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Workshop => Story Hour => Thema gestartet von: Niobe am 09. Oktober 2009, 00:36:16

Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 09. Oktober 2009, 00:36:16
Nach langer Pause gibt's eine neue High-Level-Kampagne mit den Helden aus Rundreise durch die Reiche/ Bastion der Gebrochenen Seelen (http://forum.dnd-gate.de/index.php/topic,14854.0.html (http://forum.dnd-gate.de/index.php/topic,14854.0.html)). Spielsystem ist eine Mischung aus 3.5, Pathfinder und einigen Hausregeln. Zu Beginn sind alle Charaktere auf Stufe 17.
Die neue Kampagne spielt etwa 8 Jahre nach den Ereignissen der alten. Nach einer beinahe tödlichen Begegnung mit zwei Nachtkriechern in einer Pocketdimension der Schattenebene mussten sich die Gefährten geschlagen geben und das Abenteuer abbrechen.  Inzwischen haben sie alle wieder zu ihrem vor-abenteuerlichen Leben zurückgefunden, haben geheiratet, sind Eltern geworden... Oder so ähnlich.


ERSTES BUCH
STADT DER GLÄSERNEN GESÄNGE


Kapitel I: Die Entführung  


Grimwardt
Abtei des Schwertes, Schlachtental, am Nachmittag
Grimwardt Fedaykin schnaubte missmutig, als er den Turnierplatz betrat und ehrfurchtsvolles Raunen die Menge der Zuschauer erfasste. Wie er diesen Humbug hasste!
Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie in der letzten Reihe der Tribüne die Rekruten des dritten Jahrgangs unter der Hand Wetten darauf abschlossen, wie lange sein Gegner wohl gegen ihn durchhalten würde. Eine Reihe unter ihnen reckte Grimwardts junge Nichte Scarlet ihren hübschen roten Lockenkopf, um ja nichts von dem zu verpassen, was dort unten vor sich ging, während Dorat der Bibliothekar, wenig begeistert von seiner Rolle als Kindermädchen, sie immer wieder auf ihren Platz zurück zerren musste, damit sie bei all dem Gerecke und Gehopse nicht vorn über fiel. Der Gedanke an Scarlets Mutter trug nicht eben dazu bei, Grimwardts düstere Stimmung zu heben. Erst gestern hatte seine Schwester ihre Tochter wieder in der Abtei abgeladen ohne es für nötig zu befinden, irgendeine Erklärung abzugeben. Sie schien in Eile, doch das war Winter eigentlich immer. Und die Götter mochten wissen, wer der Vater der Kleinen war.
Sicher war nur, dass Grimwardt Scarlets Anwesenheit hier wenig zugetan war: Schließlich war die Abtei des Schwertes seit dem verheerenden Überfall vor fünf Jahren kein sicherer Ort mehr. Eine Allianz abtrünniger Drow-Familienclans aus dem Unterreich, die nach Lolths Wiedergeburt von den Priesterinnen der Spinnenkönigin vertrieben worden waren, war mit vereinten Kräften in die Talländer eingefallen. Bei der Verteidigung des Schlachtentals hatte die Abtei des Schwertes eine zentrale Rolle gespielt. Nur unter schweren Verlusten hatten sie die Invasion abwehren können.
Welche Verschwendung von Kampfeswillen, dachte Grimwardt darum grimmig, während von der anderen Seite sein Turniergegner, Jareth Burlisk, der Anführer der Schwertgeschworenen, den Turnierplatz betrat und mit allerlei Klamauk die Menge bei Laune hielt. Hätte es die Abtei, der es seit dem Überfall an Männern fehlte,  nicht bitter nötig, für sich zu werben, so hätte Grimwardt diesem Mummenschanz niemals zugestimmt.
Nachdem der zwergische Waffenmeister Borgo vom Clan der Feisten Faust die Regeln verlesen hatte, begann der Kampf. Bereits Grimwardts erster Axthieb brachte Jareth völlig aus dem Gleichgewicht, während dessen Verteidigung allenfalls einen Kratzer in Grimwardts Rüstung hinterließ. Ein enttäuschtes Raunen ging durch die Reihen der Zuschauer und Grimwardt fing Jareths tadelnden Blick auf, der so etwas wie „Du sollst ihnen eine Schau liefern“ zu besagen schien. Grimwardt zuckte mit den Schultern. Dann eben anders. Da sein Versuch, Jareth zu entwaffnen nicht fruchtete, versuchte er ihn zu Boden zu ringen, was dank seiner massigen Gestalt und der dicken Rüstung auch ohne weiteres gelang. Der Krieger ächzte vernehmlich, als Grimwardt es sich mit dem gelangweilten Blick des überlegenen Siegers auf seinem Rücken bequem machte und gelassen seinen feuerroten Bart streichelte. Die Menge grölte vor Lachen.
In all dem Tumult wäre Scarlets überraschter Schrei beinahe untergegangen. Als Grimwardt zu seiner Nichte blickte, sah er nur noch, wie das Mädchen bewusstlos in die Arme des Bibliothekars sank. Ehe der Abteileiter auch nur aufspringen und ihren Namen rufen konnte, waren beide verschwunden. Sofort brach die Hölle los: Die Novizen aus der obersten Reihe, die alles mit angesehen hatten, sprangen Zeter und Mordio schreiend von ihren Sitzen auf. Die Menschen auf den Tribünen, von denen kaum jemand das eigenartige Schauspiel verfolgt hatte, schienen zu glauben, ihnen selbst drohe Gefahr und sprangen gehetzt von den Bänken auf, um wie eine aufgebrachte Herde dem Ausgang zuzuströmen.
„Kümmere dich darum“, knurrte Grimwardt an Jareth gewandt, den er unsanft auf die Beine zog, ehe er sich, immer zwei Bänke auf einmal nehmend, durch die Menge an den Ort des Geschehens kämpfte. Nachdem er die aufgebrachten Rekruten zur Ruhe gerufen hatte, ließ er sie einzeln vortreten. Ihren Ausführungen zufolge hatte der Entführer Scarlet zunächst mit einem Giftpfeil betäubt und sich dann mit ihr fort teleportiert.
Einer der Schüler überreichte Grimwardt einen schwarzen Hut, der auf Scarlets Sitzplatz gelegen hatte. Ein anderer Rekrut wollte gesehen haben, wie der Bibliothekar ihn kurz vor der Entführung hatte fallen lassen. Als der Oberste Gläubige das Kleidungsstück in die Hand nahm, vibrierte es leicht und ein magischer Mund, der sich über der Hutkrempe bildete, sprach: „Grimwardt Fedaykin, wenn Ihr Eure Nichte wieder sehen wollt, seid heute Abend zur Achten Stunde in Whisper’s Braustube in Myth Drannor.“ Kaum war die Nachricht übermittelt, verschwand der magische Mund und der Hut zerfiel zu Staub.
„Als ob wir nicht genug Probleme hätten“, grummelte Grimwardt. Doch es wollte ihm nicht ganz gelingen, seine Sorge mit Missmut zu überspielen.
Myth Drannor. Ein eigenartiger Treffpunkt. Grimwardts Wissen nach glich die wiedererrichtete Elfenstadt noch immer einem Trümmerfeld. Doch Grimwardt war ein Kämpfer, der keinen unnötigen Gedanken verschwendete, wenn die Situation Taten erforderte.
„Sattelt mein Pferd“, befahl er darum einem der Absolventen. Wenn er zur achten Stunde in Myth Drannor sein sollte, würde er die Schnelligkeit seines Kampfrosses durch magische Mittel verstärken müssen. Vor seiner Abreise suchte er Jareth auf, um ihm für die Zeit seiner Abwesenheit die Leitung der Abtei zu übertragen und ihm den Auftrag zu geben, die Bibliothek zu durchforsten. Grimwardt glaubte nicht daran, dass diese Aktion auf dem Mist eines siebzigjährigen Bücherwurms gewachsen war, dessen einziges Laster bisher seine Liebe zum Rum gewesen war. Gerade als er aufbrechen wollte, erschien Borgo, der Waffenmeister, um Grimwardt mitzuteilen, dass er soeben einen Mann in Grimwardts Arbeitszimmer geführt habe, der vorgab, Scarlets Vater zu sein.
Tempus steh mir bei, dachte Grimwardt düster. Offenbar die Art von Vater, die immer nur dann auftaucht, wenn man sie gerade nicht braucht. Und so staunte der Abteivogt nicht schlecht, als er sein Arbeitszimmer betrat: Der Besucher, der es sich mit lässig unterschlagenen Beinen auf Grimwardts Arbeitstisch bequem gemacht hatte, war kein Anderer als Dorien Dantés, magiekundiges Mitglied seiner alten Abenteuergruppe und ein unverbesserlicher Weiberheld.
„DU bist Scarlets Vater?“, fragte Grimwardt fassungslos. Ein wenig mehr Verstand hätte er sogar seiner Schwester zugetraut.
„Ich freue mich auch dich zu sehen“, erwiderte Dorien sarkastisch. „Ich sehe, du bist beschäftigt“, fügte er mit einem abwertenden Blick auf Grimwardts dreckverschmierte Rüstung hinzu. „Keine Angst, ich bin schon wieder so gut wie weg. Ich bin nur hier, um Scarlet abzuholen. Alle zwei Monate wohnt sie bei mir. Heute sollte ich sie auf Winters Hausboot in Hlondeth abholen. Doch Winter und Scarlet waren nicht dort und dieser Dreikäsehoch von einem Stellvertreter gab mir die Auskunft, dass ich meine Tochter hier finden würde.“
„Sie ist nicht hier“, erklärte Grimwardt brüsk. „Sie wurde entführt.“
Der entsetzte Aufschrei und die Schimpftirade, die der Tempelvorsteher erwartet hatte, blieben aus. Stattdessen blickte Dorien seinen ehemaligen Mitstreiter mit skeptisch gerunzelter Stirn an, als warte er auf irgendetwas. Dann wurde er plötzlich kreidebleich.
„Du… du meinst das ernst, ja?“
„War ich je für meine Scherze bekannt?“, knurrte Grimwardt.
Leicht verzögert kamen der Aufschrei und die Schimpftirade dann doch noch. Grimwardt stellte seine Ohren auf Durchzug und begann ein paar Dinge einzupacken, die er für die Reise brauchen würde. Gut, dass er dank des Turniers bereits gerüstet war. Die Rüstungszeremonie nahm immer Ewigkeiten in Anspruch. Allerdings musste er sich nun, da Dorien mit seinem Hokuspokus hier war, ohnehin nicht mehr beeilen, um rechtzeitig in Myth Drannor zu sein. Als sein früherer Mitstreiter sich ein wenig beruhigt hatte, ging er dazu über, ihm den Tathergang zu schildern.
„Sollen wir Winter benachrichtigen?“, fragte der Vater der Entführten schließlich zögernd.
„Sie wird ausrasten.“
„M-hm.“
Grimwardt zuckte mit den Schultern. „Meinetwegen. Gehen wir sie suchen.“
In diesem Moment platzte Jareth mit einer weiteren Neuigkeit ins Zimmer. Dorat, der Bibliothekar, war tot in der Bibliothek aufgefunden worden. Von einem Giftpfeil durchbohrt. Höchstwahrscheinlich ermordet von dem Entführer, der seine Gestalt angenommen hatte, um in Scarlets Nähe zu gelangen. Grimwardt seufzte und legte Jareth den Arm auf die Schulter.
„Sorg’ dafür, dass er ein anständiges Begräbnis erhält.“
   
Nimoroth
Windigwasser, ein Waldelfendorf im Cormanthorischen Wald
Es hatte den ganzen Tag geregnet und noch immer tropfte es hier und da von den Blättern der Schattenkronen. Unter dem Geruch des regennassen Waldes erschnupperte Nimoroth den Duft seiner Heimat. Auch wenn er sie nicht hörte, spürte er doch die Anwesenheit der Elfenwächter, die durch das Gebüsch schlichen. Seine Ankunft in Windigwasser war also nicht ungemerkt geblieben. Ein Blick auf Nerûl, seinen treuen Gefährten, verriet dem Druiden, dass auch der Tiger erkannte, wo sie waren. Allein Laguna, sein sechsjähriger Sohn, tapste ganz in Gedanken versunken neben seinem Vater her. Dies war das erste Mal, dass er Laguna mitnahm in sein Heimatdorf und die Aussicht auf Gesellschaft machte den Jungen sichtlich nervös. Immerhin waren die einzigen Lebewesen, die Laguna bisher neben den tierischen Bewohnern des Waldes kennen gelernt hatte, seine dryadische Mutter und sein elfischer Vater. Als Nimoroth die Nachricht seiner Mutter erhalten hatte, die ihn zur Hochzeit seiner Schwester einlud, war sein erster Gedanke gewesen, dass das Fest die ideale Gelegenheit wäre, um Laguna seiner Familie in Windigwasser vorzustellen.
„Ist es noch weit?“, fragte Laguna.
„Wir sind bereits da“, erklärte Nimoroth und blieb vor einer der Schattenkronen stehen. Unter den staunenden Augen seines Sohnes sprach er die magischen Worte, die die Sprossen im Stamm des mächtigen Baumes entstehen ließen.
Im Baumhaus, das vom Boden aus nicht zu sehen war, empfing Nimoroths Mutter die Gäste. Nachdem sie Sohn und Enkel herzlich begrüßt hatte, bat sie die beiden zu Tische und reichte Laguna zum Tee kandierte Früchte.
„Eine ziemlich spontane Entscheidung, diese Hochzeit“, leitete Nimoroth das Gespräch ein.
„Du kennst doch deine Schwester“, seufzte seine Mutter. „Wechselhaft und unbeständig wie ein Blatt im Wind. Heute will sie Priesterin werden und morgen beschließt sie aus heiterem Himmel sich den Widerkehrern von Myth Drannor anzuschließen. Und diesmal sollte es eben eine Hochzeit sein.“ Nimoroths Mutter schüttelte besorgt den Kopf. „Wenn du mich fragst, ist sie viel zu jung zum Heiraten. Keine hundert Jahre. Aber was rede ich; ich kann sie ja doch nicht davon abhalten. Ich hoffe nur, sie macht sich nicht unglücklich.“
„Wer ist eigentlich der Bräutigam?“
„Gelodin Silberreif“, erklärte seine Mutter mit einem müden Lächeln. „Der Sohn des Dorfpriesters. Ein angesehener junger Mann und äußerst vernünftig. Aber steif wie ein Sonnenelf, wenn du weißt, was ich meine.“
Einen Augenblick später erschien Nimoroths Schwester Esme, umringt von einem Pulk kichernder Freundinnen, auf dem Treppenabsatz und flog ihrem Bruder förmlich in die Arme. Lachend präsentierte sie sich ihm in ihrem Hochzeitsstaat, während sie ihm zehn Fragen auf einmal stellte ohne eine einzige Antwort abzuwarten und dazwischen noch Zeit fand Laguna zu begrüßen, der seine Tante mit derselben furchtsamen Faszination betrachtete, die er auch einer unbekannten Monsterspezies entgegengebracht hätte.  
Am Abend begann die Hochzeitsfeier: Wie es in Windigwasser Brauch war, kam die Familie des Bräutigams mit Geschenken zum Haus der Braut, wo Esme in ihrer Überschwänglichkeit beinahe ihren Hochzeitskranz vergessen hätte, als sie dem überrumpelten Gelodin um den Hals fiel. Zusammen zogen die beiden Familien, von Gesang und Harfenspiel begleitet, über die Hängebrücken, die die Schattenkronhäuser des Dorfes miteinander verbanden, zum Tempel des Corellon Larethian. Auf dem Weg schlossen sich ihnen andere Dorfbewohner an, während Kinder Feenstaub verstreuten. Im Tempel tauschten Esme und Gelodin die Trautschwüre und der Dorfpriester setzte ihnen die Brautkränze auf. In Windigwasser gab es keine rituellen Hochzeitsformeln. Es gab auch keine arrangierten oder zweckmäßigen Ehen wie es unter Mond- und Sonnenelfen manchmal Brauch war. Tatsächlich waren Hochzeiten zwischen waldelfischen Geliebten nichts weiter als eine öffentliche Bekanntgabe ihrer Liebe. Doch umso selbstverständlicher war es für die Bewohner von Windigwasser, dass eine Ehe, einmal geschlossen, für immer andauerte; und für Elfen war „für immer“ eine lange Zeit. Kein Wunder also, dass sich Esmes Mutter Gedanken machte um ihre wankelmütige Tochter…
Nachdem das Hochzeitspaar die Liebesschwüre ausgetauscht hatte, begab sich die Gesellschaft zum Dorfplatz. Am Rande der Lichtung war ein Büffet aufgebaut und Bänke aus umgestürzten Baumstämmen luden zum Verweilen ein. Es dauerte nicht lange, bis Laguna von den Dorfkindern zum Spielen entführt wurde und Nimoroth ein wenig Zeit fand, sich nach alten Bekannten umzusehen. Neben alten Freunden traf er auch die Elfe Hanali wieder, die sein Cousin Kalith und er einst in Westtor vor der Blutgier der Nachtmasken gerettet hatten. Von Hanali erfuhr Nimoroth, dass Kalith es bei den Elfenrittern von Myth Drannor zu einigem Ruhm gebracht hatte. Hanalis eigener Sohn diente unter seinem Befehl. Nimoroth freute sich für seinen Cousin, doch zugleich weckte der Gedanke an Kalith und die Abenteuer, die sie gemeinsam durchstanden hatten, in ihm eine eigenartige Schwermut. Nimoroth war niemals darüber hinweg gekommen, dass sie ihren letzten Auftrag nicht hatten vollenden können. Auf der Suche nach dem Seelenquell waren sie in die Katakomben der Stadt Westtor hinab gestiegen und von der Diebesorganisation der Nachtmasken in eine Falle gelockt worden, die sie auf die Schattenebene geführt hatte. Der Kampf gegen zwei Schattenkriecher hätte Kalith beinahe das Leben gekostet. Letztendlich hatten die Gefährten sich zurückziehen und ihre Suche aufgeben müssen. Wie viele schlaflose Nächte waren seither vergangen, in denen Nimoroth sich gefragt hatte, wie viele unschuldige Seelen durch seine Kapitulation den Tod gefunden hatten. Welches Unglück hätten sie verhindern können? Welche Verbrechen wären niemals geschehen, hätten sie damals nicht den Mut verloren?
Schlagartig riss der Schrei seines Sohnes Nimoroth aus seinen düsteren Gedanken. Alarmiert sprintete er zu der Gruppe von Kindern, die sich um Laguna und einen jungen Halbelfen geschart hatten, die sich ringend am Boden wälzten. Mit durchgreifender Hand beendete Nimoroth den Streit.
„Was ist hier passiert?“ verlangte er zu wissen, während er einige Mühe hatte, die beiden Streithähne davon abzuhalten, gleich noch einmal aufeinander loszugehen.
„Er sagt, ich sehe aus wie ein alter, runzliger Baum!“, keiferte Laguna.
„Petze!“
„Und dass mein Name klingt wie ein Mädchenname!“
Seufzend ließ Nimoroth von dem anderen Jungen ab, der sich gleich aus dem Staub machte, und zog seinen Sohn mit sich an den Rand der Lichtung. In Lagunas schwarzen Augen glitzerten bittere Tränen und auf seiner rindenbraunen Stirn hatte sich eine tiefe Zornesfalte gebildet. Nimoroth fasste den Jungen fest bei den Schultern, sodass er gezwungen war, seinem Vater ins Gesicht zu blicken.
„Laguna, der Junge hatte Unrecht“, sagte er ernst. „Doch du wirst noch oft erfahren, dass dein dryadisches Erbe bei anderen auf Unverständnis stößt. Du darfst deinem Zorn nicht freien Lauf lassen. Du musst lernen…“
„Wieso warst du mit mir nie in einer Stadt?“
„Was?“ Erstaunt hielt Nimoroth inne.
„Ich weiß, dass du manchmal in die Stadt gehst, um Re… Recherche zu machen“, erwiderte Laguna trotzig. „Warum hast du mich noch nie mitgenommen? Warum weiß ich nicht, was ein Aquadings ist? Und warum ist mein Wams dreckig und aus der Mode? Meluin hat gesagt, ich bin dumm, weil ich diese Sachen nicht weiß und die Mädchen haben alle gekichert...“
Nimoroth war sprachlos. Also darum ging es hier. Bis jetzt hatte er immer angenommen, Laguna liebe die Freiheit, die der Wald ihm bot. Das Baden im See. Das Herumtollen mit Nerûl. Die ausgedehnten Wanderungen mit seinem Vater.
Natürlich liebt er all das, erkannte er nun. Weil er nichts anderes kennt.
Nimoroth überlegte noch, wie er seine Abneigung gegen die Stadt mit all ihren Lastern und falschen Versprechungen seinem Sohn vermitteln sollte, als er einen dunklen Schatten über sich gewahrte. Als er nach oben sah, erblickte er einen großen Kolkraben. Der Vogel trug einen Hut im Schnabel, den er nun in Nimoroths Hände gleiten ließ. Gerade als der Elf die seltsame Zustellung herumdrehen wollte, formte sich eine Falte über der Hutkrempe, die einem sprechenden Mund ähnelte: „Nimoroth, wenn Ihr die Dryade Nyrael wieder sehen wollt, seid heute Abend zur Achten Stunde in Whisper’s Braustube in Myth Drannor.“
Der Hut vibrierte leicht, als der Mund zu lachen begann, und zerfiel dann zu Staub.
Nimoroth erstarrte. Seine Geliebte entführt? Er wusste, was das bedeutete: Entfernte sich eine Dryade für länger als einen Tag von ihrem Lebensbaum, so starb sie. War den Entführern bewusst, in welche Gefahr sie ihre Geisel gebracht hatten? War das etwa Teil ihres Plans? Sicher war nur, dass ihm nicht viel Zeit blieb. Zur Achten Stunde in Myth Drannor.
Eilig schickte Nimoroth seinen Sohn zu seiner Großmutter. Dann wirkte er einen Zauber, um den Raben nach dem Absender der Nachricht zu fragen. Ohne viel Erfolg. Nachdem er Laguna in der Obhut Nerûls und seiner Mutter zurück gelassen hatte, teleportierte Nimoroth in die Sternwälder. Dort, in der Krone von Nyrales Lebensbaum, der Eiche Nesaja, hatten sie ihr schlichtes Heim errichtet.
Ein Schaudern durchfuhr Nimoroth, als er erkannte, dass sich die ersten Blätter Nesajas bereits gelb verfärbt hatten…

Winter
Atkatla in Amn, Schwertküste
Über dem Eingang des Roten Stiers schaukelte ein rostiges Tavernenschild quietschend im Wind und aus dem Inneren der Hafenspelunke drang Winter ein Übelkeit erregender Geruchscocktail aus Schweiß, Bier und Pfeifenrauch entgegen. Das hysterische Zirpen der Grillen, untermalt vom Kreischen der Möwen,  war auch nicht eben atmosphärisch zu nennen.
„Nisch sehr einladend“, bemerkte Winters kalimshitischer Begleiter.
„Dann sind wir hier genau richtig“, erwiderte die Anführerin der Schwarzen Dahlie. Sie setzte ihren magischen Hut auf und ließ ihn einmal um ihren Kopf kreisen, um ihr Aussehen zu verändern. Dann trat sie ein.
Das Innere hielt was das Äußere versprach. Ein heruntergekommener Musikant spielte schwermütige Melodien auf einem klapprigen Klavier, während zwei Billardspieler die beiden Neuankömmlinge über das Spiel hinweg misstrauisch beäugten. Der muskulöse Wirt – Winter tippte auf mindestens ein Viertel orkisches Blut in seinen Adern – stand hinter dem Tresen und säuberte Bierkrüge wie Gastwirte es immer zu tun pflegen, wenn sie es darauf anlegen beschäftigt auszusehen.
„Hier wegen Arbeit?“, empfing sie der Wirt, der zu der Sorte Mann zu gehören schien, die davon überzeugt waren, dass vollständige Sätze ihre Männlichkeit untergruben. Winter folgte seinem Blick, der auf einen schmuddeligen Aushang neben der Theke wies. „Tänzerin gesucht.“
„Nein, eigentlich…“
„Hatte auch eher an was Jüngeres gedacht.“
Winter versteckte ihre Empörung hinter einem dümmlichen Lächeln. Was Jüngeres?!? Was bildete sich der Kerl eigentlich ein? Immerhin war sie gerade einmal Mitte Dreißig und hatte erst kürzlich horrende Summen für einen prächtigen Umhang ausgegeben, der angeblich die Haut um zehn Jahre verjüngte.
„Ha’n nur Bier“, kam der Wirt einer Bestellung zuvor.
„Ich hatte eigentlich eher an etwas… Anderes gedacht“, erwiderte Winter mit einem Wimpernaufschlag, der noch um einiges erotischer hätte sein können, wenn der Kerl sich seine letzte Bemerkung gespart hätte. „Sagt euch der Name Engelsstaub etwas? Wie steht es mit Teufelskraut, hm?“ Aus den Augenwinkeln beobachtete sie auch die Reaktion der beiden Billardspieler. Volltreffer. Ein Zucken um die Mundwinkel verriet den einen, ein zu abruptes Zustoßen mit dem Queue den anderen. Der Wirt blinzelte und leckte sich über die Lippen.
„Keine Ahnung, wovon Ihr sprecht.“
Es bedurfte noch einige Minuten intensiver Überredungskunst, ehe Winter bekam, was sie wollte.
„Wartet hier“, murmelte der Wirt, nachdem er einen alarmierten Blick mit einem der Billardspieler ausgetauscht hatte und verschwand in der Küche. Winters kalimshitischer Begleiter verlagerte nervös das Gewicht von einem auf das andere Bein. Offensichtlich hatte er sich seinen Aufstieg in der Hierarchie der Schwarzen Dahlie ein wenig einfacher vorgestellt.
Winter hatte schon seit einiger Zeit mit dem Gedanken gespielt, ins Drogengeschäft einzusteigen; bisher hatten ihr jedoch die Kontakte gefehlt. Alchemistische Substanzen, die eine kurzzeitige Steigerung der geistigen oder körperlichen Fähigkeiten bewirkten, standen bei Abenteuern an der Schwertküste derzeit hoch im Kurs. Der Rauschgifthandel wurde hier von den Schattendieben kontrolliert. Am Vilhongriff dagegen war die Konkurrenz noch gering und Winter war entschlossen, sich dieses viel versprechende Geschäft unter den Nagel zu reißen, ehe ein anderer es tat. Dazu kam, dass sie kurz vor der Hochzeit mit einem Piratenbaron stand, der eine Flotte auf der See des Sternregens befehligte. Sollte sich der Drogenhandel als Erfolg erweisen, so hätte Winter durch ihren zukünftigen Gatten die Möglichkeit, das Geschäft auf die Länder nördlich des Ozeans auszuweiten. Da erschien ihr Hamid, der kalimshitische Informant, der zuvor für die Schattendiebe gearbeitet hatte, wie ein Geschenk des Himmels. Durch Hamid hatte sie erfahren, dass der Drogenhandel der Schattendiebe in den Händen dreier Männer lag, die sich „das Triumvirat“ nannten. Ihr Hauptquartier befand sich angeblich hier in Atkatla. Ein Zauber, der eine große Menge an Pillen ausfindig machen sollte, hatte sie geradewegs hierher, in den Roten Stier geführt.
Nach einigen Minuten kehrte der Wirt zurück und machte Winter ein Zeichen ihm zu folgen. Als Hamid sich ihnen anschließen wollte, schüttelte er den Kopf.
„Er bleibt hier.“ Er sah zu den beiden Billardspielern hinüber. „Als Pfand.“
Hamid schien nicht allzu glücklich darüber, als Pfand herhalten zu müssen, fügte sich aber, als er Winters warnenden Blick auffing. Der Wirt führte sie in den Keller. Vor einer der Türen waren zwei fettleibige Kalimshiten mit Krummschwertern postiert. Auf ein Zeichen des Wirts hin ließen sie Winter passieren. Sie trat in einen schmutzigen Hinterhof, der zu allen Seiten von Hauswänden umschlossen war. In der Nähe der Tür saßen drei menschliche Roulette-Spieler an einem Spieltisch: ein Hüne von einem Mann, dessen dicke Oberlippen und raue Gesichtszüge ihn als einen Barbaren aus dem Norden auswiesen, eine Lady im Reifrock, die mit ihrer Turmfrisur und dem Schönheitsfleck über der Oberlippe wie eine Personifikation adliger Dekadenz wirkte, und schließlich ein kleiner, hagerer Kamlimshit, der, zwei Krummsäbel im Schoß überkreuzt, im Schneidersitz auf einem fliegenden Teppich harrte und grinsend sein diamantenes Gebiss zur Schau stellte. Die drei waren in eine Runde Roulette vertieft, doch anstelle von Geld oder Coupons horteten sie vor sich Berge von kleinen Beutelchen, die mit weißem, porösem Pulver und Pillen gefüllt waren. Turmfrisur hob als erste ihren gepuderten Kopf.
„Und wer seid Ihr?“
Winter nannte ihr ihren Decknamen. In den Augen der Spielerin blitzte ein blauer Funke und sie murmelte einige magische Worte. „Wer seid Ihr wirklich?“, fragte sie gelangweilt. „Und lasst doch bitte diese lächerliche Verkleidung.“
Scheinheilige Schlampe, dachte Winter, während sie ihre Verkleidung fallen ließ und den Roulette-Spielern ihren wirklichen Namen und ihr Anliegen nannte. Meine Verkleidung ist jedenfalls nicht halb so einfallslos wie deine.
Nun meldete sich Diamantengebiss zu Wort. „Ihr wollt Linzens für Drogenhandel an Vilhorngriff?“, fragte er mit einem Akzent, der zu stark war, um echt zu sein. „Die kann nur Triumvirat ausstellen.“ Dicke Lippe grunzte zustimmend.
„Und wie finde ich das Triumvirat?“
„Vielleicht könnten wir Euch weiterhelfen“, schlug Turmfrisur mit einem süffisanten Lächeln vor und wies einladend auf einen leeren Stuhl zu ihrer Rechten. „Wie Ihr seht ist noch ein Platz frei an unserem Tisch. Als Einsatz könntet Ihr einige Eurer magischen Gegenstände ins Spiel einbringen. Wie ich sehe tragt ihr derer nicht wenige. Spielt mit uns und wir sehen weiter.“
Winter lehnte ab. Tymora schien ihr heute wenig gewogen zu sein. Außerdem konnte selbst ein Blinder sehen, dass ihre Gegenstände weitaus wertvoller waren als die sich im Spiel befindlichen Rauschmittel. Turmfrisur zuckte nur mit den Schultern und widmete sich wieder dem Spiel. Offensichtlich hatten sie bereits das Interesse an Winter verloren. Während sie noch überlegte, was sie weiter tun sollte, wurde die Szene jäh unterbrochen: Hinter der Tür, die in den Roten Stier führte, erklangen laute Stimmen und das Surren von Klingen, die aus den Scheiden gezogen wurden. Die drei Roulette-Spieler warfen sich alarmierte Blicke zu. Der Kalimshite griff nach seinen Säbeln und lenkte seinen fliegenden Teppich über den Türrahmen, bereit jeden ungebetenen Gast von oben zu überraschen. Der schweigsame Nordmann brachte einen Knüppel zum Vorschein, den er wer weiß wo versteckt hatte, und die Frau mit der Turmfrisur ließ hastig die Pillen und Pulverbeutel unter einer magischen Illusion verschwinden und warf einen Blick über die Schulter. Winter folgte ihrem Blick mit den Augen und meinte in einem der Dachfenster Metall aufblitzen zu sehen.
Plötzlich begann die Luft zu vibrieren und ließ die Umgebung kurzzeitig verschwimmen. Winter wusste, was das zu bedeuten hatte: Jemand teleportierte sich in diesem Moment in den Hinterhof. Als die beiden Eindringlinge jedoch sichtbar wurden, klappte auch ihr die Kinnlade herunter.
„Grimwardt? Dorien? Was, zum Henker, macht ihr denn…?“
„Scarlet wurde entführt“, brüllte Dorien ihr über den Kampf hinweg zu, der in diesem Moment losbrach. Armbrustbolzen prasselten auf die Eindringlinge hinab. Der kleine Kalimshit näherte sich Grimwardt von hinten und rammte ihm gewieft seine beiden Krummsäbel in die Seite, ehe der gestandene Krieger den Gegner auch nur erblickt hatte. Erzürnt beim Anblick ihres verletzten Bruders schleuderte Winter ihm einen sengenden Strahl entgegen, der den Säbelschwinger beinahe von seinem fliegenden Teppich gefegt hätte.
„Nun komm endlich!“, dröhnte Grimwardt, während Dorien bereits begonnen hatte, die Teleportationsformel zu sprechen. Winter bekam noch in letzter Sekunde die Hand ihres Bruders zu fassen, ehe sie spürte, wie die Dimensionen sich überlagerten und ihre Umgebung vor ihren Augen verschwamm.
„Entführt!“, tobte sie los, kaum dass sie wieder festen Boden unter den Füßen spürte. „Was soll das heißen, Scarlet wurde entführt? Grim, wie konntest du das zulassen?“
„Ich habe dir gesagt, sie ist in der Abtei nicht sicher“, verteidigte sich ihr Bruder ruhig. „Ganz abgesehen davon, war ich da, als es passierte, während ihr zwei mal wieder irgendwo in der Weltgeschichte herum getingelt seid.“
Winter ging nicht auf seine Worte ein. Gerade war ihr eingefallen, dass sie sich vor einiger Zeit von einem Magier einen sehr nützlichen Zauber abgeschaut hatte: Der Magier hatte sich tanzend im Kreis gedreht und auf diese Art und Weise Aufschluss über die Gefühlslage eines Freundes erhalten, der sich meilenweit entfernt befand. Winter tat es ihm gleich und sprach dabei die magischen Worte des Magiers aus der Erinnerung. Doch nichts geschah. Scarlets Gefühle blieben ihr verschlossen.
„Hast du jetzt völlig den Verstand verloren?“, knurrte Grimwardt, der Stirn runzelnd ihre kleine Tanzeinlage beobachtet hatte. Dorien konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen… was er kurz darauf bitter bereute.
„Lach nur!“, fuhr Winter ihn an. „Das ist auch das einzige, was du beizutragen hast, wie? Wo warst du überhaupt die letzten acht Jahre?“
„Winter, wir…“
„Na sag schon!“
„Maztika. Winter, du…“
„Maztika!“, schnaubte Winter. „Weiter weg ging wohl nicht! Ist es dir je in den Sinn gekommen, dass Scarlet ihren Vater brauchen könnte?“
„Du bist doch diejenige, die hochschwanger bei Nacht und Nebel davon gelaufen ist“, grollte Dorien. „Ganz abgesehen davon, dass Scarlet über die Jahre hinweg genug Männer ihre Väter genannt hat!“, fügte er bissig hinzu. „Vielleicht hat ja einer deiner Ex-Ehemänner herausgefunden, dass du ihm ein Kuckuckskind ins Nest gesetzt hast, und hat sie aus Rache entführt!“
„Was soll das heißen?“, fauchte Winter. „Bin ich jetzt an dem Schuld, was passiert ist?“
„RUHE, ALLE BEIDE!“, donnerte Grimwardt mit seiner Titanenstimme.
Trotziges Schweigen.
Erst jetzt wurde sich Winter ihrer Umgebung bewusst. Sie standen im Schilf am Rande eines kleinen Weihers. Die Wellen glitzerten sanft im Abendlicht und ein Reiher hob elegant von der Wasseroberfläche ab. Hinter den Weiden am Uferrand erhoben sich die Türme einer wunderschönen Stadt vor dem vanillefarbenen Abendhimmel. Myth Drannor. Die Stadt der Liebe. Winter seufzte ernüchtert.
Plötzlich raschelte es hinter ihr im Unterholz.    
„Was macht ihr denn hier?“, fragte Nimoroth.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 09. Oktober 2009, 17:31:30
Sehr schön! Freue mich auf die Fortsetzung! ...und auf Hades ;)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: szorn am 09. Oktober 2009, 19:08:49
Ich auch. Gute Story. Gut geschrieben.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 11. Oktober 2009, 15:09:53
Kapitel II: Die Krypta des Baelnorn

Nimoroth
Kurz darauf in Myth Drannor
Die Elfenstadt Myth Drannor war einst berühmt gewesen für ihre atemberaubende Architektur und ihr kulturelles Vermächtnis. Doch nach der Verwüstung der Stadt durch die Armeen der Finsternis hatten Myth Drannor und der Elfenhof sechshundert Jahre lang in Ruinen gelegen – ein Eldorado für todesmutige Grabräuber und waghalsige Abenteurer. Erst acht Jahre war es her, dass sich im Zuge des Elfenkreuzzuges Elfen aus Immerdar hier niedergelassen hatten. Doch der Wiederaufbau der Stadt würde noch Jahre in Anspruch nehmen: Noch immer gab es zahlreiche Stadtviertel, in denen die Magie aufgrund des zerstörten Mythals, der die Stadt einst als Schutzschild umgeben hatte, verrückt spielte oder gar nicht funktionierte. Da architektonische Arbeiten in diesen Gebieten äußerst schwierig waren, lagen die meisten Gebäude hier noch immer in Schutt und Asche. Zudem gab es auch heute noch ungesicherte Portale. Um das liederliche Gezücht zu bekämpfen, das sich in den ungesicherten Gebieten von Myth Drannor herumtrieb, oder auch um noch etwas von den vielen versunkenen Schätzen der Hauptstadt von Cormanthyr abzustauben, bevor alles wieder in den Besitz der Elfen überging, waren aus ganz Faerûn Abenteuergruppen angereist. Die Regierung der Stadt um Fürstin Ilsevele Miritar war dankbar für jede Hilfe, hatte sie selbst doch wenig Zeit sich um den Wiederaufbau der Stadt zu kümmern. Schließlich lauerten im Norden bereits die Zhentarim, die der Wiedererrichtung einer elfischen Nation in ihrem Einflussgebiet wenig zugetan waren. Und auch die Menschenstädte des Mondsees und der Talländer blickten mit Misstrauen in Richtung des Elfenhofs.
Whispers Braustube lag am Rande eines Ruinengebiets. Das Wirtshaus, das einen großen, rustikalen Schankraum und eine Galerie umfasste, war bis auf den letzten Winkel besetzt. Und obgleich die Mehrzahl der Kundschaft elfischer Herkunft war, konnte Nimoroth auch zahlreiche Menschen und sogar den ein oder anderen Halbling unter den Gästen ausmachen. Wie in Abenteurerkneipen üblich wurde gelacht, getrunken, lamentiert, musiziert und Karten gespielt was das Zeug hielt. Die Wirtin war eine kleine grünhäutige Elfe (Nimoroth meinte auch ein wenig Nymphenblut und vielleicht sogar etwas von einer Seeelfe in ihr zu sehen) mit sehr eigenwilliger, zu Berge stehender Haarfrisur, die flink wie ein Eichhörnchen zwischen den Gästen umherwuselte, Bestellungen aufnahm, Essensberge auf winzigen Servierbrettern balancierte, mit dem ein oder anderen Besucher schäkerte und dazwischen noch die Zeit fand, einen Streit zu schlichten, der sich zwischen zwei konkurrierenden Abenteurergruppen anbahnte. Kaum hatten Nimoroth und seine Gefährten sich am letzten freien Tisch niedergelassen, war sie auch schon zur Stelle, um die Bestellung aufzunehmen. Als sie Grimwardt erblickte, stutzte sie.
„Ihr habt eine Nachricht für uns?“, tippte Nimoroth. Offenbar hatte er ihren Blick richtig gedeutet, denn die Elfe nickte eifrig und begann die zahlreichen Taschen und Beutelchen, die sie um die zierliche Hüfte trug, nach der Mitteilung zu durchsuchen.
„So muss es sein“, antwortete die quirlige Wirtin. „Ein großer, rotbärtiger Krieger und ein Waldelf, so hat er euch beschrieben. Wartet – hier ist die Nachricht.“
„Wer ist ‚er’?“, fragte Nimoroth, während die anderen die Pergamentrolle in Augenschein nahmen, die Whisper ihnen über den Tisch reichte. Sie enthielt einen Ring und den Ausschnitt einer Stadtkarte.
„Ein Mensch; hat seinen Namen nicht genannt“, erklärte Whisper, während sie den Nachbartisch abräumte und gleichzeitig ein Tablett mit Metkrügen, die der Küchenjunge zur Abholung auf die Theke gestellt hatte, per Magierhand durch den Raum lenkte. „Sehr blasses Gesicht, weißes Haar, dunkle Kleidung. Sagt euch das etwas?“
„Drake!“, riefen die vier Gefährten wie aus einem Mund. Der zwielichtige Schurke, der ihnen vor zehn Jahren schon einmal einen schweren Verlust zugefügt hatte, bevor die Umstände ihn zu einem ihrer Gefährten gemacht hatten, war seinem Handwerk offensichtlich treu geblieben.
„Dieser Schweinehund“, entfuhr es Winter. „Wenn ich den zu fassen bekomme...“
Der Kartenausschnitt aus der Pergamentrolle enthielt die Wegbeschreibung zu einer alten Tempelruine und die Anweisung, dort nach „der Krypta des Baelnorn“ zu suchen. Den Ring, den Drake der Karte beigefügt hatte, identifizierte Winter mit Hilfe ihres magischen Monokels als einen Sklavenring. Der Träger eines Sklavenrings stand in telepathischer Verbindung zum Träger eines mit ihm verbundenen Rings, des Meisterrings. Wurde seinen Anweisungen nicht Folge geleistet, so konnte der „Meister“ dem „Sklaven“ über den Ring Züchtigungen in Form von magischen Schocks zuteil werden lassen. Da niemand besonders erpicht darauf war, Drake diese Genugtuung zu verschaffen, steckte Grimwardt den Ring ein.
„Lasst uns diese Krypta suchen und herausfinden, was Drake will“, sagte Nimoroth, der es nicht mehr länger ertrug, tatenlos herum zu sitzen. Jede Minute, die verging, brachte Nyrael ihrem Ende ein Stück näher.

Grimwardt
Wenig später im Ruinenviertel
Von dem Trümmerhügel, auf dem Grimwardt harrte, war zu erkennen, dass der Tempel, der einst auf dem Platz gestanden hatte, gigantisch gewesen sein musste. Die marmornen Mauerreste, das aufwendige Bodenmosaik und die Überreste von Pfeilergruppen, die noch aus dem Boden ragten, ließen nur erahnen, welche Pracht diesen Mauern einst innegewohnt haben musste. Das Bemerkenswerteste an dieser Ruine jedoch war ihr Zentrum: Hier ragte der gigantische, verkohlte Baumstumpf einer Trauerweide aus dem Boden, deren Zweige die Gebetshalle einst wie eine riesige Kuppel umschlossen haben mussten. Das Wurzelgeflecht des toten Baumes durchzog die Halle wie ein obskuren Adergeflecht und Grimwardt spürte, dass etwas Unheimliches von diesen Wurzeln ausging: Sie waren knochenbleich und stachen aus der Erde wie die Arme eines Ertrinkenden.
„Ein todloser Baum“, erklärte Nimoroth, der lautlos neben Grimwardt getreten war.
„Todlos?“, grummelte Grimwardt. „Du meinst, ein untoter Baum?“
Auf Nimoroths Gesicht stahl sich eines dieser elfischen Lächeln. „Nicht alles, was nach dem Tod nicht die Schwelle überschreitet, ist böse. Dieser Baum hat noch eine Aufgabe zu erfüllen.“
„Kommt schnell her, ich habe etwas gefunden!“, rief in diesem Moment Winter, die zusammen mit Dorien die Ruine erkundet hatte. Grimwardt beobachtete von seinem Hügel aus, wie seine Schwester sich vor der Weide zu Boden kniete und konzentriert über eine der mächtigen Wurzeln strich. Dann sprang sie plötzlich zurück. Wie eine riesige verwundete Schlange wuchtete sich die Wurzel schwerfällig aus der Erde, bis sie einen Torbogen gebildet hatte, unter dem bequem zwei Menschen Platz fanden.
„Scheint so, als hätte sie herausgefunden, was seine Aufgabe ist“, brummte Grimwardt, schulterte seine Axt und schlenderte den Hang hinunter. Bei Winter angelangt, griff er in seine Tasche und brachte den Sklavenring zum Vorschein.
„Denke, es ist an der Zeit, herauszufinden, was Drake von uns will“, meinte er und streifte sich den eisernen Ring über den Finger, bevor irgendwer protestieren konnte.
„Es geschehen noch Zeichen und Wunder“, hörte er Drakes spöttische Stimme in seinem Kopf. „Ich dachte schon, ich hätte die Anweisung ‚Streift mich über’ besser in den Ring gravieren lassen sollen, um sicher zu gehen, dass wir uns verstehen.“
„Was willst du?“, fragte Grimwardt ruhig.
„Grimwardt Fedaykin“, lachte Drake. „Du verlierst wie immer nicht viele Worte.“ Aus irgendeinem Grund stellte Grimwardt sich den Albino auf einem Diwan liegend vor, die Beine von sich gestreckt und ein Glas Wein in der Hand.
„Wo ist eigentlich der fünfte im Bunde?“, fragte Drake. „Ich dachte, Kalith lebt hier in Myth Drannor? Ich hätte es bevorzugt, die ganze Gruppe zu… rekrutieren. Dumm nur, dass mir in Kaliths Fall das Druckmittel fehlte…“
Weil du seine Familie bereits umgebracht hast, Witzbold, dachte Grimwardt.
„Was willst du?“, fragte er, entschlossen sich von Drakes Sticheleien nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.
„Warum sucht ihr nicht die Krypta und findet es heraus?“
„Soll ich dir sagen, was ich denke? Ich denke, dass da unten irgendein Untoter auf uns wartet, der etwas besitzt, was du haben willst. Und da du gegen Untote nicht viel ausrichten kannst, brauchst du unsere Hilfe.“
Grimwardt schloss aus Drakes Schweigen, dass er nicht ganz falsch lag.
„Weißt du, Drake“, fügte er nüchtern hinzu. „Du hättest auch einfach fragen können!“ Er selbst hatte sich immer gut mit Drake verstanden… Allerdings waren es auch nicht seine Eltern, die der Schuft ermordet hatte.
Drake lachte leise. „Darauf wärt ihr niemals eingegangen.“
„Woher willst du das wissen?“
„Findet die Krypta.“
Die Verbindung brach ab.
Grimwardt zuckte mit den Schultern und trat als erster durch das Wurzelportal. Für einen Augenblick überkam ihn Schwindel und ein Gefühl, als verliere er den Boden unter den Füßen. Dann Dunkelheit. Kurz darauf enthüllte Doriens Lichtzauber einen engen Erdtunnel, der von den Wurzeln der todlosen Weide fast vollständig versperrt wurde. Doch als Grimwardt mit seiner Axt nach den Wurzeln schlagen wollte, wischen sie vor ihm zurück und gaben den Weg frei. Offenbar hatte das Portal sie tief ins Erdreich geführt. Der Tunnel endete nach wenigen Schritten vor einer morschen Tür, durch deren Ritzen ein schwacher Lichtschein in den Gang fiel. Hinter der Tür befand sich eine Grabkammer mit zehn Sarkophagen. Aus einem seitlich angrenzenden Raum schien ein gleißend heller Lichtkegel in den Raum hinein. Die Sarkophage, die von dem Licht berührt wurden, waren unversehrt. Jene jedoch, die außerhalb des Lichtkegels lagen, waren geplündert und entweiht worden. Das verkohlte Skelett eines Humanoiden vermittelte den Gefährten eine Ahnung davon, was mit Grabräubern geschehen war, die ihr Glück an den anderen Sarkophagen versucht hatten.
Sie sahen einander ratlos an. Grimwardt zuckte mit den Schultern und hielt den kleinen Finger seiner linken Hand ins Licht. Ein Finger war entbehrlich. Doch nichts geschah. Grimwardt spürte im Gegenteil sogar eine angenehme Wärme durch seinen Körper strömen. Entschlossen trat er vor. Und tatsächlich: Er wurde von einem angenehmen Schauer überkommen, der seinen Geist belebe und seine Sinne schärfte.
„Darum braucht Drake also unsere Dienste“, murmelte Nimoroth. „Das Licht hätte seine niederträchtigen Absichten erkannt und ihm den Zutritt verwehrt.“
Die Lichtquelle war ein geweihter Altar im hinteren Teil des Raumes. Nimoroth konnte die Symbole und Runen darauf Corellon Larethian, dem Göttervater der Seldarine, zuordnen. In der Mitte des Raumes erhob sich ein weiterer Sarkophag, feiner gearbeitet als jene im Vorraum. Den Grabdeckel zierte ein Relief des Verstorbenen: das friedliche Bild eines Sonnenelfen mit edlen Gesichtszügen, der in prunkvolle Roben gewandet war. „Eoleth Keluvin“ lautete die elfische Grabinschrift.
Ein leises, spöttisches Lachen mischte sich in Grimwardts Gedanken.
„Eoleth Keluvin“, sagte Drake. „Ein Elfenmagier, begraben in einem geweihten Grab. Und du hast Recht, Grimwardt. Er besitzt etwas, das ihm nicht gehört. Ein Drowartefakt, genannt die Todesklaue. Und nun sag mir, Grimwardt“, fügte er sarkastisch hinzu. „Hättet ihr mir hierbei geholfen, wenn ich euch nett darum gebeten hätte?“
Grimwardt gab ein unverständliches Grummeln von sich und gab Drakes Worte an die anderen weiter. Dann sagte er mit düsterer Entschlossenheit: „Ich werde diesen Ort nicht entweihen.“
Winter drehte sich jäh zu ihm herum.
„Grim! Es geht um Scarlet!“
„Nichts wird mich dazu bringen, zum Grabräuber zu werden“, erklärte Grimwardt mit Nachdruck. Er hatte seine Entscheidung getroffen und würde sie nicht widerrufen. Die anderen starrten ihn betreten an. Ihnen allen war klar, dass Nimoroth allein mit der Hilfe der beiden Hexenmeister den Deckel des Grabes nicht würde lüften können.
„Also schön“, schnaubte Winter und funkelte ihn böse an. „Wenn du uns nicht helfen willst, dann werde ich eben einen Weg finden müssen, da hineinzugelangen.“ Mit ähnlicher Entschlossenheit wie ihr Bruder, gepaart mit einer erheblichen Portion Trotz, stieg sie auf das Grab und legte sich flach darauf.
„Was hast du vor?“, grummelte Grimwardt. „Willst du dich in das Ding hinein teleportieren?“
„Genau das habe ich vor!“, schnappte Winter. „Ich gehe da rein und hole mir diese dumme Artefakt.“
Gesagt, getan.
Nimoroth riss seinen Krummsäbel aus der Scheide und Dorien erhob seinen Zauberstecken. Gespenstige Stille. Dann plötzlich ein ohrenbetäubendes Bersten und Grimwardt konnte gerade noch der Sargplatte ausweichen, die von einer unsichtbaren Kraft in die Höhe geschleudert und dann zur Seite geschmettert wurde.

Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Alcarin am 11. Oktober 2009, 15:57:15
Sehr schön geschrieben, bitte mehr :)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 12. Oktober 2009, 00:25:15
Ich muss gerade an die äußerstlustige Ingame-Situation denken, als Winter sich da rein teleportierte... :D
...Und ich überlegte gerade, dass da ja eigentlich noch der Kampf gegen die Dämonen vorher statt fand, aber andererseits sind ein Glabrezu und ein paar Vroks in unserer Gruppe ja tatsächlich nicht mehr das, was man einen Gegner nennen würde  :wink:
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 12. Oktober 2009, 01:35:06
Ja, die Glabrezu-Begegnung habe ich absichtlich rausgelassen. War, wie du schon sagtest, nicht wirklich herausfordernd und hätte außerdem den Handlungsfluss gestört. Im Nachhinein finde ich die auch ziemlich unnötig und unpassend, hätte ich mir sparen können. Kleine Schönheitsoperation am Rande sozusagen...

@all
Danke für das Lob. Hoffe, das hält mich bei der Stange :-)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 12. Oktober 2009, 17:46:55
Nimoroth
Eoleth Keluvin stand aufrecht in seinem eigenen Sarg. Seine bleichen, pupillenlosen Augen waren auf Winter gerichtet, die vor ihm kauerte, und seine ausdruckslosen Lippen formten magische Worte. Die einstmals prächtigen Samtroben des Elfenmagiers hingen ihm in Fetzen vom Leib und seine Haut spannte sich wie Pergament über die knirschenden Knochen.
Ein Baelnorn. Ein Elfenleichnam.
Am rechten Arm trug Eoleth einen schwarz glänzenden Panzerhandschuh aus einem organisch wirkenden Material, das sich in Ringen um sein knochiges Handgelenk wand. Dies musste die Todesklaue sein, von der Drake gesprochen hatte. Verblüfft starrte Nimoroth das Artefakt an: Die Klaue an Eoleths Handgelenk erinnerte ihn an einen Gegenstand, den er einst am Arm einer fanatischen Drow-Priesterin gesehen hatte, die er mir seiner alten Abenteuergruppe im Unterreich bekämpft hatte. Im Augenblick ihres Todes hatte sich die Priesterin samt der Klaue aus ihrem Turm teleportiert. Eoleths Panzerhandschuh war identisch mit jenem Artefakt, das sie damals nicht hatten bergen können, mit der Ausnahme, dass dieser Gegensand von einer in Silber gefassten Obsidianspinne geziert wurde.
Blinzelnd lenkte Nimoroth seine Aufmerksamkeit von dem rätselhaften Artefakt auf seinen Träger. Im Gegensatz zu anderen Untoten roch Eoleth nicht nach Verwesung und Verfall. Nimoroth hatte nichts anderes erwartet: Baelnorns waren heilige Wesen, von den Seldarine gesegnet und auf ewig einer Aufgabe auf der Erde verschrieben. Was ihn jedoch verwunderte war die völlige Geruchlosigkeit dieses Wesens.
Irgendetwas stimmte nicht.
Doch Nimoroth blieb keine Zeit, sich darüber klar zu werden, was der fehlende Eigengeruch des Leichnams zu bedeuten hatte. Der Magier hatte eine Salve magischer Geschosse auf Winter abgefeuert und wurde nun seinerseits von Dorien unter Beschuss genommen. Nimoroth flüsterte die göttliche Formel, die seine Muskeln anschwellen ließ und seine Kampfinstinkte schärfte, und preschte vor. Ein einziger Angriff reichte aus, den Magier zu Fall zu bringen. Doch anstatt besiegt in sein Grab zurück zu sinken, löste sich Eoleth samt seiner Ausrüstung in Luft auf als hätte es ihn niemals gegeben.
„Weshalb trachtet ihr nach der Klaue der Spinnenkönigin?“, fragte eine eisige Stimme und Nimoroth fuhr mit gezücktem Säbel herum. Eoleth Keluvin schwebte, umgeben von einem energetischen Schutzfeld, das in allen Farben des Regenbogens schimmerte, vor dem Eingang der Grabkammer und die Strahlen des Lichts von Arvandor brachen sich myriadenfach in seinen weißen blicklosen Augen. Nimoroth nahm seinen Duft auf: Er roch nach den Gestaden des gepriesenen Landes. Sie hatten nichts weiter als eine Projektion besiegt.
Mit demütig gesenktem Haupt schilderte Nimoroth dem Baelnorn ihr Dilemma: Um seine Geliebte und die Tochter seiner Freunde aus den Klauen eines hinterhältigen Erpressers zu befreien, mussten sie diesem die Todesklaue liefern.
Eoleths tote Augen blieben unbewegt.  
„Die Klaue ist bis zu meiner Zerstörung an mich gebunden“, sagte er. „Selbst wenn ich wollte, so könnte ich sie nicht ablegen, denn es ist meine heilige Aufgabe, sie vor jenen zu schützen, die durch sie unsägliches Leid über Toril bringen könnten. Der Träger dieses Zeugnisses nekromantischer Schaffenskraft vermag diese Welt innerhalb weniger Jahre mit seinen untoten Dienern zu überziehen. Ich habe Lolths dunkle Macht am eigenen Leibe erfahren“, fügte er mit leiserer Stimme hinzu. „Mehr als 400 Jahre muss es her sein, dass ich die Straßen Myth Drannors in sterblicher Gestalt durchwandelte. Damals erhielt ich die Aufgabe, eine Drowpriesterin zu verfolgen, die die Todesklaue einsetzen wollte, um die Welt unter der Sonne in Lolths Namen zurückzuerobern.“
„Ihr sagt, es ist ein Artefakt der Spinnenkönigin?“, fragte Nimoroth Stirn runzelnd. „Seid ihr euch dessen gewiss?“ Die Drowpriesterin, die sie damals im Unterreich bekämpft hatten, war Anhängerin einer anderen Göttin gewesen. Sie hatte Kiaransalee, die dunkelelfische Göttin des Untodes, verehrt.
„So ist es.“
„Was wisst ihr von einer zweiten Klaue?“
Der Baelnorn neigte den Kopf; seine blicklosen Augen blieben unbewegt.
„Ich weiß nur von dieser einen Klaue. Ich verfolgte ihre Trägerin bis ins Unterreich. Doch der entscheidende Kampf brachte auch mich an die Schwelle des Todes. Kurz bevor meine Sinne mich verließen, legte ich das Artefakt an. Ich konnte die Klaue nicht im Unterreich zurücklassen, wo sie über kurz oder lang nur wieder den Dunkelelfen in die Hände gefallen wäre. Die dunkle Macht des Artefakts rettete mir das Leben, doch mein Geist war zu schwach, um den Einflüsterungen der Klaue zu widerstehen und so wurde ich als ihr Träger zu Lolths Diener, einzig darauf bedacht meine Brut zu vergrößern. Meine Missetaten blieben nicht unbemerkt und Myth Drannor sandte seine Elfenritter gegen mich und meine untoten Konsorten aus. Sie bezwangen mich und als ich wieder ich selbst war, gaben die Seldarine mir die Chance Buße zu tun für meine Verbrechen. In Gestalt eines Baelnorns bannten sie mich in diese Krypta. Und hier werde ich auf Ewigkeiten bleiben, um zu beschützen, was mir anvertraut wurde. Ihr seht also“, wandte sich Eoleth wieder an Nimoroth: „Dieses Artefakt kann in den Händen eines jeden Sterblichen zur Gefahr werden. Mein Herz ist von Mitleid erfüllt für euch und jene, die ihr zu schützen versucht. Doch selbst das Leben zweier Sterblicher macht das Grauen nicht wett, das dieses Artefakt anzurichten vermag.“
Nimoroth seufzte schwer und verfluchte Drake im Stillen. Nein, ihnen würde kein anderer Ausweg bleiben als gegen den Wächter der Todesklaue zu kämpfen, so sehr ihm diese Vorstellung auch zuwider war. Grimwardt indessen war nicht dazu zu bewegen, gegen sein Gewissen zu handeln und diesen heiligen Ort zu entweihen. Mit düsterer Miene kehrte er seinen Gefährten den Rücken und verließ die Grabkammer. Nimoroth schüttelte traurig den Kopf. Er selbst hatte den Glauben daran, die Welt in einen besseren Ort zu verwandeln, vor acht Jahren in den Katakomben von Westtor verloren. Es gab zu viel Unglück auf Faerûn. Alles, was er tun konnte, war jene zu schützen, die er liebte.
Entschlossen packte er seine Waffe fester und flüsterte einen Flugzauber. Bevor Eoleth reagieren konnte, schwang er sich in die Lüfte und griff den schwebenden Magier im Sturzflug an. Sein magischer Säbel schnitt mühelos durch das vielfarbige Schutzschild, das den Baelnorn umgab und fügte ihm eine schwere Wunde zu, doch im selben Moment durchfuhr Nimoroth brennende Hitze und er taumelte betäubt einige Schritte zurück. Winter und Dorien versuchten dem Magier mit Angriffszaubern beizukommen. Als diese an dem Regenbogenschild abprallten, änderten sie ihre Taktik und versuchten Nimoroth mit ihren Zaubern zu schützen. Als nächstes spürte Nimoroth Eoleths leeren Blick auf sich, als der Magier einen Bannzauber wirkte, der Nimoroth seiner göttlichen Verstärkungen beraubte und seinen Flugzauber beendete. Während er fiel, durchfuhren ihn elektrische Stöße, die seine Glieder unkontrolliert zucken und ihn vor Schmerz aufschreien ließen.
„Ihr Elenden“, flüsterte Eoleth und aus seinen gespreizten Fingern schoss ein Kegel bunter Strahlen. Das letzte, was Nimoroth sah, war Grimwardt, der mit erhobener Axt aus dem Nebenraum gestürzt kam. Selbst die eherne Entschlossenheit des Tempuskriegers zerfiel wie Staub im Wind, wenn es darum ging, seine Schwester zu retten.
Dann erstarrte Nimoroths Geist, als ein grüner Strahl ihn traf und in Stein verwandelte.

Grimwardt
Teils fluchend, teils um Vergebung bittend, rammte Grimwardt seine Axt in den ungeschützten Körper des Magiers. Eoleths blicklose Augen weiteten sich, als er in die Arme des Priesters sank.
„Bringt die Klaue… zurück“, keuchte er, während sein untoter Körper dem Verfall anheim fiel, den göttliche Magie über all die Jahre aufgehalten hatte. Am Ende blieb nichts als Staub und die vermaledeite Klaue. Als der Baelnorn starb, erlosch das Licht von Arvandor und ein Riss spaltete den Altar. Dunkelheit senkte sich über die Höhle des Baelnorn.
„Wir haben sie“, knurrte Grimwardt an Drake gewandt. „Was nun?“
„Lauft weiter nach Osten und betretet das letzte intakte Haus im Ruinengebiet. Erster Stock, erste Tür auf der linken Seite.“
Grimwardt fuhr sich über den Bart. Die ganze Aktion stank zum Himmel.
„Wenn du das Ding haben willst“, knurrte er düster: „Dann komm und hol es dir aus meinen kalten, toten Händen!“  Mit diesen Worten machte er Anstalten sich die Klaue überzustreifen, doch Winter griff hastig ein und entrang das Artefakt dem Griff ihres Bruders.
„Nicht, Grim! Hast du nicht gehört, was der Elfenleichnam gesagt hat? Die Klaue würde dich beherrschen wie ihn! Wir müssen eine andere Lösung finden. Soll Drake das Ding haben. Fürs erste. Sicher will er es an irgendwen verkaufen. Wir machen den Käufer ausfindig und holen es uns wieder.“
„Und wie stellst du dir das vor?“
Da sich der Aufenthaltsort von Artefakten nicht durch Erkenntniszauber ermitteln ließ, versteckten die Gefährten einen Kiesel und einen Tintenklecks, zwei Dinge von denen sie hofften, dass sie unauffällig genug waren und sich dennoch zurückverfolgen ließen, im Innern der Klaue. Grimwardt warf sich den versteinerten Nimoroth über die Schulter und sie machten sich auf den Weg zu dem Übergabeort, den Drake ihnen genannt hatte. Im ersten Stock der Ruine fanden sie eine magische Truhe mit arkanen Motiven vor, die an diesem trostlosen Ort seltsam fehl am Platze wirkte. Der Deckel stand offen. Gemäß Drakes Anweisungen legten sie das Artefakt in die Truhe. Kaum hatten sie den Deckel zugeklappt, erbebte die Truhe kurz und verschwand dann ohne einen Laut.
 „Zufrieden?“, knurrte Grimwardt. „Also wo sind die Geisel?“
„Fragt in Whispers Braustube nach einer Nachricht… und Grimwardt…“ Drake lachte spöttisch. „Danke für die gute Zusammenarbeit.“
Wie sie kurz darauf feststellten, war bei Whisper tatsächlich eine zweite Nachricht für sie abgegeben worden. Darin nannte Drake den Ort, an dem er Scarlet und Nyrael festhielt: ein kleines, spärlich eingerichtetes Dachzimmer in einem der magietoten Gebiete der Stadt. Die Antimagie, die durch den zerstörten Mythal bedingt war, musste Winters Ortungszauber in die Irre geführt haben.
Als Grimwardt mit den anderen in dem Zimmer eintraf, fanden sie Nimoroths Lebensgefährtin in tiefer Bewusstlosigkeit vor: Ihre Haut und ihr moosgrünes Haar waren gelb verfärbt und vertrocknet wie die vergilbten Blätter eines sterbenden Baumes. Die kleine Scarlet, die verunsichert und befremdet zu den Füßen der sterbenden Fremden saß, sprang von Erleichterung überwältigt auf, kaum dass sie den Raum betreten hatten, und flog erst ihrer Mutter und dann ihrem Onkel in die Arme. Dorien, den sie erst seit einigen Monaten kannte, begrüßte sie verhaltener. Nicht ohne Stolz bemerkte Grimwardt, dass seine Nichte keine einzige Träne vergossen zu haben schien. Doch Zeit für ausgiebige Umarmungen blieb nicht. Die Dryade musste dringend zu ihrem Lebensbaum zurückgebracht werden. Behutsam nahm Dorien sie in die Arme und teleportierte alle, nachdem sie den magietoten Bereich verlassen hatte, in die Sternwälder. Kaum hatten sie die Dryade mit dem Rücken gegen ihren Lebensbaum gebettet, erholte sie sich sichtbar. Ihre Augenlider flackerten.
„Irgendjemand sollte Nimoroth dringend entzaubern“, murmelte Grimwardt, der ächzend die schwere Steinstatue von seinem Rücken wuchtete. „Sonst trifft die Kleine der Schlag, kaum dass sie aufwacht.“
Da sie genug mächtige Magierfreunde in Tiefwasser und Umgebung hatten, wussten sie, an wen sie sich in solchen Fällen zu wenden hatten.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Alcarin am 12. Oktober 2009, 19:29:35
Das will ich doch hoffen, und deswegen gleich nochmal:
Neuer Post = sehr schön und detailiert geschrieben :)

Mehr bitte!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 13. Oktober 2009, 00:33:02
Ich hab schon so viele schöne Kleinigkeiten wieder vergessen... ich war ja versteinert...  :boxed:
Ist toll, wenn man das alles nochmal in seinem Geist wiederholen kann :)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 15. Oktober 2009, 19:38:37
Kapitel III: Über den Wolken

Winter
Myth Drannor, 4 Tage später
„Die Schweigenden Schwestern?“, fragte Grimwardt skeptisch, während er mürrisch einen Marienkäfer fortschnippte, der sich in seinen langen Barthaaren verfangen hatte.
„Scarlet wäre dort gut aufgehoben“, beteuerte Winter, während sie ungeduldig unter der Schattenkrone auf und ab lief, in der sich das Heim des Weisen Belivimir befand, von dem sich die Gefährten Hinweise auf den möglichen Verbleib der Todesklaue erhofften. Da Winter kein Elfisch sprach, und Grimwardt sich schlichtweg weigerte mit Leuten zu reden, die in Bäumen lebten, waren Nimoroth und Dorien allein hinauf gestiegen.
Seit vier Tagen suchten sie bereits nach der Klaue – bisher ohne Erfolg. Dass Dorien weder den Kieselstein noch den Tintenklecks hatte zurückverfolgen können, musste bedeuten dass die beiden Peiler entweder entdeckt worden waren oder die Klaue sich an einem Ort befand, der gegen magische Ausspähungen geschützt war. Auch die Suche nach Drake hatte sie nicht weiter gebracht. Winter, die am besten mit den Symbolen und Praktiken der Unterwelt bekannt war, hatte die sprechenden Hüte, die der Entführer ihrer Tochter an den beiden Tatorten zurück gelassen hatte, als das Symbol einer Diebesorganisation erkannt, die sich selbst „Der lachende Hut“ nannte. Die Organisation war ein kleiner und noch junger Verband von Dieben, Assassinen und Giftmischern, deren Hauptquartier in den Silbermarken oder an der nördlichen Schwertküste vermutet wurde. In Silbrigmond hatten die Gefährten mit Nachforschungen zu Drake und der Diebesorganisation begonnen. Sie hatten jedoch lediglich herausfinden können, dass diese offensichtlich in Zellen organisiert und darum äußerst schwierig zu knacken war. Schließlich waren sie nach Myth Drannor zurückgekehrt, weil ein Ortungszauber, der Drakes Aufenthaltsort ermitteln sollte, sie hierher geführt hatte. Doch anstatt auf ihren Erzfeind waren sie lediglich auf eine Illusion gestoßen, die ihnen dessen Anwesenheit vorgegaukelt hatte und Nimoroth einen unfreiwilligen Fall durch den Boden eines morschen Dachstuhls beschert hatte. Zu allem Überfluss hatte man sie schließlich wegen der Entweihung der Krypta, die inzwischen entdeckt worden war, festgenommen und dem Hauptkommandanten der Schwertgarde vorgeführt: Fflar Sternbraue hatte ihnen den Eid abgenommen, die Klaue zurück zu bringen. Ansonsten drohten ihnen die Kerker der Elfenstadt. Einzig aus Respekt für seinen Ersten Leutnant, Kalith Lysan, einen Freund der Gefährten, war der Hauptmann geneigt gewesen, ihnen ihre Geschichte überhaupt abzukaufen. Von Kalith selbst hatten die Gefährten noch nichts gesehen; Der Elfenhauptmann hatte behauptet, er sei in außenpolitischer Mission unterwegs. Winter empfand die ganze Aufregung um das Artefakt indes als überaus lästig, da sie im Moment ganz andere Sorgen plagten.
„Bei den Schweigenden Schwestern wäre Scarlet sicher“, versuchte sie gerade ihren Bruder von dem Plan zu überzeugen, ihre Tochter in ein Klosterinternat zu schicken. Scarlets Entführung hatte ihr bewusst gemacht, wie angreifbar sie durch ihre Tochter geworden war. „Ich habe mich über den Kult informiert. Ein kleines Kloster in den Bergen, magisch geschützt. Erstklassige Ausbildung. Und niemand würde sie dort vermuten. Was meinst du?“ Für den Augenblick hatten sie Scarlet bei Nimoroths Familie in den Sternwäldern untergebracht. Doch Winter ließ der Gedanke keine Ruhe, dass ihre Tochter noch einmal das Ziel eines Anschlags werden könnte, der ihr selbst galt. Am liebsten hätte sie Scarlet in Watte gepackt und in eine andere Dimension gebannt. Ein abgeschiedenes Bergkloster schien dieser Idee am nächsten zu kommen.
„Sie wünscht sich eine Axt.“
Jäh blieb Winter stehen. „Wie bitte?“
„Scarlet. Sie wüscht sich eine Axt zu ihrem nächsten Geburtstag.“
„Hast du mir überhaupt zugehört?“
„Ich habe ihr eine versprochen.“
„WAS?“ Fassungslos starrte Winter ihren Bruder an. „Ich mache Pläne, wie ich meine Tochter beschützen kann und du versprichst ihr eine Axt?“
„Angriff ist die beste Verteidigung.“
„Sie ist sieben Jahre alt!“
„Und wird in einem Monat acht.“ Grimwardts Gelassenheit trieb Winter zur Weißglut. „So alt wie die jüngsten meiner Schüler.“
„Sie ist meine Tochter, nicht eine deiner Schülerinnen“, schnaubte Winter. „Und ich sage, sie kommt zu den Schweigenden Schwestern!“
„Sollte ich da nicht ein Wörtchen mitzureden haben?“
Winter wandte sich um: Dorien war mit Nimoroth vom Gespräch mit dem elfischen Weisen zurückgekehrt.
„Was herausgefunden?“, lenkte Grimwardt, der einen neuerlichen Disput befürchtete, das Gespräch auf ihre Mission zurück.
„Nicht viel“, erwiderte Nimoroth. „Die Klaue erlaubt es dem Träger mächtige Untote - Zinkarlas und Geister - zu erschaffen und eine beliebige Anzahl dieser Kreaturen zu kontrollieren. Von einer zweiten Klaue wusste Belivimir nichts.“
„Vielleicht solltest du Mielikki um Hilfe bitten“, schlug Dorien vor. „Sie hat dir schon früher in solchen Situationen weitergeholfen.“
„Vielleicht“, sagte Nimoroth zögernd. „Wenn das die letzte Möglichkeit ist.“

Nimoroth
Am nächsten Morgen
Der Wald ist mit Raureif überzogen und wabernde Nebel verklären Nimoroths Sicht. Sie ist in Gestalt eines Einhorns gekommen. Ein Einhorn mit unendlich traurigen Augen. Nimoroth ruft ihren Namen, während er auf sie zu läuft, doch er kann sie nicht erreichen. Wie in einem Traum, in dem man langsamer wird, je schneller man läuft. Dann wendet sie sich um und er folgt ihr durch den Morgenwald. Während sie laufen, beginnt sich seine Umgebung zu verändern. Pflanzen verdorren; Bäume altern wie im Zeitraffer. Schnee fällt, bis er die Erde mit einer weißen Schicht überzogen hat, die sich wie ein Leichentuch über die Verwüstung senkt. Das Einhorn läuft immer schneller, bis ihm Flügel wachsen und es von der Erde abhebt. Nimoroth verliert den Boden unter den Füßen und schwebt in einem Nichts aus Dunstschleiern. Dem Einhorn folgend steigt er höher und höher, bis er die Wolkendecke durchbricht. Hier bietet sich ihm ein atemberaubender Anblick: In der Ferne ragt eine Stadt aus dem Wolkennebel: eine Stadt aus Glas, umspielt von leisen, gläsernen Tönen, erstrahlt im gleißenden Licht der Sonne. Als er näher kommt, erblickt Nimoroth die Silhouetten geflügelter Wesen. Plötzlich zuckt ein Blitz vom Himmel und die Stadt über den Wolken versinkt in Dunkelheit.
Schweißgebadet wachte Nimoroth auf.
„Alles in Ordnung?“, grummelte Grimwardt.
Winter half dem Elfen sich aufzusetzen. „Du hast den Zauber gesprochen und bist umgekippt.“
„Wie müssen ins Sonnenaufgangsgebirge“, sagte Nimoroth. „Die Klaue ist in Immerschwinge."
So musste es sein. Nimoroth kannte die Stadt der Avariel nur aus Mythen und Legenden. Doch was sonst konnte die Botschaft seiner Vision sein?
„Avariel?“, fragte Dorien überrascht. „Geflügelte Elfen? Was wollen die mit einem Drowartefakt?“
„Finden wir’s heraus.“

Winter
Am selben Abend in Pyrados, östliches Tay
„Wucherer“, knirschte Winter und verließ wütenden Schrittes das Gasthaus Zum Guckloch. Diese ganze Stadt war ein Nest aus Geizhälsen, Wucherern und Fremdenhassern. Nicht genug damit, dass Nimoroth, der einzige Elf der Gruppe, den doppelten Preis für sein Abendessen hatte zahlen müssen („Loyalitätszuschlag“, hatte der Gastwirt es genannt, als Absicherung, dass er nicht die tayanischen Sklavenfänger auf sie hetzte). Für jedes verdammte Wort, das aus seinem Mund drang, hatte der Schnösel mit dem aalglatten Grinsen eine Goldmünze verlangt. Nicht einmal den Namen des höchsten Berges des Sonnenaufgangsgebirges hatte er Winter ohne Bezahlung preisgeben wollen. Wenn seine Informationen sie wenigstens weiter gebracht hätten! Aber nein! Die Existenz von geflügelten Elfen hatte der Kerl für ein Märchen gehalten. Und als sie ihn nach einer gläsernen Stadt über den Wolken gefragt hatte, hatte er sie schlichtweg ausgelacht.
„Er kann es sich erlauben“, sagte Nimoroth, der die Erniedrigungen des Gastwirts mit stoischer Miene hingenommen hatte. „Pyrados ist die letzte Stadt vor dem Sonnenaufgangsgebirge. Alle Handelskarawanen nach Kara-Tur müssen hier durch. An Kundschaft mangelt es den Gastwirten hier sicher nicht.“
„Dem werd’ ich’s zeigen“, murmelte Winter und trat kurz entschlossen an ein altes Waschweib heran.
„Verzeiht, gute Frau, könnt Ihr mir sagen, wie der Name des höchsten Berges in dieser Gegend lautet?“
Die Frau beäugte die Gefährten misstrauisch.
„Das muss die Schmelzwasserspitze sein“, erwiderte sie, ohne dass der Argwohn aus ihrer Stimme wich.
Mit einem zuckersüßen Lächeln bedankte sich Winter bei der Frau und belohnte sie mit der Goldmünze, die sie dem Gastwirt des Gucklochs verweigert hatte. Da es im gesamten Sonnenaufgangsgebirge nur einen einzigen Berg gab, der über die Wolkendecke hinausragte, konnte sich die Stadt, die Nimoroth in seiner Vision gesehen hatte, nur auf jener Schmelzwasserspitze befinden.
Mit diesem Wissen machten sich die Gefährten auf den Weg zu einem Zauberladen, den der Wirt des Gucklochs ihnen empfohlen hatte, um sich die nötige Ausrüstung zu beschaffen. Der Besitzer des Ladens, ein jungenhafter Magier mit Segelohren, dem die tätowierte Glatze, die unter den Roten Magiern von Tay Brauch war, nicht eben zum Vorteil gereichte, verkaufte ihnen (natürlich zum doppelten Preis) Schriftrollen mit Atemzaubern gegen den abnehmenden Luftdruck im Hochgebirge, sowie Schutzzauber gegen die Kälte und einige grundlegende Bergsteigerutensilien. Gegen die entsprechende Bezahlung empfahl er ihnen auch einen Bergsteiger: Devon Jadsat.
Das Haus des Gebirgsführers, das die Gefährten kurz darauf ausfindig machten, sah wenig einladend aus: eine heruntergekommene Hütte mit verwüstetem Vorgarten im ärmeren Teil der Stadt. Der bissige Kläffer, der die Gefährten am Tor erwartete, ließ sich dank Nimoroths Beruhigungskünsten zähmen. Sein Herrchen, das kurz darauf fluchend aus dem Haus gestolpert kam, hatte durchaus das Potential, dem Hund in Sachen Ungekämmtheit die Schau zu stehlen. Die penetrante Alkoholfahne, die ihm anhaftete, machte ihn auch nicht unbedingt liebenswerter. Nach Austausch der üblichen Begrüßungsfloskeln kam Winter gleich auf ihr Anliegen zu sprechen.
„Die Schmelzwasserspitze?“ Devon lachte und zog die verschnupfte Nase hoch. „Ihr werdet keinen Gebirgsführer finden, der euch da hinauf bringt.“
„Wieso nicht?“
„Der Berg wird von einem unermüdlichen Hagelsturm umbraust, der den Aufstieg praktisch unmöglich macht. Ein Überbleibsel der alten Raumatar-Magie, wie die Roten Magier sagen. Dafür spricht auch, dass im Umkreis von fünf Meilen um die Schmelzwasserspitze keine Dimensionsreisen möglich sind. Die Magie des alten Imperiums ist noch mächtig in dieser Gegend.“
Die Gefährten sahen einander an. Das roch verdächtig nach einem Schutzmechanismus. Ein weiteres Indiz dafür, dass sich die Stadt der Avariel auf dem Berg befinden musste.
„Könnt Ihr uns denn bis zum Fuß der Schmelzwasserspitze führen?“
Devon kratzte sich am Hintern. „Ihr wollt es wirklich wissen, hm? Bedenkt aber, dass ich euch gewarnt habe. Für 400 Gold am Tag plus Verpflegungs- und Ausrüstungskosten kann ich euch hinbringen. Und mit einem Augenzwinkern fügte er hinzu. „Gegen ein Schlückchen Wein hin und wieder hätte ich natürlich auch nichts einzuwenden.“
Winter war erstaunt: Nach der Habgier des Gastwirts und den Wucherpreisen des Zauberhändlers hatte sie nicht mehr erwartet, hier so günstig davonzukommen.
„Ihr seid nicht von hier, oder?“, riet sie.
„Bei den Göttern, nein“, wehrte Devon ab. „Wir sind Herumtreiber, nicht wahr?“ Er tätschelte den Hund hinter den Ohren. „Denke nicht, dass es mich lange in diesem Nest von Halunken und Halsabschneider halten wird.“
Der Handel war schnell geschlossen und Devon, der nicht so übel war wie sein Geruch, zum Abendessen eingeladen. Seitdem Dorien sich eine außerdimensionale Villa im Taschenformat zugelegt hatte, die sich an jedem beliebigen Ort in Originalgröße aufzaubern ließ, und Tempus Grimwardt die Fähigkeit gewehrt hatte, Heldenmahle zu erschaffen, die eine ganze Armee verköstigt hätten, waren abendliche Festgelage bei den Gefährten an der Tagesordnung. Devon hatte nichts dagegen einzuwenden, die Nächte im Gebirge zur Abwechslung in einem weichen Federbett zu verbringen und der tägliche Kulturschock (oder besser: Naturschock), wenn sie aus dem prunkvollen Ambiente des Herrenhauses in die Eiseskälte des Hochgebirges hinaustraten, war ein wahrlich geringer Preis für die Annehmlichkeiten, die Doriens Villa ihnen bot.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 18. Oktober 2009, 20:03:51
Nimoroth
Etwa eine Woche später im Sonnenaufgangsgebirge
Früh am Morgen hatten sie sich von Devon Jadsat und seinem tierischen Begleiter verabschiedet. Inzwischen war es Nachmittag und der Fuß der Schmelzwasserspitze lag schon meilenweit unter ihnen. Die Kälte, die Nimoroth selbst noch durch die magische Schutzschicht spürte, die seinen Körper vor dem Schlimmsten schützte, und die Erschöpfung, die sich unter den Gefährten breitgemacht hatte, waren nicht der einzige Grund für ihre Schweigsamkeit. Etwa zwei Stunden war es her, dass sie das beständige Tosen des Hagelsturms, von dem Devon gesprochen hatte, zum ersten Mal vernommen hatten. Seither war das monotone Dröhnen immer lauter geworden, bis es sich wie ein Knebel über ihre Ohren gelegt und jede Kommunikation unmöglich gemacht hatte. Um sich im dichter werdenden Wolkennebel nicht zu verlieren, hatten die Gefährten sich mit Seilen aneinander gekettet. Alles, was Nimoroth sehen konnte, war Grimwardts breite Rüstung vor ihm; alles andere verschwand hinter einem Schleier der Unkenntlichkeit. Und so kletterten sie, all ihrer Sinne beraubt, Stunde um Stunde in die Höhe.
Und dann prasselten die ersten Hagelkörner auf sie ein.
Zunächst schienen die feinen Körnchen harmlos. Doch der Wind wurde stärker und beschleunigte die eisigen Geschosse, die sich wie Pfeile einen Weg durch die Kleidung der Gefährten bohrten. Mit Sorge gewahrte Nimoroth Doriens Flüche hinter sich. Er und Winter würden diese Tortur nicht lange überstehen. Dann spürte er Winters Hand auf seiner Schulter. Ein Flugzauber. Fliegend übernahm Nimoroth die Führung und führte die Gruppe, sich im Neunzig-Grad-Winkel von der Bergwand fortbewegend, aus dem Hagelsturm hinaus. Die Wolkenschlieren, die ihn umgaben, nahmen ihm jede Orientierung. Endlich, nach einer halben Ewigkeit, durchstießen sie, die Wolkenschicht. Etwa eine Meile entfernt erblickte Nimoroth die Stadt aus seiner Vision: Im Licht der untergehenden Sonne erhob sich Immerschwinge, die sagenumwobene Stadt der Avariel, aus dem glühenden Wolkenmeer.
„Und wo ist sie nun, deine gläserne Stadt?“
Nimoroth wandte sich verständnislosen Blickes zu Grimwardt um.
„Soll das heißen, du kannst sie nicht sehen?“
Seine drei menschlichen Begleiter sahen ihn an als habe er den Verstand verloren. Eine Illusion also. Das erklärte, wie es den Avariel über all die Jahrhunderte gelungen war, die Existenz der Stadt vor den Augen der Welt geheim zu halten. Gerade wollte er seine Entdeckung seinen Gefährten mitteilen, als sechs Avariel-Krieger pfeilschnell aus der Wolkendecke stoben und sie mit gezückten Schwertern einkreisten. Ihre weißen Schwingen glühten rot im Abendlicht und auf ihren Stirnen trugen sie dünne, farbige Tätowierungen. Familieninsignien, wie Nimoroth vermutete. Die Blicke der Anführerin verhießen nichts Gutes.
„Was wollt Ihr in Immerschwinge?“, fragte sie in einem seltsam archaischen Elfisch. „Seit 1000 Jahren hat kein N’Tel-Quessir mehr die Stadt der Gläsernen Gesänge betreten. Allein das Wissen um ihre Existenz könnte euch eure Leben kosten.“
 „Wir haben ein Empfehlungsschreiben von Coronal Ilsevele Miritar von Cormanthyr“, erwiderte Nimoroth und überreichte der Anführerin das Schreiben, das sie von der Herrscherin von Myth Drannor erwirkt hatten. In drei Tagen sollte in der Stadt der Gläsernen Gesänge ein Portal nach Cormanthyr eingeweiht werden. Das Portal sollte dem Aufbau diplomatischer und wirtschaftlicher Beziehungen zwischen den beiden Elfenreichen dienen. Das Schreiben, das die Herrscherin des Elfenhofs für die Gefährten verfasst hatte, wies diese als Bürger Myth Drannors aus, die – angeblich auf Geheiß des Elfenrats – dem Ereignis beiwohnen sollten. In Wahrheit galt das Schreiben lediglich dem Zweck, Nimoroths menschlichen Gefährten Einlass in die Stadt der Avariel zu verschaffen.
Die Anführerin überprüfte das Siegel und überreichte das Schreiben dann einem ihrer Krieger, der damit zur Stadt zurück flog.
„Mitkommen“, befahl sie schroff und führte die Gefährten zu einem Aussichtsturm, der auf einem nahe gelegenen Berggipfel gelegen war. Während die anderen sich im Innern des Turms ausruhten, suchte Nimoroth das Gespräch mit der Avariel-Kriegerin.
„Ihr seid nicht sehr gut auf menschlichen Besuch zu sprechen“, stellte er fest. Ihm war nicht entgangen, wie die Avariel seine menschlichen Freunde genannt hatte: N’Tel-Quessir – jene, die nicht dem Volk angehören. „Ihr haltet Euch für privilegiert.“
Die Avariel-Kriegerin starrte in die Ferne. „Wir sind privilegiert“, ließ sie sich schließlich zu einer Antwort herab und breitete demonstrativ ihre eindrucksvollen Schwingen aus. „Wer will das leugnen?“
„Hm“, machte Nimoroth. „Verleiht Euch das nicht eine gewisse Verantwortlichkeit jenen gegenüber, die es nicht sind?“
Sie musterte ihn von Kopf bis Fuß. „Ich hasse die Menschen nicht“, sagte sie schließlich. „Ich bemitleide sie. Ich bemitleide sie wie ich eine Kakerlake dafür bemitleide, dass sie so auf die Welt kommen musste: erdgebunden, parasitisch...“
Nimoroth seufzte. Wie oft hatte er diese Art von Argumentation schon gehört. Von beiden Seiten.
Sie mussten lange warten. Es war bereits dunkel, als Nimoroth drei Greifen gewahrte, die durch die Wolkendecke brachen und auf sie zuhielten. Auf dem Rücken des ersten saß ein Avariel, der in eine weiße Toga gewandet war: ein Diplomat, wenn Nimoroth seine Kleidung richtig deutete. Auf dem zweiten Greifen jedoch…
„Kalith!“, rief Nimoroth verblüfft.
Lachend schwang sich Kalith Lysan von seinem Reittier, kaum dass er festen Boden unter den Füßen spürte, und klopfte seinem Cousin grinsend auf die Schulter. Die anderen, die Nimoroths Ruf aus dem Aussichtsturm gelockt hatte, waren nicht minder erstaunt, den alten Gefährten anzutreffen.
„Ich bin als Botschafter des Elfenhofs hier. Ähnlich wie ihr, wie es scheint.“ Kalith warf Nimoroth einen seiner Ich-habe-wohl-einiges-verpasst-Blicke zu.
„Und das“, Er wies auf den Avariel, der mit ihm gekommen war. „Das ist Fürst Elijas Avalior, der Elf, der mich vor acht Jahren auf der Schattenebene gerettet hat.“
„Verzeiht die Verzögerungen“, erklärte der Avariel in akzentfreier Handelssprache. „Leider ist der Zeitpunkt Eurer Ankunft politisch etwas ungünstig gewählt.“ Er musterte die Gefährten aus kühlen grün-goldenen Augen, ehe sich der Ansatz eines Lächelns auf seinem Gesicht abzeichne. „Dennoch heiße ich Euch willkommen in der Stadt der Gläsernen Gesänge. Die Greife werden Euch nach Immerschwinge bringen.“

Grimwardt
Grimwardt umklammerte mit verkrampftem Griff den Sattelknauf, während sein Greif vorpreschte. Von Zaumzeug schienen diese geflügelten Spitzohren nicht viel zu halten. Grimwardt hasste es, keine Kontrolle über sein Reittier zu haben. Und wo sollte hier eine Stadt sein, wo es meilenweit nichts gab als Wolken und Sterne?
Und dann tauchte sie viel zu plötzlich vor ihm auf, überrumpelte ihn mit ihrer gläsernen Riesenhaftigkeit. Undeutlich vernahm er die Worte des Avarielfürsten, der ihnen erklärte, dass der äußere Ring des Mythals der Stadt verhinderte, dass sie aus der Ferne wahrgenommen werden konnte. Nur Elfen konnten sie sehen. Wie zuvorkommend.
Die Stadt unter Grimwardt war auf vier Plateaus auf dem Gipfel der Schmelzwasserspitze errichtet. Von Fürst Elijas erfuhren die Gefährten, dass die vier Plateaus die Gesellschaftspyramide der Avariel widerspiegelten: Das oberste und kleinste Plateau – das Kronplateau – bestand aus einem riesigen, tropischen Wald, in dessen Mitte sich der Orchideenpalast des Coronal erhob. Wie fast alle Gebäude in Immerschwinge war der Palast aus Glasstahl erbaut und durch Magie verstärkt. Das machte die gläsernen Gebäude, so filigran und zerbrechlich sie auch wirken mochten, geradezu unzerstörbar. Die Mischung aus Magie und Glasstahl erzeugte zudem einen singend-vibrierenden Ton, welcher der Stadt der Gläsernen Gesänge ihren Namen verlieh (und Grimwardt schon jetzt tierisch auf die Nerven ging). Das Ästhetenplateau unter dem Kronplateau beherbergte die wichtigsten Adelspaläste der Kleriker- und Magierfamilien. Das Kriegerplateau darunter war der Kaste der Valendár-Klingensänger vorbehalten, während das Bürgerplateau die Glasbläsereien, Silberweinkeltereien, Gasthäuser und Bürgerhäuser beherbergte. Verbunden waren die vier Plateaus durch einen durchgehenden Ringwall und ein wirres Geflecht kleiner Bäche und Kaskaden, die von Plateau zu Plateau sprangen, sich teilten, wieder vereinten und sich schließlich unterhalb der Wolkendecke in einem Wasserfall in den Thaylambar-Fluss ergossen.
Grimwardt war heilfroh, als er wieder festen Boden unter den Füßen spürte.
Der Palast der Avaliors, in dem sie für die Dauer ihres Aufenthalts untergebracht waren, befand sich auf dem Ästhetenplateau. Das Haus war in den Hang gebaut und Treppen gab es nicht. Da traf es sich gut, dass sie von Fürst Elijas Flugringe überreicht bekamen.
„Ein Begrüßungsgeschenk des Kronrats“, erklärte der Avarielfürst. „Sie funktionieren nur innerhalb des Mythals.“
Der Avarielfürst verabschiedete sich gleich nachdem er den Gefährten eine Einladung für den abendlichen Tränenball im Palais der Familie Shantilea überbracht hatte und überließ sie der Obhut seiner Haushälterin, einer ungeflügelten Elfe namens Lana. Als Nimoroth sie nach ihrer Heimat fragte, erlebten die Gefährten eine Überraschung.
„Meine Heimat ist hier“, erklärte die junge Elfe, während sie eilfertig damit beschäftigt war, den Gästen passende Kleidung für den abendlichen Ball zurechtzulegen. „Ich bin eine Avariel wie Fürst Elijas.“
Im Gespräch mit Lana erfuhren die Gefährten, dass nur etwas mehr als die Hälfte aller Avariel geflügelt waren. Vor zweitausend Jahren, nachdem das Volk der Avariel nach Überfällen weißer Drachen auf ihre Heimatstadt nur knapp dem Untergang entgangen war, hatte sich eine Heiratspolitik durchgesetzt, die vorschrieb, dass keine Hochzeiten zwischen ungeflügelten und geflügelten Avariel geschlossen werden durften, um die Wahrscheinlichkeit für die Geburten geflügelter Kinder zu erhöhen und das Volk der Avariel vor dem Aussterben zu bewahren. Das Resultat war eine gespaltene Gesellschaft. Ungeflügelten Avariel blieb für gewöhnlich der Werdegang als Magier, Priester oder Valendár-Krieger verwehrt; die meisten arbeiteten für den Adel der Stadt. Doch in jüngster Zeit hatte sich eine Gruppe von ungeflügelten Rebellen und geflügelten Sympathisanten in den umliegenden Bergen versteckt, um durch gelegentliche Überfälle auf Valendár-Patrouillen auf ihre Forderungen nach Gleichberechtigung aufmerksam zu machen.
Auch an der Isolationspolitik aus alten Zeiten hielt der Kronrat, der Immerschwinge regierte, noch heute eisern fest: Jahrtausendelang hatten die Avariel die Beziehungen zu allen nichtelfischen Völkern strikt gemieden und den Handel auf Immerdar und die Elfenzivilisationen des Hochwaldes beschränkt. Die Öffnung des Portals nach Myth Drannor, einer Stadt mit gemischter Bevölkerung, war darum ein Meilenstein in der Geschichte Immerschwinges. Ein erster Schritt der Eingliederung. Und ein äußerst umstrittenes Ereignis.
„Ihr seht also“, erklärte Lana. „Eure Anwesenheit hier ist so etwas wie ein Jahrtausendereignis. Wundert euch nicht, wenn man euch anstarren wird wie Jahrmarksattraktionen. Die meisten Elfen hier haben noch nie einen Menschen gesehen.“
„Was ist mit Euch?“, fragte Nimoroth. „Ihr erscheint mir recht… weltoffen. Weshalb geht Ihr nicht fort von hier, wenn man Euch hier wie eine Sklavin behandelt?“
Lana schüttelte den Kopf. „Elijas behandelt mich nicht wie eine Sklavin“, verteidigte sie ihren Herrn. „Er brachte mir Eure Sprache bei und lehrte mich die Geschichte der anderen Völker. Und ist es wirklich so schwer zu begreifen, weshalb die Ungeflügelten hier bleiben wollen? Sie wissen nichts von der Welt da draußen und fürchten sich vor dem, was sie nicht verstehen. Außerdem wurden wir wie die Geflügelten mit der Sehnsucht zu fliegen geboren. Näher als hier werden wir dem Himmel wohl niemals kommen.“
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 19. Oktober 2009, 13:02:16
Ist ne ganz schöne Arbeit, oder?  :wink:
Aber ich find´s gut, dass du dir die Mühe machst.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 19. Oktober 2009, 18:33:06
Noch macht's Spaß. Mal sehen wie lange das anhält ;)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 27. Oktober 2009, 01:29:41
Kapitel IV: Engelstränen

Winter
Eine Stunde später auf dem Ästetenplateau
Der Palast der Familie Shantilea war ein pompöses, achteckiges Glashaus mit zahlreichen Erkern und Türmen. Wie alle Gebäude der Stadt wirkte es kalt trotz des vielen Lichts - wie ein Spiegel der Seele seiner Bewohner. Von Lana hatten die Gefährten erfahren, dass die Shantileas eines der ältesten und einflussreichsten Häuser der Stadt waren. Die Familie brüstete sich damit, ihre Wurzeln bis zu dem Archon zurückverfolgen zu können, der der Legende nach das Volk der Avariel begründet hatte. Fürstin Mathalaya, die seit Jahrhunderten verbissen nach dem Thron des Coronals strebte, war die mächtigste Verfechterin des Kastensystems und eine erklärte Feindin der ungeflügelten Rebellen. Der Tränenball in ihrem Hause leitete traditionell ein dreitägiges Fest zum Gedenken an den Gründer Immerschwinges ein.
„Halt! Geht zurück, wo ihr hergekommen seid, Fremde!“ Verwirrt hob Winter den Kopf. Die Worte waren in gebrochener Gemeinsprache mit starkem elfischem Akzent gesprochen worden. Der junge Avariel, der ihnen mit dieser wenig schmeichelhaften Begrüßung aufwartete, versperrte den Gefährten schwebend und mit gezücktem Schwert den Weg zum Eingangsportal des Palasts. Sein blanker Schädel glänzte elfenbeinern im Mondschein und in seinen Augenwinkeln glitzerten künstliche Tränen. Die prächtigen, schneeweißen Schwingen hatte er zu ihrer vollen Breite entfaltet und aus seinen goldenen Augen musterte er die Gefährten mit unverhohlener Abscheu. Wäre sein Gesicht nicht verzerrt gewesen von jener Maske aus Hass und Arroganz, so hätte Winter über seine Schönheit nur staunen können. Als sie sich umsah, erkannte sie, dass sie und ihre Gefährten von fünf weiteren Avariel umzingelt waren. Sie alle hatten kahl rasierte Schädel und Tränen in den Augenwinkeln, wenn ihre Flügel auch nicht mit dem strahlenden Glanz des Anführers konkurrieren konnten. Dieser begann die Gefährten auf Elfisch zu beschimpfen, während die Ballgäste, die von allen Seiten herbei geströmt kamen, stehen blieben und mit verhaltener Neugier die Konfrontation verfolgten.
Nachdem er sich den Wortschwall des Goldäugigen eine zeitlang mit versteinerter Miene angehört hatte, rief Nimoroth ihm etwas in seiner Muttersprache zu. Es folgte ein hitziger Wortwechsel, der damit endete, dass Goldauge vor Nimoroth ausspuckte, sein Schwert in die Scheide steckte und davon flog. Seine Gefolgsleute taten es ihm gleich. 
„Was war denn das?“, fragte Winter.
„Er hat uns zum Kampf herausgefordert“, erwiderte Nimoroth mit düsterer Miene.
„Und?“
„Ich habe zugesagt“, erklärte der Elf. „Morgen gegen Mittag in der Arena auf der Bürgerebene.“
„Das war ein Fehler“, bemerkte Fürst Elijas, der die Konfrontation mit ausdrucksloser Miene verfolgt hatte.
„Warum?“
„Das war Silead Shantilea, der Sohn der Fürstin“, erwiderte Elijas. „Der kahlrasierte Schädel soll daran erinnern, von wem er abstammt, doch ihm haftet wenig Engelsgleiches an. Er ist ein skrupelloser Bandenführer; selbst seine Mutter hat sich öffentlich von ihm distanziert. Er ist bekannt dafür, dass er politische Machtkämpfe in der Arena austrägt. Bei vier Mann gegen einen kann er nur gewinnen. Unter Avariel gilt nur ein Kampf Mann zu Mann als fairer Kampf.“
„Auch gut“, knurrte Grimwardt. „Treten wir eben einzeln gegen ihn an.“
Elijas zuckte gleichgültig mit den Schultern und überreichte den Palastwachen die Einladungen. Die Gefährten folgten ihm in ein Atrium, das fünf Galerien und eine riesige Tanzfläche umfasste. In der Mitte erhob sich ein gläserner Baum, der bis unter die kristallene Kuppel des Palasts reichte.  Kaum hatten sie Platz genommen, erschien auf der obersten Galerie der Coronal an der Seite seiner jungen Gemahlin. Doch obgleich er aus Rücksicht auf die Besucher davon absah seine Eingangsrede auf Elfisch zu verlesen, schenkte Winter seinen Worten wenig Beachtung. Ihr Augenmerk war auf die Galerie unter ihm gerichtet, wo die Herrin des Hauses, Fürstin Mathalaya Shantilea, Platz genommen hatte: Ihre Flügel waren ebenso schneeweiß wie die ihres hitzköpfigen Sohnes, ihre Augen golden, ihr Haar silbrig-weiß und ihre Gesichtszüge so ebenmäßig wie aus Stein gemeißelt. Winter fiel zudem auf, dass die junge Gemahlin des Coronals dieselben celestischen Merkmale aufwies.
„Die Familienoberhäupter der  Shantileas pflegen untereinander zu heiraten, um die celestische Blutlinie nicht zu verunreinigen“, erklärte Elijas, der ihrem Blick gefolgt war, mit einem Anflug von Bitterkeit in der Stimme. „Silead und seine Schwester Vanya, die Frau des Coronals, sind das Resultat dieser Tradition.“
Winter blinzelte.
„Seht… ihr das auch“, fragte sie irritiert. Die anderen folgten verständnislos ihrem Blick.
„Ich meine den Kerl, der gerade mit blankem Schwert auf den König zufliegt.“
Der Abend wurde immer skurriler.
Elijas runzelte die Stirn, dann sprang er alarmiert auf und stieß einen Warnruf aus.
Er ist unsichtbar, durchzuckte Winter in diesem Moment die Erkenntnis. Durch eine magische Manipulation ihrer Augen war sie in der Lage Unsichtbares zu sehen.
Doch es war zu spät. Der Unsichtbare hatte die oberste Galerie bereits erreicht und nun schienen ihn auch die anderen sehen zu können. Ehe irgendwer reagieren konnte, hatte der Eindringling die Gemahlin des Coronals gepackt und hielt sie wie ein Schild vor sich, während er ihr drohend sein Schwert unter die Kehle hielt. Dolche wurden gezückt und Fürstin Mathalya rief nach den Wachen, doch niemand wagte etwas zu unternehmen. Winter reagierte schnell. Flüsternd sprach sie die magischen Worte eines Versetzungstricks und tauschte Platz und Aussehen mit der Geisel des Eindringlings. Dieser schien nichts zu bemerken. Seine blitzenden dunklen Augen flackerten spöttisch und seine eindrucksvollen Schwingen vibrierten leicht, als er seine Blicke über die Ballgesellschaft gleiten ließ. Der Coronal stand mit hilflos geballten Fäusten an Winters Seite und zischte einige Worte auf Elfisch. Winter horchte auf, als sie den Namen Thanduin aus seinem Mund vernahm.
Thanduin, der Rebellenführer.
Was folgte war ein weiteres Beispiel elfischer Selbstinszenierung.
 „Ein Vögelchen hat mir gezwitschert“, rief Thanduin an die Ballgesellschaft gewandt, „welch ungewöhnliche Gäste heute Abend hier sind.“ Er nickte in die Richtung von Winters Freunden. „Freunde aus Myth Drannor, es tut mir aufrichtig leid, dass dies der erste Eindruck ist, den Ihr von der Stadt der Gläsernen Gesänge bekommen sollt. Ich hoffe nur, dass Ihr Euch von all dem Lug und Trug nicht die Augen verschließen lasst. Die Einweihung des Portals nach Cormanthyr ist alles andere als eine Annäherung der Avariel an die guten Völker von Faerûn. Wusstet ihr, dass das geplante Portal nur in eine Richtung passierbar ist? Nun ratet mal in welche!“
Mit diesen Worten ließ der Rebellenführer von Winter ab und verschwand, wieder unsichtbar, in einem der Gänge, die von der Galerie abzweigten. Winter hörte, wie Fürstin Mathalaya mit klarer Stimme einen Befehl gab und sogleich wurde der Raum von Wachen gestürmt, die sich an die Fersen des Flüchtigen hefteten. 
Nachdem Winter ihr Verwechslungsspiel aufgeklärt hatte und die Gäste sich von dem Schock erholt hatten, wurde das Essen serviert. Fürst Elijas, dem plötzlich sehr daran gelegen schien, sich den Fragen seiner Gäste zu entziehen, entschuldigte sich noch vor der Vorspeise und verließ den Tisch, um sich anderen Gesprächen zuzuwenden. Den Gefährten war das nur Recht. Es gab viel zu besprechen. In wenigen Worten setzten sie Kalith über ihren eigentlichen Auftrag und die Todesklaue in Kenntnis. Die einseitige Öffnung des Portals warf neue Fragen auf. Grimwardt befürchtete, dass von hier aus ein Angriff auf Myth Drannor seinen Ursprung nehmen könnte. Irgendwer erschaffte eine Armee aus Untoten und Myth Drannor schien ein plausibles Angriffsziel. Doch wer profitierte davon? Die Rebellen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen und die Regierung zu erpressen? Die Isolationisten, die von Anfang an gegen die Portalöffnung gewesen waren? Oder gab es eine dritte Partei, die noch nicht in Erscheinung getreten war? In jedem Fall musste die Herrscherin von Myth Drannor von der möglichen Gefahr unterrichtet werden.
Der Abend verlief schleppend. Ein Gespräch mit dem Coronal brachte den Gefährten keine neuen Erkenntnisse bis auf die, dass der Herrscher von Immerschwinge ein Schwächling und Zauderer war, der viel reden konnte ohne ein Wort zu sagen. Dorien war auch keine große Hilfe, da er es vorzog, sich auf der Tanzfläche mit diversen Avariel-Damen zu vergnügen, anstatt seinen Freunden bei ihren Ermittlungen zur Hand zu gehen. Sogar Grimwardt hatte eine Eroberung an Land gezogen. Amüsiert beobachtete Winter die steifen Tanzversuche ihres Bruders und die skeptisch-unbehagliche Miene, die er im Gespräch mit seiner geflügelten Tanzpartnerin an den Tag legte.
Dann wurde sie von Kalith abgelenkt, der ihr eine interessante Beobachtung mitteilte: Während des Auftritts des Rebellenführers hatte einer der Diener Elijas Avalior eine Nachricht zugesteckt. Ein Beweis dafür, dass der verschlossene Fürst mit den Rebellen im Bunde war? Winter wollte es genau wissen und stibitzte kurzerhand besagte Nachricht. Dank eines magischen Tricks, der es ihr erlaubte ihre Diebeskünste auch auf die Distanz anzuwenden, gelang es ihr sogar, den Zettel wieder unbemerkt in den Falten von Elijas’ Toga verschwinden zu lassen. Natürlich nicht, ohne dass sie sich von Nimoroth den Inhalt hätte übersetzen lassen.
Morgen Abend zur zehnten Stunde an der Alten Miene“, las Nimoroth vor. „Wenn das eine Falle ist, wirst du es bitter bereuen.
„Ich schätze, Elijas ist nicht der einzige, der morgen um zehn eine Verabredung hat“, sagte Winter nicht ohne eine Spur von Selbstgefälligkeit.
Der Abend hielt noch eine unangenehme Überraschung für Winter und ihre Freunde bereit, als sie bei der Rückkehr in Doriens Villa dieselbe von einer durchweg betrunkenen und größtenteils erotisierten Feiergesellschaft bevölkert vorfanden. Diverse Möbelstücke hatten unter den Auswirkungen der fatalen Mischung von Silberwein mit Aphrodisiakum zu leiden gehabt, sodass Doriens zehnköpfige Dienerschaft einem hätte leid tun können, hätte es sich bei dem Pulk eifriger Butler und Zofen nicht durchweg um magische Konstrukte gehandelt. Der Herr des Hauses, der Elijas’ Warnungen bezüglich der psychotischen Wirkung von Silberwein offenbar in den Wind geschlagen hatte, hatte sich mit zwei Avarieldamen in den Badethermen der Villa verschanzt.
Da der Hexenmeister an diesem Abend zu nichts mehr zu gebrauchen war, war es an Winter Nimoroth nach Myth Drannor zu begleiten, um Ilsevele Miritar von der möglichen Bedrohung des Elfenhofs und der geplanten einseitigen Öffnung des Portals zu unterrichten. Um den Mythal zu umgehen, wechselten sie zunächst von Doriens Villa aus die Ebene (was ihnen einen ungeplanten Aufenthalt im Mondsee bescherte) und teleportierten dann zur Stadt. Die Wachen am Tor verweigerten ihnen jedoch zu so später Stunde den Eintritt und zeigten sich recht unbeeindruckt von der Warnung - was nicht zuletzt an der wenig würdevollen Erscheinung ihrer pudelnassen Überbringer liegen mochte…

Nimoroth
Am nächsten Tag in der Arena
Ein traditioneller Klingensänger-Wettstreit bestand aus drei Runden. In der ersten Runde wurde allein mit Waffengewalt, in der zweiten nur mit Magie gekämpft. In der dritten Runde schließlich galt es, Kriegskunst und arkane Magie zu einem einheitlichen Kampfstil zu vereinen. Die Gefährten hatten sich mit dem Arenenmeister darauf geeinigt, dass sie einzeln gegen Silead antreten würden.
Grimwardt war als erster an der Reihe. Das Amphitheater, welches als Austragungsort diente, war bis auf die letzte Bank besetzt. Da der Kronrat Ausschreitungen zwischen Engelstränen und Sympathisanten der Rebellen befürchtete, waren auf den Tribünen Valendár-Wachen postiert. Weder Fürst Elijas noch die Mitglieder des Kronrats waren irgendwo zu sehen; offenbar wollte sich niemand der offiziell Neutralen am heutigen Tag auf diesem heißen politischen Pflaster sehen lassen. Wer hier war, der war entweder für oder gegen die Öffnung des Portals und die Forderungen der Rebellen. Dass die Gefährten als vermeintliche Gesandte Myth Drannors offiziell nichts mit den Rebellen verband, schien niemanden zu kümmern: Die Fremden traten gegen Silead Shantilea, den Anführer der Engelstränen, an und wandten sich damit gegen alles, was die Rebellen verabscheuten.
Trommelwirbel kündigte den Kampf an und die Gefährten wurden aus einer Versenkung im Boden in die Arena gezogen, während Silead mit ausgebreiteten Schwingen von der Decke herab schwebte. Nimoroth kam nicht umhin die verächtliche Symbolik in dieser Raumanordnung zu bemerken, beließ es aber bei einem stummen Kopfschütteln.
Der Kampf begann.
Wie ein Fels in der Brandung harrte Grimwardt, sein Turmschild erhoben und die Axt fest im Griff, der Angriffe seines Gegners, der im Sturzflug auf ihn hinab stürzte. Ein höhnisches Grinsen machte sich auf dem Gesicht des Avariel breit, als sein erster magisch verstärkter Schwerthieb Grimwardt bereits ins Wanken brachte. Der Tempuspriester schien weniger Glück zu haben – Sileads magische Spiegelbilder bereiteten ihm ernsthafte Schwierigkeiten. Dennoch bewegte er sich keinen Zentimeter vom Fleck. Der Hohn des Klingensängers, der Zauber um Zauber verprasste, um seine Angriffe zu verstärken, verwandelte sich schon bald in frustrierte Ungläubigkeit. Sein Gegner, den er nach dem ersten Angriff bereits abgeschrieben hatte, leistete erbitterten Widerstand. Dann ein letzter zorniger Angriff… und Grimwardt fiel.
„Schweinehund“, entfuhr es Winter. Sie half ihrem Bruder auf die Beine und stellte sich dem Klingensänger. Nimoroth hielt den Atem an. Es stand 1:0 für den Herausforderer. Winter durfte jetzt kein Fehler unterlaufen. Nimoroth fürchtete das launige Gemüt seiner Mitstreiterin. Umso größer war seine Verblüffung, als bereits Winters erster Zauber, ein Blitzgewitter sengender Strahlen, die sie in rasender Abfolge auf Silead abfeuerte, seine Niederlage besiegelte: Die Wucht des Aufpralls schleuderte den Avariel gegen die Bande und raubte ihm das Bewusstsein. Offenbar hatte Grimwardt ganze Arbeit geleistet: Der Avariel musste all seine Schutzzauber im Kampf gegen den zähen Priester verprasst haben. Winter brauchte einen Augenblick, um ihren schnellen Sieg zu begreifen, bevor sie sich vom Applaus der Menge berauschen ließ.
Nun war Nimoroth an der Reihe. Da das magische Feld, welches die Arena umgab, verhinderte, dass Arenenkämpfe tatsächlich blutig endeten, dauerte es nicht lange, bis Silead wieder auf den Beinen war. Die Erkenntnis von einer Menschenfrau besiegt worden zu sein, trieb den selbstgefälligen jungen Avariel zur Weißglut. Aller Hohn war von ihm abgefallen und nichts als blanker Hass starrte Nimoroth aus goldenen Augen entgegen. Silead preschte vor, doch Nimoroth war schneller. Mit irrsinniger Wucht stürmte er gegen seinen Gegner an und rang ihn zu Boden. Der Kampf war zu Ende noch ehe er so recht begonnen hatte. Nimoroth verkniff sich ein Grinsen, als er dem am Boden liegenden Silead die Hand reichte. Der Avariel warf ihm einen wutentbrannten Blick zu und spuckte vor ihm aus.
Doch gegen den aufbrausenden Applaus vermochte er nichts auszurichten.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 30. Oktober 2009, 00:02:57
Ja, das war schön... Nazis verdreschen :D
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 03. November 2009, 00:04:55
Kapitel V: Die verschwundene Magierin 

Grimwardt

Zwei Stunden später auf dem Ästhetenplateau
Grimwardt wartete vor der Zauberakademie auf seine Bekanntschaft vom letzten Abend. Immerhin schien sich das lächerliche Rumgehopse auf dem Ball gelohnt zu haben: Im Gespräch mit seiner Tanzpartnerin, einer jungen Adligen namens Iluvie, hatte Grimwardt erfahren, dass vor etwa sieben Jahren eine Magierin aus der Stadt verschwunden war, von der bekannt war, dass sie sich mit nekromantischen Studien beschäftigt hatte: der erste Hinweis auf die Todesklaue? Um mehr zu erfahren, hatte Grimwardt sich mit Iluvie vor der Kristallzitadelle verabredet. Sie wollte ihn mit dem Blinden Bibliothekar bekannt machen, den sie als das lebende Gedächtnis der Stadt beschrieben hatte. Als Chronist Immerschwinges war er einer der wenigen ungeflügelten Elfen, die sich den Respekt der Adelshäuser verdient hatten. Es hieß von ihm, dass er als Kind durch ein Portal aus dem besetzten Myth Drannor in die Stadt der gläsernen Gesänge geflohen sei.
Grimwardt musste nicht lange warten. Doch statt seiner Bekanntschaft vom letzten Abend trat eine junge Ungeflügelte - vermutlich eine Dienerin - an ihn heran und überreichte ihm zwei versiegelte Briefe. Auf dem einen stand sein Name, der andere war an Dorien gerichtet. In dem Brief an Grimwardt entschuldigte sich Iluvie für ihr Fernbleiben und erklärte, dass ihr Vater ihr und ihrer Schwester den Umgang mit den Fremden verboten hatte, nachdem ihm gewisse Gerüchte über unzüchtiges Treiben im Haus der Gesandten zu Ohren gekommen seien.
„Dorien mal wieder“, knurrte Grimwardt. Was hatte sich der Sune-Anhänger bloß dabei gedacht, ausgerechnet in einer Stadt über die Strenge zu schlagen, deren Heiratspolitik sogar Ehen zwischen Adligen und Ungeflügelten verbot?
Grimwardt blieb keine andere Wahl als die Magierschule allein zu erkunden. Die Kristallzitadelle bestand aus drei gläsernen Türmen, die wie bei einer Kristallformation auseinander wuchsen. Da es keine Türen gab, fragte Grimwardt einige Passanten und erfuhr, dass sich der Haupteingang auf dem Dach der Konstruktion befand. Zudem erhielt Grimwardt die eigenartige Auskunft, dass der Turm all jene wieder „ausspucke“, die keine Zugangsberechtigung hatten, was wohl vor allem den Ungeflügelten den Zugang zu magischen Schriften verwehren sollte. Grimwardt hatte Glück: Der Turm ließ ihn ein.
Die Bibliothek befand sich in einem inneren etagenlosen Turm, der den äußeren Turm in Form und Höhe nachahmte: Bücherregale bedeckten die Wände vom Boden bis unters Dach und geflügelte Avariel spazierten auf Brücken, die sich kreuz und quer durch den schier bodenlosen Bücherturm spannten. Grimwardt wurde allein vom Hingucken schwindelig.
Der Blinde Bibliothekar war gerade im Begriff einige schwere Folianten einzusortieren, als Grimwardt ihn entdeckte und sich beeilte ihm zur Hand zu gehen. Der Mondelf war so alt, dass er durchscheinend wirkte - geistergleich. Seine blicklosen Augen starrten ins Leere und auf seinen Schultern saß ein weißer Rabe. Als Grimwardt sich ihm näherte, wandte sich der Bibliothekar zu ihm um. Doch es waren die Blicke des Raben, die Grimwardt zu durchbohren schienen.
„Grimwardt Fedaykin“, erkannte der Bibliothekar noch ehe der Priester sich vorgestellt hatte. Seine Stimme knisterte wie zertretenes Laub. „Ein Gesandter Myth Drannors…  nach all den Jahren.“ Nachdem der Alte für eine Weile in Erinnerungen geschwelgt hatte, rückte Grimwardt mit seinen Fragen zu der verschwundenen Nekromantin heraus.
„Ja, ich entsinne mich“, sagte der Bibliothekar. „Anael Silbertau war eine der Elfen, die zusammen mit den Rückkehrern von Myth Drannor in die Stadt kamen.“ Als er Grimwardts fragenden Blick spürte, fügte er erklärend hinzu: „Der Kronrat sandte offiziell keine Truppen zur Unterstützung der Streitkräfte von Immerdar, doch einige junge Avariel zogen aus eigenem Entschluss aus, um sich dem Kreuzzug der Elfen anzuschließen. Als sie zurückkehrten, schlossen sich ihnen einige Mond- und Sonnenelfen an. Eine von ihnen war Anael Silbertau. Sie war in vielerlei Hinsicht… ungewöhnlich. Nicht viele Elfen studieren die Kunst der Nekromantie. In den meisten Elfenreichen ist die Todesmagie selbst in ihren erkenntnisbezogenen Ausrichtungen verboten, da der Gedanke der Manipulation lebender Materie nicht vereinbar ist mit dem Credo der Seldarine, dem Schutz allen Lebens. Ihr könnt Euch sicher denken, welch einen Eklat es auslöste, als Anael Silbertau bei der Kristallzitadelle um die Errichtung eines Lehrstuhls für Nekromantie bat. Der Meister der Mysterien forderte zunächst ihre Ausweisung. Doch zur gleichen Zeit sammelte Thanduin Aerdimon die ersten Rebellen um sich und da zu befürchten stand, dass sich Anael Silbertau aus Protest gegen die Politik der Kristallzitadelle den Rebellen anschloss, erklärte der Meister der Mysterien sich letztendlich bereit, ihre Forderungen zu erfüllen. Besser eine Nekromantin unter seiner Aufsicht als im Lager der Rebellen. Anael stand der neuen Disziplin vor, doch bereits nach zwei Wochen kehrte sie von einer ihrer Expeditionen in die umliegenden Berge nicht zurück. Der Meister der Mysterien ließ nach ihr suchen, doch ohne Erfolg. Damals vermuteten viele eine Verschwörung der Konformisten gegen die Nekromantin. Möglich, dass sie erpresst wurde die Stadt zu verlassen.“
„Wo verschwand sie?“, fragte Grimwardt.
„Das muss in einer der Ruinen gewesen sein“, erklärte der Blinde Bibliothekar. „Ihre Studien beschäftigten sich mit der Magie des alten Raumatar. Es gibt zwei größere Turmruinen in der näheren Umgebung, eine im westlichen und eine im östlichen Ausläufer des Gebirges.“
Grimwardt nickte. Er und seine Gefährten waren auf ihrem Weg durch die Berge auf Hinweise auf eine alte Menschenzivilisation gestoßen.
„Erzählt mit mehr über die Raumatar.“
„Ein Volk von Kriegsmagiern, doch sie sollen auch mit Nekromantie experimentiert haben. Die Zivilisation ging vor über 1000 Jahren unter und nichts als ein paar alte Ruinen sind geblieben.“
Grimwardt stellte noch ein paar Fragen zu der Nekromantin, zu den Studenten, die ihre Vorlesungen besucht hatten, und nach Namenslisten, doch hier konnte der Bibliothekar ihm nicht weiter helfen. Schließlich entschloss sich Grimwardt zu einem riskanten Schritt. Er erzählte dem alten Bibliothekar von der Todesklaue.
„Meine Gefährten und ich sind vom Hauptmann der Elfenritter von Myth Drannor mit dem Auftrag betraut worden, die gestohlene Klaue wiederzubeschaffen“, beendete Grimwardt seinen Bericht. Wie sie zu dieser Ehre gekommen waren, verschwieg er wohlweißlich.  „Unsere einzige Spur hat uns hierher geführt.“
„Die Todesklaue.“ Der Alte ließ die Worte im Raum schweben, als könne das seinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. „Nein“, erklärte er schließlich. „Der Name sagt mir nichts. Doch mir ist, als hätte ich schon einmal davon gehört. Allein der Name ist damals nicht gefallen.“
„Wer hat Euch damals danach gefragt?“   
„Das muss der Avalior-Junge gewesen sein.“
„Wer?“
„Verzeiht, ich lebe in der Vergangenheit. Fürst Elijas Avalior, meine ich. Er kam vor etwa acht Jahren zu mir und fragte nach Büchern zur Geschichte der Drow. Er suchte Informationen zu einem Artefakt, ganz wie jenes, das Ihr mir beschrieben habt. Doch ich konnte ihm so wenig weiterhelfen wie Euch heute.“
Grimwardt runzelte nachdenklich die Stirn. Offenbar war ihr Gastgeber nicht so neutral, wie er den Anschein erwecken wollte. Acht Jahre. Etwa zur gleichen Zeit war die Nekromantin verschwunden. Was auch immer damals geschehen war, der Schlüssel lag irgendwo in einer alten Bergruine.
„Eines noch“, Grimwardt räusperte sich. „Unsere kleine Unterhaltung bleibt doch unter uns, hm?“
Der Alte gluckste leise. „Grimwardt, was glaubt Ihr, weshalb die Adligen dieser Stadt mich, einen Mondlelf, in dieser Position akzeptieren? Ich gebe Informationen preis, das ist meine Aufgabe. Aber ich weiß auch, wann ich zu schweigen habe.“
Grimwardt nickte zufrieden. Er ließ sich einige Karten von der Umgebung zeigen, auf denen die Ruinen eingezeichnet waren, die der Alte erwähnt hatte, um sie zu kopieren. Beim Abzeichnen fiel ihm ein Ort auf, der auf der Karte als Drachenfriedhof ausgewiesen war. Der Name kam ihm bekannt vor. Delon Jadsat, der Bergführer, hatte ihn auf dem Hinweg erwähnt.
„Eine Eishöhle im östlichen Ausläufer des Gebirges“, erklärte der Bibliothekar, als Grimwardt ihn danach fragte. „So lange ich denken kann ist ein weißer Wyrm in einer Eiswand im Innern der Höhle eingeschlossen. Niemand weiß, wann oder woran er gestorben ist oder warum das Eis ihn eingeschlossen hat. Die Valendár-Patrouillen wagen sich nur selten in diese Gegend. Die Eishöhle gehört zum Gebiet der Frostriesen. Alle paar Jahrzehnte schickt Hochadmiralin Shelisale einen Erkundungstrupp aus, um sich zu vergewissern, dass der Drache noch dort ist und sich nicht der Drachenkult an seinen sterblichen Überresten vergriffen hat.“
Grimwardt bedankte sich und beieilte sich zu den anderen zurück zu kommen.
Es gab viel zu bereden.

Nimoroth
Zur gleichen Zeit in den Palastgärten
Während Grimwardt aufgebrochen war, um in der Zauberakademie dem Verschwinden der Magierin auf den Grund zu gehen, hatte sich Nimoroth mit Kalith und Winter auf die Suche nach Hochadmiral Shelisale Bareithior gemacht. Fürst Elijas hatte ihnen die Tochter des Coronal aus einer früheren Ehe als „die Einhornjungfrau“ vorgestellt. Nimoroth war bei diesem Titel aufmerksam geworden, da er sich an seine Vision erinnert fühlte. Sicher, das Einhorn war ein Symbol Mielikkis, doch die Göttin mochte ihm auch einen Hinweis gegeben haben, der ihm bei der Suche nach dem gestohlenen Artefakt dienlich sein konnte.
Im Hauptquartier der Valendár hatte eine Gruppe von Schülern, die sich an diesem Festtag einen Spaß erlaubt und die überlebensgroße Pappfigur eines verfassten Lehrers an der Fassade des Gebäudes aufgehängt hatten, den drei Besuchern weitergeholfen und sie in den Seldarinehain in den Palastgärten geschickt. Hier sei die Admiralin in ihrer Freizeit häufig anzutreffen.
Die Palastgärten waren ein ruhiger und beschaulicher Ort: ein wilder, blühender Garten, der dank seiner ungewöhnlichen Nähe zur Sonne und der magischen Bewässerungsmechanismen der Avariel eine beeindruckende Artenvielfalt zu bieten hatte. Sein größter Stolz war silye, die Silbertraube, die nur in Immerschwinge vorkam. Nach Glasstahl war Silberwein das bedeutendste Exportgut der Stadt der gläsernen Gesänge. Zwischen silye-Stauden und Schattenwipfeln befand sich ein kleiner Blaublatt-Hain. Seldarine-Schreine zwischen den bläulich glitzernden Stämmen der Blaublatte wiesen den Hain als einen heiligen Ort aus. Der größte Schrein war Aerdrie Faenya, der Hauptgöttin der Avariel, gewidmet. Die Einhornjungfrau jedoch kniete betend vor dem Schrein des Corellon. Nimoroth wollte auf sie zugehen, doch Winter hielt ihn zurück.
„Achte darauf, ob sie uns anlügt“, raunte sie ihm zu. 
„Das wird sie nicht“, flüsterte Nimoroth zurück. Er hatte gleich erkannt, dass die Einhornjungfrau nichts mit dem Verschwinden des Artefakts zu tun haben konnte: Die junge Avariel war von einer Aura der Güte und Rechtschaffenheit umgeben. Sie schien sich der Gegenwart der drei Fremden bewusst, sprach ihr Gebet jedoch zu Ende, ehe sie sich aufrichtete, um Nimoroth und seine Freunde zu begrüßen. Nach Austausch der üblichen Höflichkeiten begann Kalith damit, der Anführerin der Valendár Fragen zur geplanten Öffnung des Portals zu stellen.
„Hat dieser Rebellenführer die Wahrheit gesprochen?“
„Es ist noch nicht entschieden, ob das Portal nach Cormanthyr in beide Richtungen geöffnet werden wird.“, gab Shelisale zögernd zu und ihre ernsten grauen Augen waren unverwandt auf Kalith gerichtet. „Solange Ilsevele von Myth Drannor noch nicht der Zhentarim im Norden und der Drow des Waldes Herr geworden ist – ganz zu schweigen von der Unsaat, die sich noch immer in den Mauern der Stadt aufhält – solange würde durch eine beidseitige Portalöffnung für uns eine Gefahr bestehen. Doch ich will ehrlich zu Euch sein, Botschafter“, gestand sie Kalith: „Unsere größte Sorge gilt den Menschen und Halbelfen, denen wir dadurch die Tore der Stadt öffnen würden und deren Anwesenheit in Immerschwinge den Rebellen neuen Zündstoff liefern würde. Diese Stadt steht kurz vor einem Bürgerkrieg und diese Portalöffnung, so wünschenswert der Gedanke einer Annäherung auch sein mag, kommt zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Vergebt mir, doch ich kann diese Sache nicht gutheißen. Unsere einzige Waffe war seit jeher die Abgeschiedenheit. Wir sollten sie nicht so leichtfertig aufgeben.“
Nimoroth schätze die Ehrlichkeit der jungen Admiralin. Und doch kam er nicht umhin, den Funken von Überheblichkeit in ihren Worten zu bemerken. Kalith schien es ähnlich zu gehen.
„Ist die Frage nach der beidseitigen Öffnung des Portals nicht eine Sache, die auch Myth Drannor etwas angeht?“, fragte er.
„Es tut mir leid“, sagte Shelisale ein wenig steif. „Ich kann Euch und Eure Königin nur bitten, Verständnis für unsere Situation zu zeigen.“
Ihr Blick verlor sich in der Ferne und für eine Weile war es still. Als die Einhornjungfrau wieder sprach, hatte sich ein bitterer Zug um ihre Mundwinkel gebildet.
„Mein Vater hätte die Chance Fürstin Mathalaya zu entmachten ergreifen sollen als sie sich ihm bot“, sagte sie mit einer Härte, die Nimoroth der zarten Elfe gar nicht zugetraut hätte. Er begriff, dass sie über ein Thema sprach, was bei Hof tabu war. „Damals, als das verfluchte Kind geboren wurde, hätte er juristisch das Recht dazu gehabt, die Shantilea und ihre elenden Kinder aus der Stadt zu verbannen.“
„Welches Kind?“, fragte Nimoroth.
„Vanyas Kind. Der rechtmäßige Thronfolger. Es starb gleich nach der Geburt. Die Priesterin behauptete, es sei ohne Seele zur Welt gekommen. Wollt ihr wissen, weshalb die Seldarine ihm eine Seele verweigerten? Sie verdammten diese Missgeburt als ein Zeugnis der Unzucht zwischen der Hure Vanya Shantilea und ihrem degenerierten Bruder.“
Kalith und Winter waren zusammengezuckt; Nimoroth erstarrte.
„Ein Kind ohne Seele?“, wiederholte er. Sofort stand ihm alles wieder vor Augen. Ihre vergebliche Suche nach dem Seelenquell. Die jahrelangen Studien, in denen er das Geheimnis um die seelenlosen Geburten zu lüften versucht hatte.
„Ich denke nicht, dass die Götter dieses Kind verdammt haben“, sagte er mit belegter Stimme.
Ein weiteres Opfer.    
Wer wusste, wie viele es dort draußen noch gab?
Nimoroth erwachte aus seiner Starre, als ein leiser Windhauch seine Wange streifte. Die Zweige der Blaublatt-Bäume teilten sich und ein geflügeltes Einhorn tauchte aus dem Dickicht des Waldes. In seinen klugen schwarzen Augen leuchtete ein celestisches Licht. Als Nimoroth sich dem Tier näherte, schreckte es zurück.
„Sie lässt sich nur von Jungfrauen berühren“, erklärte Shelisale, während sie dem Einhorn sanft die Nüstern streichelte.

Winter
Kurz darauf in der Nähe der Drachenhöhle
„Ein Liebesbrief, hm?“, löcherte Winter einen verkaterten Dorien, während die Gefährten durch die Kälte stapften. Grimwardt hatte darauf bestanden den Ort, den der Blinde Bibliothekar ihm auf der Karte gezeigt hatte, genauer unter die Lupe zu nehmen. Winter musste sich jedoch eingestehen, dass sie keine Ahnung hatte, was sie hier eigentlich suchten. Während des Berichts ihres Bruders hatte ihre ganze Aufmerksamkeit dem Brief gegolten, den Grimwardt Dorien mit einem Grummeln auf die Brust gedrückt hatte und sie hatte keine Ruhe gegeben, ehe Nimoroth ihr den Inhalt übersetzt hatte. Als sie die Drachenhöhle erreichten, war sie noch nicht einmal annähernd mit ihm fertig, und erst, als Grimwardt sie zur Ordnung rief, weil ihre Stimme von den Wänden widerhallte, hielt sie für einen Augenblick die Luft an.
In diesem Moment setzte der Gesang ein. Ein grollender Singsang.
Kalith und Nimoroth tauschten einen Blick und der Druide wechselte lautlos die Gestalt. Ein Schneehase flitzte kurz darauf zwischen Winters Beinen hindurch. Winter konzentrierte sich auf ihre Mission und schloss, einen Zauber auf den Lippen, die Augen, um die Gedanken der mysteriösen Höhlenbesucher wahrzunehmen.
„Verfluchter Mist“, entfuhr es ihr.
„Was ist?“
„Sie haben mich bemerkt. Jetzt wissen sie, dass wir hier sind.“
Grimwardt war bereits vorausgeeilt. Winter, Dorien und Kalith folgten ihm und betraten kurz darauf eine Eishöhle von gigantischem Ausmaß. An einer Seite des Raumes waren große Stücke aus der Eiswand heraus gebrochen. Vor den weißen Trümmern kauerte ein Frostriesenschamane mit einem zähnefletschenden Winterwolf, flankiert von zwei bewaffneten Kriegern, die ihre Knüppel gegen die Eindringlinge erhoben hatten und mit blutgiereigen Blicken auf den Befehl zum Angriff warteten. Kaum hatte der Schamane seine Stimme erhoben, preschten sie auch schon vor. Der Schneehase, der als erster die Höhle erreichte, verwandelte sich im Sprung und hielt geradewegs auf den Schamanen zu. Der schleuderte ihm mit wütendem Gebrüll einen mannsgroßen Eiszapfen entgegen, den er mit bloßen Händen aus dem Boden riss, doch das Geschoss verfehlte Nimoroth um Haaresbreite. Als dieser den Schamanen erreichte, gab es längst nichts mehr zu tun: Ein Zauber Doriens hatte den Schamanen in einen Schmetterling verwandelt; Winters sengende Strahlen waren dem Winterwolf zum Verhängnis geworden und Kalith und Grimwardt hatten sich um die beiden Barbaren gekümmert.
„Ein Schmetterling?“ protestierte Winter und stemmte empört die Hände in die Hüften. „Dorien, er wird in der Kälte elendig zugrunde gehen! Etwas Brutaleres ist dir wohl nicht eingefallen, hm?“
Dorien erwiderte die Anschuldigung mit einem seiner säuerlichen schlechter-Tag-Blicke und wandte sich Grimwardt und Kalith zu, die einen der bewusstlosen Frostriesen mit ihren Waffen bedrohten.
„Verwandle ihn in irgendetwas Harmloses“, kommandierte Grimwardt. „Ich will ihn befragen.“
Dorien tat wie ihm geheißen und kurz darauf erwachte Gargantul der Fürchterliche als greiser Gnom.
„Na, der Name war wohl etwas hochgegriffen“, kommentierte Nimoroth trocken. Gargantul winselte beschämt und schielte nach seinem Knüppel. Offenbar verbot es ihm seine Frostriesenehre in der Gestalt von etwas zu leben, das weniger wog als seine rechte Faust.
„Wenn du jemals wieder in der Lage sein willst, diesen Knüppel auch nur anzuheben“, knurrte Grimwardt. „dann erzähl uns, warum ihr uns angegriffen habt und was ihr hier tut.“
Mit einem Stimmchen, das ihm die Schamesröte ins Gesicht trieb, begann der verwandelte Frostriese zu erzählen: Er und sein Volk hatten den weißen Wyrm, der hier bis vor acht Jahren im Eis eingeschlossen gewesen war, als ihre Göttin verehrt. Noch immer kamen sie oft her, um ihr Andenken zu bewahren und ihr Opfer darzubringen.
„Einmal im Jahr“, erklärte Gargantul, „kommt auferstandene Göttin ins Dorf. Nimmt die besten unserer Krieger mit, um sie zu ihren Dienern zu machen.“
„Auserwählte, so so“, grummelte Grimwardt. „Und wie genau funktioniert das: dass sie sie zu ihren Dienern macht?“
„Ein Opfertod“, erklärter Gargantul. „Ein guter Tod. Göttin nimmt die Toten mit wenn wir sie das nächste Mal sehen sind sie… verändert. Göttlicher.“
Grimwardt wandte sich mit viel sagendem Blick zu den anderen um. Nimoroth nickte besorgt.
„Untote“, sagte er. „Irgendwer hat vor acht Jahren den toten Drachen aufgeweckt und rekrutiert nun eine Armee.“
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 06. November 2009, 16:27:43
hatte der Bibliothekar eigentlich Stufen?
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 07. November 2009, 01:17:02
Nö, wenn ihr im Turm der Mysterien einen Kampf losgebrochen hättet, wäre der Bibliothekar noch eure geringste Sorge gewesen;)... Hätte er Stufen gehabt, wäre er wahrscheinlich episch gewesen, aber kein Hochmagier - das hätten die Avariel dann doch nicht zugelassen. Warum fragst du? 
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 07. November 2009, 02:13:27
Der machte einen so überlegenen Eindruck...
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 12. November 2009, 23:11:43
Nimoroth
Abends an der alten Miene
Nimoroth hing kopfüber über dem Eingang der Höhle und wartete. Er mochte diese Gestalt. Seine Ohren nahmen selbst das leiseste Geräusch wahr und die Fähigkeit in völliger Dunkelheit sehen zu können, hatte ihm schon so manches Mal zum Vorteil gereicht. Außerdem waren Fledermäuse schnell und wendig und zu alltäglich, um Misstrauen zu erregen. Abgesehen davon war sein Versteck um einiges geräumiger als das seiner Freunde, die zu viert unter einer magischen Illusion zwischen den Felsen harrten. Sie warteten auf Elijas Avalior und seinen Kontaktmann. Winter hatte auf dem Tränenball eine Nachricht abgefangen, die ein geheimes Treffen zwischen dem Fürsten und den Rebellen vermuten ließ.
Plötzlich ein gleißendes Licht.
In Nimoroths schwarzen Augen spiegelte sich das Feuer, als ein sengender Strahl die Illusion durchbrach, unter der sich die anderen versteckt hielten. Abwartend starrte er in Richtung der Felsen, bereit in Windeseile seine Gestalt zu wechseln, falls es zum Kampf kommen sollte. Zwei Ungeflügelte traten mit gezogenen Waffen aus dem Nichts; ein Avariel landete mit ausgebreiteten Schwingen ein Stück von ihnen entfernt. Nimoroth erkannte ihn als den Rebellenführer Thanduin, dessen Auftritt auf dem Ball der Shantileas für einiges Aufsehen gesorgt hatte. Die Rebellen mussten sich unter einer magischen Aura der Unsichtbarkeit und Stille angeschlichen haben, denn Nimoroth hatte sie trotz seiner geschärften Sinne nicht kommen gehört.
Wenn das eine Falle ist, wirst du es bitter bereuen, erinnerte er sich an den Wortlaut der Nachricht. Offenbar hatten die Rebellen mit einem Hinterhalt gerechnet. Doch das hatten sie offenbar nicht erwartet.
„Halt!“, befahl Thanduin den anderen beiden auf Elfisch. „Es sind die Fremden.“
Seine beiden Begleiter traten zurück, ließen ihre Waffen jedoch gezückt.
„Ist das einer deiner Tricks, Elijas?“, fragte Thanduin argwöhnisch. Auf sein Zeichen hin wirkte einer der Ungeflügelten einen Erkenntniszauber. Einen Augenblick später gab er nickend Entwarnung. Keine Illusion. Nimoroth entspannte sich.
„Verzeiht die feurige Begrüßung“, entschuldigte sich der Rebellenführer und musterte die ertappten Spione mit einer Mischung aus Erheiterung und Achtsamkeit. Seine Flügel waren weiß mit schwarzen Schwungfedern und die dunklen Ringe unter seinen Augen zeugten ebenso wie seine verschmutze Elfenrüstung vom harten  Leben in den Bergen. „Ich glaube, ihr seid mir eine Erklärung schuldig.“
Von seinem Versteck aus beobachtete Nimoroth wie er die anderen in die Höhle führte, während die seine Begleiter vor dem Höhleneingang Wache hielten. Winter setzte zu einer weitschweifigen Lüge an, kaum dass sie die Miene betreten hatten. Doch Grimwardt winkte ab. Offenbar hielt er in diesem Fall die Wahrheit für angebrachter. Nachdem er seinen Bericht beendet hatte, blickte Thanduin eine zeitlang grüblerisch von einem zum anderen.
„Ein gestohlenes Drowartefakt, ein untoter Drache und eine verschwundene Nekromantin“, fasste er zusammen. „Und ihr glaubt, dass Elijas mit all dem etwas zu tun haben könnte?“
„Um das herauszufinden, sind wir hier“, erklärte Grimwardt. „Habt Ihr eine Ahnung, weshalb er mit Euch sprechen will?“
„Nein“, erklärte Thanduin. Ein düsterer Funke trat in seine heiteren Augen und er zögerte, ehe er fortfuhr. „Elijas und ich waren Freunde… Waffenbrüder. Damals in Myth Drannor. Der Elfenkreuzzug hat viele von uns verändert. Für viele war es das erste Mal, dass sie die Welt jenseits der Berge kennen lernten. Mit der neuen Welt kamen neue Ideen. Wir begannen die Gesellschaftsordnung unserer Väter in Frage zu stellen. Wenn alles Leben den gleichen Wert hat, wie der Kronrat und die Gueserim predigten, weshalb behandelten wir die Ungeflügelten wie Bürger zweiter Klasse? Wieso ließen wir die Welt im Stich, deren krönende Spitze wir angeblich waren? Fragen, denen wir uns stellen mussten.“ Er breitete selbstironisch die Arme aus. „Ihr wisst, wohin sie mich geführt haben. Elijas und ich riefen die Bewegung der Rebellen gemeinsam ins Leben. Doch Elijas ging die Sache zu weit, als wir anfingen, Patrouillen anzugreifen. Er sagte, wir steuerten auf einen Bürgerkrieg zu, den wir nicht gewinnen können.“ Thanduins Züge wurden hart. „Und dann verriet er mich an den Kronrat. Als Admiral der Valendár hatte ich heimlich angefangen, Ungeflügelte in den Kriegskünsten der Klingensänger auszubilden. Elijas verriet mich an seine Tante. Dadurch war ich gezwungen, aus der Stadt zu fliehen, um der Verhaftung zu entgehen.“
„Seine Tante?“, entfuhr es Winter.
Thanduin schnaubte düster. „Das hat er wohl vergessen zu erwähnen, wie? Seine Mutter war die Schwester der Fürstin Shantilea.“
„Dann steht er also jetzt auf deren Seite?“
„Unwahrscheinlich. Die Shantileas lassen niemanden in den engeren Kreis, der nicht reinen Blutes ist.“
„Vielleicht hat er versucht, in diesen Kreis hinein zu kommen.“
Thanduin zuckte mit den Schultern.
„Was ist mit der Nekromantin?“, bohrte Winter weiter. „Anael Silbertau, die verschwundene Magierin. Hat Elijas je von ihr gesprochen? Vielleicht hat er einige ihrer Vorlesungen besucht?“
„Gut möglich. Anael Silbertau war seine Geliebte.“
„Seine…? Oh.“
„Heimliche Geliebte, genauer gesagt. Sie war schließlich eine Ungeflügelte und er stammt aus einer hoch angesehenen Familie.“
„Und nun trefft ihr Euch hier mit ihm, obwohl er Euch verraten hat?“, wunderte sich Kalith. „Haltet ihr das nicht für…“
„…einen Fehler?“ Thanduin lächelte schief. „Vielleicht. Ich bin neugierig, das ist alles.“
In diesem Moment trat einer der beiden Rebellen, die vor der Höhle Wache hielten, an Thanduin heran, um Elijas’ Ankunft anzukündigen. Während seine Freunde sich in einem der Stollen versteckten, kroch Nimoroth an der Decke entlang nach draußen, wo Elijas gerade von dem zweiten Rebellen nach Waffen durchsucht wurde. Der Avariel zögerte, bevor er die Höhle betrat, und blieb schließlich unschlüssig im Höhleneingang stehen.
„Elijas.“ Thanduin trat aus dem Dunkel der Höhle auf ihn zu.
„Können wir nicht draußen reden?“ Elijas’ Blicke streiften unruhig das Höhleninnere. „Du weißt, was ich von geschlossenen Räumen halte.“
Klaustrophobie, dachte Nimoroth. Eine Schwäche, die zu kennen ihnen womöglich von Vorteil sein konnte.
„Rede.“ Argwöhnisch verschränkte der Rebellenführer die Arme vor der Brust.
„Komm morgen während der Portalöffnung in die Stadt.“
„Warum?“
„Die Bürger der Stadt sollen sehen, dass du die Portalöffnung unterstützt. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung.“
„Die Wachen werden mich festnehmen, ehe ich die Festwiese erreiche.“
„Nein. Vertrau mir. Niemand wird dich aufhalten.“
„Dir vertrauen?“ Thanduin zog ironisch eine Augenbraue in die Höhe. „Klar. Sehr überzeugend.“
Für einen Augenblick maß Elijas Avalior seinen einstigen Freund mit kühlen Blicken.
„Welche Alternative hast du, Thanduin?“, fragte er schließlich mit leiser, schneidender Stimme. „Willst du die Revolution ausrufen und Mathalaya das perfekte Alibi liefern, endgültig mit dir und deinen Leuten abzurechnen? Komm morgen oder führe deine Freunde in den Untergang. Deine Entscheidung.“
Mit diesen Worten wandte er sich um und flog davon. Nimoroth folgte ihm. Doch schon nach kurzem hatte er den Avariel im Nebel verloren. Er war schnell. Verdammt schnell.
Als Nimoroth wieder am Treffpunkt an der Alten Miene eintraf, waren Thanduin und seine beiden Begleiter bereits im Aufbruch.
„Reine Zeitverschwendung“, knurrte der Rebellenführer, während er wütend aus der Höhle stapfte.
„Dann werdet Ihr also nicht darauf eingehen?“, fragte Winter, die ihm gefolgt war.
„Und geradewegs in die Falle tappen?“, schnaubte Thanduin. „Glaubt er, ich sei zu blöd oder dieser Hinterhalt zu offensichtlich?“ Doch seine Blicke glitten unruhig über die Landschaft und sein Zorn bezeugte, dass Elijas’ Warnung ihn an einem wunden Punkt getroffen hatte.
„Eines noch“, wollte Winter wissen. „Wenn Ihr nicht in die Stadt hinein könnt, wie erklärt sich dann Euer Auftritt auf dem Tränenball?“
Thanduin sah sie verdutzt an. Dann lachte er plötzlich auf und seine düstere Stimmung hellte sich ein wenig auf.
„Ein Bubenstreich“, sagte er zwinkernd. „Wie ich sagte: Ich war Admiral bei den Valendár. Schön zu wissen, dass sich der ein oder anderer meiner Schüler noch an mich erinnert.“
Nachdem Thanduin und die beiden Rebellen den Treffpunkt verlassen hatten, verwandelte sich Nimoroth zurück.
„Und?“, fragte Winter. „Was hältst du davon?“
„Ich bin nicht sicher“, sagte Nimoroth. „Aber irgendetwas wird morgen bei der Portalöffnung geschehen und Elijas Avalior scheint mehr darüber zu wissen. Wir sollten ihm einen Besuch abstatten.“
Winter nickte.

Kalith
Am nächsten Tag im Sonnenaufgangsgebirge
Ihnen blieb nicht viel Zeit, um die verschwundene Nekromantin zu finden. Die Portalöffnung sollte zur siebten Stunde stattfinden und selbst auf den Greifen, die sie geliehen hatten, dauerte der Flug bis zur Ruine mehr als vier Stunden.
Als sie am Abend zuvor nach Immerschwinge zurückgekehrt waren, hatten sie Elijas nicht in seinem Palast angetroffen. Kalith hatte daraufhin zusammen mit Nimoroth die Hochadmiralin der Valendár aufgesucht, um sie von der möglichen Bedrohung zu unterrichten und einen Haftbefehl für den Avarielfürst zu erwirken. Doch wie sie befürchtet hatten, waren der Einhornjungfrau die Hände gebunden, solange nichts Konkretes gegen Elijas Avalior vorlag. Sie hatte den Cousins lediglich zusichern können, dass sie die Wachen, die um die Festwiese placiert werden sollten, verstärken und auf einen möglichen Anschlag vorbereiten würde.
Während die Täler und Berge des Sonnenaufgangsgebirges unter ihnen dahin flogen, hing Kalith seinen Gedanken nach. Erster Leutnant unter Hauptmann Fflar Sternbraue und Botschafter von Myth Drannor. So war nun sein offizieller Titel. Er hatte es weit gebracht. Mit nicht einmal 100 Jahren hielt er die drittwichtigste Position am Elfenhof von Cormanthyr inne. Und doch blieb ein Funken Wermut. Kalith war sich bewusst, dass ihm ohne Aryvelahr Kerym keine dieser Ehren jemals zuteil geworden wäre. Was, wenn er es einfach hätte im Staub der Arena liegenlassen, jenes verrostete alte Schwert? Damals in jener Ruinenstadt im Unterreich? Was wenn Corellon ihn nicht als Träger einer Elfenklinge für würdig erachtet hätte? Man hätte ihn nie nach Myth Drannor eingeladen, hätte ihm nie einen Sitz im Elfenrat angeboten. Manchmal fragte er sich, was die Großen von Myth Drannor tatsächlich von ihm hielten. All die Mondelefen, die respektvoll den Kopf neigten, wenn er ihnen morgens auf dem Weg ins Hauptquartier der Elfenritter begegnete. Genau wie Fürstin Ilsevele war er ein Auserwählter Corellons; sie würden seinen Machtanspruch niemals öffentlich in Frage stellen. Und doch: Er war ein Waldelf, ein Unzivilisierter in den Augen vieler. Er würde niemals wirklich Teil ihrer Gesellschaft sein und manchmal fragte er sich, ob er das überhaupt gewollt hätte, wenn er eine Wahl gehabt hätte. Er war ein Krieger und Abenteurer; die Diplomatie lag ihm nicht. Nimoroth sollte Botschafter von Myth Drannor sein, nicht er.
„Das muss es sein“, übertönte in diesem Moment Winters Ausruf seine Gedanken.
Die Greifen kreisten über einer kleinen Flussinsel, die den Thaylambar westlich der Wasserfälle teilte. In ihrer Mitte erhoben sich die Ruinen eines ehemaligen Außenpostens der Raumatar. Die Gefährten ließen sich bei der Ruine absetzen. Nur ein paar überwucherte Mauern und Schutthaufen, längst von der Natur zurück erobert, waren von der Festung geblieben. Die Gefährten begannen sofort mit der Suche nach einem Zugang zu den unterirdischen Gängen des ehemaligen Gebäudekomplexes.
Kalith fand durch einen Erkenntniszauber heraus, dass es auf der anderen Flussseite einen Geheimgang gab. Wahrscheinlich ein Fluchtweg für Notfälle. Dort angekommen, fanden sie eine Bodenklappe, die eine Stufenleiter enthüllte, die in einem Gang endete, der unter dem Fluss hindurch in die Kellerräume der Festungsanlagen führte. Die Gefährten passierten Gänge, von denen ehemalige Vorratskammern abzweigen, und gelangten schließlich in einen alten Gefängnistrakt. Winter, die alle Türen nach Fallen untersuchte, führte die kleine Gruppe an; Kalith bildete das Schlusslicht. Als sie um eine Ecke in einen weiteren Gang einbogen, schrie Winter plötzlich auf. Im nächsten Moment senkte sich die Decke auf sie herab und…. verschlang sie.
Kalith erhaschte gerade noch einen Blick auf drei schleimige Tentakel, die aus dem gigantischen Schlund wuchsen, ehe sich vor ihm eine steinerne Barriere in die Höhe wand, die ihn von Winter und dem Höhlenmonster trennte.

Winter
„Versuch dich raus zu schneiden“, klang dumpf Grimwardts Stimme an Winters Ohren. Sie versuchte zu antworten, doch etwas quetschte ihren Brustkorb zusammen und raubte ihr den Atem. Der Gestank war unerträglich. Ein Schwall klebriger, säureartiger Substanz goss sich von oben auf sie herab und Winter begriff, dass dieses Ding gerade im Begriff war, sie zu verdauen.
Der Gedanke machte sie wütend.
Strampelnd griff sie nach ihrem Dolch und stieß ihn in das schwammige Fleisch, das sie von allen Seiten erdrückte. Das Ding, das sie auffraß, zuckte zusammen und für einen Augenblick ließ der Druck auf ihre Brust nach. Winter schnappte nach Luft. Kurz darauf durchzuckte sie ein sengender Schmerz, als elektrische Stöße ihren Körper erbeben ließen. Glücklicherweise war auch das Monster getroffen, was Winter einen weiteren Atemzug verschaffte. Weitere elektrische Stöße blieben aus. Die anderen mussten begriffen haben, dass ihre Zauber auch ihr schadeten. Winter hackte weiter auf ihren Peiniger ein und kämpfte darum nicht das Bewusstsein zu verlieren. Dann spürte sie Doriens Geist in ihrem Kopf.
Na endlich, das wurde aber auch Zeit.
Winter gab dem Drängen von Doriens Versetzungstrick-Zauber nach und lag im nächsten Moment schwer atmend dort, wo eben noch der Hexenmeister gestanden hatte. Grimwardt beugte sich über sie.
„Alles in Ordnung?“
Sie warf ihm einen säuerlichen Nach-was-siehts-denn-aus-Blick zu und taumelte auf die Beine.
„Kannst du mich da rein befördern?“, rief ihr Nimoroth von der Frontlinie aus zu. „Ich fetz’ das Vieh auseinander!“
Mit einem verwandten Versetzungszauber vertauschte Winter die Standorte von Dorien und Nimoroth. Der Elfendruide hatte nicht zu viel versprochen. Winter sah noch für den Bruchteil einer Sekunde einen Säbel aus dem Rücken des Monsters herausragen. Dann regnete es Eingeweide.
„Schnell, wir müssen weiter“, erklärte Winter, nachdem Grimwardt ihre gebrochenen Knochen geheilt hatte. „Die Zeit rennt uns davon.“
„Moment“, sagte Dorien. Mit soviel Würde, wie ein halbverdauter, mit Speichel und Galle überzogener Dandy aufzubringen im Stande ist, rappelte er sich auf und stellte das faustgroße Replikat seiner magischen Villa vor sich auf. Nachdem er die magische Formel gesprochen hatte, öffnete sich ein Eingang in das außerdimensionale Eigenheim.
„Dorien, was hast du vor?“
„Waschen!“ Dorien war bereits im Innern seiner Villa verschwunden. „Solltest du auch tun.“
Winter schloss ergeben die Augen.
„Kommt“, sagte sie seufzend an die anderen gewandt, und schritt den Gang entlang.
Kurz darauf betraten sie einen Raum, der einmal eine Gebetshalle gewesen sein mochte.

Nimoroth
Sie hatten jeden Winkel der Gebetskammer durchforstet. Das Bodenmosaik, die Wände, den ehemaligen Altar. Nichts. Keinen Hinweis auf einen Geheimgang oder ein außerdimensionales Versteck. Da er sonst bereits alles untersucht hatte, konzentrierte Nimoroth sich auf die zertrümmerten Skulpturen. Eine Steinsstatue, die bis auf eine abgebrochene Hand noch vollständig erhalten war, erregte seine Aufmerksamkeit. Die Statue zeigte eine Elfe, was an diesem Ort ungewöhnlich genug war. Doch noch ungewöhnlicher war es, dass Nimoroth glaubte, ihr Gesicht schon einmal gesehen zu haben.
„Die Drow-Priesterin“, durchfuhr es ihn. Kalith sah auf.
„Bei Corellon“, murmelte er, als er einen Blick auf die Statue geworfen hatte. „Du hast Recht!“
Irae T’sarran.
Das war der Name der Drow-Priesterin, die Nimoroth und Kalith im Unterreich im Augenblick ihres Todes entwicht war. Die Trägerin der zweiten Klaue, die mit einer mächtigen Zauberformel Tod und Verwüstung über die Talländer hatte bringen wollen. Jemand musste sie versteinert und sich das Artefakt unter den Nagel gerissen haben.
„Das heißt, wer immer unsere Klaue hat, ist vermutlich auch im Besitz der Zwillingsklaue?“, fragte Winter, nachdem Nimoroth sie aufgeklärt hatte. „Was hat das zu bedeuten? Und wie kommt sie überhaupt hierher?“
„Das sollten wir sie fragen“, sagte Nimoroth. „Aber gebt Acht. Sie ist gefährlich.“
Während Kalith und Grimwardt die Steinstatue an den Armen festhielten und Dorien den Zauber vorbereitete, der Irae zurückverwandeln sollte, baute sich Nimoroth vor ihr auf, bereit die klaffende Wunde an ihrem verstümmelten Arm zu heilen, sobald sie wieder sie selbst war. Oder zuzuschlagen, falls sie zu sehr sie selbst sein sollte.
Der Zauber hüllte die Steinstatue in ein gleißendes Licht.
Irae schnappte nach Luft. Sich der Zeit ihrer Versteinerung nicht bewusst, vollendete sie zischend einen Schwall elfischer Verwünschungen, den sie vor acht Jahren begonnen hatte. Abrupt brach sie ab, als sie sich der Gegenwart der anderen bewusst wurde.
„Was…?“
Begreifen dämmerte in den blassroten Augen der Albino-Drow. Als Nimoroth sie zuletzt gesehen hatte, war ihr Kopf kahl rasiert gewesen, doch nun fiel silberweißes Haar ihr in langen Strähnen über die Schultern. Iraes schmales, bleiches Gesicht hätte schön sein können, hätte ihr nagender Hass es nicht zu einer Grimasse der Niedertracht verzerrt.
„Ich kenne euch“, zischte sie mit zusammen gekniffenen Augen. „Nimoroth… und Kalith, das waren eure Namen! Ihr habt mich vernichtet!“ Sie machte eine plötzliche Bewegung und versuchte sich loszureißen.
„Offenbar nicht sehr erfolgreich“, bemerkte Nimoroth.  
„Hat Elijas euch geschickt?“
Elijas. Wieder einmal.
„Nein. Was hat er Euch angetan?“
Irae musterte Nimoroth lauernd. Dann stahl sich ein finsteres Lächeln auf ihr Gesicht.
„Meine Informationen gegen meine Freiheit“, zischte sie. „Das oder ich nehme mindestens einen von euch mit ins Grab.“
Nimoroth betrachtete sie kühl. „Nein“, sagte er. „Was werdet Ihr tun, wenn wir Euch freilassen? Wie oft soll die Welt noch unter Eurem Irrsinn zu leiden haben?“
„Was glaubt Ihr?“, knurrte Irae bitter. „Zweimal habe ich meine Göttin bereits enttäuscht. Was glaubt Ihr, wie viele Chancen Kiaransalee mir noch gewährt?“
Nimoroth sah die anderen an.
„Die Zeit läuft uns davon“, erinnerte ihn Winter.
Er nickte: „Also schön. Rede.“
„Was?“, spottete die Drow. „Habe ich etwa Euer Wort? Das reicht mir nicht. Schwört bei Euren Göttern, dass ihr mich unversehrt gehen lasst, wenn ich geredet habe. Ihr alle.“
Sie schworen. Alle bis auf Grimwardt.
„Nichts da“, knurrte der Tempuspriester, dem die Drow des Unterreichs seit dem Überfall auf die Abtei ein ständiger Dorn im Auge waren. „Ich werde einen Teufel tun, der da mein Wort zu geben.“
Irae warf ihm einen hasserfüllten Blick zu, gab jedoch nach. Ihr Drang mit dem Leben davon zu kommen schien übermächtig. Schon früher war Nimoroth diese Eigenschaft an ihr aufgefallen. Ein eigenartiger Zug für eine Nekromantin.
„Es begann vor… wie lange war ich versteinert?“
„Acht Jahre.“
„Dann vor etwa neun Jahren.“ Ihr Blick schweifte zwischen Nimoroth und Kalith hin und her. „Ihr hattet meinen Tempel zerstört und meine Pläne zur Invasion der Talländer zu Nichte gemacht. Doch töten konntet ihr mich nicht“, erklärte sie mit einem Glitzern des Triumphs in den Augen. „Als ich das Bewusstsein verlor, wurde ein Zauber aktiviert, der mich vor dem Tod bewahrte und mich in ein außerdimensionales Versteck transportierte. Meine untoten Diener pflegten mich gesund und ich kehrte zurück in meine Heimatstadt Maerimydra im Unterreich. Doch die Stadt war nicht mehr wiederzuerkennen. Inzwischen hatte die alte Hure Lolth ihr Schweigen gebrochen und war als eine noch mächtigere Göttin wiederauferstanden. Überall im Unterreich hatten ihre Priesterinnen die Macht wieder an sich gerissen. Jene, die wie ich der Göttin der Untoten gefolgt waren, wurden gefoltert, gepfählt und der widerlichen alten Spinne zum Fraß vorgeworfen. Zahlreiche Feiglinge konvertierten. Doch nicht ich. Ich hatte mich Kiaransalee mit Leib und Seele verpfändet – es gab keine Kompromisse. Lolths Häscher waren mir dicht auf den Fersen. Ich floh an die Oberfläche. Irgendwo in den Wäldern muss ich vor Erschöpfung das Bewusstsein verloren haben. Elfen fanden mich und brachten mich in ihr Dorf. Meiner hellen Haut wegen glaubten diese Narren ich wäre eine von ihnen. Es war das perfekte Versteck. Wer vermutet eine Drow in einem Elfendorf? Ich blieb länger als ein Jahr. In dieser Zeit schmiedete ich Pläne, wie ich Kiaransalees Ansehen unter meinem Volk wieder herstellen konnte. Während der Invasion der Fey’ri wurde mein Dorf erobert, doch der Elfenhof sandte Truppen zur Befreiung. Unter dem Bataillon, das uns ‚befreite’, waren zwei geflügelte Elfen; einer von ihnen war Elijas Avalior.“ Sie schnaubte verächtlich. „Es war so einfach ihn zu verführen. Nach der Befreiung von Myth Drannor kehrte er zurück in seine Heimat. Mich ließ er nachkommen. Mein Plan schien aufzugehen. Immerhin hatte ich noch immer die Klaue des Widergängers. Ich würde eine Armee aus Untoten zusammenstellen, Drachen, Frostriesen, Avariel, was auch immer das Gebirge zu bieten hatte. Dann würde ich die Wolkenstadt dem Erdboden gleichmachen. Welchen Ruhm hätte das für meine Göttin bedeutet! Welche Schande für die Spinnenkönigin, wenn sie erkennen sollte, dass Kiaransalee, ihrer Vasallin, das gelungen war, woran sie in Ewigkeiten gescheitert war. Doch Elijas vereitelte meinen Plan. Ich war hierher gekommen, weil ich hoffte in der Ruine alte, mächtige Magie zu finden, die mir bei der Invasion der Stadt von Vorteil sein konnte. Er war mir gefolgt und stellte mich zur Rede. Es kam zum Kampf und diesmal verlor ich alles.“
„Dann seid Ihr Anael Silbertau, die verschwundene Nekromantin“, erkannte Winter.
„Eine Maske.“ Irae zuckte verächtlich mit den Schultern. „Und nun lasst mich gehen“, forderte sie. „Ich habe alles erzählt, was ich weiß.“
Grimwardt schien die Idee, die Priesterin gehen zu lassen, wenig zuzusagen, doch der Zeitdruck ließ ihnen keine andere Wahl. Ein Kampf würde sie nur länger aufhalten.
Während des Rückflugs versuchte Nimoroth das Gehörte in einen Zusammenhang zu bringen. Elijas musste die Klaue des Widergängers an sich genommen haben, doch zu welchem Zweck? Wollte er Iraes Plan zu Ende führen und allen Ruhm für sich beanspruchen? Oder war er den Einflüsterungen der Klaue erlegen und handelte wider seinen Willen so wie der Baelnorn, dem sie in Myth Drannor begegnet waren? Hatte Irae ihn tatsächlich verführt oder hatte er sie das nur glauben gemacht? Wer spielte hier mit wem? Und wer war im Besitz der zweiten Klaue? Es gab nur einen, der ihnen diese Fragen beantworten konnte. Sie mussten Elijas Avalior finden, bevor das Portal nach Myth Drannor geöffnet wurde.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 13. November 2009, 01:20:09
Ah... ich schnupper da ein Finale ...
Bin gespannt! :thumbup:
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 07. Dezember 2009, 19:09:57
Wie schön, ich freu mich immer wieder von uns zu lesen.
Ich liebe dein Talent!!!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 08. Dezember 2009, 01:58:12
Winter! du hier!  :D
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 08. Dezember 2009, 02:12:30
Na dann alles liebe zum Geburtstag, Winter.  :)

Kapitel VI: Das Portal 

Nimoroth
Vier Stunden später vor dem Anwesen der Avaliors
Die Tür war unverschlossen und in der Eingangshalle fanden die Gefährten blutige Fußabdrücke. Alarmiert folgten sie der Spur in die Küche, wo sich ihnen ein schrecklicher Anblick bot: Lana, die Köchin des Hausherrn, lag bewusstlos auf dem Küchentisch. Ihre Arme waren im Blut gebadet: Jemand hatte der jungen Avariel die Fingernägel ausgerissen. Nimoroth eilte ihr zur Hilfe.
„Was ist passiert?“, fragte er, nachdem er ihre Wunden geheilt und die verängstigte Elfe mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt hatte. „Wer hat Euch das angetan?“
Lanas Pupillen weiterten sich, als die Erinnerung sie einholte.
Sie“, flüsterte sie. „Sie wird ihn töten.“
„Sie?“, Nimoroth nahm ihren Kopf in seine Hände, um ihren Blick zu fokussieren.
„Anael.“ Lanas Lider flackerten. „Sie ist zurückgekehrt. Sie wollte wissen, wo mein Herr ist. Er weiß nicht, dass ich ihn nachts beobachte, wenn er sich aus dem Haus schleicht. Ich wollte schweigen, aber sie….“ Ein trockener Schluchzer entrang sich ihrer Brust.
„Schon gut. Wohin ist er gegangen? Lana“, drängte Nimoroth, „du musst es uns sagen, wenn wir deinem Herrn helfen sollen.“
„Zu den Shantileas“, wisperte Lana.

Kalith
Kurz darauf im Palast der Shantileas
Sie hatten die Eingangstür aufgebrochen und standen in der Großen Halle. Vor der Flügeltür, die in den Saal der Tränen führte, waren zwei untote Frostriesen postiert. Die Haut hing ihnen in Fetzen vom Leib und in ihren Augen glommen tote, rötliche Funken. Aus dem Saal drangen laute Stimmen und Kampfgeräusche.
Die Gefährten zogen ihre Waffen.
Der Kampf dauerte länger als erwartet. Die Frostriesen waren zäh und ihre Hiebe kraftvoll und verbissen. Kalith hatte diese Art von Untoten schon einmal bekämpft – damals im Unterreich. Es waren Widergänger, Schergen Kiaransalees. Endlich, nachdem beide Kreaturen am Boden lagen, stieß Kalith die Tür zum Saal auf.
Helles Mondlicht flutete durch die Kuppel in den Saal und verfing sich glitzernd in den herabhängenden Ästen der Gläsernen Weide, die sich in der Mitte des Raums erhob. Elijas Avalior kauerte in Angriffsposition vor dem riesigen Monument. Sein blutiges Schwert war zum Boden geneigt und wies auf den leblosen Körper Iraes, der enthauptet zu seinen Füßen lag.
„Geht.“ Seine Stimme klang hohl von den gläsernen Wänden wieder. „Ihr könnt es nicht aufhalten.“
„Wir wollen mit Euch reden“, rief Nimoroth ihm zu. „Arbeitet Ihr für die Fürstin?“
Elijas’ maß die Gefährten mit ausdruckslosen Blicken. Dann breitete er seine Schwingen aus und murmelte einen Zauber. Schneller als Kaliths Augen ihm zu folgen vermochten, hatte er sich vom Boden abgestoßen und schwebte nun unter der Kristallkuppel.
„Ich habe euch gewarnt“, flüsterte er und richtete seine ausgestreckte Hand in Richtung der Gefährten. Ein Finger wies auf Winter, ein anderer auf Dorien. Zwei grüne Strahlen schossen aus den Fingerspitzen des Avariel. Doch schneller noch als die beiden Strahlen war Elijas selbst bei seinen Opfern eingetroffen. Seine schmale Klinge durchschnitt die Luft wie Pergament und beide fielen ohne einen Laut, gleichermaßen von Zauber und Schwert durchbohrt.
Dann wandte sich der Klingensänger den drei Kämpfern der Gruppe zu.
Er bewegte sich so schnell, dass er jedem Angriff auszuweichen schien. Kalith war es unmöglich zu erkennen, ob seine Schwerthiebe trafen oder nicht. Dafür war er sich umso schmerzlicher eines jeden Treffers bewusst, den sein Gegner erzielte. Mit einer furiosen Choreographie aus magisch verstärkten Schwerthieben, Zaubern und nekromantischen Angriffen, die dem anderen die Kraft raubten und ihn selbst stärkten, behauptete sich der Avariel gegen seine Gegner. Kalith erkannte, dass er nicht mehr lange durchhalten würde und ein Blick auf seine Mitstreiter sagte ihm, dass es ihnen nicht anders erging.
Und dann war es vorbei.
Elijas keuchte auf, als er unter einem von Nimoroths gefürchteten Sturmangriffen zu Boden ging. Die Hand auf die klaffenden Wunde an seiner Brust gepresst, harrte der Avariel zu Füßen seines Bezwingers. Nimoroth zögerte… und schlug zur Sicherheit noch einmal zu. Elijas kippte um.
Totenstille.
Nur das Rasseln ihres Atems war zu hören, als Grimwardt und Nimoroth sich um die Verletzten kümmerten. Wo waren die Bewohner des Palasts? Wo all die Bediensteten?
„Was nun?“, fragte Kalith schließlich in die Stille hinein.
„Er scheint keine der Klauen bei sich zu haben und wir haben keine Zeit ihn auszuquetschen“, sagte Nimoroth. „In wenigen Minuten wird das Portal geöffnet.“
„Keine Klaue“, meldete sich Winter zu Wort, die begonnen hatte, ihren Gegner zu plündern, kaum dass sie wieder auf den Beinen war. „Aber das hier!“
Sie hielt eine faustgroße verzierte Truhe in den Händen: eine exakte Kopie der Truhe, in welche sie das Artefakt gelegt hatten, nachdem sie es aus der Krypta des Baelnorn gestohlen hatten.

Nimoroth
Auf der Festwiese vor dem Orchideen-Palast
Die ganze Stadt hatte sich auf dem Platz versammelt. Geflügelte wie Ungeflügelte saßen auf der Wiese und in den Bäumen und lauschten mehr oder weniger aufmerksam der Rede des Coronal, der von einem der Balkone des Palasts zu ihnen sprach. In der Mitte der Festwiese erhob sich ein bogenartiges Gebilde, verhüllt von seidenen Tüchern: das Portal nach Cormanthyr. Hochadmiralin Shelisale Bareithion hatte wie angekündigt die Festwiese mit Wachen umstellen lassen. Jedem Krieger hatte sie einen Magier oder Klingensänger sowie einen Heiler zur Seite gestellt. Nimoroth ließ seinen Blick über die Menge schweifen.
„Da ist sie.“ Winter entdeckte die Admiralin als erste.
Nimoroth und seine Freunde bahnten sich einen Weg durch die Menge. Großer Anstrengung bedurfte es dazu nicht. Ihr ramponiertes Aussehen und der Gestank, der Winter und Nimoroth noch von ihrer Begegnung mit dem Höhlenmonster anhaftete, taten das ihrige, um ihnen den Weg zu ebnen.
„Da seid Ihr ja.“ Hochadmiralin Shelisale kam nicht umhin ein wenig die Nase zu rümpfen. „Kalith, man hat überall nach Euch gesucht. Wieso wohnt Ihr der Portalöffnung nicht an der Seite des Coronal bei wie abgesprochen? Was ist passiert?“
Kalith setzte zu einer Erklärung an, doch in diesem Moment explodierte der Himmel in einem Meer von Farben und seine Worte gingen im Zischen und Knallen der Raketen unter. Zeitgleich mit dem Feuerwerk enthüllten zwei Wächter das Portal.
Und dann zog sich der Himmel zusammen und ein Blitz krachte aus der Wolkendecke.
Wolken?“, übertönte Nimoroth den aufkommenden Regen. „In dieser Höhe?“ Dann erinnerte er sich an seine Vision: Plötzlich zuckt ein Blitz vom Himmel und die Stadt über den Wolken versinkt in Dunkelheit.
„Es fängt an“, murmelte er. „Macht euch bereit.“
Die Gefährten zogen ihre Waffen und schützten sich mit Defensivzaubern.
Kaum enthüllt, begann die Holzkonstruktion in der Mitte des Platzes sich aufzublähen und zu wachsen. Plötzlich ein lautes Bersten. Holz splitterte und schwarzer Nebel flutete aus dem Portal in die Palastgärten. Die Totenstille, die sich über den Platz gesenkt hatte, begann sich langsam in Panik zu verwandeln, als jene Avariel, die dem Portal am nächsten standen, erkannten, was dort mit dem Nebel aus dem Höllentor geschwemmt kam: Ein Heer untoter Frostriesen strömte auf die Festwiese und überzog all jene mit seinen Angriffen, die nicht fliegen konnten oder nicht schnell genug in die Lüfte entflohen, gelähmt vom Anblick dessen, was sie über sich erblickten: Über dem Untotenheer schwebte, grausam und majestätisch, ein weißer Drache. Die Haut klebte ihm in Fetzen am Leib und seine Flügel wirkten wie von Motten zerfressene Leinen. Seine Augen waren schwarze, blicklose  Höhlen, in denen List und Scharfsinn schon vor Jahrhunderten erloschen waren. Dennoch ließ die pure Anwesenheit des Wyrms die Wesen unter ihm vor Furcht erstarren. Auf dem Rücken der mächtigen Kreatur thronte Fürstin Mathalaya Shantilea. Ihre goldenen Augen waren von dem gleichen toten Feuer erfüllt wie die des Drachen, ihr Gesicht ohne jeden Ausdruck. Flankiert wurden die schwer gerüstete Fürstin und ihr Reittier von Mathalayas Sohn Silead und der geisterhaften Reflektion von… Irae T’sarran! Kurz nachdem die Gefährten den Palast verlassen hatten, musste die Fürstin noch einmal zurückgekehrt sein, um die Drow zu verwandeln. Mathalayas ausgestreckter Arm, um den sich eine schwarze, dornenbesetzte Klaue wand, war auf den Coronal gerichtet.
Die Gefährten hoben vom Boden ab, um ihr im Kampf zu begegnen, doch die Fürstin schien sie kaum zu beachten. Ein schwarzer Strahl schoss aus ihren Fingern. Coronal Yorah Bareithior fasste sich nach Atem schnappend ans Herz, als sich das schwarze Gift in seine Brust fraß und seinen Körper von innen zu zersetzen begann. Dann kippte er kopfüber über den Balkon. Als sein Körper auf dem Boden aufschlug, war nichts mehr von ihm übrig als Staub und Asche.
Undeutlich nahm Nimoroth wahr, was um ihn herum geschah: Aus dem Hinterhalt feuerte Winter in rasender Abfolge eine Salve sengender Strahlen auf die Fürstin ab, doch die Zauber prallten an deren magischem Schutzschild ab und wurden auf Winter zurück geschleudert. Dorien wurde von einem schwarzen Strahl getroffen, der jenem glich, der dem Coronal zum Verhängnis geworden war. Seine Schutzzauber vermochten ihn vor dem Schlimmsten zu bewahren, doch die Wucht des Angriffs schleuderte ihn zu Boden. Kalith und die Admiralin hatten Silead Shantilea in die Zange genommen und Grimwardt versuchte der Geisterdrow mit seiner priesterlichen Macht beizukommen. Nimoroth selbst flog in die Höhe, um die Trägerin der Klaue im Sturzflug anzugreifen. Im selben Moment jedoch vollführte der Drache eine Luftrolle, sodass Nimoroth herumgewirbelt und in den Schatten des gigantischen Untoten gedrängt wurde. Kurz darauf wurde er vom wirbelnden Eisodem des Wyrm erfasst, der ihn weiter nach unten abzutreiben drohte.
Seine Waffe senkrecht nach oben gerichtet stemmte sich der Elf gegen den Sog der Odemwaffe und stürmte vorwärts. Fünf Säbelhiebe fraßen ein klaffendes Loch in den knöchernen Unterleib des Untoten. Der verwundete Drache reagierte mit einem Schwanzstreich, dem Nimoroth nur mit Mühe ausweichen konnte. Winter war indessen dazu übergegangen, den Wyrm mit Feuerbällen einzudecken und gemeinsam gelang es den Gefährten endlich das Monstrum zu besiegen. Wirbelnde Kreise schlagend segelte der erlöste Drachenleichnam zu Boden. Schlagartig löste sich die Wolkendecke auf und Mondstrahlen tasteten sich über das Schlachtfeld. Der Drache musste das Wetter kontrolliert haben. Nimoroth sah nach unten: Die Fürstin hatte sich im Augenblick seines Falls vom Rücken des Drachen gelöst und schwebte nun mit ausgebreiteten Schwingen im silbrigen Sternenlicht. Ihr Blick aus starren Goldaugen war auf Nimoroth gerichtet.
Er nahm die Herausforderung an.
Religiöse Besessenheit verlieh den Schwerthieben der Verräterin eine tödliche Wucht. Ihr Gesicht, obgleich das Gesicht einer Sterblichen, war totenbleich und die Verbissenheit, mit der sie ihr Ziel verfolgte, legte ihre Wangen in tiefe Schatten. Was auch immer ihr ursprüngliches Motiv für den Verrat an ihrem Volk gewesen war, in diesem Moment diente sie nur noch der Herrin der Klaue. Doch auch Nimoroth war inspiriert von göttlicher Energie. Mielikki ließ seine Muskeln anschwellen und seine Knochen wachsen. Und dann ein letzter Angriff. Die Welt verschwamm zu einem Meer aus Farben und Schreien, als Nimoroth im Sturzflug auf seine Gegnerin zuschnellte, sie mit sich riss, und dem Boden entgegen stürzte. Als er kurz vor dem Aufprall seinen Flug abbremste, war die Fürstin bereits tot. In ihren Augen stand ein eigenartiger Ausdruck. Furcht? Entsetzen? Hatte sie im Augeblick ihres Todes etwa Reue empfunden?
Nimoroth machte sich an die blutige Aufgabe, die Klaue der Kiaransalee von der Hand der Toten zu schneiden. Auf einmal spürte er einen Luftzug. Er sah auf und erblickte Thanduin, der mit einem Trupp seiner Rebellen in Nimoroths Nähe landete.
„Was ist hier passiert?“, fragte der Rebellenführer mit aufgerissenen Augen.

Grimwardt
Der Todesalb erstarrte unter Grimwardts Blicken und beugte sich der Autorität des Feindhammers. Irae T’sarran stieß ein irres Kreischen aus, ehe sie die Arme ausbreitete und sich vom Wind davontragen ließ. Vom Schlachtfeld fliehend und aus der Stadt hinaus. Grimwardt erwog für einen Augenblick ihr nachzusetzen, entschied jedoch schließlich, dass es Wichtigeres zu tun gab. 
Langsam, mit erhobenen Händen und geschlossenen Augen, ließ er sich zu Boden gleiten. Tempus, der sein Gebet erhörte, sandte Schauer heilender Energie durch Grimwardts Körper, die sich in Wellen über das gesamte Schlachtfeld ausbreiteten. Verwundete genasen in Windeseile, während die letzten Untoten unter der Einwirkung der göttlichen Energie zu Staub zerfielen. Ehrfurchtsvolles Raunen erfasste die Menge.
Unglücklicherweise hatten die heilenden Schauer auch vor dem am Boden liegenden Silead Shantilea nicht Halt gemacht. Der Sohn der Verräterin spuckte Grimwardt hasserfüllt ins Gesicht, als dieser neben ihm landete. Für die Dauer eines Augenblicks war Grimwardt von so viel Dummheit wie gelähmt. Dann zertrümmerte er dem Anführer der Engelstränen mit einem beherzten Fausthieb sein Engelsgesicht, bevor er ihn mit einem gezielten Fußtritt in die Magengegend in den Schlaf sang. 
„So ein Hundskerl“, grummelte er kopfschüttelnd.

Nimoroth
Kurz darauf in der Eingangshalle von Doriens Villa
Grimwardt hatte Elijas Avalior an einen Stuhl gefesselt, den einer von Doriens Dienern herbei geschafft hatte. Nimoroth spritzte dem Bewusstlosen ein Glas Wasser ins Gesicht. Die Lider des Avariel flackerten, als er aus seiner Ohnmacht erwachte.
„Wo ist die Klaue der Lolth?“, fragte Nimoroth und hielt ihm das Replikat der Truhe unter die Nase, das Winter bei Elijas’ Sachen entdeckt hatte. „Wie gelangen wir an die Truhe?“
Die Blicke des Klingensängers glitten fahrig über die Gesichter der Gefährten.
„Ist sie tot?“, fragte er angespannt.
„Eure Fürstin?“, erwiderte Grimwardt grob und warf ihm die Klaue der Kiaransalee vor die Füße, in der noch Mathalayas abgetrennte Hand steckte. „Allerdings.“
Die Augen des Avariel blieben wie erstarrt an dem blutigen Ding haften. Dann stahl sich ein seltsames Lächeln auf seine Lippen.
„Gut“, murmelte er.
Nimoroth runzelte die Stirn und trat näher an ihn heran.
„Was soll das heißen? Wieso ‚gut’?“
Elijas zögerte.
„Wenn ich rede, dann nur unter der Bedingung, dass kein Avariel es je aus Eurem Munde erfährt“, sagte er. „Was mit mir passiert, ist mir gleich. Tötet mich. Liefert mich aus. Was auch immer. Aber keine Aussagen zu meinen Motiven.“
„Schön, mein Wort darauf.“
Elijas nickte.
„Ich glaube nicht an die Methoden der Rebellen“, begann er. „Aber ich glaube an ihre Grundsätze. Wenn mich der Elfenkreuzzug eines gelehrt hat, dann dass wir Elfen den Kampf gegen das Böse brauchen, um die Dinge zu ändern. Das einzige, was diese Stadt vor einem Bürgerkrieg retten konnte, war ein Monster, das sie wieder zusammenschweißt. Ich habe dieses Monster erschaffen. Durch Iraes Klaue hatte ich die Macht dazu. Um die Fürstin Glauben zu machen, dass ich auf ihrer Seite stünde, verriet ich den Rebellenführer an den Kronrat. Ich überzeugte sie davon, dass ein Sturz des Coronal die einzige Möglichkeit sei, die Reformen zu verhindern, die sie so fürchtete. Auf diese Weise brachte ich Mathalaya dazu, die Klaue anzulegen. Hätte die Fürstin gewusst, dass sie sich damit dem Willen einer dunkelelfischen Göttin unterwirft, hätte sie natürlich abgelehnt. Aber so wurde sie zu eben jenem Monster, das Immerschwinge brauchte. Ein Monster, das die Stadt mit einem Krieg überziehen würde, der Rebellen und Adlige einte.“
Nimoroth sah ihn ungläubig an.
„Und wenn sie gesiegt hätte?“, fragte er. „Besser eine korrupte Regierung als eine besessene Tyrannin.“
„Die zweite Klaue“, erklärte Elijas. „Wer beide Klauen trägt, vermag sie beide zu vernichten.“ Verständnislose Blicke.
„Kiaransalee ist eine noch junge Göttin“, klärte er sie auf. „Nachdem sie den Erzdämon Orcus bezwungen hatte, bat sie um Aufnahme ins Pantheon der Drow. Lolth stellte ihr eine Bewährungsaufgabe: Wenn es ihr gelänge ein Artefakt des Untodes zu erstellen, dass ihrer eigenen Todesklaue gleichkäme, würde sie Kiaransalee das Portfolio des Untodes überlassen und sie in den Rang eines Gottes erheben. Ihre Konkurrentin schuf also durch einen ihrer sterblichen Diener die Zwillingsklaue. Die beiden Artefakte sind einander in allen Belangen gleich. Kiaransalee hatte erreicht, was sie wollte. Wenn jedoch ein und derselbe Träger beide Klauen trägt, so heißt es in einem Dokument, das ich ausfindig machen konnte, würden die göttlichen Energien der beiden verfeindeten Göttinnen aufeinander treffen und die Klauen würden zerstört.“
 „Also wart Ihr es, der uns Drake auf den Hals gehetzt hat“, murmelte Winter. „Um an die zweite Klaue zu gelangen.“
„Ja“, gab Elijas zu. „Ich beauftragte den Assassinen damit, die Klaue zu finden, alles andere – eure Einspannung, die Entführungen – war sein Tun.“
Winter kniff die Augen zusammen. „Was hat er als Bezahlung verlangt?“
„Eine Art magisches Glasauge, das jede Illusion zu durchdringen vermag.“
„Ich verstehe immer noch nicht, wie Euer Plan aussah“, lenkte Nimoroth das Verhör auf den Anschlag zurück. „Ihr wolltet also in den Besitz der zweiten Klaue gelangen, um beide zu zerstören. Aber…“
„Nicht ich wollte sie zerstören“, berichtigte ihn der Avariel und blickte in Kaliths Richtung.

Kalith
Kalith, der sich bis jetzt im Hintergrund gehalten hatte, schlucke, als sich alle Blicke auf ihn richteten. Seine Befürchtungen der letzten Tage holten ihn ein. Irgendwie hatte er die ganze Zeit gespürt, dass so etwas kommen musste.
Nicht schon wieder, dachte er in der Erwartung gleich irgendetwas Dummes zu tun, weil eine Stimme in seinem Kopf ihm befahl, seine Freunde anzugreifen oder diese verdammte Klaue überzustreifen und der hörige Diener einer Drowgöttin zu werden. So wie schon so oft. Wenn Corellon ihm so gewogen war, wieso hatte er seinen Geist dann nicht etwas widerstandsfähiger gemacht gegen die Einflüsterungen wahnsinniger Magier?
Kaliths Erinnerung an seine Begegnung mit Elijas Avalior auf der Schattenebene vor zehn Jahren war verschwommen. Er war tot gewesen, verschlungen von einem Nachtkriecher. Das hatte er zumindest geglaubt. Doch Sklavenfänger mussten ihn aus dem Bauch der Bestie herausgeschnitten haben. Als er aufwachte, erschöpft und verwundet, hatte er sich in den Kerkern einer mysteriösen Schattenstadt wiedergefunden, die von einem sadistischen Leichnam regiert wurde. Mit seinen weißen Schwingen war Elijas Avalior ihm damals wie ein Engel vorgekommen, von den Seldarine gesandt, um ihn, Kalith Lysan, den Träger der Kriegsklinge, zu befreien. Und doch war da, irgendwo tief vergraben in seinem Geist, die Erinnerung an einen Pakt, eine Vereinbarung.
Was hatte er Elijas damals versprochen?
„Die Klaue hätte mich zu einem willenlosen Diener gemacht, genau wie Mathalaya“, fuhr Elijas fort, während sein Blick unverwandt auf Kalith ruhte. „Die einzige Möglichkeit diesem Effekt zu entgehen ist der Besitz eines gleichwertigen Artefakts, das die Wirkung der Klaue zu neutralisieren vermag. Während meiner Nachforschungen zur Geschichte Irae T’sarrans stieß ich auch auf den Namen von Kalith Lysan, dem Träger der Kriegsklinge. Dass ich Euch damals von der Schattebene befreite, war kein Zufall, Kalith“, sprach er den Elfen direkt an. „Ich wollte, dass Ihr mir einen Ehrenschwur leistet. Den Schwur, mir eines Tages zur Seite zu stehen, wenn ich Eure Hilfe bräuchte.“
Ich sollte die Klaue anlegen“, erkannte Kalith.
„Um Mathalaya zu besiegen und nach ihrem Tod beide Klauen zu zerstören, ja“, erklärte Elijas und in seine sonst so emotionslosen Augen trat ein aufgeregtes Funkeln. „Versteht doch! Ein Waldelf – ein Ungeflügelter - rettet Immerschwinge vor dem Untergang. Welch bessere Werbung könnten die Rebellen für ihre Forderungen finden? Und durch Eure Freunde kam es sogar noch besser!“
„Nur dass Ihr uns beinahe getötet hättet, ehe das ganze Spektakel begonnen hatte“, erinnerte ihn Nimoroth.
„Eine Ablenkung. Ich konnte nicht zulassen, dass ihr den Zugang zum Versteck der Fürstin findet und den Angriff im letzten Moment verhindert. Die Wirkung wäre nicht die gleiche gewesen. Blut schreibt Geschichte.“
„Das reicht.“ Nimoroth packte den Avariel bei seinen Fesseln und zerrte ihn in die Höhe.
„Was hast du vor?“, fragte Kalith.
Nimoroths Stirn war düster umwölkt. „Ich überstelle ihn der Justiz der Stadt. Aber vorher führe ich ihn über das Schlachtfeld, damit er mit eigenen Augen sieht, was er angerichtet hat. All die Unschuldigen, die er auf dem Gewissen hat.“
Elijas zuckte zusammen und für einen Augenblick schien es, als falle seine Maske der Gleichgültigkeit in sich zusammen. Dann besann er sich und seine Gesichtsmuskeln entspannten sich.
„Ich habe nicht erwartet, dass ihr das verstehen würdet“, murmelte er.

Winter
Am nächsten Morgen im Gefängnis von Immerschwinge
„Willst du mir nun endlich verraten, was wir hier tun?“, flüsterte Dorien, während er den Wachtposten im Auge behielt. Sie standen nur wenige Schritte entfernt von Silead Shantileas Zelle im Gefängnistrakt des Valendár-Hauptquartiers. Ein Unsichtbarkeitszauber hatte sie an den Wachen vorbeigeschleust. Winter musterte Silead, der sie noch nicht entdeckt hatte, mit eisigen Blicken.
„Kastrier’ ihn“, sagte sie düster.
„WAS?“
„Mit einem Verwandlungszauber.“
Dorien packte Winter beim Arm und zog sie mit sich. Als sie außer Hörweite des Wachtpostens waren, fuhr er herum.
„Bist du irre?“, fragte er. „Ja, der Typ ist ein Mistkerl, aber das…“
„Sieh dir das an.“
Winter hielt einen kleinen Kristall zwischen ihren Fingern, den sie bei den Habseligkeiten von Elijas Avalior gefunden hatte. Als sie erkannt hatte, dass er magisch war, hatte sie ihn vor den anderen verborgen und in ihrem nimmervollen Beutel verschwinden lassen.
„Was ist das?“
„Eine gestohlene Erinnerung“, erklärte Winter. „Ich hab sie bei Elijas’ Sachen gefunden. Er muss sie Silead abgenommen haben, um ihn zu erpressen. Offenbar hatte der Sohn der Fürstin Verdacht gegen ihn geschöpft.“
Der Erinnerungskristall enthielt eine Szene aus Sileads Vergangenheit: Um ein Kind reinen Blutes zu zeugen, hatte er seine Schwester, die Gemahlin des Coronal, vergewaltigt. Das Kind, das ohne Seele geboren worden war. Die Valendár-Admiralin hatte sich geirrt: Silead hatte Hochverrat begangen, doch ohne das Wissen seiner Mutter. Und ohne die Zustimmung seiner unglücklichen Schwester. Winter überkam die blanke Wut, wenn sie sich a, wie das Leben der Königin am Hof von Immerschwinge ausgesehen haben musste: vermählt mit einem Mann, der ihr Urgroßvater sein könnte, unterdrückt von einer herrschsüchtigen Mutter und vergewaltigt von ihrem eigenen Bruder.
Dorien ließ den Stein sinken, als er sich die Erinnerung angesehen hatte, und sagte nichts.
„Weißt du, was mit ihm geschieht?“ Winter musste die Zähne zusammenbeißen, um es nicht herauszuschreien. „Elfen verhängen keine Todesstrafe, sagt Nimoroth. Respekt vor dem Leben und dieser ganze Schwachsinn. Sie werden ihn freilassen: Nach Avariel-Recht ist die höchste Strafe die Verbannung in die Welt der Menschen. Sehr schmeichelhaft, ich weiß. Aber der Punkt ist: Sie lassen ihn auf unsere Welt los!“
Dorien sah sie stumm an.
„Behalte den Wachtposten im Auge“, sagte er.
Ein finsteres Lächeln stahl sich auf Winters Lippen, als die akustische Manifestation von Sileads Tobsuchtsanfall die Mauern aus Glasstahl erzittern ließ.


Kapitel VII: Aufbrüche


Nimoroth
Elf Tage später auf dem Weg zum Hochpalast von Myth Drannor
Einen Zehntag nach der Trauerfeier für Coronal Yorah Bareithior und drei Tage, nachdem seine Tochter Shelisale zur Königin gekrönt worden war, war das Portal nach Cormanthyr doch noch geöffnet worden. Zur Einweihung hatte es ein großes Fest gegeben. Die „Helden von Immerschwinge“, wie sie hier in Myth Drannor nun hießen, waren reich beschenkt worden und Nimoroth und Winter hatten ihre Kinder in die Stadt bringen dürfen. Laguna und Scarlet hatten den schönsten Tag ihres Lebens verlebt, woran die Flugringe, die ihre Eltern ihnen geliehen hatten, sicher nicht unschuldig waren. Die beiden schienen sich gut zu verstehen. Die junge Scarlet, die schon an mehr Orten gelebt hatte als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben zu Gesicht bekamen, spielte sich vor Laguna gern als die welterfahrene ältere Schwester auf. Und sie kam damit durch: Laguna schien sie grenzenlos zu bewundern, auch wenn ihre Sturheit und seine Hitzköpfigkeit nicht selten für einigen Zündstoff sorgten. Nimoroth freute sich für seinen Sohn. Er sah ein, dass er Laguna nicht länger vor der Welt außerhalb des Waldes fernhalten konnte. Er hatte ihre schönen Seiten erlebt, die finsteren würden folgen. Doch es war nicht an seinem Vater, ihm diese Erfahrungen zu verweigern.
Aus diesem Grund hatte Nimoroth beschlossen, mit seinem Sohn nach Myth Drannor zu ziehen. Eigentlich hatte er gehofft, Lagunas Mutter dazu überreden zu können, ihren Lebensbaum zu verpflanzen und mit ihm zu kommen. Doch Nyrael hatte abgelehnt: Dryaden waren an den Ort ihrer Geburt gebunden. Nimoroth wusste, dass Nyrael ihn und ihren Sohn über alles in der Welt liebte, und doch schien es ihr nicht schwer zu fallen, sie gehen zu lassen. In ihren gütigen dunklen Augen hatte er Melancholie gelesen, aber keine Trauer, als er ihr seinen Entschluss mitgeteilt hatte. Und schließlich waren er und Laguna nicht aus der Welt.
Nimoroth plante, sich zur Ruhe setzten und eine Mielikki geweihte Tempelschule zu errichten, in der Kinder sowohl der elfische Glaube als auch die guten Religion des Menschentums näher gebracht werden sollten. Die traurige Geschichte Immerschwinges hatte ihm einmal mehr gezeigt, wie wichtig es war, die Völker zu lehren friedlich miteinander zu leben und Myth Drannor schien ihm der richtige Ort dafür. Die Stadt hatte schon einmal bewiesen, dass sie sich von der Vergangenheit nicht unterkriegen ließ.
Doch Nimoroths Zukunftspläne waren nicht der einzige Grund, weshalb er und seine Freunde beschlossen hatten, Fürstin Ilsevele Miritar von Myth Drannor einen Besuch abzustatten…

Kalith
Kurz darauf im Thronsaal des Hochpalasts
Für einen Coronal war Fürstin Ilsevele Miritar ungewöhnlich jung. Mit dem langen rotblonden Haar, das offen über ihre schmalen Schultern flutete, und den großen Augen, die von hellen Wimpern umrahmt waren, wirkte die kleine Sonnenelfe erstaunlich zerbrechlich und puppenhaft. Kalith fühlte oft einen seltsamen Stich in der Magengegend, wenn er sie mit ihrem ernsten Gesichtsausdruck auf dem Thron sitzen sah. So, als wünsche er ihr im Geheimen, dass sie wie früher als Mitglied der Ehrengarde von Fürstin Amladruil von Immerdar durch die sonnendurchfluteten Wälder ihrer Heimat spazieren und sich an der Schönheit ihrer Umgebung laben konnte. Der Kontrast zwischen ihr und Hauptmann Fflar, dessen kühle graue Augen schon alles gesehen, alles erlebt zu haben schienen, hätte nicht größer sein können. Selbst Taube Falkenhand wirkte im Vergleich zu der jungen Königin robust. Die Auserwählte Mystras, die mit dem Rücken gegen den Thron gelehnt dasaß, spielte gedankenverloren mit einer Strähne ihres silberweißen Haares, während sie dem Bericht der fünf Gefährten lauschte.
Nachdem Kalith und seine Freunde alle Fragen beantwortet hatten, nahm Hauptmann Fflar die Klaue der Kiaransalee in die Hand und betrachtete sie aufmerksam von allen Seiten.
„So viel Leid“, murmelte er nachdenklich. 
In diesem Moment traf ein Diener mit der Schriftrolle ein, die Fürstin Ilsevele angefordert hatte. Mit ihren zarten Fingern nahm sie das Schriftstück entgegen, überflog es flüchtig und reichte es dann an Dorien weiter.
Während er den Zauber von der Schriftrolle ablas, ließ der Hexenmeister das kleine Truhenreplikat in seiner Handfläche rotieren. Einen Augenblick später materialisierte sich die echte Truhe auf dem Marmorboden zu seinen Füßen. Während die Gefährten noch zauderten, trat Hauptmann Fflar vor, hob den Deckel an und nahm die zweite Klaue aus der Truhe.
„Sie lassen sich also zerstören, indem ein und derselbe Träger sie beide zur gleichen Zeit anlegt?“, wiederholte der Paladin, was Nimoroth ihm zuvor erklärt hatte. „Habt ihr das nachprüfen lassen?“
„Wir haben das Dokument gefunden, von dem der Avariel sprach und es von dem Weisen Belivimir prüfen lassen“, erklärte Nimoroth. „Es schien echt zu sein.“
„Soll ich das Wagnis eingehen, Herr?“, fragte Kalith.
Der Hauptmann bedachte seinen Ersten Leutnant mit einem knappen Blick, antwortete jedoch nicht. Stattdessen zog er sein Schwert Keryvian, stützte sich auf den Heft und begann ein kurzes Gebet zu sprechen. Kalith stockte der Atem, als er erkannte, was Fflar vorhatte. Es hieß Keryvian sei eine der Fluchklingen des Demron. Ein elfisches Artefakt.
„Nicht!“, flüsterte Kalith.
Doch der Hauptmann ignorierte ihn. Mit festen Handgriffen streifte er den ersten Panzerhandschuh, die Klaue der Lolth, über sein Armgelenk. Nichts geschah. Dann das zweite Artefakt, die Kiaransalee-Klaue.
Fflar keuchte auf, als die Klauen an seinen Armen lebendig wurden. Wie schwarze Schlangen begannen die Ringe, aus denen die Artefakte gefertigt waren, sich auseinander zu winden und seine Schultern empor zu kriechen. Wo sie seine Haut berührten, fraßen sich dunkle Löcher der Verwesung in sein Fleisch. Kreischende Stimmen hallten von den Wänden wieder und es klang, als stritten zwei Todesfeen miteinander. Der Hauptmann schrie auf und ging zu Boden.
„Fflar!“ Fürstin Ilsevele war aufgesprungen, ihr Gesicht kreidebleich. Die Königin wollte vor dem Hauptmann in die Knie gehen, doch Taube Falkenhand hielt sie zurück. In all dem Tumult, der nun losbrach, war sie die einzige, die weder Furcht noch Sorge zeigte. Die anderen schrieen wild durcheinander und aus der Vorhalle drangen schnelle Schritte und das klirrende Geräusch von Stahl. Kalith stand da wie versteinert.
Und dann kam das Licht.
Plötzlich war es so hell, dass alles in weißem Nichts verschwamm. Kalith konnte nicht einmal erkennen, wo es herkam, jenes Licht, das mit ungeheurer Kraft alles um sich herum zu durchdringen schien. Es war kein äußerliches, es war ein innerliches Licht. Es brannte wie Feuer in seinen Gliedern, seinen Eingeweiden, seinen Gedanken, doch es war ein heilendes, ein reinigendes Feuer. Und Kalith erkannte, dass in diesem Feuer nichts bestehen konnte, das aus Dunkelheit geschmiedet war.
Allmählich begann die Welt um ihn herum wieder Gestalt anzunehmen. Die Königin saß neben Fflar Sternbraue am Boden und half ihm vorsichtig sich aufzurichten. Der Hauptmann war unversehrt und betrachtete verwundert seine blanken Armgelenke. Die Zwillingsklauen waren verschwunden.
Kein Staub, keine Asche.

Winter
Später
Winter fand Dorien an Glyrryls Weiher, wo viele Elfen in den frühen Abendstunden im Schatten der alten Linden flanierten, um sich von ihrem Tagwerk zu erholen. Dorien saß an einen der mächtigen Stämme gelehnt und nutzte die letzten Strahlen der Sonne, um einen Brief zu verfassen. Er sah auf, als er Winters Schatten über sich gewahrte.
„Ich wollte mit dir sprechen“, begann Winter. „Es geht um Scarlet. Nimoroth möchte eine Schule errichten und ich finde, dass wir Scarlet zu ihm schicken sollten. Mit Laguna hätte sie in Myth Drannor bereits einen Freund und außerdem wäre die hier gegen Ausspähung geschützt. Ich dachte nur, ich sollte dich darüber informieren“, sagte sie in einem Tonfall, der ihm klarmachen sollte, dass ihr Entschluss bereits gefasst war.
„Hm“, machte Dorien. „Was sagt denn Scarlet dazu?“
Winter seufzte. „Du weißt doch, sie hat es sich in den Kopf gesetzt eine Kriegerin zu werden wie ihr Onkel Grimwardt. Sie wünscht sich eine Axt zum Geburtstag.“
„Vielleicht sollten wir ihr ihren Willen lassen und sie bei deinem Bruder in die Ausbildung schicken.“
Winter sah verblüfft auf ihn herab. Sie hatte erwartet, dass Dorien ihr widersprechen würde, aber dass der Sune-Anhänger so weit gehen würde, seine Tochter dafür in Grimwardts Metzelschule zu schicken, hatte sie nicht erwartet.
„Soll das heißen, du unterstützt sie in diesem absurden Wunsch?“
Dorien zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder seinem Brief zu. „Scarlet ist unsere Tochter, Winter. Sie wird schon noch früh genug erkennen, dass sie nicht zur Axtkämpferin geboren ist. Aber wenn du sie diese Erfahrung nicht selbst machen lässt, wird sie es dir auf ewig übel nehmen.“
„Hm.“
„Außerdem ist Myth Drannor kein sicherer Ort, solange der Mythal noch nicht wieder hergestellt ist.“
Winter wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie musste zugeben, dass Doriens Argumente nicht aus der Luft gegriffen waren.
„Ich habe gerade einen Brief an meine Mutter verfasst“, wechselte Dorien nonchalant das Thema. „Sie möchte ihre Enkeltochter sehen. Ich habe zugesagt. Du bist natürlich eingeladen uns nach Silbrigmond zu begleiten.“
„Schön“, sagte Winter. Sie hatte ihn schon früher dazu zu überreden versucht, ihr seine Familie vorzustellen, doch Dorien hatte stets abgelockt und ein Geheimnis aus seiner Herkunft gemacht. Doch sie wollte ihr Glück nicht überreizen, indem sie ihn nach dem Grund für seinen plötzlichen Sinneswandel fragte.
„Würdest du mich heiraten?“
Die Frage traf Winter wie ein Blitz aus heiterem Himmel.
„Wie bitte?“
Ein verschmitztes Funkeln stand in Doriens saphirblauen Augen, als er ihre Reaktion beobachtete. 
„Für einen Tag“, erklärte er. Ein wenig verlegen fügte er hinzu: „Meine Mutter... Sie wünscht sich, was sich alle Mütter für ihre Söhne wünschen: eine glückliche Ehe, Kinder, ein geordnetes Leben. Es würde sie glücklich machen, uns verheiratet zu sehen.“ Er richtete sich auf und griff im Aufstehen nach einem Kieselstein. Dann kniete er vor Winter nieder und wisperte einen Zauberspruch. Als er die Faust  wieder öffnete, lag ein goldener Ring in seiner Hand.
„Winter Fedaykin“, sagte er, sie bei ihrem Mädchennamen nennend. „Willst du meine Frau für einen Tag werden?“
Winter lachte und strich sich eine Strähne ihres feuerroten Haares aus der Stirn.
„Ja, ich will.“
Von den Umstehenden, die den Zusatz „für einen Tag“ offenbar der menschlichen Kurzlebigkeit zuschrieben, ernteten die beiden frisch Verlobten laute Jubelrufe.

Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 09. Dezember 2009, 00:04:04
Ohhh, sehr schön!

...herzlichen Glückwunsch, Winter!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 13. Dezember 2009, 21:54:28
Was für ein Abschluss!
Wie immer toll geschrieben, ich freue mich auf mehr! Obwohl ja nicht mehr allzuviel bleibt - wird Zeit, dass wir diese Kampagne weiterführen.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 14. Dezember 2009, 02:22:20
Oh ja! Ich glaube die Zukunft hält da noch einiges für uns bereit...
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 21. Dezember 2009, 20:06:18
ZWEITES BUCH
SCHATTEN ÜBER DEN SILBERMARKEN


Prolog

Drake
Silbrigmond, abends
Die Ladenglöckchen bimmelten, als Drake die Tür der Schimmernden Schriftrolle öffnete. Das Abendlicht, das nur durch einige Ritzen in den Fensterläden drang, hüllte den Laden in dämmriges Zwielicht. Der Assassine schritt durch einen länglichen Raum, der von Regalen gesäumt wurde, die mit Zauberkomponenten und allerlei Krempel gefüllt waren. Auch einige mindere magische Gegenstände waren darunter. Drake wusste jedoch, dass die Inhaberin exklusivere Waren nicht im Ladenraum ausstellte.
Xara Tantlor saß über eine neue Schriftrolle gebeugt am Ladentisch. Ihr goldbraunes Haar schimmerte rötlich im Licht der Kerzen und sie trug ein violettes Korsagenkleid, das gerade genug Haut verdeckte, um nicht ordinär zu wirken.
„Drake“, sagte sie ohne aufzublicken.
„Hast du die Informationen?“ Er war vor einem Regal stehen geblieben und ließ seine schmalen Finger gedankenverloren über den Schädel eines grinsenden Totenkopfs gleiten.
Sie schenkte ihm ein Lächeln aus halb gesenkten Lidern und verschwand in einem Nebenraum. Kurz darauf kehrte sie mit einigen Schriftrollen und einem dicken Folianten zurück, den sie nun auf den Ladentisch wuchtete und auf einer Seite aufschlug, die sie mit einem Lesezeichen markiert hatte.
„Fürst Emmet Oleander“, referierte sie, während sie die Seite überflog. „48 Jahre, verheiratet, keine Kinder. Ein Philanthrop, wie es scheint. Und verteufelt reich. Die Liste seiner Donationen an wohltätige Organisationen der Stadt ist endlos: Tempel, Waisenhäuser, Bibliotheken. Beziehungen zu den Harfnern sind wahrscheinlich, aber Aufzeichnungen darüber gibt es natürlich nicht.“
„Nennenswerte Freunde oder Bekannte?“
Xara durchsuchte ihre Aufzeichnungen. Drake hörte halbherzig zu, als sie begann einige Namenslisten durchzugehen. Ein Großteil der Namen war für ihn nicht von Bedeutung. Er wollte lediglich sicherstellen, dass das Ziel nicht von Freunden geschützt wurde, die mächtiger waren als er selbst. Den Fehler hatte er einmal begangen. Unbewusst fuhr er sich mit der Hand über die Narbe über seinem rechten Augenlid, die beim Einsetzen des magischen Glasauges zurückgeblieben war. Als er sich der Geste bewusst wurde, runzelte er selbstkritisch die Stirn.
Die Dinge standen nicht gut. Er hatte Unsummen für magische Nachforschungen ausgegeben. Bisher ohne Erfolg. Seine Peinigerin schien unauffindbar. Und selbst, wenn es ihm gelänge sie ausfindig zu machen, war nicht sichergestellt, dass er sie auch besiegen konnte.
Plötzlich ließ einer der Namen auf Xaras Liste ihn aufhorchen.
„Wiederhol’ das noch mal.“
„Dorien Dantés.“ Papiere raschelten, als die Magierin nach weiteren Informationen suchte. „Muss ein Schüler von Oleander gewesen sein. Das ist aber schon gut zwanzig Jahre her.“
Ein hauchdünnes Lächeln streifte flüchtig Drakes Gesicht, als ein Plan in seinem Geist Gestalt anzunehmen begann.
Xara berührte seinen Arm.
Für einen Augenblick hielten Drakes kühle blau-graue Augen ihren Blick gefangen. Dann entzog er sich der Berührung und wandte sich um. Auf dem Weg zum Ausgang des Ladens warf er ihr über die Schulter einen kleinen Münzbeutel zu.
„Für deine Bemühungen“, sagte er trocken.


Kapitel I: Ratten

Winter

Am nächsten Morgen im Hafenviertel von Hlondeth
Scarlet schnitt eine Grimasse, als ihre Eltern sich zum Abschied küssten. Winter konnte es ihrer Tochter kaum verdenken. Dorien schien sich vorgenommen zu haben, die Wir-sind-eine-glückliche-Familie-Nummer gnadenlos durchzuziehen. Kein Wunder, dass Scarlet ihnen das Familienglück nicht abnahm, wo sie ihren Vater gerade einmal seit drei Monaten kannte.
Winter küsste ihre Tochter auf die Wange.
„Ihr werdet sicher viel Spaß zusammen haben.“ Sogar Winter selbst kam ihr mütterlicher Enthusiasmus überzogen vor. „Du zeigst Dorien den Extaminos-Vogelgarten, während ich mich um meine Geschäfte kümmere, und danach besuchen wir alle zusammen deine Großeltern in Silbrigmond.“
Scarlet starrte ihre Mutter befremdet an, wehrte sich jedoch nicht, als Dorien sie bei der Hand nahm. Winter sah den beiden nach, als sie die Straße entlang schritten. Dann wandte sie sich um und lief hastig zurück zum Hafen. Schon von weitem hatte sie sehen können, dass etwas nicht stimmte: Ihr Hausboot, das zugleich Hauptquartier der Schwarzen Dahlie war, lag schräg im Wasser.
Bregan, der Experte für Gerüchte und Tratsch, und Brutus, der Mann fürs Grobe, kamen ihr entgegen geeilt.
„Was ist denn hier passiert?“, ereiferte sich die Bootsherrin. „Da lässt man euch für ein paar Wochen allein und ihr versenkt das verdammte Schiff?“
„Öhm“, machte Bregan. „Wir hatten da einen kleinen Disput mit dem Hafenmeister über ein…“
Doch Winter war bereits an Bord geeilt, um sich selbst ein Bild zu machen. Als sie, mehr schlitternd als laufend, den Salon betrat, traf sie beinahe der Schlag: In der Mitte des Raumes erhob sich, unbedarft vor sich hinplätschernd, ein dreistöckiger Steinbrunnen, der mit allerlei unsittlichen Schäfermotiven verziert war. Das Boot, das mit der Traglast des steinernen Monuments spritziger Geschmacklosigkeit ganz offensichtlich überfordert war, knarrte bedrohlich.
Steif wandte Winter sich um.
„Was ist das?“
„Ein Brunnen, Herrin“, erklärte Brutus hilfsbereit.
„Das sehe ich auch! Wie kommt er hierher?“
„Ein Geschenk Eures Verlobten, CaptainJoe Blackbirds von der Sturmhexe“, sagte Bregan. „Der Hafenmeister hat Stunk gemacht, weil das Ding den Steg fast zum Einbrechen gebracht hätte, darum haben wir es in den Salon verfrachtet.“
Noch immer halb versteinert machte Winter einen Schritt nach vorne.
„Sind das etwa meine Initialen dort auf dem Brunnenrand?“
„Eine Widmung, ganz recht.“ Bregan schnitt eine Grimasse, um sich ein Grinsen zu verkneifen.
Betäubt sank Winter auf ein Sitzkissen. Was sollte sie mit dem Ding bloß anstellen? Versenken war ihr erster Gedanke. Aber nein, das ging nicht. Verkaufen? Es schien immerhin magisch zu sein. Aber Joe würde es nicht gefallen, wenn sie seinen monströsen Liebesbeweis verhökerte. Eine Donation an Nimoroths Tempelschule? Nein, dummer Gedanke. Vielleicht sollte sie es Madame Moaba vom Haus der Tausend Freuden als Leihgabe anbieten? Doch das würde bedeuten, dass sie das Monstrum durch die halbe Stadt befördern musste. Nein, sie würde sich etwas anderes ausdenken müssen…
„Wann war Joe hier?“, fragte sie.
„Vor etwa zwei Wochen“, erklärte Bregan. „Der Captain hätte Euch gerne seine Aufwartung gemacht, Herrin, doch die Hafenpolizei war ihm auf den Fersen, darum musste er gleich wieder ablegen. In zwei Monaten will er zurückkommen, um Euch vor den Altar zu führen.“
„Tatsächlich. Hat er noch etwas dagelassen?“ Bei ihrem letzten Treffen hatte die gewiefte Heiratsschwindlerin beiläufig erwähnt, dass die Gildenkasse der Schwarzen Dahlie an chronischer Schwindsucht litt. Sie hatte gehofft den Pirat auf diese Weise in Spendierlaune zu versetzen. An einen überdimensionalen Lustbrunnen hatte sie dabei nicht gedacht.
„Er… hat auch noch etwas Gold für die Gildenkasse dagelassen.“ Bregans Zögern war der Gildenanführerin nicht entgangen. Argwöhnisch kniff sie die Augen zusammen.
„Wie viel?“
„Etwa zweitausend, Herrin.“
Unangenehme Stille.
„Bregan, mitkommen.“
Winter beorderte den ehemaligen Landstreicher in die Kapitänskajüte, wo Captain Folocer sie mit hochrotem Kopf und schweißnasser Stirn empfing. Der alte Seebär, der dieser Tage öfter dem Wein als den Wellen zu trotzen hatte, war für Winter nicht aufgrund seiner seemännischen Erfahrung unentbehrlich. Ein Blick auf den Kapitän, der nervös seine Mütze in die Mangel nahm, sagte ihr, dass ihr Verdacht gegen Bregan nicht unbegründet war.
„Wie viel Gold hat Käpt’n Blackbird wirklich dagelassen?“, fragte sie mit vor der Brust verschränkten Armen.  
„Zweitausend“, erwiderte Bregan aalglatt.
„Viertausend“, platzte es dagegen aus dem Kapitän heraus.
„Viert…!“ Winter blieb die Spucke weg. „Und wie viel davon ist noch übrig?“
„Zweitausend“, gestand Captain Folocer kleinlaut.
Winters Blick hätte dem eines Basilisken Konkurrenz machen können.
„Es waren Tigil und Brutus.“ Bregan schien einzusehen, dass Leugnen zwecklos war. „Die haben das Geld genommen.“
Der Halbling und sein halb-orkischer Freund. Wer sonst.
„Und du hattest natürlich nichts damit zu tun?“
„Nein, Herrin.“
„Wem hatte ich die Aufsicht über die Gildenkasse anvertraut?“
“Mir, Herrin.“
„Aha!“
„Tigil hat den Schlüssel geklaut.“
„Welchen Schlüssel?“
„Zum Lagerraum, Herrin. Und Brutus hat die Truhe aufgebrochen. Ich glaube allerdings nicht, dass er wusste, was der Halbling vorhatte. Er hat nur getan, was Tigil ihm befahl.“
„Brutus tut immer nur, was Tigil ihm befiehlt!“, schnaubte Winter. „Wo ist Tigil jetzt?“
„Keine Ahnung“, sagte Bregan. „Eben war er noch hier. Muss Lunte gerochen haben, als er Euch kommen hörte.“
„Bregan.“ Winter holte tief Luft: „Muss ich dich daran erinnern, dass ich es bin, der du deine jetzige Arbeit verdankst?“
„Verzeiht, Herrin.“ Der ehemalige Bettler senkte den Blick, was es Winter unmöglich machte zu erkennen, ob seine Zerknirschung nur gespielt war. „Bei meinem Leben, ich habe Euch nie hintergangen. Ich hätte auch gar keinen Grund dazu. Schließlich habe ich das Geld, das ihr mir zahlt, immer gut angelegt.“
Winter biss sich grübelnd auf die Lippe.
„Dieses eine Mal will ich dir das durchgehen lassen“, entschied sie schließlich.
„Und Captain!“ Folocer fuhr zusammen, als sich Winters Aufmerksamkeit auf ihn richtete. „Das nächste Mal will ich sofort über alles unterrichtet werden!“
Winter warf einen letzten, drohenden Blick in die Runde, bevor sie die Kajüte verließ.  
Und jetzt zu dir, Tigil.
Ein Erkenntniszauber enthüllte den Aufenthaltsort des Halblings: Auf seiner übereilten Flucht musste er vom Boot gesprungen sein, um den Hafen schwimmend zu umrunden. Gerade befand er sich auf einer der Yachten, die der Yuan-Ti-Adel im östlichen Teil des Hafens unterhielt. Ein Teleportationszauber beförderte Winter auf das fremde Schiff.
„Tigil!“
Hastige Schritte im Bug des Schiffes. Dann ein Platschen. Winter rannte an die Reling.
„Komm da raus, Tigil“, befahl sie, nachdem der Halbling prustend ein Stück von der Yacht entfernt aus dem Wasser aufgetaucht war.
„Werdet Ihr mich töten?“, rief er zurück.
„Wenn du da nicht sofort herauskommst, werde ich dich als Galionsfigur an den Bug der Serenity fesseln und verrotten lassen, bis du dir wünschst, du wärst tot.“
Kurz darauf sah ein patschnasser Halbling mit reumütiger Miene zu ihr auf.
„Tut mir leid“, murmelte er.
„’Tut mir leid’?“, schnaubte Winter. „Ist das alles, was dir dazu einfällt? Du hast mich bestohlen, Tigil!  Du hast die Gilde bestohlen! Weißt du, welche Strafe dir droht?“
„Der… Tod?“, riet Tigil.
„Aber so was von!“
„Tja, das ist schade“, jammerte der Halbling mit einem zerknirschten Augenaufschlag. „Auf diese Weise ist das Geld nämlich futsch und ich werde keine Chance erhalten, die Sache wieder ins Reine zu bringen.“
Winter kniff die Augen zusammen.
„Und wie würdest du das anstellen, rein hypothetisch?“
„Naja, ich weiß, rein hypothetisch, dass in zwei Monaten ein Handelsschiff aus Aglarond mit magischen Waren am Vilhongriff vorbeisegeln soll und dass zur gleichen Zeit Euer Piratenfreund mit seiner Crew in der Gegend sein wird. Einen Tipp würde er sich bei einer solch lukrativen Gelegenheit sicher einiges kosten lassen. Vielleicht Halbe-Halbe… als Hochzeitsgeschenk?“
Winter starrte den Halbling mit einer Mischung aus loderndem Zorn und aufkeimender Geschäftstüchtigkeit an.
„Höh!“, machte sie. „Du kleiner, gerissener Dreckskerl!“
Tigil grinste entwaffnend.

Grimwardt
Etwa zur gleichen Zeit in der Abtei des Schwertes
Da Grimwardt den Obersten Schwertführer Jareth Burlisk nicht finden konnte, machte er sich auf die Suche nach Waffenmeister Borgo. Er fand den Schildzwerg auf einem der Übungsplätze, wo er im strömenden Regen die Schwertübungen einer Gruppe von Rekruten überwachte.
„Wieder da?“, raunzte Borgo ohne aufzusehen. Aus Respekt für die zwergische Mentalität ließ Grimwardt ihm die saloppe Begrüßung durchgehen.
„…und nicht mit leeren Händen.“ Der Abteileiter schnürte seinen Proviantsack auf und beförderte einen funkelnden blauen Edelstein zu Tage. Jeder der Gefährten war für die Rettung Immerschwinges von der neuen Königin mit einem solchen Stein geehrt worden. „Was haltet Ihr davon?“
Mit gewichtiger Miene examinierte der Zwerg den achteckigen Stein.
„Elfische Schleifarbeit“, erkannte er schon nach wenigen Augenblicken. „Blauer Sternsaphir, wenn ich mich nicht täusche.“
„Was meint Ihr, wie viel ist der wert?“
„Fünfundzwanzigtausend? Vielleicht dreißig.“
Grimwardt pfiff durch die Zähne. Noch nicht genug, um die ganze Abtei mit einem Dimensionsschloss zu überziehen, um feindliche Teleportationen zu verhindern, aber immerhin ein Anfang. Mit dem Rücken gegen die Umzäumung des Übungsplatzes gelehnt, ließ er sich von Borgo über die neusten Entwicklungen in der Abtei aufklären und erfuhr, dass Jareth mit den Rekruten des Dritten Jahrgangs ins Grenzgebiet zum Misteltal aufgebrochen war, da sich Berichte über marodierende Orkbanden in dieser Region gehäuft hatten.  
„Und dann ist da noch die Sache mit dem Spitzel.“
„Ein Spitzel?“ Grimwardt horchte auf.
„Einer der Rekruten hat Kopien von Wachtplänen und Inventarlisten der Waffenkammern angefertigt und weiterverkauft.“ Der Zwerg schnalzte mit der Zunge. „Seine Zimmergenossen fanden vor zwei Tagen Dokumente, die er in sein Kissen eingenäht hatte, und verpfiffen den Wicht. Hab’ ihn bereits befragt, aber vielleicht bekommt Ihr mit Euren Zaubern ja mehr aus ihm heraus. Der Kerl heißt Engart und sitzt im Kerker ein.“
Grimwardt runzelte die Stirn und warf dem Zwerg einen vorwurfsvollen Blick zu: Warum erfahre ich erst jetzt davon? Doch um keine Zeit zu verlieren, beließ er es bei der stummen Rüge und machte sich gleich auf den Weg zum Gefängnistrakt in den Katakomben der Abtei. Borgo entließ seine Rekruten, um ihn zu begleiten.
„Rekrut!“
Der Junge – er mochte gerade einmal sechzehn sein – sprang auf und nahm Haltung an, als die barsche Stimme des Abteileiters durch den Zellentrakt dröhnte. Unter Grimwardts herrischem Blick fing Engart, der mehr Pickel als Mumm zu haben schien, an zu schwitzen wie ein Schwein auf der Schlachtbank. Ehe er sich vor Angst in die Hose pinkeln konnte, wirkte der Tempuspriester eine Zone der Wahrheit.
„Wie lange schon?“, fragte er ruhig.
„S…seit Beginn des Lehrjahres, Herr.“
„Haltung!“
Der Junge fuhr zusammen und versteifte sich.
„Was für Dokumente waren das, die du aus der Abtei geschmuggelt hast?“
„Karten, Herr“, bellte Engart als reagiere er auf einen Befehl. „Skizzen der Abtei. Informationen zu magischen Abwehrsystemen und Wachtpläne.“
„Und an wen hast du sie verkauft?“
„Weiß nicht genau.“ Engart wechselte unruhig die Position. „Während der Winterferien wurde ich von jemandem in meinem Heimatort im Schattental angesprochen. Er war mittelgroß. Mehr konnte ich nicht erkennen, er trug einen Kapuzenmantel. Er bot mir hundert Gold pro Information.“
„Wofür brauchtest du so viel Geld?“
Der Junge sah beschämt auf seine Füße. „Ich… ich will heiraten, Herr. Aber die Eltern des Mädchens wollten sie nur einem Mann zur Frau geben, der sie auch ernähren kann…“
Grimwardt schnaubte verächtlich und grummelte etwas Unverständliches. Ein weiterer Fall, der seine These stützte: Frauen machten nur Ärger. Er selbst hatte sich schon vor Jahrzehnten fürs Zölibat entschieden.
„Wie trittst du mit diesem Auftraggeber in Verbindung?“
„Er hat einen Raben, Herr“, erklärte Engart. „Einmal im Monat gebe ich während meiner Nachtwache die Informationen an den Vogel weiter.“
„Und wann wäre deine nächste Nachtwache?“
„Heute Nacht, Herr.“
Grimwardt wandte sich ab und nahm den Zwergen Borgo beiseite. Sie kamen schnell überein, dass sie den ominösen Vogel – die einzige Verbindung zum Auftraggeber des Jungen – noch in dieser Nacht verfolgen mussten. Dazu wollten sie Engart als Lockvogel benutzen. Grimwardt versprach sich von der ganzen Aktion jedoch nur wenig: Er war Kriegspriester, kein Magier. Ohne Flug- und Unsichtbarkeitszauber würde sich die Verfolgung des Vogels als schwierig gestalten. Doch den Versuch war es immerhin wert. Dringlicher jedoch war die Vorbereitung auf einen möglichen Angriff. Grimwardt wusste nicht, um wen es sich bei den Angreifern handeln mochte, doch eine Racheaktion der Drow, die die Abtei vor fünf Jahren in die Flucht geschlagen hatten, war nicht auszuschließen. Zudem fungierte die Abtei als Bollwerk gegen die Horden des Nordens. Wer immer die Talländer angreifen wollte, musste zuerst an Grimwardt Fedaykin und seinen Mannen vorbei.
„Ruf Jareth und seine Rekruten zurück, verdoppele die Wachen, lass Pech aufkochen und stell’ die Versorgung auf Kriegszeit um“, befahl Grimwardt dem Waffenmeister. Er selbst würde Boten nach Myth Drannor und Essembra entsenden und einige Erkenntniszauber wirken, um nähere Informationen über den zu befürchtenden Angriff zu erhalten.
„Herr, werdet Ihr mich hinrichten lassen?“
Grimwardt und Borgo hatten schon die Treppe erreicht, als Engarts klägliche Frage den Tempelvorsteher daran erinnerte, dass er noch kein Urteil über den Verräter gefällt hatte. Er warf einen düsteren Blick zurück ins Halbdunkel der Zellen.
„Wir werden sehen“, knurrte er, wohl wissend, dass die Ungewissheit den Jungen in seiner Einsamkeit martern würde. Er hatte es verdient.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 22. Dezember 2009, 16:28:35
immer wieder eine Freude zu lesen... :)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Zophael am 24. Dezember 2009, 10:07:43
Hab ich den Jungen echt nicht verurteilt?  :huh: Dann gibt's ja noch einen Grund um zur Abtei zurück zu reisen!  :D
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 24. Dezember 2009, 14:53:38
Ich habs mir gestern abend vorlesen lassen.
Wie immer, sooooo schööööööööööön!
Und schön auf diese Weise mal zu erfahren, was dieser Mistkerl Drake so getrieben hat  ::)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 26. Dezember 2009, 02:37:30
Ja, ne? So ein kleines "Ach übrigens, Drake hat das damals so und so angestellt..."
...Freu mich auf den 2.  :D
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 08. Januar 2010, 22:54:02
Kapitel II: Mord in Silbrigmond

Winter
Silbrigmond am selben Abend
Winter war es ein Rätsel, weshalb sich Dorien jahrelang gegen einen Besuch in seiner Heimatstadt gesträubt hatte: Silbrigmond mit seinen malerischen Gassen und schneeweißen Türmen wurde seinem Ruf als Juwel des Nordens in jeder Hinsicht gerecht. Und ihre Schwiegereltern für einen Tag gehörten auch nicht gerade zu der Sorte, deren Tage man insgeheim zählte. Doriens Mutter, eine quirlige Zauberkundige, unterhielt im Künstlerviertel der Stadt einen kleinen Maskenladen, in dem sie ihre kunstvollen Eigenkreationen feilbot. Sein Vater, seines Zeichens Hofmaler am Hofe von Fürstin Alustriel, hatte ein kleines Atelier auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
Scarlet hatte sich gleich mit Marlas Katzenvertrauter und deren Nachwuchs angefreundet und schien sich hier auf Anhieb heimisch zu fühlen. Und auch Winter genoss den Tag. Als „Hochzeitsgeschenk“ hatte Dorien ihr - natürlich nicht ohne die ein oder andere spitze Bemerkung fallen zu lassen – bei der Bewältigung ihres Brunnenproblems geholfen. Als Gegenleistung mimte Winter nun die glückliche Ehefrau. Nach zwanzig Jahren Erfahrung als Heiratsschwindlerin fiel ihr diese Rolle nicht sonderlich schwer. Und bei so manchem Blick, den ihr Ehemann ihr über die Gespräche bei Tisch zuwarf, ertappte sie sich sogar dabei, wie sie die Rolle zu genießen begann.
Am Abend luden Doriens Eltern die beiden frisch Verheirateten in die Tanzende Ziege ein. Je später es wurde, desto schneller füllte sich die beliebte Tanztaverne. Winter verlor Dorien, der einige alte Bekannte getroffen hatte, schon bald aus den Augen. Meister Dantés war über einem Glas Wein eingedöst und so fand sich die Diebesmeisterin den Fragen ihrer neugierigen Schwiegermutter mit einem Mal ganz schutzlos ausgeliefert.
„Winter, Schätzchen, du musst mir alles erzählen!“, forderte Marla Dantés gerade in einem Anflug von schwiegermütterlichem Hochzeitsfieber. „Wie habt ihr euch beide kennen gelernt?“
„Och, das ist schon eine Ewigkeit her, bestimmt fünfzehn Jahre.“ Winter blieb ihren eigenen Regeln treu: Bleibe so nah an der Wahrheit wie möglich. „Wir sind lange zusammen auf Abenteuer ausgezogen.“
Nachdem Grimwardt seine Ausbildung zum Tempuskleriker abgeschlossen und Winter sich ihres ersten Ehemanns entledigt hatte, hatten die Geschwister ihre erste Abenteuergruppe, die Glückssegler, gegründet, um die See des Sternregens unsicher zu machen.  Dorien hatte niemals erzählt, was ihn dazu bewogen hatte aus seiner Heimat fortzuziehen und sich ihnen anzuschließen, doch es gehörte nicht viel Fantasie dazu, seine Beweggründe in irgendeiner unglücklichen Romanze zu vermuten.
„Und wann habt ihr geheiratet?“
Winter rechnete eilig neun Monate von Scarlets Geburt zurück.
„Das war im August vor acht Jahren.“
„August, ah, ein guter Hochzeitsmonat“, sinnierte Marla. „Wo fand die Hochzeit denn statt?“
„In Myth Drannor.“
„Myth Drannor?“ Doriens Mutter schien verwirrt. „Aber… vor acht Jahren war Myth Drannor eine Ruinenstadt, oder nicht?“
Verfluchter Mist, dieser verdammte Wein.  
„Ich meine natürlich, in der Nähe von Myth Drannor“, korrigierte sich Winter eilig. „An einem kleinen Weiher in den Cormanthorischen Wäldern.“
Winter hatte Glück: Zu beschäftigt damit, ihrem Sohn das Beste zu wünschen, kam es Doriens Mutter nicht in den Sinn Verdacht gegen ihre Schwiegertochter zu schöpfen.

Hades
Die Tanzende Ziege wäre nicht seine erste Wahl gewesen. Doch die Silbernen Ritter am Osttor hatten Hades an die kleine Künstlertaverne am Rauvin-Fluss verwiesen, als er ihnen sein Anliegen vorgetragen hatte.
Es war brechend voll und Hades konnte nur mit Mühe noch einen Sitzplatz ergattern. An jedem anderen Ort hätte der hünenhafte Streiter des Kelemvor mit den pupillenlosen Augen, die bleich aus seinem nachtschwarzen Gesicht stachen, für Aufsehen gesorgt. Doch hier, wo sich alles Volk von diebischen Halblingen bis zu anmutigen Elfenfrauen tummelte, schien der Richter von Rabenklippe nur in die Kategorie mindere Attraktion zu fallen. Dennoch kam er sich reichlich fehl am Platze vor, eingezwängt zwischen einer lautstarken zwergischen Knobelgesellschaft und einer älteren Dame, die in ein angeregtes Gespräch mit einer jüngeren Rothaarigen vertieft war, während ihr Mann das Kunststück gemeistert hatte, in all dem Trubel einzudösen. Ein paar Mal hatte Hades sich mit seinen Fragen bereits an einen der umherwuselnden Barden gewandt, doch ohne Erfolg.
Seit Jahren durchwanderte er nun den Kontinent auf der Suche nach dem Flüchtigen und seinem Verfolger. Doch niemand hatte Faust oder Tyrael gesehen oder auch nur von ihnen gehört. Was war geschehen? Hatte der Elf den Missetäter aufgespürt? Hatte Faust für seine Tat zahlen müssen? Hatten sich die beiden ewigen Kontrahenten gegenseitig im Duell getötet? Vielleicht war es an der Zeit, die Suche aufzugeben und Ersatz zu finden für die beiden verlorenen Schwerter. Doch Adepten der Schwertkunst waren rar in diesen Landen. Wahrscheinlich würde er seine Suche auf die Länder östlich des Sonnenaufgangsgebirges ausdehnen müssen, wo die Kunst der Schwertmagie ihren Ursprung hatte…
Während Hades seinen Gedanken nachhing, fing er mit halbem Ohr Gesprächsfetzen von den Nachbartischen auf. Die Knobler zu seiner Linken stritten sich in einem zwergisch-itruskischen Kauderwelsch um den Ausgang eines Spiels, während zu seiner Rechten die kraushaarige alte Dame die hübsche Rothaarige zu einer acht Jahre zurückliegenden Hochzeit befragte. Hades schloss aus der Art ihrer Unterhaltung, dass die beiden verschwägert waren.
„Wo fand die Hochzeit denn statt?“
„In Myth Drannor.“
„Myth Drannor? Aber… vor acht Jahren war Myth Drannor eine Ruinenstadt, oder nicht?“
Hades horchte auf. Als Inquisitor hatte er einen siebten Sinn für Unrechtmäßigkeiten. Und so entging ihm nicht, dass die vermeintliche Schwiegertochter plötzlich gehörig ins Schwitzen geriet.
„Ich meine natürlich, in der Nähe von Myth Drannor“, versuchte sie sich aus der Affäre zu ziehen. „An einem kleinen Weiher in den Cormanthorischen Wäldern.“
Sie log wie gedruckt.
Eine Heiratsschwindlerin, erkannte Hades. Offenbar gaukelte sie der Dame gerade eine Ehe mit deren Sohn vor, um Anspruch auf dessen Erbe erheben zu können. Womöglich war die ganze Familie ihres Opfers in größter Gefahr. Jemand musste eingreifen.
In diesem Moment wurde die Tavernentür aufgerissen und ein Botenjunge stolperte herein.
„Mord im Adelsviertel“, verkündete er atemlos. „Lord Oleander ist tot.“
Ein Raunen erfasste die Menge und der Junge wurde von einem Pulk neugieriger Tavernengäste umringt, die ihn mit Fragen bombardierten.
„Mord muss gerade erst passiert sein… viele Schaulustige…. Ja, es gibt bereits einen Verdächtigen… Die Silbernen Ritter haben am Tatort einen Mann festgenommen…“
Hades erhob sich.
„Wie sieht der Mann aus, der festgenommen wurde?“, dröhnte er mit tiefer autoritärer Stimme. Es wurde still und alle Gäste wandten sich ihm zu. Eine Menschenschneise bildete sich zwischen dem hünenhaften Kelemvor-Priester und dem Boten.
„Hab nicht viel sehen können“, erklärte der Junge eingeschüchtert. Dann stutzte er, als sein Blick auf den Tisch neben Hades fiel, wo der Ehemann der alten Dame gerade aus seinem Nickerchen erwachte. „Er… er sah so ähnlich aus wie er!“ Der Bote wies auf den hellhaarigen Fremden. „Aber jünger.“
Die kraushaarige alte Dame wurde kreidebleich, als sich alle Blicke in ihre Richtung wandten. Die falsche Schwiegertochter sprang auf.
„Ich regle das“, sagte sie leise und verließ, ohne die Schaulustigen eines Blickes zu würdigen, die Taverne.
Hades folgte ihr.

Winter
Sie wurde von einem großen schwarzen Mann verfolgt.
Der Fremde hatte gespenstige weiße Augen und unter seinem Umhang, den eine aufgestickte Skeletthand mit einer goldenen Waage zierte, blitzte eine Sonnenklinge. Nicht gerade der Typ von Mann, den man nachts in dunklen Gassen gerne hinter sich wusste. Winter beschleunigte ihre Schritte, doch es gelang ihr nicht, den Fremden abzuschütteln.
Schließlich gab sie auf. Abrupt blieb sie stehen und wandte sich um.
„Weshalb verfolgt Ihr mich?“, zischte sie, bereit ihm einen Zauber entgegen zu schleudern, sollte der Kerl es wagen irgendetwas zu versuchen. Stattdessen begegnete er ihr mit unterkühlter Höflichkeit.
„Gestatten.“ Der Hüne senkte, eine Verbeugung andeutend, den Kopf. „Hades mein Name. Ich habe Euch in der Taverne beobachtet. Ihr kennt den Mann, der des Mordes an dem Fürsten bezichtigt wird?“
„Ich weiß wirklich nicht, was Euch das angeht“, erklärte Winter gereizt. Ein übereifriger Möchtegern-Detektiv war das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte. Was auch immer Dorien dieses Mal schon wieder ausgefressen hatte, es klang nach einer gehörigen Portion Ärger. „Aber ja, dieser Mann ist zufällig mein Ehemann.“
Mit diesen Worten wandte sie sich um und ließ ihren Verfolger stehen.
Das städtische Gefängnis befand sich in den Kellern des Hochpalasts. Das strahlende Märchenschloss mit den vier filigranen Türmen überblickte die Stadt von einem Hügel aus. Einhornmotive zierten die kunstvolle Stuckfassade. Das Hauptquartier der Silbernen Ritter, Silbrigmonds Stadtwache, war im Nordturm des Palasts gelegen. Dort angekommen verwies man Winter an den Hauptmann. Da dieser im Moment nicht zu sprechen war, blieb ihr nichts weiter übrig, als im Vorraum zu seinem Arbeitszimmer zu warten. Dort stellte sie fest, dass der Fremde ihr hierher gefolgt war. Sie beließ es jedoch bei einem verärgerten Schnauben, als Hades es sich auf der Wartebank bequem machte, während sie ruhelos auf und ab lief.
„Habt Ihr vor ihn um sein Geld zu betrügen?“
„Wie bitte?“
„Euren Ehemann“, sagte Hades. „Ihr habt seine Mutter belogen, was die Hochzeit in Myth Drannor anging. Habt Ihr etwas mit seiner Festnahme zu tun?“
Winter blieb jäh stehen.
„Was maßt Ihr Euch an!“,  empörte sie sich. Doch ihre Erzürnung schien den selbsternannten Detektiv nicht im Mindesten zu beeindrucken.
„Habt Ihr diesen Lord Oleander ermorden lassen?“, fragte er mit sachlicher Miene.
„Natürlich nicht!“
Winter war heilfroh, dass in diesem Moment Hauptmann Alathar in der Tür erschien. Es mochte keinen allzu guten Eindruck machen, wenn die Ehefrau eines Mordverdächtigen im Hauptquartier der Wache auf einen Fremden losging. Der Hauptmann ließ die beiden eintreten. Mit unbewegter Miene ließ er Winters Beteuerungen über sich ergehen, die ihn von der Unschuld ihres „guten Gatten“ zu überzeugen versuchte. Auf Hades’ Drängen schilderte er ihnen schließlich,  was in der Nacht geschehen war: Etwa zur zwölften Stunde hatten zwei Wachen auf Nachtpatrouille im Adelsviertel Schreie gehört, die sie zur Villa der Oleanders geführt hatten, wo ihnen ein verstörter Butler entgegen geeilt war. Im Schlafgemach hatten sie den Hausherrn mit aufgeschnittener Kehle in seinem Bett aufgefunden. Dorien war mit der Tatwaffe in der Hand ertappt worden. Zudem hatte ein Mitglied der Zaubergarde, das kurz darauf zum Tatort gerufen wurde, entdeckt, dass die Hausherrin und Gemahlin des Opfers, Lady Lucinda Oleander, unter Doriens magischer Kontrolle stand. Für den Hauptmann musste es so aussehen, als habe der Mörder versucht, eine Augenzeugin zum Schweigen zu bringen.
„Durch den Butler erfuhren wir, dass der Tatverdächtige vor zwanzig Jahren ein Verhältnis mit der Fürstin gehabt haben soll“, schloss Alathar seinen Bericht. „Der Butler sagte zudem aus, dass er den Mord beobachtet haben will. “
„Was?“ Erzürnt blickte Winter auf. „Der Mann ist doch gekauft!“
„Das denke ich nicht“, erklärte der Hauptmann ungerührt. „Er stand unter dem Einfluss einer Zone der Wahrheit, als er seine Aussage machte.“
„Was sagt der Tatverdächtige selbst zu den Vorwürfen?“, wollte Hades wissen.
„Der Tatverdächtige“, äffte Winter ihn nach.
„Er bestreitet sie.“
„Und stand er dabei auch unter magischem Einfluss?“
„Ja.“
„Was ist dann das Problem?“, wollte Winter wissen. „Er kann die Tat nicht begangen haben.“
„So einfach ist das nicht“, erklärte der Hauptmann. „Magische Verhöre können manipuliert werden. Bisher haben wir nur zwei widersprüchliche Aussagen. Doch es sei Euch versichert, dass wir alles tun werden, um den Fall aufzuklären. Lord Emmet Oleander war äußerst beliebt bei den Bürgern von Silbrigmond. Sein Mörder wird seiner gerechten Strafe nicht entgehen.“
„Und die wäre?“
„Tod durch Erhängen.“
Stille.
„Kann ich mit meinem Ehemann sprechen?“, fragte Winter.

Hades
Kurz darauf im Kerker
Der Tatverdächtige Dorien Dantés wirkte in der tristen Umgebung der Kerkerzelle wie ein Paradiesvogel im Pappkarton. Sein geschniegeltes Äußeres ließ vermuten, dass Kerkerzellen nicht eben seinen natürlichen Lebensraum darstellten und sein Gesichtsausdruck schwankte zwischen nagender Sorge und düsterer Selbstironie. Doch seine Miene hellte sich auf, als er Hades’ Begleiterin erblickte.
„Winter! Den Göttern sei Dank.“ Er sprang von der Pritsche und umklammerte die Gitterstäbe der Zelle. Dann schien er sich zu besinnen, dass Kerkerstäbe rostig und eklig waren, und ließ sie hastig wieder los. Winter schob Hades beiseite und eilte auf ihn zu.
„Was ist passiert, Dorien?“, flüsterte sie ernst. „Hast du diesen Mann getötet?“
„Was glaubst du? Natürlich nicht“, erwiderte der Eingekerkerte gekränkt. „Emmet war früher mein Mentor. Ich denke, es war Drake.“
„Drake?“
„Wer sonst hätte ein Interesse daran, mich in die Falle zu locken?“
„Erzähl mir, was passiert ist.“
„Ein Straßenjunge in der Tanzenden Ziege steckte mir eine Nachricht zu. Darin bat mich Emmets Frau um Hilfe. Nun ja, zumindest glaubte ich, dass die Nachricht von Lucinda stammte. Ich rief sofort eine Kutsche und fuhr zum Anwesen der Oleanders. Die Tür stand offen, darum trat ich ein. Und dann hörte ich den Schrei. Ich rannte hoch ins Schlafzimmer und fand Lucinda, in Blut gebadet, mit einem Dolch über den leblosen Körper ihres Mannes gebeugt. Die Arme musste annehmen, sie selbst habe Emmet im Schlaf getötet. Sie war so außer sich, dass ich befürchtete, sie könnte sich selbst etwas antun, darum entwand ich ihr den Dolch und bezauberte sie, um sie zu beruhigen.“
„… und in diesem Moment kamen die Wachen ins Zimmer“, vollendete Winter lakonisch den Bericht, „und ertappten den alten Liebhaber der Fürstin dabei, wie er seine Zeugin ruhig zu stellen versuchte. Dorien, du verdammter Narr!“ Dann seufzte sie. „Du hast Recht, das klingt ganz nach Drake. Er muss den Butler bezaubert haben, weil er wusste, dass die Ritter ihn einem magischen Verhör unterziehen würden.“
Hades hatte den Gefangenen während seines Berichts beobachtet und keine Anzeichen für Unaufrichtigkeit gefunden. Doch der Richter wollte keine voreiligen Schlüsse ziehen.
Er räusperte sich vernehmlich.
„Darf man fragen, wer dieser Drake ist?“, versuchte er die beiden Eheleute auf seine Anwesenheit aufmerksam zu machen. Der Gefangene warf ihm einen irritierten Blick zu.
„Ignorier’ ihn einfach“, riet seine Anvertraute ihm säuerlich.
Hades runzelte die Stirn. So einfach ließ er sich nicht übergehen.
„Wusstet Ihr, dass Eure Frau eine Heiratsschwindlerin ist?“, schlug er zurück. Zu seinem Erstaunen schien die Frage den Eingekerkerten zu amüsieren.
„Ja, ist mir bekannt“, sagte er ungerührt. „Aber woher wisst Ihr das? Winter, ist er etwa einer deiner…?“
“Nein!“, schnappte Winter. „Sein Name ist Hades. Er verfolgt mich schon den ganzen Abend.“
Dorien rückte so nahe an Winter heran, dass die Wache misstrauisch einen Schritt nach vorne machte.
„Vertraust du ihm?“, flüsterte er, doch Hades hatte gute Ohren.
Winter zuckte mit den Schultern. „Ich denke jedenfalls nicht, dass er für Drake arbeitet. Dazu ist er zu… direkt.“
Der Eingekerkerter nickte unschlüssig.
„Hilf mir“, bat er sie ernst. „Finde heraus, warum Emmet sterben musste. Er war ein Harfneragent. Er hatte viele Feinde und einer davon hat ihm Drake auf den Hals gehetzt. Ich würde diesem Halunken nur ungern die Genugtuung verschaffen, mich für den Mord an einem Freund hängen zu sehen.“
„Ich hol’ dich hier raus“, versprach Winter.
„Und noch etwas.“ Der Blick des Gefangenen glitt besorgt über Winters Gesicht. „Scarlet… Ich weiß sie nur ungern in der Stadt, solange Drake hier ist. Dasselbe gilt für meine Eltern. Du weißt ja, was er Kaliths Familie angetan hat.“
„Ich bringe alle zu Grimwardt in die Abtei.“
„Danke.“ Dorien lächelte. „Abgesehen von der Tatsache, dass ich unsere Hochzeitsnacht im Kerker verbracht habe, war das, wie ich finde, ein durchaus gelungener Hochzeitstag.“
Winter erwiderte sein Lächeln und drückte seine Hand fester.
„Aha“, beobachtete Hades mit detektivischer Nüchternheit. „Also liebt ihr euch tatsächlich.“
Das Lächeln auf den Gesichtern der beiden gefror synchron, als sie sich umwandten, um Hades auf die Unangebrachtheit seiner Bemerkung hinzuweisen.

Grimwardt
Abtei des Schwertes, im Morgengrauen
Es war soweit. Sie griffen an.
Die nächtliche Verfolgung des Raben war wie erwartet erfolglos geblieben. Nach nur ein paar Stunden Schlaf war Grimwardt zum Morgengebet erwacht. Er hatte sich gerade vor den kleinen Schrein in seinem Zimmer gekniet, als eine Wache herein gestürzt kam, um eine feindliche Teleportation in den Innenhof der Abtei zu melden. Der Kriegspriester ließ sich hastig Rüstung und Wehrgehänge anlegen und eilte durch eine Seitentür auf den Wehrgang. Das Bild, das sich ihm bot, ließ ihn so abrupt abbremsen, dass der Bote, der ihm gefolgt war, mit seinem Rücken kollidierte.
Eine Gruppe von fünf Leuten harrte, umringt von einem Trupp Speerkämpfer, im Hof der Abtei. Winters rote Mähne leuchtete im Licht der aufgehenden Sonne. An der Hand hielt sie ihre schlaftrunkene Tochter, die verunsichert zu einem breitschultrigen Riesen von Kelemvor-Priester aufblickte, der schützend sein Schwert erhoben hatte. Eine kleine, alte Dame mit krausem braun-grauem Haar und ein hoch gewachsener Nordmann standen eng umschlungen beieinander. Sie alle waren mit Taschen und Beuteln beladen. Die Krönung aber bildete ein Wurf kleiner Katzen, die miauend umhertapsten und neugierig die Spitzen der auf sie gerichteten Speere beschnupperten.
Eine Zornesader drohte Grimwardts Stirn zu sprengen.
„WINTER FEDAYKIN!“
Polternd stapfte der Abteileiter einen Wehrturm hinunter. Nachdem er den Speerwerfern Entwarnung gegeben und die skurrile Flüchtlingsfamilie der Obhut des Quartiermeisters überantwortet hatte, zerrte er Winter wutentbrannt in sein Arbeitszimmer. Der fremde Priester folgte ihnen unaufgefordert.
„Grimwardt, ist alles in Ordnung?“, fragte Winter beunruhigt.
„OB ALLES IN ORDNUNG IST?!“, donnerte Grimwardt. „Uns steht ein Angriff bevor! Was, bei allen neun Höllen, hast du dir dabei gedacht, unangekündigt hier aufzukreuzen? Die hätten dich und deine Katzenfreunde da draußen fast aufgespießt!“
Winter sah ihn verständnislos an.
„Worüber regst du dich denn auf?“, fragte sie. „Hier wirkt doch alles recht friedlich.“
Grimwardt lief so rot an, dass sein Bart dagegen blass wirkte. Winter nutzte die momentane Sprachlosigkeit ihres Bruders, um die Situation aufzuklären und ihn mit dem Fremden bekanntzumachen.
„Kurz gesagt: Dorien braucht unsere Hilfe“, schloss sie knapp. „Du musst mit nach Silbrigmond kommen.“
„Einen Teufel werde ich tun“, schnaubte Grimwardt. „Hast du mich nicht verstanden? DIE ABTEI WIRD ANGEGRIFFEN! Ich werde hier gebraucht!“
„Willst du Dorien etwa einfach so hängen lassen?“ Erbost sah Winter ihn an.
„Scheint, als ob er das auch ganz von allein hinbekommt!“, grunzte ihr Bruder.
Es folgte ein lautstarker Disput à la Fedaykin: Winter schmollte, tobte und wand sich, während ihr Bruder stur auf seinem Standpunkt beharrte. Hades fiel die zermürbende Aufgabe zu, zwischen den Geschwistern zu vermitteln. Letztendlich verständigten sie sich darauf, dass Winter Scarlet und ihre Schwiegereltern zu ihren Eltern nach Ashabafurt bringen würde, während Grimwardt sich auf die Abreise nach Silbrigmond vorbereitete. Während ihres letzten Abenteuers waren die Geschwister in den Besitz von zwei magischen Liebesbroschen gekommen, die dem Träger an jedem Ort Aufschluss über die Gefühlslage des jeweils anderen gaben. Grimwardt entschied seinem Waffenmeister Borgo eine der Broschen zu überlassen, um im Ernstfall gewarnt zu sein.
„Sobald ich auch nur den Verdacht hege, dass der Angriff beginnt, wirst du mich augenblicklich zurück teleportieren, hast du verstanden?“, forderte Grimwardt.
„Ja, verstanden“, murrte Winter.
„Und wenn ich nur zurückkomme, weil Borgo sich darüber aufregt, dass ein Vogel auf seinen Turnierhelm gekackt hat, will ich keine dummen Sprüche von dir hören, ist das klar?“
Winter verdrehte die Augen.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 09. Januar 2010, 03:14:56
...Wir sollten echt ne Serie draus machen... wie LOST... und Hades ist Mr. Eko  :D
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 09. Januar 2010, 17:59:27
Das ist so richtig spannend! Auch wenn ich eigentlich weiß wie es weitergeht...
Und ich wüsste wirklich nicht, worin du einem professionellen Romanautor noch nachstehst.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 09. Januar 2010, 18:06:29
Ja, ich finds auch toll!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Zophael am 12. Januar 2010, 12:47:53
@Nightmoon

Und wer sind die anderen? Gibt's bei LOST jemanden der sich pérmanent besäuft? Ich kenne nur jemanden der permanent was zu Essen haben will...
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 13. Januar 2010, 01:13:24
Nee, aber Charlie ist am Anfang immerhin Drogenabhängig...

hmm...
Hades ist also Eko... der schwarze Kriegspriester mit Gastauftritt ;)
und demnach Charlie
Kalyd wäre wohl am ehesten Desmond
Nimoroth ist Hurley, oder später Richard
Winter ist ne Mischung aus Kate und Shannon, vor allem aber Kate
Grimwardt ... am ehesten John Lock
Dorien ist auch Shannon
Drake ist ne Mischung aus Ben und Sawyer
und Faust nur Sawyer ;)

...fehlt noch wer? :)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 13. Januar 2010, 08:53:44
Hey, lustig, das funktioniert nicht nur mit LOST

Firefly Cast
Hades - Shepherd
Winter - Saffron
Drake - Early
Grimwardt - auch Shepherd
Faust - Mal
Dorien - Inara
Nimoroth - Simon Tam

:-)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 14. Januar 2010, 01:37:59
...Oder Heroes:

Hades ist der Haitianer
Boltor ist... Hiro?
Kalyd als Peter Petrelli
Nimoroth ist Mohinder (vor Staffel 3)
Winter ist Jessica
Grimwardt ist Hiros Vater
Dorien ist Claire
Drake ist Takezo Kensai (also Adam)
und Faust ist Nathan Petrelli
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 18. Januar 2010, 02:36:54
Wow, war die letzte Runde wieder super! Respekt! Freue mich schon auf all die filmreifen Ereignisse, die jetzt folgen...
...Oh, und Faust hat glaube ich diesmal eher gezeigt, dass er auch ein ziemlicher Jane wäre, wäre er auf der Firefly... etwas Irre halt  :suspious:
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Thalas am 18. Januar 2010, 18:09:08
Sehr spanned :-) Bin ebenfalls gespannt wie es weiter geht :-)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 22. Januar 2010, 03:56:44
Hey, noch ein Leser.... freut mich, dass du auch mal vorbeischaust :-)

Kapitel III: Die Jagdhütte

Hades
Am nächsten Tag in Silbrigmond
Als sie die Villa der Oleanders erreichten, fuhr gerade die Leichenkutsche vor. Zwei Silberne Ritter bewachten den Eingang. Doch die Witwe des Fürsten musste den Wächtern die Anweisung erteilt haben, die Gefährten einzulassen, denn niemand versuchte die schwer bewaffnete Gruppe aufzuhalten. Von Grimwardt erfuhr Hades, dass er und seine Schwester unter anderen Umständen bereits die Bekanntschaft der Fürstin gemacht hatten.
Im Salon standen Kondolenzbesucher in kleinen Grüppchen beisammen. Nachdem Lady Lucinda die Gruppe zum Leichenschmaus in den Salon gebeten hatte, kam die Witwe auf die Ereignisse des letzten Abends zu sprechen.
„Mir ist bewusst, dass sich Euer Freund keines Verbrechens schuldig gemacht hat“, sagte sie steif. Ihre kühle, distanzierte Wortwahl stand in seltsamen Kontrast zu der schmerzlichen Verletzlichkeit, die ihre kleinen nervösen Gesten– ein fahriges durch-die-Haare-Streichen, ein überspanntes Händekneten - preisgaben. „Ich werde natürlich für die Gerichtskosten aufkommen und wenn ich noch in anderer Hinsicht von Nutzen sein kann, so lasst es mich wissen.“
„Das könnt Ihr“, erklärte Hades geradeaus. „Wir würden diesen Fall gerne untersuchen. Natürlich sind wir dazu auf Eure Beobachtungen angewiesen. Was könnt Ihr uns über den Verstorbenen sagen?“
„Nun ja“, erklärte die Witwe und ihr Blick flackerte, als sie in Gedanken die Ereignisse der letzen Tage rekapitulierte. „Mein Mann arbeitete hin und wieder für die Harfner… Während seiner Missionen haben wir nur selten Kontakt, darum hatte ich schon seit einigen Wochen nichts von ihm gehört. Vor einigen Tagen stand er dann plötzlich vor der Tür: Er hatte zahlreiche Brandwunden und keuchte, als sei er gerade erst einem tödlichen Kampf entronnen. Dann stammelte er etwas davon, dass die Silbermarken in Gefahr seien. Emmet…“ Ihre Stimme brach, als sie seinen Namen aussprach und sie schloss für einen Moment die Augen. „Es war nicht das erste Mal, das Emmet verwundet und voller Sorge von einem Auftrag zurückkehrte; ich habe damit zu leben gelernt. Seine Erschöpfung und die Verletzungen raubten ihm das Bewusstsein, ehe er sich mir erklären konnte, und mir schien seine Genesung wichtiger als seine Warnung. Für einen halben Zehntag pflegte ich ihn gesund. Er hatte Fieberträume und war oft nicht ansprechbar. Doch er war bereits auf dem Weg der Besserung, als… als es geschah.“ 
Ihr Blick wurde hart und kalt, doch ihre Hände zitterten.
„Da ist noch etwas“, fügte die Fürstin nach einigem Zögern hinzu. „Bitte haltet mich jetzt nicht für verrückt, aber… Als ich heute Morgen zum ersten Mal wieder das Schlafgemach betrat, fand ich auf dem Boden einen Hut. Es war eine einfache schwarze Jägermütze, nicht die Art von Federbarret, die Emmet zu tragen pflegte. Als ich ihn aufhob, erzitterte der Hut in meiner Hand und… und es schien als lache er. Dann zerfiel er zu Staub. Allein ein Filzemblem, das auf der Seite aufgenäht war, blieb in meiner Hand zurück.“
„Die Lachenden Hüte“, murmelte Winter. Sie und ihr Bruder tauschten einen Blick.
„Drake“, sagten sie einstimmig.
Drake. Schon wieder dieser Name.
Hades ließ sich aufklären: Drake war ein alter Widersacher der Geschwister, der sich hier in den Silbermarken und an der nördlichen Schwertküste einen zweifelhaften Ruf als Meuchelmörder gemacht hatte. Über die Lachenden Hüte waren die Geschwister bereits bei ihrer letzten Begegnung mit dem Schurken gestolpert. Winter glaubte, dass es sich dabei um eine lokale Diebesorganisation handelte, mit der Drake hin und wieder zusammenarbeitete. Die Mitglieder pflegten an jedem Tatort magische Hüte zu hinterlassen, um Nachrichten zu übermitteln. Waren diese überbracht, so zerfielen sie zu Staub, um nicht zu viel über die Täter zu verraten.
Hades ließ sich von Lucinda das Filzabzeichen zeigen, das der Täter ihr hatte zukommen lassen: ein grauer Turm im Ring einer schlafenden Schlange vor schwarzem Grund.
„Was hat das zu bedeuten?“, wollte er wissen.
„Ich kenne dieses Emblem“, erklärte die Witwe. „Es ist das alte Familienwappen der Familie. Emmet ließ vor etwa zehn Jahren seinen Familiennamen und das Wappen ändern. Er entstammt einem sehr alten Silbrigmonder Adelsgeschlecht.“
„Warum ließ er den Namen ändern?“
„Das weiß ich nicht. Emmet sprach nicht gern über seine Familie und zu der Zeit, da ich ihn heiratete, war er bereits der letzte seines Geschlechts.“
„Wie war der alte Name der Familie?“
Lucinda schüttelte traurig den Kopf und verzog schmerzlich die Mundwinkel, als ihr bewusst wurde, wie wenig sie über ihren verstorbenen Ehemann wusste. „Vielleicht solltet ihr die Bibliothek aufsuchen, wenn Euch das weiterhilft.“ Sie überlegte einen Augenblick „Oder besser noch: Fragt nach Xara Tantlors Magierladen. Die Gelehrten können mit fast jeder Art von Wissen dienen, aber sie lassen sich ihre Dienste teuer bezahlen. Wenn es um Stadtgeschichte geht, so ist die Schimmernde Schriftrolle die erste Anlaufstelle. Xaras Onkel verwaltet die Stadtarchive und seine Nichte bewahrt im Keller ihrer Magierstube einige Abschriften der wichtigsten Dokumente auf. Für ein nettes Schwätzchen und eine Weiterempfehlung kann sie euch sicher etwas zu Emmets Familie erzählen.“
„Da wäre noch etwas“, sagte Winter. „Euer Butler…“
„Marlow?“
„Seiner Aussage zufolge will er beobachtet haben, wie Dorien Euren Mann tötete. Wir glauben, dass der wahre Mörder sein Gedächtnis manipuliert haben könnte, um ihn das glauben zu machen. Könnten  wir uns Marlow wohl für eine Weile ausborgen, um der Sache auf den Grund zu gehen?“
Lucinda nickte und rief nach dem Butler, der augenblicklich auf der Türschwelle erschien.
Marlow gehörte offenbar zu der Art von Dienern, die sich blaublütiger geben als ihre Herren.
„Ich lüge nicht“, erklärte er Nase rümpfend, nachdem Winter ihm ihre Vermutungen offenbart hatte und blickte dünkelhaft von oben auf sie herab. „Und ich denke auch nicht, dass ich manipuliert wurde. Ich bin nicht käuflich und meine Aussage wurde bereits magisch überprüft. Ich habe diesen Mann dabei beobachtet, wie er meinem Herrn die Kehle aufschnitt und ich bin nicht gewillt, diese Aussage zu widerrufen.“ 
„Wenn Ihr Euch Eurer Sache so sicher seid, würde es Euch sicher nichts ausmachen, wenn wir Eure Behauptung noch einmal überprüfen würden, nicht wahr?“, manövrierte Winter ihn eilfertig dorthin, wo sie ihn haben wollte.
„Was immer meine Herrin befiehlt“, erwiderte der Butler steif.

Winter
Ein paar Stunden später in der Schimmernden Schriftrolle
Die Silbernen Ritter hatten sich bei dem Versuch die Aussage des Butlers zu entkräften als äußerst unkooperativ erwiesen. Zwar war die Adjutantin des Hauptmanns gewillt gewesen, Winter unter Aufsicht einen Aufklärungszauber wirken zu lassen, der eindeutig bewies, dass der Butler zum Zeitpunkt seiner Aussage unter dem Einfluss eines Zaubers gestanden hatte, der seine Erinnerungen manipulierte, doch Doriens Unschuld bewies das in den Augen der Wache noch nicht. Hades vermutete, dass die Ritter sich aus sicherheitspolitischen Gründen scheuten, ihren einzigen Tatverdächtigen zu entlasten. Lord Oleanders Tod hatte bis über die Stadtgrenzen hinaus für Aufsehen gesorgt. Ein Mörder, der bereits in ihrer Gewalt war, erlaubte es der Stadtwache, das Gefühl der Sicherheit bei den Bürgern aufrechtzuerhalten. Ein Mörder, der noch frei herumlief, war dagegen ein gefundenes Fressen für böse Zungen. Ein unaufgeklärter Mord an einem lokalen Helden war eine Pleite, die sich die Wächter der Silbermarken nicht leisten konnten, denn Silbrigmond und die Marken waren umgeben von Feinden, die danach trachteten von innen zu zerstören, was bisher jedem Eroberungsversuch standgehalten hatte, und nur darauf warteten, dass sich Risse bildeten im Panzer des Vertrauens, den Fürstin Alustriel und die Zwergenfürsten trotz aller kultureller Unterschiede und politischer Uneinigkeiten über all die Jahre um die vielschichtige Bevölkerung der Region aufgebaut hatten. Wenn es den Gefährten also gelingen wollte, Dorien bei der Gerichtsanhörung in zwei Tagen vor dem Strick zu bewahren, dann würden sie dem Gericht den wahren Mörder wohl auf einem Silbertablett präsentieren müssen.
Ihre einzige Spur war derzeit das Wappenemblem, das Drake am Tatort zurück gelassen hatte. Was hatte das zu bedeuten? Eine Falle? Wollte er gefunden werden? Oder legte er es lediglich darauf an, sie in die Irre zu führen wie bereits in Myth Drannor?
Da die Gefährten keine andere Wahl hatten als sich auf das Spiel des Schurken einzulassen, hatten sie sich auf den Weg zu dem Magierladen gemacht, den Lady Lucinda ihnen genannt hatte. Die Schimmernde Schriftrolle war ein kleiner Eckladen nicht unweit der Mondscheinbrücke. Xara Tantlor, eine hübsche junge Magierin mit lebhaften grünen Augen und goldbraunem Haar, hieß sie freundlich willkommen. Während sie die magischen Gegenstände in Augenschein nahm, die die Gefährten ihr zum Ankauf darboten, kam Winter auf ihr eigentliches Anliegen zu sprechen.
„Oleander“, überlegte Xara. „Ja, es stimmt, der Fürst ließ vor ein paar Jahren seinen Namen ändern…Ich war noch sehr jung, doch ich erinnere mich daran, dass mein Vater davon sprach.“
„Wisst Ihr, was es mit diesem Wappen auf sich hat?“ Winter schob der Ladenbesitzerin das Filzabzeichen über den Ladentisch. Xara warf einen kurzen Blick darauf und schüttelte den Kopf.
„Nein. Aber wenn Ihr einen Augenblick Zeit habt, könnte ich im Keller nachsehen, ob ich etwas darüber finde. Wartet hier.“ Bevor sie in einer Nebentür verschwand, drehte sie sich noch einmal um und erhob mit einem schalkhaften Zwinkern den Zeigefinger. „Und dass Ihr mir nichts mitgehen lasst! Villynk hat schon so manchem Langfinger die Augen ausgestochen!“
Erst jetzt bemerkte Winter den Raben, der unbeweglich wie ein böses Omen auf dem Schriftrollenständer hinter dem Ladentisch harrte und sie aus schwarzen, penetranten Augen anstierte. Winter lief ein Schauer über den Rücken. Sie würde niemals verstehen, was „echte“ Magier dazu bewog, sich Ratten, Wiesel und anderes Getier als Vertraute zu halten. In ihren Augen hatte dieser grässliche Vogel nichts magisches, allenfalls etwas voyeuristisches.
Xara kam mit einem dicken Folianten zurück – offenbar ein Verzeichnis von Stadtgenealogien. 
„Hier“, sagte sie und schob Winter den Wälzer entgegen. Unter einem Stammbaum erkannte die Diebesmeisterin das alte Wappen der Oleanders. „Emmet Oleander war der letzte Nachkomme einer alten itruskischen Familie mit nesserischen Wurzeln; den Hadruinen. Der Name erinnert stark an Prinz Hadhrune, den jüngsten Sohn des Hochprinzen von Umbra. Möglich, dass die Umbranten und Oleander derselben Blutlinie entstammen. Mit dem Fall Nesserils ist die Herkunft des Familiennamens vermutlich in Vergessenheit geraten, denn in den Genealogien findet sich nichts darüber. Doch als die fliegende Stadt Umbra vor zehn Jahren über dem See der Schatten in der Wüste Anauroch auftauchte, muss die verlorene Verbindung wiederaufgetaucht sein.“
„Und Lord Oleander ließ seinen Namen ändern, um nicht mit diesen… Umbranten in Verbindung gebracht zu werden?“, riet Winter. Sie wusste nur wenig über die mysteriösen Nachfahren des legendären Nesseril, die sich in der Anauroch niedergelassen hatten. Woher kamen sie und wie hatte ihre Stadt den Niedergang des Imperiums überstehen können? Aber soweit ihr bekannt, waren die Schattenwesen noch niemals öffentlich in Erscheinung getreten, doch es wurde allgemein vermutet, dass sie imperialistische Ziele verfolgten. Immerhin entstammten sie einem Volk mächtiger Magier, das von seinen fliegenden Städten einst über ganz Faerûn geherrscht hatte.
Xara zuckte mit den Schultern.
„Möglich“, sagte sie. „Vielleicht war die Namensänderung eine offizielle Distanzierung von seinen zwielichtigen Verwandten. Oder auch eine Botschaft an die Umbranten. Es wird gemunkelt, dass Hadhrune seine Informanten in allen großen Städten um die Anauroch hat. Oleander könnte auf diese Weise einem Rekrutierungsversuch vorgebeugt haben.“
„Oder ein solches Gesuch abgelehnt haben“, ergänzte Hades. „Vielleicht hat ihn das das Leben gekostet.“
„Da ist noch etwas.“ Xara wies auf die Zeichnung in dem Buch. „Die Fußnoten besagen, dass das Wappen von einem Bodenmoasaik in einer Jagdhütte im Hochwald abgezeichnet wurde.“
„Eine Jagdhütte?“
„Oleanders Familie ist im Besitz zahlreicher Anwesen in Silbrigmond und Umgebung.“
Grimwardt und Winter tauschten einen viel sagenden Blick.
Sie beeilten sich, den Handel mit der Magierin zu besiegeln und ihre Ausrüstung ein wenig aufzubessern. Dann verließen sie den Laden.
„Das ist eine Falle“, erklärte Grimwardt, kaum dass sie vor der Tür standen. „Er will, dass wir zu dieser Jagdhütte kommen.“
Winter zuckte mit den Schultern. „Wenn das die einzige Möglichkeit ist, an Drake heranzukommen, sollten wir uns darauf einlassen.“ Der Versuch den Assassinen auf magische Weise zu orten hatte sie schon einmal in die Irre geführt.
Grimwardt grummelte etwas Unverständliches, das wohl so viel heißen sollte wie: „Die Sache gefällt mir nicht, aber ich habe auch keinen besseren Vorschlag.“ 

Grimwardt

Irgendwo im Hochwald.
Die Jagdhütte hatte vermutlich schon bessere Tage erlebt. Die Westwand des Steingebäudes hatte sich der Eroberungswut zweier mächtiger Schattenkronen gebeugt, die mit der Zeit mit dem Gebäude  verwachsen waren. Das Dach war an einigen Stellen eingebrochen und die übrigen Wände wiesen teils große Löcher auf. Eine moosbedeckte Holztür schien der einzige Eingang zu sein. Die Fensterläden waren von innen verriegelt, was ihnen jeden Blick ins Innere der Hütte verwehrte. All das ließ darauf schließen, dass Lord Oleander diesen Ort schon seit Jahren nicht mehr aufgesucht hatte. Grimwardt sah, wie Winters Augen blau aufleuchteten, ein Zeichen dafür, dass sie ihren magischen Blick einsetzte, um die Umgebung auf magische Aktivität zu untersuchen.
„Wir sind innerhalb eines Alarmzaubers aufgetaucht“, erkannte sie Stirn runzelnd. „Wer oder was auch immer da drin auf uns wartet, wird nun wissen, dass wir hier sind.“
Vorsichtig näherte sich Winter der Tür, um sie nach Fallen zu untersuchen. Grimwardt wirkte derweil einen mächtigen Erkenntniszauber, um nicht wie in Myth Drannor auf Drakes Illusionen hereinzufallen. Dieses heimliche Getue passte ihm ganz und gar nicht in den Kram. Wenn es nach dem Kriegspriester ging, würden sie die Bruchbude mit Pauken und Trompeten stürmen und diesen elenden Spitzbuben vor die Tür prügeln, dass ihm Hören und Sehen verging. Ein Blick auf Hades verriet ihm, dass auch der Todesrichter eine direktere Methode vorziehen würde.
Die Tür öffnete sich mit einem Knarren und gab den Blick in einen kleinen Gemeinschaftsraum frei, der nur spärlich vom Licht der wenigen Sonnenstrahlen erhellt wurde, die sich einen Weg durch die Löcher in der Wand bahnten. Das Bodenmoasik mit dem Wappen der Hadruinen war bis auf einige jüngere Fußabdrücke vollständig mit Staub bedeckt, ebenso wie vier der sechs ausgestopften Wolfstrophäen an den Wänden. Die anderen beiden jedoch…
„Winter!“
Doch es war zu spät. Kaum war Winter in den Raum gehuscht, wurden zwei der Wolfsköpfe lebendig. Knurrend sprangen die beiden Werwölfe, die sich in der eingestürzten Wand versteckt und ihre Köpfe durch die Löcher im Gestein gesteckt hatten, aus den Wänden und erhoben ihre Äxte gegen Grimwardt und Hades. Der Kriegspriester sah noch, wie etwas Dunkles in den Raum huschte und hörte Winters überraschten Schrei. Dann versperrten ihm die haarigen Oberkörper der beiden Wolfsmenschen die Sicht. Grimwardt erwiderte den Angriff mit einem donnernden Axthieb seinerseits, der den Werwolf in die Knie zwang, während Hades hinter ihm vergeblich versuchte, eine bessere Position zu erlangen, um den zweiten Werwolf anzugreifen.
„Genug“, befahl eine bekannte Stimme noch ehe der Kampf richtig begonnen hatte. Der verletzte Werwolf bleckte widerwillig die Zähne, trat jedoch mit gesträubtem Rückenhaar den Rückzug an.
Drake stand reglos in der Mitte des Raumes, die Spitze seines Dolches unmissverständlich auf Winters entblößte Kehle gerichtet, die bewusstlos in seinen Armen lag. 
„So sieht man sich wieder“, sprach der Albino mit jenem spöttischen Unterton, der nie ganz aus seiner Stimme wich. „Steckt die Waffen weg. Ich hoffe, du nimmst das nicht persönlich, Grimwardt. Ich wollte lediglich meine Verhandlungsposition ein wenig verbessern.“
Mit einem düsteren Grummeln ließ der Kriegspriester seine Waffe sinken. Nachdem Drake die beiden Werwolfsöldner entlohnt hatte, wies er Grimwardt und Hades an, am Tisch ihm gegenüber Platz zu nehmen. Während er die bewusstlose Geisel mit dem Kopf auf den Tisch bettete, wich sein Dolch nicht von ihrer Kehle.
„Was willst du diesmal?“, knurrte Grimwardt.
„Ich?“ Drake hob mit gekünsteltem Erstaunen eine Augenbraue. „Ich dachte, Ihr hättet nach mir gesucht.“
„Habt Ihr Lord Emmet Oleander ermordet?“, meldete sich Hades zu Wort. Drake maß den Kelemvorpriester mit argwöhnischen Blicken. Hades war ein Unsicherheitsfaktor, den der Assassine in seinem Plan nicht bedacht hatte und Grimwardt wusste, wie Drake Überraschungen hasste.
„Natürlich habe ich den Mann ermordet“, sagte er kalt. „Aber das wusstet ihr, bevor ihr herkamt.“
„Und ihr habt auch den Butler bezaubert, um den Mord dem Abenteurer Dorien Dantés in die Schuhe zu schieben?“ Hocherhobenen Hauptes nahm der Inquisitor den Schurken ins Verhör, so als säße Drake auf der Anklagebank und nicht mit einer Geisel unter seiner Fuchtel am anderen Ende eines Verhandlungstisches.
Drake lachte verächtlich.
„Goldlöckchen war der ideale Sündenbock.“
Hades erhob sich mit förmlicher Würde.
„In diesem Fall muss ich darauf bestehen, dass Ihr uns nach Silbrigmond begleitet, um Eure gerechte Strafe zu erhalten“, erklärte der Richter mit Nachdruck.
Drake verstärkte den Griff um seinen Dolch.
„Grimwardt“, zischte er angespannt. „Wärst du wohl so freundlich, deinem nekrophilen Freund die Lage zu erklären.“
Der Tempuspriester ergriff beschwichtigend Hades’ Arm und bedeutete ihm, sich wieder zu setzen.
„Ich bezweifle, dass du mit uns kommen und dich dem Sterngericht stellen wirst“, sagte Grimwardt ruhig. „Also was hast du uns anzubieten, das uns dabei helfen könnte, Doriens Unschuld zu beweisen?“
Drake griff mit seiner freien Hand unter den Tisch und beförderte ein kleines in Leder gebundenes Buch zu Tage.
„Oleander hat über seine Aufträge Tagebuch geführt“, sagte Drake. „Ich bin darin zwar nicht namentlich erwähnt, aber seine Schilderungen dürften zumindest das Motiv der Anklage widerlegen, die auf Mord aus Eifersucht plädiert. Außerdem habt ihr bereits mein Geständnis.“
„Und was verlangst du als Gegenleistung?“
Drake lächelte bitter und zog die Kerze, die auf dem Tisch stand, näher zu sich heran. Das veränderte Licht malte tiefe Schatten unter die Wangenknochen des Albinos. Nur im Licht war zu erkennen, dass sein rechtes Auge aus Glas war, denn die Helligkeit ließ sein echtes Auge tränen und verlieh ihm einen rötlichen Schimmer. Grimwardt entsann sich, dass Drake sich das magische Auge als Gegenleistung für die Beschaffung eines Artefakts hatte anfertigen lassen.
„Vor einiger Zeit“, erklärte Drake, während die Flamme über sein Gesicht tanzte, „machte ich mir eine junge Magierin zum Feind, die zusammen mit Kalith und seiner Abenteuergruppe umherreiste. Bedauerlicherweise ist aus der kleinen unschuldigen Feyleen vom Eggental inzwischen eine rachsüchtige Dämonenfürstin geworden, die mich verfolgt wie eine besessene alte Vettel. Sie muss irgendeinen Weg gefunden haben, meinen magischen Ortungsschutz zu umgehen. Bei ihrem ersten… Besuch verlor ich meinen linken Daumen. Vor etwa einem Monat erschien sie zum zweiten Mal, um mich meines rechten Auges zu entledigen und mir das Versprechen zu geben, dass beim nächsten Mal mein Kopf dran glauben wird.  Ich muss gestehen, dass ich wenig erpicht darauf bin, darauf zu warten, bis diese sadistische Irre zum dritten Mal auftaucht, um ihr Versprechen in die Tat umzusetzen.“
Grimwardt runzelte die Stirn.
„Erwartest du jetzt, dass ich dich bedaure?“, grunzte er rau. „Was hat das ganze mit uns zu tun?“
„Ich beabsichtige, eine Fürstin des Abgrunds herauszufordern.“ Drake kniff die Augen zusammen und spannte seinen Unterkiefer an. „Glaubst du, ich bin so lebensmüde, das alleine durchzuziehen?“
„Du brauchst unsere Hilfe.“
War das zu fassen? Nachdem Drake erst Winters Tochter entführt hatte, um die Geschwister zu erpressen, das Artefakt zu beschaffen, das ihm sein magisches Auge eingebracht hatte, besaß dieser Wicht nun die Frechheit, sie zu einem Ausflug in den Abgrund zu zwingen, damit sie seine Haut vor einer rachsüchtigen Dämonin retteten? Und das alles, wo sie ihrem ehemaligen Mitstreiter sogar freiwillig zur Seite gestanden hätten, wenn er wie jeder vernünftige Mensch um ihre Hilfe gebeten hätte statt sie zu erzwingen? In diesem Moment begriff Grimwardt, dass Drake, bei all seinen ausgeklügelten Plänen und durchdachten Schachzügen, unfähig war, ein so einfaches Konzept wie Freundschaft zu durchschauen. Nun, wenn er ein Zwecksbündnis haben wollte, sollte er es bekommen! Früher oder später würde er unachtsam werden, und dann würden sie mit ihm abrechnen.
„Schön“, stimmte Grimwardt dem Handel zu. „Oleanders Tagebuch gegen unsere Hilfe.“
Drake lachte leise.
„Nicht so schnell“, wehrte er ab. „Du wirst verstehen, dass ich eine Absicherung brauche.“ Er schnippte mit dem Finger und auf sein Zeichen trat eine Magierin, die sich bisher im Schatten verborgen hatte, an seine Seite.
Es war die Besitzerin der Schimmernden Schriftrolle.
Sie hatte magisch ihr Aussehen verändert, sodass sie den Werwölfen in ihrer menschlichen Gestalt glich. Doch der Erkenntniszauber, den Grimwardt vor dem Eintritt in die Hütte gewirkt hatte, enthüllte ihre wahre Identität.
„Xara Tantlor.“
Die Magierin erstarrte, als er sie bei ihrem Namen nannte, und wandte sich Hilfe suchend nach Drake um. Offenbar hatte der Schurke seine junge Komplizin über die magischen Fähigkeiten seiner Gegner im Unklaren gelassen. Erst jetzt schien Xara klar zu werden, dass sie  womöglich einen folgenreichen Fehler begangen hatte, als sie sich auf den Assassinen eingelassen hatte.
Verunsichert trat sie auf Grimwardt zu.
„Grimwardt Fedaykin“, sagte Drake, der sich keinen Deut um Xaras Unbehagen zu scheren schien. „Schwörst du, dass du mir als Gegenleistung für die Aushändigung des Tagebuchs zusammen mit deiner Schwester Winter dabei helfen wirst, die Dämonenfürstin Feyleen zu besiegen, wenn ich dich darum ersuche, und dass unser Bündnis erst mit ihrem Tod endet.“
„Ich schwöre.“
Drake gab Xara ein Zeichen, woraufhin sie einen Zauber wirkte. Ein rotes Mal erschien auf Grimwardts Stirn.
„Was hat das zu bedeuten, Drake?“
„Brichst du dein Wort, wird deine Nichte Scarlet darunter leiden“, erklärte Drake kalt.
Grimwardt kniff die Augen zusammen.
Dieser elende Mistkerl! Und wieder machte er ein hilfloses Kind zum Werkzeug seiner düsteren Pläne. In diesem Moment schwor sich Grimwardt, dass sie einen Weg finden würden, Drake seine Taten heimzuzahlen. Und wenn sie sich dafür mit dieser Dämonenfürstin verbünden mussten!
„Auf gute Zusammenarbeit“, sagte Drake sarkastisch und schob Grimwardt das Tagebuch über den Tisch. „Ich melde mich wieder, sobald ich einen Plan entwickelt habe.“
Mit diesen Worten gab er Xara ein Zeichen und die Magierin begann, eine Teleportationsformel zu sprechen.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Abracadaver am 22. Januar 2010, 04:11:45
Ich muss auchmal ein Lob aussprechen, sehr spannende Geschichten und auch sehr schön ausgeschrieben!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 22. Januar 2010, 16:59:03
...Susi... irgendwie kippen deine Charaktere immer zu schnell um... da müssen wir was tun  :D
...und es bleibt spannend!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 22. Januar 2010, 18:06:04
Ja, verdammt...irgendwas mach ich da grundlegend falsch ;-)
Da wissen wir schon, dass es eine Falle ist, und laufen dennoch blind wie Frischlinge hinein.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Thalas am 01. Februar 2010, 00:29:13
Hey, noch ein Leser.... freut mich, dass du auch mal vorbeischaust :-)

Immer wieder mal^^ Hört sich aber alles sehr gut an. Hab dem Mischel schon gesagt, dass ich vermutlich nach Ostern irgendwann auch mal wieder als "Gaststar" auftauchen werde  :D Du bist ja bald eh erstmal weg...oder? Weiter so!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 07. Februar 2010, 18:45:46
Ich warte schon ungeduldig auf Neuigkeiten :-)
Hoffe der Job lässt noch ein bisschen Zeit für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens  :wink:
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 11. Februar 2010, 17:48:39
Kapitel IV: Das Immerfeuer von Sundabar

Winter
Die Gewölbekammern von Silbrigmond, am nächsten Morgen.
Als die Gefährten das Foyer der Bibliothek betraten, gerieten sie in einen Strudel von Gelehrten, Studenten und Deneir-Bibliothekaren, die sich aufgeregt lamentierend um ein Nachrichtenportal auf der Galerie scharrten.
„Was ist denn passiert?“, wandte sich Winter an einen der Herumstehenden.
„Ihr wisst es noch nicht?“, entgegnete der Angesprochene. „Gestern Abend tauchte am See der Schatten eine antimagische Zone auf, die sich inzwischen über ganz Anauroch verbreitet hat. Eine zweite entstand heute Morgen im Schattental. Niemand weiß, wer dahinter steckt oder wie so etwas möglich ist… eine magietote Zone von solchen Ausmaßen!“
Winter stutzte. Eine magietote Zone in der Wüste von Anauroch? Das ließ die Tagebucheinträge des Lord Oleander in einem ganz neuen Licht erscheinen. Doch darum würden sie sich später kümmern. Zunächst galt es, Doriens Anwalt, der, wie sie von seiner Haushälterin erfahren hatten, um diese Zeit im Foyer seinen allmorgendlichen Tee einzunehmen pflegte, über die neuen Entwicklungen zu informieren und ihm eine Abschrift des Tagebuchs zukommen zu lassen, um für die morgige Verhandlung gerüstet zu sein.
Der Anwalt entpuppte sich als achtbarer älterer Herr, der nichts in der Welt so sehr schätzte wie eine Tasse guten Tees. Ihm schien zwar weniger Doriens Kopf als Lucindas Gold am Herzen zu liegen, doch nachdem er die Aufzeichnungen des Fürsten gelesen und sich den Bericht der Gefährten angehört hatte, schien er immerhin in Erwägung zu ziehen, dass sein Mandant tatsächlich unschuldig war. Winter konnte nur hoffen, dass ihn dieser Gedanke bei der Verhandlung am nächsten Tag ein wenig aus seiner schläfrigen Geruhsamkeit reißen würde.
 „Was steht als nächstes an?“, fragte Hades, nachdem der Anwalt gegangen war.
Im selben Moment fuhr Grimwardt zusammen.
„Grim, was hast du?“
„Die Brosche.“
„Welche Brosche?“
„Sie ist erloschen! Die Abtei ist in Gefahr.“ Der Abteivogt erhob sich so abrupt, dass er beinahe seinen Stuhl umgerissen hätte. „Winter, du musst mich auf der Stelle…“
„Grimwardt, ich kann dich nicht zurück teleportieren“, sagte Winter und ergriff beschwichtigend seinen Arm. „Es muss an der magietoten Zone liegen. Wahrscheinlich hat sie sich inzwischen auf das Schlachtental ausgeweitet, sodass…“
Winter erschrak. Wenn sie die Abtei bereits erreicht hatte, so musste die magielose Zone auch die Kleinstadt Ashabenfurt im Misteltal bereits überzogen haben. Ashabenfurt, wo ihre Eltern ein kleines Gasthaus und einen Mietstall unterhielten und wohin sie Scarlet und ihre Großeltern gebracht hatte, um sie vor Drake zu schützen…. Winter schluckte. Der Wegfall der Magie würde unweigerlich Plünderer und Banditen auf den Plan rufen, die die Gelegenheit beim Schopfe packen und sich die Schutzlosigkeit der Talländer zu Nutze machen würden.
„Was sollen wir tun?“, fragte sie mit belegter Stimme.
„Beginnen wir mit den Tagebuchaufzeichnungen“, schlug Hades vor, um die Geschwister von ihren Sorgen abzulenken.
Zumindest was Oleanders Aufzeichnungen anging, hatte Drake sie nicht getäuscht. In seinem Tagebuch schilderte der Fürst den Verlauf seiner letzten Harfner-Mission, die ihn auf die Spur einer Elfe gebracht hatte, die Silbrigmonds Adelskreise für einen Halbdämon namens Lord Volumvax Sciagraph ausspioniert hatte. Als sie herausgefunden hatte, dass Oleander ihr auf die Schliche gekommen war, hatte sie ihm einen Meuchelmörder auf den Hals gehetzt, doch der Fürst war dem Anschlag entkommen. Aus Aufzeichnungen, die die Elfe bei sich trug, war hervorgegangen, dass ihr Auftraggeber mit dem Prinzen Hadhrune von Umbra in Verbindung stand. Ein weiterer Hinweis hatte Oleander schließlich in die Nachbarstadt Sundabar geführt. Sein letzter Eintrag lag etwa einen Zehntag zurück:

Sundabar, 13. Tag des Tarsakh
Meine schlimmsten Befürchtungen scheinen sich zu bewahrheiten. Die Zwerge des Unterheims erzählen, dass der Vulkansee in letzter Zeit angestiegen ist. Gleich morgen früh werde ich zum Immerfeuer hinunter gehen, um der Sache auf den Grund zu gehen.


Was immer der Fürst dort, am Vulkansee von Sundabar, gefunden hatte, es hätte ihn beinahe das Leben gekostet. Irgendwie musste er es ihm gelungen sein, sich verwundet zurück nach Silbrigmond zu schleppen, wo ihn seine Gemahlin gesund gepflegt hatte… bis zu jener Nacht vor zwei Tagen, als Drake das Ehepaar aufgespürt hatte…
Bestand ein Zusammenhang zwischen dem, was mit dem Immerfeuer von Sundabar geschah, und den magietoten Zonen im Osten? Immerhin schienen alle Wege zu Hadhrune zu führen, dem jüngsten Sohn des Hochprinzen von Umbra. Doch was war es, wonach die Umbranten der Anauroch trachteten? Und welche Rolle spielte der Halbdämon?
Ihnen würde keine andere Wahl bleiben als nach Sundabar zu reisen, um diesen Fragen auf den Grund zu gehen und herauszufinden, was ihre Freunde in den Talländern bedrohte.
Doch zunächst galt es ein weiteres Gruppenmitglied zu rekrutieren…


Kalith
Myth Drannor, kurz darauf.

Nichts als schwarze Leere und ein Spinnennetz aus silbernen Fäden. Doch da ist noch etwas. Etwas, das im Schatten lauert. Körperlos, fast unsichtbar. Schwarzer Nebel, der wabernd aus dem Nichts kriecht. Schleichend legt er sich um das silberne Gewebe und frisst sich durch die Knoten. Die Silberfäden reißen. Dann ein zweites Spinnennetz, das hinter dem ersten zum Vorschein kommt. Aber dieses ist schwarz. Schwärzer als die Nacht, die es umgibt.
Für den Bruchteil einer Sekunde sieht er ihr Gesicht.
„Hilf uns, Kalith“, sagt sie. „Finde die Adumbral Calyx und befreie uns aus den Fängen des Halbgotts.“


Kalith schrak auf und taumelte gegen einen Baumstamm.
Razeema? Was…?
Der Elfenritter rieb sich die Schläfen, um die Vision abzuschütteln, die ihn auf dem Rückweg von seinem Treffen mit Hauptmann Fflar ereilt hatte. Dann machte er sich eilig auf den Rückweg zu Nimoroth. Der Druide hatte mit der Renovierung eines alten Baumhauskomplexes vor den Stadttoren begonnen, der wie geschaffen schien für seine Tempelschule. Als Kalith an der Baustelle ankam, war sein Cousin gerade in ein Gespräch mit den Neuankömmlingen vertieft. Die Fedaykin-Geschwister und ihr neuer Gefährte hatten Kalith am Vormittag überrascht, als er von einer Außenmission im Auftrag der Königin zurückgekehrt war.
„Und? Hat er dir den Tag freigegeben?“, erkundigte sich Winter nach dem Ausgang seines Treffens mit dem Hauptmann. Kalith nickte kurz in ihre Richtung.  
„Auf dem Weg hierher hatte ich eine Vision“, kam er eilig auf das Wesentliche zu sprechen. „Razeema, eine alte Mitstreiterin, muss sie mir gesandt haben.“
Als er von dem Spinnennetz berichtete, runzelte Nimoroth die Stirn.
„Ich denke, ich weiß, was das zu bedeuten hat“, sagte er. „Erinnerst du dich? Razeema wirkte ihre Zauber über Shars Schattengewebe. Wenn ich deine Vision richtig deute, dann steht das silberne Spinnennetz für Mystras magisches Gewebe…“
„ Und das schwarze für Shars Schattengewebe“, ergänzte der Elfenritter.
Kalith, der wie die meisten Elfen in den Grundlangen der Magie ausgebildet war, wusste, dass Mystras Gewebe das Medium darstellte, über das Magier und Priester ihre Zauber wirkten. Shar, die Göttin der Dunkelheit und Mystras erbitterte Rivalin, hatte eine schattenhafte Kopie des magischen Gewebes erschaffen, um Zugriff auf das Portfolio der Magie zu erhalten und ihre Anhänger dem Einflussgebiet ihrer Konkurrentin zu entziehen. Es war möglich, das Schattengewebe auch ohne Shars Führung anzuzapfen, doch das erforderte einen starken Willen und große magische Begabung.
Kalith runzelte die Stirn.
„Das würde bedeuten, dass jemand versucht, das magische Gewebe zu zerstören...“, deutete er Razeemas Vision.
„Shar wäre die einzige, die daraus einen Vorteil ziehen würde“, erkannte Hades. „Wenn alle Zauberwirker ihrer magischen Kräfte entledigt würden, so hätten Shars Schergen gegenüber ihren Feinden einen entscheidenden Vorteil.“
„Vielleicht ist es Shar schon gelungen, das Gewebe anzugreifen“, warf Winter ein. „Denkt an die magietoten Zonen in der Anauroch und den Talländern.“
„Da ist noch etwas“, gab Kalith mit sorgenvollem Blick zu bedenken. „Mit der Vision sandte mir Razeema eine Art Hilferuf: Finde die Adumbral Calyx und befreie uns aus den Fängen des Halbgotts.“
„Ein Halbgott?“ Die anderen tauschten alarmierte Blicke.
„Nimoroth hat eine Theorie dazu, wer dieser Auftraggeber sein könnte, von dem in Oleanders Aufzeichnungen die Rede ist“, klärte Winter Kalith auf, der den ersten Teil ihrer Unterhaltung verpasst hatte.
„Ich meine irgendwo davon gelesen zu haben“, bestätigte Nimoroth. Seine Bemühungen, den Seelenquell zu finden, an dessen Rettung die Gruppe vor vielen Jahren gescheitert war, hatten sich zu einer regelrechten Manie entwickelt, die ihn in Kontakt mit allerlei obskurem planetarem Wissen brachte.  „Demnach ist Lord Volumvax Sciagraph ein Halbgott, der von Shar in eine Taschendimension zwischen Schattenebene und materieller Ebene verbannt wurde: eben jene Adumbral Calyx“,
„Wir nehmen an, dass Lord Oleander in Sundabar einen Zugang zu dieser Zwischenebene gefunden hat“, ergriff Grimwardt das Wort. „Und dass ihn dieses Wissen das Leben gekostet hat.“
„Dann heißt unser nächstes Ziel wohl Sundabar“, seufzte Kalith.
Das bedeutete vor allem eines: jede Menge Zwerge.

Boltor
Kurz darauf vor den Stadttoren von Sundabar, Silbermarken.  
Boltor kratzte sich den kahlen Schädel und fuhr sich durch den langen, zotteligen Bart, als er sich daran zu erinnern versuchte, was, beim Barte des Moradin, er eigentlich hier tat. Wie war er hierher gekommen? Und was wollte er hier? Der Zwerg tat, was er in Augenblicken des Gedächtnisverlusts immer zu tun pflegte: Er legte eine Pause ein und nahm einen kräftigen Zug aus seinem nimmerleeren Humpen, jenem magischen Füllhorn, das jedes alkoholische Getränk zu erschaffen vermochte, das Boltor ersann, und ihm schon bei so mancher Trinkwette einen Geldsegen beschert hatte.
Der Gedankenfluss des Zwergs wurde jäh unterbrochen, als neben ihm ein weißäugiger Riese aus dem Nichts tauchte. Der dunkelhäutige Gigant, der bequem über die Stadtmauer hätte spucken können, maß gut sechzehn Humpen (und war damit mehr als doppelt so groß wie ein durchschnittlich gebauter Mensch). Ein rotbärtiger Menschenkrieger (in Anbetracht der veränderten Größenverhältnisse mochte es sich auch um einen Riesenzwergen handeln), eine normalgroße Menschenfrau und ein Spitzohr tauchten ebenso unverhofft auf.
Boltor betrachtete stirnrunzelnd seinen Humpen. Hatte er die Stelle mit dem Kaninchenloch verpasst oder war das Zeug stärker als es schmeckte?
Immerhin schien er nicht der einzige zu sein, der nicht alle Tage von einem Trupp Titanen belagert wurde: Pfeilsalven prassten aus Richtung der Stadtmauer auf die Fremden ein und Torwächter begannen die Wehrbrücke hochzuziehen, um dem Sturmkommando den Zugang zur Stadt zu verwehren.
„Lass die Geisel frei, Riese!“, tönte es von der Stadtmauer.
„Welche Geisel?“, fragte der Riese verdutzt. „Und welcher Riese?“  
„Na du, Ameisenhirn“, knurrte Boltor. „Und die Geisel bin dann wohl ich. Du hast es gehört. Schwirr ab oder es hackt was!“
„Auf mir liegt ein Schutzgebet, das mich so groß macht“, dröhnte Bleichauge und erhob beschwichtigend die Hände. „Und wir hegen nicht die Absicht, jemanden zu entführen. Im Gegenteil: Wir sind hier, um diese Stadt vor Unheil zu bewahren.“
„Das einzige Unheil, das ich hier sehe, misst sechzehn Humpen und glotzt mich aus blinden weißen Augen an“, keifte der Zwerg.
„Ich bin nicht blind“, erwiderte der Riese in einem leicht arroganten Tonfall, der überhaupt nicht nach Riese klang. „Nicht mehr. Die Augen verdanke ich einer denkwürdigen Begegnung mit einem Untoten.“
Nach einer Weile wurde die Wehrbrücke heruntergelassen und eine Menschenfrau mit harten, humorlosen Gesichtszügen ritt, eskortiert von einem Trupp zwergischer Eberreiter, aus den Stadttoren. An der Spitze der Eskorte erkannte Boltor …. seine Cousine Erdmute! Die Zwergin mit den feuerroten Rastazöpfen war  Schildherrin der Steinschilde, Sundabars Zwergenwache, die in ständigem Streit mit dem menschlichen Ritterorden der Schildsar lag. Wenn es nach Erdmute gegangen wäre, so hätten sich die Zwerge des Unterheims wohl niemals mit den Menschen der Oberstadt verbündet, um Sundabar gegen die Teufelssaat vom Grat der Welt zu verteidigen. Nun, da er sie sah, erinnerte sich Boltor auch wieder, weshalb er hier war. Erdmute hatte ihn – das schwarze Schaf der Familie – doch tatsächlich eingeladen, sie zu besuchen!
Die Menschenfrau – ihr Glaubensamulett wies sie als Tyrpriesterin aus – unterzog den falschen Riesen und seine Begleiter einem magischen Verhör. Mit einem Nicken gab sie schließlich Entwarnung und bedeutete Erdmute, den Trupp in die Stadt zu geleiten.
„Was hast du dieses Mal ausgefressen?“, raunte die Kommandantin ihm zu, als sie an Boltor vorbei ritt. „Wieso bist du hier? Willst du mich wieder einmal blamieren?“
„Häh?“ Baltor sah aus seinen kleinen rotgeränderten Augen zu ihr auf. „Du hast mich doch eingeladen!“
„Das war vor drei Wochen!“, schalt ihn seine Cousine. „Zum Clanstreffen. Hast wohl wieder zu tief in deinen Humpen geschaut, du elender Trunkenbold!“
„Hau rein!“, erinnerte Boltor sie an das alte Clanmotto.
„Geh fott!“, konterte Erdmute mit einem Leitsatz der Steinschilde.
Vier verständnislose Augenpaare waren auf die beiden Zwerge gerichtet.

Winter
Kurz darauf in Sundabar.
Auf dem Weg ins Unterheim führte Schildherrin Erdmute die Gruppe in die Taverne Zur Trompete. Kaum hatten sie die Tür geöffnet, empfing sie ein ohrenbetäubender Krach, der von einer Gruppe zwergischer Trommler herrührte. Die Kommandantin, die erklärte, dass es sich um eine „Thur-desk“-Aufführung handele, schien den Lärm für eine Art musikalische Kunstform zu halten. Zu Winters Leidwesen ließen sie und ihr Cousin, der ohnehin bereits hackedicht zu sein schien, es sich nicht nehmen, auf einen Schluck Zwergenschnaps zu bleiben.
„Hau rein!“, sagte Boltor schon wieder und erhob seinen Zauberhumpen.
„Geh fott!“, erwiderte die Schildherrin und die beiden stießen an.
Kaliths gequältem Gesichtsausdruck und Hades’ steifer Unbewegtheit entnahm Winter, dass sie nicht die einzige war, die ihre erste Begegnung mit der zwergischen Kultur als ein traumatisches Ereignis in Erinnerung behalten würde. Allein Grimwardt war fast enttäuscht, als Erdmute dem Wirt ein paar Münzen zuwarf und sie durch den zweiten Eingang der Taverne in den zwergischen Teil der Stadt führte.
Der Geräuschpegel nahm kaum ab, als sie das Unterheim betraten: Überall wurde gehämmert und geklopft und das Glühen, das aus den Schmieden drang, war die einzige Lichtquelle im ewigen Dunkel des Unterreichs. Während die Gefährten durch ein Gewirr von unterirdischen Säulengängen und Versammlungshallen irrten, die sie tiefer und tiefer ins Erdreich führten, erklärte Erdmute ihnen, dass das Immerfeuer einen magischen Knotenpunkt darstelle.
„Früher war der Vulkansee umgeben von Schmiedemeistern, die seine Magie nutzten, um in dem Feuersee die besten Waffen Faerûns herzustellen“, erklärte sie mit unverhohlenem Stolz. „Doch seit das Immerfeuer vor einigen Jahren über die Ufer trat und die Umgebung verwüstete, sind sie einer nach dem anderen ins Unterheim abgewandert.“
„Ist Euch in letzter Zeit irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen?“, fragte Hades, wie immer auf ihre Mission bedacht. „Irgendeine Veränderung des Vulkansees?“
„Seitdem die Zwerge das Immerfeuer verlassen haben, kommt hier kaum noch jemand hin“, sagte die Schildherrin. „Doch seht selbst. Wir sind da.“
Sie waren schon seit einiger Zeit auf keine Zwergenbehausungen mehr gestoßen und das Hämmern und Klopfen war ebenfalls verklungen. Ein fiebriges Glühen leuchtete ihnen vom Ende des Ganges entgegen. Die Gefährten betraten eine Höhle von gigantischen Ausmaßen, in deren Mitte ein mit Magma gefüllter Spalt klaffte. Die traurigen Ruinen von erkalteter Lava überzogener Schmieden hoben sich dunkel gegen das Rot des Feuerscheins ab, der aus der Erdspalte drang. Als sie näher trat, erkannte Winter, dass sich an der breitesten Stelle des Vulkansees ein Strudel gebildet hatte, der die Magmamassen schwerfällig in die Tiefe sog. Als sie versuchte, ihren magischen Blick auf das Immerfeuer anzuwenden, erkannte die Diebesmeisterin zudem, dass die Magie an diesem Ort verrückt spielte. Eine unsichtbare Macht schien den Vulkansee zu manipulieren.
„Was ist das?“, fragte Kalith, der noch eine weitere Entdeckung gemacht hatte. „Ich dachte, dieser Ort sei unbewohnt?“
Winter folgte dem Blick des Elfen und erblickte zwischen den Schmiederuinen am Ufer des Feuersees ein turmartiges Gebäude, das den Anschein machte, als hätten Kinder Stockwerke wie Bauklötze übereinander geschichtet und dann beim Fortrennen angerempelt, sodass das wacklige Konstrukt jeden Augenblick einzustürzen drohte. Ein Lichtkegel, der aus der Pagode drang, die das Gebäude abschloss, geisterte wie das Leuchtfeuer eines Leuchtturms über den Vulkansee.
„Ach das“, sagte Erdmute abfällig. „Das ist bloß der Turm des irren Wuschkins.“
„Der irre Wuschkin?“
Die Schildherrin schnaubte. „Komischer Kauz. War einst ein angesehener Magier. Naja, bevor er irre wurde und dieses Ding da baute, um seine abstrusen Experimente durchzuführen.“
„Können wir mit ihm sprechen?“, wollte Winter wissen. Wenn er ein Magier war, konnte er ihnen womöglich sagen, was es mit dem Strudel und der unbändigen Magie hier unten auf sich hatte. Die Diebesmeisterin war sich sicher, das diese Dinge etwas mit dem Portal auf die Schattenebene zu tun hatten, das sie hier vermuteten.
„Versuchen könnt ihr’s“, meinte Erdmute.
Als auf ihr Klopfen niemand antwortete, hämmerte die Zwergin mit ihrem Schild gegen die Tür und befahl Wuschkin sich zu zeigen. Ein hageres Männchen, das nur entfernt Ähnlichkeit mit einem Zwerg aufwies, lugte hinter der Tür hervor. Auf seiner Schulter saß ein hässliches Katzentier, das aussah wie aus verschiedenen Exemplaren seiner Art zusammengenäht und auch der Magier selbst schien mehr als einmal zum Opfer seiner eigenen, misslungenen Experimente geworden zu sein. Nach wiederholter Zusicherung, dass sie nur mit ihm reden wollten, ließ Meister Wuschkin die Gruppe schließlich ein und führte sie hinkend in einen kleinen Wohnraum, der dem Anschein nach auch als Labor diente. So war der Tisch übersät mit Fledermausdung, Rattenschwänzen und anderen Zauberkomponenten und in einem Einmachglas auf dem Regal dümpelte ein eingelegtes Tierhirn vor sich hin. Als Winter begann ihre Fragen an ihn zu richten, zuckte der Zwerg zusammen wie ein verschrecktes Kaninchen.
„Das Immerfeuer?“, fragte er mit furchtgeweiteten Augen. „N-nein, ich weiß nicht, was dieser Strudel zu bedeuten hat.“
„Habt Ihr Euch denn niemals gefragt, was…“
Wuschkin schüttelte den Kopf, noch ehe Winter die Frage gestellt hatte.
„Was hat es mit dem Licht auf dem Turm auf sich?“, schaltete sich nun Hades in die Diskussion ein.
„L-licht?“, stotterte Wuschkin. „Welches Licht?“
„Raus mit der Sprache.“ Hades hatte sich offenbar für eine Strategieänderung entschlossen. „Wir wissen von dem Portal.“
„P-p-p-portal?“, quiekte der Magier.
Winter seufzte. Es war ganz offensichtlich, dass der Zwerg nicht freiwillig mit der Sprache herausrücken würde. Während sie noch überlegte, ob sie ihn wohl mit einer Bezauberung zum Reden bringen konnte, holte Boltor, der besoffene Zwerg, plötzlich zum Schlag aus. Seine lähmende Faust traf den Magier genau zwischen die Augen. Wuschkin erstarrte wie schockgefroren und kippte um.  
Boltor zuckte mit den Schultern.
„Der Kerl ging mir auf den Geist“, knurrte er. „Dachte, ich verkürze die Diskussion. Fesseln wir ihn und machen uns dann selbst auf die Suche nach eurem Portal.“
„Wo habt ihr das gelernt?“, wunderte sich Grimwardt, während er sich daran machte, Boltors Vorschlag in die Tat umzusetzen. Winter war offenbar nicht die einzige, die den schmuddeligen  Trunkenbold unterschätzt hatte.  
„Mönchskloster“, sagte der Zwerg kurz angebunden. „Bevor die mich rausgeworfen haben.“ Zur Erklärung erhob er seinen Humpen, prostete Grimwardt zu und nahm einen kräftigen Schluck.
Die Durchsuchung des Turms blieb bis auf die Entdeckung eines seltenen und äußerst wertvollen Lehrbuchs über die Mysterien des Schattengewebes, das als billiger Schundroman getarnt war, erfolglos. Auch Winters Versuch, auf magische Weise in der Mitte des Vulkansees nach einem Ebenenportal zu suchen schlug fehl. Zu allem Überfluss entwischte ihnen schließlich auch noch der irre Wuschkin, den sie gefesselt in seinem Labor zurück gelassen hatten, ohne zu bedenken, dass die unbändige Magie dem Schattenadepten nichts anhaben konnte. Ratlos und ein wenig entmutigt brauchte Winter schließlich ihre letzte Schriftrolle auf, um im Turm selbst nach einem versteckten Portal zu suchen.
Diesmal hatte sie Glück: der Zauber führte die Gefährten in die Pagode im obersten Stockwerk. Ein Großteil des kleinen Säulenpavillions wurde von einer riesigen Lampe eingenommen, die von zahlreichen Linsen begrenzt wurde. Ein drehbarer Untergrund hielt die Lampe in ständiger Bewegung, was den rotierenden Lichtkegel erzeugte, den sie von unten gesehen hatten. In einer versteckten Bodenvertiefung unter der Lampe fand Winter eine große schwarze Linse. Dank des Erkenntniszaubers wusste sie, dass durch das Einsetzen der Linse in die Lampenhalterung ein Portal auf die Adumbral Calyx geöffnet würde. Doch kaum hatte sie die Linse berührt, um sie aus der Bodenvertiefung zu nehmen, wurden die vier Statuen, die das Dach der Pagode trugen, plötzlich lebendig und erhoben ihre steinernen Fäuste gegen die Eindringlinge.
Der Platzmangel machte den ausbrechenden Kampf schwierig. Winter wirkte einen Flugzauber, um den Angriffen der Steingolems zu entgehen, während Boltor der Zwerg seine magischen Stiefel einsetzte, um aus der Luft anzugreifen. Hades, Kalith und Grimwardt jedoch schränkte die Enge des Raumes in ihrer Beweglichkeit ein. Hades musste seinen Schutzzauber fallenlassen, um überhaupt in den Raum zu passen. Dazu brachte jeder erfolgreiche Angriff das Dach zum Wanken, das auf den abgeflachten Köpfen der steinernen Konstrukte lastete. Aus diesem Grund traute sich Winter auch nicht, ihren mächtigsten Zauber, einen Auflösungsstrahl, gegen die Golems einzusetzen, denn der Einsturz des Daches würde das Portal unweigerlich zerstören. Zu ihrem Ärger griff schließlich auch noch Wuschkin, mit einem Unsichtbarkeitszauber getarnt, in den Kampf ein. Ein Feuerball, den der Magier in der Mitte des Laternenraums zündete, traf Grimwardt mit voller Wucht und zwang den mächtigen Krieger in die Knie. Doch ehe Winter sich den Schurken vorknöpfen konnte, war Wuschkin auch schon wieder verschwunden. Endlich knickte auch der letzte der vier Golems ein. Das Dach knarrte bedrohlich unter den verlagerten Gewichtsverhältnissen und die Gefährten machten sich eilig daran, die schwarze Linse in die Halterung über der Laterne einzusetzen.
Dann wurde es dunkel.

Hades
Adumbral Calyx, kurz darauf.
Hades spürte, wie ihn etwas streifte. Ein rotierender Strahl, kälter als Eis und schwärzer als die Finsternis, die ihn umgab. Beißender Schmerz. Keuchend ging der Streiter des Kelemvor in die Knie.
„Flach auf den Boden werfen!“
Blind befolgte er Winters Befehl. Dann hörte er sie aufschreien.
„Grim!“
Hades robbte auf Winter zu. Auf dem Weg stieß er gegen ihren Bruder, der reglos am Boden lag. Der hünenhafte Krieger schulterte den Tempuspriester und folgte Winters Anweisungen, die ihn durch eine Bodenklappe aus der Reichweite des Schattenstrahls lotste. Hades stolperte eine Sprossenleiter hinunter und landete in einem Treppenhaus, das spärlich vom Licht einer Fackel beleuchtet war.
„Was war das?“, keuchte der Richter. „Woher wusstet Ihr von der Klappe im Boden?“
„Weil wir wieder in dem Lampenraum waren“, murmelte Winter. „Durch meine magische Dunkelsicht konnte ich ihn sehen. Derselbe Ort, dieselbe Aussicht auf das Immerfeuer, nur düsterer, undefinierter. Der Strahl, der Euch getroffen hat, war eine Schattenversion des Leuchtfeuers aus Wuschkins Turm.“
„Verstehe.“
Demnach war die Schattenebene eine Art Parallelwelt zur materiellen Ebene. Höchst bemerkenswert.
Hades kniete sich zu Grimwardt und sprach ein Gebet.
Richter der Verdammten, wenn es noch nicht an der Zeit ist, ihn zu dir zu nehmen, erhöre mich und schick diesen Krieger zu uns zurück.
Grimwardt öffnete die Augen und grummelte etwas Unverständliches, das ein Wort des Danks sein mochte. Während die Gefährten die Treppen hinab stiegen, klärte Winter ihren Bruder flüsternd darüber auf, was mit ihm geschehen war. Das Treppenhaus endete vor einer unverschlossenen Tür. Hades trat als erster ein.
Sie waren im Labor eines schwarzen Magiers gelandet. Dampfende Reagenzgläser enthielten magische Substanzen, die den Raum in dämmriges Zwielicht tauchten, halblebendige Kreaturen dümpeln in Einmachgläsern vor sich hin und in einem deckenhohen Bottich, der mit schwarzer Schattenmaterie gefüllt war, wurde eine grässliche Kreatur herangezüchtet. Sie schien sich noch nicht auf eine Gestalt festgelegt zu haben, doch jede ihrer Formen war ein Abbild des puren Horrors. Erst auf den zweiten Blick erspähte Hades den Wächter der finsteren Arbeitsstätte: Eingerollt in einer Ecke des Labors harrte die schattenhafte Silhouette eines Drachens, nicht größer als ein Pferd. Als Hades den Raum betrat, wachte er auf und zwei strahlende, tellergroße gelbe Augen richteten sich auf die Eindringlinge. Der Schattendrache zischte etwas in einer alten, kehligen Sprache. Die Worte ließen Boltor das Blut in den Adern gefrieren und der Zwerg kauerte sich furchterfüllt in eine Ecke.
Dann begann der Kampf.
Herr, gewähre mir deine göttliche Einsicht.
Hades schloss seine Hand um das Heft der Sonnenklinge Styx und fokussierte die göttliche Energie, die durch seinen Körper rann.
 „Auf mein Kommando, stürmt!“, rief er dabei, bereit einen vernichtenden Sturm gegen den Schattenwächter anzuführen. Doch der Drache war schneller. Mit einem Zischen breitete er seine Flügel aus, stob in die Luft und spie den Gefährten seinen eisigen Atem entgegen. Hades spürte, wie der Drachenodem an seiner Lebenskraft zehrte, doch noch ärgerlicher war der Umstand, dass die veränderte Position des Gegners einen Sturmangriff mit vereinten Kräften vereitelte. Um den Drachen in der Luft zu erreichen, musste der Richter erst das Gebet sprechen, das ihm Kelemvors überirdische Größe und Stärke verlieh. Als er endlich zum Zug kam, war die Gunst des Augenblicks längst verflogen. Hades überließ die Bewegungen seines Körpers Kelemvors göttlicher Führung, doch der Richter der Toten schien an diesem Tag wenig gewillt, den Drachen seinem Urteilsspruch zu unterziehen: Immer wieder gelang es dem schattenhaften Wächter, die Augen seiner Gegner zu täuschen und ihre Angriffe ins Leere zu lenken. Zwei Geister, Todesalben, die wahrscheinlich der Kampfeslärm herbeigelockt hatte, waren an der Ostseite des Raums aufgetaucht und hielten Grimwardt in Schach. Dennoch schien der Drache einzusehen, dass er gegen die Übermacht seiner Gegner keine Chance hatte und teleportierte sich davon, ehe Hades ihm den Todesstoß versetzen konnte. Die Todesalben waren schnell besiegt, doch es war ein unbefriedigender Sieg.
„Wir sollten uns zurückziehen“, erkannte Winter, während sie dem verängstigte Zwergen aufhalf, dessen Nase sofort wieder in seinem Humpen verschwand, als versuche er seine verlorene Würde auf dem Grund seines nimmerleeren Füllhorns wieder zu finden . „Wir wissen zu wenig über die Schattenebene und ihre Gefahren. Lasst uns morgen nach der Gerichtverhandlung zurückkommen.“
Hades musste sich eingestehen, dass sie Recht hatte. Dieser Kampf hätte nicht so sehr an ihren Kräften zehren dürfen. Der Drache mochte ein achtbarer Gegner sein, doch er hatte bereits gegen weitaus mächtigere Feinde den Sieg davongetragen. Wenn dieser Ort tatsächlich von einem Halbgott regiert wurde, würde es nicht ausreichen, mit halber Kraft in den Kampf zu ziehen. Ihnen blieb keine andere Wahl als der Rückzug, selbst wenn sie dadurch das Überraschungsmoment einbüßen mussten.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 12. Februar 2010, 03:18:53
Sehr schöne Einführung von Boltor. Vor allem der K.O. gegen den irren Zwergenmagier  :D
Bin voll gespannt auf das was nun kommen wird!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 23. Februar 2010, 00:15:21
Kapitel V: Eine Armee für die Silbermarken

Grimwardt
Spät am Abend im Stadtpalais der Wands, Tiefwasser.
„Ich übernehme die erste Wache“, murmelte Grimwardt aufopferungsvoll.
Wer sie so die Treppe zu ihren Gemächern hinauf kriechen sah, mit müden Augen und schlaffen Gliedern, hätte meinen können, die Schlacht läge bereits hinter ihnen. Und tatsächlich war die Wahrheit nicht allzu weit davon entfernt: Seit der Begegnung mit dem Hausdachen von Haus Wands waren sich die fünf einig, dass die Chancen auf einen geselligen Abend selbst im neunten Höllenkreis besser standen als in der Gesellschaft von Lady Laetitia Wands!
Und dabei hatte alles ganz harmlos begonnen. Nachdem sie sich aus der Adumbral Calyx zurückgezogen hatten, waren die Gefährten nach Tiefwasser gereist, um einige magische Einkäufe zu tätigen. Boltor der Zwerg hatte sich ihnen mit einem Lallen und den Worten „Saufen kann ich überall“ angeschlossen. Da niemand etwas gegen tägliches Freibier einzuwenden hatte, war mehr nicht von Nöten gewesen, um ihn in die Gruppe aufzunehmen.  
In Tiefwasser hatten sie einen Abstecher zu Khelbens Zauberschule gemacht, die seit dem Tod des berühmten Magiers von seiner Geliebten, Lady Lareal Silberhand, geführt wurde. Über Lareal, die zweitjüngste der Sieben Schwestern und eine alte Bekannte der Fedaykin-Geschwister, hatten sie gehofft mit Lareals Schwester Alustriel von Silbrigmond in Kontakt zu treten. Schließlich musste die Regentin der Silbermarken über das Portal im Unterheim und die Machenschaften des Schattenherrn der Adumbral Calyx unterrichtet werden. Doch in Tiefwasser war Lareal nicht anzutreffen gewesen. Von einer ihrer Schülerinnen hatten die Gefährten erfahren, dass die Fürstin vor zwei Tagen übereilt die Stadt verlassen hatte und seither nicht wieder aufgetaucht war. Da es schon spät war, waren sie daraufhin übereingekommen, bei einem alten Freund der Geschwister, dem Barden Marcus Wands, zu übernachten.
Doch statt auf den alten Schwerenöter waren sie im Stadtpalais seines Onkels auf Marcus’ Gattin Laetitia gestoßen. Lady Laetitia, deren sichtbare Schwäche für gefüllte Pasteten und kandierte Früchte auch fünf Schichten Gesichtspuder nicht zu übertünchen vermochten, hatte die Gefährten von dem Augenblick, da sie in ihre Falle getappt waren, nicht mehr aus ihren Fängen gelassen. Ihr schrilles Kichern hatte selbst den versoffenen Zwerg aus seiner angesäuselten Beschaulichkeit gerissen und ihr belangloses Geschnatter auf einer Frequenz, die nicht weit davon entfernt war, Glas zum Zerspringen zu bringen, übertraf jedes Folterinstrument.
Winter, der es kurzzeitig gelungen war, der Gastgeberin zu entfliehen, hatte Marcus schließlich in seinem Arbeitszimmer gefunden, wo sich der Hausherr zu nächtlicher Stunde mit übermüdeten Augen durch einen Stapel von Rechnungen und Lieferlisten quälte. Dem Zusammenbruch nahe, hatte sich der Unglückliche an der Schulter seiner alten Gefährtin ausgeheult und ihr sein Leid geklagt: Nachdem ihre Abenteuergruppe daran gescheitert war, das Auge des Drachenkönig, ein altes Familienerbstück der Wands, von den Schattendieben „zurückzustehlen“, die es durch Zufall bei einem Großraub ergaunert hatten, war Marcus’ Onkel gezwungen gewesen, das mächtige und gefährliche Artefakt zu horrenden Summen von der Diebesgilde zurückzuersteigern. Die Wiederbeschaffung hatte Marcus’ Familie in den Ruin und seinen Onkel ins Grab getrieben. Um nicht auch noch das Haus zu verlieren, hatte sich Marcus auf die Zweckehe mit Laetitia eingelassen und war in das Geschäft ihres Vaters eingestiegen. Unter dem Terrorregime des herrischen Kaufmanns und seiner zänkischen Tochter war der einstige Lebemann zu einer armseligen Karikatur seiner selbst verkommen. Um Marcus auch das letzte bisschen Lebensfreude zu nehmen und der „unnatürlichen und schändlichen“ Neigung ihres Gatten Einhalt zu gebieten, hatte Laetitia alle männlichen Bediensteten entlassen. Das Leben des ehemaligen Glücksritters bestand fortan nur noch aus Tabellen, Strichlisten und dem bitteren Sarkasmus, der ihn das alles ertragen ließ.
Grimwardt kam nicht umhin, den armen Tropf ein wenig zu bemitleiden. Immerhin waren sie nicht so ganz unschuldig an seinem Los. Um ihm ein wenig Abwechslung zu verschaffen, hatte er Marcus ein lukratives Geschäft vorgeschlagen, das seine baldige Abreise in die Abtei des Schwertes erforderte. Laetitia, misstrauisch wie eine alte Vettel, hatte sich von dem Vorschlag des Abteivogts wenig angetan gezeigt. Doch am Ende hatte die Habgier der Kaufmannstochter über ihr Misstrauen gesiegt. Als Resultat war Grimwardt der Kussattacke des überglücklichen Hausherrn ausgesetzt gewesen, die der Tempuspriester mit stoischer Miene über sich ergehen ließ.
Als er nun auf seinem Wachtposten vor den Gemächern seiner Gefährten Stellung bezog, klang Laetitias keifende Stimme noch immer in seinen Gedanken nach. Grimwardt wollte gerade die Augen schließen, um die lästige Erinnerung abzuschütteln, als er plötzlich eine Veränderung spürte. Eine Bewegung? Eine Luftveränderung? Grimwardt kniff die Augen zusammen. Dann begriff er: Nebel! Kaum sichtbar im Halbdunkel des Korridors waren die Schwaden aus den Dielen gestiegen und durch das Schlüsselloch in Winters Gemach gekrochen. Der Priester hatte genug Erfahrung mit Untoten, um die Gefahr auf den ersten Blick zu erkennen.
„Winter!“
Seine Schwester war nicht die einzige, die aufschreckte, als Grimwardt ins Zimmer platzte. Der Eindringling hatte sich vor ihrem Bett materialisiert und kniete, über Winters Ausrüstung gebeugt, auf dem Boden. Als die Tür aufsprang, fuhr er herum und das Mondlicht streifte sein bleiches Gesicht.
„Drake!“
Drake wich zischend zurück und funkelte den Kriegspriester aus rot geränderten Augen an. Etwas glitzerte in seiner Hand. Bevor Grimwardt erkennen konnte, was es war, nahm Drake Anlauf und setzte zum Sprung durchs Fenster an. Glas splitterte auf ihn nieder, als er den Fall mit einer Rolle abfing. Während der Eindringling über den Hof rannte, gingen im Haus die Lichter an und die ersten Wachen setzten ihm nach.
Gleichzeitig platzten Kalith, Hades und Boltor ins Zimmer. Kalith reagierte schnell und wies mit seiner Elfenklinge auf das Tor. Auf seinen Befehl entstand dort eine Wand aus wirbelnden Klingen, die Drake den Weg versperrten. Für einen Augenblick war der Flüchtende abgelenkt. Genug Zeit für Winter, die ganze Gruppe in den Hof zu teleportieren. Drake katzbuckelte und warf gehetzte Blicke um sich, als sie ihn umzingelten. Dann zischte er einen Zauber und setzte zum Sprung an. Ein gewaltiger Satz katapultierte ihn über die Klingenbarriere. Spinnengleich erklomm er das Mauerwerk und war im nächsten Augenblick verschwunden. Kalith und Boltor nahmen die Verfolgung auf, kehrten jedoch kurz darauf unverrichteter Dinge zurück.
„Was war das?“, fragte Winter atemlos. „Ist er…?“
„…ein Vampir?“, knurrte Grimwardt. „Sieht ganz danach aus.“
„Was war es, das er gestohlen hat?“ Hades war wie immer nichts entgangen.
Winter eilte zurück in ihr Zimmer und durchsuchte ihre Ausrüstung.
„Das muss dieser Stein aus Immerschwinge gewesen sein“, sagte sie. In kurzen Worten berichtete sie den anderen von ihrem Ausflug in die Stadt der Avariel. Bei der Plünderung des Elfen, der den Angriff auf die Wolkenstadt eingefädelt hatte, war Winter auf einen magischen Steinsplitter gestoßen. Die magische Aura des Steins war überwältigend gewesen, doch bei näherer Inspektion schien es sich dabei lediglich um eine Art moralischen Kompass zu handeln. Nutzloser Schnickschnack, in Winters Augen.
„Mir ist schleierhaft, was er mit dem Ding will“, beendete sie ihren Bericht.
„Wer weiß, welches Geheimnis der Stein birgt“, gab Hades zu bedenken. „Euer Freund Drake schien jedenfalls darum zu wissen.“
Grimwardt schüttelte schnaubend den Kopf.
„Das ergibt doch alles keinen Sinn“, grummelte er. „Gestern Abend erst hatte Drake uns in seiner Gewalt. Warum hat er sich den Stein nicht da schon genommen? Und wie soll er so plötzlich zum Vampir geworden sein? Kam er euch gestern in irgendeiner Weise untot vor?“
Ratlose Gesichter.
Schließlich war es Kalith, der das Wort ergriff.
„Mir ist es gleich, wer oder was Drake ist“, sagte er leise. Sein Gesicht war so angespannt, dass seine Kieferknochen hart aus dem schmalen Gesicht stachen. „Oder wozu er diesen Stein braucht. Drake ist der Mörder meiner Eltern und dafür werde ich ihn büßen lassen.“

Winter
Am nächsten Tag im Sterngericht, Silbrigmond.
Alle Augen waren auf Winter gerichtet.
Erhobenen Hauptes schritt die Frau des Angeklagten durch den Gerichtssaal und nahm auf dem Stuhl der Lügen Platz. Auf die Fragen des Verteidigers antwortete sie mit ruhiger Stimme, ohne das Getuschel zu beachten, das durch die Bankreihen ging. Stimmte es, dass der Butler zur Zeit seiner Aussage unter magischem Einfluss gestanden hatte? Wie war sie zu dieser Schlussfolgerung gekommen? Was hatte es mit den Tagebuchaufzeichnungen des Opfers auf sich?
Bei aller äußerlichen Gelassenheit merkte Winter, dass sie nicht ganz bei der Sache war. Immer wieder glitten ihre Gedanken ab. Drake, der gestohlene Stein, die Adumbral Calyx, das Schattengewebe... So viel war seit Doriens Festnahme geschehen und noch immer tappten sie im Dunkeln, was den Zusammenhang all dieser Ereignisse anging. Der Verbleib ihrer Tochter in der magietoten Zone war weiter ungewiss und ihr kurzer Ausflug auf die Schattenebene war inzwischen sicher entdeckt worden…
Um ihre Gedanken zu fokussieren und sich von ihren Sorgen abzulenken, blickte Winter zu Dorien, der in Handschellen auf der Anklagebank saß. Erschöpfung und Demütigung hatten dunkle Ringe unter seine Augen gezeichnet und mit einem Mal überkam sie tiefes Mitgefühl. Dabei standen seine Chancen gar nicht schlecht: Die fünf Hohen Richter würden sich der Beweiskraft des Tagebuchs nicht entziehen können. Sie mussten erkennen, dass Dorien den Mord an Fürst Emmet Oleander nicht begangen haben konnte. Doch selbst wenn sein Kopf heute verschont blieb, so hing doch sein Ruf bereits am Galgen. Der Staatsanwalt hatte einen ganzen Pulk früherer Liebschaften des Dandys ausfindig gemacht, die Doriens Verhältnis zu Lady Lucinda vor achtzehn Jahren bezeugen konnten und noch einige andere brisante Details aus seinem Leben zu erwähnen wussten:  Damals war Dorien mit gerade einmal siebzehn Jahren als „Gesellschafter“ in Silbrigmonds Salons ein oft gesehener Gast gewesen, was in Adelskreisen eine süffisante Umschreibung für eine männliche Kurtisane zu sein schien. Winter wusste, was das zu bedeuten hatte: Selbst wenn Dorien freigesprochen würde, war der Name Dantés doch für alle Zeit beschmutzt. Winter konnte sich die Betroffenheit der Dantés’ lebhaft vorstellen, wenn sie bei ihrer Rückkehr feststellen mussten, dass sich die Nachbarn das Maul über sie zerrissen…
Nachdem Winter ihre Aussage gemacht hatte, überließ der Verteidiger sie dem Anwalt der Klägerschaft, einem Dreikäsehoch von einem Gnom, der die Nase so hoch trug, das er sein Brillengestell auf dem Nasenbein balancieren konnte.
„Nennt dem Gericht Euren vollen Namen.“
„Mein Name ist Winter Ballostero, geborene Fedaykin.“
Der Gnom kniff die Augen zusammen.
„Wieso gabt Ihr Hauptmann Sernius Alatahar gegenüber an, die Gattin des Angeklagten zu sein?“, fragte er forsch.
„Es fand keine formelle Trauung statt. Doch Dorien Dantés ist der Vater meines Kindes.“
Sie würde diesem halben Meter nicht gestatten, ihre Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen. Der Gnom ließ es dabei bewenden und ging dazu über, ihr Fragen über Drake, den Butler und das Tagebuch zu stellen. Winter ließ sich von seinen kleinen Sticheleien nicht aus der Fassung bringen und meisterte das Verhör, ohne dass der Stuhl der Lügen sich verfärbte.
Nachdem der Angeklagte als letzter in den Zeugenstand gerufen worden war, zogen sich die Richter zur Beratung zurück. Winter versuchte einen Blick auf Dorien zu erhaschen, doch der Angeklagte hielt den Kopf gesenkt, sodass sein Gesicht von einer Strähne seines hellen Haars verdeckt wurde. Dann endlich öffnete sich die Tür zum Richterzimmer. Winter hätte die fünf alten Männer am liebsten mit einem Hastzauber belegt, so langsam krochen sie in ihren raschelnden Talaren zurück zum Podium. Jorus Azurmantel von der Zaubergarde verkündete den Urteilsspruch.
Winter hielt den Atem an.
„Wir, die Hohen Richter von Silbrigmond“, erklärte der Alte, „befinden den Angeklagten mit vier zu einer Stimme für… nicht schuldig.“
Beredte Betriebsamkeit folgte auf die Urteilsverkündung: Bänke wurden gerückt und eine Horde aufgeregt lamentierender Gerichtsgänger strömte dem Ausgang zu. In all dem Trubel fielen sich Dorien und Winter um den Hals.
„Danke“, flüsterte er. „Danke, dass du mir den Hals gerettet hast.“

Faust
Etwa zur gleichen Zeit im Gasthaus Zu Hammer und Helm.
Stöhnend wälzte sich Faust aus dem Bett und fluchte, als er über ein paar Damenschuhe stolperte, die vor seinem Bett verstreut lagen. Von der dazugehörigen Dame war nur der dunkle Haarschopf zu erkennen, der unter der Bettdecke hervorlugte. Faust machte gar nicht erst den Versuch, sich daran zu erinnern, wer sie war oder wo er sie aufgegabelt hatte. In seinem Schädel pochte es, als würde er von einem Trupp zwergischer Mienenarbeiter bearbeitet. Sein Gedächtnis musste ihn etwa zu dem Zeitpunkt verlassen haben, als er diesem Hurensohn von Söldner das Tischbein zwischen die Rippen gerammt hatte, woraufhin der Wirt des Strahlenden Schwerts ihn vor die Tür gesetzt hatte. Der Krieger seufzte. Miu würde ihm wieder einen ihrer moralischen Blicke zuwerfen, wenn sie davon erfuhr. Wo war die kleine Heilerin überhaupt? Nachdem er sich etwas Wasser ins Gesicht gespritzt und sein Schwert umgebunden hatte, verließ der Kämpfer das Gasthaus, um nach seiner Gefährtin zu suchen.
„MIU!“
Du bist ein erbärmlicher, versoffener Hurenbock, schalt er sich selbst, während er ziellos durch die Gassen lief. Er hatte den ganzen verdammten Kontinent von Osten nach Westen durchwandert auf der Suche nach seiner Bestimmung. Und wofür? Seit der Rebellion des Nagamura hatte er keinen Kampf mehr ausgefochten, der ihm gerecht wurde. Er hätte dort bleiben sollen, in den Bergen von Wa, wo der Rest seines geschlagenen Heers vermutlich noch immer auf ihn wartete. Warum hatte er sie im Stich gelassen? Um dem Traum einer irren alten Karaturianerin zu folgen, die ihn für den Auserwählten hielt und ihm aufgetragen hatte in seine Heimat zurückzukehren? Auserwählt von wem und wozu? Von den Nebeln? Faust schauderte, wenn er an die Nebel dachte. Sie hatten ihn schon einmal entführt… Hatten sie das? Seine Erinnerung an die Zeit vor seinem Erwachen in Kara-Tur war so schemenhaft, dass er sich manchmal fragte, ob die Erinnerungsfetzen, die ihn von Zeit zu Zeit heimsuchten, nichts weiter waren als Albträume.
Ohne es zu merken, war Faust im Zentrum der Stadt angelangt. Im Schatten des Hochpalasts lag ein unscheinbares Gebäude aus schwarzem Basaltstein, das entfernt die Form einer Krone aufwies. Das Emblem Tyrs über dem Eingang wies den Bau als Gerichtsgebäude aus. Bürger entströmten ihm in Scharen und Fausts Augenmerk fiel auf eine Gruppe nicht unweit des Haupteingangs. Eine hübsche Rothaarige fiel gerade einen Typ um den Hals, der aussah wie einer Schäferidylle entsprungen, während ein rotbärtiger Axtträger einen besoffenen Zwerg davor bewahrte ein kleines Kind über den Haufen zu rennen.
Abenteurer!, erkannte Faust schmunzelnd.
Dann stutzte er. Ein wenig abseits der illustren Gruppe harrte ein dunkelhäutiger Priester, dessen durchdringende, farblose Augen Faust zu durchbohren schienen. Faust kniff die Augen zusammen. Irgendetwas an dem Kerl kam ihm bekannt vor.
Der Fremde trat auf ihn zu.
„Faust?“
Auf unerklärlich Weise erschien Faust das Emblem Tyrs, das im Wind hinter dem Priester wehte, plötzlich wie ein drohendes Omen.
„Äh… kennen wir uns?“
„Flüchtig“, erwiderte der Fremde. „Mein Ordensname ist Hades. Auch bekannt als das dritte der Neun Schwerter von Rabenklippe. “
Die Neun Schwerter. Flüchtige Erinnerungen. Ein Fremder, der an die Tür seiner Mutter klopft. Ein Tavernenschild, das quietschend im Wind schaukelt. Der Geruch von Schweiß und Blut.
„Ihr erinnert Euch“, erkannte Hades und plötzlich lag etwas Drohendes in seiner Stimme. „Dann wisst Ihr auch, weshalb ich hier bin?“
„Nicht… wirklich.“
„Ich suche schon seit einer halben Ewigkeit nach Euch.“
„Oh.“ Faust überkam das dumpfe Gefühl, dass er den Kerl so schnell nicht wieder loswerden würde. „Sonst nicht viel zu tun, hm?“, versuchte er die Situation aufzulockern.
Keine Regung. Der Kerl hatte soviel Sinn für Humor wie ein Bauchgeschwür.
„Ich bin hier, um Euch für den Mord an Meister Thallastam zur Verantwortung zu ziehen.“
„Den Mord an…? WOU!“ Faust hob abwehrend die Hände. “Langsam, Mann!“
Der Kämpfer hatte geahnt, dass so etwas kommen würde. Aber ein Mord? Das ging gegen seine Ehre und die war ihm heilig.
„Ich weiß wirklich nicht wovon Ihr sprecht“, erklärte er fahrig, während er versuchte gegen das Pochen in seinem Kopf anzureden. „Mag sein, dass mein Gedächtnis mich in letzter Zeit etwas im Stich gelassen hat. Aber ich bezweifle, dass ich der bin, den Ihr sucht.“
„Das bezweifle ich nicht“, sagte Hades unbeeindruckt. „Ich muss Euch bitten, mir Euer Schwert auszuhändigen und mir nach Rabenklippe zu folgen. Im Namen der Neun Schwerter nehme ich Euch in Gewahrsam.“
„Zwiespalt ist das Schwert meines Vaters“, erklärte Faust. „Und ich gebe es nur ungern aus…“
Hades zog seine Waffe.
„Euer Schwert!“, forderte er schneidend und drängte den Krieger mit seinem massigen Körper in eine Seitengasse. „Oder ich sehe mich gezwungen, es Euch gewaltsam zu entreißen!“
Faust stöhnte.
„Muss das jetzt sein?“, fragte er, während er zögernd nach seinem Knüppel griff. Schließlich wollte er dem Priester nicht gleich den Kopf von den Schultern säbeln. „Ich bin nicht gerade in der besten Verfassung, um…“
Hades griff an.
Faust ächzte, als sich die Sonnenklinge in seine Seite bohrte, und wich mit einem flinken Seitenschritt dem Folgestoß aus. Scheiß auf den Knüppel! Faust zog seine Henkerswaffe. Wenn der Mistkerl ihm gleich auf die harte Tour kam, dann hatte er es nicht besser verdient! Ein eilig gewirkter Zauber verwandelte die Klinge des Krummschwerts in eine Ätherwaffe, die Hades’ Rüstung mit Leichtigkeit durchdrang. Anders als die meisten Kämpfer hielt Faust magische Studien nicht für Zeitverschwendung. Im Gegenteil: Der ehrgeizige Abenteurer hatte gelernt, östliche Kampkunst mit ein paar arkanen Tricks zu würzen, die seinen Stil der Technik anderer Kämpfer überlegen machte. Das Resultat war eine eigenwillige Mischung aus brachialer Gewalt und taktischen Kampfmanövern. Die verwirrende Unberechenbarkeit dieser Mischung bekam auch Hades nun zu spüren. Faust überzog den Priester innerhalb eines Augenschlags mit einem wahren Klingenhagel - ein Kunstgriff, den er von seinem alten Freund Nagamura gelernt hatte. Sein Gegner strauchelte, doch ein eilig gesprochenes Heilgebet brachte ihn schnell wieder auf die Beine. Auch sein nächster Angriff traf Faust mit voller Wucht: Kunststück – bis auf einen stählernen Arm war der Kämpfer ungerüstet. Doch ehe Hades zu seinem nächsten Angriff ausholen konnte, war Faust bereits aus seiner Reichweite getänzelt und holte zum Gegenschlag aus. Faust erkannte die Kampftechnik seines Gegners als eine, die seiner eigenen nicht unähnlich war, wenn Hades sich auch eher auf die Kanalisierung göttlicher Energie als auf die Perfektionierung des Zusammenspiels von Körper und Geist spezialisiert hatte. Ja, nun erinnerte er sich wieder: Es waren die Neun Schwerter, die ihn die Kunst der Schwertmagie gelehrt hatten. Er war einer von ihnen! Er hatte… Die Erkenntnis hätte Faust beinahe aus dem Gleichgewicht gebracht. Hades nutzte die Gelegenheit, um ihn in eine Sackgasse zu drängen und ihm jede Ausweichmöglichkeit zu nehmen. Faust setzte alles auf eine Karte: Er erhob sein Schwert über den Kopf und setzte zum Sprung an. Die Wucht des Angriffs zertrümmerte Hades’ Schulterblatt und der Priester sank bewusstlos zu Boden.
Keuchend ließ sich Faust gegen die kühlende Steinwand sinken. Scheiße. Was sollte er jetzt tun? Wenn er ihn hier liegen ließ, würde der Priester innerhalb weniger Minuten verbluten. Wo war Miu, wenn man sie brauchte? Faust gab sich einen Ruck, nahm das Schwert des Priesters an sich und machte sich auf die Suche nach Hilfe.
„MIU!“, brüllte er lauthals, während er durch die Gassen lief.
„Halt!“ Zwei Stadtwachen in silbernen Rüstungen hielten den blutverschmierten Krieger an.
„Ist Euch eine kleine Karaturianerin aufgefallen?“, fragte Faust außer Atem. „Schwarze Haare, in Lumpen gekleidet, ziemlich schweigsam?“
Die beiden Wachen sahen ihn an, als wären sie ernsthaft um seinen Geisteszustand besorgt. Zögernd legten sie ihre Hände an die Waffen.
„Was ist geschehen? Wessen Blut ist das an Euren Händen?“
„Keine Zeit“, murmelte Faust und versuchte sich an den beiden vorbei zu drängen. „Ich muss Miu finden. Jemand liegt im Sterben. MIU!“
Einer der beiden zog sein Schwert.
„Sofort die Waffen fallenlassen!“, befahl der Ritter. „Und dann erzählt, was passiert ist!“  
Faust seufzte. Er hätte es allein mit dem ganzen Orden aufnehmen können, aber das hätte noch mehr Tote bedeutet… und noch mehr von Mius moralischen Blicken. Ergeben ließ er sein Schwert zu Boden sinken und erhob die Hände.
Als er mit den Rittern kurz darauf am Ort des Geschehens eintraf, staunte er nicht schlecht, Hades mit geheilten Knochen in der Gasse stehen zu sehen. Dann gewahrte er fünf weitere Gestalten: Es war die Abenteuergruppe, die ihm vor dem Gerichtsgebäude aufgefallen war.
„Er ist es, der mein Schwert gestohlen hat!“, erklärte Hades mit so viel Würde in der Stimme, dass niemand auf die Idee gekommen wäre, dass er noch vor wenigen Augenblicken mit zertrümmerter Schulter im Straßengraben gelegen hatte. „Er ist nicht nur ein Mörder, sondern auch ein Dieb.“
Fünf anklagende Blicke richteten sich auf Faust.

Hades
Einige Stunden später in der Küche des Ehepaars Dantés.
Mit einem halben Laib Brot und einer Käseecke in der Hand trat Faust aus der Vorratskammer.
„Wollt Ihr auch was?“, fragte er mit vollem Mund.  
„Darf ich Euch daran erinnern, dass wir zu Gast sind in diesem Haus“, schalt ihn der Richter und ließ sich mit versteiftem Rücken auf einem Küchenstuhl nieder.
„Schätze, das heißt nein.“ Der Krieger zuckte mit den Schultern und machte es sich mit hochgelegten Beinen am Speisetisch bequem. Hades runzelte die Stirn, sagte aber nichts.
Nachdem Faust in der Gasse aufgetaucht war, hatten die Ritter die beiden Kontrahenten mit auf die Wache genommen. Ein Mitglied der Zaubergarde hatte ihre Aussagen aufgenommen. Da sie beide keine Stadtbürger waren, hatte man sie daraufhin wieder gehen gelassen. Das Verhör hatte gezeigt, dass Faust die Wahrheit gesprochen hatte. Er konnte sich tatsächlich nicht daran erinnern, seinen alten Mentor, den Waldelf Thallastam, getötet zu haben. Er schien sich nicht einmal daran zu erinnern, ihn gekannt zu haben. Hades würde nach Rabenklippe reisen und die Anführerin der Neun Schwerter um Rat fragen müssen, was in diesem Fall zu tun war. Doch zuvor musste er seine Pflicht gegenüber den Fedaykin-Geschwistern erfüllen und mit ihnen gegen den Herrn der Adumbral Calyx und seinen Hofstaat in den Kampf ziehen. Der Kelemvor-Streiter war sich darüber im Klaren, dass die Begegnung mit dem Schattendrachen nur ein Vorgeschmack darauf gewesen war, was sie auf der Schattenebene erwartete. In Anbetracht der Umstände war ein Waffenstillstand mit Faust darum ratsam. Doch war dem wankelmütigen Raufbold zu trauen? Hades entschied sich zu einem riskanten Schritt und beschloss, Faust in ihre Mission einzuweihen. Wie nicht anders zu erwarten, brauchte es nicht viel Überzeugungskraft, um den ruhmsüchtigen Kämpen dafür zu begeistern, für Ehre und Ansehen in den Kampf gegen einen Halbgott zu ziehen.
Die anderen waren nicht schlecht erstaunt, als sie bei ihrer Heimkehr die beiden Kontrahenten, die sich noch vor wenigen Stunden bis aufs Blut bekämpft hatten, dabei überraschten, wie sie waffenbrüderlich die Invasion der Adumbral Calyx planten.
Winter warf Hades einen fragenden Blick zu.
„Dann hassen wir ihn also nicht mehr, hm?“, fragte sie scherzend.
Faust, der überaus charmant sein konnte, wenn er wollte, beeilte sich, Winter den Platz zu seiner Rechten anzubieten. Mit seinen ungewöhnlichen, verschiedenfarbigen Augen, seinem stählernen Körper und dem verwegenen Lächeln stand der Krieger bei der Damenwelt vermutlich hoch im Kurs. Das schien auch Dorien nicht zu entgehen.
„Ihr wisst, dass das die Vorräte meiner Eltern sind, die Ihr da so großzügig verteilt?“, fragte der Dandy mit einem eisigen Lächeln.
„Dann wohnst du noch bei deinen Eltern?“, entgegnete Faust mit rüpelhaftem Spott.
Doriens Lächeln wurde noch um einige Grade kälter und erstarrte dann.
„Habt Ihr Eure Miu wieder gefunden“, wechselte Winter eilig das Thema, bevor noch jemand erfror. „Was ist sie? Euer Tiergefährte?“
Faust lachte. „So was in der Art. Aber keine Sorge, sie beißt nicht.“ Dann wurde er ernst. „Eigentlich habe ich keine Ahnung, wer Miu ist. Sie spricht nicht viel. Gar nichts, um genau zu sein. Hat ein Schweigegelübde abgelegt.“
„Ein Schweigegelübde?“
„Sie kommt aus einem Bergkloster zwischen Shou-Long und dem Kaiserreich Wa. Der Orden der Schweigenden Schwestern. Sie folgt mir schon, seitdem ich Kara-Tur verlassen habe. Wahrscheinlich hatte sie eine Vision und glaubt nun, mich auf den rechten Pfad zurück bringen zu müssen.“ Er zwinkerte mit seinem grünen Auge, während das blaue ernst blieb.
„Der Orden der Schweigenden Schwestern?“ Winter machte große Augen und zwickte Grimwardt in den Arm. „Davon habe ich gehört! Ich selbst hatte überlegt, meine Tochter zur Ausbildung dorthin zu schicken. Habt Ihr in dem Kloster Kinder gesehen?“
„Nein“, sagte Faust. „Wieso auch? Ist doch stinklangweilig für Kinder. In einem Bergkloster mit einem Haufen schweigender Nonnen.“
„Aber dafür sicher.“
Faust zuckte mit den Schultern.
„Die Nonnen tun sicher niemandem was“, sagte er und lehnte sich gesättigt zurück. „Die haben alle einen Friedensschwur abgelegt. Aber wenn Ihr mich fragt, ist ein Ort auf der Welt so sicher wie der andere… Wie alt ist Eure Tochter?“
„Acht.“
Faust hob eine Augenbraue.
„Acht? Ich hielt Euch für nicht älter als Mitte zwanzig!“
Winter bedachte das Kompliment mit einem strahlenden Lächeln aus ihren smaragdgrünen Augen. Hades räusperte sich.
„Habt Ihr noch etwas über den Herrn der Adumbral Calyx herausfinden können“, versuchte er die Anwesenden daran zu erinnern, was vor ihnen lag.
Winter und Dorien hatten während Hades’ kurzem Ausflug ins Städtische Gefängnis die Bibliothek aufgesucht, um einige Nachforschungen anzustellen. Dort hatten sie die Dienste von zwei Gelehrten in Anspruch genommen. Von der ersten, einer Ebenenexpertin, hatten sie erfahren, dass die Schattenebene eine düsterer Reflektion der materiellen Ebene war. Jeder geographische Ort auf dieser Welt existierte auch dort, wenn auch der Übergang zwischen Realität und Illusion auf der der Schattenebene fließender war. Das bedeutete, das es auch das Immerfeuer von Sundabar dort gab und erklärte, wie es möglich war, dass Winter bei ihrem ersten Besuch auf der Adumbral Calyx das selbe Bild gesehen haben konnte, das sich auch aus dem Laternenraum in Wuschkins Turm bot: Der Palast des Halbgottes befand sich auf der Schattenebene an dem selben Ort wie der Turm des irren Zwergenmagiers.
Der zweite Gelehrte hatte Winter und Dorien mehr über ihren Gegner, Lord Volumvax Sciagraph, berichten können. Volumvax war einst, vor tausenden von Jahren, ein Mensch gewesen. Ein junger Streiter der Mondgöttin Selune, der gegen die Finsteren Heere der Göttin der Nacht in den Krieg gezogen war. Sein Heer war erfolgreich gewesen und sein Heldenmut hatte die Aufmerksamkeit und den Zorn Shars geweckt. Aus Rache hatte die Göttin seiner geliebten Gemahlin die Nachricht von seinem vermeintlichen Tod zukommen lassen. Vor Trauer hatte sich die Unglückliche von den Klippen in den Tod gestürzt. Volumvax, dessen Seele der Verlust zerfraß, war schließlich den Einflüsterungen und Lügen der Königin der Nacht erlegen und zu ihrem ergebenen Diener geworden. Zur Belohnung für seine treuen Dienste hatte sie ihm die Kräfte eines Umbranten gewehrt. Dann hatte sie ihn zum Halbdämon gemacht. Am Ende hatte Shar ihren treuen Verbündeten sogar mit dem niedrigsten Rang eines Gottes belohnt. Doch der Machtzuwachs hatte Volumvax in den Wahnsinn getrieben. Um ihn kontrollieren zu können, hatte Shar ihn in die Adumbral Calyx, einen Turmkomplex auf einer fliegenden Erdscholle in einem See aus flüssiger Schattenmaterie gebannt. Die Erdscholle konnte sich, vom Herrn der Adumbral Calyx befehligt, frei auf der Schattenebene bewegen, doch Volumvax selbst war in seinem Palast gefangen.
Während Winter und Dorien diese Informationen eingeholt hatten, waren Grimwradt, Boltor und Kalith nach Tiefwasser gereist, um einige letzte Besorgungen zu machen. Damit waren alle Vorbereitungen getroffen.
Am nächsten Tag würde der große Kampf beginnen.

Boltor
Am nächsten Morgen.
Boltor fluchte, als er, wie gewöhnlich sturzbesoffen, aus dem Haus torkelte und über ein Lumpenbündel stolperte, das irgendwer vor der Haustür deponiert hatte. Den Umstand, dass das Lumpenbündel plötzlich aufsprang und sich als eine junge Karaturianerin entpuppte, schrieb er einer Laune seines vernebelten Geistes zu.  Als dann jedoch der Neue (Boltor machte sich nicht die Mühe, sich all diese unaussprechlichen Menschennamen zu merken) aus der Tür gestürmt kam und das Lumpenbündel in die Arme schloss, wurde er doch stutzig.
„Miu!“, rief der Neue und zerzauste ihr kumpelhaft das lange schwarze Haar. „Wo warst du bloß? Hätte deine Hilfe echt gebrauchen können.“ Er schien keine Antwort auf seine Frage zu erwarten. „Leute, das ist meine Miu!“
Die junge Karaturianerin strich sich verlegen die Haare glatt und verneigte sich ehrerbietig.
„Damit wären wir zu acht“, freute sich Winter. „Eine Armee für die Silbermarken!“
Derart beflügelt teleportierten die Gefährten nach Sundabar ins Gasthaus Zur Trompete. Von dort ging es weiter ins Unterheim. Doch die Ankunft am Immerfeuer versetzte ihrer Aufbruchsstimmung einen jähen Dämpfer: Der Turm des irren Zwergenmagiers und das Portal zur Schattenebene existierten nicht mehr! An der Stelle des skurrilen Leuchtturms gab es nur noch einen Trümmerhaufen. In einiger Entfernung waren Zelte aufgeschlagen und zwergische Arbeiter liefen mit Schubkarren zwischen Trümmerhaufen und Zelten hin und her, um Schicht für Schicht abzutragen. Das ganze mutete wie eine skurrile Goldgräberszenerie an. Der Bereich um die Turmruinen war mit Schutzrunen gesichert und wurde von einem Trupp Steinschilde bewacht. Als die Gefährten sich den Runen näherten, kam ihnen Schildherrin Erdmute aus einem der Zelte entgegen.
„Hau rein!“, begrüßte Boltor seine Cousine auf Zwergisch.
„Geh fott“, erwiderte die Schildherrin.
„Was ist denn hier passiert?“
„Woher soll ich das wissen?“, knurrte die Zwergin. „Der Leiter der Expedition, Gabor, faselt dauernd etwas von magischen Löchern und gibt irgendeinen hochgelehrten Schwachsinn von sich, den kein ehrbarer Zwerg versteht.“
„Magische Löcher?“ Grimwardt, der als einziger ihre Sprache verstand, horchte auf. „Meint Ihr antimagische Zonen?“
„Was auch immer.“
„Wäre es wohl möglich, mit diesem Gabor zu sprechen?“
„Kann ihn ja mal fragen.“ Erdmute wandte sich um lief zu dem größten der Zelte. Nach einigen Minuten trat ein Goldzwerg mit beachtlichem Bartwuchs, wettergegerbter Haut und einem Monokel auf der Nase aus der Zeltöffnung und eilte auf die Gefährten zu.
„Ihr wart vor wenigen Tagen in diesem Turm?“, fragte der Zwerg auf Gemeinsprache.
„Ja, wieso?“
„Ist euch irgendetwas Ungewöhnliches dort aufgefallen?“
„Wenn Ihr das Portal zur Schattenebene meint, dann schon“, grummelte Grimwardt.
„Ein Portal!“ Vor Schrecken wäre dem Expeditionsleiter fast das Monokel von der Nase gerutscht.
„Wieso beunruhigt euch das? Und was tut ihr hier überhaupt?“
Der Zwerg leckte sich über die trockenen Lippen und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Dabei ging er unruhig auf und ab.
„Ich komme aus Zitadelle Adbar im Norden und bin ein Fachmann für Knotenmagie“, begann er. „Ich untersuche die magietoten Zonen in der Anauroch und den Talländern. Aufgrund der Aussagen einiger Beduinen-Flüchtlinge kam ich zu einem beunruhigenden Schluss: Die Größe der Löcher im magischen Gefüge und die hohe Geschwindigkeit ihrer Ausbreitung lassen befürchten, dass die Ursache dafür in einem Angriff auf Knotenpunkte des magischen Gefüges liegt. Knotenpunkte sind die Stellen im Gewebe, an denen verschiedene magische Meridiane aufeinander treffen. Die Magie ist dort besonders stark. Wird ein Knotenpunkt zerstört, so entsteht eine magietote Zone, die sich über die Verbindungsstränge sehr schnell ausbreitet. Ein solcher Knotenpunkt befindet sich auch unter dem Immerfeuer. Er ist der Grund für die hohe magische Qualität des Vulkansees. Ich fürchte, dass jemand versucht, diesen Knotenpunkt aufzulösen, um eine weitere magietote Zone zu erschaffen. Die wilde Magie ist ein erstes Indiz dafür, dass der Knotenpunkt bereits angegriffen wurde.“
Noch so ein Irrer, dachte Boltor. Der Umstand, dass der Expeditionsleiter die Angewohnheit hatte, beim Reden immer schneller zu werden, machte es nicht gerade einfacher, seinen Ausführungen zu folgen.
 „Alles klar“, knurrte der Zwerg der am Ende nur noch Magie und Knoten verstanden hatte. „Und was hat das alles nun mit dem irren Magier und dem Aschehaufen dahinten zu tun?“
„Aus den Trümmern konnte ich einige Gegenstände bergen, die darauf hindeuten, dass der Bewohner des Turms sich mit Schattengewebe-Magie beschäftiget hat.“
„Schön, der Kerl hatte ’ne Schraube locker“, grunzte Boltor. „So weit waren wir auch schon.“
„Nun, das geschieht nicht selten bei Nutzern des Schattengewebes, die sich ohne Shars Protektion mit solch gefährlicher Materie befassen“, erklärte Gabor. „Ich konnte mir bisher nicht erklären, weshalb Wuschkin den Turm zerstört hat, doch wenn ihr an diesem Ort ein Portal zur Schattenebene entdeckt habt…“
„… hat er es zerstört, um seinen Herrn zu schützen“, vollendete Winter den Gedanken.
„Oder sein Herr hat ihn zerstört und den Turm gleich dazu“, gab ihr Bruder zu bedenken.
„Welcher Herr?“, fragte Gabor.
„Wir haben keinen Zeit für diesen Kram“, drängte der Neue. „Wenn Lord Volumvax den magischen Knotenpunkt unter dem Vulkansee zerstört, sollten wir ihn schleunigst davon abhalten.“
Die anderen stimmten ihm zu.
„Hat einer von euch Priestern daran gedacht, den Zauber Ebenenwechsel zu erbeten?“, fragte Winter.
Grimwardt sah Hades an. Hades sah Grimwardt an. Winter verdrehte die Augen.
„Wollt Ihr mir erzählen, dass wir mit zwei Klerikern unterwegs zur Schattenebene sind, die nicht einmal an so etwas Banales wie einen Ebenenzauber gedacht haben?“, fragte die Diebesmeisterin und stemmte vorwurfsvoll die Hände in die Hüften.
Während unter den anderen ein Streit darum entbrannte, wer für die Planung der Mission zuständig gewesen war und keinen einzigen Dimensionssprung eingeplant hatte, beobachtete Boltor, wie die kleine Karaturianerin stumm und unbemerkt die Gesten eines Zaubers auszuführen begann.
Dann spürte er, wie sich die Dimensionen überlagerten.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 23. Februar 2010, 01:47:14
Gefällt mir wie immer super! Finde die die Art, wie du die Nebenhandlungen (z.B. Gerichtsstreit zwischen Faust und Hades) gekonnt abkürzt ohne dass es gehetzt wirkt. Freue mich wieder sehr auf die nächste Episode! Hoffe die Muse küsst dich noch! Genug Stoff hats ja gegeben  :)
(Aber 2 kleine Dinge noch: Das Schwert heißt Zwiespalt und das eine Auge ist Blau, das andere Grün  :wink: )
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 23. Februar 2010, 07:51:21
Habs geändert... Name des Schwers war ein Flüchtigkeutfehler, die Sache mit den Augen wusste ich noch nicht ;-)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 23. Februar 2010, 20:02:26
Gigantisch! Wirklich toll gemeistert, dieser Teil der Story. Die Einführung von Faust gefällt mir unheimlich gut!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 24. Februar 2010, 00:50:03
Oh ja, mir auch!  :D  :thumbup:
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 25. Februar 2010, 22:49:10
Kapitel VI: Götterdämmerung

Winter
Schattenebene.
Nichts hatte sich verändert und doch war alles anders. Die Farben, das satte Rot des Feuersees, das Gelb der Lavaschlieren, alles wirkte schwerfälliger und trüber, wie eine schwache Kopie der materiellen Welt. Winter spürte, wie eine schleichende Kälte unter ihre Haut kroch und sich über ihre Sinne legte. Auch ihre Sicht war eingeschränkt: Selbst mit ihrer magischen Dunkelsicht vermochte sie nur schwach die Umrisse des mächtigen Felsbrocken auszumachen, der über dem Immerfeuer schwebte. Als sie näher kamen, erkannte sie darauf einen dreiteiligen Turmkomplex, der aus einem See aus wabernder, dunstartiger Masse erwuchs. Schwarze Schattenmaterie kroch in Schlieren den mittleren der drei Türme empor, wo sie zu einem Strahl gebündelt wurde, der rotierend über den Vulkansee geisterte. Der Schattenstrahl war dem Leuchtfeuer aus Wuschkins Turm nicht unähnlich und Winter erkannte, dass es jener Strahl gewesen sein musste, der den Gefährten bei ihrem ersten Besuch in der Adumbral Calyx zum Verhängnis geworden war: Das Portal im Laternenraum des irren Zwergen musste sie in die oberste Pagode des mittleren Turms geführt haben.
Mit Flugzaubern erreichte die kleine Armee das fliegende Plateau… und wurde sofort von einer Pfeilsalve empfangen. Angestrengt starrte Winter in die Finsternis, doch alles, was sie erkennen konnte, waren zwei Brücken in weiter Entfernung, die die beiden äußeren mit dem mittleren Turm verbanden.
„Schnell, vor den Eingang!“, rief Grimwardt ihr zu.
Winter wirkte den Zauber und teleportierte die Gruppe vor das Haupttor. Sofort schlugen Zauber um sie herum ein und Winter gewahrte über sich die Umrisse eines riesenhaften, rochenartigen Wesens. Gleichzeitig erfasste eine weitere Pfeilsalve die Gruppe. Haken schlagend bahnten sich die magisch verstärkten Geschosse einen Weg um die massige Kreatur der Nachtschwinge. Einer der Pfeile traf Kaliths Schulter und schuf beim Aufprall ein Energiefeld aus zitternden Blitzen. Gleichzeitig surrte ein weiterer Pfeil vom Himmel, um sich mit ohrenbetäubendem Donnern in Doriens Brust zu bohren. Winter hatte Glück: Geschickt wich sie einem der Blitzgeschosse aus und entging dem Donnergrollen, doch Dorien wäre unter dem Pfeilgewitter beinahe zu Boden gegangen.
„Rennt die Tür ein!“, hörte Winter Hades rufen.
Sie rannten los. Das Tor leistete keinen Widerstand und sie stürmten brüllend in eine düstere Vorhalle. Schwer klang ihr rasselnder Atem in der unverhofften Stille.
Vor einer ausladenden Flügeltür harrte eine Gnomin. Sie war das jämmerlichste Geschöpf, das Winter je unter die Augen gekommen war. Als sie den Mund öffnete, streckte sie den Gefährten den Stumpf einer verstümmelten Zunge entgegen wie den Rachen eines anthropophagen Monsters. Dabei stieß sie krächzende Würgelaute aus, wie eine morbide Art von Willkommensgruß. Dann wandte sie sich um und betrat den Saal. Die Tür ließ sie halb geöffnet. Winter wandte einen ihrer Tricks an und verbreiterte den Türspalt per Magierhand.
Die Gefährten blickten in einen von Kerzen schwach erleuchteten Thronsaal.
Lord Volumvax Sciagraph saß mit lasziv gekreuzten Beinen auf seinem Thron. Ein schattenhafter Film, der wie eine zweite Haut über dem Gesicht des Halbdämons lag, ließ seine Gestalt mit der Umgebung verschwimmen. Seine Augen, aus denen er die Gefährten mit einer Mischung aus überheblicher Verachtung und amüsierter Neugier musterte, waren pechschwarz und pupillenlos wie glänzende Obsidiane. Doch es waren nicht diese Augen, die Winter erschaudern ließen. Es war auch nicht der Schattendrache, der wie ein braver Schoßhund zu Füßen seines Herrn harrte. Oder die beiden Schattenmarilith, die ihn flankierten - sechsarmige Dämonenfrauen mit Schlangenunterkörpern, die für ihre tödliche Schwertkunst berüchtigt waren. Nein, was Winter das Blut in den Adern gefrieren ließ, war der Anblick des Throns: Er war aus Menschenleibern gefertigt. Sterbende, die sich in Qualen wanden, eingeschlossen in einem Gebilde aus gräulichem Schattendunst und einer zähflüssigen, wächsernen Masse, die das groteske Kunstwerk in ständiger Bewegung hielt. Zwei riesige Kronleuchter waren ebenfalls aus Menschenleibern gefertigt. Ebenso wie ein kleinerer Thron neben dem des Halbgottes. Auf ihm saß eine junge Frau mit aschfahlem Gesicht und silberweißem Haar, die, bemüht ihre Schmerzen zu unterdrücken, in stummer Verzweiflung gegen das Konstrukt ankämpfte, das im Begriff war sie sich einzuverleiben. Winter erkante sie anhand der Ähnlichkeit zu ihren Schwestern Lareal und Taube.  
Sturm Silberhand.
Der Mistkerl hatte sich an einer der Sieben Schwestern vergriffen.
„Ich hatte früher mit euch gerechnet“, klang die sanfte Stimme des Halbdämons so nah an Winters Ohren als stünde er direkt neben ihr. „Ihr würdet meine Sammlung ganz herrlich ergänzen.“
Das war das Stichwort.
Hades’ Sonnenklinge erstrahlte in gleißendem Licht, das den Raum durchflutete.
Und dann brach die Hölle los.

Boltor
Boltor nahm einen kräftigen Schluck aus seinem nimmerleeren Humpen.
„Elfische Hurensöhne“, lallte er.
Versteckt kauerten sie mit ihren Langbögen hinter der Brüstung der Galerie, durch die der Saal mit dem zweiten Stockwerk verbunden war. Unsichtbar für alle außer den Zwergen. Eigenartige Elfen waren das. Graue Gesichter, graue Haare, Katzenaugen. Aber Spitzohr blieb Spitzohr.
Es waren zwei, einer auf jeder Seite der Galerie. Boltor war sich ziemlich sicher, dass es zwei waren, auch wenn ihn sein Blick in dieser Hinsicht manchmal trog.
Er stürmte los, aktivierte seine Luftstiefel, stolperte torkelnd die Lufttreppe hinauf, die sich vor ihm materialisierte, setzte zum Sprung an und schraubte sich wie ein fliegender Korkenzieher auf seinen Gegner zu. Der Schattenelf brach stöhnend unter der Kopfnuss des betrunkenen Meisters zusammen. Wimmernd hielt er sich den schmerzenden Unterleib, stolperte ziellos einige Schritte rückwärts und übergab sich über die Brüstung.  
„Zum Wohl!“, lachte Boltor und erhob seinen Humpen zum Schlag. Im selbem Moment ließ ein Stromschlag seinen Körper erzittern. Der magische Blitz, der scheinbar aus dem Nichts auf ihn niedergegangen war, sprang weiter und die Schmerzensschreie seiner Gefährten sagten Boltor, dass er nicht das einzige Opfer geblieben war. Dann erschien vor ihm, wie aus dem Nichts, eine der Schattenmarilith. Boltor ächzte unter der Wucht sechs gut gezielter Schwerthiebe und ging in die Knie. Doch im selben Moment erfasste ihn eine Heilwelle, die seine Gefährten gewirkt haben mussten. Im Nu war Boltor wieder auf den Beinen, bereit seiner Peinigerin zu zeigen, was ein Schlaghagel war.
Was du mit sechs Armen schaffst, krieg ich allein mit meiner Linken hin.
In diesem Moment traf ihn etwas von hinten und presste ihm die Luft aus den Lungen. Wankend fuhr er herum. Die irre Gnomin hatte sich an ihn herangeschlichen und aus dem Hinterhalt attackiert. Ihr eigenartiger Dolch hinterließ dunkle Schlieren in der Luft. Als Boltor sie seine eiserne Faust spüren lassen wollte, tänzelte sie Zähne bleckend aus seiner Reichweite. Zeitgleich bohrte sich ein Pfeil zielgenau in seine Brust. Offenbar hatte Spitzohr sich von seiner Übelkeit erholt. Und ehe Boltor sich versah tauchte plötzlich auch noch die zweite Marilith neben ihm auf.
„Könnte mir vielleicht mal jemand behilflich sein?“, knurrte er. Was, bei Moradins Bart, trieben denn bitteschön seine sieben Gefährten, dass sie ihn hier mit vier der gefährlichsten Gegner alleine ließen? Nicht, dass er nicht noch ein Ass im Ärmel hätte... Schwerthiebe prassten wie Hagelkörner auf ihn ein, doch seine Gegnerinnen bezahlten jeden einzelnen Streich mit einem Vergeltungsschlag seinerseits. Die Welt verschwamm hinter einem Schleier aus Stahl, Bewegung und Blut. Sein Blut, aber auch das seiner Gegner. Das frustrierte Zischeln der Schlangenfrauen, die nicht eingeplant hatten, an den zwergischen Kampftrinker mehr als ein paar Schwerthiebe zu verschwenden, war wie Musik in seinen Ohren. Dennoch spürte er, wie seine Kräfte zu schwinden begannen.
Zum Glück war da sein Ring der neun Leben.
Acht Leben.
Sieben Leben.
Sechs Leben.
Fünf Leben.
Vier Leben.
Seine Gegnerinnen schäumten vor Wut. Gegen was kämpften sie da? Gegen ein verfluchtes Stehaufmännchen? Boltor spürte, dass sie trotz ihrer Übermacht nahe daran waren zu verzweifeln.
Noch drei Schläge und ihr seid Dämonenmus.
Drei Leben.
Zwei Leben.
Ein Leben.
Die Marilith schrie auf, rasend vor Zorn und Schmerz. Ihr nächster Schwertstreich war nicht nur gegen seinen Körper, sondern auch gegen seinen Geist gezielt.
Das letzte, was Boltor sah, waren die Kronen eines winterweißen Waldes.

Winter
Winter zitterte vor Aufregung.
Kalith hatte mit einem Trick seines Elfenschwerts eine Klingenbarriere vor dem Thron erschaffen, die dem Drachen einige schwere Wunden beigefügt hatte. Gezwungen seine Position als Wachhund aufzugeben, war dieser vorgeprescht, um all diejenigen in seinen Schattenodem zu hüllen, die noch vor der Tür harrten. Grimwardt und Faust hatten ihn daraufhin in die Zange genommen, doch zeitgleich hatte eine der Schattenmarilith es dem Elfen gleichgetan: Eine Wand aus blitzenden Schwertern sprang vor der Saaltür aus dem Boden und schloss Hades und Miu von dem Kampf im Thronsaal aus. Frustriert suchte der Kelemvor-Priester nach einem Weg durch die Klingenwand.
Auch Winter und Dorien waren nun von ihren Freunden im Thronsaal getrennt, doch im Gegensatz zu den beiden Heilern gereichte den Hexenmeistern der Klingenwall zum Vorteil, da er ihnen zusätzlichen Schutz bot.
„Was tut sie?“, fragte Winter zwischen zwei Zauberformeln.
Dorien hatte dank eines Erkenntniszaubers auf der Galerie hinter dem Thron einen weiteren Gegner entdeckt: Die Elfenmagierin hielt sich unter einer magischen Illusion verborgen. Ihr erster Zauber, die schattenhafte Illusion eines Kettenblitzes, hatte die Gefährten völlig unvorbereitet getroffen. Dorien hatte sie daraufhin mit einer Folge von Albtraumbildern attackiert, die ihr den Verstand geraubt hatten. Doch eine Heilwelle, von Lord Sciagraph beschworen, hatte sie bereits wieder von der Verzauberung befreit.
Als Winter durch die wirbelnden Schwerter der Klingenbarriere einen Blick auf ihren kämpfenden Bruder erhaschte, gewahrte sie einen eigenartigen Ausdruck auf dessen Gesicht. Verwirrung? Entsetzen? Und dann verschwand er plötzlich.
„Grimwardt!“, schrie Winter.
„Das war sie“, zischte Dorien, der seine Augen nicht von der verborgenen Magierin gelassen hatte.
„Was hat sie…?“
Doch Dorien hatte bereits zur nächsten Zauberformel angesetzt. Seine Stirn war düster umwölkt und seine Augen füllten sich mit weißem Nebel. In solchen Augenblicken war seine Schönheit Furcht einflößend, wie der Zorn eines Engels. Winter wusste, was das zu bedeuten hatte. Verdorren. Dorien hasste den Massenvernichtungszauber und setzte ihn nur im äußersten Notfall ein.
Die beiden elfischen Bogenschützen auf der Galerie verschrumpelten innerhalb von Sekunden zu grotesken Fleischklumpen. Auch der Schattendrache kämpfte vergeblich gegen die Macht, die alle Flüssigkeit aus seinem Körper sog. Im selben Moment, da der Zwerg Boltor vom Verbannungshieb seiner Bezwingerin in seine eigene Dimension zurück geschleudert wurde, fiel auch seine Gegnerin dem Zauber des Hexenmeisters zum Opfer. Die Elfenmagierin auf der Galerie ließ vor Schreck ihre Illusion fallen, ging in die Knie und wand sich in unerträglichen Schmerzen.
Doriens Erfolg gab Winter neuen Mut. Mit einem Triumphschrei schleuderte sie der Schlampe, die ihren Bruder wer weiß wo hin gebannt hatte, einen Auflösungsstrahl entgegen, der die Magierin völlig unvorbereitet in den Rücken traf. Nichts als ein Häufchen Asche blieb von ihr übrig. Ein zweiter Auflösungsstrahl traf die Gnomin mitten in ihr vom Hass zerfressenes Herz. Nur eine einzige Marilith und Lord Sciagraph, dem kein Zauber etwas anzuhaben schien, überlebten das Massaker.
Der Obsidianblick des Meisters richtete sich auf die beiden Verursacher der Verwüstung. Sie hatten seine Aufmerksamkeit erregt. Und seinen Zorn. Er schien mit dem Schatten des Throns zu verschmelzen und tauchte im nächsten Moment neben der Marilith auf der Galerie wieder auf. Winter schnappte entsetzt nach Luft, als sie seinen Blick auf sich spürte. Seine Mundwinkel zitterten und sie begriff.
Die Magierin. Sie war seine Geliebte.
Sieben in rasender Folge abgefeuerte Bolzen aus purer Schattenmaterie trafen Winter in die Brust. Bevor sie das Bewusstsein verlor, sah sie noch, wie sich die Augen des Hallbgottes mit weißem Nebel füllten.
Sie wusste, was das zu bedeuten hatte. Und sie war nicht sicher, ob sie es überleben würde.

Faust
Faust lachte befreit und gab sich ganz dem Kampfrausch hin. Endlich. Das war die Art von Kampf, nach dem er all die Jahre gesucht hatte. Seine Bestimmung. Er spürte, wie alle Selbstzweifel von ihm abfielen. Nicht einmal die Wucht des Verdorren-Zaubers, den der Halbgott auf sie niederfahren ließ, konnte seinen Enthusiasmus dämpfen. Die Marilith ging unter den Hieben seines Schwerts zu Boden. Ein weiterer Hieb beförderte sie über die Balustrade.
Dann spürte Faust, wie sich ein Schatten über ihn senkte.
Geh zurück, woher du gekommen bist.
Der Kämpfer spürte hinter dem telepathischen Befehl eine majestätische Präsenz, die seinen Körper aus dieser Dimension zu bannen versuchte. Er schloss die Augen, leerte seinen Geist von allen Gedanken, bis da nichts mehr war, was den geistigen Befehlen des Halbgottes einen Angriffspunkt geboten hätte. Dann wirbelte er herum und blickte in den schwarzen Abgrund der Obsidianaugen.
Götterdämmerung.
Die Welt blieb stehen, während er schneller und schneller wurde. Flüchtig nahm er einige Eindrücke von jenseits des Farbenwirbels wahr: Kalith, der Lord Sciagraphs Bannbefehl unterlag und von der Bildfläche verschwand, Miu, die sich, selbst einer Ohnmacht nahe, um die beiden zu Boden gegangenen Hexenmeister kümmerte. Dorien und Winter, die, kaum auf den Beinen, zu Sturm Silberhand teleportierten, um die Magierin aus ihrem Gefängnis zu befreien. Aber im Zentrum seiner Aufmerksamkeit bewegte sich sein eigener Körper mit rasender Geschwindigkeit. Das Schwert seines Vaters durchdrang die Drachenrüstung des Schattenherrschers dank der eintätowierten Zauberformel auf seinem Arm mühelos und wieder und wieder rammte er die Waffe mit brachialer Gewalt in den Körper des Halbgottes.
Dann plötzlich eine Bewegung und Lord Sciagraph verschmolz mit den Schatten der Alkoven und tauchte auf der anderen Seite der Galerie wieder auf. Seine empor gereckte Hand erbebte, als heilende Energie seinen Körper durchströmte. Dann lachte er verächtlich und blickte Faust herausfordernd an.  
„Feiger Hund!“, knurrte der Krieger, schwang sich über die Brüstung und fing den Sturz mit einer Rolle ab. Als er wieder auf die Beine kam, stand er Rücken an Rücken mit Hades, dem es offenbar endlich gelungen war einen Weg durch die Klingenbarriere zu finden.
„Nicht dein Tag heute, hm?“, feixte Faust, während er einen Zauber wirkte, der die Schattensprünge des Halbdämons verhindern sollte.  
„Bring mich da hoch!“, befahl Hades. Da war etwas Fatalistisches in den Augen des Priesters, das Faust neugierig machte. Er wirkte einen Flugzauber und übertrug ihn auf den Richter.
Hades schoss pfeilschnell in die Höhe, die Klinge nach vorne gerichtet. Faust erkannte das Kampfmanöver – ein weiteres Stück wiederkehrender Erinnerung. Hades führte nur einen einzigen Hieb aus. Ein einziger Hieb, in den er all seine Kraft, all seine Überzeugung legte. Und er zwang die mächtige Gestalt des schwer gerüsteten Halbdämons in die Knie. Doch auch Hades taumelte erschöpft zur Seite und vermochte sich nur mit Mühe in der Luft zu halten.
Zum ersten Mal sah Faust Furcht in den Augen des Halbgottes. Seine Hand zitterte, als er sie ausstreckte, um dem Richter mit einer Salve seiner tödlichen Schattenbolzen zu überziehen. Hades verlor das Bewusstsein und sein massiger Körper stürzte zu Boden.
Noch ehe der Priester auf dem Boden aufschlug, war Faust an Volumvax’ Seite aufgetaucht. Ein weiteres Mal bewegte er sich schneller als die Zeit. Ein weiteres Mal durchdrang Zwiespalt die Rüstung des Halbdämons als sei sie aus Pergament. Und dann der entscheidende Schlag: Das Henkersschwert durchschnitt die Kehle des Halbgottes und eine Blutfontäne übergoss den Krieger. Volumvax Sciagraph sank vor Faust auf die Knie.
Fast hätte er es geschafft.
Doch im selben Augenblick, da seine Kehle aufriss, bewahrten seine regenerativen Kräfte den Halbgott vor dem Ende. Gleichzeitig fiel ein Schatten über seine am Boden kauernde Gestalt. Hades war zurückgekehrt.
Lord Sciagraph wusste, dass er sterben würde. Faust sah, wie der Ausdruck in seinen Augen von Unglauben in Erkenntnis überging. Dann Wut.
Pure Zerstörungswut.
Er konnte nicht fliehen, konnte diesen Turm, sein Gefängnis, nicht verlassen. Aber er würde seinen Bezwingern einen letzten tödlichen Hieb versetzen, ehe er ging. Sein Blick flackerte zwischen Faust und Hades hin und her.
In diesem Moment traf ihn Winters Schwächestrahl. Der Halbdämon ächzte, als seine massige Rüstung ihn niederdrückte. Doch da war noch genug Energie in seinen erschlaffenden Gliedern für diesen letzten Racheschlag. Ein letzter tödlicher Hieb. Sein Blick richtete sich auf die Diebesmeisterin. Winter, die den Blick richtig zu deuten schien, ergriff die Flucht, um hinter dem Thron in Deckung zu gehen, während Faust die Wut seines Gegners durch ein paar bissige Bemerkungen auf sich zu lenken versuchte.
Doch der Schattengott hatte seine Wahl getroffen.
Der erste Bolzenangriff raubte Winter das Bewusstsein. Faust wartete nicht, um zu sehen, wie die zweite Salve von Todesbolzen ihr Ziel fand. Brüllend vor Zorn und Ohnmacht stürzte er sich auf Winters Mörder. Seine Klinge bewegte sich wie von alleine. Blutfächer, die vor ihm aufstoben, vernebelten seine Sicht. Erst als er Hades’ Hand auf seiner Schulter spürte, ließ er von der Leiche seines Gegners ab. Oder von dem, was noch von ihr übrig war.

Grimwardt
Irgendwo im außerdimensionalen Raum.
Wo, zum Henker, war er? Zu beiden Seiten des Kieswegs wuchsen hohe Hecken, die über ihm einen Torbogen bildeten. War das der Tod? Nein, Kriegersruh, das Reich des Feindhammers, hatte in Grimwardts Vorstellung wenig mit Hecken und Kieswegen zu tun. Eine Illusion? Wenn das ein Trugbild war, dann ein verdammt gutes. Da ihm nichts anderes übrig blieb, lief er den Weg entlang. Sackgasse. Eine Hecke versperrte ihm den Weg.
Er war in einem Irrgarten gelandet.
Fluchend machte sich Grimwardt auf die Suche nach dem Ausgang. Er schritt durch Torbögen, lief über verwunschene Waldwege, kämpfte sich durch widerspenstiges Gestrüpp, doch ohne Erfolg. Jede Sekunde, die verstrich, stellte seine Nerven auf die Zerreißprobe, denn jeder vergeudete Augenblick konnte für seine Gefährten das Ende bedeuten.
Tempus, erhöre mich und bring mich zurück.
Und endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, fand er den Ausgang des Labyrinths.
Grimwardt stürmte durch den Torbogen… in den Thronsaal der Adumbral Calyx. Der Kampf war zu Ende. Faust, von Kopf bis Fuß mit Blut und Eingeweiden besudelt, trat ihm in den Weg.
„Schlechte Nachrichten“, murmelte der Krieger und legte dem Tempuspriester schwerfällig seine Hand auf die Schulter. „Deine Schwester… ähm….“
Faust trat zur Seite und gab den Blick auf den Thron frei. Das wächserne Konstrukt aus toten Menschenleibern war erstarrt und mochte beim leisesten Windhauch zu Staub zerfallen. Traurig thronte es über den am Boden kauernden Gestalten von Dorien und Miu. Und zwischen ihnen… Grimwardt scheuchte Miu beiseite und starrte in ihr totenbleiches Gesicht. Sie hatten ihr die Augen geschlossen, sodass sie fast friedlich wirkte.
Für einen Augenblick erstarrte Grimwardt. Dann packte er Dorien beim Kragen und stieß ihn gegen die Wand.
„Wie lange war ich fort?“, fuhr er ihn an. Seine Stimme klang seltsam verzerrt in seinen Ohren. „Eine Minute? Zwei? Was für ein Ehemann und Vater bist du, dass du nicht mal so lange auf sie aufpassen konntest?“
Dann sah er den Ausdruck in Doriens Augen und sein Zorn verwandelte sich in Schmerz.
Was auch immer Winter getötet hatte, es hatte auch das Licht in Doriens Augen gebrochen.

Faust
Ein einziger Schwerthieb genügte, um Sturm Silberhand aus ihrem Gefängnis zu befreien. Nun, da Volumvax’ tot war, wichen Magie und Schattenmaterie aus seinen untoten Konstrukten und nichts als ein bröckliges Gebilde aus erkaltetem Wachs und Knochenresten blieb von seinen morbiden Kunstwerken übrig.
Faust fing die geschwächte Magierin auf, als sie zu Boden sank. Miu, seine unermüdliche Miu, war sofort mit einem Heilzauber zur Stelle. Doch die ungesunde Blässe wollte nicht aus Sturms Wangen weichen.
„Ich danke Euch“, sagte sie und zauberte trotz aller Erschöpfung ein Lächeln in ihre müden Augen. „Für die Rettung der Silbermarken.“
Faust half ihr sich aufzusetzen und sie fuhr fort.
„Es war Volumvax’ göttliche Energie, die den Schattenstrahl kanalisiert und damit den magischen Knoten unter dem Immerfeuer geschwächt hat. Mit seiner fliegenden Turmfestung ist er von Knotenpunkt zu Knotenpunkt gereist, um das magische Gewebe zu zerstören. Für die Bewohner Sundabars und der Marken ist die Gefahr nun gebannt. Doch leider hatten die Bewohner des Schattentals weniger Glück. Ich weiß nicht, wie viele von ihnen noch in den Gefängnissen der Adumbral Calyx harren und um ihr Leben bangen. Wir sollten keine Zeit verlieren und sie befreien.“
„Wie seid Ihr überhaupt hierher gelangt?“, wollte Faust wissen.
„Ich verlor das Bewusstsein, als das magische Gewebe unter der Stadt Schattental zusammenbrach“, erklärte Sturm. „Mystra ist eins mit dem Gewebe. Und wir, die Sieben Schwestern, sind ein Teil von Mystra. Wo sie nicht ist, können auch wir nicht sein. Nach dem Verschwinden Elminsters müssen die Eroberer des Schattentals mich hierher gebracht haben.“
„Der alte Mann ist… verschwunden?“
Sturm nickte ernst. „Und sein Turm liegt in Trümmern.“
Beunruhigend.
Zusammen mit Hades und Miu machte sich Faust auf den Weg in die Katakomben des Turmkomplexes, um die Gefangenen zu befreien, von denen die Harfnerin gesprochen hatte. Die paar Todesalben und Schattenelfen, die er auf dem Weg niedermetzelte, waren kaum der Rede wert. Bei den Gefangenen handelte es sich um gut zwei Dutzend Taliser, die von den Eroberern scheinbar wahllos auf die Schattebene verschleppt worden waren. Während Miu die Kranken und Verletzten versorgte, suchten Faust und Hades nach einer Halbdrow namens Razeema. Hades erklärte Faust, dass Kalith der Elf einen magischen Hilferuf von einer ehemaligen Mitstreiterin empfangen hatte, der vermuten ließ, dass sie unter den Gefangenen weilte.
Es stellte sich heraus, dass Razeema eine Zirkus-Illusionistin war, die zusammen mit einer Truppe fahrender Schausteller in Schattental gastiert hatte, als das Unglück über die Stadt hereingebrochen war. Zusammen mit einem befreundeten Halbork-Barden, mit dem sie in der Schlacht um das Schattental gekämpft hatte, war sie hierher verschleppt worden. Razeema, die ihre Zauber über das Schattengewebe wirkte, hatte durch Visionen, die Shar ihren Anhängern zukommen ließ, vom drohenden Angriff auf die Knotenpunkte des magischen Gewebes erfahren.
„Shar hat viele Aspekte“, erklärte die Halbdrow, als sie Hades’ missbilligenden Blick auf sich spürte. „Nicht alle ihre Aspekte sind böse. Auch das Schattengewebe ist es nicht. Und jene Aspekte, die Mystras Untergang anstreben, scheinen nicht kontrollieren zu können, wen ihre Nachrichten erreichen. Ich bin keine Spionin, falls Ihr das denkt.“
Sie führten die Gefangenen in den Thronsaal und während Sturm und Hades sich Gedanken darüber machten, wie sie all die Verschleppten zurück nach Faerûn bringen sollten, machte Faust sich an den Teil des Heldendaseins, den er beinahe so sehr schätzte wie den Kampf: das Plündern.
Und es gab viel zu plündern.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 26. Februar 2010, 02:18:18
Oh ja, das gab es...
Man man man, der Abend und der darauf waren aber auch der Hammer! ...Was wir bluten mussten...und die andern erst :wink:
Jetzt verstehe ich auch, warum Winter das Hassziel war... hätte nicht gedacht, dass der Halbgott eine Geliebte hat... und dann Winters Tod... mein Gott war das alles spannend :)
Und Boltors ewigen Kampf hast du natürlich auch sehr schön dargestellt!  :D
Hab grade voll Bock auf unsere nächste Sitzung bekommen  :wink:
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Zophael am 26. Februar 2010, 10:55:37
Ach ja, der verdammt Irrgarten... Es wird Zeit, dass ich mir irgendwo Zauberresistenz her besorge *grummel* Und ich sollte mir evtl. auch eine Rod of Quicken leisten...
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 26. Februar 2010, 17:21:24
Solange ihr mich so motiviert, bleibt die Muse mir wohl noch eine Weile treu :-)

Ja, die Elfe Velissandrin war Volumvax' Geliebte. Sie war auch diejenige, die für ihn die Silbrigmonder Adelskreise ausspioniert und dem Harfner Drake auf den Hals gehetzt hat. Das war aber nicht der vorrangige Grund, weshalb es Winter getroffen hat... Als er erkannte, dass er verloren hatte, wollte Volumvax euch leiden lassen und einen von euch mit in den Tod nehmen. Faust war kaum verletzt, da blieb also nur Winter (NSCs mal ausgenommen, damit's dramatischer ist ;-)). Außerdem erkannte er wohl, dass Winters Tod für die Gruppe emotional die größte Wirkung hätte.

Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 26. Februar 2010, 18:00:51
 :twisted:
bist manchmal auch gerne fies, hm? ;)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 26. Februar 2010, 18:11:52
Das macht die Macht  8)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 27. Februar 2010, 00:08:41
Ja, was für ein Abend! Super Beschreibung des Kampfes, Boltors Part gefällt mir besonders gut!
(Aber was danach kommt, wird so schlimm! )
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 28. Februar 2010, 17:06:04
Kapitel VII: Stadt der Seelen

Grimwardt
Silbrigmond, in den frühen Morgenstunden.
Sie hatten Winter im Wohnhaus von Doriens Eltern aufgebahrt. Irgendwer hatte ein paar Talkkerzen gefunden und sie am Fußende des Betts entzündet. Dann hatte Hades einen Segen gesprochen, der ihr die Reise in Kelemvors Reich erleichtern sollte. Im Laufe des Tages hatten sie den Zwerg zurückgebracht, den ein Verbannungszauber in ein Waldstück in Eiswind verschlagen hatte. Nach Kalith, der auf einer anderen Ebene gelandet war, würden sie morgen suchen.
Lange hatten sie schweigend Totenwache gehalten, ehe sie sich, einer nach dem anderen, einen Schlafplatz gesucht und zu Bett gekrochen waren.
Alle bis auf Grimwardt.
Es ist falsch.
Seit Stunden kreisten seine Gedanken nun schon um diese drei Worte. Es war falsch, dass er, der Krieger, noch lebte, während seine kleine Schwester kalt und starr auf einem Totenbett lag. Er war nicht da gewesen, um sie zu beschützen. Es war falsch. Es musste einen Weg geben, sie aus dem Reich der Toten zurückzuholen. Hin und wieder hörte man von solchen Wundern. Von zurückgekehrten Helden. Hin und wieder machten die Götter eine Ausnahme.
Plötzlich erklang aus dem Erdgeschoss ein dumpfes Scheppern.
Grimwardt sprang auf und polterte die Treppe hinunter. Mit gezückter Axt stürmte er in die Küche. Es war nur Razeema, die im Schlaf von der Küchenbank aufgeschreckt und gegen eine Bratpfanne gestoßen war. Ihr halborkischer Freund, der es sich auf dem Küchenboden bequem gemacht hatte, grunzte etwas Schlaftrunkenes und schnarchte weiter.
„Alles in Ordnung?“, erkundigte sich Grimwardt.
„Bloß eine Vision“, murmelte Razeema und rieb sich den schmerzenden Hinterkopf.
Sie seufzte, als sie den fragenden Blick des Tempusklerikers auf sich spürte, und setzte sich auf.
„Ein Baum“, erklärte sie. „Da war ein Baum. Golden mit schmalen, ovalen Blättern und einem dünnen Stamm. Vielleicht eine Art Birke. Eine kleine Gestalt lugte hinter den Blättern hervor, eine Spinne, denke ich. Sie hatte eigenartige Augen... saphirblau und ungewöhnlich intelligent. Dann veränderte sich etwas. Die Blätter verloren ihre goldene Färbung und welkten wie im Zeitraffer. Als sie vom Baum fielen, verwandelten sie sich und wurden zu eingerollten Schriftrollen.“
Grimwardt runzelte die Stirn. Ein goldener Baum. Eine Spinne mit saphirblauen Augen. Blätter, die sich in Schriftrollen verwandelten. Nichts davon kam ihm bekannt vor.
„Was hat das zu bedeuten?“
„Woher soll ich das wissen?“ Razeema rückte ihre Schlafrolle zurecht und legte sich wieder hin. „Wenn ich mir über jede von Shars Visionen den Kopf zerbrechen würde, dann käme ich gar nicht mehr zum Schlafen.“
Mit diesen Worten drehte sie sich um und schloss die Augen. Grimwardt zuckte mit den Schultern und kehrte an Winters Seite zurück. Er würde den Zwischenfall am nächsten Tag der Herrin von Silbrigmond melden. Sturm Silberhand hatte sie zur Mittagsstunde in den Hochpalast geladen.
Als er seinen Stuhl zurechtrückte, runzelte er die Stirn. Stille. Der Stuhl gab keinen Ton von sich. Grimwardt lauschte – und hörte absolut nichts. So unauffällig wie möglich verließ er den Raum, um einen Zauber zu wirken. Und tatsächlich! Es war jemand im Raum. Sein magischer Blick enthüllte die Silhouette einer humanoiden Gestalt. 
Drake, war wie immer sein erster Gedanke.
„Halt!“, rief Grimwardt. „Wer ist da?“
Er hörte, wie jemand einen Zauber flüsterte, und die magische Aura verschwand. Grimwardt machte sich sofort daran, die Zimmer des ersten Stockwerks zu untersuchen. Nichts schien verändert, bis auf eines: Dorien war fort.
In Grimwardt regte sich eine dunkle Vorahnung. 

Faust
Gegen Mittag im Hochpalast von Silbrigmond.
Der Hochmarschall des Mondschildturms, ein kleiner rundlicher Mann mit säuselndem Tonfall, führte die Gruppe in den Thronsaal. Zu acht waren sie zu ihrer Mission aufgebrochen, doch nur die Hälfte von ihnen war noch übrig. Hades hatte sich bereits früh am Morgen verabschiedet, um sich auf den Weg nach Rabenklippe zu machen und die „Sache Faust“ zu klären. Die Halbdrow war aufgebrochen, um den Elfen Kalith zu suchen, den ein Bannzauber in eine andere Dimension geschleudert hatte. Der Hexenmeister Dorien schließlich war in der Nacht verschwunden, was den Tempuspriester aus Gründen, die nur er selbst kannte, dazu veranlasst hatte, hinter verschlossenen Türen die Räume zu verwüsten. Grimwardt war es auch, der nun als erster den Saal betrat und die Leiche seiner Schwester auf den Boden bettete. Faust folgte, mit Miu wie immer dicht auf den Fersen. Hinter ihnen torkelte der chronisch besoffene Zwerg durch die Flügeltür.
Unter zwei großen Torbögen, auf zwei silbernen Thronen saßen Lady Alustriel, die Herrscherin der Silbermarken und die Älteste der Sieben Schwestern, und ein weißbärtiger alter Magier in blauen Roben, den Alustriel ihnen als den Hochfürsten von Silbrigmond vorstellte. Die Regentin der Marken, eine elegante Frau mit Gesichtszügen so ebenmäßig, dass sie übermenschlich wirkten, trug einen Zauberstab, der in einem Einhornkopf endete. Zu ihrer Rechten harrten Sturm Silberhand und eine weitere der sieben Schwestern, die Sturm ihnen als die Waldläuferin Taube Falkenhand vorstellte. Zwei weitere Schwestern harrten zur Linken des Doppelthrons: Lady Lareal von Tiefwasser, und Quilé Veladorn, eine Dunkelelfe mit wallendem Silberhaar, das ihr bis zu den Kniekehlen fiel. Sie alle wirkten kränklich und erschöpft – die Auswirkungen des zerstörten magischen Gewebes.
„Ihr…. seid nicht wirklich verwandt, oder?“ Faust konnte sich die Frage nicht verkneifen. Zumindest die Drow schien nicht so ganz ins Bild zu passen. „Und sieben seid Ihr auch nicht.“
Quilé Veladorn warf ihm einen amüsierten Blick zu.
„Wir sind Töchter Mystras“, antwortete die Drow ihm mit dunkler, wohlklingender Stimme. „Und Mystra hat Faerûn in vielerlei Gestalten durchwandert. Und um Eure zweite Frage zu beantworten: Syluné, die Zweitälteste, war mit Sturm zusammen, als die Magie im Schattental zusammenbrach. Sie ist ein Geist und wir wissen nicht, wie sich Mystras Wunden auf ihr körperloses Wesen ausgewirkt haben. Und die Simbul…“ Quilé seufzte. „Niemand weiß genau, was die Simbul so treibt. Aber wahrscheinlich tut sie gerade etwas sehr Gefährliches und… sehr Mächtiges.“
Dann meldete sich Lady Alustriel zu Wort.
„Ihr also seid die Abenteuergruppe, der wir die Rettung der Silbermarken zu verdanken haben. Wir alle stehen tief in eurer Schuld.“ Die gütigen grauen Augen der Herrin von Silbrigmond blickten von einem zum anderen, bis sie auf Grimwardt ruhen blieben. „Wie ich sehe, habt Ihr einen Verlust zu beklagen. Das mindeste, was wir für euch tun können, ist der Versuch, eure Schwester zurückzurufen.“ Sie berührte die Hand des Hochfürsten von Silbrigmond und schien ihm eine telepathische Nachricht zu übermitteln. Taern Hornblade nickte und erhob sich, um ihren Auftrag auszuführen.
„In der Nacht vor vier Tagen wurde ich von einem stechenden Schmerz geweckt“, fuhr Alustriel fort. „Ich hatte eine Vision, in der Mystra mir erschien. Sie schien schreckliche Schmerzen zu leiden. Sie berichtete von tiefen Wunden, die ihre alte Widersacherin Shar ihrem Körper zugefügt hatte. Das Gewebe ist an zwei Knotenpunkten gerissen. Der erste unter dem See der Schatten in der Wüste Anauroch. Der zweite unter dem Alten Schädel im Schattental. Beide Knoten hinterlassen magietote Zonen von mehren Meilen. Und sie breiten sich weiter aus. Die antimagische Zone vom Schattental hat bereits Myth Drannor und den Elfenhof erreicht. Taube konnte die Stadt gerade noch rechtzeitig verlassen. Eine Allianz von abtrünnigen Drow-Clans und Shar-Anhängern hat die südwestlichen Täler eingenommen und marschiert nun am Ashabafluss entlang auf Myth Drannor zu. Auf dem Weg nehmen sie alles ein, was ihnen in die Quere kommt. Gleichzeitig rückt aus nördlicher Richtung die Kastellanin von Zhentilfeste mit ihrer Zhent-Armee auf Myth Drannor zu.“
Faust runzelte die Stirn. „Zhentarim, Dunkelelfen, Sharianer … Seit wann machen die gemeinsame Sachen?“
„Eine Zwecksallianz, um die Gunst der Stunde zu nutzen“, sagte Taube bitter. „Sobald Myth Drannor gefallen ist, werden die sich gegenseitig an die Kehle gehen. Und ohne den Mythal wird Myth Drannor fallen!“ 
„Bevor die im Elfenhof einfallen, müssen sie erst an meinen Jungs vorbei“, knurrte Grimwardt düster. „Die Abtei des Schwertes hat bisher auch ohne Magie allen Angriffen standgehalten.“
Dann schien dem Tempuspriester ein Gedanke zu kommen.
„Da ist übrigens noch etwas… Ich weiß nicht, ob es eine Rolle spielt.“ Er berichtete von Razeema und ihren Visionen. „Gestern Nacht schickte Shar ihr eine weitere Vision. Ein goldener Baum, dessen Blätter verwelkten und zu Schriftrollen zerfielen. Sie erwähnte auch eine Spinne mit saphirblauen Augen.“
Bestürzung in den Gesichtern der fünf Schwestern.
Wieder war es Lady Alustriel, die das Wort ergriff. „Was ihr da beschreibt, klingt äußerst beunruhigend, Grimwardt. Die Spinne vermag ich nicht zu deuten, aber die Beschreibung des Baums passt auf den Quess Ar Teranthvar. Die elfische Version der Nesserrollen.  Eben jenes Artefakt, mit dem es den Arkanisten von Nesseril vor fünftausend Jahren gelang Magie zu wirken, die die Göttin der Magie tötete und das magische Gewebe zerstörte. Die Umbranten der Anauroch, die Nachfahren der Nesserim, sind vielleicht die einzigen, die dazu in der Lage sind, die Nesserrollen vollständig zu verstehen. Der Halbgott, den ihr besiegt habt, muss in ihrem Namen gehandelt haben. Ich fürchte, dass der Angriff auf die Knotenpunkte des magischen Gewebes nur der Anfang war. Ein Ablenkungsmanöver, das den Mythal von Myth Drannor ausschalten sollte, um den Diebstahl des Elfenbaums zu ermöglichen. Die einzige vollständig erhaltene Version der Schriftrollen von Nesseril…“
Stille. Fausts leises Lachen schien eigenartig unangebracht.
„Und da Ihr Euch nicht im Bereich der magietoten Zone aufhalten könnt, sollen wir nun nach Myth Drannor reisen.“, schlussfolgerte er mit einem schiefen Grinsen und einem tatendurstigen Glitzern in den Augen. „Um den Baum zu schützen und die Welt zu retten!“
Die fünf Schwestern sahen ihn stumm an.
„Ja“, sagte Sturm leise. „So in der Art.“
Das war ein Auftrag nach Fausts Geschmack. Gestern erst hatte er einen Gott erschlagen und heute würde er die Welt retten. Die Zeit der nächtlichen Gasthausschlägereien und Saufgelage war vorbei. Er hatte wieder ein Ziel vor Augen. Taten, an die die Welt sich erinnern würde.
Dann veränderte sich die Luft und der Hochfürst von Silbrigmond materialisierte sich auf seinem Thron und überreichte Alustriel eine Schriftrolle. Ihr Blick kehrte zu Grimwardt zurück.
„Dieser Zauber vermag jeden Wunsch zu erfüllen“, erklärte die Fürstin. „Selbst die Rückkehr Eurer Schwester aus dem Reich der Toten. Aber seid gewarnt. Das Universum folgt seinen eigenen Regeln. Es mag Euren Wunsch erfüllen, doch es wird seinen Tribut verlangen. Auf die ein oder andere Weise.“
Sie überreichte Sturm die Schriftrolle. Die jüngere Schwester sah Grimwardt um Erlaubnis fragend an. Auf sein Nicken ging sie vor Winters Leiche in die Knie. Dann begann sie die Zauberformel zu rezitieren und weißes Licht erfüllte die Tote vom Kopf bis in die Zehenspitzen. Erst schwach und flackernd, dann immer stärker.
Grimwardt ergriff die Hand seiner Schwester.

Winter
Fugenebene.
Das Rauschen des Flusses klang dumpf in ihren Ohren. Ein breiter Strom trennte sie vom jenseitigen Ufer. Dazwischen erhob sich auf einer Flussinsel eine Stadt aus Kristall. Etwas Mechanisches lag in der Art, wie die Wellen sich in immer gleichen Zeitabständen und unveränderlichen Formationen aus der blau-grauen Masse erhoben und wieder senkten, ohne dabei die Struktur des Wassers zu verändern. Auch die Wolken klebten statisch und starr am stahlgrauen Himmel. Eben so vorhersehbar wie die Bewegungen des Wassers war die Ankunft der Barke. Der Fährmann war in eine graue Kutte gehüllt, die sein Gesicht bis auf das breite Kinn und die hervorstehenden Wangenknochen in Schatten hüllte. Sie ergriff seine Hand, als er sie ihr darbot, und bestieg die Barke. Schweigend hielt der Fährmann auf die kristallene Stadt zu und sie erkannte einen weißen, gewundenen Turm, der sich in ihrer Mitte erhob.
Sie schritt durch Gassen an immergleichen Fassaden entlang. Zu Anfang wurde sie von dem Bestreben geleitet, den Turm im Innern der Stadt zu finden, doch bald vergaß sie diesen Wunsch. Hin und wieder begegneten ihr andere Menschen. Ziellos und zeitleer wie sie. Sie trugen keine Kleidung und ihre Körper schienen aus dem selbem kristallinen Material zu sein, aus dem auch die Stadt erbaut war. Als sie an sich herunter sah, erkannte sie, dass auch sie selbst begonnen hatte, ein Teil der Stadt zu werden. Der Gedanke ängstigte sie nicht, im Gegenteil: er erfüllte sie mit einer eigenartigen Ruhe bar jeder Emotion. 
Sie wusste nicht, wie viel Zeit seit ihrer Ankunft verstrichen war. Zeit schien an diesem Ort keine Rolle zu spielen. Einmal gelangte sie zu einem Hafen. Hier legten Barken an mit vermummten Gestalten, die die umherwandernden Seelen auf die jenseitige Seite des Flusses brachten. Doch in ihr war nicht das Verlangen, in eine der Barken zu steigen und die Schatten am anderen Ufer zu ergründen. Keine der Barken war für sie bestimmt.
 „Winter!“
Als sie den Ruf vernahm, weckte er etwas in ihr, das sie glaubte vergessen zu haben. Sie lief in die Richtung, aus der die Stimme kam. Dann begriff sie: Es war ihr Name, den die Stimme rief. Nun rannte sie.
Dorien wartete am Ende einer Kristallallee.
Als sie ihn erblickte, zerbrach der betäubende Zauber der Stadt. Winter keuchte auf, als die Erinnerung sie übermannte. Doch Dorien war da, um sie in seine Arme zu schließen. Sie spürte, wie ihr Körper zu ihr zurückfand. Wie sie atmete. Wie ihr Herz gegen ihren Brustkorb schlug.
„Komm zurück“, sagte Dorien leise und küsste ihre trockenen Lippen.
Zitternd schmiegte sie sich an seine Brust. Es war ihr gleich, wohin er sie führte, solange er nur bei ihr blieb an diesem Ort, der ihr mit einem Mal so kalt und fremd erschien. Eng umschlungen liefen sie durch die Stadt der Seelen. Zurück zu dem Anlegeplatz mit der Barke, die sie hierher gebracht hatte. Doch nicht der Fährmann saß darin, sondern eine junge Frau. Auch ihr Gesicht lag im Schatten, doch Winter erkannte sie an den langen, roten Locken, die ihr über die Schultern fielen. 
Dorien half ihr ins Boot.
Nein.
Sie erkannte es in dem Moment, als er sich aufrichtete: Seine Seele gegen ihre. Ihr Herz, das gerade erst wieder zu schlagen begonnen hatte, setzte für einen Augenblick aus.
Nein.
Sie wollte es hinausschreien, aber sie brachte keinen Ton heraus.
Sie ließ nicht los, umklammerte seine Hand fester. Doch seine Finger entglitten ihrem Griff und die Barke legte ab. Sie wollte sich aufrichten, das Boot zum Wanken bringen, sich ins Wasser stürzen, irgendetwas. Doch Dorien schüttelte stumm den Kopf. Da war Furcht in seinem Blick und bitterer Schmerz. Aber vor allem Entschlossenheit. Die Entscheidung war getroffen, und es war nie ihre Entscheidung gewesen.
Wie erstarrt sank sie zurück ins Boot und sah hilflos zu, wie Dorien begann sich zu verwandeln. Als die Barke das Ufer erreichte, konnte sie die Gestalt am Anlegesteg kaum mehr vom Rest der Stadt unterscheiden.

Grimwardt
Sie öffnete die Augen.
„Wo ist Dorien?“
„Äh… Winter?“
Grimwardt drückte ihre Hand fester und half ihr sich aufzurichten. Ihr Blick war starr und in weite Ferne gerichtet. Was auch immer sie auf der anderen Seite gesehen hatte, es war ihr hierher gefolgt.
„Wo ist Dorien?“, fragte sie noch einmal. Ihre Stimme klang leise und seltsam beherrscht.
„Nicht hier“, grunzte der Zwerg unsensibel und stieß Grimwardt an. „Die weiß aber schon, dass sie… naja, hinüber war?“
Winter erhob sich, schien ihre Umgebung jedoch noch immer nicht wahrzunehmen.
„Ich muss ihn finden.“
„Schön“, sagte Grimwardt besänftigend und umschloss ihre Schultern mit festem Griff. „Wir suchen ihn. Ich helfe dir. Erzähl mir, was passiert ist.“
Er führte seine Schwester aus dem Palast, an die frische Luft. Während sie ihm wie eine Schlafwandlerin durch die Gassen folgte, erzählte sie ihm in konfusen Worten, was auf der Fugenebene geschehen war.
Dieser elende Narr, dachte Grimwardt. Das würde Dorien ähnlich sehen, sich heldenhaft für seine große Liebe zu opfern. Was hatte er sich bloß dabei gedacht? Dieser verwöhnte Bengel hatte sich Zeit seines Lebens vor der Verantwortung gedrückt, endlich ein Mann zu werden. Grimwardt hatte immer befürchtet, dass durch seine Leichtsinnigkeit noch jemand zu Schaden kommen würde. Und dennoch: Nach fünfzehn gemeinsamen Jahren fühlte er sich auf eine widerwillige Art verantwortlich für den jüngeren Gefährten. Irgendwie hätte er das verhindern müssen, hätte Dorien davon überzeugen müssen, dass es einen anderen Weg geben würde… Dann fielen ihm Alustriels Worte ein, kurz bevor sie ihm die Schriftrolle überreicht hatte: Das Universum mag Euren Wunsch erfüllen, doch es wird seinen Tribut verlangen. Auf die ein oder andere Weise.
Plötzlich war Grimwardt sich nicht mehr so sicher, das es einen anderen Weg gegeben hätte.
Vor einem Tempusschrein, den ein alter Kriegsveteran instand hielt, machte er Halt.
„Lass mich zu meinem Gott beten“, sprach der zu Winter. „Tempus wird wissen, was geschehen ist und was wir tun können.“
Winter nickte abwesend und Grimwardt betrat die Kapelle: einen kleinen Altarraum mit Tempussymbolen an den Wänden. Er kniete sich vor den Altar, senkte demütig sein Haupt und stützte sich, wie es Brauch war, auf seinen Schild. Dann begann er zu beten.
Tempus, mein Herr, ich bitte Dich, erhöre mein Gebet und gewähre mir Deine göttliche Einsicht.

Winter
Grimwardt wirkte erschöpft, als er auf sie zu trat und ihr den Arm auf die Schulter legte. Sie empfand keine Bestürzung; seine Worte machten lediglich endgültig, was sie bereits gewusst hatte. Nachdem er geendet hatte, wandte sie sich wortlos um. Grimwardt versuchte nicht, sie aufzuhalten.
Sie bewegte sich wie durch ein Vakuum. Als liefe sie durch einen Tunnel ohne Licht am anderen Ende.
Ihr Weg führte sie in einen Magierladen mit einer runden blauen Eingangstür. Die Augen der Ladenbesitzerin weiteten sich, als sie Winter erkannte, und ihre Hand fuhr alarmiert unter den Ladentisch.
„Ich brauche eine Schriftrolle“, sagte Winter. „Einen Zauber, um jemanden aufzuspüren.“
Die Magierin sah sie misstrauisch an und schien etwas in ihrem Blick zu suchen, das nicht da war.
„Zehn Prozent auf alles in meinem Laden, wenn Ihr mich in Ruhe lasst und meinen Ruf nicht gefährdet“, sagte sie mit gepresster Stimme.
Flüchtig erinnerte sich Winter an eine Begegnung in einer Jagdhütte im Wald. Drake, der sie mit dem Dolch bedrohte. Sie als Geisel zwischen ihm und dieser Frau. Aber es war eine Erinnerung, die jemand anderem zu gehören schien. 
Sie zuckte mit den Schultern.
Winter schob der Magierin das Geld über den Ladentisch. Sie machte sich nicht die Mühe, den Betrag nachzuzählen. Dann lief sie mit der Schriftrolle vor die Stadttore, um den Erkenntniszauber zu wirken und sich an Doriens Todesstätte zu teleportieren.
Ein Tempel mit pastellfarbenem Putz im südlichen Hochwald.
Flüchtig nahm sie Bewegungen am Rande ihres Blickfelds wahr: Mädchen mit Blumenkränzen im Haar, die hübsche Jünglinge bei der Hand nahmen, um mit ihnen im Schatten kühler Alkoven zu verschwinden. Winters Erscheinung erstickte ihr glockenhelles Lachen und hinterließ überall bedrückende Stille.
Der Zauber wies ihr den Weg durch schattige Korridore und lichtdurchflutete Säulenhallen. 
Er lag aufgebahrt in einem offenen Altarraum. Im zuckenden Schein der Kerzen wirkte sein Gesicht fast lebendig. Ein Lächeln lag auf seinen Lippen, ein wenig spöttisch, als wolle er sie aufheitern. Oder dem Tod etwas von seiner düsteren Erhabenheit nehmen.
Winter zuckte zusammen, als sie eine Bewegung hinter sich spürte, vermochte den Blick jedoch nicht von seinem Gesicht zu wenden.
„Ihr müsst Winter sein“, sagte die Priesterin mit samtener Stimme. „Mein Name ist Lady Amalia.“
Jäh wandte Winter sich um.
„Habt Ihr das getan?“, flüsterte sie.
Trauer legte sich über das makellose Gesicht der Priesterin und sie ergriff ihre Hand. Winter ließ es geschehen und folgte Lady Amalia in die Tempelgärten. Eine Kirschallee führte zu einem kleinen Teich, der von Wildenten bevölkert war. Die Schönheit der Frühlingsidylle erschien Winter wie bitterer Hohn.
„Der Seelentausch ist eines der mächtigsten Rituale, das Sune ihren Priestern gewährt“, sprach Lady Amalia. „Und das größte Opfer, das ein Liebender dem Geliebten darbringen kann.“
„Ihr hättet das nicht tun dürfen“, sagte Winter mit erstickter Stimme.
Lady Amalia blieb stehen und sah sie ernst an. 
„Ich kenne Dorien schon seit zwanzig Jahren. Er hätte es nicht getan, wenn er eine andere Möglichkeit gesehen hätte. Er hat Euch geliebt, Winter.“
Sie spürte, wie eine dunkle, verzweifelte Wut in ihr hoch kochte. Mit einer jähen Bewegung entzog sie sich der Berührung der Priesterin. Was war das für eine Göttin, die so etwas zuließ? Welche Priesterin vollführte ein solch wahnwitziges Ritual? Wortlos wandte sie sich um und ließ Lady Amalia stehen. Nichts von dem, was die Priesterin ihr sagen konnte, würde ihre Fragen beantworten.
Sie kehrte in den Altarraum zurück und fiel vor Doriens Totenbett auf die Knie.
Es dauerte lange, bis die Tränen kamen, doch am Ende kamen sie. Winter hatte in ihrem Leben schon viele falsche Tränen geweint. Sie hatte vergessen, dass es Tränen gab, die einem die Kehle zuschnürten und einen Dolch in die Eingeweide rammten, bis man gleichzeitig zu ersticken und zu verbluten glaubte. Sie hoffte, dass diese Tränen ihm, falls er sie jetzt sehen konnte, all die Dinge sagen würden, die sie ihm nie gesagt hatte. Sie wusste nicht, ob es hätte anders kommen können. Wahrscheinlich hätte sie niemals wahrhaben wollen, dass ausgerechnet sie, die so vielen anderen das Herz gebrochen hatte, einem Mann erlegen war, der seine Gespielinnen so häufig wechselte wie seine Launen. Und wahrscheinlich hätte sein Stolz es ihm niemals erlaubt sich einzugestehen, dass sie mehr für ihn war als eine Trophäe, die er begehrte, weil er sie nicht haben konnte. Vielleicht hatte der Tod eine Geschichte beendet, die das Leben nie geschrieben hätte. Aber nun schrieben ihre Tränen diese Geschichte und sie wusste, dass nichts je wieder so sein würde wie früher.
Sie blieb bei Dorien bis zum Morgengrauen.
Bei Tagesanbruch begruben sie ihn in einem der Hügelgräber hinter dem Tempel. Keine Grabrede, nur die wortlosen Gesänge der Novizinnen begleiteten ihn auf seinem Weg.
Ein Weg, den sie hätte gehen sollen.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 01. März 2010, 02:09:23
Das war echt bedrückend... du hast aber auch grade ne kreative Phase!  :thumbup:

aber trotzdem: "Tempus, lebt der Mann meiner Frau noch?"  :-X
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 01. März 2010, 20:47:26
 :( :( :(

Geheult hab ich! Grausame Spielleiterin, Dorien zu töten. Seit Sommer 2007 kannte ich ihn. *schnüff*
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Abracadaver am 02. März 2010, 00:09:27
Hallo,

eine wirklich gelungene Story Hour, ich bin begeistert! Darf man nach Statblocks fragen, oder ist das unerwünscht? So oder so, freue ich mich auf's weiterlesen :thumbup:
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 02. März 2010, 00:26:43
Was genau sind Statblocks? Werte von NSC und SC und so?

Ja, da war der charismatischste normalsterbliche Mensch von ganz Faerun plötzlich tot... keine Küsse mehr auf Kalids Stirn, keine Witze über "Löckchen", und kein wundersames Herrenhaus...
aber mal ehrlich, Winter hätte uns allen doch mindestens genau so gefehlt. Und wenn man sich im SL-Kartell dazu entschlie0t, dass man nicht mehr so schnell stirbt, dafür dann aber auch richtig, dann ist sowas nunmal die Konsequenz... außerdem, Kalids Chef ist ja auch zurückgekehrt, nach vielen vielen Jahren. Also könnte vielleicht auch Dorien irgendwann mal zurückkommen... wer weiß  :suspious:
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Zophael am 02. März 2010, 08:32:29
Jepp, ich glaube das meint Abracadaver. Gibt's hier nicht irgendwo einen Thread, wo man seinen Char posten kann?
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 03. März 2010, 00:43:05
Hier die Werte der NSC-Gruppenmitglieder. Auf die SC in der aktualisierten Fassung habe ich im Moment keinen Zugriff- aber vielleicht will ja der ein oder andere meiner Spieler seinen Char hier posten ;-)... ich habe nur englische Regelwerke zur Verfügung, halte die Beschreibung aber meist in Deutsch - einige Übersetzungen dürften darum nicht mit der offiziellen Terminologie übereinstimmen; ich hoffe, es wird dennoch einigermaßen deutlich, was gemeint ist ;-). Regelwerke: alle (3.0. 3.5 und Pathfinder)

Dorien Dantés

Männlicher Mensch 
Hexenmeister (DnD-Gate) 3/ Menschlicher Paragon (UA) 3/ Herzwächter (F&P) 10/ Schicksalsweber (CA) 2 (18)
CG Humanoider
Initiative +5
TP 121
RK 25, Berührung 19, auf dem falschen Fuß 19  (Rüstung +6, GE +5, Ablenkung +3, Ausweichen +1)
REF +13, WIL +34, ZÄH +17
Attribute ST 10, GE 20, KO 18, IN 14, WE 8, CH 38   
Sprachen Handessprache, Sylvanisch, Elfisch
Nahkampf +11
Fernkampf   +16
GAB +11, BAB +11
BR 9m (6 Felder) 
Zauber (Zauberstufe 18)
9.Grad (5)
Zeit anhalten
8.Grad (7)
Beliebiges Verwandeln
Verdorren
7.Grad (9)
Herrliches Herrenhaus
Mächtiges Teleportieren
Regenbogenspiel
Zauber zurückwerfen
6.Grad (9)
Auflösung
Mächtige Magie bannen
Sagenkunde
Wahrer Blick
5.Grad (9)
Äußerlichkeiten
Person beherrschen
Schwachsinn
Verführung (BoEF)
Zone der Aufhebung (SC)
4.Grad (9)
Energiekugel (SC)
Mächtige Spiegelbilder (PHII)
Strahlablenkung (SC)
Versetzungstrick (SC)
Schnelligkeit (PHII)
3.Grad (10)
Blitz
Fliegen
Gasförmige Gestalt
Hast
Mächtiges Trugbild
2.Grad (10)
Dunkelsicht
Gestalt verändern
Kristalline Erinnerungen (CM)
Sengender Strahl
Unsichtbarkeit
1.Grad (10)
Alarm
Federfall
Kleine Säurekugel (SC)
Unauffälliger Diener
Verhütung (BoEF)
0.Grad (6)
Licht
Magierhand
Magie entdecken
Zaubertricks                   
Besondere Eigenschaften Attributssteigerung +2, Charismasteigerung +5, Feentransformation, Gesang der Sirene, Leidenschaftliches Herz, Lippen der Verzückung, Metamagische Zauber, Schicksal weben (2 Schicksalspunkte), Tränen von Immergold, Transferdenken
Talente Ausweichen, Beweglichkeit, Durchschlagende Zauber*, Force of Personality (CAd), Fortify Spell (CA), Geübter Magieanwender (CA), Mächtiger Zauberfokus (Verzauberung)*, Komponentenlos Zaubern, Schnell zaubern, Umgang mit exotischen Waffen (Peitsche), Zauberndes Wunderkind (FRCS), Zusätzlicher Zauber (7.Grad) * nur mit verbaler Komponente
Fertigkeiten Auftreten (Erotik) +37, Bluffen +20, Diplomatie +16, Heilkunde +15, Konzentration +25, Motiv erkennen +10, Wissen (Adel und Königshäuser) +7, Zauberkunde +23
Besondere Gegenstände: CH-Umhang +6, KO-Armschienen +4, GE_Handschuhe +4, Schutzring +3, Reistenzweste +4, Lederrüstung +4 (Zwielicht + Todesschutz), Zauberstecken des Maximierens (9.Grad)

Miu
Weiblicher Mensch (Wa, Kara-Tur)
Mönch 7/ Friedensapostel 9 (BoED) (16)
RG Humanoider
Initiative +4
TP 110
RK 44 (53*), Berührung 27 (34*), auf dem falschen Fuß 38  (Rüstung 11, natürlich 4, Ausweichen 1, Weisheit 9, Mönch 1, Geschick 34 Ablenkung 4), * mit Verbesserte Defensive Kampfweise (Ausweichen)
SR: 5/ Böses   
Resistenzen Säure 5, Kälte 5, Elektrizität 5, Feuer 5, Geräusche 5
Immunitäten: Krankheit, Gedanken wahrnehmen
REF +18, WIL +22, ZÄH +16 (+2 gegen Zauber und zauberähnliche Fähigkeiten)
Attribute ST 12, GE 19, KO 16, IN 14, WE 28, CH 20 
Sprachen Shou, Handelssprache Faerûn, Gebärdensprache
Angriff+24 unbewaffneter Schlag
Voller Angriff +24/+19 unbewaffneter Schlag (magisch/gut/ nicht tödlich) oder +22/+22/+19 Schlaghagel (1W8+4+1d4 gegen Böse Externare und Untote /20/x2)
Besondere Angriffe Betäubender Schlag (ZÄH SG 33 oder betäubt 1Runde)
BR 12 m (11 Felder) 
Zauber (Zauberstufe 13, Heilzauber 14), °BoED
9.Grad (1)
Ende allen Leids°
Massenheilung
8.Grad (2)
Aufspüren
Massen Kritische Wunden heilen
7.Grad (3)
Massen Schwere Wunden heilen
Genesung, mächtige
6.Grad (5)
Heilung
Magie bannen, mächtige
Massen Mittelschwere Wunden heilen
Schutzhülle gegen Leben
Zutritt verwehren
5.Grad (6)
Ebenenwechsel
Massen Leichte Wunden heilen
Verzauberung brechen
Wahrer Blick
4.Grad (6)
Bewegungsfreiheit
Blut des Märtyrers°
Erschöpfung aufheben
Genesung
Kritische Wunden heilen
Todesschutz
3.Grad (6)
Magie bannen
Übers Wasser laufen°
Unsichtbarkeit aufheben
2.Grad (7)
Andere schützen
Gift verzögern
Lähmung aufheben
Mittelschwere Wunden heilen
Stille
Genesung, schwächere
1.Grad (8 )
Furcht bannen
Glaubensschild
Leichte Wunden heilen
0.Grad (6)
Gift entdecken
Licht
Winzige Wunden heilen                       
Besondere Eigenschaften
Mönch:
AC-Bonus, Schlaghagel, verbesserter unbewaffneter Schlag, Bonus-Talente (Betäubender Schlag, Skorpiontritt, Gorgonenfaust),  Entrinnen, Schnelle Bewegung, Eingeübte Manöver, Ruhiger Geist, Ki-Pool, Langsamer Fall, Hoher Sprung, Reinheit des Blutes, Unversehrtheit
Friedensapostel (BoED):
Spontane Heilzauber, Untote vertreiben (20x/Tag), Besänftigende Berührung (no save, no SR), Externare vertreiben (8/Tag)
Talente Defensive Kampfweise, Friedensschwur (BoED), Geübter Zauberwirker (CD), Göttliche Metamagie (CD), Heilende Berührung (CC), Heiliger Schwur (BoED), Heiliger Ki-Schlag (BoED), Himmelsfaust (BoED), Schwur der Armut (BoED), Schwur des Gewaltverzichts (BoED), Stiller Zauber, Todesabwehr (LM), Verbesserte defensive Kampfweise, Verstärkte Heilzauber (CD), Zauberndes Wunderkind, Zusätzliches Vertreiben (CD) (3x)
Fertigkeiten Diplomatie +17, Entdecken +24, Heilkunde +24, Konzentration +22, Leise bewegen +20, Lauschen +11, Motiv erkennen +24, Springen +8, Turnen +23, Zauberkunde +20
Schwur der Armut +9 RK-Bonus (exalted), Elementen trotzen, Lebenserhalt (muss nicht essen, trinken oder atmen), +2 Ablenkungsbonus, +2 Resistenzbonus, Attributserhöhungen (+6,+4,+2), natürliche Rüstung +2, Geistesabwehr, Schadensreduzierung 5/Böses, Energieresistenzen, Bewegungsfreiheit
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Zophael am 03. März 2010, 17:18:27
Die Chars wurden in Kombination von 3.5 und Pathfinder erstellt

Grimwardt Fedaykin
männlicher Mensch
Kleriker (7. Stufe), Kriegspriester (10. Stufe), Ordained Champion (3. Stufe)
Gottheit: Tempus
Gesinnung: LN
Initiative: +8
TP: 272 / 292 (göttliche Macht) / 332 (göttliche Macht & gerechte Macht)
RK: 35, Berührung: 25, auf dem falchen Fuß: 32
max. RK: 47, Berührung: 32, auf dem falschen Fuß: 43
Ref +20, Wil +28, Zäh +25 (+2 auf alle Zauber, zauberähnliche Effekte und Gift)
Attribute: ST 16, GE 16, KO 22, IN 18, WE 31, CH 16
Sprachen: Handelssprache, Zwerg, Elf
GAB: +18/+13/+8/+3
Mit göttlicher Gunst, göttliche Macht & gerechte Macht: +40/+35/+30/+25
Schaden: 2W6+26
Mit göttlicher Gunst, göttliche Macht, gerechte Macht, Heldenmahl & Hast: +42/+37/+32+/+27/+42
Schaden: 2W6+26
Mit göttlicher Gunst, göttliche Macht, gerechte Macht, Heldenmahl, Hast & Niederstecken: +45/+40/+35/+30/+45
Schaden: 2W6+46
Domänen: Krieg, Stärke, Herrlichkeit, Schutz
Zauberstufe: 18
Besondere Eigenschaften: Untote vertreiben (22 mal pro Tag), Massen-Leichte Wundenheilen (1W8 +18) 1 mal pro Tag, Hast (schnell) 3 mal pro Tag, Massen-Heliung (180 TP) 1 mal pro Tag, Aura der Furcht (Will SG 23) 1 mal pro Tag, Becken der Heilung 95 TP pro Tag, Heldenmahl 1 mal pro Tag, Niederstecken, Ermutigen, Aufstacheln, Modifiziertes spontanes Zaubern (Kriegsdomöne spontan zaubern), Zauberkanalisieren, Göttliches Bollwerk
Talente: geübter Zauberwirker, Zauber ausdehnen, Andauernder Zauber, göttliche Metamagie (Andauernder Zauber), zusätzliches Vertreiben, Schützende Zuwendung, Gotteskrieger, zusätzliches Vertreiben, zusätzliches Vertreiben, schnelle zauberähnliche Fähigkeit, Im Kampf zaubern, Kampfreflexe, Heftiger Angriff, Robilar's Gambit, Unverwüstlich
Fertigkeiten: Diplomatie +22, Konzentration +26, Motiv erkennen +20, Wissen Adelhäuser +9, Wissen Die Ebenen +11, Wissen Geschichte +10 Wissen Religion +14, Zauberkunde +9
Besondere Gegenstände: Streitaxt +3 (Warnung & Schärfe), CH-Umhang +6, Anhänger der Weisheit +6, Schutzring +5, Mithralritterrüstung +4 (Geisterschutz, großes Bollwerk, mächtiges Geschick & Herbeirufen), schwerer Stahlschild +3 (Geisterschutz, Herbeirufen), Nimmervoller Beutel (Typ II), Stirnreif des Intellekts +6, Fußreif der Versetzung, Versorgungsring, KO-Armschienen +6, Nightstick
Andauernde Zauber  bzw. Wirkungsdauer 24 Std.: göttliche Gunst, göttliche Macht, Wahrer Blick, überlegene Resistenz
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 03. März 2010, 18:37:16
Hab Faust grade mal für die Wiki vorbereitet. Hier schonmal die Werte (allerdings alles ungepimpt):

http://forum.dnd-gate.de/index.php/topic,25247.45.html

mit Göttlicher Gunst und Gerechter Macht und so wirds natürlich noch ne Ecke besser : )
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Abracadaver am 03. März 2010, 21:40:30
Danke, genau das meinte ich. Jetzt kann ich mir auch ein paar Zahlen hinter der schönen Geschichte vorstellen:)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 03. März 2010, 21:50:22
Hier folgt Winter Fedaykin Dantés

weiblicher Mensch
Dieb (Pathfinder) 4 / Hexenmeister (DnD-Gate) 5 / Arkaner Betrüger (Pathfinder) 10 / Unseen Seer 1
chaotisch neutral
Initiative +9
TP 211
RK 26, Berührung 24, auf dem falschen Fuß 20  (Rüstung +6, GE +6, Ablenkung +4)
REF +22, WIL +25, ZÄH +15 (Resistenzweste +4)
Attribute ST 8, GE 22 (Handschuhe +6), KO 22 (Armschienen +6), IN 16 (Stirnreif +6), WE 10, CH 29 (Umhang +6)  
Sprachen Handessprache
Nahkampf +9
Fernkampf   +16
BAB +10
Strahlangriff +17 (+18 innerhalb 9 m)
BR 9m (6 Felder)

Zauber (Zauberstufe 20)

8.Grad (fünf)
Mächtiges Brüllen
Verdorren (in Gedenken an Dorien)

7.Grad (sechs)
Eisenwacht
Mächtiges Teleportieren
Regenbogenspiel
Zauber zurückwerfen

6.Grad (acht)
Auflösung
Großer Heldenmut
Kugelblitz
Mächtige Magie bannen
Wahrer Blick

5.Grad (acht)
Ausspähende Augen
Berührung der Nacht
Person beherrschen
Schwachsinn
Unverwüstlicher Kämpe
Verzauberung brechen

4.Grad (acht)
Entkräftung
Evards Tentakel
Furcht
Steinhaut
Versetzungstrick

3.Grad (acht)
Drachenhaut
Feuerball
Fliegen
Kreistanz
Vampirgriff

2.Grad (neun)
Gedanken wahrnehmen
Gegenstand aufspüren
Magic Probe
Sengender Strahl
Spiegelbilder

1.Grad (neun)
Freiwilliger Wechsel
Geheimtür entdecken
Magisches Geschoss
Personen bezaubern
Schwächestrahl

0.Grad (sechs)
Botschaft
Gift entdecken
Licht
Magierhand
Magie entdecken
Magie lesen
Schreibgehilfe
Stilles Portal
Zaubertricks
                  
Klassenfertigkeiten:
Hinterhältiger Angriff 8W6 +20 (von Craven), Fallen finden, Entrinnen, Fallengespür, Reflexbewegung, weitreichende Fingerfertigkeit, 2 x täglich improvisierter Hinterhältiger Angriff, 5 x täglich gestenlos und still zaubern, 10 Runden täglich erweiterte Unsichtbarkeit, hinterhältiger Angriffsschaden auf alle Schadenszauber wenn Opfer auf falschem Fuß

dauerhafte Zauber:  Magie entdecken, Unsichtbares sehen, Dunkelsicht

Talente:
Verbesserte Initiative, Kernschuss, geübter Magieanwender, Schnellzaubern (Meta), Craven, Präzisionsschuss, Eiserner Wille, 3 x zusätzlicher Zauber (bis 5./6./7. Grad), zauberndes Wunderkind, surprise Attack, Waffenfokus Strahl, Eschew Material, geteilter Strahl (Meta)

Fertigkeiten:
Entdecken +19, Fälschen +7, Fingerfertigkeit +21, Konzentration +22, Leise bewegen +11, Mechanismus ausschalten 23 (25 bei Fallen), Motiv erkennen +4, Schlösser öffnen +25, Suchen +18 (+20 bei Fallen), Verstecken +14, Wissen Arkanes +13, Zauberkunde +19

Besondere Gegenstände:
CH-Umhang +6, KO-Armschienen +6, GE-Handschuhe +6, Int-Stirnreif +6, Schutzring +4, Resistenzweste +4, Lederrüstung +4 Zwielicht + Todesschutz (die von Dorien  :(), Zepter des Maximierens 9.Grad (auch von Dorien), Zepter des Schnellzauberns 9. Grad, Unsichtbarkeitsring, Rapier +3 Schärfe + Warnung, Verkleidungshut, Nimmervoller Beutel III, Amulett des Wasseratmens, Stab der Dunkelheit, Magieschmiedemonokel, Brosche telepatisches Band, Maske des Erkennens, Dolche des Verschwindens +4, Adrat-Schlüssel für Silbrigmond, Ring der 9 Leben, Kelch des Amaunator
(wenn mich mal einer plündert...)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 03. März 2010, 22:55:53
Oh, haste dich jetzt für Mächtiges Brüllen als Zauber entschieden? Ist der so gut?
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 04. März 2010, 20:23:51
Ich hab den eigentlich mehr aus der Verlegenheit heraus genommen...er scheint ganz ok, aber ich lasse mich gerne eines besseren belehren. Der Zauber passt auch gar nicht richtig zu Winter. Bin etwas unglücklich damit.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 05. März 2010, 01:40:53
Also, es gäbe da ja noch Ottos Unwiederstehlichen Tanz. Der erlaubt halt keinen Rettungswurf und der Gegner kann für 1W4+1 Runden nix anderes tun als tanzen und verursacht dabei auch noch in jeder Runde Gelegenheitsangriffe. Allerdings funktioniert Zauberresistenz dabei. Ähnlich gut wäre Irrgarten, mit dem Tom Bekanntschaft gemacht hatte. Allerdings nicht so toll bei Gegnern mit hoher Intelligenz.
Was natürlich auch sehr gut ist, auch wenn es nur Grad 4 ist, wäre dieser Assay Spellresistence... also Zauberresistenz Abschätzen oder so ähnlich, aus dem Zauberkompendium. Würde dir halt ein +10 auf alle Würfe gegen einen gegner geben, um dessen Zauberresistenz zu knacken. Und ich glaube, in Zukunft werden wir noch oft Gegner mit hoher Resistenz bekommen. Daher wäre der wohl ne gute Wahl ;)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 08. März 2010, 01:25:24
Kapitel VIII: Der Elfenbaum

Boltor
Am nächsten Tag in Myth Drannor.
Als Boltor die Türme der Elfenstadt erblickte, entschied der Zwerg, dass für heute etwas Stärkeres hermüsse als das gute alte Markenbräu, und befahl seinem magischen Humpen ihm Rum einzuschenken: Gegen ein Spitzohr reichte eine gut gezielte Kopfnuss, für zehn musste schon ein Schlaghagel her. Aber gegen eine ganze Stadt davon half nur das Wachkoma.
Die Frage nach ihrem nächsten Ziel hatte für einige Auseinandersetzungen zwischen den Gefährten gesorgt. Der Kriegspriester hatte darauf gedrängt, dass sie zuerst in seiner Abtei nach dem Rechten sahen, während es seine Schwester zu ihrer Tochter in ein Dorf am Ashabafluss zog. Die Halbdrow und ihr halborkischer Gefährte waren auf der Suche nach ihrer Zirkustruppe, die sie im Schattental vermuteten. Allein Boltor war es gleich, wohin es ihn verschlug, solange er seinen Humpen bei sich hatte. Faust schließlich war am Glücklichsten, wenn er irgendwen zusammenschlagen konnte, und seine schweigsame Freundin schien keine eigene Meinung zu haben. Doch am Ende hatte sich der Elfenkämpfer durchgesetzt, der darauf bestand, seiner Heimatstadt in der drohenden Schlacht beizustehen. Um sich für ihre Rettung erkenntlich zu zeigen, hatte die Halbdrow dem Wunsch ihres alten Gefährten entsprochen. Da der magietote Bereich sich inzwischen auch auf den Cormanthorischen Wald erstreckte, war sie die einzige, deren Zauber hier wirkten. Ihre Schattensprünge hatten die Helden innerhalb weniger Stunden nach Myth Drannor gebracht. Selbst die magischen Gegenstände der anderen schienen an diesem Ort nutzlos. Allein Boltors Humpen war ihm – auf mysteriöse Weise – ein treuer Freund geblieben.
Vor den Toren Myth Drannors herrschte reges Treiben. Ein Strom von Flüchtlingen aus Cormanthyr und den westlichen Tälern wälzte sich über die Hügelkuppe auf die Stadt zu. Als die Halbdrow inmitten der Flüchtlingsstadt die Kuppel eines Zirkuszelts aufleuchten sah, stieß sie einen Schrei der Überraschung aus und eilte mit dem Orkbarden davon. Eine abgezehrte Reitertruppe mit Tempus-Standarte erregte die Aufmerksamkeit des Kriegspriesters. Winter verschwand ohne ein Wort der Erklärung im Getümmel und die stumme Karaturianerin wurde aufgehalten, als sie einem kranken Kind zur Hilfe eilte. Der Elf schließlich machte sich auf die Suche nach seinem Vorgesetzten. Da Boltor nicht als einziger zurück bleiben wollte, schloss er sich Faust an, den es zum Haupttor zog.
Vor den verschlossenen Toren der Elfenstadt bahnte sich ein Tumult an. Elfenschützen, die hinter den Wehrscharten des Walls Stellung bezogen hatten, hielten ihre Bögen gespannt und stießen wüste Drohungen gegen einen Bauernmob aus, der versuchte, sich mit einem zum Rammbock umfunktionierten Kutschbock Zutritt zur Stadt zu verschaffen.
„Was ist hier los?“, dröhnte Fausts Ruf durch das Getümmel.
„Die Hurensöhne wollen uns hier vor den Toren verrecken lassen!“, schallte es aus der Menge. „Die lassen nur noch ihre eigenen Leute rein! Wir haben Hunger und brauchen frisches Wasser!“
„Hey!“ Faust formte seine Hände zum Trichter und brüllte den Wall an. „Lasst die Leute ein!“
Keine Antwort.
„Hochmütiges Elfenpack“, schnaubte der Kämpfer.
„Ay!“ Das war sein Stichwort. Boltor erhob zustimmend seinen Humpen.
Faust machte derweil Anstalten sich dem rammwütigen Bauernpack anzuschließen. Doch schon nach dem ersten Ansturm ließ ihn etwas innehalten. Abrupt wandte er sich um und zog den Zwerg mit sich in die Menge, wo die Halbdrow Razeema in magischer Verkleidung auf sie wartete. Offenbar hatte sie dem Kämpfer eine ihrer telepathischen Nachrichten zukommen lassen.
„Mir fiele da eine dezentere Methode ein, in die Stadt zu gelangen“, sagte sie spöttisch.
Mit Razeemas magischer Hilfe war der Wall kein Hindernis mehr. Auf der anderen Seite wären sie beinahe mit einem Schützen zusammengeprallt, der in Eile einen Wehrturm hinunter stürmte. Faust krallte sich den Fremden und stieß ihn, einem Impuls folgend, in den Eingang einer Hausruine.
„Hey, was…?“
„Was soll das heißen, ihr lasst keine Flüchtlinge rein?“, knurrte Faust. „Da draußen warten Kinder, und Verwundete. Die meisten sind schon seit Tagen auf der Flucht. Seit wann ist Myth Drannor ein elfischer Eliteclub?“
„Wir stehen kurz vor einem Angriff!“, fauchte der Elf. „Was maßt Ihr Euch an! Wer seid Ihr überhaupt? Euch habe ich hier noch nie gesehen.“
„Wer ist dein Vorgesetzter?“
„Ich habe wirklich keine Zeit für diesen Mummenschanz!“ Spitzohr riss sich los und machte Anstalten sich aus dem Staub zu machen. Faust stieß ihn gegen die Wand.
„Wer ist dein Vorgesetzter“, wiederholte er schroff.
Der Elf musterte ihn verächtlich.
„Hauptmann Fflar Melruth ist der Anführer der Ark’Velahr“, zischte er. „Was du wüsstet, wenn du hierher gehören würdest. Und wenn du mich nicht sofort gehen lässt, verspreche ich dir, dass der Hauptmann noch dein geringstes Problem sein wird!“
„Wo finde ich diesen Fflar?“
„Such ihn doch selbst!“
Diesmal erklang ein lautes Rumpeln, als Spitzohr in einen Trümmerhaufen segelte. Boltor prostete Faust anerkennend zu. Sein Stil gefiel ihm. Der Elfenschütze, der vor Wut in sein wirres Kauderwelsch verfiel, rief seine Kameraden um Hilfe an. Frohlockend rieb sich Boltor die Hände: Das klang nach einer heiteren Schlägerei. Doch Boltor wurde enttäuscht.
„Hauptmann Fflar wohnt dem Elfenrat im Palast bei“, sagte der Elf abfällig. „Versuch nur, ihn mit deinen belanglosen Nörgeleien zu belästigen. Die Stadt ist zwar hoffnungslos überfüllt, aber ich will wetten, dass ein Unruhestifter wie du in unseren Kerkern noch Platz findet!“
Faust streckte sich und ließ tatendurstig seine Fingerknochen knacken.
„Wie sieht’s aus, Razeema? Kannst du uns in den Palast bringen?“

Grimwardt
„Er liegt hier drüben“, sagte Nimoroth und führte den Freund an das Krankenlager von Waffenmeister Borgo. Der Waldelf hatte das ausladende Zirkuszelt von Heinos Wandertruppe zum Lazarett umfunktioniert, um die Flüchtlinge mit dem Nötigsten zu versorgen.
„Wann sind sie angekommen?“, fragte Grimwardt.
„Gestern Abend“, erwiderte der Druide. „Hast du schon mit dem Rest der Truppe gesprochen?“
Grimwardt nickte düster in seinen Bart hinein. Seine Männer hier unter den vertriebenen Talisern zu finden war das letzte, womit der Kriegspriester gerechnet hätte. Die Abtei des Schwertes war in seiner Abwesenheit vom Feind überrannt worden und die kläglichen Reste seines Heers hatten sich nach Myth Drannor zurückgezogen, um sich den Elfen im Kampf gegen die Allianz von Besetzern anzuschließen. Wie ein Pack hungriger Wölfe waren Drowclans, Orkbanden und triumphierende Sharianer über die schutzlose Bevölkerung der magietoten Lande hergefallen. Ohne die Protektion ihrer mächtigen Beschützer – Elminster vom Schattental und Sturm Silberhand – hatten die Taliser ihren Feinden nicht viel entgegen zu setzen. Und auch Grimwardt hatte sie enttäuscht. Er hätte sich niemals von Winter überreden lassen dürfen, das Schlachtental zu verlassen! Die Abtei zu verlieren war schmerzlich genug, doch nicht dabei gewesen zu sein, als sie fiel, nagte an ihm wie Rost am Eisen.
„Waffenmeister?“
Der Zwerg hatte einige Knochenbrüche erlitten und viel Blut verloren, doch er war zäh wie raues Leder und würde es überleben.
„Herr Priestergeneral“, murmelte Borgo und richtete sich halb auf.
„Was ist geschehen?“, brummte Grimwardt.
Der Zwerg fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen.
„Es war Gaum Auzkovyn mit seinen Leuten“, krächzte der Verwundete. „Sie wurden von einer Sharpriesterin begleitet. Es tut mir Leid, Herr. Wir waren in der Unterzahl.“
Gaum Auzkovyn, der alte Drecksack!
 Der Name seines Erzfeindes brachte Grimwardts Blut in Wallung. Der Clanführer eines Trupps dunkelelfischer Exilanten hatte der Abtei des Schwertes schon einmal einen schweren Verlust zugefügt. Grimwardt war noch ein Novize gewesen, doch er konnte sich noch gut an den Tag erinnern, als Eldan Ambrose, der Gründer der Abtei, in der Schlacht gegen die Drow sein Leben gelassen hatte. Damals war ein Clan von Dunkelelfen durch ein Portal in die Katakomben der Abtei eingedrungen. Eldans Leute konnten den Angriff abwehren, doch beim Versuch das Portal zu zerstören war Ambrose von zwei Glabrezu unter Auzkovyns Befehl getötet worden. Vor fünf Jahren schließlich hatte der Clanführer einen zweiten Versuch unternommen, die Abtei zu bezwingen. Nach der Wiederauferstehung der Spinnenkönigin war es dem Vhelraun-Priester gelungen, andere vertriebene Drowclans um sich zu scharen, die während der Zeit von Lolths Schweigen mit der Göttin gebrochen hatten. Doch auch dieses Mal war es den Verteidigern der Abtei gelungen, die Drow in die Flucht zu schlagen. Der Gedanke, dass Gaum nun zurückgekehrt war, um Grimwardts Platz einzunehmen und die Abtei als Ausgangspunkt für Überfälle auf die Talländer zu nutzen, trieb Grimwardt die bleiche Wut ins Gesicht.  
„Wie hat er das angestellt?“, knurrte er.
„Er befehligt ein Monster – eine grässliche Kreatur: so groß wie ein Sturmriese und unförmig wie ein klobiger Fels. Unter seiner rissigen, steinernen Haut scheint es gänzlich aus Lava zu bestehen. Nachdem das Monster das Haupttor zertrümmert hatte, stürmte Gaum mit seinen Männern die Abtei. Unsere Leute kämpften tapfer und verbissen und unter normalen Umständen hätten wir den Sieg davongetragen, da bin ich mir gewiss. Doch durch den magischen Bann blieb uns Tempus’ helfende Hand verwehrt. Ohne den Beistand des Feindhammers war die Abtei dem Untergang geweiht…“
„Das wollen wir erst noch sehen“, erwiderte Grimwardt düster. „Wo ist Schwertführer Jareth?“
Borgo zögerte und der Kriegspriester begriff, dass sein Unbehagen nicht allein von seinem zertrümmerten Ellbogen herrührte.
„Herr“, begann der Zwerg steif. „Bevor ich weiterrede, lasst mich Euch versichern, dass ich nicht aus Feigheit oder mangelndem Respekt gehandelt habe.“
„Raus mit der Sprache“, brummte Grimwardt.
„Nun, ihr kennt ja Schwertführer Jareth“, fuhr der Waffenmeister fort. „Unbeugsam und stolz wie ein Archon. Er weigerte sich aufzugeben, selbst als die Schlacht schon längst verloren war. Ich… ich widersetzte mich seinem Befehl und führte eine Gruppe von Rekruten auf dem Fluchtweg durch die Katakomben aus der Abtei. Was bringt aller Heldenmut, wenn niemand mehr da ist, um das Volk zu schützen, das wir beim Feindhammer geschworen haben, zu verteidigen?“
Grimwardt nickte düster in seinen Bart hinein. Er würde Borgo keine Absolution erteilen – schließlich war es nicht sein Befehl, dem er sich widersetzt hatte. Doch er würde ihn auch nicht verurteilen. Die Logik des Zwergs erschien ihm gerechtfertigt. Immerhin gab es noch Hoffnung: Myth Drannor verfügte über Artefakte, denen selbst eine magietote Zone nichts anzuhaben vermochte. Wenn es ihnen gelänge, die Gefahr von der Elfenstadt abzuwenden, dann wäre die Rückeroberung der Abtei eine reine Formsache.
Nachdem er sich versichert hatte, dass seine Leute gut versorgt waren, trat Grimwardt zu Nimoroth, der vor dem Zelt auf ihn wartete.
„Wirst du mit uns kommen?“, fragte er.
Nimoroth schüttelte den Kopf.
„Ich habe das Gefühl, dass ich hier eher gebraucht werde.“
Schweigend verfolgten sie die Zirkusnummer eines gnomischen Jongleurs, der vor einem Artistenwagen eine Gruppe von Flüchtlingskindern bei Laune hielt. Grimwardt stutzte. Kam ihm der kleine Rotschopf dort in der ersten Reihe nicht bekannt vor?

Winter
„Scarlet!“, rief Winter, während ihr Blick suchend durch die Menge irrte.
„Dieses Kind!“ Schimpfend hinkte Winters Mutters ihrer Tochter hinterher.  Die Wangen der drallen Wirtshausbesitzerin waren vor Aufregung gerötet und die Furunkel, die sie von den Strapazen der Flucht davongetragen hatte, erschwerten ihr das Laufen. Doch wie alle Fedaykins war sie störrisch und stur und wäre eher gestorben als sich ihre Schwäche einzugestehen. „Ständig läuft sie davon und bringt sich in Schwierigkeiten.“
Wie oft hatte Winter diesen Satz schon von ihrer Mutter gehört.  Doch jetzt war nicht die Zeit für nostalgische Kindheitserinnerungen. Winter hatte ihre Eltern und Schwiegereltern unter den Flüchtlingen wieder gefunden. Auf der Flucht vor den Besatzern hatten sie nur das Nötigste zusammengerafft und sich dem Strom nach Osten angeschlossen.  Die Schimpftiraden ihrer Mutter verwunderten Winter: Scarlet war immer ein braves Kind gewesen. Sie hatte ihr nie etwas zweimal sagen müssen. Was trieb sie plötzlich dazu, sich vom Lagerplatz ihrer Großeltern davonzustehlen? Nicht auszudenken, was ihr hier alles passieren konnte: Hunger und Not hatten schon so manchen Flüchtling zu verzweifelten und schändlichen Taten getrieben. Umso größer war Winters Erleichterung, als sie den roten Lockenkopf ihrer Tochter plötzlich hoch über den Köpfen der Menge aufleuchten sah: auf den Schultern ihres Onkels.
„Sieh mal, wen ich bei den Zirkusleuten gefunden habe“, sagte Grimwardt und ließ seine Nichte zu Boden gleiten. Doch anstatt ihrer Mutter in die Arme zu laufen, ergriff Scarlet die Hand ihres Onkels und vergrub das Gesicht in seiner Armbeuge.
„Scarlet?“ Winter kniete sich besorgt zu ihr herunter. „Geht es dir gut?“
Keine Antwort.
„Schatz, was ist los?“
„Ni-hichts!“, kam es in der Tonlage von „Lass mich in Ruhe!“ aus Grimwardts Armbeuge. Mit sanfter Gewalt löste sich der Kriegspriester von dem kleinen Klammeraffen und schob sie ihrer Mutter in die Arme.
„Ich lasse euch wohl mal ein wenig allein“, grummelte er und verdrückte sich.
Scarlet indessen verweigerte sich trotzig der mütterlichen Umarmung. Ihr Anblick versetzte Winter einen schmerzlichen Stich. Sie sah aus wie Dorien, wenn sie unglücklich war.
„Scarlet“, sagte sie ernst. „Sag mir, was passiert ist.“
„Nichts ist passiert!“, fauchte Scarlet und verschränkte patzig die Arme vor der Brust. „Nichts, außer dass meine Mutter eine Lügnerin ist!“
„Eine…“ Winter fuhr erschrocken zusammen. „Scarlet, wer hat dir diesen Unsinn erzählt!“
„Na, der dunkelhäutige Priester!“, grollte Scarlet. „Als du mich mitten in der Nacht aus dem Bett gezerrt hast und zu den Großeltern ins Gasthaus gebracht hast! Du hast gesagt, es wäre alles in Ordnung, aber der Priester sagte, dass du lügst. Du hast auch gesagt, dass ich dort sicher wäre und auch das hat nicht gestimmt!“
„Schatz, ich weiß, die Flucht hat dir Angst gemacht, aber ich verspreche dir…“
 „Ich habe keine Angst!“, fuhr Scarlet sie an. „Und ich will auch keine von deinen Versprechungen! Ich will eine Axt! Ich will bei Onkel Grim in der Abtei lernen, wie man kämpft.“
„Scarlet, du bist noch zu jung, um zu kämpfen.“
„Aber alt genug, um entführt zu werden?“
„Der Mann, der dich entführt hat, war ein sehr böser Mann und...“
„Immerhin hat er mich nicht angelogen!“, sagte Scarlet bitter und schluckte heftig, um die Tränen zurückzuhalten. „Verstehst du nicht?  Ich will lernen, mich zu verteidigen! Du kannst es nämlich nicht! Du bist ja nie da!“
Das saß. Mit Entsetzen bemerkte Winter, dass sie ihre Tochter kaum noch wieder erkannte. War dieses verstörte aber wild entschlossene Mädchen dasselbe Kind, das noch vor wenigen Tagen im Atelier ihres Großvaters Kätzchen gejagt und sich mit Blaubeermarmelade bekleckert hatte? Wann hatte Scarlet aufgehört, dieses Kind zu sein? Erst die Entführung, dann die Flucht, die ständigen Ortswechsel… Hatte sie das alles vielleicht schlechter verkraftet, als Winter geglaubt hatte?
Und nun muss ich alles noch schlimmer machen…
Winter schloss die Augen und holte tief Luft.
„Scarlet, ich verspreche dir, dass du mit dem nächsten Jahrgang von Rekruten mit der Ausbildung anfangen kannst, wenn das wirklich dein Wunsch ist“, begann sie.
„Gut…“, sagte Scarlet überrumpelt und rieb sich misstrauisch die Arme. „Wirklich?“ So schnell hatte sie nicht mit einem Erfolg gerechnet.
„Aber jetzt musst du mit mir zu deinen Großeltern kommen“, fuhr Winter mit ernster Miene fort. „Ich… ich muss euch etwas sagen.“
Wenige Minuten später waren alle im Lager von Winters Eltern vereint. Doch als sie in die ahnungslosen Gesichter ihrer Schwiegereltern blickte, wusste sie nicht, wie sie anfangen sollte.
„Es gibt etwas, das ich euch sagen muss“, begann sie stockend und senkte den Blick. Unmöglich, Doriens Mutter dabei in die Augen zu blicken. „Etwas, das auszusprechen mir sehr schwer fällt. Dorien ist von uns gegangen… Dein Vater, Scarlet, ist tot.“
Zuerst Verständnislosigkeit, dann langsames Begreifen.
Meister Dantés fing seine Gattin auf, als sie taumelnd nach seiner Hand griff. Ihr ersticktes Schluchzen brachte den Kloß in Winters Hals beinahe zum Bersten. Würde dieser Schmerz jemals nachlassen? Dann spürte sie Scarlets Hand, die scheu nach ihrer tastete, und versuchte sich ein Lächeln abzuringen. Doch der Kloß in ihrem Hals verzerrte den Versuch zu einer kläglichen Grimasse. Scarlets Blicke aus blauen Kinderaugen flackerten verunsichert über ihr Gesicht, als versuche sie aus ihrem Gesichtsausdruck abzulesen, was wohl die angemessene Reaktion auf eine solche Nachricht war.
„Ich… ähm… ich glaube, ich mochte ihn“, sagte sie vorsichtig.
Sie hat ihn kaum gekannt, durchfuhr es Winter. Dorien hatte gerade erst begonnen, sich seiner Tochter zu nähern. Nicht einmal ein halbes Jahr war es her, dass er eines Morgens im Hafen von Hlondeth aufgetaucht war, um sie zu sehen. Für Scarlet war er nur einer in einer Reihe von Vätern, die einer nach dem anderen wieder aus ihrem Leben verschwunden waren. Vielleicht war es besser so. Vielleicht hatte das Schicksal ihn absichtlich aus ihrem Leben fern gehalten. Winter war dankbar dafür, dass ihre Tochter nicht empfand, was sie empfand.
„Eines Tages“, sagte sie leise, „werde ich dir alles erzählen. Eines Tages wirst du verstehen, was für ein großartiger Mann er war.“
Als Winter den Tränenschleier vor ihren Augen fortblinzelte, erkannte sie Grimwardt und Kalith, die respektvoll einige Schritte entfernt auf sie warteten. Auch Scarlet war das Auftauchen des Elfen nicht entgangen.
„Ihr geht wieder fort, habe ich Recht?“, murmelte sie, während sie mit den Füßen im Kies scharrte. „Du und Onkel Grim.“
Winter blickte Kalith an.
„Wir müssen uns beeilen“, sagte der Elf. „Der Elfenrat tagt gerade im Palast.“
Winter nahm ihre Tochter in die Arme und wiegte sie sanft hin und her, wie sie es getan hatte, als Scarlet noch ein kleines Kind gewesen war.
„Es ist sehr wichtig, dass wir das tun“, sagte sie. „Es ist wichtig, damit alles so werden kann wie früher und du zu Onkel Grim in die Schwertschule gehen kannst.“
Scarlet seufzte.
„Immerhin lügst du diesmal nicht“, murmelte sie.
Winter spürte, wie ein trauriges Lächeln sich auf ihr Gesicht stahl und war froh, ihr Gesicht in Scarlets Haaren verbergen zu können. Natürlich würde nichts wieder werden wie früher.

Faust
Kurz darauf in der Ratshalle des Hochpalasts
Das Surren eilig gezogener Schwerter empfing Faust, als er mit dem Zwergen und der als Elfe getarnten Halbdrow in die Versammlung des Elfenrats platzte. Innerhalb eines Augenblicks waren die Eindringlinge von zehn elfischen Schwertkämpfern umzingelt, die nicht den Anschein machten als wollten sie sich mit unnötigen Fragen aufhalten.
Tampá!“, ließ ein eilig gebrüllter Befehl sie innehalten. Kalith bahnte sich einen Weg durch die Klingenwand und stellte sich schützend vor seine Gefährten. „Die gehören zu uns.“
Das Schwerterdickicht lichtete sich ein wenig und Faust erkannte, dass sie inmitten einer Halle aufgetaucht waren, die von einer gläsernen Kuppel überdacht wurde. Grimwardt und Winter waren ebenfalls da und vom unverhofften Auftauchen der Gefährten nicht minder erstaunt. Das Sonnenlicht, das durch die Kuppel flutete, malte goldene Schattenbilder auf den Boden und vier schlanke Erlen verliehen der Halle die Verspieltheit eines Innenhofs.
Doch auch die freundlichste Atmosphäre vermochte die Aufregung nicht zu dämpfen, in die das Auftauchen der drei Eindringlinge den Elfenrat gestürzt hatte. Mehrere Ratsmitglieder waren von ihren Lehnstühlen aufgesprungen und ein schwer gerüsteter Sonnenelf, der sich schützend vor den Thron seiner Königin geworfen hatte, beschoss Kalith mit einer Reihe schneidender Fragen in seiner Muttersprache. Die Folge war, dass auch der Träger der Kriegsklinge ins Visier der zehn Elitekämpfer geriet. Faust, der ein wenig Elfisch sprach, entnahm dem rasenden Wortwechsel, dass Kaliths Vorgesetzter einen Hinterhalt vermutete, und sich zu vergewissern versuchte, dass Kalith nicht ein Schattenmagier in Verkleidung war. Seine Antworten schienen den Sonnenelf zu befriedigen und die Lage entspannte sich ein wenig.
„Fflar Melruth?“, riet Faust. Der Elfenkämpfer musterte ihn aus kühlen grauen Augen und gab seinen Männern den Befehl sich zurückzuziehen. Er selbst jedoch machte keine Anstalten, seine Waffe zu senken, die, wie Faust erkannte, ähnlich wie Kaliths Schwert, selbst jetzt noch in eisigem Licht erstrahlte.
„Man weigerte sich, uns einzulassen, darum mussten wir improvisieren“, erklärte Faust ihren dramatischen Aufzug.
„Wie seid Ihr hier rein gekommen?“
 „Wir sind mit Hilfe eines Artefakts in den Palast teleportiert.“ Razeemas dreiste Lüge entlockte Faust ein anerkennendes Schmunzeln. Dann runzelte er angriffslustig die Stirn.
„Könnt Ihr mir erklären, weshalb vor Euren Toren verzweifelte Flüchtlinge um Einlass betteln, während Ihr Euch hinter Euren Palastmauern verkriecht?“, fragte er provokant. „Sollen sich die Bauern und Knechte aus den Tälern vielleicht mit Heugabeln und Besenstielen gegen das Heer der Allianz verteidigen, das auf Myth Drannor zurückt?“
Faust hasste Elitedenken. Als unehelicher Sohn einer damaranischen Adligen hatte er am eigenen Leibe erfahren, was es heißt, nach dem Blut beurteilt zu werden, das durch seine Adern floss. Für elfische Suprematie hatte er darum nicht das geringste Verständnis. Seine aufrührerischen Worte zeigten das gewünschte Resultat: Ein Großteil der Ratsmitglieder war von seinen Sitzen aufgesprungen und bombardierte den menschlichen Kämpfer mit wüsten Verwünschungen. Selbst Kalith runzelte missbilligend die Stirn.
„Aus welchem Grund sollte ich mich vor Euch rechtfertigen!“, zischte Fflar und machte einen drohenden Schritt in Richtung des Unruhestifters. In diesem Moment erhob sich die Königin, die den Schlagaustausch mit unbewegter Miene verfolgt hatte, und ergriff beschwichtigend den Arm des Hauptmanns.
„Wenn überhaupt bin ich diejenige, die sich rechtfertigen müsste“, sagte sie mit freundlicher Bestimmtheit und Fflar senkte entschuldigend den Kopf. „Doch ihr werdet sicher verstehen, dass ich als Regentin des Elfenhofs wie alle Herrscher zunächst meinem eigenen Volk gegenüber verpflichtet bin“, sagte sie an Faust gewandt. „Wie Ihr ja bereits selbst erwähnt habt, steht diese Stadt kurz vor einem Angriff, der alles zerstören könnte, was wir in den letzten Jahren so mühsam aufgebaut haben. Der Angriff auf Mystras Gewebe hat uns von all unseren Verbündeten abgeschottet. Die Portale nach Immerdar, Silbrigmond und Immerschwinge wurden außer Kraft gesetzt. Auch der Schutzwall des Mythals ist beschädigt. Sollen wir dem Feind auch den letzten Triumph gönnen, indem wir zulassen, dass unsere Vorräte aufgebraucht werden, noch ehe der Kampf begonnen hat? Auch unsere Versorgungssysteme basieren auf Magie. Die Menschen aus den Talländern haben unser tiefstes Mitgefühl, doch niemand hat sie gezwungen, hierher zu kommen. Sie hätten nach Essembra flüchten können, das noch nicht vom Feind eingenommen wurde, oder in den Süden. In der Tat steht ihnen diese Möglichkeit noch immer offen. Wenn sie hier bleiben, um mit uns zu kämpfen, sind sie auf sich allein gestellt.“
Die diplomatischen Worte der zierlichen Elfe besänftigten selbst Fausts rebellisches Gemüt.
„Lasst wenigstens die Kinder und Kranken in die Stadt“, sagte er in gemäßigtem Tonfall.
„Um sie von ihren Eltern und Verwandten zu trennen?“ Coronal Ilsevele schüttelte den Kopf. „Nein, es muss einen anderen Weg geben.“
„Ich fürchte, wir bringen noch mehr schlechte Neuigkeiten.“ Grimwardt war vorgetreten, um die Diskussion auf den eigentlichen Grund ihres Kommens zu lenken. „Fürstin Alustriel von Silbrigmond schickt uns. Unsere Erkundungen auf der Schattenebene lassen vermuten, dass Hadhrune von Umbra der Drahtzieher hinter dem Angriff auf das magische Gewebe ist. Und dass er es auf die Nesserrollen abgesehen hat. Oder besser gesagt auf den Elfenbaum.“
„Den Quess Ar Teranthvar?“  
Grimwardts Eröffnung versetzte den Elfenrat in helle Aufregung. Nachdem der Kriegspriester die ganze Geschichte erzählt hatte, trat einer der Elfenmagier vor und bat um Ruhe. Sofort verstummten alle Diskussionen.
„Mein Name ist Araevin Teshurr“, sagte der Sonnenelf. Faust blinzelte: Lag es an der Veränderung des Lichts oder hatten seine Augen gerade die Farbe gewechselt? „Der Turm der Winde, die alte Zauberakademie von Myth Drannor, wird erst seit kurzem wieder genutzt. Einige Fakultäten wurden noch nicht restauriert. In diesem Teil der Türme befindet sich auch der Quess Ar Teranthvar. Er wird von einem Hochmagier beschützt, der beim Untergang Myth Drannors mit dem Turm verschmolz. Mit Hilfe von magischen Projektionen war es ihm möglich, den Turm der Winde  über die Jahrhunderte vor Plünderungen zu bewahren. Darcassan ist der einzige, der weiß, wo sich der Baum befindet. Doch mit dem Wegfall der Magie sind auch seine Projektionen verschwunden. Ich kenne kein Mittel, das es uns erlauben würde, mit ihm in Kontakt zu treten.“
„Das lasst unsere Sorge sein“, sagte Faust. „Könnt Ihr uns in diesen Turm bringen?“
Araevin nickte. „Folgt mir.“

Grimwardt
Kurz darauf.
Der Turm der Winde hatte seinen Namen nicht von ungefähr. Das säuselnde Pfeifen, das durch die Wipfel der beiden Schattenkronen strich, die den Turm begrenzten, mochte für elfische Ohren angenehm klingen, doch Grimwardt fühlte sich durch das zittrige Gewimmer allenfalls an das Wehgeschrei eines sterbenden Heulers erinnert. Das gewundene Gebilde hatte keinen sichtbaren Eingang. Doch Araevin trug einen Ring mit einem Siegel, das, in ein Mosaik am Boden eingelassen, ein Portal ins Innere der Magierschule aktivierte. Offenbar handelte es sich bei dem Siegelring um ein von den Elfengöttern gewährtes Artefakt, was seine Resistenz gegen Antimagie erklärte. Der Elfenmagier leitete die kleine Gruppe durch gläserne Hallen und gewundene Gänge, bis sie schließlich in einen unbemöbelten Raum traten. Die Astgabel, die die westliche Wand durchstoßen hatte und ins Zimmer hineinwuchs und die Staubschicht auf dem Boden ließen vermuten, dass er schon seit Längerem nicht mehr genutzt wurde.
„Wo sind wir?“, fragte Grimwardt.
„Das ist Darcassans altes Arbeitszimmer“, erklärte Araevin. Der Elfenmagier kniete sich zu Boden, um den Staub fort zu wischen. Darunter kam ein Bodenmosaik zum Vorschein, das einen Goldelfen in blauen Roben zeigte. In das Innere des Mosaiks war eine Kristallkugel eingelassen, die Grimwardt als Ausspähungsinstrument erkannte.
„Wollt Ihr sagen, der Wächter des Elfenbaums ist eine Dielenplatte?“, knurrte der Tempuspriester.
„Wie ich bereits sagte“, erwiderte der Magier. „Er ist mit dem Turm verschmolzen.“
Araevin erhob sich, rieb sich den Staub von den Händen und blickte aufmerksam von einem zum andern. Sein Blick blieb an Faust hängen.
„Ihr wirktet eben im Ratssaal als wüsstet Ihr einen Weg, Darcassan in die Lage zu versetzen, eine seiner Projektionen zu beschwören“, bemerkte er und der Hauch eines Lächelns streifte seine eigenartigen, wechselhaften Augen. „Ich nehme an, Ihr seid nicht wirklich mit der Hilfe eines Artefakts in den Palast gelangt?“
„Nein…“, gab Faust zu und gab der Halbdrow ein aufforderndes Zeichen. „Razeema?“
Die Schattenadeptin sprach ein Bannwort und die Verkleidung fiel von ihr ab. Der Elfenmagier wirkte nicht überrascht.  
„Unter den gegebenen Umständen“, murmelte er, „bleibt mir wohl keine andere Wahl, als euch zu trauen.“  
„Wenn es eine Möglichkeit gibt, das Mosaik aus dem Fußboden zu lösen, könnte Razeema uns und Meister Fußboden auf die Schattenebene bringen“, erklärte Faust. „Der Magieverlust ist auf die materielle Ebene beschränkt. Seine Projektionen sollten dort also wirken.“
Araevin nickte.
„Ja, das könnte klappen.“
Winter fand an der Halterung der Kristallkugel einen Mechanismus, der die Aushebung des Mosaiks erlaubte, und Fausts Plan war schnell in die Tat umgesetzt. Razeemas Zauber ließ die Dimensionen verschwimmen und rund um die Gefährten erwuchs eine Schattenversion des Cormanthorischen Waldes. Grimwardt spürte gerade erst wieder festen Boden unter den Füßen, als sich bereits die erste von Darcassans Projektionen zwischen den Bäumen manifestierte. Zwei weitere folgten kurz darauf. Sie alle hatten die ebenmäßigen Züge des Elfenmagiers aus dem Bodenmosaik. Doch während der erste in Darcassans blaue Roben gekleidet war, trug der zweite eine Elfenrüstung und ein Schwert. Der dritte schließlich war in eine einfache Lederkluft gehüllt und zog einen Dolch aus seinem Stiefelschacht.
„Ihr Elenden!“, zischten die drei wie aus einem Mund und der Magier erhob seinen Zauberstecken gegen Razeema. „Seid ihr zurückgekehrt, um euer Werk zu vollenden, ssr’aicoiar?“
„Der Elfenbaum ist in Gefahr“, knurrte Faust, der sich schützend vor die Halbdrow geworfen hatte. „Wir sind hier, um ihn sicherzustellen!“ Araevin fügte etwas in seiner Muttersprache hinzu, doch Darcassans Double schienen nicht überzeugt.
Dhaeraow!“, zischelten sie. „Der Quess Ar Theranthvar wurde bereits entwendet!“
„Noch ein Grund mehr, uns anzuhören!“, entgegnete Faust.
„Ihr kommt mit einer Schattenmagierin!“, schnaubten die drei Darcassans mit einer Stimme. „Der Quess Ar Theranthvar wurde…“
„… von Schattenmagiern gestohlen“, unterbrach ihn Araevin. „Das haben wir befürchtet. Sintar, Ihr müsst uns erzählen, was passiert ist. Ich bürge für diese fünf, auch für die Halbdrow. Sie wurden von Alustriel von Silbrigmond entsandt, das Artefakt zu schützen.“
Die Trugbilder musterten den Elfenmagier mit unverhohlener Abscheu. Jahrhunderte der Einsamkeit hatten Darcassan mit Argwohn und Bitterkeit erfüllt. Doch er schien einzusehen, dass Wehklagen und falsche Anschuldigen das Artefakt nicht wieder zurückbringen würden. Ein Windhauch blies zwei der Projektionen hinfort und nur noch der Magier blieb übrig.  
„Der Wegfall der Magie hat mich von meinen Projektionen abgeschnitten“, begann er. „Doch durch die Verbindung, die ich mit dem Turm der Winde eingegangen bin, kann ich spüren, was in seinen Mauern vor sich geht. Sie kamen gestern Abend. Es waren sechs, alle Umbranten. Einer von ihnen war Prinz Hadrhune, der jüngste Sohn des Herrn von Umbra. Sie entweihten einen Schrein der Mystra und entführten den Quess Ar Theranthvar.“
„Was haben sie damit vor?“, fragte Grimwardt.
„Nun, was werden sie wohl damit vorhaben?“, murmelte der Hochmagier düster. „Hadhrune wird versuchen, den Baum in seine ursprüngliche Form zurückzuverwandeln, um seine Mysterien für Seinesgleichen verständlich zu machen.“
„Die Schriftrollen von Nesseril.“
„Ja, die Nesserrollen“, bestätigte Darcassan. „Ein aufwendiges Ritual wird von Nöten sein, den Baum vollständig zu verwandeln. Möglicherweise gelingt es Tyvollus die Transformation hinauszuzögern, aber er wird sie nicht verhindern können.“
„Wer ist Tyvollus?“ Der Name war Grimwardt noch nicht untergekommen.
„Der Schöpfer des Quess Ar Teranthvar“, antwortete der Hochmagier. „Wie ich mit dem Turm verschmolz er mit seiner Schöpfung. Die Nesserrollen widerstanden seiner elfischen Hochmagie, darum ersann er einen Weg, sie an diese Form zu binden. Durch die Verschmelzung verlor Tyvollus seine sterbliche Form, doch hin und wieder erscheint er in Gestalt einer Spinne in den Zweigen des Quess Ar Teranthvar.“
 „Eine Spinne mit saphirblauen Augen“, murmelte Grimwardt. Das erklärte den Teil von Razeemas Traum, den sie bisher nicht hatten enträtseln können.
 „Was würde geschehen, wenn es den Umbranten gelänge, dieses Ritual durchzuführen?“, fragte Faust.
„Wer kann das sagen?“ Die Augen des Hochmagiers zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen. „Vielleicht trachten Hochprinz Telamont und seine zwölf Söhne danach, den Zauber zu duplizieren, mit dem es Karsus gelang, Mystra zu töten und das magische Gewebe zu zerstören. Dann hätten die Umbranten von Anauroch und die Kirche von Shar das Monopol über die Magieausübung auf Faerûn. Über kurz oder lang würde sich der ganze Kontinent ihm unterwerfen und Telamont hätte sein Ziel erreicht: die Wiedergeburt des Imperiums von Nesseril mit ihm an der Spitze.“
„Verfluchter Bastard“, knurrte Faust. „Wie können wir dieses Ritual aufhalten?“
„Ihr müsst den Quess Ar Theranthvar zerstören.“ Grimwardt konnte sehen, wie schwer Darcassan diese Worte über die Lippen kamen. Fast empfand er so etwas wie Mitleid für den Magier, der sechseinhalb Jahrhunderte eingeschlossen in ein Bodenmosaik verbracht hatte, um ein Artefakt zu schützen, das er jetzt zerstören musste. „Es gibt keine andere Möglichkeit. Ihr könnt von Glück reden, wenn es euch auch nur gelingt, in die Nähe des Baums zu kommen. Der Versuch ihn zu bergen ist ein Risiko, das wir nicht eingehen können. Zu viel steht auf dem Spiel.“
„Aber es ist ein Artefakt“, wandte Faust ein. „Ich dachte, Artefakte können nicht zerstört werden.“
„Das können sie“, berichtigte ihn der Elf. „Zu jedem Artefakt gibt es ein Gegenstück, das es zu zerstören vermag. Ich kenne dieses Gegenstück nicht, doch die Zerstörung eines jeden Artefakts liegt in seiner Schöpfung begründet.“
„Also weiß Tyvollus…“
„Nein.“ Darcassan schüttelte den Kopf. „Die Nesserrollen sind älter als Tyvollus oder der Quess Ar Teranthvar. Sie sind sogar älter als das Imperium von Nesseril. Um sie zu zerstören, müsst ihr weiter zurückgehen als selbst die elfische Geschichte zurückreicht.“
„Ihr sprecht von den Gründerrassen.“
Der Elfenmagier konnte seine Verblüffung nicht verbergen und auch Araevin hob erstaunt den Kopf.
 „Ihr wisst von den Gründerrassen?“, wunderte er sich.
Faust zuckte mit den Schultern.
„Hab nur hier und da ein paar Happen aufgeschnappt“, sagte er.
„Die ersten intelligenten Geschöpfe auf Faerûn waren Reptilienwesen“, erklärte Darcassan. „Die Götter machten ihnen die Magie zum Geschenk. Auf diese Weise entstanden die Nesserrollen. Sucht nach Hinweisen auf das Entstehungsritual. Vielleicht findet ihr so heraus, wodurch sie zerstört werden können.“
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 09. März 2010, 02:19:36
Wie immer schön zu lesen!
Bin gespannt auf Dr. Schiefkiefer ;)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 09. März 2010, 19:34:48
Ich freu mich auch schon auf mehr!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Abracadaver am 18. März 2010, 17:40:33
Ich bin auch schon sehr gespannt! Eure Geschichte ließt sich wunderbar und lässt auf ein weit entferntes Ende hoffen:)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 24. März 2010, 00:27:05
Ich hoff ja echt, dass Brüssel dir nicht deine Kreativität raubt und du bald, wenn du weniger Stress hast, wieder weiterschreiben kannst. Freue mich auf das Wiedersehen mit all den alten Bekannten ... :D
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 24. März 2010, 18:36:50
Seit ich weiß, dass unsere Meisterin am Montag eine Hausarbeit fertig haben muss, traue ich mich gar nicht mehr nachzufragen, ob sie schon weitergeschrieben hat... :-X
Käme mir dann doch sehr selbstsüchtig vor. Aber danach besteht bestimmt wieder Hoffnung!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 24. März 2010, 18:50:45
Jaaa, schlechte Zeiten für Musen... aber nächste Woche wirds ein wenig besser, dann geht's auch hoffentlich weiter.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 24. März 2010, 21:44:07
Juhu!
Oh, und viel Erfolg bei der Hausarbeit! Hab meine auch heute fertig bekommen!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 09. April 2010, 00:02:43
Kapitel IX: Die Ruinen von Oreme

Winter

Vier Tage später, Oase Biradoon, Nordwesten von Anauroch. 
„Das ist Wucher“, empörte sich Winter.
„250 Gold pro Kopf und Tag“, beharrte der Karawanenführer. „Ist letztes Angebot. Alif Ben Kanaan ist bester Wüstenführer in Anauroch. Weiß, wie man Zhentarim-Zölle umgehen kann. Kennt alle Oasen auf Weg nach Oreme. Ist gefährlich in Oreme. Wüste hat eigenen Willen dort. Und viele Geenies und Asherati.“
„Ashe… was?“
„Sanddiebe. Sehr gefährlich. Verstecken sich nachts im Sand, um Karawanen zu überfallen. Braucht ihr guten Führer, wenn ihr nach Oreme wollt.“
„1000 Gold pauschal.“ Winter verschränkte stur die Arme vor der Brust. Sie traute dem kleinen Beduinen mit dem geschäftstüchtigen Grinsen nicht. Mochten die Götter wissen, auf welche Umwege er sie führte, nur um noch den ein oder anderen Tagessatz für sich herauszuschlagen. „Die Hälfte als Anzahlung.“
Alif Ben Kanaan rümpfte pikiert die Nase und wandte sich ab, um seinem Kamel den Hals zu kraulen und Winter zu verstehen zu geben, welche Beleidigung ihr Angebot für ihn war. Sie schnaubte, als sie den blasierten Blick des gelangweilt vor sich hin schmatzenden Tiers auffing,  und stapfte davon. Grimwardt folgte seiner Schwester, die auf einen der Tee-Pavillons zusteuerte, die die kleine Handelsenklave am Rande der Biradoon-Oase säumten. Vor dem Zelt speiste eine Gruppe von D‘Tairig, die ein seltsames schwarzes Gebräu aus kleinen Bechern schlürfte. Unter den Männern befand sich ein weiterer Kamelführer. Doch der alte Beduine, dessen Gesicht so schrumpelig war wie die schwarzen Früchte in seiner Essschale, sah nicht einmal auf, als Winter ihn ansprach. Sie wollte ihm gerade mit einer bissigen Bemerkung zu verstehen geben, was sie von seinem Kundenumgang hielt, als Grimwardt ihr mit einer mäßigenden Geste die Hand auf die Schulter legte. 
„Hättet Ihr wohl Interesse an einem Auftrag, wenn ich ihn Euch unterbreiten würde?“, wandte er sich an den Nomaden.
Mit einer Mischung aus stiller Würde und Ehrerbietigkeit erhob sich der Alte und verneigte sich vor dem Tempuspriester. Winter seufzte. Großartig. Offenbar ging es gegen die Ehre des Alten mit einer Frau zu verhandeln. Nein, hier würde sie nicht viel ausrichten können. Also zurück zu Alif und den anderen. Die Verhandlung mit dem jüngeren Karawanenführer hatte inzwischen eine bizarre Wendung genommen: Statt auf den geschäftstüchtigen Beduinen traf Winter  auf einen fluchenden Schluckspecht, der sich mit der Verbissenheit eines Wahnsinnigen darum bemühte, Boltors nimmerleeren Humpen zu bezwingen.
„Das ist Betrug!“, schimpfte er lallend. „Dumme Humpen ist niemals leer! Ist magische Humpen!“
„In einer magietoten Zone? Wie das?“ , konterte Faust, der das Schauspiel mit verschränkten Armen und einem siegessicheren Schmunzeln beobachtete. „Gib’s zu: Du hast es einfach nicht drauf.“
„Sieht so aus, als ob wir die Wette gewonnen hätten.“ Boltor schnalzte mit der Zunge. „1000 Gold für Hin- und Rückweg, Kamele inklusive.“
Winter schmunzelte und warf einen hastigen Blick über die Schulter: Gut. Grimwardt war noch ins Gespräch mit dem Alten vertieft. Besser, sie ließen diese kleine List ihm gegenüber unerwähnt. Ihr Bruder konnte furchtbar kleinlich sein, wenn es um unorthodoxe Handlungsstrategien ging. 
Nachdem der Handel geschlossen war, zog es die Männer in das Teehaus am Rand der Nomadensiedlung, während Winter Miu dabei half, ein wenig abseits der Beduinenzelte ihr Lager aufzuschlagen. Sie hatten gerade den letzten Zeltnagel im Boden versenkt, als Faust mit einer verschleierten Beduinin im Schlepptau zurückkehrte. Miu zuckte mit keiner Wimper, doch der bloße Anblick der keuchen jungen Karaturianerin schien den Kämpfer in die Defensive zu zwingen.
„Sie soll nur für mich tanzen!“, verteidigte er sich mit dem treuherzigen Blick eines Straßenjungen, der gerade, als er herzhaft in einen ehrlich verdienten Apfel beißen will, innehält, weil der Obstladenbesitzer ihn mit misstrauischer Miene beäugt. „Ehrlich! Es heißt, die muss man gesehen haben… die Bauchtänze der D’Tairig.“
Miu bedachte seine Beteuerungen mit einem ihrer duldsam-stoischen Blicke, doch Winter entging nicht das leise Schmunzeln, das sie hinter vorgehaltener Hand verbarg, als Faust mit seiner Begleiterin im Zelt verschwunden war. Auch Winter musste lachen. Doch es war ein verhaltenes Lachen und als ihr das auffiel, überkam sie eine merkwürdig schwermütige Stimmung. Seufzend ließ sie sich vor dem Zelt nieder, grub die Zehen in den Sand und ließ ihren Blick über die Dünen gleiten. Nach einer Weile bemerkte sie, dass sie gedankenverloren mir einem kleinen magischen Kompass spielte, den Grax, der Halbork-Barde aus Heinos Zirkustruppe, ihr zum Geschenk gemacht hatte.
Vor ihrer Abreise aus Myth Drannor hatte sie den Zirkusartisten darum gebeten, eine Ballade zu verfassen. Eine Ballade zu Ehren Doriens.  Grimwardt hatte verächtlich geschnaubt und etwas von „Lug und Trug“ gemurmelt, als sie ihm die erste Strophe vorgetragen hatte. Zugegeben, es gehörte ein wenig Fantasie dazu, Dorien in Grax‘ „Ritter voll Tugend und Glanz“  wiederzuerkennen.  Und auch die Schilderung seines „o furchtlosen Ringens mit dem rasenden Rachegott“ trug nicht unbedingt zur Authentizität der Ballade bei. Doch strahlende Ritter und furchtlose Ringkämpfe waren der Stoff, aus dem Heldenepen gemacht waren, und Winter war entschlossen, Dorien unsterblich zu machen. 
Scarlet und ihre Großeltern hatte sie mit Razeemas Hilfe nach Silbrigmond gebracht. Die Halbdrow war später nach Myth Drannor zurückgekehrt, um den Elfen bei der Bewältigung des Flüchtlingsproblems zu helfen. Kalith war ebenfalls zurückgeblieben, um seiner Heimat im Kampf gegen die Allianz beizustehen. Der Rest der Gruppe hatte sich auf den Weg zur Kerzenburg gemacht, um Erkundigungen zu den Gründerrassen und dem Schöpfungsritual der Nesserrollen einzuholen.
Drei Tage lang hatten sie die Bibliothek durchforstet. Die historischen Schriften eines Autors, der sich selbst der „Weltenseher“ nannte, hatten sie schließlich auf die Spur der Sarrukh gebracht. Das Echsenvolk, eine der Gründerrassen, war vor vielen tausenden Jahren in einer Stadt namens Oreme im heutigen Gebiet der Anauroch beheimatet gewesen. Einem Auserwählten unter den Sarrukh hatten die Götter einen Schluck aus dem Kelch des Amaunator gewährt, der ihn mit göttlicher Einsicht in die Mysterien der Magie erfüllte. Dieses Wissen schrieb der Auserwählte nieder, und so entstand die erste Version der Nesserrollen. Als das Reich der Sarrukh zerfiel, verschanzten sich die sechzig mächtigsten Zauberwirker der Stadt mit den Schriftrollen in den Katakomben von Oreme, um ihre Körper in Leichname zu verwandeln und so der Vernichtung zu entgehen. Noch heute, so schrieb der Weltenseher, ruhten sie dort unter den Ruinen von Oreme. Einer der sechzig jedoch war für 10 000 Jahren zum Wächter der Grabstätte ernannt worden. Es musste jener Wächter gewesen sein, der die Schriftrollen unter den Menschen von Nesserril verbreitet hatte. Und er war es auch, den die Gefährten hier in der Anauroch zu finden hofften. Denn wenn es jemanden gab, der um das Geheimnis ihrer Zerstörung wusste, dann war er es.

Grimwardt
In der Wüste, fünf Tage später.
„Sicher, dass ich den Betttopf heute stecken lassen kann?“, fragte Faust mit einem breiten Grinsen.
„Ist die komische grüne Färbung um die Nase bei euch Menschen normal?“, stimmte Boltor in den Spottgesang mit ein.
„Sollen wir vielleicht ein wenig langsamer reiten?“ Selbst Winter ließ es sich nicht nehmen, den großen Bruder auf die Schippe zu nehmen.
Grimwardt schnaubte griesgrämig in seinen Bart hinein. Seit ihm die Hitze und das ständige Ruckeln und Wanken am ersten Tag der Reise ein wenig auf den Magen geschlagen waren, wollten die Sticheleien und Seitenhiebe einfach nicht abreißen. Noch so ein geistreicher Kommentar und irgendwem würde das Lachen gehörig vergehen! Die eintönige Umgebung und die kärgliche Versorgung trugen auch nicht gerade dazu bei, Grimwardts grantige Laune zu heben. Was würde er jetzt nicht für ein gutes, deftiges Heldenmahl geben. Außerdem hatte er seit fünf Tagen nichts weiter gesehen als endlose Dünen und das knochige Hinterteil des Leitkamels.
„Dort hinten ist es.“ Die Worte des beduinischen Wüstenführers ließen Grimwardt aufblicken. „Das ist Oreme.“
Sie hatten eine mächtige Düne erklommen. In einiger Entfernung erspähte der Kriegspriester ein gigantisches Ruinenfeld, das in einer Talsenke am Rande eines ausgetrockneten Flussbetts gelegen war. Von der Zeit zersetzte Torbögen und Gebäudetrümmer malten dunkle, grotesk vergrößerte Schatten in den Wüstensand. Als sie näher kamen, erkannte Grimwardt, dass die sandfarbenen Überreste der Sarrukh-Stadt intakter waren als es aus der Ferne den Anschein hatte: Die Gerippe von Turmspitzen und Dachgiebeln, die aus dem Sand stachen, ließen vermuten, dass große Teile Oremes unter dem Sand erhalten geblieben waren. Nachdem sie die Kamele am Rande des Trümmerfelds zurückgelassen hatten, machten sich die Gefährten daran, die Ruinen zu erkunden.
„Irgendwo muss es einen Zugang zum unterirdischen Teil der Stadt geben“, sagte Faust.
„Na großartig“, murmelte Winter. „Und wie sollen wir den ohne Magie finden?“
„So wie wir es früher auch getan haben“, brummte Grimwardt. „Wir suchen!“
Alif hob den Kopf und kniff die Augen zusammen.
„Was ist?“, knurrte Faust, der dem Wüstenführer nicht über den Weg traute. Der Kämpfer hatte seit ihrer Abreise aus Biradoon ein wachsames Auge auf den Beduinen gehabt.
„Ist nicht richtig“, murmelte Alif. „Dort hinten war Düne. Muss eine… Vorsicht!“
Zu spät gewahrte Grimwardt den Schatten der Wanderdüne, die sich mit der Arglist eines lauernden Assassinen hinter der Gruppe aufgetürmt hatte. Dann senkte sich Dunkelheit auf ihn herab und Sandkörner, die ihm in alle Poren drangen, raubten ihm die Luft zum Atmen. Vergeblich versuchte Grimwardt sich mit den Händen an die Oberfläche zu graben, während er spürte, wie der Druck der Sandmassen zunahm, die ihn unter sich zu begraben drohten. Seine Sinne begannen zu schwinden, doch ehe er das Bewusstsein verlor, packten ihn von oben kräftige Hände, um ihn an die Oberfläche zu zerren. Faust schlug ihm auf den Rücken und Grimwardt würgte spuckend und fluchend den Sand aus seinen Lungen. Seine Schwester, die schwer atmend neben ihm kniete, schien das gleiche Schicksal ereilt zu haben.
„Verfluchte Wüste“, keuchte der Kriegspriester mit knirschendem Sand zwischen den Zähnen. 
„Das ist nicht Wüste“, murmelte Alif, dem die Sache mulmig zu werden schien. „Das ist Hexenwerk. Ist verflucht, diese Ort.“
Die Gefährten setzten ihre Suche nach einem Weg in den unterirdischen Teil der Stadt fort, doch in den ersten beiden Ruinen, die sie erkundeten, fanden sie nichts als Sand und Staub. Grimwardt hatte zudem das dumpfe Gefühl, dass sie beobachtet wurden. Schatten am Rande seines Blickfelds, eilig verwischte Spuren im Sand – sie schienen nicht alleine zu sein. Als sie auf ein weiteres Turmskelett zusteuerten, stieß Alif plötzlich einen Warnschrei aus. Gerade noch rechtzeitig bemerkte Grimwardt, dass der Sand unter ihnen eine ungewöhnlich dunkle Färbung hatte.
Treibsand.
Der Priester bekam mit einer Hand Miu zu fassen, die beinahe in die tückische Falle getappt wäre. Boltor tänzelte geschickt zur Seite und Alif war abrupt stehen geblieben. Für Winter und Faust jedoch, die in der Mitte des feuchten Bereichs standen, kam die Warnung zu spät. Fausts massige Gestalt versank innerhalb eines Augenblicks in dem schlickigen Sandbad. Winter griff eilig nach Grimwardts freie Hand, doch der Sog, der sie in die Tiefe zog, war zu groß. Der Priester sah noch, wie seine Schwester eilig nach Luft schnappte, ehe der Wüstenschund sie mit einem schwerfälligen Glucksen verschlang.
Der Kleriker fackelte nicht lange und band sich ein Seil um die Hüfte, dessen Ende er Boltor zuwarf.
„Hol’ uns hoch, wenn ich daran ziehe“, befahl er schroff, holte tief Luft und sprang seiner Schwester nach. Blind ließ er sich von den zähflüssigen Massen in die Tiefe saugen in der Hoffnung aufgrund seiner Masse schneller zu sinken als Winter. Grimwardt hatte Glück: Schon nach wenigen Metern spürte er, wie er auf Widerstand stieß, umschlang Winters Hüfte und ließ sich von seinen Gefährten in die Höhe ziehen. Schwer atmend tauchten die Geschwister kurz darauf aus dem Sandschlund auf.
„Was ist mit Faust?“, keuchte Winter, kaum dass die anderen sie an Land gezogen hatten. Doch Grimwardt hatte bereits Anlauf genommen, um ein zweites Mal in den Sandsee zu tauchen. Eine halbe Ewigkeit schien zu vergehen, ehe er am Grund des Schlundes angelangt war und den Kämpfer zu fassen bekam. Keuchend wuchtete er den bewusstlosen Gefährten kurz darauf an Land. Fausts Pulsschlag war schwach, als Grimwardt sich über ihn beugte, doch der Krieger war zäh. Ein heilendes Gebet brachte ihn schnell wieder auf die Beine.
„Hehe“, machte Boltor mit dem seligen Grinsen eines Besoffenen und nahm noch einen Schluck aus seinem Humpen.
„Was?“, knurrte Faust, während er mit mäßigem Erfolg versuchte, sein Haar vom Sandschlick zu befreien.
„Ich sehe Hände im Sand.“
„Häh?“
Alif Ben Kanan wurde kreidebleich und stieß einen Fluch in seiner Muttersprache aus. Für die Dauer eines Augenblicks meinte Grimwardt zu sehen, wie sich lange, rostrote Finger um die Füße des Wüstenführers legten. Dann ein Ruck und Alif versank mit solcher Abruptheit im Sand als bestünde der Untergrund aus Wasser. Ungläubig starrten die Gefährten auf die Stelle, die seinen Schrei verschluckt hatte.
„Oh“, machte Boltor ernüchtert.
„Asherati“, murmelte Winter mit einem Schaudern. „Das müssen die Sanddiebe gewesen sein, von denen Alif sprach. Wir sollten aufpassen, wo wir hintreten.“
Um sich vor einem weiteren Hinterhalt zu schützen, breiteten die Gefährten eine der Zeltplanen unter ihren Füßen aus. Die Sicherheitsmaßnahme erschwerte das Vorankommen, sodass es bereits Nachmittag war, als sie endlich den Zugang zum unterirdischen Teil der Stadt entdeckten. Eine Bodenluke führte eine steinerne Treppe hinunter in ein Labyrinth aus Korridoren und Hallen. Auch hier gab es Spuren im Sand und einmal meinte Grimwardt ein Kichern und das Aufblitzen pupillenloser gelber Augen zu gewahren. Doch sie drangen unbehelligt immer tiefer in das Labyrinth vor, bis sie schließlich eine Halle betraten, die im Gegensatz zum Rest der Stadt noch Spuren einer humanoiden Zivilisation aufwies. Wandmalereien beschrieben Szenen aus dem Alltagsleben einer Kultur von Reptilienmenschen und ein Thron aus grünem Smaragd, der in der Form einer geöffneten Klaue gearbeitet war, erhob sich in der Mitte des Raums.
„Ah, die Fremden sind angekommen“, ertönte eine keckernde Stimme.
Die Gefährten fuhren herum.

Faust
Hätte Faust die Kreatur beschreiben müssen, die ihnen aus dem Halbdunkel hinter dem Klauenthron entgegen gehumpelt kam, wäre ihm wohl als erstes der Vergleich zu einem knorrigen, windgepeitschten Steppengewächs in den Sinn gekommen, das allein durch Sturheit der Austrocknung trotzte. Der Leichnam des Sarrukh  war etwa so groß wie der Zwerg und nicht einmal halb so breit – selbst wenn man den Buckel mitrechnete, der die knochige Gestalt niederzudrücken schien. Seine staubtrockenen Kieferknochen klapperten beim Sprechen und sein Unterkiefer war ein wenig versetzt zum Oberkiefer, was dem grinsenden Eidechsenschädel mit den starren, lidlosen Augen den irren Ausdruck eines Schwachsinnigen verlieh.
„Seid Ihr derjenige, der die Sanddiebe befehligt?“, knurrte Faust. „Was habt Ihr mit unserem Begleiter angestellt?“
„Ich befehlige die Wüste, mein junger, organischer Freund“, berichtigte ihn Schiefkiefer. „Und ihr mögt mich bei meinem Titel nennen. Ich bin König Oreme, Herr der Anauroch“, fügte er hoheitsvoll hinzu, während er mit einigem Ächzen und Klappern den Klauenthron erklomm, der wirkte, als könne er das dürre Gerippe jederzeit in seiner Handfläche zermalmen. Dann schüttelte er sich den Sandstaub von mindestens einem Jahrzehnt aus den königlichen Lumpen, was Grimwardt ein beherztes Niesen bescherte.  „Ich sah euch kommen, doch ihr seid nicht hier, um die Gräber der Sechzig zu plündern. Der D’Tairig dagegen war ein wenig zu versessen auf die Schätze der Anauroch, doch die Asherati werden seiner Habgier einen Dämpfer verpasst haben.“
„Ihr saht uns kommen?“ Faust hob eine Augenbraue.  „Wollt Ihr behaupten, dass Ihr die Zukunft sehen könnt…, Majestät?“, fügte er mit mildem Spott hinzu.
Die Zukunft?“, eierte der Sarrukh. „Ich sehe Zukünfte, mein Junge. Doch es ist nicht schwierig, sie gegeneinander abzuwägen – geradezu anödend, will ich meinen. Der Geschichte gehen auf Dauer die Ideen aus. Ihr allerdings…“ Er sezierte die Gruppe mit seinen stierenden Augen und legte in einer ruckartigen, salamanderartigen Bewegung den Kopf in die Neige. „Ihr beabsichtigt den Schattenlord von Umbra herauszufordern und doch ist euer Tod nicht völlig eindeutig. Das ist… unüblich.“
„Ich nehme an, das ist eine gute Nachricht“, kommentierte Faust nüchtern die historiographischen Betrachtungen des Leichnams. „Vielleicht wollt Ihr die Sache ja noch ein wenig spannender machen, indem Ihr uns bei unserer Mission unterstützt?“
„Will ich das?“, sinnierte Schiefkiefer, doch Faust erkannte, dass er die Neugier des Alten geweckt hatte. Er berichtete von ihrer Suche nach dem Quess Ar Teranthvar und den Nachforschungen in der Kerzenburg, die sie hierher nach Oreme geführt hatten.
„Pah, die Nesserrollen“, schnaubte der Sarrukh hochmütig und wusch mit einer abfälligen Geste das mächtigste Artefakt der Weltgeschichte hinfort. „Nichts als die Kopie noch mächtigerer Magie. Die Rollen sind nichts weiter als ein kleines historisches Experiment meinerseits. Ich war es, der die Schriftrollen diesem kleinen Fischervolk unterjubelte, weil ich sehen wollte, wie sich die Magie auf den Verlauf ihrer Geschichte auswirkt. Äußerst enttäuschend – ihr Untergang stand schon nach wenigen Jahrzehnten fest.“
„Wisst Ihr, wie man ihn zerstören kann?“, fragte Winter. „Den Elfenbaum?“
„Natürlich weiß ich das“, erwiderte Oreme spitzfindig. „Aber es wäre doch langweilig, wenn ich euch das sagen würde.“
„Vielleicht ist dir ja nicht mehr so langweilig, wenn ich dir eine kostenlose Kieferbehandlung mit meinem Schlaghumpen verpasse“, knurrte der Zwerg angriffslustig.
Der Sarrukh schien diese Möglichkeit ernsthaft in Betracht zu ziehen.
„Möglich“, sinnierte er, während er sich nachdenklich am Kinn zupfte. „Aber nicht sehr wahrscheinlich, mein kleiner trinkfester Freund.“ Dann verwarf er das Angebot und klatschte eilfertig in die Hände. „Auf, auf, strengt nur ein wenig eure blutreichen, unfossilen Hirne an. Die Antwort auf die Zerstörung eines Artefakts liegt in seiner Schöpfung.“
„Die Nesserrollen wurden verfasst, nachdem ein Sarrukh aus einem Kelch getrunken hatte, der ihm göttliche Einsicht verlieh“, erinnerte sich Winter. Sie runzelte nachdenklich die Stirn. „Vielleicht…  müssen wir das Ritual ja umkehren.“
„Wie? Rückwärts trinken?“, knurrte Boltor, der wenig von Oremes Ratespiel zu halten schien. „Du meinst, wir reihern ’ne Runde gegen den Baum und der löst sich in Luft auf?“
„Ihr denkt zu weit, meine Freunde“, klapperte Schiefkiefer, dem das Rätselraten diebischen Spaß zu bereiten schien.
„Auf jeden Fall hat es etwas mit dem Kelch zu tun.“ Faust tat ihm den Gefallen und ging auf sein Spielchen ein.
„Warm!“
„Vielleicht müssen wir ebenfalls daraus trinken.“
„Kalt.“
„Den Inhalt verschütten?“
„Warm!“
„Über den Baum?“
„M-m-m…“
„Seine Wurzeln?“
Der Sarrukh klatschte freudig in die Hände und zog keckernd den Kopf ein, was ihm den Anschein einer schrulligen alten Schildkröte verlieh.
„Und ihr könnt uns doch gewiss sagen, wo wir diesen Kelch finden“, schmeichelte Winter.
„Das kann ich“, bestätigte der Sarrukh.
Erwartungsvolle Stille.
„Aber will ich das?“, fuhr er an sich selbst gewandt fort. „Welches Interesse sollte ich an der Zerstörung der Nesserrollen haben? Dieser Baum ist vielleicht das letzte, was von meiner Kultur übrig geblieben ist. Nur die Kopie einer Kopie, gewiss. Aber dennoch ein Stück Erinnerung. Nein“, entschied er schließlich. „Nein, ich glaube, dazu habe ich keine Lust.“
Boltor schnaubte. „Soll ich dir verraten, wozu meine linke Faust Lust hätte?“
„Langweilig“, urteilte König Oreme und der Zwerg musste frustriert feststellen, dass das exzentrische Urwesen gänzlich immun gegen seine Provokationen zu sein schien. „Das erkenne ich auch ohne hellseherische Fähigkeiten.“
„Es muss doch irgendeine Möglichkeit geben, wie wir…äh… zu Eurer Unterhaltung beitragen können“, testete Faust eine neue Strategie.
Und sie schien aufzugehen. Der Sarrukh klatschte in die Hände und bedachte Faust mit einem wohlwollenden Blick.
Das“, lobte er, „ist ein ausbauungsfähiger Ansatz. Ich hätte da eine Idee.“ Ein glucksendes Lachen entrang sich seiner staubigen Kehle und er rieb sich in kindischer Vorfreude die Hände. „Ein Duell!“
„Ihr… wollt gegen mich kämpfen?“ Faust sah sich im Geiste bereits im Zweikampf mit einer buckelnden alten Eidechse und es war kein Bild, das er gerne in dem magischen Buch aus der Anderswelt verewigt sehen wollte, in dem eine unsichtbare Hand seine Taten niederschrieb.
„Nicht ich!“, klapperte der Sarrukh. „Nein, was ich meine ist ein epischer Zweikampf  zwischen einem von euch und einem der Helden Faerûns. Der Ausgang nur schwer vorherzusehen. Wie der Kampf Fflar Melruths gegen den Dämonenfürst. Ah ja, das war Unterhaltung!“
Faust zuckte mit den Schultern.
„Meinetwegen. Gegen wen soll ich kämpfen?“
Schiefkiefer lachte keckernd.
„Drizzt Do’Urden.“
Fausts Herz machte einen Sprung und sein Grinsen wurde immer breiter, bis er selbst dem Sarrukh hätte Konkurrenz machen können.
Ja, ja, ja, ja!
Das war keine Bedingung, das war ein Traum! Einer seiner Kindheitsträume würde in Erfüllung gehen! Er würde gegen Drizzt Do’Urden, den Bezwinger des Balor Errtu, den Herausforderer der Drow-Göttin Lolth antreten!
„Sagt mir, wo ich ihn finde!“, bat er atemlos.
Der Sarrukh stieß eine Folge zischender, vokalloser Worte aus. Eine eigenartige Art von Macht schien dem wirren Kauderwelsch innezuwohnen, doch es waren nicht die Worte der bekannten Magie. Die Formel öffnete ein Tor, das sich wie ein Schlund hinter dem Thron des Sarrukh materialisierte. Das war keine Beschwörung oder Illusion. Es schien vielmehr, als habe der Leichnam mit seinen Worten die Realität selbst verändert.
„Wie ich sagte“, erklärte er (und diesmal hätte er wohl auch gegrinst, wenn es ihm nicht anatomisch unmöglich gewesen wäre, es nicht zu tun): „Die Nesserrollen sind nichts weiter als eine Kopie noch mächtigerer Magie.“
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 09. April 2010, 01:13:38
Ja,ja,ja,ja!  :D

Wieder sehr cool! ist immer, wie wenn man auf die nächste LOST Folge wartet ;)
...Sehr schön fand ich auch das "...Oh".
Sollte unser neuer Standard-Spruch werden, wenn ein NSC draufgeht ;)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 09. April 2010, 11:37:00
Wie immer Begeisterung pur!
Bin gespannt auf die nächsten Kapitel :-) Da kommen ja noch einige spannende Szenen...
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Abracadaver am 09. April 2010, 21:55:29
Eure Geschichte erweckt den Wunsch bei euch mitzuspielen:)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 09. April 2010, 23:12:34
Es ist eine sooooo coole Gruppe!!!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 09. April 2010, 23:38:11
Stimmt. Wir können uns verdammt glücklich schätzen  :). Schön, dass die Geschichte das rüberzubringen vermag.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 11. April 2010, 12:41:32
Genau, ein Hoch auf die... Namenlosen...
...Wir brauchen echt mal nen Namen für unsere Gang, sonst bleiben wir wirklich die Namenlosen...
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 17. April 2010, 02:51:30
Kapitel X: Eis und Sand

Boltor
Eiswindtal, kurz darauf.
„DRIIIIZZT!“, brüllte Faust wie von Sinnen.
Seine Freunde warfen sich verstohlene Blicke zu.
„Mm“, machte Grimwardt. „Sollen wir ihn aufhalten?“
Boltor schnaubte verdrießlich. Hatte der Kerl was gesoffen, das er ihm vorenthalten hatte? In dem Augenblick, als die alte Echse den Namen des Dunkelelfen ausgesprochen hatte, war ein wahnwitziges Funkeln in die Augen des Kämpfers getreten. Dafür schienen weiter oben ein paar Lichter ausgegangen zu sein. Was, beim Barte des Moradin, glaubte er, was er da tat? Dachte er, wenn er nur laut genug brüllte, käme der Drow schon irgendwann aus dem Dickicht gesprungen?
„DRIZZT!“
Nun, wenn sie Pech hatten, würde genau das passieren. Und Fausts Gebrüll machte nicht eben einen friedfertigen Eindruck. Dann bemerkte Boltor eine Bewegung am Rande seines Blickfeldes.
„Wir sind nicht allein“, murmelte der Zwerg.
Im nächsten Moment traten sechs stämmige Menschenkrieger aus dem Unterholz. Trotz der Kälte, die hier herrschte, waren ihre Oberkörper unbekleidet und mit Henna bemalt. Um die Schultern trugen sie schwere Fellmäntel. Einer der Barbaren sprach sie in einer Sprache an, die Boltor nicht verstand. Sein Tonfall war barsch und seine gezückte Axt ließ keinen Zweifel daran, was er von sandbedeckten Fremden hielt, die plötzlich aus dem Nichts auftauchten, um mit ihrem Gebrüll den Wald aufzuscheuchen.
„Wir suchen Drizzt Do’Urden“, erklärte Faust übergangslos. „Das Schicksal der Welt könnte davon abhängen!“
Die Fremden bedachten ihn mit finsteren Blicken.
„Eure Waffen!“, befahl der Anführer schroff.
„Mm, das ist das Schwert meines Vaters und ich gebe es nur ungern…“ Als Faust die warnenden Blicke seiner Gefährten auffing, hob er ergeben die Hände. „Schon gut.“
Nachdem sie ihnen die Waffen abgenommen hatten, führten die Barbaren die Gefährten in ihr Winterlager. Das kleine Dorf war gerade im Abbau begriffen: Von den mit Fellen verkleideten Zelten standen nur noch die hölzernen Gerüste und Frauen und Kinder verluden Felle und andere Wertgegenstände auf bereitstehende Pferde. Das Auftauchen der Abenteurer erregte einiges Aufsehen. Kinder liefen ihnen entgegen, um sie neugierig zu begaffen und irgendwo fing ein Hund an zu kläffen. Von den Wächtern wurden die Gefährten vor das einzige noch intakte Zelt geführt. Die Öffnung wurde angehoben und ein hünenhafter Nordmann, unzweifelhaft der Stammesführer des Dorfes, trat heraus. Er mochte etwa Ende Vierzig sein. Sein langes blondes Haupthaar, das ihm wild und ungezähmt ins Gesicht wehte, wies noch keine graue Strähne auf. Doch sein kantiges Gesicht war zerfurcht von tiefen Linien, die, wie es schien, nicht die Zeit sondern Kummer und Leid in seine Züge gegraben hatten. An der Seite trug er einen mächtigen Hammer.
„Heiliger Humpen!“, entfuhr es Boltor und er kniff seine kleinen, rot geäderten Augen zusammen. „Häuptling Wulfgar?“
Ja, tatsächlich. Vor ihnen stand der Uthgart-Stammesführer der Elche und einer der treusten Freunde des großen Zwergenkönigs Bruenor Heldenhammer von Mithrilhalle. Boltor senkte ehrerbietig sein Haupt.  
„Wer seid Ihr und was wollt Ihr?“, fragte Wulfgar rau, doch ohne drohenden Unterton.
„Ich muss gegen Euren Freund Drizzt kämpfen“, ratterte Faust mit der logischen Schlüssigkeit eines sabbernden Deppen drauflos. „Um den Baum zu zerstören und die Welt zu retten. Der Leichnam will uns nur helfen, den Kelch zu finden, wenn wir ihm einen epischen Kampf liefern. Sprich: Wenn ich nicht gegen Drizzt Do’Urden kämpfe, gelingt es den Umbranten, das Ritual zu vollenden und der Zauber wird das magische Gewebe zerstören.“
Wulfgar verzog keine Miene. Die beiden Krieger jedoch, die hinter dem Stammesführer Stellung bezogen hatten, warfen sich verstörte Blicke zu, als versuchten sie sich darüber klar zu werden, ob der schwafelnde Fremde wohl gefährlich sei oder einfach nur gewaltig einen an der Klatsche hatte.
Grimwardt räusperte sich. „Was mein Mitstreiter sagen möchte“, versuchte er die Ehre der Gruppe zu retten: „Wäre es wohl möglich, dass wir mit dem Dunkelelfen sprechen könnten. Es ist wirklich dringend.“
„Ich habe Drizzt seit Jahren nicht gesehen“, antwortete Wulfgar einen Tick zu schroff. Boltor kniff die Augen zusammen: Irgendetwas stimmte hier nicht. Ihm war nicht die Unruhe entgangen, die den Stamm bei der Erwähnung von Drizzts Namen erfasst hatte. Ein paar der Stammeskrieger hatten die Arme vor der Brust verschränkt und warfen sich düstere Blicke zu, doch ihr Unmut schien nicht den Gefährten zu gelten.
„Es tut mir leid, doch ich kann euch nicht helfen“, erklärte Wulfgar.
„Aber vielleicht weiß ja die unsichtbare Frau dort hinten, wo er steckt“, sagte Winter arglos.
Winters Enthüllung brachte das Fass zum Überlaufen. Laute, wütende Stimmen wurden laut und Wulfgars Blick wurde kalt und hart. Boltor blickte in die Richtung, in die Winter gedeutet hatte, konnte jedoch nichts erkennen.
„Ich habe Drizzt Do’Urden das letzte Mal vor fünf Jahren gesehen“, wiederholte der Stammesführer unwirsch. „Ingor, führ die Fremden an den Rand des Waldes. Sie sind hier nicht länger willkommen.“
Grobe Hände packten Boltor bei den Schultern.
Im selben Moment verschwand Winter von der Bildfläche.

Winter
Winter teleportierte sich zu der Stelle zwischen den Bäumen, wo sie die unsichtbare Frau gesehen hatte. Offenbar hatten diese Barbaren keine Ahnung von Magie: Der Zauber, unter dem sich die Fremde verbarg, war nicht besonders mächtig und Winter war es ein Leichtes gewesen, sie mit ihrem magischen Blick zu durchschauen.
Die Fremde – sie mochte ein paar Jahre älter sein als Winter selbst - stand mit verschränkten Armen gegen einen Baum gelehnt. In ihren wilden, kastanienroten Locken hatten sich Aststücke und einige Blätter verfangen. Sie schien Winter erwartet zu haben. Als die Diebesmeisterin einige Schritte entfernt von ihr auftauchte, machte sie ihr ein Zeichen ihr zu folgen. Schweigend lotste sie Winter durchs Unterholz. Die Geschmeidigkeit, mit der sie sich durch den Wald bewegte und ihre breiten, kampfgeschulten Schultern ließen vermuten, dass sie selbst früher auf Abenteuer ausgezogen war. Am Rande einer Lichtung blieb sie stehen und wandte sich zu Winter um.
„Das hättet Ihr nicht sagen sollen“, erklärte sie. Es lag kein Groll in ihrer Stimme, doch ihre dunklen Augen musterten Winter mit Argwohn. „Mein Name ist Catti-brie. Sagt mir, was Ihr von Drizzt Do’Urden wollt.“
„Winter“, stellte sich die Diebesmeisterin vor. „Es tut mir leid, wenn wir Euch Ärger bereitet haben. Aber mein Gefährte spricht die Wahrheit.“
Während sie Catti-brie ihr Anliegen unterbreitete, bemerkte Winter, wie die Fremde magisch in ihren Geist einzudringen versuchte. Da sie einen Wahrheitszauber vermutete, ließ sie es geschehen.
„Alustriel von Silbrigmond hat Euch diesen Auftrag erteilt?“, fragte Catti-brie schließlich und Winter spürte, wie ihr anfängliches Misstrauen zu schwinden begann. Sie schien einen Augenblick zu überlegen; dann nickte sie. „Ich werde mit Drizzt sprechen“, sagte sie. „Kehrt zu Euren Freunden zurück, er wird euch dort aufsuchen, wenn er sich entschieden hat.“
Winter bedankte sich bei der Fremden und kehrte zu den anderen zurück. Die Barbaren hatten sie an den Rand des Waldes geführt. Winters Verschwinden hatte die Krieger in Unruhe versetzt, doch da Wulfgar seinen Befehl nicht revidiert hatte, waren sie nicht handgreiflich geworden. Zu ihrem Glück!
Winter berichtete von ihrer Begegnung im Wald.
„Wie, sagtest du, hieß die Kleine?“, fragte Boltor, als sie geendet hatte.
„Callie...äh… Caddie…“
„Catti-brie?“
„Ja, so was in der Art.“ Erstaunt sah sie den Zwerg an. „Du kennst sie?“
„Jeder kennt sie“, behauptete Boltor. „Sie ist die Adoptivtochter des Zwergenkönigs von Mithrilhalle.“
 „Und Drizzts Frau“, warf Faust ein.  
„Frau!“, höhnte Boltor. „Ich frage mich, was Wulfgar wohl davon hält, dass sein treuer Freund seine Geliebte pimpert!“
„Unsinn!“, knurrte Grimwardt. „Drizzt und Wulfgar sind im Guten auseinander gegangen und…“
Während ihre männlichen Begleiter um Drizzts Ehre stritten, warfen sich Winter und Miu verständnislose Blicke zu. Offenbar war die Sage von Drizzt dem Dunkelelfen noch nicht bis nach Kara-Tur vorgedrungen. Und was Winter anging: Bruenor Heldenhammer und Drizzt Do’Urden waren niemals ihre Helden gewesen. Sie erinnerte sich vage an Lieder und Epen, in denen sich ein dunkelfischer Schwertkämpfer gegen sein eigenes Volk stellte und mit seinen Freunden durch die Welt zog, um … naja… um Leute niederzumetzeln. Doch das waren Abenteuergeschichten für kleine Jungs, denen sie offenbar nie die angemessene Begeisterung entgegen gebracht hatte.
Plötzlich verstummten die anderen.
Keiner hatte Drizzt kommen gehört. Falls er ihren anstößigen Streit mit angehört hatte, so ließ er sich nichts anmerken. Der Drow stand völlig reglos und musterte die Gefährten aus lavendelfarbenen Augen, die blass aus dem nachtschwarzen Gesicht stachen. Um den Hals trug er das Einhornemblem Mielikkis, der Herrin des Waldes. Ob es Bedacht oder Misstrauen war, was aus seinen Augen sprach, vermochte Winter nicht zu sagen. Faust dagegen verschwendete keine unnötige Sekunde daran, den Gemütszustand seines Turniergegners zu deuten. Das Auftauchen seines Kindheitsidols hatte ihn wieder in diesen Zustand konfuser Unzurechenbarkeit versetzt. Der dunkelelfische Einsiedler ließ Fausts Redeschwall mit stoischer Unbewegtheit über sich ergehen, doch als der Kämpfer begann, in wilder Zusammenhanglosigkeit Begebenheiten aus Drizzts Biografie zu rezitieren, setzte er dem ganzen ein Ende.
„Ich werde Euch begleiten“ unterbrach er den Redefluss seines Gegenübers. „Catti-brie hat mir alles erzählt und ich glaube, dass ihr die Wahrheit sprecht, so ungewöhnlich Eure Geschichte auch klingen mag. Doch wir sollten uns beeilen. Ich… möchte diesem Ort nicht allzu lange fern bleiben.“
„Ist wegen Stammesführer Wulfgar, häh?“, erriet Boltor und schlug stolz seinen Humpen gegen seine Brust. „Es wäre mir eine Ehre in Eurer Abwesenheit über Euren Freund zu wachen. Jeder Freund des großen Bruenor Heldenhammer ist auch mein Freund“
„Ich danke euch.“ Drizzt neigte den Kopf. „Doch das wird nicht nötig sein.“
„Wie?“, knurrte der Zwerg. „Traut Ihr mir das nicht zu? Mein Humpen vermag wahre Wunder zu vollbringen!“
„Daran zweifele ich nicht“, sagte der Drow mit geduldiger Höflichkeit und bar jeden Spottes. Er zögerte, doch dann fuhr er fort: „Es stimmt, ich bin hier, weil ich glaube, dass einem meiner Freunde Gefahr droht. Aber Wulfgar würde Eure Hilfe ablehnen. So wie er auch meine Hilfe nicht annehmen würde, weil es seiner Ehre als Stammeskrieger zuwider wäre. Er wusste nicht, dass ich hier bin, bis Ihr aufgetaucht seid.“ Ehe einer der Gefährten auf die subtile Rüge reagieren konnte, fuhr er eilig fort. „Also? Besteht Euer Portal noch?“  

Faust

Anauroch, etwa eine Stunde später.
Der Sarrukh-Leichnam hatte die Wahrheit gesprochen: Die Wüste gehorchte seinen Befehlen. Als die Gefährten durch das Portal zurückgekehrt waren, hatten sie statt den Ruinen von Oreme eine Wüstenstadt vorgefunden: Wo zuvor nur Gebäudegerippe aus dem ewigen Sand geragt waren, schraubten sich nun filigrane Türme aus Sandstein in den Himmel und fremdartige Stufenpyramiden säumten die sandigen Straßen. Die Wüste hatte sich zurückgezogen und eines ihrer zahlreichen Geheimnisse enthüllt: Oreme, die verlorene Stadt der Sarrukh, existierte noch immer unter dem Sand. Und was noch ungewöhnlicher war: Das magische Gewebe war an diesem Ort noch intakt, so als hätte König Oreme gewusst, was kommen würde, und seine Vorkehrungen getroffen.
Die Arena war klein und nur spärlich besetzt mit Oremes Hofstaat: Einige Yuan-Ti räkelten ihre Schlangenkörper auf den Tribünen und Asherati mit rostroten, schmalgliedrigen Körpern und weißen Augen tummelten sich zwischen sandfarbenen Echsenmenschen mit gespaltenen Zungen. Die abendliche Arena war in ein Meer tanzender Lichter und Fackeln gehüllt und über allem thronte König Oreme in einer Loge, die wie sein Thron in der Form einer geöffneten Echsenklaue gearbeitet war. Die Regeln waren einfach: Wer fiel, verlor. Ließ einer den anderen absichtlich gewinnen, war der Handel mit dem Sarrukh ungültig.
Breitbeinig und ein wenig ungelenk stapfte Faust in die Arena. Winters Mithril-Kettenhemd, das sie ihm für den Kampf geliehen hatte, zwickte an den Seiten und schränkte ihn in seiner Beweglichkeit ein. Faust war es nicht gewohnt, in Rüstung zu kämpfen. Er hatte die Schutzzauber nicht gezählt, die auf ihm lagen, aber er hatte sich noch nie zuvor so magisch gefühlt. Zwiespalt surrte, als er die Klinge aus der Scheide riss und zur Unterhaltung einige Drillübungen vorführte. Die Zuschauer bedachten seine Schaueinlage mit einem eigenartigen Konzert aus Zischen und Klatschen.
Dann kam Drizzt von der anderen Seite und ernte ehrfürchtiges Raunen. Er blinzelte, als das Licht der Fackeln seine empfindlichen Drowaugen streifte und zog ohne Umschweife seine beiden Krummsäbel – einer blau und metallen; der andere wie aus reinem gleißenden Licht gemacht. Dann nickte er Faust zu: das verabredete Startsignal.
Dann wollen wir doch mal sehen, ob du deinem Ruf als bester Kämpfer der Herzlande gerecht wirst, Dunkelelf, dachte Faust. Er spürte, wie das Blut in seinen Ohren pochte und packte sein Schwert fester.
Faust stürmte los, doch Drizzt war schneller. Eine Sandwolke umhüllte die heranrasende Gestalt des Dunkelelfen. Faust spürte einen unerwarteten Schmerz in der Seite, als das lichthelle Schwert seine Rüstung durchdrang, und wich eilig dem Folgeschlag aus. Das Ausweichmanöver gelang, doch auch Drizzt tänzelte zur Seite und die Schnelligkeit, mit der er sich dabei bewegte und der Sand, den sein rasender Körper aufwirbelte, hüllten die Gestalt des Drow in einen Schutzmantel der Unschärfe. Ein reflexartiges Abtasten der Wunde sagte Faust, dass sein Gegner nicht mit voller Kraft angegriffen hatte. Drizzts Säbel hatte kaum mehr als einen Kratzer hinterlassen: Er schien Fausts Defensive auszutesten. Offenbar wusste er den muskulösen Kämpfer, der sich trotz seiner körperlichen Überlegenheit nicht allein auf seine Stärke verließ, nicht einzuschätzen. Als Faust nun auf ihn zustürme, ging er einen Lidschlag bevor der Kämpfer ihn erreichte in die Knie, und kreuzte eilig die Klingen vor der Brust, um den Schlag abzuwehren. Doch Faust durchschaute sein Vorhaben, bremse scharf ab, wirbelte halb um die eigene Achse und fand einen Weg durch die Klingenbarriere. Die Halbdrehung, die Drizzt vollführte, um dem Schlag auszuweichen, bremste die Wucht des Schlags, doch völlig ungeschoren kam der Dunkelelf nicht davon. Seine Antwort war ein rasender Klingenwirbel, und diesmal hatte er offenbar gelernt: Als Faust nach dem ersten Schlag mit seinem abrupten Seitenschritt aus seiner Reichweite sprang, setzte Drizzt ihm nach: Wie ein Tänzer schien der Drow jede seine Bewegungen zu spiegeln und seine Lichtklinge durchdrang mühelos Fausts dürftige Verteidigung. Der metallene Säbel jedoch prallte an den Schutzzaubern ab, die Winter auf Faust gewirkt hatte. Der Kämpfer ergriff die Gelegenheit beim Schopfe und nutzte das Überraschungsmoment für einen Vergeltungsschlag seinerseits. Doch trotz der verringerten Schlagkraft des Dunkelelfen und seiner eigenen gezielten Vergeltungsschläge geriet Faust ins Schlingern. Der Präzisionstanz des Drow zehrte an seinen Kräften und seine gezielten Schläge in die Magengegend brachten den stämmigen Kämpfer ins Wanken.
Verdammter Hurensohn.
Er war gut – verdammt gut. Aber jeder hatte Schwachstellen. Und Faust glaube Drizzts Schwachstelle gefunden zu haben. In einer plötzlichen, unerwarteten Bewegung katapultierte er sich in die Höhe. Drizzt wich zur Seite aus, als er Faust mit einem irrwütigen Kampfesschrei auf sich zu springen sah, doch genau darauf hatte der Kämpfer spekuliert. Im Sprung vollführte er eine halbe Drehung, rollte sich ab, kam federnd vor dem Drow zum Stehen und rammte ihm mit ungebremster Wucht die Klinge in die Brust. Keuchend ging Drizzt in die Knie und hielt sich die klaffende Wunde. Verblüffung stand in seinen blassvioletten Augen. Dann Neugier. Und dann…. Von einem auf den nächsten Augenblick war Drizzt aus Fausts Blickfeld verschwunden. Im nächsten Moment wirbelte der Drow aus entgegen gesetzter Richtung auf seinen Gegner zu und sein Klingenwirbel wurde zum Orkan. Der Drow schien überall zu sein und trotz der irrsinnigen Schnelligkeit der Bewegung verloren seine Hiebe nicht an Präzision. Seine Augen glänzten vor Erregung. Und obwohl Faust jeden seiner Schläge mit einem Gegenschlag seinerseits beantwortete, spürte er, dass er im Begriff war, seinem Gegner zu unterliegen. Noch einmal legte er all die Kraft, die ihm verblieb, in einen einzigen Schlag. Noch einmal versuchte er Drizzts Präzisionstanz mit unberechenbarer Wucht zu begegnen. Doch der Drow wich seinem abrupten Ausfallschritt mit einer Seitwärtsrolle aus.
Das war’s, dachte Faust.
Und dann kam mit dem Schmerz die Dunkelheit.
Als Faust die Augen öffnete, starrte er in Mius besorgtes Gesicht. Doch die Besorgnis wich kurz darauf einem verdrießlichen Stirnrunzeln, das ihm offenbar klarmachen sollte, was seine kleine, pazifistische Begleiterin von solch blutigen Turnierkämpfen hielt.
„Beeindruckend“, fand dagegen Winter. „Ich habe zwar nicht viel gesehen außer einer wirbelnden Staubwolke, aber es war bestimmt beeindruckend.“
„Hoffentlich hat Schiefkiefer mehr gesehen als eine wirbelnde Staubwolke“, murmelte Faust.
Drizzt reichte ihm die Hand.
„Meinen Respekt“, sagte der Drow. Das todeswütige Funkeln in seinen Augen war wieder dem verhaltenen Blick des scheuen Einsiedlers gewichen. Miu hatte die tiefe Wunde in seiner Brust geheilt, doch der breite Riss in seinem Wams trug Zwiespalts Handschrift.
Faust ließ sich von ihm aufhelfen.
„Gleichfalls“, gab er das Kompliment zurück. „Aber das schreit nach einer Revanche.“
Drizzts Sieg war verdient gewesen, keine Frage, aber knapp. Faust war sich sicher, dass er nur ein wenig Übung brauchte, um den Drow zu besiegen. Er lernte schnell – verdammt schnell. Und Drizzt war ihm heute ein guter Lehrer gewesen!
Der Hauch eines Lächelns streifte Drizzts Gesicht.
„Ich bin leicht zu finden“, nahm er Fausts Herausforderung an.
Hinter ihnen ertönte rhythmisches Klappern: König Oreme war erschienen, um Drizzt klatschend zu seinem Sieg zu gratulieren. Faust schnaubte.
„War der Kampf zu Eurer Zufriedenheit, Majestät?“, brumme er.
„Exzellent, exzellent“, klapperte Schiefkiefer. „Mein bester Tag seit zwei Jahrzehnten“
„Also helft Ihr uns dabei den Kelch zu finden?“
„Nun“, sinnierte der Leichnam. „Die Trophäe gebührt ja für gewöhnlich dem Sieger, aber ich bin heute gut gelaunt, darum habt Ihr Glück, mein junger, wechselhafter Freund.“
Der Sarrukh stieß ein gutturales Gurgeln hervor und wie bereits zuvor schienen seine Worte die Wirklichkeit zu verändern: ein goldener Kelch, der halb so groß war wie König Oreme selbst, erschien in seiner Hand. Feierlich überreichte er Faust das Artefakt.
„Ein Tropfen flüssiger Sonne reicht aus, den Nesserbaum in Flammen aufgehen zu lassen“, erklärte er. „Außerdem kann euch der Kelch dabei helfen aus der Wüste zu fliehen, falls ihr tatsächlich so weit kommen sollet.“
„Ihr werdet Euch noch wundern!“
Ein keckerndes Lachen entrang sich der staubtrockenen Kehle des kauzigen alten Sarrukhs.
„Unwahrscheinlich, aber wünschenswert.“

NSCs/Gegner

Drizzt Do’Urden
Männlicher Elf (Drow)
Drow-Kämpfer 1/ Waldläufer 4/ Scout 3/ Schwertgelehrter 2/ Derwisch 10/ Sturm 2 (22)
CG Mittelgroßer Humanoider

Initiative +21
Dunkelsicht 36m
Sprachen: Gemeinsprache, Drow, Drow-Gebärdensprache
HG 23
RK 39/ 54*, Berührung 33/ 48*, auf dem falschen Fuß 28
(Rüstung +6, Derwisch +3, Sturm +1, Ablenkung +5, Ausweichen +1, Geschick +5 (geschärfte Säbel), Weisheit +6, Kompetenz +2)  
*Defensiv (+15) + Parade (+4) + Vergeltungsschlag (-4)
TP 254
ZR 33
REF +42, WIL +23, ZÄH +24, +2 gegen Zauber und zauberähnliche Fähigkeiten
Attribute: ST 21, GE 30, KO 20, IN 14, WE 22, CH 13
BR 13,5m (11 Felder) (x1 1/2 mit Hast)
GAB +20, RAB +26

Angriff (Standard-Aktion)
Normal:  +33* (1W6+11/15-20/x2)
Tänzelnder Angriff (mit Hast):  ---+34* (1W6+11+2W6 Skirmish/15-20/x2 + verlangsamt)

Voller Angriff (volle Aktion)
Hast + Derwisch-Tanz:  +38*--/+38*--/+33*--/+28*--/+23*  (1W6+17+2W6 Skirmish/15-20/x2+ verlangsamt) und +38--/+33--/+28--/+23 (1W6+17 +2W6 Skirmish + 1W6 Kälte/15-20/x2+verlangsamt)
Derwisch-Tanz + Tausend Schnitte +Hast: +38*/+38*/--+38/--+33*/+33*--/+28*/+28*--/+23*/+23* (1W6+17+2W6 Skirmish/15-20/x2+ verlangsamt) und +38/+38--/+33/+33--/+28/+28--/+23/+23 (1W6+17 +2W6 Skirmish + 1W6 Kälte/15-20/x2+verlangsamt)
Derwisch Tanz Defensiv + Hast: +23*--/+23*--/+18*--/+13*--/+8* und +23--/+18--/+13--/+8*
Derwisch-Tanz + Tausend Schnitte Defensiv: /+23*/+23*--/+18/+18*--/+13*/ +13*--/+8*/+8* und /+23*/+23*--/+18/+18*--/+13*/ +13*--/+8*/+8*
*ignoriert Rüstung
-- 1,5m-Schritt zwischen Angriffen

Waldläufer Zauber (Zauberstufe 4)
Springen (+10, 1min/St)
Blindgespür (10min/St)

Manöver und Stellungen
Stellungen
Kind der Schatten: 20% Fehlschlagschance bei Bewegung
Manöver
1.Grad
Geistesklarheit
Gegensturm: GE-Wurf gegen anstürmenden Gegner
Plötzlicher Sprung
2.Grad
Smaragdklinge
Wolfsgriff

Besondere Fähigkeiten
Drow-Kämpfer (DotU): +2 Initiative, GE statt ST auf Schaden, wenn Gegner auf falschem Fuß erwischt ist
Waldläufer: Bevorzugtes Gelände (Wald), Erzfeind  (Elfen) +4, Erzfeind (Externare) +2, Kampfstil, Spuren lesen, Tiergefährte (Guenhyvar), Tiergespür, Zauber
Scout (CAd): Skirmish (+2W6, +2 RK), Fallen finden, Kampfesklarheit (+1 Kompetenzbonus auf Initiative und ZÄH), Reflexbewegung (kann nicht afF erwischt werden), +3m Bewegungsrate, Spurenloser Schritt
Schwertgelehrter (ToB): Disziplin-Fokus (Wüstenwind), Manöver und Stellungen, Schnelle Reaktion +1, RK-Bonus (WE)
Derwisch (CW): Derwisch-Tanz 5x/Tag, Gekonnte Parade, Herausragendes Geschick, Klingenwirbel, Verbesserte Reaktion +2, Tausend Schnitte, Todestanz
Sturm (CAd): Beidhändigkeit -1, Sturmverteidigung +1
Drow: Lichtblindheit -1, ZR, Attributsmodifikatoren (GE 2, IN 2, CH 2 KO -2), zauberähnliche Fähigkeiten (1x/Tag Tanzende Lichter, Feenfeuer, Dunkelheit)

Talente:  Ausdauer, Ausweichen, Beweglichkeit, Defensive Kampfweise, Mächtiger Kampf mit 2 Waffen, Kampf mit 2 Waffen, Kampfreflexe,  Kritisch wankend schlagen (DotU), Perfektionierter Kampf mit 2 Waffen (episch), Schneller Jäger (CS), Tänzelnder Angriff,  Verbesserte defensive Kampfweise (CW), Verbesserter Kampf mit 2 Waffen, Verbesserter kritischer Treffer, Vergeltungsschlag (PH2), Waffenfinesse, Waffenfokus

Fertigkeiten: Auftreten (Tanz) 12, Entdecken 13, Entfesslungskunst 30, Klettern 9, Konzentration 22, Lauschen 13, Leise Bewegen 17, Springen 29, Turnen 36, Wissen (Natur) 9, Überlebenskunst 13

Derwisch-Tanz: 5/Tag kann Drizzt eine volle Attacke machen und sich bewegen (volle BR). Er muss jeweils einen 1,5m-Schritt zwischen den Angriffen machen und erhält einen Bonus von +5 auf Angriff und Schaden. Dauer: 12 Runden.
Gekonnte Parade Wenn Drizzt mind. -5 auf den GAB hin-nimmt, um seine RK zu steigern (Defensive Kampfweise), erhält er zusätzliche +4 auf seine RK (Ausweichen).
Herausragendes Geschick: Drizzt kann immer 10 nehmen auf Springen, Auftreten (Tanz) und Turnen.
Kritisch wankend schlagen: Macht Drizzt einen kritischen Treffer, so ist das Ziel zugleich für 1 Runde verlangsamt.
Skirmish: Drizzt macht zusätzlichen Schaden (2W6) und erhält einen Kompetenzbonus von +2 auf die RK, wenn er sich in der Runde mindestens 2F bewegt. Nur gegen lebendige Gegner.
Tausend Schnitte: 1x/Tag kann Drizzt die Anzahl seiner Angriffe verdoppeln. Kombiniert er diese Fähigkeit mit dem Derwisch-Tanz, so macht er zwischen jedem  1,5-Schritt zwei Angriffe.
Vergeltungsschlag (Talent): Wenn Drizzt einen Malus von -4 auf seine RK hinnimmt und dem Angreifer +4 auf Schaden gewährt, kann er für jeden Schlag, den sein Gegner gegen ihn ausführt, einen Gelegenheitsangriff (insgesamt 10 pro Runde) gegen ihn ausführen.

Besondere Gegenstände: Stirnreif der Weisheit +6, Beinschoner der Schnelligkeit, GE-Handschuhe +6, KO-Armschienen +6, „Blaues Licht“, „Eistod“, Mithrilkettenhemd +2 (2x nimble), Resistenzumhang +5, Schutzring +5, Onyx-Statuette, Stiefel der Bewegungsfreiheit,  Gürtel der Riesenstärke +6, Zauberspeicherring (mächtiger)

Blaues Licht: Krummsäbel +2
Strahlendes Licht: ignoriert Rüstungsbonus auf RK
Schwächend: -4 ST bei kritischem Treffer (einmalig je Gegner)
Geschärft (A&E): -5 GE von RK, +5 GE auf Schaden

Eistod: Krummsäbel +2
Frost: +1W6 Kälteschaden
Warnung: +5 Initiative
Geschärft (A&E): -5 GE von RK, +5 GE auf Schaden

Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 17. April 2010, 19:03:43
Yeah! Gefällt mir sehr gut!  :thumbup:

Die Werte von Drizzt musste auch mal posten. Finde ihn tausend mal gelungener als den offiziellen Drizzt.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 18. April 2010, 21:45:39
So, NSC-Werte von Drizzt habe ich hinzugefügt... Wenn ich irgendwann mal Zeit hab, mach ich das auch für die anderen bisherigen NSCs.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 19. April 2010, 00:17:45
Ja, diese RK 54 war echt übel...

So, Faust und Grimwardt gibts jetzt auch in der Wiki:

http://wiki.dnd-gate.de/index.php/Der_Faust (http://wiki.dnd-gate.de/index.php/Der_Faust)

http://wiki.dnd-gate.de/index.php/Grimwardt_Fedaykin (http://wiki.dnd-gate.de/index.php/Grimwardt_Fedaykin)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 28. April 2010, 02:46:27
...Wann wohl die nächste Folge kommt...  :wink:
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 28. April 2010, 18:51:26
Nightmoon, geile Wiki-Einträge!!! Grims Geschichte kenn ich ja ziemlich gut, interessant, mal die von Faust so am Stück zu erfahren.
Und, ja, wann wohl die nächste Folge kommt...  :wink:
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 28. April 2010, 20:03:49
Ach ja, die Achse des Guten *g*
Tja, die letzten Wochen der "Wiedereingliederung" waren etwas stressig. Ich hoffe, das wird demnächst besser - mal sehen...
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 29. April 2010, 21:27:00
http://davemaclancastor.weebly.com/ (http://davemaclancastor.weebly.com/)

So, haben in der Uni gestern ein nettes Tool gezeigt bekommen, mit dem ich mal fix ne Seite gebaut habe ;)
...siehe oben
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 29. April 2010, 22:50:47
Wie geil ist das denn!  :o
Hm... wir leben schon so ein bisschen in unserer eigenen Welt, hm? ;-)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 29. April 2010, 23:04:19
Neeeeeein, ich nicht... dieser verdammte Drizzt, beim nächsten mal ist er tot...
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 03. Mai 2010, 01:05:56
Kapitel XI: Sandschlund

Winter
See der Schatten, am nächsten Morgen.
Noch einmal hatte König Oreme den Gefährten geholfen. Sein Portal hatte sie an die Ufer des Schattensees geführt. In der Mitte des Sees waren im flirrenden Licht der aufgehenden Wüstensonne die fließenden Umrisse der Stadt Umbra zu erkennen. Auf einem gewaltigen Felsbrocken erbaut, der einem umgedrehten Berggipfel glich, schwebte die fliegende Stadt der Shadovar vor einer roten, pulsierenden Sonne über dem dunklen, tümpelartigen Wasser. Der See lag in einem Tal, das von einem Wehrring spitzer, speerartiger Berge umschlossen war. In der Ferne über dem Gebirge tauchten hin und wieder kleine schwarze Punkte auf: Das mussten die Sanddrachen-Patrouillen sein, vor denen der alte Sarrukh sie gewarnt hatte. Wäre es einem der Wächter gelungen, den Herrn der Stadt rechtzeitig zu warnen, so hätten sie damit rechnen müssen, bei ihrer Ankunft am See der Schatten eine ganze Armee von Umbranten vorzufinden. So jedoch war ihre Ankunft im Herzen des Schattenreichs noch unbemerkt geblieben.
An der Stelle des Ufers, die der Stadt am nächsten war, erstreckte sich eine Dattelplantage. Ein Erkenntniszauber hatte offenbart, dass Hadhrune den Quess Ar Teranthvar an diesem Ort versteckt hielt. Als die Gefährten die Plantage betraten, wurden sie vom rhythmischen Geräusch fallender Dattelbündel empfangen, die von Sklaven von den Palmen geschüttelt und sortiert wurden. So leise wie möglich schlichen die Gefährten unter den ausladenden Palmenwedeln hindurch. Doch die Sklaven beachteten sie nicht und Aufseher waren nicht zu sehen. Wohin hätten die Sklaven hier in der Wüste auch flüchten sollen?
„Diese Plantage ist riesig“, murmelte Boltor. „Wie sollen wir zwischen all den Bäumen unseren Baum finden?“
„Eine goldene Buche zwischen Palmen?“, erwiderte Winter. „Die sollte eigentlich auffallen.“
„Dann ist sie auch den Sklaven aufgefallen“, vermutete Faust und trat auf einen der Arbeiter zu. Doch der Mann schüttelte auf seine Fragen nur stumm den Kopf und wich nervös den Blicken des Fremden aus. Faust trat ihm mit verschränkten Armen in den Weg.
„Raus mit der Sprache“, drängte er. „Gibt es irgendeinen Bereich auf der Plantage, den ihr nicht betreten dürft?“
„Bitte, mein Herr“, sagte der Mann in gebrochener Handelssprache und schielte nach seinem Dattelbündel. „Muss weiterarbeiten. Sonst Ärger.“
„Hier ist kein Aufseher“, erklärte Faust. „Ich bin im Moment das einzige Problem, das dir Sorgen bereiten sollte.“
Als der Dattelpflücker versuchte sich an ihm vorbei zu schieben, packte der Kämpfer ihn plötzlich bei der Schulter, verdrehte ihm den Arm auf dem Rücken und stieß ihn mit dem nackten Oberkörper gegen eine der stachligen Dattelpalmen. Der Mann wimmerte vor Schmerz und bettelte um Gnade.
„Faust!“, rief Winter, während Miu entsetzt zusammenzuckte, doch Faust ließ nicht von dem Mann ab.
„Jetzt red’ schon!“, zischte er. „Ich hab’ nicht den ganzen Tag Zeit.“
„Bitte“, schluchzte der Sklave. „Nicht schlagen! Kein goldener Baum!“
Winter packte Faust bei der Schulter.
„Verdammt, Faust, was ist in dich gefahren?!“, versuchte sie den Kämpfer zur Vernunft zu bringen. „Willst du ihn umbringen? Er ist ein Sklave! Selbst wenn er etwas wüsste, würde es ihm wahrscheinlich den Tod bringen, zu reden!“
Mit einem Schnauben ließ Faust von dem Mann ab. Miu kniete sich eilig zu dem Verwundeten, um sich seine Verletzungen anzusehen. Als sie zu Faust aufsah, war ihr Blick voller Schmerz. Der Kämpfer wandte eilig den Blick ab und murmelte etwas Unverständliches.
„Können wir uns jetzt alle wieder beruhigen und mit der Suche fortfahren?“, brummte Grimwardt.
Sie suchten weiter und gelangten schließlich in einen Bereich der Plantage, wo keine Sklaven zu sehen waren. Die Dattelpalmen waren hier bereits abgeerntet und Bastkörbe mit den Früchten lagerten übereinander geschichtet im Schatten der Palmwedel. Als sie weiter in die abgeerntete Zone vordrangen, gelangten sie zum Ufer des Schattensees.
„Dort!“, rief Winter und wies in südliche Richtung. Zwischen den Palmen, in Sichtweite der fliegenden Stadt, stand der Baum aus Razeemas Vision: Klein und verloren wirkte der schmale Elfenbaum zwischen all den bauchigen Dattelpalmen. Nur noch wenige goldene Blätter hingen an seinen Zweigen und die Vielzahl der schwarzen, verschrumpelten Schriftrollen, die am Boden um den Stamm verstreut lagen, zeugten davon, dass das Ritual schon fast vollendet war, das den Baum in seine ursprüngliche Form zurückverwandeln sollte.
Die Gefährten sahen einander an. Was nun? Winter war sich sicher, dass der Baum von mächtiger Schattenmagie geschützt wurde, doch wie konnten sie dem entgehen, wenn ihnen selbst keine Magie zur Verfügung stand? Handeln und hoffen war die einzige Strategie, auf die sie bauen konnten. Mit dem Kelch des Amanautor in einer und seinem Schwert in der anderen Hand trat Faust vor. Kaum hatte er sich dem Baum auf fünfzig Schritte genähert, begann der Sand vor seinen Füßen lebendig zu werden. Sandschlieren krochen, von einem unmerklichen Windhauch bewegt, über den Boden und formten sich zu zwei wirbelnden Windhosen aus Sandstaub, die sich schneller und schneller in die Höhe schraubten und dabei die umstehenden Palmen entwurzelten. Der Sandsturm vernebelte die Sicht auf den Quess Ar Teranthvar und aus dem Zentrum der Sandhosen materialisierten sich zwei riesenhafte humanoide Kreaturen aus purem Sand.
Sandgolems.
„Versucht den Baum zu erreichen“, schrie Faust Winter und Miu über den aufkommenden Orkan hinweg zu und warf Winter den Kelch zu. Dann hob er sein Schwert und stürmte los. In wenigen Augenblicken hatte Winter ihn und die anderen aus dem Blickfeld verloren. Der Sandstaub war überall. Eilig zog sie sich ihr Halstuch über Mund und Nase, tastete nach Mius Hand und rannte mit ihr  los. Sie machten einen Bogen um die beiden Golems und erreichten den Quess Ar Teranthvar. Die Zweige des Baums bogen sich im Wind und rissen an den letzten goldenen Blättern.
Beeilt Euch, ich kann die Magie nicht lange aufrechterhalten.
Winter tauschte einen erstaunten Blick mit Miu: Ja, auch sie hatte die telepatische Nachricht empfangen. Die Stimme in ihrem Geist klang schwach und verzerrt. Ihr Blick fiel auf eine winzige Gestalt im Geäst des Baumes: die Saphirspinne. Tyvollus, der Erschaffer des Quess Ar Teranthvar, musste einen Weg gefunden haben, das antimagische Feld im Umkreis um den Baum außer Kraft zu setzen. Ihr magischer Blick sagte ihr, dass auch sie selbst wieder zaubern konnte.
„Ich versuche es“, konnte sie noch auf Tyvollus’ Nachricht antworten, ehe die gewaltige Faust des Sandgolems sie in die Magengrube traf und in den Sand schleuderte. Hustend und würgend rappelte sie sich auf und ging hinter dem Stamm des Elfenbaums in Deckung. Während Miu stumm zu ihren Ahnen betete, um gesegnetes Wasser zu erschaffen und das Ritual zu initiieren, welches das Artefakt zerstören sollte, gewahrte Winter eine Bewegung über dem Schattensee. Ein wirbelnder Säureball schoss dicht über der Wasseroberfläche auf die betenden Miu zu. Winters Warnruf kam zu spät und das Geschoss hinterließ böse Verätzungen auf der bloßen Haut der Karaturianerin.
Winter stellte sich schützend vor Miu, um sie zum See hin abzuschotten, und blickte dem Angreifer entgegen: Ein Nachtmahr, ein pechschwarzes Streitross, dem Feuer und Rauch aus den Nüstern stoben, galoppierte mit flammenden Hufen durch die Luft. Auf seinem Rücken ritt eine Gestalt in schwarzen Roben mit einem gewundenen Zauberstecken. Obgleich sie ihn noch niemals gesehen hatte, erkennte Winter ihn sofort: Das musste Prinz Hadhrune sein. Die Aktivierung der Sandgolems hatte den jüngsten Sohn des Hochprinzen von Umbra auf den Plan gerufen.

Grimwardt
Grimwardts Axt traf kaum auf Widerstand, als sie den Unterschenkel des Sandriesen durchstieß. Doch der Angriff riss den Golem in die Knie und die massige Sandgestalt fiel in sich zusammen. Gleichzeitig katapultierte sich Faust im Sprung auf den zweiten Sandriesen zu. Sein Körper durchstieß die Sandwand und der Golem explodierte in einer Wolke aus Sandstaub.
Als sich der Sandsturm um die gefallenen Gegner gelegt hatte, klärte sich Grimwardts Sicht ein wenig: Vom See her kommend galoppierte der fliegende Reiter auf die Gruppe zu. Hadhrunes Gesicht lag im Schatten, doch sein Zauberstecken war auf die Gefährten gerichtet. Das Ende des Steckens erstrahlte für einen Augenblick in gleißendem Licht. Als sich der blendende Film über seinen Augen verflüchtigte, hatte sich über den See der Schatten ein Teppich aus flimmernden Luftspiegelungen gelegt, der sich mit rasender Geschwindigkeit dem Ufer näherte. Miu war das erste Opfer des Illusionsschleiers: Mit schreckverzerrtem Blick ließ sie den Kelch fallen und floh, wie von zwanzig Teufeln gejagt, in die Wüste. Winter hinter ihr packte ihr Rapier und schlug wie von Sinnen um sich. Faust und Boltor schließlich begannen mit entleerten Blicken Unsinnssätze vor sich her zu plappern wie zwei schwachsinnige Gelehrte.
Bloß ein Trugbild, dachte Grimwardt, eine Fata Morgana.
Er schloss die Augen, um der Illusion des Magiers zu entgehen, doch die flimmernden Farben folgten ihm in die Dunkelheit. Vergeblich versuchte Grimwardt sich gegen den Farbnebel zu stemmen. Wabernde Blasen aus Schmerz und Grauen zerplatzen vor seinen Augen und fraßen sich wie hungrige Nagetiere in seinen Verstand.
Dann war es vorbei. Als er aufwachte, kauerte er orientierungslos im Sand. Faust, dessen rechte Gesichtshälfte mit Brandblasen übersäht war, richtete sich gerade wankend neben ihm auf. Von Winter und Boltor fehlte jede Spur und Miu musste längst von der Plantage geflohen sein. Und wo war…? Tempus steh uns bei: Der Kelch des Amanautor war verschwunden.
„Habt Ihr geglaubt, ihr könntet hier einfach so hereinspazieren und die Arbeit von Jahrzehnten zerstören?“ Hadhrune und sein Ross harrten bewegungslos einige Meter vor dem Ufer über dem See. Noch immer war unter der Kapuze des Umbranten kein Gesicht zu erkennen, das diese Worte gesprochen haben könnte.
„Feiger Hund!“, knurrte Faust.
„Ich hol’ ihn da runter“, brummte Grimwardt.
Der Kriesgspriester sprach ein Gebet und Tempus ließ über dem Nachtmahr die Umrisse einer riesigen Hand aus reiner Energie entstehen. Das Höllenpferd stieß ein erbostes Wiehern aus, als das Energiegebilde es mitsamt seinem Reiter zu Boden zu drücken begann. Gleichzeitig sprinteten Grimwardt und Faust los, um beide im seichten Uferwasser in Empfang zu nehmen. Ein einziger Axthieb genügte, um dem riesigen Tier den Kopf abzusäbeln. Eine Blutfontäne ergoss sich über die beiden Kämpfer und färbte die Wasser des Schattensees rot, während Faust dem strauchelnden Reiter mit einem Triumphschrei die Klinge seines Krummschwerts in die Seite rammte. Der Prinz von Umbra erstarrte, als das Schwert ihn durchbohrte. Dann löste er sich auf.
Eine Illusion, erkannte Grimwardt. Der Schwarzmagier hatte ein Schattenbild erschaffen, um sie zu täuschen. Der echte Hadhrune musste den Kelch an sich genommen haben und verschwunden sein. Doch wo hatte er sich versteckt? Grimwardts magischer Blick, der für gewöhnlich jede Illusion zu durchschauen vermochte, hatte keine magische Aura enthüllt. Dann hörte er ein magisches Zischen und ein grüner Strahl schoss pfeilschnell auf den verletzten Faust zu. Der Kämpfer widerstand der tödlichen Magie des Auflösungsstrahls, doch der Säureball, der folgte, traf ihn mit voller Wucht.  
„Schnell!“, keuchte Faust, der sich nur noch mit Mühe aufrecht zu halten vermochte. „Er versucht zu fliehen!“
Früh am morgen hatte der magisch begabte Kämpfer einen Zauber gewirkt, der ihn vor bevorstehenden Teleportationen warnte. Nun flüsterte er eilig eine Formel, die den Unsichtbaren am Flüchten hindern sollte. Doch Hadhrune würde nicht lange dafür brauchen, Fausts Zauber zu bannen. Und noch immer konnte Grimwardt nichts erkennen! Blind hechtete er in die Richtung, aus welcher der Auflösungsstrahl gekommen war und schlug zu.
Tempus, lenke meine Hand und stärke meine Faust wie meinen Geist!
Der erste Schlag ging ins Leere, doch der zweite dritte traf auf Widerstand. Der Umbrant keuchte auf, als die Streitaxt ihn streifte. Zwei weitere kraftvolle Axthiebe trafen ihn tödlich und die Unsichtbarkeit fiel von dem Getroffenen ab. Hadhrune von Umbra ging vor Grimwardt in die Knie und zum ersten Mal blickte der Kriegspriester in das Gesicht seines Gegners: schwarze, pupillenlose Augen starrten ihm aus dem grauen wutverzerrten Gesicht des Schattenmagiers entgegen.
„Er wird mich rächen.“
Hadhrunes düsterere Prophezeiung ging in einer Blutfontäne unter, die sich aus seinem Mund ergoss. Demütig sank Grimwardt neben dem Sterbenden auf die Knie und stützte sich auf seinen Schild.
Herr von Kriegersruh, ich danke Dir für diesen Kampf und preise deine Stärke und Größe.
„Das Ritual, schnell!“, rissen Fausts Worte den Priester aus seinem Gebet. Grimwardt erhob sich und folgte dem Blick seines Gefährten: Am östlichen Horizont hatte sich eine Sandwand aufgetürmt, die mit der Wucht einer Schneelawine näher rollte. Im Zentrum der Sandwand formte sich das hagere, wutverzerrte Gesicht eines brüllenden, kahlköpfigen Magiers. Entwurzelte Palmen wurden von den Sandmassen mitgerissen und verschwanden im Schlund des Hochprinzen von Umbra. Panische Schreie erklangen, als das gewaltige Gebilde wie ein trampelndes Monster über die Plantage hereinbrach und die ersten Sklaven der Sandlawine zum Opfer fielen.
Grimwardt ergriff den Kelch, den Faust ihm entgegen hielt, und kniete sich vor dem Quess Ar Teranthvar in den Sand. Während Faust seinen Körper als Schild benutzte, um Priester und Baum vor dem Sandsturm abzuschirmen, der dem Sandschlund vorauseilte, füllte Grimwardt den Kelch mit heiligem Wasser und entfernte die goldenen Siegel vom Rand des Kelches wie der Sarrukh es ihnen erklärt hatte. In das heilige Wasser getaucht, verflüssigten sich die Siegel und vermischten sich mit dem Wasser zu einer goldgelben, zähflüssigen Substanz. Ohne zu zögern kippte Grimwardt das Gebräu auf die Wurzeln des Quess Ar Teranthvar. Für einen Moment trafen seine Blicke die saphirblauen Augen Tyvollus’. Dann ging der Baum in Flammen auf und die letzten verbliebenen Blätter an seinen Zweigen verschrumpelten innerhalb von Sekunden und lösten sich in Nichts auf. Doch mit den Nesserrollen starb auch der elfische Beschützer des Baums, der die Magie bis zum Ende aufrechterhalten hatte.
„MIU!“, hörte Grimwardt Faust gegen den Sturm anbrüllen. Er blickte über die Schulter und erkannte undeutlich die kleine Karaturianerin, die auf der Flucht vor dem Sandschlund um ihr Leben rannte. Die Sandwand war bereits so nah, dass sie den Himmel fast vollständig verdunkelte. Während Miu keuchend und erschöpft in Fausts Armen Zuflucht suchte, schaufelte Grimwardt gehetzt Sand in den Kelch, um das zweite Ritual einzuleiten, das sie von hier fort bringen sollte. Keine Sekunde zu früh spürte der Priester das ersehnte Flimmern, das ein Überlagern der Dimensionen ankündigte. Grimwardt schloss die Augen.
Als er sie wieder öffnete, fanden sich Faust, Miu und er schwer atmend auf dem weißen Boden einer marmornen Halle. Angenehme Kühle umfing sie und helles Tageslicht fiel durch die hohen Fenster des strahlenden Gebäudes. Grimwardt erkannte, dunkel gegen die Helligkeit der Fenster, die Umrisse einer weiblichen Gestalt, die durch die Halle auf sie zuschritt.
„Grim?“
Der Priester stutzte.
„Winter? Was machst du hier?“
Seine Schwester kniete sich neben ihm zu Boden.
„Ich glaube, es war ein Zauber Hadhrunes, der mich hierher gebracht hat“, erklärte sie. „Wohl ein Zufall. Ist der Baum zerstört? Und wo ist der Zwerg?“
„Die Nesserrollen sind zerstört und der Zwerg war plötzlich verschwunden.“
Für einen Augenblick schloss Grimwardt die Augen und spürte, wie Mius heilendes Gebet seine müden Glieder erfrischte.
„Wohin nun?“, fragte Winter nach einer kurzen Verschnaufpause.
„Ich finde, wir sollten Miu entscheiden lassen“, fand Faust. „Sie ist die einzige, die uns im Moment zurück nach Faerûn bringen kann.“
Grimwardt und Winter gaben diesem Vorschlag ihre stumme Zustimmung und die Karaturianerin kniete sich zum Gebet mit dem Gesicht zur Sonne.

Gegner:

Hadrhune
Männlicher Umbrant
Magier 10/ Schattenadept 10 (20)
CB Mittelgroßer Humanoider
HG 22
Initiative +6, Dunkelsicht, Dämmersicht
TP  183 (93 Schattendouble)  
RK 35* (Schattendouble 20), Berührung 25 (Schattendouble 20) * mit Schattenschild
Fehlschlagschance: 50% (Verbesserte Unsichtbarkeit) oder 20% (Schattenschild)
SR: 10/ Adamantium (Steinhaut)  
Schnelle Heilung 2
ZR 31 (im Schatten) oder 22 (immer)
REF +13, WIL +20, ZÄH +16 (+3 gegen Nekromantie und Verz.), kann nicht von geistesbeeinflussenden Zaubern betroffen werden
Attribute: ST 10, GE 22, KO 23, IN 31, WE 14, CH 18
Sprachen: Gemeinsprache, Netherese, Drakonisch, Condathanisch
BR 15 m (10 Felder) (im Schatten) oder 9m (6 Felder)
Voller Angriff +15/+10 Dunkler Stecken (1W6+2+1W6/1w10 Kälte-schaden) (Schattendouble)
Nahkampf: +10, Fernkampf +17
Zauber:
Zauberstufe: 25 mit Schattengewebe-Knoten, 24 Verwandlung & Hervorrufung, 26 Nekromantie & Verzauberung  
9.Grad (5)
Wehgeschrei der Todesfee (1 Kreatur/Stufe, ZÄH 32)
**Zeit anhalten (1W4+1 Runden frei agieren)
Vampirgriff, schnell und maximiert
Säurekugel (schnell) (2x)  
8.Grad (5)
Dimensionsschloss
Schillerndes Muster (Verwirrung in 4F-Radius für 1W4 R, kein RW)
*Geistesnebel
Polarstrahl (kein RW, 26W6 Kälteschaden)  
*Verbesserte Unsichtbarkeit (1min/St, auch gegen Geruchsinn & Blindgespür, nur mit Wahrer Blick zu sehen)
7.Grad (6)
Vampirgriff, schnell + maximiert
*Mächtige Teleportation
*Projiziertes Ebenbild
Zauber zurückwerfen (1W4+6 Zauberstufen auf Wirker zurück)
*Wahrer Blick
6.Grad (6)
Mächtige Kugel der Unverwundbarkeit
Vampirgriff, schnell
Mächtige Magie bannen (3x)
Todeskreis (ZÄH, 26W4 TP an Kreaturen  in 6F Radius)
5.Grad (6)
Berührung der Nacht (15W6 +1W6+2 KO bei missl. ZÄH 28)
Verzauberung brechen
*Dimensionshüpfer (schnell, teleportiert 9m pro Runde als Bewegungsaktion, 1R/St) (2x)
4.Grad (6)
Bewegungsfreiheit
Säurekugel (15W6 + Übelkeit bei misslungenem ZÄH 25) (3x)
*Strahlablenkung
Mächtige Spiegelbilder
Sandfusion
*Steinhaut
3.Grad (7)
Gasförmige Gestalt
Fliegen (2x)
Vampirgriff (kein RW, 10W6, Schaden als temporäre TP)
Mächtige Magierrüstung
Dunkelheit
Hellsehen/-hören
Unauffindbarkeit
2.Grad (7)
Gestalt verändern (3x)
Unsichtbarkeit (3x)
Geisterhafte Hand
1.Grad (7)
Stilles Trugbild
Federfall
Geräuschkugel (2x)
Magisches Geschoss (2x)
0.Grad (4)
Magie entdecken (2x)
Gift entdecken
*zu Anfang des Kampfes bereits gewirkt
Zauberähnliche Fähigkeiten (nur im Schatten): Unsichtbarkeit 1/Tag (20 min), Schattenbilder 3/Tag (wie Spiegelbilder, 1W4 +6), Schattenweg alle 2 Runden (verschwindet und taucht 90m weiter wieder auf, Bewegungsaktion), Schattenwandel 1/Tag (wie Mächtiges Teleportieren)
Besondere Eigenschaften: Schattenverteidigung, Schattenschild, Schattendouble
Talente: Arkane These (Vampirgriff), Bösartige Magie, Hartnäckige Magie, Kernschuss, Knotenmagie, Plötzlicher gestenloser Zauber,  Präzisionsschuss, Schattengewebemagie, Schnell zaubern, Schriftrolle herstellen, Strahl spalten, Verstärkter Zauber, Zauber maximieren, (Mächtiger) Zauberfokus (Nekromantie), Zauberndes Wunderkind
Fertigkeiten: Wissen (Arkanes) +33, Zauberkunde +33, Konzentration +31
Besondere Ausrüstung: Geschicklichkeitshandschuhe +6, Stirnreif des Intellekts +6, Konstitutionsarmschienen +6, Hadrhunes Dunkler Stecken (+1, Einsinferno, Entzug von Lebenskraft, Grimwalds Graumantel, Projiziertes Ebenbild, Schattenbänder  33 Ladun-gen), Schwarze Robe des Erzmagiers, Amulett der natürlichen Rüstung +5

2 Verbesserte Sandgolems
N Riesiges Konstrukt
Initiative -1, Dunkelsicht, Dämmersicht
HG 17
RK 27, Berührung 6, auf dem falschen Fuß 27
TP  271
REF +12, WIL +11, ZÄH +12
Attribute: ST 37, GE 7, KO -, IN -, WE 11, CH 1
BR 6m (4 Felder)
SR: 10/ Adamantium + Wucht
ZR: 100%
GAB +31; RAB +52
Angriff +42 Hieb (4W8+13)
Voller Angriff: +42/+42 Hieb (4W8+13)
Reichweite 3F
Immunitäten: Betäubung, Erschöpfung, Entkräftung, Elektrizität, Gift, Krankheit, Lähmung, Schlafeffekte, Todeseffekte, Lebenskraftentzug, alle Effekte, die einen Zähigkeitswurf erfordern
Besondere Angriffe Verlangsamen, Ersticken, Sandstaub
Verlangsamen: wie Zauber (WILL SG 17) als schnelle Aktion
Sandstaub: -4 auf GE-basierte Würfe und Entdecken
Ersticken: durch Sand, der die Körperöffnungen des Gegners dringt: Konstitutionswurf SG 10 (jede Runde erhöht sich der SG um 1) oder ersticken in der nächsten Runde (erste Runde 0 TP, dann -1)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 03. Mai 2010, 18:13:34
Machst du dir beim Leiten eigentlich Notizen? Vieles wüsste ich gar nicht mehr so genau aber dann fällts mir beim lesen wieder ein... sehr cool wieder und das war auch einfach n echt harter Tag... eine Begegnung nach der Nächsten und dann das was jetzt noch kommt... bin gespannt!  :thumbup:
Habs auch direkt auf die Seite mit aufgenommen.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 03. Mai 2010, 19:40:00
Bisher nicht, aber ich habe ja meist die Notizen zu den Abenteuern und eure Reaktion fällt mir dann beim Durchlesen ein. Aber ich merke langsam, dass in-game-Notizen 'ne gute Idee wären; viel habe ich auch vergessen, aber gut, wenn's keinem auffällt ;-)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 03. Mai 2010, 20:09:29
Das war echt ein anstrengender Spieltag. Und als der Typ sich den Kelch geschnappt hatte, dachte ich, oh nein...! Wie sollen wir da jetzt wieder ran kommen???

Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 04. Mai 2010, 01:01:11
Ja, dachte ich auch... aber das war auch n fieser Zauber... ;)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 10. Mai 2010, 02:30:34

Kapitel XII: Aus dem Nebel


Faust
Nebel. Faust lief ein Schauer über den Rücken, als die Dunstschlieren seinen Körper hinauf krochen. So hatte es auch damals angefangen… Der Kämpfer blinzelte und sah sich um. Undeutlich erkannte er Gemäuer und Türme, die wie verschleierte Bräute hinter der Nebelschicht harrten. Wo war er? Und wo waren die anderen? Faust rief nach seinen Gefährten, doch er erhielt keine Antwort.
Verdammt, Miu, wo hast du uns hingeführt?
In einiger Entfernung hörte Faust Schlachtenlärm, doch hier war alles ruhig. Dann stieß er gegen etwas Weiches und blickte nach unten: Leichen. Der Platz war übersäht mit den toten Körpern von Elfen und Menschen. Die Elfen wiesen Brandwunden auf und waren zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verbrannt; die meisten der Menschen dagegen schienen durch Waffengewalt zu Tode gekommen zu sein. Als Faust sich zu einem der Gerüsteten hinunterbeugte, erkannte er auf seiner Brustplatte das Emblem des Schwarzen Netzwerks. Er musste in Myth Drannor gelandet sein. Und die Allianz hatte bereits mit voller Härte zugeschlagen.
Plötzlich eine Bewegung. Reflexartig fuhr Fausts Hand an den Knauf seines Schwerts. Ein Elf, ungerüstet aber mit einem kostbaren Bastardschwert in der Hand, irrte schwer verletzt über das Schlachtfeld.
„Hey!“
Faust ging auf den Fremden zu und fing ihn auf, als er zusammenbrach. Pures Entsetzen stand in den Augen des Elfenkämpfers.
„Wohin haben sie mich diesmal geführt?“, flüsterte er, dem Delirium nah.
Faust fuhr ein eiskalter Schrecken in die Glieder, als ihm bewusst wurde, in welcher Sprache er diese Worte gesprochen hatte - eine Sprache, die er beinahe vergessen hatte. Eine Flut zusammenhangloser Erinnerungen überrollte ihn. Erinnerungen an die Zeit, nachdem die Nebel ihn in jene eigenartige Welt voller Grauen und Tod entführt hatten.
Rabenhorst, die Nebel….
Ein schrecklicher Gedanke durchzuckte ihn. Nein! Nein, er wollte nicht wieder zurück! Er hatte seinen Weg gefunden. Rabenhorst hatte ihn gehen lassen. Die Nebel hatten ihn entlassen. Warum waren sie nun zurückgekehrt? Faust schloss die Augen und versuchte die Panik niederzukämpfen, die ihn in die Dunkelheit zu reißen drohte.
Konzentrier dich.
Er bettete den verwundeten Elfen mit dem Rücken gegen eine Steinmauer. Dann stutzte er. Etwas an dem Sonnenelf kam ihm bekannt vor. Die harten Züge seines goldbraunen Gesichts, die rasiermesserscharfen Wangenknochen, sein langes Elfenhaar…
„Tyrael?“
In seinem Fieberwahn schien der Elf seine Umgebung kaum wahrzunehmen. Trotzdem glaubte Faust ihn zu kennen – aber nicht aus Rabenhorst. Die Erinnerungen, die er weckte, waren klarer als die albtraumhaften Zerrbilder aus der Anderswelt: Faust war sehr jung gewesen, als er einem geheimnisvollen Freund seines verschollenen Vaters in die Stadt Rabenklippe gefolgt war und seine Kampfausbildung bei den Neun Schwertern begonnen hatte. Keiner der anderen Rekruten hatte Faust das Wasser reichen können – keiner bis auf Tyrael. Faust und er waren wie Feuer und Eis gewesen. Unzählige Male hatten Tyraels elfischer Hochmut und seine menschenverachtenden Hassreden Faust zur Weißglut getrieben und sie hatten sich bis aufs Blut bekämpft. Nur bis zum Äußersten war keiner der beiden je gegangen, denn Ehre und ein heimlicher Respekt für die Kampfkunst des anderen hatten sie davon abgehalten. Doch all das hatte sich geändert, als… Faust runzelte die Stirn. Ja, da war noch eine Erinnerung, aber sie kauerte im Schatten, so als versuche sein Gewissen, sie von ihm fernzuhalten.
„Noch so ein Elfenfreund! Ich dachte, ich hätte euch alle erwischt“, durchschnitt eine dunkle, diabolische Stimme Fausts Gedanken und ein Schatten fiel über ihn. Noch ehe sein Blick die Bedrohung erfasst hatte, hatte seine Hand wie von selbst sein Schwert aus der Scheide gerissen. Die massige Gestalt eines Höllenschlundteufels kreiste mit dramatisch entfalteten Schwingen über dem Schlachtfeld. Gelbe Glut und unstillbarer Durst loderten in den Augen des mächtigen Höllenherrn.
Faust spürte, wie Zwiespalt in seiner Hand vibrierte. Eigenartige Farbreflexionen spiegelten sich auf der Klinge des Krummschwertes und Faust meinte zischelnde Stimmen in seinem Geist zu hören. Er blinzelte überrascht: Er konnte nicht verstehen, was die Stimmen sagten, doch etwas in ihm verspürte einen unwiderstehlichen Tötungsdrang: Zwiespalt wollte, dass er den Teufel angriff. Das Schwert seines Vaters schien einen eigenen Willen zu besitzen.
Dann fuhr der erste Feuerball mit infernaler Wucht auf Faust nieder. Er fluchte.
„Stellst du dich mir Mann gegen Mann oder muss ich zu dir hochkommen?“, schnaubte er, während er zur Seite wegrannte, von Tyrael fort, um den Bewusstlosen vor weiteren Flächenzaubern zu schützen. Der Teufel lachte düster und katapultierte sich im Sturzflug auf den Herausforderer zu. Seine Bissattacke brannte wie Feuer und zwang Faust in die Knie. Schwefelgeruch und schwelende Hitze benebelten seine Sinne. Doch Zwiespalts Euphorie färbte auf ihn ab und das Schwert überzog den Gegner mit einem rasenden Klingenwirbel. Der Höllenschlundteufel brüllte vor Wut, als die Klinge seine Haut aufschlitzte wie eine Orangenschale, und antwortete mit einem schmetternden Prankenhieb. Seine Krallen rissen eine hässliche Wunde in Fausts Kehle, doch während sein Gegner noch mit dem Schwanz zum Folgehieb ausholte, wirbelte der Kämpfer bereits um die eigene Achse, katapultierte sich in die Höhe, sprang von hinten auf den Teufel zu und zertrümmerte das Schlüsselbein seines Gegners. Unbeholfen wie eine verletzte Fledermaus schlug sein Gegner mehrmals mit den Flügeln, ehe es ihm gelang, vom Boden abzuheben und sich aus Fausts Reichweite treiben zu lassen. Sein Gesicht war eine Fratze aus Zorn und Schmerz, als er mit bebendem Finger auf Faust wies und mit einer zischenden Zauberformel die Feuer der Hölle auf den Schwertkämpfer herab beschwor.
Faust spürte wie seine Haut in der Glut zu schrumpeln begann, noch ehe er die Säule aus gleißendem Licht auf sich niederstürzen sah. Dann explodierten zu allen Seiten Feuerkugeln und sein Körper schien in der erbarmungslosen Hitze zu Staub zu zerglühen.

Grimwardt
„Grim! Faust! Miu! Wo seid ihr?“
Grimwardt hörte Winters Rufe, doch der Anblick, der sich ihm bot, als die Nebel sich lichteten, erstickte seine Antwort. Er stand vor den Toren Myth Drannors. Der Schutzwall der Stadt war an mehreren Stellen durchbrochen und Rauchsäulen hinter den Mauern ließen vermuten, dass die meisten Angreifer die Stadt bereits gestürmt hatten. Doch noch immer gab es hier und dort Elfen und Menschen, die auf den Feldern verbittert um ihre Heimat kämpften. Das Verschwinden der Antimagie (mochten die Götter wissen, wie es dazu gekommen war) hatte den Vorteil der Angreifer zunichte gemacht und den Verteidigern neuen Mut gegeben. Doch zu viele ihrer Gefährten lagen im Staub. Unter ihnen erkannte Grimwardt viele bekannte Gesichter. Der Abteivorsteher ballte die Fäuste, als er den Blick über das Schlachtfeld gleiten ließ. Melgrent, Godwart, Ravel... Sie alle waren Novizen in seiner Abtei gewesen. Doch es waren nicht die Toten, die Grimwardt die bleiche Wut ins Gesicht trieben. In einiger Entfernung hatten die Nebel den Verursacher all der Verwüstung enthüllt: eine unförmige, felsenartige Kreatur. Der Zwerg Borgo und zwei weitere Tempuskrieger seiner Abtei kämpften verbissen gegen das Geschöpf, doch sie waren erschöpft und dem Ende nahe und ihre Waffen hinterließen kaum Wunden in der krustenartigen Haut ihres Gegners. Dort, wo die Platten der Umpanzerung des Ungeheuers aufeinander trafen, enthüllten sie Lavaströme, die unter der Haut des Wesens pulsierten. Grimwardt erkannte, dass nur perfide Magie ein solches Wesen erschaffen haben konnte. Er erhob seine Axt.
„Graum Auskovyn!“, brüllte er über das Schlachtfeld nach dem dunkelelfischen Clanführer, der in seiner Abwesenheit die Abtei des Schwertes erobert hatte. „Zeig dich mir, du elender Schurke!“
„Dort oben.“ Winter war neben ihren Bruder getreten und wies in den grauen Mittagshimmel. „Er ist unsichtbar.“
„Hol ihn da runter“, knurrte Grimwardt ohne den Blick von der monströsen Schöpfung des Drowmagiers zu wenden. Dann stürmte er los, während Winter einen Flugzauber sprach und selbst unsichtbar wurde.
„Für Ehre und Glorie!“, brüllte Grimwardt mit Inbrunst, während er über das Schlachtfeld stürmte. Sein Zorn und der Segen des Feindhammers verliehen ihm eine Größe und Schrecklichkeit, die seine Leute für einen Augenblick innehalten ließ. Gleichzeitig eröffneten die beiden unsichtbaren Magier den Kampf und der Himmel explodierte in einem magischen Feuerwerk, sodass es den Kriegern scheinen musste, als sei Tempus in menschlicher Gestalt zur Erde herabgestiegen. Der Gedanke gab ihnen neuen Mut und belebte den Funken der Hoffnung in ihren mutlosen Gesichtern.
„Aus dem Weg, Borgo, der gehört mir!“
Der Zwerg und die Rekruten sprangen zur Seite, als Grimwardt heran raste, und seine Streitaxt drang ungehindert  durch den Krustenpanzer des Ungeheuers. Das Geschöpf stieß einen jaulenden Jammerlaut aus, der in seltsamem Kontrast zu seiner monströsen Gestalt stand.  Für einen Moment schien es so, als wolle die riesenhafte Kreatur aus dem Kampf fliehen, doch dann fügte sie sich dem Willen ihres Schöpfers. Einen Augenblick zu spät hob Grimwardt seinen Schild. Ein schmetternder Prankenhieb traf seinen Schädel und ein weiterer seinen Unterleib. Ihm drohte schwarz vor Augen zu werden, doch der Tempus-Priester besiegte die aufkeimende Übelkeit und holte zum Gegenschlag aus. Im selben Moment wirkte Winter ihren mächtigsten Zauber, Doriens magisches Vermächtnis. Das Monster ging in die Knie, als eine Welle negativer Energie alle Flüssigkeit aus seinem Körper sog. Schmerz und Leid spiegelten sich auf seinem von Narben entstellten Gesicht, sodass sich Grimwardts Todesstoß wie ein Gnadenstoß anfühlte. Als die Axt das Herz des Wesens durchbohrte, begannen seine Gesichtszüge zu zerfließen und die Magie, die es im Leben zusammen gehalten hatte, wich aus seinen Gliedern. Der Lavariese schrumpfte zu einer erbärmlichen Kreatur zusammen, die halb Grimlock und halb Troll zu sein schien: Sie war blind und gesichtslos und ihr massiger, unförmiger Körper war von grünlichem Schleim überzogen.
„Meister“, waren ihre letzten Worte und sie hob mit einer kraftlosen Geste die Hand.
Grimwardt folgte der Geste des Halbtrolls mit den Augen und sprach ein Gebet. Der magische Blick, den Tempus ihm gewährte, enthüllte die kämpfenden Gestalten von Winter und dem Drow, deren wildes Zauberduell den Himmel in ein farbenprächtiges Kunstwerk aus Strahlenfächern und Energiebällen verwandelt hatte. Graum Auzkovyn trug sein Haar kurz geschoren und sein Gesicht war zur Hälfte von einer bunten Maske verdeckt - das Erkennungsmerkmal der Anhänger Vhelrauns. Seine Roben waren an einer Seite völlig verkohlt und enthüllten Brandblasen, die sich über seine ganze rechte Körperhälfte zogen. Winter dagegen schien den Kampf weitgehend unbeschadet überstanden zu haben. Strähnen ihres Feuerhaars umtanzten ihr Gesicht und ihre grünen Augen glänzten vor Erregung. Freudige Erregung, wie Grimwardt erstaunt feststellte: Sie genoss diesen Kampf. Und zum ersten Mal sah er seine Schwester so wie ihre Gegner sie sehen mussten: als eine der mächtigsten Zauberinnen Faerûns, gefährlich und von tödlicher Schönheit.
Graum zischte wütend, als er erkannte, dass er im Begriff war, den Kampf zu verlieren, und schleuderte einen schwarzen Strahl auf seine Gegnerin. Doch der Zauber prallte an Winters unsichtbarem Schutzschild ab und wurde auf den Drow zurück geworfen. Die Wucht seines eigenen Geschosses sandte Graum schleudernd durch die Luft und er schlug ächzend in Grimwardts Reichweite auf dem Boden auf.
„Nicht!“, rief der Priester, als Winter zu einer weiteren Formel ansetzte, um ihm den Rest zu geben. „Er gehört mir.“
Wortlos näherte sich Grimwardt seinem Erzfeind und wuchtete seinen Schild einen Finger breit vor Graums Nasenspitze in den Boden, sodass der Drow zusammenzuckte. Dann stellte er seinen Fuß auf die Brust des Magiers.
Graum lachte ihm dreist ins Gesicht.
„Erbärmlich!“, spuckte er, während ihm Blutschaum aus dem Mund quoll. „Du hast deine Leute in der Abtei im Stich gelassen und nun schickst du deine kleine Schwester, um mich zu besiegen. Sassoon! Licht über dich, Grimwardt Fedaykin!“
„Ich denke, damit kann ich leben“, erwiderte Grimwardt trocken.
Dann hob er seine Axt und enthauptete den Mann, der Priestergeneral Eldan Ambrose und Dutzende Tempuskrieger auf dem Gewissen hatte. Endlich, nach vierundzwanzig Jahren, erfüllte er das Versprechen, das er Ambrose bei seinem Tod gegeben hatte: Eldan war gerächt und die Gefahr fürs erste gebannt. Ohne Graum Auzkovyn war die Allianz der Drow-Clans hinfällig. Es mochte Jahre, vielleicht Jahrzehnte dauern, bis sie wieder einen Anführer fanden, der genug Ansehen genoss, um die zerstrittenen Familien zu einen. Langsam begriff Grimwardt, was das bedeutete, und ein Gefühl reinen Glücks durchströmte ihn: Er war von Tempus gesegnet! Denn alles, was er erreichte, war am Ende das Werk des Feindhammers. Nur für einen Augenblick schloss er die Augen und ließ das Gefühl zu. Dann wisperte er ein kaum hörbares Dankgebet und wandte sich an Borgo und die Hand von Rekruten, die sich um ihn geschart hatten.
„Waffenmeister“, sagte er schroff.
„Ja, Herr?“
„Begrabt unsere Toten. Wir wollen für sie beten. Und dann reiten wir los und erobern die Abtei zurück.“

Faust
Er sieht die Klinge auf sich zukommen und weiß, dass er dem Schlag nicht ausweichen kann. Seine Glieder sind schwer wie Blei und sein Schwert zittert in seiner Hand. Als die schwarze Seelentrinkerklinge in sein Fleisch schneidet, spürt er wieder diesen benebelnden Schmerz, als ob etwas alle Kraft und allen Mut aus ihm saugt. Ihm wird schwarz vor Augen und er sinkt in die Dunkelheit. Er weiß, wenn er ihr nachgibt, ist das sein Ende. Und er will nicht sterben! Zu viel, was er noch nicht erlebt hat, zu viel, was er der Welt noch zu geben hat. Wie ein Ertrinkender klammert er sich an diesen Gedanken und kämpft gegen die Wogen der Finsternis. Endlich, mit ungeheurer Anstrengung, gelingt er ihm die Augen zu öffnen. Das Sonnenlicht, das durch die Baumwipfel fällt, empfängt ihn mit gleißender Schärfe und mit seinem Bewusstsein kehrt auch der Schmerz wieder zurück.
Als das blendende Weiß sich aus seinem Sichtfeld zurückzieht, erblickt er seinen Gegner, der, auf sein Schwert gestützt, an seiner Seite kniet. Thallastam hat noch nicht bemerkt, dass er wieder bei Bewusstsein ist, denn er hat die Augen geschlossen und hält den Kopf gesenkt.
Er betet für mich, fährt es Faust durch den Kopf.
Der Gedanke entfacht den schwelenden Zorn in ihm von neuem. Er betet für ihn, weil er glaubt, dass seine Seele verloren ist. Wie die seines Vaters. Mit dem Streit um seinen Vater hat alles begonnen. Faust weiß, dass sein Meister lügt. Wie könnte seine Mutter ihn belogen haben? Wie könnten all ihre Geschichten eine Farce sein? Der Mann aus ihren Geschichten hätte niemals seine Freunde verraten und einen Pakt mit der Hölle geschlossen wie der Waldelf behauptet. Auch wenn Faust diesem Mann nie begegnet ist, weiß er, dass sie ihm niemals ein Lügenmärchen aufgetischt hätte. Der Gedanke an die Verleumdung seines Vaters durch dessen alten Freund treibt ihm Tränen der Wut in die Augen und seine Hand verkrampft sich um den Knauf seines Schwertes.
Dann versinkt die Welt in Rot.
Als seine Sinne zu ihm zurückkehren, kniet Faust schwer atmend im Gras. Klebriges Blut tropft von seinem Gesicht und der Rüstung auf die enthauptete Leiche des Waldelfen. Er blinzelt verwirrt und starrt in die aufgerissenen Augen seines Meisters. Für einen Augenblick weigert er sich zu begreifen, was geschehen ist. Dann überrollt es ihn mit unbarmherziger Härte. Keuchend springt er auf und taumelt zurück. Ein eigenartiger, panischer Laut dringt aus seiner Kehle, halb Schrei, halb hysterisches Lachen. Doch er kann nicht die Stimme seines Gewissens übertönen.
Du hast einen wehrlosen Mann getötet.


Faust schnappte keuchend nach Luft. Mius Hand auf seiner Stirn fühlte sich an wie glühende Kohlen und ein höllisches Brennen durchfuhr ihn, als seine verkohlte Haut zu regenerieren begann.
„Danke“, brachte er schließlich ächzend hervor und setzte sich auf. „Wo… hast du gesteckt?“
Miu ergriff seinen Arm und er spürte ihre Beunruhigung. Alarmiert folgte er ihrem Blick nach Westen… und erblickte den Höllenschlundteufel, der im rasenden Flug auf sie zuhielt. Offenbar hatte er Faust für tot gehalten und seinen Fehler bemerkt. Ein Feuerball formte sich zwischen seinen Klauen.
„Lauf, Miu!“, rief Faust und stieß sie beiseite. Dann stolperte er auf die Beine und sprach einen Flugzauber. Der Feuerball raste an Faust vorbei auf Miu zu, doch die flinke Karaturianerin ging rechtzeitig hinter einer Straßenecke in Deckung.
„Zäher Bursche, wie?“, lachte der Höllenschlundteufel, während sie beiden Gegner aufeinander zu schossen. „Ist fast schade um dich!“
Faust reagierte einen Augenblick früher als sein Gegner. Zwiespalt erstrahlte in allen Regenbogenfarben, als die Henkersklinge das Herz des Teufels durchstieß. Der Tod kam so überraschend für seinen Gegner, dass sein Körper noch ein paar Mal mit den Flügeln zuckte, ehe er zu stürzen begann. Faust schloss für einen Moment die Augen. Dann glitt er ihm erschöpft nach und die verlorene Erinnerung echote in seinen Gedanken.
Du hast einen wehrlosen Mann getötet.
Sein Gegner war besiegt, aber noch nicht tot. Bereits im Sturz hatten die ersten Wunden begonnen sich zu schließen. Faust war froh darüber. Nicht dass er eine Rechtfertigung gebraucht hätte, um auf irgendetwas einzudreschen.... Es verringerte nicht die Last der Schuld, aber die bleierne Erschöpfung, die die körperliche Anstrengung mit sich brachte, benebelte seine Sinne. Alles wirkte gedämpft hinter dem Schleier aus Blut und Schweiß, der sich vor seine Augen legte. In diesem Moment war es nicht die Reue, die ihn zu überwältigen drohte, sondern die Erkenntnis, dass Thallastam die Wahrheit gesagt haben könnte. Hatte sein Vater, der vor ihm den Titel des Faust getragen hatte, tatsächlich seine Seele verkauft, um die Macht eines Teufels zu erlangen? War es das, was Zwiespalt ihm durch diesen Kampf hatte mitteilen wollen? Er hatte immer angenommen, sein Vater habe das Krummschwert um seinetwegen zurück gelassen. War es umgekehrt gewesen? Hatte die Chaosklinge ihren Träger verstoßen, weil er seinen Idealen den Rücken gekehrt hatte? Doch weshalb? Was war mit ihm passiert? War er noch am Leben? Mit schmerzlicher Bitterkeit wurde Faust bewusst, dass womöglich der einzige, der ihm seine Fragen beantworten konnte, nicht mehr am Leben war.
„Faust!“
Der Ruf zwang ihn innezuhalten. Es war Tyrael. Miu musste seine Wunden geheilt haben. Mit angewiderter Miene stieg der Elf über das Ergebnis von Fausts Hackwut. Dann zog er sein Schwert, murmelte etwas in seiner Muttersprache und ein kleines Irrlicht sauste in Spiralen um die Klinge des Bastardschwerts. Nachdem das geisterhafte Licht die Klinge umspielt hatte, hob Tyrael das Schwert und enthauptete den Teufel (oder was noch von ihm übrig war) mit seiner verzauberten Klinge. Augenblicklich löste sich der Höllenschlundteufel in Luft auf: Die Hölle hatte zurückgefördert, was ihr gehörte.
„Danke“, keuchte Faust.
Tyrael hob langsam den Kopf und sein Blick aus kalten grauen Augen triefte vor Verachtung.
„Ich habe nicht vergessen, was du getan hast“, zischte er.
„Es… tut mir leid“, sagte Faust mit ehrlicher Reue und machte einen Schritt auf Tyrael zu. Der Elf wich vor ihm zurück wie vor einer giftigen Viper und ein unheilvolles Funkeln streifte seine Augen. Das war purer Hass, erkannte Faust. Er hielt inne. Tyrael hatte ihn nie leiden können, aber sein Maß an Verachtung war nie über das hinausgegangen, was der arrogante Elf der gesamten Menschheit entgegen brachte. Dann begriff er: Er hatte einen Elfen umgebracht – etwas, das Tyrael ihm niemals vergeben würde.
„Ich habe einen Racheschwur gegen dich geleistet“, sagte Tyrael leise und die Spitze seines Schwertes zeigte auf Fausts Brust.
„Nicht jetzt“, murmelte Faust erschöpft.
„Nein, nicht jetzt“, erwiderte der Elf mit einem verächtlichen Blick auf Fausts Wunden. „Aber ich werde dich finden und wenn wir uns das nächste Mal sehen, wird einer von uns sterben.“
Mit diesen Worten wandte er sich um und ließ Faust stehen. Der Kämpfer schloss ergeben die Augen und ließ sich mit dem Rücken gegen eine Gebäudewand sinken. Gerade als er im Begriff war einzunicken, spürte er Mius Hand auf seiner Schulter. Er blickte auf. Sie lächelte und es tat gut ihr Lächeln zu sehen nach allem, was passiert war. Dann legte sie eine Hand an ihr Ohr und sah Faust erwartungsvoll an. Er runzelte die Stirn. Dann begriff er: Der Kampfeslärm hatte aufgehört. Die Schlacht war zu Ende und Myth Drannor war gerettet.
Faust und Miu brachen auf, um in Erfahrung zu bringen, wie es den anderen ergangen war. Auf dem Weg durch die Stadt schlossen sie sich einem Strom von Elfenkämpfern an, die es zum Hochpalast zog. Hier hatte sich ein Großteil der Überlebenden um den Vorplatz geschart und zu ihrer Freude erkannten Faust und Miu viele bekannte Gesichter: Kalith, Nimoroth, Razeema und der Halbork Grax hatten die Kämpfe überstanden. Auch Winter war dort und berichtete, dass es Grimwardt gut ginge. Schließlich trat Hauptmann Fflar Melruth vor die Menge, um offiziell den Ausgang der Schlacht zu verkünden: Die Kastellanin von Zhentil-Feste, die Anführerin der Allianz, war besiegt und ihre Truppen zurückgeschlagen. Die Rettung des magischen Gewebes war der Simbul und dem Erzmagier Elminster vom Schattental zu verdanken. Auch die antimagische Zone über Cormyr war verschwunden. Nur den magischen Knoten unter der Wüste von Anauroch hatten die beiden Auserwählten Mystras nicht retten können. Trotzdem waren es allem in allem gute Nachrichten, die der Hauptmann zu verkünden hatte, und die Versammelten brachen in Jubelstürme aus. Faust, der sich von der Hochstimmung anstecken ließ, drückte übermütig der nächststehende Elfe einen Kuss auf die Lippen. Dann wirbelte er eine überrumpelte Miu durch die Luft und trug sie im Triumphzug durch die Stadt. Schon nach wenigen Straßenblocks hatte sich eine Schar von Bewunderern um sie geschart und als sie in Whispers Braustube ankamen, wusste bereits die halbe Stadt von den Heldentaten der Gefährten und von Fausts Kampf gegen Drizzt Do’Urden.

Winter
Am Abend in der Abtei des Schwertes.
Als Grimwardt und Borgo nach einem siebenstündigen Ritt durch das Tor der Abtei ritten, fanden sie den Innenhof mit Leichen übersät vor. Die verkohlten und vertrockneten Körper der Drowkämpfer trugen Winters Handschrift. Grimwardts Schwester trat kurz darauf aus dem Hauptgebäude. Fröstelnd verschränkte sie die Arme vor der Brust.
Nach der Schlacht vor den Toren Myth Drannors hatte sie Grimwardt angeboten, ihn in die Abtei zu teleportieren, doch er hatte abgelehnt. Winter kannte seine Gründe: Die Abtei war Grimwardts Verantwortungsbereich und er empfand es als seine priesterliche Pflicht sie Kraft seiner eigenen Hände aus der Gewalt der Besetzer zurückzuerobern. Doch Winter gab einen Dreck auf Grimwardts priesterliches Ehrgefühl, wenn sein Leben auf dem Spiel stand. Wer wusste schon, was in der Abtei auf ihn wartete: Sie war nicht gewillt, ihn seiner Sturheit willen an die Schergen des Drowmagiers zu verlieren. Aus diesem Grund war sie auf eigene Faust ins Schlachtental aufgebrochen. Faust und Miu hatten sie begleitet. Doch Winter hatte die zwei Dutzend Bogenschützen und Schwertkämpfer, die der Clanführer zur Verteidigung der Abtei zurückgelassen hatte, fast im Alleingang besiegt. Ein Verdorren-Zauber hatte die Hälfte von ihnen dahin gerafft, noch ehe sie ihren Gefährten auch nur das Tor geöffnet hatte. Winter hatte sich ganz dem Pulsieren der Magie in ihrem Körper hingegeben. Unsichtbar hatte sie aus der Luft beobachtet, wie ihre Feinde in Panik vor dem versteckten Angreifer flohen und das Grauen auf ihren Gesichtern hatte sie auf morbide Weise fasziniert. Der Rausch und das Entzücken waren ein neues, aufregendes Gefühl. Früher hatte sie den Kampf allenfalls als lästiges Übel betrachtet und ihre magischen Kräfte als Überlebensmittel. Heute war ihr zum ersten Mal bewusst geworden, dass es auf ganz Faerûn vielleicht gerade mal ein Duzend Zauberwirker gab, die es mit ihr aufnehmen konnten. Es war ein erhebendes Gefühl. Doch es hatte einen seltsamen Beigeschmack. War das wirklich sie, deren Augen beim Gedanken an diese Macht zu glänzen begannen?
„Winter“, knurrte Grimwardt, als sie den beiden Reitern entgegen trat, und die Zornesader auf seiner Stirn trat pochend hervor. „Hab ich mich nicht klar und deutlich ausgedrückt, als ich sagte, du sollst in Myth Drannor auf mich warten?“
„Ich habe traurige Neuigkeiten.“ Winter hielt es für besser, seine Rüge zu ignorieren. „Jareth ist tot. Die Drow haben ihn gefoltert, um zu erfahren, wo du steckst.“
Das Auffinden des verstümmelten Leichnams hatte Winters Euphorie einen schweren Dämpfer verpasst. Grimwardt und sein Erster Schwertbruder waren seit ihrer Novizenzeit Freunde gewesen und in all der Zeit hatte Winter mit Jareth nie mehr als ein paar höfliche Worte gewechselt. Und dennoch war er ein Teil ihres Lebens – ein Teil der Abtei – gewesen. Wie oft hatte sie Grims Schimpftiraden über Jareths Hitzköpfigkeit gelauscht. Oder Jareth dabei beobachtet, wie er einen ungehorsamen Rekruten zusammenstauchte.
Grimwardt nahm seinen Helm ab und senkte den Kopf.
„Führ mich zu ihm.“
Winter führte ihren Bruder und den Zwerg in den Kerker. Auch Engart, der Rekrut, der den Drow als Informant gedient hatte, war tot – wahrscheinlich verdurstet. Doch da er aus Grimwardts Sicht ehrlos gestorben war und kein priesterliches Begräbnis verdient hatte, verbrannten sie ihn mit den anderen Leichen. Jareth dagegen unterzog Grimwardt einer heiligen Waschung, ehe er ihm seine Rüstung anlegte und ihn im großen Gebetssarg aufbahrte. Als sich Grimwardt und Borgo zur rituellen Totenwache an sein Totenbett knieten, verließ Winter unauffällig die Halle. Tempus war nicht ihr Gott und Jareths Tod hatte sie daran erinnert, dass sie noch ein Versprechen einzulösen hatte.
Winter reiste nach Silbrigmond und steuerte das Haus der Dantés’ an. Scarlet, die mit Marlas Katzen auf der Eingangstreppe spielte, grüßte ihre Mutter verhalten. Erst als Winter ihr versichert hatte, dass es auch ihren Freunden gut ginge, zeichnete sich ein angedeutetes Lächeln auf ihrem Kindergesicht ab. Mit ihrer Tochter und ihren Schwiegereltern teleportierte Winter in den Hochwald an Doriens Grab wie sie es ihnen bei ihrem letzten Treffen versprochen hatte. Seine Mutter hatte Lilien mitgebracht, die sie über dem kleinen Hügelgrab verstreute und sein Vater kniete im stillen Gebet am Fuß des Grabes.
Winter war fast ein wenig erstaunt, als sie feststellte, dass ihr Schmerz an diesem Ort unvermindert war. Und erleichtert. So vieles hatte sich verändert, dass alles, was sie an ihr früheres Leben band, ihr kostbar erschien.
Plötzlich spürte sie Scarlets Hand, die nach ihrer tastete. Schüchtern und ein wenig reumütig sah sie mit Doriens Augen zu ihr auf. Winter ergriff ihre Hand. Dann lächelte sie, während ihr stille Tränen über das Gesicht rannen.


Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 10. Mai 2010, 17:35:40
Sehr sehr geil!
Wenn ich ehrlich bin, für mich das bisher Beste Kapitel überhaupt und ein geiles Finale. Hast die Innenwelt der Charaktere echt toll erzählt! ...freu mich schon aufs nächste Mal zocken!  :wink:
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 10. Mai 2010, 19:02:45
Boah...Gänsehaut!!!

Wirklich, ich hatte fast durchgehend eine Gänsehaut beim Lesen. Fast schon unheimlich, wie du die Gefühlswelt unserer Charaktere da erfasst.

Ich kann so langsam verstehen, was z. B. Harry-Potter-Fans dazu bewegt hat, nachts stundenlang Schlange vorm Buchladen zu stehen, um den nächsten Band als erste in die Hand zu bekommen.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 10. Mai 2010, 19:22:56

:oops:
Schön, dass ihr das so seht. Hin und wieder bin ich mir nicht sicher, ob ich nicht vielleicht zu viel in eine Spielsituation hinein interpretiere... oder eure Figuren was sagen/denken lasse, das aus eurer Sicht out of character ist.
Und jep, das war der krönende Abschluss. Viel mehr Synonyme für hacken und stoßen wären mir auch nicht mehr eingefallen :P
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 21. Mai 2010, 14:46:16
hm... wann wohl die nächste Staffel kommt... aber die Dreharbeiten laufen ja auch noch  :D
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 21. Mai 2010, 15:26:55
Es gibt Gerüchte um einen Autorenstreik! Wegen zu umfangreicher anderweitiger Verpflichtungen. ;-)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 21. Mai 2010, 15:52:58
Ja, das ist auch Mist... die armen Autoren bekommen ja quasi nichts für all die Arbeit...
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 24. Mai 2010, 07:56:45
DRITTES BUCH: QUELL DER SEELEN


Prolog


Drake
Tiefwasser, Schwertküste, zwanzigster Tag der Flammleite, 1382 TZ.
Der Gestank nach Sommerregen, Fisch und Unrat hing schwer in der Luft, als Drake an diesem Abend an den Quais entlang schritt. Ratten huschten durch die Schlammrillen, die Pferdekutschen im aufgeweichten Boden hinterlassen hatten, und aus schmuddeligen Hafenspelunken drang grobschlächtiges Gelächter. Es war eines jener Viertel, wo Huren an jeder Straßenecke lungerten und Bestechungsgelder den Stellenwert von Trinkgeld hatten. Drake verabscheute Orte wie diesen und die Erinnerungen, die sie weckten. Er war schon seit Jahren nicht mehr hier gewesen. Der Albino hatte es längst nicht mehr nötig, seine Kundschaft an Orten zu suchen, die förmlich nach Verbrechen stanken.
Er betrat eine Taverne, nannte dem Wirt seinen Namen und warf ihm ein paar Münzen zu für zwei Becher Wein und das Vorrecht, eine der Sitznischen zu beziehen, die durch Vorhänge vom Schankraum getrennt waren. Wer sich hierher verzog, der war entweder auf zwielichtige Geschäfte oder ein Stelldichein mit einer der Bordsteinschwalben aus. Drake jedoch begehrte weder das eine noch das andere.
Seit zwei Tagen war er bereits in der Stadt. Seine Anwesenheit in Tiefwasser konnte seinem alten Lehrmeister nicht entgangen sein. Wenn er ihn warten ließ, dann vermutlich, weil er ihm Gleichgültigkeit vorgaukeln oder seine Überlegenheit demonstrieren wollte. Sicher, Drake hätte ihn überraschen können. Er kannte seine Verstecke in der Stadt. Doch warum ihn brüskieren, wenn er derjenige war, der hier als Bittsteller auftrat? Er hasste diese Rolle und den Preis, den sein Meister für seine Hilfe verlangen würde. Doch all seine Nachforschungen waren im Sand verlaufen. Tiefwasser war seine letzte Chance, herauszufinden, wo Feyleen steckte.
Er musste etwa zwei Stunden warten, ehe der schmuddelige Samtvorhang beiseite geschoben wurde und eine vermummte Gestalt auf die Sitzbank ihm gegenüber glitt. Sein Meister nahm den Hut ab und fuhr sich flüchtig mit der regenfeuchten Hand durch das kurz geschorene Haar. Als Vermächtnis einer schicksalhaften Begegnung hatte sein Gesicht eine ungesund graue Färbung zurückbehalten. Dafür hatte die Veränderung die Zeichen der Zeit aufgehalten: Sein stoppeliger Dreitagebart mochte an den Schläfen etwas ergraut sein, doch um die kalten hellen Augen war kein Fältchen zu sehen.
„Drake“, sagte der Assassine kühl. Wie immer verlor er nicht viele Worte, sondern kam gleich auf das Wesentliche zu sprechen: „Was willst du?“
Der Albino schob ihm einen der Weinbecher entgegen und prostete ihm wortlos zu.
„Ich brauche deine Hilfe“, sagte er, obgleich er darauf wetten mochte, dass sein Meister längst über sein Anliegen informiert war. „Seit einiger Zeit werde ich von einer rachsüchtigen Dämonin verfolgt. Feyleen war ihr Name, als sie noch sterblich war. Vor zwei Jahren besiegte sie ihre Herrin, eine Erzdämonin niederen Ranges, und nennt sich seither Königin der Sukkubi. Ich habe verschiedene Magier und Dämonologen mit der Suche nach ihr beauftragt, doch bisher ohne Erfolg. Ich hatte gehofft, du könntest deine Verbindungen zum Schädelhafen spielen lassen, um mehr herauszufinden.“
„Hm“, machte sein Meister unbestimmt und führte den Becher an die Lippen, ohne jedoch davon zu trinken.
Interessant, dachte Drake. Also hielt er es nicht für ausgeschlossen, dass Drake hierher gekommen war, um ihn zu vergiften. Das war gut, denn jede Unsicherheit seines Gegenübers verschaffte ihm einen Verhandlungsvorteil.
„Und warum sollte mir daran gelegen sein, dir zur helfen?“, erkundigte sich der Assassine.
Drake ließ ein paar bedeutungsschwere Augenblicke verstreichen, ehe er ihm einen kleinen Lederbeutel über den Tisch schob: sein Angebot. Sein Meister entnahm dem Beutel eine kleine Anstecknadel mit dem Wappen der Stadt Immerlund. Das Symbol war unmissverständlich: Immerlund gehörte zu Drakes Einzugsgebiet. Die Übergabe des Wappens bedeutete, dass er ihm als Gegenleistung für seine Erkundigungen alle Kontakte und Stammkunden in der Stadt überlassen würde.
Der Assassine kniff die Augen zusammen.
„Diese Dämonin scheint dir einiges wert zu sein“, bemerkte er.
„Bei unseren letzten beiden Begegnungen habe ich je ein Körperteil verloren“, erwiderte Drake lakonisch. „Keine Tradition, die ich fortzuführen gedenke.“
Sein Meister maß ihn mit dem lauernden Blick eines Luchses. Drake wusste, er würde nicht lockerlassen ohne den Versuch ihn zu demütigen. Das war einer der Gründe, weshalb er so lange gezögert hatte, hierher zu kommen.
„Du hast keine Kosten und Mühen gespart, ein Tötungskommando zusammenzustellen“, sagte der Assassine unvermittelt. „Ein Geschwisterpaar, mit dem du schon einmal vor acht Jahren zu tun hattest, wenn ich recht informiert bin.“  
Für einen Augenblick erstarrten Drakes Gesichtszüge. Wie hatte er das so schnell herausgefunden? Die Mundwinkel seines Meisters zuckten spöttisch. Dann lehnte er sich zurück und kostete mit herablassender Lässigkeit von dem Wein.
„Und jetzt sag mir, von wem du tatsächlich besessen bist, Drake. Von dieser Sukkubus oder den Fedaykin-Geschwistern?“



Kapitel I: Die Hochzeit

Grimwardt
Fünf Tage zuvor in der Abtei des Schwertes.
Applaus brandete auf, als Faust unter Grimwardts Axthieb zu Boden ging. Miu war wie üblich gleich zur Stelle, um die Prellungen zu heilen, die die beiden Kontrahenten bei dem Turnierkampf davongetragen hatten. Das „Duell der Giganten“ am Ende eines Turniertages hatte in der Abtei des Schwertes Tradition, doch eine Schau wie diese hatte wohl keiner der Zuschauer je geboten bekommen. Nach den schweren Verlusten im Schattenkrieg und dem verheerenden Ende des letzten Festturniers hatte die Abtei gute Reklame bitterer nötig denn je. Und für die Bewohner der Talländer war der Wettkampf um die Nachfolge Jareth Burlisks eine willkommene Abwechslung nach den Monaten der Entbehrung: Die Heerscharen der Schatten-Allianz hatten von Schattental bis Myth Drannor eine Schneise der Verwüstung hinterlassen und für das gemeine Volk waren harte Zeiten angebrochen. Doch von den Sorgen und Anstrengungen der letzten Monate war an diesem Tag nichts zu spüren. Das Wettturnier war ein voller Erfolg: Miu hatte zu Mittag für ein magisches Festmahl gesorgt und die Kunde von der kostenlosen Verpflegung hatte sich so schnell herumgesprochen, dass Grimwardt ein zweites Heldenmahl hatte auftischen müssen, um dem Ansturm an hungrigen Mäulern gerecht zu werden. Die Tribünen quollen förmlich über und Waffenmeister Borgo konnte sich vor Neuanmeldungen für das nächste Ausbildungsjahr kaum retten.
„Fast wieder der Alte“, brummte der Tempuspriester und streckte Faust die Hand hin. Mit einem Grummeln ließ dieser sich aufhelfen. Faust mochte einer der beste Kämpfer sein, denen Grimwardt je begegnet war, doch in Friedenszeiten war er ein müßiger Taugenichts und einer Schande für sich und andere. Zwei Zehntage hatte er in Myth Drannor dem Wein und den Frauen gefrönt, ehe Miu ihn in ihrer Verzweiflung in die Abtei geschleift hatte. Grimwardt, der mit dem Wiederaufbau der Abtei beschäftigt war, hatte seinem unsteten Freund eine Portion Disziplin verordnet und ihn mit der Säuberung der Katakomben betraut. Die Portale im Kellerlabyrinth der Abtei, die dem Abteivorsteher schon seit Jahrzehnten zu schaffen machten, waren nicht nur Ausgangspunkt für zahlreiche Drow-Überfälle. In den letzten Jahren hatten zu Grimwardts wachsender Verärgerung auch ein Betrachter und ein illithidischer Menschenhändler die bequeme Abkürzung für sich entdeckt. Faust hatte dem regen Durchgangsbetrieb ein Ende gesetzt und nebenbei noch einen Sklaven-Umschlagsplatz im Unterreich aufgerieben. Die Arbeit hatte ihm sichtlich zugute gereicht.
Grimwardt überließ es seinem Gefährten die Menge bei Laune zu halten, während er sich eilig aus der Arena stahl. Doch er hatte die Rechnung ohne die Schar von Bewunderern gemacht, die ihm hinter der Tribüne auflauerten. Seit Grax, der Halbork-Barde, ihre Taten im Schattenkrieg in Verse gefasst hatte, waren die Gefährten von der Schwertküste bis nach Myth Drannor zu einiger Berühmtheit gelangt.
Grimmig schlug Grimwardt sich bis zum Hauptgebäude durch, wo Sir Silas auf ihn wartete. Silas, der Gewinner des heutigen Wettspektakels, würde Jareths Platz als Erster Schwertbruder einnehmen.
„Meinen Glückwunsch“, sagte der junge Paladin und verneigte sich ehrerbietig. „Ein beeindruckender Kampf und ein verdienter Sieg, mein Herr.“
„Gleichfalls“, grummelte Grimwardt und schob Sir Silas in sein Arbeitszimmer, um auch den Aufdringlichsten seiner Verfolger abzuschütteln. „Meine Zeit ist knapp bemessen, darum werde ich gleich damit beginnen, Euch in Eure Aufgaben einzuweisen.“
„Ich bitte darum.“
Grimwardt kam nicht weit mit seinen Ausführungen, denn schon nach wenigen Augenblicken klopfte es an der Tür.
„Was ist?“
„Verzeiht, Signor Generale, störe ich?“
Der Priester erkannte die gnomische Besucherin als eine der Wettkampfteilnehmerinnen. Lucia di Santa Leone war eine gnomische Maestra, eine cormyrische Hofschwertmeisterin. Auf ihrem Reittier, einem schneeweißen Leoparden, hatte die kleine Schwertkämpferin beim Lanzenstechen für Furore gesorgt und war innerhalb kürzester Zeit zum Publikumsliebling avanciert. Nun lüftete sie mit einer schwungvollen Bewegung ihr Federbarett und verneigte sich mit der Hand auf dem Herzen.
„Nur eine momento, Signore.“ Im Nu war die quirlige Gnomin im Zimmer und plapperte emsig drauflos. „Lady Lucia di Santa Leone ist mein Name. Ihr erinnert Euch? Bene. Ich wollte euch noch sagen, dass es ist eine Ehre für mich, Eure Bekanntschaft zu machen. Ich weiß, ich habe nur erreicht dritte Platz in diese Wettkampf und Sir Silas wird sein großartige Schwertbruder. Doch es wäre noch größere Ehre für mich, würdet Ihr annehmen meine Schwert und meine Dienst.“ Mit diesen Worten ging Lady Lucia vor Grimwardt in die Knie und legte ihm ihr Schwert zu Füßen. „Ich gelobe, ich will einsetzen meine ganze Kraft und Glaube für Ehre von Tempus, wenn Ihr mich nehmt in Eure Dienste, Generale.“
Erwartungsvolle Stille.
Grimwardt räusperte sich unschlüssig. Lucias Glaubenseifer und ihre Tatkraft imponierten ihm. Doch als ausgebildete Maestra würde sich die Gnomin nicht mit einem Söldnerlohn abspeisen lassen. Und eine weitere Festanstellung konnte sich die Abtei nicht leisten. Die magischen Warnvorrichtungen hatten Unsummen verschlungen und auch die Reparaturen am Außenwall waren nicht billig gewesen. Dazu kam, dass Grimwardt auf der Suche nach einem Abteimagier war, um den Gebäudekomplex dauerhaft magisch abzuriegeln. Und auch die Kosten für das „Projekt Achse des Guten“ mussten gedeckt werden: Vor zwei Monaten hatte Grimwardt mit Steinschildherrin Erdmute von Sundabar ein Abkommen geschlossen zur gegenseitigen Unterstützung im Kampf gegen die Feinde der Herzlande. Das Projekt sollte zudem einen kulturellen Austausch zwischen Schülern der Abtei und zwergischen Shieldsar-Rekruten ermöglichen. Dem Bündnisbeitritt seines elfischen Gefährten Nimoroth, der eine Mielikki-Tempelschule in Myth Drannor leitete, hatte Grimwardt zunächst skeptisch gegenüber gestanden. Nimoroths elfisches Gefasel von Gewaltverzicht und der Liebe zur Natur schien ihm kein passendes Gedankengut für ein Kriegsrekrutierungslager. Doch weil er den Waldelfen nicht kränken wollte und da er schlecht einen Rückzieher machen konnte, wo doch das Projekt offiziell der Völkerverständigung diente, hatte er Nimoroths Beitrittsgesuch letztendlich abgesegnet. Die Reisekosten für den Schüleraustausch jedoch würden zu einem Großteil auf der Abtei lasten, da die Zwergin Erdmute kaum Unterstützung von der Stadt Sundabar erhielt und Nimoroth in seiner Genügsamkeit keine Gebühren für die Ausbildung an seiner Schule erhob.
Doch abgesehen von diesen finanziellen Überlegungen wäre Lady Lucia zweifellos eine Bereicherung für die Abtei. Und das nicht nur wegen ihres Geschicks mit der Lanze. Sir Silas war gewiss ein rechtschaffener und gottesfürchtiger Mann. Doch er war ein Adliger und besaß nicht Jareths Beliebtheit beim Volk. Als Aushängeschild für die Abtei, deren Rekruten vor allem aus den unteren Ständen stammten, war er mit seiner steifen und vornehmen Art gänzlich untauglich. Die schillernde Gnomin dagegen hatte die Herzen der Taliser im Sturm erobert.
„Maestra“, entschied Grimwardt schließlich. „Die Ehre ist ganz auf meiner Seite. Ich bin sicher, dass sich für Euch ein Platz in diesen Mauern finden lässt.“ Die Frage nach ihrem Sold ließ er bewusst unerwähnt.
„Mille grazie, Signor Generale“, gnomelte die Schwertmeisterin und schwang ihren Hut.
Im selben Moment begann die Luft zu flirren und Winter materialisierte sich vor den Augen der Anwesenden.
„Grim, ich muss mit dir reden.“
Ungeniert riss Winter wie üblich das Gespräch an sich. Grimwardt schloss die Augen. Er wurde langsam zu alt für die Wutanfälle, die Winters Mangel an Beherrschtheit in ihm auslöste.
„Maestra, Sir Silas“, knirschte er. „Würdet Ihr meine Schwester und mich wohl entschuldigen.“
Winter wartete nicht einmal, bis die beiden die Tür hinter sich geschlossen hatten.
„Ich werde morgen heiraten“, eröffnete sie ihrem Bruder.
Herr, steh’ mir bei. So ein Gespräch.
„Und?“, knurrte Grimwardt. „Ist ja wohl nicht das erste Mal.“
„Siehst du, genau diese Einstellung ist der Grund, warum ich dich noch nie auf meine Hochzeit eingeladen habe!“
„Habe ich dich je darum gebeten?“
„Nein. Aber dieses Mal hätte ich dich gerne dabei. Doch ich muss sicher sein, dass du dich auch zu benehmen weißt.“
„Dass ich mich…?!“ Winters Dreistigkeit verschlug ihm wieder einmal die Sprache. „Das ist ja wohl die Höhe! Wer ist denn hier diejenige, die einen Ehemann nach dem anderen abserviert und erwartet, dass ich dieses Lotterleben auch noch gutheiße.“
„Könntest du mit dieser Meinung vielleicht morgen ausnahmsweise mal hinter dem Berg halten? Um meinetwillen?“
„Hmpf“, grummelte Grimwardt. „Solange ich keine Tischrede halten muss.“
„Danke“, seufzte Winter. „Das bedeutet mir sehr viel.“
„Wer ist denn der ‚Glückliche’?“
„Captain Joe Blackbird.“ Winter zögerte, ehe sie hinzufügte: „Ein Piratenfürst.“
Nachdem Grimwardt seinen Hustenanfall überwunden hatte, schickte er ein stummes Stoßgebet zum Himmel.

Winter
Am nächsten Tag am Hafen von Hlondeth, Vilhongriff.
„So kann sie doch nicht auf einer Hochzeit erscheinen!“
Winter fühlte sich eher als Teil einer Freakshow denn als Mittelpunkt einer Hochzeitsgesellschaft: Faust war natürlich nicht ohne sein Schwert erschienen, Grimwardt hatte es nicht einmal für nötig befunden, das eingetrocknete Blut von seiner Axt zu entfernen, Boltor stank wie üblich nach dem Inhalt seines Humpens und sie selbst steckte in einem grässlichen Monster von Kleid, dessen verwaschenes Gelborange sich mit ihrem roten Haar biss, weil Joe darauf bestanden hatte, dass sie zur Trauung das Hochzeitskleid seiner Großmutter trug. Die Krönung aber bildete Miu, die in ihren uralten Lumpen zum Treffpunkt an den Quais erschienen war. In ihrer Not versuchte Winter zu retten, was zu retten war, und türmte in aller Eile ihren langweiligen Dutt zu einer halbwegs festtagstauglichen Hochsteckfrisur auf. Die stumme Karaturianerin harrte ihrer Bemühungen mit widerwillig versteiftem Oberkörper und angespannten Kiefermuskeln.
„Warum habt ihr nichts gesagt, verflucht? Ich hätte ihr doch eines meiner Ballkleider geben können.“
„Sie nimmt keine Geschenke an“, belehrte Faust die nervöse Braut. „Genauso wenig wie Leihgaben. Sie besitzt nichts, was nicht unbedingt zum Leben notwendig ist, und würde niemals etwas behalten, das sich zu Geld machen ließe, mit dem sie arme Kinder füttern oder kranke Leute heilen könnte.“
„So ruiniert sie jedenfalls meinen Hochzeitstag!“
Die Sonne stand bereits im Zenit und die kleine Hochzeitsgesellschaft badete in der schwülen Sommerhitze im Schweiß, als am Eingang der Hafenbucht endlich die Segel der Sturmhexe aufleuchteten.
„Schnell“, rief Winter. „Ehe die Hafenwache die Flagge erkennt.“
Hastig teleportierte sie sich und ihre Gäste an Bord des Dreimasters. Die Crew hatte sich an Deck versammelt, um der Braut des Captains einen gebührenden Empfang zu bereiten, der in diesem Fall aus ein paar anstößigen „Harrrrrs“ und einigen obszönem Bemerkungen über Winters Hinterteil bestand. Was ihre unorthodoxe Interpretation des Begriffs „Festtagsgarderobe“ betraf, so stand die Mannschaft der Sturmhexe den Brautbegleitern in nichts nach: Die Seehexe Sycorax trug ein Kleid aus Fischgräten und Seetang, der alte Gunnar, Joes Erster Maat, hatte sich zur Feier des Tages ein Schlammbad gegönnt und die Werhaizwillinge Roy und Ray hatten auf jegliche Bekleidung oberhalb der Gürtellinie verzichtet, um ihre schneidigen Fischleiber besser zur Geltung zu bringen.
„Umberlee zum Gruße, ihr Landratten!“, polterte es vom Steuerdeck und Captain Joe stolzierte mit aufgeplusterter Brust auf seine Gäste zu. Lüstern packte er seine Braut bei den Pobacken, zog sie zu sich heran und erstickte ihre Begrüßung in einer feuchtnassen Kussattacke. Er schmeckte nach Fisch und Rum und etwas, über das Winter lieber nicht weiter nachdachte. „Knackig wie ein junger Krebs, meine kleine Auster.“
Mit seiner Hakenhand und der Rastamähne glich Captain Joe Blackbird der Bilderbuchversion eines Piratenfürsten. Um die Hüfte trug er ein Rapier und mehrere Dolche und sein stählerner, olivfarbener Oberkörper, der ihn zu einer durchaus ansehnlichen Erscheinung und einer halbwegs erträglichen Brautwahl machte,  war mit Tätowierungen von Schatzkarten übersät. Diese Schatzkarten waren der Grund für Winters Entscheidung, sich mit Joe zu vermählen. Die Heiratsschwindlerin glaubte nicht an Joes Beteuerungen, der ihr hatte weismachen wollen, die Karten seien nichts weiter als Fälschungen, die seine Feinde nach seinem Tod in die Irre führen sollten, damit er sich auch noch im Jenseits über sie lustig machen konnte. Sie würde schon noch herausfinden, was es tatsächlich mit den Tätowierungen auf sich hatte… und bis dahin würde sie die willige Piratenbraut mimen.
„Schatz“, schnurrte sie, während sie es sich auf dem Poller dem Steuerrad gegenüber bequem machte. „Du hast mir immer noch nicht verraten, wo unsere Hochzeit stattfinden soll.“
 „Geduld, meine kleine Auster. Wenn die Winde uns gewogen sind, sind wir in knapp fünf Stunden dort.“
Es wurde bereits dämmrig, als am Horizont eine kleine Urwaldinsel in Sicht kam. Winter stieß einen Schrei der Überraschung aus und rannte aufgeregt zur Reling: Hell erleuchtet im Schein mehrere Fackeln ragten am Strand der Insel zwei steinerne Monumente in den Himmel. Die Statuen waren in einem primitiven Stil gehalten, doch die Ähnlichkeit war unverkennbar: Sie stellten Joe und Winter dar. Zu Füßen der beiden haushohen Statuen konnte Winter eine Schar Eingeborener ausmachen, die mit Fackeln zum Strand liefen, um die Hochzeitsgäste zu begrüßen.
„Winter Blackbird“, sagte Joe feierlich. „Darf ich vorstellen? Deine Insel. Alles Gute zu unserem Hochzeitstag.“
Meine Insel?“ Winter wirbelte herum und schlug in ehrlicher Begeisterung die Hände zusammen.
„Du weißt, ich mag große Geschenke“, grinste Joe. Davon wusste Winter ein Lied zu singen. Das hier übertraf sogar den monumentalen Lustbrunnen, mit dem der Captain sie zur Verlobung überrascht hatte. „Und heute Nacht wirst du noch ein größeres zu Gesicht bekommen, hehehehe“, fügte Joe mit einem gänzlich unnötigen Augenzwinkern hinzu.
Winter lachte affektiert und versuchte den aufkeimenden Brechreiz zu unterdrücken.
Plötzlich kam Bewegung in die Hochzeitsgesellschaft.  
„Planke!“, erschallte ein Ruf vom Heck des Schiffes. Die Forderung wurde aufgenommen und wenig später brüllte die gesamte Mannschaft im Chor: „Planke! Planke! Planke!“
Winter sah Joe fragend an.
„Ein alter Piratenbrauch…“, konnte dieser noch sagen, ehe die Werhaizwillinge Roy und Ray ihn zu Boden rangen und an Hand, Haken und Füßen fesselten. Danach war Winter an der Reihe.
Wenige Minuten darauf stand das Brautpaar aneinandergefesselt auf der Schiffsplanke, während die ausgelassene Meute sie mit Säbeln und Speeren zum Springen aufforderte. Die Regeln waren einfach: Befreien und zur Insel schwimmen. Wer zurückblieb, dem verwehrte Umberlee, die Göttin der Meere, ihren ehelichen Segen.
Umberlee kann mich mal, dachte Winter im Vertrauen auf ihr magisches Amulett des Wasseratmens.

Faust
Kurz darauf.
„Das war nun wirklich nicht nötig, Miu“, sagte Faust, während er durch das seichte Küstenwasser watete und sich eine Strähne seines klatschnassen Haars aus der Stirn strich. Miu wandte sich um und zog ironisch eine Augenbraue in die Höhe.
„Schon klar, meine Aktion war genauso unnötig“, räumte er ein.
Miu, die nichts von Winters Amulett des Wasseratmens wusste, war der Gefährtin in Sorge um deren Leben hinterher gesprungen. Woraufhin Faust, der nichts von Mius mysteriösen Kräften ahnte, dieser ins kalte Nass gefolgt war. Das einzige Resultat dieser Sprungserie war, dass beide nun patschnass auf die Insel zuwateten und sich später Boltors spöttische Kommentare würden anhören müssen.
Als sie am Strand ankamen, wurden sie von einer Schar aufgeregt tuschelnder Eingeborener empfangen, die das Auftauchen der beiden Neuankömmlinge offenbar in größte Verwirrung stürzte. Schließlich trat eine kleine, alte Frau vor, deren nackter Körper mit fremdartigen Zeichen bemalt war, und es wurde still. Sie trug einen gewundenen Stab und an Ohren, Nase und Brüsten baumelten schwere Muschelgehänge.
„Wir gehören zu der Hochzeitsgesellschaft“, erklärte Faust und wies auf das Piratenschiff.
Wieder begannen die Eingeborenen zu tuscheln. Die Schamanin hob die Hände und bedeutete Faust und Miu sich niederzuknien. Um nicht unhöflich zu erscheinen, taten die beiden wie ihnen geheißen und knieten sich ins seichte Wasser. Die Eingeborene murmelte ein paar kehlige Worte in ihrer Muttersprache und verstreute ein pulvriges Gewürz aus einer Kokosschale. Dabei wog sie sich sacht hin und her und verdrehte die Augen bis nur noch das Weiße zu sehen war.
Offenbar eine Art Begrüßungsritual, dachte Faust. Dann spürte er wie ein Schatten über ihn fiel.
„Was zum…?“
Faust fuhr herum, doch da brandete die mannshohe Welle auch schon auf die beiden am Boden Kauernden nieder. Prustend tauchte er kurz darauf aus dem Wasser und wollte lauthals seinen Ärger kundtun. Doch die feierliche Stimme der Schamanin ließ ihn innehalten.
„Was das Meer hat vereint, soll der Mensch nicht trennen. So sollt Ihr sein Mann und Frau im Angesicht Umberlees.“
Faust starrte sie entgeistert an.
Oh.
Scheiße.

Zwei junge Krieger traten vor, um den beiden Frisch Vermählten Blumenkränze um den Hals zu hängen, und die Eingeborenen brachen in Jubelschreie aus. Erst jetzt bemerkte Faust Winter und Joe, die wenige Augenblicke nach ihnen am Strand eingetroffen waren. Als Winter erkannte, was geschehen war, konnte sie sich ein schadenfrohes Grinsen nicht verkneifen. Die keuche Miu dagegen schien ihre unverhoffte Vermählung nicht so locker zu nehmen. Sekundenlang stand sie wie vom Blitz getroffen da. Dann wich alles Blut aus ihren Wangen und sie floh voller Entsetzen in den Dschungel.
Faust stöhnte.
„Miu!“, rief er und rannte ihr nach.
Er fand die fromme Karaturianerin betend am Ufer eines Moors.
„Miu, nimm das doch nicht so ernst“, bat er sie. „Ich glaube nicht, dass es zählt, wenn die…  Eheleute nichts von ihrem Glück ahnen. Und selbst wenn doch, kann Grimwardt oder ein anderer Priester uns sicher wieder scheiden. Und überhaupt: Sofern… ähm… die Ehe nicht vollzogen wurde, hast du wohl kaum etwas zu befürchten, oder?“
Warum hältst du nicht einfach die Klappe?, schalt er sich noch während er sprach.
Miu sprang auf und bedeutete ihm mit einer vehementen Geste zu gehen. Noch nie hatte er seine sanftmütige Gefährtin so gebieterisch und kompromisslos erlebt. Faust hob abwehrend die Hände.
„Schon gut, ich verschwinde.“
Doch er zögerte, sie hier draußen allein zu lassen. Erst als sie ihn zum zweiten Mal zum Gehen mahnte, kehrte er widerwillig zum Strand zurück. Inzwischen war die Hochzeitsfeier in vollem Gange: Die Piraten hatten begonnen, Rumfässer aus dem Sand zu graben, während die Eingeborenen mit Buschtrommeln und einheimischen Gesängen für Stimmung sorgten.
„Na, ihr hattet es aber eilig“, empfing Captain Joe Faust mit einem obszönen Grinsen.
Großartig, dachte Faust lakonisch. Jetzt hatte er Miu auch noch in den Augen der Gesellschaft entjungfert. Langsam wurde ihm klar, weshalb sie ihn so vehement aus ihrer Nähe hatte wissen wollen. Faust fand, dass es nicht mehr schlimmer kommen konnte, und ließ sich in den Sand sinken, um sich hemmungslos zu betrinken.
Doch es kam noch schlimmer.
Das nächste, woran er sich erinnerte, war ein brennender Pfeil, der sich eine Handbreit vor seinem Gesicht in den Sand grub. Kurz darauf stand der Strand in Flammen und das entrüstete Gebrüll des Captains übertönte die panischen Rufe der Flüchtenden.
„Die klauen mein Schiff!“

Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 24. Mai 2010, 17:26:51
Schöner neuer Einstieg! Aber da gabs auch echt einige lustige Situationen... wie die unfreiwillige Hochzeit...
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 11. Juni 2010, 18:24:12
Hach ja... ich freu mich auf nächsten Samstag!  :D
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 20. Juni 2010, 13:26:58
Was für eine Session...von 12 Uhr Mittags bis 8 Uhr Morgens. Ich glaub 20 Stunden haben wir noch nie gespielt!
War so irre spannend, zeitweise dachte ich, wir schaffen es gar nicht (schon wieder gescheitert, wie vor 8 Jahren! das wäre eine große Schmach gewesen).
Freue mich auf neue Kapitel!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 21. Juni 2010, 10:07:27
Oh ja! vor allem bin ich dann noch bis 18 Uhr wach gewesen... aber nu hab ich ma gut gepennt!
Oh, und ich bin auch sehr gespannt! ;)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 23. Juni 2010, 02:36:11
Kapitel II: Einladung zum Maskenball

Grimwardt

Kurz darauf auf der Sturmhexe
Am Mast des Piratenschiffs hatten die Angreifer eine neue Fahne gehisst: eine schwarze Harlekinmaske. Grimwardt kannte das Symbol von einem früheren Abenteuer: Es war das Wappenzeichen der Nachtmasken, der Diebesorganisation der Stadt Westtor. Bittere Erinnerungen an Schmach und Niederlage hingen an diesem Symbol, denn es war die vampirische Führungsriege der Nachtmasken, der die Gefährten das Scheitern ihrer Mission vor acht Jahren zu verdanken hatten.
Als Grimwardt mit Winter, Faust und Joe an Bord des Schiffes teleportierte, fielen ihm als erstes die beiden massigen Gestalten ins Auge, die mit verschränkten Armen den alten Gunnar am Steuerrad zur Abfahrt drängten: Es waren Oger, doch ihre Körper waren gräulich und das ungesunde Funkeln in ihren bleichen Augen verriet ihre wahren Natur. Der Kapitän hatte seinen ersten Maat zusammen mit einer Hand voll Seeleuten zur Bewachung auf dem Schiff zurückgelassen. Diesen Umstand hatten sich die Vampire zunutze gemacht und die Wachen in ihren Zauberbann geschlagen und zu unfreiwilligen Komplizen gemacht: Willenlos lenkte der Steuermann das Schiff aus der Bucht, während die Mannschaft die Geschütze klarmachte, um die Hochzeitsgesellschaft unter Beschuss zu nehmen.
„Grim!“
Winter zwickte ihren Bruder in die Seite und wies aufgeregt nach links, wo zwei weitere Gestalten aus einer Deckluke krochen. Die kleinere der beiden war ein Knabe von zehn oder elf Jahren, der in altertümliche Gewänder aus schwerem Samt gehüllt war. Die zweite jedoch hätte Grimwardt unter tausend anderen wieder erkannt: Drake! Im Mondschein, das dem Gesicht des Albinos ein geisterhaftes Leuchten verlieh, war unverkennbar, dass sich der alte Erzfeind der Fedaykins der Liga der Blutsauger angeschlossen hatte. Doch Drake schien die Geschwister kaum zu beachten. Stattdessen wies er mit einem Zischen auf Captain Joe und rief: „Da ist der Dieb! Niemand bestiehlt die Nachtmasken, Halunke! Dafür wirst du büßen!“
Mit diesen Worten schnellte er vor und ehe einer der Gefährten reagieren konnte, war er bei dem Kapitän angelangt und würgte ihn, bis er bewusstlos in seine Arme sank. Winter, die erkannte, was Drake vorhatte, sprach hastig einen Dimensionsbann, um eine magische Flucht zu vereiteln. Beinahe zeitgleich zerfetzte Faust dem Angreifer mit seinem Schwert die Kehle. Der Vampir röchelte, ehe er sich in Nebel auflöste. Auf diesen Moment hatte Grimwardt gewartet! Mit dröhnender Stimme rief er Tempus’ Macht auf den Körperlosen herab und das Unfassbare geschah: Der wabernde Nebel zerstob in einer grün züngelnden Flamme und nicht einmal ein Staubkorn blieb von Drake übrig!
Die Vernichtung ihres langjährigen Peinigers kam so überraschend, dass niemand auf den Knaben achtete, der mit Drake gekommen war. Mit lieblicher Singstimme bannte der kleine Vampir Winters Dimensionsanker, kniete sich neben Joe und teleportierte mit ihm und den beiden Ogerwächtern vom Schiff.
„Verdammt“, fluchte Faust. Dann blickte er auf die Stelle, an der Grimwardts Zauber den Assassinen vernichtet hatte. „Und das soll der Kerl gewesen sein, der euch so viel Ärger bereitet hat?“
„Nein“, sagte Winter, deren Blick wie gebannt an der Stelle hing. „Das war nicht Drake.“
Ruckartig hob sie den Kopf und sah Grimwardt an. Er nickte unmerklich: Sie hatte Recht. Er hatte sie nicht einmal angesehen. Keine Verspottungen, kein Versuch sie zu erpressen. Außerdem war Drake ein Einzelgänger. Unwahrscheinlich, dass er sich mit den Nachtmasken zusammengetan hatte. Ein düsterer Verdacht beschlich Grimwardt.
„Wenn es nicht dieser Drake war, wer war es dann?“, fragte Faust.
„Und was wollte er von deinem Ehemann?“, lenkte Grimwardt das Gespräch in eine andere Richtung, denn er hatte beschlossen, seine Vermutung für sich zu behalten, bis er sich seiner Sache sicher war.
„Wenn ich das wüsste“, murmelte Winter. „Offenbar hat Joe mir einiges verschwiegen.“
„Wie zum Beispiel, dass er eine offene Rechnung mit den Nachtmasken hat?“
„Also?“, fragte Faust. „Willst du ihn retten oder überlässt du ihn den Blutsaugern?“
„Nicht bevor ich weiß, was es mit diesen Tätowierungen auf sich hat… und mit Drake“, erwiderte Winter. Dann seufzte sie und blickte in die Runde. „Bereit für ein neues Abenteuer?“

Winter
Kurz darauf in den Katakomben der Hafenstadt Westtor, See des Sternregens.
Das ist die unromantischste Hochzeit, die ich in siebzehn Jahren erlebt habe, dachte Winter ernüchtert, während sie Grimwardt, Faust und Miu durch Schlick und Unrat der Kanalisation von Westtor hinterher stapfte. Nun, immerhin würde so Generationen von Blackbird-Bräuten dieses grässliche Monster von Hochzeitskleid erspart bleiben!
Der Ortungszauber, mit dem sie Joe aufgespürt hatte, hatte sie geradewegs in diese ungastliche Umgebung geführt. Immer tiefer hinein ins Tunnellabyrinth führte sie der Zauber und immer höher stieg das Abwasser, bis es Winter bis zur Taille reichte. Schließlich erblickten die Gefährten Licht am Ende eines Ganges und kamen in einen größeren Stauraum. Ein vergitterter Abfluss an der Ostseite des Raumes spülte die Abwässer in die Bucht von Westtor. Der Ortungszauber jedoch führte die Gefährten durch eine kleine Tunnelöffnung an der Nordseite des Raumes. Als sich süßlicher Verwesungsgeruch zu dem Kanalisationsgestank gesellte, wussten sie, dass sie auf der rechten Fährte waren. Und dann hörten sie die Schreie. Schreie, die nicht menschlich klangen und Winter das Blut in den Adern gefrieren ließen. Und dazwischen – wie bitterer Hohn – der sanfte Klang einer Laute und die glockenhelle Stimme des Vampirknaben, dessen lieblicher Singsang von den Tunnelwänden widerhallte: „Sag uns, wo du unsere Ware versteckt hast, Pirat, und dein Leiden hat ein Ende. Nur ein Wort und meine Melodie singt dich in den Schlaf.“
Keine Zeit mehr für Heimlichkeit! Die Gefährten stürmten los… und platzten unverhofft in einen von Fackeln und Kandelabern schwach erhellten Raum. Für einen Augenblick erhaschte Winter einen Blick in den Raum… und in die perfide Seele eines kindlichen Monsters: Der Junge saß mit lässig unterschlagenen Beinen auf einem steinernen Sarg und zupfte mit verzücktem Gesichtsausdruck die Saiten seiner Laute, wobei die teuflische Magie seines Spiels den Piraten zum Tanzen zwang. Joes Oberkörper war mit eisernen Stacheldrähten umwickelt, die ihm bei jeder Bewegung ins Fleisch schnitten und ihn vor Schmerz wimmern und brüllen ließen. Das Blut, das aus seinen Wunden trat, entlockte dem Jungen entzückte Seufzer und es bestand kein Zweifel daran, was mit Joe passieren würde, wenn der Vampir erst hatte, was er wollte. Dann plötzlich ein dissonanter Akkord: Der Knabe hatte die Eindringlinge erspäht. Ein Zucken durchlief seine Züge und verzerrte das engelhafte Kindergesicht zu einer grässlichen Fratze, während ein unterschwelliges Knurren aus seinen halb geöffneten Lippen drang. Dann ein Fauchen und ein Sprung und der kleine Vampir kauerte spinnengleich an der Decke des Raums.
Winter unterdrückte ein Schaudern.
„Tote Kinder machen sich in keiner Biographie besonders gut“, murmelte Faust und zog sein Schwert. „Aber ich glaube, für ihn könnte ich eine Ausnahme machen.“
Grimwardt brummte etwas, das nach Zustimmung klang. Doch ehe sie sich um den Vampirknaben kümmern konnten, wurde ihnen der Weg von den massigen Körpern der beiden Ogerwächter versperrt, die versteckt hinter dem Eingang gelauert haben mussten. Während auf der Schwelle zum Folterraum der Kampf losbrach, ersann Winter einen Plan, um Joe aus den Fängen des Sängerknaben zu befreien. Eilig sprach sie einen Zauber, der sie vor den Eisenstacheln schützen sollte, ehe sie mit einem weiteren Zaubertrick ihren Standort mit dem des Piraten tauschte. Im nächsten Moment spürte sie, wie die Eisendrähte in ihren Oberkörper schnitten, doch die Stacheln konnten ihr nichts anhaben. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie eine weitere Gestalt, die aus dem Schatten auf sie zuschnellte. Drake! Eine weitere Vampirausgabe des Albinos hielt fauchend auf sie zu. Keine Zeit darüber nachzudenken, was das zu bedeuten hatte! Eilig befreite sich Winter von den Eisendrähten, doch auch dem Vampirknaben war ihre Befreiungsaktion nicht entgangen. Zornig über den Verlust seiner Beute stieß er ein markerschütterndes Kreischen aus, das ein schrilles Fiepen in Winters Ohren hinterließ. Blut strömte ihr aus Ohren und Nase. Ein Blick in Richtung ihrer Gefährten sagte ihr, dass es um sie kaum besser stand: Fausts frustriertes Fluchen kommentierte seine vergeblichen Versuche den Wall der Wächter zu durchbrechen, deren Kombination aus purer Muskelkraft und vampirischer Flinkheit ihm zu schaffen machte. Und auch gegen Grimwardts priesterliche Macht schienen diese Gegner immun zu sein.
Das hat keinen Sinn, erkannte Winter. Sie waren zu unvorbereitet für diesen Kampf, hatten ihre Gegner und deren Vorteil durch die vertraute Umgebung unterschätzt. Sie hatten Joe, das sollte ihnen fürs erste genügen! Da das schrille Fiepen ihr Hörvermögen einschränkte, sprach Winter einen stummen Dimensionszauber, um sich zu ihren Freunden zu teleportieren, und einen weiteren, um aus den Katakomben zu fliehen.
Es war bereits ihre zweite Niederlage gegen die Vampire von Westtor.

Grimwardt    
Wenig später im Speisesaal der Abtei des Schwertes.
„Hast du mir vielleicht etwas zu beichten?“, schalt Winter ihren Bräutigam mit verschränkten Armen und schulmeisterlichem Blick. Mius heilende Berührung hatte neben Joes Fleischwunden auch seine Trunkenheit beseitigt und er schien nicht sonderlich erfreut über diesen Zustand absoluter Nüchternheit. Mürrisch ritzte er, zu Grimwardts wachsendem Missfallen, mit seiner Hakenhand Kerben in den Speisetisch und warf düstere Blicke in seinen Wasserbecher.
„Ich muss zu meiner Crew zurück“, murmelte er. „Bring mich zurück auf die Insel.“
„Sie hat dir deinen verdammten Arsch gerettet!“, knurrte Faust. „Und dir fällt nichts Besseres ein, als Forderungen zu stellen!“
„Kümmere dich um deinen eigenen Dreck, Mann“, fauchte der Pirat. Doch er schien einzusehen, dass Faust Recht hatte. „Erinnerst du dich an meinen Junggesellenabschied vor fünf Tagen?“, wandte er sich widerwillig an seine Braut.
„Eure Sauftour durch halb Turmish?“
„Waren das meine Worte? Dann habe ich möglicherweise vergessen zu erwähnen, dass ich mit der Crew noch mal aufs Meer raus gefahren bin…. Ein Handelsschiff aus Westtor.“
„Du hast ein Schiff gekapert?! Joe, wir hatten uns auf Halbe-Halbe geeinigt!“
Grimwardt quittierte die Enthüllung seiner Schwester mit einem tadelnden Räuspern. Er hatte es seit langem aufgegeben, Winter auf den Pfad der Tugend zurückführen zu wollen, aber dass sie in seiner Gegenwart so ganz ungeniert über ihre Verfehlungen zu sprechen wagte, das grenzte an Respektlosigkeit.
„War keine große Sache, bloß ein paar Kunstgegenstände“, behauptete der Pirat. „Aber dann fanden wir in einigen Weinfässern Schmugglerware. Drogen, ziemlich harter Stoff: Traumstaub, Teufelskraut und so ein rotes Zeug. Ich hatte keinen blassen Schimmer, dass die Nachtmasken da ihre Finger im Spiel hatten, sonst hätte ich das Zeug nie angerührt.“
Winter sah ihn scharf an.
„Und du hieltst es nicht für nötig, mich von eurer nächtlichen Aktion in Kenntnis zu setzen? Was hast du mir noch alles verschwiegen? Fangen wir doch mal bei deinen Tätowierungen an! Was zeigen diese Schatzkarten wirklich?“
Der Kapitän grinste schief durch eine Zahnlücke
„Ah, darum hast du mich also geheiratet, hehe.“
„Und du?“, konterte Winter. „Warum hast du mich geheiratet?“
„Vielleicht weil es nur einen Weg gibt, wie du es herausfinden kannst“, erwiderte er mit einem anzüglichen Grinsen. „Unsere Hochzeitsnacht ist noch nicht vorüber, meine kleine Auster.“
Winter kehrte ihm schnaubend den Rücken zu.
„Bin ich eigentlich der einzige, der sich wundert, wie Schneeweißchen in die Katakomben kam, nachdem wir ihn auf dem Schiff kalt gemacht hatten“, warf Faust ein.
Drake! Über all den Humbug von gekaperten Schiffen und mysteriösen Schatzkarten hätte Grimwardt die Begegnung mit dem Assassinen beinahe vergessen. Das Auftauchen des zweiten Vampirs hatte seine Vermutung bestätigt: Die Vergangenheit hatte sie eingeholt. 
„Es sind Klone“, erklärte er ruhig. 
Winter wandte sich ruckartig zu ihm um.
„Du meinst…?“
Er nickte.
Dann begann er zu erzählen: Vor acht Jahren hatte die Abenteuergruppe, der Winter und er damals angehörten, nach einem Ort gesucht, der sich die Bastion der ungeborenen Seelen nannte: ein Quell der Seelenenergie, in dem die Seelen der Sterblichen heranreiften. Seit fast 1500 Jahren wurde dieser Ort von einem mächtigen roten Drachen heimgesucht, Ashardalon, der sich vor dem sicheren Tod in die Bastion geflüchtet hatte und sich seither von den ungeborenen Seelen ernährte, um dem Tod zu entfliehen. Seinetwegen geschah es immer wieder, dass auf der ganzen Welt Kinder ohne Seelen geboren wurden. Ashardalons Bezwinger von einst, Gen Soleilon, war ein Held von Westtor und ein Vorfahre Drakes. Von Elminster von Schattental hatten die  Gefährten erfahren, dass es nicht möglich sei, Ashardalon aus der Bastion zu vertreiben ohne die Hilfe des letzten Nachfahren des Soleilon. Dies war der Grund, weshalb sie mit Drake zusammengearbeitet hatten. Doch sie waren nicht die einzigen, die nach der Bastion gesucht hatten. Zu Anfang ihrer Mission war Drake von einer Marilith angegriffen worden, die ihm eine Hand abschnitt.
„Wir vermuteten damals, dass sie seine Hand brauchte, um einen Klon des letzten Nachfahren zu erschaffen“, schloss Grimwardt seinen Bericht.
„… und das ist ihr nun gelungen“, vollendete Faust die Geschichte.
„Ihr oder dem, für den sie arbeitet“, warf Winter ein. „Wir haben nie herausgefunden, in wessen Namen sie handelte, doch die Vampirklone deuten auf die Nachtmasken hin.“
„Und ihr glaubt, dieser Seelenquell ist erneut in Gefahr?“
„Eher noch immer“, murmelte Grimwardt. Er hatte die Schmach der Niederlage, die sie in den Vampirkrypten von Westtor ereilt hatte, wo sie nach einem Zugang zur Bastion gesucht hatten, nie ganz verdauen können. Bot sich ihnen hier etwa eine Chance, zu Ende zu bringen, was sie vor acht Jahren begonnen hatten?
„Wir sollten dem auf den Grund gehen“, entschied er. „Doch zuerst sollten wir eine Nacht darüber schlafen. Vampire jagt man am besten bei Tageslicht.“
Als sich die Gefährten und Joe am nächsten Tag zum Frühstück erneut im Speisesaal der Abtei einfanden, trat Sir Silas mit einem versiegelten Brief an Grimwardt heran.
„Herr, dies fand ich heute morgen vor der Tür zu meinem Schlafgemach.“
Als er das Siegel erkannte, sog Grimwardt scharf die Luft ein: eine schwarze Harlekinmaske!
„Haben die Wachen heute Nacht irgendetwas bemerkt?“, fragte er alarmiert. „Hinweise auf einen Eindringling? Merkwürdige Bewegungen? Nebel?“
„Nein, Herr.“
Grimwardt runzelte die Stirn. Er untersuchte den Briefumschlag nach Kontaktgift. Als er keines fand, brach er das Siegel. Die Botschaft war mit roter Tinte geschrieben – Blut: Als ob sie noch Zweifel daran bestünde, von wem die Nachricht stammte!
Winter Fedaykin-Dantés, Grimwardt Fedaykin, Desmond MacLancastor, Miu Kimura“, las Grimwardt vor und wurde gleich von Winter unterbrochen.
„Desmond MacLancastor?“ Sie sah Faust amüsiert an.
„Woher kennen die Hurensöhne meinen richtigen Namen?“, knurrte der Kämpfer. „Scheint als hätte unser kleiner Sängerknabe viele Talente.“
MacLancastor…Das klingt ziemlich hochtrabend.“
„Warum steht mein Name nicht in dem Brief?“, erkundigte sich derweil der egozentrische Piratenfürst. 
„RUHE!“, rief Grimwardt die anderen zur Ordnung. „Wollen wir uns über Namen streiten oder soll ich weiter lesen?“
Stille.
Ihr seid aufs Herzlichste eingeladen zum Maskenball im Stadtpalais der Urdo-Familie, Marktdreieck, Westtor, zur zwölften Stunde des Zwanzigsten Tages der Flammleite. Diese Einladung wird Euch Einlass gewähren. P.S.: Möge uns ein gemeinsamer Feind zusammenführen.
„Das ist heute“, erkannte Winter. „Heute um Mitternacht.“
„Eine Falle?“, fragte Faust.
„Zweifelsohne“, erklärte Grimwardt.
„Aber auch ein Anhaltspunkt, um an die Nachtmasken heranzukommen“, erklärte Winter. „Wir sollten mehr über diese Urdo-Familie herausfinden.“
Faust sah in die Runde.
„Auf nach Westtor?“, fragte er.
„Auf nach Westtor!“, bestätigten die anderen.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 23. Juni 2010, 10:00:36
Yes! Und jetzt gehts wieder richtig rund...
Hach ist das immer schön in der eigenen Geschichte zu nostalgieren  :D
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 24. Juni 2010, 22:09:22
Ich bin ganz entzückt :-) Ja, jetzt gehts richtig rund! Die kommenden Kapitel werden ganz besonders turbulent...
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 27. Juni 2010, 03:46:23
Kapitel III: Der geflügelte Blitz

Winter
Später in Westtor.
Erschöpft ließen sich die Gefährten im Schatten der Marktstände auf einer Mauer nieder, um ihren dampfenden Füßen eine Rast zu gönnen. In der brütenden Sommerhitze war Westtor mit seinen sandigen Straßen und geschäftigen Kaufleuten der reinste Hexenkessel. Ihre Nachforschungen in der Stadt hatten die Gefährten nicht weit gebracht: Die Stadtbewohner waren keine große Hilfe gewesen. Die meisten hatten ihnen die Tür vor der Nase zugeschlagen, sobald sie den Namen „Urdo“ auch nur erwähnt hatten. Selbst die Priester der Morgenröte im Tempel des Lathander schienen sich mit dem abgefunden zu haben, was niemand hier auszusprechen wagte: dass Westtor längst in den Händen der Vampirgilde war, die die politischen Geschicke des Stadtstaats aus dem Verborgenen lenkte und die Regierung an der kurzen Leine hielt.
„Seht den Geflügelten Blitz in der Arena von Westtor!“, schallte es über den Marktplatz. Mit einer Trommel in der Hand und einer Werbetafel auf dem Rücken versuchte sich ein junger Marktschreier in all dem Trubel Gehör zu verschaffen. „Der Zitternde Daumen präsentiert: Kampf um Westtor. Heute zur Mittagsstunde in den Sandgruben.“
„Ist er gut?“, fragte Faust mit mäßigem Interesse und ruckte den Kopf in Richtung der Werbetafel. „Der Geflügelter Blitz?“
„Er ist der Beste!“, versicherte der Junge eifrig. „Sie stellen die Schlacht um Westtor nach. Er spielt den Engel, der an Soleilons Seite kämpfte. Und er ist wahnsinnig schnell!“
„Dann ist er wohl wirklich ein Engel?“ fragte Faust mit sanftem Spott.
„Naja, er hat Flügel!“, verteidigte der Junge seinen Helden. „Sie sehen ein wenig aus wie… wie Falkenflügel, aber warum sollte er kein Engel sein? Habt Ihr schon mal einen echten Engel gesehen?“
Winter horchte auf. Falkenflügel? Wahnsinnig schnell? Es mochte ein Zufall sein, doch die Beschreibung passte auf einen einstigen Widersacher ihrer alten Abenteuergruppe.
„Ist dein Engel vielleicht ein Avariel?“, fragte sie.
„Ein… was?“
„Ein geflügelter Elf.“
Der Junge überlegte.
„Nun, er hat spitze Ohren“, räumte er ein.
Elijas Avalior. Jetzt fiel ihr auch der Name wieder ein. Das Intrigenspiel des Klingensängers hatte eine machtgierige Avarielfürstin zu einem verheerenden Angriff auf die Stadt der Gläsernen Gesänge verleitet, der ohne das Eingreifen der Gefährten in einem Desaster geendet hätte. Elijas’ Absichten mochten ehrenhaft gewesen sein: Durch den Angriff waren die korrupten Machenschaften der Regierung aufgeflogen und die Ungeflügelten hatten sich aus ihrer Jahrhunderte währenden Knechtschaft befreit. Doch das änderte nichts daran, dass er den Tod duzender Unschuldiger in Kauf genommen hatte, um sein Ziel zu erreichen. Für seine Verbrechen war er aus der elfischen Gemeinschaft von Faerûn ausgestoßen worden. Aber es war nicht diese Erinnerung, die Winter im Sinn hatte, als sie sich nun an den jungen Marktschreier wandte.
„Wo finde ich diesen ‚Geflügelten Blitz’?“
„Die Gladiatoren werden in den Sandgruben des ‚Zitternden Daumen’ im Arenenviertel ausgebildet“, sagte der Junge. „Aber im Moment ist keine Besuchszeit. Ihr müsst bis nach dem Kampf warten, um…“
Doch Winter war bereits davongeeilt.
„Kannst du mir erklären, was das werden soll?“, knurrte Grimwardt, der wie Faust und Miu Mühe hatte, mit ihr Schritt zu halten.
„Erinnerst du dich an unsere erste Begegnung mit Vampirdrake?“, fragte sie.
„Ja, gestern auf dem…“ Dann stockte er. „Du meinst den Einbruch bei den Wands?“
„Als er uns den Stein aus der Avarielstadt stahl, ganz recht“, bestätigte Winter.
Es war etwa zweieinhalb Monate her. Damals hatte ein Klon, den sie für Drake gehalten hatten, den magischen Steinsplitter entwendet, den Winter bei der Plünderung von Elijas’ persönlichem Hab und Gut gefunden hatte. Der Verlust war ihr als nicht weiter tragisch erschienen. Die einzige Fähigkeit des Steins schien es zu sein, seinem Träger den Grad an Verderbtheit seiner eigenen Seele aufzuzeigen. Nicht gerade die nützlichste Erfindung. Doch in Verbindung mit dem Geheimnis um die seelenlosen Geburten mochte der Stein eine weitaus größere Bedeutung haben, als sie damals hätten ahnen können. Und wer könnte mehr darüber wissen, als der vormalige Besitzer des Steins?
Vom Wächter am Tor der Gladiatorenschule erfuhren die Gefährten, dass die Sandgruben nicht nur Sklaven beherbergten. Der Politik der Arenenbetreiber, die jedem Gladiator, der die Sandgruben ein Jahr lang überlebte, die Freiheit versprachen, war es zu verdanken, dass es auch viele Gemeine in die Arena zog. Der Ruhm hatte schon so manchen Tagelöhner zum Stadthelden gemacht und die meisten der „Wiedergekehrten“ waren inzwischen erfolgreiche Söldner. Der Geflügelte Blitz jedoch war ein Gefangener, den ein Ausbilder einem Tayanischen Sklavenhändler abgekauft hatte. Winter bezweifelte, dass der „Stolz der Arena“ wie die anderen darauf hoffen durfte, in die Freiheit entlassen zu werden.
Während die anderen dem Wächter Karten für das Kampfspektakel abkauften, schlich sich die Zaubermeisterin, mit einem Unsichtbarkeitszauber getarnt, durch das Tor. Die Sandgruben befanden sich hinter dem Hauptgebäude der Gladiatorenschule: In zwei Duzend Bodengruben, die mit stählernen Gitterluken abgedeckt waren, harrten Kreaturen verschiedenster Rassen ihrem Einsatz in der Arena. Die gleißende Mittagssonne drang gnadenlos bis in den letzten Winkel der Zellen und lieferte die Gefangenen den Blicken der Aufseher aus, die das Gelände von vier Wachtürmen überblickten. Immerhin schien es kein magisches Warnsystem zu geben: Unter ihrem Zauber blieb Winter unentdeckt. Nicht einmal als sie mit Hilfe eines Flugzaubers in die Höhe schwebte, um sich einen Überblick zu verschaffen, schlugen die Wachen Alarm.
Aus der Vogelperspektive war es ein Leichtes, den geflügelten Elfen in einer der Sandgruben ausfindig zu machen. Zusammengesunken kauerte der Avariel im schattigsten Winkel seiner Zelle, das Gesicht mit dem Ellbogen abgeschirmt und die Flügel eingeknickt: Die einst kupfer-weißen Schwingen waren an den Ellen angebrochen und mit Staub bedeckt. Der Bruch wirkte gewollt.
Ein Vogel im Käfig, dachte Winter.  
„Elijas?“, flüsterte sie.
Er regte sich kurz, sah jedoch nicht auf.
„Ich bin es, Winter.“ Sie kauerte sich unsichtbar an den Rand des Käfiggitters. „Winter Fedaykin.“
„Wer?“ Es klang tonlos und schal.  
„Wir haben uns in Immerschwinge kennen gelernt…“
Kennen gelernt war nicht unbedingt der passende Ausdruck. Sie hatte ihn geplündert und dafür gesorgt, dass man ihn aus der Stadt verstieß.
Er lachte auf - kurz und bitter. Offenbar erinnerte er sich.
„Und was wollt Ihr von mir, Winter Fedaykin?“, fragte er düster. „Euch an meinem Unglück ergötzen? Nun… genießt es!“
„Nein, ich…“ Sie biss sich auf die Lippen. Wieso kam sie sich so schäbig vor, hier bei ihm aufzutauchen und ihn um einen Gefallen zu bitten? Er hatte ihr Mitleid nicht verdient. Es war nur gerecht, dass er litt. „Ich brauche Informationen zu einem magischen Stein – ein Splitter eines Edelsteins, der…ähm… der einmal Euch gehört hat.“
Stille.
„Ihr meint den Seelensplitter?“
„Ich denke schon…“ Sie stocke. Nein, das hat niemand verdient. „Elijas, ich kann Euch helfen.“
„Das könnt Ihr nicht.“
„Doch, ich kann…“
„Verschwindet!“ Mit jäher Feindseligkeit hob er den Kopf. Winter erschrak, als der Blick seiner grün-goldenen Augen sie traf – dunkel und leer und von tiefen, blessurartigen Ringen umschattet. Von dem stolzen, verschlossenen Elfenfürsten war nicht viel mehr als ein Schatten geblieben, das Gesicht aschfahl und eingefallen; die Gesichtsmuskeln angespannt als falle es ihm schwer, sie unter Kontrolle zu halten. Erst jetzt bemerkte sie, dass er trotz der Hitze zitterte.
Die Gefangenschaft bringt ihn um, erkannte Winter betroffen. Der Sandkäfig hatte ihm seinen Lebenswillen geraubt. Doch da war noch etwas. Etwas, das ihn auffraß.
„Versprecht mir, dass Ihr verschwindet, wenn ich rede, und ich sage Euch alles, was ich über den Stein weiß.“
Winter zögerte.
„Also gut“, sagte sie und war froh, dass er ihre Augen nicht sehen konnte.
„Der magische Stein, den Ihr gestohlen habt, war ein Familienerbstück“, erklärte der Avariel. „Mein Vater nannte ihn den ‚Seelensplitter’ oder einfach nur ‚den Schlüssel’ und lehrte mich, dass der Stein die Stadt der Gläsernen Gesänge niemals verlassen dürfe, weil er sonst großes Leid über Faerûn bringen könne. Weshalb, das erfuhr ich nie. Er behauptete, der Stein werde mir seine Aufgabe offenbaren, wenn meine Seele dazu bereit sei. Doch das ist nie geschehen.“
So etwas in der Art hatte Winter befürchtet.
„Er wurde gestohlen“, gestand sie leise.
Für einen Augenblick meinte sie so etwas wie Betroffenheit in Elijas’ Augen zu lesen. Dann waren sie wieder kalt und leer.
„Ihr hättet ihn niemals an Euch nehmen dürfen.“
„Ihr könntet uns helfen, den Splitter wieder zu finden.“
„Das ist nicht mehr mein Problem; Ihr habt ihn gestohlen.“
„Aber es wäre uns eine große Hilfe, wenn Ihr…“
Er schnitt ihr das Wort ab: „Ihr habt gesagt, Ihr verschwindet, wenn ich rede!“
„Da… habe ich wohl gelogen“, gestand sie. „Elijas, ich will doch nur…“
„Wachen!“
In einer einzigen blitzschnellen Bewegung katapultierte sich Elijas aus der Hocke in den Sprung. Winters beschwichtigende Worte halfen nichts: Mit Händen und Füßen klammerte er sich an das Gitterdach seiner Zelle und begann wie ein eingesperrtes Tier an den Stäben zu rütteln. Aufgeregte Stimmen wurden laut und einen Augenblick später wurde die Tür des nächstgelegenen Wehrturms aufgerissen und zwei Wächter stürmten mit Knüppeln bewaffnet heraus, um den Gefangenen unter Kontrolle zu bringen.
Winter erkannte, dass sie nichts mehr für ihn tun konnte.
Aber du kennst mich schlecht, wenn du denkst, dass du mich so einfach loswirst.

Faust
Wenig später in der Arena von Westtor.
„Vampirblut“, erklärte Grimwardt, während er halbherzig das Geschehen in der Arena verfolgte. „Auf Sterbliche wirkt es wie eine Droge. Es verbessert die Reflexe und schärft die Wahrnehmung, doch über kurz oder lang tötet es den Süchtigen und lässt ihn als Vampir wiederauferstehen. Die roten Augen, die Lichtempfindlichkeit – alles Symptome einer Blutsucht.“
„Wir sollten ihm helfen“, sagte Winter bedrückt. „Könntest du ihn nicht in der Abtei behandeln?“
„Warum sollte ich?“, schnaubte Grimwardt. „Hast du vergessen, was er getan hat? Die Unschuldigen, die er auf dem Gewissen hat? Unter den Toten waren Kinder! Sein Volk hat ihn nicht ohne Grund verstoßen.“
„Sollen wir etwa zulassen, dass er zum Vampir wird?“
„Das lässt sich verhindern“, brummte Grimwardt und deutete auf seine Axt.
„Grim!“
„Warum bist du so versessen darauf, dem Kerl zu helfen?“
„Weil…“ Winter biss sich auf die Lippen, wie sie es immer tat, wenn ihr die Argumente ausgingen, und senkte irritiert den Kopf.
„Manche Leute haben keine zweite Chance verdient“, erklärte Grimwardt eisern.
„Jeder hat eine zweite Chance verdient“, widersprach Faust und betrachtete den Priester Stirn runzelnd von der Seite. Er hatte den Geschwistern nie erzählt, was er in Myth Drannor über sich selbst erfahren hatte. Was würde Grimwardt tun, wenn er es irgendwann erfuhr? Würde es etwas zwischen ihnen ändern? Wo zog der Priester seine Grenze? Was den Avariel anging, so konnte Faust sein Urteil nur aufgrund dessen  fällen, was er von den Geschwistern erfahren hatte. Doch er musste sich eingestehen, dass ihm die Zweck-heiligt-die-Mittel-Philosophie des Elfen bis zu einem gewissen Grad imponierte.
„Miu!“
Abrupt beendete Winters Aufschrei den kleinen Disput. Faust erstarrte. Was war mit Miu geschehen? Woher kam all das Blut, das ihr aus Augen und Ohren trat? Bestürzt bemerkte er die tiefen Einschnitte, die sich über ihren gesamten Körper zogen.
„Miu, was hast du getan?!“
Die Karaturianerin sah ihn mit leidenden Augen an und deutete mit dem Kopf in Richtung der Arena. Während ihrer kurzen Auseinandersetzung hatten die Gefährten kaum auf das Kampfgeschehen geachtet. In der Arena wurde die Belagerung Westtors durch die Truppen des Soleilon nachgestellt. Sir Gen Soleilon, der Paladin des Lathander, hatte nach seinem Sieg über den roten Drachen Ashardalon eine Armee um sich gesammelt und war gegen den Vampirkönig Orlak I. in die Schlacht gezogen. Nach seinem Sieg über den Nachtkönig war er zum König von Westtor gekrönt worden. Die Vampire waren natürlich nur geschminkte Gladiatoren und die glorreichen Streiter des Lathander wussten kaum, wie man mit einem Schwert umging. Umso erstaunlicher war es, dass es auf beiden Seiten bisher kaum Tote gegeben hatte. Und Faust fiel dafür nur eine Erklärung ein: Miu! Die friedliebende Karaturianerin hatte nicht mit ansehen können, wie die Kämpfer in der Arena zur Belustigung der Menge ihr Leben ließen. Wahrscheinlich hatte sie wieder einmal irgendeinen märtyrerischen Zauber gewirkt, der sie alle Wunden auf sich nehmen ließ.
„Miu, du verdammte Irre“, stöhnte Faust. „Du kannst nicht die ganze Welt retten!“
Sieh mich nicht so an!
„Oh, fahr zur Hölle!“, fluchte der Kämpfer, während er, halb wider sich selbst, seinen Knüppel packte und sich, immer zwei Sitzreihen auf einmal nehmend, einen Weg durch den Zuschauerraum bahnte. Bis die Arenenwächter merkten, was los war, war er bereits über die Bande gesprungen und hatte den nächststehenden Kämpfer nieder geprügelt. Die Fellumkleidung seiner Keule federte die Wucht seiner Schläge, als er wie ein Orkan durch die Reihen der Gladiatoren fegte. Die Männer würden von dem Ansturm allenfalls ein paar blaue Flecken und einem brummenden Schädel zurückbehalten. Sicher nicht die Art von Rettungsaktion, die Miu im Sinn gehabt hatte - aber sie hatte nun wirklich kein Recht sich zu beschweren! Wie oft sollte er noch für sie den Trottel spielen, bis ihre Weichherzigkeit sie eines Tages umbrachte? Den Turnierkommentator brachte das Auftauchen des rasenden Irren, der entschlossen schien, mit beiden Seiten gleichermaßen abzurechnen, sichtlich in Erklärungsnot. Doch die Menge jubelte – und wen kümmerte historische Genauigkeit, wenn das Volk zufrieden war?
Es dauerte nicht lange, bis auch der letzte Mann am Boden lag. Was nun? Die Wächter, die ihn eben noch aus der Arena hatten zerren wollen, wirkten nun entschlossen, ihn um jeden Preis am Gehen zu hindern. Ein so erfahrener Kämpfer war ein seltener Gast in der Arena von Westtor… und ein würdiger Gegner für den „Geflügelten Blitz“. Unter lautem Jubel wurde das Gittertor geöffnet, das die Arena von den Sandgruben trennte, und Elijas Avalior trat aus dem Schatten. Trotz der gebrochenen Flügel war der Avariel eine eindrucksvolle Erscheinung – würdevoll und vollkommen ruhig. Doch Faust wusste genug über Aufputschmittel, um zu erkennen, dass seine Gelassenheit der benebelnden Wirkung des Vampirbluts zuzuschreiben war. Wahrscheinlich verabreichte jemand ihm die Droge stets kurz vor dem Kampf, um ihn in der Arena unter Kontrolle zu halten.  
Der Kommentator gab das Startsignal. Faust gewahrte noch, wie Elijas einen Hast-Zauber auf sich wirkte, dann streifte ihn kaltes Metal. Bevor er auch nur zu erfassen vermochte, wohin sein Angreifer so plötzlich verschwunden war, traf ihn eine magische Kugel aus purer Energie in den Magen und schleuderte ihn eine Mannslänge durch die Arena. Was zur Hölle…? Faust spuckte Sand. Alles klar: Dem Klingensänger schien daran gelegen zu sein, es schnell hinter sich zu bringen. Und „schnell“ bekam hier eine ganz neue Bedeutung. Faust hatte es schon mit vielen wendigen Gegnern zu tun gehabt, aber Elijas’ Kombination aus magischer Beschleunigung und kämpferischer Präzision übertraf selbst den rasanten Schwertertanz eines Drizzt Do’Urden. Für einen Augenblick bedauerte Faust, dass er nur seinen Knüppel zur Hand hatte – mit seinem Henkersschwert hätte er sich in diesem Kampf deutlich wohler gefühlt. Dann wirbelte er herum und antwortete mit einem Sturmangriff, der den überraschten Elfen gegen die Bande schleuderte. Es regnete Federn und für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich die Blicke der beiden Kontrahenten.  
Er will sterben, erkannte Faust.
Er wusste, dass die elfische Philosophie der Seldarine den Freitod als Verbrechen wider das Leben betrachtete. Wahrscheinlich hatte der Avariel seit langem auf einen Gegner gewartet, der ihm die Stirn bieten konnte, um sein Leben zu beenden ohne seinem Glauben zuwider zu handeln. Selbst wenn Faust ihn mit dem Knüppel nur bewusstlos schlagen konnte, so würde der Kodex der Arena seinen Tod verlangen. Und darauf hoffte er. Die Erkenntnis verpasste Fausts Kampfgeist einen schweren Dämpfer. Er brauchte das Feuer, die Leidenschaft, den Siegeswillen … Welchen Reiz hatte ein Kampf, den sein Gegner zu verlieren hoffte? Nicht, dass Elijas es ihm leicht gemacht hätte! Sein rasanter Klingentanz ließ Faust kaum Raum für Gegenangriffe, doch die überrumpelnde Wucht des ersten Angriffs blieb aus. Sicher, der Avariel war geschwächt: Fausts erster Angriff hatte ihm schwer zugesetzt und die gebrochenen Flügel taten das Übrige den Kampf zu erschweren. Ein einziger sicherer Schlag und er wäre erledigt! Doch es gab keinen sicheren Schlag gegen einen Gegner, der sich schneller bewegte als die verdammte Zeit!
Ich fürchte, ich muss dich enttäuschen, dachte Faust bitter. Immerhin hatten seine Gefährten den Klingentänzer zu fünft kaum besiegen können. Elijas schien zu demselben Schluss zu kommen. Beinahe verzweifelt wirkte sein nächster Schlag… und die Arena begann sich um Faust zu drehen.
Als er wieder zu sich kam, hielt der Avariel ihm das Schwert an die Kehle. Sein Blick aus leeren Augen war auf eine Tribüne im Zuschauerraum gerichtet, wo sich Lady Thistle Thalavar, die Herrscherin von Westtor, von ihrem Platz erhob, um die Entscheidung über Leben und Tod zu verkünden, die das Publikum gefällt hatte. Sie schien nicht besonders glücklich über diese Rolle.
Ihr Daumen zeigte nach unten.
Oh, scheiße, dachte Faust.

Winter
Kurz darauf in der Nähe des Sune-Tempels im südlichen Hochwald.
Faust regte sich, als der Heiltrank zu wirken begann, und blinzelte orientierungslos ins Licht.  
„Wo…bin ich? Scheiße, bin ich tot?“
„Nein. Du bist ohnmächtig geworden, bevor ich Elijas niederschlagen konnte“, sagte Winter. „Ich habe uns aus der Arena teleportiert.“
„Oh… danke.“ Faust setzte sich auf.
„Kannst du mir mal helfen?“
Ächzend wälzte Winter den bewusstlosen Avariel auf die Seite. Ihre magischen Bolzen hatten eine hässliche Platzwunde in seine Schläfe gerissen. Faust kniete sich zu ihr und untersuchte die Wunde.
„Du hast ihm eine ordentliche Kopfnuss verpasst, aber das wird ihn nicht umbringen“, sagte er. „Wo sind Miu und Grimwardt?“
„Miu wäre fast an ihren Wunden verblutet. Grim hat sie aus dem Theater geschafft.“
„Und was nun?“ Faust wies auf Elijas. „Was machen wir mit ihm?“
„Wir bringen ihn in den Tempel.“
„Welchen Tempel?“
„Komm mit.“
Faust schulterte den Bewusstlosen und Winter führte ihn durch das Unterholz. Ein Gefühl der Beklommenheit überkam sie, als sie die Terracotta-Säulen des Sune-Tempels durch das Geäst schillern sah. Sie war nicht mehr hier gewesen, seit… seit jenem Tag. Ein Pulk junger Frauen und schöner Jünglinge in Jagdgewändern kam ihnen aus den Torbögen entgegen geeilt. Ihr unbeschwertes Lachen wich aufgeregtem Getuschel, als sie die Fremden erblickten. Das herzerweichende Bild des verwundeten Kriegers, der einen bewusstlosen „Engel“ im Arm trug, entlockte den Sune-Anhängern rührselige Seufzer. Eine junge Nymphe überwand als erste ihre Scheu und trat auf Faust zu. Schüchtern streckte sie ihre Hand aus und ließ sie sanft über Elijas’ Federkleid gleiten. Dann blickte sie mit großen, samtenen Augen zu Faust auf und zog ihn mit sich in den Tempel.
„Ähm“, machte Winter und hielt ihn am Arm zurück. „Ich muss mit Lady Amalia sprechen. Wir haben nicht viel Zeit. Wir müssen zurück nach Westtor, um einen Schlachtplan aufzustellen, ehe der Maskenball beginnt.“
„Schlachtplan...“, murmelte der Krieger mit einem entrückten Lächeln ohne die Blicke von den perfekten Rundungen der Nymphe zu lassen.
„Aber Euer Freund ist verletzt, mein Herr“, sagte sie arglos. „Und auch Ihr seid verwundet.“
„Ja, das bin ich“, hauchte Faust wie mit seinem letzen Atemzug.
Oh, bitte!
Winter verdrehte die Augen. Kopfschüttelnd sah sie zu, wie sich Faust von einem Duzend parfümierter Hände in ein luftiges Atrium und auf ein Kissenlager ziehen ließ. Dann fing sie eine der Novizinnen ab, die mit Ölen und Salben anrückten, um die beiden Verwundeten zu verwöhnen, und ließ sich zu Lady Amalia führen. Sie fand die Vorsteherin des Tempels im Gebetsraum, wo sie den Altar mit frischen Blumengestecken dekorierte.
„Winter.“ Ein schwermütiges Lächeln huschte über das Gesicht der Priesterin.
Winter musste sich beherrschen, um nicht laut mit den Zähnen zu knirschen. Sie würde Lady Amalia niemals vergeben können, was sie getan hatte.
„Wir brauchen Eure Hilfe“, sagte sie steif. „Es geht um einen Blutsüchtigen…“
Bevor sie ihr Anliegen vortragen konnte, drangen wütende Stimmen aus dem Atrium und eine Novizin kam herbeigeeilt, um Lady Amalia etwas ins Ohr zu flüstern.
„Entschuldigt mich.“
Winter folgte der Priesterin in die Säulenhalle: Das Liebesnest schien sich in wenigen Minuten in ein Tollhaus verwandelt zu haben. Faust stand aufgebracht in der Mitte des Saals und stritt mit einer hübschen Mondelfe, die mit zornigen Gesten ihre Kameradinnen aus der Nähe des bewusstlosen Avariel verscheuchte. Dazu riefen alle durcheinander und ergriffen Partei für die eine oder andere Seite.
„Nevé!“, rief Lady Amalia die Novizin zur Ordnung. „Was ist hier los?“
Sofort kehrte Stille ein.
„Der Avariel ist ein dhaerow“, sagte die Elfe starrsinnig. „Er trägt das Mal des Ausgestoßenen. Ich sagte dem Krieger, er soll ihn von hier fortschaffen!“
„Was soll der Mist?“, knurrte Faust. „Das hier ist kein elfischer Tempel.“
„Das Haus der Liebe ist freundschaftlich mit dem Immergold-Tempel verbunden, der Hanali Cenalil aus dem Pantheon der Seldarine geweiht ist“, belehrte ihn die Novizin. „Würdet Ihr dem Feind Eures Freundes Einlass in Euer Haus gewähren?“
„Das reicht.“ Lady Amalia hob beschwichtigend die Hände. „Verlasst den Raum. Ich will allein mit unseren Gästen reden… Geht. Auch du, Nevé.“
Widerstrebend gehorchte die Elfe dem Befehl ihrer Herrin.
„Es tut mir leid“, sagte Lady Amalia seufzend, nachdem die anderen gegangen waren. „Und ich entschuldige mich für Nevés Benehmen. Aber sie hat Recht. Ich kann Euren Freund nicht behandeln ohne die elfische Glaubensgemeinschaft des Hochwalds gegen uns aufzubringen.“
„Wegen eines unsichtbaren Mals?“
„Die Elfen bestrafen nur die schlimmsten Verbrechen mit dem Mal des dhaerow“, erklärte die Priesterin.
Faust murmelte schnaubend etwas von „Oberflächliches Pack“ und verließ mit Elijas in den Armen den Tempel. Lady Amalia sah ihnen bekümmert nach.
„Wenn ich sonst etwas für Euch tun kann…“
„Nein“, sagte Winter frostig und folgte Faust in den Wald. Nicht weit vom Tempel lehnten sie Elijas gegen einen Baum und ließen sich ratlos ins Moos sinken.
„Und was nun?“, fragte Faust.
Winter schüttelte mutlos den Kopf.
„Ich muss nachdenken“, sagte sie.
Ziellos machte sie einige Schritte ins Unterholz. Sie wollte allein sein. Sie war den Tränen nahe und ihre eigene Empfindsamkeit befremdete sie. Warum lag ihr so viel daran, diesen Avariel zu retten? Hatte er ihr nicht deutlich genug gezeigt, dass ihm nicht an ihrer Hilfe gelegen war?
Abrupt blieb sie stehen, als sie erkannte, wohin ihre Schritte sie gelenkt hatten.
Doriens Grab.
Er ist wie ich.
Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag: Es war nicht Elijas, den sie zu schützen versuchte, sondern sich selbst! In dem Moment, als sie ihn in der Grube gesehen und ihm in die Augen geblickt hatte, hatte sie etwas von sich selbst in ihm erkannt. Seine Welt war zusammengebrochen so wie die ihre dabei war, auseinander zu fallen, und es hatte seinen Lebenswillen zerstört. Würde sie enden wie er? Die Leere, die Doriens Tod in ihr hinterlassen hatte, die Furcht Scarlet zu verlieren und schließlich die Hilflosigkeit, die sie beim Wegfall der Magie empfunden hatte, nagten wie dunkle Schatten an ihrer Seele. Was würde von ihr übrig bleiben, wenn sich all das in Staub auflöste, woran sie hing und was ihr wichtig war?
Betäubt ließ sie sich vor Doriens Grab zu Boden sinken.
„Hilf mir“, flüsterte sie. „Sag mir, was ich tun soll.“

Faust
Wenig später.
Sie hatten Elijas mit einem Fluch belegt, der ihm beim Anblick von Vampirblut Brechreiz verursachen sollte. Ob das einen Süchtigen abhalten würde, war fraglich. Winter und Faust waren sich darüber im Klaren, dass er nur überleben würde, wenn er den Willen dazu fand.
„Er braucht ein Ziel“, hatte Winter gesagt, als sie zurückgekommen war. Sie hatte Faust nicht sagen wollen, wo sie gewesen war, doch was auch immer sie im Wald getan hatte, es hatte sie verändert. Sie wirkte entspannter als zuvor.
Faust kniete sich nieder und flößte Elijas einen Heiltrank ein. Der Avariel kam zu sich. Er blinzelte irritiert, als er in Faust seinen Kampfgegner erkannte. Doch dann erblickte er Winter und begriff.
„Aufgeben ist wohl keine Eurer Stärken“, murmelte er ergeben.  
„Nein.“
Er schloss die Augen und lachte mutlos auf.
„Ihr hättet mich sterben lassen sollen“, flüsterte er. „Schon damals, in Immerschwinge. Für mich gibt es keine Alternative. Doch das könnt ihr nicht verstehen.“
„Schon klar“, spottete Faust. „Weil wir Menschen sind, was verstehen wir schon?“ Elfischer Überlegenheitsmythos – ein weit verbreitetes Übel.
„Nein. Weil Veränderung Teil eurer menschlichen Natur ist.“
Faust runzelte die Stirn. Er hatte den Avariel falsch eingeschätzt: Er verachtete die Menschen nicht, er beneidete sie…
„Ihr könnt Euer Schicksal ändern“, sagte er. „Auch ich habe einst einen Fehler begangen, den ich glaubte, nie wieder gut machen zu können.“
„Ich habe nicht einfach einen ‚Fehler begangen’“, sagte Elijas düster. „Was ich tat, tat ich aus Überzeugung. Wenn ich falsch lag, warum haben die Seldarine mich nicht mit den anderen in den Tod geschickt? Warum… das hier?“
„Vielleicht haben sie uns geschickt, damit Ihr Euren Weg wieder findet.“
Elijas schüttelte sacht den Kopf, doch Fausts Worte schienen ihn nachdenklich gemacht zu haben. Der Kämpfer schwieg, um seine Worte nachwirken zu lassen.
„Was meintet Ihr eben, als ihr von Euren Fehlern spracht?“, fragte der Avariel schließlich.
Faust zögerte.
„Winter, würdest du vielleicht…?“
Nicht vor ihr.
„Bin schon weg.“
Nachdem Winter im Gebüsch verschwunden war, begann Faust zu erzählen. Er erzählte von den Jahren in Rabenklippe, die er als Mitglied der Neun Schwerter verbracht hatte. Von dem Streit um seinen Vater, der zu dem Kampf mit seinem Meister und dessen Tod geführt hatte. Von seiner Flucht aus Rabenklippe und der Zeit der Buße in der Welt hinter den Nebeln. Von seiner Rückkehr nach Toril und der Rebellion des Nagamura in Kara-Tur. Zu seinem Erstaunen fiel es ihm nicht schwer sich vor Elijas zu öffnen. Vielleicht weil die Ehre des Avariel mindestens so angeschlagen war wie die seine. Und es tat gut diese Dinge auszusprechen. Worte brachten alles in einen Zusammenhang, gaben dem vermeintlichen Chaos einen Sinn…
Als er schließlich aufsah, war er erstaunt, wie spät es bereits war.
„Was werdet Ihr tun?“, wandte er sich an Elijas, der ihm mit gleichmütiger Miene zugehört hatte. Unmöglich zu sagen, was er dachte.
Der Elf zögerte.
„Ich weiß nicht…Vielleicht werde ich nach Rabenklippe gehen und mich den Neun Schwertern vorstellen. Was Ihr über sie erzählt, hat mich neugierig gemacht.“
Faust hob überrascht den Kopf.  
„Oh.“
Nicht gerade die Reaktion, die er erhofft hatte. Sicher, auf eine gewisse Art und Weise hatte er genau das erreicht, was er wollte: Elijas schien nicht mehr darauf zu warten, dass ihm irgendwer ein Schwert in die Brust stieß. Fürs erste hatte er sogar ein Ziel vor Augen, etwas, aus dem er neuen Lebensmut schöpfen konnte. Wenn er ehrlich war, war die Abenteurerstadt Rabenklippe sogar der ideale Ort für einen gefallenen Avariel. Niemand würde ihn dort nach seiner Vergangenheit fragen. Und die Neun Schwerter wären ihm gegenüber vermutlich auch nicht abgeneigt: Sein Klingensänger-Stil war der karaturianischen Kampfkunst des Ordens nicht unähnlich und bei seiner kämpferischen Erfahrung wäre es Elijas vermutlich ein Leichtes, den Stil der Neun zu imitieren. Aber mussten seine Zukunftspläne unbedingt Fausts Vergangenheit beinhalten?
„Keine Angst“, sagte Elijas, der Fausts Zweifel zu erraten schien. „Falls sie noch immer nach euch suchen, werde ich niemandem verraten, wo ihr seid. Ihr habt mein Wort.“
Das Geräusch eines abgebrochenen Zweigs ließ die beiden aufhorchen. Winter trat aus dem Gehölz.
„Wir müssen zurück“, wandte sie sich an Faust. „Grim fragt sich sicher bereits, wo wir bleiben.“
Elijas, der ihre Worte als Signal zum Abschied deutete, richtete sich auf und bewegte vorsichtig die Flügel, die die Sune-Anhänger mit ihren heilenden Salben bestrichen hatten.
„Ich stehe in Eurer Schuld“, sagte er an die beiden Freunde gewandt. „Vielleicht… erhalte ich irgendwann einmal die Gelegenheit, Euch den Gefallen zurückzuzahlen.“  
Die beiden sahen ihm nach, als er die Schwingen ausbreitete und davonflog und Faust schien es als hätten sie beide den gleichen Gedanken: Vielleicht hast du das schon.


Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 27. Juni 2010, 10:32:34
Ohhhh...wie wunderwunderschön!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 27. Juni 2010, 13:05:37
Oh ja! Die inneren Konflikte der Charaktere wiederzugeben ist echt eine Stärke von dir! Aber war auch ne coole kleine Abweichung des Abenteuers  :thumbup:
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 14. Juli 2010, 20:55:10
Und? Ist schon ein neues STückchen auf dem Weg?  :)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 14. Juli 2010, 22:10:06
Auf den Weg schon, aber mit der Ankunft könnte es noch ein wenig dauern...
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 14. Juli 2010, 23:20:29
Ja, jetzt wo LOST für immer vorbei ist, bleibt mir ja nur noch diese Serie ;)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 16. Juli 2010, 23:08:15
Ich sitze auch schon wie auf heißen Kohlen.
Freu mich schon auf unsere RPG-Woche!!!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 18. Juli 2010, 17:37:12
Kapitel IV: Herrin der Träume

Winter
Am Abend im Stadtpalais der Familie Urdo.
Ein als Harlekin Maskierter öffnete den Gefährten die Tür, prüfte ihre Einladung, und bat sie mit dramatisch unheilvollen Gesten ins Haus. Zum Anlass des Abends hatten sich die Gefährten an Winters Verkleidungskiste gütlich getan – wenn es auch einiger Überredungskunst bedurft hatte, Miu balltauglich zu machen. Die genügsame Karaturianerin übertraf selbst Grimwardt in ihrem Mangel an Verständnis für derlei dekadenten Schnickschnack. Und sie hatte ein verstörendes Talent dafür, ihren „Peinigern“ mit Blicken Gewissensbisse einzubrennen: Nie hatte sich Winter bei dem Versuch, jemandem ein wenig Gesichtspuder aufzutragen, mehr wie ein Scharfrichter gefühlt.
Der Ballsaal war an den Wänden mit purpurnen Samtteppichen drapiert und ein paar silberne Kandelaber spendeten dämmriges Licht. Maskierte Ballgäste mit gepuderten Perücken und schwarzen Samtlarven standen in kleinen Grüppchen beisammen und erfüllten den Saal mit ihrem affektierten Gelächter, während Diener in schwarzen Livreen für das leibliche Wohl sorgten. Die Luft war erfüllt von einem einlullenden Duftcocktail aus Opium und Patchouli und von irgendwoher drangen die sanften, schwermütigen Klänge einer Harfe. Das Zwielicht und die Masken machten es unmöglich, zwischen Menschen und Blutsaugern zu unterscheiden, doch Winter hatte eine vage Vorstellung davon, was sich im Laufe der Nacht in den schattigen Fensteralkoven und heimlichen Sitznischen abspielen würde, wenn erst der Wein und die aphrodisierende Atmosphäre die Unvorsichtigen in die Arme ihrer Gastgeber trieben. Dennoch entfuhr der Diebesmeisterin ein sehnsüchtiger Seufzer, als sie all das lasterhafte Treiben um sich herum betrachtete. Wie lange war es her, seitdem sie selbst sich solch süßen Ausschweifungen hingegeben hatte? Wurde sie langsam zu alt für die leiblichen Freuden des Lebens? Verstohlen betrachtete sie sich in einem der mannshohen Wandspiegel: das wallende rote Haar, der schlanke Hals, die smaragdgrünen Augen… alles, wie es sein sollte. Aber waren nicht ihre Wangen ein wenig eingefallen? Hatten der Kummer und die Sorgen der letzten Monate diese dunklen Ringe unter ihre Augen gezeichnet? Und waren das etwa Krähenfüße, die sich dort in ihren Lidfalten abzeichneten? Winter erschauderte.
„Keine Zeit für Eitelkeiten“, raunzte Grimwardt und zog sie weiter. „Wir haben eine Verabredung.“
„Da sind ja unsere Ehrengäste“, ließ eine wohlbekannte Knabenstimme die Geschwister herumfahren.
Fausts Hand fuhr an den Knauf seines Schwerts und Winter hatte bereits einen Zauberspruch auf den Lippen, doch ihre Wachsamkeit verstärkte nur das süffisante Honigkuchen-Lächeln auf den Lippen des Kindvampirs. Müßig zupfte der sadistische kleine Lockenschopf ein paar Takte auf seiner Laute, um die Angespanntheit seiner Gäste auszukosten, ehe er sie mit sanfter Schlafwandlerstimme bat, ihnen zu folgen. Lauernd verfolgte Winter jeden Schritt des Knaben, während die Freunde ihm eine ausladende Treppe hinauf in den ersten Stock des Hauses folgten. Falls er sie in eine Falle zu locken versuchte, so waren sie bestens gerüstet: Die Ohrstöpsel waren nur der Anfang. Bevor sie hergekommen waren, hatten sie eine wahre Schutzzauber-Orgie veranstaltet. So eine Schlappe wie vor acht Jahren in der Purpurnen Lady würde ihnen kein zweites Mal passieren.
Der Vampir führte sie in einen Raum in orientalischem Stil mit allerlei Diwanen, exotischen Wandbehängen und leise klirrenden Windspielen. Dann schob er einen seidenen Vorhang beiseite und enthüllte drei Maskierte, die im Schneidersitz auf einem Kissenlager hockten: eine blasshäutige Adlige mit blasiertem Wimpernaufschlag und pompöser Barockperücke, ein aufgedunsener Kahlkopf in schweren Samtroben, der an jedem seiner fettigen Wurstfinger einen juwelbesetzten Ring trug, und ein Halbdrow, dessen blassrote Augen scharf hinter den Larvenschlitzen hervorstachen. Ein vierter Vampir in Knochenrüstung stand bewegungslos wie ein eherner Wächter im Hintergrund. Die Augen des Vampirknaben leuchteten auf, als er die Frau erblickte. Unterwürfig kniete er sich ihr zu Füßen.
„Candide.“ Gönnerhaft strich die Vampirin dem Jungen über die braunen Locken. „Da sind ja unsere Gäste. Sei doch so gut und bring uns etwas Wein und dann spiel uns etwas Schönes auf der Laute.“
Schweigend belauerten sich beide Parteien, während Candide davoneilte, um dem Wunsch seiner Herrin zu entsprechen. Doch die Gefährten hüteten sich, von dem Wein zu kosten, den der Knabe ihnen einschenkte. Die Vampirfürstin lachte affektiert, während der Rest des Gruselkabinetts keine Miene verzog.
„Keinen Durst?“, fragte sie spöttisch.
Winter bedachte den kleinen Seitenhieb mit einem düsteren Lächeln. Mit vergiftetem Wein hatte der Wirtshausbesitzer der Purpurnen Lady sie seinerzeit auszuschalten versucht. Sie hatten ihn vernichtet, waren jedoch am unterirdischen Labyrinth der Vampirkrypten gescheitert.
„Welch krude Zurückweisung unserer Gastfreundschaft“, stichelte die Vampirfürstin weiter. „Wo wir  doch im Gegensatz zu Eurem letzten Besuch denselben Feind bekämpfen, wie es mir scheinen will.“
„Und wer soll das sein?“
Die Vampirin zog erstaunt eine Augenbraue in die Höhe.
„Das wisst Ihr nicht?“ Sie führte forsch ihr Weinglas an die Lippen, dessen Inhalt zu zähflüssig für Rotwein war. „Dann seid Ihr nicht hier, um den Schöpfer der Albinoklone zu stellen? Dafür schient Ihr diesen liederlichen Geschöpfen aber ein lebhaftes Interesse entgegen zu bringen nach allem, was Candide mir berichtete. Und auch der Umstand, dass Euer erstes Auftauchen in der Stadt vor acht Jahren mit dem Erscheinen der ersten Klone zusammenfällt, will mir nicht wie ein Zufall erscheinen.“
Winter kniff die Augen zusammen.
„Und wer soll das sein, der Schöpfer der Klone?“
„Kein geringerer als Orlak III., Nachkönig von Westtor.“
Schon damals hatten die Gefährten vermutet, dass die Marilith, die Drake angegriffen hatte, um Komponenten für einen Klonzauber zu beschaffen, für den Vampirführer der Nachtmasken arbeitete. Aus diesem Grund waren sie überhaupt erst nach Westtor gekommen. Aber was hatte in der Zwischenzeit den vampirischen Adelsstand gegen den Nachtkönig aufgebracht?
„Und seit wann ist Orlak III. unser gemeinsamer Feind?“, sprach Grimwardt aus was sie alle dachten.
„Seit er aufgehört hat, sich an den Kodex zu halten“, erwiderte die Sprecherin des Blutsauger-Quartetts und ein unterschwelliges Knurren, das gar nicht zu ihrem damenhaften Auftreten passen wollte, begleitete ihre Worte. „Seit zweitausend Jahren beherrschen die Nachtmasken die Unterwelt von Westtor. Wir sind die Seele dieser Stadt, die wir seit jeher aus dem Verborgenen regiert haben. Seht euch um! Die Nacht ist unsere Gefährtin und Shar unsere Schutzpatronin. Es ist nicht unsere Bestimmung ans Licht zu streben so wie Orlak es tut. Er hat einen Zauber entwickelt, mit dem es uns möglich ist im Sonnenlicht zu wandeln. Kein Sterblicher sollte je unsere wahren Gesichter sehen, doch er zeigt sich ganz ungeniert in der Öffentlichkeit. An der Seite von Thistle Thalavar, diesem armseligen Geschöpf. Er plant sie zu ehelichen und mit ihr die Krone des Cormakh. Er, der das Bluterbe von Orlak I. in sich trägt, will dieses sterbliche Flittchen von niederem Stand zu seiner Frau machen! Sollen wir diesen Verrat an uns etwa dulden? Hah, vermutlich ist er nicht einmal einer von uns! Es gibt Gerüchte, wonach Orlak III. in Wahrheit von einem Klon des Schwarzmagiers Manschoon besiegt wurde, der die Treue mit den Zhentarim hält.“
„Aber wozu braucht er die Klone?“, fragte Faust.
Natürlich wussten die Gefährten die Antwort: Um den Drachen Ashardalon in der Bastion der ungeborenen Seelen zu besiegen. Doch wie gelangte man in die Bastion? Wo befand sie sich? Und was wollte der Unsterbliche dort? Wussten die Vampire die Antwort auf diese Fragen? Doch die Gefährten wurden enttäuscht.
„Orlak erschuf sich eine Armee“, meldete sich der Kahlkopf mit säuselnder Eunuchenstimme zu Wort. „Um die Kontrolle über die Gilde an sich zu reißen. Er hat die Körper der Bleichen mit der Essenz seines Geistes erfüllt, sodass sie ihm in allen Belangen ergeben sind.“ Er lehnte sich zurück, und kostete mit geschürften Lippen von seinem Blutwein. „Das ergaben jedenfalls die Auswertungen seiner magischen Experimente. Die ersten Klone tauchten vor acht Jahren auf. Seither ist ihre Zahl stetig angestiegen. Als Orlak verschwand, gingen sie mit ihm, kehrten jedoch kurz darauf zurück, um an seiner Statt die Geschicke der Gilde zu leiten.“
„Dieser Halunke“, begehrte der Halbdrow auf, der sich bis jetzt in düsteres Schweigen gehüllt hatte. „Uns hätte dieses Vorrecht gegolten! Sich einfach über Jahrtausende alte Traditionen hinweg zu setzen, wie kann er…“
Der Eunuch legte beschwichtigend seine Wurstfinger auf den Arm des jähzornigen Vampirfürsten und das animalische Zucken des Halbdrow hörte ebenso abrupt auf wie es aufgetreten war.
„Orlak ist verschwunden?“, fragte Faust.
„Oh ja“, säuselte Kahlkopf. „Seit fast drei Monaten ist er wie vom Erdboden verschluckt. Kein Aufspürungszauber vermag ihn zu orten.“
Winter fuhr ein eisiger Schreck durch die Glieder.
Er ist bereits in der Bastion!
Eilig rechnete sie zurück. Fast drei Monate. Zweieinhalb Monate war es her, seitdem der Klon ihnen den Seelensplitter gestohlen hatte. Elijas’ Vater hatte den Stein einen Schlüssel genannt. Der Schlüssel zur Bastion! Das war der Grund, weshalb der Splitter die Stadt der Gläsernen Gesänge nicht hätte verlassen dürfen! Der Mythal der Elfenstadt hatte die Ortung des Steins Jahrhunderte lang verhindert. Erst als er mit ihnen die Stadt verlassen hatte, war es Orlak gelungen, den Schlüssel ausfindig zu machen. Mit einer ganzen Armee von Soleilon-Erben war er in die Bastion marschiert und hatte den Drachen besiegt!
Winter spürte, wie ihre Hände feucht wurden. Es war ihre Schuld… wieder einmal! Es schien als habe das Schicksal sie in dieser Mission zum Scheitern verurteilt.
„Gibt es Anhaltspunkte?“, fragte sie. Vielleicht irrte sie sich. Vielleicht hatten der Diebstahl des Seelensplitters und das Verschwinden des Nachtkönigs gar nichts miteinander zu tun. Immerhin war die Welt noch nicht untergegangen…
„Ich habe sämtliche Aufzeichnungen des Nachtkönigs durchforstet“, erklärte der Eunuch und faltete selbstgefällig die Hände über dem schwammigen Bauch zusammen. „Es ist mir nicht völlig gelungen, seinen Code zu entschlüsseln, doch einige Worte schienen mir gehäuft darin aufzutreten. Immer wieder fand ich zum Beispiel den Hinweis auf einen Ort, den er den Seelenquell nannte. Auch die Traumebene erwähnte er hin und wieder. Dort erhoffte Orlak offenbar Näheres über jenen Seelenquell zu erfahren.“
Die Traumebene? Das war eine neue Information. Wahrscheinlich hatte der Vampirkönig so von dem Schlüssel erfahren. Vielleicht konnten sie dort Hinweise auf einen weiteren Zugang zur Bastion finden.
„Wie gelangt man auf die Traumebene?“, fragte Grimwardt.
„Für unsere Art ist dieser Ort unerreichbar“, erklärte der Eunuchenfürst. „Ihr Sterblichen dagegen betretet ihn jede Nacht im Schlaf. Doch im Schlaf seid ihr völlig dem Spiegel eurer Seelen ausgeliefert, den die Herrin der Träume euch vorhält. Sie ist die Herrscherin der Traumebene. Um sie zu treffen und von ihr zu erfahren, was sie in den Seelen der Sterblichen liest, müsst ihr bei Bewusstsein sein. Es gibt in den Vampirkrypten einen Zugang zur Traumebene – eine unserer Fallen, mit denen wir unsere sterblichen Besucher in die Irre führen. Ihr selbst habt bereits Bekanntschaft mit einer ähnlichen Falle gemacht, wie uns zu Ohren gekommen ist“, fügte er süffisant hinzu.
„Wenn die Traumebene für euch nicht erreichbar ist, wie ist Orlak dann dort hin gelangt?“ Winter hielt es für das Beste, die überhebliche Anspielung auf ihren unfreiwilligen Besuch auf der Schattenebene zu ignorieren.
Kahlkopf bedachte sie mit einem gönnerhaften Schmunzeln.  
„Unsere Macht über die Menschen dieser Stadt ist praktisch vollkommen“, erklärte er verächtlich. „Es dürfte dem Nachtkönig nicht schwer gefallen sein, einen willigen Informanten zu finden.“
„Wenn ihr jeden beliebigen Bürger zur Herrin der Träume schicken könnt, wozu braucht ihr uns dann?“
Der Eunuch lachte affektiert und nippte mit schlecht überspielter Nervosität an seinem Blutwein.
„Um den Nachtkönig zu töten.“
„… damit ihr, falls wir draufgehen, jede Beteiligung verleugnen könnt, verstehe“, knurrte Faust.
„Diese Unterredung hat nie stattgefunden“, betätigte der Fettwanst mit einem aalglatten Lächeln.
„Und worin genau besteht eure Beteiligung?“
„Wie wär’s mit: Wir lassen euch am Leben?“, zischte der Halbdrow und seine Eisaugen funkelten blutlüstern. Doch wieder beruhigte Kahlkopf ihn mit einem Händetätscheln.
„Wir zeigen euch den Zugang zur Traumebene und erklären uns bereit, die Verfolgung eures Piratenfreunds einzustellen. Ihr seht: Da wir euch ein Ziel vorgeben, das ihr ohnehin verfolgt, könnt ihr bei diesem Handel nur gewinnen.“
Dem war nicht viel entgegen zu setzen. Trotzdem war keinem der Gefährten wohl bei dem Gedanken, der Führungsriege der Nachtmasken einen Gefallen zu erweisen.
„Und was passiert, wenn wir erfolgreich sind und Orlak III. vernichten?“
„Dann wird einer von uns seine Nachfolge antreten“, erklärte der Vampirfürst diplomatisch, doch Winter entging nicht das wachsame Funkeln in den Augen der Vampirin und das unterschwellige Schnauben des Halbdrows. Einzig der Knochenritter, der während der ganzen Unterhaltung reglos auf seinem Platz geharrt hatte, gab auch jetzt keine Gefühlsregung preis. Es blieb nur zu hoffen, dass sich die vier Vampirfürsten nach Orlaks Vernichtung gegenseitig an die Kehle gehen würden. Eine Fehde um die Thronfolge war im Grunde das Beste, worauf die Gefährten hoffen konnten. Das Böse richtet sich gegen sich selbst – hin und wieder traf das alte Sprichwort zu. Allerdings war es wenig ratsam, sich allzu häufig darauf zu verlassen…
„Dann sind wir uns also einig.“ Die Vampirfürstin deutete das Schweigen der Gefährten als stumme Zustimmung. „Candide wird Euch morgen bei Sonnenaufgang am Gasthaus abholen, um euch zum Traumportal zu führen.“

Faust
Am nächsten Morgen.
„Drizzt oder Elijas?“, fragte Faust, während die Gefährten vor dem Eingang des Goldenen Esel auf ihren vampirischen Führer warteten.
„Elijas“, brummte Grimwardt.
Faust schüttelte den Kopf.
„Stärkere Defensive, aber Drizzt kann besser zuhauen.“
„Fliegen und zaubern“, konterte Grimwardt.
 Faust schnalzte zweiflerisch mit der Zunge.
„Um wie viel würdest du wetten?“
„Ich wette nicht.“
„Jetzt geht das schon wieder los“, kommentierte Winter nüchtern das Gedankenduell der beiden Kämpfer. Zur Erlösung der beiden weiblichen Gruppenmitglieder trat in diesem Augenblick der Gastwirt vor die Tür.
„Seid ihr die Helden von Immerschwinge?“, fragte er. „Gerade kam ein kleiner Junge herein, der nach euch sucht.“
Candide hatte es sich auch dieses Mal nicht nehmen lassen, den Gefährten auf seine stille, höhnische Art seine Gerissenheit unter die Nase zu reiben. Wie alt er auch in Vampirjahren sein mochte, er hatte noch immer die emotionale Reife eines Zehnjährigen. Mit derselben Häme, mit der er dem Gastwirt den armen kleinen Straßenjungen vorgegaukelt hatte, um ins Haus gebeten zu werden, trat er nun mit einem seelischen Seufzer ins Sonnenlicht, nur um zu demonstrieren, dass selbst das Tageslicht kein Hindernis für ihn darstellte. Als er die Gefährten kurz darauf in die Kanalisation lockte und sie durch den ärgsten Unrat stapfen ließ, während er selbst spinnengleich an den Wänden entlang kroch, bekam Faust nicht Übel Lust, bei nächster Gelegenheit den Lichtschutzzauber zu bannen, der auf ihm lag, um zuzusehen, wie sich die Flammen durch sein überhebliches Engelsgesicht fraßen. Die Vampirlady wäre vermutlich nicht allzu glücklich über die Einäscherung ihres kleinen Lieblingsbarden, aber Candide war schließlich nicht Teil ihres Paktes…
Nebel.
Faust erstarrte. Sie waren angekommen. Der Vampirjunge hatte sie zu einem alten Bewässerungsschacht geführt, aus dem dichte, weiße Nebelschwaden quollen. Faust spürte, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten.
„Ihr gelangt auf die Traumebene, sobald ihr durch die Nebel geht“, erklärte Candide. „Die Herrin der Träume schätzt Besucher nicht besonders. Sie wird versuchen, sich euch mit Albträumen vom Leib zu halten. Seid darauf gefasst.“ Und mit einem unheilschweren Lächeln  fügte er hinzu: „Habt süße Träume!“
Mit diesen Worten ging der Vampirjunge auf die Nebel zu, die mit geisterhaften Dunstklauen nach ihm griffen. Nach wenigen Augenblicken hatte der Nebelschlund ihn verschlungen. Mit schierem Horror starrte Faust auf die Stelle, die die kleine Gestalt verschluckt hatte. Nur mit größter Mühe widerstand er dem Drang, einfach davonzurennen.
„Da… bringen mich keine zehn Pferde rein“, brachte er schließlich hervor.
„Warum?“, fragte Winter verwundert.
„Es sind die Nebel…“ Ihm versagte die Stimme.  
Die anderen warfen sich befremdete Blicke zu.
„Du hast Angst vor Nebeln?“, fragte Grimwardt schroff.
„Das solltest du auch“, erwiderte Faust. „Sie sind gekommen, um uns zu holen. Um mich zu holen.“
Er kannte diese Blicke: Wir wussten gar nicht, wie irre zu bist. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, als er die Menschen auf Rabenhorst auf ähnliche Art und Weise angesehen hatte, wenn sie von den Nebeln gesprochen hatten… Miu ergriff behutsam seine Hand.
„Tja…“, versuchte Winter zu vermitteln. „Wir… könnten uns alle an den Händen fassen und gemeinsam durch den Nebel gehen.“
„Das bringt nichts!“, fuhr Faust sie an wie ein in die Enge getriebenes Tier. „Sie werden jeden von uns in seine ganz persönliche Hölle bringen und dann gibt es kein Zurück mehr!“
„Aber du… bist auch zurück gekommen.“
Er starrte sie an ohne ihr wirklich zuzuhören.
„Ich werde eine Münze werfen.“
Wenn das Schicksal will, dass ich zurückkehre, dann kann ich es nicht ändern.
„Äh… gut, wenn du meinst.“
„Kopf“, entschied er. Dann schnickte er die Münze in die Höhe, sah zu wie sie sich mehrmals um die eigene Achse drehte, und fing sie auf dem Handrücken auf.
Kopf.
Faust schluckte.
Das Schicksal hat entschieden.
„Können wir jetzt endlich gehen?“, brummte Grimwardt ungeduldig.
„Also gut…“, murmelte Faust. „Falls unsere Wege sich hier trennen: War mir eine Ehre, euch kennen gelernt zu haben.“
Dann holte er tief Luft und trat in den Schacht.

Grimwardt
Die Nebel verziehen sich und Grimwardt steht allein im Innenhof seiner Abtei. Leichengeruch liegt in der Luft. Seine Schritte hallen dumpf vom Steinboden wider. Der erste Leichnam hängt mit verdrehten Gliedern in der Umzäumung des Trainingsplatzes. Der vergiftete Pfeil steckt noch in seiner Kehle. Die nächste Leiche wurde auf ähnliche Art getötet. Grimwardt erkennt die Geschütze an den Schaftfedern: Drowpfeile. Sie tragen Gaum Auzkovyns Handschrift. Sein Blick geht in die Höhe, sucht das kleine vergitterte Fenster im zweiten Stock des Hauptgebäudes: sein Arbeitszimmer. Seine Befürchtung bestätigt sich, im Innern brennt Licht: Der Clanführer ist bis ins Herz seiner Welt vorgedrungen, um ihn zu verhöhnen.
„Wo warst du?“
Er dreht sich um. Dort steht Jareth als sei er aus dem Nichts erschienen: Jareth, sein Erster Schwertbruder und sein Freund aus Jugendtagen, wie er ihn zuletzt in den Kerkern der Abtei gesehen hat: sein Gesicht eine unförmige Masse aus Blut und Hautfetzen, seine Glieder verdreht und mehrfach gebrochen. Graums Männer folterten ihn, ehe sie ihn töteten. Offenbar war er nicht gewillt, mit ihnen zu plaudern. Guter Mann.
„Wo warst du, als sie die Abtei angriffen?“, fragt er noch einmal. „Wir hätten dich hier gebraucht.“
„Es gibt nichts, wofür ich mich rechtfertigen müsste“, erklärt Grimwardt ruhig „Vor dir oder der Herrin der Träume oder meinem Gewissen oder was auch immer du repräsentierst. Doch ich bedaure deinen Tod, Jareth.“
„Ach ja?“ Die Erscheinung tritt näher und mustert ihn aus verquollen, blutunterlaufenen Augen. „Du bist in die Wüste aufgebrochen, obwohl du wusstest, dass einige von uns zurückgeblieben sind, um die Abtei bis zum bittereren Ende zu verteidigen.“
„Das war deine Entscheidung“ erinnert ihn Grimwardt. „Meine war es, dafür zu sorgen, dass Myth Drannor nicht in die Hände der Feinde fällt. Es war eine taktische Entscheidung.“
„Myth Drannor?“ Jareth lacht bitter auf. „Wem hast du die Treue geschworen, Grimwardt? Den Elfen von Cormanthyr oder den Menschen des Schlachtentals?“
„Ich habe Tempus die Treue geschworen“, erwidert Grimwardt.
„Ihm und der Abtei! Die Abtei hast du verraten. Damit hast den Segen des Feindhammers verwirkt.“
Ein Windhauch fegt die Erscheinung hinfort, doch sogleich tritt eine neue an ihre Stelle: Jareth der Krieger, gerüstet mit Schild und Flügelhelm und bereit für den Kampf. Er erhebt sein Schwert gegen seinen Freund und Herrn.
„Grimwardt Fedaykin, ich fordere dich zum Kampf heraus. Verteidige deine Ehre oder stirb in Schande!“
Grimwardt schließt für einen Moment die Augen und ballt die Hände zu Fäusten, um den aufkeimenden Zorn zu unterdrücken.
Es ist nur ein Traum, erinnert er sich selbst. Jareth ist tot und er hat es nicht verdient, dass diese Hexe von Traumflüsterin ihn dazu benutzt, dir ein schlechtes Gewissen einzureden. Du hast dir nichts vorzuwerfen. Du hättest ihn nicht retten können.
„Also schön“, sagt er und zieht sein Schwert. „Du sollst in Würde sterben, Jareth. Und wenn es nur in meinen Träumen ist.“


Winter
Sie läuft durch einen morgenfeuchten Frühlingswald. Scheu tasten sich Nebelschlieren über den moosigen Untergrund und hinterlassen glitzernden Raureif auf den Farngewächsen. Dann lichtet sich der Wald und gibt den Blick frei auf einen kleinen Weiher. Ein Reiher dreht dicht über der Wasseroberfläche seine Runden und landet dann im Schilf. Am Ufer sitzt eine Gestalt, die ganz in die Betrachtung der Morgenidylle versunken ist. Winters Herz macht einen Sprung, als sie ihn erkennt.
„Das ist kein Albtraum“, flüstert sie.
Dorien wendet sich zu ihr um.
„Danke, sehr freundlich.“ Er lacht. Ein leichtes, unbeschwertes Lachen. „Komm, setz dich zu mir.“
Sie lässt sich ins Ufergras sinken. Ihr Herz pocht noch immer wie verrückt. Er wirkt zu real für ein Traumbild: die feinen Mosaike in seinen eisblauen Augen, die leicht arrogante Wölbung seiner Augenbrauen, die langen Wimpern, die seinem Gesicht eine feminine Note geben… zu detailreich für einen Traum. Wie gerne würde sie sich dem Traum einfach hingeben, vergessen, dass es ein Traum ist. Doch sie traut der Idylle nicht.
 „Du hast sicher viele Fragen…“
Sie zögert. Es fällt schwer die Frage auszusprechen, die sie am meisten quält.
„Bist du… bist du glücklich, dort, wo du jetzt bist?“
„Dort wo ich jetzt bin, bin ich nicht ich“, erwidert er. Er lächelt, doch es ist ein wehmütiges Lächeln. „Gefühle sind an sterbliche Erfahrungen gebunden.“
Sie senkt den Blick. Das ist kein Trost, es bestätigt nur ihre Befürchtungen: Es gibt keinen Ort, an dem sie ihn jemals wieder sehen könnte. Welche Form seine Seele auch angenommen hat, seine Erinnerungen, seine Erfahrungen, das was ihn ausgemacht hat, ist mit seinem Körper gestorben. Der Dorien, den sie kannte, existiert nur noch in ihren Erinnerungen und die werden nicht immer so klar sein wie dieser Traum…
„Du… verstehst doch, warum ich es getan habe, oder?“, fragt er leise. „Ich konnte es nicht ertragen. Also habe ich das getan, was ich meistens tue. Ich bin davongerannt… und habe gehofft, dass du stärker bist.“
„Ich versuche es“, sagt sie mit belegter Stimme.
„Oh, das gelingt dir ganz gut“, erwidert er nicht ohne einen Hauch von Bitterkeit. „Es ist dir immer gut gelungen, dich abzulenken.“
Sie hebt verwundert den Kopf.
„Meinst du…?“ Sie lacht auf. „Joe? Die Hochzeit? Ach Dorien, du kennst mich doch.“
„Ja“, murmelt er ohne sie anzusehen. „Und ich habe es nie verstanden.“
„Es geht dabei ums Geschäft.“
„Nein.“ Er hebt jäh den Kopf. „Auf unseren Abenteuern hast du mehr Gold verdient als jeder dieser Kerle in seinem ganzen Leben gesehen hat. Gib es zu, im Grunde genießt du es, dass…“
Irritiert bricht er ab.
„Selbst in deinem Traum streiten wir uns“, stellt er mit entwaffnender Nüchternheit fest. Dann seufzt er und streift ihr mit einer versöhnlichen Geste eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Tut mir leid…“
„Ist schon gut…“
Sie sinkt in seine Umarmung und schließt die Augen. Sein Atem streift ihr Gesicht und sie biegt den Kopf in den Nacken in Erwartung seines Kusses.
„Hat es dir eigentlich Vergnügen bereitet, mich zu töten?“
Sie fährt zusammen. Die Eiseskälte seiner Worte trifft sie unvorbereitet. Sie blickt zu ihm auf, sucht in seinen Blicken nach einer Erklärung, doch sie findet nur kalte Verachtung. Dann huscht ein eigenartiger Ausdruck schmerzhafter Überraschung über sein Gesicht und er schnappt röchelnd nach Luft. Blut rinnt aus seinem Mundwinkel und seine Augen flackern.
„Dorien!“
Erst jetzt spürt sie etwas Kaltes, Metallenes zwischen ihren Fingern und als sie an sich herabblickt, erkennt sie, dass es ein Dolch ist. Die Klinge steckt in Doriens Brust: sie hat sein Herz durchbohrt. Winter springt entsetzt zurück.
Das ist der Punkt, wo der Traum zum Albtraum wird.
Auf einmal hört sie hinter sich applaudierendes Klatschen. Das Geräusch klingt wie bitterer Hohn in der Stille, die Doriens sterbender Atem hinterlässt. Winter wirbelt herum.
Drake. Natürlich.
„Respekt!“, applaudiert der Albino. „Alle Achtung, das hätte ich dir gar nicht zugetraut.“
Das bringt das Fass zum Überlaufen.
„Du!“ Blind vor Wahn stürzt sie auf ihn zu, den blutigen Dolch noch in der Hand. „Mach dass du aus meinem Traum verschwindest!“
Drake lacht.
„Es ist dein Traum. Ich bin hier, weil du es willst.“
„Von wegen! Keine Ahnung wie, aber irgendwie hast du sich in meinen Traum geklinkt, um mich wieder zu manipulieren oder zu erpressen oder deine kranken Spielchen mit mir zu treiben, du verdammter Hurensohn!“, wütet Winter.
„Ehrt mich, dass du mir das zutraust, aber ich muss dich leider enttäuschen“, spottet Drake. „Nicht ich bin derjenige mit dem blutigen Dolch in der Hand. Wie schon gesagt: Meinen Respekt dafür. Aber hör doch bitte damit auf, dir einzureden, Dorien geliebt zu haben, bloß um seinem Tod einen Sinn zu geben. Das ist wirklich erbärmlich.“
„Erbärmlich ist es, eine Siebenjährige zu entführen, weil du zu feige bist, deine Freunde um Hilfe zu bitten!“
„Du lenkst schon wieder ab. Muss sehr frustrierend sein, mich diesmal nicht zum Sündenbock stempeln zu können. Dabei sollte dir im Moment etwas ganz anderes Sorgen bereiten... Dreh dich mal um.“
Wider sich selbst wendet Winter sich tatsächlich um. Dorien! Mit blutender Brust und totenbleichem Gesicht richtet er sich auf. Ein Schatten huscht über seine Züge und verwandelt sein Gesicht in eine Maske der Rachsucht. Anklagend erhebt er die Hand gegen Winter und von seinen Lippen dringen zischende Worte der Magie.
Sie schließt die Augen und spürt, wie ihr eine Träne über die Wange rollt. Ergeben breitet sie die Arme aus.
„Tu es“, flüstert sie.


Faust
Eine Sandgrube irgendwo in der Wüste, so tief wie ein Brunnenschacht und nur ein wenig breiter. Die Sonne steht senkrecht über der Schachtöffnung wie ein gleißender, pulsierender Feuerball und es ist brütend heiß. Er spürt eine Bewegung neben sich. Neben seiner Grube befindet sich eine weitere, getrennt von seiner durch ein Gitter. Darin kauert eine kleine, dunkelhaarige Gestalt. Miu. Verängstigt schlingt sie die Arme um den Körper und versucht ihr Gesicht vor den penetranten Strahlen der Sonne zu schützen. Faust lässt sich ergeben gegen die Gitterstäbe sinken.
„Willkommen in Rabenhorst“, sagt er mit einem tiefen Seufzer. „Keine Angst, Miu. Wir werden nicht ewig in diesem Loch hocken. Nur solange, bis eine Leiche durch die Decke fällt und wir uns vor Grauen durch den Sand graben oder so.“
Zur Sicherheit probiert er einen Zauber aus. Natürlich vergeblich, hätte ihn auch gewundert, wenn die Nebel es ihnen so leicht machen würden. In seiner Hosentasche ertastet er seine Glücksmünze.
Wirklich eine beschissene Idee, durch den Nebel zu gehen, tadelt er sich selbst. Als ob ich es nicht besser gewusst hätte.
Sie müssen lange warten. Schließlich weicht die Sonne dem Mond und die Wärme des Tages einer eisigen Wüstennacht. Der Durst raubt den beiden Gefangenen beinahe die Besinnung. Dann endlich vernimmt Faust Schritte im Sand.
„Hey!“, brüllt er den Schacht hinauf.
Niemand antwortet. Einer der Fremden lässt ein Seil in Mius Zelle hinab und drei vermummte Gestalten klettern schweigend in die Tiefe. Einer von ihnen zerrt Miu zu Boden und reißt ihr die Kleider vom Leib.
„Scheiße, was…nicht!“ Faust rüttelt mit aller Macht an den Gitterstäben.
Sein Gebrüll ist das einzige Geräusch. Bis er Mius schmerzerfüllten Schrei vernimmt, kehlig und rau, das erste Geräusch, das seit ihrer Kindheit von ihren Lippen dringt. Er weiß sofort, dass das in ihren Augen schlimmer ist als alles andere. Nicht die Schändung, sondern der Bruch ihres Gelübdes, ist es, was ihr Schande bereitet.
Das ist nicht seine Hölle, sondern Mius.  
Sie gehen ebenso schweigend und gestaltlos wie sie gekommen sind. Miu liegt zusammengekauert am Boden und nur das lautlose Schluchzen, das dann und wann ihren Körper erzittern lässt, sagt Faust, dass sie noch am Leben ist.
„Miu…“ Er umklammert die Gitterstäbe so fest, dass seine Knöchel weiß unter der Haut hervorstechen, denn er weiß, dass nichts, was er sagt, sie trösten kann. „Verdammt, Miu, es war doch nicht deine Schuld… du warst machtlos“
„So wie du.“
Faust fährt herum. Ein Mann um die Fünfzig, aus dem Nichts erschienen, mustert ihn durchdringend aus rot glühenden Augen. Ein einnehmendes, wenn auch leicht spöttisches, Lächeln umspielt seine Lippen.
„Was ist das für ein krankes Spiel?“, fragt er düster, die Hand auf dem Schwertknauf. Zwielicht erzittert unter der Berührung. Wie beim Kampf mit dem Höllenteufel drängt das Schwert ihn zum Angriff.
„Warum konntest du ihr nicht helfen, Desmond?“, fragt der Fremde.
„Scheiße, woher kennst du meinen Namen?“
Der Rotäugige lacht leise.
„Du konntest ihr nicht helfen, weil du machtlos bist. Nur ein Mensch.“
„Und was bist du?“
Ein Schatten wischt die Erscheinung hinfort. Faust zieht sein Schwert und dreht sich wachsam um die eigene Achse. Der Schatten taucht am anderen Ende der Zelle wieder auf und materialisiert sich erneut – doch diesmal offenbart der Fremde ihm seine wahre Gestalt. Die ledernen Teufelsschwingen nehmen die gesamte Breitseite des Schachts ein und zwei kleine Hörner sprießen aus der Stirn des Wesens.
„Du solltest eigentlich wissen, was ich bin“, erklärt er.
Faust schluckt. „Mein Vater.“
Vielleicht ist es doch nur ein Traum, hofft er. Oder haben die Nebel ihn tatsächlich zu dem Mann geführt, nach dem er insgeheim seit Jahren sucht. Wenn dies kein Traum ist, dann hatte Thallastam Recht und sein Vater verkaufte seine Seele, um… ja, um was?
„Ja, ich habe eine Entscheidung getroffen“, beantwortet der Halbteufel die unausgesprochene Frage. „Weil ich die Ohnmacht nicht ertragen konnte. Nicht ertragen wollte. Ein sterbliches Leben ist zu kurz, für alles was ich sein konnte und noch sein werde.“
Faust weicht unwillkürlich einen Schritt zurück. Was er sagt klingt wie ein Echo seiner eigenen Gedanken.
„Und ich kann dir das selbe Geschenk machen, Desmond.“
„Zu welchem Preis?“, fragt Faust tonlos. „Den Verrat an meinen Freunden?“
Sein Vater lächelt.
„Macht ist teuer, doch sie hat nicht für jeden den selben Preis.“
Zwiespalt scheint in seiner Hand zu zerbersten.
Er kann sie spüren, die sprühende Energie, die diesem Wesen innewohnt, und sie benebelt ihn. Er verzehrt sich danach, das hat er schon immer, und der Wunsch nach Macht und Ruhm und Unsterblichkeit wird ihn immer vorantreiben. Das ist sein Schicksal. Aber nicht so… Das ist nicht sein Weg.
„Nein.“ Das Wort kommt nicht leicht über seine Lippen.
Die lässige Fassade des Halbteufels beginnt zu bröckeln und enthüllt eine grässliche Fratze des Zorns und der Verbitterung.
„Dann wählst du also die Sterblichkeit?“
„Ja…“ Für jetzt.
Der Halbteufel zieht sein Flammenschwert.
„So sei es.“

Grimwardt
Auf der Traumebene.
„Ruhe in Frieden.“
Der Traum verflüchtigte sich, noch während Grimwardt das Totengebet für Jareth sprach, und enthüllte die wahre Gestalt der Traumebene: ein gigantisches, weißes Nebelmeer, das ihm bis zu den Hüften reichte. Er spürte keinen Boden unter den Füßen, doch es bereitete ihm auch keine Schwierigkeit, sich auf dem losen Grund fortzubewegen. Der Tempuspriester machte sich auf die Suche nach seiner Gefährten.
„Verdammter Nebel!“
Grimwardt seufzte.
Er folgte dem Fluchen und überraschte Faust dabei, wie er sich verdrießlich mit dem Schwert einen Weg durch die Dunstschlieren bahnte. Der Priester trat ihm mit verschränkten Armen in den Weg.
„Bist du jetzt dazu übergegangen, den Nebel zu zerhacken, statt vor ihm davonzulaufen?“, knurrte er.  
„Grimwardt!“ Faust schien ehrlich überrascht. „Du hier?“
„Was soll das heißen, ‚ich hier’? Das war der Plan, oder nicht?“
„Dann… war das tatsächlich ein Traum?“
Faust schien darüber äußerst erleichtert zu sein. Grimwardt konnte nur den Kopf schütteln.
„Wenn du mir jetzt wieder was von der Hölle erzählst, könnte es gut sein, dass ich die Fassung verliere“, informierte er den Gefährten. „Sag mir lieber, ob du hier irgendwo eine Spur von Miu oder meiner Schwester gesehen hast?“
„Nein… hier nicht.“
Also wateten sie weiter durch das Nebelmeer, doch sie fanden keine der beiden. Stattdessen stießen sie nach kurzer Zeit auf ein seltsames, ovales Gebilde. Die schwarze Kapsel hatte etwa die Größe eines Sarges. Durch ein Glasfenster erblickten sie eine wunderschöne junge Frau, mit dichtem schwarzem Haar, die mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen in einem Bett aus Wolken ruhte. Nur ihr Busen, der sich sanft hob und wieder senkte, verriet, dass sie noch atmete.
„Ich küsse sie“, bot Faust sich eilfertig an.
Grimwardt bedachte die Ankündigung mit einem Stirnrunzeln.
„Und in wiefern soll das unsere Mission weiterbringen?“, fragte er nüchtern.
Faust grinste. „Kennst du nicht die alten Legenden? Die Herrin der Träume kann nur durch einen Kuss aus dem Schlaf erweckt werden.“
„Meinetwegen“, brummte der Kriegspriester. „Aber zuerst müssen wir an sie heran kommen.“
Sie fanden einen Mechanismus, der das Glasfenster öffnete. Kaum hatte sich der Traumnebel aus dem Gebilde verflüchtigt, verwandelte sich die Gestalt im Innern der Kapsel: Statt in das Antlitz einer schönen jungen Frau blickten die Gefährten in die grässliche Fratze einer alten Nachtvettel. Eitrige Furunkel prangten auf ihrer Stirn und aus der schiefen Nase wuchsen gräuliche Härchen.
Faust schrak angeekelt zurück.
„Dein Einsatz“, schmunzelte Grimwardt nicht ohne einen Hauch von Schadenfreude.
„Vielleicht irre ich mich auch“, versuchte der Krieger sich aus der Affäre zu ziehen. „Die Verwandlung verschweigen die Geschichten schließlich auch.“
„Aus verständlichen Gründen“, bemerkte der Priester. „Jetzt mach schon.“
Faust schluckte.
„Für die Mission“, seufzte er aufopferungsvoll und drückte der Vettel mit zugekniffenen Augen und geschürzten Lippen einen hastigen Kuss auf die Lippen. Ein Schaudern durchfuhr ihn und er versuchte den schalen Geschmack durch eiliges Spucken und Lecken wieder loszuwerden.
„Scheint nicht zu funktionieren“, bemerkte Grimwardt. „Vielleicht musst du die Sache leidenschaftlicher angehen.“
„Leck mich.“
„Dann auf meine Art.“
Grimwardt packte die alte Hexe grobschlächtig bei den Schultern und begann zu rütteln. Mit Erfolg: Ein krötiges Krächzen drang über die Lippen der Traumherrin und sie öffnete blinzelnd die Augen.
„Wer seid Ihr, dass Ihr es wagt, in mein Reich einzudringen und mich aus dem Schlaf zu rütteln?“, krakeelte sie.
„Wir haben Fragen, die nicht warten können.“
„Was könnte wichtiger sein, als die Träume der Schlafenden?“
„Aus diesem Grund sind wir hier. Wir brauchen Informationen, die nur Ihr uns geben könnt, Herrin.“
„Na gut“, grummelte die Alte. „Aber beeilt Euch. Solange ich wache, sind die Schlafenden ohne Träume.“
„Zuerst wüssten wir gerne, was mir unseren beiden Gefährtinnen passiert ist“, erklärte Faust.
„Sie konnten ihre Träume nicht besiegen. Den eigenen Tod kann man nicht träumen, darum sind sie aufgewacht und haben die Traumebene verlassen.“
„Aber es geht ihnen gut?“
„Ich töte nicht. Ich zeige den Schlafenden nur ihre Ängste und Begehren durch den Spiegel ihrer Seelen.“
„Dann könnt ihr in die Seele eines jeden Sterblichen blicken?“
„Eines jeden Wesens, das schläft“, berichtigte die Nachtvettel.
„Habt Ihr auch in den Geist des Drachens gesehen, der die Bastion der ungeborenen Seelen besetzt?“, erkundigte sich Grimwardt.
„Die Bastion, schon wieder“, grummelte die Alte. Offenbar hatte der Nachtkönig von Westtor tatsächlich einen menschlichen Boten geschickt, um Informationen über den Seelenquell zu sammeln. „Ja, ich habe Ashardalons Träume gesehen. Sie handelten meist von den ungeborenen Seelen, die er verzehrte, um sein krankes Herz am Leben zu erhalten.“
„Sein krankes Herz?“
„Er stahl es von einem Dämon, nachdem Gen Soleilon von Westtor sein eigenes Herz durchbohrt hatte. Das falsche Herz tötet ihn langsam und schleichend, darum flüchtete er sich in die Bastion, um dem sicheren Tod zu entgehen.“
„Habt Ihr in den letzten Monaten eine Veränderung in seinen Träumen bemerkt?“, fragte Grimwardt weiter.
„Sie brachen ab“, krächzte die Alte. „Seit etwa zwei Monaten habe ich keine Träume mehr von Ashardalon empfangen.“
Grimwardt und Faust warfen sich einen viel sagenden Blick zu. Das ließ darauf schließen, dass Orlaks Eroberungspläne geglückt waren und er den Drachen besiegt hatte. Oder der Drache hatte den Nachtkönig dazu gebracht, ihn in einen Vampir zu verwandeln. Auch in diesem Fall wären seine Träume abgebrochen, denn Untote schlafen nicht.
„Wie gelangte Ashardalon vor zweitausend Jahren in die Bastion?“, wollte Faust wissen.
„Er war im Besitz eines Splitters des Seelensteins“, sagte die Traumherrin und erklärend fuhr sie fort: „Vor vielen Millionen von Jahren, ehe der erste Sterbliche geboren wurde, erschuf Ao, der Göttervater, die Bastion der ungeborenen Seelen. Er verfügte, dass kein Gott den Seelenquell jemals betreten solle. Nach ihrer Fleischwerdung und noch im Tod mochten die Götter um die Seelen der Sterblichen werben und feilschen, doch auf die präinkarnierten Seelen sollten sie keinen Einfluss haben. So entstanden das Prinzip des freien Willens und der Bann der ungeborenen Seelen, der die Götter an Aos Verfügung bindet. Desayeus jedoch, der Gott der Zeit, setzte sich über das Verbot hinweg und erschuf den Seelenstein, um sich Zugang zu Bastion zu verschaffen. Als die anderen Götter davon erfuhren, fürchteten sie, dass Desayeus den Bann der ungeborenen Seelen brechen und Aos Zorn auf sie alle herab beschwören könnte. Darum verbannten sie Desayeus in ein Gefängnis auf einer der Äußeren Ebenen. Den Seelenstein versuchten sie zu zerstören, doch es gelang ihnen nur ihn in drei Teile zu zersplittern. Einen der Splitter behielt Desayeus in seinem Gefängnis, die anderen beiden verstreuten die Götter im Multiversum. Mit einem dieser beiden Splitter gelangte Ashardalon in die Bastion, der Aufenthaltsort des anderen ist mir nicht bekannt. Er blieb lange verschollen, ehe ich ihn vor einigen Monaten im Geist Eurer rothaarigen Freundin sah. Dann verschwand er wieder. Jeder der Splitter vermag, als Komponente für einen Ebenenwechsel gebraucht, den Träger zur Bastion zu führen. Ein anderer Weg in die Bastion ist mir nicht bekannt.“
Einen Splitter hatte Ashardalon, mit dem anderen musste Orlak in die Bastion gelangt sein. Solange der Splitter in Immerschwinge gewesen war, war er den Augen der Traumherrin verschlossen geblieben, denn Elfen schlafen nicht. Und als der Vampirklon ihn gestohlen hatte, war er wieder aus ihrem Blickfeld verschwunden. Somit blieb den Gefährten nur eine einzige Möglichkeit, in die Bastion der ungeborenen Seelen zu gelangen: Sie mussten den dritten Stein finden, jenen, den der gefallene Gott behalten hatte.
„Die Götter verbannten Desayeus auf eine der Äußeren Ebene, sagtet Ihr?“, fragte Faust nach.
„Nach Agathion, den Mittelpunkt einer Ebene namens Pandämonium, ja“, erklärte die Nachtvettel. „Sein Gefängnis wird von einem mächtigen Erzengel bewacht, einem Solar… Erlaubt Ihr nun, dass ich mich wieder zur Ruhe lege?“, grantelte die Traumherrin. „Ihr habt lange genug die Zeit der Träumerin in Anspruch genommen.“
„Eine Frage noch“, bat Grimwardt. Für den Fall dass Ashardalon – in welcher Form auch immer – noch immer in der Bastion weilte, blieb da noch die Frage nach seiner Bezwingung. „Um den Drachen Ashardalon zu besiegen, so heißt es, ist die Hilfe eines Erben des Soleilon nötig. Wir kennen da zwar jemanden, aber dieser Jemand versteht sich recht gut darauf, sich nicht aufspüren zu lassen. Könnt Ihr uns wohl sagen, wo wir einen gewissen Drake finden?“
„Drake was?“, blaffte die Vettel.
„Seinen Nachnamen hat er uns nie verraten. Er ist ein Auftragsmörder, der in den Silbermarken und an der nördlichen Schwertküste sein Unwesen treibt.“
„Ein Erbe des Soleilons?“ Sie dachte nach. „Ihr meint wohl Drake Noar… Ihr kommt häufig in seinen Träumen vor. Ihr und Eure Schwester.“
Na hoffentlich bereiten wir ihm Albträume, dachte Grimwardt grimmig.
„Derzeit ist er in der Stadt Tiefwasser, auf der Suche nach seinem alten Lehrmeister. Er hat ein Zimmer im Gasthaus Zum Gähnenden Portal.“
„Ich danke Euch. Das war sehr hilfreich.“
„Nun dann, auf Wiedersehen in Euren Träumen“, gnatzte die Alte und sank zurück in ihre Schlafkapsel. Als sie den Mechanismus betätigte, füllte sich der Boden mit Traumnebel und die Nachtvettel nahm wieder das Aussehen der jungen Träumerin an.
Als Grimwardt an Drake dachte, konnte er sich ein hämisches Grinsen nicht verkneifen.
„Sieht so aus, als ob wir diesmal die Überraschungsgäste sein werden.“
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 19. Juli 2010, 00:15:15
Schön! Wieder eine tolle Passage. Toll im Abenteuer umgesetzt und toll nacherzählt! Und es macht Lust auf mehr und neugierig, was sich daraus noch entwickeln könnte...  :thumbup:
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 13. August 2010, 16:46:16
Oh, fast einen Monat ist es wieder her...  ::)
Haste im Moment auch wieder einiges an Arbeit am Hals, oder kam die Muse noch nicht vorbei bisher?
Bin ja mal gespannt wie die Woche in Italien wird... Sonja hat etwas Sorge, ich könnte an Realitätsverlust erkranken  :wink:
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 13. August 2010, 17:21:21
Beides, fürchte ich...
So ein bisschen Realitätsurlaub tut hin und wieder ganz gut :-)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 11. September 2010, 16:17:12
Kapitel V: Die Spiegel der Zukunft

Faust
In der darauf folgenden Nacht im Gasthaus zum Gähnenden Portal, Tiefwasser.
Im Schankraum der schmuddligen Hafenabsteige fanden sich zu dieser späten Stunde nur noch ein paar Dauergäste, die mit glasigen Blicken und hängenden Schultern über ihren Bierkrügen brüteten. Grimwardt und Miu waren zu Bett gegangen, während Winter und Faust von einem Fenstertisch, der einen guten Blick auf die Straße bot, Wache hielten, um Drake abzufangen, sollte er tatsächlich hier auftauchen. Fahrig trommelte Faust mit den Fingern gegen die Tischkante, bemüht sich nicht von Winters niedergedrückter Stimmung anstecken zu lassen. Seit zwei Stunden kauerte seine Gefährtin mit angezogenen Beinen auf ihrem Platz und sah nur auf, wenn das Geräusch der aufschwingenden Tür einen neuen Gast ankündigte.
„Dein Traum?“, unternahm Faust einen letzten Versuch ihr dahinvegetierendes Schweigen zu brechen. Doch wie die beiden Male zuvor zuckte sie nur stumm mit den Schultern.
„So übel?“
„Nein… ich weiß nicht.“ Fröstelnd verstärkte sie den Griff um ihre Knie. „Es fing so schön an.“
„Dann war er besser als meiner“, murmelte Faust düster und nahm einen tiefen Zug aus seinem Bierkrug.
Die Frage nach seinem Vater hing wie ein dunkles Omen über ihm. Würde er je herausfinden, was damals geschehen war? Vielleicht sollte er… Nein, er konnte nicht zu den Neun Schwertern zurückkehren. Noch nicht. Nicht bevor er die dunkle Prophezeiung seines Lehrmeisters widerlegt und bewiesen hatte, dass er nicht enden würde wie… Tja, wie wer? Wer war das Phantom, vor dem er seit zwölf Jahren davonlief?
Die Tür schwang auf und eine vermummte Gestalt trat auf die beiden Gefährten zu.
„Winter Fedaykin und Faust, nehme ich an.“
Die Fremde lüftete die Kapuze und enthüllte ein hübsches, sommersprossiges Mädchengesicht, das von einer Flut goldblonder Locken umrahmt wurde. Das niedliche Ding konnte nicht älter als siebzehn Jahre sein. Doch der ungerührte, leicht amüsierte Blick, mit dem sie Fausts Musterung standhielt, verriet, dass sie es gewohnt war, von Männern angestarrt zu werden.
„Und Ihr seid…?“
„Lady Feyleen, sehr erfreut“, stellte sie sich vor. Winter zog eine Augenbraue in die Höhe und Fausts Schwerthand fuhr an den Knauf seiner Waffe. Feyleen quittierte beides mit einem spöttischen Lächeln: „Ihr habt von mir gehört?“
Faust kniff die Augen zusammen, um seinen Geist zu fokussieren und hinter die Maske des Taliser Bauernmädchens zu blicken. Für die Dauer eines Blinzelns überlagerte die Realität Feyleens Zauber und enthüllte die ebenso sinnliche wie verstörende Gestalt der Dämonin. Ihr makelloser Frauenkörper aus Perlmutt-Schuppen schillerte golden im Zwielicht der Talgkerzen, ein schmaler Echsenschwanz schlängelte sich grazil um ihre bloßen Fußknöchel und aus ihren Schulterblättern wuchsen eindrucksvolle, blassrote Lederschwingen, die von durchscheinenden Adergeflechten durchzogen waren. Die gespaltene Zunge, die gefährlich zwischen den Zähnen der Sukkubus hervorblitzte, machte ihr Lächeln nur umso verführerischer.
„Wo-u“, entfuhr es Faust und er pfiff leise durch die Zähne.  
Aus den Erzählungen der Fedaykin-Geschwister wusste er, dass die Sukkubus eine mächtige Fürstin des Abgrunds war, die eine offene Rechnung mit Drake hatte, die sie in abgetrennten Gliedern zu begleichen pflegte. In der Absicht dem Spuk ein Ende zu bereiten, hatte der Assassine Winter in einen Hinterhalt gelockt und ihrem Bruder den Schwur abgepresst, ihm bei nächster Gelegenheit im Kampf gegen die Dämonenfürstin beizustehen. Bislang hatte ihn nur Feyleens Unauffindbarkeit daran gehindert, den Ehrenschwur des Priesters einzufordern.
„Ich weiß, wonach ihr sucht, und ich habe euch ein Angebot zu unterbreiten.“ Die Vision war verschwunden, doch Faust war es unmöglich das Mädchen, das nun am Tisch Platz nahm, mit denselben Augen zu sehen wie zuvor. „Auch ich bin seit langem auf der Suche nach Ashardalon und der Bastion der ungeborenen Seelen. Ich war dabei, als der letzte Erbe Soleilons von der Cathezar angegriffen wurde. Es erzürnte mich damals, dass die Marilith mich um meine Rache an Drake gebracht hatte, darum machte ich sie in ihrem Versteck ausfindig und tötete sie. Dabei stieß ich auf ihre Aufzeichnungen. Ihr Auftraggeber war Demogorgon. Um den Seelenkrieg zu beenden, den seine beiden Persönlichkeiten gegeneinander führen, benötigt der Dämonenprinz Ashardalons falsches Herz, dass dieser einem mächtigen Balor entriss. Denn Demogorgon ist halb Teufel und halb Dämon und nur das mächtige Herz eines Dämons, angereichert mit Seelenenergie, vermag den teuflichen Teil seiner Persönlichkeit zu bezwingen. Ich suchte Demagorgon auf und wurde zur Nachfolgerin der Cathezar. Mit mäßigem Erfolg, wie ich gestehen muss. Mehrmals versuchte ich Klone des letzten Erben zu erschaffen, doch keine meiner Schöpfungen überlegte lange. Und auch bei der Suche nach den Seelensplittern hatte ich wenig Glück. Von der Herrin der Träume erfuhr ich, wo der letzte der drei Seelensplitter zu finden ist, doch meine… gottlose Natur macht es mir unmöglich, das Gefängnis des Desayeus zu betreten.“  Die Dämonin sprach all diese Scheußlichkeiten, die keinen Zweifel an ihrer Verderbtheit ließen, ohne jede Scham, dafür aber mit einem Hauch von Ironie aus.
„Und warum sollten ausgerechnet wir Euch dabei helfen, dieses Herz zu beschaffen?“, knurrte Faust. Feyleens Geschichte passte zu dem, was er und seine Freunde in Erfahrung gebracht hatten. Ihr Versuch einen Klon des Soleilon-Erben zu erschaffen erklärte ihre Angriffe auf Drake und ihr Scheitern ließ vermuten, dass Orlaks Klone allein durch die vampirische Umwandlung hatten überdauern können. Allerdings erschien es ihm wenig rühmlich, einem Dämonenprinzen bei der Beschaffung eines gestohlenen Herzens zu helfen. Außerdem ahnte Feyleen offenbar nicht, dass Ashardalon womöglich bereits besiegt oder zum Vampir geworden und sein Herz damit verdorben war.
„Das alles mag Euch fremd und widerwärtig erscheinen. Doch meines wie Euer Anliegen ist der Tod Ashardalons, darum gibt es keinen Grund, weshalb wir uns bekämpfen sollten, anstatt uns ihm gemeinsam entgegen zu stellen. Seit mehr als 1500 Jahren nährt sich der Drache bereits von den präinkarnierten Seelen der Bastion und seine Macht wächst von Tag zu Tag – glaubt mir, Ihr und ich, wir werden jede Hilfe nötig haben, wenn wir ihn aus dem Weg schaffen wollen.“ Und mit einem anzüglichen Lächeln, das an Fausts Adresse gerichtet war, fügte sie hinzu: „Rettet ihr nur die Seelen der ungeborenen Kinder und überlasst mir das Herz des Drachens. Dieser kleine Schandfleck muss ja nicht unbedingt in die Annalen Eurer Heldentaten eingehen.“
Es wäre auch nicht der erste, ergänzte Faust in Gedanken.
Er traute der Sukkubus nicht weiter als er spucken konnte, doch er konnte sich auch nicht ganz den süßen Verheißungen ihrer latenten Tändeleien entziehen.
„Meinetwegen seid unsere Begleitung“, sagte er darum. „Winter, was meinst du?“
Die Zauberin starrte eine Weile versonnen aus dem Fenster.
„Schön“, entschied sie schließlich, doch sie betrachtete die Dämonenfürstin mit abweisendem Blick. „Kommt wieder, wenn wir den Seelensplitter haben. Und zeigt Euch nicht vor Drake, falls wir ihn bis dahin gefunden haben sollten.“

Winter
Kurz darauf.
Grimwardt stützte stöhnend den Kopf in eine Hand und rubbelte sich die Schläfen.
„Ihr habt was getan? Ihr habt euch mit der rachsüchtigen Dämonenfürstin verbündet, die ich Drake geschworen habe zu vernichten?“
So wie er es ausdrückte, klang es wirklich nicht gerade vernünftig.
„Verbündet kann man das eigentlich nicht nennen.“
„Jetzt sagt bloß, ihr habt ihr diese haarsträubende Geschichte auch noch abgekauft?“
„Vermutlich hat sie uns nur die halbe Wahrheit erzählt.“ Winter zuckte gleichmütig mit den Schultern. „Ich nehme an, sie wird versuchen sich an Drake zu rächen, sobald er seinen Nutzen für sie verloren hat. Aber was kümmert uns das?“
Der Priester hob den Kopf und sah seine Schwester durchdringend an und sie versuchte ihr Unbehagen hinter einem müden Blinzeln zu verbergen. Sie wollte ihn nicht sehen lassen, dass sie hoffte, auf diese Weise zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Es war kein besonders netter Zug, Drake auf solch hinterhältige Art loswerden zu wollen ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen. Aber solange das gefährliche Interesse des Assassinen an ihrer Familie anhielt, würde Scarlet nirgendwo sicher sein. Aber warum sollte sie versuchen, Grimwardt das verständlich zu machen? Ihre Bemühungen wären ja doch vergeblich und sie war zu niedergeschlagen und zu müde, um mit ihm zu streiten.  
Grimwardt und Miu waren gekommen, um ihre beiden Gefährten abzulösen. Inzwischen war auch der letzte Säufer mit dem Kopf auf der Tischkante eingenickt und der Wirt hatte ihnen bereits zum wiederholten Mal auf unflätige Weise zu verstehen gegeben, dass er nicht gedenke, die ganze Nacht hinter dem Tresen zu verbringen. Doch ein paar Silbermünzen hatten ihn gnädig gestimmt.
Winter glaubte nicht mehr daran, dass Drake noch auftauchen würde, doch sie wurde eines Besseren belehrt.
„Er kommt“, vermeldete Grimwardt, als Faust und sie bereits den Treppenabsatz erreicht hatten.
Grimwardt blies die Kerze aus. Faust belegte den Raum eilig mit einem Dimensionsanker und stellte sich mit gezücktem Knüppel hinter die Eingangstür. Und Winter sprach einen Schutzzauber, der Drakes Dolche wirkungslos von ihrer Haut abprallen lassen würde, falls er ihnen Ärger bereiten sollte. Der Wirt, der lange genug in diesem Viertel überlebt hatte, um zu wissen, wann es ratsam war, das Weite zu suchen, beließ es bei einem Fluch und dem Hinweis, dass er sie für demolierte Wirtshausgegenstände haftbar machen würde, und sah zu, dass er von der Bildfläche verschwand. Dann schwang die Tür auf.
„Tempus zum Gruße, alter Freund“, brummte Grimwardt mit schulmeisterlich gekreuzten Armen, während Faust sich vor die Tür warf, um Drake den Fluchtweg abzuschneiden. „Wir müssen reden.“
Der Albino brauchte keine Sekunde, um zu erkennen, dass Flüchten zwecklos war. Winter kannte diesen halb lauernden, halb gehetzten Ausdruck, als er seinen Blick durch den Raum schweifen ließ, und ahnte, was er vorhatte.
„Nur zu.“ Mokierend breitete sie die Arme aus. „Nimm mich als Geisel, wenn du dich dann besser fühlst.“
Deine Dolche können mir ohnehin nichts anhaben.
Drake hob halb belustigt, halb verärgert eine Augenbraue. Dann schnellte die Spitzte eines Dolches aus seinem Lederhandschuh. Doch einen Lidschlag ehe er Winter erreichte, tauchte er zur Seite weg, unter ihrem Arm hindurch und auf Miu zu, die am Fenstertisch wartete. Lautlos klappte die Ordensschwester zusammen, als Drake ihr den Knauf seines Dolches in den Nacken rammte.
„Für wie blöd hältst du mich?“, zischte er. „Und jetzt sagt, was ihr zu sagen habt, und keine faulen Tricks, oder die Kleine wacht nicht wieder auf.“ Es sollte abschätzig klingen, doch Winter entging nicht die Anspannung in seiner Stimme. Drake war kein Narr. Er wusste, wenn sie hier waren, um ihn für all die miesen Tricks büßen zu lassen, die er sich mit ihnen erlaubt hatte, standen seine Chancen schlecht. Und sie genoss es ihn noch ein Weilchen zappeln zu lassen.
„Raus mit der Sprache.“ Drake presste Miu, die langsam zu sich kam, den Dolch an die Kehle.
„Das solltest du besser bleiben lassen, Mann.“ Fausts grünes Auge blitzte gefährlich, während das blaue eiskalt blieb. Der Söldner kannte kein Pardon mit Kerlen, die sich an den Wehrlosen vergriffen: Drake hatte es wie immer auf Anhieb verstanden sich Freunde zu machen!
„Und wer ist der Kerl? Hat Bleichauge das Zeitliche gesegnet?“
„Hades ist in seine Heimat zurückgekehrt. Das ist Faust und glaub mir, du willst dich nicht wirklich mit ihm anlegen.“ Winter trat auf ihn zu. „Der Nachtkönig von Westtor hat eine Horde Klonvampire auf dich angesetzt. Wenn du es vorziehst, dich aus dem Staub zu machen, bitteschön, aber dann wunder dich nicht, wenn du demnächst eine äußerst denkwürdige Begegnung mit dir selbst haben solltest!“
Ihre Worte hatten den gewünschten Effekt: Drake war für einen Augenblick sprachlos.
„Ich habe keine Ahnung, wovon du da sprichst“, knurrte er schließlich.
Winter lächelte liebenswürdig.  
„Dann würde ich vorschlagen, du lässt Miu los und wir setzen uns.“
Wenn es eines gab, das Drake aus der Bahn werfen konnte, dann war es, die Kontrolle zu verlieren. Solange sie ihren Informationsvorsprung wahren konnten, half ihm weder seine Geisel noch sein Spott. Diesen Kampf hatten sie so gut wie gewonnen.

Faust
Pandämonium, am nächsten Tag.
Drake hatte um eine Bedenkzeit von einer Nacht gebeten. Als er am Morgen zurückgekehrt war, waren sie zu fünft zu den Äußeren Ebenen in das Labyrinth von Pandämonium aufgebrochen. Winter hatte einen Ortungszauber gewirkt, der sie nach Agathion, in den Mittelpunkt des Labyrinths führen sollte, in das außerdimensionale Gefängnis des gefallenen Gottes Desayeus. Das Portal nach Agathion, so hatten sie von der Herrin der Träume erfahren, wurde von dem Erzengel Eco bewacht.
Pandämonium war eine Welt im Fluss, ein lichtloses Höhlenlabyrinth, das sich auf keine Form festlegen mochte: Höhleneingänge sprossen plötzlich aus dem Nichts und vor den Augen der Gefährten entstanden wild verzweigte Tunnelgeflechte, während ein anderes Mal trutzige Höhlenwände aus dem Boden aufschossen und einen weit verzweigten Gang in eine Sackgasse verwandelten. Einmal wäre Grimwardt fast von zwei aus dem Boden brechenden Stalagmiten aufgespießt worden. Ein anderes Mal hatte Faust plötzlich den Boden unter den Füßen verloren und war in einen Abgrund gestürzt, der eine Sekunde zuvor noch nicht da gewesen war. Kein Wesen vermochte in dieser kargen, unsteten Landschaft zu überleben; ihre Herrscher waren allein die peitschenden Winde, deren ohrenbetäubendes Säuseln wie ein klagender Geist durch die Gänge spukte und jede Unterhaltung im Keim erstickte.  
Faust konnte nicht sagen, wie lange sie schon durch diese unberechenbare Unterwelt geirrt waren. Zeit war an diesem Ort ein ebenso unzuverlässiger Ratgeber wie Geographie. Winters Ortungszauber war mehrere Male einfach abgebrochen, nur um die Fährte dann in entgegen gesetzter Richtung wieder aufzunehmen. Faust hatte das Gefühl, als versuche der Mittelpunkt des Labyrinths ihnen davonzulaufen. Doch nach einer halben Ewigkeit begann die Umgebung stetiger zu werden und die eigentümlichen Umwälzungen blieben aus. Selbst das zornige Pfeifen des Windes verlor an Intensität und verebbte schließlich ganz. Das wechselhafte Labyrinth von Pandämonium schien wie erstarrt. Und im Zentrum dieses Vakuums ruhte reglos wie in Stein gemeißelt eine Gestalt und blickte den Gefährten entgegen.
Eco der Solar hatte den Körper einer überlebensgroßen Menschenfrau mit eindrucksvollen, schneeweißen Schwingen, doch ihr Gesicht war geschlechtslos, erhaben und hart, und scheinbar aus dem selben Silber geformt wie die blitzende Klinge an ihrer Seite. Einzig die Topasaugen des Engels wirkten lebendig: Es waren Augen, unter denen ein Sterblicher zu Stein erstarren mochte.
Faust spürte eine eigenartige Spannung, die seinen ganzen Körper erzittern ließ. Hass. Verblüfft stellte er fest, dass er dieses Wesen aus tiefstem Herzen verabscheute.
„Eco, Gesandte der Götter“, sprach Grimwardt und sank ehrerbietig auf ein Knie. „Wir sind gekommen, um Eure Hilfe zu erbitten.“
Miu senkte demütig den Kopf und selbst Winter und Drake wandten die Blicke zu Boden. Allein Faust rührte sich nicht. Nur mit Mühe gelang es ihm ein verächtliches Schnauben zu unterdrücken.
„Sprecht, Priester.“
Grimwardt erhob sich.
„Ist es richtig, dass Ihr das Portal zu Desayeus’ Gefängnis bewacht?“
„Ich bin das Portal“, erwiderte der Engel.
„Als Priester des Tempus ersuche ich Euch um Einlass für mich und meine Gefährten. Der Gott Desayeus ist im Besitz eines Schlüssels, der uns Zugang zur Bastion der ungeborenen Seelen gewähren kann. Dort labt sich ein vampirischer Parasit an den Seelen der Sterblichen. Es ist unser Anliegen, ihn aus der Bastion zu vertreiben, um die göttliche Ordnung wiederherzustellen.“
„Mein Zorn gilt diesem Ungeheuer“, erklärte die Wächterin, doch ihre versteinerten Züge zeigten keine Regung. „Doch ich kann Euch nicht einlassen. Es liegt nicht in meiner Macht.“  
Töte sie.
Fausts Hand bebte und er erkannte voller Befremden, dass sie das Heft seines Schwertes fest umklammert hielt. Endlich begriff er: Es war Zwiespalts Stimme, Zwiespalts Hass. Das Schwert hatte das Prinzip, das in sein Metall geschmiedet war – die Vernichtung aller Ordnung und derer, die für deren Erhalt einstanden – in eine menschliche Regung übersetzt, um Faust zu seinem Vollstrecker zu machen. Der Kämpfer spürte, wie sich eine dünne Schweißschicht auf seiner Stirn bildete. Er widerstand der Versuchung, Zwiespalts Drängen nachzugeben, doch der schwelende Hass, der ihn wie eine Blase umgab, wollte nicht weichen.  
„Wäre es wohl möglich, dass Ihr dem Gefangenen unser Anliegen vortragt?“, hörte er Grimwardt sagen, doch es klang unwirklich in seinen Ohren, meilenweit entfernt.
„Ich bin das Portal“, wiederholte Eco. „Es ist mir nicht möglich, Agathion zu betreten, und ich stehe auch nicht in Verbindung zu Desayeus.“
„Könnte Euch denn ein göttlicher Befehl dazu bewegen, das Portal zu öffnen?“, versuchte der Priester es weiter.
„Gewiss“, antwortete der Engel. „Doch obliegt ein solcher Befehl nicht einem Gott allein. Zu groß wäre die Gefahr, Aos Zorn heraufzubeschwören.“
Plötzlich spürte Faust eine Veränderung, wie einen unsichtbaren Schutzschild, der sich um seinen Körper legte. Und dann sprang Zwiespalt in seine Hand. Abrupt, wie eine zum Leben erweckte Statue, fuhr der Engel herum und zog seinerseits blank. Miu stellte sich schützend vor die Wächterin und mahnte Faust mit einem vorwurfsvollen Blick zur Mäßigung.
„Ihr erhebt Euer Schwert gegen einen Diener des Pantheons?“ Die Stimme der Gottesdienerin war wie erkaltetes Metall.
„Da Ihr Euch weigert, uns durchzulassen, bleibt mir keine andere Wahl.“
Der Blick der goldenen Augen bohrte sich in seinen Geist, versuchte Fausts Absichten zu ergründen, doch der Schutzschild seines Schwertes wehrte den Versuch ab. Zwiespalt vibrierte ungeduldig in seiner Hand.
„Faust, beherrsch dich“, knurrte Grimwardt und legte ihm mäßigend die Hand auf den Arm. Der Anflug einer Drohung klang in seiner Stimme mit. „Sie hat keine göttliche Befugnis, uns einzulassen. Ich werde zu Tempus beten, damit er Sie uns erteilt.“
„Spar dir die Mühe“, murmelte Faust, den Blick auf den Gegner gerichtet. Seine Bewegungen spiegelten die des Engels. Grimwardt hatte vermutlich Recht. Aber er wollte angreifen, er wollte den Zorn der Götter heraufbeschwören. Vielleicht war es Wahnsinn, doch er hatte nie verstanden, mit welchem Recht die Götter den Sterblichen ihre Ordnung aufzwangen. Sind sie wirklich so viel besser als wir? Oder sind sie nur Teil einer Hierarchie, die so allgegenwärtig ist, dass sie noch nie jemand in Frage gestellt hat? Möglich, dass Zwiespalt diesen Hass in ihm geweckt hatte, doch in ihm geschlummert hatte er schon lange.
„Bei Veiros’ Ungestüm, Faust, du gottloser Narr!“ Die Zornesader auf Grimwardts Stirn trat pochend hervor, als er erkannte, dass der Gefährte sich nicht würde belehren lassen. Mit gezückter Axt stellte er sich ihm in den Weg, doch Faust wich der Bewegung aus und griff an.
Einen Augenblick, bevor er den Engel erreichte, sah er aus dem Augenwinkel, wie Miu diesen am Arm berührte. Seine Klinge stieß oberhalb des Herzens durch Ecos Rüstung, doch die Wunde war kleiner als die Wucht des Stoßes vermuten ließ. Im selben Moment ging Miu in die Knie und eine blutige Wunde klaffte an der der gleichen Stelle oberhalb ihres Herzens. Ihr Gesicht war bleich, doch von unumstößlicher Entschlossenheit: Wenn du sie tötest, musst du mich auch töten. Faust verfluchte die Karaturianerin und ihren stummen, aufopferungsvollen Widerstand. Es war eine Art des Kampfes, gegen den er machtlos war. Doch diesmal würde er nicht zulassen, dass sie den Sieg davontrug! Während er den Hieben des silbernen Engelsschwertes auswich, das ganz von alleine zu tanzen begann, steckte er Zwiespalt zurück in die Scheide. Ohne auf das protestierende Vibrieren des Schwertes einzugehen, griff er nach seiner gepolsterten Keule. Sie würde genügen, um den Engel bewusstlos zu prügeln, ohne Miu in Lebensgefahr zu bringen. Doch es erwies sich als gar nicht so einfach, zu dem Gegner vorzudringen. Von rechts hatte sich mit grantiger Miene Grimwardt zwischen ihn und die Gottesdienerin gedrängt und seine schmetternden Axthiebe ließen keinen Zweifel daran, wem seine Loyalität galt. Zu seiner Linken hörte Faust Winter magische Worte murmeln. Welchen Zauber sie auch entfesselt hatte, er verfehlte ihn. Doch bei der Erkenntnis, dass selbst Grimwardts Schwester, die gerade so viel Gottesfürchtigkeit besaß wie ihrem Opportunismus dienlich war, sich gegen ihn gewandt hatte, sank ihm der Mut. Doch er erhielt Unterstützung von unerwarteter Seite: Plötzlich tauchte Drake hinter Winter auf und in jeder seiner Fäuste blitzte ein Dolch. Die Zauberin durchschaute die Finte, konnte dem Angriff jedoch nicht mehr rechtzeitig ausweichen, um zu verhindern, dass Drake eine hässliche Wunde in ihren Hals riss.
„Du verdammter Bastard!“, rief sie empört.
Es sah dem Assassinen ähnlich, sich an dem verwundbarsten „Gegner“ zu vergreifen, statt zu riskieren, den göttlichen Zorn des Engels heraufzubeschwören. Doch Faust, den Grimwardts zorniger Angriff in arge Bedrängnis brachte, konnte es sich im Augenblick nicht erlauben, wählerisch zu sein. Immerhin verschaffte Drakes Angriff ihm genug Luft, um zu dem Engel durchzudringen. Und er ergriff die winzige Gelegenheit, die sich ihm bot, und versetzte seinen Körper in jenen Zustand innerer Ruhe, der der Stille im Auge eines Sturms glich, wenn die Zeit für einen Herzschlag stillstand, ohne dass die Welt um ihn herum es bemerkte: Götterdämmerung, wie der Samurai Nakamura das Manöver genannt hatte. Der Engel ging unter der Wucht der eilig aufeinander folgenden Keulenangriffe zu Boden – und Miu mit ihm.
Doch Faust hatte sich zu früh gefreut. Er hatte sich bereits abgewandt, als er den bohrenden Blick der Topasaugen in seinem Rücken spürte. Dann wurde er von einer Schockwelle göttlicher Energie erfasst und gegen die Höhlenwand geschleudert.

Grimwardt
„Untersteh dich!“, knurrte Grimwardt und versuchte Drake zu fassen zu bekommen. Doch der Schurke entwand sich seinem Griff und tauchte flink unter seinen Armen hindurch. Nach dem Angriff auf Faust war Eco wieder zu Boden gesunken. Drake schlitzte dem wehrlosen Gegner die Kehle auf und eine Blutfontaine ergoss sich über die Rüstung des Tempuspriesters. Als die Wächterin von Agathion zu Boden ging, brach ein gleißendes Licht aus der tödlichen Wunde, gefolgt von einer Druckwelle, die alle Umstehenden zu Boden warf. Als Grimwardt wieder sehen konnte, war der Engel verschwunden. An ihrer Stelle hatte sich ein strahlend weißer, schmuckloser Torbogen materialisiert.
Grimwardt rappelte sich auf und betete im selben Atemzug um Vergebung in welchem er den Engelstöter mit einem Schwall äußerst profaner Flüche überschüttete.
„Hör schon auf“, höhnte Drake, der seelenruhig seine Dolche reinigte. „Ihr brauchtet jemanden, der für euch die Drecksarbeit macht und siehe da: Das Tor ist offen.“
Die letzten Worte hatte er brüllen müssen, denn mit Ecos Tod hatte das Labyrinth von Pandämonium seinen ruhenden Mittelpunkt verloren und mit den unvorhersehbaren Veränderungen der Umgebung waren auch die heulenden Winde zurückgekehrt: Das Chaos forderte zurück, was der Engel in Schach gehalten hatte. Fausts launisches Schwert würde das freuen.
Der Kriegspriester hatte nicht übel Lust, die beiden Abtrünnigen Tempus’ heiligen Zorn spüren zu lassen, bevor er wieder verflog. Doch er musste seinen beiden bewusstlosen Gefährten helfen, ehe sich ein Stalagmit entschied Miu oder Faust aufzuspießen oder ihnen allen die Decke auf den Kopf fiel. Nachdem er die Karaturianerin geheilt hatte, setzte diese sich zu Faust und legte ihm die Hand auf die Stirn. Der Kämpfer stöhnte, doch es war wohl weniger sein angeschlagener Kopf als Mius leidvoller Blick, der ihm zu schaffen machte.
„Es ging nicht anders, Miu…“, versuchte er sich zu rechtfertigen. Er merkte offenbar selbst, wie mager und erbärmlich diese Entschuldigung klang, denn plötzlich veränderte sich sein Gesichtsausdruck. „Verflucht, hast du erwartet, dass ich ewig nach deiner Pfeife tanze, Täubchen?“, fragte er grantig und rappelte sich auf. Miu zuckte merklich zusammen und Grimwardt sah die fromme Ordensschwester zum ersten Mal schockiert.  Für einen Augenblick lieferten sich die beiden ein stummes, regloses Duell, dann formten Mius Hände einen Zauber und sie verschwand.
„Mach doch, was du willst.“ Faust biss sich auf die Lippen und vermied es, irgendwen anzusehen. „Du kommst ja doch wieder zurück.“
„Wir sollten gehen, solange das Portal noch offen ist“, grummelte Grimwardt. Und bevor wir anfangen, uns gegenseitig an die Gurgel zu gehen, fügte er in Gedanken hinzu.
Der Priester schritt als erster durch den Torbogen und gelangte in einen gigantischen Saal mit Spiegeln an allen vier Wänden und einer Kuppel, die ebenfalls aus Spiegelglas bestand. Der Raum war leer bis auf einen Lehnsessel, so hoch wie ein Haus, auf dem, ihnen den Rücken zugekehrt, eine verschleierte Gestalt harrte.
Irgendwas stimmt hier nicht, dachte er. Und dann stürzte es auch schon auf ihn ein.

„General Grimwardt.“
Er erwidert den Gruß der Wachen mit einem mürrischen Grummeln und betritt eiligen Schrittes das Gemach seines Dienstherrn. Es ist ihm gleich, ob ihn alle hier für einen Finsterling halten, solange sie dem Emblem auf seinem Mantelrevers Respekt zollen: der schwarzen Feder, gekreuzt mit dem schwarzen Schwert auf feurig rotem Grund. Abfällig mustert Grimwardt die komfortable Einrichtung des Gemachs, die kostbaren Diwane aus Turmisch, die kunstvollen calimshitischen Wandteppiche und die Weingläser aus elfischem Kristallglas auf dem Tisch. Er tritt ans Fenster und lässt den Blick vage über die fliegende Stadt, den dunklen See und die Dünenlandschaft dahinter gleiten. Irgendwer hat einmal gesagt: Nirgendwo ist der Horizont so fern wie in der Wüste von Anauroch.
Das leise Rascheln der Türvorhänge kündigt die Ankunft des Prinzen an. Wie immer ist der Arkanist in schwere, weinfarbene Roben gekleidet.
„Mein Prinz“, murmelt Grimwardt und neigt leicht den Kopf. Seine Hand ruht auf dem Heft seines schwarzen Obsidianschwerts. „Ihr habt Neuigkeiten?“
„Allerdings!“ Der Prinz lässt einen Pagen Wein in die elfischen Kristallgläser einschenken und stößt mit Grimwardt an. Ein schiefes, unheilvolles Lächeln lauert in den Mundwinkeln des schattigen Umbrantengesichts. Es heißt, es habe schon Menschen im Angesicht dieses Lächelns der Tod ereilt. Grimwardt hält das für Unsinn – der Prinz ist ein Schwächling, der lediglich das Glück hat, mit genug List und Tücke gesegnet zu sein, um seine Brüder über seine unzulänglichen magischen Fähigkeiten hinwegzutäuschen. Ihm ist es gleich – er ist des Krieges wegen hier, nicht um des Prinzen willen.
„Wir konnten zwei der Verbündeten der Sandfürstin identifizieren“, erklärt der Umbrant. „Es scheint, dass sie dem Imperium schon einmal einen schweren Schlag versetzt haben.“
Er vollführt eine magische Geste und lässt zwei Trugbilder entstehen: ein Mann und eine Frau. Ersteren hat Grimwardt noch nie zuvor gesehen: ein Kämpfer mit breiten Schultern, einer Eisenfaust und verschiedenfarbigen Augen. Beim Anblick der Frau dagegen erstarren seine Gesichtszüge für einen Augenblick.
„Sie ist meine Schwester“, murmelt er. „Aber ich nehme an, das wisst Ihr bereits.“
Das lauernde Lächeln gräbt sich tiefer in die Wangen des Umbranten. „Ist das ein Problem, General?“
Grimwardt kneift die Augen zusammen und blinzelt in die untergehende Sonne, die hinter den Dünen versinkt, ohne ihr Spiegelbild im trüben Wasser des Schattensees zu hinterlassen. Dann sieht er seinem Dienstherrn in die Augen.
„Nein“, sagt er.


Die Vision verschwand aus dem Spiegel und dieser zeigte ihm nur noch seine Reflektion, tausendfach reproduziert durch die Spiegelungen der gegenüberliegenden Wand, sodass der Raum von unendlicher Weite erschien.
„So ein Humbug“, knurrte Grimwardt kopfschüttelnd. Ein schwarzes Schwert und ein fremdes Emblem. Sicherheitshalber sah er nach, ob er noch seine Streitaxt und den Schild mit dem Zeichen des Feindhammer bei sich trug. Alles am rechten Fleck. Dann sah er sich um.
Neben ihm harrten Winter und Faust mit schockstarren Mienen und weit aufgerissenen Augen. Allein Drake hatte der eigenartige Zauber der Spiegel nicht in seinen Bann geschlagen. Grimwardt packte seine Schwester beim Arm und schüttelte sie und Drake versuchte Faust durch einen angedeuteten Faustschlag zum Blinzeln zu bewegen, doch ohne Erfolg.
„Wie in der Zeit gefroren“, bemerkte der Albino mit einer Mischung aus Faszination und Schadenfreude.
„Wie kommt’s dass du nicht dastehst wie ’ne Salzsäule“, grummelte Grimwardt. „Was haben sie dir vorgegaukelt, die Spiegel?“
Drake runzelte die Stirn.
„Nichts…?“ Es klang wie: Worauf willst du hinaus?
Doch Grimwardt ging nicht näher auf das Thema ein, sondern trat auf die Gestalt auf dem Lehnsessel zu. Als er das Gebilde umrundet hatte, stellte er fest, dass der erste Blick ihn getäuscht hatte: Die Gestalt war ein greiser Mann und was er zunächst für einen Schleier gehalten hatte erwies sich als schütteres Kopf- und Barthaar, das wie feinstes Lametta den gesamten riesenhaften Körper des gefallenen Gottes einhüllte und noch über die Lehnen des Thronsessels hinaus wuchs. Desayeus schien dasselbe Schicksal ereilt zu haben wie Grimwardts Gefährten: Seine Pupillen waren schockgeweitet und starr auf sein Spiegelbild gerichtet. In den Falten seines Greisengesichts hatte sich der Staub von Jahrtausenden angesammelt.
„Ziemlich… ernüchternd“, befand Drake respektlos.
Grimwardt brummte etwas Unverständliches – immerhin war Desayeus noch immer ein Gott und sollte als solcher behandelt werden. Allerdings siegte am Ende doch sein Pragmatismus und er begann auf der Suche nach dem Seelensplitter mit seiner Axt wie mit einer Heusense durch das dichte Gestrüpp von Gotteshaar zu pflügen. Nach einer halben Stunde schweißtreibender Arbeit jedoch musste der Kriegspriester feststellen, dass die silbrigweiße Pracht schneller wuchs als er sie zurechtzustutzen vermochte. Auf diese Weise würden sie in einem göttlichen Schuppenmeer versinken, ehe er auch nur bis zum Kinn vorgedrungen war. Auch der Versuch Desayeus mit einer Augenbinde aus Gotteshaar die Augen zu verbinden, um ihn aus seiner Starre zu erlösen, fruchtete nicht, und die Spiegel erwiesen sich als gänzlich unzerstörbar.
„Zieh ihm die Lider über die Augen“, knurrte Grimwardt schließlich entnervt an Drake gewandt, der gerade damit beschäftigt war, die göttliche Ohrmuschel in Augenschein zu nehmen.
„Eklig, aber einen Versuch ist es wert“, bemerkte Drake, dessen Hang zum Absurden ihn die Sache mit Humor nehmen ließ.
Und tatsächlich hatten sie Erfolg: Desayeus blinzelte träge aus trüben, rauchgrauen Augen, musste einmal heftig niesen, sodass Drake von seiner Schulter purzelte und blickte schließlich schläfrig auf die beiden Sterblichen herab.
„Ihr… seid gekommen“. Die heisere Stimme des göttlichen Greises schien sich aus einer Vielzahl anderer Stimmen zusammenzusetzen.
Grimwardt weckte eilig seine beiden Gefährten auf die selbe Weise. Zu spät fiel ihm ein, dass es sich vermutlich gehört hätte, vor dem Gott auf die Knie zu sinken. Allerdings schien Desayeus auf derlei Respektbekundungen keinen Wert zu legen. Kaum war der Bann der Spiegel gebrochen und die unnatürliche Starre von ihm abgefallen, da sackte er in sich zusammen wie ein Sack Reis und schien einzudösen.
„Ähm… Desayeus?“ Wie, bei den Neun Höllen, sprach man einen Gott an?
Träge hob der Greis noch einmal den Kopf.
„Wie lange habe ich darauf erwartet, dass sich die Vision der Spiegel erfüllt? Ich sah euch kommen, die Erlöser, die mich aus den Klauen meiner Zukunft befreien… Es gibt im ganzen Multiversum nur noch eine Handvoll Sterblicher, die meinen Namen noch nicht vergessen haben. Zu wenige, um mich am Leben zu halten… Wir Götter sterben mit dem Glauben an uns und ich bin… entsetzlich müde.“
Er drohte wieder einzunicken, doch Winters helle Stimme holte ihn in die Wirklichkeit zurück. „Was sind das für Visionen… in den Spiegeln, meine ich?“ Sie klang zittrig und erst jetzt bemerkte Grimwardt, dass seine Schwester kreidebleich war.
„Sie zeigen die Zukunft desjenigen, der in sie hineinsieht“, murmelte Desayeus. „Die wahrscheinlichste Zukunft….“
Winter schluckte heftig.
„Was… was heißt das, die wahrscheinlichste Zukunft?“
„Die Zeit entzieht sich selbst dem Auge der Götter“, erklärte Desayeus. Eine Erinnerung schien ihn zu streifen und was auch immer sie in ihm berührte, es bewirkte, dass seine Augen sich klärten und seine Schultern sich strafften. „Sie ist wie ein reißender Strom, der ausnahmslos jeden erfasst, der in ihm weilt. Niemand weiß genau, wohin die Reise führt, doch es ist wahrscheinlich, dass sie bei jeder Flussgabelung dem Strom mit der stärksten Strömung und des geringsten Widerstands folgt. Diesen Weg zeigen die Spiegel… den Weg des geringsten Widerstands.“
„Die Spiegel zeigen die wahrscheinlichste Zukunft, sagt Ihr?“ Faust runzelte die Stirn. „Ihr meint… eine einzige?“
„Aber gewiss.“
Faust schien verwirrt, doch ehe er weiterfragen konnte, ergriff Winter wieder das Wort.
„Und was… kann man tun, um diese Zukunft abzuwenden?“ Grimwardt sah seine Schwester forschend an, doch sie wich seinem Blick aus.
„Quäl dich nicht mit den Visionen der Spiegel, mein Kind“, seufzte Desayeus schwermütig. „Begehe nicht denselben Fehler, den ich begangen habe. Die Spiegel sind meine Schöpfung … und mein Untergang. Ich bin… war der Gott der Zeit und bin ihrem Geheimnis näher gekommen als jeder andere vor mir, doch am Ende hat die Zeit mir ein Schnippchen geschlagen… mich mit meinen eigenen Waffen geschlagen.“
„Dann habt Ihr versucht, Eure Zukunft zu ändern?“
„Das habe ich.“ Bei der Erinnerung sackte der Gott erneut in sich zusammen und verstummte. Es bedurfte ihrer vereinten Schnipskünste, um Desayeus aus seiner Lethargie zu reißen. Als er sprach, schien er zu sich selbst zu sprechen als habe er die Sterblichen zu seinen Füßen völlig vergessen. „Ich sah meinen Tod in den Spiegeln – diesen Tod. Und ich beschloss ein Zeitportal zu bauen, um in die Zukunft zu reisen und mich selbst aus diesem Gefängnis zu befreien. Doch ein Zeitportal kann nur außerhalb der Zeit bestehen und es gibt nur zwei Orte, die unberührt sind vom Strom der Zeit. Der eine ist die Stadt der Seelen, wohin es die Seelen der Sterblichen nach dem Tode zieht; der andere ist die Bastion der ungeborenen Seelen, woher sie kommen. Die Stadt der Seelen kann kein Gott betreten außer dem Herrn der Toten und seinen Dienern; wir anderen können nur bis zu ihren Häfen vordringen. Darum erschuf ich den Seelenstein, der mir Einlass in die Bastion verschaffen sollte. Dort begann ich mit der Errichtung des Zeitentors. Doch mein Schaffen erregte das Misstrauen der anderen Götter. Sie glaubten, ich sei in die Bastion eingedrungen, um den Bann der ungeborenen Seelen zu brechen und die Herrschaft über die präinkarnierten Seelen an mich zu reißen, und sie fürchteten, dass Aos Zorn ob meiner Machtgier sie alle treffen könnte. Darum verbannten sie mich… hierher. Ich war ein Tor – das Opfer meiner eigenen Prophezeiung. Und so holte mich die Ironie des Schicksals ein.“
Grimwardt räusperte sich.
„Was uns zum Grund unseres Kommens bringt.“ Offenbar war er der einzige hier, der über all den hellseherischen Unfug nicht völlig vergessen hatte, weshalb sie hier waren. „Ein Parasit ist mit einem der Splitter des Seelensteins in die Bastion eingedrungen. Wäret Ihr so gütig, uns Euren Splitter zu überlassen, damit wir dorthin reisen und ihn stellen können.“
„Nehmt ihn nur“, murmelte Desayeus. „Das grässliche Ding hat mir nichts als Ärger bereitet. Ich will nur noch eines… schlafen.“
„Aber Ihr müsst uns noch sagen, wo er ist… Desayeus? Desayeus!“
Doch es war zu spät: Der Kopf des alten Gottes war vornüber gesunken und diesmal vermochte ihn nichts aus seinem lange ersehnten Schlummer zu reißen. Der Gott der Zeit verblasste einfach - so wie die Erinnerung an ihn verblasst war. Als die Gestalt auf dem Thronsessel nur noch ein durchscheinendes Schemen war, ging ein breiter Riss durch die Spiegelkuppel. Der Sprung spaltete sich in vier Risse, die sich mit klirrendem Kreischen durch das Glas der vier Spiegelwände fraßen, und der Raum zerbarst in einem Hagelgewitter aus Spiegelsplittern. Grimwardt suchte Deckung unter seinem Schild und stimmte den magischen Betgesang an, der die Gefährten von hier fortbringen würde. Gerade noch rechtzeitig erspähte Faust das kristallene Amulett zwischen den Trümmern.

Winter
Am Abend in Whispers Braustube, Myth Drannor.
„Was habt ihr in den Spiegeln gesehen?“, fragte Winter. Eine lähmende Kälte hatte sich in ihren Gliedern festgesetzt und es war allein dem Weinbecher in ihren Fingern zu verdanken, dass sie nicht zitterte wie Espenlaub.
„Viel!“, entgegnete Faust und blinzelte wie geblendet. „Und nichts davon ergibt einen Sinn. Es war wie ein wilder Ritt durch ein… Meer von Realitäten. Ich sah mich auf einem Schlachtfeld inmitten eines Heers von Titanen – vielleicht Göttern – und als sie gegeneinander stürmten schien die Welt unterzugehen. Dann Miu…. Sie war tot oder bewusstlos und ich beugte mich voller Entsetzen über sie. In einer anderen Vision sah ich mich gar mit meinem alten Meister sorglos durch einen Wald schlendern…. Und sofern sich nicht meine Vergangenheit ändert, ist das ziemlich unwahrscheinlich, denn er ist schon seit Jahren tot und selbst wenn nicht, wäre er… vermutlich nicht besonders gut auf mich zu sprechen. Dann wieder sah ich ein Licht auf mich zukommen und dann Dunkelheit, vermutlich mein eigener Tod… Das alles ähnelte eher einer abstrusen Traumsequenz als einer Zukunftsvision. Also wenn ihr mich fragt, mit diesen Spiegeln stimmt etwas nicht.“
„Das ist doch ohnehin alles nur Blendwerk“, knurrte Grimwardt. „Kein Grund sich den Kopf darüber zu zerbrechen.“
„Was hast du denn gesehen?“, fragte Winter so beiläufig wie möglich. Doch sie konnte ihrem Bruder dabei nicht in die Augen sehen.
Was er daraufhin erzählte, bestätigte ihre Befürchtung.
„Du meinst, du hast einem anderen Herrn gedient und noch dazu für die Umbranten gearbeitet?“, fragte Faust und pfiff durch die Zähne. „Na so was, der standhafte Grimwardt!“, feixte er.
„Wie ich schon sagte, alles Unfug“, brummte der Priester. „Ich würde niemals meinem Gott abschwören. Und seit wann ist dieses kleine Schattenreich inmitten der Ödnis bitteschön ein ‚Imperium’?“
„Trugst du… vielleicht zufällig ein schwarzes Schwert?“, fragte Winter beklommen.
„Ja... Als ob ich für so ein unhandliches Ding meine treue Axt aufgeben würde.“ Er runzelte die Stirn. „Woher weißt du das?“
Winter holte tief Luft und begann zu erzählen.  
„Ich sehe mich selbst auf einem Schlachtfeld in der Wüste.“ Die Vision, die sich im Spiegelsaal in einer Endlosschleife vor ihrem Auge wiederholt hatte, war so lebendig, als sei sie bereits real. „Vermutlich die Wüste von Anauroch, denn im Hintergrund sehe ich eine fliegende Stadt. Um mich herum wird gekämpft, doch ich achte nicht auf die Kämpfenden, die Schlacht ist wie etwas, das weit entfernt von mir stattfindet. Ich… bin in Panik und rufe immer wieder Scarlets Namen. Dann wirke ich einen Zauber und fliege hoch, um das Schlachtfeld besser überblicken zu können. Irgendwann entdecke ich sie zwischen den Kämpfenden. Sie ist älter, eine junge Frau, obwohl ich selbst nicht älter aussehe als jetzt. Und sie trägt ein seltsames, fließendes Gewand, das ihre Haare bedeckt, wie die Beduinen in der Wüste es manchmal tragen. Sie wirkt irgendeine Art von Zauber – schwarze Strahlen schießen aus ihrer Handfläche. Plötzlich kommt von der Seite ein Kämpfer auf sie zugestürmt.“ Winter musste heftig schlucken, als die Erinnerung den Moment vorwegnahm: Eine schwarze Klinge ragt aus Scarlets Brust. Der unbekannte Reiter wendet ihr sein Gesicht zu. Sie riss sich zusammen und sah ihrem Bruder unverwandt in die Augen. „Ich rase auf sie zu, aber ich bin nicht schnell genug. Er erreicht sie vor mir und rammt ihr sein Schwert in die Brust. Kurz bevor sie stirbt, blickt er zu mir auf und ich… ich sehe in dein Gesicht, Grim.“
Grimwardt konnte ein Schaudern nicht unterdrücken, doch dann schüttelte er ungeduldig den Kopf. „Das glaubst du doch nicht im Ernst, oder?“
Winter zuckte hilflos mit den Schulten.
„Desayeus’ Zukunftsvision hat sich erfüllt“, erinnerte sie ihn leise.
„Weil er versuchte sie zu ändern“, bemerkte Faust. „Vielleicht ist das der springende Punkt. Eine Art Test der Zeit… Sofern wir ihr nicht auf den Leim gehen, lässt sie uns vermutlich in Ruhe.“
Winter bedachte ihn mit einem zweifelnden Blick. Sie konnte die Sache nicht so leicht nehmen wie ihre beiden Gefährten. Welche Mutter, die ihr eigenes Kind sterben sah, könnte das? Sie wusste, sie würde in Zukunft keinen Schritt mehr tun können ohne auf verräterische Zeichen zu achten: ein schwarzes Schwert, das Feder-und-Schwert-Emblem, die geheimnisvolle Sandfürstin aus Grimwardts Vision...
„Hey, Schneeweißchen“, rief Faust und stieß Drake unsanft in die Seite, der mit einem giftigen Zischen zusammenfuhr. Offenbar beabsichtigte Faust, für ein wenig Wirbel zu sorgen, um zu verhindern, dass Winter wieder in ihr düsteres Brüten verfiel. „Bist verdammt ruhig… Hast du in den Spiegeln gesehen, wie ich dir die Eier zertrete?“
Der Assassine maß ihn mit einem abschätzigen Blick und erwiderte dann: „Ich habe gar nichts gesehen.“
„Sicher.“
Drake achtete nicht auf Fausts Hohn.
„Auch nicht mein eigenes Spiegelbild. Es war als wäre ich unsichtbar für die Spiegel.“ Sein Blick traf Winters und als sie den gehetzten Ausdruck in seinen neblig-roten Albinoaugen sah, wusste sie, dass er die Wahrheit sagte. Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem sarkastischen Lächeln. „Ich schätze, es ließe sich darüber streiten, welche Vision nun die düsterer ist.“
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 12. September 2010, 02:23:58
Das ist toll! endlich wieder was Neues!  :thumbup:
Wie immer sehr cool! War auch mal schön sich gegen seine Gruppe zu stellen  :twisted:
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 12. September 2010, 11:33:29
Du hast diese schwierige Passage sehr souverän gemeistert - ich hatte mir schon Sorgen gemacht, wie man das plausibel und stimmig schreiben will, aber es passt einfach! Freue mich auf weiteres :-)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 15. September 2010, 19:51:22
Puh, hab grad mal alles in ein Word Dokument kopiert... sind jetzt bereits 180 Seiten! Bald wird echt ein Buch draus!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 15. September 2010, 20:06:50
Warum haste nicht Bescheid gesagt? Ich habe zu jedem Abenteuer eine (teilweise editierte) Wordversion der SH, das wäre vermutlich weniger Arbeit gewesen ;-). 180 Seiten... das ist etwa 2,5x soviel in Buchseiten: also schon bald mehr als ein Buch  :o
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 15. September 2010, 20:10:50
Ja... wenn das ganze irgendwann mal endet, dann lassen wir alles binden und haben dann ein zehnbändiges Werk oder so... und wir sind dann alle um die 80... :D
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 15. September 2010, 20:12:29
Das nennt man dann ein Lebenswerk  :lol:
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 21. September 2010, 20:08:15
Mehr haben will  :) :) :)
Der nächste Abschnitt wird ja tricky, aber die Meisterin packt das schon!!!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 22. September 2010, 02:30:01
Hab da auch vollstes Vertrauen  :wink:
Cool finde ich, dass es eigentlich fast genau so geschehen ist, wie es dort geschrieben steht... wir haben schon einen Hang zum Cineastischen, oder?  ::)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 07. Oktober 2010, 05:36:06
Kapitel VI: Ins Licht

Winter
Nachts in Silbrigmond.
Fausts Alarmruf riss Winter aus einem unruhigen Schlaf. In der Mitte des Schlafraums harrte eine Gestalt mit halb geöffneten Schwingen. Sie erkannte Feyleen sofort, obgleich sich die Sukkubus ihr noch nie in ihrer wahren Gestalt gezeigt hatte.
Ihr?“ Irritiert ließ Faust sein Schwert sinken. Im Gegensatz zu Winter besaß er keine magische Dunkelsicht. Vermutlich hatte er die Dämonin im Dunkeln schlicht nicht erkannt.
Der Schaden war nicht mehr abzuwenden. Von Fausts Weckruf aus dem Schlaf gerissen, war Drake aufgesprungen und an die Wand zurückgewichen. Mit gezückten Dolchen und angespannten Kiefermuskeln bewegte er sich rückwärts in Richtung Tür. Die halb verhohlene Panik, die sich im Angesicht seiner Nemesis auf seinem Gesicht abzeichnete, verschaffte Winter weniger Genugtuung als sie geglaubt hatte. Die Spiegel hatten vieles verändert...
„Drake…“ Sie seufzte „Lady Feyleen wird uns in die Bastion begleiten.“
„Ihr verfluchten Bastarde!“, presste er hervor.
„Du weißt genau, dass wir dich brauchen, um Ashardalon zu besiegen. Warum sollten wir dich vorher verraten?“
Drakes Panik verwandelte sich in Argwohn, dann in fassungslose Abscheu.  
„Ihr habt…? Ihr seid doch nicht recht bei Trost!“
„Sie ist nicht deinetwegen hier. Sie braucht das Herz des…“
„Ich will ihre Lügen nicht hören“, schnaubte der Albino. „Leere Spiegel, du erinnerst dich?“ Sein Blick glitt fieberhaft durch den Raum und blieb schließlich an Winters Bruder hängen. „Grimwardt, ich fordere hiermit die Einlösung des Schwurs, den du mir vor einigen Monaten gegeben hast!“
Grimwardt verschränkte die Arme.
„Siehst du vielleicht ein Schwurmal auf meiner Stirn?“ Er tippte mit dem Finger gegen seine Stirn. Das magische Mal, das Drake ihm als Loyalitätsanreiz verpasst hatte, hatte er sich vor einiger Zeit von einem Bannmagier entfernen lassen.
„Das macht dein Wort nicht ungültig“, erwiderte Drake. „Hältst du deine Nichte für so unantastbar hinter den Mauern deiner Abtei?“
Der Priester lachte dumpf auf.
„Wenn die Spiegel die Wahrheit sagen, wovon du ja offenbar überzeugt bist, dann bist du ihr geringstes Problem“, konterte er mit einer Nüchternheit, die Winter den Atem verschlug. Doch ihr entging nicht, dass ihr Bruder mit sich rang. Erpressung hin oder her, er hatte dem Albino sein Wort gegeben. Abgesehen davon hätte Grim die Sukkubus ebenso gerne tot gesehen wie Drake. Trotzdem schüttelte er den Kopf: „Es macht dich zu einem ehrlosen Schuft, mich mit diesem Schwur an einen Kodex zu binden, den du selbst mit Füßen trittst.“
Drakes Mundwinkel zuckten vor Zorn und sein Blick glitt zu Feyleen hinüber, die es sich auf dem Fenstersims bequem gemacht und den Schlagaustausch mit scheinbar unbeteiligter Neugier beobachtet hatte. Winter wusste jedoch genug über verborgene Magieanwendung, um das konzentrierte Flackern, das gelegentlich in ihre Augen trat, richtig zu deuten: Falls es zu einem Kampf kommen sollte, war die Sukkubus gerüstet. Ein herausforderndes Glitzern trat in ihre Augen, als sie Drakes Blick erwiderte. Doch wie meistens siegte der Überlebensinstinkt des Albinos über seinen ersten Impuls.
„Beshaba sei Euch gnädig, ihr verfluchten Narren“, zischte er. Einen Lidschlag später schlug die Tür hinter ihm zu.
„Großartig.“ Grimwardt stieß entnervt die Luft aus.
„Ich regle das“, erklärte Winter und eilte dem Assassine nach.
„Drake!“
Er drehte sich so abrupt um, dass sie beinahe mit ihm zusammengestoßen wäre.
„Wie habt ihr euch das vorgestellt?“, grollte er. „Hattet ihr vor sie unauffällig in die Bastion zu schleusen und von der Leine zu lassen, sobald Ashardalon besiegt ist? Oder ist diese ganze Geschichte nur ein Vorwand, um mich ihr ans Messer zu liefern?“
„Was hast du erwartet, nach allem, was du uns angetan hast?“
Schnaubend setzte Drake seinen Weg fort.
Sie blieb stehen.
„Wir greifen sie an“, sagte sie in seinen Rücken. „Du und ich – jetzt gleich.“
Argwöhnisch wandte Drake den Kopf.
„Grimwardt war nie damit einverstanden, sie an Bord zu holen“, fuhr Winter fort. „Und Faust… Sie werden uns – mich – nicht hängen lassen. Gemeinsam können wir sie besiegen.“
„Woher der Sinneswandel?“, knurrte Drake voller Misstrauen.
Weil unsere Schicksale miteinander verknüpft sind, dachte Winter. Ohne Grimwardts konnte ihre eigene Vision nicht wahr werden. Wer sagte, dass dasselbe nicht auch für Drake galt? Am Abend zuvor hatte sie die Bibliothek von Silbrigmond aufgesucht, um nach Hinweisen auf das Feder-und-Schwert-Symbol und die ominöse Sandfürstin aus Grimwardts Vision Ausschau zu halten – doch ohne Erfolg. Sie konnte nicht stillsitzen und abwarten, was die Zukunft bereithielt. Sie musste sich beweisen, dass das, was sie in Desayeus’ Spiegel gesehen hatte, nichts weiter war als das perfide Gespinst eines sterbenden Narren. Und falls es Scarlet das Leben rettete, wenn sie Drake dabei half, sein eigenes Schicksal abzuwenden, dann war sie nur allzu bereit, ihre Rachepläne gegen ihn zu begraben.
Doch diese Gedanken behielt sie lieber für sich. Zu oft hatte sie dem Assassine erlaubt, Profit aus ihren Ängsten zu schlagen.
„Willst du die Gelegenheit ergreifen und Feyleen stellen?“, fragte sie stattdessen. „Oder willst du weiter vor ihr davonlaufen?“
Drake maß sie mit abschätzenden Blicken.
„Also schön“, entschied er schließlich. „Gehen wir es an.“

Faust
„Verzeiht mein übereiltes Kommen“, schäkerte Feyleen mit einem koketten Seitenblick. „Ich hatte nicht bedacht, welche Wirkung mein plötzliches Auftauchen auf Euch haben würde.“
Faust hob schmunzelnd eine Augenbraue.
„Ich wüsste da etwas, das mich mit Euch versöhnen könnte“, warf er den Ball zurück. „Wenn sich die Wogen geglättet haben, könnt Ihr gerne mein Bett beziehen.“
„Es wäre mir eine…“
Die Tür flog auf und hinein stürmte Drake mit gezückten Waffen, dicht gefolgt von Winter, in deren Augen jener Ausdruck düsterer Konzentration stand, der das letzte war, was die meisten ihrer Gegner zu Gesicht bekamen. Geduckt schnellte der Assassine auf Feyleen zu. Die Sukkubus machte nicht einmal den Versuch seinen Hieben auszuweichen und seine Dolche perlten von ihren verzauberten Schuppen ab wie Wassertropfen. Für einen Augenblick trafen sich die Blicke der beiden Erzfeinde und ein triumphales Hohnglitzern streifte Feyleens Augen, dann wirbelte der Assassine um die eigene Achse und entschwand in die Schwärze seines eigenen Schattens. Derweil hatte Winter zu einer Zauberformel angesetzt, die eine Farbspirale in ihrer Handfläche entstehen ließ. Doch ehe der Zauber Gestalt annehmen konnte, schnellte Feyleens Echsenschwanz vor und legte sich wie eine schlingernde Peitsche um Winters Arm. Fasziniert beobachtete Faust das mentale Tauziehen der beiden Zauberinnen: Die Spirale erzitterte unter der Spannung, die nun von beiden Seiten auf sie einwirkte, doch Winter widerstand dem magischen Druck, der den Effekt auf sie umzulenken versuchte, und der Zauber verpuffte im Entstehen. Sogleich richtete sie mit der freien Hand ihren Zauberstecken auf die Dämonenfürstin und eine weiße Nebelschicht überzog ihre Augen. Die Sukkubus stieß einen absyssalischen Fluch aus und antwortete mit einem mächtigen Schildzauber, der ihren Körper in ein prismatisches Energiegewand hüllte, das mit knisternden Strahlen um sich griff: Die Pergamentverkleidung, die über den Fensterrahmen hinter ihr gespannt war, wurde innerhalb eines Lidschlags von fräsenden Flammen verzehrt, während eine Säure-Explosion die Wand zu ihrer Rechten verätzte und sich Eiszapfen an der Decke bildeten.
„Oh, Scheiße.“
Faust sprang zurück und riss Winter mit sich.
„Würdet Ihr Eure Freundin wohl zur Vernunft bringen, oder muss ich noch deutlicher werden?“, drang Feyleens zornige Warnung durch den Schutzschleier.
 „Was ist das?“, schrie Grimwardt, der die Regenbogensphäre mit seinem Schild abwehrte, während er in Angriffsstellung ging.
„Das würde ich an deiner Stelle bleiben lassen!“, brüllte Faust über das Knistern des Zaubers hinweg. „Durch den Schutzschild kommt nichts lebend hindurch!“
„Ah ja?“, brummte der Priester verdrießlich. „Ist das deine Meinung oder lässt du wieder dein Schwert für dich denken?“
Die Bemerkung entbehrte nicht einer gewissen Mehrdeutigkeit. Und wie meistens lag Grimwardt nicht ganz falsch. Zwiespalt hegte ohne Zweifel Sympathien für die ruchlose Fürstin des Abgrunds. Doch Faust war nicht auf den Zuspruch seines Schwertes angewiesen, um einen Vorwand zu suchen, es sich mit Feyleen nicht gar zu sehr zu verscherzen. Seine Vorliebe für exotische und zuweilen gefährliche Liebesnächte war ein Laster, das ihm auch Mius maßregelnde Blicke nicht austreiben konnten. Trotzdem war seine Vorsicht begründet.
Doch während Grimwardt noch nach einem Weg durch den Schutzzauber suchte,  erschien Drake plötzlich auf der anderen Seite des Raums. In seinen Händen hatte sich der schattige Umriss einer Armbrust materialisiert, mit der er dunkle Geschosse auf die Dämonenfürstin abfeuerte. Und woraus auch immer die Bolzen bestanden, sie drangen unbeschadet durch die acht Schichten des magischen Schutzschilds und ein zorniger Schmerzenslaut aus dem Zentrum der Regenbogensphäre verriet, dass sie ihr Ziel nicht verfehlt hatten.
Das brachte das Fass zum Überlaufen. Feyleen trat aus der Deckung und ihre Blicke aus rot glühenden Augen verbargen nicht länger ihren lodernden Hass. Ein grüner Zauberstrahl schnellte aus ihrem ausgestreckten Finger, teilte sich kurz bevor er sein Ziel erreicht hatte und schlug mit doppelter Wucht in die Brust des Albinos ein. Drakes Rückrat brach krachend, als er gegen die Wand geschleudert wurde, wo Feyleens Zauber ihn festnagelte, ehe sie ihn mit einer verächtlichen Handbewegung fallen ließ. Der Schmerz raubte ihm die Besinnung und ersparte ihm das Grauen, Zeuge zu werden, wie seine Gliedmaßen anfingen zu Staub zu zerfallen.
„Verdammt, wir brauchen ihn noch!“, fuhr Winter die Sukkubus an.
Feyleen stieß ein grausames Lachen aus.
„Wenn ich wirklich daran interessiert wäre, mich an diesem widerwärtige Stück Dreck zu rächen, dann würde ich es sicher nicht so kurz und schmerzlos machen!“
Grimwardt sprach eilig ein Regenerationsgebet, um Drake vor dem sicheren Tod zu bewahren. Winter kniete sich neben ihn und nahm dem Bewusstlosen seine magischen Gegenstände ab.
„Was hast du vor?“, fragte Faust.
„Ich verzaubere ihn, solange sein Geist zu schwach ist, den Zauber abzuwähren“, erwiderte Winter. „Er wird keine Ruhe geben, solange sie dabei ist.“ Und wer könnte es ihm verübeln?, schien ihr patziger Unterton zu sagen.
Ein wenig beschämte es Faust, dass er ihren kleinen Hinterhalt nicht unterstützt hatte. Tatsächlich wäre es wohl besser, Feyleen lieber früher als später unschädlich zu machen. Das hatte ihr wahnwütiger Angriff auf Drake gerade bewiesen… in gleichem Maße wie er Fausts Verlangen danach gesteigert hatte, sie erst nach dieser Nacht loszuwerden!
Winter sprach ihren Beherrschungszauber. Drake kam langsam zu sich und wollte sich aufrichten.
„Bleib liegen“, befahl die Zauberin und der Albino sank wider Willen zurück. Wortlos gab sie ihm sein Schutzamulett gegen geistige Beeinflussung zurück.
„Ihr schaufelt euch euer eigenes Grab“, murmelte er düster.
Winter seufzte, als wolle sie ihm zustimmen.
„Das wäre dann wohl geklärt.“ Ein verheißungsvolles Lächeln huschte über Feyleens Gesicht, als sie sich Faust zuwandte. „Gilt Euer Angebot noch?“
„Nehmt euch gefälligst ein Zimmer“, knurrte Grimwardt. „Und für uns am besten ein neues“, fügte er mit einem Blick auf die Verwüstung hinzu, die Feyleens Schutzzauber angerichtet hatte.
Faust nahm ihn beim Wort. Der Hausherr kam ihm mit grantiger Miene auf der Treppe entgegen, weil sich Gäste über den Krach und den Gestank nach Verbranntem beschwert hatten. Anstandslos erstattete er dem Mann die horrende Summe, die dieser für die Reparaturen verlangte, und ließ sich neue Zimmer geben.
Als er das Liebesnest zur Inspektion betreten wollte, stellte er fest, dass Feyleen ihm zuvor gekommen war. Reglos harrte sie am Fenster. Mondlicht floss über ihre Perlmutt-Schwingen und verfing sich in den Strähnen ihres goldenen Haars, während die Nacht ihr Gesicht in Schatten hüllte. Faust folgte der einladenden Geste und zog sie mit sich aufs Bett, während seine Bewegungen sich den ihren anzupassen begannen. Plötzlich spürte er, wie etwas mit eisigen Klauen nach seinem Geist griff.
„Hey!“
Er packte sie bei den Handgelenken und riss sie herum.  
„Was sollte das werden?“
„Nichts das du bereut hättest.“
Streifen silbrigen Mondlichts krochen wie Vipern über ihr Gesicht und für einen Augenblick meinte Faust ein verräterisches Glitzern in ihrem Auge zu sehen. Doch Feyleens Echsenschwanz verstand es seine Gedanken in andere Sphären zu lenken…

Winter
Abtei des Schwertes, bei Sonnenaufgang.
Scarlet wirkte klein und schutzlos auf dem kargen Strohlager im Schlafsaal des Ersten Jahrgangs. War sie schmaler geworden oder erweckte die einfache Rekrutenkleidung diesen Eindruck? Die Sommersprossen auf ihrer Nase sagten Winter, dass sie viel im Freien arbeiten musste. Wie es ihr hier wohl erging, als einziges Mädchen unter all den Knaben? Noch dazu ein verwöhntes kleines Mädchen ohne viel Erfahrung mit Haus- und Stallarbeiten… Vermutlich waren es nicht Pferdemist und Besenkammern gewesen, die sie im Sinn gehabt hatte, als sie es sich in den Kopf gesetzt hatte, eine große Axtkämpferin zu werden. Ob sie wohl einsam war?
Sieh den Mond am Himmel steh’n…
Das alte Schlaflied, das sie ihrer Tochter früher oft vorgesungen hatte, kam Winter in den Sinn und es stimmte sie traurig. Plötzlich verspürte die den Drang, Scarlet aufzuwecken und ihr die Verse ins Ohr zu summen – so als sei jetzt die letzte Chance dazu. Dann musste sie über den sentimentalen Wunsch schmunzeln. Ihre Tochter würde ihr die Hölle heiß machen, wenn sie ihr vor versammelter Knappschaft ein Wiegenlied trällerte! Doch ein Hauch von Beklommenheit blieb, als sie sich auf leisen Sohlen aus dem Schlafsaal schlich und einen letzten Blick auf ihre schlafende Tochter warf.
Sie teleportierte zurück nach Silbrigmond, wo ihre Gefährten bereits auf sie warteten. Miu war nachts in aller Stille zurückgekehrt, so wie Faust es vorhergesagt hatte. Ihren Schützling in den Armen einer Fürstin des Abgrunds vorzufinden, hatte nicht eben dazu beigetragen, die Wogen zwischen den beiden unfreiwilligen Eheleuten zu glätten.  Und die Ordensschwester war nicht die einzige, deren Sympathien für die neue Gefährtin sich in Grenzen hielten. Grimwardts Plan sie durch einen übereilten Aufbruch auszumanövrieren, war daran gescheitert, dass die Sukkubus Faust nicht mehr von der Seite gewichen war, was es ihnen unmöglich machte, ihn in ihre Pläne einzuweihen. So würde ihnen nichts anderes übrig bleiben als vorerst mit ihrer Anwesenheit zu leben und Faust die Pest an den Hals zu wünschen… oder an andere Körperteile.
Vor dem Aufbruch in die Bastion standen noch einige magische Besorgungen aus. Wie immer war die Schimmernde Schriftrolle ihre erste Anlaufstelle. Xara Tantlors aufgeflogener Hinterhalt hatte sich als äußerst profitabler Dienst erwiesen: Für das Versprechen ihren guten Namen nicht in den Dreck zu ziehen, hatte die angesehene Geschäftsfrau ihnen ein paar saftige Festrabatte gewährt. An diesem Tag jedoch war Xara nicht gut auf ihre besten Kunden zu sprechen. Ihr Haar war strähnig und stumpf und ihr Gesicht von einem ungesund käsigem Teint. Auch das Wiedersehen mit Drake, der sie so schamlos für seine Zwecke ausgenutzt hatte, war ihrer guten Laune nicht eben zuträglich.
„Keine Rabatte mehr“, erklärte sie, als sie ihnen ihre Einkäufe über den Ladentisch schob: ein Illusionsring für Drake, für Grimwardt ein kostbarer Leidfaden für Führungspersönlichkeiten, magische Stiefel für Faust und einige Schriftrollen, die sie alle vor der überschüssigen Lebensenergie auf der positiven Ebene schützen sollten: Sie hatten wieder einmal ordentlich zugeschlagen! „Posaunt meine Verfehlungen meinetwegen in der ganzen Stadt herum, aber diese Geschichte muss aufhören, wenn mein Laden nicht vor die Hunde gehen soll.“
Xaras untypische Launenhaftigjkeit schröpfte die Ressourcen der Helden, doch ihre jüngsten  Plünderungen hatten eine beträchtliche Goldsumme eingefahren. Außerdem lag es in ihrem Interesse, die Zauberdiebin nicht in den Ruin zu treiben. Ihre Beschaffungsmaßnamen mochten von zweifelhafter Art sein, aber ihr Konzept ging auf: Kein anderer Magier hätte ihnen eine Großbestellung derart mächtiger magischer Gegenstände auf Vorrat liefern können.
„Nehmt Euch einen freien Tag“, riet Faust der jungen Frau, nachdem Winter ihr den Gesamtpreis in Edelsteinen ausgezahlt hatte. „Ihr habt schon mal besser ausgesehen.“
Die Magierin fuhr zusammen.
„Ich erwarte ein Kind!“, sagte sie gekränkt.
Sie bereute ihre Worte sofort: Wie auf Kommando richteten sich alle Blicke auf Drake, der Stirn runzelnd einen Schritt zurück wich.
„Nicht von ihm“, stöhnte Xara und bedeckte vor Scham ihr Gesicht.
„Nun, meine Glückwünsche“, unternahm Faust einen Versuch, sie aus ihrer misslichen Lage zu erretten. Doch der düstere Blick, den sie ihm zuwarf, ließ vermuten, dass Gratulationen hier eher fehl am Platz waren.
Winter gab noch ein Schutzamulett in Auftrag, dann verließen die Gefährten den Laden. In einer ruhigen Seitengasse wirkte sie die Schutzzauber und Grimwardt bereitete das Ritual vor, das sie auf die positive Ebene bringen sollte. In eine Schale goss er geheiligtes Wasser und tauchte den Seelensplitter des Desayeus hinein. Dann stimmte er einen magischen Betgesang an und die Welt wurde in ein strahlendes Licht getaucht.
Vergeblich wartete Winter darauf, dass der Schleier sich lüftete. Doch das blendende Weiß wich nicht aus ihrem Blickfeld. Sie fühlte keinen Boden unter den Füßen, jedoch schien sie auch nicht zu fallen. Die gestaltlose Welt um sie herum pulsierte wie ein riesiges pochendes Herz und ihr Körper begann im Einklang mit seinem Rhythmus anzuschwellen. Eine eigenartige Euphorie ergriff Besitz von ihr. Gerade als sie an dem Gefühl zu zerbersten glaubte, entfaltete der Schutzzauber seine Wirkung und das irrwitzige Glücksbeben verebbte. Mit einer Augenbinde ließ sich die blendende Helligkeit ertragen. Doch mehr als einen grenzenlosen Raum aus weißem Nichts gab die Umgebung nicht preis. Faust, der den Seelensplitter trug, der ihnen den Weg wies, führte die kleine Gruppe an. Winter bildete mit Drake das Schlusslicht.
Sie nutzte die Gelegenheit um das Gespräch mit dem Assassine zu suchen. Er war noch immer unter ihrer Kontrolle und die Chance ihn ins Verhör zu nehmen würde sich ihr vermutlich kein zweites Mal bieten…
„Sag mir die ganze Wahrheit, Drake“, befahl sie. „Warum hast du Scarlet entführt und uns diese Falle bei Silbrigmond gestellt?“
„Hatten wir das nicht schon?“, entgegnete der Assassine gelangweilt. „Im ersten Fall brauchte ich das Artefakt des Baelnorn und im zweiten Begleitschutz – die Gelegenheit bot sich und ich ergriff sie“, fasste er knapp zusammen.
Das war der Teil der Geschichte, den Winter schon kannte. Doch die Wahrheit, nach der sie suchte, verbarg sich hinter Drakes Worten. Der Zauber, der ihn ihrem Willen unterwarf, machte es ihm nicht nur unmöglich, zu lügen, er offenbarte ihr auch Drakes Gedanken und Gefühle: Furcht vor dem, was der Zauber ihr enthüllen mochte, Zorn darauf, ihr auf diese Weise ausgeliefert zu sein, und Bitterkeit, weil er sein Schicksal besiegelt glaubte. Doch halb verschüttet unter diesem Schutzschild oberflächlicher Regungen lag noch etwas anderes: Reue? Zuneigung? Sehnsucht?... Was es auch war, Drake hatte es in der Vergangenheit immer verstanden, es in etwas umzuwandeln, das seinem Beruf zuträglicher war.
Winter seufzte.
„Du bist wirklich ein Meister darin, dich selbst zu betrügen.“
Er verzog spöttisch die Mundwinkel. „Nichts im Gegensatz zu dir.“
„Was willst du damit sagen?“
Drake schwieg.
„Red’ schon.“  
„Schon mal dran gedacht, dass du mit deiner mütterlichen Empörung bloß deine Selbstsucht kaschierst? Was ist etwa… mit den Nachtmasken? Du weißt, die können es nicht besonders gut leiden, wenn man ihnen ans Bein pisst und mit Entführung käme dein kleiner Rotschopf da wohl noch billig davon. Aber ihre ach so besorgte Mutter jagt ja lieber den grausamen Kindesentführer, während sie sich munter die mächtigsten Großorganisationen des Nordens zum Feind macht. Nicht sehr konsequent, wenn du mich fragst.“  
Sie schnaubte. „Machst du mir etwa Vorhaltungen darüber, wie ich mein Leben führe?“
„Wie käme ich dazu!“ Drake lächelte schal. „Mir ist nichts so gleichgültig wie dein Leben oder die Sicherheit deiner Tochter… Aber Ihr wolltet ja die ganze Wahrheit, Herrin.“
Winter hätte sich selbst geißeln mögen vor Ärger darüber, dass sie sich auf diese Unterredung eingelassen hatte. Warum erlaubte sie ihm immer wieder, sie in die Defensive zu zwingen?
Zu ihrer Erleichterung unterbrach Grimwardt in diesem Moment das Gespräch.
„Wir sind fast da. Ich kann die Bastion sehen.“

Grimwardt
Aus der Ferne ähnelte der Quell der Seelen einer Schneeflocke von den Ausmaßen einer Stadt. Doch bei näherer Betrachtung verwandelte sich das formlose Gebilde am Horizont in eine sternförmige Kristallstruktur aus Bögen und Pfeilern, in deren Zentrum eine Kuppel aus purem Licht im Einklang mit dem schlagenden Herzen der Ebene pulsierte.
Grimwardt hielt für einen Augenblick inne.
Endlich, achteinhalb Jahre nachdem sie zum ersten Mal von diesem Ort gehört hatten, waren sie angekommen. An dem Ort, den Ao selbst erbaut hatte und den nur ein einziger Gott je betreten hatte. Tempus’ allsehender Blick vermochte ihn hier nicht zu fassen und Grimwardt blieb die Wärme Seiner göttlichen Nähe verwehrt, sodass ihm, trotz allen Lichts, eine schleichende Kälte die Beine hinauf kroch.
Sie mussten das weitläufige Kristallgebilde einmal zur Hälfte umrunden, ehe sie den Eingang fanden: einen kreisrunden Torbogen, dessen Hohlraum von einer glatten weißen Schicht mit unregelmäßigen Maserungen überzogen war. Die Musterung in der Mitte der eisartigen Schicht spiegelte die Kristallstruktur des Seelensteins und als Faust ihren Teil des Artefakts gegen das Muster hielt, verblasste die Tür zu Nichts.
Sie traten hindurch, ehe das Tor sich wieder schloss, und standen in einem breiten Weg aus weißem Kieselstein, der von einer Allee von Kristallbäumen gesäumt wurde. Die brillantfarbenen Bäume waren beladen mit „Früchten“ aus strahlendem Licht und die vibrierenden Bewegungen ihrer tränenförmigen Blätter erfüllten die Luft mit lautem Glockengeläut. Hin und wieder fiel eine herangereifte Lichtfrucht zu Boden und verschwand.
Zu beiden Seiten der Kristallallee zweigten schmalere Kieswege ab und ihr Ende verlor sich in einem gleißenden Licht. Jenem Strahlen war es zu verschulden, dass die Helden erst auf den zweiten Blick die Überreste des zerstörten Zeltlagers in der Mitte der Allee erspähten. Neben den Überresten von Planen und Feuerstellen fanden sich ein halbes Duzend Kadaver von exotischen Kreaturen unterschiedlichster Herkunft: Einen Kobold, einen Schreckensbär und sogar eine Chimäre vermeinte Grimwardt unter den Toten zu entdecken. Sie alle wiesen an einigen Körperstellen Hautunregelmäßigen in Form von roten Schuppen auf: Drachenbrut! Sie waren über Ashardalons Begrüßungskommando gestolpert. Und da waren sie nicht die einzigen. Dem Gestank nach zu urteilen, rotteten die Leichen schon eine ganze Weile vor sich hin. Doch was hatte sie umgebracht? Ein paar Brandwunden und Hautverätzungen deuteten auf magische Todesursachen hin. Aber die meisten der Leichen wiesen aufgeschlitzte Hälse und Kratzspuren auf. Vampirklauen verursachten solche Wunden…
„Orlak und seine Klonarmee waren hier“, teilte Grimwardt den anderen seine Schlussfolgerungen mit. „Und es deutet alles darauf hin, dass sie siegreich waren.“
„Das muss nicht heißen, dass er auch gegen Ashardalon den Sieg davongetragen hat“, gab Faust zu bedenken.
„Wo ist Feyleen?“, fragte Drake plötzlich.
Sie sahen sich um.
„Ich wette, das war nicht das letzte, was wir von ihr gesehen haben“, knurrte der Priester.
Sie beschlossen, durch das Strahlen am Ende der Kristallallee zu gehen. Der Weg musste ins Herz der Bastion führen, zu jenem pulsierenden Licht, das die Gefährten von außen gesehen hatten. Wenn die Kuppel der Ort war, an dem die Seelen geboren wurden, dann würden sie Orlak – oder Ashardalon – dort am ehesten finden. Je näher sie dem Strahlen kamen, desto körperlicher wurde das Licht und desto mühevoller das Fortkommen: eine unsichtbare Kraft, ein Energiefeld, schien sie zurückzudrängen.
Und dann plötzlich ein Déjà-vu: Grimwardt blinzelte verdutzt, als das Zeltlager vor ihm auftauchte. Das Strahlen musste sie an den Anfang der Allee zurückgestoßen haben. Einen jedoch hatte es durchgelassen: Winter war nicht mehr bei ihnen…
Ratlos blickten die Zurückgebliebenen einander an.
„Versuchen wir es eben noch einmal“, schlug Faust vor.
Diesmal fassten sie sich an den Händen, als sie auf das Licht zu liefen. Doch wieder wies das Strahlen alle bis auf einen zurück: Als sie vor dem Eingang auftauchten, war Faust verschwunden.
„Hältst du es für klug, es noch einmal zu versuchen?“, fragte Drake. „Wer weiß, ob Winter und Faust es tatsächlich durch das Strahlen geschafft haben. Womöglich sind wir gerade im Begriff, uns hoffnungslos zu zerstreuen.“  
Grimwardt musste ihm zustimmen und so suchten sie die Umgebung nach den beiden verlorenen Gefährten ab, doch ohne Erfolg. Der Priester begann unruhig zu werden: Was, wenn Winter oder Faust gerade Auge in Auge mit dem Vampirkönig standen?
„Miu, vielleicht solltest du…“, begann er. Dann bemerkte er, dass Drake irritiert die Stirn runzelte und in sich hinein zu horchen schien.
„Was ist los?“
„Sie ist weg.“
„Von wem sprichst du?“
„Winter. Sie ist aus meinem Geist verschwunden. Ich spüre ihre magische Kontrolle nicht mehr.“
„Was hat das zu bedeuten?“
„Das bedeutet, sie ist entweder tot oder sie will uns etwas mitteilen.“
„Kann sie sich nicht klarer ausdrücken?“, blaffte Grimwardt ohne Drakes Alternative in Betracht zu ziehen. „Miu, kannst du nach ihnen suchen?“
Die Ordensschwester deutete ein Nicken an. Dann kniete sie sich in den Kies und versank in einer kurzen Trance. Ihre Hände waren zu einer Schale geformt, in der sich eine dünne Schicht Wasser bildete. Miu wartete, bis sich die Oberfläche geglättet hatte und blies dann sachte darüber. Grimwardt, der ihr über die Schulter schaute, erkannte schattenhafte Schemen in den Wellenkreisen. Schließlich erhob sich Miu und deutete nach links.
Sie folgten der linken Abzweigung am Eingang und gelangten in einen Hain von Kristallbäumen. In westlicher Richtung wurde der Hain immer dichter, während zu ihrer Rechten das strahlende Licht aus dem Zentrum zwischen den Bäumen aufblitzte: Sie mussten sich im ersten Arm der Eissternkonstruktion befinden und wie die Allee war das Gelände zur Mitte des Sterns – zum Herzen der Bastion hin - geöffnet. Als nächstes folgte ein Raum, der ebenso aufgebaut war wie der vorherige, und während sie von Kristallhain zu Kristallhain hasteten, kam es Grimwardt so vor, als ebbe das Strahlen allmählich ab. Vielleicht war das des Rätsels Lösung: Jede Minute, die verstrich, brachte ihre Körper ein wenig mehr in Einklang mit dem leuchtenden Pulsieren im Zentrum der Bastion. Womöglich mussten sie lediglich abwarten.
Es waren etwa zwanzig Minuten vergangen, seitdem Miu ihren Ortungszauber gewirkt hatte, als die Karaturianerin stehen blieb und nach vorn deutete. Zwischen den Bäumen erspähte der Priester Winters Feuerhaar. Und dann wurde er Zeuge der anstandslos schrägsten Szene seiner bisherigen Abenteurerkarriere: Reglos wie ein Steingolem harrte seine Schwester inmitten der klebrigen Überreste einer riesigen Wurmkreatur, während Faust vor den Augen seiner unbewegten Zuschauerin einen beschwingten Stepptanz aufs Parkett legte.
Grimwardt schüttelte den Kopf erst in die eine, dann in die andere Richtung und kniff schließlich die Augen zusammen, doch die Vision wollte weder weichen noch einen Sinn ergeben.
Tempus, warum hast du mich verlassen?
Faust drehte eine ballettreife Pirouette und beendete die Tanzvorstellung mit einer schwungvollen Verbeugung.
„Scheiße!“, fluchte er ungehalten und rammte weniger ballettreif sein Schwert in den Boden.
Grimwardt und Drake warfen sich einen konspirativen Blick zu, der so viel bedeuten sollte wie „Fliehen wir, solange wir noch können?“ Dann schloss der Kriegspriester die Augen, rieb sich die Stirn, um seine berühmt-berüchtigte Zornesader zu beruhigen, und stieß verdrossen die Luft aus.
„Könnte mir mal jemand erklären, was, bei allen neun Höllen, hier los ist?“

Winter
Kurz zuvor.
Licht floss Winter in die Augen und sie spürte, wie sich die Dimensionen überlagerten.
„Grim?“
Ein Wald aus Kristallbäumen. Und keine Spur von ihren Gefährten. Unsicher machte Winter ein paar Schritte ins Unterholz.
Bringen sie Euch nicht auch in Versuchung, Winter?, hörte sie eine Stimme in ihrem Kopf.
Kurz darauf erspähte sie Feyleen zwischen den Bäumen. Sie trug die Maske des Taliser Bauernmädchens, doch den schlangenartigen Bewegungen, mit denen sie sich auf Winter zu bewegte, haftete wenig Menschliches an. In ihrer ausgestreckten Hand hielt sie eine der pulsierenden Lichtfrüchte.
„Es sind Seelen“, sagte sie. „Kostet.“
Winter wich angewidert zurück. Verflucht, wo waren ihre Freunde? Lautlos wirkte sie einen Teleportationszauber, doch die Formel schlug fehl.
„Ihr versucht vor mir davon zu laufen?“ Feyleens Mädchengesicht gaukelte ihr einen gekränkten Schmollmund vor. Wenn sie der Grund für das Fehlschlagen des Zaubers war, war es vermutlich kein Zufall, dass sie hier aufeinander trafen. Alarmiert ließ Winter den Kontrollzauber fallen, der sie mit Drakes Geist verband, und hoffte, dass der Albino ihren Hilferuf richtig deutete.
Mit einem genießerischen Lächeln führte die Sukkubus die Seelenfrucht zum Mund und Winter erhaschte einen Blick auf die kleinen, scharfen Fangzähne, mit denen sie die zarte Seelenschale aufbrach, um von der milchig-weißen Seelenflüssigkeit zu schlürfen. Die Schale färbte sich schwarz, als die neugeborene Seele aus ihr entwisch. Achtlos ließ die Dämonin sie zu Boden fallen, wo sie klirrend zerbrach.
Eine weitere verlorene Seele, dachte Winter betroffen. Ein weiteres Kind, das ohne Seele geboren wird.
„Eine einzige Seele würde Euer Leben um ein ganzes Menschenleben verlängern.“
„Was wollt Ihr, Feyleen?“, fragte Winter, während sie versuchte, ihre Chancen gegen die Sukkubus einzuschätzen. „Wo sind die anderen?“
„Ich kann Euch zu ihnen führen“, sagte die Dämonenfürstin. „Gegen einen kleinen Gefallen, versteht sich…“
„Was für ein Gefallen?“
„Helft mir Faust dazu zu bewegen, mir den letzten Seelensplitter auszuhändigen.“
„Also darauf wart Ihr die ganze Zeit aus.“ Nicht, dass die Erkenntnis sie sonderlich überrascht hätte. „Ihr brauchtet uns, um an den Splitter heranzukommen.“
„Was ich euch erzählte, war nicht einmal gelogen. Ich war tatsächlich Demogorgons Unterhändlerin, aber Orlak machte mir ein besseres Angebot.“
 „Was habt Ihr vor?“
Seufzend lehnte Feyleen sich gegen einen Seelenbaum und fuhr mit dem Finger die feine Musterung der Kristallrinde nach.
„Wisst Ihr, das hier ist keine Verkleidung“, sagte sie versonnen. „Das war mein Gesicht – vor nicht allzu langer Zeit. Meine Eltern unterhielten ein kleines Gestüt im Eggental. Ich kam gerade von einem Abenteuer zurück - mit Nimoroth und Kalith… Drake war uns zuvorgekommen. Das Haus stand in Flammen; meine Mutter war schon tot, mein Vater starb in meinen Armen. Mit seinem letzten Atemzug gestand er mir, dass mein ganzes Leben eine Farce gewesen war; dass ich nicht die Tochter meiner Mutter war, und dass er mich all die Jahre belogen hatte… In diesem Augenblick verlor dieses Mädchen, das ich war, nicht nur seine Zukunft… sondern auch seine Vergangenheit.“
„Dann ging es Euch tatsächlich nie um etwas anderes als um Eure Rache an Drake…“
„Es geht um viel mehr“, brauste Feyleen auf. Ein wahnhaftes Zucken bohrte sich in ihre Mundwinkel und zeichnete eine Schneise des Hasses durch ihr Gesicht. „Ich werde ihn auslöschen, so wie er mich ausgelöscht hat. Und in diesem einen Augenblick, wenn alles vergeht, was er einmal war und was er sein könnte, werde ich ungeschehen machen, was er mir angetan hat!“
Winter erschauderte beim Anblick dieser keifenden Furie, doch Feyleens Wahnsinn verflog so schnell wie er gekommen war.
„Überlegt nur“, schnurrte sie anbiedernd. „Ich kann auch alles ungeschehen machen, was er Euch angetan hat, Winter.“
„Und dazu braucht Ihr den letzten Seelensplitter?“
Wieder änderte sich das Gemüt der Sukkubus innerhalb eines Lidschlags.
„Ich habe Euch schon viel zu viel gesagt“, schnaubte sie ungeduldig. „Also: Helft Ihr mir oder wollt Ihr Euer Wiedersehen mit Euren Freunden als Leiche feiern? Ihr glaubt ja wohl nicht ernsthaft, dass sich Eure mit meiner Zauberkunst messen könnte?“
Winter war sich da nicht so sicher. Selbstüberschätzung und Tollkühnheit waren weit verbreitete Übel unter Magiern, die wie Feyleen ihre Seele für ihre Ambitionen verkauften. Doch hier und jetzt war die Dämonenfürstin im Vorteil, denn im Gegensatz zu Winter hatte sie sich auf diese Konfrontation vorbereiten können.
„Also gut“, sagte sie darum in der Hoffnung, dass ihr auf dem Rückweg ein besserer Einfall kommen würde.
„Schön.“ Die Sukkubus lächelte unheilvoll. „Dann wehrt Euch nicht!“
Sie sah sie kommen, die eisige Klaue, die nach ihrem Geist griff, doch sie war zu überrumpelt, um den Zauber abzuwehren. Und im nächsten Moment fühlte sie sich wie eine Ausgestoßene in ihrem eigenen Körper: Feyleen hatte ihr die Kontrolle entrissen.

Faust
Nicht weit entfernt.
Als das Licht aus seinen Augen floss, fand er sich Auge in Auge mit zwei großen, wurmartigen Kreaturen wieder. Violette Adergefäße schimmerten durch die halbtransparenten Hautsegmente der Wesen und ihre aufgeplusterten Nackenschilde drückten Feindseligkeit aus. Vor Fausts unverhofftem Erscheinen hatten sie sich offenbar an einem Festschmaus gelabt: Im Halbkreis um die beiden Würmer lagen zerbrochene Seelenschalen, aus denen die helle Flüssigkeit herausgesaugt worden war.
„Störe ich?“, fragte der Neuankömmling ironisch.
Er zog sein Schwert. Der erste Hieb teilte den ersten Wurm in zwei. Doch anstatt aus dem Schicksal seines unglücklichen Kumpanen zu lernen, richtete sich der zweite zu seiner vollen Größe auf, sodass er den Angreifer um eine ganze Mannslänge überragte, riss sein Maul auf, das den Blick auf zwei Reihen keilförmiger Zähne freigab, und stieß ein markerschütterndes Kreischen aus. Faust schien es, als rolle ihm etwas die Fußnägel auf, während es gleichzeitig seine Glieder zu Glibber verarbeitete. Er musste zweimal kräftig schlucken, ehe das nachklingende Pfeifen in seinen Ohren nachließ, dann wirkte er einen Stillezauber, um einer weiteren Kreischattacke vorzubeugen. Seines mächtigsten Angriffes beraubt,  schien sein Gegner verunsichert und zog sich schlängelnd aus der Stillezone zurück. Doch Faust setzte ihm mit wenigen Schritten nach und Sekunden später zog er Zwiespalt aus dem gespaltenen Schädel des Wurms, während er sich ein paar Tropfen Hirnflüssigkeit von der Wange wischte.
 „Das war… unbefriedigend“, befand er.
Aus den Augenwinkeln gewahrte er eine Bewegung.
„Winter!“ Das Geläut der Kristallbäume hatte ihre Schritte übertönt. „Wo sind die anderen? ...Winter?“
Irgendetwas stimmte nicht: Ihr Gesicht war kalkweiß und wirkte eigenartig konzentriert. Und dann begann sie plötzlich… zu tanzen: Mit gekrümmtem Oberkörper und geschlossenen Augen hüpfte sie wie in Trance um einen unsichtbaren Mittelpunkt und murmelte magische Worte.
„Äh… Alles in Ordnung?“
Faust kannte den Zauber: Chultanische Schamanen hatten ihn entwickelt, um über weite Distanzen eine emotionale Verbindung zueinander aufrecht halten zu können. Winter wendete ihn manchmal an, wenn sie Scarlet nah sein wollte. Dass er diesmal das Ziel ihres Kreistanzes war, stimmte ihn misstrauisch. Warum fragte sie ihn nicht einfach, wie es ihm ging? Versuchte sie ihm etwas mitzuteilen?
Eine Bewegung am Rande seines Sichtfelds.
Bevor sein Verstand ein Bild erfassen konnte, schnellte Faust vor und griff an. Als sein Geist endlich mit dem Denken hinterherkam, steckte sein Schwert bereits in Feyleens Schulter.
„Verdammt, was ist hier los?!“
Japsend torkelte die Sukkubus gegen einen Baumstamm und hielt sich die blutende Wunde. Doch nicht Faust sondern Winter galt das gallige Grollen, das aus ihrer Kehle drang.
„Sehr gewitzt, du kleine Schlampe“, zischte sie. „Ich meinte nicht diesen Tanzzauber. Also noch ein Versuch: Belege Faust mit dem Zauber, mit dem du mich gestern im Gasthaus gängeln wolltest. Und dann halt still.“
Es tut mir so leid, sagte Winters reuiger Blick, als sie auf ihn zutrat. Diesmal gab es kein Entkommen: Knirschend sprach sie den Zauber und wie in der Nacht zuvor beobachtete Faust, wie ihr eine Farbspirale aus der Handfläche spross. Als sie ihn am Arm berührte, sprang der Zauber auf ihn über und er verspürte ein eigenartiges Kribbeln in den Fingerspitzen. Ein euphorisches Rucken und Zucken durchlief seine Glieder und füllte seinen Geist mit dem unwiderstehlichen Drang sich die Seele aus dem Leib zu tanzen: Seine Hände klatschten, seine Hüften begannen im Einklang mit seinen Schultern zu kreisen, seine Füße vollführten kleine Luftsprünge und seine Hacken stießen klackend gegeneinander.
Es war entwürdigend.
Feyleen lachte gehässig, als sie auf Faust zutrat.
„Ich darf doch noch mal?“
Sie ließ sich Zeit damit, seine Hosen zu durchsuchen, und ihre Berührungen trugen nicht eben dazu bei, ihm seine verlorene Würde zurückzugeben. Flüchtig verspürte Faust den Drang, sie zu erwürgen, als sie den Seelensplitter aus seinem Stiefelschacht zog… aber die Perfektionierung seines Hüftschwungs war jetzt wichtiger.
„Gehabt euch wohl“, spottete die Sukkubus zum Abschied. „Es war mir ein Vergnügen mit euch zusammenzuarbeiten….“
Als Faust seine Tanzwut überwunden hatte, war sie längst über alle Berge.
„Scheiße!“ Er hätte sich in den Arsch beißen mögen.
„Könnte mir mal jemand erklären, was, bei den neun Höllen, hier los ist?“, drang in diesem Moment Grimwardts verdrießliches Brummeln an sein Ohr.

Grimwardt

Kurz darauf.
„Jetzt komm’ mir nicht mit ‚Ich hab’s euch ja gleich gesagt’“, knurrte Faust, nachdem er seinen Bericht beendet hatte.
Drake hob blasiert eine Augenbraue.
„Warum das Offensichtliche aussprechen? Sag mir lieber, was Feyleen vorhat?“
„Das solltest du Winter fragen.“
Betretene Blicke streiften Grimwardts Schwester, die sich gemäß Feyleens Anweisungen nicht mehr gerührt hatte seit sie Faust zum Tanzen gebracht hatte. Miu hatte versucht, ihren Geist aus der Knechtschaft zu befreien, doch gegen Feyleens Magie konnten die Zauber der jungen Ordensschwester nichts ausrichten.
„Wir sollten sie bewusstlos schlagen“, murmelte Drake.
„Hast du den Verstand verloren!“
„Sie ist ein leibhaftiger Ausspähungszauber!“, zischte der Assassine mit gesenkter Stimme. „Feyleen kann alles sehen, was sie sieht. Sie hört jedes Wort, das wir hier sprechen. Vermutlich hat sie ihre Geisel überhaupt nur deshalb hier zurückgelassen: als Spion.“  
Grimwardt erhob sich.
„Bevor hier irgendwer meine Schwester zusammenschlägt, habe ich auch noch ein Wörtchen mitzureden“, brummte er. Der Priester hatte wenig Hoffnung, den Bann zu brechen, der Miu bereits an ihre Grenzen gebracht hatte. Doch einen Versuch war es immerhin wert. Er legte seine Hände an Winters Schläfen, schloss die Augen und bat Tempus um die Kraft, ihren Geist von der Fremdherrschaft zu befreien. Als er in die geistige Bastion seiner Schwester einzudringen versuchte, stieß er gegen eine Barriere und eine fremde Kraft drohte ihn zurückzudrängen. Schweiß rann über seine Stirn, als er sich gegen den Druck des Zaubers stemmte. Doch er widerstand lange genug, um Feyleens mentaler Barriere einen Riss zuzufügen. Genug für Winter, um den Wall mit ihrem Willen einzureißen und den Zauber abzuschütteln.
Mit einem erleichterten Keuchen sank sie gegen Grimwardts Schulter.
„Die Schlampe war von Anfang an nur auf den Splitter aus“, sagte sie bitter. „Vermutlich war sie schon einmal hier – mit Orlak und seiner Klonarmee. Darum wusste sie, was passieren würde, wenn wir durch das Licht gingen. Sie brauchte nur darauf zu warten, dass die Bastion uns voneinander trennen würde.“
„Wozu braucht sie den Splitter?“
Ihr Motiv ist Rache, doch was Orlak vorhat, weiß ich nicht.“
Es war die eine Frage, auf die sie noch keine Antwort hatten: Welches Interesse konnte ein Unsterblicher an den ungeborenen Seelen haben? Ashardalon hatte mit ihnen sein krankes Herz genährt, doch welchen Nutzen hatten sie für den Vampirkönig?
Die Gefährten verließen den Wald, um dem Mittelpunkt wieder näher zu kommen. Das Strahlen war deutlich schwächer geworden und hinter dem Schleier aus Licht vermeinte Grimwardt verschwommene Schemen zu erkennen.
„Wir sind nicht allein!“, sagte Faust.
Grimwardt folgte seinem Blick und erkannte, kaum sichtbar gegen den reflektierenden Hintergrund, die körperlose Gestalt einer rochenartigen Kreatur. Dann formten sich weitere Wesen aus dem Licht – silbrig geschuppte Luftfische, eine schwebende Qualle... Der Priester zückte seine Axt, denn er spürte die Feindseligkeit, die von diesen Wesen ausging. Doch sie griffen nicht an. Etwas schien sie zurückzuhalten.
Und auch dieses Etwas trat schließlich aus dem Licht: Es hatte die Umrisse einer menschlichen Gestalt, doch seine Züge verschwammen in gleißender Unkenntlichkeit.
Die Luft, die ihr atmet, schmeckt nach Vergänglichkeit, zitterte eine gestaltlose Stimme durch Grimwardts Geist. Dies ist kein Ort für Sterbliche. Solange ihr hier seid, altert die Bastion.
„Sie altert?“ Fausts Frage sagte Grimwardt, dass er nicht der einzige war, der die Stimme hörte. „Jemand erzählte uns, dass es an diesem Ort keine Zeit gäbe.“
So sollte es sein, erwiderte der Schemen. Wir sind die Seelengärtner. Wir säen die Seelenbäume und ernten ihre Früchte. Doch die Ernte war mager in letzter Zeit… Die Zeit ist hier fehl am Platz. Der Drache hat sie mitgebracht. Er trank aus dem Seelenquell im Zentrum. Wir konnten nichts gegen ihn ausrichten. Dann kamen die Bleichen – in ihnen war Zeit, aber kein Leben. Ihr König kämpfte mit dem Drachen, doch der Drache war stärker. So schien es jedenfalls. Doch nachdem er den König und die meisten der Bleichen vernichtet hatte, schlief er ein. Und als er aufwachte, war er ohne Leben wie sie. Und nun wohnt der König in seinem Geist. Er trinkt keine Seelen mehr. Die restlichen Bleichen hat er zurückgeschickt. Er versucht, das Tor wiederzuerrichten. Ihm fehlt nur noch der letzte Stein. Doch das Tor verbraucht Seelenenergie – viel Seelenenergie. Es darf nicht wieder benutzt werden. Aber wir können ihn nicht vertreiben. Wir hoffen, dass ihr es tut.
Gebannt hatten die Gefährten den Worten des Gärtners gelauscht: Das also war des Rätsels Lösung. Nun hatten sie Gewissheit: Orlak hatte im Augenblick seiner Vernichtung den Körper des Drachens eingenommen – und mit ihm die Bastion. Und das alles für ein Portal?  
„Von welchem Tor sprecht Ihr?“, fragte Grimwardt.
Von dem Zeitentor des vergessenen Gottes.
Die Helden wechselten alarmierte Blicke. Sie hatten nicht geahnt, dass das Zeitportal des Desayeus noch existierte… und dass Orlak davon wusste.
„Er will in der Zeit reisen?!“, fragte Faust perplex.
Über diese Dinge wissen wir nichts.  
„Nun… seid versichert, dass wir uns der Sache annehmen werden“, bescheinigte Grimwardt den Lichtkreaturen. „Das heißt, sobald das Strahlen es zulässt…“
Es wird nicht mehr lange dauern, erklärte der Schemen. Eure Seelen sind nun eingestimmt auf das Strahlen im Zentrum.
Dann kehrte er zurück ins Licht, denn es gab nichts mehr zu sagen. Und seine Kreaturen folgten ihm.
„Was hat das zu bedeuten?“, fragte Winter verwirrt. „Wohin hofft Orlak durch das Portal zu gelangen?“
„Wohl eher wannhin“, bemerkte Faust.
Drakes’ Gesicht wirkte wie eine Fassade, die jeden Moment zu zerbröckeln drohte.
„Leere Spiegel“, murmelte er mit belegter Stimme. „… weil es mich niemals gegeben haben wird.“
Niemand sagte etwas.
Sie nutzten die restliche Zeit des Wartens, um sich mit Schutzzaubern einzudecken. Das Strahlen war fast vollständig verebbt und die Schatten hinter dem Lichtschleier nahmen immer deutlichere Formen an: Aus der Lichtkuppel im Mittelpunkt entsprang ein Wasserfall aus der gleichen milchig-weißen Flüssigkeit wie das Innere der Seelenfrüchte. Dort, wo sich die Seelenenergie schäumend in einen kleinen See ergoss, erhob sich ein portalartiges Gebilde und Grimwardt meinte davor die Umrisse des Vampirkönigs zu erkennen.
„Es ist soweit“, sagte er.
Und gemeinsam stürmten sie ins Licht.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 07. Oktober 2010, 12:59:39
"Flüchtig verspürte Faust den Drang, sie zu erwürgen, als sie den Seelensplitter aus seinem Stiefelschacht zog… aber die Perfektionierung seines Hüftschwungs war jetzt wichtiger"
 :D Sehr schön!
Auch sonst wieder sehr gelungen! Macht große Lust auf den Showdown!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 07. Oktober 2010, 21:44:34
Traumhaft, dieser Hüftschwung! Da klappte dieser Zauber mal, und dann ausgerechnet beim Faust *g*
Hab mich riesig gefreut, als ich eben gesehen habe, dass es ein neues Kapitel gibt. Bin halt ein Junkie!
Und harre gespannt der nächsten Passagen...Danke!!!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 08. Oktober 2010, 18:17:04
Pfff, wenn du Berührungs RK 10 verfehlt hättest, dann hätte ich aber auch nochmal über Winters Konzept nachgedacht ;) War aber auch ne schöne Idee :D
"Mach diesen Tanzzauber!"
...OK... Kreistanz!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 26. Oktober 2010, 01:14:22
"Die Bemerkung entbehrte nicht einer gewissen Mehrdeutigkeit"

Oh man, ich habe erst jetzt die Anspielung bemerkt...  :D
Freu mich auf mehr! ...und auf Samstag!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 26. Oktober 2010, 17:29:17
:wink:

Ich mich auch. Gibt es eigentlich inzwischen eine Entscheidung, welche Kampagne es am Samstag wird?
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 26. Oktober 2010, 18:05:10
Ich meine, dass der Herr Zwerg dabei sein wird. Jedenfalls ist das mein letzter Stand der Dinge. Da würde es sich - storytechnisch was die FR-Kampagne angeht - anbieten, wenn wir Nachtmonds Kampagne spielen. Auch, wenn dann Queen Eliza etwas schmollen wird, aber sie kann leider definitiv nicht am Samstag.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Sirius am 27. Oktober 2010, 22:56:34
Nur mal als kurzes Feedback - ich habe diesen Thread gestern entdeckt und mich bis Seite 3 vorgelesen. Sehr spannende Geschichte und sehr gut geschrieben, macht Spaß eure Abenteuer zu verfolgen. Ich freue mich schon auf die folgenden 7 Seiten und alle die da vielleicht noch folgen werden.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 28. Oktober 2010, 00:29:42
...Und es wird immer besser!  :D
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 28. Oktober 2010, 01:33:21
... dank solch motivierender Feedbacks :-)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 07. November 2010, 19:49:00
...Oh Großmutter, bitte erzähle uns wie die Geschichte endet! einen Monat schon warten wir darauf!  :D
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 19. November 2010, 08:49:41
Kapitel VII: Das Zeitentor

Faust

Dem sperrigen Gebilde, das die Wasser des Seelenfalls teilte, haftete wenig Göttliches an: Das schmucklose, dunkle Portal verschwand beinahe unter dem Sammelsurium erstarrter Zahnräder, die sich wie ein rostiges Geschwür um drei seltsame weiße Scheiben mit aufgemalten Ziffern rankten. Die Längsseiten des Portals zierte eine Tafel mit eingemeißelten Zahlen: die Schriftrolle der Jahre - Faerûns Vergangenheit und seine Zukunft. Das ganze mutete eher an wie ein irrwitziges Monument gnomischer Baukunst als ein göttliches Artefakt. Unter dem Torbogen harrte die hagere Gestalt des Vampirkönigs im knietiefen Seelensee: Orlak III. hatte dem Drachen nicht nur seinen Geist sondern auch seine Gestalt aufgezwungen.  Nur die gelben Augen, die mit echsenhafter Intensität aus den pechschwarzen Höhlen starrten, waren Ashardalons.
Doch all das – das Portal, den Seelenfall, den Drachenvampir – nahm Faust nur am Rande wahr. Seine Aufmerksamkeit galt der Gestalt, die beinahe zeitgleich mit ihm aus dem Lichtschleier tauchte: Feyleen raste im Flug von der gegenüber liegenden Seite heran und erreichte das Portal ein paar Flügelschläge vor dem heranschnellenden Kämpfer. Im Herzen des Labyrinths erstarrter Zahnräder klaffte eine Vertiefung mit einem fein gearbeiteten Mosaik, das an die Kristallmaserung am Eingang erinnerte. Zwei Seelensplitter steckten bereits in der Halterung und als Feyleen im Flug den letzten Splitter einfügte, verschwanden die Risse, entlang welcher der Seelenstein zerbrochen war, und der Edelstein fügte sich zu einem Ganzen. Die Wiederherstellung des Artefakts ließ die Portalkonstruktion erbeben und die Zahnräder erwachten mit einem schrillen Quietschen zum Leben. Ihr Ticken und Rasseln steckte auch die kleinen schwarzen Pfeilpaare an, die geschäftig über die drei weißen Zifferblätter zu kreisen begannen.
Orlak schenkte den Abenteurern, die beherzt auf ihn zustürmten, nicht mehr Aufmerksamkeit als er einer lästigen Fliege entgegen gebracht hätte. Mit bang gefalteten Händen harrte er der Instandsetzung des Zeitentors. Als diese vollbracht war, huschte ein schmallippiges Lächeln über seine hageren Züge. Dann sprach er ein paar Silben in einer fremden Sprache. Die Zahnräder erstarrten, die Zeiger beendeten ihren fiebrigen Tanz und auf der Schriftrolle der Jahre erstrahlte eine Zeile in blutroter Schrift:
-137 TZ – Jahr der blutigen Dämmerung.
Im selben Moment katapultierte sich Faust in die Luft und schon im Augenblick des Sprungs erkannte er die tödliche Wucht seines Schwerthiebs. Bereits sein erster Hieb hätte Orlaks Niederlage besiegeln müssen: Die Klinge drang tief in die Kehle des Nachtkönigs, doch anstatt ihm den Kopf von den Schultern zu säbeln, hinterließ sie lediglich eine klaffende Wunde, die noch im selben Augenblick zu verheilen begann.
Immerhin bescherte ihm das Orlaks Aufmerksamkeit.
Mit einem leisen, beherrschten Lachen wandte sich der Vampirkönig zu ihm um. Im taghellen Licht des Seelenquells wirkte sein bleiches Gesicht merkwürdig verzerrt wie Wachs, der in der Sonne schmolz. Trotz aller Schutzzauber schien es dem Vampir schwer zu fallen, der sengenden Kraft des Strahlens zu trotzen.
„Ihr kommt zu spät“, sagte er. „Sobald ich durch dieses Tor trete, ist dieser Moment niemals geschehen.“
Er wollte sich abwenden, um durch den Torbogen zu treten.
 „Erinnere dich an das Blut, das durch deine verdorrten Venen fließt, und spüre den Schmerz des Drachenherzens, das bereits durchstoßen ward!“
Drake hatte die Worte gesprochen, doch ihr düsteres Pathos entlarvte Soleilons Erbe hinter seinem Fluch. Eine schmerzhafte Erinnerung zeichnete einen Ausdruck des Grauens in die glühenden Drachenaugen des Nachtkönigs: Ashardalons Blut gefror in seinen Adern. Vergeblich versuchte er den Blick von Soleilons Erben abzuwenden. Faust, Winter und Grimwardt nutzten Orlaks Ohnmacht, um den Vampir mit ihren Angriffen zu überziehen. Feyleen stieß einen Schwall abyssalischer Flüche aus, als sie erkannte, dass ihr Komplize mit der Macht des Drachen auch dessen Schwächen übernommen hatte, und überzog die Gefährten mit einem Netz tödlicher Energiestrahlen, doch Winters Schutzzauber hielten ihnen stand. Blut sprudelte aus den unzähligen Wunden, die Schwert, Axt und Zauber in den erstarrten Körper des Vampirkönigs rissen, bis sich die gräuliche Haut des Untoten wie Pergament über seinen blutleeren Körper spannte, doch noch immer blieb Orlaks Kopf stur zwischen seinen Schultern sitzen. Schließlich  gelang es dem Nachtkönig, den Fluch mit einem zornigen Brüllen abzuschütteln… und er floh schwer verletzt durch Desayeus’ Portal in den Strudel der Zeit.
Vielleicht geht in diesem Augenblick die Welt unter, durchzuckte es Faust.
Dann sprang er hinterher.

Winter
-137 TZ, irgendwo in Faerûn.
Orlak war verschwunden, ebenso wie das Portal. Kühle Gebirgsluft schlug ihnen entgegen und im Osten färbten die ersten Sonnenstrahlen den Wolkenhimmel rot.
„Das Jahr der blutigen Dämmerung“, murmelte Faust und begann aus einer Chronik zu rezitieren, die ihm irgendwann einmal in die Hände gefallen sein musste. Schon früher war Winter aufgefallen, dass der Söldner ein erstaunliches Erinnerungsvermögen besaß. „Am Morgen des fünfzehnten Tages des Tarsakh endete die Belagerung Westtors durch die Ritter der Morgenröte und Sir Gen Soleilon führte seine Streitmacht in die Schlacht gegen den Nachtkönig Orlak I. Indem die Lathander-Krieger ihre vampirischen Gegner mit Zaubern und Feuer ans Tageslicht trieben, erkämpften sie den Sieg und das Jahr -137 TZ ging als Jahr der blutigen Dämmerung in die Geschichte Faerûns ein.“
„Orlak will die Niederlage der Nachtkönige aus der Geschichte tilgen. Die Niederlage, die seine Blutverwandten den Thron kostete und zu einem Leben im Schatten verdammte.“ Drake war wieder er selbst, doch er klang erschöpft. Die mystische Verbindung zu seinem legendären Vorfahren hatte an seinen Kräften gezehrt. „Vermutlich beabsichtigt er auch seinen Blutsverwandten aus dem Weg zu räumen ….“
„… und als Orlak I. die Welt zu erobern und die Geschichte umschreiben“, schloss Faust.
„Wie fühlt es sich an, das Nichts?“
Die Gefährten fuhren herum.
Lady Feyleen war hinter Drake aufgetaucht. Hass, Schmerz und fiebrige Erwartung zuckten im Wechsel über ihr Gesicht. Das war der Moment, auf den sie all die Jahre gewartet hatte. „Du wirst nicht einmal eine Erinnerung sein, Drake! Wenn Soleilon tot ist, wirst du niemals geboren und all deine Schandtaten werden niemals geschehen! Meine Eltern werden leben und das Mädchen, das ich einmal war, wird niemals seine Unschuld verlieren!“
Zwei grüne Strahlen schnellten aus ihren Fingern auf die Umstehenden, doch wieder retteten Winters Bannzauber ihre Freunde vor der tödlichen Magie.
„Kommt!“, rief Winter und setzte zu einer Zauberformel an.
Ihr Teleportationszauber brachte sie vor die Tore der Stadt Westtor.
Soleilons Streitmacht bot ein Bild der Zerstörung. Das Grauen war gleichermaßen über Belagerer wie Verteidiger hereingebrochen: Einige hatte die Furcht gelähmt, während andere in Panik geflohen oder in den Wehrgraben gesprungen waren. Von jenen, die geblieben waren, litt etwa die Hälfte an verheerenden Brandwunden. Belagerungsmaschinen standen ebenso in Flammen wie die Baumwipfel des umliegenden Waldes. Und über allem schwebte  der Verursacher der Verwüstung: ein roter Wyrm von so gewaltiger Größe, dass er das gesamte Schlachtfeld in seinen Schatten hüllte. Der Nachtkönig hatte keinen Grund mehr, Ashardalon in seinem geistigen Gefängnis festzuhalten, denn in diesem Moment wollten sie beide dasselbe. Ihr vereinter Zerstörungswille richtete sich gegen die kleine Gestalt, die mit erhobener Sonnenklinge inmitten der Verwüstung harrte. Gen Soleilon war nicht der strahlende Ritter, den die Barden und Geschichtsschreiber aus ihm gemacht hatten. Das ergraute Haar und die tiefen Gesichtsfurchen ließen ihn älter erscheinen, als er war, und erzählten von dem Grauen eines Mannes, der seinen Seelenfrieden für die gute Sache geopfert hatte. Schicksalsergeben harrte der Paladin dem Angriff der Kreatur, der er nur wenige Monate zuvor  das Herz durchstoßen hatte. Doch Ashardalon, für den dieser Kampf mehr als 1500 Jahre zurücklag, hatte seither um ein Vielfaches an Macht dazu gewonnen. Sein Schwanzstreich schleuderte den Ritter zehn Mannslängen gegen den Stadtwall, wo der Drache ihn mit seiner Klaue festnagelte.
„Auf diesen Augenblick habe ich verteufelt lange gewartet, Mensch“, grollte er mit einer Stimme, die Berge erzittern lassen mochte.
Winter reagierte schnell und teleportierte ins Gefecht.
„Vertraut mir!“
Sie berührte den Ritter am Arm und wirkte blitzschnell einen weiteren Dimensionszauber. Ehe Ashardalon realisiert hatte, dass sie ihm sein Spielzeug buchstäblich unter der Nase weggeschnappt hatte, hatte sie den Ritter hinter der Linie ihrer Gefährten in Sicherheit gebracht. Wutschnaubend wirbelte der Drache herum, sodass sein peitschender Schwanz ein mannsgroßes Loch in die Wehrmauer riss.
„Ihr!“, knurrte er. „Ein Jammer, dass die Sukkubus euch nicht vernichtete, als sie die Gelegenheit dazu hatte – ein Jammer für euch!“
Zusammen mit den Worten spie der Drache den heranstürmenden Helden seinen feurigen Atem entgegen. Die rasende Brunst verschluckte die drei Kämpfer innerhalb eines Lidschlags und Winter verlor ihre Freunde aus den Augen. Natürlich hatten sich die Helden vor dem Kampf mit Feuerschutzzaubern eingedeckt, doch als sie den schwelenden Atem der Feuerzungen auf ihrem Gesicht spürte, erkannte sie, dass ihre Zauber nicht ausreichen würden, um der sengenden Kraft Einhalt zu gebieten. Geistesgegenwärtig warf sich die Zauberin zu Boden und entrann der tödlichen Macht des Feuers. Soleilon jedoch hatte weniger Glück und auch Miu, die herangeeilt war, um den Verletzten zu heilen, erlag dem Drachenodem. Winter packte die beiden Schwerverletzten und teleportierte sie aus der Gefahrenzone.
Winters geschichtliche Kenntnisse waren, gelinde gesagt, dürftig. Wozu sich mit Dingen beschäftigen, die schon eine Ewigkeit zurücklagen? Nun ja, zum Beispiel um nicht geradewegs in einen Vulkanschlund oder einen aufgewühlten Ozean zu teleportieren, wenn man einem 2000 Jahre alten Drachen durch ein Zeitportal in seine Vergangenheit folgte – aber wer hätte so etwas auch ahnen können? Und Winter hatte Glück – zumindest wirkte die Steppe, in die sie der Zauber führte, auf den ersten Blick friedlich. Und sie hatte keine Zeit, um wählerisch zu sein: Eilig flößte sie dem bewusstlosen Paladin einen Heiltrank ein. Stöhnend wälzte dieser sich auf die Seite und krallte eine Hand ins Gras, um dem sengenden Schmerz Herr zu werden.
 „Wo… bin ich?“, presste er hervor. „Bringt mich zurück! Mein Heer, der Drache… ich muss…Ich habe ihn einmal besiegt, ich kann es auch ein zweites Mal!“
Winter hielt ihm ihre Feldflasche an die Lippen und schüttelte den Kopf.
„Er ist nicht mehr der Drache, den Ihr besiegt habt. Außerdem geht die Welt unter, wenn Ihr sterbt und die Geschichte nicht verläuft wie sie… verlaufen soll… denke ich.“
Sie wies den verwirrten Paladin an, sich um die verletzte Miu zu kümmern, und teleportierte eilig zurück nach Westtor.
Nebelschwaden raubten Winter die Sicht: Ashardalons Feuerodem musste die Wasseroberfläche des Wehrgrabes gestreift und so den Wasserdampf produziert haben. Mithilfe ihres Flugzaubers ließ sie die Hitzedämpfe unter sich. Schon bald erspähte sie Ashardalon und Faust, die hoch über der Stadt in einen Kampf verwickelt waren. Als der Vampirdrache die Zauberin erblickte, ließ er von seinem Gegner ab, und raste auf sie zu. Der Hieb seiner riesigen Pranke schleuderte Winter zu Boden. Zwei Krallen, so lang wie ihr Unterarm, streiften rechts und links ihre Wangen und bohrten sich einen Fingerbreit vor ihrem Gesicht in die Erde.
„Wo ist der Ritter?“, fauchte das Urwesen und Rauch trat aus seinen bebenden Nüstern, während er Winter mit seiner Pranke zu Boden drückte. Sie rang nach Atem und kämpfte gegen die drohende Ohnmacht, doch zugleich berührte Ashardalons Überheblichkeit jenen Teil ihrer Seele, der sie kalt und furchtlos und unerbittlich machte.
Du glaubst, du hast leichtes Spiel mit mir. Zauberer sind ungefährlich, wenn man sie erstmal in die Krallen bekommt – denkst du!
Winter hätte nicht so lange in Hlondeths Unterwelt überlebt, wenn sie nicht früh gelernt hätte, dass sich magische Gesten auch im Geiste vollführen ließen. Sie brauchte nicht ihre Hände, um sich aus dem Haltegriff des Drachen zu befreien. Ein wenig verdutzt starrte Ashardalon kurz darauf auf die aufgewirbelte Erde zwischen seinen Pranken.
Winters List verschaffte Faust eine gute Angriffsposition. Während Ashardalon der Entflohenen nachsetzte, attackierte der Kämpfer den Vampirdrachen von hinten. Im Sturzflug hielt er auf den Hals des Kolosses zu, durchdrang seine schillernde Schuppenrüstung und stieß Zwiespalt tief in die blutlose Kehle des Monsters. Fauchend schüttelte der Drache den Angreifer ab und richtete sich mit gespreizten Flügeln auf die Hinterläufe auf. Sein Rückenkamm und die Schläfenkämme waren aufgerichtet, das Maul mit den scharfen Eckzähnen entblößt und die Pupillen geweitet.  Drohend fiel sein Schatten über die kleine Gestalt zu seinen Füßen. Zischende Silben drangen aus seiner Kehle und schwarze Rauchschwaden brachen um Faust herum wie freigelegtes Wurzelwerk aus dem Boden: ein Zauber, doch keiner, den Winter jemals gesehen hatte. Faust schnappte keuchend nach Luft, als seine Haut sich zu zersetzten begann, wo die Schattenmaterie unter seine Haut kroch und das bloße Muskelgewebe darunter freilegte. Ashardalons Zauber schien ihn buchstäblich aufzufressen, doch bevor seine zerstörerische Kraft sein Inneres erreichen konnte, gelang es ihm, den Zauber abzuwehren und die Rauchschwaden zurück zu drängen.
„Ist das alles, was du draufhast?“, knurrte der Kämpfer, während er sich mühsam auf den Beinen hielt.
Der Drache holte mit seiner Pranke aus, um ihm den Gnadenstoß zu verpassen, doch Faust war schneller. Brüllend stieß er sich ab und sprang, die Klinge über den Kopf erhoben, der entblößten Brust des auf ihn zuschnellenden Monsters entgegen. Zwiespalt drang tief durch das Gewebe bis in Ashardalons untotes Herz. Und diesmal gab es kein Entrinnen. Noch einmal bäumte sich der Riese auf und sein markerschütternder Todesschrei schallte über den Ozean. Dann zerstob er in einer Nebelwolke.
Erschöpft ließ sich Faust zu Boden sinken.
„Alles in Ordnung?“, fragte Winter, die herbei geeilt kam.
„Geht schon“, log Faust und versuchte erfolglos sich aufzurichten. „Es ist noch nicht vorbei… Der Nebel, wir müssen Orlak einen Pflock ins Herz rammen …. verdammte Vampire!“
Der Rauch hatte sich verflüchtigt und so war die gigantische Nebelwolke, die nun auf die Stadt zuwaberte, kaum zu übersehen. Doch während Winter noch nach Grimwardt Ausschau hielt, der für solche Fälle stets gerüstet war, wurde die Nebelwolke plötzlich von einer Welle aus goldenem Licht ergriffen, die die Überreste des Vampirs hinfort wusch wie die Flut einen Fußabdruck im Sand. Als das Licht auf sie zufloss, verspürte Winter ein wohliges Kribbeln, das ihre Glieder von aller Erschöpfung befreite, und Fausts Gewebe begann sich zu regenerieren, wo Ashardalons Zauber es zerstört hatte. Als die Gefährten sich umblickten, erkannten sie, unscharf gegen das Licht der aufblitzenden Morgensonne, die Überreste des zerschlagenen Heers des Soleilon, das von einer geflügelten Gestalt angeführt wurde.

Grimwardt
Kurz zuvor.
Sein Bart begann sich in der Hitze zu kräuseln und er spürte, wie seine Rüstung in den Flammen zu schmelzen drohte. Doch seine Bannzauber hielten dem Drachenodem stand. Unbeschadet stürmte er an der Seite seiner beiden Gefährten durch die Flammenwand. Während die Feuerschwaden an ihm vorbeizogen, spürte er wie der Eifer ihn packte, der ihn in Momenten des Kampfes durchströmte, wenn er sich Tempus am nächsten fühlte; der Eifer, der ihn zu archonischer Größe anschwellen ließ.
Doch je näher er dem Drachen kam, desto größer wurde der blendende Effekt der blutroten Schuppen. Ashardalons Blendwerk war es zu verschulden, dass der erste Schlag seiner Axt ins Leere ging. Drakes Dolche waren nahezu wirkungslos gegen die dicke Schuppenhaut des Ungeheuers und selbst Fausts Geisterklingenzauber war kein sicheres Hilfsmittel gegen sie. Schließlich verlegte der Drache den Kampf auch noch zu allem Überfluss in die Lüfte. Wenn es eines gab, das Grimwardt hasste, dann war es, beim Kampf den Boden unter den Füßen zu verlieren!
Neeeiiiiin!“, schallte in diesem Moment Feyleens Schrei über das Schlachtfeld.
Die Sukkubus war gerade noch rechtzeitig gekommen, um Zeuge zu werden, wie Winter Gen Soleilon in Sicherheit teleportierte und damit Feyleens Hoffnung zunichte machte, ihr Schicksal zu ändern und Rache zu nehmen an dem Mann, der sie zu dem gemacht hatte, was sie war. Ihr verzweifelter Zauberangriff erreichte Winter nicht mehr. Daraufhin ging sie dazu über, Drake aus der Luft zu attackieren: Wenn sie ihn nicht aus ihrer Vergangenheit löschen konnte, so wollte sie ihn doch zumindest in der Gegenwart vernichten. Da Drake durch die Erfahrung im Gasthaus wusste, dass seine Angriffe gegen ihr magisches Schutzschild nicht ankommen würden, blieb ihm nichts weiter übrig als im Spießrutenlauf auf den nahen Waldrand zuzuhalten, um zwischen den Bäumen Deckung zu suchen. Als Feyleen zur Landung ansetzte, weil die Baumkronen ihr die Sicht nahmen, kam Grimwardt eine Idee.
Sprintend hielt er auf die Dämonin zu, während er Tempus um einen seiner mächtigsten Zauber bat: die Außerkraftsetzung des magischen Gewebes. Augenblicklich spürte er, wie alle übernatürliche Energie ihn verließ; nichts, das die Götter nicht selbst erschaffen hatten, konnte in dem magischen Vakuum bestehen, das ihn umgab. Statt die Sukkubus mit seiner Axt anzugreifen, schlang der Priester seine Arme um seine Gegnerin und verdrehte ihr die ihren auf dem Rücken. Als sie versuchte, sich aus seinem Griff zu teleportieren, musste sie feststellen, dass all ihr magisches Können hier so nutzlos war wie ein Schwert gegen die Flut. Angst trat in den Blick der Zauberin, als sie erkannte, was geschehen war. Fluchend bäumte sie sich in seinem Haltegriff auf, doch ihre kraftlosen Flügelschläge fühlten sich an wie der schwächliche Versuch eines Kükens, sich aus der Faust eines Riesen zu befreien. Ihre Furcht schlug in Panik um, als sie Drake zwischen den Bäumen erspähte.
„Auge um Auge“, sagte der Assassine boshaft und rammte ihr einen seiner Dolche in den linken Augenballen.
Feyleen heulte auf.
„Spiel nicht mit ihr!“, schalt ihn Grimwardt.
Drakes nächster Hieb war gegen ihr Herz gezielt. Doch anstatt den Dolch herauszuziehen, als sie in Grimwardts Armen zusammenbrach, ließ er ihn stecken, bis sie Blut spuckte. Dann erst schnitt er seinem hilflosen Opfer die Kehle durch. Der leblose Körper der Dämonin zerstob in den Armen des Priesters zu Asche.
„Zufrieden?“, knurrte Grimwardt. „Sind wir jetzt quitt?“
„Ich betrachte Eure Schuld als beglichen, Priestergeneral“, spottete Drake mit einer pathetischen Imitation ritterlicher Ehrbarkeit. Doch die Erleichterung stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Elender Rotzbengel, dachte Grimwardt.
Auf dem Rückweg wurden sie von einer Heilwelle erfasst. Ein Engel tauchte mit Soleilons zerschlagener Streitmacht aus dem Morgenlicht. Etwa zeitgleich kamen sie bei Faust und Winter an.
„Soleilon?“, fragte die Lathander-Gesandte, die – wenn man den Chroniken glauben wollte –schon bald Soleilons Geliebte werden und mit ihm die Blutslinie begründen würde, aus der Drake hervorgegangen war
Winter versicherte dem Engel, dass es dem Ritter gut ginge. Dann verschwand sie und tauchte kurz darauf mit dem Paladin und Miu wieder auf. Der Streiter des Lathander bedankte sich mit einem feierlichen Kniefall für seine Rettung. Und als seine Soldaten ihren Befehlshaber das Knie vor den Helden beugen sahen, taten sie es ihm gleich.
„Wie konnte Ashardalon dem Tod entgehen?“, fragte Soleilon schließlich. 
„Lange Geschichte“, erklärte Faust, während er sein grässliches Schwert ruhig zu halten versuchte, das offenbar wieder einmal nach Engelsblut gierte. „Zusammengefasst: Drache pflanzt sich Dämonenherz ein, flieht in den Seelenquell, frisst Seelen, wird unheimlich mächtig, sein Geist wird von Vampirkönig übernommen, Drache reist durch Zeitportal in die Vergangenheit, wir hinterher, töten Drachen und die Welt ist wieder einmal gerettet.“
Auch wenn Grimwardt fand, dass die epische Dimension ihrer acht Jahre währenden Suche durch diese Verknappung ein wenig schlecht zur Geltung kam, hatte sie doch den erwarteten Effekt.
„Ihr kommt… aus der Zukunft?“ Selbst der hartgesottene Heerführer konnte nicht ganz sein ungläubiges Staunen verbergen. Dann zeichnete sich ein Lächeln in seinem von Narben entstellten Gesicht ab. „Und? Gewinne ich die Schlacht?“
„Die Zukunft sollte im Verborgenen bleiben“, sagte seine Engelsgefährtin. Ihr Blick glitt von einem zum anderen und blieb schließlich an Drake hängen. Erkenntnis streifte ihre ehernen Züge, doch sie sagte nichts. Sekundenlang starrten die beiden sich an, in eine Unterredung vertieft, die alle anderen ausschloss und eine unbehagliche Stille hinterließ. Drakes Gesicht blieb so verschlossen wie das seiner Vorfahrin, doch Grimwardt entging nicht das angespannte Zucken seiner Kiefermuskeln, nachdem der Engel das telepathische Band zwischen ihnen gelöst hatte.
Die Sonne stand inzwischen weit im Osten.
„Es wird Zeit, den Angriff zu wagen, solange die Vampire sich vor der Sonne verstecken und die menschlichen Verteidiger der Stadt sich noch nicht wieder gesammelt haben“, erklärte Soleilon.
Grimwardt trat vor und sank auf ein Knie.
„Es wäre mir eine Ehre an Eurer Seite gegen Orlaks Brut zu kämpfen“, sagte er.
Soleilon wollte sein Angebot annehmen, doch der Engel schüttelte den Kopf.
„Die Ehre ist auf unserer Seite, Priestergeneral“, erklärte sie. „Aber Ihr solltet der Geschichte ihren Lauf lassen.“
Als er über ihre Worte nachdachte, erkannte Grimwardt, dass sie Recht hatte. Er wusste Dinge, die das Schicksal Westtors grundlegend verändern konnten. Würde er sich zurückhalten können, obwohl er wusste, dass es einer Schar von Blutsaugern gelingen würde, durch einen unterirdischen Geheimgang der Ausräucherung zu entgehen? Würde er nicht versuchen zu verhindern, dass Orlaks Bluterbe die königlichen Insignien stahl und die Linie der Nachtkönige im Geheimen fortführte? Würde seine Priesterpflicht ihn nicht unabwendbar mit seiner Verantwortung der Nachwelt gegenüber in Konflikt bringen? Mit einem Mal wurde ihm die monströse Tragweite ihres Ausflugs in die Vergangenheit bewusst. Was immer sie hier taten, würde Auswirkungen auf ihre Gegenwart haben. Grimwardt erschauderte.
„Könnt Ihr uns sagen, wie wir in unsere eigene Zeit zurückkehren können?“, wandte sich Winter an den Engel. „Das Portal, durch das wir hierher gelangten, war ein einseitiges Portal.“
„Die Mysterien der Zeit entziehen sich selbst den Göttern“, erwiderte die Botin.
Winter starrte sie ungläubig an.
„Soll das heißen, es gibt kein Zurück?!“

Faust
Wenig später in Oreme, Anauroch.
„Hältst du das für eine gute Idee?“, brummte Grimwardt, während er missmutig eine Stechmücke vertrieb. „Der Sarrukh war schon das letzte Mal nicht besonders gut auf uns zu sprechen.“
Faust hob die Schultern.
„Kennst du sonst noch jemanden, der schon vor Anbeginn der Zeitrechnung lebte?“
Die Wüste der Anauroch war im Jahre -137 erst zweihundert Jahre alt, die Stadt Oreme dagegen war schon seit vielen Jahrtausenden eine Ruine. Jedoch führte das Wadi, an dem das Gründervolk einst die Stadt der weißen Türme erbaut hatte, noch genug Wasser, um den Ort zu einer blühenden Oase zu machen. Farne sprossen dicht an dicht neben stachligen Palmen und blutroten Blütengewächsen aus dem Boden. Gierige Kletterpflanzen und großflächige Moosflechten verdeckten die Überreste der Stadt und erschwerten den Gefährten die Suche nach dem Eingang zum unterirdischen Reich des Sarrukh-Leichnams. Und über allem lag das klaustrophobische Kreischen und fiebrige Flirren der unzähligen Kreaturen, die hier lebten. Der ganze Ort schien zu atmen.
Und dann griff er an.
Eine peitschende Liane schnellte an Faust vorbei auf Winter zu, die erschrocken aufschrie, packte die Zauberin am Fußgelenk und ließ sie kopfüber von einer Dattelpalme baumeln.
Seufzend wandte sich Faust an die Oase.
„Wir sind es“, rief er. „Hört auf mit den Spielchen, Ihr wisst doch, weshalb wir hier sind.“
Die Liane entließ Winter unsanft aus ihrer Umklammerung.
„Was wollt ihr?“
Faust wandte sich  um. Der muskelstrotzdende Fremde, der sich vor ihm aus einer Gaswolke materialisierte, hatte dunkle Haut wie ein Chultaner und einen schwarzen Kinnbart, der wie eine Verlängerung seines spitzen, vorstehenden Kinns wirkte. Seine Augen waren von strahlendem Blau. Ein Dschinn! Faust frohlockte. Es hieß, wer einen adligen Dschinn zu fassen bekam, dem musste der Geist drei Wünsche erfüllen!
„Wir suchen König Oreme.“
„König?“ Der Dschinn lachte humorlos. „So habe ich noch niemanden von meinem Meister sprechen hören.“
Faust war enttäuscht. Dschinni waren freiheitsliebende Kreaturen. Wenn er den Sarrukh-Leichnam seinen Meister nannte, dann konnte das nur bedeuten, dass er bereits gebunden war. Soviel zu den drei Wünschen.
„Unter welchem Namen kennt denn Ihr Euren…“, wollte er fragen. Doch in diesem Moment tat sich unter ihm und seinen Gefährten die Erde auf. Faust war nicht sonderlich überrascht. Er widerstand dem Impuls, sich am Rand der Grube festzuhalten und beschränkte sich auf einen Zauber, der den Fall abfedern würde. Denn er wusste, die Laune des Sarrukh hing entscheidend davon ab, wie viel Spaß ihm ihr „Wiedersehen“ bereitete. Kurz darauf brachen sie durch die Decke einer unterirdischen Grotte.
„Hier entlang.“
Der Dschinn tauchte aus seiner Gaswolke und wies ihnen den Weg.
König Oreme, wie er sich den Helden bei ihrem letzten Abenteuer vorgestellt hatte, empfing sie in seinem Thronsaal. Der Echsenleichnam mit dem schiefen Kiefer und den hellseherischen Fähigkeiten war „ganz der Alte“, obgleich sein Gerippe noch nicht gar so staubig und trocken wirkte wie bei ihrer letzten Begegnung.
„Man nennt mich Arthindol, den Weltenseher, das Orakel von Oreme“, antwortete der Leichnam auf Fausts Frage. „Hatten wir eine Verabredung? Ihr seid ein wenig früh.“
„Unwesentlich“, sagte Faust trocken. Nur etwas mehr als 1500 Jahre. „Und? Haben wir Euch überrascht?“
„Unwesentlich“, keckerte Schiefkiefer und sah in die Runde. „Datteltee?“
„Äh… sicher.“
„Ariel?“
Der Dschinn befolgte die Befehle seines Meisters mit grantiger Miene. Erst wenn er seinem Herrn alle drei Wünsche erfüllt hatte, wusste Faust, war er frei. Und er schätzte, dass jemand, der die Wüste selbst befehligen konnte, es sich erlauben konnte, sparsam mit seinen Wünschen umzugehen. Vermutlich ging es dem Sarrukh nicht einmal um die Wünsche sondern vielmehr um die Gesellschaft des Flaschengeists. Der Dschinn konnte einem wirklich leid tun.
„Köstlich.“ Der Leichnam sog genießerisch den Duft des Tees ein ohne jedoch davon zu kosten. „Es gab eine Zeit, als ich heiße Steinbäder im Sonnenschein liebte. Ist schon eine Weile her, dass ich Wärme gespürt habe, aber riechen, hehe, riechen kann ich sie noch!“
„Ähm, das ist großartig“, sagte Winter ungeduldig. „Aber eigentlich sind wir hier, weil…“
„Die Antwort lautet nein“, klapperte der Sarrukh. „Ich kann euch nicht zurückbringen in eure Zeit.“
„Dann… müssen wir für immer hier bleiben?“
„Auch darauf ist die Antwort nein“, krächzte der Leichnam. „Die Zeit kann es nicht besonders gut leiden, wenn man ihr in den Rücken fällt. Sie hat so etwas wie eine natürliche Resistenz gegen Logiklöcher und je länger ihr im Jetzt bleibt, desto größer ist die Gefahr, dass irgendwo zwischen meiner und Eurer Gegenwart ein Paradoxon entsteht, darum wird sie euch früher oder später aufspüren und in Eure Zeit zurückschicken.“
„Oh.“ Die Erleichterung stand Winter ins Gesicht geschrieben. „Dann brauchen wir also nichts weiter zu tun als abzuwarten…?“
„… und Tee zu trinken“, kicherte der kauzige alte Echsenmensch. Dann zog er verschwörerisch den Kopf zwischen die Schultern und die Gefährten mussten näher an seinen Thron heran treten, um sein klappriges Wispern zu verstehen. „Normalerweise schon, aber ich glaube, ihr habt euch und mich gerade vernichtet. IST DAS NICHT AUFREGEND?“
Sie schreckten zurück. Es war beachtlich, wie Arthindol das Kunstwerk vollbrachte, sich innerhalb eines Augenblicks von einem kauzigen Gelehrten in einen Risiko-lechzenden Irren zu verwandeln. Doch Faust kannte den Sarrukh inzwischen gut genug, um zu wissen, dass seine Launen weniger vom Wahnsinn als von einer diebischen Faszination für menschliche Gefühlsregungen bestimmt wurden.
„Äh, könntet Ihr das vielleicht näher erläutern?“, tat er ihm den Gefallen.
Eilfertig drückte Arthindol dem Dschinn seinen Teebecher in die Hand und kraxelte umständlich von seinem Thron, um wie ein Schulmeister vor den Gefährten auf und ab zu laufen.
„Ihr wisst, meine zukünftigen Freunde, dass ich, technisch gesehen, nicht in die Zukunft blicke, sondern verschiedene Versionen der Zukunft gegeneinander abwiege?“
„Ihr werdet so etwas erwähnen.“
„Die Zukunft wird klarer je näher sie rückt. Wäret ihr heute nicht hier aufgetaucht, so hätte es noch Jahrhunderte gedauert, bis ihr an meinem geistigen Horizont aufgetaucht wärt. Durch euer Auftauchen habt ihr eine Zukunft definitiv gemacht, die mir noch lange ein Rätsel geblieben wäre. Ergo werde ich keinen Grund haben, euch in 1520 Jahren zu helfen, denn ich weiß ja, wie die Geschichte ausgeht. Ergo werdet ihr vermutlich an eurer Mission scheitern. Ergo ist es unmöglich, dass ihr heute hier vor mir steht.“ Er klatschte vergnügt in die Hände. „Ist das nicht großartig?“
„Aber wir stehen heute hier“, erinnerte ihn Faust. „Der Zeitstrom kann uns also noch nicht vernichtet haben.“
„Guter Einwand.“ Enttäuscht, seiner unwiderruflichen Vernichtung entgangen zu sein, sank Schiefkiefer in sich zusammen. Dann sah er auf und seine Miene hellte sich auf (sofern man das vom Totenschädel eines Jahrtausende alten Leichnams behaupten konnte). „Es sei denn…“
„Was?“
Sein Kopf schnellte zwischen seinen Schultern hervor und er sah Faust mit zusammengekniffenen Augen an.
„Du!“ Faust schrak überrumpelt zurück. „Komm mit. Ich glaube, ich habe einen Weg gefunden, uns doch nicht zu vernichten.“
„Das… ist gut, nehme ich an?“ Bei Schiefkiefer konnte man nie wissen…
Ohne abzuwarten, ob Faust seiner Aufforderung Folge leistete, setzte sich Arthindol in Bewegung und durchquerte die gegenüber liegende Wand als sei sie Luft. Von Neugier gepackt drückte Faust dem Dschinn sein Teegedeck in die Hand und tat es ihm gleich. Es folgte ein unsanfter Zusammenstoß mit der Steinwand. Schadenfrohes Kichern auf beiden Seiten. Dann ein magisches Befehlswort und die Steine veränderten rumpelnd ihre Position, um Faust durchzulassen.
„Verzeiht“, keckerte der alte Spaßvogel. „Ich vergesse stets, wie dickköpfig ihr Menschen doch seid.“
„Jedenfalls habt Ihr noch Euren Humor“, knurrte Faust.
„Schon, mein junger Freund, schon“, berichtigte ihn Schiefkiefer. „Eure Sprache ist schrecklich inadäquat für teletemporale Unterhaltungen.“ 
Nachdem sie ein undurchsichtiges Labyrinth unterirdischer Gänge durchquert hatten, führte der Alte ihn in eine riesige Krypta mit sechzig reich verzierten Sarkophagen.
Die Grabkammer der Sechzig!, durchfuhr es Faust. Unzählige Schatzsucher waren an der Suche nach dem Grab der Sarrukh-Leichname, die den Untergang Oremes überlebt hatten, gescheitert. Fausts Mund wurde trocken bei dem Gedanken an die unbezahlbaren Schätze, die diese Grabkammer barg.
„Nichts anfassen!“, warnte der Leichnam. „Meine schlafenden Gefährten können sehr ungemütlich werden, wenn man ihr Andenken nicht ehrt.“
Er selbst jedoch schenkte dieser Warnung herzlich wenig Beachtung. Achtlos öffnete er Gräber, durchsuchte wühlend die Grabbeigaben der Toten oder hievte ächzend den ein oder anderen Leichnam aus seinem Sarg, um eine geheime Bodenvertiefung zu inspizieren. Faust musste den Blick abwenden von all den Waffen, Stecken, Amuletten, Ringen und Rüstungen, die Arthindols Wühlorgie zu Tage förderte. Artefakte! Unmengen von Artefakten! Um nicht trotz aller guten Vorsätze einem schamlosen Plünderwahn zu erliegen, versuchte er sich auf Arthindols Lektion über die Schöpfung der Welt zu konzentrieren.
„Als Ao die Welt erschuf, hauchte er den Dingen Leben ein, indem er ihnen Namen gab“, dozierte der Sarrukh. „In der Sprache, mein Junge, liegt der Ursprung der Welt. Als Aoas Kinder die ersten Sterblichen schufen, lehrten sie uns diese Sprache. Doch die Sache fing an ihnen mulmig zu werden, als wir anfingen, ihre Autorität in Frage zu stellen. Ihnen wurde klar, dass sie im Grunde keine Abbilder, sondern Abklatsche von sich wollten. Diener, keine Gleichgesinnten. Darum vernichteten sie uns und schufen das Artefakt, das ihr die Nesserrollen nennt, und das Gewebe und diesen ganzen magischen Kinderkram... Ah, hier ist sie ja!“ Unter all dem unbezahlbaren Gerümpel hatte Schiefkiefer eine Schreibfeder zutage gefördert.
„Was ist das?“
Er dirigierte Faust zu einem der Gräber und wies ihn an, seinen Arm freizumachen und auf den Sargdeckel zu legen.
„Nicht den Eisenarm, den anderen… Stillhalten.“
Faust hätte sich fast auf die Zunge gebissen, als der Leichnam begann, in schwungvollen Linien fremdartige Schriftzeichen in seinen Unterarm zu meißeln. Obgleich die Feder zu keinem Zeitpunkt die Haut durchstieß, fühlte es sich an, als brenne er die Worte in sein Fleisch. Nein, nicht nur in sein Fleisch, es war sein Geist, der unter der Macht des Wortes, das Arthindol der Weltenseher in seinen Arm ritzte, erzitterte. Trotzdem dachte er nicht daran, ihm den Arm zu entziehen. Zu faszinierend war der Klang der Silben, die durch seine Gedanken zu geistern begannen. Wie Teile eines Puzzles, die, für sich genommen, noch kein Bild ergaben. Er würde sie erst ordnen, würde ihre Struktur enträtseln müssen, um ihren Sinn zu begreifen. Als der Sarrukh die Feder absetzte, fühlte er sich erschöpfter als nach einem harten Kampf, doch zugleich erfüllt von fiebriger Euphorie.
„Was bedeutet es?“
Das Wort nahm etwa die Hälfte seines Unterarms ein. Die hinteren Silben veränderten sich je nach dem wie er den Arm drehte; der vordere Teil des Wortes dagegen blieb gleich.
„Das“, erklärte Arthindol, „ist das Wort für ‚Zeit’ in der Sprache der Schöpfung. Niemand kann es aussprechen, denn es ist in ständigem Fluss. Es ist die Zeit. Es würde Wochen dauern, es aufzusagen und wenn man fertig wäre, hätte die Geschichte das Wort längst wieder umgeschrieben. Der Teil, der sich verändert, das ist die Zukunft. Jener, der gleich bleibt, ist die Vergangenheit. Wenn du lange genug lebst – und das wirst du dank der Tätowierung – dann  wirst du feststellen, dass Silben, die noch nicht geschrieben stehen, hinzu kommen werden – das ist jene ferne Zukunft, die noch zu weit entfernt ist, um Prognosen zu stellen. Dieses Wort, mein Junge, birgt alle Geheimnisse des Zeitstroms. Entziffere es und du wirst zu Macht gelangen, um die dich selbst die Götter beneiden werden.“
„Werde ich damit durch die Zeit reisen können?“
„Das kommt ganz auf dich an.“
„Ihr meint, ich werde den Göttern hiermit mächtig auf die Nerven gehen, ja?“
„Ganz gewaltig“, keckerte der Sarrukh.
„Und Ihr…?“
„Ich habe ein neues Experiment gefunden, ganz Recht.“ Er hob mahnend den Finger. „Enttäusch’ mich bloß nicht so wie dieses Fischervolk, dem ich die Nesserrollen vermachte, hast du gehört?“
„Ich werd’ mir Mühe geben.“
Auf dem Rückweg durch Oremes unterirdisches Labyrinth lauschte Faust dem Klang des fremden Wortes. Und plötzlich, er konnte nicht sagen weshalb, fühlte er sich an den Singsang der alten Geisterschamanin erinnert, die ihn einst in den Bergen von Wa prophezeit hatte, dass er der Auserwählte sei. Er blieb abrupt stehen. Konnte es sein? War dies das Schicksal, nach dem er auf der ganzen Welt gesucht hatte? Für das er durch die Nebel und wieder zurück gegangen war?
„Eines noch“, sagte er. „Warum ich? Warum habt Ihr mich ausgewählt? Weil ich der Auserwählte bin?“
„Unsinn“, klapperte der Sarrukh. „Weil du das aufregendste Ergebnis versprichst. Der Priester würde die Macht des Tattoos kaum nutzen, die Änderungen der Karaturianerin wären langweilig und vorhersehbar, der Bleiche würde es nur zu seinem eigenen Vorteil nutzen und die Rothaarige… da könnte ich gleich die Apokalypse einleiten. Deine Entscheidungen dagegen sind völlig unvorhersehbar.“
Faust dachte an die Bilder, die er in Desayeus’ Spiegeln gesehen hatte: sein wiederauferstandener Lehrmeister, der Kampf gegen die Götter, sein Wandel durch die Zeiten… Plötzlich ergab all das einen Sinn: Die Spiegel hatten sich auf keine wahrscheinlichste Zukunft festlegen können, weil sein Schicksal völlig in seiner Hand lag. Der Herr über Vergangenheit und Zukunft.
Faust schloss die Augen und atmete tief ein, um diesen Moment auszukosten.
Und ich bin doch der Auserwählte!

Winter
Zwei Stunden später bei Westtor.
Wenn sie schon nicht bei der Schlacht um Westtor dabei sein konnten, so hatte Grimwardt argumentiert, so wollte er sie wenigstens aus der Ferne beobachten. Immerhin war man nicht jeden Tag dabei, wenn Geschichte geschrieben wurde. Also hatten sie es sich mit Speis und Trank auf einem nahen Hügel bequem gemacht, während unter ihnen Menschenblut spritzte und Vampirfleisch in der Sonne verkohlte. Miu war es eine Qual untätig zuzusehen, wie Menschen ihr Leben verloren, doch sie sah ein, dass ihr Eingreifen in diesem Fall noch schwerwiegendere Folgen haben konnte. Winter dagegen genoss die unkonventionelle Geschichtsstunde und Grimwardts militärisches Fachgesimpel, gewürzt mit Drakes ironischen Kommentaren. Faust schenkte dem Treiben unter ihm kaum Beachtung. Seine ganze Aufmerksamkeit galt dem mysteriösen Schriftzug auf seinem Arm.
„Es ist also eine Art Magie?“, fragte Winter, nachdem er ihr die Geschichte erzählt hatte.
„Pah“, machte Faust abfällig. „Magie, dieser Kinderkram!“
Sie betrachtete ihn kopfschüttelnd.
„Faust, du wirst diesem irren alten Kauz immer ähnlicher… Er hat dir nicht zufällig verraten, wann der Zeitstrom uns zurückzuschicken ged…“
In diesem Moment spürte sie es, das Vibrieren in der Luft, das ein Überlagern der Dimensionen ankündigte. Sie kannte das Gefühl von Dimensionsreisen. Doch das hier war um ein Vielfaches stärker: Ein unsichtbarer Sog zog sie in einen Strudel aus schwarzem, gestaltlosen Nichts. Dann ein Rucken und Dröhnen und sie schwebte im luftleeren Raum. Doch ehe die Panik sie packen konnte, war da wieder der Malstrom, der sie mitriss, und dann war es vorbei.
Derselbe Hügel, dieselbe Stadt, nur 1520 Jahre später.
Doch irgendetwas war falsch.
„Ist… Westtor nicht eine Hafenstadt?“
Das Meer. Es lag viel zu weit im Norden. Die Gefährten wechselten erschrockene Blicke und Winter sah ihre eigene Befürchtung reflektiert in den Augen der anderen.
Nein! Nicht ernsthaft!
Sie flogen förmlich den Hügel hinab.
„Halt!“ Die beiden Torwächter kreuzten ihre Lanzen. Hatte sie dieses Wappen schon einmal gesehen? „Was wollt Ihr so schwer bewaffnet in der Stadt, Fremde?“
„Wir wollen nicht in die Stadt“, sagte Winter atemlos. „Sagt uns nur, welches Jahr wir haben!“
Die Soldaten lachten.
„War wohl ’ne harte Nacht, he? Wir haben den fünften Tag des Ches.“
„Das Jahr!“
„Eine verdammt harte Nacht, wie? 1395 Taliser Zeitrechnung, na, klingelt’s?“
Und wie es klingelte. Es stürmte geradezu in Winters Ohren. Zwölf Jahre! Sie hatten zwölf Jahre verpasst! Scarlet war inzwischen eine erwachsene Frau! Das hieß, wenn sie noch…
Die Schlacht in der Wüste. Scarlet als junge Frau. Der Fremde mit dem schwarzen Schwert. Grimwardt, der sich über ihre sterbende Tochter beugt.
Winters Herz setzte für einen Augenblick aus.
„Was… gibt es für Neuigkeiten aus dem Imperium?“, fragte sie beklommen.
„Netheril?“, fragte die Wache. „Das alte Lied. Ein stummes Kräftemessen zwischen dem Imperium und der Westallianz. Seit der Wiederkehr der Magie bewegt sich im Westen doch nichts mehr. Die einzigen, die wirklich etwas unternehmen, sind die Sandfürsten. Aber was können die schon ausrichten?“
Wie betäubt wandte Winter sich um.
Fast erwartete sie, Grimwardt mit einem schwarzen Schwert neben sich stehen zu sehen.



Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 19. November 2010, 17:49:25
YEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEESSSSSSSSSSSSSSSS!!!
Das Warten hat sich gelohnt! Fast eine Wiedergabe meines Kopfkinos!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 19. November 2010, 18:54:38
Sehr passendes Bild ;-)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 20. November 2010, 02:23:40
Ja, das hab ich schon seit nem Monat etwa vorbereitet ;)
Fürs nächste Kapitel wirds sicher etwas schwerer passende und gleichzeitig verschiedene Bilder zu finden, aber irgendwas geht immer  :D
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 24. November 2010, 21:50:07
GENIAAAAL, ich habs erst jetzt gesehen, wenn ich das gewusst hätte, dass es schon was neues gibt...es ist so toll geworden!!!!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 26. November 2010, 17:03:03
Hab eingestellt, dass ich ne Email bekomme, wenn in diesem Threat was neues gepostet wird. ...Das gilt natürlich auch für das ganze gespame von mir ;)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 27. November 2010, 19:49:39
Ja, Tom hat das auch eingestellt, und er sagt mir dann immer wenn es was neues gibt Bescheid, nur hat es diesmal wohl irgendwie nicht funktioniert.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 03. Dezember 2010, 00:31:04
Hm, hast du eigentlich die Werte von Feyleen und Ashardalon zur Hand? würde gerne mal wissen was die alles konnten ;)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 03. Dezember 2010, 06:55:12
Na, ich kann doch nichts wegwerfen  :D

Ashardalon, HG 28
Roter Drache/Halb-Dämon/ Vampir (Großer Wyrm)
CB Kolossaler Untoter
Vorbereitung
INI: +5
Sinne: Dunkelsicht 36m, Blindgespür 18m, Rauchsicht
Aura: Unheimliche Ausstrahlung (108m, WILL 34), Feueraura (2W6 Feuer in 2F-Radius)
Sprachen: Drakonisch, Gemeinsprache, Abyssal
ST 54, GE 12, KO -, IN 28, WE 25, CH 30 (CH ersetzt KO)
Verteidigung:
RK: 64, Berührung 19 (58*), auf dem falschen Fuß 62 (natürlich 46, GE 1, Magierrüstung 6, Ausweichen 1,  *Schillernde Schuppen)
TP: 1000
Schadensreduzierung: 20/Magie oder 10/Silber+Magie
Schnelle Heilung: 15
Immunitäten: Feuer, Schlaf, Lähmung, Untoten-Immunitäten
Resistenzen:  Säure 20, Kälte 20, Elektrizität 20, Vertreiben +4
Zauberresistenz: 39
Rettungswürfe: ZÄH +38, REF +31, WIL +35; +8 gegen Zauber
Angriff:
Bewegungsrate: 12m, fliegen 60m (unbeholfen)
Angriffe:
Voller Angriff + Rasende Attacke (oder Schreckenssturm): Biss  +50 (4W8+22) + Klauen +50/+50/+45 (4W6+11) + Flügel +50/+50 (2W8+11) + Schwanzschlag +50 (4W4+31) + Energieentzug (2 Stufen) (mit Geisterschlag gegen Berührungs-RK; dann heftig)
Schwanzstreich: (alle Kreaturen in einem Halbkreis von 12m) +50 (4W4+31, REF halb)
Ringkampf + Schnappen + Bluttrinken: Klaue +50 (4W6+11)  Ringkampf +78  Bluttrinken: 1W4 KO jede Runde (heilt 5 TP)
Odemwaffe (ÜF): Feuerkegel, 21m, alle 1W4 Runden, 24W10, REF (SG 34) halbiert
Zauberähnliche Fähigkeiten (ZS 21, CH)   
Beliebig: Magie entdecken, Einflüsterung, Feuerball, Weg finden, Aufspüren
3x/Tag: Teleportieren,Ansteckung, Dunkelheit, Verdorren, Vergiften, Zerstörung
Hexenmeisterzauber (ZS 21)
10.Grad (1)
Mächtige Zerstörung (42W6 negative Energie)
9.Grad (7)
Meteoritenschwarm
Zeitstopp
Monster beherrschen

8.Grad (7)
*Gedankenleere (24h)
Polarstrahl (kein RW, Ber. auf Entfernung, 21W6)
*Schutz vor Zaubern (+8, 10min/St)

7.Grad (7)
Fehlerfreier Ebenenwechsel
Regenbogenspiel
Fehlerfreies Teleportieren

6.Grad (8 )
Mächtige Magie bannen
Knochenbrecher
Wahrer Blick

5.Grad (8 )
Zone der Aufhebung
Fortschicken
Umarmung der Nacht
Teleportieren

4.Grad (8 )
Selbstverwandlung
*Strahlablenkung
Dunkelmantel
Schnelligkeit (sofortige Standard-Aktion)

3.Grad (9)
Verbesserte Magierrüstung
Blitz
Wasser atmen

2.Grad (9)
Sengender Strahl
Schillernde Schuppen (SC) (1Min/St)
Spiegelbilder
Geisterschlag

1.Grad (9)
Schild
Magisches Geschoss
Sprachen verstehen
Zielsicherer Schlag 

0.Grad (beliebig)
Magie entdecken
Magierhand
Magie lesen

*vor dem Kampf gewirkt
Talente: Ausweichen, Blitzschnelle Reflexe, Heftiger Angriff, Schneller Zauber, verbesserte Initiative, (Verbesserter) Mehrfachangriff, Schweben, Spontanes Zauber maximieren, Schnappen,  Schreckenssturm (voller Angriff nach Sturm), Sonnenlicht ertragen (12 R), Odem maximieren (+3 Runden), Rasende Attacke, Epischer Zauber
Fertigkeiten: Bluffen +51, Diplomatie +39, Einschüchtern +55, Entdecken +51, Entfesslungskunst +44, Konzentration +53, Lauschen +51, Motiv erkennen +49, Schätzen +31, Suchen +51, Wissen (Arkanes) +51, Wissen (Ebenen) +51, Wissen (Religion) +51, Zauberkunde +51
Vampireigenschaften (ÜF): Blut saugen, Gasförmige Gestalt (beliebig und nach Tod), Gestalt verändern (Wolf), Kinder der Nacht, Beherrschen, Energieentzug, Spinnenklettern, Vampirschwächen (Sonnenlicht (Tod), fließendes Wasser, Knoblauch, Spiegel, Türschwelle)
Fluch des Soleilon (ÜE): Betäubt für 1 Runde (keine Aktionen, -2 RK, kein GE und Ausweichen), kann Erbe des Soleilon nicht angreifen
Epische Immunität: Immunität gegen eine außergewöhnliche, übernatürliche oder zauberähnliche Fähigkeit oder einen Zauber; augenblickliche Aktion, 14 Runden ab Aktivierung, 1x/Tag
Magische Gegenstände: 2 Splitter des Seelensteins, Zauberwendering, Dunkelmantel/ Dunkelschuppen

Feyleen
CB mittelgroßer Externar (Sukkubus)
Magier 6 /Incantatrix 10/ Erzmagier 4
Vorbereitung
INI: +11 (mit Zeichen)
Sinne: Telepathie 30m, Dunkelsicht 18m, Wahrer Blick
Sprachen: Zungen
ST 10, GE 16, KO 22, IN 36 (38), WE 14, CH 30
Verteidigung:
RK: 26, Berührung 19, auf dem falschen Fuß 23 (Mächtige Magierrüstung +6, Schild +4, GE +3, Ablenkung +4, natürlich +9)
TP: 255 (26 TW)
Schadensreduzierung: 10/+2
Immunitäten: Elektrizität, Gift
Resistenzen:  Säure 10, Kälte 10, Feuer 10 
Zauberresistenz: 38
Rettungswürfe: ZÄH +24, REF +13, WIL +24; Gedankenleere
Angriff:
Bewegungsrate: 19m, fliegen 15m
Nahkampf: +16
Fernkampf: +20 (Kern- und Präzisionsschuss)
Besondere Angriffe: Lebenskraftentzug (ZÄH 43)
Zauberähnliche Fähigkeiten (ZS 12, CH)   
Permanent: Gutes entdecken , Zungen
Nach Belieben:Hellsehen/ Hellhören, Dunkelheit, Entweihen, Gedanken wahrnehmen, Einflüsterung, Monster bezaubern, Ätherausflug (nur selbst), Fehlerfreies Teleportieren (nur selbst)
1x/Tag: Person beherrschen, Vampirgriff
Magierzauber (ZS 22)
9.Grad (6)
Zeitstopp
Eisenwacht (schnell)
Realitätsloch (4F-Radius (WILL 33) + 8F-Radius (REF 33) um den Punkt, um nicht in Loch gesogen zu werden) (still)
Wehgeschrei der Todesfee  (1Kreatur/St tot, ZÄH 34)
°Regenbogensphäre (10min/St)

8.Grad (5)
*Gedankenleere (24h)
Auflösung (maximiert) (44W6  ZÄH 31: 5W6)
Polarstrahl (still) (22W6, kein RW, Ber. a. Entf.)
Eisenwacht
°Klingenbarriere (maximiert + ausgedehnt, 15W6 bei Durchgehen, 3m hoch, REF halb)

7.Grad (5)
Ebenenwechsel, still
°Wahrer Blick, still + ausgedehnt
Person beherrschen (WIL 31) (still + gestenlos)
Sengender Strahl (schnell + verstärkt) (3x6W6, kein RW, Ber. auf Entf.) (2x)

6.Grad (7)
*Schild (dauerhaft)
Person beherrschen (fortified) (WIL 37)
Dimensionsanker (gestenlos + still) (2x)
Knochenbrecher (1.R: sofort betäubt, außer Ziel hatte gleiche Stufe/TW, 2.R: ZÄH 27 oder 15W6 Schaden + 1W4R Übelkeit)
Auflösung (gespalten)
Mächtige Magie bannen 

5.Grad (5)
Energiekugel (still + gestenlos)
Umarmung der Nacht (15W6 Schaden + 1W6 Konstitution (ZÄH)) (2x)
Mächtige Spiegelbilder (still + gestenlos)
Person beherrschen

4.Grad (7)
Säurekugel (15W6, kein RW, ZÄH oder 1R Übelkeit) (2x)
Dimensionsanker
Erweiterte Unsichtbarkeit
Bewegungsfreiheit (gestenlos)
°Strahlablenkung

3.Grad (7)
Verbesserte Magierrüstung
Unauffindbarkeit
Feuerball

2.Grad (8 )
Unsichtbarkeit
Portal analysieren

1.Grad (8 )
*Zeichen (ausgedehnt)
Schild (2x)
Magisches Geschoss (stll) (3x)
Alarm
Federfall (still)

0.Grad (beliebig)
Magie entdecken
Magierhand
Magie lesen

*24h aktiv
°vor dem Kampf gewirkt
Talente: Eiserner Wille, Zauberndes Wunderkind, Fertigkeitsfokus (Zauberkunde), Zauberfokus (Verwandlung), Mächtiger Zauberfokus (Verzauberung), Schnell zaubern, Gestenlos zaubern, Zauberstrahl spalten, Zauber maximieren, Zauber verstärken, Zauber ausdehnen, Dauerhafter Zauber, Fortify Spell, Stiller Zauber, Verbesserte Initiative, Schriftrolle herstellen, Kernschuss, Präsizionsschuss, Große Zähigkeit
Fertigkeiten: Bluffen +33, Diplomatie +33, Entdecken +21, Entfesslungskunst +14, Konzentration +29, Lauschen +16, Motiv erkennen +25, Wissen (Arkanes) +37, Wissen (Ebenen) +37, Wissen (Geschichte) +37, Zauberkunde +39
Sukkubus-Eigenschaften:
Selbstverwandlung (Mensch, Elf, Zwerg)
Profanes Geschenk (kann einen Auserwählten +2 auf ein Attribut geben)
Klassenfähigkeiten:
Augenblickliche Metamagie (ÜF): 2/Tag kann Feyleen das metamagische Talent Schnell Zaubern anwenden, ohne den Zauber in einem höheren Grad vorzubereiten.
Große Arkana: Zaubermacht (effektive Zauberstufe +2), Meister der Gegenzauber (alle Gegenzauber wirken wie zurückgeworfene Zauber), Meister der Elemente (kann Energieart von Zaubern ändern)
Kooperative Metamagie (ÜF): 13/Tag kann Feyleen einen Zauber, den ein neben ihr stehender Verbündeter wirkt, während des Wirkens mit einem metamagischen Talent modifizieren, wenn ihr ein Zauberkundewurf gegen SG 18+(3x Zauberslot, den der Zauber belegen würde, wenn er mit dem jeweiligen metamagischen Talent verstärkt worden wäre) gelingt.
Verbesserte Metamagie (ÜF): Feylen bereitet alle mit einem metamagischen Talent modifizierten Zauber einen Zauberslot unter demjenigem vor, den sie eigentlich belegen würden.
Zauber wegschnappen (ÜF): Feyleen kann versuchen einen magischen Effekt eines anderen Magiers zu übernehmen. Dazu muss ihm ein konkurrierender Zauberstufewurf gegen den Urheber des betreffenden Zaubers gelingen. Göttliche Magieanwender erhalten einen Bonus von +2 auf diesen Wurf. Gelingt die Übernahme, so wirkt der Zauber so, als hätte Feyleen ihn gewirkt und der ursprüngliche Anwender kann von seinem eigenen Zauber betroffen werden, erhält aber einen Umstandsbonus von +2, falls der Zauber einen RW erfordert.
Zauberresistenz überwinden: Feyleen erhält einen Bonus von +2 auf alle Zauberstufewürfe, um ZR zu überwinden.
Magische Gegenstände: Schutzring +4, Resistenzweste +2, Stirnreif des Intellekts +6, Konstitutionsarmschienen +6

Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 03. Dezember 2010, 12:23:23
Da haste ja echt n paar nette Viecher zusammengezimmert  :boxed: ...und dann diese Immunität des Drachen gegen mein Henkersschwert... aber sonst wäre der Kampf auch schnell um gewesen ;)
...oh, und die Übersetzung gefällt mir auch sehr, ist aber in den deutschen Büchern auch immer so  :D : Profanes Geschenk...
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 03. Dezember 2010, 19:23:08
Ja... wie profan, so eine Attributssteigerung, fällt mir ja jetzt erst auf *g*
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 15. Dezember 2010, 11:46:08
Arbeitest du eigentlich schon am nächsten Kapitel? Und wie wird es heißen?
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 19. Dezember 2010, 19:06:39
So, wollt nur nochmal sagen, dass mir die Sitzung am Samstag sehr gefallen hat. Vor allem ab dem Kampf gegen den Dämon wurde es immer spannender, weshalb wir uns ja auch irgendwie zwingen mussten morgens abzubrechen, obwohls so spannend war! Bin schon echt heiß drauf, wie es weiter geht... was natürlich auch die Geschichte angeht ;)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 20. Dezember 2010, 00:54:13
Hm, irgendwie funktinoniert die Mailfunktion bei mir auch nicht mehr...

Ja, ich fands auch super spannend und lustig ("Bin ich der einzige, der hier keinen kennt???" *g*). Das nächste Kapitel ist in der Mache, sollte im Laufe der nächsten Woche fertig werden, vielleicht ja zu Weihnachten ;-)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 21. Dezember 2010, 23:54:51
VIERTES BUCH
INSEL DER RÄTSEL



Prolog

Drake
Silbrigmond, Ches 1395 TZ.
„Was wollte die Engelsfrau von dir“, fragte Winter, als sie auf dem Weg zur Schimmernden Schriftrolle die Mondbrücke überquerten, „als sie im Geist mit dir sprach?“
Die Erinnerung warf einen düsteren Schatten.
„Wenn sie gewollt hätte, dass es alle erfahren, hätte sie es vermutlich laut gesagt“, erwiderte Drake einsilbig.
Zu seinem Erstaunen beließ es Winter dabei.
„Versprich mir, dass du uns in Ruhe lassen wirst“, sagte sie nach einer Pause.
Er hob spöttisch eine Augenbraue.
„Und welchen Wert hätte das Versprechen eines Entführers und Attentäters?“
„Lass die Spielchen, Drake... bitte.“
Bitte? Drake maß sie mit durchdringenden Blicken. Wo war Winters Kampfgeist geblieben? Hatte ihre Mutlosigkeit etwas mit dem Besuch bei ihren Schwiegereltern zu tun? Nachdem die Gefährten den ersten Schock überwunden und sich wohl oder übel damit abgefunden hatten, zwölf Jahre in der Zukunft gelandet zu sein, hatte Grimwardt darauf gedrängt, so schnell wie möglich zur Abtei zu reisen. Winter hatte ihren lächerlichen Such-Tanz aufgeführt, um ihre Tochter aufzuspüren, doch ohne Erfolg. Drake hatte sie schließlich überreden können, ihn zuerst in Silbrigmond abzusetzen. Bei dieser Gelegenheit hatte sie einen kurzen Abstecher zu den Dantés’ gemacht, von dem sie mit bedrückter Miene zurückgekehrt war.
Plötzlich blieb Winter wie vom Donner gerührt stehen.
„Das ist ja wohl nicht ihr Ernst!“
Sie waren bei der Schimmernden Schriftrolle angelangt, doch anstelle des vertrauten Geruchs nach Fledermausdung, Binsenkraut und alchemistischen Substanzen quoll ihnen aus dem Eingang des kleinen Zauberladens eine Duftwolke aus Minze, Honig und Amber entgegen und ein Blick durch die geöffnete Eingangstür gab eine Reihe von Tischen und Stühlen preis, an denen fleißig Tee geschlürft und über Politik und Stadtgeschehen lamentiert wurde.
„Eine Teestube?“
Das Innere des Ladens hielt noch eine weitere Überraschung bereit: Anstelle von Xara Tantlor trafen sie hinter dem Ladentisch einen kleinen Jungen an, der in ein Buch vertieft schien. Als er sich der Ankunft der Gäste bewusst wurde, schreckte er ertappt auf und versuchte seinen rot-gezackten Teufelsschwanz hinter dem Rücken zu verbergen.
„Ja, bitte?“, fragte der Tieflingsjunge schüchtern.
Drake pfiff leise durch die Zähne. Was Xaras zwielichtige Liebschaften anging, rangierte er offenbar nicht so weit an der Spitze wie er angenommen hatte. Nun ja, immerhin klärte der verräterische Teufelsschwanz die Vaterfrage. Nach seiner letzten Begegnung mit Xara war er sich dessen nicht so sicher gewesen. Der Gedanke hätte ihm Genugtuung verschaffen sollen. Doch das Wissen, dass sein Verschwinden nicht einmal diese kleine Narbe hinterlassen hätte, hatte einen bitteren Beigeschmack…
Als Xara von ihren Besorgungen zurückkehrte, war sie nicht schlecht erstaunt, ihre einstmals besten Kunden völlig unberührt von den zwölf Jahren, die zwischen ihrer letzten Begegnung lagen, in einer der Sitznischen anzutreffen.
„Was ist hier passiert?“, fuhr Winter sie an. „Sagt bloß, Euer Laden ist Bankrott gegangen? Ich habe mehrere Anzahlungen geleistet, für die noch die Lieferungen ausstehen!“
Xara schien aus allen Wolken zu fallen.
„Alle Welt hielt Euch für tot!“, erklärte sie. „Die Barden haben Nachgesänge auf die Helden von Immerschwinge verfasst… Meinen Laden musste ich natürlich schließen. Ohne Magie macht ein Zauberladen nicht viel Sinn.“
„Was soll das heißen, ohne Magie?“, fragte Faust.
Xara schüttelte noch immer fassungslos den Kopf.
„Ihr habt tatsächlich keine Ahnung, oder? Vor elfeinhalb Jahren wurde das magische Gewebe zerstört. Ganz Faerûn war magisches Ödland. Uns im Westen hat es noch vergleichsweise milde erwischt. Im Südosten gibt es Gegenden, die magisch völlig brach liegen oder noch immer von der Zauberpest verseucht sind.“
Zauberpest? War das die Erklärung dafür, dass sie in der falschen Zeit gelandet waren? Hatte sich das zerstörte Gewebe auch auf den Zeitstrom ausgewirkt? Elfeinhalb Jahre ohne Magie! Welch einen Rattenschwanz an politischen Umwälzungen das nach sich gezogen haben musste!
„Es waren harte Zeiten für Magier“, fuhr Xara fort. „Was hätte ich tun sollen? Ich musste meinen Sohn ernähren. Die Teestube läuft gut, aber bis hierhin war es ein harter Weg. Riven hat schließlich niemanden außer mir… und er hat es schwer genug.“
Verlegen und ein wenig verdrossen darüber, dass seine Mutter so ungeniert über seine Unzulänglichkeiten sprach, strich sich der Tieflingsjunge das Haar in die Stirn, um die kleinen Hörner zu verbergen, die dort sprossen. Drake entging auch nicht, dass sein verhaltenes Husten in verräterisch kontrollierten Abständen erfolgte – vermutlich nur eine Entschuldigung für den dicken Schal. Was er wohl verbarg? Striemen, Kratzer, Würgemale? Kinder konnten bemerkenswert grausam sein, wenn es darum ging, die Hackordnung auf dem Spielplatz festzulegen. Und Teufelsschwänze und Stirnhörner waren nicht gerade Statussymbole.
Genauso wenig wie rote Augen und leichenblasse Haut…
Aber dies war immerhin Silbrigmond – eine Stadt, die für ihre weltbürgerliche Toleranz bekannt war – anders als das dreckige Söldnerloch in den Herzlanden, in dem Drake aufgewachsen war. Und Riven war auch nicht der Bastard einer schwindsüchtigen Straßenhure.
Drake blinzelte den unliebsamen Erinnerungsfetzen hinfort.
„Ich nehme an, das bedeutet, wir können unsere Anzahlungen vergessen.“ Er erhob sich. „Dann sehe ich keinen Grund, der mich hier noch hält.“
Mit einer mokanten Verneigung verabschiedete er sich. Doch vor der Tür hielt er inne. Wohin sollte er gehen? Ob seine Verbindungen im Hafenviertel noch bestanden? Unwahrscheinlich - in seinem Geschäft waren Kontaktleute von geringer Haltbarkeit. Vermutlich würde er sich einen neuen Kundenkreis aufbauen müssen. Dasselbe galt für seine Geldanlagen. Fast war es, als hätte Feyleens perfider Plan Erfolg gehabt. Zwölf Jahre im Zeitstrom hatten ausgereicht, um alle Spuren seiner Existenz zu tilgen. Unsichtbarkeit war immer seine Verbündete gewesen, doch nun fühlte er sich mit einem Mal von ihr verraten und der Rückweg in sein altes Leben erschien ihm düster und trüb. Doch wohin sonst sollte er gehen? Es war das einzige Leben, das er kannte.
Nicht GANZ das einzige…
Dass das Abenteurerdasein seine Vorzüge hatte, war keine bahnbrechende Erkenntnis: Selbst durch vier geteilt, brachte die Plünderung eines Drachenhorts noch mehr ein als er in einem Monat verdienen konnte. Was ihn stets abgeschreckt hatte, war der Gedanke, dass sein Überleben von anderen abhängen könnte. In seiner Welt war Freundschaft eine Maske, die Leute hin und wieder aufsetzten, um andere für ihre Zwecke einzubinden, und Vertrauen eine Illusion, die zerbrach, sobald ihre Ambitionen sich änderten. Soweit die Theorie - doch sie erklärte nicht, weshalb die Fedaykin-Geschwister sich nicht an ihm gerächt hatten, als sie die Gelegenheit dazu hatten…
Sein Blick glitt zurück.
Faust saß breitbeinig auf seinem Schemel und versuchte dem Tieflingsjungen Mut zuzureden. Drake hielt ihn für einen ruhmsüchtigen Draufgänger – begabt, exzentrisch, polarisierend. Der Typ Mann, den Drake hasste, weil er alles mit Leichtigkeit meisterte – naja, alles bis auf den Krieg gegen die Nebel, die seinen Verstand hin und wieder umwölkten. Miu, Fausts ewiger Schatten, war vielleicht die einzige, die durch den Dunst zu blicken vermochte. Doch die Ordensschwester war eingeschnürt in ein Korsett aus Regeln und Vorschriften, an dem sie eines Tages ersticken musste…
Grimwardt stand ein Stück abseits, wie stets ein wenig skeptisch gegenüber allem, was sich nicht um Kriegstaktiken und Schlachtordnungen drehte. Er war der ruhende Mittelpunkt der Gruppe, unbeirrbar seiner einen, bedingungslosen Leidenschaft verpflichtet. Vielleicht ein wenig zu unbeirrbar, um zu erkennen, dass der Grat zwischen Glaubenseifer und Fanatismus, auf dem er wandelte, immer schmäler wurde.
Und Winter? Seit ihrer ersten Begegnung war Drake fasziniert von dem, was er hinter den zahlreichen Masken der Heiratsschwindlerin gesehen hatte: eine Frau, die mit naiver Hingabe liebte und mit skrupellosem Egoismus für diejenigen kämpfte, die sie liebte. Nun da Winters Fassade zu bröckeln begonnen hatte, kam immer mehr von diesem dunklen Kern zum Vorschein…
Nein, erkannte Drake. Er würde nicht mit ihnen gehen. Sie stehen am Abgrund, hatte der Engel gesagt. Die Frage war nur, wer von ihnen zuerst fiel. Er würde zurückkehren in seine Schattenwelt – und überleben. Mochte das Schicksal, das der Engel ihm prophezeit hatte, ihn einholen, wenn es soweit war…


Kapitel I: Der Auserwählte


Grimwardt
Abtei des Schwertes, wenig später.
Die Nachtpforte wurde geöffnet und ein kahlköpfiger Geweihter im Rang eines Schildpriesters, gefolgt von einem einfachen Soldaten, trat vor die Wehrmauer. Grimwardt erkannte den Soldaten als einen ehemaligen Rekruten. Doch der Priester war ihm fremd.
„Seid Ihr Euch sicher?“, hörte er den Priester leise fragen.
Der Soldat nickte mechanisch, während er Grimwardt mit offenem Mund anstarrte.
„Was soll der Unfug?“, brummte Grimwardt. „Weshalb verwehrt man mir den Einlass in meine eigene Abtei? Und warum ist das Tor verrammelt? Erwarten wir einen Angriff?“
„Verzeiht“, sprach der Kahlkopf, doch seine Augen blieben kalt und misstrauisch. „Ich wurde angewiesen, Eure Identität zu überprüfen, ehe man Euch Einlass gewährt.“  
„Auf wessen Geheiß?“
„Auf Geheiß des Priestergenerals.“
ICH bin der Priestergeneral, du Orknase!
Grimwardts Zornader pochte ganz gewaltig hinter seiner Stirn, doch um dem Grund für dieses rätselhafte Treiben so schnell wie möglich auf die Schliche zu kommen, ließ er sich seinen Unmut nicht anmerken und wehrte sich auch nicht, als der Fremde ihn mit einem Aufklärungszauber belegte. Der Geweihte nickte ihm knapp zu und bedeutete ihm mitzukommen. Als Faust, Winter und Miu Anstalten machten ihnen durch die Pforte zu folgen, gebot er ihnen Einhalt.
„Der Priestergeneral wünscht mit Grimwardt Fedaykin allein zu sprechen.“
Faust verschränkte provokativ die Arme vor der Brust und traktierte Kahlkopf mit Blicken als versuche er zu ermessen, wie hart er wohl zuschlagen müsse, um ihn Dreck schlucken zu lassen ohne ihn gleich ins Jenseits zu prügeln. Grimwardts mäßigender Blick beendete das stumme Kräftemessen und Faust zuckte mit den Schultern.
„Wie du meinst.“
„Vergiss nicht, nach Scarlet zu fragen“, hörte Grimwardt Winters bange Bitte in seinem Rücken, während er auf das Hauptgebäude zuschritt. Unerhört! – So wie die beiden Wächter ihn flankierten, hätte man meinen können, er sei ein Gefangener in seiner eigenen Abtei. Seinem magisch geschulten Blick entgingen nicht die subtilen Veränderungen am magischen Schutzsystem der Abtei. Eine Teleportationsbannmauer, ein Schutzschild vor Ausspähung, ein magisches Warnsystem – alles Neuerungen, für die Grimwardt seit fast zehn Jahren sparte. Woher hatte die Abtei plötzlich das Geld dafür? Und weshalb begegnete er keinem einzigen vertrauten Gesicht? Grimwardt legte beleibe keinen Wert auf Willkommensfanfaren und Trommelwirbel, doch man hätte meinen sollen, dass die Ankunft eines verschollenen Abteileiters für ein wenig mehr Aufregung gesorgt hätte.
Wortlos führte Kahlkopf ihn in die große Gebetshalle.
Auf der Empore vor dem Schildaltar erwartete ihn Sir Silas von Arkhem, der Taliser Ritter, der sich beim Turnier zu Ehren des gefallenen Jareth Burlisk den Rang des Ersten Schwertbruders erkämpft hatte. Der goldbärtige Ritter trug die zeremonielle Rüstung, die dem Priestergeneral gebührte. Als Grimwardt eintrat, neigte er ehrerbietig den Kopf. Der Kriegspriester kam nicht umhin, die widersprüchliche Symbolik dieses Auftritts zu bemerken. Die demonstrative Zurschaustellung der Insignien des Priestergenerals schien zu sagen „Du hast deine Stellung verwirkt; ich gebe sie nicht wieder her“, doch Silas’ demütige Haltung, in der Grimwardt keinen Spott erkennen konnte, sprach eine andere Sprache. Fast hätte er so etwas wie Mitleid für seinen „Nachfolger“ verspürt, für den die Situation vermutlich nicht weniger unangenehm war als für ihn selbst – wäre da nicht die Gestalt im Schatten gewesen. Die Dunkelheit umgab sie wie ein Tarnzauber, sodass Grimwardt sich ihrer Gegenwart erst bewusst wurde, als sie sich bewegte, um an Sir Silas’ Seite zu treten: Sie war eine hagere Frau um die Fünfzig. Ihr Haar war so streng zurückgebunden, dass es ihr Gesicht zu straffen schien. Alles in diesem Gesicht – die stark geschminkten Augen, die lange Nase, die strengen Wangenfalten -  warf riesige Schatten, die ihr Antlitz zu verschleiern schienen.
Eine Umbrantin, erkannte Grimwardt. Eine Schattenmagierin.
 „Grimwardt Fedaykin.“ Ein verhaltenes Lächeln streifte Silas’ Gesicht, zu steif, um den Argwohn aus seinen Zügen zu stehlen. „Tempus wirkt Seine Wunder, wenn wir sie am wenigsten erwarten. Vor elf Jahren beweinten wir Euch wie einen Toten und trugen einen leeren Sarg zu Grabe. Und heute steht Ihr vor den Toren der Abtei und scheint Euch um keinen Deut verändert zu haben.“
„Anders als meine Abtei, Sir Silas“, entgegnete Grimwardt mit einer Ruhe, die bei jedem, der ihn kannte, die Alarmglocken läuten ließ. „Wollt Ihr mir nicht Eure neue Gefährtin vorstellen?“
Das Lächeln des Ritters erstarb. ‚Meine Abtei’ hatte Grimwardt gesagt und der Paladin hatte verstanden: Er gedachte nicht, auf seinen Anspruch auf den Rang des Priestergenerals zu verzichten.
„Das ist Lady Zia.“ Silas’ Blick flackerte unstet. „Sie hält die arkanen Verteidigungsanlagen der Abtei instand und steht uns im Kampf gegen die Horden des Nordens bei.“
„Die Horden des Nordens?“ Grimwardts Zornader bohrte sich tiefer in seine Stirn. Für wie einfältig hielt ihn dieser Schnösel? Die Orkbarbaren vom Grat der Welt waren keine Bedrohung, die ein ausgeklügeltes magisches Verteidigungssystem erforderlich machten. „Lassen wir doch die Masken fallen, Priestergeneral. Was hat Euch bewogen, einer Umbranten-Spionin die Tore der Abtei zu öffnen?“
Sir Silas sog betroffen die Luft ein, während Lady Zia keine Miene verzog. Stumm und lauernd wie ein Geier auf Beuteflug harrte sie im Schatten.
„Grimwardt Fedaykin.“ Die Stimme des Ritters zitterte vor unterdrückter Brüskierung. „Als ich vor zwölf Jahren in diese Abtei eintrat, leistete ich den Schwur, Tempus zu dienen und die Menschen der Talländer mit Seiner Hilfe vor Unglück zu bewahren. Diesem Schwur bin ich immer treu geblieben. Verzweifelte Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Aber mir zu unterstellen, die Abtei verraten zu haben, verletzt meine Ehre aufs Schärfste! Wo wart Ihr in all den Jahren, könnte ich Euch fragen? Woher nehmt Ihr das Recht meine Entscheidungen in Frage zu stellen?“
Grimwardt musterte ihn eindringlich.
Er hat Angst, erkannte er. Aber er sagt die Wahrheit.
Und trotzdem – irgendetwas stank hier gewaltig. Er musste dringend mit jemandem sprechen, dem er vertraute.
„Wo ist Borgo der Zwerg?“, fragte er barsch. „Ich will ihn sprechen.“
Lady Zia stieß ein missgünstiges Zischen aus, doch Sir Silas gab nach einem kurzen Zögern seine Einwilligung. Auf seinen Befehl führte der Schildpriester Grimwardt in den zweiten Stock. Vor der Tür zur Bibliothek hielt er an. Grimwardt wandte sich misstrauisch um.
„Was soll das?“
„Ihr wolltet Borgo, den Bibliothekar, sprechen.“
Den BIBLIOTHEKAR?! Tempus steh uns bei!
„Herr!“ Der Zwerg schien Grimwardt bereits erwartet zu haben. Eilig zerrte er seinen Kameraden und ehemaligen Dienstherrn in den Raum. Dann schob er rumpelnd ein Regal vor die Tür und begann mit Hilfe eines Zaubers die Wände nach verborgener Magie zu untersuchen.
 „Sie beschattet uns, da bin ich mir sicher! Man kann in diesen Mauern keinen Schritt mehr tun, ohne von ihren ausspähenden Augen belauert zu werden!“
„Du sprichst von Lady Zia?“
„Von wem sonst?“, schnappte der Zwerg mit gewohnter Ruppigkeit.
„Bei Veiros’ Ungestüm, Borgo, was ist hier eigentlich los?! Wann hat dich die Erkenntnis ereilt, dass Bücher noch zu etwas anderem taugen als zur Morgentoilette?“
„Seit die Welt nicht mehr die ist, die sie einmal war“, brummte der Zwerg.
Der Kleriker und Waffenmeister war schon in rüstigem Alter gewesen, als Grimwardt noch ein Knappe in der Ausbildung gewesen war, doch man hatte es ihm niemals angesehen. Doch nun hatte sich auch die letzte Strähne seines knielangen Bartes grau gefärbt und ohne Rüstung offenbarte sein Rücken den Ansatz eines Buckels.
Nachdem Grimwardt ihm kurz erläutert hatte, weshalb ihm jegliche Erinnerung an die letzten zwölf Jahre fehle, begann der Zwerg zu erzählen.
„Einige Tage nach Eurem Verschwinden wurde ganz Faerûn von der Zauberpest heimgesucht. Wir alle wurden zum Opfer einer göttlichen Intrige: Angestiftet von Shar tötete Cyric, der Gott des Verrats, die Göttin Mystra. Durch ihren Tod geriet das magische Gewebe außer Kontrolle und stürzte die Welt ins Chaos. Weit im Süden, in Halrua, nahm die magische Apokalypse ihren Anfang. Dort zogen magische, zyklonenartige Wettergebilde – genannt Zauberleuchten - über das Land und zerstörten alles auf ihrem Weg. Die Welt hat sich verändert, Grimwardt; einige Landstriche verschwanden völlig, während anderswo ganze Kontinente wie aus dem Nichts auftauchten. Die Magie spielte erst verrückt; dann verschwand sie völlig. Erst seit zwölf Monaten etwa erholt sich das Gewebe langsam. In den Jahren, als das Zauberleuchten wütete, kamen viele Magier durch ihre eigene Magie um, während andere dem Wahnsinn anheim fielen. Beinahe die gesamte magische Elite der Reiche wurde ausgelöscht. Auch die Sieben Schwestern erlagen dem zerstörten Gewebe und Elminster vom Schattental zog sich in seinen Turm zurück und empfängt seit einem Jahrzehnt keine Besucher mehr. Die einzigen, die von den Pestjahren profitierten, waren die Arkanisten von Netheril.“
„Demnach wurde das Schattengewebe also von der Zauberpest verschont?“
„Nicht direkt. Shar hatte natürlich darauf spekuliert, durch Mystras Tod die Herrschaft über alle sterbliche Magie an sich zu reißen. Doch sie hatte sich verkalkuliert. Es gelang ihr nicht, die Kontrolle über das Schattengewebe zu bewahren, als Mystras Gewebe zusammenbrach. Hochprinz Telamont Thantul muss von der göttlichen Intrige gewusst haben und entging der Vernichtung seiner Stadt wie bereits zu Karsus’ Zeiten: Er versetzte ganz Umbra auf die Schattenebene. Shar konnte die Schattenmagie bändigen, ehe es dem Rest des Pantheons gelang, ein neues Magiegewebe zu erschaffen. Darum erlangten die Arkanisten von Umbra schneller als alle anderen Völker ihre magischen Fähigkeiten zurück. Das war die Chance, auf die der Hochprinz und seine elf Söhne gewartet hatten. Sie besiegten ihre alten Feinde, die Phaerimm, die sich durch die Erschütterung des Schattengewebes aus ihrem Gefängnis unter der Anauroch befreit hatten. Dann bauten sie zwei weitere der gefallenen Städte ihrer Vorfahren wieder auf und riefen das Königreich von Netheril aus. Als nächstes begann Netherils Magokrat seine imperialistischen Ziele in die Tat umzusetzen. Die Zhentarim-Söldner der Anauroch hatten sich während der Phaerimmkriege mit diesen Kreaturen verbündet, darum mussten die Zhentarim als erstes dran glauben. Außerdem war den Umbranten wohl der Einfluss Fzoul Chembryls auf die Handelswege der Anauroch lästig. Wie auch immer – die Zhentilfeste fiel fast widerstandslos und das Schwarze Netzwerk wurde zerschlagen.“
„Die Zhentarim sind geschlagen? Bei Hammer und Helm!“
„Das könnt Ihr laut sagen. Es ist dem Eingreifen der Elfenkönigin von Myth Drannor zu verdanken, dass der Mondsee nicht völlig in die Hände der Umbranten fiel. Sie stationierte ihre Truppen in der Zhentilfeste, um die Bevölkerung vor der Willkür der netheresischen Eroberer zu schützen. Allein hätte sie natürlich keine Chance gegen Telamont Tanthul, doch der Elfenhof wird von den Silbermarken, Cormyr und der Allianz der Talländer unterstützt. Es existiert ein loser Verteidigungspakt, die Westallianz. Der Hochprinz ist ein vorsichtiger Mann, der die offene Konfrontation scheut. Er ließ die Elfen gewähren und setzte stattdessen auf Handelsimperialismus. Die netheresischen Handelskompanien fassten in Sembia Fuß und kontrollierten schon bald den gesamten Würzhandel des Sternregenmeers. Heute ist Sembia nur noch ein Vasallenstaat des Wüstenimperiums – Umbras Seehafen und Tanthuls Verbindung zur Außenwelt. Die Anauroch bleibt weiter gegen normale Magie abgeschottet. Thantul gewährt keinen Ausländern Zutritt zu seinen Städten – zu groß ist seine Furcht vor Spionage. Nach Sembia wird sich sein Augenmerk nun vermutlich auf die Talländer richten: Wir liegen schließlich genau zwischen der Anauroch und Sembia – sämtliche seiner Handelskarawanen müssen hier durch. Dass die Fürsten der Täler untereinander zerstritten sind und unsere Städte keine magischen Verteidigungsschilde haben, macht uns außerdem zum verwundbarsten Mitglied der Allianz.“
„Darum hat der Herr von Umbra also Lady Zia in die Abtei eingeschleust: um die militärische Verteidigung der Talländer zu kontrollieren, ohne die Bevölkerung gegen sich aufzubringen“, brummte Grimwardt düster. Was Borgo erzähle, ließ nichts Gutes hoffen. „Welcher Teufel hat Silas geritten, dass er der Schattenhexe die Tore zur Abtei öffnete?“
„Er hat das Schlottern bekommen, unser Sir Hasenherz“, schnaubte Borgo verächtlich. „Als Ihr verschwunden bliebt, übernahm er die Leitung der Abtei. Er machte seine Sache zunächst auch ganz gut und führte Euer Freundschaftsbündnis mit den Steinschilden von Sundabar und der Schule der Natur in Myth Drannor fort - das Projekt trug dazu bei, dass das Bündnis der Talländer mit dem Elfenhof erneuert wurde. Doch Silas’ Zuversicht schwand, je mehr Netherils Macht wuchs. Er glaubt, dass die Talländer nicht zu retten sind und dass wir als Tanthuls Marionette noch die größte Überlebenschance haben. Darum nahm er Lady Zias Arbeitsgesuch an, obwohl jeder Ork erkennen kann, welches Spiel sie treibt. Gewiss hat sie bereits Kunde von Eurer Rückkehr an ihre wirklichen Dienstherren gesandt. Wundert Euch also nicht, wenn demnächst ein netheresischer Assassine bei Euch anklopft. Ohne Elminster und die Sieben Schwestern seid Ihr und Eure Gefährten die mächtigsten Verteidiger der ‚Achse des Guten’. Dazu kommt, dass Telamont Tanthul gewiss nicht vergessen hat, was mit seinem jüngsten Sohn geschehen ist…“
„Hm“, brummte Grimwardt. Hadrhune Tanthul war ein gefährlicher Gegner gewesen, doch im Gegensatz zu Telamont war er ungeduldig gewesen in seinem imperialistischen Streben und seinem Eifer, dem mächtigen Vater zu imponieren. Das hatte ihn angreifbar gemacht. Hochprinz Telamont dagegen schien Grimwardt ein kluger Stratege zu sein. Sein erster Schachzug hatte sich nicht etwa gegen Myth Drannor oder Silbrigmond, seine eigentlichen Konkurrenten, gerichtet, sondern gegen die Zhentarim: Meuchler und Schwarzkünstler, die den Westen Jahrzehnte lang terrorisiert hatten. Und was tat er dann? Er gründete Handelskompanien statt seine Position auszunutzen und über seine Feinde herzufallen und sorgte dafür, dass die Anauroch für alle Welt ein Mysterium der Schatten blieb. Vielleicht war es seine gefährlichste Waffe, dass er so wenig dem Bild des herrschsüchtigen Tyrannen entsprach. Welcher Herrscher machte nicht lieber Geschäfte mit Handelspartnern als Geld und Leben in der Schlacht zu riskieren? Freiheit war ein verzichtbares Gut, wenn man kaum merkte, wie sie einem entglitt. Sir Silas war genau wie die Herrscher von Sembia auf die Maskerade des Hochprinzen hereingefallen. Und wer sagte, dass andere nicht folgen würden?
„Wie viele von Silas’ Männern wären ihm loyal, wenn es zur Konfrontation käme?“, fragte Grimwardt.
Der Zwerg schnalzte unschlüssig mit der Zunge.
„Auf mich könnt Ihr natürlich zählen. Auch Lady Lucia ist Silas’ neuem Kurs alles andere als zugetan, aber sie hat ihm bei seinem Amtsantritt die Treue geschworen, darum würde ich nicht auf sie zählen. Diejenigen Eurer Leute, die zu laut ihren Unmut über Lady Zias Anwesenheit kundgetan haben, hat die Hexe rausgeworfen. Aber so oder so würdet Ihr mit einem Kampf riskieren, die Taliser gegen Euch aufzubringen. Sir Silas ist nicht unbeliebt in der Gegend. Viele Adlige denken wie er, müsst Ihr wissen. Und für die Bauern bedeutet Krieg nur Tod und erhöhte Steuern: Die sind um jeden froh, der ihnen beides vom Hals hält.“
„Was rätst du mir also?“
„Ihr solltet Silas zum Duell herausfordern.“
Grimwardt nickte nachdenklich in seinen Bart hinein.
Tempus’ Kriegsgesetz besagte, dass die Ehre des Heerführers dem besten Kämpfer gebührte und die Abteihierarchie war nach demselben Prinzip strukturiert. Ein Duell würde klären, wer in den Augen Tempus’ die Abtei leiten sollte. Und Silas konnte eine Herausforderung nicht ablehnen, ohne sich zum Gespött der Abtei zu machen.
Grimwardt beschloss, sofort Nägel mit Köpfen zu machen. Keine fünf Minuten später harrte er wartend in seinem alten Arbeitszimmer und betrachtete verdrossen die Medaillensammlung, um die Sir Silas die Wand über seinem Arbeitstisch bereichert hatte. Die Nagellöcher würden nie wieder rausgehen. Kurz darauf trat der Turniermeister ein.
„Morgen bei Sonnenaufgang auf dem großen Turnierplatz“, sagte der Kriegspriester ohne Umschweife.
Sir Silas seufzte ergeben, schien aber nicht sonderlich erstaunt.
„Möge der Bessere von uns beiden siegen.“
Grimwardt brummte seine Zustimmung.
„Und nun lasst uns bei einem Becher Met über die Ereignisse der letzten Jahre plaudern.“
 
Winter
Schule der Natur, Myth Drannor, wenig später.
Der zwergische Austauschschüler aus Sundabar machte ein Gesicht, als halte ihn nur seine Zwergenehre davon ab, schreiend davonzulaufen. Es war Geschichtsstunde in Nimoroths Tempelschule. Unter dem farbenfrohen Gewölbe der blühenden Frühlingsbäume saßen elfische und menschliche Schüler beisammen und während die einen aufmerksam den Worten der Lehrerin lauschten, übten sich andere mit Hingabe im Spiel Zwick-den-Zwerg. Die Lehrerin, eine Halbelfe mit goldenen Locken und einem freundlichen Grübchenlächeln, beschränkte sich lediglich auf ein paar mahnende Worte, wenn ihre Schützlinge es allzu weit trieben. Während Faust und Miu aufmerksam ihrer Lektion über den Rückzug der Elfen aus Faerûn lauschten, harrte Winter ungeduldig der Heimkehr ihres alten Mitstreiters. „Fürst Nimoroth“, wie die Halbelfe ihn betitelt hatte, war inzwischen Mitglied des Elfenrates und gerade bei einer Versammlung.
Nachdem Grimwardt seinem Konkurrenten die Duellforderung überbracht hatte, waren auch seine Freunde eingelassen worden. Winter hatte von Borgo erfahren, dass Scarlet unter Silas’ fragwürdigem Regime bereits vor zwei Jahren durchgebrannt war. „Dieser elfische Taugenichts aus Myth Drannor muss sie dazu angestiftet haben“, hatte der Zwerg gebrummt. Und wenn sie sich den lockeren Lehrstil an Nimoroths Tempelschule anschaute, fiel es Winter nicht schwer zu erraten, wer damit gemeint war: Wenn Scarlet tatsächlich mit Nimoroths Sohn Laguna durchgebrannt war, dann wusste sein Vater vielleicht, wo die beiden steckten.
Endlich erblickte Winter zwischen den Bäumen das leuchtende Fell von Nimoroths Tigergefährten. Der hochtrabende Titel schien den Waldelfen um keinen Deut verändert zu haben. Nicht einmal von den religiösen Hennazeichnungen auf seinem Oberkörper hatte er abgesehen und sein hüftlanger Haarschopf erweckte wie meistens den Anschein, als hätte er schon sämtlichen Vögeln der Cormanthorischen Wälder als Nistplatz gedient. Mit einem heiteren Lächeln reichte der Druide der alten Gefährtin beide Hände zur Begrüßung.  
„Ich wusste, dass ihr noch am Leben sein müsst, als ich vom Rückgang der seelenlosen Geburten hörte“, begrüßte er sie. „Du musst mir alles erzählen.“
„Das werde ich.“ Winters Sorgen erschienen ihr mit einem Mal leichter. Es musste an Nimoroths Gabe liegen, die Welt in einem besseren Licht erscheinen zu lassen. „Aber zuerst muss ich wissen, wo meine Tochter ist.“
Nimoroth nickte – ernst, aber nicht beunruhigt.
„Scarlet ist bei Laguna, es geht ihnen gut. Aber ich kann hier nicht darüber sprechen.“
Winter fiel ein Stein vom Herzen. Nachdem er die Zauberin und ihre Begleiter in sein Haus in der Krone einer alten Eiche geführt und ihnen elfisches Gebäck angeboten hatte, fuhr Nimoroth fort.
„Die beiden haben sich den Sandfürsten angeschlossen, um die Expansionspläne der Hochfürsten zu vereiteln.“
„Sie haben was?“ Winters Erleichterung schlug schlagartig in Entsetzen um. In Grimwardts Vision waren die Hochfürsten von Umbra gegen eine „Sandfürstin“ in den Krieg gezogen. „Was soll das heißen? Und wer sind diese Sandfürsten überhaupt?“
„D’Tairig-Rebellen, die sich gegen die netheresische Fremdherrschaft auflehnen“, erklärte Nimoroth. „Ein paar idealistische Sympathisanten und ehemalige Zhent-Söldner haben sich ihnen in letzter Zeit angeschlossen. Ihre gelegentlichen Anschläge auf netheresische Handelskarawanen und Oasen-Stützpunkte sind zu unbedeutend, als dass Hochfürst Telamont sie wirklich ernst nehmen würde. Aber für die Westallianz sind sie wertvolle Informanten und im entscheidenden Moment könnten sie sich als wichtige Verbündete herausstellen. Myth Drannor unterstützt sie darum inoffiziell mit Waffenlieferungen und magischen Schutzgegenständen.“
Winter fiel aus allen Wolken.
„Nimoroth, wie kannst du zulassen, dass dein Sohn bei diesem Wahnsinn mitmacht?!“
Der Druide seufzte.
„Du hast schon Recht, die Rebellen nehmen bei ihren Anschlägen nicht selten den Tod von Unschuldigen in Kauf. Aber…“
„Nicht moralisch!“ Nimoroth war wirklich unverbesserlich. „Ich meine, wie kannst du zulassen, dass sich Laguna solchen Gefahren aussetzt? Wie alt ist er? Siebzehn?“
Der Waldelf runzelte leicht die Stirn.
„Laguna setzt sich für eine gute Sache ein, Winter, so wie ich es ihn gelehrt habe. Wieso sollte mich das mit etwas anderem als Stolz erfüllen? Sicher ist es gefährlich, was er tut. Aber diejenigen, die in dieser Welt überleben, sind jene, die sich an ihre Gefahren angepasst haben. Es wäre verantwortungslos von mir, wenn ich ihn darüber im Dunkeln ließe, denn ich werde nicht immer da sein, um ihn zu beschützen. Ich kann ihm nur helfen, die Welt in eine bessere zu verwandeln und das tue ich, indem ich im Elfenrat für die Unterstützung der Sandfürsten kämpfe.“
Winter erkannte, dass sie gegen Windmühlen anredete.
„Wie haltet Ihr den Kontakt zu den Sandfürsten?“, erkundigte sich Faust derweil. „Sind die D’Tairig nicht Nomaden?“
„Ich stehe in telepathischer Verbindung zu Laguna. Auf diese Weise können wir Treffen in der Wüste mit den Leuten von Sandfürst Zarif Abu Sayama arrangieren, wenn neue Lieferungen anstehen.“
Winter horchte auf.
„Kannst du ein solches Treffen auch für uns arrangieren? Ich habe Scarlet seit fast zwölf Jahren nicht mehr gesehen.“
Nimoroth zögerte kurz, doch dann nickte er.
„Aber nur dieses eine Mal, Winter.“
Ein Mal muss reichen, um Scarlet da raus zu holen, dachte Winter lakonisch. Wenn nötig mit Gewalt.
„Jede Kontaktaufnahme birgt ihre Gefahren. Natürlich ist Zarifs Zelle gegen Ausspähung geschützt, aber wir können nicht sicher sein, dass die Hochfürsten nicht in der Lage sind, magische Kommunikationen innerhalb des Schattengewebe-Gebiets aufzudecken.“
„Vielleicht kann Grimwardts Abtei die Sandfürsten ja ebenfalls mit Waffenlieferungen unterstützen“, warf Faust ein. „Vermutlich wären die D’Tairig uns freundlicher gesonnen, wenn wir Geschenke mitbringen.“
„Dann ist die Abtei des Schwertes also wieder… ähm…“
„Von Ungeziefer befreit? Noch nicht, aber bald“, erklärte Faust zuversichtlich.
„Gut.“ Nimoroth nickte. „Ich gebe euch Bescheid, sobald Zeit und Treffpunkt feststehen. Richtet euch auf etwa einen Monat ein.“
Faust sah aus dem Fenster und rieb sich grübelnd das stoppelige Kinn.
„Genug Zeit, um etwas zu tun, das ich schon vor Langem hätte tun sollen….“

Faust
Am späten Nachmittag in Rabenklippe am Drachengriff.
„Ich wusste gar nicht, dass du noch Familie hier hast“, sagte Winter belustigt, während sie den alten Mann am Arm durch das Villenviertel von Rabenklippe führte. Miu war bei Nimoroth in Myth Drannor geblieben.
„Es gibt auch so einiges, was ich von dir nicht weiß, Mädchen“, tatterte Faust seiner Rolle gerecht. Bei jedem Schritt spürte er die Gischt in seinen Knochen und sein rasselnder Atem sagte ihm, dass seine Lungen es auch nicht mehr lange machen würden. Die Alterungsfunktion war mit Abstand die gruseligste der Fähigkeiten, die er seiner neuen Tätowierung bisher entlockt hatte, und sie warf brennende Fragen auf: Wenn er zu jedem Punkt seiner körperlichen Entwicklung vor- oder zurückspulen konnte, bedeutete dies, dass er nicht mehr altern würde, wenn er seinen Körper einfach jeden Abend um einen Tag in die Vergangenheit „teleportierte“? Wie dem auch sein, im Moment kamen ihm die schmächtigen Greisenbeine durchaus gelegen. Immerhin war es nicht auszuschließen, dass er hier einem der Neun Schwerter über den Weg lief, doch dass seine Häscher ihn als achtzigjährigen Tattergreises erkennen würden, war mehr als unwahrscheinlich.
Fausts Heimatstadt war auf einer gewölbten Klippe über dem Drachengriff erbaut, sodass es von fern aussah, als harre sie auf einem Rabenschnabel, von dem sie jeden Moment ins Meer abzurutschen drohte. So tollkühn wie ihre Lage waren auch Rabenklippes Bewohner. „Exzentrisch“, sagten die Romantiker, „am Rande des Wahnsinns“, behaupteten die Spötter. Vielleicht war das der Grund, weshalb es so viele ehemalige Abenteurer in die Stadt am Drachengriff zog. Keine andere Stadt an der See des Sternregens konnte mit so vielen verfeindeten Ritterorden, Diebesgilden und Glaubenszirkeln aufwarten wie Rabenklippe und nirgendwo glich ein nächtlicher Spaziergang so sehr einem Selbstmordversuch wie hier. Doch ungeachtet ihrer inneren Unruhen war Rabenklippe in ihrer langen Geschichte von allen politischen Umwälzungen verschont geblieben, denn nicht einmal der expansionswütigste Tyrann war so größenwahnsinnig, sich mit einer Stadt voller streitbarer Abenteurer anzulegen.
Die MacLancastors hatten ihren Familiensitz im Ostviertel der Stadt, in dem rund um die Uhr Wachen patrouillierten, die Rabenklippes Straßengesindel von den Stadtpalais’ fernhielten. Ein Dienstmädchen empfing Winter und Faust, der wieder seine normale Gestalt angenommen hatte. Fausts Name sagte ihr nichts, darum bat sie die beiden in die Empfangshalle und eilte davon, um die unerwarteten Gäste anzukündigen.
„Faust!“ Winter klatschte entzückt in die Hände, als sie all die Büsten und Gemälde erblickte. „Du hast vergessen zu erwähnen, dass deine Familie reich ist!“
„Mein Stiefvater ist reich“, erwiderte Faust achselzuckend. „Meine Mutter stammt aus eher ärmlichen Verhältnissen.“
Es war eigenartig wieder hier zu sein. Der Ort roch nach zerbrochenen Vasen und schallenden Ohrfeigen.
„Du solltest dir dein Erbe ausbezahlen lassen“, bemerkte die Heiratsschwindlerin mit beiläufigem Kalkül, während sie ihre Finger über einen silbernen Kandelaber gleiten ließ.
Faust warf ihr einen befremdeten Blick zu.
„Ich habe meine Mutter seit 22 Jahren nicht gesehen“, sagte er. „Soll ich sie etwa mit den Worten ‚Wo ist mein Geld?’ begrüßen? Außerdem bezweifle ich, dass mein Stiefvater das Wort ‚Erbe’ je in Zusammenhang mit meinem Namen verwendet hat. Neben mir und meiner Schwester hat er noch sechs leibliche Söhne, die in der Erbfolge vor mir kommen.“
Winter zuckte mit den Schultern.
„Dann nimm dir einfach, was dir zusteht“, schlug sie vor und ihre Gesten unterstrichen das Unausgesprochene.
 „Mann“, sagte Faust fassungslos. „Da hab’ ja selbst ich ein größeres Ehrgefühl.“
Sie zog unbeeindruckt eine Augenbraue in die Höhe.
„Sechs Brüder, sagst du? Sind die verheiratet?“
Faust blieb ihr die Antwort schuldig, denn in diesem Moment kehrte das Dienstmädchen zurück, um ihn zur Dame des Hauses zu geleiten.
Lady Helena MacLancastor erwartete ihn in der Bibliothek. In ihrer Jugend war sie eine Schönheit gewesen. Nicht so sehr, weil ihre Lippen weicher oder ihre Taille schlanker gewesen wären als die anderer junger Frauen, sondern wegen der unbeugsamen Würde, die sie ausstrahlte. Diese Würde hatte sie sich bewahrt und sie hielt sie auch im stattlichen Alter von sechzig Jahren noch kerzengerade in ihrem Lesesessel. Ihre Haltung strahlte eine gewisse zynische Nüchternheit aus, die durch ihre schlichte schwarze Trauerkleidung noch betont wurde.
„Desmond“, sagte sie so unbewegt als begrüße sie ihren Stallmeister und nicht einen zwei Jahrzehnte lang verschollenen Sohn. „Ich dachte schon, das Mädchen hätte sich verhört.“
„Ich freue mich auch, dich zu sehen, Mutter“, erwiderte Faust ihren Sarkasmus. „Wie ich sehe, hast du einen Verlust zu beklagen.“
„Keine falschen Mitleidsbekundungen.“
„Nur eine Feststellung.“
Faust war tatsächlich nicht allzu betrübt über das Dahinscheiden seines Stiefvaters. Lord MacLancastor hatte ihn und seine Schwester nur adoptiert, weil Helena dieser Ehe sonst nie zugestimmt hätte, doch er hatte sie bei jeder Gelegenheit spüren lassen, dass sie den Namen MacLancastor in seinen Augen nicht verdient hatten. Seine Mutter hatte es für sie getan, wusste Faust – um ihnen die Schande zu ersparen, als Bastarde aufzuwachsen…. und wohl auch deshalb, weil sie nach dem Verschwinden seines Vaters befunden hatte, dass es sich mit gebrochenem Herzen reich besser leben ließ als arm. Und wie nicht anders zu erwarten hatte sie die Rolle der gelangweilten Aristokratin zur Perfektion gebracht.
„Tee?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, ließ Lady Helena das Dienstmädchen mit zwei Teegedecken anrücken und für eine Weile war nur ein dezentes Schlürfen zu hören. Als Faust feststellte, dass er bereits angefangen hatte, die Titel der Buchrücken zu lesen, um das bedrückende Schweigen mit Worten zu füllen, erkannte er, dass es höchste Zeit war, irgendetwas zu sagen.
„Und? In letzter Zeit etwas von meiner Schwester gehört?“
Lady Helena vermochte selbst die unverfänglichste Frage in eine Spitze zu verwandeln: „Lass mich nachdenken. Ihr letzter Brief aus Narbental-Stadt erreichte mich vor etwa einem Jahr. ‚Geht es gut, Claire’. Offenbar bin ich ihr nicht einmal ein Pronomen wert. Aber ich sollte mich glücklich schätzen. Vier Worte pro Jahr sind besser als zweiundzwanzig Jahre stumme Ungewissheit, meinst du nicht?“
„Autsch.“ Alles klar. Sie würde es ihm nicht leicht machen. Und er kannte nur ein Mittel gegen süffisante Dünkelhaftigkeit – schonungslose Ehrlichkeit. „Ich hatte ja vor mich eher zu melden. Aber der Orden war mir auf den Fersen, weil ich einen von denen abgemurkst hatte. Dann kamen die Nebel und ich verlor mein Gedächtnis, dich eingeschlossen. Tja, und dann musste ich ein paar Mal die Welt retten und wegen der Zauberpest saß ich fast zwölf Jahre im Zeitstrom fest.“
Beherrscht führte seine Mutter ihren Tee zum Mund, um seinen Worten Zeit zu geben, ihren aufmüpfigen Nachklang zu entfalten, bis sie selbst in seinen Ohren wie das störrische Ausrede eines jugendlichen Ausreißers klangen.
Verdammt, sie kennt mich gut.
„Und? Hatte er es verdient?“, fragte sie schließlich. „Der Mann, den du ‚abgemurkst’ hast?“
„Nicht wirklich“, gab Faust zu. „Er… hat sich abfällig über Vater geäußert.“
Zum ersten Mal stahl sich der Anflug eines Lächelns in ihre Augen.
„Dann hatte er es vielleicht doch verdient.“
„Glaubst du das wirklich?“ Faust sah seiner Mutter fest in die Augen. „War Vater wirklich so ein Held?“
„Was hast du gehört, das dich daran zweifeln lässt?“
Er erzählte ihr von den Anschuldigungen, die Thallastam gegen seinen Vater vorgebracht hatte: dass er seine Freunde verraten und seine Seele an einen Teufel verkauft hatte.
Lady Helena schwieg lange und schien in eine Vergangenheit zu blicken, an die Faust sich nicht erinnern konnte. Als sie endlich sprach, war aller Spott aus ihrer Stimme verschwunden: „Er war sicher kein Lamm, dein Vater. Aber ist die Geschichte nicht voll von Männern, die schwere Entscheidungen getroffen haben, um… wie nennst du es… die Welt zu retten?“
Faust sah auf. Ihr unumstößlicher Glaube an den Mann, der sie verlassen hatte, gab ihm Hoffnung … Vielleicht hatte sein Vater einen guten Grund gehabt. Vielleicht war die Wahrheit noch nie erzählt worden…
Lady Helena erhob sich, bevor die Stimmung ins Sentimentale umschlagen konnte.
„Zeit fürs Abendessen“, kündigte sie an. „Vielleicht willst du mir ja nun endlich deine Begleiterin vorstellen, die du so unschicklich in der Empfangshalle hast warten lassen.“
Wenige Minuten später saßen sie zusammen mit Winter um den großen Tisch im Esssaal. Fausts Mutter schien eine diabolische Freude am Herumscheuchen von Dienstpersonal entwickelt zu haben – offenbar hatte sie vergessen, dass sie einst selbst zur Dienerschaft dieses Hauses gezählt hatte – und Winter kam aus dem schwärmerischen Beschreiben von Möbeln und Kunstgegenständen gar nicht mehr heraus. Der Umstand, dass die beiden Frauen sich offenkundig prächtig verstanden, verursachte leichtes Magengrummeln bei Faust. Und das grüne, schwabbelige und vermutlich sündhaft teure Ding, das in seiner Suppe schwamm, machte die Sache nicht besser.
„Denkst du nicht auch, Desmond?“
Faust fuhr zusammen.
„Hm? Ich war gerade zu beschäftigt mit dem grünen schwabbeligen Ding in meiner Suppe.“
„Naganiere“, erklärte Lady Helena unbeeindruckt. „Winter erzählte mir gerade, dass du kürzlich den Bund für Leben geschlossen hast. Es kam dir nicht zufällig in den Sinn, dass ich mich freuen würde, meine Schwiegertochter kennenzulernen?"
Er warf Winter einen bitterbösen Blick zu, den seine Gefährtin mit einem koketten Grinsen erwiderte.
„Ich bin nicht verheiratet“, knurrte er. „Wenn ich jedes Mal ein Gelübde abgelegt hätte, wenn eine Scheiß-Welle über meinem Kopf zusammengebrochen wäre, dann wäre ich schon in Ehefrauen ertrunken. Es war ein Versehen – ein missverstandenes Inselvolk-Ritual, weiter nichts.“
„Du hast also unfreiwillig geheiratet.“
Irgendwie brachte sie es fertig, alles als lächerlich hinzustellen, was er sagte.
„Was ist mit Euch?“, wandte sie sich an Winter. „Seid Ihr vergeben?“
Winter dachte fieberhaft nach. Offenbar wurde ihr gerade bewusst, dass sie keinen blassen Schimmer hatte, was mit dem Piratenkapitän geschehen war, den sie sich zuletzt geangelt hatte.
Schließlich entschied sie sich für: „Ich denke nicht. Mein letzter Ehemann kam vermutlich während der Zauberpest ums Leben.“
„Der letzte? Dann war er nicht der erste? Was ist mit den anderen passiert?“
Jetzt war es an Faust zu grinsen.
„Mein… äh… mein vorletzter Ehemann kam ebenfalls ums Leben.“
„Oh“, sagte Lady Helena amüsiert. „Hörst du das, Desmond. Wenn du das nächste Mal unfreiwillig heiratest, solltest du Acht geben, dass Winter nicht deine Braut ist.“
„Das werde ich, keine Sorge.“
„Dann lasst uns anstoßen.“ Sie erhob ihr Glas. „Auf tote und unerwünschte Ehegatten!“

Grimwardt
Abtei des Schwertes, am nächsten Morgen.
Keuchend hielt sich Sir Silas mit dem Eisenhandschuh an der Umzäumung des Übungsplatzes fest und Grimwardt konnte aus den Augenwinkeln erkennen, wie sich die Lippen des Verwundeten im stummen Gebet bewegten. Während Grimwardt zum nächsten Hieb ansetzte, sammelte der Ritter noch einmal all seine Kraft und stieß sich mit einem Kapfesruf von der Umzäumung ab. Er bewegte sich schnell und sein Schwerthieb war auf die ungeschützte Armhöhle des heranstürmenden Gegners gezielt. Doch in diesem Moment trafen sich die ersten Sonnenstrahlen im Eisenblatt der erhobenen Streitaxt des Kriegspriesters. Geblendet verfehlte Sir Silas seinen Gegner. Beinahe im selben Augenblick krachte Grimwardts Streitaxt gegen seinen Schwertarm und brach ihm den Unterarm. Seine Waffe fiel klirrend in den Staub. Im nächsten Moment ließ ein Kniehieb in die Magengrube den Ritter zusammenbrechen.
„Ich… erkenne Euren Sieg an“, winselte der Besiegte mit schmerzverzerrter Grimasse. „Tempus hat entschieden: Ihr seid… Priestergeneral der… Abtei.“
Grimwardt beugte sich mit einem zufriedenen Grummeln zu ihm herab und legte ihm die Hand auf den gebrochenen Arm, um den Bruch zu heilen. Dann half er dem Besiegten auf die Füße. Sein Blick glitt zu einem der Fenster im zweiten Stock des Hauptgebäudes, doch Lady Zia, die den Kampf aus sicherer Entfernung beobachtet hatte, war verschwunden.
Lass dich hier bloß nie wieder blicken, dachte der Priester düster.  
Dann fiel ihm auf, dass etwas nicht stimmte. Wieso war es so still? Die Kunde vom Zweikampf zwischen dem alten und dem neuen Priestergeneral hatte sich natürlich wie ein Lauffeuer herumgesprochen und niemand in der Abtei schien an diesem diesigen Frühlingsmorgen etwas Besseres zu tun zu haben als um den Übungsplatz herumzustehen und die Kämpfenden zu begaffen. So sehr sich Grimwardt auch über die lasche Arbeitsmoral ärgerte, die sich unter Sir Silas’ Leitung in den Abteialltag geschlichen hatte, so seltsam erschien es ihm doch, dass der lästige Applaus, der für gewöhnlich auf ein Duell folgte, ausblieb. Und das Licht! War das wirklich die aufgehende Morgensonne, die so hell erstrahlte, dass sie alle Umstehenden blendete?
Plötzlich ging ein Raunen durch die Menge und einer nach dem anderen fiel auf die Knie. Sir Silas war der erste, der, den Blick auf etwas hinter Grimwardt gerichtet, einen heißeren Schrei ausstieß und dann zu Boden sank, und alle anderen taten es ihm gleich, bis Grimwardt der einzige war, der noch stand. Selbst Faust, der das Bein für gewöhnlich vor nichts und niemandem neigte, sank – wenn auch nicht ganz freiwillig, wie es Grimwardt schien – in eine tiefe Reverenz.
Der Priester wandte sich um: Die Gestalt bewegte sich schweren, metallenen Schrittes von Norden her auf die Abtei zu. Nichts in ihrem Weg, weder die Bäume noch die Wehrmauer, konnte ihren Trott bremsen – selbst der Wald und die Steine wichen voller Ehrfurcht vor ihr zurück. Sogar die Gesetze der Perspektive schienen für sie nicht zu gelten, denn sie wurde kleiner statt größer, je näher sie kam: Als sie am Waldrand auftauchte, überragte sie noch die Baumwipfel, doch als sie schließlich ihr Schild neben Grimwardt in den Boden rammte, befanden sie sich auf Augenhöhe. Der schwer gepanzerte Kämpe riss sich den Helm vom Kopf: Eine dichte, schwarze Mähne fiel auf seine Schultern hinab und umrahmte ein Gesicht, das so von Narben entstellt war, dass es der Kraterlandschaft von Kriegersruh glich. Und aus dieser Kraterlandschaft blickten zwei stahlblaue Augen geradewegs in Grimwardts Seele.
Sein Herzschlag setzte aus und er verlor den Boden unter den Füßen.
Er hat den Helm abgenommen! Er hat mich in sein Gesicht blicken lassen!
„Erhebe dich, Grimwardt Fedaykin.“
Seine Beine gehorchten, während er noch in einem Rausch aus Ehrfurcht und banger Erwartung gefangen war.
„Grimwardt Fedaykin“, sagte Tempus mit einer Stimme, die schon ganze Landstriche zerklüftet hatte. „Du bist der treuste und mächtigste meiner Diener, die derzeit auf Faerûn wandeln. Die Welt hat sich verändert in den Jahren, in denen du im Strom der Zeit gefangen warst. Die Zuversicht in die Götter schwindet seit Mytras Tod. Die Auserwählten der Götter, ob gut oder böse, haben diese Welt verlassen. Die Zeit ist gekommen für neue Helden, um die Geschichte Faeruns zu formen. Du wirst einer dieser Helden sein. Ich will dich zu meinem Auserwählten machen und einen Teil meiner Göttlichkeit auf dich übertragen. Doch mein Geschenk kann auch zum Fluch werden. Mein Ruhm wird deiner sein, doch sollte ich vernichtet werden, so wirst du mit mir fallen und das Schicksal der Sieben Schwestern teilen. Ich frage dich darum: Grimwardt Fedaykin, Priestergeneral der Abtei des Schwertes, bist du bereit mein Gesandter auf Erden sein, sodass deine Entscheidungen zu meinen werden, dein Ruhm zu meinem und deine Niederlagen zu meinen?“
Wenn ich in diesem Moment sterben würde, ich würde es nicht einmal merken, war der einzige Gedanke, zu dem Grimwardt fähig war.
Doch er sagte mit fester Stimme: „Ja, Herr, ich bin bereit. Und ich werde Euch nicht enttäuschen.“
„So sei es.“
Tempus legte ihm die Hand auf die Schulter und Grimwardt spürte, wie die Berührung sein ganzes Wesen erfüllte und etwas Göttliches von ihm Besitz ergriff, das ihn auf alle Zeit mit dem Gott verband. Er keuchte auf.
Als er die Augen öffnete, war Tempus verschwunden. Kein Lüftchen rührte sich und niemand regte sich. Starre, ehrfurchtsvolle Blicke waren auf Grimwardt gerichtet.
„Aber…“, durchbrach in diesem Moment Fausts irritierter Einspruch die Stille. „Ich bin der Auserwählte!“
Das löste die Anspannung. Irgendwer verpasste dem Querkopf einen Schlag in die Rippen und tosender Jubel brandete auf.
„Was kniet ihr hier alle im Staub?“, knurrte Grimwardt, als der Rummel sich ein wenig gelegt hatte. „Los, zurück an die Arbeit, aber plötzlich!“

Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 22. Dezember 2010, 02:42:48
Hihi! Seeeeeehr cool! Hätte nicht gedacht, dass du daraus so viel machen kannst! Echt, toller Beginn. Und auch die "Achse des Guten" taucht auf!  :wink:
Lustiger Weise könnte sogar das nächste Buch mit Drake anfangen, fällt mir grade auf...
Bin gespannt auf mehr!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 22. Dezember 2010, 21:53:50
Boah, Wahnsinn, ist das gut geworden!!!

Ich musste hier im Drake-Prolog lachen:
"Selbst durch vier geteilt, brachte die Plünderung eines Drachenhorts noch mehr ein als er in einem Monat verdienen konnte."
Der Gedanke, dass ein durchschnittlicher Drachenhort gute vier Drake-Monatsgehälter beinhaltet...*ggg*
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 22. Dezember 2010, 23:14:24
Ja, haben ja jetzt ein paar Drachennamen und grobe Richtungen herausbekommen  :twisted:
Mir ist gerade die (bewusste oder unbewusste) Parallele zum Irakkrieg und so aufgefallen. Andererseits liest man das natürlich in sehr viele Sachen rein. (vor ner Woche noch in Geschichte auf 300 angewandt)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 23. Dezember 2010, 14:47:51
Naja, ist halt so allgemein einer "flag follows trade" Strategie nachempfunden: Staaten durch Handelsdominanz so abhängig machen, dass die politische Übernahme (ob tatsächlich oder inoffiziell) nur noch ne Formsache ist. Aber durch das Setting und die Sandfürsten hats natürlich wirklich viel vom Irakkrieg ;-)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 27. Dezember 2010, 17:16:17
Ich freu mich schon auf mehr... :)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 05. Januar 2011, 02:58:54
Oh ja... dann gehts jetzt bald ab in die Wüste, hm? Oder kam da noch was dazwischen? Die Abenteuer von Grimmi in Rabenklippe kamen doch danach...
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 09. Januar 2011, 21:41:29
Kann ich mir ne Fortsetzung der Geschichte schonmal zum Geburtstag wünschen? ;)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 10. Januar 2011, 02:26:36
Also dann: Alles Gute zum Geburtstag, Nightmoon  :)

Kapitel II: Seelenmelodie  

Winter

Vier Wochen später im Nordosten der Anauroch.  

Sie weiß, was geschehen wird, doch sie kann es nicht aufhalten. Sie folgt dem Handlungsfaden ihrer Vision wie eine Marionette. Die Kämpfenden sind gesichtslose Schatten im Sand, der Schlachtenlärm ein verschwommenes Hintergrundrauschen. Ihr Blick findet Scarlets roten Haarschopf und sie ruft ihren Namen. Ihre Tochter wendet sich um - im selben Moment, als aus der entgegengesetzten Richtung der schwarze Reiter heranrast und sein Schwert stoßbereit über die Schulter hebt.
„Winter!“
Keuchend fährt Winter herum. Die plötzliche Bewegung reißt sie aus ihrer Vision. Blinzelnd blickt sie sich um: Sie steht in Desayeus‘ Spiegelsaal. Dorien harrt neben ihr, den Blick starr auf die Bilderfolge im Spiegelglas gerichtet. Die Schatten ihrer Vision huschen über sein Gesicht wie Schlangen aus rotem und gelbem Licht.
„Du musst etwas tun“, sagt er tonlos. „Sie ist unsere Tochter.“
„Ich kann nicht“, erwidert sie hilflos. „Nicht ohne Magie…“
Abrupt wendet er ihr den Blick zu.
„Sieh hin“, fordert er.
Sie schließt kurz die Augen, dann zwingt sie ihren Blick zurück auf die Bilder im Spiegel. Ihr zukünftiges Ich rennt auf Scarlet zu, wie Dutzende Male zuvor. Doch diesmal ist etwas anders als sonst. Sie ist schneller als zuvor und erreicht ihre Tochter einen Lidschlag eher. Als das schwarze Schwert auf Scarlet niederfährt, murmelt sie einen Zauber und Mutter und Tochter verschwinden und tauchen an einem fernen Strand wieder auf. Als Scarlet sich zu ihrer Retterin umdreht, wendet diese den Kopf ab… und Winter blickt in zwei schwarze, pupillenlose Augen.

Schweißgebadet fuhr Winter aus dem Schlaf. Es war nicht der erste Traum dieser Art seit sie die Wüste betreten hatten.... Vorsichtig, um Miu nicht zu wecken, die eingeigelt neben ihr schlummerte, hob sie die Zeltöffnung an und kletterte ins Freie.
„Du bist zu früh“, bemerkte Faust, der vor dem Männerzelt Wache hielt und sein Schwert wetzte.
„Geh ruhig...“, murmelte sie. „Ich kann ohnehin nicht wieder einschlafen.“
Offenbar hatte sie nicht ganz das Zittern aus ihrer Stimme bannen können, denn Faust hielt in seiner Arbeit inne und hob stirnrunzelnd den Kopf. „Alles in Ordnung?“
Sie nickte matt. „Nur schlecht geträumt.“
Er begriff, dass sie allein sein wollte, und verzog sich in sein Zelt.
Winter stützte den Kopf auf die Knie und versuchte sich auf die Stille der Wüstennacht zu konzentrieren, um das Hämmern in ihrer Brust zu beruhigen. Jenseits des Lichtkegels, den das Lagerfeuer warf, war die Nacht rabenschwarz - schwärzer als Winter sie in Erinnerung hatte. Für gewöhnlich verlieh ihr magischer Blick ihr die Fähigkeit im Dunkeln zu sehen. Doch nicht hier in der Wüste, wo das magische Gewebe zu beschädigt war und die Schattenmagie der Umbranten jede andere Form von Magie unterdrückte. 
Blind, dachte Winter. Hier bin ich eine Blinde.
Es war nicht gerecht! Ihre Magie war Teil ihres Wesens - dieser magielose Ort nahm ihr die Seele! Faust hatte sein Schwert und sein Glück, Grimwardt seine Axt und seinen Glauben und Miu ihr Vertrauen in ihre Mission, aber sie… sie war nichts an diesem Ort. Und ausgerechnet hier würde sich ihr Schicksal – ihres und das ihrer Tochter – entscheiden. Der Gedanke erfüllte sie mit ohnmächtigem Zorn.
Heimlich, ohne das Wissen ihrer Freunde, hatte sie versucht, das Schattengewebe anzuzapfen. Sie spürte seine Präsenz instinktiv, so wie sie Mystras Gewebe immer gespürt hatte, doch wann immer sie sich auf die Strukturen des Schattengewebes zu konzentrieren versuchte, verwirrten sich ihre Gedanken, zogen sie tiefer und tiefer in einen Strudel der Trugbilder und Illusionen. Und dann waren da die Träume… Shars Art, ihr das unbefugte Eindringen in ihr Schaffenswerk heimzuzahlen. Doch sie konnte sich nicht Shar verschreiben. Lange hatte sie geglaubt, es sei ihre Abscheu vor dem, wofür die Göttin der Finsternis stand, der sie daran hinderte. Doch das stimmte nicht, erkannte sie nun. Schon dadurch, dass die Göttin ihr den Schlüssel zum Schattengewebe verwehrte, beschnitt sie die Macht, die Winter für sich beanspruchte. Es war ihr Verdienst, ihre Magie… Shar hatte keinen Anteil daran. 
Plötzlich spürte sie, dass sie nicht mehr allein war. Ein menschlicher Schatten hatte sich lautlos in das tanzende Muster gestohlen, das die flackernden Flammen auf den Sandboden malten. Ein Umbrant! Winter sprang auf, doch ehe sie einen Warnruf ausstoßen konnte, trat der Fremde ins Licht. Behutsam, ohne Hast, hob er die Hände zum Zeichen, dass er unbewaffnet war. 
„Nicht, Winter“, sagte er ruhig. „Ich bin hier, weil ich mit Euch sprechen will.“
Ihre erste Einschätzung bestätigte sich nicht: Der Fremde hatte weder die gräuliche Haut noch die glühenden Augen eines Umbranten. Er war breitschultrig und groß, größer als die Bewohner Netherils, und hatte schwarzes, schulterlanges Haar, das sich am Ansatz leicht keilförmig in seine Stirn fraß. An den Seiten zogen sich silberne Strähnen durch sein Haar, die ihm Autorität verliehen, ohne ihn alt wirken zu lassen. Der Lichtschein, der unruhig in seinen Augen tanzte, bildete einen seltsamen Kontrast zu der bedächtigen Gelassenheit, die er ausstrahlte. Etwas Gefährliches, Rastloses lag in diesem Kontrast, fand Winter, ohne dass sie hätte sagen können, ob es einschüchternd oder einnehmend auf sie wirkte.
„Wer seid Ihr?“, hörte sie sich selbst fragen.
Sie wusste, es wäre klüger gewesen, seine Beteuerung zu ignorieren und die anderen zu wecken. Wer sagte, dass er nicht ein Schattenmagier in Verkleidung war? Wie, wenn nicht durch Magie, sollte er sie gefunden haben und hierher gelangt sein, mitten in die Sandwüste, ohne Reittier und Ausrüstung? Doch das, was sie misstrauisch stimmte – sein mysteriöses Auftauchen, die Aura des Machtvollen – war zugleich das, was ihre Neugier weckte.
„Mein Name würde Euch nichts sagen“, sprach der Fremde. „Aber seid versichert, dass ich weder Netheril noch der Schattengöttin diene. Ich beobachtete Euch und Eure Gefährten schon seit langem, denn ich… nun, sagen wir, ich habe ein besonderes Interesse am Wohlergehen dieser Gemeinschaft.“ Sein Blick glitt zu den beiden Zelten und ein eigenartig hartes Lächeln ließ seinen rechten Mundwinkel zucken.
„Was meint Ihr damit? Welche Art von Interesse?“
Statt zu antworten, musterte er sie lange und eindringlich, ehe er sagte: „Eure Träume sind düster in letzter Zeit. Die Unbeständigkeit der Magie bereitet Euch Angst. Ich bin hier, um Euch ein Geheimnis zu verraten, dass Eure Sorgen mindern kann… wenn Ihr es hören wollt.“
Argwöhnisch zog sie die Schultern hoch. „Zu welchem Preis?“
Wieder dieses unheimliche Zucken in seinem rechten Mundwinkel. „Den Preis bestimme nicht ich, Winter…“ Er trat näher ans Feuer. „Das Schattengewebe ist nur ein Medium, das es den Göttern ermöglicht, sterbliche Magie unter Kontrolle zu halten. Wir können uns dieser Kontrolle nicht entziehen, aber wir sind frei, was die Wahl des Mediums betrifft. Gewebe und Schattengewebe sind nicht die einzigen magischen Netzwerke. Es gibt andere Wege, Magie zu kanalisieren.“
„Wovon sprecht ihr?“
„Seelen“, sagte er an die Flammen gewandt. „Seelenmagie ist eine Art von Magie, die mit der Schattenmagie verwandt ist. Richtig angewandt ist sie mächtiger als Gewebemagie, weil die Götter wenig Einfluss darauf haben, aber sie erfordert auch größere Opfer. Es ist nicht ungefährlich, Seelen von den Göttern zu stehlen, denn wer einmal von dieser Macht gekostet hat, findet es für gewöhnlich schwer, ihr zu wiederstehen. Und maßloser Seelenverzehr kann dazu führen, dass sich die eigene Seele… verändert.“
„Seelenverzehr…“ Winter schluckte. Plötzlich war ihr Mund staubtrocken. „Wie…?“
„Wollt Ihr es wissen?“ Er hob den Kopf und sah sie unverwandt an. „Dann kommt mit.“
Zaudernd blickte sie auf die ausgestreckte Hand, die der Fremde ihr darbot.
Seelenverzehr, die Götter bestehlen…. Sie wusste, dieses ungeheuerliche Angebot, vorgetragen mit solch unverhüllter Kaltblütigkeit, hätte sie erschüttern oder abstoßen sollen. Doch ein Teil ihres Wesens – jener Teil, der heimlich frohlockte, wenn ihre Zauber das Leben aus den Körpern ihrer Gegner saugten – erzitterte bei dem Gedanken an die Macht, die das Angebot des Fremden verhieß.
Meine Seele HAT sich bereits verändert - unwiederbringlich.
„Wartet“, sagte sie mit belegter Stimme.
Während der Fremde zurück in den Schatten glitt, weckte sie Miu und wies sie an, ihre Nachtwache zu übernehmen. Ohne auf den verdatterten Blick der Ordensschwester einzugehen, entschwand sie ebenfalls in die Nacht.
Der Fremde teleportierte mit Winter auf ein windgepeitschtes Hochplateau. Die Steine unter ihren Füßen waren scharfgeschliffen vom Wind und der Neumond enthüllte wage die Umrisse von drei kegelförmigen Felsen, die vor ihr aus dem Boden stachen. Zwischen den Felsen fand der Fremde den Eingang zu einer windgeschützten Schlucht. Etwa in der Mitte des Engpasses lagerte eine Gruppe von Strauchdieben. Nach dem Untergang der Zhentarim hatten sich viele ehemalige Zhent-Söldner zu Räuberbanden zusammengeschlossen, die von Karawanenüberfällen lebten und sich bei Anbruch der Dunkelheit in das Höhlenlabyrinth auf der Ebene der Stehenden Steine zurückzogen. Geschützt durch einen Unsichtbarkeitszauber harrten Winter und ihr Begleiter am Eingang der Schlucht und lauschten dem rauen Gelächter der angetrunkenen Banditen. Als sich einer der Männer von der Gruppe entfernte, weil er austreten musste, schnellte der Seelenmagier plötzlich vor. Ein einziger präzise ausgeführter Schlag in den Nacken ließ den Mann besinnungslos in seine Arme sinken.
„Die Seele eines Sterblichen ist unantastbar, selbst für die Götter“, erklärte der Fremde, nachdem er sein Opfer in eine Felsnische geschleift hatte. „Sie verbirgt sich im Schatten ihres Körpers – darum ist der Schatten die Schnittstelle zwischen Schatten- und Seelenmagie. Wenn ihr Träger an der Schwelle zum Tod steht, ist die Seele für die Dauer seines letzten Herzschlags orientierungslos und wird sichtbar… oder vielmehr hörbar. Und in diesem winzigen Augenblick ist es möglich sie zu binden.“ Er murmelte einen magischen Befehl und eine kleine Flamme erschien in seiner Hand und warf flackernd drei Schatten an die Felswand. Dann zückte er einen Dolch und hielt ihn Winter mit dem Griff zuvorderst hin. „Töte ihn.“
Ohne zu zögern griff sie nach der Waffe und drückte sie dem Bewusstlosen an die Kehle.
„Nicht so schnell“, hielt der Fremde sie zurück. „Sonst verpasst du den Moment. Konzentrier dich auf seinen Schatten. Wenn du seine Seelenmelodie hörst, ist es soweit. Dann trink seinen Schatten!“
Sie hob irritiert den Kopf. „Wie…?“
Wieder zuckte sein rechter Mundwinkel, doch diesmal war das Ergebnis ein beinahe sanftes Schmunzeln. „Du wirst schon sehen…“
Als sie ihrem Opfer den Dolch in die Brust stieß, gab sie Acht nicht das Herz zu treffen, damit der Tod nicht zu schnell kam. Er riss die Augen auf und stieß ein ersticktes Röcheln aus – halb zornig, halb panisch -  doch sie achtete nicht darauf. Eine betäubende Ruhe hatte Besitz von ihr ergriffen, die sie alle Empfindungen ausblenden ließ, bis sie nur noch das Pochen seines sterbenden Herzens vernahm. Als die Abstände zwischen den Herzschlägen kürzer wurden, wurde das Pochen von einem anderen Geräusch überlagert. Es erinnerte sie an das Geläut der Seelenfrüchte in der Bastion der ungeborenen Seelen, nur viel zaghafter, fast scheu. Es war wunderschön und es schien aus der Richtung des Schattens zu kommen, der schemenhaft und dreifach vergrößert über die Felswand kroch. Plötzlich ergriff sie ein düsteres, zügelloses Verlangen – sie musste dieses Klangs, dieser Seelenmelodie, habhaft werden! Etwas, das wie ein inhalierendes Zischen klang, brodelte in ihrer Kehle.  Der Schatten floss aus der Wand in ihre Augen und hinter ihrer Stirn explodierte die Wüste in einem Feuerwerk aus Farben, die sie nur aus Träumen kannte. Sie hatte nicht gewusst, dass die Nacht so bunt sein konnte! Es waren die Farben der Magie, die Zellstrukturen des Schattengewebes. Die Magie durchströmte ihren Körper wie ein wohltuender Sirup und als es in ihren Fingerspitzen knisterte, hatte sie das irre Gefühl, die Welt zerstören zu müssen, um diesem Hochgefühl standhalten zu können.
Einen Herzschlag später sank sie besinnungslos zu Boden. 

Faust
Ruinen von Phelajarama, nordöstliche Anauroch, zwei Tage später. 
 Die Sandhügel folgten ihnen. Schon als sie die alte Stadtruine betreten hatten, war Faust die erstaunliche Mobilität der sechs Dünen aufgefallen, darum war er nicht sonderlich überrascht als ein halbes Dutzend Bedinenkämpfer aus den Wanderdünen sprang, kaum dass sie den Treffpunkt – das einzig intakte Gemäuer in Phelajarama – erreicht hatten. Drei der Männer hielten Armbrüste auf die Neuankömmlinge gerichtet; der Rest zückte Schwerter und Krummsäbel. 
Nessaja“, nannte Faust ihnen das Losungswort.
Augenblicklich ließen die Bedinen ihre Waffen sinken und ein junger Halbelf trat hinter den windschiefen Mauertrümmern hervor. Er hatte rindenbraune Haut, lebhafte schwarze Augen und trug ein Federbarett, das an diesem Ort ebenso fehl am Platze wirkte wie sein höfischer Aufzug.
„Es ist also wahr!“ Die Augen des Jungen leuchteten vor Aufregung, als er in schwungvoller Kavaliersmanier seinen Hut lüftete und sich mit der Hand auf der Brust vor den Gefährten verneigte. „Die Bezwinger des Hadhrune Tanthul sind von den Toten zurückgekehrt!“
 „Laguna Lyrail, nehme ich an?“
„Derselbe“, sagte der junge Halbelf großspurig. „Welch eine Ehre, meinen Namen aus dem Munde des großen Faust zu vernehmen!“
Faust schmunzelte geschmeichelt. „Der Mund des ‚großen Faust‘ hat seit heute Morgen kein Wasser mehr zu schmecken bekommen – diesmal mussten wir leider auf die Gesellschaft eines zwergischen Kampftrinkers mit nimmerleerem Humpen verzichten…“
„Es ist nicht weit“, erklärte Laguna eilfertig. „Zarif erwartet Euch bereits mit Ungeduld… und Scarlet auch, denke ich“, fügte er ohne besonderen Nachdruck hinzu.
Die Erwähnung ihrer Tochter riss Winter aus ihrer traumtänzerischen Verklärung. Seit zwei Tagen wandelte sie durch die Gegend wie eine erleuchtete Heilige – mit unnatürlich geweiteten Pupillen und einem gruseligen Glückseligkeitslächeln auf den Lippen. Faust fand diese neuste Masche seiner Mitstreiterin noch unheimlicher als ihr düsteres vor sich hin Brüten. Es wunderte ihn ein wenig, dass Grimwardt, der doch sonst der Kritischste von ihnen war, noch keinen seiner schroffen Kommentare dazu abgegeben hatte. Doch der gestrenge Priester hatte eine erstaunliche Verdrängungsgabe, wenn es darum ging die Launen seiner Schwester zu ignorieren…
Das Versteck des Sandfürsten lag etwa fünfzehn Minuten von der Ruinenstadt entfernt inmitten der Sandwüste. Nichts wies hier auf eine menschliche Siedlung hin. Doch auf ein Pfeifsignal des Halbelfen kam plötzlich Bewegung in die Dünen, eine Zeltplane wurde zurückgeschlagen und enthüllte ein halblingsgroßes Loch im Sand – den Eingang zu einem Lager von der Größe eines Dorfes. Keine Magie stützte die Stadt im Sand, sondern nur eine ausgefeilte Pavillonkonstruktion aus Zeltplanen und Stützbalken. Faust vermutete, dass sich die D‘Tairig die häufigen Sandstürme dieser Gegend zunutze gemacht hatten: Wer kurz vor einem solchen Sturm ein Lager in der Wüste aufschlug, der musste nur abwarten, bis die Wüste ihre verhüllende Sanddecke darüber ausbreitete. So hatten der Sandfürst und seine Leute im Bestreben, den gefürchteten Luftpatrouillen der Netherim ein Schnippchen zu schlagen, das Land zu ihrer Komplizin gemacht.
Gebückt betraten die Gefährten die geheimnisvolle Welt der D‘Tairig: Dicht an dicht standen hier bunte Zelte, zwischen denen Wäscheleinen gespannt waren, an denen neben Kleidungsstücken auch klimpernde Glastalismane baumelten. Männer saßen vor den Zelten, tauschten Waren, gingen ihrem Handwerk nach oder betrachteten mit argwöhnischer Neugier die Neuankömmlinge.
Laguna führte die Gefährten zu einem geräumigen Kommandantenzelt, vor dem eine Wache postiert war. Innen saßen auf einem Teppich drei D’Tairig mit Säbeln und leichten Rüstungen. Als die Gefährten eintraten, steckten die Rebellen gerade die Köpfe über einer Landkarte zusammen, die entfaltet vor ihnen auf dem Boden lag, während sie ein wohlriechendes schwarzes Gebräu aus niedrigen Bechern schlürften. In einem mit Tüchern abgetrennten Bereich im hinteren Teil des Zelts waren drei mit Seidenschleiern verhüllte Frauen mit Mörser und Stößeln zugange: Sie zerstießen kleine dunkle Bohnen zu Pulver, das sie dann mit Wasser über einer kleinen Flamme erhitzten. Es gab nur ein schmales Abzugsrohr über der Feuerstelle – eine größere Öffnung wäre von außen zu auffällig gewesen – sodass eine beständige Dunstwolke unter dem Zeltdach hing, die alles mit ihrem nebligen Film überzog. Darum erspähte Faust erst auf den zweiten Blick eine weitere Person: Sie saß mit dem Rücken zu den Neuankömmlingen vor einer der Landkarten. Als die vier Freunde näherkamen, erhob sie sich zögernd und trat ihnen in den Weg.
Winter erstarrte für einen Augenblick, ehe sie wortlos vortrat und ihre Tochter in die Arme schloss.
Trotz aller Bemühungen, ihre weiblichen Reize unter der sandfarbenen Tarnkleidung der Rebellen zu verbergen sah Scarlet hinreißend aus. Sie war nicht gar so hochgewachsen wie ihre Mutter und von üppigerer Statur mit einem herzförmigen Gesicht, strahlend blauen Augen, sinnlichen Lippen und einer unbändigen roten Lockenmähne, die sich trotzig gegen das Quastentuch auflehnte, das sie wie Zarifs Männer zum Schutz gegen die Sonne trug.
„Mutter…“  Steif befreite sich die junge Tempus-Priesterin aus der mütterlichen Umarmung.  Ihre Miene drückte kühle Reserviertheit aus. Winter war für sie eine Fremde geworden und sie schien nicht so ohne Weiteres bereit, ihrer Mutter den Schmerz zu vergeben, den ihr Verschwinden ihr einst bereitet haben musste. „Wir sollten draußen weiterreden.“
Nachdem Mutter und Tochter das Zelt verlassen hatten, hieß Zarif seine Gäste mit einem ehrerbietigen Handgruß willkommen und ließ ihnen von dem schwarzen Gebräu einschenken, das er Kaffee nannte. Befremdet beobachtete Faust die Art, wie die D’Tairig-Frauen sich  lautlos und unbeachtet wie Geister zwischen den Männern bewegten, um den Wünschen des Sandfürsten nachzukommen.
„Wir bringen neue Lieferungen aus Myth Drannor.“ Grimwardt breitete die Edelsteine, die Nimoroth ihnen mitgegeben hatte, vor den drei Männern aus. „Die Abtei des Schwertes im Schlachtental, deren Vorsteher ich bin, könnte Euch ebenfalls Unterstützung anbieten. Ich dachte dabei vor allem an Eisenwaren, wenn Ihr mir sagen könntet, welche Art von Rüstungen und Waffen Ihr benötigt.“
Es folgte eine kurze Besprechung zwischen den Rebellen, die darin bestand, dass Zarif einen kurzen, prägnanten Kommentar in seiner Muttersprache abgab, woraufhin seine beiden Berater einvernehmlich nickten.
„Wir danken Euch für Euer großzügiges Angebot.“ Der Bedine wählte seine Worte mit Bedacht und sprach mit respektvoller Ernsthaftigkeit. „Jede Hilfe ist und willkommen. Kurzschwerter und Säbel eignen sich am besten für den Kampf in der Wüste – schwere Rüstungen dagegen sind in der Hitze nur eine Last. Aber was wir noch dringender benötigen sind erfahrene Kämpfer. Nur die wenigsten meiner Männer sind im Kampf geschult – die meisten sind Handwerker oder Viehtreiber. Die größte Ehre würdet Ihr uns erweisen, wenn Ihr Euch uns anschließen würdet. Hier in der Wüste sind Eure Namen Legenden. Nichts, was wir tun, kann sich mit dem messen, was Ihr bereits erreicht habt.“
„Ihr meint die Vernichtung der Netherrollen?“ Grimwardt schnalzte mit der Zunge. „Hm… das waren andere Voraussetzungen. Solange der Hochprinz von Umbra und seine Söhne sich in ihrer fliegenden Stadt verschanzen, gibt es an sie kein Herankommen. Telamonts Luftfestung ist praktisch uneinnehmbar. Eine Belagerung kommt nicht in Frage – nicht allein wegen ihrer Lage, sondern auch weil genug Vorfälle bekannt sind, bei denen Telamont die Stadt einfach an einen anderen Ort versetzte.“
„Man müsste ihm einen Schlag versetzten, den er nicht ignorieren kann…“, sagte Faust versonnen. So wie der Tod seines Sohnes. Der Sandschlund, den der Herr von Umbra ihnen damals als Antwort geschickt hatte, war ein Zeugnis purer arkaner Wut gewesen. Wenn es ihnen noch einmal gelänge, ihn derart herauszufordern, wäre das womöglich ein Anfang…
„Wenn es jemanden gibt, der Telamont aus der Reserve locken kann, dann seid Ihr das“, nahm Zarif den Gedankenfaden auf. Er sprach ein paar kurze Sätze in seiner Muttersprache, worauf er auch dieses Mal das notorische Nicken seiner beiden Marionetten erntete, und wandte sich wieder an die Gefährten. „Es gibt womöglich etwas, das Ihr tun könnt, um sein Augenmerk auf Euch zu ziehen. Vor zwei Tagen misslang ein Anschlag meiner Männer auf einen hochrangigen Kriegsherrn und Diplomaten der Netherim. Wir hatten die Kampfstärke des Ziels unterschätzt. Einer meiner Männer, mein Bruder Sayid, wurde gefangengenommen und in eine Garnison nahe der Oase Siab verschleppt. Vermutlich wird man ihn dort foltern, um unser Versteck ausfindig zu machen. Eigentlich war beschlossen, dass wir Scarlet und den Halbelfen mit dieser Sache betrauen. Doch wenn Ihr – Telamonts alte Widersacher - meinen Bruder befreien und den Diplomaten ausschalten könntet, würde Telamonts Ansehen in Umbra in größerem Maße darunter leiden.“
Ehe einer der beiden Freunde darauf eingehen konnte, hörten sie von draußen Scarlets wütenden Protestruf: „Was hast du dir gedacht?! Dachtest du, du kannst nach zwölf Jahren hier aufkreuzen und mir vorschreiben, wie ich mein Leben zu leben habe?“ Faust und Grimwardt wechselten einen nüchternen Blick: Das Mutter-Tochter-Gespräch verlief offenbar ganz wie erwartet.
Kurz darauf wurde die Zeltluke geöffnet und Winter stapfte mit hochrotem Kopf herein und warf Zarif einen kleinen Beutel vor die Füße, der prall mit Edelsteinen gefüllt war. Stirnrunzelnd sah er auf.
„50,000 Gold“, sagte Winter. Sie war so aufgebracht, dass sie alle Regeln der Ehrbarkeit fahrenließ. „Dafür, dass Ihr meine Tochter gehenlasst. Sagt Ihr, sie wird hier nicht länger gebraucht.“
Die Züge des Bedinen verhärteten sich und er erhob sich mit steifer Würde. 
 „Dass wir die Hilfe von Freunden annehmen, bedeutet nicht, dass wir käuflich sind.“ Er maß Winter mit abschätzigen Blicken. „Ich verfüge nicht über Eure Tochter.“
„Oh, aber über Eure eigenen Frauen verfügt Ihr schon, wie?“, konnte Faust sich nicht verkneifen zu murmeln und erntete dafür einen missbilligenden Blick von Grimwardt.
„Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun!“
„Ihr spracht gerade von Eurem Bruder“, beeilte sich der Priester das Gespräch wiedereinzurenken, ehe ein handfester Streit aus Winters Erpressungsversuch erwachsen konnte. „Was könnt Ihr uns zu dem Umbranten sagen, der das Ziel des Anschlags war?“
Nur widerwillig folgte der Sandfürst dem Themenwechsel und sein Tonfall machte deutlich, dass es mit seiner Hochachtung für die Helden nicht mehr weit her war. „Sein Name ist Fürst Xantes Faredad, ein Streiter der Schattengöttin. Als meine Männer ihn überfielen, war er gerade auf dem Rückweg von einer diplomatischen Mission in den Talländern.“
Grimwardt erhob sich.
„Wir werden Euren Bruder aus den Händen dieses Mannes befreien und sicherstellen, dass Euer Versteck unentdeckt bleibt“, versprach er. 

Grimwardt
Kurz darauf.
„Lass das Hüpfen sein, Kleiner“, kommentierte Faust Lagunas hoffnungslos überambitionierte Imitation eines Faust’chen Schwertmanövers. Der junge Halbelf ließ sich von der Kritik nicht aus dem Konzept bringen. Konzentriert preschte er vor, den Säbel stoßbereit über die Schulter erhoben. Und er war gut! Nicht nur führte er seinen Stoß blitzschnell und kraftvoll aus, es gelang ihm sogar, aus Fausts Reichweite zu tänzeln, ehe der erprobte Kämpfer zurückschlagen konnte.
„Nicht schlecht“, lobte Faust. „Austeilen kannst du – jetzt wollen wir mal sehen, wie viel du einstecken kannst.“
Laguna strahlte vor Stolz – doch das Strahlen verging ihm, als Faust mit seiner gepolsterten Keule auf ihn zu schnellte und ihn mit einer schonungslosen Prügelserie überzog, die ihm vor Übelkeit einen blassen Ring um die Nase zeichnete, ehe er besinnungslos in den Sand sank.   
„Wollt Ihr sein Können testen oder ihn vor dem ganzen Lager demütigen?“, rief Scarlet erbost, die beim Übungskampf mit ihrem Onkel weitaus glimpflicher davongekommen war. Besorgt beugte sie sich über ihren ohnmächtigen Freund und begutachtete – fürsorglicher als sie es sich gestattet hätte, wäre er bei Bewusstsein gewesen – Lagunas malträtierte Gliedmaßen.
„Sprich nicht so mit einem Vorgesetzten“, wies Grimwardt seine Nichte zurecht. Doch insgeheim gab er ihr Recht. Komm bloß nie auf die Idee, diesen Irren auf deine Rekruten loszulassen, mahnte er sich selbst. Mit einem nüchternen Räuspern klopfte er Faust auf die Schulter.
„Ich schätze, du wirst den Jungen tragen müssen, wenn wir die Sache heute noch erledigen wollen. Den weckt so schnell nichts wieder auf.“ 
Der Sandfürst hatte vorgeschlagen, dass die beiden jungen Leute sie auf ihrer Mission begleiten sollten, da sie sich besser in der Umgebung auskannten. Sogar Winter hatte dem zugestimmt – offenbar beruhigte es sie, Scarlet in ihrer Nähe zu wissen. Bis zur Oase Siab, wo Zarifs Bruder gefangen gehalten wurde, war es etwa ein Tagesmarsch. Sie brachen sofort auf, denn sie wollten noch in der kommenden Nacht angreifen. Grimwardt ergriff die Gelegenheit, die der lange Marsch ihnen bot, um seine Nichte von den neusten Ereignissen in der Abtei zu unterrichten. Nur die Episode, da Tempus ihm erschienen war und ihn zu seinem irdischen Vollstrecker gemacht hatte, ließ er aus. Das ehrfürchtige Schweigen, das für gewöhnlich auf diese Offenbarung folgte, war nicht gerade gesprächsfördernd.
„Manchmal bereue ich es, dass ich fortgegangen bin, ohne meine Priesterweihe empfangen zu haben“, gestand ihm Scarlet ein wenig wehmütig. „Aber… ich hatte das Gefühl, dass es nicht Tempus‘ Wille ist, dass ich dortbleibe und zusehe, wie Silas und diese Hexe die Talländer ans Messer liefern. Er würde feige Kapitulation niemals dem offenen Kampf vorziehen.“
„Du hast richtig gehandelt“, sagte Grimwardt nicht ohne Stolz auf die priesterliche Klarsicht seiner Nichte. Dann räusperte er sich. „Scarlet…ähm… was hat deine Mutter dir erzählt?“
„Das Übliche“, sagte sie säuerlich. „Dass ich in Gefahr sei und sie mich am liebsten in Watte packen und in das Kloster dieser schweigenden Ordensschwester irgendwo ans Ende der Welt verfrachten würde... Nicht mit diesen Worten, aber darauf läuft es wohl hinaus.“
„Hat sie dir auch gesagt, weshalb sie glaubt, dass du in Gefahr bist?“
„Seit wann braucht sie einen Grund, um hinter jedem Sandhügel einen Attentäter zu wittern?“
„Deine Mutter glaubt, ich werde dich töten.“
Jäh blieb Scarlet stehen und wich unwillkürlich einen Schritt zurück.
„J-jetzt gleich…?“, stotterte sie vor lauter Verwirrung.
„Orkdreck“, brummte ihr Onkel, legte ihr den Arm um die Schulter und zog sie mit Nachdruck weiter. „Es ist diese vermaledeite Prophezeiung.“ Und er erzählte ihr von den Spiegeln des Desayeus und Winters Furcht vor dem, was sie ihr offenbart hatten.
Scarlet zog grübelnd die Stirn in Falten, ehe sie entschieden den Kopf schüttelte. „Das ist absurd. Wir führen einen Krieg gegen das mächtigste Imperium Faerûns. Ich bin hier jeden Tag in Lebensgefahr, aber dass ausgerechnet du mein Schicksal besiegeln solltest, ist einfach… lächerlich.“
„Das habe ich ihr auch gesagt.“
„Na dann verstehen wir uns ja“, brummte Scarlet und der störrisch-verschlossene Ausdruck, mit dem sie die Nase krauszog, erinnerte ihn so sehr an sich selbst, dass Grimwardt schmunzeln musste.
„Sag mal“, wechselte er ungelenk das Thema. „Wie … ähm… sieht es eigentlich aus mit dir und den Männern?“
Sie verzog verdrießlich das Gesicht.
„Oh, bitte, nicht du auch noch… Weißt du, wie viel Mühe es mich gekostet hat, von den D‘Tairig nicht als Frau, sondern als Sandkämpfer wahrgenommen zu werden. Eine Liebesaffäre ist wirklich das letzte, was ich gebrauchen kann, wenn ich nicht entweder unter dem Schleier oder unter der Peitsche enden will… Ich hatte eigentlich vor, ein Keuschheitsgelübde abzulegen, so wie du, aber ich habe mich dagegen entschieden. Ich meine, vielleicht ist es mal von Vorteil zu heiraten… politisch, meine ich.“
Grimwardt sah sie überrascht an. „Sicher, dass du die Tochter deiner Eltern bist?“
Zwei Stunden nach Einbruch der Dunkelheit erreichten sie ihr Ziel.
Die Ebenheit der Steinwüste an diesem Ort machte es notwendig, dass sie Deckung hinter einem Hügel suchten, sodass sie die Oase in der Ferne nur erahnen konnten. Die Garnison am Ufer des Wasserlochs, die wohl als Zollstation für vorbeiziehende Karawanen genutzt wurde, war kaum mehr als ein fensterloser Steinklotz. Die Zinnen erhoben sich keine drei Mannslängen über dem Boden. Mehr war nicht nötig, um das kahle Umland zu überblicken, auf dem allenthalben ein paar niedrige Wüstensträucher Sichtschutz boten.
„Wie gut ist der Stützpunkt bewacht?“, fragte Grimwardt.
„Zwei bis vier Schützen auf dem Dach und vielleicht ein oder zwei Shar-Priester“, erwiderte Scarlet. „Für mehr bietet die Garnison keinen Platz. Ich war ein paar Mal bei der Eroberung eines Oasen-Stützpunktes dabei. Die Einnahme ist der einfachste Teil. Schwierig wird es erst, wenn die Umbranten mit ihren Veserab-Luftpatrouillen anrücken, um den Stützpunkt zurückzufordern.“
„Und das Ziel?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich sehe keine Zelte, darum wird Fürst Xantes wohl im Gebäude sein. Die Gefängniszellen sind im Keller.“
Faust blickte abschätzend zu den Zinnen hinüber, dann stieß er Laguna an.
„Hey, Kleiner. Wie schnell kannst du rennen?“
Der Halbelf blinzelte ihn unsicher an. Er war immer noch ein wenig grün um die Nase.
„Was hast du vor?“, brummte Grimwardt.
„Die Brustwehr ist so niedrig, dass ich springend dort hochkommen sollte. Ich schlage vor, ich lenke mit Laguna die Schützen ab, während du die Tür einrennst und dir diesen Botschafter vorknüpfst.“
So wurde es beschlossen.
Pfeile hagelten surrend durch die Nacht, kaum dass Faust und Laguna die Deckung verlassen hatten. Die anderen warteten, bis die beiden im Schatten der Garnison verschwunden waren, dann gab Grimwradt das Zeichen und sie rannten los. Mit einem Axthieb zerschmetterte der Kriegspriester das Eisenschloss des Eingangstors und fiel sprichwörtlich mit der Tür ins Haus. Ein Kerl in Mönchskutten, der ihm in den Weg trat, wurde gnadenlos niedergemäht. Irgendwer stieß einen Fluch aus und als Grimwardt seinen Kopf in Richtung der Stimme ruckte, erblickte er einen kahlköpfigen Umbranten, der über eine am Boden liegende Bettrolle hinweg nach seinem Schwert griff. Die Bewegung fegte die Kerze von dem niedrigen Tisch, an dem er gearbeitet hatte, und es wurde stockfinster. Plötzlich spürte Grimwardt einen surrenden Luftzug an seiner Kehle und dann… Ihm blieb nicht einmal Zeit für einen letzten Atemzug oder die Erkenntnis, dass etwas im Begriff war, seinen Kopf vom Rumpf zu trennen.

Faust
Nachlässig zog Faust einen Pfeil aus seiner Schulter. Das Geschoss war nicht einmal bis zum Muskel vorgedrungen. Dann verschränkte er die Arme zu einer Räuberleiter und half Laguna mit einem Ruck über die Brustwehr. Faust nahm Anlauf, sprang ihm nach und hievte sich mit einem kraftvollen Klimmzug über das Gemäuer. Als er sich auf die andere Seite gleiten ließ, hatte Laguna bereits seinen ersten Gegner überwältigen können. Zwei weitere versuchten den jungen Schwertkämpfer in die Zange zu nehmen, doch es gelang ihm immer wieder, die geöffnete Luke im Boden zwischen sich und seine Gegner zu bringen. Faust beschränkte sich aufs Zuschauen und darauf einen der Soldaten im Nacken zu packen und gegen das Mauerwerk zu stoßen, als er zufällig in seine Reichweite stolperte. Nach wenigen Augenblicken war der Kampf vorüber.
„Du hast echt was drauf, Junge“, bescheinigte Faust dem jungen Kämpfer. „Aber du musst unbedingt dieses Rumhüpfen sein lassen.“
Scarlets entsetzter Schrei, der von unten zu ihnen herauf drang, ließ ihn jäh innehalten: „Onkel Grim!“ Es folgte undeutliches Gemurmel und dann war es für einen Moment totenstill. Die Stille wurde vom Geräusch schwerer Schritte durchbrochen und wenige Augenblicke darauf tauchte der kahle Kopf eines Umbranten in der Bodenluke auf. Ohne erkennbare Hast trat Xantes Faredad aufs Dach und zog eine schwarze Schwertklinge aus der Scheide, die von einem magischen Knistern umspielt wurde. Eine handgroße Narbe, die sich quer über sein Nasenbein zog, und ein kostbarer Umhang, auf dem Shars schwarze Sonne prangte, zeichneten den Umbranten als gestanden Gotteskrieger aus.
„Wer seid Ihr und was wollt Ihr?“, fragte der Fürst mit tiefer, emotionsloser Stimme.
„Euch“, knurrte Faust und packte sein Schwert fester. Keine Zeit, sich auf ein Verhör einzulassen. Er musste herausfinden, was dort unten geschehen war. Wo waren die anderen?
 „Mach, dass du verschwindest“, raunte er Laguna zu und griff an.
Schon nach dem ersten Schlagabtausch spürte er, dass er seinem Gegner unterlegen war. An jedem anderen Ort wäre es umgekehrt gewesen: Die Schwerthiebe des Umbranten waren kraftvoll und von finsterer, göttlicher Energie beseelt und seinem Schwert schien mächtige Schattenmagie innezuwohnen, doch in der Verteidigung verließ er sich völlig auf seine magisch verstärkte Ritterrüstung. Hätte er seine Zauber zur Hand gemacht, so wäre es Faust ein Leichtes gewesen, diesen Schwachpunkt seines Gegners gegen ihn zu verwenden. Doch unter den gegebenen Umständen konnte er nicht verhindern, dass die Angriffe des Umbranten ihn immer weiter zurückdrängten, bis er schließlich mit dem Rücken gegen die Brustwehr stieß. Ein gut gezielter Hieb in die Nierengegend besiegelte schließlich seine Niederlage. Als er mit der freien Hand nach der Wunde tastete, spürte er, wie ein warmer Blutschwall zwischen seinen Fingern hervorquoll. Faust bekam weiche Knie und musste sich am Gemäuer abstützen, um gegen den Schwindel anzukämpfen. Im selben Moment erspähte er aus den Augenwinkeln den jungen Halbelfen, der von der Seite heran schnellte, um den Umbrantenfürsten aus dem Hinterhalt zu attackieren.
„Laguna, nicht!“, brüllte Faust. Vor Schreck vergaß er die Hand auf die Wunde zu pressen. Ein weiterer Blutschwall trat aus und das Schwindelgefühl obsiegte.
Verdammter kleiner Trottel, dachte er, während er der Dunkelheit entgegen schlitterte.

Winter
Nordwestlicher Hochwald.
„Miu, tu irgendwas!“, rief Winter in Panik.
Während ihr eilig gewirkter Teleportationszauber ausklang, zog Winter den Kopf ihres Bruders in ihren Schoß und versuchte verzweifelt die Blutung zu stillen, doch der Blutstrom, der sich aus seiner aufgeschlitzten Kehle ergoss, wollte einfach nicht abklingen. Miu blinzelte ein paar Mal orientierungslos, ehe sie die Situation erfasste und sich eilig zu Grimwardt ins Moos kniete. Stumm erbetete sie den mächtigsten Heilzauber, den sie kannte… und rettete ihm das Leben.
Grimwardt schwankte ein wenig, als er sich aufsetzte.
„Wo sind wir?“, fragte er matt. Sein Gesicht wirkte gespenstig weiß im Mondlicht.
„Die Frage ist wohl eher, ‚wie sind wir hierhergekommen?“ Scarlet vermied es, ihrer Mutter in die Augen zu sehen.
Der Kriegspriester runzelte misstrauisch die Stirn. „Was hat das zu bedeuten, Winter?“
„Wollt Ihr mich gleich vor Gericht zerren?“, murmelte sie. „Oder wollt Ihr wenigstens warten, bis Faust und Laguna in Sicherheit sind?“
Augenblicklich verschwand der überlegene Ausdruck aus Scarlets Zügen.
„Wir müssen zurück!“, flüsterte sie mit angstvoll geweiteten Augen.
„Du bleibst hier“, entschied Winter gebieterisch.
Ehe ihre Tochter Protest einlegen konnte, packte sie Grimwardt beim Arm und teleportierte mit ihm zurück in die Wüste. Sie tauchten im Nachtschatten der Garnison auf. Die Szene, die sich im Mondlicht zwischen den Zinnen abspielte, versetzte sie erneut in Schrecken: Faust lehnte leblos am Gemäuer, während Laguna mit leidenschaftlicher Wucht auf den Umbranten einschlug. Er schaffte es sogar, die Ritterrüstung des Gotteskriegers zu durchdringen, doch das entfachte nur dessen kalten Zorn. Erbarmungslos fuhr das Schwert des Umbranten auf den Jungen nieder.
Ein schwarzes Schwert…
Etwas regte sich in ihr, als die Vision die Wirklichkeit überlagerte. Ihre Panik war verschwunden und an ihre Stelle trat jenes Hochgefühl, das sie in der Nacht des Seelenraubs verspürt hatte. Sie wandelte wieder auf der anderen Seite – im Reich der Schatten – wo keine diesseitigen Regungen ihr etwas anhaben konnten. Ihre Umgebung wirkte verschwommen, doch ihre Gedanken waren niemals klarer gewesen. Entschlossen sprach sie die Worte eines Schutzzaubers, gefolgt von einer Illusion, die sie Platz und Aussehen mit Laguna tauschen ließ. Die schwarze Klinge prallte wirkungslos an ihrem Schutzzauber ab. Flüchtig streifte ein erstauntes Blinzeln die Augen des Streiters, der nicht damit gerechnet hatte, dass der schmächtige Junge seinem Angriff standhalten würde. Doch er reagierte schnell, indem er dem bewusstlosen Faust das Schwert an die Kehle presste, um ihn zu seiner Geisel zu machen. Faust sah hundeelend aus: Seine Lippen waren grau und seine Lider flackerten im Fieber. Er hatte so viel Blut verloren, dass es ein Wunder war, dass er überhaupt noch lebte.
„Waffe fallen lassen und zurücktreten“, befahl der Umbrant mit Nachdruck. Winter ließ ihren Zauberstab, der in den Augen des getäuschten Gegners die Gestalt von Lagunas Krummsäbel angenommen hatte, zu Boden gleiten und machte einen Schritt zur Seite. Schritte polterten auf der Treppe und einen Augenblick später erschien Grimwardt mit erhobener Axt auf dem Dach. Fürst Xantes verstärkte den Druck auf Fausts Kehle. „Du auch! Waffe runter! Wo sind die drei Frauen? Was wollt ihr und für wen arbeitet ihr?“
Keine Antwort.
Der Umbrant nickte grimmig. „Ich werde euch schon zum Reden bringen. Los, die Treppe runter. Schön langsam.“
Halb schleppte, halb zerrte er seine Geisel vor sich her, während er Winter und Grimwardt in den Keller des Gebäudes dirigierte. Dabei wich seine Klinge nicht von Fausts Kehle. Vor einer verriegelten, eisenbeschlagenen Tür hielt er inne. Umständlich durchtastete er seine Kleidung, fand den Schlüsselbund und warf ihn Grimwardt zu, der am vordersten stand.
„Aufschließen.“
In einer Ecke der Gefängniszelle harrte ein Gefangener, ein junger D‘Tairig mit schwarzem Bart und hohlwangigem Gesicht. Seine Augen waren geschwollen und sein rechtes Ohr war nur noch ein blutiger Beweis für Xantes‘ Folterkünste. Erst nachdem er Grimwardt und Winter in die Zelle manövriert hatte, stieß Fürst Xantes auch Faust zu ihnen in den Raum. Dann verriegelte er die Tür.
Ein düsteres Lächeln stahl sich auf Winters Lippen, als sie wieder ihre eigene Gestalt annahm. Mit einem Dimensionssprung setzte sie dem Umbranten nach, der jäh herumwirbelte.  Doch er war nicht schnell genug. Winters Verdorren-Spruch traf ihn unvorbereitet. Mit nie gekannter Heftigkeit schleuderte der Zauber den stählernen Kriegsherrn gegen die Wand und verwandelte ihn innerhalb eines Lidschlags in einen blutleeren Leichnam.
„Was… bist du?“, krächzte er, während sich seine Hände unkontrolliert zuckend im Mauerwerk verkeilten.
Mit blutunterlaufenem Blick beugte sich Winter zu ihm herab, um seinen Schatten zu trinken… Als sie wieder zu sich kam, stand ein Ausdruck des puren Grauens in den aufgerissenen Augen der Leiche.
„Winter? Ist die Luft rein?“
Lagunas banges Wispern holte sie in die Wirklichkeit zurück. Plötzlich war der Rausch verflogen und was blieb, war ein flaues Gefühl im Magen. Winter blinzelte, um die Schatten aus ihren Augen zu vertreiben.
Wie konntest du so unvorsichtig sein, schalt sie sich selbst. Wenn Grim dich dabei gesehen hätte!
Ihr Gesichtsausdruck verriet nichts von ihren Gedanken, als sie sich zu Laguna umwandte, der mit einer Schriftrolle auf dem Treppenabsatz erschienen war: „Alles in Ordnung?“
„Ich… ja“, antwortete der Junge zerstreut. „Grimwardt wies mich an, mich zwischen den Schlafrollen zu verbergen. Dabei fand ich etwas - ein Schreiben… Es ist auf Alt-Illuskisch verfasst, ich verstehe nicht alles, aber es klingt wichtig.“
Winter und Laguna befreiten die anderen aus ihrer Zelle und teleportierten mit ihnen zurück in den Hochwald, wo sie Scarlet und Miu zurückgelassen hatten. Nachdem sich Miu Fausts Wunden angenommen hatte, ließen sie sich von Sayid den Inhalt des Briefes übersetzen. Darin informierte Xantes seinen Vorgesetzten über das misslungene Attentat und Sayids Gefangennahme, um seinen ungeplanten Aufenthalt in der Oase Siab zu erklären. Doch es war der Teil, der darauf folgte, der Winter aufhorchen ließ. 
Die Audienz bei Fürst Myriam Buchenwald verlief wenig zufriedenstellend. Der störrische alte Mann verweigert sich nach wie vor einem Handelsbündnis mit dem Imperium. Euren Anweisungen folgend arrangierte ich darum ein Treffen mit dem Kapitän der Sturmhexe, um ihm einen Kaperbrief für einen Überfall auszustellen, der noch heute Nacht erfolgen soll. Das Narbental ist von den Pestjahren und der Zeit der Zhentarim-Besetzung gebeutelt und dem völligen Ruin nahe: Die Furcht vor den Freibeutern wird uns den Seehafen über kurz oder lang in die Hände spielen. Und wenn wir erst Narbental-Stadt gebeugt…“ An dieser Stelle brach das Schreiben ab.
„Der Kapitän der Sturmhexe?“, fragte Grimwardt stirnrunzelnd.
„Joe“, bestätigte Winter. „Mein Ehemann.“
„Seit wann lässt er seine Überfälle durch Netheril legitimieren?“
Sie zuckte die Schultern. Sie hatte nicht einmal gewusst, dass Joe noch am Leben war, doch seine Machenschaften erstaunten sie nicht sonderlich. Der Piratenkapitän kannte weder Anstand noch Ehre, wenn es ums Geschäft ging. Der Grund, weshalb die Heiratsschwindlerin ihn zum Mann genommen hatte, waren die Schatzkartentätowierungen, die seinen Oberkörper schmückten. Vielleicht bot sich ja nun die Gelegenheit, Joes Geheimnis auf die Schliche zu kommen…
„Auf jeden Fall sollten wir uns beeilen“, murmelte Faust, der noch immer ein wenig schwankte. Ohne Winters Magie wäre diese Begegnung für sie alle tödlich ausgegangen, doch Winter ahnte, dass weder Grimwardt noch Scarlet diese Erklärung gelten lassen würden. „In dem Brief ist von einem Überfall die Rede – heute Nacht im Narbental. Was immer da vor sich geht, es passiert jetzt!“
„Wir kommen mit!“
Energisch packte Winter ihre Tochter beim Arm, um ihren Enthusiasmus zu zügeln.
„Oh nein!“, erklärte sie. „Siehst du die Lichter dort zwischen den Bäumen? Das ist Silbrigmond, dort wohnt deine Großmutter. Sie ist krank, alt und allein und sie hat ihre Enkelin seit zwölf Jahren nicht gesehen. Du wirst dir jetzt Laguna und den Bedinen schnappen und dann werdet ihr deine Großmutter besuchen!“
„Öhm…“, wagte Laguna zaghaft einzuwenden, doch Winters furioser Blick ließ ihn den Einwand hinunterschlucken.
„Nichts da, die drei kommen mit uns“, erhielten die jungen Leute unerwartete Unterstützung. Grimwardt trat an Scarlets Seite. „Unser Auftrag lautet, Zarifs Bruder zu befreien und ihn sicher ins Lager zurückzubringen. Ich werde den Jungen nicht aus den Augen lassen, ehe mein Wort dem Sandfürsten gegenüber eingelöst ist.“ Und mit einem grantigen Raunen, das nur für Winters Ohren bestimmt war, fügte er hinzu: „Und was deine neuen, magischen Fähigkeiten angeht: Darüber sprechen wir noch!“
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 10. Januar 2011, 03:16:51
 :thumbup:
DANKE!!! Wiedermal sehr schön! Der Shoppingtripp davor wäre auch echt nicht lesenswert gewesen  :D
...Ja, da hab ich glaube ich zum ersten Mal um Fausts Leben gebangt, aber zum Glück hat Winter ja ein unausschlagbares Angebot angenommen...  :wink:
Freue mich schon auf mehr!!!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 10. Januar 2011, 18:34:28
Uuuuhhhaaarrrg, das war eine gruselige Episode.
Sehr schön geschrieben! Wie praktisch, wenn ein Geburtstagsgeschenk nicht nur den Beschenkten erfreuen kann :-)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 20. Januar 2011, 17:41:40
Oha, die "Achse des Guten" hat einen neuen Look! Gefällt mir :-).
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 21. Januar 2011, 01:47:19
Yep, und n Gästebuch gibts jetzt auch ...oder n Blog, what ever...
Sag mal, wärs denn eigentlich echt OK für dich, wenn du nächste Woche wieder leitest? Ich liebe die Kampagne über alles, aber du warst jetzt ja so oft dran gewesen, also wenns dir zu viel wird, dann zieh ich noch irgendwas ausm Ärmel! Hast ja immerhin auch noch anderen Kram zu tun... z.B. schöne neue Kapitel schreiben ;)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 21. Januar 2011, 01:58:25
Eine Sitzung werde ich wohl noch füllen können, besonders da die Kämpfe ja immer ziemlich viel Zeit in Anspruch nehmen. Aber danach werd ich als SL erst mal ein paar Monate Pause machen, da ich noch kein neues Abenteuer und auch keine Zeit habe, eins auszuarbeiten... Kapitel schreiben geht immer  :D... aber auch das im Moment etwas langsamer...
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 31. Januar 2011, 20:55:34
So! Das Spielen hat mir wieder sehr gut gefallen, auch wenn die Endschlacht nachher durch die voranschreitende Müdigkeit echt zäh war! Ja, und die Entwicklungen, auch die der Charaktere werden immer interessanter!  :twisted:
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 03. Februar 2011, 06:50:37
Ich fand die Situation zu komisch, als Faust, Hades und Nimi zusammengetroffen sind. Wann hat man das schon mal, dass drei der eigenen Charaktere auf einem Fleck sind - zumal die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Magie verdirbt den Charakter, möcht ich übrigens sagen. Für mich ist es so schwierig, Early einen auch nur halbwegs bösen Anstrich zu geben, und bei Winter lief es unweigerlich darauf zu, je mächtiger sie wurde. Das macht die Magie. Meine These.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 03. Februar 2011, 11:38:34
Ja, Hades und Nimi zusammen ist aber auch einfach schon toll denk ich. Die hätten riesen Spaß  :D
Zumindest wenn man viele Möglichkeiten der Magie hat. Durch dein Schicksal hast du ja schließlich jetzt auch Zugriff auf ne Menge Zauber. Und wenn man eh schon verdammt ist, naja, was solls. :twisted:
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 03. Februar 2011, 12:38:37
Ich hätte da noch ne andere Theorie, was den moralischen Verfall in der Gruppe angeht: Macht korrumpiert... Gesinnungen zu Anfang der Kampagne: Nimoroth - neutral gut, Grim - chaotisch neutral (gut?), Winter - chaotisch neutral, Dorien - chaotisch gut. Gesinnungen gegen Ende der Kampagne: Faust - chaotisch neutral (Seele verkauft) , Winter - neural böse (Seelen getrunken), Grim - rechtschaffen neutral (leicht fundamentalistsch)... und wer weiß, in welchem moralischen Zustand ihr Miu zurück bekommt ;-). Und eure epischen Bekannten sind auch alle moralisch fragwürdig (Hades, Elijas, Tyrael, Nachtmond, Drake, der Sarrukh, Ares). Da fragt man sich, was aus der Welt noch werden soll *f-sl-g*
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 03. Februar 2011, 12:56:42
Tja, wenn wir uns nur noch in Gegenden mit Feen und Einhörnern aufhalten würden, ja, dann könnten wir wieder auf die gute Schiene rutschen, aber wenn man die retten will die man liebt, und das nur kann in dem man seine eigene Moral oder Seele opfert, dann muss das halt sein  :D
Bin ja mal gespannt, wie die Story demnach auch immer düsterer wird von Kapitel zu Kapitel ;)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 04. Februar 2011, 21:10:39
Ich werd hibbelig, sagen Sie mal, Frau Spielleiterin und Autorin, wann gehts denn weiter? So als vorgezogenes Karnevalsgeschenk?

Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 04. Februar 2011, 22:23:55
Seit wann gibts zu Karneval Geschenke? Glaubt ihr, das funktioniert jetzt jedesmal? ;-) Sorry, aber ich komm im Moment irgendwie überhaupt nicht zum Schreiben. Sieht in den nächsten Wochen erst mal mau aus...
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: G4schberle am 04. Februar 2011, 22:39:05
Möp!
Ja schreib malwieder was. ^^
Hab die ersten 200-und Seiten schon durch. Liest sich gut zwischen Mathe-Prüfungsvorbereitung und E-Technik. >_-


Reinhaun.

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Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 04. Februar 2011, 23:06:28
Hat alles Niobe aus verschiedenen Bildern gebaut. Also auch ihr Verdienst! ...Ist aber auch wirklich sehr cool!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 04. Februar 2011, 23:19:09
Ja, keine Kostüme, nur ein gutes Bildbearbeitungsprogramm ;-)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 14. Februar 2011, 18:07:41
Oh, so lang ists her... und es dürstet uns doch so sehr nach der Fortsetzung der Geschichte...  :)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 14. Februar 2011, 20:56:04
Auf den Zug spring ich auf... ::)
Nicht, dass ich drängeln will, aber ich freu mich doch schon so auf das nächste Kapitel!!!
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 23. Februar 2011, 11:25:20
Hach ja... Samstag wird wieder ein Kapitel enden... freu mich schon!
Oh, könntest du vielleicht auch noch die Werte von dem General in der Wüste posten? Der war ja kein Zuckerschlecken...
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 23. Februar 2011, 17:53:46
Hey,
Ein neues Kapitel gibts noch nicht, aber es ist in Arbeit ;-)

Xantes Faredad, HG 22
Kämpfer 2/ Kreuzritter 16/ Kleriker 1/ Meister exotischer Waffen 1
RB Humanoider Externar (Umbrant)
INI: +1 (+5 mit Zeichen)
Sprachen: Handelssprache, Netherese
Sinne: Dunkelsicht
ST 30, GE 12, KO 22, IN 12, WE 13, CH 24
Defensive:
TP: 261
RK: 21 (23), Berührung 15, auf dem falschen Fuß 20 (22) (Rüstung 6, GE 1, Ablenkung 4, (Schildzauber 2))
Schnelle Heilung 2
Zauberresistenz 31
Immunität: kritische Treffer (Stellung, wenn keine Bewegung)
Rettungswürfe: ZÄH +27, REF +12, WIL +19  (1x/Tag ein RW neu; Mettle)  
Offensive:
Bewegungsrate: 9m
Voller Angriff
In der Anauroch (GAB(19) +Volk(2) + Counterstrike (5) +Waffenfokus (1) +Smite (7) +ST (10) +Heftig (9))
+25/+20/+15/+10 (1W10+56/19-20/x2)
Außerhalb der Anauroch (wie oben + Göttliche Anmut + Ergebenheit des Rechtschaffenen)
+32/+27/+22/+17 (1W10+63/19-20/x2)
GAB +19, RAB +29
Klerikerzauber (ZS 1)
1.Grad (3)
Schild des Glaubens (1min)
Zeichen (10min)
Zauberähnliche Fähigkeiten
Schattenweg (alle 2 Runden Dimensionstor als Bewegungsaktion)
Schattenbilder (3x/Tag wie Spiegelbilder)
Schattenwandel (1x/Tag Teleportation oder Ebenenwechsel auf Schattenebene)
Licht beeinflussen
Manöver und Stellungen
Stellung
Strength of Stone (ignoriert kritische Treffer)
Manöver
Ancient Mountain Hammer (+12W6 Schaden, keine SR)
Covering Strike (schnell, bei erfolgreichem Angriff können Gegner für 3 Runden keine Gelegenheitsagriffe machen)
Mountain Tombstone Strike (+2W6 KON)
Strike of Righteous Vitality (Heilung bei erfolgreichem Angriff)
Divine Surge (+8W8 auf einzelnen Angriff)
Talente: Umgang mit exotischen Waffen, Waffenfokus, Heftiger Angriff, Göttliche Anmut, Ergebenheit des Rechtschaffenen (+7 auf Angriff oder Schaden für 1min, ÜF), Zusätzliches Niederstrecken (7x)
Klassenfähigkeiten
Kleriker:
Untote vertreiebn (ÜF) 10x/Tag
Crusader
Steely Resolve (AF): damage pool 15
Furious Counterstrike (AF): +3 auf Angriff und Schaden, solange damage pool noch voll ist
Indominable Soul (ÜF)
Zealous Surge (AF)

Smite 16x/Tag (AF)
Fertigkeiten: Bluffen +14, Beruf (Waffenschmied) +5, Diplomatie +28, Entdecken +21, Konzentration +25, Motiv erkennen +21, Springen +27
Magische Gegenstände (Schattenmagie): Henkers-Bastardschwert des mächtigen Niederstreckens +1, Brustplatte +1, ST-Handschuhe +4
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 28. Februar 2011, 12:23:12
So, war ja ein schönes Ende des Abenteuers! Werde in Zukunft bestimmt auch noch oft durch das Portal gehen und etwas über die dortigen "Götter" erfahren...
Und jetzt freu ich mich erstmal auf den nächsten Hafen ;)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 28. Februar 2011, 13:13:44
Ich dachte, um was vom dortigen Chinesen zu holen... ;-)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 28. Februar 2011, 13:43:34
Oh ja, das vor allem! ...Vielleicht treffe ich da ja auch den Todd der Goten...
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Zophael am 28. Februar 2011, 18:49:36
*lol* Das ist mal ein Pscho-Five wert  :lol:
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 07. März 2011, 04:08:53
Es fehlt ein Abschnitt zwischen diesem Kapitel und dem letzten: Ich habe darum den letzten SH-Post editiert.


Kapitel III: Die Pestberührten  

Grimwardt
Narbental, Talländer.
Ein rotes Glühen lag über der Hafenstadt am Drachengriff. Rauchschwaden krochen schleichend durch die Gassen und überall erklangen die panischen Rufe der Fliehenden. Der Rauch wurde dichter, je näher die Gefährten dem Wasser kamen und das Atmen fiel zunehmend schwer. Grimwardt wies die Jüngeren an, die Stadtwache bei den Bergungs- und Löscharbeiten zu unterstützen. Den Rest belegte Winter mit einem Flugzauber.
Am Hafen erwartete sie ein Bild der Verwüstung. Die Handelsschiffe, die in der Hafenbucht vor Anker lagen, brannten ebenso lichterloh wie die Lagerhallen und Wirtshäuser, die sich um den Hafen drängten, und der flackernde Feuerschein erhellte den eigenartigen Kampf, der sich im Zentrum der Bucht abspielte: Flankiert von zwei schlanken Militärschiffen in Gefechtsstellung, harrte ein klobiges Gebilde im Wasser, das Grimwardt erst auf den zweiten Blick als das Wrack der Sturmhexe erkannte: Eine dicke Kruste aus Korallen und blau schimmernden Polypen zog sich über den Rumpf des Schiffes, die Masten und sogar die Überreste der Segel. Das Piratenschiff erweckte den Anschein, als sei es gesunken und habe jahrzehntelang auf dem Grund des Meeres gelegen, ehe es von einer übernatürlichen Kraft an die Oberfläche zurückgezerrt worden sei. Und es schien zu leben! Dort, wo die Geschosse der beiden Karacken die Bordwand durchdrangen, trat schwarzer Schleim wie Blut aus dem Rumpf des Schiffes, das sich mit Galionsstößen und Masthieben gegen die Angriffe der Hafenwache wehrte. Dabei ächzte und knurrte das Piratenschiff wie ein verwundetes Tier.
Winter zückte ihren Zauberstecken und schleuderte einen grünen Auflösungsstrahl auf das Ungetüm. Doch der zerstörerische Strahl zerbarst beim Auftreffen auf das blaue Leuchten des Korallenpanzers. Ein magischer Rückstoß traf eines der beiden anderen Schiffe und der Kampfeslärm wurde überlagert vom Getöse berstenden Holzes und den Schreien der Matrosen, die sich in Panik von dem sinkenden Schiff stürzten.
„Zauberleuchten“, murmelte Faust betroffen.
Offenbar waren Joe und seine Piraten der Zauberpest ein wenig zu nah gekommen. Unbändige Magie musste die Verwandlung bewirkt und Winters Strahl abgelenkt haben. Grimwardts Schwester kniff düster die Lippen zusammen und flog näher ans Geschehen heran, einen weiteren Zauberspruch bereits auf den Lippen. Grimwardt war für einen Augenblick zu fassungslos, um sie aufzuhalten. Was hatte sie vor? Hatte ihre Magie nicht gerade erst ein Schiff der Hafenwache versenkt? Winter kannte die Gefahren unbändiger Magie!
„Grim!“
Faust wies auf einen der Uferdämme, wo Grimwardt die Verursacher des Hafenbrandes entdeckte: Die Seehexe Sycorax,  ebenso pestverwandelt wie das Schiff, schwebte hoch über der Verwüstung und blies magischen Wind über die entflammten Hafengebäude in Richtung Stadtmitte. Ihre Augen waren hohle Löcher in einem entstellten Korallengesicht. Auf dem Kai unter ihr tobte ein wüster Kampf zwischen dem Rest der Piratenmannschaft und den Soldaten der Stadtwache. Die Piraten waren in der Unterzahl, doch dem Grauen, das die wahnwitzigen Gestalten in den Verteidigern entfachten, hatten die Soldaten nichts entgegen zu setzen.
Faust enthauptete die Seehexe mit einem einzigen Schlag seiner Henkersklinge, ehe er sich Joe vornahm, der wild und wirr mit zwei Scherenhänden um sich schlug. Grimwardt hielt derweil auf zwei Pestberührte mit unnatürlich vergrößerten Mäulern mit zwei Reihen messerscharfer Zähne zu: die Werhai-Zwillinge Ray und Roy. Sie kämpften wie im Wahn, ohne Koordination und Taktik, und nur die Korallenpanzer verhinderten, dass sie gleich beim ersten Schlag zu Boden gingen. Doch selbst als abzusehen war, dass er seinen Gegnern überlegen war, machten sie keine Anstalten sich zurückzuziehen. Plötzlich jedoch, wie auf ein geheimes Zeichen hin, hielten sie inne. Der Priester setzte den Werhaien nach, als sie über einen Anlegesteg zu fliehen drohten, doch sie retteten sich mit einem Sprung ins Wasser. Als er am Ende des Stegs innehielt, erkannte Grimwardt, woher der stumme Befehl gekommen war: Die Sturmhexe hatte begonnen sich in schwerfälligen Kreisen um die eigene Achse zu drehen. Die Bewegung ließ konzentrische Wellenringe durch die Hafenbucht zittern, die das Wasser zu den Dämmen abdrängten. Immer schneller grub sich das unförmige Schiff in die Tiefe, immer schräger ritt es auf den Wellen des Strudels, der nun auch die unversehrte Militärkaracke ergriffen hatte. Winter feuerte unablässig Zauber um Zauber auf den Schlund ab, der sich unter ihr auftat. Doch der Malstrom zog die beiden Schiffe in die Tiefe und die Wellen fluteten die Uferdämme und sogen alles und jeden ins Meer, der sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte. Grimwardt selbst blieb dank des Flugzaubers von den Wassermassen verschont.
„Magie?“, fragte er, als Winter schwebend neben ihm auftauchte. Sie nickte.
Der Priester brummte nachdenklich in seinen Bart hinein. Wenn ein mächtiger Meereszauber die Flucht der Sturmhexe ermöglicht hatte, wer hatte ihn gewirkt? Das Schiff selbst? Was hatte das zu bedeuten? War das Korallenschiff eine Art monströses Meerungeheuer mit eigenem Willen? Konnte die Zauberpest solch weitreichende Veränderungen bewirken?  
Sie kehrten fliegend zu Faust und Miu zurück. Der Kämpfer harrte im hüfttiefen Wasser der sich zurückziehenden Flut. Mit einer Hand umklammerte er einen Vertäuungsring, um nicht von der Strömung davon getrieben zu werden, mit der anderen hielt er den Haarschopf des bewusstlosen Piratenkapitäns über Wasser, den es wie einen nassen Sack zum Meer hinzog.
„Die Verwandlung ist unheilbar“, rief er ihnen entgegen. „Miu hat es versucht.“
„Erledige ihn“, sagte Winter. Ihre Stimme klang matt und erschöpft, doch ohne Bedauern.
Zwiespalt schnitt sirrend durch die Luft.
„Seht mal.“
Winter wies auf den abgetrennten Kopf in Fausts Griff: Mit dem Tod begannen sich die Pestbeulen zurückzubilden, die sein Gesicht in eine Korallenbank verwandelt hatten. Winter beeilte sich den davon treibenden Körper aus dem Wasser zu fischen und mit Fausts Hilfe auf einen der höher gelegenen Dämme zu hieven. Dann zückte sie Schreibfeder und einen Papierbogen und begann die drei eintätowierten Schatzkarten, die auf dem verstümmelten Leichnam sichtbar wurden, auf das Papier zu übertragen. Grimwardt wandte sich schaudernd ab.
„Grimwardt Fedaykin?“
Er hob den Kopf. Aus einer Traube von Wachsoldaten, die mit der Versorgung ihrer Verwundeten und der Bergung der Brand- und Flutopfer beschäftigt waren, hatte sich eine Axtkämpferin gelöst. Das göttliche Symbol auf ihrem Brustharnisch wies sie als Dienerin des Tempus aus.
„Ihr seid es wirklich! Der Erwählte des Tempus!“ Sie riss sich den Schutzhelm vom Kopf, unter dem ein Haarmopp wüster, meersalzverklebter Stoppeln hervorquoll, und sank in eine tiefe Reverenz. „Bitte, Herr, mein Name ist Ulara Axtheft Ich bin die Kaplanin von Narbental-Stadt. Wenn Ihr mir den Segen des Feindhammers erteilen würdet…“
„Gewiss...“ Grimwardt räusperte sich und sprach die rituellen Segensworte über das gebeugte Haupt der Kaplanin. Dem Segen ließ er eine Heilwelle folgen, die alle Überlebenden des Piratenangriffs ergriff, denn der Priester hatte die Erfahrung gemacht, dass die schlichte Erfahrung einer versiegenden Wunde inspirierender war als die Rede des eloquentesten Predigers.
Nachdem er seinen missionarischen Beitrag für diesen Tag geleistet hatte, ließ sich Grimwardt von der Kaplanin zum Fürsten der Stadt Narbental führen. Sie fanden Sir Myrian Buchenwald in einer der Seitengassen, die von der Hafenpromenade abzweigten. Die Flutwelle hatte die Brände in unmittelbarer Nähe zur Bucht gelöscht, doch noch immer standen zahlreiche höher gelegene Hafengebäude in Flammen. Der stämmige Ritter mit dem grausen weißen Haar koordinierte die Löscharbeiten und scheute sich nicht, selbst am Tatkräftigsten mit anzupacken. Der alte Fürst warf nur einen kurzen Blick auf Grimwardt, ehe er ihm mit einer schroffen Handbewegung einen Platz in der Löschlinie zuwies und einen Eimer zum Weiterreichen in die Hand drückte. Grimwardt schmunzelte: Der Mann gefiel ihm.
„Die verschollenen Helden“, rief ihm der alte Haudegen über den Lärm der Löscharbeiten hinweg zu. „Was verschafft uns die Ehre?“
„Der Zufall“, erwiderte Grimwardt. „Wir waren auf Mission in der Anauroch. Die Piraten wüten im Auftrag der Umbranten. Wir fanden einen Brief, der das belegt.“
„Die Umbranten!“, knurrte der Ritter. „Dachte ich es mir doch, dass Netheril dahinter steckt. Das war nicht der erste Angriff der Pestberührten, aber bei weitem der verheerendste. Zum ersten Mal wurde die Stadt selbst angegriffen. Bisher haben diese Halunken sich auf unsere Handelsschiffe beschränkt: eine Drohgebärde, wie mir scheinen will… Telamont zieht die Schlinge der Furcht enger.“
„Wieso Narbental?“, fragte der Kriegspriester. „Wenn Telamont es auf die Talländer abgesehen hat, wieso wählt er das Fürstentum aus, welches am weitesten von der Anauroch entfernt ist?“
Myrian Buchenwald lachte hart und bitter.
„Nun, was glaubt Ihr, Grimwardt Fedaykin vom Schlachtental? Weil wir das schwächste Glied der Kette sind – gebeutelt und von allen geächtet. Und noch dazu haben wir den größten Seehafen der Täler.“ Myrians Vorgänger Lashan hatte vor dreißig Jahren den gewaltsamen Versuch unternommen, die Talländer unter der Vorherrschaft Narbentals zu vereinen. Lashan hatte den Krieg verloren, doch in dessen Wirren war das Land von den Zhentarim besetzt worden, die der Fürst als Söldner angeheuert hatte. Es war Sir Myrian gewesen, der Narbental mit Hilfstruppen aus den übrigen Tälern von den Zhent-Besatzern zurückerobert hatte. Doch der Preis für die Unterstützung ihrer Nachbarn war hoch gewesen: Nach dem Befreiungskrieg hatten die Fürsten der übrigen Talländer das Fürstentum besetzt und aus Vergeltung für die erlittenen Verluste im Lashan-Krieg kaum weniger ausgebeutet als die Zhentarim vor ihnen. Seit einigen Jahren war Narbental wieder unabhängig, doch die langen Jahre der Fremdherrschaft hatten das Land an den Rand des Ruins gebracht.
„Telamont versucht, sich unsere wirtschaftliche Notlage zunutze zu machen“, erklärte Myrian. „Er lockt uns mit Handelsabkommen, um unseren Markt in Netherils Abhängigkeit zu zwingen. Das Imperium ist so verdammt reich, dass er uns den Himmel auf Erden versprechen kann. Schließlich hatte Netheril zehn Jahre lang das Monopol auf alle arkanen Produktionsgüter in Faerûn. Und ich weiß nicht, wie lange es mir noch gelingt, Telamonats Einflüsterungen zu widerstehen – erst recht nach diesen Angriff: Zwei ausländische Handelsfaktoreien sind vollständig abgebrannt, alle Güter futsch – das vertreibt uns unsere besten Investoren. Von unseren eigenen Verlusten ganz zu schweigen. Und ich habe meine Popularität beim Volk eingebüßt: Die Menschen sind die Zeit des Krieges und der Not überdrüssig und Netheril verspricht Frieden und Wohlstand.“
„Dann sind wir also zu spät gekommen“, brummte Grimwardt. „Wie können wir helfen?“
„Uns kann nur der Rat der Talländer helfen“, erwiderte der alte Fürst. „Ohne die Unterstützung der anderen Täler wird sich Narbental Netheril zuwenden. Ich kann nur hoffen, dass die Fürsten die Gefahr erkennen und das Kriegsbeil gegen uns begraben werden. Aber wenn ihr tatsächlich erpicht darauf sein solltet, einem Land zu helfen, dessen Geldspeicher so abgebrannt sind wie diese Spelunke hier, dann knöpft Euch dieses Piratenpack vor! Das letzte, was wir gebrauchen können, ist die Zauberpest in unserer Stadt!“
„Dann sind diese… Pestberührten also ansteckend?“
„Die Pestberührten nicht, nur das Zauberleuchten, wenn man in direkten Kontakt damit kommt.“
„Wer befehligt das Schiff?“, wunderte sich Grimwardt. „Die Pestberührten sind sosehr dem Wahn verfallen, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass sie sich um Kaperbriefe und Loyalitäten scheren.“  
Sir Myrian zuckte mit den Achseln. „So wie sie heute gewütet haben, könnte man meinen, Umberlee selbst gebe die Befehle.“

Faust
Am nächsten Morgen in der Vorstadt von Narbental.
Nirgendwo war Narbentals Not so offenkundig wie in den Armenvierteln vor den Toren der Stadt. Dicht an dicht drängten sich hier heruntergekommene Lehmhütten neben kümmerlichen Viehställen und vom Ufer des Flusses drang beißender Fäkaliengestank.
„Hier wohnt Eure Schwester…?“ Befremdet stakste Laguna durch den Unrat. „Erwähnte Winter nicht, dass Eure Familie wohlhabend sei?“
„Meine Familie ist… kompliziert“, murmelte Faust, während er nach dem Wirtshaus Zum Springenden Fisch Ausschau hielt. Ulara Axtheft hatte ihm geraten, in der Söldnerabsteige nach seiner Schwester zu suchen. „Wenn Ihr Claire findet, dann richtet Ihr aus, dass sie gefeuert ist“, hatte die Kaplanin grantig hinzugefügt. „Das ist schon das dritte Mal, dass sie zu einer Wachschicht nicht erschienen ist!“
Nun, da er sah, wie Claire lebte, wurde ihm flau Magen, und er bereute es, Laguna mitgenommen zu haben. Er mochte den tatendurstigen, jungen Sandkämpfer, doch wer wusste schon, in welchem Zustand er seine Schwester hier vorfinden würde. Er warf Laguna einen Seitenblick zu, um festzustellen, ob seine Bemerkung vorwurfsvoll gemeint war, doch der Junge schien seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Faust ahnte, was der melancholische Zug um seine Augen zu bedeuten hatte.  
„Was läuft da eigentlich zwischen dir und Scarlet?“, fragte er beiläufig.
„Hm?“ Laguna hob irritiert den Kopf und wandte ihn dann eilig wieder auf seine Stiefel, als er Fausts forschen Blick auffing. „Scarlet war nicht immer so… distanziert“, erklärte er dem Schlamm zu seinen Füßen. „Es ist diese Sache mit den Sandfürsten. Sie nimmt das alles so unglaublich ernst, dass sie darüber vergisst, wer ihre wahren Freunde sind… Für den Kampf gegen die Umbranten hat sie sich völlig den Wertvorstellungen der Sandleute verschrieben. Sie hat sogar aufgehört, ihre magischen Fähigkeiten anzuwenden, weil die Bedinen sie für Teufelswerk halten.“
„Was für magische Fähigkeiten?“
„Warum kann ich nicht einfach die Klappe halten!“, Laguna biss sich auf die Unterlippe. „Sagt ihr bloß nicht, dass ich euch davon erzählt habe!… Sie hat Zauberkräfte, doch sie muss keine Formeln oder Gesten dafür anwenden. Es sind auch keine eigentlichen Zauber, sie nannte es einmal… rohe magische Energie. Die Sandleute jedenfalls behaupten, dass das ein Zeichen für eine teuflische oder dämonische Blutlinie sei.“
Faust runzelte die Stirn. „Das ist blanker Schwachsinn! Vermutlich hat sie diese Kräfte, weil sie von zwei herausragenden Hexenmeistern abstammt. Da wäre es fast verwunderlich, wenn sie keinerlei magisches Talent zeigte.“
„Ich weiß“, seufzte Laguna.
Faust klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter.
„Die bekommen wir schon wieder hin!“
Sie waren im Söldnerviertel angelangt. Vor dem Springenden Fisch musste Faust dem Inhalt eines Nachttopfs ausweichen, den eine alte Frau mit griesgrämiger Miene über das Gelände einer Seitentreppe kippte.
„Hey, pass doch auf!“, rief er zu ihr hoch. „Weißt du, wo wir eine gewisse Claire MacLancastor finden?“
„Ich hab‘ ihr doch gesagt, dass Männerbesuche tabu sind!“, geiferte die Alte. „Na was soll’s, wo ihr schon mal hier seid, könnt ihr dem Luder auch sagen, dass sie mir noch zwei Monatsmieten schuldet!“
Seufzend bezahlte Faust die ausstehende Miete und ließ sich von der Gastwirtin das Zimmer zeigen. Er musste dreimal klopfen, ehe er hinter der Tür schlurfende Schritte vernahm. Die Tür wurde einen Fingerbreit geöffnet.
„Na sag schon, wie viel schulde ich dir?“, klang eine schlaftrunkene Stimme von der anderen Seite.  
„Öhm… vielleicht eine Umarmung?“, schlug er vor.
Quietschend vergrößerte sich der Spalt. Einen Augenblick musterte Claire ihn misstrauisch aus zusammen gekniffenen, rotgeränderten Augen. Dann schien ihr Morgenkater mit einem Schlag geheilt.
„Scheiße…. Desmond?!“
„Ich fasse das mal als Ausdruck deiner Freude auf.“
Nachdem sich die Geschwister in die Arme geschlossen hatten, trat Faust zurück, um seine Schwester genauer zu betrachten. Zuletzt hatte er Claire gesehen, als sie ein kleiner Wildfang von zehn Jahren gewesen war, doch die Frau, die ihm nun gegenüber stand, war so alt wie er selbst. Sie hatte Helenas hochgewachsene Figur, doch mit den kantigen Gesichtszügen und den sehnigen, braungebrannten Oberarmen haftete ihr mehr von der derben Raubeinigkeit eines Seemanns an. Sie hielt einen Dolch gezückt, der vermuten ließ, dass sie wenig gute Erfahrung mit frühmorgendlichen Besuchern gemacht hatte. Lagunas höfische Verbeugung quittierte sie mit einem argwöhnischen Stirnrunzeln.
„Wofür hältst du mich, Kleiner?“ Dann wies sie mit einer fahrigen Geste auf das heillose Durcheinander ihres kleinen Mietzimmers. „Setzt euch.“
Faust und Laguna wechselten ein vielsagendes Stirnrunzeln: Zwischen all dem Schrott – den zerbeulten Töpfen, fadenscheinigen Kleidungsstücken, rostigen Waffen und zerfledderten Büchern – hätte nicht einmal ein ausgehungerter Halbling Platz gefunden, ohne sich einen rostigen Nagel in den Hintern zu rammen. Dennoch war Faust erleichtert: Claire schien weniger in Armut als im Chaos zu versinken – ein Familienleiden. Außerdem sah sie aus, als könne sie ein kräftigendes Frühstück vertragen.
„Lass uns ein Gasthaus suchen… Ich lad‘ dich ein.“
„Wie könnte ich da nein sagen?“
Claire füllte eine Waschschüssel, um sich prustend das kühle Nass ins übernächtigte Gesicht zu spritzen. Dann zog sie sich ungeniert vor den Augen der beiden Männer um, was Laguna die Schamröte ins Gesicht trieb.
„Wir sind auf dem Weg hierher der Gastwirtin begegnet“, erklärte Faust, der sich lässig gegen den Türrahmen lehnte. „Ich hab‘ deine Mietzahlungen übernommen.“
„Ich brauche keine Almosen, Desmond“, brummte Claire, während sie sich das nasse Haar trocken rieb.
„Sicher?“ erwiderte Faust mit einem Schmunzeln. „Die Kaplanin lässt ausrichten, dass du gefeuert bist. Du warst heute Nacht nicht da, als die Stadt angegriffen wurde.“
„Die Stadt wurde angegriffen?“ Seine Schwester hielt in der Bewegung inne. Doch dann zuckte sie flapsig mit den Schultern und fuhr mit dem Rubbeln fort. „Muss ich verschlafen haben.“
„Du hast verpennt, wie die halbe Stadt abgebrannt ist? Respekt! Das Zeug muss ich mir auch besorgen.“
„Was soll‘s! Ich bin noch immer über die Runden gekommen. Dann heuere ich eben auf einem der Handelsschiffe an oder versuche mich als Magiergehilfin. Hab‘ das Söldnerdasein ohnehin satt.“
Vielseitigkeit lag offenbar in der Familie.
„Es ist also wahr.“ Claire wandte sich zu Faust um und musterte ihn mit einem schiefen Lächeln. „Der große Held, der in Myth Drannor den Teufelsfürsten besiegte, ist nach zwölf Jahren aus der Versenkung getaucht. Weiß Mutter, dass… naja, dass sie den Grabstein wieder ausbuddeln kann?“
„Ich war bei ihr. Aber ich bezweifle, dass sie mir einen Grabstein gewidmet hat. Sie ist nicht gerade in Jubelstürme ausgebrochen.“
„Sie ist Amok gelaufen, nachdem ihr heißgeliebter Erstgeborener damals aus Rabenklippe verschwand…. Du bist wirklich ein Ork, Desmond!“ Claires derbes Lachen klang aufgesetzt, so als wolle sie damit ihre Unsicherheit kaschieren. Die Rückkehr ihres berühmten Bruders schien die flatterhafte Söldnerin in Verlegenheit zu bringen. „Du hättest sehen sollen, wie sie zum Orden lief und diesen Kelemvor-Priester zur Sau gemacht hat: Stell dir die Kollision zweier Eisberge vor, dann hast du eine ungefähre Vorstellung. Aber sie würde sich eher die Zunge rausreißen, als dir das auf die Nase zu binden, nachdem sie aus Heldengesängen erfahren durfte, dass du noch lebst! Naja, nicht dass ich es nicht nachvollziehen könnte… Scheiße, war ich froh, als ich alt genug war, diesem Tollhaus den Rücken zu kehren.“ Sie spuckte zur Bekräftigung in die Waschschüssel und blickte in die Runde. „Können wir gehen?“

Grimwardt
Kurz darauf im „Roten Reiher“.
Da der Rote Reiher eines der wenigen Gasthäuser war, die vom Feuer und der Flut verschont geblieben waren, war es hier an diesem Morgen proppenvoll. Zum Ärgernis des Wirtes, der sich bei diesem Ansturm bereits die Hände gerieben haben musste, hatte Grimwardt ein Heldenmahl erbetet, das die halbe Stadt verköstigt hätte. Mit Winter und Miu hatte er einen kleinen Fenstertisch ergattert, den sie Faust und seinen beiden Begleitern überließen, als diese im Gasthaus eintrafen. Scarlet und der junge Bedine waren noch nicht zu ihnen gestoßen. Während Fausts Schwester Claire kräftig zulangte, stand Grimwardt am Fenster und betrachtete skeptisch die drei Schatzkarten, die seine Schwester von der Leiche des toten Piratenkapitäns abgezeichnet hatte.
Die erste Karte zeigte einen Ausschnitt der Südküste Tays. Ein paar Seemeilen südlich der Hafenstadt Escalant war eine Insel markiert. Neben die Zeichnung hatte Winter zwei Verse gekritzelt:  „In der Nacht, da Nhalloth im Meer versank/ Küsste Himmelsmund das Meergesicht.“ Die zweite Zeichnung war eine Nahansicht der Insel aus der ersten: Demnach wurde der größte Teil des Eilands von den Ruinen einer alten Stadt eingenommen. Auch auf dieser Karte war ein Kreuz: Es markierte eine Stelle im Hof einer Gebäuderuine im Stadtkern. Um den Rand jener zweiten Karte wanden sich die Worte: „Nur wer falsch herum sieht, dem erschließt sich das Geheimnis von Nhalloth“ und eine Anmerkung Winters wies darauf hin, dass diese Verse im Original in Spiegelschrift verfasst waren. Die dritte Karte schließlich beschrieb den Weg durch ein unterirdisches Labyrinth zu einer Schatzkammer.
Grimwardt begriff nicht, was sich seine Schwester von diesen Karten versprach. Welches Ogerhirn ließ sich das Geheimnis um einen versunkenen Schatz auf den eigenen Leib tätowieren? Die einzige Erklärung, die Grimwardt dafür einfiel, war die, welche Joe selbst ihnen geliefert hatte: Die Karten waren ein schlechter Scherz, ein morbides Augenzwinkern, das an denjenigen adressiert war, dem die Leiche des Piraten in die Hände fiel. Allenfalls würde an dem Ort, der dort beschrieben war, eine Falle auf sie warten, aber gewiss kein Schatz! Und selbst wenn doch, war das ihrer Mission im Dienste Narbentals wenig dienlich, denn bei allem Irrsinn war die Mannschaft der Sturmhexe sicher nicht so hirnrissig, sich an einen Ort zurückzuziehen, zu dem der tote Leib ihres Kapitäns die Wegbeschreibung lieferte! Oder vielleicht doch? Spekulierten sie darauf, dass ein offensichtliches Geheimnis ihre Gegner zu genau dieser Schlussfolgerung führen würde? Andererseits war eines nicht von der Hand zu weisen: Die Tätowierungen waren im Moment ihr einziger Hinweis auf die Sturmhexe, denn die magische Ortung sowohl des Schiffes als auch der verbliebenen Mannschaft war erfolglos geblieben: Das Zauberleuchten lenkte jeden Zauber ab, der auf die Pestberührten traf.
„Nhalloth“, murmelte Grimwardt. „Was soll das sein? Ein Ort? Ein versunkenes Schiff? Wenn es sich dabei um die Stadt auf der Karte handelt, sollte sich leicht feststellen lassen, ob sie auf der markierten Insel liegt.“
„Wenn sich die Insel so einfach finden ließe“, wandte Winter ein. „Ich habe gestern Abend versucht, zu dem Ort auf der Karte zu teleportieren, doch der Zauber ist fehlgeschlagen.“
„Ein magischer Schutzschild?“
„Ich bin mir nicht sicher. Ich stieß beim Zaubern auf keine Barriere. Es war mehr so, als existiere der Ort gar nicht. Und als ich ein paar Matrosen nach einer Insel bei Escalant fragte, behaupteten sie, es gäbe an der tayanischen Südküste keine Inseln.“  
„Vielleicht ist es keine Insel mehr“, klinkte sich Fausts Schwester beiläufig in das Gespräch ein. Als sie die Blicke der anderen auf sich spürte, schluckte sie hastig einen Fleischklops herunter und fügte erklärend hinzu: „Sagtet ihr nicht, die Karte wurde vor der Zauberpest gezeichnet? Der Meeresspiegel ist gesunken, als das Zauberleuchten wütete. Escalant liegt heute meilenweit landeinwärts. Wenn der Ort vorher Teil einer Inselkette vor dem Festland war, kann es doch sein, dass er heute mit der Küste verbunden ist.“
Grimwardt warf Winter einen Blick zu und zog fragend die Brauen hoch.
„Auf die Idee bin ich noch nicht gekommen“, gab sie zu. Dann nahm sie ihrem Bruder die Zeichnung aus der Hand und reichte sie an Claire weiter. „Fällt dir sonst noch etwas dazu ein?“
Claire warf nur einen kurzen Blick auf die Karte, ehe sie den Kopf schüttelte.
„Meine Vermutung kann nicht stimmen. Die Insel ist zu weit vom Festland entfernt und das Meer ist dort zu tief. Deine Matrosen hatten recht, Winter: In dieser Gegend gibt es keine Inseln. Ich kenne die Gewässer; das müsste in der Nähe der Haifischbannmauer sein. Hab‘ vor ein paar Jahren als Gouvernante für einen aglarondesischen Handelsfahrer gearbeitet.“
„Gibt es irgendeinen Beruf, den du noch nicht ausgeübt hast?“, warf Faust scherzend ein.  
„Was ist die Haibannmauer?“, hakte Grimwardt nach. Die Welt der Seefahrer war ihm fremd und ein wenig suspekt. Er gehörte zu den Leuten, die überzeugt waren, dass die Götter den Menschen Flossen gegeben hätten, wenn sie gewollt hätten, dass sie sich die Meere Untertan machten.
„Oh, richtig, ihr ward ja die letzten zwölf Jahre…“ Claire blickte hilfesuchend zu Faust.
„…im Zeitstrom gefangen.“
„Richtig… wie auch immer. Die Haibannmauer existiert schon seit langem: Die Seeelfen von Myth Nantor errichteten sie, um ihr Reich gegen die Gewässer ihrer Feinde, der Sahuagin, abzugrenzen. Die Sahuagin brauchen den Druck der Tiefe und können in der Nähe der Wasseroberfläche nicht überleben, darum reichte die Mauer früher nicht über die Oberfläche hinaus. Kaum ein Mensch wusste überhaupt, dass sie existiert. Erst durch das Absinken des Meeresspiegels wurde die Mauer sichtbar und seither trennt sie die Alambersee von der See des Sternregens.“
„Seeelfen, Sahuagin, Myth Nantor…“, murmelte Faust. „Seit wann gehen die Völker der Meere so freizügig mit ihren Geheimnissen um?“
Claire grinste breit und schien im Stillen über ihren Bruder zu triumphieren. „Narbental ist ‘ne Hafenstadt, Desmond! Diese Dinge gehören hier nicht gerade zur Sorte ‚obskures Wissen‘. Jedenfalls nicht, seitdem die Seeelfen die Oberstadt von Myth Nantor zur freien Handelsstadt erklärt haben.“
Verblüffte Blicke. Grimwardt kannte sie sagenumwobene Unterwasserstadt der Seeelfen nur aus Mythen und Albenmärchen. Bis vor einigen Augenblicken hätte er bezweifelt, dass sie tatsächlich existierte… Die Zauberpest hatte tatsächlich die Welt verändert!
„Myth Nantor wurde an die Oberfläche gespült? Dann ist es möglich, dorthin zu gelangen?“
„Ja, viele Händler, Schmuggler und Piraten haben sich dort niedergelassen, weil die Seeelfen keine Zölle erheben und weil der Elfenschutzwall vor feindlicher Ausspähung schützt… Verdammt raues Pflaster, nach allem, was man hört.“
Die Gefährten wechselten einstimmige Blicke. Wenn es die geheimnisvolle Insel tatsächlich gab und wenn sie in der Nähe der Haibannmauer lag, dann mussten die Elfen von Myth Nantor mehr darüber wissen.
„Sieht so aus, als hätten wir ein neues Ziel!“
In diesem Moment erspähte Grimwardt Scarlets roten Lockenkopf. Mit Sayid im Schlepptau bahnte sie sich suchend einen Weg durch das überfüllte Gasthaus. Der Priester hob die Hand, um sie zu sich zu winken. Die beiden Sandkämpfer hatten ihre Ausrüstung angelegt und waren vollständig gerüstet als wollten sie noch in dieser Stunde in den Krieg oder zumindest auf Abenteuer ausziehen.
„Onkel“, begann Scarlet steif, als sie an ihrem Tisch angelangt war. „Wir brechen auf. Für deine Hilfe und die deiner Freunde möchten wir dir danken, auch im Namen Zarifs.“
Winter konnte nicht entgangen sein, dass ihre Tochter sie aus ihren Dankesworten ausschloss. Doch sie ließ sich nichts anmerken, als sie sich erhob: „Ich kann euch ins Lager teleportieren. Lasst mich nur eben…“
„Nein“, sagte Scarlet scharf. „Auf deine schwarze Magie können wir verzichten!“
„Auf meine…?“
Winter blieb die Spucke weg. Selbst Grimwardt erschreckte die kalte Verachtung, mit der Scarlet gesprochen hatte.
„Ziemlich heuchlerisch, deine Haltung, meinst du nicht?“ Faust hielt die Hände provokativ vor der Brust verschränkt und wippte leicht mit dem Stuhl nach hinten.
„Was soll das heißen?“
Faust kniff die Augen zusammen. „Bist du nicht diejenige, die vor ihren Freunden mit ihren Fähigkeiten hinter dem Berg hält, weil die sie für dunkle Magie halten könnten?“
„Was…?“ Vor Schreck wich Scarlet alle Farbe aus den Wangen und sie warf Laguna einen Blick zu, der ein Feuerelementar in Eis verwandelt hätte. „Laguna, wir gehen!“, sagte sie mit eisiger Stimme. Der junge Halbelf schluckte heftig und schien zu erwägen was schwerer wog: die Schmach, wie ein gescholtener Hund vor seiner Herrin den Schwanz einzuziehen, oder das Donnerwetter, das ihn später erwartete.
„Ihr geht nirgendwohin“, sagte Grimwardt bedächtig. „Ich habe Zarif Abu Sayama mein Wort gegeben und werde Sayid nicht aus den Augen lassen, ehe er sicher und wohlbehalten bei seinem Bruder angekommen ist.“
„Ist das ein Befehl?“, fragte Scarlet rebellisch. „Unterstützt Tempus plötzlich die Schergen Shars?“
Für einen Augenblick herrschte Stille.
Dann donnerte Grimwardt, sodass die Fenster zu erzittern schienen: „JA, DAS IST EIN VERDAMMTER BEFEHL!“
Stille.
Eingeschüchtert wandte seine Nichte den Blick zu Boden. Winter fasste ihren Bruder behutsam am Arm.
„Lass sie gehen“, sagte sie resigniert. „Ein Ritt durch die Talländer… was kann da schon passieren?“
Der Kriegspriester sah Scarlet eine Weile düster an, dann grummelte er einen Fluch und entließ sie wie einen Soldaten mit einer wegwerfenden Handbewegung. Unter den sensationslustigen Blicken der Wirtshausgäste verließen die jungen Leute den Schankraum wie drei Geächtete mit hängenden Köpfen und zittrigen Knien. Als die Tür hinter ihnen zugefallen war, schüttelte Grimwardt den Arm seiner Schwester ab und wandte den Blick zu Boden.  
„Und ist es wahr?“, brummte er mit verhaltener Stimme. „Bist du mit den Sharianern im Bund?“
„Was? Nein!“, rief Winter mit gestelzter Empörung.
Abrupt hob er den Kopf, um ihr in die Augen zu sehen.
„Dann sag mir, warum du in der Wüste deine Magie anwenden konntest!“
„Weil… keine Ahnung, ich…“ Winter schluckte. „Shar hat nichts mit meiner Magie zu tun.“
Er sah keine Lüge in ihren Augen. Oder wollte er sie nicht sehen? Plötzlich tat ihm sein Wutausbruch gegen Scarlet leid. Nicht sie hatte er…
„Wie auch immer“, brummte er. „Wir haben wirklich nicht die Zeit, uns mit diesem Kinderkram aufzuhalten!“
Damit ließ er Winter stehen und stapfte die Treppe zu ihren Quartieren hinauf.
„Scheiße nochmal“, hörte er Claire noch murmeln. „Und ich dachte, unsere Familie wäre verkorkst!“

Winter
Nachts.
Eine kalte Berührung riss Winter aus dem Schlaf. Über ihr schwebte ein Gesicht, das sie aus dunklen Augenhöhlen anglotzte. Joe! Blaue Blitze zuckten über die substanzlose Fratze des Piratenkapitäns, die sich laufend zu verändern schien, bis sie völlig von Pestnarben übersät war. Sie wollte schreien, doch sie brachte keinen Ton hervor. Sie spürte, wie der anklagende Blick der Geisteraugen bis in ihre Haarwurzeln fraß, wie er sie lähmte und dann… Eine körperlose Klaue griff nach ihrem Herzen. Wie aus weiter Ferne hörte sie Grimwardt, der einen Zauber wob. Die Magie stieß den Geist zurück und die lähmende Kälte zog sich aus der Gegend ihres Herzens zurück. Der Piratengeist stieß ein klagendes Kreischen aus, doch er widerstand dem mächtigen Priesterzauber. Eine übernatürliche Kraft presste Winter tiefer in die Kissen und sie spürte wie etwas ihren Kiefer auseinanderbog. Nun schrie sie aus Leibeskräften, doch sie konnte es nicht aufhalten: Der Geist schnellte in die Höhe und zerfloss zu weißem Nebel, der sich in ihren aufgerissenen Mund ergoss und ihr die Kontrolle über Körper und Geist entriss.

„Das ist Wahnsinn“, knurrt Ray unbehaglich und seine Stimme hallt gespenstig von den Wänden der Tropfsteinhöhle wider. Leise gleitet das schmale Beiboot mit dem Kapitän und den beiden Werhaizwillingen durch das Höhlenlabyrinth. Nur das rhythmische Plätschern der Ruder ist zu hören. Der Kapitän lässt sich seine Beunruhigung nicht anmerken, doch auch ihm steht der Angstschweiß auf der Stirn. An jeder Wegbiegung muss er sich zusammenreißen, um der Aura des Unheimlichen zu folgen, die ihn tiefer und tiefer ins Herz des Unterreiches führt. Was sie tun, IST Wahnsinn. Niemand, der bei klarem Verstand ist, wagt sich freiwillig ins Reich des Gedankenschinders. Aber Joe ist nicht bei klarem Verstand – er spürt, wie die Krankheit ihn auffrisst. Es reicht ihr nicht, dass sie seinen Körper in Besitz genommen hat: Nun greift sie nach seinem Geist – und er weiß nicht, wie lange er noch er selbst sein wird. Er hat nichts mehr zu verlieren. Doch er muss wenigstens versuchen, seine Mannschaft zu retten.
Schließlich läuft das Boot auf Grund und sie gehen an Land. Vor einer Höhle sind zwei Grimlock-Wachen postiert, die ihnen die Waffen abnehmen. Joe lässt es geschehen. Er hat nicht einmal einen Dolch im Stiefel versteckt. Er könnte ihn nicht schnell genug ziehen; die Kruste, die sich über seinen Körper zieht, hat seine Hände in  Krebsscheren verwandelt.
Die Wachen führen ihn und seine beiden Gefährten in ein unterirdisches Zauberlabor. Phosphoreszierende Flüssigkeiten, die zwischen eingelegten Körperteilen und dampfenden Tränken vor sich hin dümpeln, spenden dämmriges Licht. Im hinteren Teil der Höhle, ihnen den Rücken zugekehrt, beugt sich die große, schlanke Gestalt des Illithiden, von Schatten umflossen, über einen aufgeschlagenen Folianten. Die düstere Aura ist hier so stark, dass sie Joe die Kehle zuzuschnüren droht.
Joe. Die telepathische Stimme der Kreatur wird von einem sirrenden Fiepen begleitet, das ihm irrsinnige Kopfschmerzen bereitet. Was verschafft Uns die Ehre?
 „Morloch.“ Der Pirat räuspert sich. Trotzdem klingt seine Stimme heiser vor Angst, als er fortfährt. „Meine Mannschaft wurde von der Zauberpest überrascht. Sie hat sogar das Schiff betroffen. Und nun… Ich fürchte, dass das Zauberleuchten langsam den Weg in unsere Gedanken findet. Wenn es stimmt, was man über Euch sagt…. Wenn Ihr über Magie verfügt, die ohne das Gewebe auskommt, dann seid Ihr vielleicht der einzige, der ein Heilmittel kennt.“ Er macht eine Pause. Als die Kreatur noch immer keine Anstalten macht, sich zu ihm umzuwenden, fährt er unsicher fort. „Ich… Ich kann Euch das Geheimnis um die Karten von Nhalloth verraten. Heilt mich und ich gebe Euch den Schlüssel zu den Tätowierungen auf meinem Körper.“
Ohne Hast blättert Moloch mit den drei Tentakeln, die aus seinem Kiefer wachsen, in dem dicken Folianten. Erst als Joe glaubt, es in seiner Gegenwart nicht länger auszuhalten, wendet er sich langsam zu ihm um, doch die obere Hälfte seines Körpers bleibt weiter vom Schatten verdeckt. Kein magisches Wort dringt über seine Lippen, kein Luftflackern kündigt den Zauber an: Plötzlich gehen die Wehaizwillinge zu Boden. Lautlos sacken sie in sich zusammen.
„Bei Umberlee, was…!“
Joe schnellt vor, um dem niederträchtigen Verräter seine Scheren in den Leib zu stoßen, doch ehe er auch nur seine Anschuldigung vorbringen kann, spürt er die Berührung von zwei schleimigen Saugdrüsen an seiner Stirn. Die Augen des Piratenkapitäns erstarren in den Höhlen und seine Glieder erschlaffen. Er wütet gegen die Dunkelheit, die seinen Geist einzunehmen droht, doch er ist zu geschwächt – sein Geist zu zerfressen von der Zauberpest, um den übermächtigen Sog abzuschütteln.
Umberlee ist schon lange nicht mehr Unsere Göttin. Und den Schlüssel zu Nhalloth wirst du Uns so oder so geben, surrt die Stimme, ehe sie ihn verschlingt.

Keuchend sprang Winter aus dem Bett, die Hände bereits zu einer magischen Geste geformt. Doch da waren nur Grimwardt, der das heilige Symbol noch umklammert hielt, mit dem er den Geist vertrieben hatte, und Faust, der mit gezogenem Schwert in ihr Zimmer gestürmt kam.
„Alles in Ordnung?“, brummte Grimwardt.
Sie nickte stumm und ließ sich auf die Bettkante sinken.
„Scheint, als hätten wir ein Problem.“
Sie hob den Kopf. „Warum? Hast du Joes Geist nicht vertrieben?“
„Ich habe nur seine Verbindung zur materiellen Ebene durchtrennt“, sagte der Priester. „Geister können nicht zerstört werden. Meist sind sie gepeinigte Seelen, die eines gewaltsamen Todes gestorben sind. Sie können die Zwischenwelt, die astrale Ebene, nicht verlassen, um in die Stadt der Seelen einzugehen, solange ihre Erinnerung vom Schock ihres Dahinscheidens vereinnahmt wird. Der einzige Weg, einen Geist zu zerstören, besteht darin, das Unrecht wiedergutzumachen, das ihm widerfahren ist… oder von dem er glaubt, dass es ihm widerfahren ist.“
Klang da ein versteckter Vorwurf aus Grimwardts Stimme, weil sie keinen Versuch unternommen hatte, ihren Ehemann vor seinem Schicksal zu bewahren?
„Aber nicht wir haben Joes Schicksal zu verschulden“, sagte sie und berichtete von der Vision, die der Geist ihr eingegeben hatte.
„Hm“, brummte Grimwardt. „Offenbar will Joe dich zum Werkzeug seiner Rache an diesem Morloch machen.“
„Wieso setzt er dann alles daran, mich zu Tode zu erschrecken?“
„Geister denken nicht rational.“
„Jedenfalls erklärt das, wer die Sturmhexe und Joes dem Wahnsinn anheimgefallene Crew befehligt“, klinkte sich Faust in die Unterhaltung ein. „Vermutlich meinte Fürst Xantes den Illithiden, als er schrieb, dass er sich mit dem Kapitän der Sturmhexe getroffen habe. Aber welches Interesse könnte dieser Morloch an den Schatzkarten haben? Joe wäre ein schlechter Pirat, wenn er den Schatz nicht längst selbst eingesackt hätte.“
„Wir müssen herausfinden, was es mit diesem Nhalloth auf sich hat“, erklärte Grimwardt.
Er und Faust waren bald in eine Diskussion vertieft, die Winter nur halbherzig verfolgte. Ihr Blick hing an ihrem Bruder. Den Bruch mit Scarlet hatte sie erwartet. Vielleicht war es so das Beste: Wenn der einzige Weg ihre Tochter zu beschützen, darin bestand, sie auf Abstand zu halten, dann war der eisige Stich, den sie bei Scarlets unversöhnlichen Worten empfunden hatte, ein geringer Preis. Aber Grimwardt… Es waren nicht seine Worte, die ihr Angst einjagten, sondern die Dinge, die er unausgesprochen ließ. Er wich ihr aus – instinktiv schien er zu spüren, dass sie sich verändert hatte und dass diese Veränderung sie entzweien könnte. Als sie ihre erste Seele getrunken hatte, hatte sie an Desayeus‘ Vision gedacht, die sie verhindern musste. Sie musste ihre kleine Familie zusammenhalten, koste es was es wolle. Aber was, wenn Grimwardt herausfände, was sie war? Würde er sie verstoßen? Würde es… konnte es seinen Glauben zerstören? Würde er für sie seinen Gott verleugnen...?
… und einen neuen wählen, der ihn mit einem schwarzen Schwert durch die Wüste reiten lässt?
Plötzlich zog sich Winters Herz zusammen. Sie musste hier raus! Unter dem Vorwand, dass sie müde sei und sich in Fausts Zimmer schlafen legen wollte, verließ sie den Schlafsaal. Sie sprach einen Teleportationszauber, ohne wirklich zu wissen, wohin er sie führen würde…
Sie stand am Strand. Wellen leckten sanft nach ihren Füßen, schwollen an und wieder ab und eine sanfte Brise strich durch ihr Haar.
Meine Insel!
Der Zauber hatte sie auf die Insel im südlichen Sternregenmeer geführt, die Joe ihr zur Hochzeit geschenkt hatte. Winter schloss die Augen und atmete die warme Tropenluft ein. Es beruhigte sie, dass die Insel noch existierte… dass die Zauberpest wenigstens diesen kleinen Teil ihres Lebens unversehrt gelassen hatte…
Ziellos lief sie ein Stück am Strand entlang. Schon von weitem sah sie die beiden Holzstatuen. Aber was war mit ihnen geschehen? Sie zeigten nicht länger die Konterfeis Winters und Joes. Jemand hatte ihre Augen weiß und ihre Haut blau angemalt und ihnen spitze Ohren geschnitzt. Winter seufzte: Offenbar hatten die Eingeborenen neue Götter gefunden – nicht alles war hier beim Alten geblieben. Und was war…? Winter stutzte. Als sie das Monument erreichte, gewahrte sie landeinwärts ein eigenartiges, blaugrünes Licht. Sie teleportierte tiefer hinein ins Dickicht des Inseldschungels, näher an jenes eigenartige Leuchten…
Keuchend ging Winter zu Boden. Es war ihr Zauber – er drohte sich gegen sie zu wenden! In ihrer Vorstellung wuchs er zu etwas Monströsem an, eine Bestie, die sich brüllend ihrer Kontrolle entriss. Vor ihr, zwischen den Bäumen, schwebte eine riesige Erdscholle. Auch dort wuchsen Bäume, doch keine, die sie jemals zuvor gesehen hatte. Sie waren monströs und feindselig wie die Zauberbestie und wie sie schienen sie ganz und gar von jenem blauen Leuchten durchwoben zu sein.
Zauberleuchten!
Bevor die Bestie ihren Verstand vernebeln konnte, floh Winter zurück zum Strand. Sie hielt nicht an ehe sie den Sand unter ihren Füßen spürte und wob noch im Rennen einen Zauber, der sie zurück nach Narbental bringen sollte. Keuchend tauchte sie in der Nähe des Gasthauses wieder auf.
Vorsichtig tastete sie ihren Körper ab, doch ihr schien nichts zu fehlen… Dann gewahrte sie das kleine, sternförmige Mal auf ihrem Handballen.
Ein Pestmal.
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Winter am 07. März 2011, 12:18:10
Es gibt nichts besseres, als an einem freien Tag zum Frühstückskaffee ein neues Kapitel vorzufinden. Vielen Dank :-) Morgen besorgen wir übrigens einen Rahmen für unser Kampagnenposter, und dann kommt es ins Treppenhaus...
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 07. März 2011, 16:47:18
Seeeeeeeeeelfen...
Gefällt mir...wie immer ;)
Oh, und da freue ich mich auch schon wieder auf die kommenden Episoden... Grimwardts kulinarische Reise durch Rabenklippe... :D
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 23. März 2011, 19:26:07
Na, wat macht denn das nächste Kapitel so?  ::)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 24. März 2011, 08:21:51
Ist gerade im Hafen von Myth Nantor angekommen ;-)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 24. März 2011, 10:54:30
ah, dann geht sie da gleich n bisschen spazieren und finanzieren ;)
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Nightmoon am 05. April 2011, 19:07:32
Der Elminster-Roman den ich bei Norma gekauft habe ist leider gar nicht mal so gut. Jedes Kapitel neue Charaktere ist irgendwie blöd... dabei gibt es doch schon so eine kleine Indi-Roman-Reihe die total gut geschrieben ist und so, mit total tollen Helden und trotz höherer Machtverhältnisse als bei Elminster bleibt es die ganze Zeit spannend und gefährlich... frage mich wann diese Reihe endlich fortgesetzt wird... schmacht... :D
Titel: Stadt der gläsernen Gesänge
Beitrag von: Niobe am 11. April 2011, 01:57:18
Kapitel IV: Krabbensalat

Faust
Eine Woche später auf der Eggenstolz, südwestliche See des Sternregens.
Hüstelnd stolperte Faust aus der Kapitänskajüte. Harte Nacht. Das Blitzen der Morgensonne, das im Osten auf den Wellen tanzte, brannte ihm in den Augen. Außerdem erinnerte sein pochender Schädel ihn unsanft an das halbe Fass Dunkelbier, mit dem er den bitteren Geschmack des Pfeifenkrauts zu betäuben versucht hatte. Dumpf zuckten wirre Bilderfolgen hinter seinen halbgeschlossenen Lidern vorüber: Die roten Gesichter der Matrosen beim Würfelspiel. Kapitän Guinges, der dicke Rauchringe in die Luft paffte. Seine Schwester, die mit jeder verlorenen Runde weniger am Leibe trug… Faust stöhnte auf und hielt sich an der Reling fest, ehe sich das Würgen, das ihn bei dieser Erinnerung packte, mit dem Grummeln in seinem Magen verbünden konnte.
„Auch endlich raus aus der Koje?“, dröhnte es aus Richtung des Bugs. Faust hob den Blick, senkte ihn jedoch schnell wieder, als der Schwindel ihn packte. Doch er musste nur dem stechenden Geruch des Pfeifenkrauts folgen, um Kapitän Guinges zu entdecken, der am Vordersteven stand und aufs Meer hinausblickte. Der alte Seebär paffte ihm einen Zug stinkende Luft ins Gesicht und klopfte ihm gönnerhaft auf die Schulter. „Hehe, hab‘ ich’s dir nich gesacht, Junge? S-tattlicher Bursche biste, aber an‘n alten Guinges kommste nich ran!“
„Ich verbeuge mich vorm Meister.“ Gerade noch rechtzeitig entsann sich Faust des osttalisischen Seemannsdialekts, den er sich von den Narbentaler Matrosen abgekupfert hatte, um dem Kapitän einen „Mann vom Fach“ vorzugaukeln. „Des Lantaner war da wohl doch was s-tärker als wie ich‘s gewohnt bin, nä?“
Die linguistische Maskerade war ein spontaner Einfall gewesen, den er allmählich zu bereuten begann. Da Myth Nantor gegen Teleportationen geschützt war, waren die Gefährten in die Stadt Sopra in Turmish gereist, um von dort aus die Überfahrt in die Elfenstadt anzutreten. Doch seit Turmish von einer Flüchtlingswelle aus den pestverseuchten Gebieten des Vilhongriffs heimgesucht worden war, herrschte im einst so gastfreundlichen Sopra eine fremdenfeindliche Stimmung. Winters fehlgeschlagener Versuch eine unfreundliche Torwache zu bezaubern, hatte sie in Konflikt mit der Stadtwache gebracht. Da kein Schiffsherr sich bereit erklärt hätte, vier stadtbekannte Unruhestifter auf seinem Schiff zu verstecken, hatten sie improvisieren und sich eine neue Identität zulegen müssen. So war es zu jener denkwürdigen Begegnung mit Kapitän Guinges gekommen. Seit Faust dem alten Haudegen aus Eggental auf dem Markt von Sopra getroffen und ihm weisgemacht hatte, etwas von Halblings-Pfeifenkraut zu verstehen, waren die beiden „dicke“ – nun ja, Faust war vor allem dicke zugedröhnt, seitdem er jede Nacht auf See in der verqualmten Kajüte des Kapitäns verbrachte. Der unerschöpfliche Vorrat an Dunkelbier aus der Familienbrauerei des Kapitäns machte die Sache nicht besser. Doch die preiswerte Reise und der Umstand, dass Faust seiner Schwester eine Stelle als Bootsmaat auf der Eggenstolz hatte ergattern können, machten den allmorgendlichen Kater wett.
„S-pürste, wie windstill es geworden is, Junge?“, paffte der alte Seebär. „Das isse Magie vonnie Elfen. Nu simma bald am Ziel.“
Faust stützte sich am Vorsteven ab und blickte aufs Meer hinaus. Kein Luftzug ging und der Himmel war so wolkenklar wie an einem Hochsommertag. Vermutlich ein Effekt des Mythals, der die Seeelfenstadt umgab.
„Puh, du muffelst ja wie ‘ne alte Halblingssocke.“
Mit gewohnt miesepetriger Laune erschien Grimwardt an Fausts Seite. Hinter ihm tauchten Winter und Miu auf. Winter hatte dunkle Ringe unter den Augen und zog sich fröstelnd ihren Umhang um die Schultern. Faust glaubte nicht daran, dass Joes Geist der Grund für ihre mysteriöse Krankheit war, wie sie behauptete. Der allnächtliche Geisterspuk hatte für allerlei neues Seemannsgarn an Bord der Eggenstolz gesorgt, doch für die Helden stellte der Geist keine wirkliche Gefahr dar und die Schrecken der ersten Nacht wichen langsam lästiger Routine. War Winters Unpässlichkeit vielleicht ein erstes Anzeichen der Zauberpest? Zwar hatte die Kaplanin von Narbental ihnen versichert, dass ein so kleines Zaubermal wie jenes, das Winter von ihrem nächtlichen Alleingang davon getragen hatte, keine große Gefahr darstellte, doch was mochte sonst hinter ihrem Leiden stecken?
Es dauerte nicht lange, ehe sich in der Ferne eine Luftspiegelung abzeichnete. Ein prismatisches Gebilde aus Lichtbögen und Farbfontänen. Erst als sie näher an das Schimmern herankamen, erspähte Faust die Stadt unter dem Schleier aus Licht. Doch es war keine Stadt wie Faust sie je unter Menschen oder Elfen gesehen hatte. Elfische Hochmagie hatte Myth Nantor aus einem einzigen riesigen Korallenriff erwachsen lassen: Farbenprächtige Polypen und permuttfarbene Muschelkolonien überwucherten Hausfassaden aus Korallenskeletten. Wunderliche Meeresgezüchte überspannten Straßenschluchten aus Kalkstein. Und über allem lag ein Dunstschleier aus feinem, magischen Sprühregen, der das Korallengezücht am Leben hielt und jenen Schleier aus Regenbögen wob, der die Stadt wie ein Schutzschild umspann. Faust erspähte weder Wachpatrouillen noch Verteidigungsringe, doch Kapitän Guinges erklärte, dass nur etwa ein Drittel der Seeelfenstadt aus dem Meer ragte. Jener Teil wurde von den Handelskompanien der menschlichen Seefahrernationen verwaltet, die in der Stadt Faktoreien und Lagerhallen unterhielten. Die elfische Unterstadt war für die meisten Menschen unzugänglich und verfügte über ihre eigenen Verteidigungssysteme.
Der Kapitän gesellte sich zu seinem Steuermann und umsegelte die Stadt in weitem Bogen, um nicht auf den verborgenen Teil des Korallenriffs aufzulaufen. Das Schiff hielt auf den Hafen von Myth Nantor zu. Der Hafengestank und die fiebrige Geschäftigkeit holten die Mannschaft der Eggenstolz mit entzaubernder Nüchternheit in die Wirklichkeit zurück. Die schwer bewaffneten Söldnertrupps, die über die Handelsflotten und ihre Ladungen wachten, ließen vermuten, dass es hier nicht immer so friedlich zuging wie die paradiesische Umgebung vermuten ließ.
„Ich sehe was, was du nicht siehst“, brummte Grimwardt an seine Schwester gewandt.
Winter folgte seinem Blick und machte große Augen.  
„Das ist… mein Boot!“
Verblüfft beobachtete Faust wie der Anblick eines kleinen Einmasters, dessen Segel ein schwarzes Blumenemblem zierte, Winters mysteriöse Krankheit mit einem Schlag heilte. Ihre Augen begannen zu leuchten, ihre Wangen röteten sich vor Freude und aller Trübsinn wisch aus ihren Zügen. Seit sie aus der Bastion der ungeborenen Seelen zurückgekehrt waren, war die Frage, was mit Winters Diebesgilde in Hlondeth geschehen war, unausgesprochen geblieben. Da Hlondeth von der Zauberpest von der Landkarte getilgt worden war, hatten sie angenommen, dass die Schwarze Dahlie mit der Stadt untergegangen sei. Doch weder Faust noch Grimwardt hatten diesen Verdacht auszusprechen gewagt. Irgendetwas stimmte nicht mit Winter – warum also in neuen Wunden stochern, wenn die alten noch nicht verheilt waren?
Offenbar hatten sie sich gründlich getäuscht!
Zu ungeduldig, um zu warten, bis die schwerfältige alte Eggenstolz vor Anker ging, ergriff sie ihre Gefährten bei den Händen, teleportierte auf den Anlegesteg und bahnte sich, ihre überrumpelten Freunde im Schlepptau, einen Weg durch das Gewusel von Söldnern und Hafenarbeitern. Grimwardt brummte eine Verwünschung, da Winters ungestüme Teleportation ihn beinahe Hafenwasser hätte schlucken lassen. Doch Faust entging nicht, dass Winters Verwandlung auch ein wenig auf ihren Bruder abgefärbt hatte.
 „Bregan!“
Der nachlässige Bootswächter fuhr mit einem erschrockenen Schnarcher von seiner Hängematte auf und riss die Armbrust in die Höhe, die ihm während seines Mittagsschläfchens in den Schoß gesunken war.
„Herrin… Winter?!“ Er ließ von der Waffe ab und rieb sich ungläubig die Augen. „Zwick mich der Krebs, Ihr seid es wirklich!“
„Zuverlässig wie eh und je!“, spottete sie, während sie leichtfüßig an Deck kletterte, um den alten Halunken in die Arme zu schließen.
Verlegen kratzte sich Bregan am Kopf.  
„Ihr seid noch am Leben! Und schöner denn je!“
„Du bist auch… noch am Leben. Erzähl, wie es dir ergangen ist!“ Winters Stimme überschlug sich vor Freude. „Wie bist du der Zauberpest entkommen? Und was ist mit den anderen geschehen?“
Bregan begann zu erzählen: „Als uns in Hlondeth die ersten Berichte aus Halrua erreichten, rief Tigil den Kriegsrat zusammen… äh, so nannte er den inneren Gildenzirkel. Eigentlich traf Tigil nach Eurem Verschwinden immer alle Entscheidungen allein, aber Ihr kennt ihn ja: Im Zweifelsfall tragen immer die anderen die Verantwortung! Er entschied sich dafür, den Vilhongriff zu verlassen. Eigentlich wollten wir nach Damara segeln. Tigil hatte dort ein paar Kontakte geknüpft. Aber Kapitän Folocer - ich bezweifle, dass er zuvor wirklich schon mal am Steuerrad eines Schiffes gestanden hatte - kam völlig vom Kurs ab. Irgendwo in der Nähe der Pirateninseln gerieten wir in einen Sturm, der vier Tage andauerte. Wir waren halb verdurstet und völlig am Ende, als wir von Seeelfen gerettet wurden. Wir waren nicht die einzigen, die sie nach der Zauberpest aus dem Wasser fischten und hierher brachten….“
Bregan hielt inne, als sich die Bodenluke öffnete. Aus einem kinnlosen Gesicht, so zerknittert wie eine alte Morchel, blinzelten zwei kleine tränende Augen ins Licht.  
„Brutus!“ Ein Hauch von Beklommenheit streifte Winters Blick, als sie den altersschwachen Ork erkannte, doch ein heiteres Lächeln wusch ihre Bestürzung sogleich hinfort.
„Dachte, ich hätte was gehört“, tatterte der altersschwache Ork fahrig. Er schien Winter nicht zu erkennen.
„Er ist fast blind und ohne seine Hörmuschel kann er nicht mal zwischen einem Möwenschrei und einem Steinschlag unterscheiden“, erklärte Bregan. „Er ist jetzt über Dreißig, ein stattliches Alter für einen Ork. Tigil hat das Boot restaurieren lassen und lässt ihn hier seinen Lebensabend verbringen.“
„Tigil ist auch in der Stadt?“
Bregan lachte und deute auf die Handelsflotte, die gleich neben Winters Hausboot vor Anker lag. Auch die Segel der vier dreimastigen Galeeren zierte das Emblem der schwarzen Dahlie.
„Tigil gehört die Stadt!“

Winter
Kurz darauf in der Faktorei der Handels- und Aktiengesellschaft „Schwarze Dahlie“.  
 „Winter! Welch freudige Überraschung! Dein Anblick versüßt meinen Tag!“
Mit etwas nervös anmutender Euphorie kletterte Tigil hinter dem aufwendig verzierten Monstrum von Alabastertisch hervor, der die Hälfte seines Arbeitszimmers einnahm. Immerhin schien seine Wiedersehensfreude nur so weit geheuchelt, wie er fürchten musste, dass Winter gekommen war, um ihr Boot zurückzufordern. Sie unterdrückte ein Niesen, als sie von der betörenden Duftwolke erfasst wurde, die den Halbling umwaberte. Passend zu einem himmelblauen Sakko trug er blaue Laschenschuhe, die in hautengen Strümpfen steckten (was die frappierende Ähnlichkeit zwischen seinen dürren O-Beinchen und den gedrechselten Beinen des Arbeitstisches unterstrich). Sein karottenrotes Haar türmte sich über seinem Kopf zu einem Gebilde auf, das einem explodierenden Kürbis glich. Und auch die pompöse Einrichtung des Arbeitszimmers ließ vermuten, dass Tigil nicht viel auf vornehme Zurückhaltung gab.
„Tigil!“ Winter war nicht nur metaphorisch geblendet von all dem Schnickschnack. „Meinen aufrichtigen Respekt, du bist… ganz offenbar ein großer Mann in dieser Stadt!“
Dem Halbling schwoll die Brust.
„Hehe, nicht nur in dieser Stadt!“ Tigil klatschte zweimal kurz in die Hände, woraufhin Diener mit Getränken und exotischen Appetithäppchen anrückten, um die Gäste zu bewirten. „Was gibt es Besseres als einen zollfreien Warenumschlagsplatz! Schätze, die Spitzohren werden irgendwann spitzkriegen, was sie sich hier durch die Lappen gehen lassen, aber bis dahin ist diese Stadt das reinste Steuerparadies! Und meine Investoren gewähren großzügige Kredite, solange ich einmal im Jahr eine saftige Dividende ausschütte. Ich handele mit allem, was sich zu Geld machen lässt! Magie, Rohstoffe, Textilien, Skl… äh Schlachtrösser. Außer in Myth Nantor habe ich noch Niederlassungen in Damara und Tay und gerade lasse ich eine neue Flotte bauen, um nach Süden zu expandieren!“
Winter verstand nur die Hälfte von all dem kaufmännischen Kauderwelsch, doch sie vermutete, dass der neumodische Hokuspokus in erster Linie dazu diente, von Tigils brisanteren Geschäften abzulenken. Der findige Schurke hatte schon immer ein Talent dafür gehabt, sich aus der Affäre zu reden.
„Wie ich sehe, bist du ein rechtschaffener Mann geworden!“
Sein aalglattes Geschäftsführer-Lächeln bestätigte Winters Vermutung. Mit schlecht geheuchelter Diskretion stieß er sie an und raunte mit einem Kopfrucken in Fausts Richtung: „Und deine… Abenteuersache läuft gerade nicht so gut?“
„Oh, Faust riecht für gewöhnlich nicht wie ein Yeti“, beeilte sich Winter das ungepflegte Auftreten ihres Gefährten zu entschuldigen. „Ihm ist nur das Pfeifenkraut ein wenig zu  Kopf gestiegen.“
„Nun, da lässt sich Abhilfe schaffen!“ Tigil zog einen goldenen Schlüssel aus seiner Westentasche und warf ihn Faust zu. „Ich habe ein Badehaus, nicht weit von hier“, prahlte er beiläufig. „Brutus!“ Der Halbork-Wächter, der vor der Tür Wache gestanden hatte, sah zu ihnen herein. „Das ist Brutus Junior. Er wird Euch begleiten. Nur keine Scheu, die Einrichtung wird von zwei reizenden jungen Halblingsdamen betreut, die sich gerne um Euch bemühen werden.“
„Hm, ich bin jedenfalls überzeugt, dass sie sich gerne um Euch… bemühen“, bemerkte Faust . Doch er beschwerte sich nicht, als der Halbork ihn mit einer einladenden Geste aus dem Zimmer komplementierte.
Als die Tür hinter ihnen zuschwang, stieß Winter den Halbling aufgeregt an. „Brutus Junior? Ist das etwa…“
„Sein Sohn, ja“. Tigil seufzte rührselig. „Guter Mann, Brutus, guter Mann…“ Dann räusperte er sich und sein verklärter Blick wich wieder dem geschäftstüchtigen Saubermannlächeln. „Dann läuft es also gut? Hättet ihr Interesse, in mich zu investieren? Wirklich, es lohnt sich! Und Eure Namen würden sich auf meinem Banner wirklich gut machen. Da wir gerade dabei sind - ein Rat vom Profi: Ihr solltet euch unbedingt einen Heldennamen zulegen! So etwas wie die Ritter des Lichts oder die Schrecken der Meere, wirklich, bei eurem Grad an Berühmtheit…“
„Ähm, Tigil“, unterbrach Winter den Redefluss des Halblings. „Eigentlich sind wir hier wegen eines Auftrags. Wir…“ Sie überlegte, wie viel sie dem findigen kleinen Betrüger anvertrauen konnte und entschied sich für: „Wir sind hier, um Informationen über die Haibannmauer zu sammeln.“
„Oh.“ Es klang enttäuscht. „Nun… Die Seeelfen bleiben für gewöhnlich unter sich. Aber ihr könnt es mal in Zephyrs Rast am Südkanal versuchen. Ein Teil des Schankraumes reicht hinunter in die Unterstadt und ist bei Ebbe wasserleer. Dort trifft man an und wann auf Mitglieder der Aluendár.“
Tigil lud sie ein, ihn in die Stadt zu begleiten, solange sie auf Faust warteten. Ein Angebot, das Winter dankend annahm. Mit einem länglichen Elfenboot, das der Halbling „Gondel“ nannte, glitten sie durch die schattigen Wasserschluchten der Korallenstadt. Winter lauschte nur halbherzig Tigils ausschweifenden Prahlereien, während sie sich von der Schönheit der Elfenstadt bezaubern ließ. Der Wasserschleier formte immer neue Bilder aus Licht und dann und wann enthüllten magische Lichter in der Tiefe einen Teil der verborgenen Unterstadt. Doch Winter wurde jäh aus ihren Träumereien gerissen, als die Gondel am Marktplatz anlegte. Wie schon am Hafen herrschte auch hier ein äußerst raues Klima, das einen scharfen Kontrast zu der friedlichen Umgebung bildete. Söldnertrupps lagerten im Schatten der Marktstände und die Pulte der Geldverleiher wurden von wahren Armeen von Leibwächtern bewacht. Sogar einige Kunden waren mit Begleitschutz erschienen und bewaffnete Streitigkeiten waren an der Tagesordnung. Das Angebot reichte von kulinarischen Spezialitäten über magische Güter und Waffen bis hin zu Rauschmitteln und Giften. Interessiert betrachtete Winter gerade die Auslagen eines Magiestandes, als die Verkäuferin sie ansprach.
„Verzeiht?“
Winter sah auf. Rote Robe. Kahlrasierter Schädel mit arkanen Tätowierungen. Eine Rote Magierin von Tay. Verdammte Halsabschneider! Gerade noch erhaschte sie einen Blick auf ein blaues Leuchten, das sich aus den Augen der Magierin verflüchtigte. Offenbar teilte sie ihre Kundschaft anhand ihrer Besitztümer in Gehaltsstufen ein und ihr einladendes Lächeln verriet, dass sie gerade einen besonders dicken Fisch am Haken glaubte. Eilfertig wob sie einen kleinen Zauber, der über der sichtbaren Marktauslage eine Auswahl an mächtigeren Gegenständen erscheinen ließ.
„Euer Geschmack scheint mir ein wenig exquisiter als der des gelegentlichen Magieanwenders“, flüsterte die Magierin mit einem verschwörerischen Augenzwinkern.
Winter wollte gerade zu einer ablehnenden Erwiderung ansetzen, als ihr Blick auf ein magisches Buch in einem violetten Samteinband fiel. Als sie die Hand danach ausstreckte, schlug ihr ein verheißungsvolles Knistern mächtiger Magie entgegen.
„Ah, eine gute Wahl! Wenn mich meine Intuition nicht täuscht, dann seid Ihr eine wilde Magierin, eine Hexenmeisterin, wie man allgemeinhin sagt, nicht wahr? In diesem Fall wird dieser Leitfaden Euch zu ungeahnten Einsichten in das Wesen der Magie verhelfen!“
Winter leckte sich über den Gaumen. Plötzlich war ihr Mund ganz trocken. Sie hatte von solchen Büchern gehört! Sie waren sehr selten, weil es nur eine Hand voll Magiern gab, die fähig waren, sie herzustellen. Sie räusperte sich.
„Wie viel?“, fragte sie so desinteressiert wie möglich.
Dennoch blieb ihr bei dem Preis, den die Tayanerin ihr nannte, die Spucke weg.
„Lasst mich darüber nachdenken.“
Nicht, dass sie einen solchen Betrag in letzter Zeit auch nur zu Gesicht bekommen hätte! Doch sie kannte da jemanden, der sich ein kleines Vermögen erschlichen hatte… Sie fand Tigil bei den Anlegestellen, wo Faust und Brutus soeben eingetroffen waren. Mit viel rührseligem Gejammer über die Zeiten, da man hochrangige Helden noch mit barem Geld entlohnt hatte, und zahlreichen Verweisen auf ihre gemeinsame Zeit in Hlondeth trug sie dem Halbling ihr Anliegen vor. Tigil ließ seine ehemalige Gildenherrin ein wenig zappeln, indem er sie mit dezenter Süffisanz darauf hinwies, dass sie ihn bei ihrem letzten Treffen noch als Galionsfigur am Bug ihres Schiffes hatte aufknüpfen wollen. Doch schließlich hakte er sich versöhnlich bei ihr ein und tätschelte gönnerhaft ihren Arm.
„Meister Tigil macht alles möglich!“, sagte er großspurig. „Für zehn Prozent Zinsen, zahlbar innerhalb eines Jahres, plus der Überschreibung deines Hausbootes an mich, bekommst du die Moneten sofort bar auf die Hand… äh, das heißt, sobald Brutus bei meinem Schatzmeister war. Ein wahres Freundschaftsangebot! Darf man fragen, was du mit der Kohle zu erwerben gedenkst?“
„Och, nur so ein Buch…“
„Ein Buch?!?“ Tigil fiel aus allen Wolken. „150.000 Kröten für ein Buch? Ich glaube, mir wird schlecht.“
Der Halbling war tatsächlich ein wenig grün um die Nase geworden. Vergnügt zog Winter ihn weiter und bot an, ihm auf den Schrecken in Zephyrs Rast einen Zwergenschnaps auszugeben. Gemeinsam steuerten sie das Gasthaus an. Tigil hatte nicht zu viel versprochen: Die elfische Taverne wartete mit dem ungewöhnlichsten Schankraum auf, den Winter je zu Gesicht bekommen hatte. Der fensterlose Saal mutete wie eine Tropfsteinhöhle an. In den feuchten, glitzernden Wänden spiegelte sich das magische Lichtermeer, das sich über die Tische auf der Galerie ergoss, an denen menschliche Händler und anderes Landvolk speiste. Noch bemerkenswerter jedoch war der Großraum: Pfützen auf dem Boden erinnerten daran, dass dieser Teil der Taverne bei Flut überspült war. In kreisrunden Becken, die randvoll mit Wasser gefüllt waren, das brodelnde Blasen warf, saßen Seeelfen bei Speis und Trank beisammen. Die ersten Seeelfen, die Winter hier in Myth Nantor zu Gesicht bekam!  
„Warum lassen die sich bei lebendigem Leib kochen?“, fragte Faust verständnislos.
„Das Wasser in den Sprudelbecken ist nicht so heiß wie es aussieht“, dozierte Tigil weltmännisch. „Die magischen Blasen verursachen ein angenehmes Kribbeln. Bei den Spitzohren haben diese Dinger Tradition.“
„Ich glaube, ich mag diese Seeelfen“, grinste Faust und schlenderte neugierig auf eine der sprudelnden Sitzecken zu.
„Ohne mich“, brumme Grimwardt. „Ich schwör‘ meinem Gott ab, ehe ich mich in eine Wasserschüssel setze, die mich am Hintern kitzelt!“
Tigil pflichtete dem Kriegspriester bei und Miu weigerte sich wie meistens etwas zu tun, das ihr womöglich Spaß bereiten konnte. So war Winter die einzige, die Faust in den elfischen Teil der Taverne folgte. Als sie ihn in dem Gedrängel fand, das zu dieser Mittagsstunde in Zephyrs Rast herrschte, lehnte er bereit mit geschlossenen Augen und seligem Gesichtsausdruck in einem der Becken und ließ sich von den sprudelnden Bläschen berauschen. Weniger berauscht waren die drei Seeelfen, die seinetwegen gezwungen waren enger zusammenzurücken. Die beiden Krieger packten nach einem raschen Augenwechsel ihre Speere und verließen empört die Sitzecke. Die Druidin dagegen betrachtete ihr Gegenüber mit einer Mischung aus Befremdung und Neugier. Ihre Haut war blass und durchscheinend, jedoch so reich an feingestochenen Tätowierungen, dass sie blau wirkte. Beim Sprechen vibrierten die beiden breiten Schlitze, die sich schräg über ihre Kehle zogen – ihre Kiemen. Die großen Augen der Seeelfe waren von einem tiefen, glanzlosen Blauschwarz, ebenso wie ihr dichtes Haar, das ihr in schmal geflochtenen Zöpfen über die unbekleidete Brust fiel. Und zwischen ihren langen, schmalen Fingern spannten sich Schwimmhäute.  
„Dann ist es also wahr, was man sich über die Menschen erzählt?“ Ihre Stimme war dunkel und rau und sie sprach akzentfrei, doch mit einer ungewöhnlichen Melodie. „Ihr besitzt weder Anstand noch Manieren.“
Ihre Augen waren voller Ernsthaftigkeit auf Faust gerichtet und nur ein feiner Zug um die Mundwinkel wies auf den Hauch von Ironie hin, der in ihren Worten mitklang.
„Nö, ich wollte nur die Spreu vom Weizen trennen“, erwiderte Faust augenzwinkernd und wohlwissend, dass sie die landwirtschaftliche Metapher nicht verstehen würde. Sie runzelte leicht die Stirn, ergriff jedoch zögernd seine Hand, als er sie ihr zur Begrüßung reichte. Nun wagte auch Winter, sich zu den beiden in die Sitznische zu gesellen. Ein wenig verlegen tauchte sie in voller Abenteurermontur in das Sprudelbecken. Das massierende Rütteln der warmen Strömungen, die das Wasser zum Sprudeln brachten, war ein wenig gewöhnungsbedürftig und nicht eben appetitanregend, fand Winter. Aber fraglos war es in anderer Hinsicht anregend…  
Faust begann mit einigen unverfänglichen Themen zur seeelfischen Kultur und ließ sich von der Elfe in kulinarischen Fragen beraten. Sie hieß Yluné und war in Begleitung eines Trupps von Aluendár-Kriegern in der Stadt, die gegen einen feindlichen Sahuagin-Stamm ins Feld zogen. Schließlich wagte Winter, sie nach der geheimnisvollen Insel in der Nähe der Haibannmauer zu fragen.
„Es gibt dort keine Inseln“, erklärte Yluné. „Der östliche Ozean ist sehr tief. Aber ich habe Aluendár-Krieger, die an der Haibannmauer stationiert waren, von einem geheimnisvollen Flecken Land sprechen hören. Eine Insel, die nur bei Vollmond erscheint. Wir nennen sie darum tol-silvéin, die Vollmondinsel.“
Das klang nach dem perfekten Versteck für einen Piratenschatz! Und es erklärte, warum Winters Zauber die Insel nicht gefunden hatte.
„Gibt es auf der Insel eine Stadt namens Nhalloth?“
„Das weiß ich nicht. Davon erzählen die Sagen der Aluendár nichts. Eine elfische Stadt kann es nicht sein. Das Wort klingt eigenartig auf meiner Zunge.“
„Wie lange ist es hin bis zum nächsten Vollmond?“
Die Druidin rechnete stumm nach und erwiderte dann: „Einundzwanzig Tage, den heutigen nicht mitgerechnet.“
Genug Zeit, um dem Geheimnis der Schatzkarten auf die Schliche zu kommen…  

Faust
Sieben Tage später, nördliches Grenzgebiet der Alu‘Tel’Quessir.
Geduldig wartete Faust, bis Yluné die rituelle Zeichnung, die seine rechte Gesichtshälfte bedeckte, mit einem Schutzzauber überzogen hatte, der verhindern sollte, dass der Ozean die elfischen Symbole sogleich wieder hinfort wusch. Ein letztes Mal betrachtete die Druidin kritisch ihr Werk, dann erklärte sie feierlich: „Nun bist du ein Sha’Quessir, ein Freund meines Volkes.“
Anerkennend klopften die Aluendár-Krieger, die für das Initiationsritual mit ihnen an Land gekommen waren, dem frischgebackenen Elfenfreund auf die Schulter. Faust hatte geglaubt, dass es eine Erleichterung sein würde, nach vier Tagen unter dem Meer endlich wieder die Sonne zu Gesicht bekommen, doch das Gegenteil war der Fall. Seine Augen brannten und tränten ohne Unterlass nach der langen Zeit im Dunkeln und seine aufgequollene Haut begann trotz Ylunés Schutzzaubern an einigen Stellen zu nässen. Doch das war es wert gewesen!
Sie hatten es nicht besonders eilig gehabt, mehr über Nhalloth und den Illithidenkapitän herauszufinden. Schließlich blieb ihnen bis zum nächsten Vollmond noch genug Zeit. Die Gefährten waren also fürs erste in Myth Nantor geblieben. Winter hatte sich in das Buch vertieft, das sie auf Pump gekauft hatte. Indessen hatte Tigil Grimwardt unter seine Fittische genommen, um ihn mit etwas vertraut zu machen, das er Kontoführung nannte, und mit dem es dem Priester angeblich möglich sei, „die Effizienz der Abtei zu steigern“, wie es Meister Kürbiskopf zu nennen pflegte. Was auch immer das bedeuten mochte, Grimwardt schien tatsächlich einen Narren an Tigils Kaufmannssülze gefunden zu haben. Und Miu war ganz verzaubert von der mysteriösen Schönheit der Korallenstadt. Faust dagegen drohte vor Langeweile zugrunde zu gehen. Am Tag nach ihrem Treffen in Zephyrs Rast hatte er Yluné wiedergetroffen und sie hatte ihn in die geheimnisvolle Unterstadt entführt. Als sie mit ihrem Kriegertrupp nach drei Tagen abreisen musste, hatte er sich kurzentschlossen Winters magisches Amulett des Wasseratmens geborgt und war ihnen in die Tiefen des Seeelfenreiches gefolgt.
Die Aluendár waren ausgesandt worden, einen Trupp Sahuagin-Räuber zur Strecke zu bringen, die im Grenzgebiet einige Seeelfen-Dörfer überfallen hatten. Der Krieg zwischen Seeelfen und Sahuagin währte seit Jahrtausenden. Frieden, hatte Yluné Faust erklärt, konnte es zwischen ihren Völkern nicht geben, dazu reichten die Wurzeln ihrer Fehde zu tief. Sie hatte ihm von den grausamen Opferriten des Fischvolks erzählt. Für ihre blutdürstenden Götter opferten ihre Priester nicht nur elfische Sklaven, sondern sogar Mitglieder ihrer eigenen Gemeinschaft. Doch Faust hatte die Aluendár Rache für die verwüsteten Dörfer nehmen sehen und in Sachen Grausamkeit standen sie ihren Erzfeinden in nichts nach. Im Lager der Räuber hatte der Trupp befruchtete Eier gefunden. Die Elfen hatten die ungeborenen Kinder der Sahuagin ohne Vorbehalte zertrümmert. Ein einziges Frischgeschlüpftes hatten sie verschont und in ein nahgelegenes Elfendorf gebracht. Yluné hatte erklärt, dass ein Fluch auf den Sahuagin lastete, der ihre Kinder nicht nur die Kultur sondern auch die Gestalt des Feindes annehmen ließe, wenn sie unter seinesgleichen aufwuchsen. Im Geheimen hatte Faust gedacht, dass die Sahuagin somit allen Grund hatten, die Elfen zu verteufeln. Doch es lag ihm fern, irgendeine Seite zu verurteilen. Er hatte gerade erst begonnen, die fremde Welt der Meere zu entdecken. Die Moral der Oberwelt schien auf diese Welt mit ihrer erstaunlichen Schönheit und ihrer unbarmherzigen Grausamkeit einfach nicht zu passen… Außerdem hatte er das Gemetzel, das ihm den Respekt der Elfenkrieger eingebracht hatte, viel zu sehr genossen!
„Sie sagen, für einen N’Tel’Quessir hast du dich ganz gut geschlagen“, übersetzte ihm Yluné die scherzhaften Sticheleien ihrer Aluendár-Begleiter. Ihr Elfisch hatte sich durch das Leben in der Tiefe so sehr von der Sprache der Landelfen entfernt, dass Faust sie nur verstand, wenn sie langsam sprachen.
„Für einen Menschen? Pah!“, ging Faust auf ihr Spiel ein. „Also hört mal, ich habe einen Jahrtausende alten Vampir-Drachen besiegt! Ich war gegen Hadhrune von Umbra siegreich und habe einen dämonischen Halbgott bezwungen und Drizzt Do’Urden hätte ich beinahe das Handwerk gelegt! Eine Handvoll Fischmenschen ist nun wirklich keine Herausforderung für mich!“
Yluné gab seine Antwort an die anderen weiter und es erhob sich ein kleiner Disput. Die Augen des Anführers blitzten herausfordernd.  
„Sie finden, du hast kein Recht, so zu reden“, erklärte Yluné schmunzelnd. „Deine Erfolge in der ravan-Welt zählen hier nicht. Efendiel meint, dort oben magst du ein Held sein, aber hier unten könntest du mit deiner Kampfkunst nicht bestehen. Er sagt, ein richtiger Krieger braucht keine Magie, um zu kämpfen.“
Faust erhob sich und breitete kampflustig die Arme aus.
„Herausforderung angenommen. Gegen wen soll ich kämpfen?“
 Aufgeregtes Gemurmel.
Schließlich erklärte die Druidin: „Es gibt eine Tiefsee-Grotte nicht weit von hier. Dort lebt alta’even, die Riesenkrabbe. Jungkrieger müssen mindestens solange im Kampf mit ihr bestehen, wie ihr Trupp braucht, um die Grotte einmal im Tauchgang zu umrunden, bevor sie in die Reihen der Aluendár aufgenommen werden. Wenn du sie besiegst, sagt Efrendiel, sollst du auch in unserer Welt ein Held sein.“
Efrendiel zwinkerte ihm schelmisch zu.
„Na dann, lasst uns Krabbensalat machen!“
Die Krieger packten ihr Hab und Gut und liefen in die Wellen. Wenig später waren sie wieder von der Düsternis und Stille des Ozeans umgeben. Faust hatte Mühe, den wendigen Elfen durch das kühle Nass zu folgen, und er wurde das Gefühl nicht los, dass sie ihre Tauchgeschwindigkeit seinetwegen drosselten. Doch wenn es um die Kampfkunst ging, war er ohne Zweifel, dass er es mühelos mit jedem von ihnen aufnehmen konnte – selbst in den Tiefen des Meeres. Sie mochten hervorragende Speerkämpfer und kluge Netzstrategen sein, doch Faust wusste, dass er inzwischen jedes Maß übertraf. Er würde ihnen eine Schau liefern, von denen sie noch ihren Enkeln erzählen würden!
Die Elfen begleiteten ihn bis zum Eingang der Grotte. Mit einem Handzeichen gab Yluné ihm zu verstehen, dass sie in seiner Nähe bleiben würden. Dann tauchte er allein in die Grotte. Die lichtlose Umgebung schluckte seinen Lichtzauber und schränkte sein Blickfeld auf eine halbe Armlänge ein. Lautlos glitt er durch die Finsternis. Nach einer Weile spürte er felsigen Untergrund unter seinen Füßen. Vorsichtig kletterte er den Fels entlang, höher und höher, bis er gegen eine glatte Wand stieß. Hier ging es nicht mehr weiter. Hatte er bereits das Ende der Grotte erreicht? Wenn er nur mehr sehen könnte. Ratlos tastete er sich an der Wand entlang… als diese sich plötzlich bewegte. Etwas entriss die Felsspalte, an der er sich gerade noch entlang gehangelt hatte, seinem Griff. Hastig stieß er sich ab und trieb im aufgewühlten Wasser. Plötzlich drang ein helles gelbes Licht aus der Spalte. Der Riss wurde immer größer und das Licht drängte die Felswand in die Höhe, bis… eine Pupille! Mitten im Fels öffnete sich ein türgroßes, glühend gelbes Auge! Er hatte die Riesenkrabbe gefunden und der Name war maßlos untertrieben! Das Vieh war nicht in der Grotte, es war die Grotte! Plötzlich nahm diese Mutprobe völlig neue Maßstäbe an! Die Aufregung pochte wild in seinen Adern.
Faust bildete eine Linie mit seinem Schwert, als er tauchend auf das Monstrum zu stob. Das Ungeheuer hatte nicht einmal Zeit sein zweites Auge zu öffnen, da sprengte Fausts wirbelndes Schwertgewitter bereits die gelbe Regenbogenhaut. Durch schwabblige Gewebeschichten metzelte er sich einen Weg zum winzigen Gehirn der monströsen Krabbe und der Krabbensalat war serviert, ehe das Ungeheuer auch nur eine seiner tonnenschweren Scheren erhoben hatte.
Verdammt, das ging schneller als erwartet!
Triumphierend, mit einem Hauch von Enttäuschung, ließ er sich zu Boden gleiten. Von diesem Kampf hatte er sich mehr erhofft. Er spürte die Elfen, ohne sie zu sehen. Als sein Lichtzauber sie erfasste, erkannte er, dass sie sich im Halbkreis um ihn geschart hatten. Völlig lautlos waren sie ihm nachgetaucht, um dem Schauspiel beizuwohnen.
Mehr habt ihr nicht zu bieten?, sagte sein Blick, als er sich grinsend an Efrendiel wandte. Doch das Grinsen verging ihm schnell. Die Miene des Aluendar-Anführers war wie versteinert, seine Augen geweitet, sein Kiefer angespannt und seine Kiemen bebten. Ohne ein Wort hob er die Hand und gab seinen Kriegern den Befehl zum Aufbruch. Als Faust Anstalten machte ihnen zu folgen, wies er ihn mit einer schneidenden Geste zurück. Fassungslos sah Faust zu, wie sie flink wie Aale davon glitten. Nur die Druidin Yluné blieb zurück. Ihre blauschwarzen Elfenaugen waren traurig und ernst.
Ich bringe dich zurück an die Oberfläche, sagte sie mit einer Handbewegung. Schweigend folgte Faust ihrer Führung.
„Scheiße, Yluné, was war da unten denn los?!“, platzte es aus ihm heraus, kaum dass er wieder Luft atmete. „Ich habe die Krabbe besiegt und die Wette gewonnen! Seid ihr so schlechte Verlierer?“
„Du solltest sie besiegen, nicht töten“, sagte die Druidin leise. „Sie ist ein Kind des Ozeans, wie wir.“
„Ach, und was ist mit den Sahuagin? Sind das keine Kinder des Ozeans!“ Verfluchte Elfen! Kaum glaubte man sie zu verstehen, stießen sie einen vor den Kopf!
„Und da war die… die Art, wie du sie getötet hast.“
„Was soll das denn heißen?“
„Das war nicht normal. Kein Mensch kämpft so.“
„Sondern?“
Yluné zögerte.
„Na los, sprich es aus!“
„Teufel und Dämonen kämpfen so.“
Faust lachte bitter auf.

Grimwardt
Vier Tage später, Rabenklippe.
Dezentes Schlürfen und Löffelklappern waren die einzigen Geräusche bei Tisch. Unter seiner Rüstung spürte Grimwardt wie ihm Schweißperlen den Rücken hinab rannen, während er versuchte sich beim Essen so wenig wie möglich zu bewegen, um nicht durch lautes Klappern und Scheppern unangenehm aufzufallen. So angespannt hatte er sich zum letzten Mal als Knabe kurz vor der Weihprüfung gefühlt! Und sie waren noch nicht mal beim zweiten Gang angelangt! Beim Feuerschild, wie hatte er sich nur zu einem Abendessen bei Familie MacLancastor überreden lassen können? Lady Helena hatte die Vorspeise damit verbracht, mit forschem Blick zwischen Faust und seiner „Gattin“ hin und her zu blicken. Da sie auf keine ihrer Fragen mehr als ein verlegen Lächeln von Mius Seite und ein unflätiges Schnauben von Fausts Seite geerntet hatte, war sie schließlich zu unverfänglicheren Themen übergegangen. Auf ihre liebenswürdig-süffisante Frage, weshalb Faust aussehe wie ein angemalter Sune-Tempel, hatte ihr Sohn ihr in allen blutigen Einzelheiten von seinen Erlebnissen bei den Seeelfen berichtet. „Krabbensalat“ war dabei das einzige Wort gewesen, das auch nur halbwegs tischtauglich war. Auch die Nachricht, dass Claire es sehr „bedauere“, (Faust hätte sich wenigstens das schadenfrohe Grinsen sparen können!) dass ihre Arbeit auf der Eggenstolz sie von einem Besuch abhielt, hatte die Stimmung bei Tisch nicht eben ge