dem anderen Fenster und spähte durch einen Spalt im Vorhang. Die Öllampe war auf den Stufen vor dem Haupteingang aufgeschlagen, die nun lichterloh in Flammen standen. Ich konnte nur hoffen, dass das Feuer schnell genug niederbrennen würde, bevor es auf das Gebäude übergriff. Der Lichtschlauch formte eine Ausbeulung, um den Flammen auszuweichen, machte aber keine Anstalten, sich aufzulösen oder wieder zu dem Blasenhaufen zusammenzuziehen.

Nach einer halben Stunde war das Feuer bereits sehr viel kleiner geworden und der Lichtschlauch hatte wieder seine ursprüngliche Form angenommen. Um 4:30 Uhr bat ich darum, wieder abgelöst zu werden. Mrs. Stevens-McCormmick übernahm meinen Posten. Um 5 Uhr schließlich meldete sie sich plötzlich zu Wort: "Es bewegt sich! Es ballt sich wieder zusammen!" - "Wo bewegt es sich hin?", rief ich nach oben. Es dauerte einige Sekunden, dann kam die Antwort: "Zum Leuchtturm zurück."

Zehn Minuten später kam Mrs. Stevens-McCormmick die Treppe herunter und teilte uns mit, dass das Ding bereits außer Sichtweite wäre. Wir waren äußerst verdutzt - insbesondere, da wir den Sonnenaufgang erst in etwa zwei Stunden erwarteten. Sollte es das für diese Nacht wirklich schon gewesen sein?

Fortsetzung in Teil 25: Kalt erwischt
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 29. März 2009, 17:20:50
Teil 25: Kalt erwischt

Fortsetzung Session 05.04.2008

"Halten Sie bitte weiter Wache, ich kümmere mich um den Pater", ordnete Mrs. Stevens-McCormmick an, dann entschwand sie in die Küche und setzte einen Kessel mit Wasser auf. "Für ein heißes Bad", erklärte sie uns, griff sich eine Öllampe und eilte auch schon zum Haupteingang hinaus, um den Pater vom Steg zu holen. Ich hatte in der Zwischenzeit wieder meinen Posten bezogen und behielt natürlich insbesondere den Weg zum Leuchtturm im Blickfeld. Von dem Blasenhaufen war jedoch nichts mehr zu sehen.

Während wir warteten, füllte Lady Gordon die Badewanne im Erdgeschoss mit mehreren Eimern kalten Wassers und schließlich mit dem Kessel des inzwischen kochenden Wassers aus der Küche auf. Kurz darauf kamen Mrs. Stevens-McCormmick und Pater Benedict zurück. Letzterer hatte sich in seine Decke gehüllt, nichtsdestotrotz war er völlig steif gefroren und durchnässt bis auf die Knochen. Er zitterte am ganzen Körper und seine Lippen waren vor Kälte blau geworden. Wir führten ihn sogleich ins Bad, damit er sich in Ruhe aufwärmen konnte, dann zogen wir uns in die Bibliothek zurück.

Mrs. Stevens-McCormmick hatte dem Pater bereits auf dem Rückweg von unseren Erlebnissen erzählt und teilte uns nun mit, was er seinerseits zu berichten gehabt hatte: Während er gewartet hätte, wäre die Temperatur immer weiter abgesunken und die Luft immer feuchter geworden. Schließlich hätte er einen Knall und Flammenschein wahrgenommen - offensichtlich die Öllampe, die Mrs. Stevens-McCormmick auf die Stufen geworfen hatte - wäre jedoch zu dem Schluss gekommen, dass wir den Blasenhaufen nun zu ihm hintreiben würden, und hätte von daher weiter gewartet.

"Aus welchem Grund hat sich dieses Ding nicht zum Steg gewälzt?", eröffnete Lady Gordon die Diskussion. "Offenbar hat es Pater Benedict nicht bemerkt", war alles, was mir dazu einfiel. "Also weiß es wohl doch nicht automatisch, wo wir uns befinden, sondern muss uns irgendwie wahrnehmen", schlussfolgerte Lady Gordon. "Das würde bedeuten, dass man vielleicht doch die Chance hätte, sich vor dem Ding irgendwo zu verstecken", fügte sie hinzu. Dem konnte ich nicht widersprechen, gab jedoch zu bedenken, dass die Distanz eventuell auch eine Rolle spielen würde. Wir konnten uns jedenfalls nicht sicher sein, dass dieses Ding uns nicht auch ohne direkten Sichtkontakt würde wahrnehmen können. Sich einfach nur irgendwo auf der Insel zu verkriechen, sei es in einer Höhle, im Wald oder im Sanatorium, und darauf zu vertrauen, nicht entdeckt zu werden, wäre demnach nicht ohne Risiko.

Es gab zwar noch einiges zu besprechen - insbesondere unser weiteres Vorgehen - allerdings nahte bereits das Morgengrauen und der Schlafmangel machte sich allmählich bei uns allen deutlich bemerkbar. Da wir nicht glaubten, dass das Blasen-Ding in dieser Nacht noch einmal zurückkehren würde, beschlossen wir, uns zur Ruhe zu begeben. Dr. Tiller, Darlene und Colonel Billings waren ohnehin im Laufe der Nacht in ihrer Nische bereits eingeschlafen, also ließen wir sie einfach dort liegen und zogen uns nach diesem ereignisreichen Tag auf unsere Zimmer zurück.

---

6. Tag

Als ich nach meinem traumlosen Schlaf erwachte, zeigte mein Reisewecker bereits 14 Uhr an. Ich stand auf, zog mich an und ging nach unten. Zu meinem Erstaunen stellte ich fest, dass alle anderen offenbar noch schliefen. Wenn wir noch etwas unternehmen wollten, um uns auf die nächste Nacht vorzubereiten, dann sollten wir besser bald damit beginnen. Also entschloss ich mich, die anderen zu wecken und ein verspätetes Frühstück vorzubereiten.

Während wir am Tisch saßen, schlug Pater Benedict vor, dass wir uns das alte Schiffswrack im Norden der Insel noch einmal anschauen sollten. In dem Brief, den die Damen in Ebenezers Haus gefunden hätten, würde ja erwähnt, dass die Seeleute in Innsmouth solche Talismane, wie Ebenezer einen um den Hals getragen hätte, an der Unterseite ihrer Boote anbringen würden. Vielleicht wäre ein solcher Talisman ja auch an dem alten Wrack befestigt, und dann hätten wir ein weiteres dieser Symbole zur Verfügung, mit dem man diesen Blasenhaufen auf Abstand halten könne.

Dr. Tiller schnaubte verächtlich. "Jetzt sagen Sie bloß, Sie sind immer noch mit Ihrem eingebildeten Monster zugange", fuhr er uns an, "reicht es Ihnen nicht, dass wir letzte Nacht auf dem Flur schlafen mussten wegen nichts und wieder nichts?" Mit diesen Worten erhob er sich vom Tisch und marschierte kopfschüttelnd in Richtung Bibliothek. Verdenken konnte man ihm seine Reaktion kaum - schließlich hatte er ja nichts gesehen. Allerdings begann ich allmählich, mir ganz andere Sorgen zu machen: Wenn wir tatsächlich von dieser verdammten Insel wieder herunterkommen und von einem Haufen aus Seifenblasen erzählen würden, der den Menschen das Leben ausgesaugt hätte, dann wäre Dr. Tiller mit Sicherheit nicht der Letzte, der uns für verrückt erklären würde. Ich beschloss, diesen Gedanken vorerst beiseite zu schieben. Zunächst einmal galt es, die kommende Nacht zu überleben, und dann würden wir weitersehen.

Ich dachte über Pater Benedicts Vorschlag, das Wrack noch einmal zu untersuchen, nach. Der Brief an Ebenezer war zwar schon etwa 25 Jahre alt, das Schiffswrack aber allem Anschein nach bereits über 100 Jahre. Außerdem hatte ich von einem Ort namens "Innsmouth" noch nie etwas gehört - wenn man bedachte, dass in dem Brief auch von irgendwelchen Eingeborenen die Rede war, dann war es gut möglich, dass sich dieser Ort nicht in England befand. Alles in allem standen die Chancen, am Rumpf dieses Wracks ein solches Symbol vorzufinden, meiner Meinung nach ziemlich schlecht. Allerdings hatte ich auch keine bessere Idee. Überhaupt fiel uns nichts Besseres ein, als unseren Plan in der nächsten Nacht einfach noch einmal zu versuchen - mit dem Unterschied, dass Pater Benedict dieses Mal den Blasenhaufen aktiv anlocken sollte. Und da dafür bereits alles vorbereitet war, konnten wir uns genauso gut am Wrack zu schaffen machen - zu verlieren gab es dabei jedenfalls nichts. Die Damen entschieden sich jedoch dazu, uns nicht zu begleiten.

Wenig später traten der Pater und ich in das nasskalte, bewölkte Herbstwetter hinaus. Offenbar hatte es am Vormittag ausgiebig geregnet, so dass sich sämtliche Pfade auf der Insel in rutschige Schlammspuren verwandelt hatten. Nichtsdestotrotz begaben wir uns zum Werkzeugschuppen, organisierten uns zwei Schaufeln und machten uns auf den Weg zum Schiffswrack. Nach einer Stunde Fußmarsch hatten wir es ohne Zwischenfälle erreicht, wobei wir auch einen sorgenvollen Blick auf den Leuchtturm geworfen hatten, ohne jedoch irgendetwas Ungewöhnliches zu bemerken.

Wir überprüften noch kurz, ob das Wrack nach wie vor unbewohnt war, dann begannen wir sogleich damit, den tief in den Sand eingesunkenen Schiffskiel freizulegen. Schnell wurde uns klar, dass dies keine Arbeit war, die in wenigen Stunden bewältigt sein würde. Hinzu kam, dass der Kiel noch erheblich tiefer im Sand lag, als wir ursprünglich vermutet hatten. Dessen ungeachtet setzten wir unsere Grabungsarbeiten verbissen fort - vielleicht würden wir ja wenigstens einen Teil des Kiels freilegen können und hätten das Glück, dass es genau der richtige Teil sein würde.

Zwei Stunden später gaben wir erschöpft auf. Wir hatten am Bug des Schiffs ein beachtliches Loch ausgehoben und dabei gerade einmal ein Stück von etwa 50 Zentimetern Länge an der Unterseite des Kiels freigelegt. Natürlich hatten wir nichts gefunden, was auch nur im Entferntesten an einen solchen Talisman erinnerte, wie ihn Ebenezer getragen hatte. Wenn wir noch vor Einbruch der Dunkelheit am Sanatorium ankommen wollten, dann mussten wir jetzt unsere Arbeit abbrechen und uns auf den Rückweg machen.

Eine weitere Stunde später trafen wir wieder am Sanatorium ein. Uns fielen zwei Benzinkanister auf, die am Kopf der Treppe, die zum Steg hinabführte, abgestellt waren. Nachdem wir uns bei den Damen zurückgemeldet und von unserem Misserfolg berichtet hatten, erklärte uns Lady Gordon, dass sie und Mrs. Stevens-McCormmick vergeblich versucht hätten, die beiden Kanister auf den Steg zu bringen - die Treppe wäre einfach zu schlüpfrig gewesen und sie waren einige Male ausgerutscht, so dass ihnen der weitere Abstieg schließlich als zu gefährlich erschienen war. Die beiden Kanister waren als Ersatz für jene beiden gedacht, die Pater Benedict bereits in der letzten Nacht wie verabredet direkt nach Erreichen des Stegs auf die Matratzen gegossen hatte.

Pater Benedict und ich beschlossen, uns der Sache anzunehmen. Wir begaben uns zur Steilküste und der Pater griff sich einen der Kanister. Kaum hatte er vorsichtig seinen Fuß auf die erste Stufe gesetzt, rutschte ihm dieser auch schon weg und er kam ins Straucheln. Der Kanister flutschte ihm aus den Fingern, polterte ein paar Stufen hinab, ging über die Kante und stürzte dann im freien Fall die Klippe hinunter, bis er auf die aufgewühlte See aufschlug. Der Pater selbst konnte sich glücklicherweise wieder fangen. Mit schreckgeweiteten Augen stieg er die Stufe wieder hinauf. "Das war knapp", kommentierte er seinen Beinahe-Unfall.

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Treppe wirklich derartig gefährlich war - wahrscheinlich hatte der Pater einfach nur Pech gehabt und eine besonders glitschige Stelle erwischt. "Wie viele Benzinkanister haben wir eigentlich noch?", fragte ich ihn, ohne zu bemerken, dass die Frage in diesem Moment vielleicht etwas ungeschickt war. "Elf", erwiderte er dementsprechend in leicht bissigem Ton, nachdem er mich einige Sekunden lang abschätzig gemustert hatte.

Wie auch immer - ich beschloss, es ebenfalls zu versuchen. Ich nahm mir den verbliebenen Kanister und setzte den Fuß auf die erste Stufe - jedoch ein Stück neben die Stelle, auf die Pater Benedict getreten war. Ich wollte gerade zum nächsten Schritt ansetzen, als unter meinem Gewicht ein großer Stein aus der Stufe herausbrach. Mit einem Mal verlor ich den Halt, taumelte nach links und drohte, über die Klippe zu stürzen. Reflexartig ließ ich den Benzinkanister los und ruderte wie wild mit den Armen, um den Sturz noch zu verhindern. Das war meine Rettung: Ich fand mein Gleichgewicht wieder und kroch sofort auf allen Vieren zurück nach oben. Mein Herz pochte wie wild, während ich das dumpfe Klatschen des Kanisters auf die Wasseroberfläche vernehmen konnte. "Und da waren's nur noch zehn", kommentierte Pater Benedict mein Missgeschick mit unverhohlenem Sarkasmus in der Stimme. Nun ja, wahrscheinlich hatte ich es nicht besser verdient.

Wir sahen ein, dass weitere Versuche nacktem Wahnsinn gleichkommen würden, und zogen uns somit wieder ins Sanatorium zurück. In der Bibliothek trafen wir auf Lady Gordon und Mrs. Stevens-McCormmick. Wir setzten uns zu ihnen und beratschlagten, wie wir nun weiter vorgehen sollten. Da die Damen nach den Ereignissen der letzten Nacht mehr denn je daran zweifelten, dass unser Plan mit dem Steg Erfolg haben würde, warteten sie mit einer neuen Idee auf: "Wir haben es bisher nur mit Feuer versucht und sind gescheitert - vielleicht sollten wir es dieses Mal mit Wasser versuchen", spielte Mrs. Stevens-McCormmick auf die kryptische Weissagung der Annephis an. Die Damen hatten eine Stelle an der Westküste der Insel ausgemacht, an der der Pfad vom Leuchtturm zum Sanatorium einen relativ schmalen Streifen passierte, der auf der einen Seite von den Steilklippen und auf der anderen von einem hoch aufragenden Abhang flankiert wurde. Wenn wir dem Blasenhaufen dort auflauern würden, könnte es uns vielleicht auch mit nur zwei Symbolen gelingen, ihn über die Klippen ins Meer zu treiben.

Ich hielt den Vorschlag für ziemlich waghalsig. Selbst wenn wir es fertigbringen würden, dem Blasen-Ding keinen anderen Ausweg als das Meer zu lassen - was ich bereits bezweifelte - so brauchte es bloß einen der beiden Symbolträger seinem Willen zu unterwerfen, und schon wäre der Plan  gescheitert. Ganz abgesehen davon, dass dabei zwei von uns zu Statisten oder im schlimmsten Fall sogar zu Kanonenfutter verdammt sein würden, da sie ohne Symbol ohnehin nicht in der Lage wären, irgendetwas auszurichten. "Vielleicht könnten wir ein paar Fackeln basteln", schlug Pater Benedict vor, "dann wären die anderen beiden wenigstens nicht ganz so schutzlos."

Endlich mal ein konstruktiver Gedanke. Wie auch immer wir uns bezüglich unseres weiteren Vorgehens entscheiden sollten - Fackeln zur Hand zu haben, konnte sicherlich nicht schaden. Pater Benedict und ich beschlossen, sogleich zur Tat zu schreiten. Im Werkzeugschuppen fanden wir tatsächlich wie erhofft einen Kübel mit Pech. Damit begaben wir uns in Ebenezers Haus und erhitzten die zähe Masse auf dessen Gasofen. Zu unserem Glück entdeckten wir dort auch recht schnell einige Belegnägel, die sich hervorragend als Fackelstiele eignen würden, sowie altes Segeltuch. Letzteres schnitten wir in Streifen, wickelten es stramm um die Nägelköpfe und tauchten es dann in den Kübel. Das Ergebnis waren zwar provisorische, aber ihren Zweck sicherlich gut erfüllende Pechfackeln.

Wir hatten gerade vier Stück davon angefertigt, als wir plötzlich aus Richtung des Sanatoriums ein Klirren und einen Knall vernahmen, gefolgt von einem spitzen Schrei. Die Geräusche kamen mir bekannt vor: Das Klirren und der Knall stammten von einer zerschellenden und explodierenden Öllampe, der Schrei von Mrs. Stevens-McCormmick. Sofort ließen Pater Benedict und ich alles stehen und liegen und rannten zum Sanatorium zurück.

Als das Gebäude zwischen den Bäumen auftauchte, sahen wir Feuerschein: Offenbar hatte jemand eine Öllampe aus einem der Fenster geworfen. Was hatte das zu bedeuten? Plötzlich riss mich der Pater an der Schulter zurück. "Warten Sie!", zischte er mir zu, dann deutete er mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die Grasfläche vor dem Sanatorium. Nun sah ich es auch - und es verschlug mir glatt den Atem: Der rötlich schimmernde Lichtschlauch hatte sich wieder um das Gebäude gelegt!

Einige Sekunden lang standen wir einfach nur da und starrten fassungslos auf die Szenerie. Wie war das möglich? In diesem Moment fiel mir auf, dass die Dämmerung bereits eingesetzt hatte, während Pater Benedict und ich in Ebenezers Hütte beschäftigt gewesen waren. Hatte der ohnehin schon bewölkte Himmel in Verbindung mit der einbrechenden Dunkelheit genügt, um dem Blasen-Ding ausreichend Schutz vor dem Sonnenlicht zu gewähren? Hatte es der Hunger so früh aus seinem Versteck getrieben? Ich wusste es nicht. Und warum hatte Mrs. Stevens-McCormmick die Öllampe hinausgeworfen? Vielleicht, um uns zu warnen? Und warum hatte sie geschrieen? Hatte das Blasen-Ding sie erwischt? Hoffentlich nicht!

Pater Benedict fand als Erster seine Sprache wieder: "Was machen wir jetzt?", fragte er. Ich dachte nach. Sich einfach nur zu verstecken und zu hoffen, dass das Ding am nächsten Morgen wieder verschwinden würde, hielt ich für aussichtslos. Wenn der Hunger es bereits so früh hierher getrieben hatte, dann würde es sicher keine Ruhe geben, bis es zumindest ein Opfer gefunden hätte. "Ich sehe nur eine Möglichkeit", erwiderte ich dem Pater, "wir versuchen, unseren ursprünglichen Plan umzusetzen und das Ding auf den Steg zu locken." Pater Benedict sah mich nachdenklich an, dann nickte er.

Wir eilten zu Ebenezers Haus zurück und holten die vier Fackeln, die wir bereits fertig gestellt hatten, dann begaben wir uns nach Süden zur Steilküste und folgten dieser Richtung Westen, bis wir die Stelle erreicht hatten, an der die Treppe auf den Steg hinabführte. Inzwischen war es bereits recht dunkel geworden, so dass wir den Lichtkreis um das Sanatorium deutlich erkennen konnten. Pater Benedict und ich gingen ein paar Schritte auf das Gebäude zu. Es dauerte nicht lange, dann regte sich etwas: Deutlich konnte man erkennen, wie sich der Lichtschlauch vor dem Haupteingang verdickte. Dann sprang die erste Blase daraus hervor, danach die zweite. Nun ging es schnell: Der Lichtschlauch zog sich zusammen und immer mehr Blasen poppten aus der Verdickung hervor, bis sich der uns bekannte Blasenhaufen gebildet hatte. Ganz allmählich begann er, sich in unsere Richtung zu wälzen.

Pater Benedict und ich bewegten uns Schritt für Schritt zum Kopf der Treppe zurück, während der Blasenhaufen an Fahrt aufnahm und sich unaufhaltsam näherte. Wir konnten nur hoffen, dass die Damen im Sanatorium begriffen, was wir vor hatten, und den Blasen folgen würden, um das Benzin anzuzünden - andernfalls hätten wir ein gewaltiges Problem. Auf meiner Stirn bildete sich Angstschweiß. Hatten wir soeben unser Schicksal besiegelt?

Wie auch immer: Nun gab es kein Zurück mehr.

Fortsetzung in Teil 26: Auf Leben und Tod
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Nadir am 29. März 2009, 22:49:28
endlich... und wiedereinmal ein "Danke". Hatte mir das letzte Kapitel extra aufbewahrt ;) und wurde nicht enttäuscht! Weiter so! Wann eigentlich?
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 31. März 2009, 23:01:24
Immer diese Ungeduld... ;)

Ich habe mit Teil 26 noch nicht mal angefangen, es wird also wohl leider noch dauern...
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Nadir am 31. März 2009, 23:19:53
Pfft... mit Dir spiel ich nich mehr...
 wink
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Der Wurm am 02. April 2009, 14:37:19

Nachholend, da ich seit Seite 5 nichts mehr geschrieben habe, ein Lob für den Aufwand und die nach wie vor interessante Geschichte.
Ich freue mich schon wenn es weitergeht.
Titel: Re: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Nadir am 09. Juni 2009, 08:48:40
Immer diese Ungeduld... ;)

Ich habe mit Teil 26 noch nicht mal angefangen, es wird also wohl leider noch dauern...

"Leider noch dauern" dauert jetzt aber schon ganz schön lang...  :wink:
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 11. Juni 2009, 01:14:29
Ja, sorry.

Ich habe leider auch keine besseren Neuigkeiten. Nach wie vor habe ich mit Teil 26 noch nicht mal angefangen. Es gelten die üblichen Ausreden: Viel Arbeit, keine Zeit, fehlende Muße. Ich brauch mal wieder Urlaub...
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 23. August 2009, 20:30:32
Teil 26: Auf Leben und Tod

Fortsetzung Session 05.04.2008

Pater Benedict und ich erreichten die Stufen, die zum Steg hinabführten. Ich warf noch einen schnellen Blick in Richtung Sanatorium, um mich zu vergewissern, dass uns das Ding noch immer folgte. Das tat es. Behutsam setzte ich meinen Fuß auf die erste Stufe. Hoffentlich war die Treppe nicht mehr so gefährlich wie noch wenige Stunden zuvor. Uns mit größtmöglicher Vorsicht die Stufen hinabzutasten, das konnten wir uns jetzt nicht erlauben - dann würde uns der Blasenhaufen mit Leichtigkeit einholen. Wenigstens war es noch nicht so dunkel, dass wir gar nicht mehr erkennen konnten, wo wir unsere Füße hinzusetzen hatten. Nach ein paar Schritten fassten wir Mut - die Treppe schien nicht mehr ganz so rutschig zu sein, außerdem erleichterte die Tatsache, dass wir dieses Mal keine schweren Benzinkanister zu schleppen hatten, den Abstieg ungemein. Zumindest kamen wir schnell genug voran, um nicht von dem Blasenhaufen eingeholt zu werden.

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/steilkuesteundsteg.jpg)

Wir hatten etwa drei Viertel der Strecke bis zum Steg zurückgelegt, als das Blasen-Ding am Kopf der Treppe erschien und begann, die Stufen mit recht hoher Geschwindigkeit hinabzurollen. Wir beschleunigten unseren Schritt noch einmal und hatten bereits kurz darauf die Holzstufen erreicht, die die letzten paar Meter bis zum Strand markierten. Als wir unten eintrafen, hatte der Blasenhaufen schon die Hälfte der Treppe überwunden - wir mussten uns beeilen.

Von den ursprünglich vier Benzinkanistern, die wir tags zuvor hierher gebracht hatten, waren nur noch zwei übrig - mit den anderen beiden hatte Pater Benedict bereits letzte Nacht die Matratzen getränkt. Nun griff er sich einen davon und schickte sich an, dessen Inhalt ebenfalls über die Matratzen zu gießen. Ich lief ein Stück auf den Steg hinaus, damit ich die gesamte Treppe im Blick hatte, und hielt nach den Damen Ausschau. Es war jedoch niemand zu sehen - nur dieses Blasen-Ding, das unaufhaltsam weiter auf uns zu rollte. Wenn Lady Gordon und Mrs. Stevens-McCormmick nicht bald erschienen, dann würden sie zu spät sein, um hinter den Blasen die Matratzen anzünden zu können.

"Und, kommen sie?", fragte Pater Benedict, während er seine Arbeit hastig fortsetzte. Ich wollte noch einige Sekunden warten, bevor ich ihm eine Antwort gab. Vielleicht würde ja doch noch im letzten Moment das Licht einer Lampe am Kopf der Treppe auftauchen. Wenn nicht, sah ich keine Möglichkeit, wie es uns gelingen sollte, die Matratzen anzuzünden und dem Ding zu entkommen. Als der Blasenhaufen etwa drei Viertel der Treppe zurückgelegt hatte und immer noch nichts zu sehen war, gab ich jedoch die Hoffnung auf. Selbst, wenn die Damen jetzt noch oben erscheinen würden - sie wären nicht mehr rechtzeitig unten, bevor der Blasenhaufen uns erreicht hätte.

"Nein", antwortete ich Pater Benedict schließlich, wobei ich die Resignation und Wut in meiner Stimme kaum verbergen konnte. Verdammt, warum hatten Lady Gordon und Mrs. Stevens-McCormmick nicht bemerkt, dass der Ring um das Haus verschwunden war? Warum waren sie dem Blasenhaufen nicht gefolgt? Ich heulte fast vor Wut. Als wir noch oben gestanden hatten, hatte ich kurz mit dem Gedanken gespielt, die Damen im Sanatorium durch einen Ruf auf uns aufmerksam zu machen, es dann aber doch nicht für nötig erachtet, als das Ding sofort auf uns reagiert hatte. Nun verfluchte ich mich dafür.

"Dann lege ich mit dem zweiten Kanister eine Lunte", rief Pater Benedict zurück. Wie er im Angesicht dieser Gefahr einen dermaßen klaren Kopf behalten konnte, war mir schleierhaft. Er legte den einen Kanister auf die Matratze, damit der Rest noch auslaufen konnte, dann griff er sich den zweiten, und begann, das Benzin in einer geraden Linie von den Matratzen aus über den Steg zu dessen Ende hin auszugießen, wobei er sich langsam zurückbewegte. Ob dies so gut funktionieren würde wie am Leuchtturm, war jedoch mehr als fraglich - zwischen den Bohlen des grob gefertigten Stegs befanden sich unterschiedlich große Ritzen, durch die ein Teil des Benzins direkt ins Meer troff. Außerdem wusste ich nicht, ob die Flamme diese Ritzen überspringen konnte. Und dann würde ja auch noch dieses Ding selbst im Weg sein. Es blieb uns jedoch nichts anderes übrig, als es zu versuchen - die Zeit drängte und nichts zu tun würde den sicheren Tod bedeuten.

Pater Benedict und ich hatten gerade das Ende des Stegs erreicht, als der Blasenhaufen am Fuß der Treppe eintraf. Nun begannen die einzelnen Blasen, zu einer einzigen, großen Blase zu verschmelzen, genau wie wir es bereits am Leuchtturm beobachtet hatten. Währenddessen holte der Pater sein Feuerzeug hervor und wir entzündeten eiligst unsere vier Pechfackeln. Zum Glück fingen sie schnell Feuer. Jeder nahm zwei. Als sich die Blase vollständig gebildet hatte, begann sie, sich uns mit ihrer etwas langsameren, normalen Geschwindigkeit zu nähern. Sie füllte die komplette Breite des Stegs aus und wälzte sich über die Matratzen hinweg, scheinbar ohne von ihnen Notiz zu nehmen.

Der Pater murmelte etwas Unverständliches - vermutlich ein Stoßgebet an den Herrn - dann senkte er eine seiner Pechfackeln auf die von ihm gelegte Lunte. Auch ich betete, dass die Flamme bis zu den Matratzen vordringen würde. Das Benzin zu Pater Benedicts Füßen fing Feuer, dann sprang die Flamme auf die nächste Planke über. Dann auf die nächste. Und auf die nächste. Und immer so weiter. Es schien, als sollte uns wenigstens dieses Mal das Glück hold sein! Nun kam es jedoch darauf an: Würde die Flamme unter der Blase hindurchlaufen? Ich hielt den Atem an. Etwa sieben Meter war die Blase noch von uns entfernt, als die Flamme sie erreichte - und mit einem Zischen erlosch. Davon vollkommen unbeeindruckt wälzte sich das Blasen-Ding weiter auf uns zu.

Fassungslos starrte ich auf das absterbende Feuer der Lunte. Ich wollte schreien, brachte aber keinen Ton hervor. Nun blieb uns nur noch der Sprung ins Wasser. Wenn jedoch das Feuer nicht brannte, würde uns das Ding am Strand erwarten. Um die Steilklippen herum ans andere Ende der Insel zu schwimmen, um dort am flachen Strand an Land zu kommen, das würde uns mit Sicherheit nicht gelingen - vorher wären wir in dem eiskalten, aufgewühlten Wasser erfroren oder ertrunken. So oder so sah ich für uns kaum mehr eine Chance, dem Tod zu entrinnen. "Werfen Sie Ihre Fackeln!", brüllte mich Pater Benedict an. "Das ist unsere letzte Chance! Werfen Sie Ihre Fackeln auf die Matratzen!"

Damit würde ich mich jeder noch so geringen Möglichkeit berauben, mir das Blasen-Ding eventuell doch noch vom Leib halten zu können. Aber der Pater hatte recht: Das war in der Tat die letzte Möglichkeit, die uns noch blieb. Die Blase war inzwischen auf sechs Meter heran. Deutlich konnte man die schleimige Konsistenz ihrer Oberfläche erkennen, wie auch dieses unnatürliche, rötliche Leuchten, das von ihr ausging. Dieses Ding gehörte nicht hierher - es war hier einfach falsch. Bei der Vorstellung, einen ähnlich qualvollen Tod erleiden zu müssen wie Blanche oder Henry Adam Barber packte mich das nackte Grauen. Aber: Ich musste allen Mut zusammennehmen - denn es gab nur eine einzige Möglichkeit, dem zu entgehen: Eine der Fackeln musste treffen oder wir waren verloren.

Ich warf die erste Fackel. Sie beschrieb einen hohen Bogen und landete zischend im Wasser neben dem Steg. Ich zögerte nicht lange und warf die Zweite hinterher - ebenfalls ins Wasser. Damit hatte ich meine beiden Chancen vertan. Nun lag alles in den Händen von Pater Benedict.

"Springen Sie, Sie können mir eh nicht mehr helfen!", brüllte mir der Pater zu und warf seine erste Fackel. Sie landete auf dem Sandstrand hinter den Matratzen. Die Blase hatte sich uns inzwischen auf fünf Meter genähert. Irgendetwas tat sich an ihrer Oberfläche: An der uns zugewandten Seite entstand eine Delle, die sich nach innen wölbte - es sah aus, als würde sie irgendwie Schwung holen. In diesem Moment siegte meine Angst - ich stieß mich so fest ich konnte vom Steg ab. Ich sah noch, wie Pater Benedict seine zweite und letzte Fackel warf. Gleichzeitig ploppte die Delle in der Blase nach vorn und es bildete sich ein rötlicher Lichtschlauch, der auf den Pater zuschoss. Dann durchschlug ich die Wasseroberfläche.

Ich wusste nicht genau, wie tief, aber ich hatte das Gefühl, dass ich nach meinem Sprung ziemlich weit nach unten gerauscht war. Ich zwang mich, die Augen zu öffnen. Das Salzwasser brannte auf meiner Netzhaut, sehen konnte ich jedoch rein gar nichts - nur absolute Dunkelheit. Dann kam der Kälteschock. Ich hatte ja damit gerechnet, dass das Wasser kalt sein würde, aber nicht so kalt - fast hätte ich vor Schreck die Luft aus den Lungen gelassen. Ich musste so schnell wie möglich an die Oberfläche und ans Ufer zurück. Ich ruderte wie wild mit Armen und Beinen, wusste aber nicht, wohin. Wo war oben? Hatte ich mich beim Eintauchen gedreht? Statt nach oben zu schwimmen, schien es mir, dass mich meine vollgesogene Kleidung eher weiter nach unten zog - mir fehlte der Auftrieb. Gleichzeitig nahm der Druck auf meine Ohren stetig zu und die Kälte ließ meine Glieder taub werden. Zunehmend hilfloser und verzweifelter ruderte ich weiter mit Armen und Beinen - zumindest hoffte ich dies, denn spüren konnte ich sie bereits nicht mehr. Dennoch hatte ich nicht den Eindruck, dass ich mich auch nur einen Millimeter von der Stelle bewegte. Und allmählich wurde meine Luft knapp.

Als mir klar wurde, dass ich jegliche Orientierung verloren hatte, wallte Panik in mir auf. Die Atemnot war kaum noch zu ertragen - ich musste mich mit meinen ganzen Willen gegen den Reflex stemmen, einzuatmen. Meine Lungen brannten, mein Brustkorb krampfte sich zusammen - dann ging es nicht mehr: Ich riss den Mund auf und Luftblasen quollen daraus hervor. Das salzige Wasser drang in meinen Rachen. Ich hustete noch einmal kurz, dann merkte ich, wie sich meine Lungenflügel mit dem kalten Wasser füllten. In einem letzten Aufbäumen krampfte sich mein ganzer Körper noch einmal zusammen, dann erschlaffte er. So würde es also enden. Meine Sinne schwanden.

Dann sah ich das Licht.

Fortsetzung in Teil 27: Feuchtes Grab
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Osric am 24. August 2009, 15:48:47

Dafür, dass wir solange darauf warten mussten, war es aber auch wieder unglaublich spannend. Ich hoffe du lässt uns mit dem Cliffhanger jetzt nicht zu lange alleine.
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: ElMorte am 24. August 2009, 21:58:26
Doch noch nicht zu Ende? *g*

Aber auch von mir ein Lob für diese Mühe. Da kann man echt nen Film von machen. Kann mir die Szenen gut bildlich vorstellen.

*ungeduldig auf das Ende wart*
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 24. August 2009, 22:52:45
Vielen Dank für das Lob!

Und so viel kann ich schon mal verraten: Es wird jetzt schneller gehen, versprochen. :)
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 31. August 2009, 23:43:05
Leider musste ich an Teil 25 ("Kalt erwischt") im Nachhinein noch eine kleine Korrektur vornehmen: Wie sich inzwischen herausgestellt hat, hatte Mrs. Stevens-McCormmick die Öllampe nicht aus der Haustür auf die Stufen geworfen, sondern aus einem der Fenster auf der Seite des Gebäudes, die den Schuppen zugewandt war, wo Pater Benedict und ich uns zu diesem Zeitpunkt aufgehalten hatten, um die Pechfackeln zu basteln.

Ich hoffe, ihr könnt mir diesen kleinen Faux pas verzeihen - die Entschädigung folgt auf dem Fuß. ;)
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 31. August 2009, 23:50:36
Teil 27: Feuchtes Grab

Fortsetzung Session 05.04.2008

Es war ein orangefarbenes Schimmern in der Dunkelheit. Mit dem letzten Funken meines Bewusstseins nahm ich wahr, dass irgendetwas an meiner Schulter ruckte. Ich wurde gezogen, hin zu dem Lichtschein. Wie durch ein Wunder schaffte ich es, nicht in Ohnmacht zu fallen. Das Schimmern wurde immer heller, bis es schließlich gelb war. Nun leuchtete es auch nicht mehr gleichmäßig, sondern schien zu flackern.

Dann durchstieß mein Kopf die Wasseroberfläche. Luft! Ich wollte atmen, schaffte es aber nicht. Mit jedem Versuch würgte ich nur salziges Wasser hervor. Dann bemerkte ich plötzlich Hitze auf meinem Gesicht. Das Leuchten stammte von dem Steg: Er stand lichterloh in Flammen! Neben mir schwamm eine Gestalt im Wasser - Pater Benedict! Er hatte mit einer Hand meine Schulter gepackt und zerrte meinen reglosen Körper in Richtung Ufer.

Nach wenigen Schwimmzügen hatte er den Strand erreicht und schleppte sich auf den Sand, während er mich gleichzeitig halb an Land zog. Auf allen Vieren kroch er ein Stück weiter den Strand hinauf und hustete und würgte dabei Wasser aus - offenbar war es ihm auch nicht viel besser ergangen als mir. Ich konnte mich immer noch nicht bewegen, merkte aber, dass mir Wasser aus Mund und Nase floss. Als der Pater wieder halbwegs atmen konnte, kroch er zu mir zurück, zog mich ein paar Meter weiter den Strand hinauf bis zur Felskante und wälzte mich auf die Seite.

"Mr. Mannock! Versuchen Sie, zu atmen!", befahl er mit rauer Stimme. Ein größerer Schwall Wasser quoll aus meinem Mund heraus, dann merkte ich, wie meine Lungen wieder etwas freier wurden. Rasselnd sog ich Luft ein, musste aber sofort wieder würgen. "Gut, versuchen Sie's weiter", keuchte der Pater und klopfte auf meinen Rücken.

Ein paar Minuten würgte, spuckte und hustete ich noch, dann gelang es mir schließlich, wieder gleichmäßig zu atmen - wenn auch nur flach. Die Hitze des Feuers half dabei, das Taubheitsgefühl im Rest meines Körpers zumindest teilweise zu vertreiben, so dass es mir kurz darauf sogar gelang, mich aus eigener Kraft aufzusetzen und mit dem Rücken gegen die Felswand zu lehnen.

"Wo...?", brachte ich nur hervor, dann wurde ich von meinem eigenen Husten unterbrochen. Pater Benedict, der neben mir saß und noch immer sichtlich erschöpft nach Atem rang, deutete mit dem Zeigefinger auf das Ende des Stegs. "Da sitzt es", verkündete er, nicht ohne ein gewisses Maß an Genugtuung in seiner Stimme. "Die Letzte hat getroffen", fügte er hinzu. Ich kniff die Augen zusammen, um durch den hellen Feuerschein etwas erkennen zu können. Tatsächlich: Am Ende des Stegs hockte die Blase und rührte sich nicht. Der Rückweg war ihr durch das Feuer versperrt und unter ihr befand sich nur noch das Meer. Sie saß in der Falle, genau wie wir es geplant hatten. "Aber... der Schlauch?", fragte ich. "Hat mich nicht erwischt", antwortete der Pater und schaffte es dabei sogar, sich ein schiefes Grinsen abzuringen. Ich glaube, hätte er in diesem Moment eine Zigarre gehabt, hätte er sie sich angesteckt. "Aber nun seien Sie besser still und ruhen sich aus", fügte er hinzu, "ich werde versuchen, Hilfe zu holen."

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/paterwilliambenedict.jpg)

Ich konnte es kaum fassen. Dieser Teufelskerl von einem Gottesmann hatte es tatsächlich geschafft, mit seiner letzten Fackel die Matratzen zu entzünden, war dem Angriff der Blase ausgewichen, ins Meer gesprungen, und hatte mich dann auch noch aus dem Wasser gezogen, wobei er fast selbst ertrunken wäre. Für diesen Mut und diese Selbstlosigkeit bewunderte ich ihn aufrichtig - und nicht zuletzt hatte ich ihm auch noch mein Leben zu verdanken.

Aber noch hatten wir nicht gewonnen: Das Feuer begann bereits, kleiner zu werden. Nicht nur der Steg brannte - auch der kurze Bohlenweg bis hin zur Felswand. Die hölzerne Treppe, die das letzte Stück bis zu den Steinstufen bildete, stand ebenfalls in Flammen. Man würde also eine etwa 1,50 Meter hohe Felswand erklimmen müssen, um auf die Steinstufen zu gelangen. Glücklicherweise hatte uns der Pater an jener Seite des Stegs an Land gebracht, an der sich die Treppe befand - andernfalls hätten wir durch das Feuer gar keine Chance gehabt, an die Steinstufen heranzukommen. Nichtsdestotrotz war an eine solche Kletterpartie in meinem jetzigen Zustand nicht zu denken - zwar konnte ich flach atmen und auch meine Arme und Beine bewegen, aber für jegliche Form der Anstrengung war ich einfach noch zu schwach.

Pater Benedict stand auf, entfernte sich ein paar Schritte von der Felswand und suchte mit seinen Augen die Treppe ab. "Immer noch nichts. Wo stecken die bloß?", fragte er mehr zu sich selbst. Vermutlich befürchtete er genau wie ich, dass den Damen doch etwas zugestoßen sein könnte. Mrs. Stevens-McCormmick hatten wir ja schreien hören - vielleicht nur vor Schreck, aber wer konnte das schon genau wissen? Hoffentlich ging es ihnen gut.

"Vielleicht haben Sie einfach nur nichts mitbekommen", versuchte Pater Benedict, uns Mut zu machen. Dann begann er, lautstark die Namen von Lady Gordon und Mrs. Stevens-McCormmick zu rufen, und dass wir am Steg wären und ihre Hilfe bräuchten. Danach warteten wir zwei Minuten - nichts. Keine Damen, keine Antwort. Er versuchte es erneut. Wieder nichts.

Allmählich lief uns die Zeit davon: Das Feuer brannte immer weiter herunter und irgendwann würde es klein genug geworden sein, so dass sich die Blase wieder vom Steg auf den Strand bewegen konnte - und dann hatten wir ihr nichts mehr entgegenzusetzen. So weit durften wir es auf keinen Fall kommen lassen - so eine Chance wie jetzt würden wir mit Sicherheit nicht noch einmal kriegen.

Pater Benedict brüllte sich die Seele aus dem Leib. Immer wieder rief er nach den Damen, dann lauschte er ein bis zwei Minuten, dann rief er erneut. Nach fünfzehn Minuten war seine Stimme derartig heiser geworden, dass weitere Versuche keinen Sinn mehr hatten. Das Feuer hatte inzwischen erheblich nachgelassen und die Blase war bereits ein gutes Stück näher gekommen, offenbar auf der Suche nach einem Ausweg. Pater Benedict wollte sich gerade resigniert von der Felswand abwenden, als er stockte und wieder nach oben starrte. "Ich glaube, da kommen sie", sagte er, fast ungläubig. Tatsächlich: Lady Gordon und Mrs. Stevens-McCormmick kamen mit einer brennenden Öllampe die Treppe herab, offenbar beide relativ wohlauf. Einige Momente später standen sie in etwa fünf Metern Höhe direkt über uns auf der Treppe, und die ersten Sätze, die Lady Gordon uns zurief, verschlugen uns glatt die Sprache: "Was ist denn hier los? Haben Sie ein Problem?"

Pater Benedict und ich starrten uns einen Moment lang fassungslos an. "Äh, ja", rief der Pater schließlich nach oben, "wir brauchen die Symbole. Bitte kommen Sie herunter und helfen Sie uns, das Ding auf dem Steg zu halten." Anscheinend bemerkten die Damen erst jetzt, dass die Blase auf dem Steg hockte. Es folgte aufgeregtes Gemurmel, dann ertöne Lady Gordons Stimme erneut: "Mrs. Stevens-McCormmick hat die Zeichnung von Annephis dabei, aber die Muschel müsste eigentlich noch Mr. Mannock haben."

Pater Benedict schaute mich fragend an. Verdutzt tastete ich die Taschen meines Jacketts ab. Lady Gordon hatte recht: In einer der Innentaschen fand ich die Muschel. Jetzt fiel es mir auch wieder ein: Wir hatten uns während der letzten Nacht ja dabei abgewechselt, durch das Fenster im Obergeschoss den Lichtkreis zu beobachten und im Foyer die Patienten zu bewachen. Dabei hatten wir die Symbole immer an denjenigen weitergegeben, der nach unten ging. Und da ich als Letzter die Patienten bewacht hatte, befand sich die Muschel noch in meinem Besitz. Peinlicherweise hatte ich dies in der Aufregung vollkommen vergessen und war davon ausgegangen, dass Lady Gordon sie noch hatte. Verlegen übergab ich die Muschel an Pater Benedict, der es sich natürlich nicht nehmen ließ, mich dabei mit einem strafenden Blick zu mustern.

Die Holzstufen waren inzwischen so weit niedergebrannt, dass Mrs. Stevens-McCormmick sich an den tiefsten Punkt der Steintreppe wagen und von dort auf den Strand herunterspringen konnte. Bei der Landung stürzte sie zwar unsanft in den Sand, konnte sich aber sofort wieder aufrappeln. Nun  sah man auch, dass ihr Kleid an der linken Schulter ein großes Brandloch aufwies, unter dem eine nicht unerhebliche Menge verschrumpelten Fleisches zu erkennen war. Dieses verdammte Ding hatte sie also doch erwischt!

"Ich gehe auf die andere Seite", verkündete sie, watete kurz entschlossen ein Stück ins Meer hinein und zwängte sich unter dem Steg hindurch. Ihr plötzlicher Mut verblüffte mich - vermutlich hatte sie mit dem Ding noch eine persönliche Rechnung offen. Wie auch immer, jedenfalls zögerte sie nicht, auf der anderen Seite des Stegs bis zum Bauchnabel ins Wasser zu waten und der Blase dabei das Symbol der Annephis mit grimmiger Entschlossenheit entgegenzurecken. Pater Benedict tat es ihr auf dieser Seite des Stegs mit dem Symbol auf der Muschel gleich.

Tiefer als bis zur Taille wollten sich Pater Benedict und Mrs. Stevens-McCormmick jedoch nicht ins Wasser wagen - zum einen war es natürlich immer noch sehr kalt, zum anderen erhöhte sich die Gefahr, dass einer von ihnen ausrutschte und das Symbol verlor. Nichtsdestotrotz zeigte das Blasen-Ding auf dem Steg tatsächlich eine Reaktion: Es wich ein Stück zurück. Bis zum Ende des Stegs waren es allerdings noch ein paar Meter.

Lady Gordon, die inzwischen auch auf den Strand heruntergesprungen war, schlüpfte unter dem Steg hindurch zu Mrs. Stevens-McCormmick. "Klettern Sie hoch, ich halte derweil das Symbol", schlug sie ihr vor. Vorsichtig nahm Lady Gordon das Blatt in die Hand und Mrs. Stevens-McCormmick ließ es los. Dann kletterte Letztere auf den Steg und nahm es oben wieder in Empfang - all dies, ohne es auch nur für einen Sekundenbruchteil von der Blase abzuwenden. Dann stieg auch Lady Gordon auf den Steg hinauf und übernahm auf die gleiche Weise auf der anderen Seite die Muschel von Pater Benedict, der sich daraufhin aus dem Wasser zurückzog und sich zu mir gesellte. Gebannt beobachteten wir, was nun geschehen würde.

Lady Gordon und Mrs. Stevens-McCormmick machten einen zaghaften Schritt auf die Blase zu, wobei sie ihr die Symbole entgegenhielten. Die Blase wich die gleiche Strecke zurück. Ich hielt den Atem an - jeden Moment rechnete ich damit, dass sie einen Lichtschlauch auf eine der Damen abschießen oder eine von ihnen ihrem Willen unterwerfen würde. Doch nichts dergleichen geschah. Offenbar hatten die Damen nun etwas mehr Mut gefasst und machten einen weiteren Schritt auf die Blase zu. Wieder wich sie zurück und hatte nun das Ende des Stegs erreicht. Nun würde sich zeigen, ob die Geschichte der Annephis, wie sie im Castro-Manuskript niedergeschrieben worden war, stimmte. Würde sich dieses Mistding wirklich ins Meer treiben lassen? Ich wagte es kaum zu hoffen.

Entschlossen gingen Mrs. Stevens-McCormmick und Lady Gordon einen weiteren Schritt auf die Blase zu. Einige Sekunden lang, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen, passierte nichts. Dann geschah es: Mit einem Mal wälzte sich die Blase von uns aus gesehen nach links vom Steg herunter und ließ sich ins Wasser fallen! Sofort eilten Lady Gordon und Mrs. Stevens-McCormmick zurück, sprangen vom Steg herunter und bauten sich vor mir und Pater Benedict auf. Vorsichtig wateten sie etwa knietief ins Wasser hinein und richteten die Symbole auf das offene Meer hinaus, um zu verhindern, dass sich das Ding wieder ans Ufer wälzen konnte.

Es verstrichen einige Sekunden, ohne dass etwas geschah. "Ich glaube, da drüben ist was!", rief Pater Benedict und deutete auf das Wasser auf der anderen Seite des Stegs. Lady Gordon fluchte, dann rannten die Damen schleunigst über den nur noch schwach glimmenden Steg hinweg auf die andere Seite, wo sie sich erneut aufbauten.

"Hier ist es, direkt vor mir!", kreischte Mrs. Stevens-McCormmick. Kaum hatte sie diesen Satz beendet, explodierte vor ihr die Wasseroberfläche und eine Fontäne aus rötlichem Schleim ergoss sich über sie. Sie stieß einen spitzen Schrei aus und ließ sich ins Wasser fallen, wo sie offenbar verzweifelt versuchte, sich den Schleim vom Körper zu rubbeln. Lady Gordon sprang zu ihr hin, hielt das Symbol über sie und versuchte, sie dabei so gut wie möglich zu unterstützen. All dies geschah so schnell, dass Pater Benedict und ich noch nicht einmal die Zeit hatten, vor Schreck aufzuschreien. Noch ehe wir uns wieder gefangen hatten, half Lady Gordon Mrs. Stevens-McCormmick schon wieder auf die Beine.

"Alles in Ordnung?", rief Pater Benedict den Damen zu. "Sie ist nicht verletzt", antwortete Lady Gordon, allerdings stand Mrs. Stevens-McCormmick der Schock ins Gesicht geschrieben. Keuchend rang sie nach Atem. Lady Gordon führte sie auf den Strand hinauf, dann watete sie jedoch zurück und fischte das Blatt aus den Wellen, das Mrs. Stevens-McCormmick bei ihrem Sturz natürlich fallen gelassen hatte. "Aber das Symbol ist hinüber!", informierte sie uns schließlich. "Behalten Sie drüben das Wasser im Auge, ich passe weiter hier auf!", fügte sie hinzu. Ein paar Minuten lang starrten Lady Gordon und Pater Benedict auf die Wellen, ohne dass sich etwas tat. Als Mrs. Stevens-McCormmick sich wieder etwas gefasst hatte, tat sie es ihnen gleich.

Zehn ereignislose Minuten später versammelten wir uns an der Stelle, an der ich saß, um uns zu beratschlagen. "Glauben Sie, das Ding ist tot?", fragte Pater Benedict in die Runde. Niemand von uns konnte dies mit Sicherheit beantworten. Falls nicht, standen wir allerdings mit nunmehr nur noch einem Symbol auf ziemlich verlorenem Posten. Lady Gordon zeigte uns das Blatt, das Darlene in ihrer Annephis-Identität gezeichnet hatte: Von dem Symbol war nur noch ein verwaschener Fleck übrig.

Ich fühlte mich inzwischen wieder kräftig genug, um zu versuchen, aufzustehen. Mit der Hilfe von Pater Benedict kam ich wieder auf die Beine. Ich wollte so schnell wie möglich zu Dr. Tiller, um mich von ihm untersuchen zu lassen. Die anderen wollten jedoch auf Nummer sicher gehen und mindestens noch so lange das Meer beobachten, wie es ihnen der letzte Rest Tageslicht gestatten würde. Mit vereinten Kräften hievten mich Pater Benedict und die Damen die 1,50 Meter zu den Steinstufen empor, danach konnte ich meinen Weg allein fortsetzen.

Ich schleppte mich die Treppe hinauf und dann den Weg entlang zum Sanatorium. Nach wie vor konnte ich nur sehr flach atmen und musste langsam gehen, um nicht vor Anstrengung die Besinnung zu verlieren. Schließlich fand ich Dr. Tiller in der Bibliothek, zusammen mit Darlene und Colonel Billings. Als er mich sah, sprang er sofort auf und holte eilends seine Arzttasche. Ich berichtete ihm, dass ich ins Wasser gefallen und fast ertrunken wäre. Er klopfte mir auf den Rücken und horchte mit einem Stethoskop meinen Brustkorb ab. "Ich fürchte, da kann ich nicht viel tun", teilte er mir schließlich mit, "Sie haben immer noch Wasser in der Lunge. Sie muss wahrscheinlich punktiert werden. Tut mir leid, aber das geht nur in einem Krankenhaus. Bis dahin sollten Sie sich aber auf jeden Fall schonen - vermeiden Sie jede Art von Anstrengung."

Wie es schien, würde ich ab jetzt für uns nicht mehr von großem Nutzen sein. Ich konnte nur hoffen, dass dies auch nicht mehr nötig war. Dafür sprach, dass sich dieses Ding hatte ins Meer treiben lassen, genau wie im Castro-Manuskript beschrieben. Das ließ natürlich die Hoffnung zu, dass es nun - genau wie dort auch beschrieben - vernichtet worden war. Andererseits: Konnten wir uns wirklich den Luxus leisten, diesem Manuskript voll und ganz zu vertrauen? War dieses Blasen-Ding tatsächlich eines jener Wesen, die darin als "jene, die warten" bezeichnet wurden? Wie auch immer, für mich zumindest würde dieser Tag vorbei sein. Ich zog mir trockene Kleidung an und legte mich auf eine der Matratzen in der Bibliothek.

Bevor ich einschlief, sagte ich mir immer wieder, dass wir es jetzt überstanden hatten.

Und doch - irgendwie hatte ich ein ungutes Gefühl.

Ende Session 05.04.2008

Fortsetzung in Teil 28: Phönix
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Der Wurm am 02. September 2009, 11:13:11

Super das es weitergeht mit der Geschichte. War wieder spannend zulesen  :thumbup:
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 11. September 2009, 23:28:09
Dramatis personae: Pater William Benedict

Mein Name ist William Stuard. Ich wurde vor 35 Jahren als erster Sohn von Eva und James Stuard in Dublin geboren.

Meine Mutter führte erfolgreich einen Kolonialwarenladen. Mein Vater war ein erfolgreicher Jurist. So wuchsen meine jüngere Schwester und ich wohlbehütet, ohne finanzielle Nöte, im schönen, grünen Irland auf.

Meine Mutter ging voll und ganz in ihrem Laden auf. Mein Vater frönte in seiner Freizeit seinem Hobby, der Astrologie. Meine Schwester sang im Chor von Ross Errilly und schrieb Gedichte über unser schönes Heimatland.

An einem Spätsommer-Wochenende, ich hatte mein Studium in Geschichte beendet, freute ich mich auf meine Anstellung am historischen Institut zu Dublin, die ich in den nächsten Tagen antreten würde.

An diesem Abend sollte sich mein Leben komplett ändern.

Meine Eltern verabschiedeten sich, sie wollten einen schönen Abend in der Oper verbringen. Meine Schwester und ich hatten es uns gemütlich gemacht, als es an der Tür klingelte. Hatten unsere Eltern etwas vergessen? Nein, als ich die Tür öffnete, standen dort zwei Polizisten, die einen bedrückten Eindruck machten. Auf meine Frage nach dem Grund ihres Besuches, baten sie um Einlass. Ich führte sie in den Salon und bot ihnen einen Platz an. Meine Schwester war mittlerweile auch hinzugekommen. Dort eröffneten uns die Beamten, dass unsere Eltern einen Unfall hatten und diesen bedauerlicherweise nicht überlebt hatten. Meine Schwester brach daraufhin zusammen, so dass wir unseren Hausarzt rufen mussten.

Am nächsten Tag informierte ich unsere Verwandten. Der Bruder meines Vaters, er ist Abt in einem Kloster im County Galway, meldete sich für den kommenden Tag an. Er trug mir auf, niemanden in Vaters Arbeitszimmer zu lassen. Nach seiner Ankunft ging unser Onkel mit uns in Vaters Arbeitszimmer. Er öffnete einen geheimen Tresor, von dem ich bis dato nichts gewusst habe, und entnahm ihm einige Dokumente. Nach einer kurzen Erklärung eröffnete er uns, dass wir in großer Gefahr seien. Deswegen müssen wir unser Elternhaus sofort verlassen. Wir packten alles zusammen, was wir an Geld, Schmuck und anderen Wertsachen hatten. Dann machten wir uns auf den Weg. Meine Schwester ging in ein Nonnenstift, wo sie ihre Ausbildung beenden konnte. Sie lebt jetzt in den Vereinigten Staaten und hat gerade ihren zweiten Gedichtband veröffentlicht. Unser Elternhaus, den Laden meiner Mutter und alle anderen Güter veräußerten wir. Ich selbst folgte meinem Onkel ins Kloster. Nach einiger Zeit begann ich, die Bibliotheken der Franziskaner in ganz Europa zu sichten und zu archivieren.

Jetzt bin ich Pater Benedict!

(http://www.trollscave.de/rpg/shcthulhusanatorium/paterwilliambenedict.jpg)

Anmerkung: Der Hintergrund wurde auf jene Dinge gekürzt, die den anderen Spielern bekannt sein dürfen.
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 11. September 2009, 23:31:32
So, der fehlte noch. Damit sind die Charaktere jetzt endlich komplett. :)
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 19. September 2009, 22:43:01
Teil 28: Phönix

Session: 19.04.2008

7. Tag

Ich erwachte, als das Licht der aufgehenden Sonne auf meine Augen fiel. Ich blinzelte, richtete mich auf und sah mich um - ich war allein? Meine Taschenuhr zeigte 7 Uhr an. Ich beschloss, aufzustehen und nachzuschauen, wo die anderen waren.

Als ich aus der Bibliothek ins Foyer trat, fiel mir als erstes Lady Gordon auf, die in einer unnatürlich verkrümmten Haltung auf einem Stuhl auf der Empore im ersten Stock saß - oder besser: lag. Der Stuhl war einem der Fenster zugewandt, die über dem Haupteingang in Richtung des Wegs zum Steg zeigten, so dass ich sie nur von hinten sehen konnte. Erschrocken hastete ich so schnell es mir in meinem Zustand möglich war die Treppe hinauf und zu ihr hin.

"Lady Gordon?", versuchte ich, sie anzusprechen, während ich mich ihr näherte. Sie schrak auf - ein Glück, sie hatte nur geschlafen! Einen Moment lang blickte sie sich verwirrt um, dann beugte und streckte sie sich, um ihre Knochen zu sortieren, wobei sie ihr Gesicht schmerzhaft verzog. "Verflixt, ich muss eingeschlafen sein", stellte sie dabei fest. "Was machen Sie denn hier oben?", wollte ich von ihr wissen. "Na, Wache halten", antwortete sie mir in einem Tonfall, der keinen Zweifel daran ließ, dass sie dies für eine ausgesprochen dumme Frage gehalten hatte. "Sie scheinen ja alle der Auffassung zu sein, dass wir uns keinerlei Sorgen mehr zu machen brauchen", fügte sie mit leicht vorwurfsvollem Unterton hinzu. Ich beschloss, darauf nicht näher einzugehen. "Wo sind überhaupt die anderen?", fragte ich stattdessen. "Die Patienten sind auf ihren Zimmern und Mrs. Stevens-McCormmick, Pater Benedict und Dr. Tiller haben sich erlaubt, sich jeweils in eines der Gästezimmer zur Ruhe zu betten", antwortete sie, ohne die ironische Färbung ihrer Stimme abzulegen. Offenbar war sie etwas empört darüber, dass sich niemand bereit erklärt hatte, sie bei ihrer Wache zu unterstützen oder abzulösen.

Wie auch immer - ich beschloss, das Frühstück vorzubereiten, während Lady Gordon sich zunächst einmal frisch machen wollte. Nach und nach kamen auch die anderen die Treppe herunter und Dr. Tiller holte Darlene und Colonel Billings aus ihren Zimmern, so dass wir wenig später alle am Frühstückstisch versammelt waren.

Ich kündigte den anderen an, dass ich mich ab jetzt würde schonen müssen, um meine Gesundheit nicht noch weiter zu gefährden, dann stellte ich die folgende Frage, die mir auf den Nägeln brannte: "Hat sich von ihnen schon mal jemand Gedanken darüber gemacht, was wir erzählen sollen, wenn wir von der Insel herunterkommen? Denn wenn wir sagen, was wirklich passiert ist, dann landen wir mit Sicherheit in der Klapsmühle." Keiner der Anwesenden reagierte auf meinen Einwurf. Ich blickte etwas erstaunt in die Runde, aber scheinbar wollte mich niemand gehört haben. Den Rest des Frühstücks nahmen wir schweigend ein, dann zog sich Dr. Tiller mit den Patienten in die Bibliothek zurück und ich beschloss, mich in eines der Gästezimmer zu legen, um mich auszuruhen.

Wenig später klopfte es an meiner Zimmertür. Als ich öffnete, blickte ich in die Gesichter von Lady Gordon, Mrs. Stevens-McCormmick und Pater Benedict. "Wir sollten durchaus darüber sprechen, was Sie vorhin am Frühstückstisch erwähnt haben", eröffnete Lady Gordon das Gespräch, "aber vielleicht sollten wir Dr. Tiller dabei erst einmal außen vor lassen." Ich bat sie herein. "Wir müssen ihn aber schon irgendwann mit einbeziehen", erwiderte Pater Benedict, "denn wenn sich unsere Aussagen unterscheiden, werden entweder wir oder er im Gefängnis landen." - "Aber wenn wir uns erst einmal alle abgesprochen haben, dann wird es vielleicht auch einfacher, ihn davon zu überzeugen, sich dem anzuschließen", entgegnete Lady Gordon. Dagegen hatte niemand etwas einzuwenden.

Nachdem sich alle einen Sitzplatz gesucht hatten, versuchten wir uns zunächst an einer Bestandsaufnahme: Die Leichen von Dr. Brewer, Ebenezer, Bobby Birch, Catherine Ames und Melba Carson, die allesamt von Charles Johnson umgebracht worden waren, hatten wir nahe der Steilküste verbrannt, wovon die Überreste noch deutlich zu erkennen waren. Die Leiche von Charles Johnson, den ich erschossen hatte, war verschwunden. Der vertrocknete Körper von Blanche lag noch immer im Foyer und die gleichsam zugerichteten Überreste von Henry Adam Barber und Leonard Hawkins hingen noch in den Fenstergittern in ihren jeweiligen Zimmern. Hinzu kam der aufgeplatzte und zerkochte Leichnam von Allen Harding im Behandlungszimmer im Obergeschoss, sowie die zerstückelten Überreste von Cecil Randolph und des Ornithologen auf dem Steintisch im Norden der Insel. Schnell wurde uns klar, dass es unmöglich war, eine Geschichte zu erfinden, die imstande gewesen wäre, diese ganzen Toten und vor allen Dingen deren Zustand plausibel zu erklären und im Zweifelsfall sogar einem Verhör standzuhalten, ohne dass wir uns verdächtig machen oder für völlig übergeschnappt gehalten würden.

Und - wie Pater Benedict anmerkte - war das ja noch nicht alles: Der Steg war halb abgebrannt, der Leuchtturm völlig, und ein paar Stellen des Waldes hatten wir ebenfalls angezündet. Auch das Sanatoriumsgebäude selbst machte einen alles andere als unverdächtigen Eindruck: Mehrere Einschusslöcher in den Wänden, überall Kampf- und Blutspuren, zerschlagene Fensterscheiben, die zerschmetterte Hintertür, und nicht zuletzt unser eigener Zustand und derjenige unserer Kleidung - all dies würden wir zu erklären haben.

Nein - uns blieb nur, so nahe wie möglich an der Wahrheit zu bleiben, andernfalls würden wir uns mit Sicherheit in Widersprüche verstricken. Bis zu jenem Punkt, an dem ich Charles Johnson erschossen hatte, war dies ja auch unproblematisch - obschon wir inzwischen auch diese Ereignisse nicht mehr beweisen konnten, da Johnsons Leichnam verschwunden war und wir dessen Opfer bis zur Unkenntlichkeit verbrannt hatten - eine Kurzschlussreaktion, für die ich mich nun hätte ohrfeigen können. Aber zumindest würden sich unsere Aussagen bis zu diesem Zeitpunkt decken, auch mit derjenigen von Dr. Tiller. Die Frage war bloß, was danach kommen sollte.

Lady Gordon schlug vor, wir sollten die Vermutung vorgeben, dass das Wasser oder die Lebensmittel vergiftet gewesen seien und dies Wahnvorstellungen bei uns ausgelöst hätte. Diese Idee stieß bei mir und den anderen allerdings auf wenig Gegenliebe: Einerseits erschien uns das kaum glaubhaft, andererseits zu leicht nachprüfbar. Pater Benedict war eher dafür, unsere "Wahnvorstellungen" - wenn wir diesen Weg schon einschlagen wollten - allgemein mit den traumatischen Ereignissen zu begründen, die wir vorher bereits erlebt hatten. Aber auch mit diesem Vorschlag war keiner von uns wirklich glücklich.

In diesem Moment hörten wir Schritte aus dem Foyer. Durch die noch offen stehende Zimmertür sahen wir Dr. Tiller, der aus der Bibliothek gekommen war und nun zum Haupteingang hinausging. Pater Benedict warf einen Blick aus dem Fenster. "Er geht in Richtung Steg", informierte er uns schließlich. "Solange wir nicht genau wissen, was Dr. Tiller den Beamten sagen wird, bleibt uns nichts anderes übrig, als uns dumm zu stellen und zu erzählen, dass wir gar nichts gesehen hätten", merkte ich an. "Dann wird es vielleicht mal an der Zeit, herauszufinden, was Dr. Tiller weiß oder zu wissen glaubt", erwiderte Mrs. Stevens-McCormmick. Damit waren wir einverstanden. Da wir jedoch nicht allesamt über ihn herfallen wollten, erklärte sie sich auch gleich dazu bereit, diese Aufgabe zu übernehmen, und folgte dem Doktor in Richtung Steg. Lady Gordon beschloss, nun endlich ihre entgangene Nachtruhe nachzuholen, und zog sich auf eines der Gästezimmer zurück, während sich Pater Benedict und ich in die Bibliothek begaben, um auf Mrs. Stevens-McCormmicks Rückkehr zu warten.

Es dauerte keine zwanzig Minuten, bis sie wieder in die Bibliothek trat, offensichtlich etwas gereizt. "Er hält nach Schiffen Ausschau", verkündete sie, "und wenn man das Gespräch auch nur ansatzweise auf das Thema 'außerirdisches Monster' lenkt, reagiert er äußerst ungehalten." - "Hat er wirklich 'außerirdisches Monster' gesagt?", fragte ich sie. Mrs. Stevens-McCormmick bejahte. Das erschien mir merkwürdig. Ich war mir ziemlich sicher, dass wir Dr. Tiller gegenüber noch nie den Verdacht geäußert hatten, dass dieses Ding außerirdischen Ursprungs sei - mir jedenfalls war dieser Gedanke überhaupt noch nicht in den Sinn gekommen. Hatte er vielleicht doch mehr gesehen als er zuzugeben bereit war und sich schon selbst etwas zusammengereimt? Oder hatte er diese Begriffe gewählt, um seiner Verachtung Ausdruck zu verleihen? Wie auch immer, im Grunde war es einerlei - er würde kaum bereit sein, dies zu diskutieren, und ganz sicher würde er nichts davon bei einem Verhör zu Protokoll geben.

Ich fragte Mrs. Stevens-McCormmick, welche Erklärungen er denn für die ganzen Vorgänge hier hätte, und sie berichtete, dass er Charles Johnson für einen wahnsinnigen Mörder halten würde, dessen Beweggründe er aber nicht erahnen könne. Bezüglich Allen Harding wäre er wohl der Ansicht, dass es sich um spontane Selbstentzündung oder ein bisher unbekanntes medizinisches Phänomen gehandelt hätte, und auf die anderen Toten wäre er überhaupt nicht eingegangen. Was unser Verhalten anginge, so würde er eine Massenhysterie beziehungsweise -halluzination vermuten.

Das war im Wesentlichen das, womit wir gerechnet hatten, und wir waren uns auch ziemlich sicher, dass Dr. Tiller dies alles auch genau so den Beamten erzählen würde, sollte es tatsächlich zu einem Verhör kommen - was uns angesichts der Umstände, unter denen man uns auffinden würde, mehr als nur wahrscheinlich erschien. Ich befürchtete sogar, dass man uns zumindest so lange aus dem Verkehr ziehen würde, bis der Sachverhalt geklärt wäre oder feststand, dass man uns nichts nachweisen konnte. Wenn es ganz schlecht lief, wäre es auch gut möglich, dass man uns sicherheitshalber bis ans Ende unserer Tage wegsperren würde. Besser, ich dachte nicht darüber nach. Noch waren wir ohnehin nicht gerettet.

Wir einigten uns jedenfalls schnell darauf, dass es das Klügste und Plausibelste wäre, wenn wir bei Dr. Tillers Aussage einfach mitspielen würden: Die schrecklichen Ereignisse hätten unsere Sinne vernebelt und wir könnten uns an nichts mehr erinnern. Eine Erklärung für die entstellten Leichen hätten wir nicht - fertig. Eine andere Möglichkeit, die ganze Sache glaubwürdig zu erklären, ohne uns mit Dr. Tiller zu widersprechen, sahen wir nicht.

"Ach, da war noch etwas", merkte Mrs. Stevens-McCormmick an, "Dr. Tiller hat mich gefragt, ob wir schon mal nach der Leiche von Charles Johnson gesucht hätten." Pater Benedict hielt das für eine gute Idee, ich jedoch wusste nicht, wo wir damit hätten anfangen sollen - am Wahrscheinlichsten erschien es mir noch, dass das Blasen-Ding, als es den Lichtschlauch um das Sanatorium gebildet hatte, den Leichnam mitgenommen und dann irgendwo fallengelassen hatte - vielleicht sogar ins Meer. Pater Benedict schlug vor, dass wir ja wenigstens mal am Leuchtturm nachschauen könnten, bevor wir hier nur nutzlos herumsitzen würden. Mrs. Stevens-McCormmick erklärte sich bereit, ihn dabei zu begleiten, ich jedoch zog es vor, mich dieser Anstrengung nicht zu unterziehen, und mich stattdessen auf die Couch in der Bibliothek zu legen, um mich zu schonen.

Gut anderthalb Stunden später trat Mrs. Stevens-McCormmick wieder in die Bibliothek, um mir zu berichten, dass sie die Leiche von Charles Johnson tatsächlich oben auf dem ausgebrannten Leuchtturm vorgefunden hätten. Allerdings sei sie nur noch durch den zerstörten Hinterkopf, den meine Gewehrkugel verursacht hatte, zu identifizieren gewesen, und hätte sich ansonsten in einem ähnlichen Zustand befunden wie die Leichen von Blanche, Henry Adam Barber und Leonard Hawkins. Ich nahm es zur Kenntnis, wusste allerdings nicht, was uns diese Information nun gebracht hatte. "Und wo ist Pater Benedict jetzt?", fragte ich. "Zum Steg hinunter, er will noch mal mit Tiller reden", lautete ihre Antwort.

Wir warteten noch bis zur Mittagszeit auf Pater Benedicts Rückkehr, jedoch vergeblich. Dann ging Mrs. Stevens-McCormmick in die Küche, um das Essen zuzubereiten. Auf dem Weg dorthin begegnete sie dem Pater offenbar im Foyer, als dieser gerade von draußen hereingekommen war. Durch die offen stehende Bibliothekstür konnte ich ihre Unterhaltung mit verfolgen: Pater Benedict berichtete, dass er mit Dr. Tiller zumindest ins Gespräch gekommen wäre. Die beiden hätten sich dazu entschlossen, an der Steilküste ein Signalfeuer zu entfachen und nach vorbeifahrenden Schiffen Ausschau zu halten, was in der momentanen Situation sicherlich das Sinnvollste wäre. Pater Benedict wollte zwei Stühle und zwei Decken aus dem Sanatorium holen, damit es die beiden draußen etwas bequemer hätten. Mrs. Stevens-McCormmick erklärte sich bereit, eine heiße Kanne Tee aufzubrühen, dann entschwand sie in die Küche, während Pater Benedict offenbar ins Obergeschoss ging, um die gewünschten Utensilien zu holen. Wenig später hörte ich, wie er - etwas schwerfälliger - die Treppe wieder herunterkam und das Gebäude verließ.

Als Mrs. Stevens-McCormmick mit der Zubereitung unseres Mittagsmahls fertig war, holte sie mich und die Patienten aus der Bibliothek, weckte Lady Gordon und rief auch nach Pater Benedict und Dr. Tiller. Letztere wollten aber wohl ihren Posten nicht aufgeben, und so kam nur der Pater kurz vorbei, um für sich und Dr. Tiller etwas zu essen und die Kanne mit dem Tee zu holen.

Nach dem Mittagessen zogen wir uns mitsamt den Patienten in die Bibliothek zurück und verbrachten dort den gesamten restlichen Nachmittag. Ich versuchte, mich mittels leichter Lektüre etwas von den Geschehnissen der letzten Tage abzulenken. Lady Gordon tat es mir gleich, während Mrs. Stevens-McCormmick sich eingehend mit dem Castro-Manuskript beschäftigte. Als die Dämmerung hereinbrach, gesellte sich auch Pater Benedict wieder zu uns und berichtete, dass er und Dr. Tiller kein Schiff gesehen und schließlich beschlossen hätten, es für heute gut sein zu lassen. Der Pater machte Darlene und Colonel Billings bettfertig und brachte sie auf ihre Zimmer, dann griff er sich ebenfalls irgendein Buch aus einem der Regale und begann zu lesen. Lady Gordon verkündete jedoch, dass sie sicherheitshalber auch diese Nacht wieder auf der Empore Wache halten wolle. Sie begab sich wieder auf ihren Posten über dem Haupteingang, von dem sie den Weg zum Steg und durch die geöffnete Tür des Gästezimmers auch den Weg in Richtung Leuchtturm im Auge behalten konnte.

Mit dem fortschreitenden Abend wuchs in mir die Hoffnung heran, dass wir es tatsächlich überstanden haben könnten - immerhin war es nun schon gegen Mitternacht und das Blasen-Ding hatte sich nicht mehr gezeigt. Wenn wir nur noch bald gerettet werden würden...

In diesem Moment riss mich die Stimme von Lady Gordon aus meinen Gedanken, die in markerschütternder Lautstärke jenen Satz kreischte, der sofort jegliches Gefühl der Zuversicht in mir wie eine Seifenblase zerplatzen und in blankes Entsetzen umschlagen ließ:

"ES IST WIEDER DA!"

Für eine Sekunde starrten wir uns nur erschrocken und ungläubig an. Dann warf Pater Benedict sein Buch beiseite und war mit einem Satz am Fenster. "Nein", brachte er nur hervor, dann stürmte er zur Tür hinaus. Mrs. Stevens-McCormmick war nur den Bruchteil einer Sekunde langsamer und stürzte die Treppe zu Lady Gordon hinauf. "Ich will mit der Muschel zum Steg, kommen Sie mit?", schrie diese ihr entgegen. "Aber... was soll ich denn machen?", fragte Mrs. Stevens-McCormmick verzweifelt. "Weiß ich auch nicht", entgegnete Lady Gordon ihr nur, dann hasteten sie die Treppe wieder hinunter und hinter Pater Benedict her zum Haupteingang hinaus.

Ehe ich mich versah, war ich allein. Ich sah keinen Sinn darin, den anderen kopflos hinterher zu rennen. In meinem Zustand würde ich eh nicht mit ihnen Schritt halten können und eine Hilfe wäre ich ihnen auch nicht gewesen. Ich wusste aber auch nicht, was die Damen und Pater Benedict jetzt noch zu erreichen hofften - mit nur einem einzigen Symbol würden sie das Ding nicht in Schach halten können.

Ich stand auf und schlurfte ins Foyer. Durch den geöffneten Haupteingang konnte ich es nun auch sehen: Über die Kante der Steilküste schien das rötliche Leuchten, das mir inzwischen nur allzu vertraut war - genau an der Stelle, an der sich der Steg befand. Kein Zweifel: Dieses Mistding war wieder aus dem Meer gekrochen. Davor konnte ich noch die Silhouetten von Pater Benedict, Lady Gordon und Mrs. Stevens-McCormmick erkennen, die auf das Leuchten zueilten - zweifelsohne in ihr Verderben.

Ich wand mich ab und ging wie in Trance in den Patiententrakt, schloss die Sicherheitstür zum Foyer und kauerte mich in die Nische, in der wir Bobby Birch gefunden hatten, und in die wir uns nun schon so oft hatten zurückziehen müssen. Dort wartete ich, den Kopf in den Armen vergraben. Wir hatten alles versucht: Wir hatten dieses Ding am Leuchtturm durch eine Flammenhölle gejagt und es hatte ihm scheinbar nichts ausgemacht. Das Sonnenlicht schien es zwar zu meiden, aber wirklich gefährlich konnte es ihm wohl auch nicht werden. Es ins Meer zu treiben, war unsere letzte Hoffnung gewesen. Wenn das nun auch nicht funktioniert hatte, was blieb dann noch? Mir fiel nichts mehr ein und ich hatte auch keine Lust, noch länger darüber nachzudenken. Ich war es einfach satt. Ich wollte nur noch, dass es endlich vorbei war.

Ich zog den Colt meines Cousins Edward aus der Innentasche meiner Jacke. Er hatte ihn bei seinen Luftgefechten immer bei sich getragen, um seinem Leben ein Ende setzen zu können, bevor er im schlimmsten Fall dazu verdammt sein würde, in seinem brennenden Wrack einen qualvollen Flammentod zu erleiden. Bei seinem letzten Flug hatte er es jedoch aus irgendwelchen Gründen nicht geschafft, ihn abzufeuern. Jetzt hatte ich den Colt und befand mich in einer ähnlichen Situation. Ironie des Schicksals? Ich überprüfte die Waffe - die einzige Kugel steckte noch immer im Lauf. Würde ich die Chance bekommen, die Edward versagt geblieben war?

Ich hörte ein Geräusch aus dem Foyer. Ich nahm den Colt in die Hand und presste die Mündung an meine rechte Schläfe, dann richtete ich den Blick starr auf die Sicherheitstür. Ich wusste nicht, ob ich den Mut aufbringen würde, im entscheidenden Moment abzudrücken.

Aber eines wusste ich ganz genau: Lebend sollte mich dieses Mistvieh nicht bekommen.

Fortsetzung in Teil 29: Das Ende
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Osric am 21. September 2009, 17:19:53
Und noch ein Cliffhanger. Immer wenn man denkt es geht nicht mehr, kommt von irgendwo eine rosa Blase her.
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Halvar am 21. September 2009, 22:27:19
Und noch ein Cliffhanger.

Naja, aber dafür ist es auch - wie Du Dir sicher denken kannst - der Letzte. :)
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Der Wurm am 22. September 2009, 14:11:06
Danke fürs update. Auch wenn diesmal ja (ausnahmsweise :)) nichts actionreiches passiert ist.
Titel: Cthulhu: Das Sanatorium
Beitrag von: Fliege am 23. August 2010, 18:18:54
gibt es eigentlich Hoffnung, dass das Ende noch veröffentlicht wird *>*?